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Land und Leute

Monographien zur Erdkunde

Land und Leute

Monographien zur Erdkunde

In Verbindung mit hervorragenden Fachgelehrten

herausgegeben von

A. Scobel


XVI.

Dresden und die Sächsische Schweiz


Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
1903

Dresden
und die
Sächsische Schweiz

Von

Prof. Dr. Sophus Ruge


Mit 148 Abbildungen nach photographischen Aufnahmen,
zwei Skizzen und einer farbigen Karte.

Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
1903

Alle Rechte vorbehalten.

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.


Inhalt.

Seite
I. Einleitung [3]
II. Das Talbecken von Dresden [5]
III. Die Bevölkerung [22]
IV. Die Städte [30]
V. Die Sächsische Schweiz. Allgemeines [61]
VI. Das Wasser in der Sächsischen Schweiz [76]
VII. Klüfte und Verwitterung [98]
VIII. Die Steine und Felsenhöhen [114]
IX. Volksverteilung und Städte [134]
X. Die ländliche Bevölkerung [160]
Literatur [169]
Verzeichnis der Abbildungen [170]
Register [172]
[Karte der Sächsischen Schweiz.]

Abb. 1. Der Liebethaler Grund. Lochmühle.
Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu [Seite 85].)

[❏
GRÖSSERES BILD]

Abb. 2. Dresden, von der Marienbrücke gesehen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden.

I.
Einleitung.

Aus der altgermanischen Sagenzeit klingt eine Kunde zu uns herüber, daß die Schwanenjungfrauen nach Süden über den unermeßlichen Dunkelwald geflogen seien. Dieser Dunkelwald wird in der alten Sprache Miriquido oder Miriquidi genannt, ja ein Chronist des Mittelalters braucht diese Bezeichnung einmal in einer so auffälligen Verbindung, daß man daraus den etwas voreiligen Schluß gezogen hat, im Mittelalter habe das Erzgebirge den Namen Miriquido gehabt. So viel Wahres liegt indes doch in diesem Schlusse, daß die unbewohnten und unzugänglichen Wälder des Erzgebirges mit zu dem tagereisenbreiten Grenzwalde gehörten, der die nördlich wohnenden Germanen von den südlichen Kelten trennte. Den Namen dieses Grenzwaldes haben uns die alten Griechen, jedenfalls aus dem Munde der ihnen näher wohnenden Kelten, in der Form Arkynnen überliefert, der dann später bei den Römern als Hercynischer Wald bekannt war. Die neuere Erdkunde hat den Namen als Hercynisches Gebirgssystem festgehalten und versteht darunter alle jene von Südost nach Nordwest streichenden Bergwälder und Gebirge, die das norddeutsche Flachland im Süden begrenzen. Es werden darunter namentlich zwei langgestreckte Gebirgszüge verstanden, die in ziemlich gleicher Richtung streichen, aber sich doch gegen Nordwesten einander immer mehr nähern.

Der südliche beginnt mit dem Böhmerwalde an der mittleren Donau, setzt sich im Fichtelgebirge und dem Thüringer Wald fort und endigt mit den letzten niedrigen Ausläufern des Teutoburger Waldes an der oberen Ems. Der nördliche Zug begrenzt als Sudeten (Riesengebirge u. a.) und Lausitzer Gebirge den Nordosten Böhmens, ist weiterhin bis zum Harz unterbrochen und nur noch an einigen stehengebliebenen Kuppen wie der Kollmberg bei Oschatz und der Petersberg bei Halle zu erkennen, und endigt als Parallelzug des Teutoburger Waldes im Weser- und Wiehengebirge.

Böhmen, Sachsen, Thüringen und die Weserlandschaften liegen zwischen den beiden Hauptzügen; aber da diese sich gegen Nordwesten einander immer mehr nähern, werden die zwischen ihnen lagernden Landschaften nach Nordwesten immer kleiner. Sachsen bildet insofern eine Ausnahme, als es nicht, wie die übrigen genannten Länderstriche, auch auf der Nordseite von Waldgebirgen abgeschlossen ist, also offener und ungehindert in das norddeutsche Flachland übergeht. Dazu ist auch seine Abgrenzung vom südlichen Nachbarlande Böhmen durch den eigenartigen Querzug eines Gebirges, das von Südwesten nach Nordosten streicht und in der neuen Zeit Erzgebirge genannt ist, viel schärfer und bestimmter erfolgt, als sonst zwischen den übrigen Landschaften innerhalb der hercynischen Bergketten.

Die Landschaften an der Elbe im böhmischen Gebirgsringe.

Die Ursache liegt darin, daß von der fast nur aus Urgesteinen bestehenden mächtigen böhmischen Scholle, die das ganze Land Böhmen samt allen Grenzgebirgen und darüber hinaus auch einen großen Teil des heutigen Landes Sachsen umfaßte, an tiefgehenden Spalten der Erdrinde, die in der Richtung des Erzgebirges verliefen und am leichtesten an der Richtung des Egerlaufes zu erkennen sind, sich die nördlichen Teile der Scholle (in Sachsen) von der böhmischen Masse trennten und nun eine derartige Verschiebung der Erdschichten erfolgte, daß sich der nördliche Teil (im heutigen Erzgebirge) im Norden senkte und im Süden hob, so daß hier der Steilrand sich wie eine bedeutende Gebirgsabdachung zeigt, während sich nach Norden das Erzgebirge ganz allmählich gegen das Flachland verliert. Diese große Verwerfungsspalte, an der die zahlreichen warmen Quellen und Mineralbrunnen Nordböhmens hervorgetreten sind, und die durch die Verwerfung verursachte Neigung der Erdschichten nach Norden und Nordosten reicht ostwärts bis zur Elbe. Dagegen hat alles Land östlich dieses Stromes an der erzgebirgischen Bewegung nicht mehr teil genommen. Dieses Land gehört, wenn auch nicht in politischer Hinsicht, zum Lausitzer Granitgebiet, dessen Richtung, durch das hercynische System vorgeschrieben, von Nordwest nach Südost geht. Der Lauf der Elbe in Sachsen zeigt uns diese Richtung an und an ihrem rechten Ufer ist die Lausitzer Bergmasse schroff abgebrochen und zeigt, wenn auch in mäßigeren Verhältnissen als das Erzgebirge, gegen das Elbtal einen steilen Bergrand. Auch hier ist an einer Verwerfungsspalte das Land abgesunken und bildet ein Talbecken, in dessen Mitte Dresden liegt.

Hier haben wir nun jene in ihrer Größe bescheidenen, aber nach ihrem Naturcharakter doch wichtigen Landschaften vor uns, denen unsere eingehende Beschreibung gewidmet ist: die Sächsische Schweiz und das Dresdener Talbecken.

Abb. 3. Altes Landhaus bei der Bahnwiese. Oberlößnitz.
Liebhaberaufnahme von H. Engert in Dresden. (Zu [Seite 6].)

Eingebettet zwischen dem Erzgebirge und dem Lausitzer Gebiet, viel jüngerer Bildung als die gewaltigen Massen des Urgesteins zu beiden Seiten, bilden die Landschaften an der Elbe eine Lücke in dem böhmischen Gebirgsringe und in dem großen hercynischen Gebirgszuge; und durch diese Lücke hat auch die Elbe die beiden Nachbarländer in eine natürliche Verbindung gebracht und Böhmen nach Sachsen und weiter nach Norddeutschland geöffnet. Keilförmig erstreckt sich das Gebiet von Südost nach Nordwest in der angegebenen hercynischen Richtung und ähnelt dem ganzen Gebirgssystem um so mehr und gewährt in seinen horizontalen Umrissen insofern ein kleines, aber getreues Abbild des großen Ganzen, als sich der Keil nach Nordwesten verjüngt, und die östlichen und westlichen Grenzen, die durch den Fuß der Lausitz und des Erzgebirges gegeben sind, am nördlichen Abschluß des Talbeckens sich bereits bis auf 6 km einander nähern, während die Breite des Sandsteingebiets im Süden der Sächsischen Schweiz vielleicht 36 km betragen mag.

Das Gebiet zerfällt nach seiner jetzigen Gestaltung in das Talbecken von Dresden und in die Sächsische Schweiz, die wir nun eingehend betrachten wollen.

Abb. 4. Groß-Sedlitz bei Pirna. Schloßgarten.
Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu [Seite 7].)

II.
Das Talbecken von Dresden.

Das Talbecken von Dresden.

Das Talbecken von Dresden erstreckt sich auf beiden Seiten der Elbe von Pirna bis Meißen. Der Elblauf selbst hat in diesem Gelände eine Länge von 43 km, doch zieht der Strom nicht, wie in der viel größeren oberrheinischen Ebene, seine Stromrinne durch die Mitte des Talbodens, sondern bespült oberhalb Dresdens von Pillnitz bis Loschwitz den Steilrand des Lausitzer Granits, unterhalb Dresdens von Niederwartha bis Meißen den Fuß der Vorhöhen des Erzgebirges. Dadurch gewinnen die Tallandschaften und Stromansichten an malerischem Reiz und erhöhen die Schönheit der beständig wechselnden Szenerie. Die Höhen auf beiden Seiten des Talkessels, dessen Entstehung bis in die Tertiärzeit zurückreicht, überragen den Talboden um 100–150 m, zeigen aber einen durchaus verschiedenen landschaftlichen Charakter.

Da die Talebene sich nach Nordwest erstreckt, so kann man die Abhänge des Erzgebirges als die Schattenseite, den steileren Abfall des Lausitzer Granitplateaus als die Sonnenseite bezeichnen. Die ganze östliche Tallandschaft, vom Stromufer an bis auf die Höhen des Lausitzer Granits, ist vorherrschend von Talsanden und Heidesand bedeckt, welche sich für die Sonneneinstrahlung weit empfänglicher zeigen als der Lehmboden der linken Talseite. Daher gedeiht dort an den Gehängen der Wein und feineres Obst und zwar auf der ganzen Strecke von Pillnitz bis Meißen und hat dadurch auch frühzeitig die Anlage von einzelnen Weinbergsgütern, Villen und Landhäusern aller Art hervorgerufen ([Abb. 3]); während auf dem linken Ufer nur ausnahmsweise, an der Nordseite der ausmündenden Seitentäler, die vom Sonnenstrahl kräftig getroffen werden, Weinberge und -gärten angelegt werden konnten. Dagegen sind in dem flacheren Gelände auf dem rechten Elbufer oberhalb Dresdens nur im Tal, im Pillnitzer Tännicht, aber unterhalb Dresdens auch auf den Höhen weithin die unfruchtbaren Sandflächen mit Nadelholz, meist Kiefern, bestanden; links der Elbe ist dagegen das steilere Gehänge zum Strom und an den zahlreichen Nebenflüssen auf Lehmboden vorherrschend mit Laubwald bedeckt.

Abb. 5. Die Begerburg im Plauischen Grunde. (Zu [Seite 9].)

Gegen Süden endigt der Talkessel an den niedrigen Quadersandsteinmauern bei Pirna, wo die Elbe aus dem engen Felsental in die offene Elbaue eintritt. Im Norden bildet die aus Pläner bestehende Landschwelle, die von Meißen über Bohnitzsch und Gröbern nach Oberau zieht, den natürlichen Talabschluß, der von dem Eisenbahntunnel auf der Linie von Dresden nach Leipzig durchbrochen wird, während die Elbe unterhalb Meißen noch weithin bis nach Riesa sich durch den harten Granitboden ein enges Erosionstal geschaffen hat.

So ist also der Talkessel auf allen Seiten von Höhen begrenzt, ist ähnlich wie die oberrheinische Ebene während der Diluvialzeit durch Einbruch entstanden und bildet bei seiner niedrigen Lage, da der Elbspiegel in Dresden nur 105,5 m über der Ostsee liegt, den wärmsten Teil Sachsens. Es wird schon allein hieraus erklärlich, daß gerade dieser Landstrich zuerst Spuren menschlicher Besiedelung aufweist.

Aber nicht bloß das äußere Ansehen der Landschaften verdient Beachtung, sondern auch der wechselvolle Boden und seine Bodendecke, denn sie gerade wirken darauf bestimmend ein, daß die Umgebungen von Dresden durch ihren Wechsel so reizvoll werden und sich von jeder Höhe, sei es am rechten oder linken Elbufer, immer neue, unerwartete Landschaftsbilder dem entzückten Auge darbieten. Dieser Reichtum an prächtigen Spaziergängen und kürzeren Ausflügen wird von den Bewohnern Dresdens selbst noch viel zu wenig gewürdigt, und doch hat M. Christian Weiß schon vor länger als hundert Jahren auf diesen Reichtum an verschiedenen Landschaftsformen hingewiesen. „Man mag Gegenden benennen oder charakterisieren wie man will, so wird man gewiß jede Art derselben im Umkreise von zwei bis drei Stunden um Dresden finden.“ (I, 4.)

Die Westseite des Elbtales.

Wir betrachten zuerst die linke Talseite.

Von Pirna an elbabwärts streicht die Vorstufe des Erzgebirges, das Elbtalgebirge, ebenso wie auch das Lausitzer Tafelland in nordwestlicher Richtung, aber nicht wie das Erzgebirge nach Nordosten. Weil nicht mehr vorherrschend aus den für das Erzgebirge charakteristischen Gneisen, sondern aus jüngeren Schiefern bestehend, ist der den Elbstrom bis über Dresden hinaus begleitende vordere Höhenzug als Elbtalgebirge bezeichnet. Für unsere Zwecke reicht es aus, diese 6–8 km breite Abdachung des Erzgebirges als ein von der Hauptmasse in seinen Bestandteilen abweichendes Berggelände zu bezeichnen. Wo das Gebirge mit steiler Böschung ziemlich nahe an den Elbstrom herantritt, liegen auf der Höhe die Dörfer Klein- und Groß-Sedlitz; jenes hart an den Höhenrand vorgeschoben, so daß man von den vorderen Landhäusern eine entzückende Aussicht ins Elbtal hat, dieses etwas zurückgelegen und sich an eine Bodenfalte anlehnend, die, sich nach Osten zum Elbtal senkend, sehr geschickt zur Anlegung eines ausgedehnten parkartigen Gartens im französischen Stil benutzt worden ist ([Abb. 4]). Jetzt ziemlich einsam oder „kaum gegrüßt, gemieden“, waren Schloß und Garten mit seinen verschnittenen Hecken und zugestutzten Baumwipfeln, mit seinen jetzt trockenen Wasserkünsten und seinen meist kunstlosen Statuen, unter denen die allegorischen Darstellungen der vier Erdteile vielleicht am merkwürdigsten sind, vor 200 Jahren der Lieblingsaufenthalt Augusts des Starken und der Schauplatz vieler Hoffeste.

Abb. 6. Schloß Scharfenberg bei Meißen.
Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu [Seite 10].)

Abb. 7. Dohna.
Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu [Seite 10].)

Höhen und Aussichtspunkte.

Das älteste Gestein des Elbtalgebirges besteht aus Schiefern der silurischen Formation. Jünger ist der Zug von Grauwacke, der sich vorherrschend zwischen der Gottleuba und dem Lockwitzbach ausbreitet, aber vielfach mit Rotliegendem und selbst gneisartigen Gesteinen abwechselt. Ein Felsrücken, der sich quer über die alte Straße hinzieht, die von Dohna südwärts übers Erzgebirge nach Teplitz führt, und der sich unter dem Namen Ziegenrücken südlich von dem altberühmten Gasthof „Zur kalten Ruhe“ bis zu 274 m Höhe erhebt, besteht aus Quarzit. Von seiner Höhe, die durch einen Denkstein bezeichnet ist, genießt man eine herrliche Aussicht ins Elbgelände hinunter und gegen die Sächsische Schweiz. Etwas höher ragt nordwestlich davon bei Burkhardtswalde der Kanitzberg hervor, 342 m hoch. Er bildet eine kleine Kuppe aus Kieselschiefer, die infolge ihres härteren Gesteins der Verwitterung widerstanden hat und ebenfalls eine treffliche Rundsicht bietet. Noch weiterhin nach Nordwesten bildet bei Witgendorf der Sandberg, 336 m hoch, eine kleine, aber auffällige Kuppe von Kieselschiefer. Die durch einen einsamen Baum kenntliche Höhe ist ebenfalls als Aussichtspunkt durch bescheidene Ruhebänke geziert. Jenseit des Lockwitzbaches bedecken jüngere Gesteine, Plänerkalk und Quadersandstein noch die vordere Stufe des Gebirges bis zu ihrer Höhenlinie und erstrecken sich über den Plauischen Grund am Weißeritzbache bis in die Gegend von Cossebaude. Bei Brießnitz tritt der Pläner sogar als niedere Felsenmauer bis unmittelbar an das Elbbett heran, so daß für die über Elsterwerda nach Berlin führende Eisenbahn nur mit Mühe der nötige Raum gewonnen werden konnte, ohne den gepflasterten Leinpfad, noch näher dem Wasser, zu beeinträchtigen. Überall wo in diesem Gebirge die Platten des Pläners mit Leichtigkeit gebrochen und verwendet werden konnten, sind sie zu kunstlosen Mauern zum Schutz der bäuerlichen Gehöfte und Obstgärten aufgeschichtet und bilden in den zahlreichen Dörfern dieses Landstriches eine charakteristische Erscheinung. Auf der Höhenlinie selbst, die zu gleicher Zeit mit der Grenze der jüngeren genannten Gesteinsarten zusammenfällt, liegen wiederum drei aussichtsreiche Höhenpunkte, an der Babisnauer Pappel, 334,5 m hoch, die Goldene Höhe, 345,5 m hoch, und die Prinzenhöhe, 329 m hoch, von denen die Höhe an der Pappel nur mit einem Aussichtsgerüst, die beiden letzteren mit Aussichtstürmen versehen sind. Obwohl in der Luftlinie kaum je 2 km voneinander entfernt, und scheinbar fast dieselbe Aussicht bietend, wird doch die mittlere, die Goldene Höhe, am meisten besucht und bietet wohl auch, sowohl nach der zu Füßen liegenden Residenz Sachsens als gegen die ferneren Felsenberge der Sächsischen Schweiz die berühmteste Aussicht. Dann aber bietet auch noch näher an Dresden der Hohe Stein oberhalb des Vorortes Plauen von einem Turme aus einen entzückenden Ausblick sowohl in den unmittelbar darunter liegenden Plauischen Grund und über die sich immer mächtiger ausdehnende Hauptstadt, die recht eigentlich den Mittelpunkt des ganzen Talgeländes bildet, als auch auf die hinter ihr sich allmählich erhebenden weiten Nadelwälder der Dresdener Heide, auf das oberhalb der Stadt sich erstreckende Weingelände mit seinen zahllosen Landhäusern von Loschwitz bis Pillnitz, und auf den zunächst gelegenen Teil der Oberlößnitz. Die Felsen des Plauischen Grundes bestehen aus Syenit, der hier die silurische Formation durchbrochen hat ([Abb. 5]); aber über ihm lagerte, auch am Hohen Steine, Plänerkalk. Der Hohe Stein selbst, auf dem der Aussichtsturm sich erhebt, und die nächste Umgebung bot ehemals eine reiche Fundgrube von Versteinerungen der Kreidezeit, in der Haifischzähne und Austerschalen durch massenhaftes Auftreten besonders ins Auge fielen. Der Syenit des darunter liegenden, ehemals durch seine landschaftliche Schönheit hochberühmten Plauischen Grundes schließt sich dann weiter nach Nordwesten an das Syenit- und Granitgebiet von Meißen an.

Abb. 8. Schloß Weesenstein.
Nach einem Aquarell von Adrian Zingg. (Zu [Seite 12].)

Nur eines kleinen Hügels auf der untersten Stufe des Gebirges, oberhalb Dresdens, muß noch gedacht werden, nämlich des Gamighügels bei dem Dorfe Torna, weil er eine geologische Merkwürdigkeit bietet. Er besteht oder bestand nämlich aus Lausitzer Granit, wird aber bald ganz verschwunden sein, weil er, bequem in der Nähe eines öffentlichen Weges gelegen, als Steinbruch ausgebeutet wird. Das Meißener Syenit- und Gneisgebiet tritt bereits an der Linie von Dresden westwärts nach Wilsdruff auf und reicht mit dem sich im Nordwesten anschließenden Granit bis an das Triebischtal und bis nach Meißen. Das Pläner- und Syenitgebiet verhalten sich in ihrer Abdachung gegen das Elbtal durchaus verschieden. Der leicht verwitternde Pläner- und Sandsteinboden schafft sanfte Abhänge, über die vom Gebirge im Süden, oder von dem Hochlande im Westen ohne Schwierigkeit bequeme Straßenzüge ins Tal in gerader Linie auf Dresden zu angelegt werden konnten, wodurch die Zugänglichkeit Dresdens von dieser Seite her wesentlich erhöht wurde.

Der westliche Höhenrand zwischen Dresden und Meißen.

Anders im Syenit- und Gneisgebiet. Hier treten die Fels- und Berghöhen von Cossebaude an sofort mit schroffem Absturz gegen die schmale Elbaue und den Strom vor, doch ist zwischen Cossebaude und Gauernitz eine sanfter geneigte Plänerstufe angelagert, die aber den obern Steilrand nicht erreicht. Die steilen Abhänge sind mit Laubwald bedeckt. Von den Höhen blicken die alten Schlösser Scharfenberg ([Abb. 6]) und Siebeneichen in den Strom hinab. Diese Höhen bildeten weithin beim Vordringen der Deutschen im Mittelalter eine vortreffliche Verteidigungslinie und waren mit den ersten deutschen Wallburgen besetzt, allen voran zuerst Meißen. Aber die Gehänge sind auch so steil, daß kein Straßenzug vom Westen her die Stromebene erreichen kann; die Straße von Wilsdruff nach Meißen läuft immer über die Höhen, bis sie sich in steilen Windungen ins Triebischtal niedersenkt. Die Dresden zunächst gelegenen Höhen in der Umgebung von Cossebaude sind, nachdem die Eisenbahn das Gebiet von der Hauptstadt her bequemer zugänglich gemacht hat, in neuerer Zeit in beliebte, vielbesuchte Aussichtspunkte umgewandelt worden, so die Alberthöhe, Liebenecke (Gneis), Osterberg und Parkschenke.

Nur an einer Stelle in diesem Gebiete, nämlich bereits im nördlichsten Granitgebiet bei Scharfenberg, wird Bergbau getrieben, und zwar seit 1525. Die Hauptblüte liegt allerdings schon um einige Jahrhunderte zurück und fällt ins siebzehnte Jahrhundert; aber es wird auch jetzt noch gearbeitet. Man förderte Bleiglanz, Zinkblende und Fahlerz (Silber). Der Ertrag belief sich 1887 auf 175000 Mark. Dieser bergmännischen Tätigkeit verdanken die nahe beim Schlosse Scharfenberg gelegenen Orte Gruben und Bergwerk Entstehung und Namen.

In der Eiszeit dehnten sich die skandinavischen Gletscherströme über alle Höhen rechts und links der Elbe aus und drangen sogar bis in den unteren nördlichen Teil der Sächsischen Schweiz vor. Überall wo man ihre Spuren hat nachweisen können, sind nordische Kiese mit den eingeschlossenen Geröllen nach ihrem skandinavischen Ursprunge erkannt. Bis zu einer Höhe von 295 m ü. M. sind sie bei Burkhardtswalde gefunden und ebenso bei dem noch südlicher gelegenen Dorfe Nenntmannsdorf. Geschiebelehm, als Reste der alten Grundmoränen, deckt auch auf beiden Seiten des Plauischen Grundes die Höhen von Döltzschen und Koschütz. Bedeutende Lehmlager am Fuß der Vorhöhen, namentlich südöstlich von Dresden, werden zum Zweck des Ziegelbrennens erfolgreich ausgebeutet, tragen aber sowohl durch ihre baulichen Anlagen als durch die zahlreichen hohen Essen zur Verminderung der landschaftlichen Schönheit nicht unwesentlich bei. Weiter nordwärts gegen Meißen und noch weit über Meißen hinaus deckt die Höhen vielfach fruchtbarer Löß. Daher findet man mit Ausnahme der steilen Böschungen an den engen und vielfach gewundenen Seitentälern überall Feldbau und prangen namentlich die milderen Gehänge gegen den Talkessel hin im Frühjahr im schimmernden Schmuck der Obstblüte, welche den Großstädter mehr als sonst hinauslockt, namentlich elbabwärts, in den Zschonergrund, nach Cossebaude, ja sogar bis Meißen.

Aber auch das Gebiet westlich von dem Triebischtal und unterhalb Meißen müssen wir noch in unsere Betrachtung hineinziehen, weil es für die Stellung Meißens und seine geschichtliche Entwickelung wichtig ist. Hier treten nämlich Porphyre und Pechstein auf. Besonders wichtig sind die schwarzen, grünen und roten Pechsteine. Durch Verwitterung verliert dieses Mineral seine Farbe, bleicht völlig aus und bildet schließlich eine weiße Porzellanerde, die in neuerer Zeit immer mehr für die Porzellanindustrie verwendet wird. Weiterhin gegen Nordwesten deckt die immer niedriger werdenden Hochflächen ein lichtgrauer, bis zu 15 m mächtiger, höchst fruchtbarer Löß, der über die durch ihre besondere Fruchtbarkeit weithin bekannte Lommatzscher Pflege hinausreicht. Zahlreiche aber nur kleine Dörfer, aus wenigen aber stattlichen und behäbigen Gehöften bestehend, sind dicht über das ganze Land verstreut.

Abb. 9. Weesenstein, vom Belvedere aus.
Nach einer Aufnahme von F. & O. Brockmanns Nachf. R. Tamme in Dresden. (Zu [Seite 12].)

[❏
GRÖSSERES BILD]

Die westlichen Täler und Elbzuflüsse.

Die vom Erzgebirge herabkommenden, meist wasserreichen Bäche haben tiefe und enge Erosionstäler in den harten Boden eingegraben, an denen vielfach Felsenhöhen zu Tage treten. Dahin gehört das romantische Müglitztal, dessen Ausgang zum Talkessel der Elbe die alte Feste von Dohna ([Abb. 7]) bewachte, während zu gleicher Zeit in längst vergangenen Tagen von hier aus der einzige gangbare Verkehrsweg über das Gebirge, aber nicht durchs Müglitztal, wie man wohl gemeint hat, nach Böhmen führte. Den Glanzpunkt des Müglitztales bildet das malerische Felsenschloß Weesenstein ([Abb. 8] u. [9]), das sich auf und an einem frei aus dem Tale aufsteigenden und vom Bache umflossenen Felsen erhebt und von einem hochragenden Turm beherrscht wird. Die Verteilung der Wohn- und Wirtschaftsräume des der königlichen Familie gehörigen Schlosses, das in die Felsmasse eindringt und an derselben klebt, ist sehr merkwürdig; es wird daher viel von Fremden besucht, um so mehr, als ein herrlicher Park von hohen Laubbäumen den Felsenbau im Tale umgibt und das Tal selbst ober- und unterhalb reich an prächtigen, schattigen Spazierwegen ist.

Auf das Müglitztal folgt dann das liebliche Tal des Lockwitzbaches, dessen anmutigster Teil bei dem ehemals viel mehr besuchten, in neuerer Zeit vernachlässigten Bade Kreischa liegt. Soweit der Pläner reicht, haben die kleineren Zuflüsse der Elbe nur wenig eingeschnittene Täler mit sanfterem Gehänge, so daß mehrfach das Ackerland sich bis auf den Talboden hinunterzieht. Eine Ausnahme bildet nur das untere Tal des längsten Zuflusses von der linken Seite, der Weißeritz, das zwischen Potschappel und Plauen in Syenit eingeschnitten ist und in der Hauptrichtung von Westen nach Osten ziehend, als Plauischer Grund noch bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wegen seiner idyllischen und romantischen Szenerie nicht bloß von den Bewohnern der nahen Hauptstadt gern und oft besucht wurde, sondern auch, und damals wohl mit Recht, von allen Fremden, die durch die Kunstschätze Dresdens angelockt worden waren, aufgesucht wurde, schon weil man seine Schönheiten über alles pries, und selbst die grotesken Täler und wilden Gründe der damals erst bekannt werdenden Sächsischen Schweiz nicht daneben wollte gelten lassen. Seitdem aber die Eisenbahn nach Freiberg, Chemnitz und weiter hinaus nach Bayern den idyllischen Grund durchzieht, mancherlei Fabrikanlagen mit rauchenden Schloten die ehemals unter hohen Baumgruppen versteckten oder an rauschenden Wehren gelegenen einsamen Mühlen verdrängt haben und eine sehr belebte Landstraße im Grunde hin nach den Kohlengruben am Windberge und bei Zaukerode führt und die weitere Umgebung von Potschappel zu den dichtest bewohnten Gebieten von Sachsen gehört, ist der Reiz, den sonst die Einsamkeit des von Felsen umstarrten Grundes und die ländliche Ruhe gewährte, längst verwischt, so daß heutzutage der Grund von den Lustwandelnden eher gemieden als gesucht wird.

Die übrigen Täler bis nach Meißen sind bis zur Triebisch sämtlich nur kurz, sind tief in den Syenit eingeschnitten, mit buschigen und waldigen Gehängen, einsam, fast wegelos, ohne Ortschaften und werden nur gelegentlich von Freunden einer stillen Natur aufgesucht, die ganz abseits vom Weltgetriebe liegt. Anders und bedeutender ist das Triebischtal geartet, das aus dem Tharandter Walde, wo die Quellen liegen, nach Norden sich erstreckt und bei Meißen in die Elbe mündet. Der obere Teil gehört dem Porphyrgebiet, der mittlere der Grauwacke, der untere dem Syenit, Porphyr, Pechstein und Granit in raschem Wechsel an. Wechsel der Bodenarten bedingt auch einen Wechsel der landschaftlichen Ansichten. Und wenn auch das Triebischtal wie alle übrigen ein Erosionstal ist, das nur durch das unaufhörlich am Boden arbeitende Wasser entstanden ist, so bietet es doch in manchen Talweiten die Möglichkeit von Ansiedelungen, ist also belebter und ist dem Verkehr noch mehr durch die Anlegung der Eisenbahn von Meißen über Nossen nach Leipzig gewonnen. Doch darf man wohl kaum behaupten, daß im Mittelalter, als durch König Heinrich I. die Burg in Meißen ([Abb. 10].) begründet wurde, das Triebischtal einen bequemen Zugang von Westen her zur Elbe gewährt habe; denn die leichteren und bequemeren Wege von Westen her nach Meißen liefen, wie auch heute noch, über die Höhen zur Stadt und zur Elbe.

Abb. 10. Die Albrechtsburg in Meißen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 12].)

[❏
GRÖSSERES BILD]

Obwohl nun diese westliche Seite des Elbtales mancherlei landschaftliche Schönheiten bietet, so ist sie doch von den Bestrebungen aller Großstädte, sich über das Weichbild der Stadt hinaus in Villenkolonien einen erfrischenden Landaufenthalt zu sichern, fast noch gar nicht berührt worden. Nur bescheidene Anfänge lassen sich unterhalb Dresdens am Fuß der waldigen Höhen erkennen, und nur ein Versuch, auch die Höhen mit ihren herrlichen Fernblicken zu besetzen, in der Nähe von Cossebaude zu verzeichnen. Ausgedehnte und vielbesuchte Sommerfrischorte finden sich nur auf den Höhen der Lausitzer Seite.

Abb. 11. Kötzschenbroda-Niederlößnitz.
Nach einer Aufnahme von Carl Pittius in Kötzschenbroda. (Zu [Seite 15].)

Die östliche Seite des Elbtales.

Unleugbar hat diese östliche Seite des Elbtales als die Sonnenseite ihre Vorzüge, sie ist wärmer, durch den Steilabfall des Hochlandes mehr gegen die rauhen Nordostwinde geschützt und übt ihre Anziehungskraft namentlich von Dresden an abwärts bis in die Nähe von Meißen durch die ausgedehnten Nadelwaldungen der Dresdener Heide und des Friedewaldes, die den ganzen Höhenrand in ununterbrochener Folge bedecken.

Der steile Abbruch des Lausitzer Hochlandes erstreckt sich über die ganze Länge des Talkessels von Oberau und Weinböhla an über Pillnitz bis nach Bonnewitz und erscheint von der Elbtalaue aus als ein Gebirgszug mit ziemlich gleichmäßigen Höhen. Es ist ein Teil der großen Verwerfungslinie, die sich auch noch weiter nach Südosten über Hohnstein nach Hinterhermsdorf an der Ostgrenze des Sandsteingebiets der Sächsischen Schweiz in ihren Wirkungen bemerklich macht. Die Hauptrichtung dieser Bruchlinie verläuft wie der Elblauf von Südost nach Nordwest; nur zweimal ist auf kurze Strecke eine Abweichung von dieser Richtung erfolgt und zwar sowohl oberhalb als unterhalb Dresdens in der Richtung von Ost nach West, das einemal östlich von Pillnitz, das anderemal östlich von Kötzschenbroda; und in beiden Fällen folgt südlich von diesen Abweichungen der Elblauf und schlägt ebenfalls eine veränderte Richtung ein.

Der Abfall des Lausitzer Hochlandes.

Auf der Südwestseite dieser großen Lausitzer Verwerfung ist nun der Gebirgsteil abgesunken und hat einerseits den Talkessel der Elbe veranlaßt, andererseits aber, auch infolge von Einsenkung, das Sandsteingebirge erhalten, während die Ablagerungen des Kreidemeeres, dem die Sächsische Schweiz ihre Entstehung verdankt, sowohl auf den Hochflächen des Lausitzer Gebiets, als auch auf den Vorstufen des Erzgebirges, über die sich das Kreidemeer ausdehnte, durch Verwitterung und Abtragung bis auf wenige Reste verschwunden sind.

Aber an der großen Lausitzer Bruchlinie ist nicht bloß ein Absinken erfolgt, sondern der Lausitzer Granit hat sich zum Teil schräg aufwärts über die jüngeren Schichten von Pläner und Sandstein hinübergeschoben und dadurch an den Berührungsflächen merkwürdige geologische Erscheinungen hervorgerufen. Auf diese Überschiebung des Granits ist man seit 1826 aufmerksam geworden und hat an vielen Stellen in der Nähe der Verwerfungslinie dafür unzweideutig Belege gesammelt. Bei Oberau, unfern des Tunnels der Leipzig-Dresdener Eisenbahn liegt Granit, bei Weinböhla Syenit auf dem Pläner. Hier sind die Gesteine des Lausitzer Hochlandes über die übergekippten Plänerschichten hinaufgeschoben. Ausgezeichnete Reibungs- und Rutschflächen mit starken Zerklüftungen zeigt der Syenit in einem Steinbruch unterhalb der Friedensburg bei Kötzschenbroda ([Abb. 11]). Am Fuße der Syenitberge beim „Letzten Heller“ sind (nach Gutbier) die Schichten des unteren Pläners unter steilem Winkel aufgerichtet und stark zerklüftet. Andere ähnliche Erscheinungen werden wir auch in der Sächsischen Schweiz kennen lernen.

Abb. 12. Hosterwitz bei Pillnitz.
Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu [Seite 15].)

Der Höhenzug von Pillnitz bis Dresden.

Das Lausitzer Hochland selbst, wie es von Oberau bis Pillnitz als Gebirgsgrenze des Talkessels gegen Osten erscheint, hauptsächlich aus Granit, Syenit und verwandten Gesteinen bestehend, besitzt eine durchschnittliche Höhe von 300–350 m und ist auf seiner Hochfläche mit vielen flachen Hügeln und kleinen Kuppen bedeckt. Von seinen höchsten Punkten, dem Triebenberg, 383 m, und dem Porsberg, 354 m, bei Pillnitz, nehmen gegen Nordwesten die Höhen allmählich ab. Der Porsberg, hart gegen den Steilabfall des Gebirges vorgeschoben, besteht aus Granit und ist infolge seiner freien Lage gegen Südosten, Süden und Südwesten vor allen anderen Höhen durch seine umfassende Aussicht nach der Sächsischen Schweiz und gegen das Erzgebirge berühmt und gewährt dazu auch noch einen reizenden Blick in die mit Ortschaften bedeckte Elbtalaue bis weit über Dresden hinaus. Von Pillnitz bis Dresden fließt die Elbe hart am Fuße des von Ortschaften belebten und an den Gehängen von zahlreichen Landhäusern, die teilweise eine 30 m höhere Sandfläche vor dem Abfalle besetzt halten, geschmückten Gebirges hin; hier liegen an oder in der Nähe der Elbe die Schlösser und Villen der königlichen Familie in Pillnitz, Hosterwitz ([Abb. 12]) und Wachwitz. Hier sind die Abhänge mit Rebenpflanzungen und Obstgärten bekleidet und von dem Hochlande her öffnen sich mehrere tiefeingeschnittene, malerische und romantische Täler gegen die nahe Elbe. Ihr kurzer, bald sanft, bald steil in Stufen ansteigender Verlauf bietet eine Reihe reizender, vielbesuchter Spaziergänge, die zu zahlreichen Restaurants auf dem Höhenrande hinaufführen. So der Friedrichsgrund bei Pillnitz, der Keppgrund mit der malerischen Keppmühle ([Abb. 13]) bei Hosterwitz, der Helfenberger Grund bei Niederpoyritz, der Wachwitzgrund und endlich der Loschwitzgrund ([Abb. 14] u. [15]), der durch zahlreiche Neubauten von seiner sonst so gerühmten landschaftlichen Schönheit verloren hat, so daß er nicht mehr, wie vor 50 Jahren, den Jüngern der Landschaftsmalerei unter Leitung Ludwig Richters zahlreiche idyllische Vorwürfe für ihre Studien zu bieten vermag.

Wie Karl Maria von Weber an seinen unsterblichen Opern Freischütz und Oberon während seines Landaufenthaltes in Hosterwitz schuf, wie Schiller auf dem Landsitze seines Freundes Körner in dem Weinbergshäuschen in Loschwitz ([Abb. 16]) in den Sommern 1786 und 1787 als Gast lebte und an seinem Don Carlos arbeitete, so hat auch Ludwig Richter jahrelang hochgelegene, bescheidene ländliche Wohnungen in Loschwitz als stillen Ruhesitz für sein künstlerisches Schaffen geliebt.

Ganz anders erscheint uns die Landschaft an dem Steilabfall, der sich von Pillnitz nach Osten zieht und das volle Sonnenlicht von Süden empfängt. Zwar erscheint von der Talsohle aus das Gebirge hier noch mächtiger, weil die höchsten Erhebungen sichtbar werden; allein der ganze Hang ist mit Nadelholz bedeckt und Wege, die von den Höhen durch kurze Täler oder Schluchten hinabführen, sind ungepflegt, denn nirgends wird ein Landhaus sichtbar, nirgends zeigt der hochstämmige Wald eine Lücke für Gärten oder Obstpflanzungen. Das Gebirge erscheint von hier aus unbewohnt. Der Mensch hat es gemieden, denn das erquickende Auge der Landschaft, des Stromes fließender Spiegel fehlt, der das Gelände von Pillnitz bis Dresden mit erfrischendem Hauche belebt und durch seinen regen Schiffsverkehr anziehend macht. Dazu ist der ganze Talboden südwärts bis Pirna großenteils mit magerem Heidesand bedeckt, auf dem sich, die Hälfte des ganzen Gebietes einnehmend, das Pillnitzer Tännicht ausbreitet. Nur wo sich in der Nähe des Stromes, auf beiden Ufern, eine 1–2 m mächtige Decke von fruchtbarem Tallehm findet, sind die Ortschaften: Kopitz, Pratzschwitz, Birkwitz und Söbrigen auf dem rechten Ufer, Heidenau und Mügeln auf dem linken Ufer entstanden.

Doch auch die Hochflächen des Lausitzer Granitbodens haben ihre lebhaften Beziehungen zur Talebene und zur nahen Hauptstadt. Auf den Höhen sind manchmal die diluvialen Schottermassen so mächtig, daß sie einen sichtbaren Einfluß auf die Gestaltung der Oberfläche ausgeübt haben. Geschiebelehm deckt die Höhen, daher finden sich nordwärts bis zum Loschwitzgrunde zahlreiche Dörfer. Dann aber ändert sich das Landschaftsbild plötzlich. Der Heidesand beherrscht den Boden so vollständig, daß auf der weiten Strecke zwischen Dresden und Radeberg, auf einem Flächenraum von 70 qkm nur Wald, die Dresdener Heide, aber nicht ein einziges Dorf anzutreffen ist. Aber am Süd- und Nordrande der Heide haben sich städtische Villenkolonien auf dem Weißen Hirsch, in Klotzsche und Langebrück entwickelt, die, je mehr die Großstadt im Tale um sich greift, in der Nähe des Waldes auf einer 100 m höher gelegenen Hochfläche gedeihlich wachsen und sich immer weiter ausbreiten.

Nur hier auf der ganzen Strecke der steilen Böschungen der Lausitzer Verwerfungslinie hat der Heidesand den Abfall des Hochlandes zu einer sanft ansteigenden, geneigten Ebene ausgeglichen, die es allein ermöglichte, von Dresden aus nach Osten, Nordosten und Norden Straßenzüge anzulegen und gerade in Dresden die bequemste Übergangsstelle über den Strom zu schaffen.

Wie oberhalb der Stadt ist auch unterhalb derselben an dem Trachenberge eine deutlich aus der Elbaue absetzende Talstufe von Heidesand gebildet, die in neuester Zeit ebenfalls mit Landhäusern besetzt wird und deren nach Süden geöffneter halbkreisförmiger Bogen wie ein altes, längst verlassenes Elbufer erscheint.

Abb. 13. Keppmühle im Keppgrunde bei Hosterwitz.
Nach einer Aufnahme von P. Heine in Dresden. (Zu [Seite 16].)

Die Lößnitz.

Auf der Hochfläche hinter den Trachenbergen breitet sich fast wagerecht eine Sandebene bis zum Fuß der beim Wirtshause „Zum letzten Heller“ schroff aufsteigenden Syenitberge aus, wo der Sand eine ganz besondere Rolle spielt. Dieser Sand, der sich von dem die Dresdener Heide durchschneidenden Prießnitzgrunde bis in die Lößnitz ausdehnt, ist von hellgrauer und hellgelber Farbe, gleichmäßig feiner Quarzsand und deutlich geschichtet. Er bildet eine etwa 50 m hohe Stufe über der Elbebene. Und hier haben sich unter dem Spiel der Winde typische Dünen gebildet, wie man sie vielleicht im Binnenlande nicht erwartet. Wo eine Pflanzendecke fehlte, ist der Flugsand in langen Höhenzügen aufgeweht, die, den herrschenden Ostwinden entsprechend, meistens eine nordsüdliche Richtung innehalten. Viele dieser Dünen sind durch die neuen Militärbauten in der Albertstadt Dresdens eingeebnet und bedeckt, andere sind noch auf dem weiten Exerzierplatz am Heller, dem unfruchtbarsten Gebiet des Heidesandes, zu erkennen.

Abb. 14. Loschwitz.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 16].)

Abb. 15. Loschwitz. (Zu [Seite 16].)

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Die Lausitzer Hochflächen. Moritzburg.

So weit der Heidesand reicht — und das ist sowohl auf dem vorderen Höhenrande als am Gehänge und auf dem ganzen Talboden bis zum westlichen Strom und zur nördlichen Grenze des Talkessels —, so weit deckte ursprünglich der Kiefernwald fast ausschließlich das Land; aber die steileren Gehänge des Hochlandes zwischen Radebeul und Koswig sind schon seit dem Mittelalter für den Weinbau gewonnen, der allerdings in neuester Zeit durch die Reblaus bedeutende Einbuße erlitten hat und in manchen Weinbergen völlig aufgegeben ist. Dieser Strich mit der angelehnten Sandstufe, die sich langsam in die eigentliche Niederung der Elbaue senkt, in der allein die alten Dörfer liegen, trägt den Namen Lößnitz, durch den Lößnitzgrund ([Abb. 17]) in Ober- und Niederlößnitz geschieden. Der Name bedeutet eigentlich Waldland, bildet auch keine geschlossene Ortschaft, ist aber wohl als die früheste Kolonie von Dresden anzusehen. Von den gegenüberliegenden Höhen des westlichen Elbufers, vom Osterberge und den nahegelegenen Aussichtspunkten hat man eine mit Landhäusern bedeckte Landschaft vor sich, die sich 6–7 km weit am Fuß der Lößnitzberge ausdehnt. Die Straßen und Wege laufen dem Fuß des Gebirges parallel und die Namen obere, mittlere, untere Bergstraße zeigen, daß die Häuserreihen staffelweise emporsteigen. Nirgends trifft man städtisch aneinander gerückte Häuserzeilen, sondern an diesen Bergstraßen ist jedes Landhaus von Gärten umgeben. Gerade dieser Teil des Elbtales gilt als der wärmste und ist daher wohl am frühesten aufgesucht. Bis auf den Höhenrand stiegen die Winzerhäuser, die zum Teil in Villen umgewandelt sind, und die Weinbergshäuser empor. Meist durch ihre herrlichen Aussichten berühmt sind sie allmählich in besuchte Restaurants umgestaltet und auch auf bequemen Pfaden zugänglich gemacht. Zu ihnen gehören die Wilhelmsburg, das Spitzhaus, der Pfeifer, das Paradies und die Friedensburg. Wie man aber das Quadersandsteingebirge eine Schweiz genannt hat, so die Lößnitz das sächsische Italien oder noch seltsamer das sächsische Nizza, doch sind die Namen glücklicherweise nicht volkstümlich geworden. Besonders hervorragende Gipfel hat dieser Teil des Hochlandes nicht. So mögen denn nur der Spitzberg, 206 m hoch, bei Koswig genannt werden, dessen bewaldete Kuppe aus Gneis besteht, und der Himmelsbusch, 210 m hoch, eine Felsklippe am Steilrande bei Kötzschenbroda, die aus Hornblendeporphyr besteht. Diese beiden Höhen gehören also nicht dem eigentlichen Lausitzer Granit an und zeigen bereits, daß außer dem eigentlich typischen hellen oder dunkelblaugrauen Lausitzer Granit auch noch andere verwandte Gesteinsarten und zwar besonders Syenit an der Bildung der Lößnitzberge beteiligt sind.

Abb. 16. Pavillon auf Körners Weinberg in Loschwitz, wo Schiller wohnte.
Nach einem Stiche von G. A. Frenzel. (Zu [Seite 16].)

Die Hochflächen östlich von dem steilen Abbruche haben ihre besondere Eigentümlichkeit in den vielen kleinen Kuppen und bewaldeten Höckern zwischen den Ackerfluren und sumpfigen Niederungen. Die Oberfläche besteht da, wo der Heidesand zurücktritt, aus Geschiebelehm, der Grundmoräne des nordischen Inlandeises, in dem man baltische Feuersteine, Porphyre und Quarzite antrifft, die aus Mittelschweden stammen. Bei Boxdorf liegt dieser Lehm 3 m mächtig. Seine Auswaschungs- und Schlemmprodukte bestehen aus Tonen und Tonsanden. Daneben findet sich östlich vom Lößnitzgrunde bei Wilschdorf feinerdiger gelbbräunlicher Löß, in der Nähe der Friedensburg auch mehliger feiner Lößsand. Wo diese besseren Erdarten vorherrschen, sind Dörfer gebildet und herrscht der Ackerbau vor; doch schieben sich die mageren Heidesandflächen mehrfach dazwischen.

Hinter der Lößnitz gegen Osten liegt auf den Hochflächen des Lausitzer Granitbodens von weiten Nadelwaldungen umgeben und mitten zwischen mannigfach gestalteten großen und kleinen Teichen ein eigenartig gebautes, nach seinem Erbauer Kurfürst Moritz benanntes fürstliches Schloß: Moritzburg ([Abb. 18]). Auf einer Insel, die nach Norden und Süden durch breite, fahrbare Dämme mit dem Lande verbunden ist, erhebt sich das mächtige Schloß, dessen gewaltige runde Ecktürme sich in dem stillen Wasser spiegeln. Als Jagdschloß besitzt es auch eine sehr merkwürdige Geweihsammlung und ist in seinen glänzend ausgestatteten Gemächern reich an malerischen Vorwürfen im Barockstil und besitzt für die zahlreich, namentlich von Dresden kommenden Besucher eine besondere Anziehungskraft in seinem ausgedehnten Tiergarten mit einem namhaften Bestand von Rot- und Schwarzwild, dessen allabendliche Fütterung auf einem bestimmten weiten Wiesenplatze im Walde stets viele Zuschauer anzieht.

Alte Elbarme. Das Spaargebirge.

Da wir auf dem Boden der eigentlichen Elbniederung nur jüngere Bildungen diluvialen und alluvialen Ursprungs und nirgends anstehendes Gestein bis in die Nähe von Meißen finden, so darf man wohl auch erwarten, daß wir in der Elbaue selbst noch hie und da Spuren des alten Elblaufes finden und daß das Strombett, das erst nach der Eiszeit seine festere Gestalt gewonnen hat, einst andere Wege eingeschlagen hat. So hat die Elbe nach ihrem Eintritt in den Talkessel unterhalb Pirna nicht bloß durch ihre Schottermassen den unteren Lauf der Wesnitz aus ihrer südwestlichen in eine westliche Richtung verschoben, sondern infolgedessen selbst auch eine westlichere Bahn einschlagen müssen, wobei die alte Talrinne, die noch jetzt in dem Birkwitzer See zu erkennen ist, verlassen werden mußte. Die langgestreckte Einsenkung dieser sumpfigen Niederung weist auf den kürzesten Weg von Pirna nach Pillnitz hin. Andere in ähnlicher Weise entstandene Niederungen lassen sich bei Zschachwitz und Laubegast oberhalb Dresdens und bei Kaditz und Serkowitz unterhalb der Stadt erkennen. Nur bei großen Hochfluten wie 1845 ist das Elbwasser in diese Niederungen wieder eingetreten und hat sie in ihren Beziehungen zur Elbe klar gelegt. Nur bei der großen Flut von 1845 hat die Elbe auch in der Nähe von Meißen den alten Weg um das Spaargebirge herum ostwärts von Sörnewitz über Zaschendorf benutzt. Wie der jetzige Durchbruch des Stromes zwischen dem Meißener Granitgebiet und dem Spaargebirge, der ein reines Erosionstal zu sein scheint, entstanden sein mag: das bleibt ein noch ungelöstes Rätsel, wenn auch manche Erklärung dafür versucht ist.

Abb. 17. Talsiedelungen und Felsformen. Lößnitzgrund.
Nach einer Aufnahme von Carl Pittius in Kötzschenbroda. (Zu [Seite 18].)

Merkwürdig und eigenartig bleibt immerhin das eigentlich zur erzgebirgischen Seite gehörige Spaargebirge, das durch den gegenwärtigen Elblauf auf das rechte Ufer verlegt ist. Im Süden steil und schroff in Felsklippen ansteigend, senkt sich diese Gebirgsinsel, von kleinen Tälern und Schluchten durchzogen, langsam nordwärts in die Niederung von Cölln, Meißen gegenüber, und ist mit zahlreichen einzelnen Weinbergsgütern und Winzerhäusern besetzt, zu denen sich in neuerer Zeit auch Landhäuser gesellen. So bildet in Bezug auf Besiedelung dieser kleine Gebirgsstock einen bestimmten Gegensatz gegen den nördlichsten Teil des Talkessels, der, niedrig gelegen, fast nur aus feuchtem Wiesenland besteht, in das sich nur ein Dorf, Niederau, hineinschiebt, während die übrigen Dörfer nur auf oder an dem umgebenden Höhenrande liegen.

III.
Die Bevölkerung.

Die Bevölkerung im Elbtal.

Verhältnismäßig erst spät ist der Mensch in das für Besiedelung günstige Talbecken eingezogen, und zwar erst, wie seine im Boden hinterlassenen Spuren an Waffen und Geräten zeigen, in der jüngeren Steinzeit, in der Zeit der durchbohrten und geschliffenen Steinwerkzeuge; denn in der älteren Steinzeit, die sich nur roher Steingeräte bediente, deckte noch der starre Mantel skandinavischer Eisströme das Land bis in das Sandsteingebirge und bis auf die Vorhöhen des Erzgebirges. Aber man hat auch südlich von der Grenze des nordischen Eises, das überall seine Spuren durch Moränen und Geschiebelehm zurückgelassen hat, keine Steingeräte oder Tonscherben gefunden, die uns das Vorhandensein von Menschen verrieten.

Abb. 18. Jagdschloß Moritzburg.
Nach einer Aufnahme von F. & O. Brockmanns Nachf. R. Tamme in Dresden. (Zu [Seite 20].)

Die älteste Bevölkerung.

Die erste Besiedelung des flacheren Landes in Sachsen erfolgte von Westen, von Thüringen her; die Spuren dieser ältesten Bewohner sind nachgewiesen bei Leipzig, im Elbtal, besonders nördlich von Dresden, und um Bautzen an der Spree. Eine spätere, aber auch noch vorgeschichtliche Einwanderung scheint von Böhmen her ebenfalls das Elbtal von Pirna bis Riesa besetzt zu haben. Dann folgt die Bronzezeit. Gräberfelder aus diesem Zeitalter sind zahlreich über den ganzen Norden von Sachsen, über die Ebene und das Hügelland verbreitet. Die Bevölkerung erscheint bereits seßhaft zu sein; aber es haben sich doch aus dieser Zeit nur wenige Ansiedelungen nachweisen lassen, so bei Dresden[1] und überraschenderweise auf dem Pfaffenstein in der Sächsischen Schweiz. Die Herdstellen unterscheiden sich in der äußeren Form noch nicht von denen der Steinzeit. Und wenn nun gar in der Nähe von Dresden an hundert Feuerstätten nahe beieinander aufgedeckt sind, dann kann eine solche Ansiedelung schon als Dorf bezeichnet werden. Auch Eisen ist neben der Bronze bei diesen Urbewohnern gefunden. Daß die Römerzeit für Sachsen spurlos vorübergegangen ist, erklärt sich aus seiner Lage, die sich eben so fern von der Westgrenze Germaniens am Rhein, als von der Südgrenze an der Donau befand. Auch scheinen die Handelswege, die von der Donau her die Bernsteinküsten an der Ostsee aufsuchten, unser Land, das im Rücken des unwegsamen Erzgebirges lag, nicht berührt zu haben. Daher sind in Sachsen bis jetzt noch keine Funde von römischen Münzen gemacht, die auf einen solchen Verkehr hinweisen könnten. Und wenn römische Geschichtsschreiber doch eine allgemeine Kenntnis von den geographischen Verhältnissen Sachsens scheinen gehabt zu haben, insofern sie von der Elbquelle und dem Oberlaufe des Stromes Mitteilungen machen, so liegt doch die Vermutung nahe, die Römer hätten die Saale für den oberen Elblauf gehalten und danach ihre Beschreibung verfaßt. Wir wissen aus dieser Zeit nur, daß die deutschen Stämme der Hermunduren und Semnonen im Lande wohnten und zwar so, daß die Elbe etwa die beiden Volksstämme voneinander schied. Doch wird ein großer Teil dieser Bewohner in der Zeit der Völkerwanderung das Land wieder verlassen haben.

Abb. 19. Partie aus Brießnitz.
Nach dem Stich von Peschek. (Zu [Seite 26].)

Die Wenden.

Im sechsten Jahrhundert erschienen dann, wahrscheinlich im Gefolge der Awaren, die Slaven, Wenden, die sich in kleinen Dörfern, sogenannten Rundlingen, oder auch in Straßendörfern ansiedelten. Die erste Form der Ortschaften zeigt uns die Häuser in Kreisform geordnet, mit den Giebeln nach dem inneren Dorfplatz gekehrt, der, da nur ein Weg von außen hineinführt, wohl geeignet ist, das Vieh der Gemeinde für die Nacht in sicheren Schutz zu nehmen. Man hat aus dieser Dorfanlage mit Recht geschlossen, daß die Bewohner vor allem Viehzucht getrieben haben. Die zweite Form der Dörfer stellt die Häuser in zwei parallele Reihen, zwischen denen die Straße entlang geht; daher der Name Straßendorf. — Die Wenden erscheinen uns aber keineswegs als Träger einer höheren Kultur, wie eine voreingenommene Geschichtsschreibung sie bezeichnet hat. Sie besaßen noch wenig Metalle, brauchten mehr Werkzeuge von Knochen, Horn und Holz. Nur in der Töpferei zeigt sich ein wesentlicher Fortschritt durch die allgemeine Anwendung der Drehscheibe.

Der Burgwall in Koschütz über dem Plauischen Grunde ist als zu einer slavischen Ansiedelung gehörig erkannt worden. Im allgemeinen nahmen die Wenden dieselben Gebiete in Sachsen ein wie vor ihnen die Germanen, das heißt, sie besetzten nur das Flachland und die offenen Flußtäler, ließen aber das höhere Bergland mit seinem schwereren Boden meist unaufgebrochen. Am meisten nach Süden drangen sie im Elbtale vor, aber auch hier nur bis nach Pirna. Es waren also immer wieder nur die schon in der Steinzeit besiedelten Gegenden, die von den neuen Ankömmlingen besetzt wurden. Die ersten Spuren eines in weitere Ferne gehenden Handels und Verkehrs sind in den Funden arabischer Münzen des zehnten Jahrhunderts aus den innerasiatischen Münzstätten von Bochara und Samarkand zu erblicken. Aber solche Funde sind nur in der Lausitz gemacht; indes wissen wir doch, daß arabische Kaufleute um dieselbe Zeit Deutschland durchzogen haben und elbaufwärts auch in Böhmen eingedrungen sind.

Von den Wenden ist auch Dresden gegründet; und da die Slaven von Osten her kamen, lag ihre älteste Ansiedelung Dresden auf dem rechten Elbufer, in der heutigen Neustadt. In der alten Gestalt des Neustädter Marktes nahe der Augustusbrücke will man noch den Rundling der ältesten Dorfanlage erkennen. Von hier sind die neuen Ansiedler dann auf das gegenüberliegende Ufer, die Altstädter Seite, hinübergegangen, haben aber hier sich nur als Fischer ansässig gemacht, legten daher nicht ein Dorf nach der Gestalt des Rundlings an, sondern wohnten in einer Reihe von Häusern am Flußufer, „an der Elbe“, der heutigen Terrasse und in der Fischergasse.

Der Ackerbau der Slaven war (nach O. Schulze) eine Art wilder Feldgraswirtschaft, womit eine halbnomadische Weidewirtschaft verbunden war. Der hölzerne Hakenpflug vermochte nur den leichten Alluvialboden oder den Heidesand umzubrechen. Nach wenigen Ernten wurde das Feld wieder verlassen. Wo sich Rundlinge erhalten haben, überwog jedenfalls die Viehzucht. Erst als die Deutschen mit dem Eisenpfluge erschienen, konnte auch der schwerere Löß- und Lehmboden des Berglandes urbar gemacht werden. Daher finden wir auch jetzt noch in den Tälern und im Flachlande slavische Ortsnamen, im Hoch- und Berglande dagegen deutsche.

Aber es wäre irrig, aus der Verbreitung slavischer Ortsnamen immer bestimmt auf altslavischen Anbau schließen zu können. Die slavische Benennung im allgemeinen ist nach Schulzes Ansicht gar kein Beweis dafür, daß wir es mit einem ursprünglich von Sorben oder Wenden angelegten Ort zu tun haben. Die leidige Vorliebe der Deutschen für alles Fremdländische war anscheinend schon den Kolonisten des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts eigen. Nicht nur behielten sie den wendischen Namen der Ortschaften, aus denen die sorbischen Bewohner vor ihnen wichen, sondern auch von ihnen selbst gegründeten neuen Siedelungen gaben sie oft genug der fremden Sprache entlehnte Namen. So 928 Misni (Meißen), ferner Albertitz, Berntitz, Rampoltitz oder Rampitz auf dem Boden von Altstadt Dresden. Der Name der Rampischen Straße erinnert noch an den Ortsnamen. Conradesdorf ist um 1190 von einem deutschen Ritter angelegt und erscheint schon um 1206 als Conratiz.

Es muß daher auffallen, wenn wir unter den zahlreichen Ortschaften im Dresdener Talkessel nur drei deutsche Ortsnamen: Niederau, Zaschendorf und Naundorf finden, von denen Naundorf urkundlich am frühesten, schon im zehnten Jahrhundert genannt wird und sicher damals ein neues Dorf, eine neue Dorfanlage war, wie der Name aussagt. Aber nach Schulzes Forschungen sind viele Dörfer mit slavischem Namen auch in der Ebene erst zur Zeit der deutschen Herrschaft nachweisbar und von deutschen Herren angelegt. Nur die Ortsnamen mit patronymer Bildung, in denen also ein Personenname steckt, sind entschieden slavischer Gründung und geben über die ältesten sorbischen Anlagen Auskunft. Aber ihre Erklärung ist deshalb oft schwierig, weil ein Name mehrere Deutungen zuläßt.

Abb. 20. Meißen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 31].)

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Abb. 21. Der Dom und die Albrechtsburg in Meißen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 32].)

Dazu kommt ferner noch die eigentümliche Erscheinung, daß die deutschen Rittergeschlechter fast durchweg die Namen der Sorbenorte annahmen, in denen sie saßen, als mit dem Ende des zwölften Jahrhunderts die Familiennamen aufkamen. Dahin gehören die Namen Carlowitz, Könneritz, Minckwitz, Nostitz, Planitz, Seydlitz, Seydewitz, Wallwitz und Zezschwitz.

Die Deutschen.

Die Deutschen kamen erst im zehnten Jahrhundert wieder an die Elbe, um ihren herrschenden Einfluß bis zu dem Strome auszudehnen. Als Heinrich I. 928 den Grund zur Burg Meißen legte, handelte es sich noch nicht um die Ausdehnung des Reiches bis dahin, sondern nur darum, die Slaven tributpflichtig zu machen. Das sollte dadurch erreicht werden, daß am hohen Rande des westlichen Elbufers an geeigneten Plätzen Burgen errichtet wurden, die eine Reihe von Militärposten darstellten, und die zu gleicher Zeit der Mittelpunkt und Hauptplatz eines besonderen, Burgward genannten Distrikts waren, der eine militärische Verfassung erhielt. Solche Burgwarde waren für den Elbtalkessel Meißen, Woz, das man fälschlich in Weistropp gesucht hat, wo sich kein geeigneter Platz findet, Brießnitz ([Abb. 19]), Pesterwitz und Dohna. Kriegserprobten Männern waren die Burgen anvertraut, die Deutschen fanden sich nur in den Burgen, deutsche Ansiedler wurden noch nicht herangezogen, auch lag es anfänglich noch nicht in der Absicht des Königs, die Wenden dem Christentum zuzuführen. Die deutsche Reichsgrenze blieb einstweilen noch an der Saale.

Die deutschen Ansiedelungen im Mittelalter.

Die Verhältnisse erfuhren zunächst eine Änderung unter Kaiser Otto I. Die Slaven wurden unterworfen, das Gebiet östlich der Saale in die drei Marken Merseburg, Zeitz und Meißen geteilt und 968 das Bistum in Meißen begründet, um die Christianisierung des Landes durchzuführen. Die Ritter, die zur Verteidigung des Landes herangezogen wurden, kamen meistens aus Thüringen und Franken. Bauern kamen auch jetzt noch nicht und konnten auch nicht die Urbarmachung des Bodens in Angriff nehmen, solange der Besitz des Gebietes noch von böhmischen und polnischen Fürsten bestritten wurde, solange das Land von unaufhörlichen Kriegen verheert und das Volk zu Tausenden in die Sklaverei geschleppt wurde. Also auch im elften Jahrhundert konnte noch nicht an eine Germanisierung gedacht werden. Es soll nur daran erinnert werden, daß 983 Meißen für die Deutschen verloren ging, aber 987 wieder gewonnen wurde. Im Jahre 1002 ging die Meißener „Wasserburg“, die am Fuße der Albrechtsburg gelegen haben soll, von neuem verloren, der Ort selbst wurde 1015 verbrannt, aber 1029 von Konrad II. wieder erobert. Endlich erschien 1075 noch ein feindliches böhmisches Heer im Lande. Erst als 1089 die Mark Meißen an den Wettiner Heinrich von Eilenburg, den Stammherrn des sächsischen Königshauses, kam, gewann das Land allmählich seine Ruhe wieder. Zwar besaß anfänglich, schon seit 1086, Wiprecht von Groitzsch, der Schwiegersohn des Herzogs Wratislaw von Böhmen, den Gau Nisani, in dem Dresden lag, aber auch dieser südlich von der Mark gelegene Gau fiel 1143 an das Haus Wettin. Wiprecht von Groitzsch hatte aber das Verdienst, zuerst in größerem Stil die deutsche Kolonisation befördert und deutsche Bauern von Thüringen und Franken ins Land gerufen zu haben. Ihm schreibt der Chronist auch die Verordnung zu, daß er den Einwanderern, die im Berg- und Hügellande Land angewiesen erhielten und es in fränkischen Hufen austeilten, gestattete, ihr Dorf nach ihrem Führer oder Schulzen zu benennen, daher wir in der Umgebung des Elbtales bis in die Sächsische Schweiz hinein so häufig Namen begegnen wie Kunnersdorf, Hermsdorf, Dittersbach, Seifersdorf, Rennersdorf u. a., die also nach Konrad, Hermann, Dietrich, Siegfried oder Reinhard benannt worden waren. Doch fand die Ansiedelung zunächst an der Elbe ihre Ostgrenze. Und so bildete der Strom noch bis ins zwölfte Jahrhundert auch die Grenze zwischen den christlichen Deutschen und den heidnischen Slaven.

Die deutschen Bauern kamen, wie die Ritter, vorwiegend aus Franken und Thüringen, einzelne Gruppen auch aus Niedersachsen oder wurden aus den Niederlanden gerufen. Diese, die Vlaemen, sollten vor allem die sumpfigen Niederungen entwässern und urbar machen. Sie teilen die Dorfflur, abweichend im Größenmaß, in vlaemische Hufen. Die viel häufiger angewandten fränkischen oder Königshufen, auch Waldhufen genannt, umfaßten in der Regel 47–50 ha.

Abb. 22. Die große Appellationsstube in der Albrechtsburg zu Meißen. (Zu [Seite 33].)

So hat man z. B. an der Gliederung der Dorfflur erkannt, daß das Dorf Biela bei Dresden (in seiner offiziellen schlechten Schreibweise Bühlau genannt) von Vlaemen angelegt ist. Die Dorfgemeinde teilte die ihr zugewiesene Flur nach der Zahl der Hofstellen oder Familien in gleichwertige Hufen, die sich von den in der Regel an einem Bach gelegenen Bauernstellen als lange Feldstreifen auf die Höhen bis zur Grenze hinzogen. Aus jedem Gehöfte führte dann ein Feldweg die ganze Hufe entlang. So viele Höfe, so viele fast parallel laufende Feldwege, die auf den Spezialkarten eingetragen, sofort die Einteilung der Dorfflur erkennen lassen. Eine zweite Art der Einteilung, die man besonders im Elbtal fast allgemein vertreten findet, sondert zunächst die Gemeindeflur in größere Stücke gleichartigen und gleichwertigen Bodens und teilte diese einzelnen Stücke wieder nach Anzahl der Hofstellen in gleiche Streifen. Dann war die Aufteilung in Gewannen erfolgt. Der Bauer besaß nicht einen einzigen zusammenhängenden Landstreifen, sondern mehrere kleine Streifen in verschiedenen Abteilungen der Gemeindeflur, die wohl auch bald besondere Namen erhielten. Ein Teil der Flur wurde aber nicht aufgeteilt, sondern blieb Gemeindeland als Weide oder Wald zu gemeinsamer Ausnutzung.

Abb. 23. Die Königl. Porzellan-Manufaktur in Meißen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 34].)

Deutsche Ansiedelung und Germanisierung.

Um die Ansiedelung des bisher unbebauten Landes machten sich nicht bloß Fürsten und Herren, sondern auch die Geistlichen, in unseren Gebieten ganz besonders das Domkapitel von Meißen, sehr verdient. Daneben aber auch die Cisterzienser, die nach ihrer Ordensregel besonders auf den Feldbau angewiesen waren. Das erste Cisterzienserkloster in Altzelle wurde 1162 vom Markgrafen Otto gegründet und die Mönche, die von Walkenried am Harz kamen, erhielten am Rande des bis dahin noch fast unbewohnten Waldes südlich von Nossen 800 Hufen Landes angewiesen, ein beträchtlicher Besitz, der aber erst für den Anbau gewonnen werden mußte. Dieser Besitz erstreckte sich südwärts bis über Freiberg hinaus, und hier wurde höchst wahrscheinlich, wenn auch nicht urkundlich zu belegen, durch die Mönche selbst der erste Silberfund gemacht. Denn da das Mutterkloster in Walkenried als wichtigen Teil seiner Einkünfte einen Anteil vom Ertrage des Silberbergbaues im Rammelsberge bei Goslar besaß, so verstanden die Mönche etwas vom Bergbau und kannten die Gesteine, in denen Silberadern vorkommen können. Das führte denn zur Entdeckung des Silbers bei Freiberg. Dadurch gewann der bis dahin gemiedene Urwald des Erzgebirges eine besondere Anziehungskraft und förderte wesentlich die Besiedelung auch der höheren Bergstriche. Es sind diese Verhältnisse hier kurz berührt, wenn sie auch scheinbar nicht in den Rahmen unseres landschaftlichen Gebietes fallen, weil, wie wir später sehen werden, ohne die rasche Blüte des Freiberger Bergbaues die Entwickelung Dresdens zur Hauptstadt des Elbtales und weiterhin zur Hauptstadt des ganzen Landes nicht denkbar wäre.

Abb. 24. Drehen, Formen und Gießen in der Königl. Porzellan-Manufaktur zu Meißen.
(Zu [Seite 34].)

Die obersächsische Mundart.


Die Besiedelung des flacheren Landes und des niedrigen Berglandes war am Ende des dreizehnten Jahrhunderts durchgeführt. Damit verschwanden die Slaven links von der Elbe und im Elbtal, ohne daß eine gewaltsame Vertreibung stattgefunden hätte. Auch die Sprache erlosch allmählich, und 1424 wurde der Gebrauch der wendischen Sprache vor Gericht im Meißenerlande verboten. Dazu trug namentlich auch die Abneigung der Deutschen bei, mit den Unterworfenen, den Hörigen, jedenfalls sozial Niedrigerstehenden irgend welche Verbindung einzugehen. Wo sie in den Städten aufgenommen wurden, mußten sie in besonderen Gassen wohnen. Man findet daher oft und westwärts sogar bis zum Harz in den deutschen Städten die Benennung „windische Gasse“. Die Zünfte nahmen keinen Wenden auf und noch bis ins achtzehnte Jahrhundert wurde wohl bei Ausstellung eines Lehrbriefes dem jungen Manne bezeugt, ehe er seine Wanderschaft antrat, daß er aus einer deutschen Familie und nicht aus slavischer Wurzel stamme. So breitete sich also auch im Elbgelände wiederum die deutsche Sprache aus, nachdem der slavische Laut über 500 Jahre allein geherrscht hatte. Es entwickelte sich die obersächsische Mundart, die aber eine ziemliche Anzahl slavischer Ausdrücke aufnahm und auch bis heute im Volksmunde bewahrt hat. Wie die Ansiedler aus Franken und Thüringen kamen, so ist auch das fränkische Wohnhaus im ganzen Lande verbreitet. Es hat im Gegensatz zum niedersächsischen Bauernhause ein Obergeschoß; Viehstall und Wohnhaus sind nicht unter einem Strohdache. Wohnhaus und Kuhstall stehen vielmehr rechtwinklig zur Straße und sind gegen die Straße durch eine Mauer, die den Hof abschließt, verbunden. Durch diese Mauer führen das oft hochgewölbte Einfahrtstor und die bescheidenere Pforte für die Fußgänger. Nach hinten schließt die Scheune den Hofraum ab. Auf der dem Hof zugekehrten Langseite des Wohnhauses lief sonst im Obergeschoß ein Laubengang entlang, der aber in neuerer Zeit schon vielfach verschwunden ist. In den Dörfern des Elbtales findet sich noch die Eigentümlichkeit, daß die Hofmauer nach der Straßenseite über die Giebelfront des Wohnhauses in die Straße hineingerückt ist, so z. B. in Radebeul und Kötzschenbroda; vielleicht geschah es, um das Weinspalier nicht unmittelbar an der Straße pflanzen zu müssen, sondern durch einen Zaun schützen zu können. In dem sehr charakteristischen Rundling von Radebeul ist so fast der ganze innere Dorfplatz von den vor den Häusergiebeln liegenden Weingärten eingenommen, so daß nur schmale Fußwege vom Platz zwischen diesen Weinpflanzungen zu den Häusern führen.

Abb. 25. Malersaal der Königl. Porzellan-Manufaktur zu Meißen. (Zu [Seite 34].)

[1] Auf dem Boden der Stadt, in Blasewitz, Strehlen und Übigau; dann bei Löbtau, Brießnitz und Stetzsch.

IV.
Die Städte.

Die Städte des Elbtales.

Da erst die Deutschen als Städtegründer auftraten, so wird es ganz erklärlich, daß die drei Städte des Elbtalkessels: Meißen, Dresden und Pirna sämtlich auf dem linken Elbufer angelegt sind, die wir seit Otto dem Großen als die deutsche Seite bezeichnen können. Alle drei Städte liegen außerdem in der Nähe der Mündung größerer Zuflüsse der Elbe, nämlich der Triebisch, Weißeritz und Gottleuba, aber diese Zuflüsse mündeten ursprünglich nicht in, sondern neben den Städten. Ferner liegen die Städte auffällig symmetrisch: Dresden in der Mitte des Elbtales, Pirna am Eintritt der Elbe in dies Tal, Meißen am Austritt des Stromes; Pirna und Meißen als die Wächter des Stromes mit festen Burgen auf felsiger Höhe, Dresden dagegen ganz im Tal, in der Elbaue. Als wichtige Übergangsstellen über die Elbe liegt jeder der Städte auf dem rechten Stromufer ein Vorort oder eine Vorstadt gegenüber. Vor Meißen Cölln, vor Altstadt Dresden die Neustadt, vor Pirna Kopitz. Aber die Bedeutung der drei Städte ist im Laufe der Jahrhunderte bedeutend verschoben. Die älteste Stadt, nach der das ganze Land lange benannt worden ist, nimmt gegenwärtig, der Volkszahl nach, nur den zweiten Rang ein, und die Stadt Dresden, die ursprünglich neben unbedeutenden Fischerhütten gegründet wurde, hat sich, durch ihre natürliche Lage und durch Fürstengunst gehoben, zur Großstadt und Residenz des Königreichs aufgeschwungen und zählt zu den volkreichsten Städten des Deutschen Reiches.

Da die Deutschen von Nordwesten her an der Elbe aufwärts gedrungen sind, so würde es der geographischen Lage entsprechen, wenn Meißen zuerst und Pirna zuletzt als Stadt gegründet wäre. Leider ist das Gründungsjahr, abgesehen von der Burganlage in Meißen, nicht bekannt; aber urkundlich werden die Städte ihrer Reihenfolge nach so genannt, wie sie liegen und zwar Dresden zuerst als Stadt 1206 und Pirna 1233. Wir folgen bei unserer Betrachtung dieser Anordnung und beginnen mit Meißen ([Abb. 20]).

Daß König Heinrich I. auf einer, von Bäumen bestandenen Höhe an der Elbe den Grund zu einer Burg 928 gelegt habe, wird von dem Bischof Thietmar von Merseburg bezeugt. Wenn daneben in den frühesten Nachrichten eine Wasserburg erwähnt wird, die unterhalb des Rundturmes an der Ostecke des Burgkomplexes gelegen haben soll, so muß diese Angabe so lange zweifelhaft erscheinen, als sich von einer solchen Burg nicht die geringsten Spuren haben nachweisen lassen. Jedenfalls ist diese Mitteilung für die weitere Geschichte und Entwickelung der Stadt völlig bedeutungslos. Wie dann unter der Regierung Ottos des Großen von deutscher Seite die ernstesten Anstrengungen gemacht wurden, alles Land zwischen Saale und Elbe dem Deutschen Reiche einzuverleiben und zu behaupten, trotz der wechselnden Schicksale langdauernder Kriege und Unruhen, das ist bereits oben ([S. 26] u. [27]) mit Zeitangaben kurz belegt.

Abb. 26. Porzellanbrennofen der Königl. Porzellan-Manufaktur zu Meißen. (Zu [Seite 34].)

Für die Stadtentwickelung war es wohl von größerer Bedeutung, daß sie Bischofssitz wurde, als daß die Markgrafen zeitweilig bis zum Ende des elften Jahrhunderts hier ihren Sitz hatten, denn in dieser frühen Zeit war der Ort noch nicht im vollkommen sicheren Besitz der Deutschen. Doch soll schon in dieser Zeit, um 1025, die Elbbrücke angelegt sein, zunächst als Holzbrücke auf Steinpfeilern, denn es handelte sich darum, von der wichtigsten Burg an der Elbe auch einen dauernden Einfluß auf das überelbische Land im Osten zu gewinnen. Wenn gegenwärtig Dom und Burg das Stadtbild vor allem bestimmen, so wird nach oben erwähntem bischöflichem Einfluß auch der Dombau zuerst in Angriff genommen sein ([Abb. 21]).

Meißen.

Als ältester Bau gilt die Kapelle des heiligen Andreas, die 1269 vollendet wurde. Sie war eine Stiftung des Domherrn Konrad von Boritz, der sich auch um die Kolonisation namhafte Verdienste erworben hat. Die Kapelle gehört der Frühgotik an. Um dieselbe Zeit begann man mit dem Dombau und führte ihn bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts fort. Der Meißener Dom ist das früheste Beispiel eines Hallenbaues in den Elbgegenden. Der Chor entstand nach 1270, das Langhaus wurde in der Zeit von 1312 bis 1342 aufgeführt. In ihm befinden sich die Grabdenkmäler sächsischer Fürsten des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts. Damals entstanden auch (nach Gurlitt) die Statuen, die sich jetzt im Chor des Domes und in der Johanniskapelle befinden und Kaiser Otto und seine Gemahlin Adelheid, den heiligen Donatus, Johannes den Täufer u. a. darstellen. Gurlitt spricht dabei die Vermutung aus, daß unter dem Namen des deutschen Kaisers und seiner Gemahlin der prachtliebende Markgraf von Meißen, Heinrich der Erlauchte, selbst dargestellt sei nebst seiner dritten Gemahlin Elisabeth von Maltitz; denn Heinrich residierte in Meißen und war auch als Minnesänger bekannt und geachtet. Der Tannhäuser nennt ihn „Heinrich den Mizenäre“ und Walther von der Vogelweide kurzweg den „Mizenäre“ (Meißener).

Abb. 27. Meißener Gefäße in Scharffeuerfarben. (Zu [Seite 34].)

Abb. 28. Das Mädchen aus der Fremde.
Erzeugnis der Königl. Porzellan-Manufaktur zu Meißen. (Zu [Seite 34].)

Die Fürstenburg neben dem Dom, die erst 1676 offiziell den Namen Albrechtsburg erhielt, und jedenfalls eines der bedeutendsten Fürstenschlösser jener Zeit war, wurde unter der gemeinschaftlichen Regierung der beiden Brüder Ernst und Albrecht 1471 begonnen. Der Schöpfer des Baues, der denselben auch noch zehn Jahre bis zu seinem Tode leiten konnte, war der Baumeister Arnold aus Westfalen. Bei der Trennung der Hofhaltung beider Brüder 1482 wählte Albrecht Stadt und Schloß Torgau. Leider wurde die stolze Burg später, als die sächsischen Fürsten längst ihren dauernden Sitz in Dresden aufgeschlagen hatten, vernachlässigt und mußte über anderthalb Jahrhunderte die berühmte Meißener Porzellanfabrik in sich aufnehmen, bis erst nach der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts besondere Fabrikgebäude im Triebischtal errichtet wurden und die Albrechtsburg in würdiger Weise wieder hergestellt und mit Wandgemälden, die sich auf die Geschichte des Fürstenhauses und die sächsischen Lande beziehen, geschmückt werden konnte ([Abb. 22]). Diese Wiederherstellung der Albrechtsburg, die man den frühesten deutschen Palastbau genannt hat, war 1881 vollendet, nachdem die Porzellanfabrik schon 1864 daraus entfernt war.

Ein drittes Gebäude, das auf dem Höhenrande des Stadtgebietes errichtet, neben Dom und Burg die Silhouette des Stadtbildes mit bestimmt, ist die Fürstenschule, ein nüchterner, moderner Bau, der nur praktischen Zwecken dient und auf künstlerische Wirkung verzichtet hat. Ihre Gründung fällt in die Zeit Luthers, 1543. Ihre Bedeutung liegt darin, daß sie seit mehr als 300 Jahren eine vorzügliche Pflanzstätte humanistischer Bildung gewesen ist, aus der die bekanntesten sächsischen Dichter des achtzehnten Jahrhunderts: Gellert, Rabener und Lessing hervorgegangen sind. Dasjenige Erzeugnis aber, das den Namen Meißen in alle Weltteile getragen hat, ist das Porzellan der königlichen Fabrik ([Abb. 23]). Nachdem Johann Friedrich Böttger (gest. 1719) im Jahre 1707 das rote Steinzeug und 1709 das weiße Porzellan erfunden hatte, wurde die Fabrik schon im nächsten Jahre, 1710, in Meißen gegründet. Nach Berling (Das Meißener Porzellan, S. 27) wurde erst seit 1710 die auf dem Grundstücke des Hammerschmiedes Schnorr zu Aue im Vogtlande gegrabene Erde, die sogenannte Schnorrsche Erde, in der Meißener Porzellanfabrik verwandt, doch bildete daneben der weiße Ton von Colditz von Anfang an einen wesentlichen Bestandteil der weißen Masse. Unter der glänzenden Regierung Augusts des Starken wurde der damals herrschende Barockstil ganz besonders auch in den künstlerischen Gebilden des Porzellans angewendet und neben dem Rokoko, das sich ebenfalls für die zierlich koketten und bemalten Figürchen aus Porzellan eignet, bis auf die Gegenwart mit Erfolg beibehalten ([Abb. 24–28]). „Meißen hat dem Porzellan des achtzehnten Jahrhunderts das künstlerische Gepräge gegeben. Leicht, anmutig, gefällig in der Form, frisch, lebhaft, fröhlich in den Farben, so steht es vor uns. Nicht die Mutter des Rokoko ist es, wie man oft sagt, sondern eines seiner Kinder, allerdings das am reichsten entwickelte. — Es hat sich ein ganz besonderer Porzellanstil herausgebildet, der überwiegend von Meißen getragen erscheint und dessen Geschichte in großen Zügen die gesamte Entwickelung des Kunstgewerbes im achtzehnten Jahrhundert wiederspiegelt.“ (Lehnert, Das Porzellan, Bd. V der Ill. Monographien, S. 47.)

Abb. 29. Der Große Markt in Meißen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 34].)

Die Stadt Meißen, die sich zu Füßen des Burgfelsens und der anschließenden Höhen auf beschränktem Raume entwickelt hat ([Abb. 29]), zeigt in den krummen und ansteigenden Gassen und alten Häusern noch viel Altertümliches ([Abb. 30]) und bietet dem Maler zahlreiche Vorwürfe; namentlich aber ist die Gesamtansicht der Stadt von hoher malerischer Wirkung und unzählige Male gezeichnet, radiert, gemalt und photographiert. Daher denn auch die Stadt mit ihrer reizenden landschaftlichen Umgebung für den Fremden eine besondere Anziehungskraft besitzt und wohl unter allen kleineren Städten Sachsens am meisten besucht wird (vgl. [Abb. 10] u. [20]).

Abb. 30. Rote Stufen in Meißen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 34].)

Dresden.


Dresden, eine Großstadt von nahezu einer halben Million Einwohner, erscheint historisch an zweiter Stelle unter den Städten des Talkessels, hat aber im Laufe des letztvergangenen Jahrhunderts dermaßen die anderen überflügelt, daß gegenwärtig mehr als drei Viertel aller Bewohner des Talkessels von Pirna bis Meißen hier vereinigt leben. Und aus wie bescheidenen Verhältnissen ist sie erwachsen! Ein kleiner slavischer Rundling auf dem rechten Ufer, Fischerhäuschen auf der linken Seite des Stromes: das waren die Anfänge. Obwohl die Lage auf dem rechten Ufer günstiger scheint, wurde doch die deutsche Stadt Dresden auf dem linken Ufer errichtet ([Abb. 31]), das wir bereits als das deutsche Ufer bezeichnet haben, und zwar neben der slavischen Ansiedelung. Die Niederung der Elbaue war zum Teil mit Sümpfen und Teichen erfüllt, zwischen denen eigentlich kaum genügender Raum für eine Stadtanlage vorhanden war. Diese Sümpfe oder Seen, wie der Städter sie nannte, gewährten aber andererseits wieder dem Orte gegen unerwartete Überfälle und Angriffe Schutz. Jetzt sind diese Lachen verschwunden, aber Lokalnamen in der Stadt, wie Seestraße, Am See, Seevorstadt erinnern noch an die alten Zustände. Daß hier ursprünglich nur Sumpfwald und Gebüsch bestanden haben kann und daß danach die Slaven ihre Ansiedelung benannt haben, muß als die natürlichste Erklärung des Stadtnamens gelten, der in der Form dresga Sumpfland und Gebüsch bedeutet, wonach dann die Bewohner dresjan, d. h. Bewohner des Sumpfwaldes waren. Mit dieser Erklärung ist die früher beliebte Deutung des Namens Dresden als Fähre, Übergang über den Fluß (slavisch Trasi) gefallen. Aus der Entwickelung der Stadt ergibt sich auch, daß der Begriff einer Fähre historisch später zutreffend war, aber nicht von Anfang an paßte; abgesehen davon, daß sprachliche Bedenken gegen die Ableitung von Trasi erhoben sind. Aber die kleinen slavischen Siedelungen, die zum Burgwarde Brießnitz gehörten, traten lange Jahre noch hinter diesem benachbarten Dorfe derart zurück, daß auch in kirchlicher Beziehung Dresden von Brießnitz abhängig war. Brießnitz war nicht bloß die zweitälteste Kirche an der Elbe, sondern auch die Mutterkirche für Dresden. Die Frauenkirche, die älteste Kirche im Dorf Dresden, war eine Filiale von Brießnitz, und Dresden gehörte auch noch im ganzen Mittelalter zum Kirchensprengel von Brießnitz. Da die Frauenkirche nun vermutlich schon im elften Jahrhundert gegründet ist, so konnte sie nicht wohl in dem wahrscheinlich größeren Dorfe Dresden am rechten Elbufer errichtet werden, weil die Elbe noch bis ins zwölfte Jahrhundert die christliche und die heidnische Uferseite des Stromes trennte. Dresden selbst wird urkundlich zuerst 1206 genannt und zehn Jahre später, 1216, als Stadt bezeichnet. So wird also die Gründung der Stadt in den Anfang des dreizehnten Jahrhunderts fallen. Die markgräfliche Burg ([Abb. 32]) und die Stadt lagen aber neben der slavischen Siedelung, die sich wohl um die Frauenkirche scharte; denn auch die Frauenkirche lag außerhalb der Stadt. Und wie nun sehr bald die Burg in Dresden sich in ihrer Bedeutung rasch über die Burg Brießnitz erhob, gewann auch die neue Stadt, die ihren Namen vom slavischen Nachbarorte entlehnt, bald das Übergewicht über das Dorf und nahm schließlich die alten Ansiedelungen auf beiden Seiten der Elbe in sich auf.

Abb. 31. Dresden von der Bärbastei. 1820. Nach dem Stich von L. Richter.
Aus: „Dreißig malerische An- und Aussichten von Dresden und der nächsten Umgebung“. (Zu [Seite 35].)

Die Elbbrücke.

Wie bei vielen neuen Städten im slavischen Koloniallande, wurde auch die Stadt Neudresden, wie sie im Gegensatze zum Dorfe Altdresden genannt wurde, nach einfachem Grundplane angelegt. In der Mitte lag der Marktplatz ([Abb. 33]), gleichsam das Herz der Stadt, der Mittelpunkt des städtischen Lebens und Verkehrs, und eine Reihe Gassen, die sich rechtwinkelig schnitten, berührten die Seiten des Marktes oder liefen ihnen parallel. Die wichtigsten Gassen — denn diesen besseren Namen hatten die Straßen bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, wo von Norddeutschland her sich der auch sprachlich unschöne Name Straße eindrängte — waren die Elbgasse, die vom Markte nach und über die Elbe führte und die seit dem sechzehnten Jahrhundert Schloßgasse hieß, und die wilische Gasse, jetzt Wilsdruffer Straße. Wie auch heute, war schon damals der Punkt am Markte, wo diese beiden Gassen sich trafen, am meisten vom Verkehr belebt. Denn die wilische Gasse führte über Wilsdruff nach Freiberg. Freiberg war älter als die Stadt Dresden; und je mehr sich der Bergbau entwickelte, um so mehr hob sich auch der Verkehr nach und von Dresden. Freiberg war aber im ganzen Mittelalter bedeutender und volkreicher als Dresden. Dresden lag nicht an der ältesten Verkehrsstraße, die von Merseburg und Leipzig her durch das Flachland ostwärts führte und im Burgwart Boritz, südlich von Riesa, den bequemsten Elbübergang fand, um weiter nach Polen zu ziehen. Aber in dem ganzen Elbtalkessel hatte Dresden eine einzig günstige Lage, um einen bequemen Übergang über den Strom zu gestatten. Sonst traten, sei es am rechten oder linken Ufer, die steilen Bergabhänge hemmend in den Weg, und nur allein bei Dresden senkte sich sowohl vom Erzgebirge, als von dem Lausitzer Hochlande her das Gelände so allmählich, daß auch Warenzüge die Schwierigkeiten der Talsenkung leicht überwinden konnten. Als nun mit der Entwickelung des Bergbaues das höhere Bergland rasch besiedelt wurde, mußte die Straße von Freiberg den Elbübergang in Dresden suchen. Ihm diente in der Stadt die wilische Gasse, aus der dann aber am Markte die Elbgasse rechtwinkelig zum Strome abbog. Darin liegt die Erklärung, daß die Ecke am Altmarkt, bei der heutigen Löwenapotheke, von jeher die verkehrsreichste Stelle in der ganzen Stadt war.

Abb. 32. Hof im Königl. Schlosse zu Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 36].)

Nach dem erst in neuerer Zeit geschehenen Durchbruche der König-Johannstraße vom Altmarkte nach dem Pirnaischen Platze ([Abb. 34]), ist auch dieser Platz durch den immermehr wachsenden Verkehr, namentlich da sich die Vorstädte nach Südosten am meisten ausdehnen, außerordentlich stark belebt und bietet eins der interessantesten Verkehrsbilder der Stadt.

Die Elbbrücke bestand seit 1222, und zwar zunächst nur aus Steinpfeilern mit Holzverbindung, ähnlich wie in Meißen. Ganz in der Nähe lag die markgräfliche Burg in dem Stadtteil, der heute noch der Taschenberg heißt. Mit dem Worte Tasche bezeichnete man den Abhang zur Elbe. Die Burg beherrschte die Hauptverkehrslinie und den Zugang zur Brücke. Entfernter lag, aber auch in der Nähe des Marktes, die erste, dem heiligen Nikolaus, dem Patron der Schiffer und Fischer, geweihte Nikolaikirche. Als der jugendliche Markgraf Heinrich der Erlauchte (1221–1288) 1234 sich mit Constantia, der Tochter des Herzogs Leopold von Österreich vermählte, brachte diese als besonders wertvoll geachtete Reliquie ein Stück vom Kreuze Christi mit. Zur würdigen Aufstellung wurde an die Kirche eine Kapelle angebaut, die man die Kreuzkapelle nannte. Dieser Name verdrängte bald den Namen des heiligen Nikolaus und dann hieß die Hauptkirche allgemein „Kreuzkirche“. Zur Verehrung der Reliquie entstanden Wallfahrten. Die dadurch der Stadt zufließenden Einnahmen sollten zur Erhaltung der Brücke verwandt werden. Da nun der Wunsch, diese Brücke ganz aus Stein zu errichten, bedeutende Mittel erforderte, so wurde, um diese zu beschaffen, 1319 von seiten der Kirche gestattet, allen Wallfahrern einen vierzigtägigen Ablaß zu verheißen. Die dadurch erzielten Einnahmen flossen zunächst dem Vermögen der Kirche zu, aber diese hatte die Verpflichtung, für den Ausbau der Brückenbogen zu sorgen. So flossen Kirchen- und Brückeneinnahmen zusammen und werden bis heute unter dem Namen „Brückenamt“ verwaltet.

Abb. 33. Der Altmarkt mit dem Rathause zu Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 36].)

Die Häuser der Stadt waren anfänglich noch recht ärmlich und bestanden aus Holz und Lehm mit Strohdach, später aus Fachwerk mit Schindeln. Steinhäuser gab es noch wenig. Auf dem sumpfigen Boden waren die ursprünglichen Fahrwege nur Knüppelwege mit Kiesaufschüttung, von denen man deutliche Spuren noch 1898 beim Schleusenbau auf der Schloßstraße aufgedeckt hat. Erst in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts (1558) wurden die Straßen nivelliert und gepflastert.

Die Bürger waren ausschließlich Deutsche, doch durften auch Slaven in einer besonderen, ihnen angewiesenen Gasse wohnen. Sie hieß daher die windische Gasse, jetzt Galeriestraße. Da in der Stadt das Magdeburger Recht galt, so hat man mit Recht daraus geschlossen, daß die Kolonisten aus Niedersachsen stammten.

Dresden wird Residenz.

Es war für die junge Stadt von Bedeutung, daß Heinrich der Erlauchte die letzten Jahre, von 1277–1288, beständig in Dresden residierte. Bei seinem Tode, 1288, überwies seine Witwe die Güter Leubnitz und Goppeln bei Dresden dem Kloster Altzelle, wo Heinrich auch seine Grabstätte fand. Das Kloster erhielt damit auch das Recht, sich einen Verbindungsweg zwischen Altzelle und Leubnitz zu schaffen, der, wenn er auch gelegentlich durch ein Bauerngehöfte führte, Tag und Nacht dem Verkehr offen gehalten werden mußte. Dieser Weg führte als Zellescher Weg nahe an der Stadt vorbei und ist gegenwärtig, da sich Dresden über diesen Weg hinaus ausgebreitet hat, noch in einem Straßennamen erhalten. Nach Aufhebung des Klosters 1550 kam das Gut an Dresden.

Schicksale der Stadt Dresden im Mittelalter.

Nach Heinrichs Tode folgten lange unruhige Zeiten, bis Markgraf Wilhelm I. seit 1387 seinen Sitz in Dresden nahm. Aber auch das fünfzehnte Jahrhundert begann wieder durch die hussitische Bewegung mit neuen Drangsalen für die Stadt, bis 1459 endgültig Friede geschlossen wurde. Zwar hatte schon am Ende des dreizehnten Jahrhunderts die Stadt Dresden Mauern besessen, 1299 werden sie zum erstenmal erwähnt; aber als man nach der Niederlage der Sachsen bei Aussig 1426 einen neuen Einfall der Böhmen fürchtete, schritt man eiligst zu einer Verstärkung der Befestigung durch vorgeschobene Mauern an den gefährdetsten Stellen und so entstand 1427 am Taschenberge der „Zwinger“, ein Name, der heute noch die schönsten und eigenartigsten Bauwerke mit ihren weltberühmten Kunstschätzen umfaßt.

Als dann 1429 Prokop mit den Hussiten vor Dresden erschien, fiel ihm zwar der Ort rechts der Elbe, der als „Neustadt Dresden“ ([Abb. 35].) 1403 Stadtrechte erhalten hatte, in die Hände, aber die Residenz der Markgrafen, die feste Stadt an der linken Elbseite, nicht.

Abb. 34. Pirnaischer Platz in Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 37].)

Im Jahre 1465 schlugen die Söhne des Kurfürsten Friedrich II., Ernst und Albert, ihren Sitz in Dresden auf; für die erweiterte Hofhaltung mußte daher auch das Schloß vergrößert werden. Diesen Bau leitete von 1471–1474 Meister Arnold, der um dieselbe Zeit die Albrechtsburg in Meißen baute. Bei dem 1485 abgeschlossenen Teilungsvertrag zwischen den beiden fürstlichen Brüdern fiel Dresden dem jüngeren Bruder Albrecht zu und verblieb seit jener Zeit ununterbrochen im Besitz der Albertinischen Linie.

Albrecht selbst residierte zu selten in Dresden, um Einfluß auf die Entwickelung der Stadt zu üben; aber die Stadt selbst gewann während seiner Zeit — leider durch ein großes Brandunglück, dem 1491 die Hälfte aller Häuser zum Opfer fiel — ein durchaus anderes Ansehen, da beim Wiederaufbau alle Eckhäuser von Stein und Ziegeln gebaut werden mußten und auch sonst den Bürgern, die sich verpflichteten, feuersichere Wohnungen zu bauen, mancherlei Vergünstigungen zu teil wurden. Noch in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts wird die Bevölkerung auf nicht mehr als 6000 Seelen geschätzt. Einen neuen Aufschwung gewann sie erst nach Albrechts Tode 1500, unter der Regierung des Herzogs Georg (1500–1539).

Abb. 35. Neustädter Markt in Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 39].)

Abb. 36. Großer Ballsaal im Königl. Schlosse zu Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 40].)

Das Königliche Schloß.



Es kamen auch in diesem Jahrhundert „geschwinde Zeiten, weil man sich nicht wenig von den Türken und Wiedertäufern, je länger je mehr eines Ein- und Ueberfalls und anderes Schadens befahren mußte“. Darum war die nächste Sorge des Herzogs, neue festere Mauern um die Stadt mit Wall- und Wassergräben zu bauen. Die fürstliche Wohnung wurde durch den Bau des Georgenschlosses ([Abb. 36], [37], [38]) erweitert und 1534 das neue Torhaus nach der Elbe durch Hans Dehne Rothfelser begonnen, ein auch wegen seiner Skulpturen vielbewunderter Prachtbau. Leider wurde das Georgenschloß mit seinem herrlichen Giebel 1701 zum Teil durch Feuer zerstört. Kurfürst Moritz ließ dann 1547 das ältere enge und winkelige Schloß abbrechen und erneuern. Die Stadt wurde dadurch erweitert, daß die Frauenkirche samt ihrer Umgebung, die bis dahin außerhalb der Mauern gelegen hatte, in die Stadt einbezogen und in den Mauerring aufgenommen wurde. Damit wurde zugleich ein neuer Marktplatz gewonnen, der im Gegensatz des früheren, nun Altmarkt genannten, der Neumarkt hieß. Auch wurden die beiden bisher in der Verwaltung getrennten Städte Altstadt und Neustadt um 1550 zu einer Stadtgemeinde vereinigt. Die beiden wichtigsten Stadttore, das Brückentor und das wilische Tor wurden verstärkt, das Brückentor noch weiter hinausgerückt und zählte dann zu den sieben Wunderwerken. Daß alle übrigen Tore nach außen hin keineswegs die Bedeutung für den Verkehr hatten, als die beiden genannten, wird recht ersichtlich daraus, daß man im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts, zuerst 1548 das nach Süden geöffnete Seetor zumauerte, dafür mehr nach Südosten das Kreuz- oder Salomonistor öffnete, aber auch dieses 1592 wieder vermauerte und im Osten der Stadt das pirnische Tor dafür erbaute. Gegen das Gebirge zu war das Bedürfnis für eine Verkehrsstraße, wie es scheint, nicht vorhanden, eher in der Richtung flußaufwärts nach Pirna; aber als am Ende des siebzehnten Jahrhunderts, 1678, der Große Garten ([Abb. 39]) angelegt wurde, mußte auch der Weg nach Pirna sich einen unbequemen Umweg, zur Ausbiegung vor dem Großen Garten gefallen lassen, gewiß ein Zeichen, daß das öffentliche Interesse an der Erhaltung eines natürlichen Straßenverlaufes nicht so mächtig war, als das private Interesse des Fürsten: oder mit anderen Worten, der Verkehr Dresdens ging vielmehr quer über die Elbe und die Elbbrücke, als im Elbtal entlang. Erst das achtzehnte Jahrhundert wurde für den architektonischen Charakter der Stadt und ihre kunstgeschichtliche Bedeutung maßgebend; und hier waren es in der ersten Hälfte des Jahrhunderts die beiden Fürsten August der Starke (1696–1733) und Friedrich August II. (1733–1763), denen die Stadt die hervorragendsten Bauwerke und die Pflege und Bereicherung der unvergleichlichen Kunstschätze verdankt. Nach dem Schloßbrande von 1701 beschloß August der Starke den Bau eines großen Königlichen Schlosses, das in Größe des Entwurfes und Pracht der Ausführung mit den Bauten in Versailles wetteifern sollte. Die Ausführung wurde Daniel Pöppelmann (1662–1736) übertragen. Als geeignetster Bauplatz erschien der Raum zwischen den Mauern des Zwingers, der bereits in einen Garten umgewandelt worden war; aber die Schloßanlage sollte bis an die Elbe reichen. Denn es handelte sich nicht bloß um einen Schloßbau, sondern um eine Vereinigung von großen Speise-, Spiel- und Tanzsälen mit Bädern, Grotten, Bogenstellungen, Lust- oder Spaziergängen, Baum- und Säulenreihen, Gras- und Blumenbeeten, Wasserfällen und Lustplätzen, auf denen alle Arten öffentlicher Ritterspiele, Gepränge und andere Lustbarkeiten des Hofes abgehalten werden konnten. So begann man mit dem ersten großen Vorhof und den ihn umgebenden Galerien und Pavillons, ohne bei den ungeheuren Kosten bis zur Grundsteinlegung des Schlosses selbst zu kommen. Aber auch so, in seiner unvollendeten Gestalt, erregen die Gebäude des Zwingers ([Abb. 40] u. [41]), wie jetzt die Schöpfung Pöppelmanns genannt wird, in der Leichtigkeit und Kühnheit, mit der der Baumeister die phantastischen Formen des Barocks beherrschte, die allgemeinste Bewunderung. Der Zwinger ist, nach Steche, mit keinem Bauwerk der Welt vergleichbar, er überragt bei weitem die französischen Bauten gleicher Zeit und gleicher Zwecke, er ist das ganz individuelle Werk zweier sich ergänzender geistvoller Männer, Friedrich Augusts I. und Pöppelmanns, und das Charakteristikum einer ganz originalen sächsischen Kunst. Ganz besonders ragt das nach der Ostra-Allee ([Abb. 42] u. [43]) führende Südtor empor, das sich im Sinne eines römischen Triumphbogens aufbaut, aber in ein Gemisch von Willkür und Haltung, von Ungezogenheit und Grazie sich verliert. Jede ruhige Masse ist fast vermieden bei diesem aus Säulen, Pilastern und Anten zusammengefügten luftigen Gloriettenbau mit seinen vielen Figuren, Blumenkörben, Blumenvasen und seinem kioskartigen Kronenabschluß.

Abb. 37. Gobelinzimmer im Königl. Schlosse zu Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 40].)

Einen neuen Abschluß erhielt erst der nach der Elbe offengebliebene Zwingerbau durch die Einfügung des in edlem Renaissancestil von Gottfried Semper errichteten Prachtgebäudes für die Gemäldegalerie (1846–1855). Alle Teile des Zwingerbaues dienen gegenwärtig der Aufstellung naturwissenschaftlicher Sammlungen und inmitten des inneren Zwingergartens erhebt sich das von Rietschel 1843 geschaffene, würdige Denkmal Friedrich Augusts des Gerechten (1768–1827).

Die Frauenkirche.

Ein zweiter für die Stadt ebenso charakteristischer, aber ganz anderem Kunstgeschmack huldigender Bau war die Frauenkirche (1726–1748, [Abb. 44]) von George Bähr (1666–1738). Bähr war nach H. Hettners Urteil der einzige deutsche Baumeister des achtzehnten Jahrhunderts, der mit Ehren neben dem großen Andreas Schlüter genannt werden kann. Als rings um ihn, auch im Kirchenstil, entweder der verwildertste Barockstil oder die kahlste Nüchternheit herrschte, war er es allein, der in die gute italienische Renaissance zurückgriff und nach dem Muster der Peterskirche einen Bau errichtete, der in seiner Haltung und Gliederung so durchaus organisch aus sich herausgewachsen und in seinen Massen und Maßen so kraftvoll und würdevoll ist, daß kein zweiter deutscher Kirchenbau des gesamten Jahrhunderts an Mächtigkeit des Eindrucks auch nur entfernt ihm gleichkommt.

Ihre mächtige Kuppel widerstand bei der Belagerung 1760 selbst den preußischen Kanonenkugeln, durch die der Kreuzturm in einen Schutthaufen verwandelt wurde. Und sehr bezeichnend sagt nach der Beschießung der Prediger am Ende in seiner ersten Predigt, in der er dankerfüllten Herzens der Erhaltung des herrlichen Bauwerkes gedachte, daß die ganze Kirche von Grund auf bis oben hinaus gleichsam nur ein Stein sei.

Abb. 38. Arbeitszimmer des Königs von Sachsen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 40].)

Die Augustusbrücke.

Als drittes Bauwerk, das, wenn auch nicht unter August dem Starken neu geschaffen wurde, aber doch seine jetzige Gestalt erhielt, ist die Elbbrücke zu nennen, die danach den Namen Augustusbrücke erhielt und noch jetzt so oder die Alte Brücke heißt. Ihr Neubau wurde von 1727–1730 ausgeführt. Zwar war die steinerne Elbbrücke schon seit Jahrhunderten die Bewunderung aller Reisenden gewesen und wurde in den Reisewerken und Reiseführern als ein einzig dastehendes Wunderwerk gerühmt. Von nun aber war dieser Ruhm noch erhöht und hat bis auf den heutigen Tag unzählige Male den Künstlern zum Vorwurf gedient, um verbunden mit An- und Aussichten von dieser Brücke aus originelle Stadtansichten zu schaffen. Aber leider sind ihre Tage gezählt, denn sie bildet mit ihren engen Bogen ein wesentliches Hemmnis für den wachsenden Elbverkehr und schon mancher schwerbeladene Kahn ist an ihren Pfeilern gescheitert und samt der Ladung verloren gegangen. Noch kürzlich wurde dieser Brücke folgender, ich möchte sagen, ehrenvolle Nachruf gewidmet: Ein altbewährtes Wahrzeichen Dresdens und zugleich ein eigenartiges künstlerisch wertvolles Bauwerk erlebt, den Hamburger Nachrichten zufolge, heuer seinen letzten Sommer. Die Augustusbrücke, die jahrhundertelang als die „Dresdener Brücke“ schlechthin bekannt war und noch jetzt die schönste (?) unter den fünf großen Brücken zwischen Altstadt und Neustadt ist. Was diese altehrwürdige Brücke, die sozusagen zum Dresdener Stadtbild gehört, zum erklärten Liebling der Maler der verschiedensten Perioden gemacht hat, ist die stämmige, wuchtige Kraft ihrer stolzen Pfeiler, der schöne Schwung ihrer Bogen, die stolze Wölbung ihres Niveaus und ihre landschaftlich überaus günstige Lage über einer Biegung des Elbstroms, der zufolge man beim Durchblick durch jeden ihrer Bogen ein neues reizvolles Bild genießt. Tausendmal ist der altersgeschwärzte Bau gemalt worden; Canalettos Brückenbild ([Abb. 45]) ist weit bekannt und noch in der neuesten Zeit ist ihr in Gotthard Kühl ein verständnisvoller Meister entstanden, der mit seinen Bildern der Augustusbrücke selbst ihre bei regentrübem Wetter und winterlicher Abendbeleuchtung noch vorhandenen intimen Reize offenbar gemacht hat. Zudem kommt noch, daß das zwischen den breitgegründeten engen Bogen durchschießende Wasser mit seinen mannigfachen Strudeln und Lichteffekten den Künstler ganz besonders reizen mußte. (Allg. Zeitung 1902, No. 152.)

Abb. 39. Palais und Deich im Großen Garten zu Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 41].)

Der Rat zu Dresden hat sich neuerdings für einen völligen Neubau entschieden, der an der Stelle, wie jetzt, den Strom überbrücken soll. Die Brücke soll aus Stein aufgeführt und von 11 m auf 18 m verbreitert werden, auch sollen die Pfeiler, soweit möglich, in den alten Formen gehalten werden, daß die Bögen in gleichmäßig gerundeten Linien verlaufen. Doch wird die Zahl der Pfeiler von dreizehn auf neun verringert und dadurch die Möglichkeit gegeben, den jetzt schwierigen und gefürchteten Schiffahrtsweg durch die mittleren Bögen durch weitere Spannung der Bögen wesentlich zu erleichtern. Während die Spannweite dieser Bögen jetzt nur 21 m und 17,2 m beträgt, ist für den Neubau eine Spannung von 40 und 36 m in Aussicht genommen. Alsdann nimmt nach beiden Ufern die Spannweite der Bögen ab. Architektonisch bilden die fünf größeren mittleren Bögen der geplanten neuen Brücke eine harmonisch abgeschlossene Gruppe für sich, deren Grenzpfeiler mit gekröntem Wappenschild und einem kleinen Aufbau geschmückt sind. Nach der Altstadt zu schließen sich zwei, nach der Neustadt zu drei Seitenbögen an. Gegen den jetzigen gedrungenen Bau der Augustusbrücke ergibt sich dadurch ein schlankeres Brückenbild.

Abb. 40. Der Zwinger in Dresden. Gesamtansicht.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 42].)

Die Brühlsche Terrasse.


Zum Bilde der Brücke gehört aber auch die anliegende Brühlsche Terrasse ([Abb. 46]). Es ist das erste Werk, das während der Regierung Friedrich August II. (1730–1763), wenn auch nicht durch ihn selbst angeregt, entstand und zu den für das Stadtbild charakteristischen Anlagen gehört. Die Terrasse wurde 1738 auf Befehl des allmächtigen Ministers Brühl als vornehmer Privatgarten auf den Festungswerken über der Elbe errichtet, wurde aber erst im neunzehnten Jahrhundert, 1814, durch den damaligen russischen Militärgouverneur Repnin allgemein zugänglich und somit zu öffentlichen Anlagen umgestaltet, indem er vom Schloßplatze die große Freitreppe ([Abb. 47]) anlegen ließ, die später, 1872, durch die prächtigen Gruppen der vier Tageszeiten von Schilling geschmückt wurden. Von der Höhe der Terrasse bieten sich sowohl nach Nordwesten bis zu den Lößnitzer Weinbergen, als nach Osten gegen die Waldhöhen der Dresdener Heide so fesselnde Landschaftsbilder, deren Reiz durch den zu Füßen des Beschauers dahinfließenden belebten Strom noch wesentlich erhöht wird, daß man ähnliches schwerlich inmitten einer Großstadt finden wird. Darum bewahrt auch die Terrasse zu allen Tages- und Jahreszeiten ihre mächtige Anziehungskraft nicht nur für den Fremden, der den Besuch dieser hochgelegenen, aussichtsreichen Anlagen oft der Besichtigung der Museen vorzieht. Für Dresden war es ein großes Glück, daß der kunstliebende König und Kurfürst Friedrich August II. mehr in Dresden als in Warschau lebte und daß er zur Verschönerung Dresdens noch größeren Glanz entfaltete. Vor allem galt es, da mit August dem Starken die königliche Familie zum katholischen Glauben übergetreten war, um die polnische Krone zu gewinnen, eine prächtige, dem Zeitgeschmack huldigende katholische Kirche ([Abb. 48]) zu erbauen. Sie wurde neben dem Zwinger und der Frauenkirche das dritte charakteristische Bauwerk der Stadt, das schon von ferne den Blick auf sich zog, und wurde in der Zeit von 1739–1751 durch den italienischen Baumeister Gaëtano Chiaveri (1689–1770) nur mit italienischen Bauleuten ausgeführt. Dabei entstand auf dem heutigen Theaterplatz das italienische Dörfchen, eine Reihe kleiner Wohnungen für die Arbeiter und daneben Steinmetzhütten, Kalkhütten, Tischler-, Schlosser- und Schmiedewerkstätten etc., die erst im neunzehnten Jahrhundert bis auf die Gebäude unmittelbar an der Elbe beseitigt wurden. Nur diese sind als vielbesuchte Restaurants erhalten und heißen noch das „Italienische Dörfchen“.

Abb. 41. Der Zwinger in Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 42].)

Die Kreuzkirche.

Mit großem künstlerischen Geschick hat Chiaveri nicht bloß den Platz, sondern auch die Lage der Kirche und des Turmes gewählt. Er wich dabei von der üblichen Orientierung der Kirchen ab und legte den Chor südwestlich an, wodurch der Bau auf dem freien Platze neben dem Schlosse und der Brücke zur vollen Geltung kam. Ganz besonders merkwürdig ist die Stellung des Turmes, der nicht nur die ganze Elbseite beherrscht, sondern auch aus dem Inneren der Stadt über der ganzen Länge der Schloß- und Seestraße, und von der Moritzstraße her in voller Höhe gesehen wird. Die Kirche ist in dem für Italien maßgebenden Barockstil des siebzehnten Jahrhunderts errichtet; alles ist dabei auf malerische Wirkung berechnet und der Gesamteindruck durch die geschickte Verwendung von achtundsiebzig Statuen hoch oben auf dem Rande des Kirchendaches erst vollendet. Diese Statuen, Werke Mattiellis, sind perspektivische Kunstwerke und optische Kunststücke, denn auf die Verkürzungen, die bei der hohen Stellung der Figuren für den Beschauer unten entstehen, ist die größte Rücksicht genommen. Dadurch ist erreicht, daß die Statuen von nah und fern stets in klarer Silhouette erschienen. H. Hettner mag in strengerer Beurteilung der Statuen recht haben, wenn er behauptet, sie seien zum Teil von den allermanieriertesten Motiven, unnatürlich in der Form, gewaltsam in Stellung und Bewegung, völlig stillos in dem unruhigen Flattern der Gewänder, aber er kann sich dem Gesamteindruck auch nicht entziehen und gesteht, daß sie wesentlich dazu beitragen, das barocke aber geniale Werk in seiner überraschenden Wirkung zu steigern. „Man kann sogar ketzerisch genug sein, im Ernst zu behaupten, daß eine strengere Formengebung zu der architektonischen Umgebung, zu der heiteren Brücke und den lachenden Elbufern weit weniger malerisch stimmen würde. Weder der Außenbau noch der Innenbau ist kräftig. Es ist die kokette Grazie des Zopfstils.“

So bildete also diese Kirche einen strengen Gegensatz zu der protestantischen Frauenkirche und von diesem Gesichtspunkte aus konnte das 1883 errichtete Lutherstandbild (nach Rietschels Lutherdenkmal in Worms) keinen geeigneteren Platz finden als vor der Frauenkirche.

Abb. 42. Äußere Ansicht des Zwingers.
Älteste Darstellung nach dem Stich von Veith. (Zu [Seite 42].)

Die Kunstsammlungen Dresdens.

Endlich gehörte zu der Vollendung des Stadtbildes noch die neu erstandene Kreuzkirche, deren Neubau 1764 begonnen und 1792 vollendet wurde. Immer aber handelte es sich bei dem historischen Stadtbilde nur um die Altstadt Dresden am linken Elbufer. Nur dieser Ansicht gelten auch H. Hettners Worte: „Es ist eines der anmutigsten und zugleich stolzesten deutschen Städtebilder, wenn wir auf der schönen Dresdener Elbbrücke (Augustusbrücke) stehen und die hochragende kühngeschwungene Kuppel der Frauenkirche und die keck anmutigen, leicht- und feingegliederten Massen der katholischen Hofkirche vor uns schauen. Beide Bauten stammen aus jener merkwürdigen Zeit, in welcher Dresden nach dem Ruhme strebte, das deutsche Versailles und zugleich das deutsche Florenz zu sein.“ Dresden behauptete damals in Kunst- und Prachtliebe den unbestrittensten Vorrang. Denn die Fürsten des Landes errichteten nicht bloß die bedeutendsten Bauwerke, sondern sie betätigten ihre Liebe zur Kunst und ihr Verständnis dafür auch durch die Erwerbung von Kunstschätzen allerersten Ranges. August der Starke legte 1728 den Grund zu der Antikensammlung durch die Erwerbung der Chigischen und Albanischen Sammlungen in Rom (vom Fürsten Agostino Chigi und vom Kardinal Albani), zu denen dann unter Friedrich August II. 1736 auch die herrlichen aus Herculaneum stammenden Frauengestalten kamen, die man aus dem Nachlasse des Prinzen Eugen erwarb. Mit gleichem Eifer wurde von August dem Starken auch die Bildergalerie eigentlich begründet, indem zunächst seit 1722 aus den verschiedenen Schlössern die Gemälde zu einer Sammlung vereinigt wurden. Dies geschah infolge eines kurfürstlichen Befehls vom Juli 1722, wonach alle in den kurfürstlichen Schlössern des Landes, sowie teilweise in den dazu gehörigen Kirchen und Kapellen vorhandenen Gemälde verzeichnet und nach geschehener Inventur auf ihren Wert geprüft werden sollten. So wurden über 4700 Gemälde inventarisiert, darunter 3110 wertvollere, und über 1590 minder wertvollere, aus denen dann in der Zeit von 1723 bis 1747 eine Auswahl für die Gemäldegalerie getroffen wurde, die ihre Aufstellung in dem von Kurfürst Christian I. 1586 und 1587 erbauten Reisigen-Stalle am Judenhofe erhielt. Die ganze Galerie umfaßte anfangs schon 1938 Gemälde.

Zur Vermehrung und Bereicherung dieser Sammlung wurden dann mit hochgestellten Männern, mit Malern und namentlich mit niederländischen Kunsthändlern in Brüssel, Antwerpen und Amsterdam Verbindungen angeknüpft. Von allen Seiten beeilte man sich, den Wünschen des Königs entgegen zu kommen. Selbst ausländische Fürsten wie der Papst Innocenz XIII., der König Viktor Amadeus von Sizilien (Sardinien), der Statthalter der Niederlande u. a. bestrebten sich, das löbliche Unternehmen nach Kräften zu fördern.

Abb. 43. Der Zwingerteich in Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 42].)

Die Gemäldegalerie.

Noch mehr begeistert für die Kunst zeigte sich der Nachfolger Augusts des Starken, sein Sohn Friedrich August II., der schon als Kronprinz bei seinem wiederholten Aufenthalte in Italien in den Jahren 1712, 1713, 1716 und 1717 unablässig für die Erwerbung hervorragender Gemälde eifrig Sorge getragen hatte. Nach seinem Regierungsantritte, am 1. Februar 1733, steigerte sich das Interesse für Bereicherung der Kunstsammlungen noch erheblich und dabei war sein Augenmerk namentlich auf Italien gerichtet. Und hier waren besonders der Graf Algarotti Ventura Rossi, der Gesandte Villio, der alte Kunstkenner Zanetti in Venedig und der Maler C. C. Giovannini in Bologna tätig. Daneben fanden sich auch hilfreiche Geister in Frankreich (Legationssekretär de Brais und der Maler Rigaud), in den Niederlanden und hie und da in Deutschland. Auch in Dresden selbst fehlte es nicht an einflußreichen Ratgebern, wie der Graf Brühl, der Hofmaler Dietrich, der Generaldirektor der Kunstakademie Christian Ludwig von Hagedorn, der Hofmaler Raphael Mengs, der Oberlandbaumeister Pöppelmann. Die bisherigen Räume der Galerie reichten bald nicht mehr aus, so daß 1744 ein Umbau vorgenommen werden mußte. Einstweilen wurden die Gemälde mittels Militär nach der Neustadt in das Japanische Palais geschafft, wo sie bis 1746 blieben. Bei der Neuaufstellung im Stallgebäude (jetzt Johanneum) war man bestrebt, wenigstens bei den vorzüglichen Originalbildern die Gemälde nach Schulen und Landschaften zu ordnen, „während sonst öfter Florentiner und Römer unter den Niederländern und Holländern, man weiß nicht aus welchen Gründen, ihren Platz gefunden hatten.“ (W. Schäfer, Die k. Gemälde-Galerie I. 47.)

Abb. 44. Die Frauenkirche in Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 42].)

Unter den wichtigsten Erwerbungen in diesem Zeitraum sind für 1741 zu nennen 268 Gemälde aus der Sammlung des Grafen Waldstein im Schlosse Dux in Böhmen, für 1743 der Ankauf mehrerer Gemälde von Paul Veronese für nur 4000 Taler, sodann die Kopie der Holbeinschen Madonna für 22000 Lire und dann 1745/46 die Gewinnung von 100 wahrhaft klassischen Gemälden aus der Sammlung des Herzogs Franz von Este-Modena für 100000 Zecchinen (etwa 1 Million Mark).

Dresden als deutsches Florenz.

Unter diesen Meisterwerken italienischer Kunst, die auf fünf Wagen verpackt im August 1746 glücklich nach Dresden gelangten, nachdem während des Handels zahllose Schwierigkeiten hatten überwunden werden müssen, befanden sich sechs Gemälde von Correggio, darunter die weltberühmte „Heilige Nacht“ ([Abb. 49]), die Madonna mit dem heiligen Georg ([Abb. 50]) und die büßende Magdalena, der Zinsgroschen von Tizian ([Abb. 51]), ferner Bilder von Andrea del Sarto, Dosso Dossi, Carlo Dolce, Guido Reni, Giulio Romano, Caravaggio, Paul Veronese, Pordenone, den drei Carracci und Guercino; sodann aber waren auch Spanier, wie Ribera und Velasquez, Niederländer wie Rubens und van Dyck vertreten. Dazu kam 1748 noch eine Anzahl von 69 Gemälden aus der kaiserlichen Galerie zu Prag für 50000 Taler, darunter befanden sich u. a. van Dycks Karl I. von England und seine Gemahlin, L. da Vincis Tochter der Herodias, Caravaggios Spieler, Guido Renis Christus mit der Dornenkrone, außerdem Gemälde von Bassano, Tintoretto, Schiavone und mehrere Niederländer, unter ihnen Rubens und Honthorst. Die berühmteste Erwerbung jener Zeit geschah 1753, als es gelang, das beste Werk Raffaels, die Madonna di San Sisto ([Abb. 52]), aus der Benediktinerklosterkirche zu Piacenza für 20000 Dukaten und eine gleichgroße Kopie von dem venetianischen Maler Giuseppe Nogari zu gewinnen. Man erzählt, daß man, um den kostbaren Schatz sicher und unerkannt über die Grenze und über die Alpen zu bringen, zu einer List seine Zuflucht genommen und das ganze Bild mit einer in Leimfarbe ausgeführten Landschaft — überstrichen habe. Auch an die Ankunft des Meisterwerkes in Dresden, die im November 1753 erfolgte, knüpft sich noch eine anmutige Sage, die sogar im neunzehnten Jahrhundert durch den Maler Theobald von Oër in einem großen Ölbilde verherrlicht worden ist. Der König, erzählt man, war außerordentlich auf die Auspackung und Aufstellung der Madonna gespannt, denn er hatte das Bild schon früher als Kronprinz gesehen und bewundert. Er ließ also das Gemälde zunächst nach dem Thronsaale im Schlosse bringen und fand, als man sich hier nach einem geeigneten Platze für eine vorläufige Aufstellung umsah, daß das Bild das beste Licht empfange, wenn es an die Stelle des Thronsessels gerückt werde. „Allerhöchsteigenhändig“ erfaßte der König den Sessel und schob ihn mit den Worten beiseite: „Platz für den großen Raffael“. Murillos Madonna mit dem Kinde ([Abb. 53]) wurde 1755 in Paris erworben; aber mit dem bald darauf ausbrechenden Siebenjährigen Kriege hörten die großartigen Erwerbungen auf; es waren indes bereits alle die kostbaren Schätze zusammengebracht, die in Bezug auf die Meisterwerke des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts die Dresdener Galerie zu einer der ersten der Welt machen. „Noch niemals waren (nach H. Hettner) diesseits der Alpen solche Schätze gesehen. Es war eine völlig neue Welt, welche sich der deutschen Bildung durch diese gewaltigen Anschauungen und Anregungen auftat.“ Schon 1756 schrieb Winckelmann darüber in seinem ersten Werke: „Es ist ein ewiges Denkmal der Größe dieses Monarchen (Friedrich August II.), daß zur Bildung des guten Geschmacks die größten Schätze aus Italien, und was sonst Vollkommenes in der Malerei in anderen Ländern hervorgebracht worden war, den Augen aller Welt ausgestellet sind... die reinsten Quellen der Kunst sind geöffnet; glücklich ist, wer sie findet und schmecket. Diese Quellen suchen, heißt nach Athen reisen; und Dresden wird nunmehro Athen für Künstler.“

Aber nicht diese Vergleichung Athens mit Dresden hat sich erhalten und ist volkstümlich geworden, sondern der von Herder erwählte Vergleich mit Florenz, daher Dresden auch als Elbflorenz bezeichnet wird. In einem besonderen Kapitel über die „Kunstsammlungen in Dresden“ schreibt Herder in der Adrastea: „Für Deutschland und das Kurfürstentum Sachsen war es ein Verlust, daß ein Fürst von so seltenen Vorzügen, wie Friedrich August körperlich und geistig besaß, durch die polnischen Verwirrungen und Kriege gehindert ward, für Deutschland allein zu leben... Dresden indes zierte sein prachtliebender Geist mit Gebäuden; unter ihm war es eine Schule der Artigkeit und ist es geblieben. Vor allem aber sind die Kunst- und Altertumssammlungen, die er mit ansehnlichen Kosten stiftete, Trophäen seiner Regierung. Was ein Friedrich August am Anfange des Jahrhunderts anfing, hat ein anderer Friedrich August am Ende desselben vollendet. Durch sie ist Dresden in Ansehung der Kunstschätze ein deutsches Florenz geworden... Von Dresdens Kunstsammlungen geweckt, wurde Winckelmann Lehrer der Kunst für alle Nationen.

Blühe, deutsches Florenz, mit deinen Schätzen der Kunstwelt!

Stille gesichert sei Dresden-Olympia uns.“

Abb. 45. Ansicht von Dresden mit der Alten Brücke.
Gemälde von Bernardo Bellotto, genannt Canaletto. (Zu [Seite 44].)

[❏
GRÖSSERES BILD]

Abb. 46. Belvedere und Landeplatz der Dampfschiffe in Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 45].)

Die Schicksale der Gemäldegalerie.

Aber dieser kostbare Schatz ist im Laufe der Jahre mancherlei Gefahren, sei es durch Kriegsunruhen oder durch Diebstahl, ausgesetzt gewesen, selbst fanatische Hände haben einzelne Bilder frevelhaft zu schädigen gesucht. Der erste Diebstahl, glücklicherweise an nicht gerade hervorragenden Bildern, geschah schon 1723, — kaum ein Jahr, nachdem ein Inventar der Sammlung aufgenommen war — hierbei war sogar die Schildwache beteiligt. Vierundzwanzig Jahre später, 1747, entwendeten die Feuerwächter, die die Schlüssel zu den Vorratsräumen hatten, ein Bild von Franz van Mieris.

Dann folgten die gefahrdrohenden Zeiten des Siebenjährigen Krieges, die die Stadt Dresden mehrmals in empfindlichster Weise berührten. Friedrich der Große zog am 10. September 1756 in Dresden ein. Der König Friedrich August II. hatte sich auf den Königstein geflüchtet, nur die mutige Königin Maria Josepha war in der Stadt zurückgeblieben. Die Staatskassen und die Kriegsvorräte im Zeughause fielen den Feinden als Beute anheim, die Kunstsammlungen blieben dagegen unberührt. Der preußische König besuchte sogar mehrfach die Gemäldegalerie und bestellte sich beim Hofmaler Dietrich eine Kopie der Magdalena von Battoni, verlangte aber, der Totenkopf solle weggelassen werden. So ist ihm dann am 17. März 1757 die Nachbildung übergeben. — Ängstlicher wurde die Sachlage, als der preußische Kommandant von Schmettau in den Jahren 1758 und 1759 die Stadt gegen den österreichischen Feldmarschall Daun verteidigen mußte. Nachdem die Vorstädte in Flammen aufgegangen waren, erfolgte am 4. September 1759 die Kapitulation der Preußen, und nun beeilte man sich, die kostbarsten Bilder nach dem Königstein zu retten. Allein auch dabei litten manche Gemälde infolge ungenügender Verpackung und Aufbewahrung in nicht ganz trockenen Räumen. Der größte Teil der Gemäldesammlung mußte natürlich in den Galerieräumen ([Abb. 54]) im Stallgebäude am Neumarkt verbleiben und hatte hier die sehr gefährliche Beschießung der Stadt 1760 zu überstehen. Da viele Geschosse der Preußen gegen die feste Kuppel der benachbarten Frauenkirche gerichtet waren, so wurden manche Gemälde durch Bombensplitter beschädigt, wie z. B. die Taufe Christi von Francia, ein Blumenstück von Mignon, von Sylvester das große Bild, auf dem die Zusammenkunft der königlichen Familie mit der Schwiegermutter, der Kaiserin-Witwe Amalia, zu Neuhaus dargestellt ist, sodann ein Altarbild von Torelli und der Hase von Weenix.

Dann geschah auch noch im achtzehnten Jahrhundert, kurz vor dem Ausbruch der französischen Revolution, in der Nacht vom 21. zum 22. Oktober 1788 ein überaus frecher Diebstahl, während des Jahrmarktes, wo die Wachen wegen des Straßenlärmes nichts davon vernommen hatten, daß der Dieb das Drahtgitter vor dem Fenster durchbrochen und eine Fensterscheibe eingedrückt hatte, um von der Freitreppe am Jüdenhofe einzusteigen. Geraubt wurden drei kleinere, aber wertvolle Gemälde: Die berühmte Magdalena von Correggio, Das Urteil des Paris von Adrian van der Werff und ein jugendlicher Kopf mit Hut und Straußfeder von Seibold.

Abb. 47. Treppe zur Brühlschen Terrasse in Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 45].)

Bei dem Bilde Correggios mochte der Dieb wohl ganz besonders sein Augenmerk auf den mit Edelsteinen (?) besetzten silbernen Rahmen gerichtet haben. Der Diebstahl wurde natürlich am nächsten Morgen sofort entdeckt und von seiten der Galeriedirektion dem Entdecker oder Wiederbringer der gestohlenen Bilder eine Belohnung von 1000 Dukaten zugesagt. Wenige Tage darauf fand ein Laternenwärter, als er frühmorgens die Laternen auslöschte, in der Nähe des jetzigen Hôtel Bellevue an einem Laternenpfahl eine Kiste angelegt mit einem Briefe, der unmittelbar an „Se. Durchlaucht den Kurfürsten zu Sachsen“ gerichtet war. Bei der Öffnung der Kiste fanden sich die Bilder van der Werffs und Seibolds und der Brief enthielt das Verlangen, dem unbekannten Übersender der Bilder 1000 Dukaten an einen Halbstundenstein in der Nähe des Wilden Mannes bei Dresden-Neustadt niederzulegen, worauf auch das Bild Correggios wieder ausgeliefert werden würde. Durch diese seine Handschrift und einige unvorsichtige Äußerungen hatte sich der Dieb bald selbst verraten, es war ein übelberufener Feldbesitzer in der Neustadt, Johann Georg Wochaz, der am 8. November bereits eingezogen werden konnte, nachdem man sich durch List noch eine zweite Probe seiner Handschrift verschafft hatte. Der Übeltäter leugnete zwar, wurde aber bald überführt, da man unter den aufgehobenen Dielen des obersten Bodens bei der mitten im Dache aufsteigenden Esse, nächst anderem gestohlenen Gute, auch das noch fehlende Bild von Correggio fand nebst dem größeren Goldrahmen und dem kleineren silbernen Rahmen, aus dem die Steine zwar ausgebrochen, aber noch daneben verwahrt waren. Der Verbrecher, der auch überführt wurde, die katholische Hofkirche beraubt zu haben, büßte seine Taten mit lebenslänglichem Zuchthause. Übrigens erhielt die Magdalena von Correggio den gefährlichen Silberrahmen nicht wieder. Auch in späteren Zeiten bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts kamen Diebstähle vor, denen u. a. ein kleines Bild Holbeinscher Schule und eine Skizze von Adrian Brouwer zum Opfer fielen; doch wurde ein berühmtes kleines Bild von Gabriel Metsu „Die junge Briefleserin“, das 1849 von einer Frau aus Langensalza entwendet wurde, in Leipzig wiedererlangt, wo es unvorsichtigerweise zum Kaufe angeboten war.

In demselben Jahre kam die Galerie zum letzten Male in große Gefahr, als während des Maiaufstandes in Dresden der Kampf zwischen dem von Militär besetzten Stallgebäude und den Aufständischen, die die Häuser auf der anderen Seite des Neumarktes besetzt hielten, wütete. Zwar waren die besten Bilder noch zeitig von den Wänden, die den Geschossen ausgesetzt waren, abgenommen; trotzdem wurden mehr als 70 Gemälde von Kugeln durchbohrt, darunter leider auch die Madonna von Murillo, ferner Bilder von Rubens, Celesti, Le Brun, Sylvestre und ein Pastellbild von Liotard. Unentdeckt ist leider die Frevelhand geblieben, die 1858 am 9. März, um Mittag, während der Besuchszeit, die Bilder von Guido Reni, Der trinkende Bacchus, und von Albano, Die badende Diana, mit einem spitzen Instrument durch Stiche verletzte und aus einer Kreuzigung Christi den Christuskopf herausschnitt.

Abb. 48. Die katholische Hofkirche und das Königl. Schloß in Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 45].)

Die Räume, in denen diese Gemäldesammlung ein Jahrhundert lang aufgestellt gewesen war, erwiesen sich aber, je länger um so mehr, als unzureichend, als bedenklich, ja als gradezu verderblich; denn die Bilder konnten nicht gegen den eindringenden Steinkohlenrauch geschützt und vor den Einflüssen starker Temperaturwechsel bewahrt werden, weil es keine Heizvorrichtungen gab. Man mußte ein langsames, aber unausbleibliches Verderben des unersetzbaren Schatzes befürchten; davon hatte sich auch die Regierung überzeugen müssen. Ein Gutachten des Kunstmäcens J. G. von Quandt ging 1842 dahin, daß es eine Verpflichtung gegen die ganze zivilisierte Welt sei, ein Museum zu bauen, dessen Lage Gemälde von so hohem Werte vor zerstörenden Einflüssen sichere. Ehe Regierung und Landtag sich aber über die Wahl des Ortes einigten, wo der Neubau errichtet werden sollte, vergingen noch einige Jahre, bis die Stände 1845/46 die geforderte Summe von 350000 Talern bewilligten und den vorgeschlagenen Platz an der nördlichen Abgrenzung des Zwingers genehmigten. Auf diese Stelle als die geeignetste hatte der berühmte Baumeister Schinkel in Berlin schon zehn Jahre früher hingewiesen. Vor allem war aber König Friedrich August selbst auf das wärmste dafür eingetreten, der immermehr in ihrer Eigenart als unschätzbar anerkannten Gemäldesammlung ein ihrer würdiges Bauwerk zu errichten. Die Ausführung wurde dem genialen Gottfried Semper übertragen, worauf dann die Grundsteinlegung am 23. Juli 1847 erfolgte. Erst acht Jahre später, 1855, war der monumentale Bau im Äußeren und Inneren vollendet ([Abb. 55]).

Abb. 49. Die heilige Nacht.
Gemälde von Correggio in der Dresdener Galerie. (Zu [Seite 49].)

Aber schon seit 1852 hatte man unter Schnorrs Leitung (von 1846–71) auf Neuerwerbungen Bedacht genommen, wenn auch anfänglich in bescheidenem Maße. Die neuere Malerei konnte aber erst seit 1873, als in einmaliger Bewilligung des Landtages bedeutende Mittel zur Verfügung gestellt wurden, in ausgedehnter Weise berücksichtigt werden. Dazu standen seit 1880 auch noch die Zinsen der Pröll-Heuer-Stiftung zur Verfügung.

Wir kehren nach dieser Abschweifung ins neunzehnte Jahrhundert wieder in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts zurück.

„Die Zeit größerer Bauten und anderer Kunstunternehmungen erscheint mit Vollendung der im Jahre 1751 zwar nicht völlig beendeten, aber eingeweihten katholischen Hofkirche vorerst abgeschlossen. Die Greuel des Siebenjährigen Krieges brachen herein, und sie, nicht nur die notgedrungene Zahlungseinstellung der sogenannten Pensionen an die immer noch zahlreichen Hofkünstler, vertrieben eine schaffende Kraft nach der anderen, denen übrigens weder der Adel noch andere Wohlhabende in einer Zeit Hilfe zu bieten vermochten, wo jeder, der nur irgend konnte, Dresden verließ.“ (Wießner.)

Die Gründung der Kunstakademie.

So konnte denn eine Kunstakademie erst unter dem Kurfürsten Friedrich Christian und seiner hochbegabten, kunstverständigen Gemahlin Maria Antonia ins Auge gefaßt werden; aber die Verwirklichung erfolgte erst nach dem unerwartet plötzlichen Tode des Kurfürsten (17. Dezember 1763) unter der Administration des Prinzen Xaver August, der dann auch das Protektorat über die Akademie übernahm.

Nachdem schon eine sogenannte Malerakademie in den vorhergehenden Jahrzehnten nur gelegentlich ein dürftiges Dasein gefristet hatte, trat nach dem Reskript vom 6. Februar 1764 eine volle Kunstakademie ([Abb. 56] u. [57]) mit den vier Abteilungen für Malerei, Bildhauer-, Kupferstecher- und Baukunst unter einem deutschen Generaldirektor, unter Christian Ludwig v. Hagedorn ins Leben.

Zu den Lehrern, die bereits 1766 an die Akademie berufen wurden, gehörten auch die beiden Schweizer Anton Graff (1730 bis 1813) und Adrian Zingg (1734–1816), und zwar Graff als Porträtmaler und Zingg als Kupferstecher und Landschaftsmaler. Ihnen werden wir in unserer Darstellung der Sächsischen Schweiz noch einmal begegnen. Zingg war der erste, der von den malerischen Ansichten des Sandsteingebirges die ersten naturgetreuen und wenn auch manierierten, so doch nicht stilvoll verzerrten Darstellungen entwarf. Die Arbeiten seiner Schüler, zu denen Chr. Klengel (1751–1824) und C. A. Richter, der Vater von Ludwig Richter (1803–1884), gehörten, haben wohl ebensoviel wie die Beschreibungen zum Bekanntwerden der mannigfachen Schönheiten der Sächsischen Schweiz beigetragen.

Abb. 50. Die Madonna mit dem heiligen Georg.
Gemälde von Correggio in der Dresdener Galerie. (Zu [Seite 49].)

Zu den Zierden der Akademie gehörten in späterer Zeit die Maler Schnorr von Carolsfeld (1794–1872), Ludwig Richter (1803–1884), Bendemann (1811 bis 1889), Preller (1838–1901), Prell (geb. 1854), die Bildhauer Rietschel (1804 bis 1861), Hähnel (1811–1891), Schilling (geb. 1828) und der Architekt Semper (1803–1879). Dreien derselben und zwar Richter, Rietschel und Semper sind auf der Brühlschen Terrasse, wo sich auch die neue von Lipsius (1890–1894) erbaute Akademie erhebt, Denkmäler errichtet.

Das Königliche Opernhaus.

Hervorragende Bauwerke wurden in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, außer der schon erwähnten Kreuzkirche, nicht mehr errichtet, ebensowenig in der schwer auf Sachsen lastenden napoleonischen Zeit. Erst unter König Friedrich August II. (1836–1854) erhielt Dresden erhöhten Glanz in architektonischer Hinsicht durch Gottfried Semper, einen der geistvollsten Vertreter der Renaissance. Sein Museum (1846–1855) gehört zu den hervorragendsten Bauwerken der Neuzeit. Die Wirkung des Außenbaues wird durch den plastischen Schmuck wesentlich gehoben. Sempers zweites Werk, das Hoftheater (1838–1841), wurde leider 1869 durch Feuer vollständig zerstört. Und wenn auch das neue, ebenfalls von Gottfried Semper und seinem Sohne Manfred erbaute Königliche Opernhaus ([Abb. 58]) an demselben Platze in der Nähe des Museums und des Schlosses und in demselben Stil entworfen wurde, so macht selbst der größere umfängliche Bau, infolge gesteigerter Ansprüche an die Inszenierung der Spiele, nicht den einheitlichen sympathischen Eindruck wie das erste Werk. Das neue Opernhaus entstand in den Jahren 1871–1878, und zehn Jahre später wurden nach der Jubelfeier des Hauses Wettin 1889, an das ein von Schilling entworfenes Denkmal in Gestalt eines Obelisken in der Nähe des Schlosses ([Abb. 59]) erinnert, auch, zunächst durch Bewilligung der Stände dem allverehrten Könige Albert die Mittel angeboten, dem Schlosse selbst äußerlich einen reicheren und eines Fürstensitzes würdigen Schmuck zu verleihen. So erheben sich nun in der Umgebung des Schloß- und Theaterplatzes eine Anzahl von Staatsgebäuden, wie sie kaum in solcher Pracht in einer Großstadt auf so kleinem Raum vereinigt sind und doch dem Beschauer freien Umblick nach allen Seiten gestatten.

Die Bevölkerung Dresdens.