DER
JUDENSTAAT.
VERSUCH
EINER
MODERNEN LÖSUNG DER JUDENFRAGE
VON
THEODOR HERZL
DOCTOR DER RECHTE.
LEIPZIG und WIEN 1896.
M. BREITENSTEIN'S VERLAGS-BUCHHANDLUNG
WIEN, IX., WÄHRINGERSTRASSE 5.
Inhalt:
[Vorrede.]
[Einleitung.]
[Allgemeiner Theil.]
[Die Judenfrage.]
[Bisherige Versuche der Lösung.]
[Gründe des Antisemitismus.]
[Wirkung des Antisemitismus.]
[Der Plan.]
[Palästina oder Argentinien?]
[Bedürfniss, Organ, Verkehr.]
[Grundzüge.]
[Immobiliengeschäft.]
[Der Landkauf.]
[Bauten.]
[Arbeiterwohnungen.]
[Die „ungelernten“ Arbeiter. (Unskilled Labourers.)]
[Der Siebenstundentag]
[Die Arbeitshilfe]
[Der Marktverkehr]
[Andere Kategorien von Heimstätten.]
[Einige Formen der Liquidation.]
[Bürgschaften der Company.]
[Einige Thätigkeiten der Company.]
[Industrielle Anregungen.]
[Ansiedlung von Facharbeitern.]
[Die Geldbeschaffung.]
[Die Verpflanzung.]
[Die Gruppenwanderung.]
[Unsere Seelsorger.]
[Vertrauensmänner der Ortsgruppen.]
[Stadtpläne.]
[Der Zug des Mittelstandes.]
[Das Phänomen der Menge.]
[Unser Menschenmaterial.]
[Kleine Gewohnheiten.]
[Negotiorum gestio.]
[Der Gestor der Juden.]
[Die Landergreifung.]
[Die Verfassung.]
[Die Sprache.]
[Theokratie.]
[Gesetze.]
[Das Heer.]
[Die Fahne.]
[Reciprocität und Auslieferungsverträge.]
[Vortheile der Judenwanderung.]
Vorrede.
Der Gedanke, den ich in dieser Schrift ausführe, ist ein uralter. Es ist die Herstellung des Judenstaates.
Die Welt widerhallt vom Geschrei gegen die Juden, und das weckt den eingeschlummerten Gedanken auf.
Ich erfinde nichts, das wolle man sich vor Allem und auf jedem Punkte meiner Ausführungen deutlich vor Augen halten. Ich erfinde weder die geschichtlich gewordenen Zustände der Juden, noch die Mittel zur Abhilfe. Die materiellen Bestandtheile des Baues, den ich entwerfe, sind in der Wirklichkeit vorhanden, sind mit Händen zu greifen; jeder kann sich davon überzeugen. Will man also diesen Versuch einer Lösung der Judenfrage mit einem Worte kennzeichnen, so darf man ihn nicht „Phantasie“, sondern höchstens „Combination“ nennen.
Gegen die Behandlung als Utopie muss ich meinen Entwurf zuerst vertheidigen. Eigentlich bewahre ich damit nur die oberflächlichen Beurtheiler vor einer Albernheit, die sie begehen könnten. Es wäre ja keine Schande, eine menschenfreundliche Utopie geschrieben zu haben. Ich könnte mir auch einen leichteren literarischen Erfolg bereiten, wenn ich für Leser, die sich unterhalten wollen, diesen Plan in den gleichsam unverantwortlichen Vortrag eines Romans brächte. Aber das ist keine solche liebenswürdige Utopie, wie man sie vor und nach Thomas Morus so häufig producirt hat. Und ich glaube, die Lage der Juden in verschiedenen Ländern ist arg genug, um einleitende Tändeleien überflüssig zu machen.
Um den Unterschied zwischen meiner Construction und einer Utopie erkennbar zu machen, wähle ich ein interessantes Buch der letzten Jahre: „Freiland“ von Dr. Theodor Hertzka. Das ist eine sinnreiche Phantasterei, von einem durchaus modernen, national-ökonomisch gebildeten Geist erdacht, und so lebensfern, wie der Aequatorberg, auf dem dieser Traumstaat liegt. „Freiland“ ist eine complicirte Maschinerie mit vielen Zähnen und Rädern, die sogar ineinander greifen; aber nichts beweist mir, dass sie in Betrieb gesetzt werden könne. Und selbst, wenn ich Freilands-Vereine entstehen sehe, werde ich es für einen Scherz halten.
Hingegen enthält der vorliegende Entwurf die Verwendung einer in der Wirklichkeit vorkommenden Treibkraft. Die Zähne und Räder der zu bauenden Maschine deute ich nur an, in aller Bescheidenheit, unter Hinweis auf meine Unzulänglichkeit und im Vertrauen darauf, dass es bessere ausführende Mechaniker geben wird, als ich einer bin.
Auf die treibende Kraft kommt es an. Und was ist diese Kraft? Die Judennoth.
Wer wagt zu leugnen, dass diese Kraft vorhanden sei? Wir werden uns damit im Capitel über die Gründe des Antisemitismus beschäftigen.
Man kannte auch die Dampfkraft, die im Theekessel durch Erhitzung des Wassers entstand und den Deckel hob. Diese Theekesselerscheinung sind die zionistischen Versuche und viele andere Formen der Vereinigung „zur Abwehr des Antisemitismus“.
Nun sage ich, dass diese Kraft, richtig verwendet, mächtig genug ist, eine grosse Maschine zu treiben, Menschen und Güter zu befördern. Die Maschine mag aussehen, wie man will.
Ich bin im Tiefsten davon überzeugt, dass ich Recht habe – ich weiss nicht, ob ich in der Zeit meines Lebens Recht behalten werde. Die ersten Männer, welche diese Bewegung beginnen, werden schwerlich ihr ruhmvolles Ende sehen. Aber schon durch das Beginnen kommt ein hoher Stolz und das Glück der innerlichen Freiheit in ihr Dasein.
Um den Entwurf vor dem Verdacht der Utopie zu schützen, will ich auch sparsam sein mit malerischen Details der Schilderung. Ich vermuthe ohnehin, dass gedankenloser Spott durch Zerrbilder des von mir Entworfenen das Ganze zu entkräften versuchen wird. Ein im Uebrigen gescheiter Jude, dem ich die Sache vortrug, meinte: „das als wirklich dargestellte zukünftige Detail sei das Merkmal der Utopie“. Das ist falsch. Jeder Finanzminister rechnet in seinem Staatsvoranschlage mit zukünftigen Ziffern und nicht nur mit solchen, die er aus dem Durchschnitt früherer Jahre oder aus anderen vergangenen und in anderen Staaten vorkommenden Erträgen construirt, sondern auch mit präcedenzlosen Ziffern, beispielsweise bei Einführung einer neuen Steuer. Man muss nie ein Budget angesehen haben, um das nicht zu wissen. Wird man darum einen Finanzgesetzentwurf für eine Utopie halten, selbst wenn man weiss, dass der Voranschlag nie ganz genau eingehalten werden kann?
Aber ich stelle noch härtere Zumuthungen an meine Leser. Ich verlange von den Gebildeten, an die ich mich wende, ein Umdenken und Umlernen mancher alten Vorstellung. Und gerade den besten Juden, die sich um die Lösung der Judenfrage thätig bemüht haben, muthe ich zu, ihre bisherigen Versuche als verfehlt und unwirksam anzusehen.
In der Darstellung der Idee habe ich mit einer Gefahr zu kämpfen. Wenn ich all' die in der Zukunft liegenden Dinge zurückhaltend sage, wird es scheinen, als glaubte ich selbst nicht an ihre Möglichkeit. Wenn ich dagegen die Verwirklichung vorbehaltlos ankündige, wird Alles vielleicht wie ein Hirngespinst aussehen.
Darum sage ich deutlich und fest: ich glaube an die Möglichkeit der Ausführung, wenn ich mich auch nicht vermesse, die endgiltige Form des Gedankens gefunden zu haben. Der Judenstaat ist ein Weltbedürfniss, folglich wird er entstehen.
Von irgend einem Einzelnen betrieben, wäre es eine recht verrückte Geschichte – aber wenn viele Juden gleichzeitig darauf eingehen, ist es vollkommen vernünftig, und die Durchführung bietet keine nennenswerthen Schwierigkeiten. Die Idee hängt nur von der Zahl ihrer Anhänger ab. Vielleicht werden unsere aufstrebenden jungen Leute, denen jetzt schon alle Wege versperrt sind, und denen sich im Judenstaate die sonnige Aussicht auf Ehre, Freiheit und Glück eröffnet, die Verbreitung der Idee besorgen.
Ich selbst halte meine Aufgabe mit der Publication dieser Schrift für erledigt. Ich werde das Wort nur noch nehmen, wenn Angriffe beachtenswerther Gegner mich dazu zwingen, oder wenn es gilt, unvorhergesehene Einwände zu widerlegen, Irrthümer zu beseitigen.
Ist das, was ich sage, heute noch nicht richtig? Bin ich meiner Zeit voraus? Sind die Leiden der Juden noch nicht gross genug? Wir werden sehen.
Es hängt also von den Juden selbst ab, ob diese Staatsschrift vorläufig nur ein Staatsroman ist. Wenn die jetzige Generation noch zu dumpf ist, wird eine andere, höhere, bessere kommen. Die Juden, die wollen, werden ihren Staat haben und sie werden ihn verdienen.
Einleitung.
Die volkswirthschaftliche Einsicht von Männern, die mitten im praktischen Leben stehen, ist oft verblüffend gering. Nur so lässt sich erklären, dass auch Juden das Schlagwort der Antisemiten gläubig nachsagen: wir lebten von den „Wirthsvölkern“, und wenn wir kein „Wirthsvolk“ um uns hätten, müssten wir verhungern. Das ist einer der Punkte, auf denen sich die Schwächung unseres Selbstbewusstseins durch die ungerechten Anklagen zeigt. Wie verhält es sich mit dem „Wirthsvolklichen“ in Wahrheit? Soweit das nicht die alte physiokratische Beschränktheit enthält, beruht es auf dem kindlichen Irrthum, dass im Güterleben immer dieselben Sachen rundlaufen. Nun müssen wir nicht erst, wie Rip van Winkle, aus vieljährigem Schlafe erwachen, um zu erkennen, dass die Welt sich durch das unaufhörliche Entstehen neuer Güter verändert. In unserer vermöge der technischen Fortschritte wunderbaren Zeit sieht auch der geistig Aermste mit seinen verklebten Augen rings um sich her neue Güter auftauchen. Der Unternehmungsgeist hat sie geschaffen.
Die Arbeit ohne Unternehmungsgeist ist die stationäre, alte; ihr typisches Beispiel die des Ackerbauers, der noch genau dort steht, wo sein Urvater vor tausend Jahren stand. Alle materielle Wohlfahrt ist durch Unternehmer verwirklicht worden. Man schämt sich beinahe, eine solche Banalität niederzuschreiben. Selbst wenn wir also ausschliesslich Unternehmer wären – wie die thörichte Uebertreibung behauptet – brauchten wir kein „Wirthsvolk“. Wir sind nicht auf einen Rundlauf immer gleicher Güter angewiesen, weil wir neue Güter erzeugen.
Wir haben Arbeitssclaven von unerhörter Kraft, deren Erscheinen in der Culturwelt eine tödliche Concurrenz für die Handarbeit war: das sind die Maschinen. Wohl braucht man auch Arbeiter, um die Maschinen in Bewegung zu setzen; aber für diese Erfordernisse haben wir Menschen genug, zu viel. Nur wer die Zustände der Juden in vielen Gegenden des östlichen Europa nicht kennt, wird zu behaupten wagen, dass die Juden zur Handarbeit untauglich oder unwillig seien.
Aber ich will in dieser Schrift keine Vertheidigung der Juden vornehmen. Sie wäre nutzlos. Alles Vernünftige und sogar alles Sentimentale ist über diesen Gegenstand schon gesagt worden. Nun genügt es nicht, die treffenden Gründe für Verstand und Gemüth zu finden; die Hörer müssen zuerst fähig sein zu begreifen, sonst ist man ein Prediger in der Wüste. Sind aber die Hörer schon so weit, so hoch, dann ist die ganze Predigt überflüssig. Ich glaube an das Aufsteigen der Menschen zu immer höheren Graden der Gesittung, nur halte ich es für ein verzweifelt langsames. Wollten wir warten, bis sich der Sinn auch der mittleren Menschen zur Milde abklärt, die Lessing hatte, als er Nathan den Weisen schrieb, so könnte darüber unser Leben und das unserer Söhne, Enkel, Urenkel vergehen. Da kommt uns der Weltgeist von einer andern Seite zu Hilfe.
Dieses Jahrhundert hat uns eine köstliche Renaissance gebracht durch die technischen Errungenschaften. Nur für die Menschlichkeit ist dieser märchenhafte Fortschritt noch nicht verwendet. Die Entfernungen der Erdoberfläche sind überwunden, und dennoch quälen wir uns ab mit Leiden der Enge. Schnell und gefahrlos jagen wir jetzt in riesigen Dampfern über früher unbekannte Meere. Sichere Eisenbahnen führen wir hinauf in eine Bergwelt, die man ehemals mit Angst zu Fuss bestieg. Die Vorgänge in Ländern, die noch gar nicht entdeckt waren, als Europa die Juden in Ghetti sperrte, sind uns in der nächsten Stunde bekannt. Darum ist die Judennoth ein Anachronismus – und nicht weil es schon vor hundert Jahren eine Aufklärungszeit gab, die in Wirklichkeit nur für die vornehmsten Geister bestand.
Nun meine ich, dass das elektrische Licht durchaus nicht erfunden wurde, damit einige Snobs ihre Prunkgemächer beleuchten, sondern damit wir bei seinem Scheine die Fragen der Menschheit lösen. Eine, und nicht die unbedeutendste, ist die Judenfrage. Indem wir sie lösen, handeln wir nicht nur für uns selbst, sondern auch für viele andere Mühselige und Beladene.
Die Judenfrage besteht. Es wäre thöricht sie zu leugnen. Sie ist ein verschlepptes Stück Mittelalter, mit dem die Culturvölker auch heute beim besten Willen noch nicht fertig werden konnten. Den grossmüthigen Willen zeigten sie ja, als sie uns emancipirten. Die Judenfrage besteht überall, wo Juden in merklicher Anzahl leben. Wo sie nicht ist, da wird sie durch hinwandernde Juden eingeschleppt. Wir ziehen natürlich dahin, wo man uns nicht verfolgt; durch unser Erscheinen entsteht dann die Verfolgung. Das ist wahr, muss wahr bleiben, überall, selbst in hochentwickelten Ländern – Beweis Frankreich – so lange die Judenfrage nicht politisch gelöst ist. Die armen Juden tragen jetzt den Antisemitismus nach England, sie haben ihn schon nach Amerika gebracht.
Ich glaube, den Antisemitismus, der eine vielfach complicirte Bewegung ist, zu verstehen. Ich betrachte diese Bewegung als Jude, aber ohne Hass und Furcht. Ich glaube zu erkennen, was im Antisemitismus roher Scherz, gemeiner Brotneid, angeerbtes Vorurtheil, religiöse Unduldsamkeit – aber auch was darin vermeintliche Nothwehr ist. Ich halte die Judenfrage weder für eine sociale, noch für eine religiöse, wenn sie sich auch noch so und anders färbt. Sie ist eine nationale Frage, und um sie zu lösen, müssen wir sie vor Allem zu einer politischen Weltfrage machen, die im Rathe der Culturvölker zu regeln sein wird.
Wir sind ein Volk, Ein Volk.
Wir haben überall ehrlich versucht, in der uns umgebenden Volksgemeinschaft unterzugehen und nur den Glauben unserer Väter zu bewahren. Man lässt es nicht zu. Vergebens sind wir treue und an manchen Orten sogar überschwängliche Patrioten, vergebens bringen wir dieselben Opfer an Gut und Blut wie unsere Mitbürger, vergebens bemühen wir uns den Ruhm unserer Vaterländer in Künsten und Wissenschaften, ihren Reichthum durch Handel und Verkehr zu erhöhen. In unseren Vaterländern, in denen wir ja auch schon seit Jahrhunderten wohnen, werden wir als Fremdlinge ausgeschrieen; oft von Solchen, deren Geschlechter noch nicht im Lande waren, als unsere Väter da schon seufzten. Wer der Fremde im Lande ist, das kann die Mehrheit entscheiden; es ist eine Machtfrage, wie Alles im Völkerverkehre. Ich gebe nichts von unserem ersessenen guten Recht preis, wenn ich das als ohnehin mandatloser Einzelner sage. Im jetzigen Zustande der Welt und wohl noch in unabsehbarer Zeit geht Macht vor Recht. Wir sind also vergebens überall brave Patrioten, wie es die Hugenotten waren, die man zu wandern zwang. Wenn man uns in Ruhe liesse ...
Aber ich glaube, man wird uns nicht in Ruhe lassen.
Durch Druck und Verfolgung sind wir nicht zu vertilgen. Kein Volk der Geschichte hat solche Kämpfe und Leiden ausgehalten wie wir. Die Judenhetzen haben immer nur unsere Schwächlinge zum Abfall bewogen. Die starken Juden kehren trotzig zu ihrem Stamme heim, wenn die Verfolgungen ausbrechen. Man hat das deutlich in der Zeit unmittelbar nach der Judenemancipation sehen können. Den geistig und materiell höherstehenden Juden kam das Gefühl der Zusammengehörigkeit gänzlich abhanden. Bei einiger Dauer des politischen Wohlbefindens, assimiliren wir uns überall; ich glaube, das ist nicht unrühmlich. Der Staatsmann, der für seine Nation den jüdischen Raceneinschlag wünscht, müsste daher für die Dauer unseres politischen Wohlbefindens sorgen. Und selbst ein Bismarck vermöchte das nicht.
Denn tief im Volksgemüth sitzen alte Vorurtheile gegen uns. Wer sich davon Rechenschaft geben will, braucht nur dahin zu horchen, wo das Volk sich aufrichtig und einfach äussert: das Märchen und das Sprichwort sind antisemitisch. Das Volk ist überall ein grosses Kind, das man freilich erziehen kann; doch diese Erziehung würde im günstigsten Falle so ungeheure Zeiträume erfordern, dass wir uns, wie ich schon sagte, vorher längst auf andere Weise können geholfen haben.
Die Assimilirung, worunter ich nicht etwa nur Aeusserlichkeiten der Kleidung, gewisser Lebensgewohnheiten, Gebräuche und der Sprache, sondern ein Gleichwerden in Sinn und Art verstehe, die Assimilirung der Juden könnte überall nur durch die Mischehe erzielt werden. Diese müsste aber von der Mehrheit als Bedürfniss empfunden werden; es genügt keineswegs, die Mischehe gesetzlich als zulässig zu erklären. Die ungarischen Liberalen, die das jetzt gethan haben, befinden sich in einem bemerkenswerthen Irrthum. Und diese doctrinär eingerichtete Mischehe wurde durch einen der ersten Fälle gut illustrirt: ein getaufter Jude heiratete eine Jüdin. Der Kampf um die jetzige Form der Eheschliessung hat aber die Gegensätze zwischen Christen und Juden in Ungarn vielfach verschärft und dadurch der Racenvermischung mehr geschadet als genützt. Wer den Untergang der Juden durch Vermischung wirklich wünscht, kann dafür nur eine Möglichkeit sehen. Die Juden müssten vorher so viel ökonomische Macht erlangen, dass dadurch das alte gesellschaftliche Vorurtheil überwunden würde. Das Beispiel liefert die Aristokratie, in der die Mischehen verhältnissmässig am häufigsten vorkommen. Der alte Adel lässt sich mit Judengeld neu vergolden, und dabei werden jüdische Familien resorbirt. Aber wie würde sich diese Erscheinung in den mittleren Schichten gestalten, wo die Judenfrage ihren Hauptsitz hat, weil die Juden ein Mittelstandsvolk sind? Da wäre die vorher nöthige Erlangung der Macht gleichbedeutend mit der wirthschaftlichen Alleinherrschaft der Juden, die ja schon jetzt fälschlich behauptet wird. Und wenn schon die jetzige Macht der Juden solche Wuth- und Nothschreie der Antisemiten hervorruft, welche Ausbrüche kämen erst durch das weitere Wachsen dieser Macht. Eine solche Vorstufe der Resorption kann nicht erreicht werden; denn es wäre die Unterjochung der Majorität durch eine noch vor kurzem verachtete Minorität, die nicht im Besitze der kriegerischen oder administrativen Gewalt ist. Ich halte deshalb die Resorption der Juden auch auf dem Wege des Gedeihens für unwahrscheinlich. In den derzeit antisemitischen Ländern wird man mir beipflichten. In den anderen, wo sich die Juden augenblicklich wohlbefinden, werden meine Stammesgenossen meine Behauptungen vermuthlich auf das heftigste bestreiten. Sie werden mir erst glauben, bis sie wieder von der Judenhetze heimgesucht sind. Und je länger der Antisemitismus auf sich warten lässt, umso grimmiger muss er ausbrechen. Die Infiltration hinwandernder, von der scheinbaren Sicherheit angezogener Juden, sowie die aufsteigende Classenbewegung der autochthonen Juden wirken dann gewaltig zusammen und drängen zu einem Umsturz. Nichts ist einfacher, als dieser Vernunftschluss.
Dass ich ihn aber unbekümmert und nur der Wahrheit folgend ziehe, wird mir voraussichtlich den Widerspruch, die Feindschaft der in günstigen Verhältnissen lebenden Juden eintragen. Soweit es nur Privatinteressen sind, deren Träger sich aus Beschränktheit oder Feigheit bedroht fühlen, könnte man mit lachender Verachtung darüber hinweggehen. Denn die Sache der Armen und Bedrückten ist wichtiger. Ich will jedoch von vorneherein keine unrichtigen Vorstellungen aufkommen lassen; namentlich die nicht, dass wenn jemals dieser Plan verwirklicht würde, die besitzenden Juden an Hab und Gut geschädigt werden könnten. Darum will ich das Vermögensrechtliche ausführlich erklären. Kommt hingegen der ganze Gedanke nicht über die Literatur hinaus, so bleibt ja ohnehin alles beim Alten.
Ernster wäre der Einwand, dass ich den Antisemiten zu Hilfe komme, wenn ich uns ein Volk, Ein Volk nenne. Dass ich die Assimilirung der Juden, wo sie sich vollziehen will, hindere, und wo sie sich vollzogen hat, nachträglich gefährde, soweit ich als einsamer Schriftsteller überhaupt etwas zu hindern oder zu gefährden vermag.
Dieser Einwand wird namentlich in Frankreich hervorkommen. Ich erwarte ihn auch an anderen Orten, will aber nur den französischen Juden im voraus antworten, weil sie das stärkste Beispiel liefern.
Wie sehr ich auch die Persönlichkeit verehre, die starke Einzelpersönlichkeit des Staatsmannes, Erfinders, Künstlers, Philosophen oder Feldherrn sowohl, als die Gesammtpersönlichkeit einer historischen Gruppe von Menschen, die wir Volk nennen, wie sehr ich auch die Persönlichkeit verehre, beklage ich doch nicht ihren Untergang. Wer untergehen kann, will und muss, der soll untergehen. Die Volkspersönlichkeit der Juden kann, will und muss aber nicht untergehen. Sie kann nicht, weil äussere Feinde sie zusammenhalten. Sie will nicht, das hat sie in zwei Jahrtausenden unter ungeheuren Leiden bewiesen. Sie muss nicht, das versuche ich in dieser Schrift nach vielen anderen Juden, welche die Hoffnung nicht aufgaben, darzuthun. Ganze Aeste des Judenthumes können absterben, abfallen; der Baum lebt.
Wenn nun alle oder einige französische Juden gegen diesen Entwurf protestiren, weil sie sich bereits „assimilirt“ hätten, so ist meine Antwort einfach: Die ganze Sache geht sie nichts an. Sie sind israelitische Franzosen, vortrefflich! Dies ist jedoch eine innere Angelegenheit der Juden.
Nun würde allerdings die staatbildende Bewegung, die ich vorschlage, den israelitischen Franzosen ebensowenig schaden, wie den „Assimilirten“ anderer Länder. Nützen würde sie ihnen im Gegentheile, nützen! Denn sie wären in ihrer „chromatischen Function“, um Darwin's Wort zu gebrauchen, nicht mehr gestört. Sie könnten sich ruhig assimiliren, weil der jetzige Antisemitismus für immer zum Stillstand gebracht wäre. Man würde es ihnen auch glauben, dass sie bis in's Innerste ihrer Seele assimilirt sind, wenn der neue Judenstaat mit seinen besseren Einrichtungen zur Wahrheit geworden ist, und sie dennoch bleiben, wo sie jetzt wohnen.
Noch mehr Vortheil als die christlichen Bürger würden die „Assimilirten“ von der Entfernung der stammestreuen Juden haben. Denn die Assimilirten werden die beunruhigende, unberechenbare, unvermeidliche Concurrenz des jüdischen Proletariats los, das durch politischen Druck und wirthschaftliche Noth von Ort zu Ort, von Land zu Land geworfen wird. Dieses schwebende Proletariat würde festgemacht werden. Jetzt können manche christliche Staatsbürger – man nennt sie Antisemiten – sich gegen die Einwanderung fremder Juden sträuben. Die israelitischen Staatsbürger können das nicht, obwohl sie viel schwerer betroffen sind; denn auf sie drückt zunächst der Wettbewerb gleichartiger wirthschaftlicher Individuen, die zudem auch noch den Antisemitismus importiren oder den vorhandenen verschärfen. Es ist ein heimlicher Jammer der Assimilirten, der sich in „wohlthätigen“ Unternehmungen Luft macht. Sie gründen Auswanderungsvereine für zureisende Juden. Diese Erscheinung enthält einen Gegensinn, den man komisch finden könnte, wenn es sich nicht um leidende Menschen handelte. Einzelne dieser Unterstützungsvereine sind nicht für, sondern gegen die verfolgten Juden da. Die Aermsten sollen nur recht schnell, recht weit weggeschafft werden. Und so entdeckt man bei aufmerksamer Betrachtung, dass mancher scheinbare Judenfreund nur ein als Wohlthäter verkleideter Antisemit jüdischen Ursprungs ist.
Aber selbst die Colonisirungsversuche wirklich wohlmeinender Männer haben sich bisher nicht bewährt, obwohl es interessante Versuche waren. Ich glaube nicht, dass es sich Dem oder Jenem nur um einen Sport gehandelt habe; dass Der oder Jener arme Juden wandern liess, wie man Pferde rennen lässt. Dazu ist die Sache denn doch zu ernst und traurig. Interessant waren diese Versuche insofern, als sie im Kleinen die praktischen Vorläufer der Judenstaats-Idee vorstellten. Und sogar nützlich waren sie insofern, als dabei Fehler gemacht wurden, aus denen man bei einer Verwirklichung im Grossen lernen kann. Freilich ist durch diese Versuche auch Schaden gestiftet worden. Die Verpflanzung des Antisemitismus nach neuen Gegenden, welche die nothwendige Folge einer solchen künstlichen Infiltration ist, halte ich noch für den geringsten Nachtheil. Schlimmer ist, dass die ungenügenden Ergebnisse bei den Juden selbst Zweifel an der Brauchbarkeit des jüdischen Menschenmaterials hervorriefen. Diesem Zweifel wird aber bei den Verständigen durch folgende einfache Argumentation beizukommen sein: Was im Kleinen unzweckmässig oder undurchführbar ist, muss es noch nicht im Grossen sein. Ein kleines Unternehmen kann unter denselben Bedingungen Verlust bringen, unter denen ein grosses sich rentirt. Ein Bach ist nicht einmal mit Kähnen schiffbar; der Fluss, in den er sich ergiesst, trägt stattliche eiserne Fahrzeuge.
Niemand ist stark oder reich genug, um ein Volk von einem Wohnort nach einem anderen zu versetzen. Das vermag nur eine Idee. Die Staatsidee hat wohl eine solche Gewalt. Die Juden haben die ganze Nacht ihrer Geschichte hindurch nicht aufgehört, diesen königlichen Traum zu träumen: „Ueber's Jahr in Jerusalem!“ ist unser altes Wort. Nun handelt es sich darum, zu zeigen, dass aus dem Traum ein tagheller Gedanke werden kann.
Dazu muss vor Allem in den Seelen tabula rasa gemacht werden von mancherlei alten, überholten, verworrenen, beschränkten Vorstellungen. So werden dumpfe Gehirne zunächst meinen, dass die Wanderung aus der Cultur hinaus in die Wüste gehen müsse. Nicht wahr! Die Wanderung vollzieht sich mitten in der Cultur. Man kehrt nicht auf eine niedrigere Stufe zurück, sondern ersteigt eine höhere. Man bezieht keine Lehmhütten, sondern schönere, modernere Häuser, die man sich neu baut und ungefährdet besitzen darf. Man verliert nicht sein erworbenes Gut, sondern verwerthet es. Man gibt sein gutes Recht nur auf gegen ein besseres. Man trennt sich nicht von seinen lieben Gewohnheiten, sondern findet sie wieder. Man verlässt das alte Haus nicht, bevor das neue fertig ist. Es ziehen immer nur diejenigen, die sicher sind, ihre Lage dadurch zu verbessern. Erst die Verzweifelten, dann die Armen, dann die Wohlhabenden, dann die Reichen. Die Vorangegangenen erheben sich in die höhere Schichte, bis diese letztere ihre Angehörigen nachschickt. Die Wanderung ist zugleich eine aufsteigende Classenbewegung.
Und hinter den abziehenden Juden entstehen keine wirthschaftlichen Störungen, keine Krisen und Verfolgungen, sondern es beginnt eine Periode der Wohlfahrt für die verlassenen Länder. Es tritt eine innere Wanderung der christlichen Staatsbürger in die aufgegebenen Positionen der Juden ein. Der Abfluss ist ein allmäliger, ohne jede Erschütterung, und schon sein Beginn ist das Ende des Antisemitismus. Die Juden scheiden als geachtete Freunde, und wenn Einzelne dann zurückkommen, wird man sie in den civilisirten Ländern genau so wohlwollend aufnehmen und behandeln, wie andere fremde Staatsangehörige. Diese Wanderung ist auch keine Flucht, sondern ein geordneter Zug unter der Controle der öffentlichen Meinung. Die Bewegung ist nicht nur mit vollkommen gesetzlichen Mitteln einzuleiten, sie kann überhaupt nur durchgeführt werden unter freundlicher Mitwirkung der betheiligten Regierungen, die davon wesentliche Vortheile haben.
Für die Reinheit der Idee und die Kraft ihrer Ausführung sind Bürgschaften nöthig, die sich nur in sogenannten „moralischen“ oder „juristischen“ Personen finden lassen. Ich will diese beiden Bezeichnungen, die in der Juristensprache häufig verwechselt werden, auseinanderhalten. Als moralische Person, welche Subject von Rechten ausserhalb der Privat-Vermögenssphäre ist, stelle ich die Society of Jews auf. Daneben steht die juristische Person der Jewish Company, die ein Erwerbswesen ist.
Der Einzelne, der auch nur Miene machte, ein solches Riesenwerk zu unternehmen, könnte ein Betrüger oder ein Wahnsinniger sein. Für die Reinheit der moralischen Person bürgt der Charakter ihrer Mitglieder. Die ausreichende Kraft der juristischen Person ist erwiesen durch ihr Capital.
Durch die bisherigen Vorbemerkungen wollte ich nur in aller Eile den ersten Schwarm von Einwendungen abwehren, den schon das Wort „Judenstaat“ hervorrufen muss. Von hier weiter wollen wir uns mit mehr Ruhe auseinandersetzen, andere Einwände bekämpfen und manches schon Angedeutete gründlicher ausführen, wenn auch die Schwerfälligkeit im Interesse der Schrift, die fliegen soll, nach Möglichkeit zu vermeiden sein wird. Kurze aphoristische Capitel dienen einem solchen Zweck wohl am besten.
Wenn ich an die Stelle eines alten Baues einen neuen setzen will, muss ich zuerst demoliren und dann construiren. Diese vernünftige Reihenfolge werde ich also einhalten. Zuerst im allgemeinen Theil sind die Begriffe zu klären, dumpfe alte Vorstellungen hinwegzuräumen, die politischen und nationalökonomischen Vorbedingungen festzustellen und der Plan zu entwickeln.
Im besonderen Theil, der in drei Hauptabschnitte zerfällt, ist die Ausführung darzustellen. Diese Hauptabschnitte sind: Jewish Company, Ortsgruppen und Society of Jews. Die Society soll zwar zuerst entstehen, und die Company zuletzt; aber im Entwurf empfiehlt sich die umgekehrte Ordnung, weil gegen die finanzielle Durchführbarkeit sich die grössten Bedenken erheben werden, die also zunächst zu widerlegen sind.
Im Schlusswort wird dann den noch übrigen vermuthbaren Einwendungen ein letztes Treffen zu liefern sein. Meine jüdischen Leser mögen mir geduldig bis an's Ende folgen. Bei Manchem werden die Einwendungen in anderer Reihenfolge entstehen, als in der hier gewählten der Widerlegung. Wessen Bedenken aber vernünftig besiegt sind, der soll sich zur Sache bekennen.
Indem ich nun zur Vernunft spreche, weiss ich dennoch wohl, dass die Vernunft allein nicht genügt. Alte Gefangene gehen nicht gern aus dem Kerker. Wir werden sehen, ob uns schon die Jugend, die wir brauchen, nachgewachsen ist; die Jugend, welche die Alten mitreisst, auf starken Armen hinausträgt und die Vernunftgründe umsetzt in Begeisterung.
Allgemeiner Theil.
Die Judenfrage.
Die Nothlage der Juden wird niemand leugnen. In allen Ländern, wo sie in merklicher Anzahl leben, werden sie mehr oder weniger verfolgt. Die Gleichberechtigung ist zu ihren Ungunsten fast überall thatsächlich aufgehoben, wenn sie im Gesetze auch existirt. Schon die mittelhohen Stellen im Heer, in öffentlichen und privaten Aemtern sind ihnen unzugänglich. Man versucht sie aus dem Geschäftsverkehr hinauszudrängen: „Kauft nicht bei Juden!“
Die Angriffe in Parlamenten, Versammlungen, Presse, auf Kirchenkanzeln, auf der Strasse, auf Reisen – Ausschliessung aus gewissen Hotels – und selbst an Unterhaltungsorten mehren sich von Tag zu Tag. Die Verfolgungen haben verschiedenen Charakter nach Ländern und Gesellschaftskreisen. In Russland werden Judendörfer gebrandschatzt, in Rumänien erschlägt man ein paar Menschen, in Deutschland prügelt man sie gelegentlich durch, in Oesterreich terrorisiren die Antisemiten das ganze öffentliche Leben, in Algerien treten Wanderhetzprediger auf, in Paris knöpft sich die sogenannte bessere Gesellschaft zu, die Cercles schliessen sich gegen die Juden ab. Die Nuancen sind zahllos. Es soll hier übrigens nicht eine wehleidige Aufzählung aller jüdischen Beschwerden versucht werden. Wir wollen uns nicht bei Einzelheiten aufhalten, wie schmerzlich sie auch seien.
Ich beabsichtige nicht, eine gerührte Stimmung für uns hervorzurufen. Das ist Alles faul, vergeblich und unwürdig. Ich begnüge mich, die Juden zu fragen, ob es wahr ist, dass in den Ländern, wo wir in merklicher Anzahl wohnen, die Lage der jüdischen Advocaten, Aerzte, Techniker, Lehrer und Angestellten aller Art immer unerträglicher wird? Ob es wahr, dass unser ganzer jüdischer Mittelstand schwer bedroht ist? Ob es wahr, dass gegen unsere Reichen alle Leidenschaften des Pöbels gehetzt werden? Ob es wahr, dass unsere Armen viel härter leiden, als jedes andere Proletariat?
Ich glaube, der Druck ist überall vorhanden. In den wirthschaftlich obersten Schichten der Juden bewirkt er ein Unbehagen. In den mittleren Schichten ist es eine schwere, dumpfe Beklommenheit. In den unteren ist es die nackte Verzweiflung.
Thatsache ist, dass es überall auf dasselbe hinausgeht und es lässt sich im classischen Berliner Rufe zusammenfassen: Juden raus!
Ich werde nun die Judenfrage in ihrer knappsten Form ausdrücken: Müssen wir schon „raus“? und wohin?
Oder können wir noch bleiben? und wie lange?
Erledigen wir zuerst die Frage des Bleibens. Können wir auf bessere Zeiten hoffen, uns in Geduld fassen, mit Gottergebung abwarten, dass die Fürsten und Völker der Erde in eine für uns gnädigere Stimmung gerathen? Ich sage, wir können keinen Umschwung der Strömung erwarten. Warum? Die Fürsten – selbst wenn wir ihrem Herzen ebenso nahe stehen, wie die anderen Bürger – können uns nicht schützen. Sie würden den Judenhass indossiren, wenn sie den Juden zuviel Wohlwollen bezeigten. Und unter diesem „zuviel“ ist weniger zu verstehen, als worauf jeder gewöhnliche Bürger oder jeder Volksstamm Anspruch hat.
Die Völker, bei denen Juden wohnen, sind alle sammt und sonders, verschämt oder unverschämt Antisemiten.
Das gewöhnliche Volk hat kein historisches Verständniss und kann keines haben. Es weiss nicht, dass die Sünden des Mittelalters jetzt an den europäischen Völkern heimkommen. Wir sind, wozu man uns in den Ghetti gemacht hat. Wir haben zweifellos eine Ueberlegenheit im Geldgeschäfte erlangt, weil man uns im Mittelalter darauf geworfen hat. Jetzt wiederholt sich der gleiche Vorgang. Man drängt uns wieder in's Geldgeschäft, das jetzt Börse heisst, indem man uns alle anderen Erwerbszweige abbindet. Sind wir aber in der Börse, so wird das wieder zur neuen Quelle unserer Verächtlichkeit. Dabei produciren wir rastlos mittlere Intelligenzen, die keinen Abfluss haben und dadurch eine ebensolche Gesellschaftsgefahr sind, wie die wachsenden Vermögen. Die gebildeten und besitzlosen Juden fallen jetzt alle dem Socialismus zu. Die sociale Schlacht müsste also jedenfalls auf unserem Rücken geschlagen werden, weil wir im capitalistischen wie im socialistischen Lager auf den exponirtesten Punkten stehen.
Bisherige Versuche der Lösung.
Die künstlichen Mittel, die man bisher zur Ueberwindung des Judennothstandes aufwandte, waren entweder zu kleinlich – wie die verschiedenen Colonisirungen – oder falsch gedacht, wie die Versuche, die Juden in ihrer jetzigen Heimat zu Bauern zu machen.
Was ist denn damit gethan, wenn man ein paar tausend Juden in eine andere Gegend bringt? Entweder sie gedeihen, und dann entsteht mit ihrem Vermögen der Antisemitismus – oder sie gehen gleich zu Grunde. Mit den bisherigen Versuchen der Ableitung armer Juden nach anderen Ländern haben wir uns schon vorhin beschäftigt. Die Ableitung ist jedenfalls ungenügend und zwecklos, wenn nicht geradezu zweckwidrig. Die Lösung wird dadurch nur vertagt, verschleppt und vielleicht sogar erschwert.
Wer aber die Juden zu Ackerbauern machen will, der ist in einem wunderlichen Irrthume begriffen. Der Bauer ist nämlich eine historische Kategorie und man erkennt das am besten an seiner Tracht, die in den meisten Ländern Jahrhunderte alt ist, sowie an seinen Werkgeräthschaften, die genau dieselben sind, wie zu Urväterzeiten. Sein Pflug ist noch so, er sät aus der Schürze, mäht mit der geschichtlichen Sense und drischt mit dem Flegel. Wir wissen aber, dass es jetzt für all' das Maschinen gibt. Die Agrarfrage ist auch nur eine Maschinenfrage. Amerika muss über Europa siegen, sowie der Grossgrundbesitz den kleinen vertilgt.
Der Bauer ist also eine auf den Aussterbeetat gesetzte Figur. Wenn man den Bauer künstlich conservirt, so geschieht es wegen der politischen Interessen, denen er zu dienen hat. Neue Bauern nach dem alten Recept machen zu wollen, ist ein unmögliches und thörichtes Beginnen. Niemand ist reich oder stark genug, die Cultur gewaltsam zurückzuschrauben. Schon das Erhalten veralteter Culturzustände ist eine ungeheuere Aufgabe, für die alle Machtmittel selbst des autokratisch geleiteten Staates kaum ausreichen.
Will man also dem Juden, der intelligent ist, zumuthen, ein Bauer alten Schlages zu werden? Das wäre gerade so, wie wenn man dem Juden sagte: „Da hast Du eine Armbrust, zieh' in den Krieg!“ – Was? mit einer Armbrust, wenn die Anderen Kleinkaliber-Gewehre und Krupp'sche Kanonen haben? Die Juden, die man verbauern will, haben vollkommen Recht, wenn sie sich unter solchen Umständen nicht vom Flecke rühren. Die Armbrust ist eine schöne Waffe und sie stimmt mich elegisch, wenn ich Zeit habe. Aber sie gehört in's Museum.
Nun gibt es freilich Gegenden, wo die verzweifelten Juden sogar aufs Feld gehen oder doch gehen möchten. Und da zeigt sich, dass diese Punkte – wie die Enclave von Hessen in Deutschland und manche Provinzen Russlands – gerade die Hauptnester des Antisemitismus sind.
Denn die Weltverbesserer, die den Juden ackern schicken, vergessen eine sehr wichtige Person, die sehr viel dreinzureden hat. Und das ist der Bauer. Auch der Bauer hat vollkommen Recht. Grundsteuer, Erntegefahr, Druck der Grossbesitzer, die billiger arbeiten und besonders die amerikanische Concurrenz machen ihm das Leben sauer genug. Dazu können die Kornzölle nicht in's Endlose wachsen. Man kann den Fabriksarbeiter doch auch nicht verhungern lassen; man muss, weil sein politischer Einfluss im Steigen ist, sogar immer mehr Rücksicht auf ihn nehmen.
Alle diese Schwierigkeiten sind wohlbekannt, ich erwähne sie daher nur flüchtig. Ich wollte lediglich andeuten, wie werthlos die bisherigen in bewusster Absicht – in den meisten Fällen auch in löblicher Absicht – gemachten Versuche der Lösung waren. Weder die Ableitung, noch die künstliche Herabdrückung des geistigen Niveaus in unserem Proletariat kann helfen. Das Wundermittel der Assimilirung haben wir schon erörtert.
So ist dem Antisemitismus nicht beizukommen. Er kann nicht behoben werden, so lange seine Gründe nicht behoben sind. Sind diese aber behebbar?
Gründe des Antisemitismus.
Wir sprechen jetzt nicht mehr von den Gemüthsgründen, alten Vorurtheilen und Bornirtheiten, sondern von den politischen und wirthschaftlichen Gründen. Unser heutiger Antisemitismus darf nicht mit dem religiösen Judenhasse früherer Zeiten verwechselt werden, wenn der Judenhass auch in einzelnen Ländern noch jetzt eine confessionelle Färbung hat. Der grosse Zug der judenfeindlichen Bewegung ist heute ein anderer. In den Hauptländern des Antisemitismus ist dieser eine Folge der Juden-Emancipation. Als die Culturvölker die Unmenschlichkeit der Ausnahmegesetze einsahen und uns freiliessen, kam die Freilassung zu spät. Wir waren gesetzlich in unseren bisherigen Wohnsitzen nicht mehr emancipirbar. Wir hatten uns im Ghetto merkwürdigerweise zu einem Mittelstandsvolk entwickelt und kamen als eine fürchterliche Concurrenz für den Mittelstand heraus. So standen wir nach der Emancipation plötzlich im Ringe der Bourgeoisie und haben da einen doppelten Druck auszuhalten, von innen und von aussen. Die christliche Bourgeoisie wäre wohl nicht abgeneigt, uns dem Socialismus als Opfer hinzuwerfen; freilich würde das wenig helfen.
Dennoch kann man die gesetzliche Gleichberechtigung der Juden, wo sie besteht, nicht mehr aufheben. Nicht nur weil es gegen das moderne Bewusstsein wäre, sondern auch, weil das sofort alle Juden, Arm und Reich, den Umsturzparteien zujagen würde.
Man kann eigentlich nichts Wirksames gegen uns thun. Früher nahm man den Juden ihre Juwelen weg. Wie will man heute das bewegliche Vermögen fassen? Es ruht in bedruckten Papierstücken, die irgendwo in der Welt, vielleicht in christlichen Cassen, eingesperrt sind. Nun kann man freilich die Actien und Prioritäten von Bahnen, Banken, industriellen Unternehmungen aller Art durch Steuern treffen, und wo die progressive Einkommensteuer besteht, lässt sich auch der ganze Complex des beweglichen Vermögens packen. Aber alle derartigen Versuche können nicht gegen Juden allein gerichtet sein, und wo man es dennoch versuchen möchte, erlebt man sofort schwere wirthschaftliche Krisen, die sich keineswegs auf die zuerst betroffenen Juden beschränken. Durch diese Unmöglichkeit, den Juden beizukommen, verstärkt und verbittert sich nur der Hass. In den Bevölkerungen wächst der Antisemitismus täglich, stündlich und muss weiter wachsen, weil die Ursachen fortbestehen und nicht behoben werden können. Die causa remota ist der im Mittelalter eingetretene Verlust unserer Assimilirbarkeit, die causa proxima unsere Ueberproduction an mittleren Intelligenzen, die keinen Abfluss nach unten haben und keinen Aufstieg nach oben – nämlich keinen gesunden Abfluss und keinen gesunden Aufstieg. Wir werden nach unten hin zu Umstürzlern proletarisirt, bilden die Unterofficiere aller revolutionären Parteien und gleichzeitig wächst nach oben unsere furchtbare Geldmacht.
Wirkung des Antisemitismus.
Der auf uns ausgeübte Druck macht uns nicht besser. Wir sind nicht anders als die anderen Menschen. Wir lieben unsere Feinde nicht, das ist ganz wahr. Aber nur wer sich selbst zu überwinden vermag, darf es uns vorwerfen. Der Druck erzeugt bei uns natürlich eine Feindseligkeit gegen unsere Bedränger – und unsere Feindseligkeit steigert wieder den Druck. Aus diesem Kreislauf herauszukommen, ist unmöglich.
„Doch!“ werden weichmüthige Schwärmer sagen, „doch, es ist möglich! Und zwar durch die herbeizuführende Güte der Menschen.“
Brauche ich wirklich erst noch zu beweisen, was das für eine sentimentale Faselei ist? Wer eine Besserung der Zustände auf die Güte aller Menschen gründen wollte, der schriebe allerdings eine Utopie!
Ich sprach schon von unserer „Assimilirung“. Ich sage keinen Augenblick, dass ich sie wünsche. Unsere Volkspersönlichkeit ist geschichtlich zu berühmt und trotz aller Erniedrigungen zu hoch, als dass ihr Untergang zu wünschen wäre. Aber vielleicht könnten wir überall in den uns umgebenden Völkern spurlos aufgehen, wenn man uns nur zwei Generationen hindurch in Ruhe liesse. Man wird uns nicht in Ruhe lassen. Nach kurzen Perioden der Duldsamkeit erwacht immer und immer wieder die Feindseligkeit gegen uns. Unser Wohlergehen scheint etwas Aufreizendes zu enthalten, weil die Welt seit vielen Jahrhunderten gewohnt war, in uns die Verächtlichsten unter den Armen zu sehen. Dabei bemerkt man aus Unwissenheit oder Engherzigkeit nicht, dass unser Wohlergehen uns als Juden schwächt und unsere Besonderheiten auslöscht. Nur der Druck presst uns wieder an den alten Stamm, nur der Hass unserer Umgebung macht uns wieder zu Fremden.
So sind und bleiben wir denn, ob wir es wollen oder nicht, eine historische Gruppe von erkennbarer Zusammengehörigkeit.
Wir sind ein Volk – der Feind macht uns ohne unseren Willen dazu, wie das immer in der Geschichte so war. In der Bedrängniss stehen wir zusammen und da entdecken wir plötzlich unsere Kraft. Ja, wir haben die Kraft, einen Staat, und zwar einen Musterstaat zu bilden. Wir haben alle menschlichen und sachlichen Mittel, die dazu nöthig sind.
Es wäre hier eigentlich schon der Platz, von unserem „Menschenmaterial“ zu sprechen, wie der etwas rohe Ausdruck lautet. Aber vorher müssen die Hauptzüge des Planes bekannt sein, auf den ja Alles zu beziehen ist.
Der Plan.
Der ganze Plan ist in seiner Grundform unendlich einfach, und muss es ja auch sein, wenn er von allen Menschen verstanden werden soll.
Man gebe uns die Souveränetät eines für unsere gerechten Volksbedürfnisse genügenden Stückes der Erdoberfläche, alles andere werden wir selbst besorgen.
Das Entstehen einer neuen Souveränetät ist nichts Lächerliches oder Unmögliches. Wir haben es doch in unseren Tagen miterlebt, bei Völkern, die nicht wie wir Mittelstandsvölker, sondern ärmere, ungebildete und darum schwächere Völker sind. Uns die Souveränetät zu verschaffen, sind die Regierungen der vom Antisemitismus heimgesuchten Länder lebhaft interessirt.
Es werden für die im Princip einfache, in der Durchführung complicirte Aufgabe zwei grosse Organe geschaffen: die Society of Jews und die Jewish Company.
Was die Society of Jews wissenschaftlich und politisch vorbereitet hat, führt die Jewish Company praktisch aus.
Die Jewish Company besorgt die Liquidirung aller Vermögensinteressen der abziehenden Juden und organisirt im neuen Lande den wirthschaftlichen Verkehr.
Den Abzug der Juden darf man sich, wie schon gesagt wurde, nicht als einen plötzlichen vorstellen. Es wird ein allmäliger sein und Jahrzehnte dauern. Zuerst werden die Aermsten gehen und das Land urbar machen. Sie werden nach einem von vornherein feststehenden Plane Strassen, Brücken, Bahnen bauen, Telegraphen errichten, Flüsse reguliren, und sich selbst ihre Heimstätten schaffen. Ihre Arbeit bringt den Verkehr, der Verkehr die Märkte, die Märkte locken neue Ansiedler heran. Denn jeder kommt freiwillig, auf eigene Kosten und Gefahr. Die Arbeit, die wir in die Erde versenken, steigert den Werth des Landes. Die Juden werden schnell einsehen, dass sich für ihre bisher gehasste und verachtete Unternehmungslust ein neues, dauerndes Gebiet erschlossen hat.
Will man heute ein Land gründen, darf man es nicht in der Weise machen, die vor tausend Jahren die einzig mögliche gewesen wäre. Es ist thöricht, auf alte Culturstufen zurückzukehren, wie es manche Zionisten möchten. Kämen wir beispielsweise in die Lage, ein Land von wilden Thieren zu säubern, würden wir es nicht in der Art der Europäer aus dem fünften Jahrhundert thun. Wir würden nicht einzeln mit Speer und Lanze gegen Bären ausziehen, sondern eine grosse fröhliche Jagd veranstalten, die Bestien zusammentreiben und eine Melinitbombe unter sie werfen.
Wenn wir Bauten ausführen wollen, werden wir nicht hilflose Pfahlbauten an einen Seerand stecken, sondern wir werden bauen, wie man es jetzt thut. Wir werden kühner und herrlicher bauen, als es je vorher geschehen ist. Denn wir haben Mittel, die in der Geschichte noch nicht da waren.
Unseren niedersten wirthschaftlichen Schichten folgen allmälig die nächsthöheren hinüber. Die jetzt am Verzweifeln sind, gehen zuerst. Sie werden geführt von unserer überall verfolgten mittleren Intelligenz, die wir überproduciren.
Die Frage der Judenwanderung soll durch diese Schrift zur allgemeinen Discussion gestellt werden. Das heisst aber nicht, dass eine Abstimmung eingeleitet wird. Dabei wäre die Sache von vorneherein verloren. Wer nicht mit will, mag da bleiben. Der Widerspruch einzelner Individuen ist gleichgiltig.
Wer mit will, stelle sich hinter unsere Fahne, und kämpfe für sie in Wort, Schrift und That.
Die Juden, welche sich zu unserer Staatsidee bekennen, sammeln sich um die Society of Jews. Diese erhält dadurch den Regierungen gegenüber die Autorität, im Namen der Juden sprechen und verhandeln zu dürfen. Die Society wird, um es in einer völkerrechtlichen Analogie zu sagen, als staatbildende Macht anerkannt. Und damit wäre der Staat auch schon gebildet.
Zeigen sich nun die Mächte bereit, dem Judenvolke die Souveränetät eines neutralen Landes zu gewähren, so wird die Society über das zu nehmende Land verhandeln. Zwei Gebiete kommen in Betracht: Palästina und Argentinien. Bemerkenswerthe Colonisirungsversuche haben auf diesen beiden Punkten stattgefunden. Allerdings nach dem falschen Princip der allmäligen Infiltration von Juden. Die Infiltration muss immer schlecht enden. Denn es kommt regelmässig der Augenblick, wo die Regierung auf Drängen der sich bedroht fühlenden Bevölkerung den weiteren Zufluss von Juden absperrt. Die Auswanderung hat folglich nur dann einen Sinn, wenn ihre Grundlage unsere gesicherte Souveränetät ist.
Die Society of Jews wird mit den jetzigen Landeshoheiten verhandeln, und zwar unter dem Protectorate der europäischen Mächte, wenn diesen die Sache einleuchtet. Wir können der jetzigen Landeshoheit ungeheure Vortheile gewähren, einen Theil ihrer Staatsschulden übernehmen, Verkehrswege bauen, die ja auch wir selbst benöthigen, und noch vieles andere. Doch schon durch das Entstehen des Judenstaates gewinnen die Nachbarländer, weil im Grossen wie im Kleinen die Cultur eines Landstriches den Werth der Umgebung erhöht.
Palästina oder Argentinien?
Ist Palästina oder Argentinien vorzuziehen? Die Society wird nehmen, was man ihr gibt und wofür sich die öffentliche Meinung des Judenvolkes erklärt. Die Society wird beides feststellen.
Argentinien ist eines der natürlich reichsten Länder der Erde, von riesigem Flächeninhalt, mit schwacher Bevölkerung und gemässigtem Klima. Die argentinische Republik hätte das grösste Interesse daran, uns ein Stück Territorium abzutreten. Die jetzige Judeninfiltration hat freilich dort Verstimmung erzeugt; man müsste Argentinien über die wesentliche Verschiedenheit der neuen Judenwanderung aufklären.
Palästina ist unsere unvergessliche historische Heimat. Dieser Name allein wäre ein gewaltig ergreifender Sammelruf für unser Volk. Wenn Seine Majestät der Sultan uns Palästina gäbe, könnten wir uns dafür anheischig machen, die Finanzen der Türkei gänzlich zu regeln. Für Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir würden den Vorpostendienst der Cultur gegen die Barbarei besorgen. Wir würden als neutraler Staat im Zusammenhange bleiben mit ganz Europa, das unsere Existenz garantiren müsste. Für die heiligen Stätten der Christenheit liesse sich eine völkerrechtliche Form der Exterritorialisirung finden. Wir würden die Ehrenwache um die heiligen Stätten bilden, und mit unserer Existenz für die Erfüllung dieser Pflicht haften. Diese Ehrenwacht wäre das grosse Symbol für die Lösung der Judenfrage nach achtzehn für uns qualvollen Jahrhunderten.
Bedürfniss, Organ, Verkehr.
Im vorletzten Capitel sagte ich: „Die Jewish Company organisirt im neuen Lande den wirthschaftlichen Verkehr“.
Ich glaube, hierzu einige Erläuterungen einschalten zu sollen. Ein Entwurf, wie der vorliegende, ist in seinen Grundfesten bedroht, wenn sich die „praktischen“ Leute dagegen aussprechen. Nun sind die praktischen Leute wohl in der Regel nur Routiniers, unfähig aus einem engen Kreis alter Vorstellungen herauszutreten. Aber ihr Widerspruch gilt und vermag dem Neuen sehr zu schaden; wenigstens so lange das Neue selbst nicht stark genug ist, die Praktiker mit ihren morschen Vorstellungen über den Haufen zu werfen.
Als die Eisenbahnzeit über Europa kam, gab es Praktiker, welche den Bau gewisser Linien für thöricht erklärten, „weil dort nicht einmal die Postkutsche genug Passagiere habe“. Man wusste damals die Wahrheit noch nicht, die uns heute als eine kindlich einfache vorkommt: dass nicht die Reisenden die Bahn hervorrufen, sondern umgekehrt die Bahn die Reisenden hervorruft, wobei freilich das schlummernde Bedürfniss vorausgesetzt werden muss.
In die Kategorie solcher voreisenbahnlicher „praktischer“ Bedenken wird es gehören, wenn Manche sich nicht vorstellen können, wie in dem neuen, erst noch zu gewinnenden, erst noch zu cultivirenden Lande der wirthschaftliche Verkehr der Ankömmlinge beschaffen sein soll. Ein Praktiker wird also beiläufig Folgendes sagen:
„Zugegeben, dass die jetzigen Zustände der Juden an vielen Orten unhaltbar sind und immer schlechter werden müssen; zugegeben, dass die Auswanderungslust entsteht; zugegeben sogar, dass die Juden nach dem neuen Lande wandern, wie und was werden sie dort verdienen? Wovon werden sie leben? Der Verkehr vieler Menschen lässt sich doch nicht künstlich von einem Tag auf den andern einrichten.“
Darauf ist meine Antwort: Von der künstlichen Einrichtung eines Verkehrs ist gar nicht die Rede, und am allerwenigsten soll das von einem Tag auf den anderen gemacht werden. Wenn man aber den Verkehr auch nicht einzurichten vermag, anregen kann man ihn. Wodurch? Durch das Organ eines Bedürfnisses. Das Bedürfniss will erkannt, das Organ will geschaffen werden, der Verkehr macht sich dann von selbst.
Ist das Bedürfniss der Juden, in bessere Zustände zu gelangen, ein wahres, tiefes; ist das zu schaffende Organ dieses Bedürfnisses, die Jewish Company, hinreichend mächtig: so muss der Verkehr im neuen Lande sich in Fülle einstellen. Das liegt freilich in der Zukunft, wie die Entwicklung des Bahnverkehrs für die Menschen der Dreissiger Jahre in der Zukunft lag. Die Eisenbahnen wurden dennoch gebaut. Man ist glücklicherweise über die Bedenken von Praktikern der Postkutsche hinweggegangen.
Die Jewish Company.
Grundzüge.
Die Jewish Company ist zum Theil nach dem Vorbilde der grossen Landnahmegesellschaften gedacht – eine jüdische Chartered Company, wenn man will. Nur steht ihr nicht die Ausübung von Hoheitsrechten zu, und sie hat nicht allein coloniale Aufgaben.
Die Jewish Company wird als eine Actiengesellschaft gegründet, mit der englischen Rechtssubjectivität, nach den Gesetzen und unter dem Schutze Englands. Der Hauptsitz ist London. Wie gross das Actiencapital zu sein habe, kann ich jetzt nicht sagen. Unsere zahlreichen Finanzkünstler werden das ausrechnen. Um aber nicht unbestimmte Ausdrücke zu gebrauchen, will ich eine Milliarde Mark annehmen. Es wird vielleicht mehr, vielleicht weniger sein müssen. Von der Form der Geldbeschaffung, die weiterhin erörtert werden soll, wird es abhängen, welcher Bruchtheil der grossen Summe beim Beginn der Thätigkeit factisch einzuzahlen ist.
Die Jewish Company ist ein Uebergangs-Institut. Sie ist ein rein geschäftliches Unternehmen, das von der Society of Jews immer sorgsam unterschieden bleibt.
Die Jewish Company hat zunächst die Aufgabe, die Immobilien der abziehenden Juden zu liquidiren. Die Art, in der das geschieht, verhütet Krisen, sichert Jedem das Seine, und ermöglicht jene innere Wanderung der christlichen Mitbürger, die schon angedeutet wurde.
Immobiliengeschäft.
Die in Betracht kommenden Immobilien sind Häuser, Landgüter und örtliche Kundschaft der Geschäfte. Die Jewish Company wird sich anfangs nur bereit erklären, die Verkäufe dieser Immobilien zu vermitteln. In der ersten Zeit werden ja die Verkäufe der Juden frei und ohne grosse Preisstürze stattfinden. Die Zweigniederlassungen der Company werden in jeder Stadt zu Centralen des jüdischen Güterverkaufs werden. Jede Zweiganstalt wird dafür nur den Provisionssatz einheben, den ihre Selbsterhaltung erfordert.
Nun kann es die Entwicklung der Bewegung mit sich bringen, dass die Immobilienpreise sinken und schliesslich die Verkaufsunmöglichkeit eintritt. In diesem Stadium spaltet sich die Function der Company als Gütervermittlerin in neue Zweige. Die Company wird Verwalterin der verlassenen Immobilien und wartet die geeigneten Zeitpunkte zur Veräusserung ab. Sie hebt Hauszinse ein, verpachtet Landgüter und setzt Geschäftsführer, wenn möglich auch im Pachtverhältnisse – wegen der nöthigen Sorgfalt – ein. Die Company wird überall die Tendenz haben, diesen Pächtern – Christen – die Eigenthumserwerbung zu erleichtern. Sie wird überhaupt nach und nach ihre europäischen Anstalten mit durchaus christlichen Beamten und freien Vertretern (Advocaten etc.) besetzen, und diese sollen durchaus nicht zu Judenknechten werden. Sie werden gleichsam freie Controlsbehörden der christlichen Bevölkerung abgeben dafür, dass alles mit rechten Dingen zugeht, dass redlich und in gutem Glauben gehandelt und nirgends eine Erschütterung des Volkswohlstandes beabsichtigt wird.
Zugleich wird die Company als Güterkäuferin auftreten, richtiger als Gutstauscherin. Sie wird für ein Haus ein Haus, für ein Gut ein Gut geben, und zwar „drüben“. Alles ist, wenn möglich, so zu verpflanzen, wie es „hüben“ war. Und da eröffnet sich für die Company eine Quelle grosser und erlaubter Gewinne. Sie wird „drüben“ schönere, moderne, mit allem Comfort ausgestattete Häuser, bessere Landgüter geben, die sie dennoch viel weniger kosten, denn sie hat Grund und Boden billig erworben.
Der Landkauf.
Das der Society of Jews völkerrechtlich zugesicherte Land ist natürlich auch privatrechtlich zu erwerben.
Die Vorkehrungen zur Ansiedlung, die der Einzelne trifft, fallen nicht in den Rahmen dieser Ausführungen. Aber die Company braucht grosse Landstrecken für ihre und unsere Bedürfnisse. Sie wird sich den nöthigen Boden durch centralisirten Kauf sichern. Hauptsächlich wird es sich um die Erwerbung der jetzigen Landeshoheit gehöriger Staatsdomänen handeln. Das Ziel ist, „drüben“ in's Eigenthum des Landes zu kommen, ohne die Preise zur Schwindelhöhe hinaufzutreiben, gleichwie „hüben“ verkauft wird, ohne die Preise zu drücken. Eine wüste Preistreiberei ist dabei nicht zu besorgen, denn den Werth des Landes bringt erst die Company mit, weil sie die Besiedlung leitet und zwar im Einvernehmen mit der beaufsichtigenden Society of Jews. Die Letztere wird auch dafür sorgen, dass aus der Unternehmung kein Panama werde, sondern ein Suez.
Die Company wird ihren Beamten Bauplätze zu billigen Bedingungen ablassen, ihnen für den Bau ihrer schönen Heimstätten Amortisationscredite gewähren und von ihren Gehalten abziehen oder nach und nach als Zulagen anrechnen. Das wird neben den Ehren, die sie erwarten, eine Form der Belohnung ihrer Dienste sein.
Der ganze riesige Gewinn aus der Landspeculation soll der Company zufliessen, weil sie für die Gefahr eine unbestimmte Prämie bekommen muss wie jeder freie Unternehmer. Wo eine Gefahr beim Unternehmen vorliegt, soll der Unternehmergewinn weitherzig begünstigt werden. Aber er ist auch nur dort zu dulden. Die Correlation von Gefahr und Prämie enthält die finanzielle Sittlichkeit.
Bauten.
Die Company wird also Häuser und Güter eintauschen. Am Grund und Boden wird und muss die Company gewinnen. Das ist Jedem klar, der irgendwo und irgendwann die Wertherhöhungen des Bodens durch Culturanlagen beobachtet hat. Am besten sieht man das an den Enclaven in Stadt und Land. Unbebaute Flächen steigen im Werthe durch den Kranz von Cultur, der um sie gelegt wird. Eine in ihrer Einfachheit geniale Bodenspeculation war die der Pariser Stadterweiterer, welche die Neubauten nicht an die letzten Häuser der Stadt unmittelbar anschlossen, sondern die angrenzenden Grundstücke aufkauften und am äusseren Rande zu bauen anfingen. Durch diesen umgekehrten Baugang wuchs der Werth der Hausparzellen ungemein rasch und statt immer wieder die letzten Häuser der Stadt zu errichten, bauten sie, nachdem der Rand fertig war, nur noch mitten in der Stadt, also auf werthvolleren Parzellen.
Wird die Company selbst bauen oder freien Architekten ihre Aufträge geben? Sie kann beides, sie wird beides thun. Sie hat, wie sich bald zeigen wird, einen gewaltigen Vorrath an Arbeitskräften, die durchaus nicht capitalsmässig bewuchert werden sollen, die in glückliche und heitere Bedingungen des Lebens gebracht und doch nicht theuer sein werden. Für Baumaterial haben unsere Geologen gesorgt, als sie die Bauplätze für die Städte suchten.
Welches wird nun das Bauprincip sein?
Arbeiterwohnungen.
Die Arbeiterwohnungen (worunter die Wohnungen aller Handarbeiter begriffen sind) sollen in eigener Regie hergestellt werden. Ich denke keineswegs an die traurigen Arbeiterkasernen der europäischen Städte und nicht an die kümmerlichen Hütten, die um Fabriken herum in Reih' und Glied stehen. Unsere Arbeiterhäuser müssen zwar auch einförmig aussehen – weil die Company nur billig bauen kann, wenn sie die Baubestandtheile in grossen Massen herstellt – aber diese einzelnen Häuser mit ihren Gärtchen sollen an jedem Orte zu schönen Gesammtkörpern vereinigt werden. Die natürliche Beschaffenheit der Gegend wird das frohe Genie unserer jungen, nicht in der Routine befangenen Architekten anregen, und wenn das Volk auch nicht den grossen Zug des Ganzen verstehen wird, so wird es sich doch wohlfühlen in dieser leichten Gruppirung. Der Tempel wird weithin sichtbar darin stehen, weil uns ja nur der alte Glaube zusammengehalten hat. Und freundliche, helle, gesunde Schulen für Kinder mit allen modernen Lehrmitteln. Ferner Handwerker-Fortbildungsschulen, die aufsteigend nach höheren Zwecken den einfachen Handwerker befähigen sollen, technologische Kenntnisse zu erwerben und sich mit dem Maschinenwesen zu befreunden. Ferner Unterhaltungshäuser für das Volk, welche die Society of Jews von oben herab für die Sittlichkeit leiten wird.
Es soll jetzt übrigens nur von den Bauten gesprochen werden, nicht davon, was in ihnen vorgehen wird.
Die Arbeiterwohnungen wird die Company billig bauen, sage ich. Nicht nur, weil alle Baumaterialien in Masse da sein werden; nicht nur, weil der Grund der Company gehört, sondern auch, weil sie die Arbeiter dafür nicht zu bezahlen braucht.
Die Farmer in Amerika haben das System, einander gegenseitig bei ihren Hausbauten zu helfen. Dieses kindlich gutmüthige System – plump wie die Blockhäuser, die so entstehen – kann sehr verfeinert werden.
Die „ungelernten“ Arbeiter.
(Unskilled Labourers.)
Unsere ungelernten Arbeiter, die zuerst aus dem grossen russischen und rumänischen Reservoir kommen werden, müssen sich auch gegenseitig ihre Häuser bauen. Wir werden ja anfangs kein eigenes Eisen haben und auch mit Holz bauen müssen. Das wird später anders werden und die dürftigen Nothbauten der ersten Zeit werden dann durch bessere ersetzt.
Unsere „unskilled labourers“ bauen einander zuerst ihre Unterkünfte und sie erfahren es vorher. Und zwar erwerben sie durch die Arbeit die Häuser in's Eigenthum – allerdings nicht gleich, sondern erst dafür, dass sie sich durch eine Zeit von drei Jahren gut aufführen. So bekommen wir eifrige, anstellige Leute, und ein Mann, der drei Jahre in guter Zucht gearbeitet hat, ist erzogen für's Leben.
Ich sagte vorhin, dass die Company diese Unskilleds nicht zu bezahlen braucht. Ja, wovon werden sie leben?
Ich bin im Allgemeinen gegen das Trucksystem. Bei diesen ersten Landnehmern sollte es dennoch angewendet werden. Die Company sorgt in so vielen Beziehungen für sie, dass sie sie auch verpflegen darf. Das Trucksystem soll überhaupt nur für die ersten Jahre gelten und wird auch den Arbeitern eine Wohlthat sein, weil es die Bewucherung durch Kleinhändler, Wirthe etc. verhindert. Die Company aber vereitelt so von vornherein, dass sich unsere kleinen Leute drüben dem gewohnten Hausirhandel zuwenden, zu dem sie hüben ja auch nur durch eine geschichtliche Entwicklung gezwungen wurden. Und die Company behält die Säufer und Liederlichen in der Hand. Es wird also in der ersten Zeit der Landnahme gar keine Arbeitslöhne geben?
Doch: Ueberlöhne.
Der Siebenstundentag.
Der Normalarbeitstag ist der Siebenstundentag!
Das heisst nicht, dass täglich nur sieben Stunden lang Bäume gefällt, Erde gegraben, Steine geführt, kurz die hundert Arbeiten gethan werden sollen. Nein. Man wird vierzehn Stunden arbeiten. Aber die Arbeitertrupps werden einander nach je dreieinhalb Stunden ablösen. Die Organisation wird ganz militärisch sein, mit Chargen, Avancement und Pensionirung. Wo die Pensionen herzunehmen sind, wird später ausgeführt.
Dreieinhalb Stunden hindurch kann ein gesunder Mann sehr viel concentrirte Arbeit hergeben. Nach dreieinhalb Stunden Pause – die er seiner Ruhe, seiner Familie, seiner geleiteten Fortbildung widmet – ist er wieder ganz frisch. Solche Arbeitskräfte können Wunder wirken.
Der Siebenstundentag! Er macht vierzehn allgemeine Arbeitsstunden möglich – mehr geht in den Tag nicht hinein.
Ich habe zudem die Ueberzeugung, dass der Siebenstundentag vollkommen durchführbar ist. Man kennt die Versuche in Belgien und England. Einzelne vorgeschrittene Socialpolitiker behaupten sogar, dass der Fünfstundentag vollkommen ausreichen würde. Die Society of Jews und die Jewish Company werden ja darin reiche neue Erfahrungen sammeln – die den übrigen Völkern der Erde auch zu Gute kommen werden – und wenn sich zeigt, dass der Siebenstundentag praktisch möglich ist, so wird ihn unser künftiger Staat als gesetzlichen Normaltag einführen.
Nur die Company wird immerwährend ihren Leuten den Siebenstundentag gewähren. Sie wird es auch immer thun können. Den Siebenstundentag aber brauchen wir als Weltsammelruf für unsere Leute, die ja frei herankommen sollen. Es muss wirklich das gelobte Land sein ..
Wer nun länger als sieben Stunden arbeitet, bekommt für die Ueberzeit den Ueberlohn in Geld. Da alle seine Bedürfnisse gedeckt sind, die Arbeitsunfähigen seiner Familie aus den hinüber verpflanzten centralisirten Wohlthätigkeitsanstalten versorgt werden, so kann er sich etwas ersparen. Wir wollen den bei unseren Leuten ohnehin vorhandenen Spartrieb fördern, weil er das Aufsteigen des Individuums in höhere Schichten erleichtert und weil wir uns damit ein ungeheures Capitalsreservoir für künftige Anleihen vorbereiten.
Die Ueberzeit des Siebenstundentages darf nicht mehr als drei Stunden dauern und auch nur nach ärztlicher Untersuchung. Denn unsere Leute werden sich im neuen Leben zur Arbeit herandrängen, und die Welt wird erst sehen, welch ein arbeitsames Volk wir sind.
Wie das Trucksystem der Landnehmer einzurichten ist (Bons etc.), führe ich jetzt ebensowenig aus, wie andere unzählige Details, um nicht zu verwirren. Die Frauen werden zu schweren Arbeiten überhaupt nicht zugelassen und dürfen keine Ueberzeit leisten.
Schwangere Frauen sind von jeder Arbeit befreit und werden vom Truck reichlicher genährt. Denn wir brauchen in der Zukunft starke Geschlechter.
Die Kinder erziehen wir gleich von Anfang an, wie wir sie wünschen. Darauf gehe ich jetzt nicht ein.
Was ich soeben von den Arbeiterwohnungen ausgehend über die Unskilleds und ihre Lebensweise gesagt habe, ist ebensowenig eine Utopie, wie das übrige. Das alles kommt schon in der Wirklichkeit vor, nur unendlich klein, unbeachtet, unverstanden. Für die Lösung der Judenfrage war mir die „Assistance par le travail“, die ich in Paris kennen und verstehen lernte, von grossem Werthe.
Die Arbeitshilfe.
Die Arbeitshilfe, wie sie jetzt in Paris und verschiedenen Städten Frankreichs, in England, in der Schweiz und in Amerika besteht, ist etwas kümmerlich Kleines, doch das Grösste ist daraus zu machen.
Was ist das Princip der Assistance par le travail?
Das Princip ist, dass man jedem Bedürftigen unskilled labour gibt, eine leichte, ungelernte Arbeit, wie z. B. Holzverkleinern, die Erzeugung der „margotins“, mit denen in den Pariser Haushaltungen das Herdfeuer angemacht wird. Es ist eine Art Gefangenhausarbeit vor dem Verbrechen, das heisst ohne Ehrlosigkeit. Niemand braucht mehr aus Noth zum Verbrechen zu schreiten, wenn er arbeiten will. Aus Hunger dürfen keine Selbstmorde mehr begangen werden. Diese sind ja ohnehin eines der ärgsten Schandmale einer Cultur, wo vom Tische der Reichen den Hunden Leckerbissen hingeworfen werden.
Die Arbeitshilfe gibt also Jedem Arbeit. Hat sie denn für die Producte Absatz? Nein. Wenigstens nicht genügenden. Hier ist der Mangel der bestehenden Organisation. Diese Assistance arbeitet immer mit Verlust. Allerdings ist sie auf den Verlust gefasst. Es ist ja eine Wohlthätigkeitsanstalt. Die Spende stellt sich hier dar als Differenz zwischen Gestehungskosten und erlöstem Preise. Statt dem Bettler zwei Sous zu geben, gibt sie ihm eine Arbeit, an der sie zwei Sous verliert. Der lumpige Bettler aber, der zum edlen Arbeiter geworden ist, verdient 1 Francs 50 Centimes. Für 10 Centimes 150! Das heisst, die nicht mehr beschämende Wohlthat verfünfzehnfachen. Das heisst, aus einer Milliarde fünfzehn Milliarden machen!
Die Assistance verliert freilich die zehn Centimes. Die Jewish Company wird die Milliarde nicht verlieren, sondern riesige Gewinne erzielen.
Hinzu kommt das Moralische. Erreicht wird schon durch die kleine Arbeitshilfe, wie sie jetzt existirt, die sittliche Aufrichtung durch die Arbeit, bis der beschäftigungslose Mensch eine seinen Fähigkeiten angemessene Stellung in seinem früheren oder einem neuen Berufe gefunden hat. Er hat täglich einige Stunden für das Suchen frei, auch vermittelt die Assistance Dienste.
Das Gebrechen der bisherigen kleinen Einrichtung ist, dass den Holzhändlern etc. keine Concurrenz gemacht werden darf. Die Holzhändler sind Wähler, sie würden schreien, und sie hätten Recht. Auch der Gefangenhausarbeit des Staates darf keine Concurrenz gemacht werden, der Staat muss seine Verbrecher beschäftigen und verpflegen.
In einer alten Gesellschaft wird für die Assistance par le travail überhaupt schwer Raum zu schaffen sein.
Aber in unserer neuen!
Vor allem brauchen wir ungeheure Mengen unskilled labour für unsere ersten Landnahmearbeiten, Strassenanlagen, Durchforstungen, Erdaushebungen, Bahn- und Telegraphenanlagen etc. Das wird alles nach einem grossen, von Anfang an feststehenden Plane geschehen.
Der Marktverkehr.
Indem wir nun die Arbeit in's neue Land hinüberlegen, bringen wir auch gleich den Marktverkehr mit. Freilich anfangs nur ein Markt der ersten Lebensbedürfnisse: Vieh, Getreide, Arbeiterkleider, Werkzeuge, Waffen, um nur Einiges zu erwähnen. Zunächst werden wir das in Nachbarstaaten oder in Europa einkaufen, uns dann aber möglichst bald selbstständig machen. Die jüdischen Unternehmer werden rasch begriffen haben, welche Aussichten sich ihnen da eröffnen.
Allmälig werden durch das Heer der Company-Beamten feinere Bedürfnisse hinübergetragen werden. (Zu den Beamten rechne ich auch die Officiere der Schutztruppe, die immer etwa ein Zehntel der männlichen Einwanderer betragen soll. Das wird gegen Meutereien schlechter Leute genügen; die Meisten sind ja friedfertig.)
Die feineren Bedürfnisse der gutgestellten Beamten erzeugen wieder einen feineren Markt, der zunehmend wächst. Die Verheirateten lassen ihre Familien nachkommen, die Ledigen ihre Eltern und Geschwister, sobald sie drüben ein Heim haben. Wir sehen ja diese Bewegung bei den Juden, die jetzt nach den Vereinigten Staaten auswandern. Wie Einer Brot zu essen hat, lässt er gleich seine Leute nachkommen. Die Bande der Familie sind ja so stark im Judenthum. Society of Jews und Jewish Company werden zusammenwirken, um die Familie noch weiter zu stärken und zu pflegen. Ich meine hier nicht das Moralische – das versteht sich von selbst – sondern das Materielle. Die Beamten werden Ehe- und Kinderzulagen haben. Wir brauchen Leute, alle, die da sind und alle, die nachkommen.
Andere Kategorien von Heimstätten.
Ich habe die Hauptkette dieser Auseinandersetzungen beim Baue der Arbeiterwohnungen in eigener Regie verlassen. Nun kehre ich zurück zu anderen Kategorien von Heimstätten. Auch den Kleinbürgern wird die Company durch ihre Architekten Häuser bauen lassen, entweder als Tauschobjecte oder für Geld. Die Company wird etwa hundert Häusertypen von ihren Architekten anfertigen und vervielfältigen lassen. Diese hübschen Muster werden zugleich einen Theil der Propaganda bilden. Jedes Haus hat seinen festen Preis, die Güte der Ausführung wird von der Company garantirt, die am Hausbaue nichts verdienen will. Ja wo werden diese Häuser stehen? Das wird bei den Ortsgruppen gezeigt werden.
Da die Company an den Bauarbeiten nichts verdienen will, sondern nur am Grund und Boden, so wird es nur erwünscht sein, wenn recht viele freie Architekten im Privatauftrage bauen. Dadurch wird der Landbesitz mehr werth, dadurch kommt Luxus in's Land, und den Luxus brauchen wir für verschiedene Zwecke. Namentlich für die Kunst, für Industrie und in einer späteren Ferne für den Zerfall der grossen Vermögen.
Ja, die reichen Juden, die jetzt ihre Schätze ängstlich verbergen müssen und bei herabgelassenen Vorhängen ihre unbehaglichen Feste geben, werden drüben frei geniessen dürfen. Wenn diese Auswanderung mit ihrer Hilfe zustandekommt, wird das Capital bei uns drüben rehabilitirt sein; es wird in einem beispiellosen Werke seine Nützlichkeit gezeigt haben. Wenn die reichsten Juden anfangen, ihre Schlösser, die man in Europa schon mit so scheelen Augen ansieht, drüben zu bauen, so wird es bald modern werden, sich drüben in prächtigen Häusern anzusiedeln.
Einige Formen der Liquidation.
Die Jewish Company ist als Uebernehmer oder Verweser von Immobilien der Juden gedacht.
Bei Häusern und Grundstücken lassen sich diese Aufgaben leicht construiren. Wie ist es aber bei Geschäften?
Da werden die Formen vielfältig sein. Sie lassen sich gar nicht vorher in eine Uebersicht bringen. Und doch ist darin keine Schwierigkeit enthalten. Denn in jedem einzelnen Falle wird der Inhaber des Geschäftes, wenn er sich zur Auswanderung frei entschliesst, die für ihn günstigste Form der Liquidation mit der Company-Filiale seines Sprengels vereinbaren.
Bei den kleinsten Geschäftsleuten, in deren Betrieb die persönliche Bethätigung des Inhabers die Hauptsache und das bischen Waare oder Einrichtung die Nebensache ist, lässt sich die Vermögensverpflanzung am leichtesten durchführen. Für die persönliche Bethätigung des Auswanderers schafft die Company ein gesichertes Arbeitsgebiet, und sein bischen Material kann ihm drüben in einem Grundstück mit Maschinencredit ersetzt werden. Die neue Thätigkeit werden unsere findigen Leute rasch erlernt haben. Juden passen sich bekanntlich schnell jeder Erwerbsgattung an. So können viele Händler zu Kleinindustriellen der Landwirthschaft gemacht werden. Die Company kann sogar in scheinbare Verluste willigen, wenn sie die nicht fahrende Habe der Aermeren übernimmt; denn sie erreicht dadurch die freie Cultivirung von Landparzellen, wodurch der Werth ihrer übrigen Parzellen steigt.
In den mittleren Betrieben, wo die sachliche Einrichtung ebenso wichtig oder schon wichtiger ist als die persönliche Bethätigung des Inhabers, und dessen Credit als ein entscheidendes Imponderabile hinzukommt, lassen sich verschiedene Formen der Liquidation denken. Das ist auch einer der Hauptpunkte, auf denen sich die innere Wanderung der Christen vollziehen kann. Der abziehende Jude verliert seinen persönlichen Credit nicht, sondern nimmt ihn mit und wird ihn zur Etablirung drüben gut verwenden. Die Jewish Company eröffnet ihm ein Giro-Conto. Sein bisheriges Geschäft kann er auch frei verkaufen oder Geschäftsführern unter der Aufsicht der Company-Organe übergeben. Der Geschäftsführer kann im Pachtverhältnisse stehen oder es kann der allmälige Ankauf durch Theilzahlungen des Geschäftsführers angebahnt werden. Die Company sorgt durch ihre Aufsichtsbeamten und Advocaten für die ordentliche Verwaltung des verlassenen Geschäftes und für den richtigen Eingang der Zahlungen. Die Company ist hier Curator der Abwesenden. Kann aber ein Jude sein Geschäft nicht verkaufen, vertraut er es auch keinem Mandatar an, und will es dennoch nicht aufgeben, so bleibt er eben an seinem jetzigen Wohnort. Auch diese Zurückbleibenden verschlechtern ihre jetzige Lage nicht; sie sind um die Concurrenz der Abgezogenen erleichtert, und der Antisemitismus mit seinem „Kauft nicht bei Juden!“ hat aufgehört.
Will der auswandernde Geschäftsinhaber drüben wieder dasselbe Geschäft betreiben, so kann er sich von vorneherein darauf einrichten. Zeigen wir das an einem Beispiel. Die Firma X hat ein grosses Modewaarengeschäft. Der Inhaber will auswandern. Er etablirt zunächst an seinem künftigen Wohnort eine Filiale, an die er seine ausgemusterte Waare abgibt. Die armen ersten Auswanderer sind drüben seine Kundschaft. Allmälig ziehen Leute hinüber, die höhere Modebedürfnisse haben. Nun schickt X neuere Sachen, und endlich die neuesten. Die Filiale wird selbst schon einträglich, während das Hauptgeschäft noch besteht. Endlich hat X zwei Geschäfte. Das alte verkauft er, oder gibt er seinem christlichen Vertreter zur Führung; er selbst begibt sich hinüber in sein neues.
Ein grösseres Beispiel: Y & Sohn haben ein ausgedehntes Kohlengeschäft mit Bergwerken und Fabriken. Wie ist solch ein riesiger Vermögenscomplex zu liquidiren? Das Kohlenbergwerk mit allem was drum und dran, kann erstens vom Staat, in dem es liegt, eingelöst werden. Zweitens kann es die Jewish Company erwerben, und den Kaufpreis theils in Ländereien drüben, theils in Baargeld bezahlen. Eine dritte Möglichkeit wäre die Gründung einer eigenen Actiengesellschaft „Y & Sohn“. Eine vierte, der Weiterbetrieb in der bisherigen Weise, nur wären die ausgewanderten Eigenthümer, auch wenn sie gelegentlich zur Inspection ihrer Güter zurückkehren, Ausländer, als die sie ja in civilisirten Staaten auch den vollen Rechtsschutz geniessen. Dies Alles sieht man ja täglich im Leben. Eine fünfte, besonders fruchtbare und grossartige Möglichkeit deute ich nur an, weil es dafür im Leben erst wenige, schwache Beispiele gibt, wie nahe das unserem modernen Bewusstsein auch schon liege. Y & Sohn können ihr Unternehmen ihren sämmtlichen jetzigen Angestellten gegen Entgelt übergeben. Die Angestellten treten zu einer Genossenschaft mit beschränkter Haftung zusammen und können vielleicht mit Hilfe der Landescasse, die keine Wucherzinsen nimmt, die Ablösungssumme an Y & Sohn auszahlen. Die Angestellten amortisiren dann das Darlehen, welches ihnen von ihrer Landescasse, von der Jewish Company oder von Y & Sohn selbst gewährt wurde.
Die Jewish Company liquidirt die Kleinsten wie die Grössten. Und während die Juden ruhig wandern, sich die neue Heimat gründen, steht die Company als die grosse juristische Person da, welche den Abzug leitet, die verlassenen Güter hütet, für die gute Ordnung des Abwickelns mit ihrem sichtbaren, greifbaren Vermögen haftet und für die schon Ausgewanderten dauernd bürgt.
Bürgschaften der Company.
In welcher Form wird die Company die Bürgschaften leisten, dass in den verlassenen Ländern keine Verarmung und keine wirthschaftlichen Krisen eintreten?
Es wurde schon gesagt, dass anständige Antisemiten unter Achtung ihrer uns werthvollen Unabhängigkeit gleichsam als volksthümliche Controlsbehörden an das Werk herangezogen werden sollen.
Aber auch der Staat hat fiskalische Interessen, die geschädigt werden können. Er verliert eine zwar bürgerlich gering, aber finanziell hochgeschätzte Classe von Steuerträgern. Es muss ihm dafür eine Entschädigung geboten werden. Wir bieten sie ihm ja indirect, indem wir die mit unserem jüdischen Scharfsinne, unserem jüdischen Fleisse eingerichteten Geschäfte im Lande lassen, indem wir in unsere aufgegebenen Positionen die christlichen Mitbürger einrücken lassen, und so ein in dieser Friedlichkeit beispielloses Aufsteigen von Massen zum Wohlstand ermöglichen. Die französische Revolution zeigte im Kleinen etwas Aehnliches; aber dazu musste das Blut unter der Guillotine, in allen Provinzen des Landes und auf den Schlachtfeldern Europas in Strömen fliessen. Und dazu mussten geerbte und erworbene Rechte zerbrochen werden. Und dabei bereicherten sich nur die listigen Käufer der Nationalgüter.
Die Jewish Company wird in ihrem Wirkungskreise den einzelnen Staaten auch directe Vortheile zuführen. Ueberall kann den Regierungen der Verkauf von verlassenen Judengütern unter günstigen Bedingungen zugesichert werden. Die Regierungen wieder können diese gütliche Expropriation in grossem Massstab für gewisse sociale Aufbesserungen verwenden.
Die Jewish Company wird den Regierungen und Parlamenten, welche die innere Wanderung der christlichen Bürger leiten wollen, dabei Hilfe leisten.
Die Jewish Company wird auch grosse Abgaben zahlen.
Die Centrale hat ihren Sitz in London, weil die Company im Privatrechtlichen unter dem Schutze einer grossen, derzeit nicht antisemitischen Macht stehen muss. Aber die Company wird, wenn man sie officiell und officiös unterstützt, überall eine breite Steuerfläche liefern. Die Company wird überall besteuerbare Töchter- und Zweiganstalten gründen. Sie wird ferner den Vortheil doppelter Immobilienumschreibung, also doppelter Gebühren liefern. Die Company wird selbst dort, wo sie nur als Immobilienagentur auftritt, sich den vorübergehenden Anschein des Käufers geben. Sie wird, auch wenn sie nicht besitzen will, im Grundbuche einen Augenblick als Eigenthümer stehen.
Das sind nun freilich rein rechnungsmässige Sachen. Es wird von Ort zu Ort erhoben und entschieden werden müssen, wie weit die Company darin gehen kann, ohne ihre Existenz zu gefährden. Sie wird darüber freimüthig mit den Finanzministern verhandeln. Diese werden den guten Willen deutlich sehen und sie werden überall die Erleichterungen gewähren, die zur erfolgreichen Durchführung des grossen Unternehmens nachweisbar erforderlich sind.
Eine weitere directe Zuwendung ist die im Güter- und Personentransporte. Wo die Bahnen staatlich sind, ist das sofort klar. Bei den Privatbahnen erhält die Company, wie jeder grosse Spediteur, Begünstigungen. Sie muss natürlich unsere Leute so billig als möglich reisen lassen und verfrachten, da jeder auf eigene Kosten hinübergeht. Für den Mittelstand wird das System Cook, und für die armen Classen das Personenporto da sein. Die Company könnte an Personen- und Frachtrefactien viel verdienen, aber ihr Grundsatz muss auch hier sein, nur die Selbsterhaltungskosten hereinzubringen.
Die Spedition ist an vielen Orten in den Händen der Juden. Die Speditionsgeschäfte werden die ersten sein, die die Company braucht, und die ersten, die sie liquidirt. Die bisherigen Inhaber dieser Geschäfte treten entweder in den Dienst der Company oder sie etabliren sich frei, drüben. Die Ankunftsstelle braucht ja empfangende Spediteure, und da dies ein glänzendes Geschäft ist, da man drüben sofort verdienen darf und soll, wird es nicht an Unternehmungslustigen fehlen. Es ist unnöthig, die geschäftlichen Einzelheiten dieser Massenexpedition auszuführen. Sie sind aus dem Zwecke vernünftig zu entwickeln und viele tüchtige Köpfe sollen und werden darüber nachdenken, wie das am besten zu machen sein wird.
Einige Thätigkeiten der Company.
Viele Thätigkeiten werden ineinander wirken. Nur ein Beispiel: Allmälig wird die Company in den anfänglich primitiven Niederlassungen Industriesachen zu erzeugen beginnen. Zunächst für unsere eigenen armen Auswanderer: Kleider, Wäsche, Schuhe etc. fabriksmässig. Denn in den europäischen Abfahrtsstationen werden unsere armen Leute neu gekleidet. Es wird ihnen damit kein Geschenk gemacht, weil sie nicht gedemüthigt werden sollen. Es werden ihnen nur ihre alten Sachen gegen neue eingetauscht. Verliert die Company dabei etwas, so wird es als Geschäftsverlust gebucht. Die völlig Besitzlosen werden für die Bekleidung Schuldner der Company und zahlen drüben in Arbeitsüberstunden, die ihnen für gute Aufführung erlassen werden.
An diesen Punkten haben übrigens die bestehenden Auswanderungsvereine Gelegenheit, helfend einzugreifen. Alles was sie für die wandernden Juden bisher zu thun pflegten, sollen sie zukünftig für die Colonisten der Jewish Company thun. Die Formen dieses Zusammenwirkens werden sich leicht finden lassen.
Schon in der Neubekleidung der armen Auswanderer soll etwas Symbolisches enthalten sein: Ihr beginnt jetzt ein neues Leben! Die Society of Jews wird dafür sorgen, dass schon lange vor der Abreise und auch unterwegs durch Gebete, populäre Vorträge, Belehrungen über den Zweck des Unternehmens, hygienische Vorschriften für die neuen Wohnorte, Anleitungen zur künftigen Arbeit, eine ernste und festliche Stimmung erhalten werde. Denn das gelobte Land ist das Land der Arbeit. Bei ihrer Ankunft werden aber die Einwanderer von den Spitzen unserer Behörden feierlich empfangen werden. Ohne thörichten Jubel, denn das gelobte Land muss erst erobert werden. Aber schon sollen diese armen Menschen sehen, dass sie zuhause sind.
Die Bekleidungsindustrie der Company für die armen Auswanderer wird nicht planlos produciren. Durch die Society of Jews, welche von den Ortsgruppen die Mittheilung erhalten wird, muss die Jewish Company rechtzeitig die Zahl, den Ankunftstag und die Bedürfnisse der Auswanderer kennen. So ist es möglich, für sie umsichtig vorzusorgen.
Industrielle Anregungen.
Die Aufgaben der Jewish Company und der Society of Jews können in diesem Entwurfe nicht streng gesondert vorgetragen werden. Thatsächlich werden diese beiden grossen Organe beständig zusammenwirken müssen. Die Company wird auf die moralische Autorität und Unterstützung der Society angewiesen sein und bleiben, gleichwie die Society die materielle Hilfe der Company nicht entbehren kann. In der planvollen Leitung der Bekleidungsindustrie z. B. ist der schwache Anfang des Versuches enthalten, die Productionskrisen zu vermeiden. Auf allen Gebieten, wo die Company als Industrieller auftritt, soll so vorgegangen werden.
Keineswegs darf sie aber die freien Unternehmungen mit ihrer Uebermacht erdrücken. Wir sind nur dort Collectivisten, wo es die ungeheuren Schwierigkeiten der Aufgabe erfordern. Im übrigen wollen wir das Individuum mit seinen Rechten hegen und pflegen. Das Privateigenthum als die wirthschaftliche Grundlage der Unabhängigkeit, soll sich bei uns frei und geachtet entwickeln. Wir lassen ja gleich unsere ersten Unskilleds ins Privateigenthum aufsteigen.
Der Unternehmungsgeist soll auf jede Weise gefördert werden. Die Einrichtung von Industrien wird durch eine vernünftige Zollpolitik, Zuwendung billigen Rohmaterials und durch ein Amt für Industrie-Statistik mit öffentlichen Verlautbarungen begünstigt.
Der Unternehmungsgeist kann auf gesunde Weise angeregt werden. Die speculative Planlosigkeit wird vermieden. Die Etablirung neuer Industrien wird rechtzeitig bekanntgemacht, so dass die Unternehmer, die ein halbes Jahr später auf den Einfall kommen, sich einer Industrie zuzuwenden, nicht in die Krise, in's Elend hineinbauen. Da der Zweck einer neuen Anlage der Society angemeldet werden soll, können die Unternehmungsverhältnisse jederzeit Jedermann bekannt sein.
Ferner werden den Unternehmern die centralisirten Arbeitskräfte gewährt. Der Unternehmer wendet sich an die Dienstvermittlungs-Centrale, die dafür von ihm nur eine zur Selbsterhaltung erforderliche Gebühr einhebt. Der Unternehmer telegraphirt: Ich brauche morgen für drei Tage, drei Wochen oder drei Monate fünfhundert Unskilleds. Morgen treffen bei seiner landwirthschaftlichen oder industriellen Unternehmung die gewünschten Fünfhundert ein, welche die Arbeitscentrale von da und dort, wo sie eben verfügbar werden, zusammenzieht. Die Sachsengängerei wird da aus dem Plumpen in eine sinnvolle Institution heeresmässig verfeinert. Selbstverständlich werden keine Arbeitssclaven geliefert, sondern nur Siebenstundentägler, die ihre Organisation beibehalten, denen auch beim Ortswechsel die Dienstzeit mit Chargen, Avanciren und Pensionirung fortläuft. Der freie Unternehmer kann sich auch anderwärts seine Arbeitskräfte verschaffen, wenn er will. Aber er wird es schwerlich können. Die Hereinziehung nichtjüdischer Arbeitssclaven in's Land wird die Society zu vereiteln wissen durch eine gewisse Boycottirung widerspenstiger Industrieller, durch Verkehrserschwerungen und dergleichen. Man wird also die Siebenstundentägler nehmen müssen. So nähern wir uns beinahe zwanglos dem Normaltage von sieben Stunden.
Ansiedlung von Facharbeitern.
Es ist klar, dass, was für die Unskilleds gilt, bei den höheren Facharbeitern noch leichter ist. Die Theilarbeiter der Fabriken können unter dieselben Regeln gebracht werden. Die Dienstvermittlungs-Centrale besorgt sie.
Was nun die selbstständigen Handwerker, die kleinen Meister betrifft, die wir im Hinblick auf die künftigen Fortschritte der Technik sehr pflegen wollen, denen wir technologische Kenntnisse zuführen wollen, selbst wenn sie keine jungen Leute mehr sind, und denen die Pferdekraft der Bäche und das Licht in elektrischen Drähten zugeleitet werden soll – diese selbstständigen Arbeiter sollen auch durch die Centrale der Society gesucht und gefunden werden. Hier wendet sich die Ortsgruppe an die Centrale: Wir brauchen so und so viele Tischler, Schlosser, Glaser u. s. w. Die Centrale verlautbart es. Die Leute melden sich. Sie ziehen mit ihren Familien nach dem Orte, wo man sie braucht und bleiben da wohnen, nicht erdrückt von einer verworrenen Concurrenz. Die dauernde, die gute Heimat ist für sie entstanden.
Die Geldbeschaffung.
Als das Actiencapital der Jewish Company wurde ein phantastisch klingender Betrag angenommen. Die wirklich nothwendige Höhe des Actiencapitals wird von Finanzfachleuten festgesetzt werden müssen. Jedenfalls eine riesige Summe. Wie soll diese aufgebracht werden? Dafür gibt es drei Formen, welche die Society in Erwägung ziehen wird. Die Society, diese grosse moralische Person, der Gestor der Juden, besteht aus unseren reinsten und besten Männern, die aus der Sache keinen Vermögensgewinn ziehen können und dürfen. Obwohl die Society am Beginn keine andere als eine moralische Autorität besitzen kann, wird diese dennoch hinreichen, um die Jewish Company dem Judenvolke gegenüber zu beglaubigen. Die Jewish Company wird nur dann Aussicht auf geschäftliches Gelingen haben, wenn sie von der Society sozusagen gestempelt ist. Es wird sich also nicht eine beliebige Gruppe von Geldleuten zusammenthun können, um die Jewish Company zu bilden. Die Society wird prüfen, wählen und bestimmen, und sich vor der Gutheissung der Gründung alle nöthigen Bürgschaften für die gewissenhafte Durchführung des Planes sichern lassen. Experimente mit ungenügenden Kräften dürfen nicht gemacht werden, denn diese Unternehmung muss gleich auf den ersten Schlag gelingen. Das Misslingen der Sache würde die ganze Idee auf Jahrzehnte hinaus compromittiren und sie vielleicht für immer unmöglich machen.
Die drei Formen der Aufbringung des Actiencapitals sind: 1. durch die Hochbank; 2. durch die Mittelbank; 3. durch eine volksthümliche Subscription.
Am leichtesten, schnellsten und sichersten wäre die Gründung durch die Hochbank. Da kann das erforderliche Geld innerhalb der bestehenden grossen Finanzgruppen durch einfache Berathung in kürzester Zeit aufgebracht werden. Es hätte den grossen Vortheil, dass die Milliarde – um bei diesem einmal angenommenen Betrage zu bleiben – nicht sofort gänzlich eingezahlt werden müsste. Es hätte den weiteren Vortheil, dass auch der Credit dieser mächtigen Finanzgruppen der Unternehmung zuflösse. In der jüdischen Finanzmacht schlummern noch sehr viele ungenützte politische Kräfte. Von den Feinden des Judenthums wird diese Finanzmacht als so wirksam dargestellt, wie sie sein könnte, aber thatsächlich nicht ist. Die armen Juden spüren nur den Hass, den diese Finanzmacht erregt; den Nutzen, die Linderung ihrer Leiden, welche bewirkt werden könnte, haben die armen Juden nicht. Die Creditpolitik der grossen Finanzjuden müsste sich in den Dienst der Volksidee stellen. Finden aber diese mit ihrer Lage ganz zufriedenen Herren sich nicht bewogen, etwas für ihre Stammesbrüder zu thun, die man mit Unrecht für die grossen Vermögen Einzelner verantwortlich macht, so wird die Verwirklichung dieses Planes Gelegenheit geben, eine reinliche Scheidung zwischen ihnen und dem übrigen Theile des Judenthums durchzuführen.
Die Hochbank wird übrigens durchaus nicht aufgefordert, einen so enormen Betrag aus Wohlthätigkeit zu beschaffen. Das wäre eine thörichte Zumuthung. Die Gründer und Actionäre der Jewish Company sollen vielmehr ein gutes Geschäft machen, und sie werden sich im vorhinein davon Rechenschaft geben können, welche Chancen bevorstehen. Die Society of Jews wird nämlich im Besitze aller Belege und Behelfe sein, aus denen sich die Aussichten der Jewish Company erkennen lassen. Die Society of Jews wird insbesondere den Umfang der neuen Judenbewegung genau erforscht haben und den Gründern der Company auf eine vollkommen verlässliche Weise mittheilen können, mit welcher Betheiligung diese rechnen darf. Durch die Herstellung der Alles umfassenden modernen Judenstatistik wird die Society für die Company die Arbeiten einer société d'études besorgen, wie man diese in Frankreich zu machen pflegt, bevor man an die Financirung eines sehr grossen Unternehmens herangeht.
Die Sache wird dennoch vielleicht nicht den kostbaren Beifall der jüdischen Geldmagnaten finden. Diese werden sogar vielleicht durch ihre geheimen Knechte und Agenten den Kampf gegen unsere Judenbewegung einzuleiten versuchen. Einen solchen Kampf werden wir, wie jeden anderen, der uns aufgezwungen wird, mit schonungsloser Härte führen.
Die Geldmagnaten werden sich vielleicht auch nur begnügen, die Sache mit einem ablehnenden Lächeln abzuthun.
Ist sie damit erledigt?
Nein.
Dann geht die Geldbeschaffung auf die zweite Stufe, an die mittelreichen Juden. Die jüdische Mittelbank müsste im Namen der Volksidee gegen die Hochbank zusammengerafft werden zu einer zweiten formidablen Geldmacht. Das hätte den Uebelstand, dass zunächst nur ein Geldgeschäft daraus würde, denn die Milliarde müsste voll eingezahlt werden – sonst darf man nicht anfangen – und da dies Geld erst langsam in Verwendung träte, so würde man in den ersten Jahren allerlei Bank- und Anleihegeschäfte machen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass so allmälig der ursprüngliche Zweck in Vergessenheit geriethe, die mittelreichen Juden hätten ein neues grosses Geschäft gefunden und die Judenwanderung würde versumpfen.
Phantastisch ist die Idee dieser Geldbeschaffung durchaus nicht, das weiss man. Verschiedenemale wurde ja versucht, das katholische Geld gegen die Hochbank zusammenzuraffen. Dass man sie auch mit jüdischem bekämpfen könne, hat man bisher nicht bedacht.
Aber welche Krisen hätte das Alles zur Folge. Wie würden die Länder, wo solche Geldkämpfe spielten, geschädigt werden, wie müsste der Antisemitismus dabei überhandnehmen.
Mir ist das also nicht sympathisch, ich erwähne es nur, weil es in der logischen Entwicklung des Gedankens liegt.
Ob die Mittelbanken die Sache aufgreifen werden, weiss ich auch nicht.
Jedenfalls ist die Sache auch mit der Ablehnung der Mittelreichen nicht erledigt. Dann beginnt sie vielmehr erst recht.
Denn die Society of Jews, die nicht aus Geschäftsleuten besteht, kann dann die Gründung der Company als eine volksthümliche versuchen.
Das Actiencapital der Company kann ohne Vermittlung eines Hochbank- oder Mittelbanksyndicates durch unmittelbare Ausschreibung einer Subscription aufgebracht werden. Nicht nur die armen kleinen Juden, sondern auch die Christen, welche die Juden loshaben wollen, werden sich an dieser in ganz kleine Theile zerlegten Geldbeschaffung betheiligen. Es wäre eine eigenthümliche und neue Form des Plebiscites, wobei Jeder, der sich für diese Lösungsform der Judenfrage aussprechen will, seine Meinung durch eine bedingte Subscription äussern könnte. In der Bedingung liegt die gute Sicherheit. Die Vollzahlung wäre nur zu leisten, wenn der ganze Betrag gezeichnet ist, sonst würde die Anzahlung zurückgegeben.
Ist aber der ganze nöthige Betrag durch die volksthümliche Auflage in der ganzen Welt gedeckt, dann ist jeder einzelne kleine Betrag gesichert durch die unzähligen anderen kleinen Beträge.
Es wäre dazu natürlich die ausdrückliche, entschiedene Hilfe der betheiligten Regierungen nöthig.
Ortsgruppen.
Die Verpflanzung.
Bisher wurde nur gezeigt, wie die Auswanderung ohne wirthschaftliche Erschütterung durchzuführen ist. Aber bei einer solchen Auswanderung gibt es auch viele starke, tiefe Gemüthsbewegungen. Es gibt alte Gewohnheiten, Erinnerungen, mit denen wir Menschen an den Orten haften. Wir haben Wiegen, wir haben Gräber, und man weiss, was dem jüdischen Herzen die Gräber sind. Die Wiegen nehmen wir mit – in ihnen schlummert rosig und lächelnd unsere Zukunft. Unsere theueren Gräber müssen wir zurücklassen – ich glaube, von denen werden wir habsüchtiges Volk uns am schwersten trennen. Aber es muss sein.
Schon entfernt uns die wirthschaftliche Noth, der politische Druck, der gesellschaftliche Hass aus unseren Wohnorten und von unseren Gräbern. Die Juden ziehen schon jetzt jeden Augenblick aus einem Land in's andere; eine starke Bewegung geht sogar über's Meer nach den Vereinigten Staaten – wo man uns auch nicht mag. Wo wird man uns denn mögen, solange wir keine eigene Heimat haben?
Wir wollen aber den Juden eine Heimat geben. Nicht, indem wir sie gewaltsam aus ihrem Erdreich herausreissen. Nein, indem wir sie mit ihrem ganzen Wurzelwerk vorsichtig ausheben und in einen besseren Boden übersetzen. So wie wir im Wirthschaftlichen und Politischen neue Verhältnisse schaffen wollen, so gedenken wir im Gemüthlichen alles Alte heilig zu halten. Darüber nur wenige Andeutungen. Hier ist die Gefahr am grössten, dass der Plan für eine Schwärmerei gehalten werde.
Und doch ist auch das möglich und wirklich, nur kommt es in der Wirklichkeit als etwas verworrenes und hilfloses vor. Durch die Organisirung kann es vernünftig werden.
Die Gruppenwanderung.
Unsere Leute sollen in Gruppen mit einander auswandern. In Gruppen von Familien und Freunden. Niemand wird gezwungen, sich der Gruppe seines bisherigen Wohnortes anzuschliessen. Jeder kann, nachdem er seine Angelegenheiten liquidirt hat, fahren, wie er will. Jeder thut es ja auf eigene Kosten, in der Bahn- und Schiffsclasse, die ihm zusagt. Unsere Bahnzüge und unsere Schiffe werden vielleicht nur eine Classe haben. Der Unterschied des Besitzes belästigt auf so langen Reisen die Aermeren. Und wenn wir auch unsere Leute nicht zu einer Unterhaltung hinüberführen, wollen wir ihnen doch nicht unterwegs die Laune verderben.
Im Elend wird Keiner reisen. Dem eleganten Behagen hingegen soll Alles möglich sein. Man wird sich schon lange vorher verabreden – es wird ja im günstigsten Falle noch Jahre dauern, bis die Bewegung in einzelnen Besitzclassen in Fluss kommt – die Wohlhabenden werden zu Reisegesellschaften zusammentreten. Man nimmt die persönlichen Beziehungen sämmtlich mit. Wir wissen ja, dass von den Reichsten abgesehen, die Juden fast gar keinen Verkehr mit Christen haben. In manchen Ländern ist es so, dass der Jude, der sich nicht ein paar Tafelschmarotzer, Borgbrüder und Judenknechte aushält, überhaupt keinen Christen kennt. Das Ghetto besteht innerlich fort.
Man wird sich also in den Mittelständen lange und sorgfältig zur Abreise vorbereiten. Jeder Ort bildet seine Gruppe. In den grossen Städten bilden sich nach Bezirken mehrere, die mit einander durch gewählte Vertreter verkehren. Diese Bezirkseintheilung hat nichts Obligatorisches. Sie ist eigentlich nur als Erleichterung für die Minderbemittelten gedacht, und um während der Fahrt kein Unbehagen, kein Heimweh aufkommen zu lassen. Jeder ist frei, allein zu fahren oder sich welcher Ortsgruppe immer anzuschliessen. Die Bedingungen – nach Classen eingetheilt – sind für alle gleich. Wenn eine Reisegesellschaft sich zahlreich genug organisirt, bekommt sie von der Company einen ganzen Bahnzug und dann ein ganzes Schiff.
Für die passende Unterkunft der Aermeren wird das Quartieramt der Company gesorgt haben. In dem späteren Zeitpunkt, wo die Wohlhabenden wandern, wird das erkannte, weil leicht vorauszusehende Bedürfniss schon die Hotelbauten freier Unternehmer hervorgerufen haben. Auch werden ja die wohlhabenden Auswanderer sich ihre Heimstätten schon früher gebaut haben, so dass sie aus dem verlassenen alten Hause in das fertige neue nur zu übersiedeln brauchen.
Unserer ganzen Intelligenz brauchen wir ihre Aufgabe nicht erst zuzuweisen. Jeder, der sich dem nationalen Gedanken anschliesst, wird wissen, wie er in seinem Kreise für die Verbreitung und Bethätigung zu wirken hat. Wir werden vornehmlich an die Mitwirkung unserer Seelsorger appelliren.
Unsere Seelsorger.
Jede Gruppe hat ihren Rabbiner, der mit seiner Gemeinde geht. Alle gruppiren sich zwanglos. Die Ortsgruppe bildet sich um den Rabbiner herum. So viele Rabbiner, so viele Ortsgruppen. Die Rabbiner werden uns auch zuerst verstehen, sich zuerst für die Sache begeistern und von der Kanzel herab die andern begeistern. Es brauchen keine besonderen Versammlungen mit Geschwätz einberufen zu werden. Im Gottesdienste wird das eingeschaltet. Und so soll es sein. Wir erkennen unsere historische Zusammengehörigkeit nur am Glauben unserer Väter, weil wir ja längst die Sprache verschiedener Nationen unverlöschbar in uns aufgenommen haben.
Die Rabbiner werden nun regelmässig die Mittheilungen der Society und Company erhalten und sie ihrer Gemeinde verkünden und erklären. Israel wird für uns, für sich beten.
Vertrauensmänner der Ortsgruppen.
Die Ortsgruppen werden kleine Vertrauensmänner-Commissionen unter dem Vorsitz des Rabbiners einsetzen. Hier wird alles Praktische nach den Ortsbedürfnissen berathen und festgesetzt werden.
Die Wohlthätigkeitsanstalten werden durch die Ortsgruppen frei verpflanzt. Die Stiftungen werden auch drüben in der ehemaligen Ortsgruppe verbleiben, die Gebäude sollten nach meiner Ansicht nicht verkauft, sondern den christlichen Hilfsbedürftigen der verlassenen Städte gewidmet werden. Bei der Landvertheilung drüben wird das den Ortsgruppen eingerechnet, indem sie unentgeltlich Bauplätze und jede Bauerleichterung erhalten.
Es wird bei der Verpflanzung der Wohlthätigkeitsanstalten wieder, wie an manchen anderen Punkten dieses Planes, Gelegenheit geboten, einen Versuch zum Wohle der ganzen Menschheit zu machen. Unsere jetzige verworrene Privatwohlthätigkeit stiftet im Verhältniss zum gemachten Aufwand wenig Gutes. Die Wohlthätigkeitsanstalten können und müssen in ein System gebracht werden, wo sie sich gegenseitig ergänzen. In einer neuen Gesellschaft können diese Einrichtungen aus dem modernen Bewusstsein heraus und auf Grund aller socialpolitischen Erfahrungen gemacht werden. Die Sache ist für uns sehr wichtig, weil wir viele Bettler haben. Durch den äusseren Druck, der sie muthlos macht und durch die weichliche Wohlthätigkeit der Reichen, die sie verwöhnt, lassen sich die schwächeren Naturen unter unseren Leuten leicht im Bettel gehen.
Die Society wird, unterstützt von den Ortsgruppen, der Volkserziehung in dieser Hinsicht die grösste Aufmerksamkeit zuwenden. Für viele Kräfte, die jetzt nutzlos hinwelken, wird ja ein fruchtbarer Boden geschaffen. Wer nur den guten Willen hat, soll angemessen verwendet werden. Bettler werden nicht geduldet. Wer als Freier nichts thun will, kommt in's Arbeitshaus.
Hingegen wollen wir die Alten nicht in's Siechenhaus stecken. Das Siechenhaus ist eine der grausamsten Wohlthaten, die unsere alberne Gutmüthigkeit erfunden hat. Im Siechenhaus schämt und kränkt sich der alte Mensch zu Tode. Er ist eigentlich schon begraben. Wir aber wollen selbst denen, die auf den untersten Stufen der Intelligenz stehen, bis an's Ende die tröstliche Illusion ihrer Nützlichkeit lassen. Die zu körperlicher Arbeit Unfähigen sollen leichte Dienste erhalten. Wir müssen mit den atrophirten Armen einer jetzt schon hinwelkenden Generation rechnen. Aber die nachkommenden Generationen sollen in der Freiheit für die Freiheit anders erzogen werden.
Wir werden für alle Lebensalter, für alle Lebensstufen die sittliche Beseligung der Arbeit suchen. So wird unser Volk seine Tüchtigkeit wiederfinden im Siebenstundenlande.
Stadtpläne.
Die Ortsgruppen werden ihre Bevollmächtigten zur Ortswahl delegiren. Bei der Landvertheilung wird darauf Rücksicht genommen werden, dass die schonende Verpflanzung, die Erhaltung alles Berechtigten möglich sei.
In den Ortsgruppen werden die Stadtpläne aufliegen. Unsere Leute werden im vorhinein wissen, wohin sie gehen, in welchen Städten, in welchen Häusern sie wohnen werden. Es wurde schon von den Bauplänen und verständlichen Abbildungen gesprochen, die an die Ortsgruppen zu vertheilen sind.
Wie in der Verwaltung eine straffe Centralisirung, ist in den Ortsgruppen die vollste Autonomie das Princip. Nur so kann die Verpflanzung schmerzlos vor sich gehen.
Ich stelle mir das nicht leichter vor, als es ist; man darf es sich auch nicht schwerer vorstellen.
Der Zug des Mittelstandes.
Der Mittelstand wird unwillkürlich von der Bewegung mit hinübergezogen. Die Einen haben ihre Söhne als Beamte der Society oder Angestellte der Company drüben. Juristen, Mediciner, Techniker aller Zweige, junge Kaufleute, alle jüdischen Wegsucher, die jetzt aus der Bedrängniss ihrer Vaterländer hinaus in andere Welttheile erwerben gehen, werden sich auf dem hoffnungsvollen Boden versammeln. Andere haben ihre Töchter an solche aufstrebende Leute verheiratet. Dann lässt sich von unseren jungen Leuten der eine seine Braut, der andere seine Eltern und Geschwister nachkommen. In neuen Culturen heiratet man früh. Das kann der allgemeinen Sittlichkeit nur zu Statten kommen, und wir erhalten kräftigen Nachwuchs; nicht jene schwachen Kinder spätverheirateter Väter, die zuerst ihre Energie im Lebenskampf abgenützt haben.
Im Mittelstande zieht jeder unserer Auswanderer andere nach sich.
Den Muthigsten gehört natürlich das Beste von der neuen Welt.
Es scheint nun freilich, als wäre hier die grösste Schwierigkeit des Planes.
Selbst wenn es uns gelingt, die Judenfrage in einer ernsten Weise zur Weltdiscussion zu stellen –
selbst wenn aus dieser Erörterung auf das Bestimmteste hervorgeht, dass der Judenstaat ein Weltbedürfniss ist –
selbst wenn wir durch die Unterstützung der Mächte die Souveränetät eines Territoriums erlangten:
wie bringen wir die Judenmassen ohne Zwang aus ihren jetzigen Wohnorten in dieses neue Land?
Die Wanderung ist doch immer als eine freie gedacht?
Das Phänomen der Menge.
Ein mühsames Anfachen der Bewegung wird wohl kaum nöthig sein. Die Antisemiten besorgen das schon für uns. Sie brauchen nur soviel zu thun wie bisher und die Auswanderlust der Juden wird erwachen, wo sie nicht besteht und sich verstärken, wo sie schon vorhanden ist. Wenn die Juden jetzt in antisemitischen Ländern verbleiben, so geschieht das hauptsächlich aus dem Grunde, weil selbst die historisch Ungebildeten wissen, dass wir uns durch die zahlreichen Ortswechsel in den Jahrhunderten nie dauernd geholfen haben. Gäbe es heute ein Land, wo man die Juden willkommen hiesse und ihnen auch viel weniger Vortheil böte, als im Judenstaate, wenn er entsteht, gesichert sind, so fände augenblicklich ein starker Zug von Juden dahin statt. Die Aermsten, die nichts zu verlieren haben, würden sich hinschleppen. Ich behaupte aber und Jeder wird ja bei sich wissen, ob es wahr ist, dass die Auswanderlust wegen des Druckes, der auf uns lastet, bei uns selbst in wohlhabenden Schichten vorhanden ist. Nun würden ja schon die Aermsten zur Gründung des Staates genügen, ja sie sind das tüchtigste Menschenmaterial für eine Landnahme, weil man zu grossen Unternehmungen ein bischen Verzweiflung in sich haben muss.
Aber indem unsere Desperados durch ihr Erscheinen, durch ihre Arbeit den Werth des Landes heben, machen sie allmälig auch für Besitzkräftigere die Verlockung entstehen, nachzuziehen.
Immer höhere Schichten werden ein Interesse bekommen, hinüberzugehen. Den Zug der Ersten, Aermsten werden ja Society und Company gemeinsam leiten und dabei doch wohl die Unterstützung der schon bestehenden Auswanderungs- und Zionsvereine finden.
Wie lässt sich eine Menge ohne Befehl nach einem Punkte hin dirigiren?
Es gibt einzelne jüdische Wohlthäter in grossem Stile, welche die Leiden der Juden durch zionistische Versuche mildern wollen. Solche Wohlthäter mussten sich schon mit dieser Frage beschäftigen, und sie glaubten, sie zu lösen, wenn sie den Auswanderern Geld oder Arbeitsmittel in die Hand gaben. Der Wohlthäter sagte also: „Ich zahle den Leuten, damit sie hingehen.“
Das ist grundfalsch und mit allem Gelde der Erde nicht zu erschwingen.
Die Company wird im Gegentheil sagen: „Wir zahlen ihnen nicht, wir lassen sie zahlen. Nur setzen wir ihnen etwas vor.“
Ich will das an einem scherzhaften Beispiele anschaulich machen. Einer dieser Wohlthäter, den wir den Baron nennen wollen, und ich möchten eine Menschenmenge an einem heissen Sonntagnachmittag auf der Ebene von Longchamp bei Paris haben. Der Baron wird, wenn er jedem Einzelnen 10 Francs verspricht, für 200.000 Francs 20.000 schwitzende, unglückliche Leute hinausbringen, die ihm fluchen werden, weil er ihnen diese Plage auferlegte.
Ich hingegen werde diese 200.000 Francs als Rennpreis aussetzen für das schnellste Pferd – und dann lasse ich die Leute durch Schranken von Longchamp abhalten. Wer hinein will, muss zahlen: 1 Francs, 5 Francs, 20 Francs.