Svend Fleuron
Strix
Die Geschichte eines Uhus
Fünftes bis neuntes Tausend
Verlegt bei Eugen Diederichs Jena / 1921
Berechtigte Übersetzung aus dem Dänischen
von Mathilde Mann
Alle Rechte insbesondere das
Recht der Übersetzung in fremde Sprachen vorbehalten.
Copyright 1921 by Eugen Diederichs Verlag in Jena
Das Inhaltsverzeichnis erschien am Ende des Buches.
Inhaltsverzeichnis
[1. Das Ohr des Waldes]
In der fernen Tiefe der großen Föhrdenwälder, wo sich Licht- und Schattenbäume wirr ineinander verzweigen, ragt ein hoher Hügelzug steil empor.
Er zieht sich rund um ein kleines Waldmoor herum, so daß die Morgensonne seine Westseite und die Abendsonne die Ostseite bescheint, während die Strahlen der Mittagssonne nur seinen Gipfel streifen.
An der Nordseite des Hügels, ganz hart an der Wand, steht zwischen Dornen und Gestrüpp eine alte, abgestorbene Eiche.
Sie war einstmals eine Rieseneiche, ein Koloß von Baum; jetzt ist sie hohl — der Kern ist vermodert und ganz zusammengesunken, so daß gleichsam ein Haus in dem zunderigen Stamme entstanden ist.
Es riecht säuerlich da drinnen und seifig wie nach Zecken.
... Die Zeit wohnt hier und zeugt jede Sekunde, wetzt ihren Zahn und frißt, was die Zeit vor ihr übriggelassen hat.
Ungefähr in halber Höhe des Stammes, an der Seite der alten Eiche nach dem Moore zu, gähnt ein großes Loch aus dem Bauch des Baumes hervor.
Eine Daune flattert in einem Spinngewebe an dem oberen Rande der Öffnung.
Tief unten in dem Loch, das in bezug auf das Sonnenlicht so gestellt ist, wie der Hügel selbst —: die westliche Wand bekommt Morgensonne, die östliche Abendsonne, während die hintere Wand nie den Schimmer eines Strahles erhascht — sitzt ein riesengroßer Vogel, und je nachdem die Sonne ihren Weg über den Himmel geht, rückt er aus dem einen Schatten in den andern.
Es ist ein Nachtraubvogel —: ein großer, braungefiederter Uhu!
Diese alte Eiche hier im Revier hat er mit gutem Bedacht erwählt: hier sitzt er gleichsam im Ohr des Waldes; jeder Laut, der von draußen her über den See hereindringt, fährt zwischen den Hügelwänden hin und her und bis zu ihm in das Loch hinein.
Es ist ein dickes, kräftiges Uhuweibchen ...
Sein Kopf ist so groß wie der der größten Wildkatze, nach vorn zu flach abgeschnitten, so daß er das schönste Gesicht bildet.
Der Schnabel ist stark und gekrümmt, und die Schneiden sind so scharf wie eine Rosenschere. Sie behandeln einen Braten kunstgerecht, zerlegen ein Stück Wild im Handumdrehen. Ritsch, Ratsch — und sie haben selbst die Schenkelknochen eines zähen, alten Hasen durchgeschnitten.
Er fängt kein Tier, dieser große Uhu — er schlachtet es!
Von den gelben Schnabelrändern steht ein Kranz von Federn wie ein brausender Schnurrbart ab. Er trägt sein Teil dazu bei, auf humane und rücksichtsvolle Weise das arme Opfer irre zu führen, wenn es im Kampf um sein Leben versucht, sich ein Urteil über den großen Schlund seines Gegners zu bilden.
Der Schlund ist enorm — aber erst wenn der Uhu ihn öffnet, kann man es sehen.
Die Mundwinkel gehen ganz bis hinter die Augen und enden fast bei den Ohren; sie erschließen einen feuerroten, dampfenden Schlund, der den verhältnismäßig engen Trichter zu einem ungeheuren Sack bildet, in dem eine ganze Stallratte verschwinden kann.
Oben auf dem Kopf, rings um die Ohrlöcher, die ungeheuer sind im Verhältnis zu ihrer Größe bei andern Vögeln, sind die Federn sinnreich geordnet, so daß sie gleichsam einen Schirm bilden, gegen den die Schallwellen anschlagen können.
Das Gehör der großen Eule ist denn auch so fein, daß sie hören kann, wie die Maus kaut und das Gras trinkt, ja selbst jede Bewegung, jeden Flügelschlag des Nachtfalters hört sie!
Oben von den Schirmen ragen wild und drohend, wie die Lauscherpinsel eines Luchses, zwei wehende Federbüsche in die Höhe.
Aber die Augen sind doch das Furchteinflößendste in diesem Gesicht! Sie sind prachtvoll gelb mit rötlichem Außenrand; die Eule kann gleichsam Feuer und Blut dahineinlegen, sie glühen und Funken sprühen lassen, so daß das Opfer gelähmt wird, wenn es seinen Blick plötzlich fängt.
Sie ist so groß, daß sie im Morgen- und Abendlicht, wenn sie über die Waldeswipfel hingleitet, einer kleinen Wolke gleicht — einer Wolke, die schwarz ist und an den Rändern sonderbar faserig! Ihr Körper ist wie der einer Gans, und ihre Stärke gibt der eines Königsadlers nichts nach. Sie hat Flügel wie Schaufeln und so muskulöse Schenkel wie nur ein Fuchsrüde; die können ihren nächtlichen Wanderungen über den Waldboden Fahrt und ihrem Griff, wenn sie fängt, Feuer verleihen.
Ihre Fänge, die selbst durch Eichenrinde bis auf den Grund gelangen, sind fingerdick, und wenn sie sie völlig ausspreizt, haben sie fast die Spannweite einer Männerhand: die Wulsten unter ihnen gleichen schwellenden Kissen und aus einem jeden ragt eine lange, dralle, sichelförmige Kralle, wie ein kleiner türkischer Krummsäbel hervor.
Sie sitzt förmlich in Daunen und Federn ...
Die Dämmerung hat sie mit ihrem Pfeffer und Salz bestreut, und die Nacht hat ihr mit schwarzem Pinsel über Flügel und Rücken gestrichen. Längs der Mitte der dicken, breiten Brust läuft ein weißlicher Strich, der sich oben unter dem Halse zu einem Fleck erweitert. Das ist das einzige wirklich Helle an ihr, es ist gleichsam eine Erinnerung an den Glanz des Tages, an das Licht der Sonne — ganz will es sie doch nicht lassen.
Es ist sonnenwarm und mitten am Tage ...
Die Eule sitzt satt und tagesschlaff zusammengesunken über ihrem Stand, die langen Schwungfedern gleich einem wärmenden Unterrock über ihre Fänge gebreitet.
Der große, runde Kopf mit den mächtigen Federbüscheln ist ganz nach dem Leib herabgezogen — dadurch erhält das Gesicht etwas mürrisches, unzugängliches.
Wie ein großer Wurzelstock ragt sie aus dem hohlen Stamm hervor.
Die Finken können piepsen, der Specht kann klopfen und der Hirsch unter ihrem Baum schreien — sie hört es nicht! Kläfft aber ein Hund in weiter Ferne, ertönt das Rollen eines Wagens oder der Klang einer Axt — gleich zittert es in den Federbüscheln, sie sträuben sich drohend wie Bockshörner auf ihrem Kopf, werden nach und nach zu Hängeohren wie an einem melancholischen Schwein, um sich schließlich hintenüber zu legen, ganz an den Hals herunter, wie bei einem wilden, bissigen Pferd.
Draußen über dem Waldmoor flimmert die Luft von Licht; es ist so sonnenweiß da draußen, so voll von Tag und Leben.
Feuerglänzende Stechfliegen treten plötzlich in die Erscheinung, stehen einen Augenblick still und glühen — und verschwinden dann wie Sternschnuppen in den Schlagschatten. Große, schimmernde Libellen schwirren schaukelnd über den Wasserspiegel, schrauben sich im Spiralflug empor und fahren mit jähen Wendungen und unvorhergesehenen Bewegungen in Schwärme von Mücken hinein, so daß bei dem schnellen Flug ihre steifen, durchsichtigen Flügeldecken knistern.
Dann schwingt sich ein Schwarm roter Falter von einem Wasserrosenblatt auf. Gleich Blättern in einer Wolke von welkem Laub, das plötzlich vom Winde erfaßt wird, stehen sie über den Erderhöhungen hin ... der Staub auf ihren unberührten Schwingen glitzert und leuchtet, während sie in lautlosem Sonnentanz, einander umgaukelnd, sich vom Winde treiben lassen, bis sie sich schließlich paaren, je zwei und zwei.
Da mischt sich ein Flug weißer Schmetterlinge mit den roten und bringt Verwirrung in das so glücklich beendete Hochzeitsspiel. Nun schweben sie alle hernieder und setzen sich mit ausgebreiteten Flügeln ein jeder auf seine Irisknospe. Es sieht so aus, als seien alle Knospen auf einmal erblüht!
Und himmelblaue Holztauben huschen hin und her von den Schöpfstellen, und nachtschwarze Bläßhühner flattern bullernd über Wassertümpel, während taugraue junge Reiher zwischen dem Flimmern des Röhrichtsaums sich in der Geduld und dem Gewerbe des Fischens üben.
Es ist Tag da draußen ... es liegt Leben über dem Waldmoor.
Drinnen aber im Baumstamme ist es düster und kalt. Die gefurchten Wände, die dieselbe glanzlose Farbe haben wie gebleichtes Gebein, und die holperig sind von Zunderknoten und fauligen Knorren, wimmeln von Larvengängen und Wurmlöchern. Reisig und abgewehtes Laub hat sich angesammelt — und dicke, wollstrumpfähnliche Spinngewebe, die sich in der Zugluft krümmen, verkleiden die Wände der Rinde wie geheimnisvolle Vorhänge.
Hin und wieder verirrt sich ein Sonnenstreif durch einen Spalt und zeichnet einen phantastischen Lichtfleck auf die entgegengesetzte Wand. Da kommt Leben in ein paar zottige Spinnen, eine schildgepanzerte Kellerassel rollt sich schleunigst zusammen, während ein Bündel schwefelgelber Stinkpilze, denen hier drinnen auch ein Lebensplatz angewiesen wurde, aus Rissen in der Finsternis heraus einen langen Hals machen.
Der Wind plaudert ununterbrochen mit der alten, abgestorbenen Eiche; er gönnt ihr den Frieden nicht, sondern fährt fort, sie zu quälen. Wenn dann der Baum so recht kläglich ächzt, reckt die Eule sich auf und schüttelt sich im Schlaf — dies Knarren des alten Holzes tut ihr so innerlich gut.
— — —
Auf einmal dringt ein sonderbares, anhaltendes Kratzen durch das Loch zu ihr herein.
Der Laut nimmt zu — — —
Dröhnen von Pfotenklatschen, Ritzen von Krallen, die sich in Rinde bohren, dumpfes Bumsen von losgerissenen Moosfladen, die in das Laub unter dem Baume herabfallen, jagen wie Hiebe gegen ihr Trommelfell.
Da ist jemand auf dem Wege zu ihr herauf!
Im selben Augenblicke ist die Eule wach.
Es geht schnell zu ihr hinauf im runden Korkziehergang, ganz so, als statte der Specht vormittags ihrem Wohnbaum einen Besuch ab. Jetzt ist das Geräusch dicht hinter ihrem Rücken; sie hört das trockne Holz des Stammes ächzen, und es dröhnt in dem hohlen Baum wie in einer leeren Tonne.
Die Eule richtet sich auf und wird zweimal so groß! Sie wirft gleichsam die Kissen ab und ihr vorhin so dicker, aufgeplusterter Körper wird schlank und lang.
Plötzlich gleitet ein kleines, langgestrecktes, schlangengeschmeidiges Raubtier in kastanienbraunem Pelz lautlos durch das Eingangsloch ...
Da leuchtet es unten aus dem Zunderdunkel wie Zauberglut auf. Ein elektrischer Strom, aus Spannung und Erregung geschaffen, entzündet magische Funken in den brandgelben Lichtern der Eule, sie sperrt ihren mächtigen Schlund auf und gibt plötzlich ein Furcht einflößendes Fauchen von sich.
Das geschmeidige Raubtier fährt mit einem Satz zurück; in langen Sprüngen jagt es kopfüber am Stamm hinab und verschwindet in wilder Flucht.
— — —
Der Marder Taa ist der blutdürstigste Räuber des Waldes. Aber noch ist er so jung, daß er dergleichen Fehlgriffe begehen kann.
Er hatte gehofft, ein Eichhörnchen in dem hohlen Stamm da oben zu treffen oder doch wenigstens einen kranken, alten Häher.
Jetzt macht er sich schleunigst unsichtbar, ganz verwirrt infolge des Irrtums.
Alle Bewohner des Waldes kennen ja den großen, braungefiederten Nachtvogel — den fliegenden Wolf, mit dem menschlichen Gesicht und den geradeaus gerichteten Lichtern, die die Macht des Blickes besitzen.
Sie ist der Tyrann des Hochwalds, der seine Steuer von allen erheischt, von den Hirschkälbern bis hinab zu den Mäusen.
Sie scheuen sie, sie fürchten sie ... Strix Bubo, die große Horneule!
[2. Männchen und Junge]
Strix steht in ihren Kraftjahren, in den jubelvollen Tagen ihres glücklichen Alters.
Alles, wonach sie greift, fängt sie, und alles, was sie schlägt, fällt und stirbt; sie hat Wachstum in den Federposen, Griff in den Fängen und einen ewig brennenden Hunger im Magen; sie ist riesenstark. Wenn sie nur einen Hasen anrührt, spritzt das Blut gleich aus den zur Ader gelassenen Pulsen; sie hat Lust zur Paarung und Freude an den Jungen, sie besitzt alles, was reizt.
Ihr Jagdgrund ist groß! Sie wohnt hier in den Hochwäldern, ganz am Ende der Förde und kann bis zum nächsten Nachbar jagen.
Es sind alte, pfadlose Wälder, voll von Dickicht und sauren Erlenmooren, umgestürzte Bäume und herabgewehte Zweige liegen überall umher, und überall stehen zunderige, hohle Bäume und knarren. Unter der Geißel eines großen Wildbestandes sind die Wälder aufgewachsen: Urwald-, Kronenhirsche und Rudel von Rehen hatten hier zu allen Zeiten ihren Stand und haben sich den Winter über kümmerlich im Holz durchgeäst. Daher das viele verkrüppelte Eichen- und Buchengestrüpp, daher die vielen verrenkten Eschen und Erlen, daher das urwaldähnliche Gewirr, das einem großen Uhu das Leben des Lebens wert machen kann.
Aber der Lärm der Menschen rückt Strix näher und näher. Es werden häufiger Bäume im Walde gefällt, neue Menschenwege werden angelegt, kleine Steinhaufen und große Steinhaufen, aus denen Rauch aufsteigt und in denen Menschen wohnen, tauchen in wachsender Zahl längs des Waldsaumes auf. Schon mehrmals hat sie ihren Wohnbaum ändern und tiefer in den Wald hineinziehen müssen. Wo die Bäume am höchsten sind, wo der Sturm am meisten zu nehmen findet, wo er die härtesten Wunden schlagen kann, so daß große Löcher in das morsche Holz kommen — da ist sie immer am besten gediehen.
Aber sie hat kaum ein halbes Jahr in ihrem neuen Versteck gewohnt, als auch schon der große Naturzerstörer mit Säge und Axt dorthin gelangt ist. Sie ahnt ihn, lange bevor er sich auch wirklich hat blicken lassen, denn vor sich her treibt er eine Schar anderer Tiere, denen es so ergeht, wie der großen Horneule selbst.
Es sind Hirsche und Kahlwild, Hühnerhabichte und Wanderfalken, Edelmarder und Wildgänse — alle fliehen sie vor den Axthieben, vor Hundegeläut und Schüssen und vor der scharfriechenden Fährte des arbeitstollen Menschen! Die ursprünglichen Bewohner des Waldes weichen dieser lärmenden neuen Welt; sie ballen sich zusammen an den Stellen, wo sie noch Lebensbedingungen nach ihren Gewohnheiten und Bedürfnissen finden — in den öden Landecken, in entlegenen Winkeln, zwischen Heide-, Moor- und Sumpfstrecken. Hier halten sie sich am Tage auf — sie warten die Nacht ab!
Das mächtige Lichtgezücht, das mit dem Tage erwacht und die Unruhe, den Lärm, die Veränderung und die Umbildung der Erde und der Natur schafft, die die Tiere scheuen, zwingt sie, sich zu verbergen, so lange es rast! Aber des Nachts kehren sie zurück zu den alten Stätten, verbreiten sich auf schnellen Sohlen, auf schleichenden Läufen über das Reich, das einstmals das ihre war. Die Hirsche und das Kahlwild äsen den Roggen der Ansiedler, die Dächse tummeln sich in den Saatfeldern, Marder und Fuchs stehlen Tauben und Hühner — und Strix nimmt an Katzen und Ratten, was sie ergattern kann! In der Nacht gehört die Erde noch den Tieren!
Aber die Erde wird doch kleiner und kleiner. So dicht liegen bald die Steinhöhlen der Menschen um die Hochwälder herum, daß stellenweise Tag und Nacht eine angsteinflößende Wolke ihres eigentümlichen Geruches aufsteigt.
Eines schönen Abends merkt Strix, daß sie um der Nachbareule willen gern so weit jagen kann, wie sie Lust hat. Die Nachbareule läßt ihre Kampfstimme nicht mehr ertönen, sie muß wohl weiter weg bessere Jagdgründe gefunden haben!
Die Nachbareule ist fort — der große Moloch, das Götzenbild der Menschheit: die Zivilisation, hat sie getötet. Der Ausrottungskrieg gegen die Stämme des großen Uhus geht seinen fürchterlichen Gang.
In den letzten Jahren haben die Menschen angefangen, auf eine andere Weise angreifend vorzugehen.
Auf den Gütern jenseits der Förde tauchen plötzlich große, bunte, langschweifige Vögel in Mengen auf.
Es sind Fasanen!
Sie sind in kleinen Feldhölzungen ausgesetzt, wo sie sich durch Kunst im Überfluß vermehren. Es wimmelt von Ihnen am Waldboden und in den Bäumen. Sie sind so fett und gleichgültig, daß sie weder laufen noch fliegen mögen.
Sie ziehen aus allen Richtungen viele von den großen Uhus an; hier brauchen sie ja nur ins Gras niederzustoßen, gleich haben sie die Fänge voll Nahrung.
Rings um diese kleinen Gehölze, einladend über Dickicht und Gestrüpp aufragend, stehen hohe, schlanke Pfähle aufgepflanzt. Auf der Spitze eines jeden liegt — so recht dazu gemacht, um sich darauf zu setzen — ein kleines strammgespanntes Tellereisen.
Diese Eisen machen es im Umsehen Uhu-leer um Strix herum.
Zu dieser Zeit trifft sie ihr letztes Männchen.
Er ist alt und abgelebt, aber ihr bleibt keine Wahl — da sind keine andern Männchen ihrer Art.
Er singt und heult ihr einen Winter lang etwas vor und betört sie fälschlich, indem er trotz der schlechten Zeiten beständig mit Beute in den Klauen fliegt.
Es ist ein Eisen, das er schleppt. Er trägt es solange, bis die Federn des Eisens sich ihm durch das Bein geklemmt haben, dann stirbt der Fuß ab, und eines schönen Tages fällt er mit Eisen und Fang zu Boden.
Ein erstklassiger Freier ist er ja freilich nicht, aber was tut das — — er ist ein Uhu und kein Kanarienvogel!
— — —
Da thront er neben ihr ...
Jedesmal, wenn sie die Hautblende von den Augen fortzieht, sieht sie einen Schatten ihrer selbst vor sich: einen großen, braunen Uhu mit Federbüscheln wie ein paar Katzenohren und mit einer Mundspalte, die sich darunter weit nach hinten zu fortsetzt ...
Das ist der einklauige: UF!
Er ist an die hundert Jahre; seine Zeitgenossen sind der Wolf und der Adler gewesen — der letzte Überrest von Tieren, die noch etwas von der großen Zeit an sich haben.
Den ganzen Winter sitzen sie zusammen in dem hohlen Baumstamm und würgen an ihrem Gewöll. In der Regel schlafen sie gut — und erwachen sie zufällig, so haben sie genug zu tun.
Bald fordern die Nackenfedern einen Besuch ihrer Krallen, bald wollen die Lichter gerieben und die Wangen gewaschen werden, oder der Schnabelbart mit den vielen eingetrockneten Blut- und Fleischüberbleibseln meldet sich und bittet eindringlich, daß man ihn reinigt und bürstet.
Dann pudern sie sich halbe Stunden lang und nehmen die possierlichsten Stellungen ein. Uf wird zu einem jämmerlichen Großvater in der Nachtmütze und mit Haarzotteln um die Ohren; Strix wird zur Furie; zu einem wilden Gespenst — bereit zu kratzen und um sich zu schlagen!
Aber zur Frühlingszeit, wenn die Märzstürme den Wald „stimmen“, wenn die Larven in dem faulen Holz des Baumstamms mit offenbar fieberhafter Hast anfangen, ihr eifriges Klopfen und Hämmern zu beschleunigen, wenn die Träume, die sie träumen, immer wiederkehren, da geht es nicht mehr an, nur zu schlafen und sich zu putzen! Da müssen sie auf — auf und die Hörner sträuben und mit den Flügeln schlagen, während sie auf dem Zunder, auf dem sie sitzen, hüpfen und tanzen; da müssen sie schwänzeln und sich kröpfen und hu—u, hu—u heulen ...
Und dann bauen sie ihren Horst.
In einem Bett aus Reisig liegen zwei graubedaunte Junge!
Sie sind runzelig im Gesicht wie alte Weiber und häßlich für alle, nur nicht für Strix. Der Horst liegt in einer großen Vertiefung unter einem alten Baumstumpf, aber er geht in den Baumstumpf hinein, weit hinein, so daß man in ein tiefes, undurchdringliches Dunkel sieht. Es ist ein ganz vorzügliches Nest, da ist ein Fußboden und da ist ein Dach — auf dem Fußboden liegen allerhand Federreste. Ganz hinten im Baumstumpf ist die Vorratskammer; da gibt es Amseln und Birkhühner und Hasen — und alle Speisen sind frisch, die Tiere sind ganz kürzlich geschlagen. Aber vor dem Baumstumpf ist der Fußboden in weitem Umkreis mit Flügeln und Knochen übersät; da sieht es aus wie vor einer Räuberhöhle.
Die Jungen sind noch klein. Vor zwölf Tagen erst sind sie aus dem Ei gekrochen, und Strix’ einkralliges, altes Männchen sitzt getreulich über ihnen, um durch die Wärme seines Körpers den Lebensfunken in ihnen zu erhalten. Uf kann schlecht fangen, kaum für den eigenen Bedarf, geschweige denn für den anderer; seine Kralle ist stumpf und seine Augen sind schwach — da haben er und sie die Rollen vertauscht. Ihr liegt es also ob, alle Vorräte zu beschaffen!
Und sie ist zu allen Zeiten ein kühner Jäger gewesen. Gleich bei Tagesanbruch fliegt sie vom Nest auf. In dem blanken, sonnenfreien Licht, das der ganzen Umgebung und allen Gegenständen ihre richtige Größe verleiht, jagt sie am eifrigsten und fängt sie am besten. Da durchsucht sie den Wald, steigt über Mooren und kleinen Wiesen auf ... sie rüttelt wie ein Falke auf hastig klappenden Flügeln und späht hinab. Während die Holztauben gurren und die Drosseln singen, während die Hasen ganz davon in Anspruch genommen sind, auf Freiers Füßen zu gehen, während die Wasserhühner in den Moortümpeln sich um Männchen und Brutplätze balgen, kürt sie zwischen dem Überfluß und macht Beute.
Oder sie fliegt auf ein baumfreies Feld hinaus, hinaus auf Äcker und Heiden, und läßt, während das Tageslicht mehr und mehr Übermacht gewinnt, die Ferne unter sich aufsteigen: neue Wälder weit da draußen fangen an zu winken, Anger mit Lämmern und Zicklein kommen verlockend nahe, sie gewahrt ferne Feldraine und Menschennester, in deren Nähe es von Wieseln und Ratten wimmelt.
Rings umher unter ihr ertönt das Kullern des Birkhahns und das herausfordernde Zusammenrufen streitbarer Rebhähne ... abgezehrte und abgearbeitete Fehen sieht sie mit Stöcken von Schwänzen anstelle der früher so dicken, buschigen Lunten herumhuschen. Die Geburt der Jungen hat alle Haare mitgenommen.
Aber die Fangzeit ist kurz zu dieser Zeit des Jahres ... bald surrt glühende Luft vor ihrem Blick, scharfe, ätzende Strahlen beißen sie in die Augen — und auf einmal ist es, als werde die Erde unter ihr sonnenbestrichen, der letzte Rest von Klarheit verzieht sich — und nun blinkt und flimmert und glitzert das Gras.
Da nimmt sie mit dem fürlieb, was sie zwischen den Fängen hat, und fliegt schleunigst zurück nach ihrer Behausung, das rote Licht des Sonnenaufgangs über den Flügeln.
So holt sie Ratten aus den weitentlegenen Dörfern, Birkhühner aus der Heide, Hasen vom Felde, Krähen aus dem Walde — sie müht sich getreulich ab und nimmt, was sie kriegen kann. Mit einem triumphierenden Hu-u bringt sie ihrem Gatten den Fang, und wenn Uf sieht, was sie hat, sträubt er die Hörner und gibt einen zufriedenen, gurrenden Laut von sich —! Wieder ein Hase! sagt er überrascht in seiner Sprache! ja! sie strengt sich an!
Dann erhebt er sich von den beiden Jungen mit den scharfen Fängen; ihre unheimlichen, halbkahlen Köpfe gucken hervor und zeigen sich ihrem mütterlichen Ursprung. Sie will ihm bei der Beute behilflich sein, will ihm helfen, sie abzuziehen und zu zerlegen, aber er reißt sie ihr weg: sie soll nur fangen, nichts als fangen — — —!
Doch Strix läßt sich nicht kommandieren; sie kennt ihn und weiß, daß er gern für seinen eigenen Schnabel sorgt; so tranchiert sie denn das Wild nach bester Regel, zermalmt die Knochen und macht zähe Muskeln weich; sie kaut die Bissen durch und pfropft sie holterdiepolter ihren heißhungrigen Kleinen in die Schnäbel.
Uf sitzt da und schmollt — —: sie soll nur fangen, nichts als fangen — —
Es dämmert ... es ist ein früher Morgen im Mai! Die Fledermäuse heben sich noch wie Möwen vom Himmel ab. Die Drosseln schlagen ihre ersten, tastenden Schläge, nur ein ganz kurzes Flöten ohne Zusammenhang.
Dann fängt ein Birkhahn draußen am Waldrand an zu kullern und zu schleifen. Eine Amsel trillert, ein kleiner Zaunkönig piepst — der ganze Wald erwacht und begrüßt den dämmernden Tag mit Gesang. Der Kuckuck ruft in unaufhaltsamen Kaskaden, aber die Weibchen sind zu geschäftig, um zu lauschen — sie sind ganz davon in Anspruch genommen, ein Pflegeheim zu finden! Rastlos fliegen sie umher, sie gucken in Astlöcher hinein und zwischen Baumwurzeln, oder sie flattern tief unten über Nessel- und Wildkerbelinseln hin; ihre langen Schwänze streifen förmlich an den Kräutern entlang und jagen die brütenden kleinen Vögel auf.
Strix ist auf Fang aus! Sie muß in der letzten Zeit immer weiter hinaus, die zunächst gelegenen Jagdgründe sind erschöpft.
Von ihren früheren Ausflügen weiß sie, daß dort auf der andern Seite des Waldes unter einem mit Gestrüpp bestandenen Abhang eine große Herde Ziegen mit Zicklein zu weiden pflegt. Heute Morgen ist ihr das Glück hold! Eine der Ziegen hat gelammt und die kleinen, neugeborenen Zicklein drücken sich neben der Mutter an deren Euter.
Die Erde ist im Begriff, die Nebel der Nacht abzuschütteln: alle kleinen Niederungen zwischen den Hügeln stehen in einem Dampf, so daß es für Strix ein leichtes ist, die Tiere zu überrumpeln. Keine von den vielen, neidischen Krähen oder wachsamen Kiebitzen, deren Gebiet sie hat durchfliegen müssen, hat sie eräugt. Ungeahnt dringt sie vor ... sie sieht das Gestrüpp schon in der Ferne. Sie hat nicht den Mut, sogleich niederzustoßen und Beute zu machen. Es gilt jetzt ja mehr, als nur zu fangen! Die Beute muß mit ... mit in die Luft hinauf und nach Hause in den Fängen.
So stürzt sie sich denn in einen Wipfel hinein, der aus dem Dickicht aufragt ...
Der Zweig kracht unter ihrem Gewicht und dem Griff ihrer Fänge, so daß alle Ziegen spähen und sich aufrichten; aber jetzt, wo sie sich gesetzt hat, verschwimmt sie mit dem Kronengewölbe und mit dem Abhang — und die Morgenschläfrigkeit senkt sich wieder auf die Tiere herab. In völliger Ruhe kann sie ihre Beute auswählen: dasjenige der Zicklein das zu äußerst liegt.
Es sind Ziegen von der kleinen, ungekreuzten verkümmerten Landrasse, ein Zicklein wird sie schon tragen können, wenn sie es nur richtig gefaßt kriegt. Geduldig wartet sie den günstigen Augenblick ab.
Auf einmal ist sie da!
Die Fänge bereit, vorn unter der Brust, stürzt sie sich herab. Im Vorübersausen versetzt sie der halbschlafenden Mutterziege eine Ohrfeige, dann paßt sie es so ab, daß sie das Zicklein noch im Fliegen packt.
Sie hat es ... sie flattert damit über den Erdboden hin.
Es ist schwer, sie merkt, daß es nicht so recht mit in die Luft hinauf will — es gehört mehr Aufstiegschwung unter die Flügeldecken dazu.
Mechanisch gebraucht das Zicklein die Beine, und Strix reizt es durch ihr Kampfgeheul zu den äußersten Anstrengungen. Der Druck unter den Flügeln wird stärker. Bald hebt sie es leicht über Gräben und Erderhöhungen — und jetzt, mit einer mächtigen Kraftanspannung, nimmt sie endlich ihren Passagier mit in die Luft hinauf.
Sie hat die Fänge in beiden Flanken des Zickleins, tief drinnen in dem zarten Rumpf, die Qual des kleinen Opfers wird auch nur kurz, schlaff hängt der Kopf herab, ehe Strix nur die Hälfte ihrer Flughöhe erreicht hat. — — —
An diesem Morgen hat Strix etwas zu schleppen! Aber die Last ist ihr teuer! Als sie um Sonnenaufgang, schachmatt und abgehetzt, einen langen Schwanz von Krähen und kleinen Vögeln hinter sich, schwer durch die Baumwipfel herabgeflogen kommt, als es Uf klar wird, daß sie die Fänge wirklich voll hat — da vernimmt sie die zärtlichsten Liebeslaute seiner alten Kehle: Wap, wap, wap!
Das sind Zeiten für Strix! Tag und Nacht wechseln nicht schnell genug ...
Der ganze hohle Baumstamm liegt voll von teilweise unangerührten Tierleichen. Da sind Birkhühner und Rebhühner, Holztauben und Krähen, Hasen und Rehkitzchen — ein unvergleichlich anheimelnder, gedeckter Tisch! Die Kleinen können nicht so schnell äsen, wie sie fangen kann, aber ihr Sinnen ist darauf gerichtet, daß sie immer einen gewissen Überfluß vor Augen haben; dadurch sollen sie ihre Abstammung erkennen.
Ihrem alten Uf aber ist dies Wohlleben nicht zum Vorteil! Fett und rundlich ist er geworden, und noch älter und bequemer. Längst hat er aufgehört, Kinderwärterin zu sein und hat sich in seine eigene Privathöhle zwischen einem Haufen großer Steine zurückgezogen. Aber darum hat Strix ihn nicht aufgegeben. Wenn sie in der Dunkelheit der Nacht sein flehendes Rufen hört und begreift, daß er leidet, weil er seinen Hunger nicht hinreichend stillen kann, so fliegt sie regelmäßig mit seiner täglichen Nahrung zu ihm hinab.
Dann aber ereignet sich etwas — — —
Eines Morgens, als sie heimkehrt, sind die Jungen verschwunden. Sie heult leise, sie ruft laut. Sie schreit wild und drohend und sucht. Den ganzen Wald, die Kreuz und die Quer sucht sie ab; sie ist in allen Löchern, Spalten, Öffnungen ... nein, die Jungen sind weg!
War es der große Zerstörer? War es der Marder? Er, der Marder — — — neulich morgens, als sie lange weg war, hat Taa die Gelegenheit benutzt, einen Anschlag zu wagen. Das ist ja ein Leichtes für ihn, da sich der Horst zu ebener Erde befindet! Taa war auch glücklich über die Außenwerke des Horstes gelangt: über die großen Reisigpalisaden, den abgelagerten Kehricht und die vielen Skelett- und Aasteile, aber hinausgekommen war er nicht wieder so glimpflich. Die Jungen hatten ihn nach den uralten Regeln empfangen: sie hatten sich auf den Rücken geworfen und ihm das Gesicht mit den giftigen Krallen zerfleischt. Sie hielten ihn noch in ihren Fängen, als sie, die Alte, heimkehrte. Sie entriß ihn ihnen und in dem Glauben, daß er tot sei, warf sie ihn weit hinaus über den Rand des Horstes.
Aber Taa war noch höchst lebendig. Mit dem Verlust seiner halben Rute, die ihm eines der Jungen in seiner Wut abgebissen hatte, rettete er sich zwischen ein Gewirr von Knabenkraut.
Ha, der Marder, — — nein, diese Baumratte ist es nicht gewesen!
Der Sommerwind murmelt seine melodischen Gesänge, er bildet sich Orgelpfeifen aus Astlöchern, Flöten aus Rindenspalten und gespannte Saiten aus Zweigen und Strohhalmen. Er singt Strix mild und tönend etwas vor, wie er so mancher andern trauernden Mutter gesungen hat.
Und Strix nimmt den Trost an — und vergißt dann schließlich die Jungen!
Als sie sich aber im nächsten Frühling auf ihre zwei rauhschaligen, runden Eier setzt, hat sie sich gegen die Schlechtigkeit der Welt gesichert: diesmal brütet sie hoch oben in einem alten, ausgebesserten Bussardhorst.
Eines Tages kommt ein Mensch durch den Wald.
Es ist ein kleiner, untersetzter Mann mit einer langen Hakennase, die wie ein Hahnenschnabel vorspringt, und mit kleinen, stechenden Augen.
Er hinkt ... kla-datsch klingt es, wenn er geht.
Er hat eine bunte Sportmütze auf dem Kopf und trägt eine dicke, blauschimmernde Joppe. Über der Schulter hängt an einem dünnen Bindfaden eine alte verbeulte Botanisiertrommel. Ein paar Klettersporen, nachlässig in Zeitungspapier gewickelt, gucken ihm aus einer Tasche und aus der andern baumeln die Enden einer selbstverfertigten Strickleiter.
Der Mann ist Leuchtturmwärter auf einem kleinen Leuchtturm weit draußen am Auslauf der Förde. In seiner freien Zeit, oder wenn er die Aufsicht über den Leuchtturm seiner Frau übergeben kann, ist er ein eifriger Trapper — heute ist er auf dem Jagdpfad.
Sein Bezirk reicht so weit, wie der Himmel blau ist.
Im Frühling durchpflügt er alle Wälder nach Raubvogeleiern und alle umliegenden Heiden, Moore und Sümpfe nach andern Vogeleiern. Er begnügt sich nicht mit nur einem einzelnen Ei von jeder Art, nein, er hat Verwendung für mehr und nimmt selten weniger als das vollzählige Gelege. Im Sommer, wenn die Vögel ausgebrütet haben, findet man ihn wieder; jetzt ist er darauf aus, daunige Junge in den verschiedenen Stadien zu beschaffen. Er sammelt nicht für sich selbst, sondern für ein paar große Geschäfte, von denen Schulen, Privatsammler und zufällige Liebhaber unter dem Publikum ihre Versorgung bekommen.
Die Natur soll in die Stube hinein — tot oder lebendig — aber in die Stube hinein soll sie! Auf Kommoden und Bücherschränken, in Naturaliensammlungen der Schulen oder in den Glaskästen der Museen erblickt man die letzten Überreste der ursprünglichen Fauna des Landes; hier steht sie ausgestopft mit starren Glasaugen. Jeder zweite, dritte Vogel, der früher so allgemein war, daß er in die Sagen des Landes verwoben wurde, ist jetzt bald selbst nur noch eine Sage. Sie werden zu Geld gemacht, sie werden aus den Wolken und von den Baumwipfeln herabgeholt, um die Taschen der Leute mit klingender Münze zu füllen, der letzte Adler, wie die unverletzlich erklärten Störche! Die Menschen wollen die seltenen Exemplare besitzen, wollen sie in die Hand nehmen und vorzeigen können.
„Vogelhansen“ oder ganz einfach „Vogel“, wie er genannt wird, hat sich sein Gewerbe zum Spezialfach ausgebildet, und er verdient in der Hauptgeschäftszeit einen guten Tagelohn damit. Er ist als verwegener unermüdlicher Bursche bekannt, der klug ist in allem, was in sein Fach schlägt — er ruht nicht, bis er seine Beute in der Botanisiertrommel hat.
Als Sohn eines Holzhauers hier aus der Gegend, ist er von Kindesbeinen an gewöhnt, im Walde umherzustreifen. Auf einer Fahrt als Schiffsjunge hatte er in seiner grünen Jugend das Unglück, vom Mast zu fallen und einen häßlichen Bruch des linken Schenkels davonzutragen, was ihm in späteren Jahren die neuerrichtete Leuchtturmwärterstellung draußen am Auslauf der Förde verschaffte. Und Dank seiner Klettersporen und seiner unbezwinglichen Leidenschaft ist er noch immer imstande, selbst in den Wipfel der unzugänglichsten Buche hinaufzugelangen.
Im vergangenen Jahr, als er seinen großen Fang hier im Walde machte und — von den schreienden und fauchenden Hähern geleitet — Strix’ zwei possierliche, voll befiederte Junge fand, hatte er in der Nacht zuvor einen Besuch auf ein paar Höfen abgestattet, die in einem kleinen grünen Tal jenseits der Heide lagen. Nach Erkundigung bei einem seiner vielen Bekannten aus der Zeit, als er noch bei den Eltern im Hegemeisterhäuschen am Hochwalde wohnte, hatte er in Erfahrung gebracht, daß sich auf dem Scheunenflügel des südlich gelegenen Hofes ein Storchennest befand. Das war genug für Vogelhansen. In der Dunkelheit der Nacht radelte er die Meile über die Heide und traf um Mitternacht an Ort und Stelle ein.
Er findet den Hof und sieht zu seiner Freude den Storchenvater auf einem Bein, den Kopf unter dem Flügel, auf dem Nestrande neben der brütenden Störchin schlafen. Eine Brandstiege nehmen und sie anstellen, ist ein Leichtes für „Vogel“, und da das Nest gerade dort liegt, wo zwei zusammengebaute Flügel sich kreuzen, gelingt es ihm, auf Socken auf das Strohdach hinaufzuklettern.
Der Storchenvater wehrt tapfer sein Nest gegen diesen Räuber, namentlich die Störchin geht scharf vor; sie klammert sich an dem Nest fest und will ihm auf keine Weise gestatten, mit der Hand über den Rand des Nestes zu gelangen. Sie schlägt und hackt ihn in Schulter und Arm, so daß seine Kleider lange Risse davontragen.
Da greift Vogelhansen in die Tasche, zieht eine Flasche mit Ammoniak heraus und schleudert der Störchin ein paar gehörige Schüsse ins Gesicht. Das hilft — wenige Sekunden später liegt das Nest offen da. Fünf glänzende weiße Eier schimmern ihm entgegen, ein volles Gelege!
Schnell zieht „Vogel“ einen seiner Strümpfe aus, steckt vorsichtig die Eier hinein und nimmt den Strumpfschaft in den Mund ...
Aber durch das Klappern des Storches ist der Hofhund erwacht, er fängt an zu kläffen und zu bellen: im Wohnhaus wird Licht angezündet und einen Augenblick später klappern Holzschuhe über das Steinpflaster.
Da gilt es, sich zu beeilen! Vogelhansen setzt sich auf seine vier Buchstaben, hält die geraubten Eier mit der rechten Hand hoch in die Höhe und rutscht resolut vom Dach herunter. Aber in der Eile verfehlt er die Leiter, er muß der Sache ihren Lauf lassen — und wie ein Schlitten nach einem Luftsprung saust sein Körper in die Luft hinaus. Da hat er das unverschämte Glück, daß der Düngerhaufen sich gerade unter ihm befindet: er fällt weich — in einen großen Haufen Streu hinein. Er greift nach seinen Schuhen und nimmt Reißaus über die Heide.
Alle Storcheneier waren heil geblieben — er hatte für seine Verhältnisse einen ungewöhnlichen Fang gemacht!
— — —
Jetzt ist er wieder hier in der Gegend.
Ein eifriger Sammler hat ihm einen hohen Preis für die Beschaffung eines vollen Geleges Eier von dem großen Uhu geboten. Für den Sammler gilt es, die Eier zu erlangen, solange der Vogel überhaupt noch vorhanden ist.
Aus seiner Knabenzeit und von seinen späteren zahlreichen Besuchen hier ist der kleine Leuchtturmwärter mit sich im Klaren, wo ungefähr er suchen muß. Er geht geradeswegs nach der Stelle, wo er im vergangenen Jahr das Eulennest gefunden hat und beginnt von hier aus, den Wald in immer größeren Kreisen zu durchtraben.
Er ist eifrig. Dem kurzen Bein wird es schwer, Schritt zu halten, ihm muß mit einem dicken, eisenbeschlagenen Eichenknittel nachgeholfen werden, dessen Krücke so gebogen ist, daß sich der Stock schnell in die Seitentasche einhaken läßt, wenn „Vogel“ die Hände frei haben will. Er klopft an die Stämme und guckt in die Wipfel hinauf, er kratzt an den alten Eichenstubben und jagt den Stock bis an die Krücke unter alle Wegüberführungen und in die alten, mit Laub angefüllten Fuchsröhren.
Strix liegt auf ihren Eiern wie ein Huhn, flach ausgestreckt — mit gesträubten Hörnern ...
Schon aus weiter Ferne hört sie den eigenartigen Gang des Mannes.
Kla—datsch, klingt es, kla—datsch, kla—datsch ...
Als Strix eben flügge geworden und unbekannt mit der Welt war, hatte sie eines Tages ein possierliches Tier im Walde umhertrollen sehen. Es ging auf der hohen Kante und benutzte nur seine beiden hinteren Beine, die beiden andern baumelten an der Seite herab. Wieder und wieder kehrte es zurück, strich mit den Vorderpfoten an den Bäumen entlang und spähte wie ein Hahn in die Wipfel hinauf. Strix hatte beobachtet, daß es eine ungewöhnliche Fähigkeit besaß, die Farbe zu wechseln; bald war der Pelz grau, bald schwarz, bald beides ... es war ein Mensch.
Der Mensch hatte sich ein Nest aus Steinen zusammengetragen, das lag draußen am Waldessaum und nicht weit von ihrem Horstbaum. Sie fand das Nest eines Abends und sah den Menschen hineingehen und vor ihren Augen verschwinden.
Lange Zeit blieb sie draußen sitzen und starrte das Loch an, durch das der Mensch verschwunden war. Er war eine sonderbare Erscheinung, fand sie. Sein Gang und sein Treiben, sein scharfer Geruch erregten ihre ganze Neugier.
Sie konnte es nicht lassen, den Menschen anzusehen, ihm aus der Entfernung zu folgen, sie fürchtete ihn instinktiv, ohne sich erklären zu können, weshalb, fühlte sich aber trotz alledem mächtig von ihm angezogen. Er kam nie in Eile, der Mensch, nie plötzlich überraschend, wie das Raubtier, er trollte gleichsam umher und kümmerte sich nur um sich selbst. Er knöhrte nicht wie der Hirsch, heulte nicht wie der Hund, er quakte im Grunde wie ein großer Frosch.
Nur selten geschah es, daß der Mensch des nachts ausging; geschah es aber, so sah Strix, wie er auf seinen nächtlichen Wanderungen durch den stillen Wald gleichsam zum Narren gehalten wurde. Da ging er und stolperte schwerfällig auf seinen Klumpfüßen und stieß bei jedem Schritt ein Stück Ast in die Erde — kla-datsch klang es, kla-datsch — während es rings umher in der Dunkelheit von neugierigen Tieren wimmelte. Alle kannten sie seine Unterlegenheit!
Der Fuchs lag hart am Wegrande zwischen den Farnen, der Rehbock stand nicht zwei Sprünge davon zwischen den Stämmen, der Marder guckte ruhig unter einem Stein hervor, und das Stachelschwein trabte in seinen Fußstapfen und schnüffelte an seinen klappernden Ballen.
Alle hatten sie ihn lange, lange gesehen und gehört, ehe er vor ihnen stand; alle wußten sie, daß er in der Dunkelheit blind und taub war. Stand er aber plötzlich still, so erfaßte die ganze Schar ein Schrecken; Strix hörte sie davonstürzen, und sie empfand selbst ein sonderbar beklemmendes Gefühl im Halse.
— — —
Dasselbe beklemmende Gefühl stellt sich jetzt wieder ein, als sie plötzlich das Kla-datschen unter sich hört und den Menschen zwischen den Stämmen auftauchen sieht.
Sie dreht den Kopf ganz nach ihm herum ...
Aber was soll sie fürchten?
Sie hat ja ihren scharfen Schnabel und ihre spitzen Fänge; noch nie haben diese beiden mächtigen Waffen sie im Stich gelassen, wenn Not am Mann war; die Fänge greifen fest zu und bohren sich ein Loch da, wo sie anpacken — und der Schnabel gibt den Fängen nichts nach.
Und dann hat sie ja die Flügel.
Wie sie hier so im Baum liegt und auf die Erde hinabsieht, fühlt sie sich dem großen, lächerlichen Tier unendlich überlegen; sie kann sich ja von ihm weg emporschwingen und ihn unter sich kleiner und kleiner werden sehen. Auch das ist gleichsam eine Befreiung!
Nein, was soll sie fürchten! Sie hat den Übermut und die Sicherheit aller großen Vögel, sie besitzt den Glauben an sich selbst und das Vertrauen zu den eigenen Fähigkeiten und Kräften.
Da auf einmal fängt ihr Horstbaum an zu zittern und zu beben. Sie hört, wie sich große, gehörnte Krallen einen Weg am Stamm hinauf bahnen.
Sie preßt sich fester auf ihre Eier, rollt mit den Augen und faucht wie eine Kröte.
Die Krallen kommen näher und näher — und machen dann plötzlich unter ihr Halt. Da fängt sie an zu jammern und zu klagen wie eine Bruthenne und stößt eine Reihe tieftönender Aah — Aah aus ...
Dem Leuchtturmwärter klingt es, als klage ein todkranker, leidender Mensch.
Das Herz pocht in ihm! Wenn jetzt nur Eier und keine Jungen im Nest sind, ist er seines Fanges so gut wie sicher. Er zieht seine Strickleiter heraus und befestigt sie an einem Zweig.
Da tönt es plötzlich wie ein Tju vor seinem Ohr. Die Mütze fällt ihm ab und drei lange tiefe Risse, aus denen Blut hervorquillt, zerfetzen ihm die Wange.
Es ist Strix, die jetzt angreifend zu Werke geht; endlich ist ihre Geduld erschöpft.
Aber da gibt’s kein Erbarmen! Auch auf diese Möglichkeit ist Vogelhansen vorbereitet; er wirft seinen Rock über den Kopf und zieht einen alten Fechthandschuh über die rechte Hand — dann betäubt ein halber Liter Ammoniak den Uhu, und es gelingt ihm, das Nest zu plündern.
Strix fliegt in der Verwirrung eine Strecke über den Wald hin und fällt dann ohnmächtig zwischen den Bäumen nieder.
Als sie aus der Betäubung erwacht und hustet und nach Atem ringt, steht das Hahnengesicht des Leuchtturmwärters mit den kleinen stechenden Augen noch immer vor ihrem inneren Blick. Die Augen starren sie gieriger an als die der Füchse, wenn sie, neidisch auf ihren Fang, geifernd um sie herum sitzen, und sie sind grausamer und berechnender kalt als der Blick, den ihr Taa an jenem Tage zuschleuderte, nachdem sie ihn unversehens aus den Klauen der Jungen errettet hatte. Und gegen ihr Trommelfell hämmert es: Kla-datsch, kla-datsch! ...
Die Fußtritte kann sie nie wieder vergessen!
Später legte sie noch einmal und lag getreulich wochenlang brütend auf einem einzigen, erbärmlichen, kleinen Ei.
Aber, woran es liegen mochte — aus dem Ei wurde nie etwas anderes als die Schale.
[3. Der geflügelte Wolf]
Das Flammengelb des Sonnenuntergangs stand noch am Himmel! Es spannte seinen Brandgurt um die Erde und ließ ihre pechschwarzen Haarsträhnen sich sträuben. Es entschleierte am Horizont einen großen Wald, meißelte das Kuppelgewölbe der Buchen aus und schliff den Sägezahnrand der Tannen blank.
Drinnen im Walde, tief unten zwischen dem welken Laub, sitzt Strix auf einem bemoosten, halbverfaulten Baumstumpf.
Vor ihr, den Oberkörper halb auf den Baumstumpf hinauf, hält eine kleine, schreckgelähmte Maus sich in verzerrter Stellung, sie zittert und bebt am ganzen Leibe.
In ihrem Kampf ums tägliche Brot ist die Maus in die Nähe des Baumstumpfes gekommen, und in der Hoffnung, in dem faulen Holz einen Käfer zu finden, ist sie, ohne Böses zu ahnen, hinaufgehuscht, als sie plötzlich, gerade glücklich über den Rand gelangt, einem Paar großer, rollender Lichter begegnete.
Im selben Augenblick ist sie an den Fleck genagelt.
Alle ihre Kräfte, all ihre Energie und ihr Wille haben sie verlassen; schreckgebannt und verloren sitzt sie da, zu regungslosem Verharren hypnotisiert.
Der böse Zaubervogel sieht und sieht das erstaunte, kleine Wesen nur mit seinen glühenden Lichtern an, dann erhebt er ruhig seine Marterfänge und krallt sie um die Maus.
Zappelndes Leben kommt in das dem Tode geweihte Tierchen, als die Fänge von allen Seiten ihre Hornmesser in seinen Leib hineintreiben.
— — —
Strix liebt Mäuse — und jetzt, wo sie für den Rest des Sommers nur Uf und sich selbst zu versorgen hat, gibt sie sich gern dem zeiterfordernden Mäusefang hin. Nur auf diese Weise ist es ihr nämlich möglich, die kleinen Kerle zu fangen: die Leckerbissen verschwinden wie Krumen zwischen ihren groben Fängen.
Die Frösche sangen ihre bubbelnden, quakenden Gesänge ... sangen so innig und mit einer eigenen überzeugenden Kraft! Sie brachten in ihrer Sprache das Lob des Mitsommerabends zum Ausdruck und wetteiferten, wer das am betörendsten zu tun vermochte.
Einige knarrten wie altes Holz im Sturm, andere krachten wie das dürre Reisig des Waldes, wieder andere glucksten, gurgelten und bubbelten die Töne heraus — es klang nach Eisschmelze und Platzregen, nach Rieseln in Entwässerungsröhren und Gräben.
In den Pausen aber ließ die Rohrdommel sich hören! Eigentlich hatte sie die ganze Zeit gesungen, sie hatte sich nur kein Gehör verschaffen können — jetzt dröhnte die Luft von ihren spröden, dünnen Tönen, bis die lebendigen kleinen Nußknacker von neuem begannen.
Still! Still! Alle Frösche im Walde wurden auf einmal stumm —: ein großer Vogel strich mit weichem Flügelschlag lautlos über das Wasser.
Strix untersucht den Saum des Röhrichts ...
Langsam läßt sie sich über Wasserlachen und Wasserrosen dahingleiten, über die Schilfpflanzen im Sumpf, wie über das Wollgras am Ufer entlang; tief, mit hängenden Fängen flattert sie dahin und guckt zwischen die Erderhöhungen hinab. Wildenten und Bläßhühner suchen schleunigst ihr Versteck auf ... es plätschert und spritzt um sie her.
Der Waldsee hat ihr nichts geliefert!
So muss sie denn eine ihrer andern Fangstellen aufsuchen.
— — —
Weit draußen am Waldessaum, am Rain, steht eine kleine, verkrüppelte Eiche; ein dürrer Zweig ragt aus der Mitte ihres Stammes auf: dicht über dem Zweig bildet der Stamm einen Knick, biegt sonderbar ungeschickt ein und wird hohl im Rücken wie eine Elfe.
Ein stark begangener Wildwechsel läuft gerade unter der Eiche hin. Zu beiden Seiten des Waldrains und an seinen Abhängen hinauf wächst dichtes Schlehdorngestrüpp, oben dahingegen ist er nackt und kahl.
Der Wechsel führt das Wild nach dem Felde und wieder zurück. Er läuft erst durch den einen Schlehentunnel, dann über den Wall hinauf und weiter durch den zweiten Tunnel. Wenn nun der Hase oder das Rehkitz, das Wiesel oder der Marder dem Wechsel folgen und in das schirmende Dornengeflecht hineinschlüpfen, machen sie gern einen Augenblick halt, um zu verschnaufen.
Aber sie nehmen sich nicht in acht vor dem kleinen Stück offenen Walles; die müden Wanderer trippeln noch, wenn sie gemächlich und sorglos über den Rand des Knicks gleiten.
Dieser Umstand ist gerade die Pointe des Fangplatzes, er verleiht ihm Ruf und Anziehungskraft!
Kein Habicht oder Bussard kann sich im Walde niederlassen, der nicht früher oder später den Weg zu diesem Lauerplatz findet. In früheren Zeiten ist hier manch’ ein Kampf zwischen Strix’ verblichenen Vorfahren ausgefochten. Die streitbaren Uhumännchen haben um ihr Leben gekämpft und die Fänge oft derartig ineinander geschlagen, daß sie zu einem Klumpen verfilzt tot unter dem Baum gelegen haben.
Es ist schon spät am Abend, als der dürre Eichenzweig kracht unter den Fängen der großen Horneule! Sie faltet die weichen Daunenflügel zusammen, und verkriecht sich in die Krümmung des Stammes, so daß ihr Kopf die Höhlung ausfüllt. Sie ist ganz unsichtbar ...
Das Flammengelb des Sonnenuntergangs ist nicht mehr am Himmel sichtbar! Die Kuppelwölbung der Buchen, den Sägezahnrand der Tannen hat die Nacht verschlungen; es ist düster und unheimlich im Wald wie in einer Höhle.
Aber für Strix ist es noch heller Tag.
Jetzt sieht sie die Welt in ihrer Beleuchtung, so wie sie sie schon als ganz kleine Eule gekannt hat! Des Tages blendet sie sie oft häßlich — da hat sie einen dreidoppelten Farbenbelag — und es kann vorkommen, daß sie Sonnenstich und Farbenkolik bekommt, so daß sie sich verirrt, wenn sie in ihr Nestloch hineinfliegen will.
Des Nachts dahingegen irrt sie nie in bezug auf irgendeinen Zweig! Sie sieht das Spiel in den Augen der Mäuse, sie sieht die Kröte, wenn sie über den Weg kriecht, sieht die Schnecke und den Wurm, wenn sie sich durch das Gras schleichen, sie sieht den Tanz aller Nachtfalter! Sie sieht deutlich die Mücke, die die Fledermaus fängt. — In der Nacht beherrscht sie alles!
Vor ihr breitet sich die Erde baumlos und offen aus, mit Feldern und Wiesen, Moorstrecken und Heideflächen. Der Tau spielt über Gras und Kräutern, rollt an Stengeln und Halmen herab, und legt sich in Haufen auf die Blumen.
Es strahlt und schimmert da draußen! Aber das Grün ist nicht scharf wie am Tage und das Weiß und das Rot empfindet man nicht wie Wind im Auge ... die Farben der Nacht sind alle so zart und milde!
Nun beginnt das Leben auf den geheimnisvollen Wechseln. Das welke Laub der Waldwege bibbert und bebt, ein vereinzelter, dürrer Zweig wiegt sich auf und nieder. Da unten wandern die Mäuse! Eine Ricke mit ihren Kitzen kommt ganz oben zum Vorschein; sie stehen lange und winden — setzen dann in ein paar Sprüngen über den Waldrain hinweg. Der Fuchs maust am Gehege entlang und äugt verstohlen nach den Rehkitzen; das hinterste, findet Reinecke, ist ein etwas ausgelassener, kleiner Kerl!
Aber es sind alles Wanderer, die andere Pfade geschritten und durch andere Tunnel gegangen sind, als den, welchen Strix bewacht.
Da hört sie Blätter krachen, Zweige knacken ... auf dem Wechsel unter ihr ist jemand. Tripp, trapp! Tripp, trapp! das ist ein Hase ...
Hasen waren in früheren Zeiten ihre tägliche Speise; damals, als der Wald noch Hasen genug hatte, verbrauchte sie ein paar Hundert im Jahr; jetzt muß sie sich mit bedeutend weniger begnügen und Jungfüchse und Dachswelfen zur Aushilfe nehmen.
Der Hase macht auf dem Wechsel dicht vor dem Tunnel Halt.
Er setzt sich und lauscht — er hebt sich ganz auf die Hinterläufe ... die Augen stehen ihm starr im Kopf, während der Windfang mit der tiefen Hasenscharte in der Lippe sich fortwährend rund herum bewegt. Strix kann mittels des Gehörs ihren kleinen Lampe auf der ganzen Reise verfolgen! Sie hört, wie er aus seiner aufgerichteten, kundschaftenden Stellung die spitzen Vorderläufe wieder an die Erde setzt, hört seine kräftigen Lungen arbeiten, seine Nüstern sich blähen — o, wonniger Laut! — hört seinen Magen schreien und die Gedärme vor Hunger rummeln. Da weiß sie, daß sie nicht vergeblich gelauert haben wird.
Und dann geht es, wie es gehen soll!
Der Hase hoppelt sorglos und sicher durch den ersten Schlehentunnel — und sorglos und sicher kommt er heraus; er will weiter über den Waldrain in seinem Tripp, Trapp-Gehüpfe, als sich plötzlich etwas wie eine schwarze, warme Wolke auf ihn senkt. Ungeahnt taucht Strix aus der Finsternis auf; auf ihren Wollflügeln kommt sie — von hinten.
Sie kommt mit dem lähmenden Schrecken, der die Folge jeglicher Überrumpelung ist, und wird erst sichtbar, als sie sich in greifbarer Entfernung von ihrer Beute befindet.
Der Hase wird in beiden Flanken gepackt, und so gewaltsam ist das Hineinhauen, daß die Fänge der Eule sich in der Brust begegnen. Er stößt einen Schrei aus, im nächsten Augenblick sitzt ihm etwas wie ein Krummesser im Nacken; der Hase hat noch so eben Zeit zu dem Gedanken: So, da bist du offenbar auf die Dornen gelaufen! dann weiß er von nichts mehr, er zappelt mit den Hinterläufen und streckt die Drossel ... die gelben Lichter starren steif in den Raum hinein.
Strix geht in der Dunkelheit der Nacht mit gesenktem Kopf, mit krummem Buckel und gesenkten Flügeln auf ihr Opfer zu, und sie walzt vor Äsungslust um den armen Hasen herum. Dann pflanzt sie die kreuzförmigen Fänge auf ihn, knappt mit dem Schnabel und öffnet ihren mächtigen Schlund. Sie zerschneidet Brustbein und Knochen ... es kracht und knackt in dem Hasenleib; große Stücke gleiten mit Haut und Haar hinab, während lebenswarmes Blut ihre Schwungfedern befleckt und sich in ihren Schnabelwinkeln und in den gelben Fängen festsetzt.
Sie ist ganz satt — — aber noch steht ihr der größte Genuß bevor. Sie fliegt auf ihren Ast hinauf und sitzt da und starrt und sieht auf den toten Hasen hinab, als wolle sie ihn noch einmal mit Grauen erfüllen. Stundenlang kann sie so sitzen, und wie ein Geizhals unverwandt und grübelnd auf ihren Überfluß hinabstarren — bis sie dem herzzerreißenden Geheul ihres alten Gatten, der nach Nahrung schreit, nicht länger widerstehen kann.
Da ruft sie ihn — und wollüstig schlingt Uf die blutigen Überbleibsel herunter.
— — —
Nacht aus, Nacht ein erlegt Strix die Nahrung für sich und Uf an dieser alten Fangstätte. Dann, eines schönen Abends, versiegt plötzlich der Zulauf. Die Stelle ist abgefangen, Strix hat alles erlegt, was auf dieser Seite des Waldes herausgeht.
Da muß sie eine neue Taktik versuchen — oder sich auf lange Zeit anderswohin begeben.
Es ist mondhell! Blaßgrün scheint die Strahlenfülle der Himmelslaterne auf den Wald hinab. Ein alter, abgestorbener Gespensterbaum auf einem Werder draußen im Moor tastet mit seinen eingeschrumpften Zweigen flehend zum Himmel empor, er versinkt wie im Wasser — der Rest des Murrkopfes ist im Nebel verborgen. Die schlanke Weißbirke tritt als Elfe aus dem Nebelgebräu der Moorhexe hervor und umspringt tanzend den Baum.
Ein Mensch würde das Bild so sehen — — und er würde sein Herz klopfen fühlen unter dem Druck seiner Phantasie; er würde sich erdrückt fühlen von der Mystik des Waldes, von der eigenartigen Beleuchtung der einsamen Umgebung.
Aber Strix hat keine Phantasie, mit der sie zu kämpfen braucht; für sie ist der Wald zu nächtlicher Zeit eine Freistätte, ein Heim; sie ist vertraut mit jedem Bilde, mit jedem Laut — und verkrüppelte, rindenlose Aststücke oder verschleierte Birken haben, trotz der Gaukelkünste des Nebels, keine Zauberkraft, kein Leben für sie.
Bald wird der Mond gelb; er ist seinem Untergang nahe! Grau, aber mit einer Ahnung von Rot und Klarheit, hängt die Dämmerung schon über dem östlichen Horizont. Es murrt da unten, es wimmelt von Licht unter der dunkeln Decke, wie es unter einem Waldboden von Mäusen wimmelt.
Da kommen die Hasen mit Müdigkeit in den Augen, mit dem Bedürfnis nach Ruhe in den matten Gliedern; geräuschlos huschen sie auf ihren Hexensteigen durch das Korn, sie wollen in den Wald hinein und sich setzen. Sorglos hüpft Lampe auf seinen weichen Ballen und mit hochgekniffenem Bauch, um nicht naß zu werden, denn der Tau spritzt hoch von dem Grase.
Strix thront auf dem Fangzweig. Sie saß dort gestern Abend und auch vorgestern Abend — aber ohne Ergebnis; die Fangstelle ist ihr nicht freigiebig.
Die Hasen sind scheu und mißtrauisch geworden. Sie benutzen den hundertjährigen Wechsel nicht mehr; der Steig betrügt, das haben sie entdeckt — sie schlagen andere Wege ein, die ihn weit umgehen.
Da nimmt Strix ihre Zuflucht zu der Stimme!
Sie beherrscht ein ganz ungewöhnliches Instrument! Sie kann die Stimme so tief tönen lassen wie nur ein Baß, und eine Reihe hohler, posaunenartiger Töne entsenden; aber sie kann auch in die Höhe gehen und ein scharfes, gellendes Geheul anstimmen.
Ein heimliches Schaudern, ein stilles Grauen geht durch alles Lebende des Waldes, wenn sie des Nachts ihre mächtige Stimme ertönen läßt ... die kleinen Vögel rings umher in den Nadelfestungen des Tannendickichts weichen tiefer hinein zwischen die schirmenden Zweige, der Buntspecht und das Eichhörnchen ducken sich tief in ihre Astlöcher, ja, selbst der Marder hält inne in seiner nächtlichen Jagd, wenn er die unharmonische Verkündigung seines großen Nebenbuhlers hört. Den Fall gesetzt, die Eule wäre hungrig, und nähme, was ihr in den Weg käme, da würde Taa in ihrem Rachen verschwinden wie eine Ratte!
Mit viel Mystik hat die Natur sie begabt. Ihr lichtscheues Treiben, die Farbe ihres Federkleides, ihr Bedürfnis nach Einsamkeit hat ihr seit undenklichen Zeiten das Mißtrauen der Menge zugezogen — auch über ihrer Stimme liegt etwas, das mystisch und eigenartig wirkt.
Es steckt ein Stück Bauchredner in Strix; wenn es ihr paßt, kann sie teuflisch mit ihrer Stimme täuschen — niemand kann danach beurteilen, wo sie sitzt. Sie kann brüllen wie ein Stier, heulen wie ein Wolf, miauen wie eine Katze oder in ein schallendes Gelächter ausbrechen wie ein wahnsinniger Mensch.
Jetzt heult es tief drinnen aus dem Walde! Es klingt schwach und fern, als kämen die Töne von weit her.
Der Hase auf dem Felde fühlt sich sicher und glücklich dabei und doch — — sitzt sie da, die große, rotäugige Fängerin, dicht hinter dem Waldessaum. Huu — Huu — Huu ... bis in die Unendlichkeit hinein kann sie so fortfahren. Die Geduld ist ihr angeboren. Eine Viertelstunde nach der andern kann sie so dasitzen und vollkommen von ihrem Hinterhalt in Anspruch genommen sein. Huu — Huu — Huu ... eigentümlich hohl und dumpf klingt es; wer ihr etwas anhaben will, folgt dem Klange der Stimme und glaubt, daß er sie die ganze Zeit vor sich hat, aber er geht und geht und ist ihr beständig gleich nahe.
Huj — Huj ...! auf einmal wechselt Strix die Betonung und unerwartet nahe, so wie der Schrei jetzt klingt, bringt sie den verwirrten Hasen dazu, angsterfüllt ein Versteck zu suchen. Bald brüllt sie, als sei sie hinter ihm, bald, als hinge sie gerade über ihm; der Hase gerät von Sinnen und schlüpft schleunigst auf den alten, lieben Weg — auf den Todesweg — um die Sicherheit und den Wald aufzusuchen.
Da stößt sie aus der Dunkelheit heraus und herab auf das kleine Langohr, in demselben Augenblick, als es den Kamm des Walles erreicht. Aeee, klagt der Ärmste, Aeee, Aeee ... und wild und trübselig schreit der Hase sein Leben aus.
Ungerufen erscheint Uf — — und hinter ihm drein wimmeln alle Füchse herbei; ein Hasenschrei lockt sie, wie der Magnet Eisenteilchen anzieht. Sie kommen von weit her, wie an der Nase herbeigezogen und sitzen da und geifern, während die beiden großen Uhus in aller Ruhe ihre Mahlzeit verzehren.
Es kommt wohl vor, daß ein heißhungriger, mutiger Reinecke sich mit den Lefzen heranwagt, da rollt Strix ihr Federkleid auf, sie sträubt jede Daune und wird unheimlich groß, dann knappt sie mit dem Schnabel und zündet Feuer in den roten Lichtern an.
Hu — u —, heult sie ... Nase weg!
Strix ist ein großer Räuber, ein mächtiger Jäger! Sie ist ein Meister in allen anwendbaren Jagdmethoden. Sie jagt ihre Beute offenkundig, verfolgt sie auf der Flucht, und streicht darüber hinweg, oben in der Luft, durch den Wald. Oder sie bedient sich des weniger anstrengenden Hinterhalt-Verfahrens, hüllt sich in den Schleier der Dunkelheit oder der Dämmerung und setzt sich vermummt als Baumstamm oder als Erderhöhung auf die Liebessteige oder die Futterplätze des Kleinwilds. Der jagende Fuchs knirscht oft mit den Zähnen vor Wut über sie; er nennt ihr Jagdverfahren, „dem Wild das Leben stehlen“. Hah! still dasitzen und lauern und aus der Luft niederschlagen auf eine arme, nichts ahnende Beute, hah! das kann jeder! höhnt der Fuchs in seiner Sprache.
Sie sind neidisch auf sie, alle, die zu Fuß jagen! Fuchs und Marder, Iltis und Dachs; sie hassen sie instinktmäßig, fürchten aber ihre Fänge.
[4. Das neue Gelege]
Dicht fallen die Blätter im Herbst ...
Dichter noch, als der Oktober herannaht ...
Überall in den Wäldern wird es welk und kahl!
Und dann im November folgten die vermoderten Zweige, und das Regenwasser trieb in Strömen an den Stämmen herab. Die letzten Motten und Nachtschwärmer ertranken und lagen mit ihren nankinggelben Flügeln auf dem Waldboden und trieben auf den Wasserlachen.
Der Dezember kam — und der Schnee!
Dann brütete der Winter über dem Lande —
Jetzt haben die Märzstürme getobt und die Aprilschauer gespült — Hagelwolken haben mit Sonne am Himmel gewechselt, die Schnepfe ist hier gewesen, die Anemonen stehen in Blüte:
Es ist Frühling und die Hochwälder strahlen von Mai!
Strix und Uf haben wieder den Horst voll Junger: sie liegen versteckt unter einer kleinen Tanne an einem Hügelabhang.
Uf hat die Stelle als Kinderwärterin noch nicht angetreten. Die Jungen, die vor kaum vierzehn Tagen aus dem Ei gefallen sind, werden vorläufig von Strix betreut und liegen wie lebendige Eidotter zitternd unter ihr. Sie ist so zärtlich mit diesen Jungen, zärtlicher als sie je mit ihren früheren Jungen gewesen ist — und sie bewacht sie mit nie ermüdender Fürsorge.
Keines Habichts gellende Paarungsfanfare, keines noch so starken Fuchsrüden heftiges Bellen duldet sie innerhalb ihres Bereichs. Und die Menschen — die bekommen nur schwer Erlaubnis, den Wald zu betreten!
Eines Morgens jagt sie einem biederen Bauersmann einen gehörigen Schrecken ein ...
Er kommt in seinem Einspänner gefahren, um das Holz zu holen, das er im Walde gekauft hat. Während er gemütlich dahinzuckelt, sieht er plötzlich einen braunen Vogel aus dem Dickicht brausen, durch das der schmalspurige Weg führt. Der Vogel ist groß, und er setzt sich ohne weiteres auf das Pferd und fängt an, ihm gewaltig um Maul und Ohren zu schlagen. Das Pferd macht Kehrt und geht durch; und der Bauer hat seine liebe Mühe, es wieder zu bändigen, denn fortwährend streicht ein schwarzer, unheilverkündender Schatten über das Fuhrwerk hin und heult so bestialisch wie der Teufel in eigener Person.
Und noch schlimmer wird es, als die Jungen erst Form annehmen, als die Daunen aus ihren weißspieligen Federposen herausquellen und sie anfangen, die nackten Hälse zu drehen. Jetzt hat Uf seine Arbeit als Wärmflasche angetreten, so daß Strix mehr Zeit zur Verfügung hat.
Sie ist auf dem besten Wege, eine Fabel für die ganze Umgegend zu werden. Sie fängt wie gewöhnlich ... holt Ratten aus den Dörfern und Rebhühner von den Feldern, aber es macht ihr immer mehr Mühe, Futter für ihre heißhungrigen Jungen und ihren nicht minder heißhungrigen, alten Gatten zu schaffen. Ihr großes Bereich ist in den letzten Jahren merklich magerer geworden; der Hasen und Birkhühner sind weniger — nur die Menschen haben zugenommen.
Dafür hat sich hier und da einer von den bunten Vögeln mit den langen Stößen von den Gütern drüben auf der andern Seite der Förde gezeigt — und eines Morgens taucht ein neuer, großer Auerhahn auf.
Es dämmert am Horizont ... schüchtern schlägt der Zaunkönig seinen ersten, schmetternden Triller, dann hält er inne — er ist zu früh aufgestanden!
Ein Birkhahn kullert ein vereinzeltes Mal draußen am Waldessaum — und alles wird wieder still wie zuvor. Nur die Morgenbrise seufzt und stöhnt in den Baumwipfeln ...
Da setzt ein Auerhahn mit seinem scharfen Tju-it ein!
Strix sträubt die Hörner.
War das ein Traum, der Lenzruf des großen Hahns? Sie sieht diesen großen Vogel ja sonst nie.
Von neuem ertönt der durchdringende Ruf, es ist kein Schrei und kein Flöten, und doch schallt es weit durch den Wald.
Strix verläßt den Horst und fliegt davon, der Richtung folgend.
Bald ertönt der Kampfruf eines andern Auerhahns — und nun kämpfen die beiden großen Hähne gleichzeitig mit einem Schwall von Kraft.
Sie hört vor sich Flügel schlagen und krachen. Ausgebreitete Federfahnen in breiten Flügeln hauen mit donnerähnlichem Getöse gegeneinander. Sie ist früher in solchen Augenblicken ein erfolgreicher Jäger gewesen und hat sich der Kämpfenden Mangel an Aufmerksamkeit zu Nutzen gemacht — lautlos schaukelt sie über dem Walplatz ...
Es ist noch dunkel in der Kronenwölbung und dunkel ist es auf dem Erdboden. Von weit her aus der Heide vernimmt sie das Trillern der Lerche und das dumpfe Trommeln der Birkhähne. Hier drinnen bullern rucksende Holztauben auf: Ku-kuu, ku-kuu!
Sie fliegt in eine Tanne hinein und setzt sich zusammengekauert hin, mit gesträubten Hörnern und funkelnden Lichtern.
Das frische Balzspiel beginnt von neuem ... tief und klangvoll tönt es aus der Kehle und rollt in den dämmernden Morgen hinaus. Längst hat sie den Vogel entdeckt. Ihr scharfer Blick erkennt deutlich den Glanz seiner Federn und das rote Ebereschenbüschel über jedem Auge. Mit stolzer Haltung, mit gefächertem Stoß und gekrümmtem Hals stolziert der schwarze Hahn auf seiner kleinen Lichtung umher; um seinen Nebenbuhler zu übertrumpfen, ist er nahe daran zu platzen. Auf einmal macht er einen mächtigen Sprung, und indem er die Flügel krachend vor der Brust zusammenknallt, stößt er gerade unter Strix nieder und stimmt einen Schlußgesang an, noch feuriger, als bisher.
Jetzt kann sie nicht mehr an sich halten; als sei sie ein neuer Hahn, geht sie auf das Balzen ein.
Mit gesträubten Halsfedern, mit schleifenden Flügeln, den Stoß gespreizt wie ein Rad, fährt der Auerhahn auf ihn ein. Er knappt mit dem Schnabel. Seine dicke, feuerrote Augenhaut schwillt und die Augen glühen vor Wut.