Anmerkungen zur Transkription

Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet und in kursiv gesetzten Abschnitten so ausgezeichnet.

Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich [am Ende des Buches].

Gampe's
Erzgebirge

mit Einschluss

der böhmischen Bäder Teplitz, Karlsbad, Franzensbad und Marienbad, des Voigtlandes und des Granulitgebietes an den unteren Mulden.

Ein Reisehandbuch

mit Reisekarte von Ingenieur Rudolf Henke und einer Routenkarte.

Dresden.

Verlag von Bleyl & Kaemmerer.


Vorwort.

Unzählige Reisen, die der Verfasser des vorliegenden Buches in das beschriebene Gebiet unternommen, seine erzgebirgische Heimathliebe und seine Freude an der eigenartigen Gebirgsnatur, wie an dem treuherzigen, regsamen und originellen Volksstamm, der dies Gebirge bewohnt, haben ihm die Arbeit erleichtert, der er sich überdies mit erklärlicher Vorliebe hingegeben. Möchte sie nun nicht minderen Anklang finden, wie die touristischen Skizzen, welche unter dem Titel »Partien in's Sächsische Erzgebirge« im Chemnitzer Tageblatt erschienen sind und die durch berechtigten und unberechtigten Nachdruck, wie auch durch Herausgabe in Buchform eine ungewöhnliche Verbreitung erlangten.

Um dem raschen Wechsel menschlicher Einrichtungen allzeit Rechnung zu tragen, sind Touristen und vor Allem die Eckpfeiler der Touristik, die Gebirgsvereine, sowie auch Ortsbehörden und Hotelbesitzer gebeten, Mittheilungen über etwaige Mängel, Veränderungen oder wünschenswerthe Ergänzungen an den Verfasser gelangen zu lassen.

Dresden-Altstadt.

Th. Gampe.


Widmung.

Mein grünes Bergland, sei gegrüsst!
Einst wollt' ich Dich besingen,
Doch weil man selten Verse liest,
Da sanken mir die Schwingen.

Was ich für Dich und mich erhofft,
Wer mag darnach noch fragen,
Man übernimmt sich leider oft
In seinen jungen Tagen.

Schlicht, bündig, ohne Gleiss und Glanz,
So find'st Du Dich beschrieben,
Vergieb, mein Bergland, wenn ich ganz
Prosaisch bin geblieben.

Der Schenken und der Wege viel
Stehn hier in schlichter Prosa,
Es fehlt auch kein Touristenziel
Von Peterswald bis Sosa.

Lass Dir das heut Genüge sein,
Was braucht es Verseplunder! –
Sie leuchten hell im Sonnenschein,
Mein Bergland, Deine Wunder.

Die Reize, die Dir eigen sind,
Die findet jed' ästhetisch-
Naturbefliss'nes Menschenkind
Am Ende selbst poetisch.

Doch ob der fremde Wandersmann
All' Deine lust'gen Schenken
Und stillen Pfade finden kann? –
Das lässt sich eh' bedenken.

Drum nimm vorlieb und wenn zu Hauf
Touristenschwärme kommen,
Nimm sie so lieb und freundlich auf,
Wie Du mich aufgenommen.

Mein grünes Bergland, sei gegrüsst!
Du siehst, ich bin salviret,
Wenn man erst wieder Verse liest,
Wer weiss, was dann passiret. –

Th. G.


Inhaltsverzeichniss.


Die Landschaftsform des Erzgebirgs.

Seit geologisch festgestellt worden, dass die Bergzüge im Granulitgebiet zwischen den unteren Mulden nicht Ausläufer, sondern neue Gebirgserhebungen sind, fallen auch die wissenschaftlichen Grenzen im Norden des Erzgebirgs mit den Grenzen zusammen, wie sie seit Langem in der Volksanschauung leben; sie laufen mit der grossen Verkehrsstrasse Reichenbach-Zwickau-Chemnitz-Freiberg-Dresden parallel. Bei Freiberg freilich erstrecken sich die erzgebirgischen Gneiszüge noch weit über diese Linie hinaus, doch ist ihre Bodenplastik eine wenig ausgeprägte, so dass sie bei Betrachtung des Gesammtgebirges nicht von Belang sein können.

Genau in der Richtung dieser Linie (O. O. N.) verläuft auch der Kamm des Gebirgs und zeigt dieselbe Längenausdehnung von circa 130 km. Bei solcher Structur kann die Entfernung des Kammes von der Nordgrenze nur wenig variiren, sie beträgt im Durchschnitt 38 km. Dieselbe Regelmässigkeit zeigt auch die Südgrenze; sie wird gebildet durch den Fuss eines Steilhanges der im Durchschnitt nur 7 km vom Kamm entfernt liegt und der sehr schroff mit halb alpinen Character nach dem böhmischen Tiefland zu abfällt. Die Höhe (nicht Seehöhe) dieser imposanten Bergkegel von Grasslitz ab bis zum Nollendorfer Pass schwankt zwischen 550 und 800 m vom Fuss aus gerechnet. Etwas höher ist die Steigung vom nördlichen Fuss bis zum Kamm, doch vertheilt sich dieselbe auf jene Durchschnittsentfernung von 38 km und kann darum landschaftlich nicht so unmittelbar zur Geltung kommen. Im Osten stösst das Gebirge an das Elbsandsteingebirge, das an der Grenze von der Grundform des Erzgebirges nicht abweicht und im Westen grenzt es an das Elstergebirge, das gleichfalls verwandte Formen aufweist.

Wir haben kein Haufengebirge vor uns, wohl aber eine gewaltige Gesammterhebung, der nach Höhe und Ausdehnung unter den deutschen Mittelgebirgen nur das Riesengebirge, der Böhmerwald, der Schwarzwald und Wasgenwald vorangehen. Ein Modell des Gebirges würde einem Festungswall nicht unähnlich sein, dessen Front gegen den Süden gerichtet ist. Auf der Höhe des Kammes stehen wie Bastionen der Mückenthürmchenberg (815 m), der Wieselstein und Schwarzeberg (930 m), der Bernsteinberg (919 m), der Hassberg (991 m), der Spitzberg bei Orpus (920 m), Keil- und Fichtelberg (1238 und 1213 m), der Spitzberg bei Gottesgabe (1107 m), der Queesberg (1021 m), der Rammelsberg (965 m) und der Aschberg (925 m). Das Fundament dieser Berge, das Kammplateau, schwankt zwischen 700 und 1000 m. Doch leidet dieses Plateau keineswegs an einer langweiligen Regelmässigkeit; so ist es in der Nähe der beiden Hünen Keil- und Fichtelberg fast aufgehoben, am Pass bei Gebirgsneudorf über Olbernhau fehlt es gänzlich und es gleicht dieser kürzeste Pass des ganzen Gebirgs in seiner hausdachförmigen Schroffheit sehr dem Loibelpass in den Karawanken, auch am Mückenthürmchen ist von einem Plateau in strengerem Sinne wenig zu spüren. In den Steilhang des Südens schneiden sich fjordartige Thäler oft dicht unter den Bastionen ein mit Thalgehängen bis zu 400 m Höhe – also colossale Thalschluchten von grossartigem landschaftlichem Character. Den Nordabhang durchfurchen zahlreiche Bergflüsse, die ihr Bett bis 200 m tief eingruben. Zu nennen sind hier die Zschopau, das Schwarzwasser, die beiden Mulden, die Flöha, die beiden Weisseritzflüsschen, die Müglitz, die Gottleuba und der Seidewitzbach. Ueberragt wird dieser Nordhang von einer grossen Zahl isolirter Bergkegel, die durch ihre Menge schon Protest dagegen erheben, dass das Gebirge hier einförmig sei. Besonders reich und energisch ist die Bodenplastik in der Annaberger Gegend, sodann folgt Altenberg im Osten und die Eibenstocker Granitregion im Westen. Sehr zu Gute kommen der Landschaftsform die vielen dominirenden Basaltdurchbrüche durch den Gneis im Osten und den Glimmerschiefer im Centralerzgebirge. Im Osten ragen auf der Wilisch, der Luchberg, der Sattelberg, der Geising, im Centralgebirge der Hass-, Pöhl- und Scheibenberg und der Bärenstein; ferner beleben die weitzerstreuten Granit-, Porphir-, Gneis- und Glimmerschieferkuppen, die fast alle, mehr oder weniger isolirt, weite Landstriche beherrschen, die Landschaftsform des Erzgebirgs.

Die Structur der Haufengebirge ist zwar landschaftlich im Allgemeinen malerischer, touristisch sind sie indes selten dankbarer, man geht in ihnen oft tagelang ohne einen freien Blick, während wir im Erzgebirge auf bequemen Strassen weite Strecken wandern können, ohne dass der Blick dauernd beschränkt würde, dazu dominiren die einzelnen Bergkegel viel mehr, als in den Haufengebirgen und gewähren, wenn auch nicht an allen Orten malerische, so doch stets sehr umfassende Rundsichten. Grossartig und unvergleichlich schön sind die Ausblicke von den Bastionen auf dem Kamin oder auch von den meisten der Strassen der 14 Hauptpässe des Gebirgs hinab ins Böhmerland und auf das nachbarliche bizarr-pittoreske, vulkanisch-wilde Mittelgebirge in Böhmen. Mit diesen landschaftlichen Reizen kann kein zweites deutsches Mittelgebirge rivalisiren. – Die eigenartige, höchst überraschende Landschaftsform dieser eruptiven Schuttmassen kehrt eben nirgends in Deutschland wieder. Am grossartigsten sind die Blicke vom östlichen, wie vom Centralgebirgskamm; relativ am wenigsten dankbar sind die Pässe von Kallich und Sebastiansberg, weil hier statt des grotesken Hintergrundes ein, allerdings lachendes Gefild, die Saazer Ebene sich ausbreitet und weil hier der Steilhang des Erzgebirgs selbst am wenigsten ausgeprägt erscheint und durch Vorberge etwas verwischt wird.

Einen besonderen Reiz bilden auch die frischen, tiefgrünen Stromthäler und die unabsehbaren Hochwälder, die den ganzen Kamm bedecken. Die Kronen dieser Wälder sind die Olbernhauer und die Eisenberger Buchenforsten, die ersteren zwischen Töltzsch- und Flöhathal, die letzteren am Pass von Gebirgsneudorf hinab nach Obergeorgenthal und Eisenberg. Ein grosses Verdienst hat sich die sächsische Regierung erworben durch die Wiederbeforstung der vielen kahlen Bergkegel, die während der Blüthezeit des Bergbaues zum Schaden der allgemeinen Wohlfahrt wie der Naturästhetik abgeholzt worden waren; selbst am Fichtelberg auf einer Höhe von über 1200 m ist es, wenn auch nach unendlichen Mühsalen, gelungen, die offene Wunde verharschen zu machen durch eine neue grüne Walddecke, die dem Berg schon jetzt recht anmuthig zu Gesicht steht.

Die Landschaftsform des Granulitgebietes zwischen und an den unteren Mulden gleicht dem niederen Erzgebirge, nur sind die Stromthäler noch mannigfaltiger. Die höchsten Erhebungen sind der Rochlitzer Berg (352 m) und der Kapellenberg bei Hohnstein (479 m). Die hauptsächlichsten landschaftlichen Reize bestehen in den waldigen burgengeschmückten Thälern, durch welche sich die nunmehr wasserreicheren Bergströme winden.

Das Voigtland, das, wie das Erzgebirge allmählig zu dem 765 m hohen Kapellenberg ansteigt und sich an das fränkische Gebirge, wie an die Thüringer Vorberge anlehnt, zeigt mit seinem Elsterthal ganz die Landschaftsform des nachbarlichen Erzgebirges, dessen westlicher Grenzwall überall sichtbar ist. Auch hier sehen wir ein thälerdurchfurchtes Hochland mit zerstreuten aber dominirenden Bergkuppen, das gegen den Süden ansteigt und wie das Erzgebirge gegen das Egerland abfällt, das freilich selbst 400 m über See liegt. Die höchsten landschaftlichen Reize hat das Voigtland am erzgebirgischen Grenzwall (Schöneck und Goldene Höhe) und im unteren Elsterthal (Steinicht) aufzuweisen.


Das Klima des Erzgebirges.

Der lange Abhang des Gebirges wendet seine Front gegen den kalten Norden, dementsprechend zeigt sich auch das Klima. Die Durchschnittswärme der Norddeutschen Tiefebene von 9 bis 10° C. wird im ganzen Erzgebirge nicht erreicht. Im mittleren Gebirge schwankt die Durchschnittswärme zwischen 6 und 8° C., das obere Gebirge muss sich mit 4 bis 6° C. begnügen. Der Temperaturausgleich zwischen Nord und Süd erhält eine höchst lebhafte Verkehrsstrasse über den 130 km langen Kamm offen; die Folge davon sind schwere Winterstürme mit Schneetreiben, die den Eisenbahnlinien und den Wegemachern viel Noth bereiten; von der armen Bevölkerung jedoch werden sie als ein Segen betrachtet, weil sie durch Schneeschaufeln Verdienst ins Land bringen. Die Linie Annaberg-Weipert-Domina-Schönlind hat, was winterliche Verkehrsstockungen anlangt kaum ihres Gleichen in ganz Mitteleuropa.

Die Regenmenge wächst rapid mit der Höhe des Gebirgs. 1878 hatte Leipzig 536, Chemnitz 727, Annaberg 830 und Oberwiesenthal 1228 mm Regenhöhe. 1879 stellte sich diese auf 643, 863, 945 und 1026 mm. Es ist zu beklagen, dass auf dem Fichtelberg nicht wie auf dem Brocken eine menschliche Ansiedlung mit meteorologischer Station existirt. Die Resultate würden sicher manches Ueberraschende und wissenschaftlich Werthvolle zu Tage fördern.

Die vorzüglichsten landwirthschaftlichen Producte von durchschnittlich ausgezeichneter Güte sind Kartoffeln, Hafer, Flachs und Wiesenheu, dem die erzgebirgische Butter ihren bekannten Wohlgeschmack zu danken hat. Getreide wird zwar bis auf den Kamm hinauf gesäet, rentirt jedoch wegen starker Einfuhr aus den für Getreidebau günstiger gelegenen Tiefländern von Jahr zu Jahr schlechter. In der Gegend von Gottesgabe (1027 m) hört die Agricultur auf und wenn wir hier einem Haferfeld begegnen, so will es mehr scheinen als speculire es nur auf das Mitleid der Vorübergehenden.

Die Winter mit ihren Schneetreiben, Rauhfrösten, Eisduft, Stürmen und haushohen Verwehungen tragen echt nordischen Character. Der Frühling ist kurz, die Maiblume (Löwenzahn) spriesst oft schon hervor, wenn daneben der Schnee noch die Wiesengräben füllt. Der Sommer zeigt sich heiss und feucht mit starken Gewittern und leider empfindlich kühlen Abenden, die den Mangel an öffentlichen Sommergärten in den oberen Städten völlig erklären. Die schönste Jahreszeit ist der Herbst mit seiner erstaunlich klaren Luft und seinem allzeit frischen Grün. Einen todten Herbst, wie ihn das Tiefland besäufzt, kennt das Erzgebirge nicht. Die Einwinterung geschieht meist rasch und vollständig. Ausgedehntes Sumpfland findet sich mit Ausnahme des Kranichsees bei Karlsfeld nirgend und auch dieser bleibt bei dem frischen Gebirgsklima ohne schädlichen Einfluss. Der waldbedeckte Kamm ist in seiner ganzen Länge für Gebirgsluftkuren ausserordentlich geeignet. In Aufnahme als Luftkurorte sind besonders Reiboldsgrün, Reitzenhain und die Bäder Wolkenstein, Wiesenbad und Einsiedel. Der östliche Kamm ist von Leidenden bis jetzt wenig beachtet worden, obwohl hier wirksamere Kurorte aufzufinden wären, wie im tieferen Sandsteingebiet der Sächsischen Schweiz, die neuerdings von Sommerfrischlern und Erholungsbedürftigten überlaufen wird. Sehr milde Gebirgslüfte wehen über den südlichen Thalgehängen bei Graupen, Eichwald, Ossegg, Oberleitensdorf und Eisenberg. Eichwald ist im besten Zuge, ein fashionables Luxusbad zu werden und der Ort, am Südhang und inmitten der grossen dichten Wälder der Fürsten Clary und Lobkowitz gelegen, verdient diese Bevorzugung vollauf.


Die Bewohner des Erzgebirges.

Es muss gelehrten Forschern überlassen bleiben, ob nicht schon Kelten im Erzgebirge angesiedelt waren; ich will hier nur darauf aufmerksam machen, dass so mancher Name in unserem Gebiet auffällig treffend sich den keltischen Theorien des Dr. Riecke und anderer Keltenforscher anfügt. Es sind hier zu nennen: Thum, Dorf Elend, die Elenswiesen bei Thum, die sicher nicht erst wie die Sage will, nach dem 30jährigen Krieg im Volksmund einen Namen erhielten, ferner Afalter, Mehltheuer, Klaffenbach und vor Allem die vielen Glasberge, Haarthen, die der irischen Bezeichnung analog stets lange Bergrücken darstellen; es finden sich solche bei Einsiedel, bei Hohenofen in Böhmen und der lange Serpentinrücken bei Zöblitz heisst gleichfalls die Haarth. Auch die vielen Leithen (einseitige Berghänge) stimmen zu jenen Forschungen.

Dass die Sorben im Besitz des ganzen Gebirges waren, ist zweifellos. Sie mögen auf dem Kamm nur sehr dünn oder auf Strecken gar nicht angesiedelt gewesen sein, sie haben aber sicher die Pässe schon benutzt. Ueber Eibenstock haben alle Bergbäche auf dem Kamm slavische Namen, auch bei Wiesenthal fliesst, wie bei Raschau, eine Biela (Weisswasser, jetzt Pöhla), ein »Kretscham« steht zwischen Neudorf und Unterwiesenthal, auf der Kammhöhe liegt Pressnitz, Saydowa (Saida) liegt an einer uralten Heerstrasse zwischen Prag und Leipzig, Purschenstein dürfte eine Tautologie und mit dem Böhmischen Borzen (spr. Borschen) verwandt sein, und so liessen sich noch eine Menge solcher natürlicher Urkunden und Beweisstücke aufzählen, welche die bekannte Annahme hinfällig machen, die Sorben seien erst, durch die Deutschen bedrängt, bis höchstens in die Gegend von Zöblitz und Eibenstock verschlagen worden.

Mit der Gründung der Mark Meissen (928) begann die gewaltsame Germanisirung der Slaven auch im Erzgebirge und mit ihr jedenfalls eine grössere germanische Einwanderung, um aber den unwirthlichen Miriquidiwald dicht zu bevölkern, brauchte es noch eines gewaltigen Anstosses und das war das Fündigwerden des Erzreichthums im grossen Massstabe. Zwar hatten die Sorben schon Bergbau getrieben, wie aus vielen technisch-bergmännischen Ausdrücken, die dem Slavischen entstammen, hervorgeht, aber die Deutschen bemächtigten sich der für die damalige Zeit ungeheuren Bodenschätze mit ganz anderer Energie. Die Sage erzählt, ein Halle'scher Salzfuhrmann habe eine Erzstufe in den Gleisen in der Gegend, wo jetzt Freiberg steht, gefunden, habe sie in Goslar untersuchen lassen und darauf hin habe sich denn eine ganze Völkerwanderung nach dem Erzgebirge vollzogen. Wie noch heut bei ähnlichen Auffindungen im Westen mag die Sage von Erzschätzen mit allen den Uebertreibungen, wie sie noch immer im Schwange sind, in die Welt hinausgegangen sein. Intelligente Abenteurer (wohl auch Proletariat) strömten aus weiten Ländern herbei; den grössten Antheil an der Einwanderung scheinen die Niedersachsen, die Franken und die Böhmen zu haben. Actiengesellschaften traten ins Leben, grossartige Wasserbauten wurden ausgeführt, so bei Freiberg und bei Schneeberg, Städte schossen auf wie die Pilze, imposante Bergkirchen wuchsen über die Dachfirsten empor, zahllose Kauen und Berghütten belebten die sonst so stillen Gehänge, in den Wäldern fiel Stamm um Stamm dem Bergbau zum Opfer, die Erzhütten qualmten und die Bergglöcklein schallten allerorts, kurz, es mag ein Leben gewesen sein, wie es heut zu Tage nur noch die Minenregionen Amerikas überbieten. Diese überaus rührigen Miners sind die Urväter der heutigen Bevölkerung und sie haben ihren Fleiss, ihre Verträglichheit, ihren vergnügten Sinn ungeschmälert hinterlassen, während der Drang nach reichem Erwerb in eine oft rührende Genügsamkeit umgeschlagen scheint.

Die Tiefländer, die auf reicheren Ackergründen sitzen, sind stets abgeschlossener, unzugänglicher und stolzer während eine kargere und rauhere Gebirgsnatur die Menschen enger zusammendrängt und darauf ist die ausgeprägte Geselligkeit der Gebirgler wohl zurückzuführen. Freilich, so gemüthlich und gesellig, wie das Erzgebirgische ist selten ein Bergvolk und dabei ist es von einer tiefen Liebe zu seiner Scholle durchwärmt. Man muss die Herzenstöne selbst hören, die ein Erzgebirger in die Worte legt »Mei Arzgebirg, mei Haemeth.«

Mit dem Zurückgehen der Erzwerthe und der Erschöpfung vieler Gruben kehrte auch die Nahrungssorge im Erzgebirge ein. Die Landwirthschaft war nicht sehr ausgiebig und so griff die Bergbevölkerung zur Industrie, welche heut in unserem Gebirge die grossartigsten Formen angenommen. Eine statistische Zusammenstellung vom Reg.-Rath Dr. Victor Böhnert wirft die glänzendsten Schlaglichter auf den Sächsischen Gewerbfleiss, an dem das Erzgebirge am stärksten participirt.

Sachsens Bevölkerung beträgt dem Reich gegenüber 6,46%. Zu den 925 457 Personen, welche 1875 in Deutschland in der Textilbranche beschäftigt waren, stellte Sachsen 203 780 Personen, also 22,02%. In einzelnen der Textilindustrien beschäftigt Sachsen allein mehr Personen als das übrige Deutsche Reich. In der Strumpf- und Strickwaarenindustrie waren im Reich 60 620 Personen thätig, davon gehörten 35 166, also 58% dem Königreich Sachsen an. In der Spitzen- und Weisszeugfabrikation arbeiteten im Reich 12 904 Personen, in Sachsen davon 7696, mithin 59,6%, in den Webereien von gemischten Waaren sind im Reich thätig 11 055 Personen, in Sachsen davon 10 709, mithin 96,9%. In den Appreturanstalten für Strumpfwaaren im Reich: 3701 Person, davon in Sachsen 3632, also 98,1%.

Auch in anderen Gewerbzweigen liefert Sachsen einen auffällig grossen Procentsatz, so z. B. im Metallbergbau, wenn wir Eisen und Stahl ausschliessen, 15%, in der Fabrikation von Musikinstrumenten 31,7%, in der Papier- und Pappenfabrikation 18,5%, in der Wachstuch- und Lederfabrikation 49,2%. In Preussen leben auf den Quadratkilometer nur 10,4 Erwerbstätige, in Sachsen dagegen 42. Nur Reuss ä. L. reicht mit 37,2 in Deutschland an diese Ziffer heran.

Nach einigen Schriftstellern soll die erzgebirgische Gemüthlichkeit die Thatkraft lähmen – nun, die vorstehenden Zahlen geben die beste Antwort darauf. Im Gegentheil, ein permanent fröhlicher, nie übermüthiger Gemüthszustand hat die Unverdrossenheit im Gefolge und diese ist eine Grundbedingung des Gewerbfleisses. Stünde das Gebirge allein dem Reich gegenüber, dann würden die Procentsätze noch überraschender ausgefallen sein und jene Schriftsteller würden die Mütze noch tiefer ziehen müssen, vor der »durch das Gemüth lahmgelegten Thatkraft« und der »Energielosigkeit«, die auf den verlassenen Bergzechen so colossale Blüthen emportrieb. Landschaftlich hat das Erzgebirge bedeutende Rivalen, für industrielle Excursionen aber steht es ausser Concurrenz. Wer sich nicht nur über Berg und Thal, wer sich auch über fleissige Menschen in ihren mannigfaltigen Werkstätten freuen kann, dem sei die »Industrielle Excursion« in ihrer Zusammenstellung angelegentlichst empfohlen. Siehe dieses Register.

Der Menschenschlag ist keineswegs degenerirt wie im Ausland oft behauptet wird, wir finden unter den Hammerschmieden, Bauern und Holzknechten sogar herculische Gestalten, nur in den Weber-, Posamenten- und Strumpfwirkerdistricten haben die Stubenluft und die zeitweilig geringe Nahrung in verdienstlosen Zeiten ihre Wirkungen unverkennbar hinterlassen. Auffällig sind die durchgängig intelligenten Gesichtszüge; selbst unter dem landwirthschaftlichen Gesinde begegnen wir nur selten einem stumpfen, nichtssagenden Gesicht. Die Frauen sind meist geschmeidige Gestalten, zierlich, gazellenartig und selbst bei der Arbeit nicht ungefällig gekleidet. Befremdlich für einen germanischen Stamm sind die vielen braungrauen, braunen und schwarzen Augen. Leider heirathen die Frauen sehr früh und altern früh. Der Tanz ist äusserst beliebt und wird meist ohne Tanzlehrer in höchst vollendeter Weise geübt.


Practische Winke für den Umgang.

Der Erzgebirger aus dem Volke erwartet bei seiner offenen, munteren Gemüthsart, dass der Fremde sich auch so zeige und dieser kann sich ohne alle Gefahr in vertraulicher Weise nähern, er bleibt trotzdem stets eine Respectsperson. Ueberaus freut sich der Erzgebirger, wenn sich der Fremde für seine Heimath und vor Allem für seine Arbeit und Erwerbsverhältnisse interessirt, er lässt ihn mit vieler Treuherzigkeit in seine innersten Angelegenheiten blicken. Mit kalter Vornehmthuerei imponirt dem Erzgebirger Niemand, der Hochmuth ist ihm etwas Lächerliches. Neidlos blickt er auf den besseren Rock, lernend blickt er zu der höheren Intelligenz auf, der Standesunterschied ist ihm anerkannte Thatsache, nur will er diesen am Liebsten selbst markiren.

Es darf nicht auffallen, wenn sich der Fremde schon nach einer einzigen Frage an den Wirth mit allen übrigen Gästen in ein Gespräch verwickelt sieht. Man drängt sich ein, man überbietet sich, um dem Fremden zu dienen. Die Neugier spielt dabei eine sehr untergeordnete Rolle. Für Scherzworte ist der Erzgebirger äusserst empfänglich und meist reagirt er sofort. Man kann in erzgebirgischen Schenken scherzhafte, schlagkräftige Wortgefechte sehr oft zu Gehör bekommen. Die Frauen und Mädchen singen gern. Leider sind sie schwer zu bewegen, ihre Volksgesänge vor dem Fremden anzustimmen, sie lachen der Aufforderung und achten ihre Kunst wirklich für zu gering.

Aus den oft sehr ungenirten Scherz-Reden zwischen beiden Geschlechtern wolle der Fremde ja nicht auf sittliche Missstände schliessen, er würde irren, wenigstens stellt sich der anzügliche Procentsatz nicht höher, als anderswo. Gefälligkeiten erweist der Erzgebirger sehr gern und er kennt dabei keinen egoistischen Hintergrund; Trinkgelder werden zwar nicht verschmäht, doch nimmt er sie selten ohne einige Verlegenheit. Knaben, die uns stundenweit begleiten, freuen sich über wenige Groschen von Herzen, Erwachsene übernehmen Führungen mit Vergnügen für 2 bis 3 Mark per Tag.

Desselben Stammes ist die Bevölkerung auf böhmischer Seite, sie lebt unter gleichen Verhältnissen, treibt vielfach dieselben Gewerbe, nur bekennt sie sich zu einer anderen Kirche. Doch herrscht an der Grenze der tiefste Religionsfriede unter den Gebirglern; gegen Fremde ist der Böhme neuerdings etwas misstrauischer. Der Grund hiervon mag sein, dass viele Reisende über den Kamm herüber kommen und ohne bösliche Absichten, nur aufgeregt durch Freiheit, Natur und Wanderlust in übermüthiger Stimmung den alten Spruch nicht beachten:

Landesbrauch ist Landesehr'. –
Fall nicht grob darüber her.

Noch sei hier erwähnt, dass in stillen Thälern, auf einsamen Höhen, in Gehöften und Mühlen oft seltsame Käuze zu finden sind, die mit gutem Erzähltalent haarsträubende Geschichten zum Besten geben. Die Einsamkeit, die Wildheit der Natur, die Unbill des stürmischen Winters, die Waldgeheimnisse der unabsehbaren Forsten haben die Phantasie dieser schlichten Leute angeregt und eigenthümliche Blüthen gezeitigt. Man kann sich durch treuherzige Annäherung einen unerschöpflichen Sagenborn erschliessen, freilich sind diese Sagen zuweilen wild und unheimlich, oft aber auch von frischer Anmuth, sie gleichen ganz der erzgebirgischen Natur – sie sind ja selbst ein Product der Natur.


Wie bereist man am Besten das Erzgebirge.

Grosse touristische Heerstrassen hat das Gebirge nicht; aber ein dichtes Strassennetz, sechs grosse Eisenbahnen und zwei Sekundärbahnen ermöglichen immer neue Varianten. Auch eine Menge Passrouten durchziehen das Gebirge, ja, man kann es in allen seinen Theilen bereisen, ohne auch nur eine Meile Weges gehen zu müssen. Doch das Buch soll dem Touristen dienen und darum ist auf diese Art zu reisen, weniger Rücksicht genommen, es schmiegt sich vielmehr der natürlichen Entwicklung der erzgebirgischen Touristik völlig an. Die meisten Touristen gehen (von der Nordgrenze her) in den Stromthälern den Eisenbahnen nach oder fahren mit denselben bis unter den Kamm, geniessen vom Kamm aus einen oder mehrere Aussichtspunkte und wandern dann dem böhmischen Tiefland zu, um in einem der grossen böhmischen Bäder Rasttag zu halten. Die Rückkehr geschieht zumeist wieder durch Fusswanderung auf einem anderen Gebirgspass und später per Bahn. Passionirtere Touristen verlassen den Kamm nicht sobald, sie geniessen die jungfräuliche Berg- und Waldnatur längere Zeit. Merkwürdiger Weise hat die natürliche Entwickelung der Touristik zwei der herrlichsten Touren, wie sie am Schluss des Buches in Anregung gebracht werden, bisher vollständig ignorirt. Die erstere führt von Osten her, von der Nollendorfer Höhe auf den 130 km langen Kamm hin bis in die Gegend, wo sich das Gebirge nach dem Voigtland hinabsenkt; sie ist nur zu Fuss zu machen, dafür ist es eine echte und gerechte Gebirgspartie mit einer Kette herrlicher Aussichtspunkte inmitten der grossartigsten Forsten. Zur Rechten hat man die Sächsische Abdachung, zur Linken erst das Teplitzer Mittelgebirge, dann die Saazer Ebene und zuletzt das Karlsbader Gebirge und das Egerland. Die zweite Tour führt auf böhmischer Seite am Abhang oder am Fuss des Gebirgs hin, sie beginnt bei Kulm und endigt bei Grasslitz. Eisenbahnen laufen mit ihr parallel, so dass man mit Fahrt und Fusswanderung nach Belieben wechseln kann. Die Aussicht, welche diese Partie ununterbrochen gewährt, gleicht einem Wandelpanorama von überaus fesselnder Schönheit. Dabei liegen die grossen böhmischen Bäder nur wenige km abseits, lassen sich also bequem in die Tour hereinziehen.

Der Sommerfrischler wird sich in einem der kleinen Badeorte unter dem Kamme niederlassen und wird von hier aus das Gebirg durchkreuzen. Empfehlenswerth sind Gottleuba, Berggiesshübel, Kreischa, Tharandt, Bad Einsiedel, Georgenthal mit Georgensdorf, Erdmannsdorf, Olbernhau, Reitzenhain, Warmbad Wolkenstein, Wiesenbad, Schwarzenberg, Wildenthal, Reiboldsgrün und vor Allem Bad Elster.

Soviel über die erzgebirgische Touristik im Allgemeinen; einen persönlichen zusagenden Reiseplan wird Jeder unter der reichen Auswahl leicht ausfindig machen können. Zur Empfehlung der Touren sei hier bemerkt, dass sie nicht willkürlich, sondern mit Sorgfalt und mancher Mühe zusammengestellt sind.


Wann bereist man am Besten das Erzgebirge.

Es soll hier der Leser nicht mit der Neuigkeit überrascht werden, dass die Sommermonate am geeignetsten zum Reisen sind, ich möchte hier nur eine Lanze für Winterpartien brechen. Zum Ersten sind sie sehr gesund und wohlthuend für Geist und Körper, vorausgesetzt, dass wirklicher Winter herrscht, sodann zeigen sie uns die Natur in unvergleichlichen Reizen. Die winterlichen Herrlichkeiten mit ihren Rauhfrösten, Eisduft, lustigen Schneetreiben, Schneewehen, Schlittenbahnen und krystallisirten Wäldern treten in Mitteldeutschland nirgends mit so echt nordischem Charakter auf, wie auf dem Erzgebirge. Wer Winterscenerien liebt, dem kann ich dieses Gebirge aus reicher Erfahrung dringend anempfehlen. Uebrigens erstrecken sich die Schlittenpartien in neuerer Zeit von Dresden, Freiberg, Chemnitz und Zwickau aus öfter bis auf den Kamm. Von besonderem Interesse sind auch die winterlichen Wildfütterungen auf dem Nassauer und Fleyer Revier. Bei Fley finden sich bis zu 300 Stück Hochwild bei der täglichen Fütterung zusammen. Wer übrigens Land und Leute studieren will, der muss das Land im Sommer und die Leute im Winter nehmen, nur im Winter drängen sich diese eng zusammen.

Um eine practische Tageseintheilung zu ermöglichen, sei auf nachstehende Tabelle verwiesen.

Sonnen-Sonnen-
Aufg.Unterg.Aufg.Unterg.
Juni1.3. 53.8.Juli1.3. 53.8. 13.
16.3. 49.8. 11.16.4. 6.8. 5.
26.3. 51.8. 14.26.4. 18.7. 53.
Sonnen-Sonnen-
Aufg.Unterg.Aufg.Unterg.
August1.4. 27.7. 45.Septbr.1.5. 16.6. 45.
16.4. 49.7. 18.16.5. 37.6. 12.
26.5. 5.6. 58.26.5. 53.5. 50.

Einiges über Reisemärsche.

Der Tourist marschirt zwar unter günstigeren Verhältnissen, wie der Soldat, doch als Massstab dürfte ein kleiner Auszug aus einem Aufsatz des Ober-Stabsarztes Dr. Leo über Militärmärsche dem Touristen nicht unwillkommen sein. Das deutsche Exercirreglement schreibt 8–10 m Schrittgrösse und eine Schrittzahl von 112 per Minute vor. Dabei wird 1 km in 12 Minuten und die Meile in 1½ Stunde zurückgelegt. Ein bequemer Reiseschritt veranlasst eine Schrittzahl von 90 per Minute. Die gewöhnliche Marschlänge beträgt für den Tag 23 bis 30 km. Der vierte Tag ist stets ein Rasttag. 1 Stunde nach Abmarsch wird ein kürzerer Halt empfohlen, sodann jede zweite Stunde. Der Haupthalt wird nach Zurücklegung der grösseren Hälfte des Marschzieles gemacht und ist auf ½ bis ¾ Stunde auszudehnen. Im Krieg steigern sich diese Marschleistungen um ein Bedeutendes, doch könnte mit näheren Angaben der Touristik wenig gedient sein.

Bei grosser Hitze empfiehlt die Erfahrung weisse Tücher um Haupt und Nacken, auch soll ein Stück angefeuchtetes Papier in die Kopfbedeckung gelegt, Hitzschlag und Sonnenstich hintanhalten, Trinken von kalten Wasser wird empfohlen, nur darf keine Ruhe nach dem Trinken eintreten. Essig und Wasser mit Zuckerzusatz wird als besonders erfrischend gerühmt. Bei nicht zu heisser Temperatur ist mässiger Branntweingenuss nicht nur gestattet, sondern empfohlen. Bei grosser Hitze ist Branntwein zu meiden. Die Füsse sind am Abend in kühlem Wasser zu waschen und mit Talg und Sprit einzureihen. Bei 20° R. im Schatten soll der Soldat mit Marschieren um die Mittagszeit verschont werden. Sind die Märsche unumgänglich, soll er reichlich Wasser zu sich nehmen. Der Gebrauch der Soldaten, grüne Blätter und Zweige in die Kopfbedeckung zu legen oder auf derselben zu befestigen, wird als nützlich anerkannt.

Hieran sei noch folgendes geknüpft: Aerzte und Apotheker sind allerorts im Erzgebirge nicht weit. Die Taschenapotheke kann sich auf etwas engl. Pflaster für wunde Füsse und ein wenig Talg beschränken. Sind Fusswaschungen am Abend mit Schwierigkeiten verknüpft, so befreie man wenigstens den Fuss zeitig vom Schuhwerk. Zu warnen ist vor dem programmmässigen Abhetzen einer Tour, wie es namentlich unter den jüngeren Touristen gebräuchlich; es beeinträchtigt den Reisegenuss, hinterlässt nur dürftige Eindrücke und ist nicht ohne Gefahren. Im Ganzen sollte der Marschetat 8 Stunden oder 30 km nicht überschreiten. Am ersten Tag genügen oft schon 5 Stunden die Kräfte zu erschöpfen. In der Kleidung richtet sich Jeder am Besten nach seiner Gewohnheit. Der Schuh sei vor Allem bequem, hohe Absätze taugen nicht zum Wandern, sie drängen den Fuss nach vorn und verursachen Schmerzen in den Zehen. Wer an Rindlederschuhe nicht gewöhnt ist, wird im Anfang bittere Erfahrungen damit machen. Drei- und vierfache Sohlen sind ebenfalls nicht zu empfehlen, sie treten sich nur schwer nach dem Fuss und schmiegen sich zu wenig seinen Bewegungen an. Vorzüglich wandert sichs auf einer einzigen Kernledersohle. Für Winterpartien empfehlen sich Stiefel mit Korkeinlage, sie halten den Fuss warm und gewähren vor Nässe Schutz.


Gastronomisches.

Die Hotels der grösseren Gebirgsstädte unterscheiden sich nicht von denen des Niederlandes. Die ehemals sehr kleinen Betten verschwinden mehr und mehr. In Böhmen sind diese meist luxuriöser, wie auf sächsischer Seite, selbst in oft unansehnlichen Gasthäusern. Sehr zu wünschen ist, dass die Wirthe im Sommer statt für Federbetten für überzogene Wattdecken Sorge tragen.

In kleineren Städten und Dörfern hüte man sich im Allgemeinen vor Rindfleischgerichten; die besseren erzgebirgischen Mastrinder kommen hier selten zum Schlachten, anders ist es im Voigtland und in Böhmen. In kleineren Gasthöfen, wo hie und da die alte erzgebirgische herzlich schlechte Küche noch nicht aufgegeben ist, wird das Fleisch leider oft nur angebraten (damit die Portionen nicht zu klein erscheinen) und mit einer geschmacklosen, hellgelben Sauce aufgetragen, wenn man nicht extra auf scharfgebratenes Fleisch dringt. Erzgebirgische Butter ist meist vorzüglich, der erzgebirgische Käse dagegen häufig ungeniessbar. In neuerer Zeit haben die Rittergüter bessere Käsereien angelegt. Nur der Aberthamer Ziegenkäse genoss früher Ruf und ging selbst nach Dresden in die Hofküche. Eigenartige Speisen, wie Böhmen und Bayern, kennt das Erzgebirge nicht.

Die einheimischen Biere sind zumeist trefflich und bekommen gut. Auf böhmischer Seite trifft man zuweilen selbst in unansehnlichen Schenken einen köstlichen Trank, auch in den kleinen Weinschenken verzapft man sehr oft treffliche böhmische, österreichische und ungarische Weine für billiges Geld. Man wird immer wohl thun, nach jener Sorte zu greifen, welche von den Einheimischen am Meisten begehrt ist. Der ehemals gefürchtete Kaffee ist auf sächsischer Seite besser geworden, in Böhmen herrscht die Unsitte, denselben durch Feigenwurzel »seimig«, d. h. schlechter zu machen; auch reicht man oft schlecht raffinirten Runkelrübenzucker dazu, oder verdickt ihn gleich zu einer Art von braunen Zuckerschleim.


Pass und Zoll.

Passkarte oder Reisepass wird weder an der Grenze noch in den Gasthäusern gefordert. Indess sind sie keineswegs überflüssig. Wer Gelder von der Post zu beheben hat oder die Behörden in Anspruch nehmen muss, wird ohne sie lästige Scheerereien haben.

Die Zollvisitation wird seit den jüngsten Zollerhöhungen weit strenger gehandhabt. Frei sind Kleidungsstücke, Wäsche, 10 Stück Cigarren, 2 Loth Rauchtabak. Cigarren kosten das Pfund 3 fl., Tabak 1 fl. Steuer. Streng verpönt sind Lotterieloose und Spielkarten.


Reisekosten.

Die Reisekosten stellen sich für den Fusswanderer auf 4 bis 6 M. täglich; Das Zimmer berechnet man in kleineren Orten zumeist mit 1 M., auf Dörfern wohl auch nur mit 50 Pf., in comfortable eingerichteten Gasthöfen steigt der Preis bis 2 M., in den böhmischen Bädern bis zu 3 fl., doch sind auch hier in guten Mittelgasthäusern Zimmer für 1 fl. zu haben. Uebervortheilungen hat man im ganzen Gebirge nicht zu fürchten. Selbst ein anspruchsvoller Reisender wird Mühe haben, täglich 20 M. an den Mann zu bringen, wenn er sich nicht gerade in den Bädern befindet oder exclusiven Dingen nachgeht.


Geldvaluta.

An der sächsischen Grenze, die ja zugleich Reichsgrenze ist, raint auch die deutsche Reichswährung mit der österreichischen Währung, doch sind beide Währungen im Volke populär, namentlich ist der böhmische Gastwirth an beide gewöhnt und er berechnet auf Verlangen bald in dieser bald in jener. Der Cours findet sich in allen Grenzblättern, wie in jeder grösseren Zeitung. Sind z. B. in Sachsen österreichische Banknoten mit 177 notirt, so bedeutet das einen Werth per fl. von 1 Mk. 77 Pf. In Oestreich findet sich dagegen das Reichsgeld in den Coursnotizen. Ist derselbe z. B. mit 55 verzeichnet, dann hat der Wirth die Mark mit 55 kr. zu berechnen. Reisende, die nur Böhmen flüchtig an der Grenze berühren, erhalten auf Verlangen im Wechsel auf Reichsgeld auch Reichsgeld zurück.


Touren ab Dresden.

1. Dresden-Pirna (17 km, Bahn). Berggiesshübel (15 km, Sekundärbahn). Nollendorf (15 km). Kulm (6 km). Teplitz (11 km, auch Bahn).

Nach Pirna benutzt man am Besten Eisenbahn oder Dampfschiff. Die Fahrt zeigt rechts die letzten Ausläufer des Erzgebirges, links den villenbedeckten Höhenzug, an dessen Fuss Loschwitz-Wachwitz-Pillnitz liegen. Die Dampfschifffahrt ist landschaftlich weit dankbarer.

Pirna. Gasthöfe: Schwarzer Adler. Forsthaus. Schwan am Markt. Sächs. Hof. Goldner Stern am Bahnhof. Beliebte Rest.: Stadtrest. und Dampfschiffwartehalle an der Elbe. Grundig und Rathskeller am Markt. Schlossrest. am Sonnenstein mit umfassender Aussicht auf das Elbthal gegen Dresden. Café Schilling an der Promenade.

Pirna liegt 114 m hoch an der Elbe. Unfern der Stadt rainen Erz- und Sandsteingebirge. 12 000 Einw.

Geschichtliches. Die sehr alte Stadt gehörte im frühesten Mittelalter zur böhmischen Krone. 1249 fiel sie als ein Heirathsgut der böhm. Königstochter Agnes an Heinrich den Erlauchten, Markgrafen von Meissen. Aus dem ehemaligen Dominikanerkloster zu Pirna ging der berüchtigte Ablasskrämer Tetzel hervor, auch lebte hier der für die Sächs. Geschichte so wichtige Paul Lindner, bekannt als der »Pirnaische Mönch.« Im 30jährigen Krieg stürmte Banner die Stadt und überliess sie der Beutegier seiner wilden Soldateska. Friedrich II. befahl im 7jährigen Krieg die Schleifung der Stadtwälle. 1811 errichtete man im prächtig gelegenen, mit altdeutschen Erkern versehenen Schloss eine Heilanstalt für Geisteskranke, die hygienisch einen guten Ruf geniesst und gegenwärtig etwa 500 Insassen zählt. Napoleon I. liess 1813 die Unglücklichen herausjagen und befestigte den Sonnenstein.

Die goth. Hauptkirche, 1546 vollendet, schmücken Deckengemälde und Glasmalereien. Zwölf Pfeiler tragen die Decke mit ihren Gewölbrippen von beachtenswerther Mannigfaltigkeit. Schönes Masswerk in den Fenstern. Die neugothische kath. Kirche enthält ein gutes Altarbild. In den Promenaden steht das Ottodenkmal mit Medaillonportrait, dem Sänger Julius Otto gewidmet.

Spaziergänge. 1. Ueber die Elbbrücke. (Unter dem ersten Brückenpfeiler merkwürdiges Echo.) Man geht in der Regel durch das am rechten Ufer liegende Copitz und auf das Bergrestaurant »Zur schönen Aussicht,« das seinen Namen in vollem Maasse rechtfertigt (1 km). 2. Nach der schon genannten Schlossschenke dicht über der Stadt. 3. Nach dem Kohlberg, 202 m hoch, Entfernung 2 km, Gartenrest. mit herrlichen Blicken auf den Borsberg, den langen Höhenzug gegen Dresden und auf die dörferbedeckte Elbniederung. Um den Kohlberg kämpften 1813 Russen, Preussen und Oestreicher gegen Vandamme, und diese Kämpfe bildeten das Vorspiel zur Schlacht bei Kulm.

Nach Berggiesshübel führt Sekundärbahn an der Gottleuba entlang. Zu Fuss geht man nicht die Strasse, sondern am Schiesshaus vorüber die sogenannte Viehleithe, ein schattiger Promenadenweg bis Rottwerndorf (5 km). Gefälliges Schlösschen vom Kurfürst Vater August erbaut. Grosser Gasthof. Bahnhof. Das Dorf ist der Centralpunkt der sog. Cottaer Sandsteinbrüche, welche den härtesten und feinkörnigsten Sandstein im Elbsandsteingebiet liefern und der zu den meisten Skulpturen in Dresden verwendet wurde. Von Rottwerndorf geht man entweder mit der Bahn parallel im Thale fort am Langhennersdorfer Wasserfall vorüber nach Berggiesshübel (9 km) oder über den Cottaer Spitzberg (6½ km). Der erstere Weg bietet anmuthige Thalbilder und die imposante Felsgrotte des Wasserfalls, der nach Gewittern einen fesselnden, bei trockner Zeit jedoch einen mehr kläglichen Eindruck hervorbringt. Nach dem Cottaer Spitzberg folgen wir einen Wegweiser in der Nähe des Rottwerndorfer Bahnhofs, der nach Cotta hinaufweist. Wir lassen das Dorf rechts und gehen bei drei uralten Kreuzen vorüber direct auf den Basaltgipfel des Berges, 387 m. Die Aussicht ist für die geringe Mühe lohnend; sie umfasst viele Tafelberge der Sächs. Schweiz und die Basaltkuppen des Erzgebirges: Sattelberg, Geising, Luchberg, Wilisch. Unter dem Gipfel Basaltbruch. Von hier erreicht man auf Feldwegen leicht die sichtbare Pirna-Berggiesshübler Strasse.

Berggiesshübel. Zum Sächs. Haus. Zum gold. Stern. Freundliches Bergstädtchen im anmuthigen Thalzug der Gottleuba. 1600 Einw. 294 m. Das Johann-Georgenbad ist eines der ältesten Bäder Sachsens. Beliebte Sommerfrische. Schon Gellert und Rabener suchten hier Erholung. Um die touristische Aufschliessung der Gegend machte sich Gewerbschuldirector Clauss aus Dresden besonders verdient. Hinter dem Bad Anlagen. In der Umgebung viele sehr lohnende Spaziergänge. Hervorzuheben sind der Poetengang gegen Gottleuba hin mit Bänken und einer Inschrift von Th. Hell, welche sich auf den Aufenthalt Rabeners und Gellerts bezieht. Sodann sind zu nennen der sog. Napoleonstein, welchen der Eroberer während der Kämpfe in jener Gegend zu wiederholten Malen erstieg und Gersdorf mit künstlicher Ruine. Die Wege sind durch Wegweiser markirt, auch viele der Echos.

In der Nähe der Stadt baut man ein vorzügliches Eisenerz ab, das sich besonders zur Herstellung von Gussstahl eignet und weithin verfrachtet wird. Leider ist das grosse Eisenwerk am Berghang zum Erliegen gekommen.

Anmerkung. Dankbar ist auch die Tour am Bach (3 km) auf nach Gottleuba. 338 m. 1200 Einw. Schön im Thal gelegenes sauberes Städtchen. Grosse Waldungen in der Nähe. Sommerfrische. Goth. Kirche mit beachtenswertem Portal. Die sogenannte Ueberraschung gewährt prächtige Thalblicke. Am Schiesshaus-Wegweiser nach dem Augustusberg mit Umschauthurm (2 km). Schöne Aussicht auf das Gebirge und die Elbniederung. Entweder geht man vom Städtchen aus hinauf auf die Hauptstrasse nach Peterswalde oder im Thalzug fort, bis ein Wegweiser hinauf nach Oelsen zeigt (Erbgericht) und von hier auf den Sattelberg (10 km). Der 721 m hohe Basaltberg gewährt gegen Böhmen nur beschränkte Aussicht, dafür liegt ein grosser Theil der Sächs. Schweiz, des östl. Erzgebirgs und der Elbniederung mit Dresden und den Prinzenschlössern frei vor dem Beschauer. Nollendorf (über Schönwald) ist von hier 6 km entfernt.

Bei Berggiesshübel verlässt die Strasse das Gottleubathal, gewinnt aussichtsreiche Höhen und überschreitet bei Hellendorf die Grenze. Im Hellendorfer Gasthof nächtigte Vandamme vom 28. zum 29. August 1813 – in der Nacht vor den Kulmer Schlachttagen. Das erste böhmische Dorf ist Peterswalde, 2500 Einw. Zum Felsenkeller. Das Dorf ist fast 5 km lang. Um die Peterswalder Höhen kämpften Russen und Franzosen sehr hartnäckig. Die Russen stürmten von Jungferndorf her, wurden aber, zu ihrem Glück, darf man hier sagen, von den Franzosen zurückgeschlagen. In verhängnissvollem Siegesjubel verfolgte Vandamme die Russen bis über den Kamm des Gebirgs hinab. Der preuss. General von Kleist hatte in der Nacht zum 30. August mit seinen Truppen rechts des Nollendorfer Passes in Fürstenwalde gelagert und zog, als er den Kanonendonner in der Tiefe des Teplitzer Thalkessels vernahm, in Eilmarsch über die Höhen gegen Nollendorf und schnitt damit den Franzosen den Rückzug ab, die sich bei Kulm erfolglos mit den Russen und den hinzugekommenen Oesterreichern herumschlugen. Kleist griff sie im Rücken an und entschied damit das Schicksal des Vandamme'schen Corps. Sein Kriegsherr ehrte ihn mit dem Namen Kleist von Nollendorf.

Die Nollendorfer Höhe gehört zu den besten Aussichtspunkten des Erzgebirgs. Ueberraschend sind die Blicke auf das bizarre Mittelgebirge mit dem Millischauer. In der Tiefe bei Kulm sind sämmtliche Schlachtdenkmäler sichtbar. Im fernen Hintergrund gegen Osten taucht der Isarkamm auf mit dem Jeschken. Ferner sehen wir den Tannenberg, Kaltenberg, Rosenberg, den nahen Schneeberg, die Tyssaer Wände und viele Höhen des Elbsandsteingebirges. Aussig mit dem Schreckenstein im Hintergrund und viele Basaltkegel dieser Gegend schliessen malerisch das Bild ab. Gegen West und Südwest ist der Punkt beschränkter.

Die Strasse führt nun in starken Windungen hinab nach dem böhm. Kessel. Tellnitz ist Station der Dux-Bodenbacher Bahn. Kulm ist ein Pfarrdorf am Kapellenberg (Horkaberg). Hier entschied sich die Schlacht, die schon am Kohlberg bei Pirna begonnen. Das franz. Corps ward aufgerieben und Vandamme selbst mit 11 000 Mann gefangen genommen. Unter der Kriegsbeute befanden sich 82 Geschütze. Das Preussische Denkmal steht rechts der Strasse unweit des Posthauses in Arbesau; es ist eine 10 m hohe Spitzsäule mit der Inschrift: Die gefallenen Helden ehrt dankbar König und Vaterland. Sie ruhen in Frieden. Das Oestr. Denkmal steht links der Strasse, es ist dem gefallenen östr. General Collorado-Mannsfeld gewidmet, der am 17. Sept. 1813 die Franzosen bei Arbesau zum zweiten Male schlug. Die 30 m hohe eiserne Pyramide trägt Brustbild und Wappen des Generals. Bekrönt wird dasselbe vom öster. Doppeladler. Am Fuss der böhm. Löwe. Das Russische Denkmal, das prunkvollste, steht hinter Kulm bei Pristen, unfern der Stelle, wo General von Ostermann verwundet wurde. Die 5 m hohe Victoria ist eine Nachbildung der griech. Antike zu Brescia. Die Errichtung ordnete Kaiser Franz I. an. Die Einweihung geschah jedoch erst am 28. Sept. 1835 in Gegenwart des Kaisers Nicolaus von Russland, des Kaisers Ferdinand von Oestreich und des Königs Friedrich Wilhelm III. von Preussen.

Eine gerade Strasse führt uns über Sobochleben nach Turn (zur Ritterburg, Turner Bier) mit vielbesuchten fürstl. Clary'schen Park. Uralte Baumgruppen mit überraschenden Lichtungen, welche fesselnde Landschaftsbilder im Hintergrund zeigen. Auf dem Platz an der Försterei öfter Concerte von Teplitzer Kapellen. Im erhöhten Strohtempel herrliche Ausblicke auf den Teplitzer Thalkessel.

Teplitz (Teplice-Warmbach). Stadt London. Posthotel. König von Preussen. Altes Rathhaus. Schwarzes Ross. Kronprinz Rudolph. Adler. Lamm (billig). Blauer Stern. Am Weg nach Schönau: Haus Oestreich. Neptun. Rest.: Kursalon am Stephansplatz. Gartensalon im Schlosspark. Drei Rosen. Goldnes Fassel. Schönpriessner und Leitmeritzer Bierhalle.

Teplitz zählt mit Schönau 16 000 Einw. Die Lage der Stadt im weiten Thalbecken, unfern des isolirten Teplitzer Schlossberges, gehört zu den anmuthigsten im landschaftlich reichen Böhmerland und die natürlichen Vorzüge unterstützen herrliche Parkanlagen, wohlgebaute Dorfschaften, inter. Klöster, historisch merkwürdige Stätten, schattige Wälder, viele und bequeme Verkehrsmittel und a. m., und wenn auch der industrielle Habitus der nahen Kohlenfelder den landschaftlichen Reizen nicht gerade zu Gute kommt, so beweisen doch an 20 000 Passanten jährlich, dass diese trotzdem unwiderstehlich sind. Die Badefrequenz betrug 1880 gegen 10 000 Badegäste.

Die Heilkraft der Teplitz-Schönauer Thermen gegen Gicht, Rheumatismus und Lähmung ist weltberühmt; auch nach schweren Verwundungen leisten die Quellen vorzügliche Dienste. Preussen, Oestreich und Sachsen besitzen eigene Militärbäder zu Teplitz. Der Wärmegrad der Wässer variirt zwischen 21 und 39° R.; sie enthalten Alkalien und salinische Bestandtheile, darunter kohlensaures Natron. Trinkbar sind sie ihres widerlichen Geschmackes wegen nicht, man benutzt sie zum Baden. (Im Januar 1881 entquoll der Erde eine neue Therme bei Teplitz.)

Am 13. Febr. 1879 brach über Teplitz die weltbekannte Quellenkatastrophe herein. In den 8 km entfernten Ossegger Kohlenschächten hatte man einen Porphirgang angehauen, aus welchem sich ganz plötzlich eine ungeheure Menge auf 20° R. erwärmtes Thermalwasser in die Baue ergoss und bald darauf versiegte die Teplitzer Urquelle im Stadtbad. Am 3. März fand man dieselbe in einem rasch niedergeteuften Schacht 27 m tief wieder auf, doch ist der Quell damit noch nicht gesichert und hat man neuerdings eine tiefere Ausschachtung angeordnet.

In Teplitz selbst liegen die Bäder: Fürstenbad, Herrenhausbad, Stadtbad, Judenbad, Steinbad und Stephansbad. Das Schlangenbad und das Neubad liegen auf Schönauer Gebiet. Die Hauptbadezeit ist Morgens. Nachmittags baden die ärmeren Klassen zur Hälfte der Taxen. Die Badeconcerte finden früh 6 bis 8 Uhr im Kurgarten und von 11 bis 1 Uhr im Schlosspark statt. In den Anlagen am Schlangenbad in Schönau spielt Mittwochs und Sonnabends von 5 bis 7 Uhr und Sonntags von 10 bis 11 Uhr eine Militärkapelle. Sämmtliche Concerte sind für Passanten frei. Das Badeleben culminirt von 11 bis 1 Uhr im Schlosspark; eine Tanzreunion wird Sonnabends im Gartensalon dieses Parks abgehalten.

Geschichtliches. Der Sage nach trieben am 29. Aug. 762 die Hirten des Vladiken Kostolug von Settenz Schweine in den Wald, von denen eines die heisse Urquelle aufwühlte. Zweifellos ist, dass sehr frühzeitig eine Burg an dem Heilquell entstand, welche als die Vorläuferin des jetzigen fürstl. Clary'schen Schlosses anzusehen ist. Urkundlich wird berichtet, dass die Gemahlin des Böhmerkönigs Wladislav II. ein Nonnenkloster an den warmen Quellen errichtete, welche 1278 Rudolph I. zerstörte. 1420 plünderten es die Hussiten und 1424 äscherten sie es ganz ein. Im 30jähr. Krieg litt die blühende Badestadt durch Raub und Plünderung, auch verödeten die Bäder durch Mangel an Badenden. Im 7jähr. Krieg wurde die Stadt von beiden Heeren als neutral respectirt. Nach der Schlacht bei Kulm (30. Aug. 1813) glich die Stadt einem grossen Lazareth. Als Curiosum sei mitgetheilt, dass Napoleon I. mehrfach verdriessliche Aeusserungen über den Namen »Teplitz« fallen liess, weil er ihn nicht richtig auszusprechen vermochte, er nannte die Stadt consequent Telpsich. Im Jahre 1878 fand Kaiser Wilhelm nach dem Nobiling'schen Attentat im Herrenbade zu Teplitz völlige Genesung.

An Gebäuden sind erwähnenswerth das Neue Theater von Schreiber in Dresden mit Skulpturen von Henze, die Evang. Kirche, ein romanischer und die neue Kath. Kirche in Schönau ein gothischer Ziegelrohbau. Im Clary'schen Schloss goth. Schlosskapelle.

Spaziergänge. Vor Allem sind hier Kurgarten und Schlosspark zu nennen, besonders der letztere mit seinen uralten Bäumen und seinen idyllischen Weihern ladet zu längerem Verweilen ein. Unfern des Theaters liegt der Seumepark, ein umgewandelter alter Kirchhof mit dem wohlgepflegten Grabe des »Spaziergängers nach Syrakus.« Auch die Kirchhofkapelle ist erhalten. Ein reizender Spaziergang ist der nach der Königshöhe mit einem Denkmal des Königs Friedrich Wilhelm III. von Preussen, der 22 Jahre lang die Teplitzer Thermen brauchte. Die Stadt liegt hier in ihrer ganzen Ausdehnung dem Beschauer zu Füssen. In der Nähe der Königshöhe liegt auch die Schlackenburg mit Camera obscura (10 Kr. Eintritt), ein origineller Bau aus Schlacken, Ziegelstücken und Scherben. Im Belvedere Mineraliensammlung. Café Bella vista. Die ganze Königshöhe hat herrliche Anlagen und gewährt schöne Thalbilder, wie auch Fernsichten auf Erz- und Mittelgebirge. Der Mont de Ligne, ein Porphirfelsen liegt über der Stadt gegen Schönau hin. Das Restaurant nennt der Volksmund seiner Form wegen die Pfefferbüchse. Nach dem Turner-Park, 1 km. Siehe [Seite 21].

Ausflüge von Teplitz.

Nach dem Schlossberg. Reitesel 75 Kr. Entfernung 3 km. 393 m hoher Klingsteinberg mit schönen Ruinen und unvergleichlich schöner Aussicht. Die alte Veste Dobrowska hora gehörte einst dem Grafen Kinsky, der zu Eger mit Wallenstein ermordet wurde. Die Kaiserlichen stritten mit den Schweden hart um die Burg. 1655 wurde sie auf Befehl aus Wien geschleift, weil die verwilderte Soldateska von hier aus die Gegend brandschatzte. Ferdinand II. verschenkte nach Kinskys Tod Schloss mit Herrschaft an den Feldmarschall Aldringer. Durch Heirath fiel sie an die Fürstenfamilie Clary-Aldringer. In die Schlosstrümmer ist ein empfehlenswerthes Restaurant eingebaut. Die Aussicht von den Ringmauern mit den zum Theil erhaltenen Thürmen ist, wie schon erwähnt, unvergleichlich schön. Das weite, reichbebaute Teplitzer Thal, der colossale Steinwall des Erzgebirges, das reichgeformte malerische Mittelgebirge und an den Gehängen und in der Ebene Teiche, Wälder, stolze Schlösser und Klöster, tiefgrüne Thaleinschnitte geben ein herrliches Landschaftsbild, das sich im Westen bis Rothenhaus und im Osten bis zum Elbgebirge erstreckt, in welches Aussig malerisch eingebettet erscheint. Der Wirth zeigt auf Verlangen die noch erhaltenen Kerker und Kasematten. Einzelne Fensterhöhlen geben originelle Umrahmungen für schöngruppirte Landschaften.

Nach dem Wachholderberg. 3 km. Man geht die Strasse nach Bilin, bis rechts ein Stein nach dem 380 m hohen Gipfel zeigt. Die obere Bergschenke gewährt ähnliche Landschaftsbilder wie der Schlossberg nur nicht so umfassend, der Gipfel des Berges beherrscht dagegen das Bielathal vollständig, auch nimmt sich das Mittelgebirge, weil näher, noch imposanter aus.

Nach dem Millischauer. Bis Pilkau, am Fuss des Berges gelegen, 12 km. Von hier bei starker Steigung auf den Gipfel 1 Stunde. In Pilkau Reitpferde 2 fl. Tragsessel 2 fl. 50 kr. Fahrt von Teplitz bis Pilkau mit Einspänner 5, mit Zweispänner 7 fl. (Auch billige Stellwagen.) Der isolirte Klingsteinkegel, Millischauer oder Donnersberg genannt, erhebt sich 836 m über Meer, bildet die höchste Erhebung des vulkanischen Mittelgebirges und ist eine touristische Notabilität ersten Ranges. Die Rundsicht, uneingeschränkt nach allen Richtungen, zählte Humboldt, der doch so manches Gebirge durchfahren, zu den grossartigsten des Erdballs; sie umfasst so ziemlich den ganzen böhmischen Kessel mit den Einfassungsgebirgen. Rings um den Berg lagern sich die vulkanischen Kegel des Mittelgebirges und belebt wird die Landschaft durch Hunderte von Städten, Dörfern, Schlössern, Ruinen, Klöstern, aufblitzenden Seen und Flüssen. Beim Wirth sind Panoramen käuflich, die über 99 Punkte Aufschluss geben. Nachtlager auf Moosbetten 80 bis 1,50 kr. Unterkunft für circa 60 Personen. (Auch Federbetten.)

Für den Rückweg nach Teplitz empfiehlt sich der Abwechselung wegen die Tour über Kostenblatt. Im Dorf das vom Grafen Czerin 1864 in ital. Styl erbaute Schloss. 2 km vom Dorfe liegt die malerische Ruine Kostenblatt. 508 m hoch, mit Sommerrestaurant. Der Wartthurm gewährt herrliche Aussicht auf das Bielathal und Teplitz. Der Wirth verwahrt hier gefundene Alterthümer.

Von Kostenblatt über Krzmusch nach Teplitz 10 km. In Krzmusch Schloss des Grafen Ledebour mit prächtigem Park über dem engen Bielathal. Den schönsten Blick gewährt ein Kiosk auf der sogenannten Teufelsmauer.

Von Teplitz nach Dux. 8 km. Eisenbahnfahrt zu empfehlen. Die Strasse führt am Dorfe Janegg vorüber, wo das Becken der jetzt versiegten Riesenquelle mit der Riesenmühle liegt. In der Nähe sanken während der Teplitz-Ossegger Katastrophe Erdtrichter ein.

Stadt Dux. Union. Weisses Ross. Goldene Krone. 6000 Einw. Dux ist Mittelpunkt des teplitzer Braunkohlenbeckens und liefert die beste Braunkohle in Böhmen. Zuckerfabrik. Glashütte. Merkwürdig sind die überaus zahlreichen heiligen Bildwerke unter Glas in kleinen Nischen über den Hausthüren. Das Duxer Schloss gehört einem Grafen Waldstein, der einer Nebenlinie des Friedländer Geschlechts entsprossen. Man meldet sich beim Schlossverwalter. Auf dem Schlosshof ein Bassin von schwed. Kanonenmetall, das der Friedländer eroberte. Die Bibliothek zählt 24 000 Bände. Der Abenteurer Casanova verlebte hier seine letzten Lebensjahre als Bibliothekar, und diese Räume sahen seine berüchtigten Memoiren entstehen; auch gab er sich mit dem damaligen Besitzer, einem Grafen von Dux alchymistischen Experimenten hin († 1798). Die Bibliothek verwahrt auch Wallensteins Himmelsglobus. Im Familiensaal Ahnenbilder unter denen ein Portrait Wallensteins von der Hand van Dyk's. Die Rüstkammer besitzt Reliquien des grossen Feldherrn. Im physikalischen Kabinet hat auch eine Venus von Tizian und eine Marmorstatue von Fischer Aufstellung gefunden. Im Naturalienkabinet ist ein Stück Braunkohle mit eiserner Kugel, 6 m tief unter der Erdoberfläche gefunden, bemerkenswerth. Die Holzsammlung ist in Bücherform aufgespeichert. Die Rinde bildet den Rücken, das Innere enthält Blätter, Blüthen und Früchte.

Der Schlosspark ist freigegeben. Die Durchhaue zeigen im Hintergrund wie Theaterprospecte, schöne Landschaftsbilder. Beim Schlossgärtner Erfrischungen. Die Stadtkirche besitzt ein gutes Altarbild von Rainer.

Unfern von Dux an der Strasse nach Ossegg liegen die fünf, im Februar 1879 ersoffenen Kohlenschächte, an deren Entwässerung man gegenwärtig mit grosser Energie arbeitet.

Von Teplitz nach Bilin und dem Borcen. Von Teplitz bis zum Fuss des Borcen 16 km. (Eisenbahn.) Wer auf Bilin verzichtet, fährt direct bis Station Bilin-Sauerbrunnen.

Bilin. Weisser Löwe. Hohes Haus. Schwarzer Adler. 5000 Einw. Grosse Zuckerfabrik. Fürstl. Lobkowitz'sches Schloss mit einer Bildersammlung. Die ehemals berühmte Mineraliensammlung wurde nach Ungarn verkauft. Bilin an der Biela gehört zu den ältesten Städten Böhmens und wird schon im 11. Jahrhundert mehrfach urkundlich erwähnt.

Der Sauerbrunnen, 1 km entfernt gegen dem Borcen hin gelegen, ist ein Natronsäuerling, der mit leichtem Wein oder Milch vermischt getrunken wird und höchst erfrischend wirkt. Man gebraucht ihn besonders gegen chronische Hals- und Brustleiden und Steinbeschwerden. 600 000 Krüge kommen etwa im Jahre zur Versendung. Aus dem abgedampften Wasser gewinnt man die bekannten Biliner Bastillen. Neues fürstl. Lobkowitzsches Kurhaus.

Der Borcen, der seiner seltsamen Form wegen jedem Besucher des Teplitzer Thalkessels sofort auffällt, ist ein vielfach zerklüfteter Klingsteinkegel von 535 m Höhe. (Böhmisch Boren, sprich Borschen.) Der Aufstieg vom Sauerbrunnen aus nimmt circa 1 Stunde in Anspruch und ist nicht ohne Beschwer. Weisse Kalkstriche machen eine Führung unnöthig. (Führer 1 fl.) Die bedeutendste Klüftung ist die Michaelishöhle; vor ihrem Eingang liegt eine sehr grosse Basaltsäule. Der schmalgratige Gipfel gewährt einen herrlichen Ausblick auf den Teplitzer Thalkessel, seinen freundlichen, ziegelbedachten Ortschaften und auf die einrahmenden Gebirge. Zu Füssen liegt das Bilathal mit Bilin und Sauerbrunnen.

Der Radelstein ist 8 km von Bilin entfernt. 749 m ü. M. Kann auch zu Wagen erreicht werden. Die mächtigen Steinwälle auf dem breiten Gipfel sollen heidnischen Ursprungs sein. (Altslavische Cultusstätte.) Von der Zufluchtshütte an der Südseite beste Aussicht. Das Auge beherrscht die Eger- und Elbniederung bei Theresienstadt und das Land bis gegen Prag hin. Ferner ist der Blick überaus fesselnd auf die Berggruppen des Mittelgebirges selbst und auf das Erzgebirge.

Von Teplitz nach dem Probstauer Park. Von Teplitz 4 km, im Norden gelegen. Försterei mit Rest. Schöne Baumgruppen. Der Park gehört, wie auch der Turner, dem Fürsten Clary. Man geht dahin in der Regel über Turn und kehrt über Weisskirchlitz zurück. Bei diesem Dorf erhebt sich der Louisenfelsen. Vom Pavillon prächtige Aussicht auf das Teplitzer Thal.

Anmerkung. Die herrlichen Partien von Teplitz ins Erzgebirge liegen an Haupttouren und haben an anderen Stellen Beschreibung gefunden. Es sei daher auf das Register verwiesen. Graupen ist 7, die Geyersburg 10, Eichwald 7, Klostergrab 8 und Ossegg 9 km von Teplitz entfernt.

2. Dresden-Pirna (17 km, Bahn). Liebstadt (12 km). Börnersdorf (bis zur Kirche 4 km). Breitenau (3 km). Fürstenwalde (6 km). Voigtsdorf, Mückenthürmchen (6 km). Graupen (3 km). Mariaschein (2 km). Probstau (3 km). Teplitz (4 km).

Bis Pirna siehe Tour 1. [Seite 17].

Wir berühren von Pirna aus zunächst Zehista. Hübsches Dorf. Schloss mit Park, dem Grafen Rex gehörig. Nun im anmuthigen Seydewitzthal aufwärts. Bei Nenntmannsdorf Kalkbrüche, in denen 1813 viele Franzosen während der Kämpfe mit den Russen ihren Tod fanden. Liebstadt. Gasthof zum schwarzen Kleeblatt. (Ueber dieses Gasthaus existirt ein humoristisches Gedicht von drei Schornsteinfegern, die nach demselben dem Gasthaus den Namen gegeben.) 329 m ü. M. 900 Einw. Dicht über der Stadt das malerische Schlösschen Kuckuckstein. In der Bibliothek ein Portrait Moreaus, dem Widersacher Napoleons, dem in der Schlacht bei Dresden die Beine zerschmettert wurden. Dem Hut ist die Kokarde ausgeschnitten. Napoleon soll dies selbst gethan haben als er hier während der Kämpfe 1813 um die Pässe des östl. Erzgebirges nächtigte. Die beistehenden franz. Worte, zu deutsch: »Er war ihrer unwürdig, der Verräther«, sollen gleichfalls von Napoleons Hand herrühren.

Von hier führt der Weg über etwas eintönige, oft aber auch aussichtsreiche Höhen nach Börnersdorf, Breitenau und Fürstenwalde auf den Mückenberg, der das Mückenthürmchen trägt.

Mückenthürmchen. 815 m ü. M. Gasthaus. Gute Unterkunft. Stallungen. Etwas billiger ist der nur wenige Minuten entfernte Gasthof an der Strasse nach Graupen. Die Rundschau ist grossartig und wird von vielen Kennern selbst der Aussicht von der Schneekoppe und dem Brocken vorgezogen. Thatsache ist, dass jenen Landschaftsbildern ein böhmisches Mittelgebirge fehlt, so grossartig sie auch sein mögen. Die Aussicht erstreckt sich über einen Umkreis von 600 km. Es gewährt eine ganz ausserordentliche Ueberraschung plötzlich das gebirgige nordböhm. Land mit dem Teplitzer Thalkessel und dem vulkanischen Kegeln bis zum Borcen bei Bilin auftauchen zu sehen. Links liegen das Elbsandsteingebirge, dahinter das Lausitzer Gebirge, der Isarkamm und das Riesengebirge. Rechts sehen wir den Kamm des Erzgebirges bis zum Keil- und Fichtelberg und Theile vom Karlsbader Gebirge. Von Dresden sieht man die Antonsstadt, die Prinzenschlösser und ferner den Loschwitz-Pillnitzer Höhenzug mit dem Borsberg. Gegen die norddeutsche Tiefebene ist die Aussicht nur durch die Sehkraft beschränkt.

Bei der Kapelle zu St. Wolfgang betreten wir die Teplitzer Strasse und gelangen hinab nach Graupen. Der Fall bis zu dieser Stadt beträgt 497 m, wir sind also nachzu 5 Dresdner Schlossthürme abwärts gestiegen.

Graupen. Stadt Dresden. Kronprinz Rudolph. Wein und Bier bei Herm. Kohlschütter. Alte intr. Bergstadt, die ihren Namen von den hier abgebauten Zinngraupen entlehnte. 2500 Einw. In der Stadtkirche die heilige Stiege mit 28 Marmorstufen, die von den Gläubigen nur knieend erklommen wird. Zwei Figurengruppen »Gericht über Jesu« und das »Fegefeuer.« Die erstere ist nicht ohne Kunstwerth, die letztere wird durch rothes Glas noch schauerlicher, als sie der »Künstler« gemacht.

Die Rosenburg über der Stadt steht an der Stelle, wo sich die Veste Graupen oder Hundsstein erhob, die 1429 von den Hussiten zerstört wurde. Die alten Ruinen sind geschickt für die neueren Bauten ausgenützt. Schöne Gartenanlagen. Rosenzucht. Beliebter Ausflug der Teplitzer. Die Aussicht auf den Teplitzer Thalkessel und das Mittelgebirge ist umfassend und anmuthig.

Die Wilhelmshöhe liegt gleichfalls auf einem aussichtsreichen Felsvorsprung. Vielbesuchtes Rest. mit Fremdenbetten. Sommerfrische. Das Rest. hat seinen Namen von Friedrich Wilhelm III. König von Preussen, der hier besonders gern weilte.

Die Geyersburg liegt 3½ km gegen Osten von Graupen entfernt. Aussichtsreicher Weg am Berghang. Intr. Ruinenstätte über welche viele Sagen im Volk lebendig sind. Aussicht oben verwachsen, doch thuen sich öfter Blicke auf historische Stätten auf. 1040 schlugen hier Kaiser Heinrichs Mannen den Herzog Bretislav von Böhmen. Am 11. Febr. 1126 kämpften Lothar I. und Sobeslav I. von Böhmen gegen einander. Nach Aussig zu liegen die blutgetränkten Felder, auf denen am 14. Juni 1426 die Hussiten die Meissner schlugen. Das Schlachtfeld bedeckten 23 000 Leichname. Gegen Kulm hin sind die Denkmäler der Kulmer Schlacht sichtbar. Siehe [Seite 20].

Mariaschein. 2 km von Graupen. 1240 Einw. Anker. Zum Bleileben. Grosses Jesuitenkloster mit weithin leuchtenden Dächern. 22 Patres mit über 200 Zöglingen. Grössere wissenschaftliche Sammlungen für Lehrzwecke, auf Ersuchen zugänglich. In der Klosterkirche, die zugleich berühmte Wallfahrtskirche ist, ein wunderthätiges Marienbild, zu welchem aus Schlesien und Böhmen, aber besonders aus der Sächs. und Preuss. Lausitz viele Gläubige (zahlreiche Wenden) Wallfahrten veranstalten. Zu Pfingsten, Mariageburt und an einigen Heiligentagen gleicht der Ort einem Messplatz. Im Kreuzgang viele kunstlose Wandgemälde, doch intr. durch seltsame Geschichtsauffassung. Das Mariabild ist von Thon. Man erzählt von ihm eine merkwürdige Fluchtgeschichte zwischen Graupen und Mariaschein. Ein Mädchen, von einer Schlange gebissen, soll um Hilfe gerufen haben und diese erschien in Form eines Muttergottesbildes, das eine Nonne vor den Hussiten in einer nahen Linde verborgen hatte. Die Bürger von Graupen trugen das Bild im Triumph nach ihrer Stadtkirche, aber dreimal kehrte dasselbe bei nächtlicher Weile nach der Linde zurück. Hierauf sei nun eine Kapelle erbaut worden, welche endlich dem Bild als dauernde Wohnung convenirte. Das heutige Jesuitenkloster hat das Gut Sobochleben im Besitz.

Man fährt von Graupen mit Dampf oder geht über Probstau (S. 27) und Weisskirchlitz ([S. 27]) nach Teplitz. Den Bahnhof Graupen-Rosenthal erreicht man von Graupen aus auf dem Ave-Mariasteig.

Teplitz siehe [Seite 21].

3. Dresden-Mügeln (12 km). Dohna (3 km). Weesenstein (3 km). Glashütte (12 km). Bärenstein (8 km). Lauenstein (3 km). Mückenthürmchen (9 km). Teplitz (12 km).

Nach Mügeln mit Dampf. Von hier bis Glashütte Post oder auch billigen Stellwagen. Mügeln liegt am Einfluss der rothen Müglitz in die Elbe, deren rothgefärbte Gewässer (durch die Zinnwäschen bei Altenberg) noch lange in der Elbe sichtbar sind. Auf der Höhe über Mügeln liegt Grosssedlitz mit seinem grossen altfranz. Park. Kolossale Schnitthecken. Erotische Skulpturen. Bassins. Der Umweg dahin beträgt 2 km. Man geht dann nicht die Strasse sondern über die Höhe nach Köttewitz und trifft in Weesenstein wieder mit der Strasse zusammen.

Dohna lassen flüchtige Wanderer links oben am Thalhang liegen. 2000 Einw. Das Schiesshaus steht inmitten der alten berüchtigten Veste Dohna, von der nur noch karge Ueberreste vorhanden. 1402 lag Burggraf Jeschke von Dohna fast mit der ganzen Ritterschaft der Umgebung in hartem Zwist, bis ihn Markgraf Wilhelm von Meissen vertrieb und seine Burg einäscherte. In der Stadtkirche sehenswerter goth. Altar mit Figuren von Semper restaurirt.

Wir gehen im schönen Müglitzthale aufwärts nach Wesenstein. Ein Fusspfad, vom Gebirgsverein angelegt, geht auch ab Dohna über die Höhen dahin. Weigand's Gasthof dicht am Schloss mit schattigem Garten. Das merkwürdig gruppirte, malerische Schloss mit mancherlei Sehenswürdigkeiten ist Eigenthum des Prinzen Georg, Herzogs zu Sachsen. Meldung beim Schlossverwalter. Die Gebäude sind in einer Weise übereinander gesetzt, dass sie im Innern wie ein einziger Bau von 8 Stockwerken erscheinen. In die Belletage steigt man hinab, in die Keller hinauf. Die Pferdeställe liegen im dritten Geschoss. Viele Andenken an König Johann, der hier öfter literarischen Arbeiten oblag. Ueber 800 fürstliche Portraits, darunter solche von Meisterhänden. Uralte Gewölbe aus romanischer Zeit. Folterkammer, in Sachsen einzig in ihrer Art. Schöner Schlosspark. König Albert verlebte hier zumeist seine Knabenjahre. Zum Pavillon 1 km stark bergauf. Beliebter Aussichtspunkt auf das stille Oertchen mit dem Schloss und auf das Elbthal. Näheres siehe Gampe's Weesenstein. Dresden, Bleyl und Kaemmerer.

Anmerkung. 5 km oberhalb Weesenstein liegt rechts an der Strasse der Rabenhorst, eine imposante Felspartie. Pfade führen hinauf nach Maxen. Rittergut mit Schlosspark. Am 17. Nov. 1759 trug sich hier der Finkenfang zu. General Fink wurde mit seinen 13 000 Preussen vom östr. General Daun gefangen genommen. In der Nähe Kalkbrüche. (Maxener Marmor.) Der Umweg beträgt 4 km.

Bei weiterem Vordringen im Thal berühren wir Schlottwitz. Links der Todtenstein. (An der Neumühle Achate, Amethyste, Jaspis, Hornblende.) Vor Glashütte bei der Krugmühle eine Felspartie, Wittichs Schloss genannt, wo im 15. Jahrh. ein Wegelagerer Namens Wittich gehaust haben soll.

Glashütte. Post. Stadt Dresden. 2000 Einw. In einem Seitenthale der Müglitz gelegen. Eine Glashütte war nie hier, der Name entstammt den Glaserzen (Eisenerze), die hier gefunden wurden. Glashütte ist der Sitz einer hochberühmten Uhrenindustrie. Die Uhrmacherschule zählt gegen 40 Schüler. Das Hauptverdienst fällt dem Uhrmacher Adolph Lange zu († 1875). Derselbe errang im Ausland mehrfach erste Preise und auf dessen eisern-solide Geschäftsprinzipien stützt sich die ganze Glashütter Uhrenindustrie. Auch andere inventiöse Apparate, Rechenmaschinen, Telegraphen, Instrumente etc. werden hier gebaut. Der Ort hat ein freundliches, gefälliges Aussehen. Die Kirche, 1535 erbaut, enthält vier gute Oelgemälde und einige ältere Glasmalereien.

Die gewundene Strasse führt uns zwischen herrlichen Thalgehängen aufwärts nach Bärenstein, der kleinsten Stadt Sachsens. 660 Einw. Das Schloss mit dicken runden Thürmen und hübschen Parkanlagen gehört dem Major von Lüttichau. Zwischen Bärenstein und Lauenstein kommt das Altenberger Wasser herab, das die Müglitz roth färbt.

Lauenstein. Stadt Teplitz. Gold. Löwe. 470 m. 860 Einw. Das ältere Lauensteiner Schloss liegt in Ruinen. Am neueren gefällige altdeutsche Giebel. Die Kirche besuche man um eines figurenreichen Denkmals willen, das einem Günther von Bünau gewidmet ist. Die Sandsteinarbeiten, von Lorenz Hornung in Pirna gefertigt, sind vorzüglich ausgeführt. Mehrere Hundert Figuren. Der Altaraufsatz ist gleichfalls bemerkenswerth.

Man bleibt nun entweder im Thal und geht über Gottgetreu und Müglitz zum Mückenthürmchen, oder man wählt den Weg über Löwenhain und Fürstenwalde. Weit verstreutes Gebirgsdorf mit 600 Einw. Die Kirche enthält ein altes Marienbild, zu welchem, obgleich die Kirche protestantisch ist, viele Katholiken am Feste Maria Heimsuchung wallfahrten und dort nach Beendigung des protestantischen Gottesdienstes unbehelligt ihre Gebete verrichten. Am Altar ausserdem Statuen der Heiligen Christoph, Nicolaus und Donatus.

Mückenthürmchen und weiter nach Teplitz siehe Tour 2, [Seite 28].

4. Dresden-Niedersedlitz (9 km). Lockwitz (2 km). Bad Kreischa (6 km). Reinhardsgrimma (7 km). Luchau (4 km). Johnsbach bis zur Kirche (4 km). Hirschsprung (6 km). Altenberg (2 km). Geising (2 km). Fürstenau-Mückenthürmchen (7 km).

Diese Tour empfiehlt sich für Wanderer, welche freie, aussichtsreiche Höhen den Thalwanderungen an der Müglitz oder Weisseritz vorziehen. Man benutzt bis Niedersedlitz die Bahn. Lockwitz, stattliches Dorf am Eingang der Strasse in den Lockwitzgrund. Adams Gartenrest. 1460 Einw. Schloss der Familie Kap-herr.

Anmerkung. 2 km von hier gegen Wölkau zu liegt der schöne neue Sandsteinbau, der Lugthurm, inmitten hübscher Anlagen, errichtet von der Section des Gebirgsvereins der Sächs.-Böhm. Schweiz Niedersedlitz. Sommerrest. Panorama käuflich. Sehr schöne Aussicht auf das weite Elbthal, wie auf die Tafelberge der Sächs. Schweiz.

Im Thalzug aufwärts gelangen wir nach Bad Kreischa im gleichnamigen Kirchdorfe. 2000 Einw. Das Bad ist in eine Heilanstalt für Nervenleidende umgewandelt worden. Ein Gasthof ist damit verbunden. Im Süden 3½ km entfernt liegt rechts unserer Tour der basaltische Wilisch. 476 m. Ein Aussichtsthurm ist projectirt, ohne welchen der Berg touristisch werthlos bleiben würde, weil der Gipfel völlig verwachsen. Der Basaltkegel gewährte sonst eine grosse Fernsicht über das Elbthal, die Sächs. Schweiz und das Erzgebirge.

In Lungwitz Rittergut mit Park, das dem Bennemann'schen Stift für Predigerswittwen zugehört. Sodann folgt Reinhardsgrimma, 356 m. Hübsches Rococcoschloss mit Park. Strohflechterei. Luchau am Luchberg (ein spitzer Basaltkegel, 581 m hoch, der die nördliche Abdachung des östlichen Erzgebirges völlig beherrscht). Das Dorf ist schon ein echtes Gebirgsdorf. Die Strasse senkt sich nun in ein tiefes Seitenthal der Müglitz, führt wieder hinauf über das grosse Kirchdorf Johnsbach nach Hirschsprung und Altenberg.

Altenberg. Altes Amthaus. Stadt Teplitz. Stadt Dresden. Rathskeller. 2016 Einw. Die Stadt liegt am basaltischem Geising 750 m hoch in stark bewegtem Terrain. 1458 wurde hier das Zinn fündig. Ein Köhler fand es unter seinem Meiler in geschmolzenem Zustand. Ein Denkmal unfern der grossen Binge bezeichnet den Fundort. Den Fuss des Denkmals bildet eine ganze Sammlung von Altenberger Zinnerzen. Der sog. Zinnzwitter ist ein Quarzporphir. Zinngraupen kommen seltener vor. Die jährliche Ausbeute beträgt noch immer 2200 Ctr. Zinn, 815 Ctr. Arsen, 10 Ctr. Wismuth. Die Erze streichen in mächtigen Lagern aus und müssen stockwerkartig abgebaut werden. Die Säulen, die man stehen lässt, sind jedoch nicht immer im Stand, die überhängenden Lasten zu tragen und so sind öfter Bergbrüche vorgekommen, deren grösster die schauerliche Binge dicht an der Stadt verursachte. Die Chronik erzählt, dass schon 1545 ein grosser Tagebruch stattfand, durch welchen 10 verschiedene Zechen verschüttet wurden. Darauf folgten 1578 zwei andere Zechen nach, 1624 aber, an dem für Altenberg ewig denkwürdigen 24. Januar stürzte durch einen ungeheuren Tagebruch das ganze unmittelbar vor der Stadt liegende, grosse Zinnbergwerk zusammen. Es war eine stürmische Nacht, der Schnee lag in Massen auf den unwirthlichen Gebirgen. Ruhig arbeitete der Bergmann in der Tiefe. Plötzlich, als eben die Glocke 4 Uhr schlug, krachte es wie Donner, die Erde bebte, und in einem einzigen Augenblicke stürzten mit entsetzlichem Getöse 4 Göpel mit ihren Zechen, als: Rietzschelzeche, Schellenzeche, Graupner-Zeche, Rathsschacht und noch verschiedene andere in den Abgrund. Alle Häuser der Stadt erzitterten; in den Gruben befanden sich zum Glück nur 24 Bergleute, vier davon waren todt, 19 wurden gerettet, einer jedoch gar nicht wieder aufgefunden. Wo einst ein 60 Fuss hoher Hügel gewesen, zeigt sich nun eine 120 bis 200 Fuss tiefe Binge, deren Wände aus Zechstein und Zinnzwitter bestehen. In einer der Weitungen, die hier unter der Erde geschaffen sind, könnte man den Münster zu Strassburg unterbringen. Die Höhe beträgt 160 m. Eine Cementquelle, welche eingelegtes Eisen überkupfert, entspringt in einer Tiefe von 283 m.

Altenberg ist auch Hauptort des Strohflechterbezirks, der das ganze östl. Erzgebirge umfasst. 25 000 Personen mögen mit Strohflechten beschäftigt sein, die für 6 Millionen Mark Strohgeflechte liefern. In der Hauptsache kommt Weizenstroh zur Verwendung. Die Halme werden so zerschnitten, dass die Knoten ausfallen, sodann bleicht man sie mit Schwefel und reisst sie, d. h. man zieht sie unter einem kleinen Stahlkamm hindurch, der sie in schmale Streifen theilt. Hierauf werden sie angefeuchtet, um sie mürber zu machen und das Flechten beginnt, eine Arbeit, die dem Strumpfstricken täuschend ähnlich sieht. Die Kinder beginnen schon mit 6 Jahren und überholen oft Erwachsene in ihren Tagesleistungen. Die fertigen Bündel gehen in die deutschen Strohhutfabriken oder nach England, Skandinavien und Russland.

1876 brannte die Kirche mit 30 Häusern nieder.

Der nahe Geising ist 823 m hoch und gleicht einem riesigen Heuschober. Oben ein Ahornbaum mit Wendeltreppe, doch warnt eine Tafel vor Betretung derselben, und es ist ihre Besteigung wirklich nicht ohne Gefahr. Die Aussicht auf den Kamm, auf die nördliche Abdachung des Erzgebirges und auf die Tafelberge der Sächs. Schweiz verdiente, dass man sie durch Erneuerung des Ausschaugerüstes der Touristik erhielt, gerade um Altenberg ist auch die nahe Landschaft sehr formenreich. Der Berg zählt zu den 9 grossen Basaltdurchbrüchen des Erzgebirges.

Der Kahleberg, ein langgezogener Bergrücken 3 km von Altenberg im Südwest unfern der Strasse nach Rehefeld. 901 m ü. M. Thurm mit Gradmessungsstation. Gegen Böhmen ist die Aussicht beschränkt, dafür beherrscht das Auge einen Halbkreis vom Fichtelberg bis zum Colmberg bei Oschatz und zum Riesengebirge. Aus den grossen Teichen gegen Altenberg hin geht sowohl Wasser nach den Pochwerken der Zinnwäschen und nach der Müglitz als nach der anderen Seite, wo es die rothe Weisseritz bildet. Die Aussicht gehört, wie die vom Geising, zu den lohnendsten am Nordabhang des Gebirges.

Anmerkung. Wer die in Altenberg einmal gewonnene Höhe nicht wieder aufgeben, d. h. nicht erst nach dem Städtchen Geising hinabsteigen will, geht an Georgenfeld vorüber nach Zinnwald (4½ km) und durch die grossen fürstl. Clary'schen Wälder nach dem Mückenthürmchen. (7½ km) Schöne Strasse. Bei Neugeorgenfeld, das durch böhm. Exulanten begründet wurde, liegen die Lugsteine auf einem Plateau (Knieholz), 893 m, sie werden selten besucht, doch gewährt der höhere die herrlichsten Blicke nach Böhmen hinab. Zinnwald ist halb Sächs., halb Böhm. Zum Sächs. Reiter. Auf böhm. Seite Biliner Bierhalle. (Zugleich Gasthof.) 1 km von der sogenannten Ausspannung (höchste Stelle der Strasse nach Teplitz, wo der Wald beginnt) liegt links ein umfassender Aussichtspunkt nach Böhmen. Das vielerwähnte Häuschen in Zinnwald mit der Inschrift:

»Ich bin nun auf Sachsens Boden, Gottlob,
Weil mich mein Wirth, Hans Hirsch
Aus Böhmen rüber schob«

steht dicht an der Grenze und ist erneuert worden. Ein protestantischer Bergmann, Hans Hirsch, wollte seinem Glauben treu bleiben und so schob er mit Hilfe seiner nachbarlichen Glaubensgenossen sein Häuschen über die Grenze. Im Dorf selbst freie Ausblicke bis zur Lausche. Eine herrliche Waldstrasse führt direct hinab nach Eichwald (9 km). Eine andere gleich schöne Waldstrasse dahin über Vorderzinnwald nach Forsthaus Siebengiebel und hinab nach Eichwald ist 2 km länger, sie führt durch den Thiergarten.

Eichwald. Villencolonie. Sommerfrische, in neuerer Zeit stark in Aufnahme. Geschützte Lage, grossartige Forsten, herrliche aussichtsreiche Spaziergänge. Theresienbad. Kaltwasserheilanstalt. Diana. Waldschlösschen. Gasthof zur Dankbarkeit (eignet sich besonders zum Uebernachten). 1880 900 Kurgäste. Kurmusik Dienstags und Sonnabends Nachmittags ½4 Uhr. Die schönsten Spaziergänge sind im sogenannten Gesundheitswald; am Soldatenberg herrliche Aussicht auf den Teplitzer Thalkessel. Der Schweissjäger mit Rest. ist ein idyllisches Forsthaus. Vielbesucht ist das nahe Jagdschloss Tuppelburg (offiz. Schreibweise) mit zahmem Hochwild. (Winterfütterung.) Stark besucht von Teplitzer Badegästen. Das achteckige Jagdschloss ist der Kernpunkt sternförmig auslaufender Waldschneussen mit Durchsichten auf den Borcen, den Milleschauer etc. Im Forsthaus Erfrischungen. Die Kaiserhöhe liegt ausserhalb des Thiergartens.

Auch die Strasse von Eichwald nach Teplitz, an Zuckmantel (grosses Eisenwerk) vorüber bietet herrliche Blicke (5½ km). Einfache Fahrt 35, doppelte 50 kr. Teplitz siehe [Seite 21].

Der Tour treu gehen wir von Altenberg an den Zinnwäschen vorüber hinab nach

Geising. Stadt Dresden. Zinnbergbau. Strohflechterei. 1320 Einw. Anmuthige Thallage. 590 m. Schöne Waldpromenaden. Geschützte Sommerfrische.

Die Strasse steigt nun wieder aus dem Thal empor. Links der 738 m hohe Huthberg. Fürstenwalde mit seiner protestantisch-katholischen Wallfahrtskirche, siehe [Seite 31].

Mückenthürmchen und weiter siehe [Seite 28].

5. Dresden-Goldene Höhe (8 km). Dippoldiswalde (11 km). Schmiedeberg (7 km), über die Tellkoppe und Friedrichshöhe nach Altenberg (13 km).

Weiter nach Mückenthürmchen-Teplitz oder Zinnwald-Eichwald-Teplitz siehe Routennetz.

Von Dresden nach Dippoldiswalde zwei Mal Post täglich. Hinter dem ersten Dorf Räcknitz links 3 Eichen mit dem Moreaudenkmal, welches an der Stelle errichtet ist, wo dem General Moreau an der Seite des Kaisers Alexander die Beine zerschossen worden. Die Goldene Höhe nennt sich ein 350 m hoch gelegenes Wirthshaus mit Umschauthurm. Herrliche Blicke nach dem Elbthal mit Dresden und den Prinzenschlössern, der Dresdner Haide und auf die Tafelberge der Sächs. Schweiz. Panorama käuflich. Eintritt zum Thurm 10 Pf. Bei Börnichen auf der Höhe hinter Possendorf liegt 1½ km rechts abseits der Strasse der Lerchenberg mit umfassenden Ausblicken auf das Erzgebirge, auf die nahe Dippoldiswaldaer Haide, durch die man von hier direct nach Dippoldiswalde gehen kann und auf die Berge der Sächs. Schweiz. Doch auch schon die Strassenhöhe nach Wendischcarsdorf zu, gewährt sehr anmuthige Landschaftsbilder. Links der Strasse liegt die 449 m hohe Quohrener Kipse, eine aussichtsreiche Bergkuppe auf demselben Höhenzug, von welchem sich auch der Wilisch abhebt. Weiterhin gewährt die Strasse noch öfter Blicke auf diesen, wie auf den langen waldigen Höhenzug Tellkoppe-Friedrichshöhe etc.

Anmerkung. Beliebter, wenn auch nicht so aussichtsreich, ist die Tour nach Dippoldiswalde über Hainsberg. Bis dahin mit Dampf, dann nach Cosmannsdorf und von hier neben oder mit der neuen Sekundärbahn parallel durch den herrlichen Rabenauer Grund, den die rothe Weisseritz durchströmt. Die Höhle, die wir am Anfang des Grundes passiren müssen, heisst das Nadelöhr. Bis zur Rabenauer Mühle (Rest.), 5 km, über den Berg dahin nur 3 km. Wer über den Berg geht, besuche die aussichtsreiche Albertshöhe, ein Rest., das schon von Heinsberg aus sichtbar ist. Rabenau 1800 Einw. Uralte Stuhlbauerei. Grosse renommirte Möbelfabrik, einer Actiengesellschaft gehörig. Intr. Holzbearbeitungsmaschienen. Die Fabrik setzt eine Ehre darein, nur stylvolle und dauerhafte Arbeiten zu fertigen.

Eine Waldstrasse führt uns von Rabenau nach Dippoldiswalde. Mit einigen Umwegen kann man leicht drei intr. Punkte, die Barbarakapelle, den Einsiedlerstein und den Wolfsstein besuchen. Wegweiser und weisse B, E und W führen an die betreffenden Punkte. Die Barbarakapelle ist die Ruine eines Wallfahrtskirchleins, die nach der Reformation zerstört wurde. Der Einsiedlerstein soll der Ueberrest einer Wohnung des Einsiedlers Dippold sein, der den neueren Forschungen nach freilich nie existirt hat. Dippoldiswalde hat seinen Namen von einem slav. Vladiken aus dem Geschlechte Dippoldicz. Die Wolfssäule erinnert an einen 1802 erlegten 203 Pfd. schweren Wolf. In den Sandsteinbrüchen am Ende des Waldes Petrefecten (Rest.). (In der Nähe herrliche Aussicht, Umschaugerüst projectirt.) Zwischen Stadt und Wald auf freiem Feld das Tartarengrab, eine Spitzsäule mit Stern und Halbmond geziert. Die Inschriften besagen, dass hier ein Tartar Mustapha Sulkowicz, Premier-Leutenant bei den Poln.-Sächs. Ulanen begraben liegt, der bei Reichsstadt während einer Attaque gefallen.

Dippoldiswalde. Stadt Dresden. Gold. Stern. Rest. Rathskeller. 3175 Einw. 357 m im anmuthigen Thalkessel an der rothen Weisseritz. Früher starker Bergbau mit nahe 100 Zechen und 3 Schmelzhütten. Viel Strohflechterei. Strohhutfabrikation. Schöner Marktplatz mit altem, sehenswerten Rathhaus, an welchem das Wappen der Maltitz und die Statuen der Maria und des Laurentius. Goth. Hauptkirche mit bemerkenswerthem Portal. Die Nicolaikirche auf dem Gottesacker entstammt dem 13. Jahrh. und zeigt byzant. Stylformen. (Wird gegenwärtig von Möckel restaurirt.) Das Schloss enthält das Gerichtsamt. Die Stadt ist Sitz einer sehr rührigen Section des Erzgebirgsvereins. Sommerfrische, billige Wohnungen. Vom Thal aus, wie von den Höhen über der Weisseritz drüben nach Edle Krone zu prächtige Blicke auf das malerische Städtchen.

Die Strasse führt im Thalzug weiter nach Schmiedeberg. Hohofen. Eisenhammer. Hinter dem Ort zeigen weisse T, links der Strasse, nach der Tellkoppe hinauf, dieselbe ist jedoch jetzt so verwachsen, dass sich eine Ersteigung erst dann wieder lohnt, wenn das projektirte Ausschaugerüst fertig gestellt sein wird. Die 754 m hohe Kuppe auf langem, waldigen Bergrücken gewährte umfassende Blicke ins Centralerzgebirge hinauf und auf die Höhenzüge bei Freiberg, wie auf das Meissner Tiefland. Wir gehen besser direct nach der Friedrichshöhe bei Bärenburg. 739 m. An einer grösseren Tanne ist die Aussicht am schönsten. Wir sehen Dresden mit den neuen Kasernen, die Prinzenschlösser, Theile der Sächs. Schweiz, die Berge bei Altenberg, die Lausitzer Berge und die nördliche Abdachung des östl. Erzgebirges selbst. König Friedrich August nächtigte auf seinen botanischen Wanderzügen öfter hier und gab Raketensignale hinab nach Pillnitz, wo seine Gemahlin dieselben erwidern liess. In der Försterei intr. Königszimmer mit Fremdenbuch für fürstl. Personen. Die Strasse führt von hier über Hirschsprung nach Altenberg. Siehe [Seite 32].

6. Dresden-Dippoldiswalde-Schmiedeberg (26 km). Rehefeld-Zaunhaus (über Dorf Sayda 14 km, über Bärenfels und Schellerhau 13 km, doch mehr Berg). Neustadt (6 km). Niclasberg (3 km). Klostergrab (5 km). Ossegg (4 km). Teplitz (10 km).

Bis Schmiedeberg siehe Tour 5. Hier verlassen wir die rothe Weisseritz und gehen im Pöbelbachthal aufwärts die Strasse, die bei Ober-Pöbel einen Bergrücken überschreitet und das Thal der Wilden Weisseritz gewinnt. In Sayda Gasthof. Die Strasse folgt in der Hauptsache der Weisseritz bis Rehefeld-Zaunhaus.

Anmerkung. Wer von Schmiedeberg aus den Weg über Bärenfels und Schellerhau wählt, kann bei letzterem einsamen Gebirgsdorf den 842 m hohen Pöbelknochen ersteigen. Umfassender Blick in die einsame Waldregion des Kammes und auf dem Nordabhang des Gebirges. Die Strasse führt dicht daran vorüber.

Rehefeld-Zaunhaus. Jetzt eine Gemeinde. Zerstreutes Gebirgsdorf mit einem königl. Jagdhaus, ein Lieblingsort König Alberts und seiner Gemahlin. Liegt inmitten herrlicher Waldberge an der Wilden Weisseritz, dicht an der böhmischen Grenze. Primitiver Landgasthof. Wenn der Hof anwesend, ist oft schwer Unterkommen zu finden, so dass sich selbst Cavaliere mit Strohlagern in Bauerhütten begnügen müssen. Zeichnung und Bauproject zu dem hölzernen, doch höchst malerischen Jagdschlösschen bescheerte die Königin Carola ihrem erlauchten Gemahl als ein Weihnachtsgeschenk. Schöne Kapelle in norwegischer Holzarchitektur. Glasgemälde. Gutes Altarbild. Die Einrichtung des Schlösschens ist von einer fast rührenden Einfachheit. In der Umgebung unter sehr alten Bäumen schöne Waldprommenaden. Der Hemmschuhberg mit sehr hohem Holzgerüst zwischen drei Fichten gestattet umfassende Blicke in die Waldregion des Kammes (815 m). Wegweiser markiren die herrlichen Waldwege nach dem Thurm (4 km).

Ein directer Weg (6 km) führt über das Forsthaus Kalkofen nach Niclasberg hinab. Auf der Höhe (an einem Kreuz) überraschende Aussicht durch den Niclasberger Thalzug hindurch auf das Mittelgebirge und den Teplitzer Thalkessel. Wer den Stürmer nicht ersteigen will, gehe diesen directen Weg. Andernfalls berühren wir Neustadt. Städtchen auf der Kammhöhe. Schütz' Gasthaus. Biliner Bierhalle. Von hier liegt der Stürmer nur 1½ km und ist leicht zu ersteigen, doch wird man ohne Führer die aussichtsreiche Kuppe nur schwer finden. Der 825 m hohe, weitvorgeschobene Berg gehört zu den grossartigsten Aussichtspunkten des Erzgeb. Die Ausschau auf den Teplitzer Thalkessel wie auf das bizarre Mittelgebirge ist ausserordentlich umfassend, auch die Ebene gegen Saaz hin liegt frei vor dem Beschauer.

Von Neustadt führt die aussichtsreiche Strasse, vom Stürmer führen directe Waldpfade steil hinab nach Niclasberg oder auch direct nach Klostergrab. Fall bis dahin nahezu 500 m. Das kleine Bergstädtchen liegt höchst anmuthig im engen Thalzuge. Rathskeller am Markt (Gut). Das Städtchen eignet sich sehr wohl zur Sommerfrische.

Anmerkung. Am Weg von Niclasberg nach Eichwald (6 km) liegt rechts der Strasse der Wolfsstein, ein prächtiger Aussichtspunkt, nicht hoch, aber äusserst günstig für Ausblicke auf Teplitz und das Mittelgebirge.

Die Strasse von Niclasberg hinab nach Klostergrab führt durch eine enge romantische Waldschlucht.

Klostergrab. Zum Rathskeller. 1400 Einw. 353 m. Die Stadt ist geschichtlich merkwürdig wegen einer protestantischen Kirche, die der Prager Erzbischof von Prag Lohelius 1616 niederreissen liess. Dadurch kam der Zündstoff, der sich im religiösen Leben Deutschlands seit der Reformation aufgehäuft, zum Brennen. Die protest. Landstände Böhmens, darunter ein Lobkowitz, ein Schick und ein Kinsky, forderten in Prag Rechenschaft, was bekanntlich Veranlassung ward, zwei Kaiserl. Räthe aus dem Fenster zu stürzen, worauf der 30-jähr. Krieg entbrannte. Die Ruinen dieser Kirche, die am Rathhaus stand, sind völlig beseitigt. 60 m über der Stadt liegt der Königshügel mit Rest. Herrliche Aussicht auf den Teplitzer Thalkessel und das Mittelgebirge.

Nach Ossegg führt Eisenbahn; links sitzen. Ununterbrochen schöne Aussicht. Zu Fuss geht man über Haan. Unterwegs ein auffälliger, sehr grosser Eichbaum.

Ossegg. Marktflecken mit 2000 Einw. Kaiser v. Oesterreich. Sonne. Villencolonie. Der malerische Ort liegt mit seinem grossartigen Kloster am Fusse des imposanten Strobnitzberges. Das Kloster gehört dem Cisterzienserorden; 1196 unter dem Schutze der Riesenburg gegründet, ward es in den Hussitenkriegen mehrmals völlig ausgeraubt. Rudolph II. hob es im 16. Jahrh. ganz auf, doch gelangte es nach Unterdrückung der Reformation im 17. Jahrh. wieder zu Reichthum und Blüthe. Es leben im Kloster etwa 20 Mönche. (Schwarz-weisse Ordenstracht.) Der Abt ist auch Prälat der Sächs. Nonnenklöster Marienthal und Marienstern.

Der Klostergarten ist im Versailler Styl mit Schnitthecken, Orangerien, Treibhäusern und Bassins angelegt. Sehr schöne Aussichtspunkte von den Galerien. Zutritt frei.

Die Stiftskirche, ein Renaissancebau mit sehr reicher Ausstattung. Grosse herrliche Orgel. Trefflich stylisirter Altar, schön geschnitzte Chorstühle, reich ornamentirte Leuchter, Gemälde, Stukkaturarbeiten. Die anstossende Todtenkapelle wird magisch von oben beleuchtet. Der Kreuzgang, aus den besten Zeiten der Gothik liegt innerhalb der Clausur und ist daher für Damen nicht zugänglich, dasselbe gilt auch vom Conventsgebäude mit dem Capitelsaal. Im Refectorium (30 kr. Trinkgeld) hat man herrliche Aussicht auf das Dux-Teplitzer Thal und das Mittelgebirge. Kunstvoll geschnitzte Eckschränke, alte Kamine. In den nahen Gasträumen Bildergalerie, darunter zwei treffliche Portraits von Ossegger Aebten. Viele Copien von Meisterwerken.

Die Bibliothek, über deren Eingang die Worte stehen: »Non pro spectaculo, sed pro usu«, enthält seltene Werke und Manuscripte.

Die Salesiushöhe 2 km vom Kloster, ist ein zugänglich gemachtes Gewirr von Felsblöcken mit herrlicher Aussicht auf den Thalkessel und das Mittelgebirge, doch finden sich gleich schöne Punkte auf den näheren Bergen im Hintergrunde von Ossegg.

Die Riesenburg erhebt sich 3½ km entfernt im Thalzug hinter Ossegg. Siehe [Seite 45].

Die Stadt Dux liegt 4½ km von Ossegg. Die Strasse führt durch die bekannten inundirten Ossegger Schächte (Dux s. [S. 25]). Direct nach Teplitz geht man von Ossegg über das intr. Dorf Janegg (s. [S. 25]). Auch führen zwei Bahnlinien dahin. Vom Bahnhof der Dux-Bodenbacher Bahn (Waldthorbahnhof) hat man freilich noch 3 km nach Teplitz zu gehen. Teplitz siehe [Seite 21].

7. Dresden-Tharandt (15 km). Edle Krone (4 km). Höckendorf (2½ km). Beerwalder Mühle (6½ km). Frauenstein (9½ km). Georgensdorf (13 km). Fley (7 km). Langewiese (5½ km). Ossegg (über Riesenburg 5 km). Teplitz (10 km).

Man benutzt am Besten bis Tharandt die Eisenbahn, die sich durch den industriereichen Plauenschen Grund und später ab Heinsberg durch ein schönes Waldthal hinzieht.

Tharandt. Deutsch. Haus. Erblehngericht. Albertsalon und Bad, beide innerhalb schöner Gärten. Burgkeller unter der Ruine. 2600 Einw. Tharandt ist ein liebliches kleinstädtisches Idyll an einem Punkt gelegen, an dem zwei Thäler zusammenstossen. Auf einer Bergnase, die sich vom Forstgartenberg abhebt, liegt die Ruine eines alten Jagdschlosses und das anmuthige Kirchlein. Tharandt war ein Lieblingsaufenthalt Albrecht des Beherzten, dem Erbauer der Albrechtsburg. 1668 ward das Jagdschloss vom Blitz eingeäschert und liegt seitdem in Trümmern. Die Forstakademie, unter den Ruinen gelegen, ward 1816 durch Cotta, den berühmten Forstwirth, begründet (im Durchschnitt 130 Studirende, ⅔ Ausländer). Die Akademie besitzt fachwissenschaftliche Sammlungen, die auf Ersuchen zugänglich sind. Von besonderem Interesse sind die Querdurchschnitte zweier Riesenfichten, aus erzgeb. Forsten herrührend (lagern im Hausflur). Ueber künstliche Fischzucht wird alljährlich im November von Prof. Krutzsch ein practischer Cursus unentgeltlich abgehalten. Der Forstgarten ist eine sehr ausgedehnte Pflanzung für Lehrzwecke mit allen Laub- und Nadelhölzern, die in unseren Gegenden gedeihen. Der Königsplatz mit herrlichen Thalblicken und das Cottagrab, beide im Forstgarten, verdienen besucht zu werden. 80 Eichen symbolisiren die 80 Lebensjahre Cotta's. Bemerkt sei, dass der Forstgarten nicht immer offen steht. Einem Schmuckkästchen gleicht das gräfl. Sumynsky'sche Schlösschen mit einem geschmackvoll angelegten und peinlich gepflegten Garten. Im Bad jährlich gegen 400 Kurgäste. Oefter Concerte. Starker Fremdenbesuch. Tharandt mit seinen Buchenbeständen an imposanten Berghängen ist im Frühjahr und Herbst unvergleichlich schön.

Die Thalmühle, 3 km vom Städtchen entfernt, ist eine vielbesuchte idyllisch-primitive Bauernschenke. Schöne Promenaden führen auch an beiden Thalhängen abwärts nach Hainsberg. Die Heiligen Hallen (ein schöner Buchenforst) liegen aufwärts nach Edle Krone zu rechts.

Wir wandern nun im schönen Thalzug neben Bahn und Weisseritzfluss oder durch die Heiligen Hallen aufwärts nach Edle Krone. Bahnstation. Gasthof. Hier wenden wir uns links in das romantische Höckenbachthal. Inschriften, darunter eine solche an der sogenannten Wunderbuche folgenden Wortlautes:

Aus der Wunderbuche schallt Vögleins Klage laut erhoben:
Wer hat dich, du schöner Wald, abgeholzt so hoch dort oben?

Höckendorf. 1100 Einw. Weckbrods Wein- und Bierschank. Die Kirche enthält einen geschnitzten Altarschrein, den Kenner künstlerisch sehr hoch stellen. Zwischen dem alten und dem neuen Friedhof steht eine von den drei uralten Martersäulen, welche ein Ritter Conrad von Theeler setzen liess, nachdem er im Zorn seinen Pfarrer erstochen. Höckendorf trieb früher starken Bergbau, dieser wurde aber am 25. Aug. 1557 durch einen Wolkenbruch plötzlich vernichtet.

In Höckendorf geht die »Butterstrasse« direct nach der Beerwalder Mühle ab, doch ist die Strasse, die ihren Namen von den erzgeb. Buttertransporten nach Dresden erhielt, ohne Specialkarte nicht zu finden, auch ist der Umweg über Ruppendorf nur unbedeutend. In Ruppendorf steht neben dem Gasthof flach auf einer Wiese eine Thurmruine, die der Volkssage nach ein Raubschloss war, davon soll das Dorf (Raubdorf) seinen Namen haben. Hinter Beerwalde senkt sich die Strasse hinab ins romantische Thal der wilden Weisseritz, das hier noch gar nicht durch Strassen aufgeschlossen ist und dem sicher eine touristische Zukunft bevorsteht (Beerwalder Mühle Gasthof). Eine directe Strasse führt aus dem Thal empor nach Oberröthenbach, eine andere, etwas längere, durchläuft das ganze Dorf. Der Oberröthenbacher Thurmberg (602 m) bleibt links und bald zeigt sich in der Ferne die malerische Ruine von Frauenstein. Vom Hartmannsdorfer Gasthof ab führt ein naher Fussweg (3½ km) nach Frauenstein. Die Strasse berührt Kleinbobritzsch, wo der berühmte Orgelbauer Gottfried Silbermann 1683 geboren wurde. Sein Geburtshaus schmückt eine Marmortafel. Silbermann erlernte seine Kunst in Strassburg bei einem Onkel und er brachte sie zu hoher Vollendung. In Sachsen allein sind über 30 Orgeln von seiner Hand, die berühmtesten stehen in der kath. Hofkirche zu Dresden und im Dom zu Freiberg.

Frauenstein. Rohland's Gasthaus zum Strauss. Gold. Stern. Gold. Löwe. Das Parkschlösschen in reizender Lage an der Ruine ist z. Z. ohne Wirth. 660 m. 1453 Einw. Das freundliche Städtchen wurde nach dem Brande am 3. Oct. 1869 fast neuerbaut. Die Frauensteiner Schlossruine ist zweifellos die imposanteste Ruine des Erzgebirges auf Sächsischem Gebiet, sie lehnt sich dicht an das neuere Schloss an und ihre isolirte Lage wie ihr Umfang machen sie zu einer touristischen Notabilität. (Man meldet sich beim Schlosshausmann.) Das interessanteste aus ihrer Geschichte ist eine Belagerung durch Friedrich den Sanftmüthigen, der Heinrich II. von Plauen seiner böhmischen Sympathien wegen daraus vertrieb. Das neuere Schloss erbaute ein Heinrich von Schönberg. Vom Hause Schönberg fiel die Burg mit ausgedehnter Herrschaft 1647 dauernd an das Kurhaus. Den höchsten guterhaltenen Thurm nennt man die Lärmstange, er wurde im 7jähr. Kriege von den Preussen zu Lärmsignalen benutzt. Von seinen Zinnen hat man eine grossartige Rundsicht; sie erstreckt sich gegen Norden bis ins Tiefland, davor liegen die Thäler der Mulde, Bobritzsch und Weisseritz, sowie der Tharandter Wald. Gegen Osten tauchen die Berge der Lausitz hinter den Tafelbergen der Sächs. Schweiz auf, davor liegt die Dresdner Gegend mit dem Borsberg, weiter herauf zeigen sich die Berge um Altenberg und näher heran die Massenerhebung der Tellkuppe mit ihrem Schwarzwald. Im Süden streicht der finster bewaldete Kamm gegen die höchsten Berge des Gebirges, den Hassberg, Fichtel- und Keilberg hin. Direct im Süden, der höchste Bergrücken mit einer grossen Waldblösse trägt das einsame Lichtenwaldsteiner Jagdschloss, seine Gipfel nennen sich Wieselstein und Schwarzeberg. Im Nordwest schliessen die Augustusburg und der Rochlitzer Berg den Umschaukreis ab. In der Nähe interessiren die imposanten Trümmer. Der »dicke Märten«, etwas abgelegen, diente als Burgverliess, doch ist er keineswegs ein »dicker«, sondern eher ein schlanker Thurm. An einer Thurmruine sind 4 grosse Steinkugeln eingemauert, wie sie ehedem zu Vertheidigungszwecken verwendet wurden. Schöne Anlagen zu Füssen der Burg.

Der Sandberg im Süden der Stadt mit Anlagen auf dem Gipfel gewährt dieselbe Ausschau wie die Lärmstange. Empfehlenswerth ist auch ein Spaziergang auf der aussichtsreichen Strasse nach Freiberg bis zum Buttertöpfchen und dem Weissen Stein (1½ km). Es sind das isolirte Quarzfelsen von seltsamer Gestaltung.

Die Wanderung geht nun bald durch Thalzüge oder auch über aussichtsreiche Höhen nach Obernassau, Rechenberg (Liebschers Gasthaus) und in die Rechenberger Waldregion durch den Fischerwald nach böhm. Georgensdorf. Der sächs. Antheil mit grossem Gasthaus heisst Georgenthal und hat nur 21 Einw. Auf böhm. Seite Lohse's Gasthaus. Schön an der Flöha im weiten Thalkessel gelegenes Dorf. Sommerfrische. 600 m. Herrliche Wälder. Bewegtes Terrain.

Anmerkung. Die Wanderung nach dem Lichtenwaldsteiner Jagdschloss und die unendlich lange Waldschneusse nach dem Wieselstein und der in der Nähe gelegenen Försterei Georgenhöhe ist landschaftlich nicht sonderlich lohnend; auch ist der Wieselstein völlig verwachsen, nur der rechts abgelegene Schwarzeberg hat seine grossartige Aussicht auf Böhmen noch nicht eingebüsst, doch ist derselbe ohne Führer schwer zu finden. Das Lichtenwaldsteiner Jagdschloss mit seiner Geweihsammlung hat in seiner sehr einsamen Lage allerdings touristischen Reiz. Ueber die Höhe der beiden Gipfel des langen Bergrückens ist etwas Sicheres nicht zu erfahren gewesen. Georgenhöhe, die Försterei, liegt 871 m hoch, doch ist auch diese Zahl unter Reserve gegeben. Der Rücken dürfte 930 m nahekommen. Wer diese Partie unternimmt, sorge für Proviant.

Der Tour treu gehen wir im schönen Waldthal an der Flöha aufwärts. Gleich im Anfang links imposante Felspartien. Fley liegt unfern des Ursprungs der Flöha. Das Kirchdorf scheint seinen Namen dem Fluss entliehen zu haben. Im Winter Nachm. 3 Uhr Wildfütterung, zu der sich circa 350 Stück Hochwild einstellen. Die Strasse führt nun durch einsamen Hochwald nach

Langenwiese. Langes Dorf, frei auf dem Kamm gelegen mit einer herrlichen Aussicht auf Eger- und Bielathal, wie auf das böhm. Mittelgebirge. Der Wieselstein, wenn ein Aussichtsthurm errichtet wäre, würde freilich eine volle Rundschau darbieten, er beherrscht die ganze nördl. Abdachung bis Augustusburg hin und den Kamm des Gebirgs selbst. Vom Erzgebirge selbst sind die höchsten Erhebungen Keil- und Fichtelberg sichtbar. In der Ferne taucht das Karlsbader- und dahinter das fränkische Fichtelgebirge auf. Zu Füssen dominirt besonders das imposante Schloss Eisenberg.

Auf steilem Pfad steigen wir in das Ossegger Thal, an dessen Gehängen die Ruinen der Riesenburg sich erheben und an dessen Mündung das stolze Ossegger Kloster sichtbar wird. Die Riesenburg, welche im 14. Jahrh. von den Hussiten zerstört wurde, ist die Geburtsstätte des Apostels der Preussen, des hl. Adalbert. Vom Wartthurm herab überaus anmuthige Thalbilder sowie Fernblicke auf das Mittelgebirge und den Dux-Teplitzer Thalkessel.

Ossegg und weiter nach Teplitz siehe Routennetz.

8. Dresden-Tharandt (15 km). Klingenberg (11 km). Freiberg (14 km).

Man fährt wie bei Tour 7 durch den industriereichen Plauenschen Grund nach Tharandt. (Siehe [Seite 41].) Von hier steigt die Bahn 1 zu 40 an der Weisseritz, später am Serrenbach aufwärts nach Klingenberg (432 m) und auf die Freiberger Hochebene. Bei Passirung der Freiberger Mulde links die grossartigen Muldenhütten, fiscalische Silberschmelzwerke. Die hohe Esse auf der Anhöhe ohne Gebäude daneben ist die Giftesse, welche die Arsendämpfe ableitet. Wer die Hütten besuchen will, steigt am Besten hier aus und geht dann die 3½ km nach Freiberg zu Fuss. (Muldenhütten siehe [Seite 48].)

Freiberg. Hotel de Saxe, Hirsch, Stern, Adler, Goldne Pforte, Preuss. Hof, Stadt Altenburg. Zu besuchtesten Wirthschaften gehört Debus, Otto, Reichel. Gartenwirthschaften: Schillerschlösschen, Schützengarten, Union, Feldschlösschen, Tivoli. Bäder: Actienbad, Stadtbad, Hedrichs Bad. Droschken: Einfache Fahrt 50 Pf.

Freiberg am Münzbach, unfern der Freiberger Mulde, liegt 414 m hoch in einer Gegend, wo die Bodenplastik des Erzgebirges nicht sehr energisch ist, doch gehört die Stadt selbst zu den sehenswerthetesten in deutschen Landen; sie ist das Centrum des erzgeb. Bergbaus, der nicht nur die starke Besiedlung Sachsens verursacht, sondern den Grundstock der eminenten Gewerbthätigkeit des ganzen Landes bildet. Freiberg ist noch heute der Stolz des Sächs. Fürstenhauses, wie der des ganzen Landes. 25 431 Einw.

Geschichtliches. Wenn man den vielen slav. Worten, die noch heut im Sächs. Bergbau gebräuchlich sind, historische Bedeutung beilegen darf, so haben die Sorben bereits Bergbau getrieben und wohl auch die Schätze der Freiberger Gegend, die ja zum Theil von Slaven besiedelt war, gekannt, doch der Aufschwung, der Betrieb im grossen Styl ist den germanischen Elementen zu verdanken. Slavische Bezeichnungen sind: Zscherper, Zeche, Stollen, Schwaden, Rösche, Kux, Kobalt, Flötz, Druse u. a. m.

Die Sage berichtet, Fuhrleute aus Halle oder Goslar, die Salz und Blei geladen hatten, fanden im Fahrgleis eine Erzstufe, die sie in Goslar untersuchen liessen. (Siehe auch Geschichtliches.) Darauf hin seien denn Harzer Bergleute in Schaaren in das rauhe Waldgebirg gezogen. Thatsache ist, dass der Freiberger Stadttheil, die Sächsstadt, von niedersächsischen Bergleuten ihren Namen erhielt. Aber zur Besiedlung hat wohl ganz Deutschland und vor Allem das nahe Böhmen beigesteuert. Otto der Reiche, der seinen Beinamen den Freiberger Erzreichthum verdankt, erhob die Ansiedlung 1175 zu einer Bergstadt mit vielen Vorrechten, wie auch der Name Freiberg darthut. Der Glanz und der Ruhm der jungen Ansiedlung machte den Hohenstaufenkaiser Heinrich VI. lüstern auf die Stadt; schwäbisches Kriegsvolk besetzte sie, dieses wurde aber von der, dem Landesherrn treu ergebenen Bürgerschaft vertrieben. Dem Kaiser Adolph von Nassau gelang es wirklich, den Landesfürsten, Friedrich mit der gebissenen Wange, zu vertreiben, doch nach wenigen Jahren schüttelten die Bürger die kaiserliche Herrschaft für immer ab. Im Anfang des 16. Jahrh. gelangte Freiberg auf den Zenith seines Ruhmes, die Stadt zählte damals 70 000 Einw., war also eine der volkreichsten Städte deutscher Zunge in damaliger Zeit. Während des 30jähr. Krieges sank sie zu einem Schatten ihrer ehemaligen Grösse herab. Zwar belagerte Banner und Torstensohn die Mauern vergeblich, aber die meisten Häuser gingen in Flammen auf, die Vorstädte lagen verwüstet, die Bergwerke ausgeraubt und verödet oder gar ersoffen, die Bevölkerung war bis auf 6000 zusammengeschmolzen. Im 7jähr. Kriege wurde das Gemeinwesen, das immer als reich galt, mehrfach gebrandschatzt und Prinz Heinrich, der Bruder Friedrich II., schlug eine bedeutende Schlacht bei Freiberg zu Friedrichs Gunsten. Auch in den Franzosenkriegen litt die Bergstadt durch Einquartirung.

War es früher der Hofhalt der reichen meissnischen Fürsten, der ausser den metallischen Schätzen, Glanz und Ansehen über die Stadt gebreitet, so waren es später hochberühmte Männer, die hier gelebt und gewirkt. Genannt seien Werner, der grosse Geologe, Alexander von Humboldt, Lampadius, der Erfinder des Leuchtgases, der Geologe Breithaupt, Silbermann, der Orgelbauer, Theodor Körner als Bergstudent und der jugendliche Carl Maria von Weber. In den Wissenschaften des Bergbaus und der Hüttenkunde steht Freibergs Name noch immer obenan, im Bergbau selber hat es die Priorität an die colossalen Minen Nevadas abtreten müssen. Der Grubenbau erweist sich zwar ergiebiger denn je, allein es ist nicht der Erzreichthum die Ursache, es ist das ein Triumph der Hüttenkunde, die jetzt die ärmsten Erze mit besseren Hilfsmitteln auszunützen versteht.

Neben dem Bergbau blüht auch eine bedeutende Industrie in Freiberg, so die Superphosphatfabrikation, die sich auf den Bergbau stützt, ferner bestehen Cigarrenfabriken, eine grosse Portefeuillefabrik, eine Flachsspinnerei und eine Goldtressenfabrik, die für die deutsche wie für fremde Armeen die Tressen liefert.

Bergmännisches. Zur völligen Kenntniss der Bergstadt gehört eine Einfahrt in einen der Schächte, die zwar nicht mühelos, aber hochinteressant ist. Erlaubnisskarte auf Himmelfahrt 2 Mk., 2 Personen 3½ Mk. Auch Damen fahren zuweilen an, doch müssen auch sie ein männliches Berghabit anlegen. Grösste Tiefe 520 m. Man denke ja nicht, dass man in den engen feuchten Stollen glänzende Silberadern zu sehen bekommt. Das gediegene Erz ist sehr selten. Auf 200 Ctr. gesprengte Gangmassen kommt erst 1 Ctr. Erz und dieses führt im Durchschnitt nur 1 bis 2% Silber bei sich. (Die Silberbergwerke sind weit gefahrloser wie die Kohlenbergwerke.)

Der Bergmannsstand hat durch seine genossenschaftliche Organisation, seinen conservativen Sinn und seinen Berufsgeist vieles aus alter Zeit herübergerettet, so dass sich der Bergmann von seinen »überirdischen« Standesgenossen, den Fabrikarbeitern unterscheidet. Schon seine Sprache hat Eigenartiges, so sind Kux, Zeche, Zubusse, Wetter, Hund, Teufe etc. ihm ureigene Begriffe. Als Scheidejunge tritt der jugendliche Bergmann seinen Beruf an, er sortirt zunächst die ausgebrachten Erze nach ihren Gehalt, sodann steigt er zum Grubenjungen empor oder vielmehr, er steigt hinab und vermittelt den Verkehr zwischen den Abbauörtern und den Förderschächten, indem er die Hunde (Fahrzeuge) mit den Erzen hin- und hertreibt, oder er räumt Gesteinstrümmer bei Seite. Als Lehrhäuer hat er sieben lange Jahre zu dienen, ehe er zum Probegeding zugelassen wird; ist dieses gemacht, dann erst gilt er als ein vollbürtiger Bergknappe. Eine ähnliche Stufenleiter haben die Zimmerlinge zu durchlaufen. Obersteiger müssen eine Bergschule absolvirt haben. Die Kleidung besteht in einem Grubenkittel, einem Bergleder und einem Berghut ohne Krämpe mit einer Kokarde von gekreuzten Fäusteln gebildet. Bergaufzüge mit Fackeln und Grubenlichtern sind leider seltener geworden. Der grösste neuere Bergaufzug dürfte der 1878 zu Dresden gewesen sein, der zu Ehren der Silbernen Hochzeit des Königspaares stattfand. Die hohen Bergbeamten tragen glänzende Uniformen. Alt wird der Bergmann selten, nahe den Fünfzigen siegt er an der sogenannten Bergkatze, einer Art Schwindsucht dahin, den Hüttenleuten ergehts fast schlimmer, sie erliegen meist noch früher der Hüttenkatze, einer ähnlichen Krankheit. Am gefährlichsten ist die Arbeit in den Arsenhütten. Die Silberbrenner leiden häufig an der Bleikolik. Die reichste Grube ist gegenwärtig Himmelfahrt, sodann folgt Himmelsfürst. Neuerdings werden auch von mehreren andern Schächten reiche Anbrüche gemeldet.

Die Muldenhütten (3½ km) an der Mulde sind hochintressant. Eintritt 1 Mk. Die gepochten Erze werden zunächst in Röstöfen geröstet, d. h. vom Schwefelgehalt befreit, sodann geschmolzen, wobei sich das Werkblei ausscheidet. Dieses geht nun durch viele Oefen, ehe es zum Silberbrenner gelangt, der mit Feuer und glühenden Sauerstoffströmen den Bleigehalt zum Oxidiren zwingt, bis der Rückstand den sogenannten Silberblick zeigt und damit sich als reines Silber ausweisst. (Näheres siehe des Verfassers Aufsatz Gartenlaube 1879 No. 34.) Nebenher sind Bleirohrfabriken, Arsenhütten, Schwefelsäurefabriken, Zinköfen, Goldscheidewerkstätten zu besichtigen. Auch 2 kleine Platinkessel sind intressant, sie kosten zusammen 36 000 Thlr.

Anmerkung. Wer die Grabentour machen will, besucht anstatt der Muldenhütten die am Wege gelegenen Halsbrücker Hütten, die ganz ähnlich eingerichtet sind.

Die Bergacademie geniesst Weltruf. 15 acad. Lehrer unterrichten gegen 150 Bergstudenten unter denen alle Welttheile vertreten sind. Grossartige Mineraliensammlung. Fachbibliothek von circa 40 000 Bänden. Alexander von Humboldt und Theodor Körner studirten hier. (Neben der Bergacademie sei das Gymnasium genannt, das schon seit 4 Jahrh. besteht und neuerdings in einen stattlichen Neubau übergesiedelt ist.) Alterthumsmuseum im Kaufhaus. Sonn- und Feiertags von früh 11 bis 12 Uhr und Nachmittags von 2 bis 5 Uhr, 10 Pf. Eintritt, Mittwoch und Sonnabend Nachmittag 20 Pf. Ausser der Zeit Führung 1 bis 4 Personen 1 Mk. Katalog 20 Pf. 1861 gegründet. Von localem Interesse sind besonders alte Berggeräthe, die man in verlassenen Bauen aufgefunden. Ferner kirchliche Alterthümer, Innungsladen, Trinkgefässe etc.

Interessante Gebäude sind das alte Rathhaus, in dem auch ein Stück der Strickleiter aufbewahrt wird, auf welcher Kunz von Kauffungen den Prinzenraub ausführte, ferner das Kaufhaus, das alte Gymnasium, sonst Domherrenwohnung, und viele hochgegiebelte alte Bürgerhäuser.

Der Freiberger Dom ist weniger berühmt geworden durch seinen Gesammteindruck, wie durch seine Goldene Pforte und seine Grabmäler. 1484 abgebrannt, wurde er bald darauf in spätgoth. Styl wieder errichtet, doch hat man den kostbarsten Ueberrest von dem alten romanischen Bau wohlerhalten. Diese goldene Pforte ist von den älteren Werken der Steinplastik zweifellos das hervorragendste in sächs. Landen und überhaupt einzig in ihrer Art. Figurenreiche Gruppen, darunter die Dreieinigkeit, die Anbetung der heil. drei Könige, Madonna, Engel, Apostel, Abraham, Josua, David, auferstehende Todte etc. beleben das geniale Bildwerk, dessen Schöpfer eine hohe künstlerische Anmuth bei reicher Phantasie und strenger Anordnung bekundet. Bemerkenswerth sind noch der Kreuzgang in edler Gothik. Im Innern des Domes eine ältere Kanzel, die eine Riesentulpe darstellt; im Kelch befindet sich der Predigtstuhl. Die zweite Kanzel, gestützt durch zwei bergmännische Statuen, liess der Freiberger Bürgermeister Schönleben 1638 errichten; man schätzt sie als eines der besten Werke altdeutscher Renaissance. In der anstossenden Begräbnisscapelle liegen die Fürsten Sachsens von Heinrich dem Frommen bis auf Johann Georg IV. Das künstl. bedeutendste Grabmal ist das des Kurfürsten Moritz, der bei Sievershausen gefallen. Die Zeichnung stammt von zwei Italienern, den Gebrüdern Tola, die Ausführung in Marmor geschah durch den Antwerpener Bildhauer van Zerun. Die Orgel zählt zu Silbermanns Meisterwerken. Auf dem eingezogenen Domkirchhof ist das Grab des grossen Geologen Werner erhalten worden.

Spaziergänge. In der Stadt besichtige man den blauen Stein auf dem Obermarkt, der die Stelle bezeichnet, wo Kunz von Kauffungen, der Prinzenräuber, seinen Putsch mit dem Leben büsste. An einer Ecke des Rathhauses ist ein Kreuz von besonders reichen Silbererzen eingemauert. Ein Rundgang um die in Promenaden verwandelten Ringwälle ist höchst empfehlenswerth. Wir berühren dabei am Kreuzthor das Denkmal des Mineralogen Werner, vor dem Petersthor steht das renovirte Schwedendenkmal. An den Bürgermeister Horn erinnert vor dem Erbischen Thor ein goth. Brunnen. Zwischen dem Schloss Freudenstein, wo einst Heinrich der Fromme fröhlichen Hof hielt, und den idyllischen Kreuzteichen steht das Kriegerdenkmal auf einer alten Schanze.

Wer eine echt bergmännische Landschaft mit Zechenhäusern und grossen Berghalten sehen will, gehe nach der Sächsstadt und in das Schachtrevier von Himmelfahrt. Ein Besuch von Herders Ruhe, ein Denkmal unfern der Strasse nach Halsbrücke kann damit verbunden werden. Schöner Blick auf die alte Bergstadt, der in Deutschland wohl einzig in seiner Art sein dürfte. Grössere beliebte Spaziergänge sind die nach Fernesiehen, ein Gasthaus an der Chemnitzer Strasse, nach dem Rosinenhäuschen an der Frauensteiner Strasse und nach Heedens Rest. an der Meissner Strasse.


Touren ab Freiberg.

9. Freiberg-Halsbrücke (5 km). Krummhennersdorfer Mühle (4 km). Oberreinsberg (4 km). Zollhaus (1½ km). Bergwerk Kurprinz (über Burkersdorf 4 km). Ueber Altväterwasserleitung nach Freiberg (8 km).

Wir wandern, Herders Ruhe und später Tuttendorf zur Rechten, hinab ins Muldenthal nach Halsbrücke. Grossartige fiscalische Hüttenwerke, Silberschmelzen, ganzähnlich eingerichtet, wie die Muldenhütten. Führung 1 Mk. Bei Halsbrücke befinden sich auch grosse Bingen. Die Einbrüche geschahen 1662 und 1691. Das Muldenthal wieder verlassend, wandern wir über die Höhe, dann durch Krummhennersdorf, wo einst Markgraf Albrecht der Stolze an Gift starb, hinab nach der stattlichen Mühle an der Bobritzsch. Dieser Fluss ist der stärkste Nebenfluss der Mulde und hat prächtige Thalpartien. Bei der Mühle beginnt die Grabentour, so nennt sich der schöne Prommenadenweg im romantischen Thalzug, der allen Krümmungen des Berggrabens folgt. Hier stossen wir auch auf Lichtlöcher des Rothschönberger Stollens, einer der grössten Bergstollen. Sein Bau begann 1840, seine Vollendung fällt ins Jahr 1879. Die Länge beträgt 15 km, erreicht also die des St. Gotthardtunnels.

Am 6. Lichtloch vorüber, verlässt der Pfad bald das Thalgehäng und führt nach Oberreinsberg hinauf, dessen Schloss mit Kirche schon lange sichtbar ist. Nun hinab an das Zollhaus, ein romantisch gelegenes Gartenrestaurant unfern des Einflusses der Bobritzsch in die Mulde (von hier nach Nossen im schönen Thalzug Über die Steier- und die Beiermühle 6 km. Nossen s. unten.). Der Rückweg führt uns zunächst nach Bieberstein, schöner Schlosspark mit Ruine der alten Burg Bieberstein. Ueber Burkersdorf und Teichhäuser gelangen wir wieder hinab ins Muldengebiet und zum Kurprinzen, einem der beliebtesten Ausflugsorte der Freiberger. Im Huthaus Schenke. Schöne Gartenanlagen vom Oberberghauptmann Frhrn. von Herder herrührend. Die Altväterwasserleitung, die einst einen Bergwerkscanal über das Muldenthal leitete, liegt etwas abseit des Weges nach Freiberg. Die ganze Anlage erinnert an römische Aquaducte und in einiger Entfernung giebt sie ein imposantes, bei uns seltenes Ruinenbild.

10. Freiberg-Nossen-Altzella. Bahnausflug (25 km).

Die Bahn durchschneidet den Freiberger Spitalwald und gelangt später in den grossen Zellaer Waldcomplex.

Nossen (slav. Nozzin). Stadt Dresden. Blauer Stern. Deutsches Haus. 258 m. 3700 Einw. Anmuthig auf einer Höhe über der Mulde gelegenes sauberes Städtchen. Das besonders vom Thal aus imposante Schloss ist gegenwärtig Sitz der Gerichtsbehörden. Den ältesten Theil, die sogenannte Dechantei, hat das Zwickauer Arbeitshaus in Beschlag genommen als Zellengefängniss. Beim Neubau der Nossener Stadtkirche 1563 erhielten die Bürger die landesherrliche Erlaubniss, von den Ruinen des nahen Klosters Zella Mauertheile abtragen und verwenden zu dürfen, daher die romanischen Seitenportale in dem sonst nüchternen Bau. Im südl. Portal ist die sogenannte Rose von grösserem kunsthistorischen Werth. Die darüber hängende Riesenrippe soll einer lustigen Sage nach einem Fräulein von Neudeck zugehören.

Altzella (2 km von Nossen). Ausgedehnte, freilich schwer beraubte Ruinenstätte des 1545 säcularisirten Cistercienserklosters Altenzella. Ehedem markgräfl. Begräbnissstätte und mächtigstes Kloster des Meissn. Markgrafenthums. Begraben liegen hier nach den Inschriften: Otto der Reiche, Albrecht der Stolze, Dietrich der Bedrängte, Heinrich der Erlauchte, Friedrich der Ernsthafte und Friedrich der Strenge und die Gemahlinnen dieser Fürsten. Die Fürstengruft, 1787 restaurirt, erfreut sich einer gewaltigen Akustik, die der Führer durch Gesänge weckt. Auf einigen Grabsteinen finden sich die Bildnisse mehrerer Fürsten in ziemlich kunstloser Weise dargestellt. Im Park liegen verstreut viele Ueberreste des alten Klosters und seiner Begräbnisskapellen, die von alten meissnischen Adelsgeschlechtern benutzt wurden. In der Umfassungsmauer gegen Westen ein Thor in romanischem Styl. In den Wirthschaftsgebäuden des jetzigen Kammergutes finden sich gleichfalls noch viele Ueberreste des einst so mächtigen Klosters. Wie belebt die Stätte war, das möge eine Notiz aus dem Anfange des 15. Jahrhunderts illustriren, wonach im Jahre durchschnittlich 6000 Fremde zu Fuss und 5000 zu Pferd im Kloster einsprachen.

11. Freiberg-Mulda (15 km). Bienenmühle (12 km). Georgensdorf (5½ km). Fley (7 km). Langewiese (5½ km). Ossegg (über Riesenburg 5 km). Teplitz (10 km).

Bis Bienenmühle ist Eisenbahnfahrt zu empfehlen, doch ist der Weg im Muldenthal aufwärts oder über Lichtenberg keineswegs ohne Anmuth. (Das gilt auch von der directen Strasse nach Frauenstein. Bequemer erreicht man freilich die inter. Stadt mit ihrer Ruine von Station Mulda aus. 10 km. Man geht am 615 m hohen Burgberg vorüber und berührt kurz vor Frauenstein den Weissen Stein und das Buttertöpfchen, intr. Quarzfelsen. Frauenstein s. [S. 43].)

Hinter Mulda wird das Muldenthal einsamer und romantischer. Bei Bienenmühle findet die Eisenbahn ihre vorläufige Endstation. Gasthaus zu Bienenmühle gut und billig. Anmuthige Thallage des im Entstehen begriffenen Ortes. Ein schöner Fussweg geht von hier nach Neuclaussnitz und an der sogenannten Säueck vorüber nach Georgenthal und Georgensdorf. Die Strasse, Klötzerweg genannt, führt gleichfalls durch herrliche Waldungen. Auf der Höhe beim Wegweiser nach Cämmerswalde einige Hundert Schritt links gehen, wo sich ein Wegweiser nach Georgenthal findet. Georgenthal-Georgensdorf und weiter siehe Routennetz.

12. Freiberg-Bienenmühle (15 km). Cämmerswalde (5 km). Purschenstein (5 km). Bad Einsiedel (5 km). Böhmisch Einsiedel (2 km). Dorf Kreuzweg (5½ km). Oberleitersdorf (6 km). Ossegg (8 km). Teplitz (10 km).

Von Freiberg bis Bienenmühle s. Tour 11. Von hier gleichfalls den Fussweg über Neuclaussnitz und die Säueck oder die Strasse (Klötzerweg) nach Cämmerswalde und an der Flöha hinab nach Purschenstein.

Purschenstein. Auf einem Felsen an der Flöha gelegenes Schloss, der Familie von Schönberg gehörig, war ehemals ein böhmisches Krongut. Ahnensaal mit Bildnissen Schönberg'scher Familienmitgliedern. Kostbare Uhr, mehrfach prämiirt. Im Winterhaus tropische Nadelhölzer. Im Park ein goth. Thorhaus und eine hölzerne Einsiedelei, unter welcher sich die Familiengruft eingemauert befindet. Purschenstein mit seinen finsteren Thürmen ist eines der imposantesten Schlösser des Erzgebirges. Das nahe Neuhausen mit schöner, neuerbauter gothischer Kirche gehört zu den sieben Spielwaarendörfern des Seiffener Bezirks (siehe unter Seiffen). Erbgericht, gutes Landgasthaus.

In Windungen führt die Strasse aufwärts nach Bad Einsiedel. (Das Bad steht etwas links der Strasse, die auf der Höhe schöne Ausblicke auf den Olbernhauer Grund und die benachbarten Wälder gewährt.) Bei einem Strassenknie geht ein angenehmer Fussweg durch den Wald an das Bad.

Bad Einsiedel. Zur Herrschaft Purschenstein gehörig, vom Forstwirth Ueberschaar bewirthet. 751 m hoch gelegen. Schwefelhaltiger Eisenquell. Gegen 200 Badegäste. Beliebte Sommerfrische. Viel Passanten. Ausflüge nach dem Schwartenberg (s. unter Seiffen) und dem 833 m hohen Ahornberg (nach Böhmen beschränkt). Herrlich ist die Aussicht bei Göhren (4 km von Bad Einsiedel entfernt) auf Böhmen hinab. Touristen gehen dann von Göhren direct den Rauschengrund hinab nach Oberleitersdorf.

In Dorf Einsiedel auf böhm. Seite das grosse Dietel'sche Gasthaus. Die Strasse windet sich auf den Kamm hinauf und fällt dann rasch ab nach Dorf Kreuzweg. Gasth. zur Waldburg. Herrliche Fernsicht auf das eisenbahndurchzogene Eger- und Bielathal und auf das böhm. Mittelgebirge. Die schönste Aussicht bietet die Waldblösse unfern der Waldburg. Ein directer Weg führt durch den Hammergrund nach Hammer. Johnsdorf ist Bahnstat. der Kommotau-Dux-Bodenbacher Bahn. In Hammer herrlich gelegenes Rest. zur »Deutschen Bruderhalle« mit ebenso schattigem als aussichtsreichem Garten. Hammer eignet sich zur Sommerfrische.

Oberleitersdorf. Drei Linden. 5300 Einw. Industrielles Städtchen, das Centrum der böhm. Spielwaarenindustrie. Vom Schiesshaus schöne Ausblicke auf Thalbecken und Mittelgebirge.

Von hier mit Dampf oder die aussichtsreiche Strasse über Ladung nach Ossegg und Teplitz. S. [S. 40] und [21].

13. Freiberg-Sayda (mit Bahn bis Nassau 21, von hier über Claussnitz 10½ km, oder die Strasse über Brand und Grosshartsmannsdorf 28 km). Purschenstein (5 km). Bad Einsiedel und weiter nach Oberleitensdorf, Ossegg, Teplitz. S. Routennetz.

Nach der ersten Variante geht man von Stat. Nassau nach Claussnitz und über Friedebach nach Sayda. Wer auf Sayda verzichtet, geht von Claussnitz direct über den 730 m hohen Meiseberg nach Purschenstein (12 km). Im anderen Falle wandert man von Freiberg durch das dichteste Schachtrevier nach Brand (6 km). Am Wege viel bergmännisches Leben und links und rechts ertönen Bergglöckchen.

Brand. Zum Kronprinz. Goldner Stern. Rest. Rathskeller. Bergstädtchen, 2818 Einw., die einzige Stadt Sachsens ohne Kirche (ist nach Erbisdorf eingepfarrt). Von hier nach Grosshartmannsdorf (8 km). Langes Dorf, an dessen Ende ein 60 hectaren grosser Bergteich liegt. 1880 entnahm man demselben 380 Ctr. Fische. Weiter führt uns der Weg an dem 711 m hohen Saydenberg vorüber, ein Berg mit breitem, flachem Gipfel. Die Ersteigung ist mühelos und verschafft einen umfassenden Blick hinauf in das Centralerzgebirge und auf die Olbernhauer Gegend. Bald berühren wir Dörnthal. 3½ km von der Strasse abseits liegt der seeartige Dörnthaler Bergteich, von welchem aus der 28 km lange Dörnthaler Kunstgraben beginnt, der dem Freiberger Bergbau dient. Unfern des Teiches liegt die Mündung des ehemals berühmten Friedrich-Bennostollens, der für Kähne schiffbar und so hoch ist, dass ein Reiter passiren könnte. Früher wurde der noch heute imposante Bau öfter illuminirt, wenn fürstl. Personen anwesend waren.

Sayda. Löwe. Stern. Ross. Rest. zum Rathskeller. 1612 Einw. 677 m. ü. M. Das freundliche Städtchen ist nach dem Brande 1842 fast neuerbaut. Sayda war im frühesten Mittelalter eine wichtige Handelsetappe zwischen Böhmen und dem Norden Deutschlands. Eine Judenstadt ist verschwunden, auch von der alten Sorbenburg Saydowa ist kein Stein mehr zu sehen. In der Kirche Grabmäler vom Bildhauer Nosseni, der Familie von Schönberg zugehörig. Von der Thurmgallerie grosse Umschau über die Olbernhauer Gegend und über das Centralerzgebirge bis zur Augustusburg.

Nach Purschenstein hinab geht man den angenehmeren Fussweg am Wald, die Strasse zur Linken lassend. Purschenstein und weiter siehe Routennetz.

14. Freiberg-Oederan (17 km). Flöha (10 km). Chemnitz (12½ km).

Die Bahn überwindet mit geringen Curven die kleinen Terrainfalten der Freiberger Hochebene, bis sie vor Oederan in eine bewegtere Gegend gelangt, deren Mittelpunkt die stattliche Augustusburg bildet.

Oederan. Hirsch. Deutsches Haus. Bellevue. Garküche. Rest.: Rathskeller. Kögel. Günther. 5850 Einw. 383 m ü. M. Flanell- und Tuchfabriken. Anmuthige Lage. Nur 3 km entfernt über das hochgelegene Rittergut Börnichen liegt die 482 m hohe Schönerstädter Höhe, welche ihrer prächtigen Aussicht wegen neuerdings viel besucht wird.

Die Bahn windet sich hinab an die Gehänge des Flöhathals, überschreitet bei Hetzdorf auf dem imposanten Hetzdorfer Viaduct die Flöha und zugleich die Flöhathalbahn. Die Brücke zeigt sich am Besten kurz nach Passierung derselben am rechten Waggonfenster.

Flöha, ein weitgebautes Dorf im prächtigen Thalkessel am Zusammenfluss der Flöha und Zschopau. Sitz einer Amtshauptmannschaft. Die Kirche wurde vom Prof. Arnold restaurirt. Goth. Kreuzgewölbe. Herrlicher Altarschrein und schöne Kanzelverzierung. Flöha mit dem nahen Plaue ist ein bedeutender Bahnknotenpunkt für die Annaberger, Flöhathal und Chemnitz-Freiberger Linie.

Bei der Weiterfahrt zeigt sich links Augustusburg und rechts Schloss Lichtenwalde. In Wiesa zweigt die Linie Frankenberg-Hainichen ab.

Chemnitz. Droschken: 1 Pers. 50 Pf., 2 Pers. 60 Pf. Pferdebahn nach dem Innern der Stadt wie auch nach der Zwickauer Vorstadt.

Gasthöfe: Römischer Kaiser, Marktplatz. Stadt Gotha, Johannisplatz. Stadt Berlin, Langestrasse. Hotel Reichold, am Bahnhof. Drei Schwäne, Langestr. Hotel de Saxe, Klosterstr. Hirsch, Langestr. Stadt Nürnberg, Neustädter Markt. Küttners Hotel, Wiesenstrasse. Anker, neue Dresdner Strasse. Stadt Wien, Klosterstrasse. Helm, Klosterstrasse. Centralherberge, Zschopauerstrasse.

Wirthschaften: Mosellasaa. (Grösseres Vergnügungslocal in orient. Styl.) Kaisersaal, Langestrasse. Alicke in Stadt Wien. Barthel, Langestrasse (auch Café und Conditorei). Ewald, Johannisgasse. Johannisgarten, Königstrasse. Starkbesuchte Sommerrestaurants: Letzter Seufzer, Stollberger Strasse. Tivoligarten, am Tivolitheater. Kesselgarten, auf dem Schloss, nebenan Schlossrestaurant. Baums Restaurant an der Zschopauerstrasse. Renom. Weinstube, Hartenstein, Bretgasse.

Cafés: Barthel, Langestrasse. Lincke, Königstrasse. Pick, Poststrasse. Jakob, Zwickauerstrasse. Kretschmar, Klosterstrasse.

Bäder: Hedwigbad an der Klostermühle. (Dampf- u. Wannenbäder. Irisch-röm. Bäder. Rest.) Peters Bad, Nicolaistr. (Wannenbäder.) Helenenbad, Zschopauerstrasse.

Chemnitz (von Camennicze, zu deutsch Steinbach) liegt im weiten Chemnitzthal, 294 m hoch. Die Einwohnerzahl ist seit Einbezirkung von Schlosschemnitz auf 96 000 gestiegen, zudem ist die Stadt die Centrale einer sehr stark bevölkerten Umgegend. Die Gewerbthätigkeit ist eine ganz ausserordentliche; hauptsächlich florirt der Fabrikbetrieb, doch ist die Hausindustrie gleichfalls bedeutend. Die reichliche Hälfte wird für den Export erzeugt, namentlich sind es Russland, Oestreich, die Türkei, die skandinavischen Länder und Nord- und Südamerika, welche die bedeutendsten Absatzmärkte für Chemnitz und die Chemnitzer Gegend darstellen. Das nordamerikanische Consulat in Chemnitz weist den stärksten Verkehr unter allen Consulaten der Union im Deutschen Reiche auf. Der Güterverkehr in den Ladehallen, weitaus der stärkste Sachsens, hat einen wahrhaft cosmopolitischen Charakter. Gegen 80 Güterzüge täglich schleppen das Rohmaterial aus allen Winkeln Europas und allen Erdtheilen herbei und führen die Waaren dahin zurück. Chemnitz nennt mehr schwimmende Güter sein Eigen, wie so manche mittelgrosse Seestadt. Unter den deutschen Industriestädten, welche der englischen Industrie auf dem Weltmarkt Parole geboten, steht zweifellos Chemnitz obenan.

Geschichtliches. Das Kloster Chemnitz wurde im 12. Jahrhundert durch König Lothar begründet und dieses auf dem nahen Schlossberg gelegene Benedictinerstift mag auch die Begründung der Stadt veranlasst haben. Das Marktrecht datirt vom Jahre 1143 und ward ertheilt durch Konrad III. Dauernd unter die Wettiner kam die Stadt 1410, womit die Reichsunmittelbarkeit ihr Ende fand. In den Hussitenkriegen ward sie zweimal, 1429 und 1430 vergeblich belagert. Chemnitz, unbetheiligt an dem ausgedehnten erzgeb. Bergbau, mag schon früh der Industrie zugedrängt worden sein, boten doch die Bergstädte selbst ein dankbares Absatzfeld. Im 30jähr. Krieg verfiel auch Chemnitz dem allgemeinen Ruin, vor welchem sie selbst ein wirthschaftlich höchst wichtiges Bleichprivileg, das sie vor ihren Nachbarstädten voraus hatte, nicht schützen konnte. Die Periode der Grossindustrie begann mit der Einführung der Baumwollspinnmaschiene; auf diese stützte sich die Weberei und Strumpfwirkerei, auch für die Zeugdruckerei bildete die Spinnerei den Lebensnerv. Die weitere Folge war ein vielseitiger Maschinenbau, der nothwendig entstehen musste. Die bürgerlichen Gewerbe hoben sich natürlich mit den Hauptbranchen und zu diesen gesellen sich eine zahllose Menge Nebenbranchen.

Im Anfang dieses Jahrhunderts zählte Chemnitz 9000 Einw., heute hausen nahezu 11 mal mehr Menschen auf derselben Scholle und finden ein reichlicheres Brod wie die 9000 von damals. Chemnitz ist übrigens der Knotenpunkt von 8 Eisenbahnen, eine Zahl, die nur von wenigen Grossstädten im Reich übertroffen wird.

Sehenswürdigkeiten.

Industrien. Voran ist hier die Sächs. Maschinenfabrik zu stellen, von dem genialen Richard Hartmann gegründet, einem Selfmen von grossem wirthschaftlichen Scharfblick und Talenten († 1879). Gegen 3000 Arbeiter. Locomotivenbau, Werkzeugmaschinenbau und Maschinenbau für fast alle Textilbranchen. Gewöhnliche Dampfmaschinen, Schiffs- und Bergdampfmaschinen.

Die Chemnitzer Werkzeugmaschinenfabrik, gegründet von Joh. von Zimmermann (gleichfalls ein Selfmen). Hochrenomirt in der Werkzeugbranche. Holzbearbeitungsmaschinen sind eine Spezialität der Fabrik. Die Schönherr'sche Webstuhlfabrik gehört zu den grössten in ihrer Art. Der Schönherr'sche Webstuhl ist in der Weberei epochemachend gewesen. Grossartige Webfabriken sind: Robert Hösel, Lose, Marbach u. Weigel. Die Actienspinnerei, die grösste Spinnerei Sachsens, zählt 65 000 Spindeln. Die grössten Strumpf- und Handschuhfabriken sind die von Esche, Hecker und Gulden. Strassendampfwagen baut Michaelis. Viele der grösseren Chemnitzer Firmen haben ihre Etablissements in der Umgebung, so die Firmen Clauss und Hauschild. Die Permanente Industrieausstellung von Hermann Findeisen an der Zschopauerstr. gewährt einen umfassenden Ueberblick über die Chemnitzer und erzgeb. Industrie.