Römische Geschichte
Drittes Buch
Von der Einigung Italiens bis auf die Unterwerfung Karthagos und der griechischen Staaten
von Theodor Mommsen
The following e-text of Mommsen’s Roemische Geschichte contains some (ancient) Greek quotations. The character set used for those quotations is a modern Greek character set. Therefore, aspirations are not marked in Greek words, nor is there any differentiation between the different accents of ancient Greek and the subscript iotas are missing as well.
Contents
Drittes Buch
Von der Einigung Italiens bis auf die Unterwerfung Karthagos und der griechischen Staaten
arduum res gestas scribere
arg beschwerlich ist es, Geschichte zu schreiben
Sallust
KAPITEL I.
Karthago
Der semitische Stamm steht inmitten und doch auch ausserhalb der Voelker der alten klassischen Welt. Der Schwerpunkt liegt fuer jenen im Osten, fuer diese am Mittelmeer, und wie auch Krieg und Wanderung die Grenze verschoben und die Staemme durcheinanderwarfen, immer schied und scheidet ein tiefes Gefuehl der Fremdartigkeit die indogermanischen Voelker von den syrischen, israelitischen, arabischen Nationen. Dies gilt auch von demjenigen semitischen Volke, das mehr als irgendein anderes gegen Westen sich ausgebreitet hat, von den Phoenikern. Ihre Heimat ist der schmale Kuestenstreif zwischen Kleinasien, dem syrischen Hochland und Aegypten, die Ebene genannt, das heisst Kanaan. Nur mit diesem Namen hat die Nation sich selber genannt - noch in der christlichen Zeit nannte der afrikanische Bauer sich einen Kanaaniter; den Hellenen aber hiess Kanaan das “Purpurland” oder auch das “Land der roten Maenner”, Phoenike, und Punier pflegten auch die Italiker, Phoeniker oder Punier pflegen wir noch die Kanaaniter zu heissen. Das Land ist wohl geeignet zum Ackerbau; aber vor allen Dingen sind die vortrefflichen Haefen und der Reichtum an Holz und Metallen dem Handel guenstig, der hier, wo das ueberreiche oestliche Festland hinantritt an die weithin sich ausbreitende insel- und hafenreiche Mittellaendische See, vielleicht zuerst in seiner ganzen Grossartigkeit dem Menschen aufgegangen ist. Was Mut, Scharfsinn und Begeisterung vermoegen, haben die Phoeniker aufgeboten, um dem Handel und was aus ihm folgt, der Schiffahrt, Fabrikation, Kolonisierung, die volle Entwicklung zu geben und Osten und Westen zu vermitteln. In unglaublich frueher Zeit finden wir sie in Kypros und Aegypten, in Griechenland und Sizilien, in Afrika und Spanien, ja sogar auf dem Atlantischen Meer und der Nordsee. Ihr Handelsgebiet reicht von Sierra Leone und Cornwall im Westen bis oestlich zur malabarischen Kueste; durch ihre Haende gehen das Gold und die Perlen des Ostens, der tyrische Purpur, die Sklaven, das Elfenbein, die Loewen- und Pardelfelle aus dem inneren Afrika, der arabische Weihrauch, das Linnen Aegyptens, Griechenlands Tongeschirr und edle Weine, das kyprische Kupfer, das spanische Silber, das englische Zinn, das Eisen von Elba. Jedem Volke bringen die phoenikischen Schiffer, was es brauchen kann oder doch kaufen mag, und ueberall kommen sie herum, um immer wieder zurueckzukehren zu der engen Heimat, an der ihr Herz haengt. Die Phoeniker haben wohl ein Recht, in der Geschichte genannt zu werden neben der hellenischen und der latinischen Nation; aber auch an ihnen und vielleicht an ihnen am meisten bewaehrt es sich, dass das Altertum die Kraefte der Voelker einseitig entwickelte. Die grossartigen und dauernden Schoepfungen, welche auf dem geistigen Gebiete innerhalb des aramaeischen Stammes entstanden sind, gehoeren nicht zunaechst den Phoenikern an; wenn Glauben und Wissen in gewissem Sinn den aramaeischen Nationen vor allen anderen eigen und den Indogermanen erst aus dem Osten zugekommen sind, so hat doch weder die phoenikische Religion noch die phoenikische Wissenschaft und Kunst, soviel wir sehen, jemals unter den aramaeischen einen selbstaendigen Rang eingenommen. Die religioesen Vorstellungen der Phoeniker sind formlos und unschoen, und ihr Gottesdienst schien Luesternheit und Grausamkeit mehr zu naehren als zu baendigen bestimmt; von einer besonderen Einwirkung phoenikischer Religion auf andere Voelker wird wenigstens in der geschichtlich klaren Zeit nichts wahrgenommen. Ebensowenig begegnet eine auch nur der italischen, geschweige denn derjenigen der Mutterlaender der Kunst vergleichbare phoenikische Tektonik oder Plastik. Die aelteste Heimat der wissenschaftlichen Beobachtung und ihrer praktischen Verwertung ist Babylon oder doch das Euphratland gewesen: hier wahrscheinlich folgte man zuerst dem Lauf der Sterne; hier schied und schrieb man zuerst die Laute der Sprache; hier begann der Mensch ueber Zeit und Raum und ueber die in der Natur wirkenden Kraefte zu denken; hierhin fuehren die aeltesten Spuren der Astronomie und Chronologie, des Alphabets, der Masse und Gewichte. Die Phoeniker haben wohl von den kunstreichen und hoch entwickelten babylonischen Gewerken fuer ihre Industrie, von der Sternbeobachtung fuer ihre Schiffahrt, von der Lautschrift und der Ordnung der Masse fuer ihren Handel Vorteil gezogen und manchen wichtigen Keim der Zivilisation mit ihren Waren vertrieben; aber dass das Alphabet oder irgendein anderes jener genialen Erzeugnisse des Menschengeistes ihnen eigentuemlich angehoere, laesst sich nicht erweisen, und was durch sie von religioesen und wissenschaftlichen Gedanken den Hellenen zukam, das haben sie mehr wie der Vogel das Samenkorn als wie der Ackersmann die Saat ausgestreut. Die Kraft die bildungsfaehigen Voelker, mit denen sie sich beruehrten, zu zivilisieren und sich zu assimilieren, wie sie die Hellenen und selbst die Italiker besitzen, fehlte den Phoenikern gaenzlich. Im Eroberungsgebiet der Roemer sind vor der romanischen Zunge die iberischen und die keltischen Sprachen verschollen; die Berber Afrikas reden heute noch dieselbe Sprache wie zu den Zeiten der Hannos und der Barkiden. Aber vor allem mangelt den Phoenikern, wie allen aramaeischen Nationen im Gegensatz zu den indogermanischen, der staatenbildende Trieb, der geniale Gedanke der sich selber regierenden Freiheit. Waehrend der hoechsten Bluete von Sidon und Tyros ist das phoenikische Land der ewige Zankapfel der am Euphrat und am Nil herrschenden Maechte und bald den Assyrern, bald den Aegyptern untertan. Mit der halben Macht haetten hellenische Staedte sich unabhaengig gemacht; aber die vorsichtigen sidonischen Maenner, berechnend, dass die Sperrung der Karawanenstrassen nach dem Osten oder der aegyptischen Haefen ihnen weit hoeher zu stehen komme als der schwerste Tribut, zahlten lieber puenktlich ihre Steuern, wie es fiel nach Ninive oder nach Memphis, und fochten sogar, wenn es nicht anders sein konnte, mit ihren Schiffen die Schlachten der Koenige mit. Und wie die Phoeniker daheim den Druck der Herren gelassen ertrugen, waren sie auch draussen keineswegs geneigt, die friedlichen Bahnen der kaufmaennischen mit der erobernden Politik zu vertauschen. Ihre Niederlassungen sind Faktoreien; es liegt ihnen mehr daran, den Eingeborenen Waren abzunehmen und zuzubringen, als weite Gebiete in fernen Laendern zu erwerben und daselbst die schwere und langsame Arbeit der Kolonisierung durchzufuehren. Selbst mit ihren Konkurrenten vermeiden sie den Krieg; aus Aegypten, Griechenland, Italien, dem oestlichen Sizilien lassen sie fast ohne Widerstand sich verdraengen und in den grossen Seeschlachten, die in frueher Zeit um die Herrschaft im westlichen Mittelmeer geliefert worden sind, bei Alalia (217 537) und Kyme (280 474), sind es die Etrusker, nicht die Phoeniker, die die Schwere des Kampfes gegen die Griechen tragen. Ist die Konkurrenz einmal nicht zu vermeiden, so gleicht man sich aus, so gut es gehen will; es ist nie von den Phoenikern ein Versuch gemacht worden, Caere oder Massalia zu erobern. Noch weniger natuerlich sind die Phoeniker zum Angriffskrieg geneigt. Das einzige Mal, wo sie in der aelteren Zeit offensiv auf dem Kampfplatze erscheinen, in der grossen sizilischen Expedition der afrikanischen Phoeniker, welche mit der Niederlage bei Himera durch Gelon von Syrakus endigte (274 480), sind sie nur als gehorsame Untertanen des Grosskoenigs und um der Teilnahme an dem Feldzug gegen die oestlichen Hellenen auszuweichen, gegen die Hellepen des Westens ausgerueckt; wie denn ihre syrischen Stammgenossen in der Tat in demselben Jahr sich mit den Persern bei Salamis mussten schlagen lassen.
Es ist das nicht Feigheit; die Seefahrt in unbekannten Gewaessern und mit bewaffneten Schiffen fordert tapfere Herzen, und dass diese unter den Phoenikern zu finden waren, haben sie oft bewiesen. Es ist noch weniger Mangel an Zaehigkeit und Eigenartigkeit des Nationalgefuehls; vielmehr haben die Aramaeer mit einer Hartnaeckigkeit, welche kein indogermanisches Volk je erreicht hat und welche uns Okzidentalen bald mehr, bald weniger als menschlich zu sein duenkt, ihre Nationalitaet gegen alle Lockungen der griechischen Zivilisation wie gegen alle Zwangsmittel der orientalischen und okzidentalischen Despoten mit den Waffen des Geistes wie mit ihrem Blute verteidigt. Es ist der Mangel an staatlichem Sinn, der bei dem lebendigsten Stammgefuehl, bei der treuesten Anhaenglichkeit an die Vaterstadt doch das eigenste Wesen der Phoeniker bezeichnet. Die Freiheit lockte sie nicht und es geluestete sie nicht nach der Herrschaft; “ruhig lebten sie”, sagt das Buch der Richter, “nach der Weise der Sidonier, sicher und wohlgemut und im Besitz von Reichtum”.
Unter allen phoenikischen Ansiedlungen gediehen keine schneller und sicherer als die von den Tyriern und Sidoniern an der Suedkueste Spaniens und an der nordafrikanischen gegruendeten, in welche Gegenden weder der Arm des Grosskoenigs noch die gefaehrliche Rivalitaet der griechischen Seefahrer reichte, die Eingeborenen aber den Fremdlingen gegenueberstanden wie in Amerika die Indianer den Europaeern. Unter den zahlreichen und bluehenden phoenikischen Staedten an diesen Gestaden ragte vor allem hervor die “Neustadt”, Karthada oder, wie die Okzidentalen sie nennen, Karchedon oder Karthago. Nicht die frueheste Niederlassung der Phoeniker in dieser Gegend und urspruenglich vielleicht schutzbefohlene Stadt des nahen Utica, der aeltesten Phoenikerstadt in Libyen, ueberfluegelte sie bald ihre Nachbarn, ja die Heimat selbst durch die unvergleichlich guenstige Lage und die rege Taetigkeit ihrer Bewohner. Gelegen unfern der (ehemaligen) Muendung des Bagradas (Medscherda), der die reichste Getreidelandschaft Nordafrikas durchstroemt, auf einer fruchtbaren noch heute mit Landhaeusern besetzten und mit Oliven- und Orangenwaeldern bedeckten Anschwellung des Bodens, der gegen die Ebene sanft sich abdacht und an der Seeseite als meerumflossenes Vorgebirg endigt, inmitten des grossen Hafens von Nordafrika, des Golfes von Tunis, da wo dies schoene Bassin den besten Ankergrund fuer groessere Schiffe und hart am Strande trinkbares Quellwasser darbietet, ist dieser Platz fuer Ackerbau und Handel und die Vermittlung beider so einzig guenstig, dass nicht bloss die tyrische Ansiedlung daselbst die erste phoenikische Kaufstadt ward, sondern auch in der roemischen Zeit Karthago, kaum wiederhergestellt, die dritte Stadt des Kaiserreichs wurde und noch heute unter nicht guenstigen Verhaeltnissen und an einer weit weniger gut gewaehlten Stelle dort eine Stadt von hunderttausend Einwohnern besteht und gedeiht. Die agrikole, merkantile, industrielle Bluete einer Stadt in solcher Lage und mit solchen Bewohnern erklaert sich selbst; wohl aber fordert die Frage eine Antwort, auf welchem Weg diese Ansiedlung zu einer politischen Machtentwicklung gelangte, wie sie keine andere phoenikische Stadt besessen hat.
Dass der phoenikische Stamm seine politische Passivitaet auch in Karthago nicht verleugnet hat, dafuer fehlt es keineswegs an Beweisen. Karthago bezahlte bis in die Zeiten seiner Bluete hinab fuer den Boden, den die Stadt einnahm, Grundzins an die einheimischen Berber, den Stamm der Maxyer oder Maxitaner; und obwohl das Meer und die Wueste die Stadt hinreichend schuetzten vor jedem Angriff der oestlichen Maechte, scheint Karthago doch die Herrschaft des Grosskoenigs wenn auch nur dem Namen nach anerkannt und ihm gelegentlich gezinst zu haben, um sich die Handelsverbindungen mit Tyros und dem Osten zu sichern.
Aber bei allem guten Willen, sich zu fuegen und zu schmiegen, traten doch Verhaeltnisse ein, die diese Phoeniker in eine energischere Politik draengten. Vor dem Strom der hellenischen Wanderung, der sich unaufhaltsam gegen Westen ergoss, der die Phoeniker schon aus dem eigentlichen Griechenland und von Italien verdraengt hatte und eben sich anschickte, in Sizilien, in Spanien, ja in Libyen selbst das gleiche zu tun, mussten die Phoeniker doch irgendwo standhalten, wenn sie nicht gaenzlich sich wollten erdruecken lassen. Hier, wo sie mit griechischen Kaufleuten und nicht mit dem Grosskoenig zu tun hatten, genuegte es nicht, sich zu unterwerfen, um gegen Schoss und Zins Handel und Industrie in alter Weise fortzufuehren. Schon waren Massalia und Kyrene gegruendet; schon das ganze oestliche Sizilien in den Haenden der Griechen; es war fuer die Phoeniker die hoechste Zeit zu ernstlicher Gegenwehr. Die Karthager nahmen sie auf; in langen und hartnaeckigen Kriegen setzten sie dem Vordringen der Kyrenaeer eine Grenze und der Hellenismus vermochte nicht sich westwaerts der Wueste von Tripolis festzusetzen. Mit karthagischer Hilfe erwehrten ferner die phoenikischen Ansiedler auf der westlichen Spitze Siziliens sich der Griechen und begaben sich gern und freiwillig in die Klientel der maechtigen stammverwandten Stadt. Diese wichtigen Erfolge, die ins zweite Jahrhundert Roms fallen und die den suedwestlichen Teil des Mittelmeers den Phoenikern retteten, gaben der Stadt, die sie erfochten hatte, von selbst die Hegemonie der Nation und zugleich eine veraenderte politische Stellung. Karthago war nicht mehr eine blosse Kaufstadt; sie zielte nach der Herrschaft ueber Libyen und ueber einen Teil des Mittelmeers, weil sie es musste. Wesentlich trug wahrscheinlich bei zu diesen Erfolgen das Aufkommen der Soeldnerei, die in Griechenland etwa um die Mitte des vierten Jahrhunderts der Stadt in Uebung kam, bei den Orientalen aber, namentlich bei den Karern weit aelter ist und vielleicht eben durch die Phoeniker emporkam. Durch das auslaendische Werbesystem ward der Krieg zu einer grossartigen Geldspekulation, die eben recht im Sinn des phoenikischen Wesens ist.
Es war wohl erst die Rueckwirkung dieser auswaertigen Erfolge, welche die Karthager veranlasste, in Afrika von Miet- und Bitt- zum Eigenbesitz und zur Eroberung ueberzugehen. Erst um 300 Roms (450) scheinen die karthagischen Kaufleute sich des Bodenzinses entledigt zu haben, den sie bisher den Einheimischen hatten entrichten muessen. Dadurch ward eine eigene Ackerwirtschaft im grossen moeglich. Von jeher hatten die Phoeniker es sich angelegen sein lassen, ihre Kapitalien auch als Grundbesitzer zu nutzen und den Feldbau im grossen Massstab zu betreiben durch Sklaven oder gedungene Arbeiter; wie denn ein grosser Teil der Juden in dieser Art den tyrischen Kaufherren um Tagelohn dienstbar war. Jetzt konnten die Karthager unbeschraenkt den reichen libyschen Boden ausbeuten durch ein System, das dem der heutigen Plantagenbesitzer verwandt ist: gefesselte Sklaven bestellten das Land - wir finden, dass einzelne Buerger deren bis zwanzigtausend besassen. Man ging weiter. Die ackerbauenden Doerfer der Umgegend - der Ackerbau scheint bei den Libyern sehr frueh und wahrscheinlich schon vor der phoenikischen Ansiedlung, vermutlich von Aegypten aus, eingefuehrt zu sein - wurden mit Waffengewalt unterworfen und die freien libyschen Bauern umgewandelt in Fellahs, die ihren Herren den vierten Teil der Bodenfruechte als Tribut entrichteten und zur Bildung eines eigenen karthagischen Heeres einem regelmaessigen Rekrutierungssystem unterworfen wurden. Mit den schweifenden Hirtenstaemmen (νομάδες) an den Grenzen waehrten die Fehden bestaendig; indes sicherte eine verschanzte Postenkette das befriedete Gebiet und langsam wurden jene zurueckgedraengt in die Wuesten und Berge oder gezwungen, die karthagische Oberherrschaft anzuerkennen, Tribut zu zahlen und Zuzug zu stellen. Um die Zeit des Ersten Punischen Krieges ward ihre grosse Stadt Theveste (Tebessa, an den Quellen des Medscherda) von den Karthagern erobert. Dies sind die “Staedte und Staemme (έθνη) der Untertanen”, die in den karthagischen Staatsvertraegen erscheinen; jenes die unfreien libyschen Doerfer, dieses die untertaenigen Nomaden.
Hierzu kam endlich die Herrschaft Karthagos ueber die uebrigen Phoeniker in Afrika oder die sogenannten Libyphoeniker. Es gehoerten zu diesen teils die von Karthago aus an die ganze afrikanische Nord- und einen Teil der Nordwestkueste gefuehrten kleineren Ansiedelungen, die nicht unbedeutend gewesen sein koennen, da allein am Atlantischen Meer auf einmal 30000 solcher Kolonisten sesshaft gemacht wurden, teils die besonders an der Kueste der heutigen Provinz Constantine und des Beylik von Tunis zahlreichen altphoenikischen Niederlassungen, zum Beispiel Hippo, spaeter regius zugenannt (Bona), Hadrumetum (Susa), Klein-Leptis (suedlich von Susa) - die zweite Stadt der afrikanischen Phoeniker -, Thapsus (ebendaselbst), Gross-Leptis (Lebda westlich von Tripolis). Wie es gekommen ist, dass sich all diese Staedte unter karthagische Botmaessigkeit begaben, ob freiwillig, etwa um sich zu schirmen vor den Angriffen der Kyrenaeer und Numidier, oder gezwungen, ist nicht mehr nachzuweisen; sicher aber ist es, dass sie als Untertanen der Karthager selbst in offiziellen Aktenstuecken bezeichnet werden, ihre Mauern hatten niederreissen muessen und Steuer und Zuzug nach Karthago zu leisten hatten. Indes waren sie weder der Rekrutierung noch der Grundsteuer unterworfen, sondern leisteten ein Bestimmtes an Mannschaft und Geld, Klein-Leptis zum Beispiel jaehrlich die ungeheure Summe von 465 Talenten (574000 Taler); ferner lebten sie nach gleichem Recht mit den Karthagern und konnten mit ihnen in gleiche Ehe treten ^1. Einzig Utica war, wohl weniger durch seine Macht als durch die Pietaet der Karthager gegen ihre alten Beschuetzer, dem gleichen Schicksal entgangen und hatte seine Mauern und seine Selbstaendigkeit bewahrt; wie denn die Phoeniker fuer solche Verhaeltnisse eine merkwuerdige, von der griechischen Gleichgueltigkeit wesentlich abstechende Ehrfurcht hegten. Selbst im auswaertigen Verkehr sind es stets “Karthago und Utica”, die zusammen festsetzen und versprechen; was natuerlich nicht ausschliesst, dass die weit groessere Neustadt der Tat nach auch ueber Utica die Hegemonie behauptete. So ward aus der tyrischen Faktorei die Hauptstadt eines maechtigen nordafrikanischen Reiches, das von der tripolitanischen Wueste sich erstreckte bis zum Atlantischen Meer, im westlichen Teil (Marokko und Algier) zwar mit zum Teil oberflaechlicher Besetzung der Kuestensaeume sich begnuegend, aber in dem reicheren oestlichen, den heutigen Distrikten von Constantine und Tunis, auch das Binnenland beherrschend und seine Grenze bestaendig weiter gegen Sueden vorschiebend; die Karthager waren, wie ein alter Schriftsteller bezeichnend sagt, aus Tyriern Libyer geworden. Die phoenikische Zivilisation herrschte in Libyen aehnlich wie in Kleinasien und Syrien die griechische nach den Zuegen Alexanders, wenn auch nicht mit gleicher Gewalt. An den Hoefen der Nomadenscheichs ward phoenikisch gesprochen und geschrieben und die zivilisierteren einheimischen Staemme nahmen fuer ihre Sprache das phoenikische Alphabet an ^2; sie vollstaendig zu phoenikisieren lag indes weder im Geiste der Nation noch in der Politik Karthagos.
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^1 Die schaerfste Bezeichnung dieser wichtigen Klasse findet sich in dem karthagischen Staatsvertrag (Polyb. 7, 9), wo sie im Gegensatz einerseits zu den Uticensern, anderseits zu den libyschen Untertanen heissen: οι Καρχ ηδονίων ύπαρχη όσοι τοίς αυτοίς νόμοις χρώνται. Sonst heissen sie auch Bundes- συμμαχίδες πόλεις Diod. 20, 10) oder steuerpflichtige Staedte (Liv. 34, 62; Iust. 22, 7, 3). Ihr Conubium mit den Karthagern erwaehnt Diodoros 20, 55; das Commercium folgt aus den “gleichen Gesetzen”. Dass die altphoenikischen Kolonien zu den Libyphoenikern gehoeren, beweist die Bezeichnung Hippos als einer libyphoenikischen Stadt (Liv. 25, 40); anderseits heisst es hinsichtlich der von Karthago aus gegruendeten Ansiedlungen zum Beispiel im Periplus des Hanno: “Es beschlossen die Karthager, dass Hanno jenseits der Saeulen des Herkules schiffe und Staedte der Libyphoeniker gruende”. Im wesentlichen bezeichnen die Libyphoeniker bei den Karthagern nicht eine nationale, sondern eine staatsrechtliche Kategorie. Damit kann es recht wohl bestehen, dass der Name grammatisch die mit Libyern gemischten Phoeniker bezeichnet (Liv. 21, 22, Zusatz zum Text des Polybios); wie denn in der Tat wenigstens bei der Anlage sehr exponierter Kolonien den Phoenikern haeufig Libyer beigegeben wurden (Diod. 13, 79; Cic. Scaur. 42). Die Analogie im Namen und im Rechtsverhaeltnis zwischen den Latinern Roms und den Libyphoenikern Karthagos ist unverkennbar.
^2 Das libysche oder numidische Alphabet, das heisst dasjenige, womit die Berber ihre nichtsemitische Sprache schrieben und schreiben, eines der zahllosen aus dem aramaeischen Uralphabet abgeleiteten, scheint allerdings diesem in einzelnen Formen naeher zu stehen als das phoenikische; aber es folgt daraus noch keineswegs, dass die Libyer die Schrift nicht von den Phoenikern, sondern von aelteren Einwanderern erhielten, so wenig als die teilweise aelteren Formen der italischen Alphabete diese aus dem griechischen abzuleiten verbieten. Vielmehr wird die Ableitung des libyschen Alphabets aus dem phoenikischen einer Periode des letzteren angehoeren, welche aelter ist als die, in der die auf uns gekommenen Denkmaeler der phoenikischen Sprache geschrieben wurden.
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Die Epoche, in der diese Umwandlung Karthagos in die Hauptstadt von Libyen stattgefunden hat, laesst sich um so weniger bestimmen, als die Veraenderung ohne Zweifel stufenweise erfolgt ist. Der eben erwaehnte Schriftsteller nennt als den Reformator der Nation den Hanno; wenn dies derselbe ist, der zur Zeit des ersten Krieges mit Rom lebte, so kann er nur als Vollender des neuen Systems angesehen werden, dessen Durchfuehrung vermutlich das vierte und fuenfte Jahrhundert Roms ausgefuellt hat.
Mit dem Aufbluehen Karthagos Hand in Hand ging das Sinken der grossen phoenikischen Staedte in der Heimat, von Sidon und besonders von Tyros, dessen Bluete teils infolge innerer Bewegungen, teils durch die Drangsale von aussen, namentlich die Belagerungen durch Salmanassar im ersten, Nabukodrossor im zweiten, Alexander im fuenften Jahrhundert Roms zugrunde gerichtet ward. Die edlen Geschlechter und die alten Firmen von Tyros siedelten groesstenteils ueber nach der gesicherten und bluehenden Tochterstadt und brachten dorthin ihre Intelligenz, ihre Kapitalien und ihre Traditionen. Als die Phoeniker mit Rom in Beruehrung kamen, war Karthago ebenso entschieden die erste kanaanitische Stadt wie Rom die erste der latinischen Gemeinden.
Aber die Herrschaft ueber Libyen war nur die eine Haelfte der karthagischen Macht; ihre See- und Kolonialherrschaft hatte gleichzeitig nicht minder gewaltig sich entwickelt.
In Spanien war der Hauptplatz der Phoeniker die uralte tyrische Ansiedlung in Gades (Cadiz); ausserdem besassen sie westlich und oestlich davon eine Kette von Faktoreien und im Innern das Gebiet der Silbergruben, so dass sie etwa das heutige Andalusien und Granada oder doch wenigstens die Kueste davon innehatten. Das Binnenland den einheimischen kriegerischen Nationen abzugewinnen war man nicht bemueht; man begnuegte sich mit dem Besitz der Bergwerke und der Stationen fuer den Handel und fuer den Fisch- und Muschelfang und hatte Muehe auch nur hier sich gegen die anwohnenden Staemme zu behaupten. Es ist wahrscheinlich, dass diese Besitzungen nicht eigentlich karthagisch waren, sondern tyrisch, und Gades nicht mitzaehlte unter den tributpflichtigen Staedten Karthagos; doch stand es wie alle westlichen Phoeniker tatsaechlich unter karthagischer Hegemonie, wie die von Karthago den Gaditanern gegen die Eingeborenen gesandte Hilfe und die Anlegung karthagischer Handelsniederlassungen westlich von Gades beweist. Ebusus und die Balearen wurden dagegen von den Karthagern selbst in frueher Zeit besetzt, teils der Fischereien wegen, teils als Vorposten gegen die Massalioten, mit denen von hier aus die heftigsten Kaempfe gefuehrt wurden.
Ebenso setzten die Karthager schon am Ende des zweiten Jahrhunderts Roms sich fest auf Sardinien, welches ganz in derselben Art wie Libyen von ihnen ausgebeutet ward. Waehrend die Eingeborenen sich in dem gebirgigen Innern der Insel der Verknechtung zur Feldsklaverei entzogen wie die Numidier in Afrika an dem Saum der Wueste, wurden nach Karalis (Cagliari) und anderen wichtigen Punkten phoenikische Kolonien gefuehrt und die fruchtbaren Kuestenlandschaften durch eingefuehrte libysche Ackerbauern verwertet.
In Sizilien endlich war zwar die Strasse von Messana und die groessere oestliche Haelfte der Insel in frueher Zeit den Griechen in die Haende gefallen; allein den Phoenikern blieben unter dem Beistand der Karthager teils die kleineren Inseln in der Naehe, die Aegaten, Melite, Gaulos, Kossyra, unter denen namentlich die Ansiedlung auf Malta reich und bluehend war, teils die West- und Nordwestkueste Siziliens, wo sie von Motye, spaeter von Lilybaeon aus die Verbindung mit Afrika, von Panormos und Soloeis aus die mit Sardinien unterhielten. Das Innere der Insel blieb in dem Besitz der Eingeborenen, der Elymer, Sikaner, Sikeler. Es hatte sich in Sizilien, nachdem das weitere Vordringen der Griechen gebrochen war, ein verhaeltnismaessig friedlicher Zustand hergestellt, den selbst die von den Persern veranlasste Heerfahrt der Karthager gegen ihre griechischen Nachbarn auf der Insel (274 480) nicht auf die Dauer unterbrach und der im ganzen fortbestand bis auf die attische Expedition nach Sizilien (339-341 415-413). Die beiden rivalisierenden Nationen bequemten sich, einander zu dulden, und beschraenkten sich im wesentlichen jede auf ihr Gebiet.
Alle diese Niederlassungen und Besitzungen waren an sich wichtig genug; allein noch von weit groesserer Bedeutung insofern, als sie die Pfeiler der karthagischen Seeherrschaft wurden. Durch den Besitz Suedspaniens, der Balearen, Sardiniens, des westlichen Sizilien und Melites in Verbindung mit der Verhinderung hellenischer Kolonisierung, sowohl an der spanischen Ostkueste als auf Korsika und in der Gegend der Syrten machten die Herren der nordafrikanischen Kueste ihre See zu einer geschlossenen und monopolisierten die westliche Meerenge. Nur das Tyrrhenische und gallische Meer mussten die Phoeniker mit andern Nationen teilen. Es war dies allenfalls zu ertragen, solange die Etrusker und die Griechen sich hier das Gleichgewicht hielten; mit den ersteren als den minder gefaehrlichen Nebenbuhlern trat Karthago sogar gegen die Griechen in Buendnis. Indes als nach dem Sturz der etruskischen Macht, den, wie es zu gehen pflegt bei derartigen Notbuendnissen, Karthago wohl schwerlich mit aller Macht abzuwenden bestrebt gewesen war, und nach der Vereitelung der grossen Entwuerfe des Alkibiades Syrakus unbestritten dastand als die erste griechische Seemacht, fingen begreiflicherweise nicht nur die Herren von Syrakus an, nach der Herrschaft ueber Sizilien und Unteritalien und zugleich ueber das Tyrrhenische und Adriatische Meer zu streben, sondern wurden auch die Karthager gewaltsam in eine energischere Politik gedraengt. Das naechste Ergebnis der langen und hartnaeckigen Kaempfe zwischen ihnen und ihrem ebenso maechtigen als schaendlichen Gegner Dionysios von Syrakus (348-389 406-365) war die Vernichtung oder Schwaechung der sizilischen Mittelstaaten, die im Interesse beider Parteien lag und die Teilung der Insel zwischen den Syrakusanern und den Karthagern. Die bluehendsten Staedte der Insel: Selinus, Himera, Akragas, Gela, Messana, wurden im Verlauf dieser heillosen Kaempfe von den Karthagern von Grund aus zerstoert; nicht ungern sah Dionysios, wie das Hellenentum hier zugrunde ging oder doch geknickt ward, um sodann, gestuetzt auf die fremden, aus Italien, Gallien und Spanien angeworbenen Soeldner, die veroedeten oder mit Militaerkolonien belegten Landschaften desto sicherer zu beherrschen. Der Friede, der nach des karthagischen Feldherrn Mago Sieg bei Kronion 371 (383) abgeschlossen ward und den Karthagern die griechischen Staedte Thermae (das alte Himera), Egesta, Herakleia Minoa, Selinus und einen Teil des Gebietes von Akragas bis an den Halykos unterwarf, galt den beiden um den Besitz der Insel ringenden Maechten nur als vorlaeufiges Abkommen; immer von neuem wiederholten sich beiderseits die Versuche, den Nebenbuhler ganz zu verdraengen. Viermal - zur Zeit des aelteren Dionysios 360 (394), in der Timoleons 410 (344), in der des Agathokles 445 (309), in der pyrrhischen 476 (278) - waren die Karthager Herren von ganz Sizilien bis auf Syrakus und scheiterten an dessen festen Mauern; fast ebenso oft schienen die Syrakusaner unter tuechtigen Fuehrern, wie der aeltere Dionysios, Agathokles und Pyrrhos waren, ihrerseits ebenso nahe daran, die Afrikaner von der Insel zu verdraengen. Mehr und mehr aber neigte sich das Uebergewicht auf die Seite der Karthager, von denen regelmaessig der Angriff ausging und die, wenn sie auch nicht mit roemischer Stetigkeit ihr Ziel verfolgten, doch mit weit groesserer Planmaessigkeit und Energie den Angriff betrieben als die von Parteien zerrissene und abgehetzte Griechenstadt die Verteidigung. Mit Recht durften die Phoeniker erwarten, dass nicht immer eine Pest oder ein fremder Condottiere die Beute ihnen entreissen wuerde; und vorlaeufig war wenigstens zur See der Kampf schon entschieden: Pyrrhos’ Versuch, die syrakusanische Flotte wiederherzustellen, war der letzte. Nachdem dieser gescheitert war, beherrschte die karthagische Flotte ohne Nebenbuhler das ganze westliche Mittelmeer; und ihre Versuche, Syrakus, Rhegion, Tarent zu besetzen, zeigten, was man vermochte und wohin man zielte. Hand in Hand damit ging das Bestreben, den Seehandel dieser Gegend immer mehr sowohl dem Ausland wie den eigenen Untertanen gegenueber zu monopolisieren; und es war nicht karthagische Art, vor irgendeiner zum Zwecke fuehrenden Gewaltsamkeit zurueckzuscheuen. Ein Zeitgenosse der Punischen Kriege, der Vater der Geographie Eratosthenes (479-560 275-194), bezeugt es, dass jeder fremde Schiffer, welcher nach Sardinien oder nach der Gaditanischen Strasse fuhr, wenn er den Karthagern in die Haende fiel, von ihnen ins Meer gestuerzt ward; und damit stimmt es voellig ueberein, dass Karthago den roemischen Handelsschiffen die spanischen, sardinischen und libyschen Haefen durch den Vertrag vom Jahre 406 (348) freigab, dagegen durch den vom Jahre 448 (306) sie ihnen mit Ausnahme des eigenen karthagischen saemtlich schloss.
Die Verfassung Karthagos bezeichnet Aristoteles, der etwa fuenfzig Jahre vor dein Anfang des Ersten Punischen Krieges starb, als uebergegangen aus der monarchischen in eine Aristokratie oder in eine zur Oligarchie sich neigende Demokratie; denn mit beiden Namen benennt er sie. Die Leitung der Geschaefte stand zunaechst bei dem Rat der Alten, welcher gleich der spartanischen Gerusia bestand aus den beiden jaehrlich von der Buergerschaft ernannten Koenigen und achtundzwanzig Gerusiasten, die auch, wie es scheint, Jahr fuer Jahr von der Buergerschaft erwaehlt wurden. Dieser Rat ist es, der im wesentlichen die Staatsgeschaefte erledigt, zum Beispiel die Einleitungen zum Kriege trifft, die Aushebungen und Werbungen anordnet, den Feldherrn ernennt und ihm eine Anzahl Gerusiasten beiordnet, aus denen dann regelmaessig die Unterbefehlshaber genommen werden; an ihn werden die Depeschen adressiert. Ob neben diesem kleinen Rat noch ein grosser stand, ist zweifelhaft; auf keinen Fall hatte er viel zu bedeuten. Ebensowenig scheint den Koenigen ein besonderer Einfluss zugestanden zu haben; hauptsaechlich funktionierten sie als Oberrichter, wie sie nicht selten auch heissen (Schofeten, praetores). Groesser war die Gewalt des Feldherrn; Isokrates, Aristoteles’ aelterer Zeitgenosse, sagt, dass die Karthager sich daheim oligarchisch, im Felde aber monarchisch regierten und so mag das Amt des karthagischen Feldherrn mit Recht von roemischen Schriftstellern als Diktatur bezeichnet werden, obgleich die ihm beigegebenen Gerusiasten tatsaechlich wenigstens seine Macht beschraenken mussten, und ebenso nach Niederlegung des Amtes ihn eine den Roemern unbekannte ordentliche Rechenschaftslegung erwartete. Eine feste Zeitgrenze bestand fuer das Amt des Feldherrn nicht, und es ist derselbe also schon deshalb vom Jahrkoenig unzweifelhaft verschieden gewesen, von dem ihn auch Aristoteles ausdruecklich unterscheidet; doch war die Vereinigung mehrerer Aemter in einer Person bei den Karthagern ueblich, und so kann es nicht befremden, dass oft derselbe Mann zugleich als Feldherr und als Schofet erscheint.
Aber ueber der Gerusia und ueber den Beamten stand die Koerperschaft der Hundertvier-, kuerzer Hundertmaenner oder der Richter, das Hauptbollwerk der karthagischen Oligarchie. In der urspruenglichen karthagischen Verfassung fand sie sich nicht, sondern sie war gleich dem spartanischen Ephorat hervorgegangen aus der aristokratischen Opposition gegen die monarchischen Elemente derselben. Bei der Kaeuflichkeit der Aemter und der geringen Mitgliederzahl der hoechsten Behoerde drohte eine einzige durch Reichtum und Kriegsruhm vor allen hervorleuchtende karthagische Familie, das Geschlecht des Mago, die Verwaltung in Krieg und Frieden und die Rechtspflege in ihren Haenden zu vereinigen; dies fuehrte ungefaehr um die Zeit der Dezemvirn zu einer Aenderung der Verfassung und zur Einsetzung dieser neuen Behoerde. Wir wissen, dass die Bekleidung der Quaestur ein Anrecht gab zum Eintritt in die Richterschaft, dass aber dennoch der Kandidat einer Wahl unterlag durch gewisse sich selbst ergaenzende Fuenfmaennerschaften; ferner dass die Richter, obwohl sie rechtlich vermutlich von Jahr zu Jahr gewaehlt wurden, doch tatsaechlich laengere Zeit, ja lebenslaenglich im Amt blieben, weshalb sie bei den Roemern und Griechen gewoehnlich Senatoren genannt werden. So dunkel das einzelne ist, so klar erkennt man das Wesen der Behoerde als einer aus aristokratischer Kooptation hervorgehenden oligarchischen; wovon eine vereinzelte, aber charakteristische Spur ist, dass in Karthago neben dem gemeinen Buerger- ein eigenes Richterbad bestand. Zunaechst waren sie bestimmt zu fungieren als politische Geschworene, die namentlich die Feldherren, aber ohne Zweifel vorkommendenfalls auch die Schofeten und Gerusiasten nach Niederlegung ihres Amtes zur Verantwortung zogen und nach Gutduenken, oft in ruecksichtslos grausamer Weise, selbst mit dem Tode bestraften. Natuerlich ging hier wie ueberall, wo die Verwaltungsbehoerden unter Kontrolle einer anderen Koerperschaft gestellt werden, der Schwerpunkt der Macht ueber von der kontrollierten auf die kontrollierende Behoerde; und es begreift sich leicht, teils dass die letztere allenthalben in die Verwaltung eingriff, wie denn zum Beispiel die Gerusia wichtige Depeschen erst den Richtern vorlegt und dann dem Volke, teils dass die Furcht vor der regelmaessig nach dem Erfolg abgemessenen Kontrolle daheim den karthagischen Staatsmann wie den Feldherrn in Rat und Tat laehmte.
Die karthagische Buergerschaft scheint, wenn auch nicht wie in Sparta ausdruecklich auf die passive Assistenz bei den Staatshandlungen beschraenkt, doch tatsaechlich dabei nur in einem sehr geringen Grade von Einfluss gewesen zu sein. Bei den Wahlen in die Gerusia war ein offenkundiges Bestechungssystem Regel; bei der Ernennung eines Feldherrn wurde das Volk zwar befragt, aber wohl erst, wenn durch Vorschlag der Gerusia der Sache nach die Ernennung erfolgt war; und in anderen Faellen ging man nur an das Volk, wenn die Gerusia es fuer gut fand oder sich nicht einigen konnte. Volksgerichte kannte man in Karthago nicht. Die Machtlosigkeit der Buergerschaft ward wahrscheinlich wesentlich durch ihre politische Organisierung bedingt; die karthagischen Tischgenossenschaften, die hierbei genannt und den spartanischen Pheiditien verglichen werden, moegen oligarchisch geleitete Zuenfte gewesen sein. Sogar ein Gegensatz zwischen “Stadtbuergern” und “Handarbeitern” wird erwaehnt, der auf eine sehr niedrige, vielleicht rechtlose Stellung der letzteren schliessen laesst.
Fassen wir die einzelnen Momente zusammen, so erscheint die karthagische Verfassung als ein Kapitalistenregiment, wie es begreiflich ist bei einer Buergergemeinde ohne wohlhabende Mittelklasse und bestehend einerseits aus einer besitzlosen, von der Hand in den Mund lebenden staedtischen Menge, anderseits aus Grosshaendlern, Plantagenbesitzern und vornehmen Voegten. Das System, die heruntergekommenen Herren auf Kosten der Untertanen wieder zu Vermoegen zu bringen, indem sie als Schatzungsbeamte und Fronvoegte in die abhaengigen Gemeinden ausgesendet werden, dieses unfehlbare Kennzeichen einer verrotteten staedtischen Oligarchie, fehlt auch in Karthago nicht; Aristoteles bezeichnet es als die wesentliche Ursache der erprobten Dauerhaftigkeit der karthagischen Verfassung. Bis auf seine Zeit hatte in Karthago weder von oben noch von unten eine nennenswerte Revolution stattgefunden; die Menge blieb fuehrerlos infolge der materiellen Vorteile, welche die regierende Oligarchie allen ehrgeizigen oder bedraengten Vornehmen zu bieten imstande war und ward abgefunden mit den Brosamen, die in Form der Wahlbestechung oder sonst von dem Herrentisch fuer sie abfielen. Eine demokratische Opposition konnte freilich bei solchem Regiment nicht mangeln; aber noch zur Zeit des Ersten Punischen Krieges war dieselbe voellig machtlos. Spaeterhin, zum Teil unter dem Einfluss der erlittenen Niederlagen, erscheint ihr politischer Einfluss im Steigen und in weit rascherem, als gleichzeitig der der gleichartigen roemischen Partei: die Volksversammlungen begannen in politischen Fragen die letzte Entscheidung zu geben und brachen die Allmacht der karthagischen Oligarchie. Nach Beendigung des Hannibalischen Krieges ward auf Hannibals Vorschlag sogar durchgesetzt, dass kein Mitglied des Rates der Hundert zwei Jahre nacheinander im Amte sein koenne und damit die volle Demokratie eingefuehrt, welche allerdings nach der Lage der Dinge allein Karthago zu retten vermochte, wenn es dazu ueberhaupt noch Zeit war. In dieser Opposition herrschte ein maechtiger patriotischer und reformierender Schwung; doch darf darueber nicht uebersehen werden, auf wie fauler und morscher Grundlage sie ruhte. Die karthagische Buergerschaft, die von kundigen Griechen der alexandrinischen verglichen wird, war so zuchtlos, dass sie insofern es wohl verdient hatte, machtlos zu sein; und wohl durfte gefragt werden, was da aus Revolutionen fuer Heil kommen solle, wo, wie in Karthago, die Buben sie machen halfen.
In finanzieller Hinsicht behauptet Karthago in jeder Beziehung unter den Staaten des Altertums den ersten Platz. Zur Zeit des Peloponnesischen Krieges war diese phoenikische Stadt nach dem Zeugnis des ersten Geschichtschreibers der Griechen allen griechischen Staaten finanziell ueberlegen und werden ihre Einkuenfte denen des Grosskoenigs verglichen; Polybios nennt sie die reichste Stadt der Welt. Von der Intelligenz der karthagischen Landwirtschaft, welche Feldherren und Staatsmaenner dort wie spaeter in Rom wissenschaftlich zu betreiben und zu lehren nicht verschmaehten, legt ein Zeugnis ab die agronomische Schrift des Karthagers Mago, welche von den spaeteren griechischen und roemischen Landwirten durchaus als der Grundkodex der rationellen Ackerwirtschaft betrachtet und nicht bloss ins Griechische uebersetzt, sondern auch auf Befehl des roemischen Senats lateinisch bearbeitet und den italischen Gutsbesitzern offiziell anempfohlen ward. Charakteristisch ist die enge Verbindung dieser phoenikischen Acker- mit der Kapitalwirtschaft; es wird als eine Hauptmaxime der phoenikischen Landwirtschaft angefuehrt, nie mehr Land zu erwerben, als man intensiv zu bewirtschaften vermoege. Auch der Reichtum des Landes an Pferden, Rindern, Schafen und Ziegen, worin Libyen infolge seiner Nomadenwirtschaft es nach Polybios’ Zeugnis vielleicht allen uebrigen Laendern der Erde damals zuvortat, kam den Karthagern zugute. Wie in der Ausnutzung des Bodens die Karthager die Lehrmeister der Roemer waren, wurden sie es auch in der Ausbeutung der Untertanen; durch diese floss nach Karthago mittelbar die Grundrente “des besten Teils von Europa” und der reichen, zum Teil, zum Beispiel in der Byzakitis und an der Kleinen Syrte, ueberschwenglich gesegneten nordafrikanischen Landschaft. Der Handel, der in Karthago von jeher als ehrenhaftes Gewerbe galt, und die auf Grund des Handels aufbluehende Reederei und Fabrikation brachten schon im natuerlichen Laufe der Dinge den dortigen Ansiedlern jaehrlich goldene Ernten, und es ist frueher schon bezeichnet worden, wie man durch ausgedehnte und immer gesteigerte Monopolisierung nicht bloss aus dem Aus-, sondern auch aus dem Inland allen Handel des westlichen Mittelmeeres und den ganzen Zwischenhandel zwischen dem Westen und Osten mehr und mehr in diesem einzigen Hafen zu konzentrieren verstand. Wissenschaft und Kunst scheinen in Karthago, wie spaeterhin in Rom, zwar wesentlich durch hellenischen Einfluss bestimmt, aber nicht vernachlaessigt worden zu sein; es gab eine ansehnliche phoenikische Literatur und bei Eroberung der Stadt fanden sich reiche, freilich nicht in Karthago geschaffene, sondern aus den sizilischen Tempeln weggefuehrte Kunstschaetze und betraechtliche Bibliotheken vor. Aber auch der Geist stand hier im Dienste des Kapitals; was von der Literatur hervorgehoben wird, sind vornehmlich die agronomischen und geographischen Schriften, wie das schon erwaehnte Werk des Mago und der noch in Uebersetzung vorhandene, urspruenglich in einem der karthagischen Tempel oeffentlich aufgestellte Bericht des Admirals Hanno von seiner Beschiffung der westafrikanischen Kueste. Selbst die allgemeine Verbreitung gewisser Kenntnisse und besonders der Kunde fremder Sprachen ^3, worin das Karthago dieser Zeit ungefaehr mit dem kaiserlichen Rom auf einer Linie gestanden haben mag, zeugt von der durchaus praktischen Richtung, welche der hellenischen Bildung in Karthago gegeben ward. Wenn es schlechterdings unmoeglich ist, von der Kapitalmasse sich eine Vorstellung zu machen, die in diesem London des Altertums zusammenstroemte, so kann wenigstens von den oeffentlichen Einnahmequellen einigermassen einen Begriff geben, dass trotz des kostspieligen Systems, nach dem Karthago sein Kriegswesen organisiert hatte, und trotz der sorg- und treulosen Verwaltung des Staatsguts dennoch die Beisteuern der Untertanen und die Zollgefaelle die Ausgaben vollstaendig deckten und von den Buergern direkte Steuern nicht erhoben wurden; ja dass noch nach dem Zweiten Punischen Kriege, als die Macht des Staates schon gebrochen war, die laufenden Ausgaben und eine jaehrliche Abschlagszahlung nach Rom von 340000 Talern ohne Steuerausschreibung bloss durch eine einigermassen geregelte Finanzwirtschaft gedeckt werden konnten und vierzehn Jahre nach dem Frieden der Staat zur sofortigen Erlegung der noch uebrigen sechsunddreissig Termine sich erbot. Aber es ist nicht bloss die Summe der Einkuenfte, in der sich die Ueberlegenheit der karthagischen Finanzwirtschaft ausspricht; auch die oekonomischen Grundsaetze einer spaeteren und vorgeschritteneren Zeit finden wir hier allein unter allen bedeutenderen Staaten des Altertums: es ist von auslaendischen Staatsanleihen die Rede, und im Geldsystem finden wir neben Gold- und Silber- ein dem Stoff nach wertloses Zeichengeld erwaehnt, welches in dieser Weise sonst dem Altertum fremd ist. In der Tat, wenn der Staat eine Spekulation waere, nie haette einer glaenzender seine Aufgabe geloest als Karthago.
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^3 Der Wirtschafter auf dem Landgut, obwohl Sklave, muss dennoch, nach der Vorschrift des karthagischen Agronomen Mago (bei Varro rast. 1, 17), lesen koennen und einige Bildung besitzen. Im Prolog des Plautinischen ‘Poeners’ heisst es von dem Titelhelden:
Die Sprachen alle kann er, aber tut, als koenn’
Er keine - ein Poener ist es durchaus; was wollt ihr mehr?
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Vergleichen wir die Macht der Karthager und der Roemer. Beide waren Acker- und Kaufstaedte und lediglich dieses; die durchaus untergeordnete und durchaus praktische Stellung von Kunst und Wissenschaft war in beiden wesentlich dieselbe, nur dass in dieser Hinsicht Karthago weiter vorgeschritten war als Rom. Aber in Karthago hatte die Geld- ueber die Grundwirtschaft, in Rom damals noch die Grund- ueber die Geldwirtschaft das Uebergewicht, und wenn die karthagischen Ackerwirte durchgaengig grosse Guts- und Sklavenbesitzer waren, bebaute in dem Rom dieser Zeit die grosse Masse der Buergerschaft noch selber das Feld. Die Mehrzahl der Bevoelkerung war in Rom besitzend, das ist konservativ, in Karthago besitzlos und dem Golde der Reichen wie dem Reformruf der Demokraten zugaenglich. In Karthago herrschte schon die ganze, maechtigen Handelsstaedten eigene Opulenz, waehrend Sitte und Polizei in Rom wenigstens aeusserlich noch altvaeterische Strenge und Sparsamkeit aufrecht erhielten. Als die karthagischen Gesandten von Rom zurueckkamen, erzaehlten sie ihren Kollegen, dass das innige Verhaeltnis der roemischen Ratsherren zueinander alle Vorstellung uebersteige; ein einziges silbernes Tafelgeschirr reiche aus fuer den ganzen Rat und sei in jedem Haus, wo man sie zu Gaste geladen, ihnen wieder begegnet. Der Spott ist bezeichnend fuer die beiderseitigen wirtschaftlichen Zustaende.
Beider Verfassung war aristokratisch; wie der Senat in Rom regierten die Richter in Karthago und beide nach dem gleichen Polizeisystem. Die strenge Abhaengigkeit, in welcher die karthagische Regierungsbehoerde den einzelnen Beamten hielt, der Befehl derselben an die Buerger, sich des Erlernens der griechischen Sprache unbedingt zu enthalten und mit einem Griechen nur vermittels des oeffentlichen Dolmetschers zu verkehren, sind aus demselben Geiste geflossen wie das roemische Regierungssystem; aber gegen die grausame Haerte und die ans Alberne streifende Unbedingtheit solcher karthagischen Staatsbevormundung erscheint das roemische Bruechen- und Ruegesystem mild und verstaendig. Der roemische Senat, welcher der eminenten Tuechtigkeit sich oeffnete und im besten Sinn die Nation vertrat, durfte ihr auch vertrauen und brauchte die Beamten nicht zu fuerchten. Der karthagische Senat dagegen beruhte auf einer eifersuechtigen Kontrolle der Verwaltung durch die Regierung und vertrat ausschliesslich die vornehmen Familien; sein Wesen war das Misstrauen noch oben wie nach unten und darum konnte er weder sicher sein, dass das Volk ihm folgte, wohin er fuehrte, noch unbesorgt vor Usurpationen der Beamten. Daher der feste Gang der roemischen Politik, die im Unglueck keinen Schritt zurueckwich und die Gunst des Glueckes nicht verscherzte durch Fahrlaessigkeit und Halbheit; waehrend die Karthager vom Kampf abstanden, wo eine letzte Anstrengung vielleicht alles gerettet haette, und, der grossen nationalen Aufgaben ueberdruessig oder vergessen, den halbfertigen Bau einstuerzen liessen, um nach wenigen Jahren von vorn zu beginnen. Daher ist der tuechtige Beamte in Rom regelmaessig im Einverstaendnis mit seiner Regierung, in Karthago haeufig in entschiedener Fehde mit den Herren daheim und gedraengt, sich ihnen verfassungswidrig zu widersetzen und mit der opponierenden Reformpartei gemeinschaftliche Sache zu machen.
Karthago wie Rom beherrschten ihre Stammgenossen und zahlreiche stammfremde Gemeinden. Aber Rom hatte einen Distrikt nach dem andern in sein Buergerrecht aufgenommen und den latinischen Gemeinden selbst gesetzlich Zugaenge zu demselben eroeffnet; Karthago schloss von Haus aus sich ab und liess den abhaengigen Distrikten nicht einmal die Hoffnung auf dereinstige Gleichstellung. Rom goennte den stammverwandten Gemeinden Anteil an den Fruechten des Sieges, namentlich an den gewonnenen Domaenen, und suchte in den uebrigen untertaenigen Staaten durch materielle Beguenstigung der Vornehmen und Reichen wenigstens eine Partei in das Interesse Roms zu ziehen; Karthago behielt nicht bloss fuer sich, was die Siege einbrachten, sondern entriss sogar den Staedten besten Rechts die Handelsfreiheit. Rom nahm der Regel nach nicht einmal den unterworfenen Gemeinden die Selbstaendigkeit ganz und legte keiner eine feste Steuer auf; Karthago sandte seine Voegte ueberall hin und belastete selbst die altphoenikischen Staedte mit schwerem Zins, waehrend die unterworfenen Staemme faktisch als Staatssklaven behandelt wurden. So war im karthagisch-afrikanischen Staatsverband nicht eine einzige Gemeinde mit Ausnahme von Utica, die nicht durch den Sturz Karthagos politisch und materiell sich verbessert haben wuerde; in dem roemisch-italischen nicht eine einzige, die bei der Auflehnung gegen ein Regiment, das die materiellen Interessen sorgfaeltig schonte und die politische Opposition wenigstens nirgend durch aeusserste Massregeln zum Kampf herausforderte, nicht noch mehr zu verlieren gehabt haette als zu gewinnen. Wenn die karthagischen Staatsmaenner meinten, die phoenikischen Untertanen durch die groessere Furcht vor den empoerten Libyern, die saemtlichen Besitzenden durch das Zeichengeld an das karthagische Interesse geknuepft zu haben, so uebertrugen sie einen kaufmaennischen Kalkuel dahin, wo er nicht hingehoert; die Erfahrung bewies, dass die roemische Symmachie trotz ihrer scheinbar loseren Fuegung gegen Pyrrhos zusammenhielt wie eine Mauer aus Felsenstuecken, die karthagische dagegen wie Spinneweben zerriss, sowie ein feindliches Heer den afrikanischen Boden betrat. So geschah es bei den Landungen. von Agathokles und von Regulus und ebenso im Soeldnerkrieg; von dem Geiste, der in Afrika herrschte, zeugt zum Beispiel, dass die libyschen Frauen den Soeldnern freiwillig ihren Schmuck steuerten zum Kriege gegen Karthago. Nur in Sizilien scheinen die Karthager milder aufgetreten zu sein und darum auch bessere Ergebnisse erlangt zu haben. Sie gestatteten ihren Untertanen hier verhaeltnismaessige Freiheit im Handel mit dem Ausland und liessen sie ihren inneren Verkehr wohl von Anfang an und ausschliesslich mit Metallgeld treiben, ueberhaupt bei weitem freier sich bewegen, als dies den Sarden und Libyern erlaubt ward. Waere Syrakus in ihre Haende gefallen, so haette sich freilich dies bald geaendert; indes dazu kam es nicht, und so bestand, bei der wohlberechneten Milde des karthagischen Regiments und bei der unseligen Zerrissenheit der sizilischen Griechen, in Sizilien in der Tat eine ernstlich phoenikisch gesinnte Partei - wie denn zum Beispiel noch nach dem Verlust der Insel an die Roemer Philinos von Akragas die Geschichte des grossen Krieges durchaus im phoenikischen Sinne schrieb. Aber im ganzen mussten doch auch die Sizilianer als Untertanen wie als Hellenen ihren phoenikischen Herren wenigstens ebenso abgeneigt sein wie den Roemern die Samniten und Tarentiner.
Finanziell ueberstiegen die karthagischen Staatseinkuenfte ohne Zweifel um vieles die roemischen; allein dies glich zum Teil sich wieder dadurch aus, dass die Quellen der karthagischen Finanzen, Tribute und Zoelle weit eher und eben, wenn man sie am noetigsten brauchte, versiegten als die roemischen, und dass die karthagische Kriegfuehrung bei weitem kostspieliger war als die roemische.
Die militaerischen Hilfsmittel der Roemer und Karthager waren sehr verschieden, jedoch in vieler Beziehung nicht ungleich abgewogen. Die karthagische Buergerschaft betrug noch bei Eroberung der Stadt 700000 Koepfe mit Einschluss der Frauen und Kinder ^4 und mochte am Ende des fuenften Jahrhunderts wenigstens ebenso zahlreich sein; sie vermochte im fuenften Jahrhundert im Notfall ein Buergerheer von 40 000 Hopliten auf die Beine zu bringen. Ein ebenso starkes Buergerheer hatte Rom schon im Anfang des fuenften Jahrhunderts unter gleichen Verhaeltnissen ins Feld geschickt; seit den grossen Erweiterungen des Buergergebiets im Laufe des fuenften Jahrhunderts musste die Zahl der waffenfaehigen Vollbuerger mindestens sich verdoppelt haben. Aber weit mehr noch als der Zahl der Waffenfaehigen nach war Rom in dem Effektivstand des Buergermilitaers ueberlegen. So sehr die karthagische Regierung auch es sich angelegen sein liess, die Buerger zum Waffendienst zu bestimmen, so konnte sie doch weder dem Handwerker und Fabrikarbeiter den kraeftigen Koerper des Landmanns geben noch den angeborenen Widerwillen der Phoeniker vor dem Kriegswerk ueberwinden. Im fuenften Jahrhundert focht in den sizilischen Heeren noch eine “heilige Schar” von 2500 Karthagern als Garde des Feldherrn; im sechsten findet sich in den karthagischen Heeren, zum Beispiel in dem spanischen, mit Ausnahme der Offiziere nicht ein einziger Karthager. Dagegen standen die roemischen Bauern keineswegs bloss in den Musterrollen, sondern auch auf den Schlachtfeldern. Aehnlich verhielt es sich mit den Stammverwandten der beiden Gemeinden; waehrend die Latiner den Roemern nicht mindere Dienste leisteten als ihre Buergertruppen, waren die Libyphoeniker ebensowenig kriegstuechtig wie die Karthager und begreiflicherweise noch weit weniger kriegslustig, und so verschwinden auch sie aus den Heeren, indem die zuzugspflichtigen Staedte ihre Verbindlichkeit vermutlich mit Geld abkauften. In dem eben erwaehnten spanischen Heer von etwa 15000 Mann bestand nur eine einzige Reiterschar von 450 Mann und auch diese nur zum Teil aus Libyphoenikern. Den Kern der karthagischen Armeen bildeten die libyscher. Untertanen, aus deren Rekruten sich unter tuechtigen Offizieren ein gutes Fussvolk bilden liess und deren leichte Reiterei in ihrer Art unuebertroffen war. Dazu kamen die Mannschaften der mehr oder minder abhaengigen Voelkerschaften Libyens und Spaniens und die beruehmten Schleuderer von den Balearen, deren Stellung zwischen Bundeskontingenten und Soeldnerscharen die Mitte gehalten zu haben scheint; endlich im Notfall die im Ausland angeworbene Soldateska. Ein solches Heer konnte der Zahl nach ohne Muehe fast auf jede beliebige Staerke gebracht werden und auch an Tuechtigkeit der Offiziere, an Waffenkunde und Mut faehig sein, mit dem roemischen sich zu messen; allein nicht bloss verstrich, wenn Soeldner angenommen werden mussten, ehe dieselben bereit standen, eine gefaehrlich lange Zeit, waehrend die roemische Miliz jeden Augenblick auszuruecken imstande war, sondern, was die Hauptsache ist, waehrend die karthagischen Heere nichts zusammenhielt als die Fahnenehre und der Vorteil, fanden sich die roemischen durch alles vereinigt, was sie an das gemeinsame Vaterland band. Dem karthagischen Offizier gewoehnlichen Schlages galten seine Soeldner, ja selbst die libyschen Bauern ungefaehr soviel wie heute im Krieg die Kanonenkugeln; daher Schaendlichkeiten, wie zum Beispiel der Verrat der libyschen Truppen durch ihren Feldherrn Himilko 358 (396), der einen gefaehrlichen Aufstand der Libyer zur Folge hatte, und daher jener zum Sprichwort gewordene Ruf der “punischen Treue”, der den Karthagern nicht wenig geschadet hat. Alles Unheil, welches Fellah- und Soeldnerheere ueber einen Staat bringen koennen, hat Karthago in vollem Masse erfahren und mehr als einmal seine bezahlten Knechte gefaehrlicher erfunden als seine Feinde.
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^4 Man hat an der Richtigkeit dieser Zahl gezweifelt und mit Ruecksicht auf den Raum die moegliche Einwohnerzahl auf hoechstens 250000 Koepfe berechnet. Abgesehen von der Unsicherheit derartiger Berechnungen, namentlich in einer Handelsstadt mit sechsstoeckigen Haeusern, ist dagegen zu erinnern, dass die Zaehlung wohl politisch zu verstehen ist, nicht staedtisch, ebenso wie die roemischen Zensuszahlen, und dass dabei also alle Karthager gezaehlt sind, mochten sie in der Stadt oder in der Umgegend wohnen oder im untertaenigen Gebiet oder im Ausland sich aufhalten. Solcher Abwesenden gab es natuerlich eine grosse Zahl in Karthago; wie denn ausdruecklich berichtet wird, dass in Gades aus gleichem Grunde die Buergerliste stets eine weit hoehere Ziffer wies als die der in Gades ansaessigen Buerger war.
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Die Maengel dieses Heerwesens konnte die karthagische Regierung nicht verkennen und suchte sie allerdings auf jede Weise wieder einzubringen. Man hielt auf gefuellte Kassen und gefuellte Zeughaeuser, um jederzeit Soeldner ausstatten zu koennen. Man wandte grosse Sorgfalt auf das, was bei den Alten die heutige Artillerie vertrat: den Maschinenbau, in welcher Waffe wir die Karthager den Sikelioten regelmaessig ueberlegen finden, und die Elefanten, seit diese im Kriegswesen die aelteren Streitwagen verdraengt hatten; in den Kasematten Karthagos befanden sich Stallungen fuer 300 Elefanten. Die abhaengigen Staedte zu befestigen, konnte man freilich nicht wagen und musste es geschehen lassen, dass jedes in Afrika gelandete feindliche Heer mit dem offenen Lande auch die Staedte und Flecken gewann; recht im Gegensatz zu Italien, wo die meisten unterworfenen Staedte ihre Mauern behalten hatten und eine Kette roemischer Festungen die ganze Halbinsel beherrschte. Dagegen fuer die Befestigung der Hauptstadt bot man auf, was Geld und Kunst vermochten; und mehrere Male rettete den Staat nichts als die Staerke der karthagischen Mauern, waehrend Rom politisch und militaerisch so gesichert war, dass es eine foermliche Belagerung niemals erfahren hat. Endlich das Hauptbollwerk des Staats war die Kriegsmarine, auf die man die groesste Sorgfalt verwandte. Im Bau wie in der Fuehrung der Schiffe waren die Karthager den Griechen ueberlegen; in Karthago zuerst baute man Schiffe mit mehr als drei Ruderverdecken, und die karthagischen Kriegsfahrzeuge, in dieser Zeit meistens Fuenfdecker, waren in der Regel bessere Segler als die griechischen, die Ruderer, saemtlich Staatssklaven, die nicht von den Galeeren kamen, vortrefflich eingeschult und die Kapitaene gewandt und furchtlos. In dieser Beziehung war Karthago entschieden den Roemern ueberlegen, die mit den wenigen Schiffen der verbuendeten Griechen und den wenigeren eigenen nicht imstande waren, sich in der offenen See auch nur zu zeigen gegen die Flotte, die damals unbestritten das westliche Meer beherrschte.
Fassen wir schliesslich zusammen, was die Vergleichung der Mittel der beiden grossen Maechte ergibt, so rechtfertigt sich wohl das Urteil eines einsichtigen und unparteiischen Griechen, dass Karthago und Rom, da der Kampf zwischen ihnen begann, im allgemeinen einander gewachsen waren. Allein wir koennen nicht unterlassen hinzuzufuegen, dass Karthago wohl aufgeboten hatte, was Geist und Reichtum vermochten, um kuenstliche Mittel zum Angriff und zur Verteidigung sich zu erschaffen, aber dass es nicht imstande gewesen war, die Grundmaengel des fehlenden eigenen Landheers und der nicht auf eigenen Fuessen stehenden Symmachie in irgend ausreichender Weise zu ersetzen. Dass Rom nur in Italien, Karthago nur in Libyen ernstlich angegriffen werden konnte, liess sich nicht verkennen; und ebensowenig, dass Karthago auf die Dauer einem solchen Angriff nicht entgehen konnte. Die Flotten waren in jener Zeit der Kindheit der Schiffahrt noch nicht bleibendes Erbgut der Nationen, sondern liessen sich herstellen, wo es Baeume, Eisen und Wasser gab; dass selbst maechtige Seestaaten nicht imstande waren, den zur See schwaecheren Feinden die Landung zu wehren, war einleuchtend und in Afrika selbst mehrfach erprobt worden. Seit Agathokles den Weg dahin gezeigt hatte, konnte auch ein roemischer General ihn finden, und waehrend in Italien mit dem Einruecken einer Invasionsarmee der Krieg begann, war er in Libyen im gleichen Fall zu Ende und verwandelte sich in eine Belagerung, in der, wenn nicht besondere Zufaelle eintraten, auch der hartnaeckigste Heldenmut endlich unterliegen musste.
KAPITEL II.
Der Krieg um Sizilien zwischen Rom und Karthago
Seit mehr als einem Jahrhundert verheerte die Fehde zwischen den Karthagern und den syrakusanischen Herren die schoene sizilische Insel. Von beiden Seiten ward der Krieg gefuehrt einerseits mit politischem Propagandismus, indem Karthago Verbindungen unterhielt mit der aristokratisch-republikanischen Opposition in Syrakus, die syrakusanischen Dynasten mit der Nationalpartei in den Karthago zinspflichtig gewordenen Griechenstaedten; anderseits mit Soeldnerheeren, mit welchen Timoleon und Agathokles ebensowohl ihre Schlachten schlugen wie die phoenikischen Feldherren. Und wie man auf beiden Seiten mit gleichen Mitteln focht, ward auch auf beiden Seiten mit gleicher, in der okzidentalischen Geschichte beispielloser Ehr- und Treulosigkeit gestritten. Die unterliegende Partei waren die Syrakusier. Noch im Frieden von 440 (314) hatte Karthago sich beschraenkt auf das Drittel der Insel westlich von Herakleia, Minoa und Himera und hatte ausdruecklich die Hegemonie der Syrakusier ueber saemtliche oestliche Staedte anerkannt. Pyrrhos’ Vertreibung aus Sizilien und Italien (479 275) liess die bei weitem groessere Haelfte der Insel und vor allem das wichtige Akragas in Karthagos Haenden; den Syrakusiern blieb nichts als Tauromenion und der Suedosten der Insel. In der zweiten grossen Stadt an der Ostkueste, in Messana, hatte eine fremdlaendische Soldatenschar sich festgesetzt und behauptete die Stadt, unabhaengig von den Syrakusiern wie von den Karthagern. Es waren kampanische Landsknechte, die in Messana geboten. Das bei den in und um Capua angesiedelten Sabellern eingerissene wueste Wesen (I, 368) hatte im vierten und fuenften Jahrhundert aus Kampanien gemacht, was spaeter Aetolien, Kreta, Lakonien waren: den allgemeinen Werbeplatz fuer die soeldnersuchenden Fuersten und Staedte. Die von den kampanischen Griechen dort ins Leben gerufene Halbkultur, die barbarische Ueppigkeit des Lebens in Capua und den uebrigen kampanischen Staedten, die politische Ohnmacht, zu der die roemische Hegemonie sie verurteilte, ohne ihnen doch durch ein straffes Regiment die Verfuegung ueber sich selbst vollstaendig zu entziehen - alles dies trieb die kampanische Jugend scharenweise unter die Fahnen der Werbeoffiziere; und es versteht sich, dass der leichtsinnige und gewissenlose Selbstverkauf hier wie ueberall die Entfremdung von der Heimat, die Gewoehnung an Gewalttaetigkeit und Soldatenunfug und die Gleichgueltigkeit gegen den Treuebruch im Gefolge hatte. Warum eine Soeldnerschar sich der ihrer Hut anvertrauten Stadt nicht fuer sich selbst bemaechtigen solle, vorausgesetzt nur, dass sie dieselbe zu behaupten imstande sei, leuchtete diesen Kampanern nicht ein - hatten doch die Samniten in Capua selbst, die Lucaner in einer Reihe griechischer Staedte ihre Herrschaft in nicht viel ehrenhafterer Weise begruendet. Nirgend luden die politischen Verhaeltnisse mehr zu solchen Unternehmungen ein als in Sizilien; schon die waehrend des Peloponnesischen Krieges nach Sizilien gelangten kampanischen Hauptleute hatten in Entella und Aetna in solcher Art sich eingenistet. Etwa um das Jahr 470 (284) setzte ein kampanischer Trupp, der frueher unter Agathokles gedient hatte und nach dessen Tode (465 289) das Raeuberhandwerk auf eigene Rechnung trieb, sich fest in Messana, der zweiten Stadt des griechischen Siziliens und dem Hauptsitz der antisyrakusanischen Partei in dem noch von Griechen beherrschten Teile der Insel. Die Buerger wurden erschlagen oder vertrieben, die Frauen und Kinder und die Haeuser derselben unter die Soldaten verteilt und die neuen Herren der Stadt, die “Marsmaenner”, wie sie sich nannten, oder die Mamertiner wurden bald die dritte Macht der Insel, deren nordoestlichen Teil sie in den wuesten Zeiten nach Agathokles’ Tode sich unterwarfen. Die Karthager sahen nicht ungern diese Vorgaenge, durch welche die Syrakusier anstatt einer stammverwandten und in der Regel ihnen verbuendeten oder untertaenigen Stadt einen neuen und maechtigen Gegner in naechster Naehe erhielten; mit karthagischer Hilfe behaupteten die Mamertiner sich gegen Pyrrhos und der unzeitige Abzug des Koenigs gab ihnen ihre ganze Macht zurueck.
Es ziemt der Historie weder, den treulosen Frevel zu entschuldigen, durch den sie der Herrschaft sich bemaechtigten, noch zu vergessen, dass der Gott, der die Suende der Vaeter straft bis ins vierte Glied, nicht der Gott der Geschichte ist. Wer sich berufen fuehlt, die Suenden anderer zu richten, mag die Menschen verdammen; fuer Sizilien konnte es heilbringend sein, dass hier eine streitkraeftige und der Insel eigene Macht sich zu bilden anfing, die schon bis achttausend Mann ins Feld zu stellen vermochte und die allmaehlich sich in den Stand setzte, den Kampf, welchem die trotz der ewigen Kriege sich immer mehr der Waffen entwoehnenden Hellenen nicht mehr gewachsen waren, zu rechter Zeit gegen die Auslaender mit eigenen Kraeften aufzunehmen.
Zunaechst indes kam es anders. Ein junger syrakusanischer Offizier, der durch seine Abstammung aus dem Geschlechte Gelons und durch seine engen verwandtschaftlichen Beziehungen zum Koenig Pyrrhos ebenso sehr wie durch die Auszeichnung, mit der er in dessen Feldzuegen gefochten hatte, die Blicke seiner Mitbuerger wie die der syrakusanischen Soldateska auf sich gelenkt hatte, Hieron, des Hierokles Sohn, ward durch eine militaerische Wahl an die Spitze des mit den Buergern hadernden Heeres gerufen (479/80 275/74). Durch seine kluge Verwaltung, sein adliges Wesen und seinen maessigen Sinn gewann er schnell sich die Herzen der syrakusanischen, des schaendlichsten Despotenunfugs gewohnten Buergerschaft und ueberhaupt der sizilischen Griechen. Er entledigte sich, freilich auf treulose Weise, des unbotmaessigen Soeldnerheeres, regenerierte die Buergermiliz und versuchte, anfangs mit dem Titel als Feldherr, spaeter als Koenig, mit den Buergertruppen und frischen und lenksameren Geworbenen die tiefgesunkene hellenische Macht wiederherzustellen. Mit den Karthagern, die im Einverstaendnis mit den Griechen den Koenig Pyrrhos von der Insel vertrieben hatten, war damals Friede; die naechsten Feinde der Syrakusier waren die Mamertiner, die Stammgenossen der verhassten, vor kurzem ausgerotteten Soeldner, die Moerder ihrer griechischen Wirte, die Schmaelerer des syrakusanischen Gebiets, die Zwingherren und Brandschatzer einer Menge kleinerer griechischer Staedte. Im Bunde mit den Roemern, die eben um diese Zeit gegen die Bundes-, Stamm- und Frevelgenossen der Mamertiner, die Kampaner in Rhegion, ihre Legionen schickten, wandte Hieron sich gegen Messana. Durch einen grossen Sieg, nach welchem Hieron zum Koenig der Sikelioten ausgerufen ward (484 270), gelang es, die Mamertiner in ihre Staedte einzuschliessen, und nachdem die Belagerung einige Jahre gewaehrt hatte, sahen die Mamertiner sich aufs aeusserste gebracht und ausserstande, die Stadt gegen Hieron laenger mit eigenen Kraeften zu behaupten. Dass eine Uebergabe auf Bedingungen nicht moeglich war und das Henkerbeil, das die rheginischen Kampaner in Rom getroffen hatte, ebenso sicher in Syrakus der messanischen wartete, leuchtete ein; die einzige Rettung war die Auslieferung der Stadt entweder an die Karthager oder an die Roemer, denen beiden hinreichend gelegen sein musste an der Eroberung des wichtigen Platzes, um ueber alle anderen Bedenken hinwegzusehen. Ob es vorteilhafter sei, den Herren Afrikas oder den Herren Italiens sich zu ergeben, war zweifelhaft; nach langem Schwanken entschied sich endlich die Majoritaet der kampanischen Buergerschaft, den Besitz der meerbeherrschenden Festung den Roemern anzutragen.
Es war ein weltgeschichtlicher Moment von der tiefsten Bedeutung, als die Boten der Mamertiner im roemischen Senat erschienen. Zwar was alles an dem ueberschreiten des schmalen Meerarms hing, konnte damals niemand ahnen; aber dass an diese Entscheidung, wie sie immer ausfiel, ganz andere und wichtigere Folgen sich knuepfen wuerden als an irgendeinen der bisher vom Senat gefassten Beschluesse, musste jedem der ratschlagenden Vaeter der Stadt offenbar sein. Streng rechtliche Maenner freilich mochten fragen, wie es moeglich sei, ueberhaupt zu ratschlagen; wie man daran denken koenne, nicht bloss das Buendnis mit Hieron zu brechen, sondern, nachdem eben erst die rheginischen Kampaner mit gerechter Haerte von den Roemern bestraft worden waren, jetzt ihre nicht weniger schuldigen sizilischen Spiessgesellen zum Buendnis und zur Freundschaft von Staats wegen zuzulassen und sie der verdienten Strafe zu entziehen. Man gab damit ein Aergernis, das nicht bloss den Gegnern Stoff zu Deklamationen liefern, sondern auch sittliche Gemueter ernstlich empoeren musste. Allein wohl mochte auch der Staatsmann, dem die politische Moral keineswegs bloss eine Phrase war, zurueckfragen, wie man roemische Buerger, die den Fahneneid gebrochen und roemische Bundesgenossen hinterlistig gemordet hatten, gleichstellen koenne mit Fremden, die gegen Fremde gefrevelt haetten, wo jenen zu Richtern, diesen zu Raechern die Roemer niemand bestellt habe. Haette es sich nur darum gehandelt, ob die Syrakusaner oder die Mamertiner in Messana geboten, so konnte Rom allerdings sich diese wie jene gefallen lassen. Rom strebte nach dem Besitz Italiens, wie Karthago nach dem Siziliens; schwerlich gingen beider Maechte Plaene damals weiter. Allein eben darin lag es begruendet, dass jede an ihrer Grenze eine Mittelmacht zu haben und zu halten wuenschte - so die Karthager Tarent, die Roemer Syrakus und Messana - und dass sie, als dies unmoeglich geworden war, die Grenzplaetze lieber sich goennten als der anderen Grossmacht. Wie Karthago in Italien versucht hatte, als Rhegion und Tarent von den Roemern in Besitz genommen werden sollten, diese Staedte fuer sich zu gewinnen und nur durch Zufall daran gehindert worden war, so bot jetzt in Sizilien sich fuer Rom die Gelegenheit dar, die Stadt Messana in seine Symmachie zu ziehen; schlug man sie aus, so durfte man nicht erwarten, dass die Stadt selbstaendig blieb oder syrakusanisch ward, sondern man warf sie selbst den Phoenikern in die Arme. War es gerechtfertigt, die Gelegenheit entschluepfen zu lassen, die sicher so nicht wiederkehrte, sich des natuerlichen Brueckenkopfs zwischen Italien und Sizilien zu bemaechtigen und ihn durch eine tapfere und aus guten Gruenden zuverlaessige Besatzung zu sichern? gerechtfertigt, mit dem Verzicht auf Messana die Herrschaft ueber den letzten freien Pass zwischen der Ost- und Westsee und die Handelsfreiheit Italiens aufzuopfern? Zwar liessen sich gegen die Besetzung Messanas auch Bedenken anderer Art geltend machen, als die der Gefuehls- und Rechtlichkeitspolitik waren. Dass sie zu einem Kriege mit Karthago fuehren musste, war das geringste derselben; so ernst ein solcher war, Rom hatte ihn nicht zu fuerchten. Aber wichtiger war es, dass man mit dem Ueberschreiten der See abwich von der bisherigen rein italischen und rein kontinentalen Politik; man gab das System auf, durch welches die Vaeter Roms Groesse gegruendet hatten, um ein anderes zu erwaehlen, dessen Ergebnisse vorherzusagen niemand vermochte. Es war einer der Augenblicke, wo die Berechnung aufhoert und wo der Glaube an den eigenen Stern und an den Stern des Vaterlandes allein den Mut gibt, die Hand zu fassen, die aus dem Dunkel der Zukunft winkt, und ihr zu folgen, es weiss keiner wohin. Lange und ernst beriet der Senat ueber den Antrag der Konsuln, die Legionen den Mamertinern zu Hilfe zu fuehren; er kam zu keinem entscheidenden Beschluss. Aber in der Buergerschaft, an welche die Sache verwiesen ward, lebte das frische Gefuehl der durch eigene Kraft gegruendeten Grossmacht. Die Eroberung Italiens gab den Roemern, wie die Griechenlands den Makedoniern, wie die Schlesiens den Preussen, den Mut, eine neue politische Bahn zu betreten; formell motiviert war die Unterstuetzung der Mamertiner durch die Schutzherrschaft, die Rom ueber saemtliche Italiker ansprach. Die ueberseeischen Italiker wurden in die italische Eidgenossenschaft aufgenommen ^1 und auf Antrag der Konsuln von der Buergerschaft beschlossen, ihnen Hilfe zu senden (489 265).
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^1 Die Mamertiner traten voellig in dieselbe Stellung zu Rom wie die italischen Gemeinden, verpflichteten sich, Schiffe zu stellen (Cic. Verr. 5, 19, 50) und besassen, wie die Muenzen beweisen, das Recht der Silberpraegung nicht.
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Es kam darauf an, wie die beiden durch diese Intervention der Roemer in die Angelegenheiten der Insel zunaechst betroffenen und beide bisher dem Namen nach mit Rom verbuendeten sizilischen Maechte dieselbe aufnehmen wuerden. Hieron hatte Grund genug, die an ihn ergangene Aufforderung der Roemer, gegen ihre neuen Bundesgenossen in Messana die Feindseligkeiten einzustellen, ebenso zu behandeln, wie die Samniten und die Lucaner in gleichem Fall die Besetzung von Capua und Thurii aufgenommen hatten und den Roemern mit einer Kriegserklaerung zu antworten; blieb er indes allein, so war ein solcher Krieg eine Torheit und von seiner vorsichtigen und gemaessigten Politik konnte man erwarten, dass er in das Unvermeidliche sich fuegen werde, wenn Karthago sich ruhig verhielt. Unmoeglich schien dies nicht. Eine roemische Gesandtschaft ging jetzt (489 265), sieben Jahre nach dem Versuch der phoenikischen Flotte, sich Tarents zu bemaechtigen, nach Karthago, um Aufklaerung wegen dieser Vorgaenge zu verlangen; die nicht unbegruendeten, aber halb vergessenen Beschwerden tauchten auf einmal wieder auf - es schien nicht ueberfluessig, unter anderen Kriegsvorbereitungen auch die diplomatische Ruestkammer mit Kriegsgruenden zu fuellen und fuer die kuenftigen Manifeste sich, wie die Roemer es pflegten, die Rolle des angegriffenen Teils zu reservieren. Wenigstens das konnte man mit vollem Rechte sagen, dass die beiderseitigen Unternehmungen auf Tarent und auf Messana der Absicht und dem Rechtsgrund nach vollkommen gleichstanden und nur der zufaellige Erfolg den Unterschied machte. Karthago vermied den offenen Bruch. Die Gesandten brachten nach Rom die Desavouierung des karthagischen Admirals zurueck, der den Versuch auf Tarent gemacht hatte, nebst den erforderlichen falschen Eiden; auch die karthagischen Gegenbeschuldigungen, die natuerlich nicht fehlten, waren gemaessigt gehalten und unterliessen es, die beabsichtigte Invasion Siziliens als Kriegsgrund zu bezeichnen. Sie war es indes; denn wie Rom die italischen, so betrachtete Karthago die sizilischen Angelegenheiten als innere, in die eine unabhaengige Macht keinen Eingriff gestatten kann, und war entschlossen, hiernach zu handeln. Nur ging die phoenikische Politik einen leiseren Gang, als der der offenen Kriegsdrohung war. Als die Vorbereitungen zu der roemischen Hilfesendung an die Mamertiner endlich so weit gediehen waren, dass die Flotte, gebildet aus den Kriegsschiffen von Neapel, Tarent, Velia und Lokri, und die Vorhut des roemischen Landheeres unter dem Kriegstribun Gaius Claudius in Rhegion erschienen (Fruehling 490 264), kam ihnen von Messana die unerwartete Botschaft, dass die Karthager im Einverstaendnis mit der antiroemischen Partei in Messana, als neutrale Macht einen Frieden zwischen Hieron und den Mamertinern vermittelt haetten; dass die Belagerung also aufgehoben sei und dass im Hafen von Messana eine karthagische Flotte, in der Burg karthagische Besatzung liege, beide unter dem Befehl des Admirals Hanno. Die jetzt vom karthagischen Einfluss beherrschte mamertinische Buergerschaft liess, unter verbindlichem Dank fuer die schleunig gewaehrte Bundeshilfe, den roemischen Befehlshabern anzeigen, dass man sich freue, derselben nicht mehr zu beduerfen. Der gewandte und verwegene Offizier, der die roemische Vorhut befehligte, ging nichtsdestoweniger mit seinen Truppen unter Segel. Die Karthager wiesen die roemischen Schiffe zurueck und brachten sogar einige derselben auf; doch sandte der karthagische Admiral, eingedenk der strengen Befehle, keine Veranlassung zum Ausbruch der Feindseligkeiten zugeben, den guten Freunden jenseits der Meerenge dieselben zurueck. Es schien fast, als haetten die Roemer vor Messana sich ebenso nutzlos kompromittiert wie die Karthager vor Tarent. Aber Claudius liess sich nicht abschrecken, und bei einem zweiten Versuch gelang die Landung. Kaum angelangt, berief er die Buergerschaft zur Versammlung, und auf seinen Wunsch erschien in derselben gleichfalls der karthagische Admiral, noch immer waehnend, den offenen Bruch vermeiden zu koennen. Allein in der Versammlung selbst bemaechtigten die Roemer sich seiner Person, und Hanno sowie die schwache und fuehrerlose phoenikische Besatzung auf der Burg waren kleinmuetig genug, jener, seinen Truppen den Befehl zum Abzug zu geben, diese, dem Befehl des gefangenen Feldherrn nachzukommen und mit ihm die Stadt zu raeumen. So war der Brueckenkopf der Insel in den Haenden der Roemer.
Die karthagischen Behoerden, mit Recht erzuernt ueber die Torheit und Schwaeche ihres Feldherrn, liessen ihn hinrichten und erklaerten den Roemern den Krieg. Vor allem galt es, den verlorenen Platz wiederzugewinnen. Eine starke karthagische Flotte, gefuehrt von Hanno, Hannibals Sohn, erschien auf der Hoehe von Messana. Waehrend sie selber die Meerenge sperrte, begann die von ihr ans Land gesetzte karthagische Armee die Belagerung von der Nordseite; Hieron, der nur auf das Losschlagen der Karthager gewartet hatte, um den Krieg gegen Rom zu beginnen, fuehrte sein kaum zurueckgezogenes Heer wieder gegen Messana und uebernahm den Angriff auf die Suedseite der Stadt.
Allein mittlerweile war auch der roemische Konsul Appius Claudius Caudex mit dem Hauptheer in Rhegion erschienen, und in einer dunklen Nacht gelang die Ueberfahrt trotz der karthagischen Flotte. Kuehnheit und Glueck waren mit den Roemern; die Verbuendeten, nicht gefasst auf einen Angriff des gesamten roemischen Heeres und daher nicht vereinigt, wurden von den aus der Stadt ausrueckenden roemischen Legionen einzeln geschlagen und damit die Belagerung aufgehoben. Den Sommer ueber behauptete das roemische Heer das Feld und machte sogar einen Versuch auf Syrakus; allein nachdem dieser gescheitert war und auch die Belagerung von Echetla (an der Grenze der Gebiete von Syrakus und Karthago) mit Verlust hatte aufgegeben werden muessen, kehrte das roemische Heer zurueck nach Messana und von da unter Zuruecklassung einer starken Besatzung nach Italien. Die Erfolge dieses ersten ausseritalischen Feldzugs der Roemer moegen daheim der Erwartung nicht ganz entsprochen haben, da der Konsul nicht triumphierte; indes konnte das kraeftige Auftreten der Roemer in Sizilien nicht verfehlen, auf die Griechen daselbst grossen Eindruck zu machen. Im folgenden Jahre betraten beide Konsuln und ein doppelt so starkes Heer ungehindert die Insel. Der eine derselben, Marcus Valerius Maximus, seitdem von diesem Feldzug “der von Messana” (Messalla) genannt, erfocht einen glaenzenden Sieg ueber die verbuendeten Karthager und Syrakusaner; und als nach dieser Schlacht das phoenikische Heer nicht mehr gegen die Roemer das Feld zu halten wagte, da fielen nicht bloss Alaesa, Kentoripa und ueberhaupt die kleineren griechischen Staedte den Roemern zu, sondern Hieron selbst verliess die karthagische Partei und machte Frieden und Buendnis mit den Roemern (491 263). Er folgte einer richtigen Politik, indem er, sowie sich gezeigt hatte, dass es den Roemern mit dem Einschreiten in Sizilien Ernst war, sich sofort ihnen anschloss, als es noch Zeit war, den Frieden ohne Abtretungen und Opfer zu erkaufen. Die sizilischen Mittelstaaten, Syrakus und Messana, die eine eigene Politik nicht durchfuehren konnten und nur zwischen roemischer und karthagischer Hegemonie zu waehlen hatten, mussten jedenfalls die erstere vorziehen, da die Roemer damals sehr wahrscheinlich noch nicht die Insel fuer sich zu erobern beabsichtigten, sondern nur sie nicht von Karthago erobern zu lassen, und auf alle Faelle anstatt des karthagischen Tyrannisier- und Monopolisiersystems von Rom eine leidlichere Behandlung und Schutz der Handelsfreiheit zu erwarten war. Hieron blieb seitdem der wichtigste, standhafteste und geachtetste Bundesgenosse der Roemer auf der Insel.
Fuer die Roemer war hiermit das naechste Ziel erreicht. Durch das Doppelbuendnis mit Messana und Syrakus und den festen Besitz der ganzen Ostkueste war die Landung auf der Insel und die bis dahin sehr schwierige Unterhaltung der Heere gesichert und verlor der bisher bedenkliche und unberechenbare Krieg einen grossen Teil seines waglichen Charakters. Man machte denn auch fuer denselben nicht groessere Anstrengungen als fuer die Kriege in Samnium und Etrurien; die zwei Legionen, die man fuer das naechste Jahr (492 262) nach der Insel hinuebersandte, reichten aus, um im Einverstaendnis mit den sizilischen Griechen die Karthager ueberall in die Festungen zurueckzutreiben. Der Oberbefehlshaber der Karthager, Hannibal, Gisgons Sohn, warf mit dem Kern seiner Truppen sich in Akragas, um diese wichtigste karthagische Landstadt aufs aeusserste zu verteidigen. Unfaehig, die feste Stadt zu stuermen, blockierten die Roemer sie mit verschanzten Linien und einem doppelten Lager; die Eingeschlossenen, die bis 50000 Koepfe zaehlten, litten bald Mangel am Notwendigen. Zum Entsatz landete der karthagische Admiral Hanno bei Herakleia und schnitt seinerseits der roemischen Belagerungsarmee die Zufuhr ab. Auf beiden Seiten war die Not gross; man entschloss sich endlich zu einer Schlacht, um aus den Bedraengnissen und der Ungewissheit herauszukommen. In dieser zeigte sich die numidische Reiterei ebensosehr der roemischen ueberlegen wie der phoenikischen Infanterie das roemische Fussvolk; das letztere entschied den Sieg, allein die Verluste auch der Roemer waren sehr betraechtlich. Der Erfolg der gewonnenen Schlacht ward zum Teil dadurch verscherzt, dass es nach der Schlacht waehrend der Verwirrung und der Ermuedung der Sieger der belagerten Armee gelang, aus der Stadt zu entkommen und die Flotte zu erreichen; dennoch war der Sieg von Bedeutung. Akragas fiel dadurch in die Haende der Roemer und damit war die ganze Insel in ihrer Gewalt mit Ausnahme der Seefestungen, in denen der karthagische Feldherr Hamilkar, Hannos Nachfolger im Oberbefehl, sich bis an die Zaehne verschanzte und weder durch Gewalt noch durch Hunger zu vertreiben war. Der Krieg spann von da an sich nur fort durch die Ausfaelle der Karthager aus den sizilischen Festungen und durch ihre Landungen an den italischen Kuesten.
In der Tat empfanden die Roemer erst jetzt die wirklichen Schwierigkeiten des Krieges. Wenn die karthagischen Diplomaten, wie erzaehlt wird, vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten die Roemer warnten, es nicht bis zum Bruche zu treiben, denn wider ihren Willen koenne kein Roemer auch nur die Haende sich im Meer waschen, so war diese Drohung wohl begruendet. Die karthagische Flotte beherrschte ohne Nebenbuhler die See und hielt nicht bloss die sizilischen Kuestenstaedte im Gehorsam und mit allem Notwendigen versehen, sondern bedrohte auch Italien mit einer Landung, weswegen schon 492 (262) dort eine konsularische Armee hatte zurueckbleiben muessen. Zwar zu einer groesseren Invasion kam es nicht; allein wohl landeten kleinere karthagische Abteilungen an den italischen Kuesten und brandschatzten die Bundesgenossen und, was schlimmer als alles Uebrige war, der Handel Roms und seiner Bundesgenossen war voellig gelaehmt; es brauchte nicht lange so fortzugehen, um Caere, Ostia, Neapel, Tarent, Syrakus vollstaendig zugrunde zu richten, waehrend die Karthager ueber die Kontributionssummen und den reichen Kaperfang die ausbleibenden sizilischen Tribute leicht verschmerzten. Die Roemer erfuhren jetzt, was Dionysios, Agathokles und Pyrrhos erfahren hatten, dass es ebenso leicht war, die Karthager aus dem Felde zu schlagen, als schwierig, sie zu ueberwinden. Man sah es ein, dass alles darauf ankam, eine Flotte zu schaffen und beschloss eine solche von zwanzig Drei- und hundert Fuenfdeckern herzustellen. Die Ausfuehrung indes dieses energischen Beschlusses war nicht leicht. Zwar die aus den Rhetorschulen stammende Darstellung, die glauben machen moechte, als haetten damals zuerst die Roemer die Ruder ins Wasser getaucht, ist eine kindische Phrase; Italiens Handelsmarine musste um diese Zeit sehr ausgedehnt sein, und auch an italischen Kriegsschiffen fehlte es keineswegs. Aber es waren dies Kriegsbarken und Dreidecker, wie sie in frueherer Zeit ueblich gewesen waren; Fuenfdecker, die nach dem neueren, besonders von Karthago ausgehenden System des Seekrieges fast ausschliesslich in der Linie verwendet wurden, hatte man in Italien noch nicht gebaut. Die Massregel der Roemer war also ungefaehr derart, wie wenn jetzt ein Seestaat von Fregatten und Kuttern uebergehen wollte zum Bau von Linienschiffen; und eben wie man heute in solchem Fall womoeglich ein fremdes Linienschiff zum Muster nehmen wuerde, ueberwiesen auch die Roemer ihren Schiffsbaumeistern eine gestrandete karthagische Pentere als Modell. Ohne Zweifel haetten die Roemer, wenn sie gewollt haetten, mit Hilfe der Syrakusaner und Massalioten schneller zum Ziele gelangen koennen; allein ihre Staatsmaenner waren zu einsichtig, um Italien durch eine nichtitalische Flotte verteidigen zu wollen. Dagegen wurden die italischen Bundesgenossen stark angezogen sowohl fuer die Schiffsoffiziere, die man groesstenteils aus der italischen Handelsmarine genommen haben wird, als fuer die Matrosen, deren Name (socii navales) beweist, dass sie eine Zeitlang ausschliesslich von den Bundesgenossen gestellt wurden; daneben wurden spaeter Sklaven, die der Staat und die reicheren Familien lieferten, und bald auch die aermere Klasse der Buerger verwandt. Unter solchen Verhaeltnissen, und wenn man teils den damaligen, verhaeltnismaessig niedrigen Stand des Schiffsbaus, teils die roemische Energie wie billig in Anschlag bringt, wird es begreiflich, dass die Roemer die Aufgabe, an der Napoleon gescheitert ist, eine Kontinental- in eine Seemacht umzuwandeln, innerhalb eines Jahres loesten und ihre Flotte von hundertundzwanzig Segeln in der Tat im Fruehjahr 494 (260) vom Stapel lief. Freilich kam dieselbe der karthagischen an Zahl und Segeltuechtigkeit keineswegs gleich; und es fiel dies um so mehr ins Gewicht, als die Seetaktik dieser Zeit vorwiegend im Manoevrieren bestand. Dass Schwergeruestete und Bogenschuetzen vom Verdeck herab fochten, oder dass Wurfmaschinen von demselben aus arbeiteten, gehoerte zwar auch zum Seegefecht dieser Zeit; allein der gewoehnliche und eigentlich entscheidende Kampf bestand im Niedersegeln der feindlichen Schiffe, zu welchem Zwecke die Vorderteile mit schweren Eisenschnaebeln versehen waren; die kaempfenden Schiffe pflegten einander zu umkreisen, bis dem einen oder dem andern der Stoss gelang, der gewoehnlich entschied. Deshalb befanden sich unter der Bemannung eines gewoehnlichen griechischen Dreideckers von etwa 200 Mann nur etwa zehn Soldaten, dagegen 170 Ruderer, 50 bis 60 fuer jedes Deck; die des Fuenfdeckers zaehlte etwa 300 Ruderer, und Soldaten nach Verhaeltnis.
Man kam auf den gluecklichen Gedanken, das, was den roemischen Schiffen bei ihren ungeuebten Schiffsoffizieren und Rudermannschaften an Manoevrierfaehigkeit notwendig abgehen musste, dadurch zu ersetzen, dass man den Soldaten im Seegefecht wiederum eine bedeutendere Rolle zuteilte. Man brachte auf dem Vorderteil des Schiffes eine fliegende Bruecke an, welche nach vorn wie nach beiden Seiten hin niedergelassen werden konnte; sie war zu beiden Seiten mit Brustwehren versehen und hatte Raum fuer zwei Mann in der Front. Wenn das feindliche Schiff zum Stoss auf das roemische heransegelte oder, nachdem der Stoss vermieden war, demselben zur Seite lag, schlug diese Bruecke auf dessen Verdeck nieder und mittels eines eisernen Stachels in dasselbe ein; wodurch nicht bloss das Niedersegeln verhindert, sondern es auch den roemischen Schiffssoldaten moeglich ward, ueber die Bruecke auf das feindliche Verdeck hinueberzugehen und dasselbe wie im Landgefecht zu erstuermen. Eine eigene Schiffsmiliz ward nicht gebildet, sondern nach Beduerfnis die Landtruppen zu diesem Schiffsdienst verwandt; es kommt vor, dass in einer grossen Seeschlacht, wo freilich die roemische Flotte zugleich die Landungsarmee an Bord hat, bis 120 Legionarier auf den einzelnen Schiffen fechten.
So schufen sich die Roemer eine Flotte, die der karthagischen gewachsen war. Diejenigen irren, die aus dem roemischen Flottenbau ein Feenmaerchen machen, und verfehlen ueberdies ihren Zweck; man muss begreifen um zu bewundern. Der Flottenbau der Roemer war eben gar nichts als ein grossartiges Nationalwerk, wo durch Einsicht in das Noetige und Moegliche, durch geniale Erfindsamkeit, durch Energie in Entschluss und Ausfuehrung das Vaterland aus einer Lage gerissen ward, die uebler war, als sie zunaechst schien.
Der Anfang indes war den Roemern nicht guenstig. Der roemische Admiral, der Konsul Gnaeus Cornelius Scipio, der mit den ersten siebzehn segelfertigen Fahrzeugen nach Messana in See gegangen war (494 260), meinte auf der Fahrt Lipara durch einen Handstreich wegnehmen zu koennen. Allein eine Abteilung der bei Panormos stationierten karthagischen Flotte sperrte den Hafen der Insel, in dem die roemischen Schiffe vor Anker gegangen waren, und nahm die ganze Eskadre mit dem Konsul ohne Kampf gefangen. Indes dies schreckte die Hauptflotte nicht ab, sowie die Vorbereitungen beendigt waren, gleichfalls nach Messana unter Segel zu gehen. Auf der Fahrt laengs der italischen Kueste traf sie auf ein schwaecheres karthagisches Rekognoszierungsgeschwader, dem sie das Glueck hatte, einen den ersten roemischen mehr als aufwiegenden Verlust zuzufuegen, und traf also gluecklich und siegreich im Hafen von Messana ein, wo der zweite Konsul Gaius Duilius das Kommando an der Stelle seines gefangenen Kollegen uebernahm. An der Landspitze von Mylae, nordwestlich von Messana, traf die karthagische Flotte, die unter Hannibal von Panormos herankam, auf die roemische, welche hier ihre erste groessere Probe bestand. Die Karthager, in den schlecht segelnden und unbehilflichen roemischen Schiffen eine leichte Beute erblickend, stuerzten sich in aufgeloester Linie auf dieselben; aber die neu erfundenen Enterbruecken bewaehrten sich vollkommen. Die roemischen Schiffe fesselten und stuermten die feindlichen, wie sie einzeln heransegelten; es war ihnen weder von vorn, noch von den Seiten beizukommen, ohne dass die gefaehrliche Bruecke sich niedersenkte auf das feindliche Verdeck. Als die Schlacht zu Ende war, waren gegen fuenfzig karthagische Schiffe, fast die Haelfte der Flotte, von den Roemern versenkt oder genommen, unter den letzteren das Admiralsschiff Hannibals, einst das des Koenigs Pyrrhos. Der Gewinn war gross; noch groesser der moralische Eindruck. Rom war ploetzlich eine Seemacht geworden und hatte das Mittel in der Hand, den Krieg, der endlos sich hinauszuspinnen und dem italischen Handel den Ruin zu drohen schien, energisch zu Ende zu fuehren.
Es gab dazu einen doppelten Weg. Man konnte entweder Karthago auf den italischen Inseln angreifen und ihm die Kuestenfestungen Siziliens und Sardiniens eine nach der andern entreissen, was vielleicht durch gut kombinierte Operationen zu Lande und zur See ausfuehrbar war; war dies durchgesetzt, so konnte entweder mit Karthago auf Grund der Abtretung dieser Inseln Friede geschlossen, oder, wenn dies misslang oder nicht genuegte, der zweite Akt des Krieges nach Afrika verlegt werden. Oder man konnte die Inseln vernachlaessigen und sich gleich mit aller Macht auf Afrika werfen, nicht in Agathokles’ abenteuernder Art die Schiffe hinter sich verbrennend und alles setzend auf den Sieg eines verzweifelten Haufens, sondern durch eine starke Flotte die Verbindungen der afrikanischen Invasionsarmee mit Italien deckend; in diesem Falle liess sich entweder von der Bestuerzung der Feinde nach den ersten Erfolgen ein maessiger Friede erwarten oder, wenn man wollte, mit aeusserster Gewalt den Feind zu vollstaendiger Ergebung noetigen.
Man waehlte zunaechst den ersten Operationsplan. Im Jahre nach der Schlacht von Mylae (495 259) erstuermte der Konsul Lucius Scipio den Hafen Aleria auf Korsika - wir besitzen noch den Grabstein des Feldherrn, der dieser Tat gedenkt - und machte aus Korsika eine Seestation gegen Sardinien. Ein Versuch, sich auf der Nordkueste dieser Insel in Ulbia festzusetzen, misslang, da es der Flotte an Landungstruppen fehlte. Im folgenden Jahre (496 258) ward er zwar mit besserem Erfolg wiederholt und die offenen Flecken an der Kueste gepluendert; aber zu einer bleibenden Festsetzung der Roemer kam es nicht. Ebensowenig kam man in Sizilien vorwaerts. Hamilkar fuehrte energisch und geschickt den Krieg nicht bloss mit Waffen zu Lande und zur See, sondern auch mit der politischen Propaganda; von den zahllosen kleinen Landstaedten fielen jaehrlich einige von den Roemern ab und mussten den Phoenikern muehsam wieder entrissen werden, und in den Kuestenfestungen behaupteten die Karthager sich unangefochten, namentlich in ihrem Hauptquartier Panormos und in ihrem neuen Waffenplatz Drepana, wohin der leichteren Seeverteidigung wegen Hamilkar die Bewohner des Eryx uebergesiedelt hatte. Ein zweites grosses Seetreffen am Tyndarischen Vorgebirg (497 257), in dem beide Teile sich den Sieg zuschrieben, aenderte nichts an der Lage der Dinge. In dieser Weise kam man nicht vom Fleck, mochte die Schuld nun an dem geteilten und schnell wechselnden Oberbefehl der roemischen Truppen liegen, der die konzentrierte Gesamtleitung einer Reihe kleinerer Operationen ungemein erschwerte, oder auch an den allgemeinen strategischen Verhaeltnissen, welche allerdings in einem solchen Fall nach dem damaligen Stande der Kriegswissenschaft sich fuer den Angreifer ueberhaupt (I, 426) und ganz besonders fuer die noch im Anfang der wissenschaftlichen Kriegskunst stehenden Roemer unguenstig stellten. Mittlerweile litt, wenn auch die Brandschatzung der italischen Kuesten aufgehoert hatte, doch der italische Handel nicht viel weniger als vor dem Flottenbau. Muede des erfolglosen Ganges der Operationen und ungeduldig, dem Kriege ein Ziel zu setzen, beschloss der Senat, das System zu aendern und Karthago in Afrika anzugreifen. Im Fruehjahr 498 (256) ging eine Flotte von 330 Linienschiffen unter Segel nach der libyschen Kueste; an der Muendung des Himeraflusses am suedlichen Ufer Siziliens nahm sie das Landungsheer an Bord: es waren vier Legionen unter der Fuehrung der beiden Konsuln Marcus Atilius Regulus und Lucius Manlius Volso, beides erprobte Generale. Der karthagische Admiral liess es geschehen, dass die feindlichen Truppen sich einschifften; aber auf der weiteren Fahrt nach Afrika fanden die Roemer die feindliche Flotte auf der Hoehe von Eknomos in Schlachtordnung aufgestellt, um die Heimat vor der Invasion zu decken. Nicht leicht haben groessere Massen zur See gefochten als in dieser Schlacht gegeneinander standen. Die roemische Flotte von 330 Segeln zaehlte mindestens 100000 Mann an Schiffsbemannung ausser der etwa 40000 Mann starken Landungsarmee; die karthagische von 350 Schiffen trug an Bemannung mindestens die gleiche Zahl, so dass gegen dreimalhunderttausend Menschen an diesem Tage aufgeboten waren, um zwischen den beiden maechtigen Buergerschaften zu entscheiden. Die Phoeniker standen in einfacher weitausgedehnter Linie, mit dem linken Fluegel gelehnt an die sizilische Kueste. Die Roemer ordneten sich ins Dreieck, die Admiralschiffe der beiden Konsuln an der Spitze, in schraeger Linie rechts und links neben ihnen das erste und zweite Geschwader, endlich das dritte mit den zum Transport der Reiterei gebauten Fahrzeugen im Schlepptau in der Linie, die das Dreieck schloss. Also segelten sie dichtgeschlossen auf den Feind. Langsamer folgte ein viertes in Reserve gestelltes Geschwader. Der keilfoermige Angriff durchbrach ohne Muehe die karthagische Linie, da das zunaechst angegriffene Zentrum derselben absichtlich zurueckwich, und die Schlacht loeste sich auf in drei gesonderte Treffen. Waehrend die Admirale mit den beiden auf den Fluegeln aufgestellten Geschwadern dem karthagischen Zentrum nachsetzten und mit ihm handgemein wurden, schwenkte der linke, an der Kueste aufgestellte Fluegel der Karthager auf das dritte roemische Geschwader ein, welches durch die Schleppschiffe gehindert ward, den beiden vorderen zu folgen, und draengte dasselbe in heftigem und ueberlegenem Angriff gegen das Ufer; gleichzeitig wurde die roemische Reserve von dem rechten karthagischen Fluegel auf der hohen See umgangen und von hinten angefallen. Das erste dieser drei Treffen war bald zu Ende: die Schiffe des karthagischen Mitteltreffens, offenbar viel schwaecher als die beiden gegen sie fechtenden roemischen Geschwader, wandten sich zur Flucht. Mittlerweile hatten die beiden anderen Abteilungen der Roemer einen harten Stand gegen den ueberlegenen Feind; allein im Nahgefecht kamen die gefuerchteten Enterbruecken ihnen zustatten, und mit deren Hilfe gelang es, sich so lange zu halten, bis die beiden Admirale mit ihren Schiffen herankommen konnten. Dadurch erhielt die roemische Reserve Luft, und die karthagischen Schiffe des rechten Fluegels suchten vor der Uebermacht das Weite. Nun, nachdem auch dieser Kampf zum Vorteil der Roemer entschieden, fielen alle noch seefaehigen roemischen Schiffe dem hartnaeckig seinen Vorteil verfolgenden karthagischen linken Fluegel in den Ruecken, so dass dieser umzingelt und fast alle Schiffe desselben genommen wurden. Der uebrige Verlust war ungefaehr gleich. Von der roemischen Flotte waren 24 Segel versenkt, von der karthagischen 30 versenkt, 64 genommen. Die karthagische Flotte gab trotz des betraechtlichen Verlustes es nicht auf, Afrika zu decken und ging zu diesem Ende zurueck an den Golf von Karthago, wo sie die Landung erwartete und eine zweite Schlacht zu liefern gedachte. Allein die Roemer landeten statt an der westlichen Seite der Halbinsel, die den Golf bilden hilft, vielmehr an der oestlichen, wo die Bai von Clupea ihnen einen fast bei allen Winden Schutz bietenden geraeumigen Hafen und die Stadt, hart am Meere auf einem schildfoermig aus der Ebene aufsteigenden Huegel gelegen, eine vortreffliche Hafenfestung darbot. Ungehindert vom Feinde schifften sie die Truppen aus und setzten sich auf dem Huegel fest; in kurzer Zeit war ein verschanztes Schiffslager errichtet, und das Landheer konnte seine Operationen beginnen. Die roemischen Truppen durchstreiften und brandschatzten das Land; bis 20000 Sklaven konnten nach Rom gefuehrt werden. Durch die ungeheuersten Gluecksfaelle war der kuehne Plan auf den ersten Wurf und mit geringen Opfern gelungen; man schien am Ziele zu stehen. Wie sicher die Roemer sich fuehlten, beweist der Beschluss des Senats, den groessten Teil der Flotte und die Haelfte der Armee nach Italien zurueckzuschicken; Marcus Regulus blieb allein in Afrika mit 40 Schiffen, 15000 Mann zu Fuss und 500 Reitern. Es schien indes die Zuversicht nicht uebertrieben. Die karthagische Armee, die entmutigt sich in die Ebene nicht wagte, erlitt erst recht eine Schlappe in den waldigen Defileen, in denen sie ihre beiden besten Waffen, die Reiterei und die Elefanten nicht verwenden konnte. Die Staedte ergaben sich in Masse, die Numidier standen auf und ueberschwemmten weithin das offene Land. Regulus konnte hoffen, den naechsten Feldzug zu beginnen mit der Belagerung der Hauptstadt, zu welchem Ende er dicht bei derselben, in Tunes sein Winterlager aufschlug.
Der Karthager Mut war gebrochen; sie baten um Frieden. Allein die Bedingungen, die der Konsul stellte: nicht bloss Abtretung von Sizilien und Sardinien, sondern Eingehung eines ungleichen Buendnisses mit Rom, welches die Karthager verpflichtet haette, auf eine eigene Kriegsmarine zu verzichten und zu den roemischen Kriegen Schiffe zu stellen - diese Bedingungen, welche Karthago mit Neapel und Tarent gleichgestellt haben wuerden, konnten nicht angenommen werden, solange noch ein karthagisches Heer im Felde, eine karthagische Flotte auf der See, und die Hauptstadt unerschuettert stand. Die gewaltige Begeisterung, wie sie in den orientalischen Voelkern, auch den tief gesunkenen, bei dem Herannahen aeusserster Gefahren grossartig aufzuflammen pflegt, diese Energie der hoechsten Not trieb die Karthager zu Anstrengungen, wie man sie den Budenleuten nicht zugetraut haben mochte. Hamilkar, der in Sizilien den kleinen Krieg gegen die Roemer so erfolgreich gefuehrt hatte, erschien in Libyen mit der Elite der sizilischen Truppen, die fuer die neuausgehobene Mannschaft einen trefflichen Kern abgab; die Verbindungen und das Gold der Karthager fuehrten ihnen ferner die trefflichen numidischen Reiter scharenweise zu und ebenso zahlreiche griechische Soeldner, darunter den gefeierten Hauptmann Xanthippos von Sparta, dessen Organisierungstalent und strategische Einsicht seinen neuen Dienstherren von grossem Nutzen war ^2. Waehrend also im Lauf des Winters die Karthager ihre Vorbereitungen trafen, stand der roemische Feldherr untaetig bei Tunes. Mochte er nicht ahnen, welcher Sturm sich ueber seinem Haupt zusammenzog, oder mochte militaerisches Ehrgefuehl ihm zu tun verbieten, was seine Lage erheischte - statt zu verzichten auf eine Belagerung, die er doch nicht imstande war, auch nur zu versuchen, und sich einzuschliessen in die Burg von Clupea, blieb er mit einer Handvoll Leute vor den Mauern der feindlichen Hauptstadt stehen, sogar seine Rueckzugslinie zu dem Schiffslager zu sichern versaeumend, und versaeumend sich zu schaffen, was ihm vor allen Dingen fehlte und was durch Verhandlungen mit den aufstaendischen Staemmen der Numidier so leicht zu erreichen war, eine gute leichte Reiterei. Mutwillig brachte er sich und sein Heer also in dieselbe Lage, in der einst Agathokles auf seinem verzweifelten Abenteurerzug sich befunden hatte. Als das Fruehjahr kam (499 255), hatten sich die Dinge schon so veraendert, dass jetzt die Karthager es waren, die zuerst ins Feld rueckten und den Roemern eine Schlacht anboten; natuerlich, denn es lag alles daran, mit dem Heer des Regulus fertig zu werden, ehe von Italien Verstaerkung kommen konnte. Aus demselben Grunde haetten die Roemer zoegern sollen; allein im Vertrauen auf ihre Unueberwindlichkeit im offenen Felde nahmen sie sofort die Schlacht an trotz ihrer geringeren Staerke - denn obwohl die Zahl des Fussvolks auf beiden Seiten ungefaehr dieselbe war, gaben doch den Karthagern die 4000 Reiter und 100 Elefanten ein entschiedenes Uebergewicht - und trotz des unguenstigen Terrains - die Karthager hatten sich auf einem weiten Blachfeld, vermutlich unweit Tunes, aufgestellt. Xanthippos, der an diesem Tage die Karthager kommandierte, warf zunaechst seine Reiterei auf die feindliche, die wie gewoehnlich auf den beiden Fluegeln der Schlachtlinie stand; die wenigen roemischen Schwadronen zerstoben im Nu vor den feindlichen Kavalleriemassen und das roemische Fussvolk sah sich von demselben ueberfluegelt und umschwaermt. Die Legionen, hierdurch nicht erschuettert, gingen zum Angriff vor gegen die feindliche Linie; und obwohl die zur Deckung vor derselben aufgestellte Elefantenreihe den rechten Fluegel und das Zentrum der Roemer hemmte, fasste wenigstens der linke roemische Fluegel, an den Elefanten vorbeimarschierend, die Soeldnerinfanterie auf dem rechten feindlichen und warf sie vollstaendig. Allein eben dieser Erfolg zerriss die roemischen Reihen. Die Hauptmasse, vorn von den Elefanten, an den Seiten und im Ruecken von der Reiterei angegriffen, formierte sich zwar ins Viereck und verteidigte sich heldenmuetig, allein endlich wurden doch die geschlossenen Massen gesprengt und aufgerieben. Der siegreiche linke Fluegel traf auf das noch frische karthagische Zentrum, wo die libysche Infanterie ihm gleiches Schicksal bereitete. Bei der Beschaffenheit des Terrains und der Ueberzahl der feindlichen Reiterei ward niedergehauen oder gefangen, was in diesen Massen gefochten hatte; nur zweitausend Mann, vermutlich vorzugsweise die zu Anfang zersprengten leichten Truppen und Reiter, gewannen, waehrend die roemischen Legionen sich niedermachen liessen, soviel Vorsprung, um mit Not Clupea zu erreichen. Unter den wenigen Gefangenen war der Konsul selbst, der spaeter in Karthago starb; seine Familie, in der Meinung, dass er von den Karthagern nicht nach Kriegsgebrauch behandelt worden sei, nahm an zwei edlen karthagischen Gefangenen die empoerendste Rache, bis es selbst die Sklaven erbarmte und auf deren Anzeige die Tribune der Schaendlichkeit steuerten ^3.
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^2 Der Bericht, dass zunaechst Xanthippos’ militaerisches Talent Karthago gerettet habe, ist wahrscheinlich gefaerbt; die karthagischen Offiziere werden schwerlich auf den Fremden gewartet haben, um zu lernen, dass die leichte afrikanische Kavallerie zweckmaessiger auf der Ebene verwandt werde als in Huegeln und Waeldern. Von solchen Wendungen, dem Echo der griechischen Wachtstubengespraeche, ist selbst Polybios nicht frei. Dass Xanthippos nach dem Siege von den Karthagern ermordet worden sei, ist eine Erfindung; er ging freiwillig fort, vielleicht in aegyptische Dienste.
^3 Weiter ist ueber Regulus’ Ende nichts mit Sicherheit bekannt; selbst seine Sendung nach Rom, die bald 503 (251), bald 513 (241) gesetzt wird, ist sehr schlecht beglaubigt, Die spaetere Zeit, die in dem Glueck und Unglueck der Vorfahren nur nach Stoffen suchte fuer Schulakte, hat aus Regulus den Prototyp des ungluecklichen wie aus Fabricius das des duerftigen Helden gemacht und eine Menge obligat erfundener Anekdoten auf seinen Namen in Umlauf gesetzt; widerwaertige Flitter, die uebel kontrastieren mit der ernsten und schlichten Geschichte.
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Wie die Schreckenspost nach Rom gelangte, war die erste Sorge natuerlich gerichtet auf die Rettung der in Clupea eingeschlossenen Mannschaft. Eine roemische Flotte von 350 Segeln lief sofort aus, und nach einem schoenen Sieg am Hermaeischen Vorgebirg, bei welchem die Karthager 114 Schiffe einbuessten, gelangte sie nach Clupea eben zur rechten Zeit, um die dort verschanzten Truemmer der geschlagenen Armee aus ihrer Bedraengnis zu befreien. Waere sie gesandt worden, ehe die Katastrophe eintrat, so haette sie die Niederlage in einen Sieg verwandeln moegen, der wahrscheinlich den phoenikischen Kriegen ein Ende gemacht haben wuerde. So vollstaendig aber hatten jetzt die Roemer den Kopf verloren, dass sie nach einem gluecklichen Gefecht vor Clupea saemtliche Truppen auf die Schiffe setzten und heimsegelten, freiwillig den wichtigen und leicht zu verteidigenden Platz raeumend, der ihnen die Moeglichkeit der Landung in Afrika sicherte, und der Rache der Karthager ihre zahlreichen afrikanischen Bundesgenossen schutzlos preisgebend. Die Karthager versaeumten die Gelegenheit nicht, ihre leeren Kassen zu fuellen und den Untertanen die Folgen der Untreue deutlich zu machen. Eine ausserordentliche Kontribution von 1000 Talenten Silber (1740000 Taler) und 20000 Rindern ward ausgeschrieben und in saemtlichen abgefallenen Gemeinden die Scheiche ans Kreuz geschlagen - es sollen ihrer dreitausend gewesen sein und dieses entsetzliche Wueten der karthagischen Beamten wesentlich den Grund gelegt haben zu der Revolution, welche einige Jahre spaeter in Afrika ausbrach. Endlich, als wollte wie frueher das Glueck, so jetzt das Unglueck den Roemern das Mass fuellen, gingen auf der Rueckfahrt der Flotte in einem schweren Sturm drei Vierteile der roemischen Schiffe mit der Mannschaft zugrunde; nur achtzig gelangten in den Hafen (Juli 499 255). Die Kapitaene hatten das Unheil wohl vorausgesagt, aber die improvisierten roemischen Admirale die Fahrt einmal also befohlen.
Nach so ungeheuren Erfolgen konnten die Karthager die lange eingestellte Offensive wiederum ergreifen. Hasdrubal, Hannos Sohn, landete in Lilybaeon mit einem starken Heer, das besonders durch die gewaltige Elefantenmasse - es waren ihrer 140 - in den Stand gesetzt wurde, gegen die Roemer das Feld zu halten; die letzte Schlacht hatte gezeigt, wie es moeglich war, den Mangel eines guten Fussvolks durch Elefanten und Reiterei einigermassen zu ersetzen. Auch die Roemer nahmen den sizilischen Krieg von neuem auf: die Vernichtung des Landungsheeres hatte, wie die freiwillige Raeumung von Clupea beweist, im roemischen Senat sofort wieder der Partei die Oberhand gegeben, die den afrikanischen Krieg nicht wollte und sich begnuegte, die Inseln allmaehlich zu unterwerfen. Allein auch hierzu bedurfte man einer Flotte; und da diejenige zerstoert war, mit der man bei Mylae, bei Eknomos und am Hermaeischen Vorgebirge gesiegt hatte, baute man eine neue. Zu zweihundertundzwanzig neuen Kriegsschiffen wurde auf einmal der Kiel gelegt - nie hatte man bisher gleichzeitig so viele zu bauen unternommen -, und in der unglaublich kurzen Zeit von drei Monaten standen sie saemtlich segelfertig. Im Fruehjahr 500 (254) erschien die roemische Flotte, dreihundert groesstenteils neue Schiffe zaehlend, an der sizilischen Nordkueste. Durch einen gluecklichen Angriff von der Seeseite ward die bedeutendste Stadt des karthagischen Siziliens, Panormos, erobert, und ebenso fielen hier die kleineren Plaetze Solus, Kephaloedion, Tyndaris den Roemern in die Haende, so dass am ganzen noerdlichen Gestade der Insel nur noch Thermae den Karthagern verblieb. Panormos ward seitdem eine der Hauptstationen der Roemer auf Sizilien. Der Landkrieg daselbst stockte indes; die beiden Armeen standen vor Lilybaeon einander gegenueber, ohne dass die roemischen Befehlshaber, die der Elefantenmasse nicht beizukommen wussten, eine Hauptschlacht zu erzwingen versucht haetten.
Im folgenden Jahre (501 253) zogen die Konsuln es vor, statt die sicheren Vorteile in Sizilien zu verfolgen, eine Expedition nach Afrika zu machen, nicht um zu landen, sondern um die Kuestenstaedte zu pluendern. Ungehindert kamen sie damit zustande; allein nachdem sie schon in den schwierigen und ihren Piloten unbekannten Gewaessern der Kleinen Syrte auf die Untiefen aufgelaufen und mit Muehe wieder losgekommen waren, traf die Flotte zwischen Sizilien und Italien ein Sturm, der ueber 150 roemische Schiffe kostete; auch diesmal hatten die Piloten, trotz ihrer Vorstellungen und Bitten, den Weg laengs der Kueste zu waehlen, auf Befehl der Konsuln von Panormos gerades Weges durch das offene Meer nach Ostia zu steuern muessen.
Da ergriff Kleinmut die Vaeter der Stadt; sie beschlossen, die Kriegsflotte abzuschaffen bis auf 60 Segel und den Seekrieg auf die Kuestenverteidigung und die Geleitung der Transporte zu beschraenken. Zum Glueck nahm eben jetzt der stockende Landkrieg auf Sizilien eine guenstigere Wendung. Nachdem im Jahre 502 (252) Thermae, der letzte Punkt, den die Karthager an der Nordkueste besassen, und die wichtige Insel Lipara den Roemern in die Haende gefallen waren, erfocht im Jahre darauf der Konsul Lucius Caecilius Metellus unter den Mauern von Panormos einen glaenzenden Sieg ueber das Elefantenheer (Sommer 503 251). Die unvorsichtig vorgefuehrten Tiere wurden von den im Stadtgraben aufgestellten leichten Truppen der Roemer geworfen und stuerzten teils in den Graben hinab, teils zurueck auf ihre eigenen Leute, die in wilder Verwirrung mit den Elefanten zugleich sich zum Strande draengten, um von den phoenikischen Schiffen aufgenommen zu werden. 120 Elefanten wurden gefangen, und das karthagische Heer, dessen Staerke auf den Tieren beruhte, musste sich wiederum in die Festungen einschliessen. Es blieb, nachdem auch noch der Eryx den Roemern in die Haende gefallen war (505 249), auf der Insel den Karthagern nichts mehr als Drepana und Lilybaeon. Karthago bot zum zweitenmal den Frieden an; allein der Sieg des Metellus und die Ermattung des Feindes gab der energischeren Partei im Senat die Oberhand. Der Friede ward zurueckgewiesen und beschlossen, die Belagerung der beiden sizilischen Staedte ernsthaft anzugreifen und zu diesem Ende wiederum eine Flotte von 200 Segeln in See gehen zu lassen. Die Belagerung von Lilybaeon, die erste grosse und regelrechte, die Rom unternahm, und eine der hartnaeckigsten, die die Geschichte kennt, wurde von den Roemern mit einem wichtigen Erfolg eroeffnet: ihrer Flotte gelang es, sich in den Hafen der Stadt zu legen und dieselbe von der Seeseite zu blockieren. Indes vollstaendig die See zu sperren, vermochten die Belagerer nicht. Trotz ihrer Versenkungen und Palisaden und trotz der sorgfaeltigsten Bewachung unterhielten gewandte und der Untiefen und Fahrwaesser genau kundige Schnellsegler eine regelmaessige Verbindung zwischen den Belagerten in der Stadt und der karthagischen Flotte im Hafen von Drepana; ja nach einiger Zeit glueckte es einem karthagischen Geschwader von 50 Segeln, in den Hafen einzufahren, Lebensmittel in Menge und Verstaerkung von 10000 Mann in die Stadt zu werfen und unangefochten wieder heimzukehren. Nicht viel gluecklicher war die belagernde Landarmee. Man begann mit regelrechtem Angriff; die Maschinen wurden errichtet, und in kurzer Zeit hatten die Batterien sechs Mauertuerme eingeworfen; die Bresche schien bald gangbar. Allein der tuechtige karthagische Befehlshaber Himilko wehrte diesen Angriff ab, indem auf seine Anordnung hinter der Bresche sich ein zweiter Wall erhob. Ein Versuch der Roemer, mit der Besatzung ein Einverstaendnis anzuknuepfen, ward ebenso noch zur rechten Zeit vereitelt. Ja es gelang den Karthagern, nachdem ein erster, zu diesem Zwecke gemachter Ausfall abgeschlagen worden war, waehrend einer stuermischen Nacht die roemische Maschinenreihe zu verbrennen. Die Roemer gaben hierauf die Vorbereitungen zum Sturm auf und begnuegten sich, die Mauer zu Wasser und zu Lande zu blockieren. Freilich waren dabei die Aussichten auf Erfolg sehr fern, solange man nicht imstande war, den feindlichen Schiffen den Zugang gaenzlich zu verlegen; und einen nicht viel leichteren Stand als in der Stadt die Belagerten hatte das Landheer der Belagerer, welchem die Zufuhren durch die starke und verwegene leichte Reiterei der Karthager haeufig abgefangen wurden und das die Seuchen, die in der ungesunden Gegend einheimisch sind, zu dezimieren begannen. Die Eroberung Lilybaeons war nichtsdestoweniger wichtig genug, um geduldig bei der muehseligen Arbeit auszuharren, die denn doch mit der Zeit der. gewuenschten Erfolg verhiess. Allein dem neuen Konsul Publius Claudius schien die Aufgabe, Lilybaeon eingeschlossen zu halten, allzu gering; es gefiel ihm besser, wieder einmal den Operationsplan zu aendern und mit seinen zahlreichen neu bemannten Schiffen die karthagische in dem nahen Hafen von Drepana verweilende Flotte unversehens zu ueberfallen. Mit dem ganzen Blockadegeschwader, das Freiwillige aus den Legionen an Bord genommen hatte, fuhr er um Mitternacht ab und erreichte, in guter Ordnung segelnd, den rechten Fluegel am Lande, den linken in der hohen See, gluecklich mit Sonnenaufgang den Hafen von Drepana. Hier kommandierte der phoenikische Admiral Atarbas. Obwohl ueberrascht, verlor er die Besonnenheit nicht und liess sich nicht in den Hafen einschliessen, sondern wie die roemischen Schiffe in den nach Sueden sichelfoermig sich oeffnenden Hafen an der Landseite einfuhren, zog er an der noch freien Seeseite seine Schiffe aus dem Hafen heraus und stellte sich ausserhalb desselben in Linie. Dem roemischen Admiral blieb nichts uebrig, als die vordersten Schiffe moeglichst schnell aus dem Hafen zurueckzunehmen und sich gleichfalls vor demselben zur Schlacht zu ordnen; allein ueber dieser rueckgaengigen Bewegung verlor er die freie Wahl seiner Aufstellung und musste die Schlacht annehmen in einer Linie, die teils von der feindlichen um fuenf Schiffe ueberfluegelt ward, da es an Zeit gebrach, die Schiffe wieder aus dem Hafen vollstaendig zu entwickeln, teils so dicht an die Kueste gedraengt war, dass seine Fahrzeuge weder zurueckweichen noch hinter der Linie hinsegelnd sich untereinander zu Hilfe kommen konnten. Die Schlacht war nicht bloss verloren, ehe sie begann, sondern die roemische Flotte so vollstaendig umstrickt, dass sie fast ganz den Feinden in die Haende fiel. Zwar der Konsul entkam, indem er zuerst davonfloh; aber 93 roemische Schiffe, mehr als drei Viertel der Blockadeflotte, mit dem Kern der roemischen Legionen an Bord, fielen den Phoenikern in die Haende. Es war der erste und einzige grosse Seesieg, den die Karthager ueber die Roemer erfochten haben. Lilybaeon war der Tat nach von der Seeseite entsetzt, denn wenn auch die Truemmer der roemischen Flotte in ihre fruehere Stellung zurueckkehrten, so war diese doch jetzt viel zu schwach, um den nie ganz geschlossenen Hafen ernstlich zu versperren, und konnte vor dem Angriff der karthagischen Schiffe sich selbst nur retten durch den Beistand des Landheers. Die eine Unvorsichtigkeit eines unerfahrenen und frevelhaft leichtsinnigen Offiziers hatte alles vereitelt, was in dem langen und aufreibenden Festungskrieg muehsam erreicht worden war; und was dessen Uebermut noch an Kriegsschiffen den Roemern gelassen hatte, ging kurz darauf durch den Unverstand seines Kollegen zugrunde. Der zweite Konsul, Lucius Iunius Pullus, der den Auftrag erhalten hatte, die fuer das Heer in Lilybaeon bestimmten Zufuhren in Syrakus zu verladen und die Transportflotte laengs der suedlichen Kueste der Insel mit der zweiten roemischen Flotte von 120 Kriegsschiffen zu geleiten, beging, statt seine Schiffe zusammenzuhalten, den Fehler, den ersten Transport allein abgehen zu lassen und erst spaeter mit dem zweiten zu folgen. Als der karthagische Unterbefehlshaber Karthalo, der mit hundert auserlesenen Schiffen die roemische Flotte im Hafen von Lilybaeon blockierte, davon Nachricht erhielt, wandte er sich nach der Suedkueste der Insel, schnitt die beiden roemischen Geschwader, sich zwischen sie legend, voneinander ab und zwang sie, an den unwirtlichen Gestaden von Gela und Kamarina in zwei Nothaefen sich zu bergen. Die Angriffe der Karthager wurden freilich von den Roemern tapfer zurueckgewiesen mit Hilfe der hier wie ueberall an der Kueste schon seit laengerer Zeit errichteten Strandbatterien; allein da an Vereinigung und Fortsetzung der Fahrt fuer die Roemer nicht zudenken war, konnte Karthago die Vollendung seines Werkes den Elementen ueberlassen. Der naechste grosse Sturm vernichtete denn auch beide roemische Flotten auf ihren schlechten Reeden vollstaendig, waehrend der phoenikische Admiral auf der hohen See mit seinen unbeschwerten und gut gefuehrten Schiffen ihm leicht entging. Die Mannschaft und die Ladung gelang es den Roemern indes groesstenteils zu retten (505 249).
Der roemische Senat war ratlos. Der Krieg waehrte nun ins sechzehnte Jahr, und von dem Ziele schien man im sechzehnten weiter ab zu sein als im ersten. Vier grosse Flotten waren in diesem Kriege zugrunde gegangen, drei davon mit roemischen Heeren an Bord; ein viertes ausgesuchtes Landheer hatte der Feind in Libyen vernichtet, ungerechnet die zahllosen Opfer, die die kleinen Gefechte zur See, die in Sizilien die Schlachten und mehr noch der Postenkrieg und die Seuchen gefordert hatten. Welche Zahl von Menschenleben der Krieg wegraffte, ist daraus zuerkennen, dass die Buergerrolle bloss von 502 (252) auf 507 (247) um etwa 40000 Koepfe, den sechsten Teil der Gesamtzahl, sank; wobei die Verluste der Bundesgenossen, die die ganze Schwere des Seekriegs und daneben der Landkrieg mindestens in gleichem Verhaeltnis wie die Roemer traf, noch nicht mit eingerechnet sind. Von der finanziellen Einbusse ist es nicht moeglich, sich eine Vorstellung zu machen; aber sowohl der unmittelbare Schaden an Schiffen und Material als der mittelbare durch die Laehmung des Handels muessen ungeheuer gewesen sein. Allein schlimmer als dies alles war die Abnutzung aller Mittel, durch die man den Krieg hatte endigen wollen. Man hatte eine Landung in Afrika mit frischen Kraeften, im vollen Siegeslauf versucht und war gaenzlich gescheitert. Man hatte Sizilien Stadt um Stadt zu erstuermen unternommen; die geringeren Plaetze waren gefallen, aber die beiden gewaltigen Seeburgen Lilybaeon und Drepana standen unbezwinglicher als je zuvor. Was sollte man beginnen? In der Tat, der Kleinmut behielt gewissermassen Recht. Die Vaeter der Stadt verzagten; sie liessen die Sachen eben gehen, wie sie gehen mochten, wohl wissend, dass ein ziel- und endlos sich hinspinnender Krieg fuer Italien verderblicher war als die Anstrengung des letzten Mannes und des letzten Silberstuecks, aber ohne den Mut und die Zuversicht zu dem Volk und zu dem Glueck, um zu den alten, nutzlos vergeudeten neue Opfer zu fordern. Man schaffte die Flotte ab; hoechstens foerderte man die Kaperei und stellte den Kapitaenen, die auf ihre eigene Hand den Korsarenkrieg zu beginnen bereit waren, zu diesem Behuf Kriegsschiffe des Staates zur Verfuegung. Der Landkrieg ward dem Namen nach fortgefuehrt, weil man eben nicht anders konnte; allein man begnuegte sich, die sizilischen Festungen zu beobachten, und was man besass, notduerftig zu behaupten, was dennoch, seit die Flotte fehlte, ein sehr zahlreiches Heer und aeusserst kostspielige Anstalten erforderte.
Wenn jemals, so war jetzt die Zeit gekommen, wo Karthago den gewaltigen Gegner zu demuetigen imstande war. Dass auch dort die Erschoepfung der Kraefte gefuehlt ward, versteht sich; indes wie die Sachen standen, konnten die phoenikischen Finanzen unmoeglich so im Verfall sein, dass die Karthager den Krieg, der ihnen hauptsaechlich nur Geld kostete, nicht haetten offensiv und nachdruecklich fortfuehren koennen. Allein die karthagische Regierung war eben nicht energisch, sondern schwach und laessig, wenn nicht ein leichter und sicherer Gewinn oder die aeusserste Not sie trieb. Froh, der roemischen Flotte los zu sein, liess man toericht auch die eigene verfallen und fing an, nach dem Beispiel der Feinde sich zu Lande und zur See auf den kleinen Krieg in und um Sizilien zu beschraenken.
So folgten sechs tatenlose Kriegsjahre (506-511 248-243), die ruhmlosesten, welche die roemische Geschichte dieses Jahrhunderts kennt, und ruhmlos auch fuer das Volk der Karthager. Indes ein Mann von diesen dachte und handelte anders als seine Nation. Hamilkar, genannt Barak oder Barkas, das ist der Blitz, ein junger, vielversprechender Offizier, uebernahm im Jahre 507 (247) den Oberbefehl in Sizilien. Es fehlte in seiner Armee wie in jeder karthagischen an einer zuverlaessigen und kriegsgeuebten Infanterie; und die Regierung, obwohl sie vielleicht eine solche zu schaffen imstande und auf jeden Fall es zu versuchen verpflichtet gewesen waere, begnuegte sich, den Niederlagen zuzusehen und hoechstens die geschlagenen Feldherren ans Kreuz heften zu lassen. Hamilkar beschloss, sich selber zu helfen. Er wusste es wohl, dass seinen Soeldnern Karthago so gleichgueltig war wie Rom, und dass er von seiner Regierung nicht phoenikische oder libysche Konskribierte, sondern im besten Fall die Erlaubnis zu erwarten hatte, mit seinen Leuten das Vaterland auf eigene Faust zu retten, vorausgesetzt, dass es nichts koste. Allein er kannte auch sich und die Menschen. An Karthago lag seinen Soeldnern freilich nichts; aber der echte Feldherr vermag es, den Soldaten an die Stelle des Vaterlandes seine eigene Persoenlichkeit zu setzen, und ein solcher war der junge General. Nachdem er die Seinigen im Postenkrieg vor Drepana und Lilybaeon gewoehnt hatte, dem Legionaer ins Auge zu sehen, setzte er auf dem Berge Eirkte (Monte Pellegrino bei Palermo), der gleich einer Festung das umliegende Land beherrscht, sich mit seinen Leuten fest und liess sie hier haeuslich mit ihren Frauen und Kindern sich einrichten und das platte Land durchstreifen, waehrend phoenikische Kaper die italische Kueste bis Cumae brandschatzten. So ernaehrte er seine Leute reichlich, ohne von den Karthagern Geld zu begehren, und bedrohte, mit Drepana die Verbindung zur See unterhaltend, das wichtige Panormos in naechster Naehe mit Ueberrumpelung. Nicht bloss vermochten die Roemer nicht, ihn von seinem Felsen zu vertreiben, sondern nachdem an der Eirkte der Kampf eine Weile gedauert hatte, schuf sich Hamilkar eine zweite aehnliche Stellung am Eryx. Diesen Berg, der auf der halben Hoehe die gleichnamige Stadt, auf der Spitze den Tempel der Aphrodite trug, hatten bis dahin die Roemer in Haenden gehabt und von da aus Drepana beunruhigt. Hamilkar nahm die Stadt weg und belagerte das Heiligtum, waehrend die Roemer von der Ebene her ihn ihrerseits blockierten. Die von den Roemern auf den verlorenen Posten des Tempels gestellten keltischen Ueberlaeufer aus dem karthagischen Heer, ein schlimmes Raubgesindel, das waehrend dieser Belagerung den Tempel pluenderte und Schaendlichkeiten aller Art veruebte, verteidigten die Felsenspitze mit verzweifeltem Mut; aber auch Hamilkar liess sich nicht wieder aus der Stadt verdraengen und hielt mit der Flotte und der Besatzung von Drepana stets sich zur See die Verbindung offen. Der sizilische Krieg schien eine immer unguenstigere Wendung fuer die Roemer zu nehmen. Der roemische Staat kam in demselben um sein Geld und seine Soldaten und die roemischen Feldherren um ihr Ansehen: es war schon klar, dass dem Hamilkar kein roemischer General gewachsen war, und die Zeit liess sich berechnen, wo auch der karthagische Soeldner sich dreist wuerde messen koennen mit dem Legionaer. Immer verwegener zeigten sich die Kaper Hamilkars an der italischen Kueste - schon hatte gegen eine dort gelandete karthagische Streifpartei ein Praetor ausruecken muessen. Noch einige Jahre, so tat Hamilkar von Sizilien aus mit der Flotte, was spaeter auf dem Landweg von Spanien aus sein Sohn unternahm.
Indes der roemische Senat verharrte in seiner Untaetigkeit; die Partei der Kleinmuetigen hatte einmal in ihm die Mehrzahl. Da entschlossen sich eine Anzahl einsichtiger und hochherziger Maenner, den Staat auch ohne Regierungsbeschluss zu retten und dem heillosen Sizilischen Krieg ein Ende zu machen. Die gluecklichen Korsarenfahrten hatten wenn nicht den Mut der Nation gehoben, doch in engeren Kreisen die Energie und die Hoffnung geweckt; man hatte sich schon in Geschwader zusammengetan, Hippo an der afrikanischen Kueste niedergebrannt, den Karthagern vor Panormos ein glueckliches Seegefecht geliefert. Durch Privatunterzeichnung, wie sie auch wohl in Athen, aber nie in so grossartiger Weise vorgekommen ist, stellten die vermoegenden und patriotisch gesinnten Roemer eine Kriegsflotte her, deren Kern die fuer den Kaperdienst gebauten Schiffe und die darin geuebten Mannschaften abgaben und die ueberhaupt weit sorgfaeltiger hergestellt wurde, als dies bisher bei dem Staatsbau geschehen war. Diese Tatsache, dass eine Anzahl Buerger im dreiundzwanzigsten Jahre eines schweren Krieges zweihundert Linienschiffe mit einer Bemannung von 60000 Matrosen freiwillig dem Staate darboten, steht vielleicht ohne Beispiel da in den Annalen der Geschichte. Der Konsul Gaius Lutatius Catulus, dem die Ehre zuteil ward, diese Flotte in die sizilische See zu fuehren, fand dort kaum einen Gegner; die paar karthagischen Schiffe, mit denen Hamilkar seine Korsarenzuege gemacht, verschwanden vor der Uebermacht, und fast ohne Widerstand besetzten die Roemer die Haefen von Lilybaeon und Drepana, deren Belagerung zu Wasser und zu Lande jetzt energisch begonnen ward. Karthago war vollstaendig ueberrumpelt; selbst die beiden Festungen, schwach verproviantiert, schwebten in grosser Gefahr. Man ruestete daheim an einer Flotte, aber so eilig man tat, ging das Jahr zu Ende, ohne dass in Sizilien karthagische Segel sich gezeigt haetten; und als endlich im Fruehjahr 513 (241) die zusammengerafften Schiffe auf der Hoehe von Drepana erschienen, war es doch mehr eine Transport- als eine schlagfertige Kriegsflotte zu nennen. Die Phoeniker hatten gehofft, ungestoert landen, die Vorraete ausschiffen und die fuer ein Seegefecht erforderlichen Truppen an Bord nehmen zu koennen; allein die roemischen Schiffe verlegten ihnen den Weg und zwangen sie, da sie von der heiligen Insel (jetzt Maritima) nach Drepana segeln wollten, bei der kleinen Insel Aegusa (Favignana), die Schlacht anzunehmen (10. Maerz 513 241). Der Ausgang war keinen Augenblick zweifelhaft, die roemische Flotte, gut gebaut und bemannt und, da die vor Drepana erhaltene Wunde den Konsul Catulus noch an das Lager fesselte, von dem tuechtigen Praetor Publius Valerius Falto vortrefflich gefuehrt, warf im ersten Augenblick die schwer beladenen, schlecht und schwach bemannten Schiffe der Feinde; fuenfzig wurden versenkt, mit siebzig eroberten fuhren die Sieger ein in den Hafen von Lilybaeon. Die letzte grosse Anstrengung der roemischen Patrioten hatte Frucht getragen; sie brachte den Sieg und mit ihm den Frieden.
Die Karthager kreuzigten zunaechst den ungluecklichen Admiral, was die Sache nicht anders machte, und schickten alsdann dem sizilischen Feldherrn unbeschraenkte Vollmacht, den Frieden zu schliessen. Hamilkar, der, seine siebenjaehrige Heldenarbeit durch fremde Fehler vernichtet sah, fuegte hochherzig sich in das Unvermeidliche, ohne darum weder seine Soldatenehre noch sein Volk noch seine Entwuerfe aufzugeben. Sizilien freilich war nicht zu halten, seit die Roemer die See beherrschten, und dass die karthagische Regierung, die ihre leere Kasse vergeblich durch ein Staatsanlehen in Aegypten zu fuellen versucht hatte, auch nur einen Versuch noch machen wuerde, die roemische Flotte zu ueberwaeltigen, liess sich nicht erwarten. Er gab also die Insel auf. Dagegen ward die Selbstaendigkeit und Integritaet des karthagischen Staats und Gebiets ausdruecklich anerkannt in der ueblichen Form, dass Rom sich verpflichtete, nicht mit der karthagischen, Karthago, nicht mit der roemischen Bundesgenossenschaft, das heisst mit den beiderseitigen untertaenigen und abhaengigen Gemeinden, in Sonderbuendnis zu treten oder Krieg zu beginnen oder in diesem Gebiet Hoheitsrechte auszuueben oder Werbungen vorzunehmen ^4. Was die Nebenbedingungen anlangt, so verstand sich die unentgeltliche Rueckgabe der roemischen Gefangenen und die Zahlung einer Kriegskontribution von selbst; dagegen die Forderung des Catulus, dass Hamilkar die Waffen und die roemischen Ueberlaeufer ausliefern solle, wies der Karthager entschlossen zurueck, und mit Erfolg. Catulus verzichtete auf das zweite Begehren und gewaehrte den Phoenikern freien Abzug aus Sizilien gegen das maessige Loesegeld von 18 Denaren (4 Taler) fuer den Mann.
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^4 Dass die Karthager versprechen mussten, keine Kriegsschiffe in das Gebiet der roemischen Symmachie - also auch nicht nach Syrakus, vielleicht selbst nicht nach Massalia - zu senden (Zon. 8, 17), klingt glaublich genug; allein der Text des Vertrages schweigt davon (Polyb. 3, 27).
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Wenn den Karthagern die Fortfuehrung des Krieges nicht wuenschenswert erschien, so hatten sie Ursache, mit diesen Bedingungen zufrieden zu sein. Es kann sein, dass das natuerliche Verlangen, dem Vaterland mit dem Triumph auch den Frieden zu bringen, die Erinnerung an Regulus und den wechselvollen Gang des Krieges, die Erwaegung, dass ein patriotischer Aufschwung, wie er zuletzt den Sieg entschieden hatte, sich nicht gebieten noch wiederholen laesst, vielleicht selbst Hamilkars Persoenlichkeit mithalfen, den roemischen Feldherrn zu solcher Nachgiebigkeit zu bestimmen. Gewiss ist es, dass man in Rom mit dem Friedensentwurf unzufrieden war und die Volksversammlung, ohne Zweifel unter dem Einfluss der Patrioten, die die letzte Schiffsruestung durchgesetzt hatten, anfaenglich die Ratifikation verweigerte. In welchem Sinne dies geschah, wissen wir nicht und vermoegen also nicht zu entscheiden, ob die Opponenten den Frieden nur verwarfen, um dem Feinde noch einige Konzessionen mehr abzudringen, oder ob sie sich erinnerten, dass Regulus von Karthago den Verzicht auf die politische Unabhaengigkeit gefordert hatte, und entschlossen waren, den Krieg fortzufuehren, bis man an diesem Ziel stand und es sich nicht mehr um Frieden handelte, sondern um Unterwerfung. Erfolgte die Weigerung in dem ersten Sinne, so war sie vermutlich fehlerhaft; gegen den Gewinn Siziliens verschwand jedes andere Zugestaendnis, und es war bei Hamilkars Entschlossenheit und erfinderischem Geist sehr gewagt, die Sicherung des Hauptgewinns an Nebenzwecke zu setzen. Wenn dagegen die gegen den Frieden opponierende Partei in der vollstaendigen politischen Vernichtung Karthagos das einzige fuer die roemische Gemeinde genuegende Ende des Kampfes erblickte, so zeigte sie politischen Takt und Ahnung der kommenden Dinge; ob aber auch Roms Kraefte noch ausreichten, um den Zug des Regulus zu erneuern und soviel nachzusetzen, als erforderlich war, um nicht bloss den Mut, sondern die Mauern der maechtigen Phoenikerstadt zu brechen, ist eine andere Frage, welche in dem einen oder dem andern Sinn zu beantworten jetzt niemand wagen kann.
Schliesslich uebertrug man die Erledigung der wichtigen Frage einer Kommission, die in Sizilien an Ort und Stelle entscheiden sollte. Sie bestaetigte im wesentlichen den Entwurf; nur ward die fuer die Kriegskosten von Karthago zu zahlende Summe erhoeht auf 3200 Talente (5½ Mill. Taler), davon ein Drittel gleich, der Rest in zehn Jahreszielern zu entrichten. Wenn ausser der Abtretung von Sizilien auch noch die der Inseln zwischen Italien und Sizilien in den definitiven Traktat aufgenommen ward, so kann hierin nur eine redaktionelle Veraenderung gefunden werden; denn dass Karthago, wenn es Sizilien hingab, sich die laengst von der roemischen Flotte besetzte Insel Lipara nicht konnte vorbehalten wollen, versteht sich von selbst, und dass man mit Ruecksicht auf Sardinien und Korsika absichtlich eine zweideutige Bestimmung in den Vertrag gesetzt habe, ist ein unwuerdiger und unwahrscheinlicher Verdacht.
So war man endlich einig. Der unbesiegte Feldherr einer ueberwundenen Nation stieg herab von seinen langverteidigten Bergen und uebergab den neuen Herren der Insel die Festungen, die die Phoeniker seit wenigstens vierhundert Jahren in ununterbrochenem Besitz gehabt hatten und von deren Mauern alle Stuerme der Hellenen erfolglos abgeprallt waren. Der Westen hatte Frieden (513 241).
Verweilen wir noch einen Augenblick bei dem Kampfe, welcher die roemische Grenze vorrueckte ueber den Meeresring, der die Halbinsel einfasst. Es ist einer der laengsten und schwersten, welchen die Roemer gefuehrt haben; die Soldaten, welche die entscheidende Schlacht schlugen, waren, als er begann, zum guten Teil noch nicht geboren. Dennoch und trotz der unvergleichlich grossartigen Momente, die er darbietet, ist kaum ein anderer Krieg zu nennen, den die Roemer militaerisch sowohl wie politisch so schlecht und so unsicher gefuehrt haben. Es konnte das kaum anders sein; er steht inmitten eines Wechsels der politischen Systeme, zwischen der nicht mehr ausreichenden italischen Politik und der noch nicht gefundenen des Grossstaats. Der roemische Senat und das roemische Kriegswesen waren unuebertrefflich organisiert fuer die rein italische Politik. Die Kriege, welche diese hervorrief, waren reine Kontinentalkriege und ruhten stets auf der in der Mitte der Halbinsel gelegenen Hauptstadt als der letzten Operationsbasis und demnaechst auf der roemischen Festungskette. Die Aufgaben waren vorzugsweise taktisch, nicht strategisch; Maersche und Operationen zaehlten nur an zweiter Stelle, an erster die Schlachten; der Festungskrieg war in der Kindheit; die See und der Seekrieg kamen kaum einmal beilaeufig in Betracht. Es ist begreiflich, zumal wenn man nicht vergisst, dass in den damaligen Schlachten bei dem Vorherrschen der blanken Waffe wesentlich das Handgemenge entschied, dass eine Ratsversammlung diese Operationen zu dirigieren und wer eben Buergermeister war, die Truppen zu befehligen imstande war. Auf einen Schlag war das alles umgewandelt. Das Schlachtfeld dehnte sich aus in unabsehbare Ferne, in unbekannte Landstriche eines andern Erdteils hinein und hinaus ueber weite Meeresflaechen; jede Welle war dem Feinde eine Strasse, von jedem Hafen konnte man seinen Anmarsch erwarten. Die Belagerung der festen Plaetze, namentlich der Kuestenfestungen, an der die ersten Taktiker Griechenlands gescheitert waren, hatten die Roemer jetzt zum erstenmal zu versuchen. Man kam nicht mehr aus mit dem Landheer und mit dem Buergermilizwesen. Es galt, eine Flotte zu schaffen und, was schwieriger war, sie zu gebrauchen, es galt, die wahren Angriffs- und Verteidigungspunkte zu finden, die Massen zu vereinigen und zu richten, auf lange Zeit und weite Ferne die Zuege zu berechnen und ineinanderzupassen; geschah dies nicht, so konnte auch der taktisch weit schwaechere Feind leicht den staerkeren Gegner besiegen. Ist es ein Wunder, dass die Zuegel eines solchen Regiments der Ratversammlung und den kommandierenden Buergermeistern entschluepften?
Offenbar wusste man beim Beginn des Krieges nicht, was man begann; erst im Laufe des Kampfes draengten die Unzulaenglichkeiten des roemischen Systems eine nach der anderen sich auf: der Mangel einer Seemacht, das Fehlen einer festen militaerischen Leitung, die Unzulaenglichkeit der Feldherren, die vollstaendige Unbrauchbarkeit der Admirale. Zum Teil half man ihnen ab durch Energie und durch Glueck; so dem Mangel einer Flotte. Aber auch diese gewaltige Schoepfung war ein grossartiger Notbehelf und ist es zu allen Zeiten geblieben. Man bildete eine roemische Flotte, aber man nationalisierte sie nur dem Namen nach und behandelte sie stets stiefmuetterlich: der Schiffsdienst blieb gering geschaetzt neben dem hochgeehrten Dienst in den Legionen, die Seeoffiziere waren grossenteils italische Griechen, die Bemannung Untertanen oder gar Sklaven und Gesindel. Der italische Bauer war und blieb wasserscheu; unter den drei Dingen, die Cato in seinem Leben bereute, war das eine, dass er einmal zu Schiff gefahren sei, wo er zu Fuss habe gehen koennen. Es lag dies zum Teil wohl in der Natur der Sache, da die Schiffe Rudergaleeren waren und der Ruderdienst kaum geadelt werden kann; allein, eigene Seelegionen wenigstens haette man bilden und auf die Errichtung eines roemischen Seeoffizierstandes hinwirken koennen. Man haette, den Impuls der Nation benutzend, allmaehlich darauf ausgehen sollen, eine nicht bloss durch die Zahl, sondern durch Segelfaehigkeit und Routine bedeutende Seemacht herzustellen, wozu in dem waehrend des langen Krieges entwickelten Kaperwesen ein wichtiger Anfang schon gemacht war; allein es geschah nichts derart von der Regierung. Dennoch ist das roemische Flottenwesen in seiner unbehilflichen Grossartigkeit noch die genialste Schoepfung dieses Krieges und hat wie im Anfang so zuletzt fuer Rom den Ausschlag gegeben. Viel schwieriger zu ueberwinden waren diejenigen Maengel, die sich ohne Aenderung der Verfassung nicht beseitigen liessen. Dass der Senat je nach dem Stande der in ihm streitenden Parteien von einem System der Kriegfuehrung zum andern absprang und so unglaubliche Fehler beging, wie die Raeumung von Clupea und die mehrmalige Einziehung der Flotte waren; dass der Feldherr des einen Jahres sizilische Staedte belagerte und sein Nachfolger, statt dieselben zur Uebergabe zu zwingen, die afrikanische Kueste brandschatzte oder ein Seetreffen zu liefern fuer gut fand; dass ueberhaupt der Oberbefehl jaehrlich von Rechts wegen wechselte - das alles liess sich nicht abstellen, ohne Verfassungsfragen anzuregen, deren Loesung schwieriger war als der Bau einer Flotte, aber freilich ebensowenig zu vereinigen mit den Forderungen eines solchen Krieges. Vor allen Dingen aber wusste niemand noch in die neue Kriegfuehrung sich zu finden, weder der Senat noch die Feldherren. Regulus’ Feldzug ist ein Beispiel davon, wie seltsam man in dem Gedanken befangen war, dass die taktische Ueberlegenheit alles entscheide. Es gibt nicht leicht einen Feldherrn, dem das Glueck so wie ihm die Erfolge in den Schoss geworfen hat; er stand im Jahr 498 (256) genau da, wo fuenfzig Jahre spaeter Scipio, nur dass ihm kein Hannibal und keine erprobte feindliche Armee gegenueberstand. Allein der Senat zog die halbe Armee zurueck, sowie man sich von der taktischen Ueberlegenheit der Roemer ueberzeugt hatte; im blinden Vertrauen auf diese blieb der Feldherr stehen, wo er eben stand, um strategisch, und nahm er die Schlacht an, wo man sie ihm anbot, um auch taktisch sich ueberwinden zu lassen. Es war dies um so bezeichnender, als Regulus in seiner Art ein tuechtiger und erprobter Feldherr war. Eben die Bauernmanier, durch die Etrurien und Samnium genommen worden waren, war die Ursache der Niederlage in der Ebene von Tunes. Der in seinem Bereiche ganz richtige Satz, dass jeder rechte Buergersmann zum General tauge, war irrig geworden; in dem neuen Kriegssystem konnte man nur Feldherren von militaerischer Schule und militaerischem Blicke brauchen, und das freilich war nicht jeder Buergermeister. Noch viel aerger aber war es, dass man das Oberkommando der Flotte als eine Dependenz des Oberbefehls der Landarmee behandelte und der erste beste Stadtvorsteher meinte, nicht bloss General, sondern auch Admiral spielen zu koennen. An den schlimmsten Niederlagen, die Rom in diesem Krieg erlitten hat, sind nicht die Stuerme schuld und noch weniger die Karthager, sondern der anmassliche Unverstand seiner Buergeradmirale.
Rom hat endlich gesiegt; aber das Bescheiden mit einem weit geringeren Gewinn, als er zu Anfang gefordert, ja geboten worden war, sowie die energische Opposition, auf welche in Rom der Friede stiess, bezeichnen sehr deutlich die Halbheit und die Oberflaechlichkeit des Sieges wie des Friedens; und wenn Rom gesiegt hat, so verdankt es diesen Sieg zwar auch der Gunst der Goetter und der Energie seiner Buerger, aber mehr als beiden den die Maengel der roemischen Kriegfuehrung noch weit uebertreffenden Fehlern seiner Feinde.
KAPITEL III.
Die Ausdehnung Italiens bis an seine natürlichen Grenzen
Die italische Eidgenossenschaft, wie sie aus den Krisen des fuenften Jahrhunderts hervorgegangen war, oder der Staat Italien vereinigte unter roemischer Hegemonie die Stadt- und Gaugemeinden vom Apennin bis an das Ionische Meer. Allein bevor noch das fuenfte Jahrhundert zu Ende ging, waren diese Grenzen bereits nach beiden Seiten hin ueberschritten, waren jenseits des Apennin wie jenseits des Meeres italische, der Eidgenossenschaft angehoerige Gemeinden entstanden. Im Norden hatte die Republik, alte und neue Unbill zu raechen, bereits im Jahre 471 (283) die keltischen Senonen vernichtet, im Sueden in dem grossen Kriege 490-513 (264-241) die Phoeniker von der sizilischen Insel verdraengt. Dort gehoerte ausser der Buergeransiedlung Sena namentlich die latinische Stadt Ariminum, hier die Mamertinergemeinde in Messana zu der von Rom geleiteten Verbindung, und wie beide national italischen Ursprungs waren, so hatten auch beide teil an den gemeinen Rechten und Pflichten der italischen Eidgenossenschaft. Es mochten mehr die augenblicklich draengenden Ereignisse als eine umfassende politische Berechnung diese Erweiterungen hervorgerufen haben; aber begreiflicherweise brach wenigstens jetzt, nach den grossen, gegen Karthago erstrittenen Erfolgen, bei der roemischen Regierung eine neue und weitere politische Idee sich Bahn, welche die natuerliche Beschaffenheit der Halbinsel ohnehin schon nahe genug legte. Politisch und militaerisch war es wohl gerechtfertigt, die Nordgrenze von dem niedrigen und leicht zu ueberschreitenden Apennin an die maechtige Scheidewand Nord- und Suedeuropas, die Alpen, zu verlegen und mit der Herrschaft ueber Italien die ueber die Meere und Inseln im Westen und Osten der Halbinsel zu vereinigen; und nachdem durch die Vertreibung der Phoeniker aus Sizilien der schwerste Teil getan war, vereinigten sich mancherlei Umstaende, um der roemischen Regierung die Vollendung des Werkes zu erleichtern.
In der Westsee, die fuer Italien bei weitem mehr in Betracht kam als das Adriatische Meer, war die wichtigste Stellung, die grosse fruchtbare und hafenreiche Insel Sizilien, durch den karthagischen Frieden zum groesseren Teil in den Besitz der Roemer uebergegangen. Koenig Hieron von Syrakus, der in den letzten zweiundzwanzig Kriegsjahren unerschuetterlich an dem roemischen Buendnis festgehalten hatte, haette auf eine Gebietserweiterung billigen Anspruch gehabt; allein wenn die roemische Politik den Krieg in dem Entschluss begonnen hatte, nur sekundaere Staaten auf der Insel zu dulden, so ging bei Beendigung desselben ihre Absicht entschieden schon auf den Eigenbesitz Siziliens. Hieron mochte zufrieden sein, dass ihm sein Gebiet - das heisst ausser dem unmittelbaren Bezirk von Syrakus die Feldmarken von Eloros, Neeton, Akrae, Leontini, Megara und Tauromenion - und seine Selbstaendigkeit gegen das Ausland, in Ermangelung jeder Veranlassung, ihm diese zu schmaelern, beides im bisherigen Umfang gelassen ward, und dass der Krieg der beiden Grossmaechte nicht mit dem voelligen Sturz der einen oder der anderen geendigt hatte und also fuer die sizilische Mittelmacht wenigstens noch die Moeglichkeit des Bestehens blieb. In dem uebrigen bei weitem groesseren Teile Siziliens, in Panormos, Lilybaeon, Akragas, Messana, richteten die Roemer sich haeuslich ein. Sie bedauerten nur, dass der Besitz des schoenen Eilandes doch nicht ausreichte, um die westliche See in ein roemisches Binnenmeer zu verwandeln, solange noch Sardinien karthagisch blieb. Da eroeffnete sich bald nach dem Friedensschluss eine unerwartete Aussicht, auch diese zweite Insel des Mittelmeeres den Karthagern zu entreissen. In Afrika hatten unmittelbar nach dem Abschluss des Friedens mit Rom die Soeldner und die Untertanen gemeinschaftlich gegen die Phoeniker sich empoert. Die Schuld der gefaehrlichen Insurrektion trug wesentlich die karthagische Regierung. Hamilkar hatte in den letzten Kriegsjahren seinen sizilischen Soeldnern den Sold nicht wie frueher aus eigenen Mitteln auszahlen koennen und vergeblich Geldsendungen von daheim erbeten; er moege, hiess es, die Mannschaft nur zur Abloehnung nach Afrika senden. Er gehorchte, aber da er die Leute kannte, schiffte er sie vorsichtig in kleineren Abteilungen ein, damit man sie truppweise abloehnen oder mindestens auseinanderlegen koenne, und legte selber hierauf den Oberbefehl nieder. Allein alle Vorsicht scheiterte, nicht so sehr an den leeren Kassen als an dem kollegialischen Geschaeftsgang und dem Unverstand der Buerokratie. Man wartete, bis das gesamte Heer wieder in Libyen vereinigt stand und versuchte dann, den Leuten an dem versprochenen Solde zu kuerzen. Natuerlich entstand eine Meuterei unter den Truppen, und das unsichere und feige Benehmen der Behoerden zeigte den Meuterern, was sie wagen konnten. Die meisten von ihnen waren gebuertig aus den von Karthago beherrschten oder abhaengigen Distrikten; sie kannten die Stimmung, welche die von der Regierung dekretierte Schlaechterei nach dem Zuge des Regulus und der fuerchterliche Steuerdruck dort ueberall hervorgerufen hatten, und kannten auch ihre Regierung, die nie Wort hielt und nie verzieh: sie wussten, was ihrer wartete, wenn sie mit dem meuterisch erpressten Solde sich nach Hause zerstreuten. Seit langem hatte man in Karthago sich die Mine gegraben und bestellte jetzt selbst die Leute, die nicht anders konnten, als sie anzuenden. Wie ein Lauffeuer ergriff die Revolution Besatzung um Besatzung, Dorf um Dorf; die libyschen Frauen trugen ihren Schmuck herbei, um den Soeldnern die Loehnung zu zahlen; eine Menge karthagischer Buerger, darunter einige der ausgezeichnetsten Offiziere des sizilischen Heeres, wurden das Opfer der erbitterten Menge; schon war Karthago von zwei Seiten belagert und das aus der Stadt ausrueckende karthagische Heer durch die Verkehrtheit des ungeschickten Fuehrers gaenzlich geschlagen.
Wie man also in Rom den gehassten und immer noch gefuerchteten Feindin groesserer Gefahr schweben sah, als je die roemischen Kriege ueber ihn gebracht hatten, fing man an, mehr und mehr den Friedensschluss von 513 (241) zu bereuen, der, wenn er nicht wirklich voreilig war, jetzt wenigstens allen voreilig erschien, und zu vergessen, wie erschoepft damals der eigene Staat gewesen war, wie maechtig der karthagische damals dagestanden hatte. Die Scham verbot zwar, mit den karthagischen Rebellen offen in Verbindung zu treten, ja man gestattete den Karthagern ausnahmsweise, zu diesem Krieg in Italien Werbungen zu veranstalten, und untersagte den italischen Schiffern, mit den Libyern zu verkehren. Indes darf bezweifelt werden, ob es der Regierung von Rom mit diesen bundesfreundlichen Verfuegungen sehr ernst war. Denn als nichtsdestoweniger der Verkehr der afrikanischen Insurgenten mit den roemischen Schiffern fortging und Hamilkar, den die aeusserste Gefahr wieder an die Spitze der karthagischen Armee zurueckgefuehrt hatte, eine Anzahl dabei betroffener italischer Kapitaene aufgriff und einsteckte, verwandte sich der Senat fuer dieselben bei der karthagischen Regierung und bewirkte ihre Freigebung. Auch die Insurgenten selbst schienen in den Roemern ihre natuerlichen Bundesgenossen zu erkennen; die sardinischen Besatzungen, welche gleich der uebrigen karthagischen Armee sich fuer die Aufstaendischen erklaert hatten, boten, als sie sich ausserstande sahen, die Insel gegen die Angriffe der unbezwungenen Gebirgsbewohner aus dem Innern zu halten, den Besitz derselben den Roemern an (um 515 239); und aehnliche Anerbietungen kamen sogar von der Gemeinde Utica, welche ebenfalls an dem Aufstand teilgenommen hatte und nun durch die Waffen Hamilkars aufs aeusserste bedraengt ward. Das letztere Anerbieten wies man in Rom zurueck, hauptsaechlich wohl, weil es ueber die natuerlichen Grenzen Italiens hinaus und also weitergefuehrt haben wuerde, als die roemische Regierung damals zu gehen gedachte; dagegen ging sie auf die Anerbietungen der sardinischen Meuterer ein und uebernahm von ihnen, was von Sardinien in den Haenden der Karthager gewesen war (516 238). Mit schwererem Gewicht als in der Angelegenheit der Mamertiner trifft die Roemer hier der Tadel, dass die grosse und siegreiche Buergerschaft es nicht verschmaehte, mit dem feilen Soeldnergesindel Bruederschaft zu machen und den Raub zu teilen, und es nicht ueber sich gewann, dem Gebote des Rechtes und der Ehre den augenblicklichen Gewinn nachzusetzen. Die Karthager, deren Bedraengnis eben um die Zeit der Besetzung Sardiniens aufs hoechste gestiegen war, schwiegen vorlaeufig ueber die unbefugte Vergewaltigung; nachdem indes diese Gefahr wider Erwarten und wahrscheinlich wider Verhoffen der Roemer durch Hamilkars Genie abgewendet und Karthago in Afrika wieder in seine volle Herrschaft eingesetzt worden war (517 237), erschienen sofort in Rom karthagische Gesandte, um die Rueckgabe Sardiniens zu fordern. Allein die Roemer, nicht geneigt, den Raub wieder herauszugeben, antworteten mit nichtigen oder doch nicht hierher gehoerenden Beschwerden ueber allerlei Unbill, die die Karthager roemischen Handelsleuten zugefuegt haben sollten, und eilten, den Krieg zu erklaeren ^1; der Satz, dass in der Politik jeder darf, was er kann, trat hervor in seiner unverhuellten Schamlosigkeit. Die gerechte Erbitterung hiess die Karthager, den gebotenen Krieg annehmen; haette Catulus fuenf Jahre zuvor auf Sardiniens Abtretung bestanden, der Krieg wuerde wahrscheinlich seinen Fortgang gehabt haben. Allein jetzt, wo beide Inseln verloren, Libyen in Gaerung, der Staat durch den vierundzwanzigjaehrigen Krieg mit Rom und den fast fuenfjaehrigen entsetzlichen Buergerkrieg aufs aeusserste geschwaecht war, musste man wohl sich fuegen. Nur auf wiederholte flehentliche Bitten und nachdem die Phoeniker sich verpflichtet hatten, fuer die mutwillig veranlassten Kriegsruestungen eine Entschaedigung von 1200 Talenten (2 Mill. Taler) nach Rom zu zahlen, standen die Roemer widerwillig vom Kriege ab. So erwarb Rom fast ohne Kampf Sardinien, wozu man Korsika fuegte, die alte etruskische Besitzung, in der vielleicht noch vom letzten Kriege her einzelne roemische Besatzungen standen. Indes beschraenkten die Roemer, eben wie es die Phoeniker getan hatten, sich in Sardinien und mehr noch in dem rauhen Korsika auf die Besetzung der Kuesten. Mit den Eingeborenen im Innern fuehrte man bestaendige Kriege, oder vielmehr man trieb dort die Menschenjagd: man hetzte sie mit Hunden und fuehrte die gefangene Ware auf den Sklavenmarkt, aber an eine ernstliche Unterwerfung ging man nicht. Nicht um ihrer selbst willen hatte man die Inseln besetzt, sondern zur Sicherung Italiens. Seit sie die drei grossen Eilande besass, konnte die Eidgenossenschaft das Tyrrhenische Meer das ihrige nennen.
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^1 Dass die Abtretung der zwischen Sizilien und Italien liegenden Inseln, die der Friede von 513 (241) den Karthagern vorschrieb, die Abtretung Sardiniens nicht einschloss, ist ausgemacht (vgl. 2, 60); es ist aber auch schlecht beglaubigt, dass die Roemer die Besetzung der Insel drei Jahre nach dem Frieden damit motivierten. Haetten sie es getan, so wuerden sie bloss der politischen Schamlosigkeit eine diplomatische Albernheit hinzugefuegt haben.
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Die Gewinnung der Inseln in der italischen Westsee fuehrte in das roemische Staatswesen einen Gegensatz ein, der zwar allem Anschein nach aus blossen Zweckmaessigkeitsruecksichten und fast zufaellig entstanden, aber darum nicht minder fuer die ganze Folgezeit von der tiefsten Bedeutung geworden ist; den Gegensatz der festlaendischen und der ueberseeischen Verwaltungsform oder, um die spaeter gelaeufigen Bezeichnungen zu brauchen, den Gegensatz Italiens und der Provinzen. Bis dahin hatten die beiden hoechsten Beamten der Gemeinde, die Konsuln, einen gesetzlich abgegrenzten Sprengel nicht gehabt, sondern ihr Amtsbezirk sich soweit erstreckt wie ueberhaupt das roemische Regiment; wobei es sich natuerlich von selbst versteht, dass sie faktisch sich in das Amtsgebiet teilten, und ebenso sich von selbst versteht, dass sie in jedem einzelnen Bezirk ihres Sprengels durch die dafuer bestehenden Bestimmungen gebunden waren, also zum Beispiel die Gerichtsbarkeit ueber roemische Buerger ueberall dem Praetor zu ueberlassen und in den latinischen und sonst autonomen Gemeinden die bestehenden Vertraege einzuhalten hatten. Die seit 487 (267) durch Italien verteilten vier Quaestoren beschraenkten die konsularische Amtsgewalt formell wenigstens nicht, indem sie in Italien ebenso wie in Rom lediglich als von den Konsuln abhaengige Hilfsbeamte betrachtet wurden. Man scheint diese Verwaltungsweise anfaenglich auch auf die Karthago abgenommenen Gebiete erstreckt und Sizilien wie Sardinien einige Jahre durch Quaestoren unter Oberaufsicht der Konsuln regiert zu haben; allein sehr bald wusste man sich praktisch von der Unentbehrlichkeit eigener Oberbehoerden fuer die ueberseeischen Landschaften ueberzeugen. Wie man die Konzentrierung der roemischen Jurisdiktion in der Person des Praetors bei der Erweiterung der Gemeinde hatte aufgeben und in die entfernteren Bezirke stellvertretende Gerichtsherren hatte senden muessen, ebenso masste jetzt (527 227) auch die administrativ-militaerische Konzentration in der Person der Konsuln aufgegeben werden. Fuer jedes der neuen ueberseeischen Gebiete, sowohl fuer Sizilien wie fuer Sardinien nebst Korsika, ward ein besonderer Nebenkonsul eingesetzt, welcher an Rang und Titel dem Konsul nach- und dem Praetor gleichstand, uebrigens aber, gleich dem Konsul der aelteren Zeit vor Einsetzung der Praetur, in seinem Sprengel zugleich Oberfeldherr, Oberamtmann und Oberrichter war. Nur die unmittelbare Kassenverwaltung ward wie von Haus aus den Konsuln, so auch diesen neuen Oberbeamten entzogen und ihnen ein oder mehrere Quaestoren zugegeben, die zwar in alle Wege ihnen untergeordnet und in der Rechtspflege wie im Kommando ihre Gehilfen waren, aber doch die Kassenverwaltung zu fuehren und darueber nach Niederlegung ihres Amtes dem Senat Rechnung zu legen hatten.
Diese Verschiedenheit in der Oberverwaltung schied wesentlich die ueberseeischen Besitzungen Roms von den festlaendischen. Die Grundsaetze, nach denen Rom die abhaengigen Landschaften in Italien organisiert hatte, wurden grossenteils auch auf die ausseritalischen Besitzungen uebertragen. Dass die Gemeinden ohne Ausnahme die Selbstaendigkeit dem Auslands gegenueber verloren, versteht sich von selbst. Was den inneren Verkehr anlangt, so durfte fortan kein Provinziale ausserhalb seiner eigenen Gemeinde in der Provinz rechtes Eigentum erwerben, vielleicht auch nicht eine rechte Ehe schliessen. Dagegen gestattete die roemische Regierung wenigstens den sizilischen Staedten, die man nicht zu fuerchten hatte, eine gewisse foederative Organisation und wohl selbst allgemeine sikeliotische Landtage mit einem unschaedlichen Petitions- und Beschwerderecht ^2. Im Muenzwesen war es zwar nicht wohl moeglich, das roemische Courant sofort auch auf den Inseln zum allein gueltigen zu erklaeren; aber gesetzlichen Kurs scheint dasselbe doch von vornherein erhalten zu haben und ebenso, wenigstens in der Regel, den Staedten im roemischen Sizilien das Recht, in edlen Metallen, zu muenzen, entzogen worden zu sein ^3. Dagegen blieb nicht bloss das Grundeigentum in ganz Sizilien unangetastet - der Satz, dass das ausseritalische Land durch Kriegsrecht den Roemern zu Privateigentum verfallen sei, war diesem Jahrhundert noch unbekannt -, sondern es behielten auch die saemtlichen sizilischen und sardinischen Gemeinden die Selbstverwaltung und eine gewisse Autonomie, die freilich nicht in rechtsverbindlicher Weise ihnen zugesichert, sondern provisorisch zugelassen ward. Wenn die demokratischen Gemeindeverfassungen ueberall beseitigt und in jeder Stadt die Macht in die Haende des die staedtische Aristokratie repraesentierenden Gemeinderates gelegt ward; wenn ferner wenigstens die sizilischen Gemeinden angewiesen wurden, jedes fuenfte Jahr dem roemischen Zensus korrespondierend eine Gemeindeschaetzung zu veranstalten, so war beides nur eine notwendige Folge der Unterordnung unter den roemischen Senat, welcher mit griechischen Ekklesien und ohne Uebersicht der finanziellen und militaerischen Hilfsmittel einer jeden abhaengigen Gemeinde in der Tat nicht regieren konnte; und auch in den italischen Landschaften war in dieser wie in jener Hinsicht das gleiche geschehen.
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^2 Dahin fuehren teils das Auftretender “Siculer” gegen Marcellus (Liv. 26, 26 f.), teils die “Gesamteingaben aller sizilischen Gemeinden” (Cic. Verr. 2, 42, 102; 45, 114; 50,146; 3, 88, 204), teils bekannte Analogien (Marquardt, Landbuch Bd. 3 1, S. 267). Aus dem mangelnden commercium zwischen den einzelnen Staedten folgt der Mangel des concilium noch keineswegs.
^3 So streng wie in Italien ward das Gold- und Silbermuenzrecht in den Provinzen nicht von Rom monopolisiert, offenbar weil auf das nicht auf roemischen Fuss geschlagene Gold- und Silbergeld es weniger ankam. Doch sind unzweifelhaft auch hier die Praegstaetten in der Regel auf Kupfer- oder hoechstens silberne Kleinmuenze beschraenkt worden; eben die am besten gestellten Gemeinden des roemischen Sizilien, wie die Mamertiner, die Kentoripiner, die Halaesiner, die Segestaner, wesentlich auch die Panormitaner haben nur Kupfer geschlagen.
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Aber neben dieser wesentlichen Rechtsgleichheit stellte sich zwischen den italischen einer- und den ueberseeischen Gemeinden andererseits ein folgenreicher Unterschied fest. Waehrend die mit den italischen Staedten abgeschlossenen Vertraege denselben ein festes Kontingent zu dem Heer oder der Flotte der Roemer auferlegten, wurden den ueberseeischen Gemeinden, mit denen eine bindende Paktierung ueberhaupt nicht eingegangen ward, dergleichen Zuzug nicht auferlegt, sondern sie verloren das Waffenrecht ^4, nur dass sie nach Aufgebot des roemischen Praetors zur Verteidigung ihrer eigenen Heimat verwendet werden konnten. Die roemische Regierung sandte regelmaessig italische Truppen in der von ihr festgesetzten Staerke auf die Inseln; dafuer wurde der Zehnte der sizilischen Feldfruechte und ein Zoll von fuenf Prozent des Wertes aller in den sizilischen Haefen aus- und eingehenden Handelsartikel nach Rom entrichtet. Den Insulanern waren diese Abgaben nichts Neues. Die Abgaben, welche die karthagische Republik und der persische Grosskoenig sich zahlen liessen, waren jenem Zehnten wesentlich gleichartig; und auch in Griechenland war eine solche Besteuerung nach orientalischem Muster von jeher mit der Tyrannis und oft auch mit der Hegemonie verknuepft gewesen. Die Sizilianer hatten laengst in dieser Weise den Zehnten entweder nach Syrakus oder nach Karthago entrichtet und laengst auch die Hafenzoelle nicht mehr fuer eigene Rechnung erhoben. “Wir haben”, sagt Cicero, “die sizilischen Gemeinden also in unsere Klientel und in unseren Schutz aufgenommen, dass sie bei dem Rechte blieben, nach welchem sie bisher gelebt hatten, und unter denselben Verhaeltnissen der roemischen Gemeinde gehorchten, wie sie bisher ihren eigenen Herren gehorcht hatten.” Es ist billig, dies nicht zu vergessen; aber im Unrecht fortfahren heisst auch Unrecht tun. Nicht fuer die Untertanen, die nur den Herrn wechselten, aber wohl fuer ihre neuen Herren war das Aufgeben des ebenso weisen wie grossherzigen Grundsatzes der roemischen Staatsordnung, von den Untertanen nur Kriegshilfe und nie statt derselben Geldentschaedigung anzunehmen, von verhaengnisvoller Bedeutung, gegen die alle Milderungen in den Ansaetzen und der Erhebungsweise sowie alle Ausnahmen im einzelnen verschwanden. Solche Ausnahmen wurden allerdings mehrfach gemacht. Messana trat geradezu in die Eidgenossenschaft der Togamaenner ein und stellte wie die griechischen Staedte in Italien sein Kontingent zu der roemischen Flotte. Einer Reihe anderer Staedte wurde zwar nicht der Eintritt in die italische Wehrgenossenschaft, aber ausser anderen Beguenstigungen Freiheit von Steuer und Zehnten zugestanden, so dass ihre Stellung in finanzieller Hinsicht selbst noch guenstiger war als die der italischen Gemeinden. Es waren dies Egesta und Halikyae, welche zuerst unter den Staedten des karthagischen Sizilien zum roemischen Buendnis uebergetreten waren; Kentoripa im oestlichen Binnenland, das bestimmt war, das syrakusanische Gebiet in naechster Naehe zu ueberwachen ^5; an der Nordkueste Halaesa, das zuerst von den freien griechischen Staedten den Roemern sich angeschlossen hatte; und vor allem Panormos, bisher die Hauptstadt des karthagischen Sizilien und jetzt bestimmt, die des roemischen zu werden. Den alten Grundsatz ihrer Politik, die abhaengigen Gemeinden in sorgfaeltig abgestufte Klassen verschiedenen Rechts zu gliedern, wandten die Roemer also auch auf Sizilien an; aber durchschnittlich standen die sizilischen und sardinischen Gemeinden nicht im bundesgenoessischen, sondern in dem offenkundigen Verhaeltnis steuerpflichtiger Untertaenigkeit.
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^4 Darauf geht Hierons Aeusserung (Liv. 22, 37): es sei ihm bekannt, dass die Roemer sich keiner anderen Infanterie und Reiterei als roemischer oder latinischer bedienten und “Auslaender” nur hoechstens unter den Leichtbewaffneten verwendeten.
^5 Das zeigt schon ein Blick auf die Karte, aber ebenso die merkwuerdige Bestimmung, dass es den Kentoripinern ausnahmsweise gestattet blieb, sich in ganz Sizilien anzukaufen. Sie bedurften als roemische Aufpasser der freiesten Bewegung. Uebrigens scheint Kentoripa auch unter den ersten zu Rom uebergetretenen Staedten gewesen zu sein (Diod. 1, 23 p. 501).
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Allerdings fiel dieser tiefgreifende Gegensatz zwischen den zuzug- und den steuer- oder doch wenigstens nicht zuzugpflichtigen Gemeinden mit dem Gegensatz zwischen Italien und den Provinzen nicht in rechtlich notwendiger Weise zusammen. Es konnten auch ueberseeische Gemeinden der italischen Eidgenossenschaft angehoeren, wie denn die Mamertiner mit den italischen Sabellern wesentlich auf einer Linie standen, und selbst der Neugruendung von Gemeinden latinischen Rechts stand in Sizilien und Sardinien rechtlich so wenig etwas im Wege wie in dem Lande jenseits des Apennin. Es konnten auch festlaendische Gemeinden des Waffenrechts entbehren und tributaer sein, wie dies fuer einzelne keltische Distrikte am Po wohl schon jetzt galt und spaeter in ziemlich ausgedehntem Umfange eingefuehrt ward. Allein der Sache nach ueberwogen die zuzugpflichtigen Gemeinden ebenso entschieden auf dem Festlande wie die steuerpflichtigen auf den Inseln; und waehrend weder in dem hellenisch zivilisierten Sizilien noch auf Sardinien italische Ansiedelungen roemischerseits beabsichtigt wurden, stand es bei der roemischen Regierung ohne Zweifel schon jetzt fest, das barbarische Land zwischen Apennin und Alpen nicht bloss sich zu unterwerfen, sondern auch, wie die Eroberung fortschritt, dort neue Gemeinden italischen Ursprungs und italischen Rechts zu konstituieren. Also wurden die ueberseeischen Besitzungen nicht bloss Untertanenland, sondern sie waren auch bestimmt, es fuer alle Zukunft zu bleiben; dagegen der neu abgegrenzte gesetzliche Amtsbezirk der Konsuln oder, was dasselbe ist, das festlaendische roemische Gebiet sollte ein neues und weiteres Italien werden, das von den Alpen bis zum Ionischen Meere reichte. Vorerst freilich fiel dies Italien als wesentlich geographischer Begriff mit dem politischen der italischen Eidgenossenschaft nicht durchaus zusammen und war teils weiter, teils enger. Aber schon jetzt betrachtete man den ganzen Raum bis zur Alpengrenze als Italia, das heisst als gegenwaertiges oder kuenftiges Gebiet der Togatraeger und steckte, aehnlich wie es in Nordamerika geschah und geschieht, die Grenze vorlaeufig geographisch ab, um sie mit der weiter vorschreitenden Kolonisierung allmaehlich auch politisch vorzuschieben ^6.
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^6 Dieser Gegensatz zwischen Italien als dem roemischen Festland oder dem konsularischen Sprengel einer- und dem ueberseeischen Gebiet oder den Praetorensprengeln andererseits erscheint schon im sechsten Jahrhundert in mehrfachen Anwendungen. Die Religionsvorschrift, dass gewisse Priester Rom nicht verlassen durften (Val. Max. 1, 1, 2), ward dahin ausgelegt, dass es ihnen nicht gestattet sei, das Meer zu ueberschreiten (Liv. ep. 19; 36; 51; Tac. ann. 3, 58; 71; Cic. Phil. 11, 8; 18; vgl. Liv. 28, 38; 44; ep. 59). Bestimmter noch gehoert hierher die Auslegung, welche von der alten Vorschrift, dass der Konsul nur “auf roemischem Boden” den Diktator ernennen duerfe, im Jahre 544 vorgetragen wird: der roemische Boden begreife ganz Italien in sich (Liv. 27, 5). Die Einrichtung des keltischen Landes zwischen den Alpen und dem Apennin zu einem eigenen, vom konsularischen verschiedenen und einem besonderen staendigen Oberbeamten unterworfenen Sprengel gehoert erst Sulla an. Es wird natuerlich dagegen niemand geltend machen, dass schon im sechsten Jahrhundert sehr haeufig Gallia oder Ariminum als “Amtsbezirk” (provincia) gewoehnlich eines der Konsuln genannt wird. Provincia ist bekanntlich in der aelteren Sprache nicht, was es spaeter allein bedeutet, ein raeumlich abgegrenzter, einem staendigen Oberbeamten unterstellter Sprengel, sondern die fuer den einzelnen Konsul zunaechst durch Uebereinkommen mit seinem Kollegen unter Mitwirkung des Senats festgestellte Kompetenz; und in diesem Sinn sind haeufig einzelne norditalische Landschaften oder auch Norditalien ueberhaupt einzelnen Konsuln als provincia ueberwiesen worden.
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Im Adriatischen Meer, an dessen Eingang die wichtige und laengst vorbereitete Kolonie Brundisium endlich noch waehrend des Krieges mit Karthago gegruendet worden war (510 244), war Roms Suprematie von vornherein entschieden. In der Westsee hatte Rom den Rivalen beseitigen muessen; in der oestlichen sorgte schon die hellenische Zwietracht dafuer, dass alle Staaten auf der griechischen Halbinsel ohnmaechtig blieben oder wurden. Der bedeutendste derselben, der makedonische, war unter dem Einfluss Aegyptens vom oberen Adriatischen Meer durch die Aetoler wie aus dem Peloponnes durch die Achaeer verdraengt worden und kaum noch imstande, die Nordgrenze gegen die Barbaren zu schuetzen. Wie sehr den Roemern daran gelegen war, Makedonien und dessen natuerlichen Verbuendeten, den syrischen Koenig, niederzuhalten, und wie eng sie sich anschlossen an die eben darauf gerichtete aegyptische Politik, beweist das merkwuerdige Anerbieten, das sie nach dem Ende des Krieges mit Karthago dem Koenig Ptolemaeos III. Euergetes machten, ihn in dem Kriege zu unterstuetzen, den er wegen Berenikes Ermordung gegen Seleukos II. Kallinikos von Syrien (reg. 507-529 247-225) fuehrte und bei dem wahrscheinlich Makedonien fuer den letztern Partei genommen hatte. Ueberhaupt werden die Beziehungen Roms zu den hellenistischen Staaten enger; auch mit Syrien verhandelte der Senat schon und verwandte sich bei dem ebengenannten Seleukos fuer die stammverwandten Ilier.
Einer unmittelbaren Einmischung in die Angelegenheiten der oestlichen Maechte bedurfte es zunaechst nicht. Die achaeische Eidgenossenschaft, die im Aufbluehen geknickt ward durch die engherzige Coteriepolitik des Aratos, die aetolische Landsknechtrepublik, das verfallene Makedonierreich hielten selber einer den andern nieder; und ueberseeischen Laendergewinn vermied man damals eher in Rom, als dass man ihn suchte. Als die Akarnanen, sich darauf berufend, dass sie allein unter allen Griechen nicht teilgenommen haetten an der Zerstoerung Ilions, die Nachkommen des Aeneas um Hilfe baten gegen die Aetoler, versuchte der Senat zwar eine diplomatische Verwendung; allein da die Aetoler darauf eine nach ihrer Weise abgefasste, das heisst unverschaemte Antwort erteilten, ging das antiquarische Interesse der roemischen Herren doch keineswegs so weit, um dafuer einen Krieg anzufangen, durch den sie die Makedonier von ihrem Erbfeind befreit haben wuerden (um 515 239).
Selbst den Unfug der Piraterie, die bei solcher Lage der Dinge begreiflicherweise das einzige Gewerbe war, das an der adriatischen Kueste bluehte und vor der auch der italische Handel viel zu leiden hatte, liessen sich die Roemer mit einer Geduld, die mit ihrer gruendlichen Abneigung gegen den Seekrieg und ihrem schlechten Flottenwesen eng zusammenhing, laenger als billig gefallen. Allein endlich ward es doch zu arg. Unter Beguenstigung Makedoniens, das keine Veranlassung mehr fand, sein altes Geschaeft der Beschirmung des hellenischen Handels vor den adriatischen Korsaren zu Gunsten seiner Feinde fortzufuehren, hatten die Herren von Skodra die illyrischen Voelkerschaften, etwa die heutigen Dalmatiner, Montenegriner und Nordalbanesen, zu gemeinschaftlichen Piratenzuegen im grossen Stil vereinigt; mit ganzen Geschwadern ihrer schnellsegelnden Zweidecker, der bekannten “liburnischen” Schiffe, fuehrten die Illyrier den Krieg gegen jedermann zur See und an den Kuesten. Die griechischen Ansiedlungen in diesen Gegenden, die Inselstaedte Issa (Lissa) und Pharos (Lesina), die wichtigen Kuestenplaetze Epidamnos (Durazzo) und Apollonia (noerdlich von Avlona am Aoos), hatten natuerlich vor allem zu leiden und sahen sich wiederholt von den Barbaren belagert. Aber noch weiter suedlich, in Phoenike, der bluehendsten Stadt von Epeiros, setzten die Korsaren sich fest; halb gezwungen, halb freiwillig traten die Epeiroten und Akarnanen mit den fremden Raeubern in eine unnatuerliche Symmachie; bis nach Elis und Messene hin waren die Kuesten unsicher. Vergeblich vereinigten die Aetoler und Achaeer, was sie an Schiffen hatten, um dem Unwesen zu steuern; in offener Seeschlacht wurden sie von den Seeraeubern und deren griechischen Bundesgenossen geschlagen; die Korsarenflotte vermochte endlich sogar die reiche und wichtige Insel Kerkyra (Korfu) einzunehmen. Die Klagen der italischen Schiffer, die Hilfsgesuche der altverbuendeten Apolloniaten, die flehenden Bitten der belagerten Issaer noetigten endlich den roemischen Senat, wenigstens Gesandte nach Skodra zu schicken. Die Brueder Gaius und Lucius Coruncanius kamen, um von dem Koenig Agron Abstellung des Unwesens zu fordern. Der Koenig gab zur Antwort, dass nach illyrischem Landrecht der Seeraub ein erlaubtes Gewerbe sei und die Regierung nicht das Recht habe, der Privatkaperei zu wehren; worauf Lucius Coruncanius erwiderte, dass dann Rom es sich angelegen sein lassen werde, den Illyriern ein besseres Landrecht beizubringen. Wegen dieser, allerdings nicht sehr diplomatischen Replik wurde, wie die Roemer behaupteten, auf Geheiss des Koenigs, einer der Gesandten auf der Heimkehr ermordet und die Auslieferung der Moerder verweigert. Der Senat hatte jetzt keine Wahl mehr. Mit dem Fruehjahr 525 (229) erschien vor Apollonia eine Flotte von 200 Linienschiffen mit einer Landungsarmee an Bord; vor jener zerstoben die Korsarenboote, waehrend diese die Raubburgen brach; die Koenigin Teuta, die nach ihres Gemahls Agron Tode die Regierung fuer ihren unmuendigen Sohn Pinnes fuehrte, musste, in ihrem letzten Zufluchtsort belagert, die Bedingungen annehmen, die Rom diktierte. Die Herren von Skodra wurden wieder im Norden wie im Sueden auf ihr urspruengliches engbegrenztes Gebiet beschraenkt und hatten nicht bloss alle griechischen Staedte, sondern auch die Ardiaeer in Dalmatien, die Parthiner um Epidamnos, die Atintanen im noerdlichen Epeiros aus ihrer Botmaessigkeit zu entlassen; suedlich von Lissos (Alessio zwischen Scutari und Durazzo) sollten kuenftig illyrische Kriegsfahrzeuge ueberhaupt nicht und nicht armierte nicht ueber zwei zusammen fahren duerfen. Roms Seeherrschaft auf dem Adriatischen Meer war in der loeblichsten und dauerhaftesten Weise zur vollen Anerkennung gebracht durch die rasche und energische Unterdrueckung des Piratenunfugs. Allein man ging weiter und setzte sich zugleich an der Ostkueste fest. Die Illyrier von Skodra wurden tributpflichtig nach Rom; auf den dalmatinischen Inseln und Kuesten wurde Demetrios von Pharos, der aus den Diensten der Teuta in roemische getreten war, als abhaengiger Dynast und roemischer Bundesgenosse eingesetzt; die griechischen Staedte Kerkyra, Apollonia, Epidamnos und die Gemeinden der Atintanen und Parthiner wurden in milden Formen der Symmachie an Rom geknuepft. Diese Erwerbungen an der Ostkueste des Adriatischen Meeres waren nicht ausgedehnt genug, um einen eigenen Nebenkonsul fuer sie einzusetzen: nach Kerkyra und vielleicht auch nach anderen Plaetzen scheinen Statthalter untergeordneten Ranges gesandt und die Oberaufsicht ueber diese Besitzungen den Oberbeamten, welche Italien verwalteten, mit uebertragen worden zu sein ^7. Also traten gleich Sizilien und Sardinien auch die wichtigsten Seestationen im Adriatischen Meer in die roemische Botmaessigkeit ein. Wie haette es auch anders kommen sollen? Rom brauchte eine gute Seestation im oberen Adriatischen Meere, welche ihm seine Besitzungen an dem italischen Ufer nicht gewaehrten; die neuen Bundesgenossen, namentlich die griechischen Handelsstaedte, sahen in den Roemern ihre Retter und taten ohne Zweifel, was sie konnten, sich des maechtigen Schutzes dauernd zu versichern; im eigentlichen Griechenland, war nicht bloss niemand imstande zu widersprechen, sondern das Lob der Befreier auf allen Lippen. Man kann fragen, ob der Jubel in Hellas groesser war oder die Scham, als statt der zehn Linienschiffe der Achaeischen Eidgenossenschaft, der streitbarsten Macht Griechenlands, jetzt zweihundert Segel der Barbaren in ihre Haefen einliefen und mit einem Schlage die Aufgabe loesten, die den Griechen zukam und an der diese so klaeglich gescheitert waren. Aber wenn man sich schaemte, dass die Rettung den bedraengten Landsleuten vom Ausland hatte kommen muessen, so geschah es wenigstens mit guter Manier; man saeumte nicht, die Roemer durch Zulassung zu den Isthmischen Spielen und den Eleusinischen Mysterien feierlich in den hellenischen Nationalverband aufzunehmen.
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^7 Ein stehender roemischer Kommandant von Kerkyra scheint bei Polyb. 22,15, 6 (falsch uebersetzt von Liv. 38, 11; vgl. 42, 37), ein solcher von Issa bei Liv. 43, 9 vorzukommen. Dazu kommt die Analogie des Praefectus pro legato insularem Baliarum (Orelli 732) und des Statthalters von Pandataria (IRN 3528). Es scheint danach ueberhaupt in der roemischen Verwaltung Regel gewesen zu sein, fuer die entfernteren Inseln nicht senatorische praefecti zu bestellen. Diese “Stellvertreter” aber setzen ihrem Wesen nach einen Oberbeamten voraus, der sie ernennt und beaufsichtigt; und dies koennen in dieser Zeit nur die Konsuln gewesen sein. Spaeter, seit Einrichtung der Provinzen Makedonien und Gallia Cisalpina, kam die Oberverwaltung an den einen dieser beiden Statthalter; wie denn das hier in Rede stehende Gebiet, der Kern des spaeteren roemischen Illyricum, bekanntlich zum Teil zu Caesars Verwaltungssprengel mit gehoerte.
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Makedonien schwieg; es war nicht in der Verfassung, mit den Waffen zu protestieren, und verschmaehte, es mit Worten zu tun. Auf Widerstand traf man nirgend; aber nichtsdestoweniger hatte Rom, indem es die Schluessel zum Hause des Nachbarn an sich nahm, in diesem sich einen Gegner geschaffen, von dem, wenn er wieder zu Kraeften oder eine guenstige Gelegenheit ihm vorkam, sich erwarten liess, dass er sein Schweigen zu brechen wissen werde. Haette der kraeftige und besonnene Koenig Antigonos Doson laenger gelebt, so wuerde wohl er schon den hingeworfenen Handschuh aufgehoben haben; denn als einige Jahre spaeter der Dynast Demetrios von Pharos sich der roemischen, Hegemonie entzog, im Einverstaendnis mit den Istriern vertragswidrig Seeraub trieb und die von den Roemern fuer unabhaengig erklaerten Atintanen sich unterwarf, machte Antigonos Buendnis mit ihm, und Demetrios’ Truppen fochten mit in Antigonos’ Heer in der Schlacht bei Sellasia (532 222). Allein Antigonos starb (Winter 533/34 221/20); sein Nachfolger Philippos, noch ein Knabe, liess es geschehen, dass der Konsul Lucius Aemilius Paullus den Verbuendeten Makedoniens angriff, seine Hauptstadt zerstoerte und ihn landfluechtig aus seinem Reiche trieb (535 219).
Auf dem Festland des eigentlichen Italien suedlich vom Apennin war tiefer Friede seit dem Fall von Tarent; der sechstaegige Krieg mit Falerii (513 241) ist kaum etwas mehr als eine Kuriositaet. Aber gegen Norden dehnte zwischen dem Gebiet der Eidgenossenschaft und der Naturgrenze Italiens, der Alpenkette, noch eine weite Strecke sich aus, die den Roemern nicht botmaessig war. Als Grenze Italiens galt an der adriatischen Kueste der Aesisfluss, unmittelbar oberhalb Ancona. Jenseits dieser Grenze gehoerte die naechstliegende, eigentlich gallische Landschaft bis Ravenna einschliesslich in aehnlicher Weise wie das eigentliche Italien zu dem roemischen Reichsverband; die Senonen, die hier ehemals gesessen hatten, waren in dem Kriege 471/72 (283/82) ausgerottet und die einzelnen Ortschaften entweder als Buergerkolonien, wie Sena gallica, oder als Bundesstaedte, sei es latinischen Rechts, wie Ariminum, sei es italischen, wie Ravenna, mit Rom verknuepft worden. Auf dem weiten Gebiet jenseits Ravenna bis zu der Alpengrenze sassen nichtitalische Voelkerschaften. Suedlich vom Po behauptete sich noch der maechtige Keltenstamm der Boier (von Parma bis Bologna), neben denen oestlich die Lingonen, westlich (im Gebiet von Parma) die Anaren, zwei kleinere, vermutlich in der Klientel der Boier stehende keltische Kantone die Ebene ausfuellten. Wo diese aufhoert, begannen die Ligurer, die mit einzelnen keltischen Staemmen gemischt auf dem Apennin von oberhalb Arezzo und Pisa an sitzend, das Quellgebiet des Po innehatten. Von der Ebene nordwaerts vom Po hatten die Veneter, verschiedenen Stammes von den Kelten und wohl illyrischer Abkunft, den oestlichen Teil etwa von Verona bis zur Kueste im Besitz; zwischen ihnen und den westlichen Gebirgen sassen die Cenomanen (um Brescia und Cremona), die selten mit der keltischen Nation hielten und wohl stark mit Venetern gemischt waren, und die Insubrer (um Mailand), dieser der bedeutendste der italischen Keltengaue und in stetiger Verbindung nicht bloss mit den kleineren, in den Alpentaelern zerstreuten Gemeinden teils keltischer, teils anderer Abkunft, sondern auch mit den Keltengauen jenseits der Alpen. Die Pforten der Alpen, der maechtige, auf fuenfzig deutsche Meilen schiffbare Strom, die groesste und fruchtbarste Ebene des damaligen zivilisierten Europas, waren nach wie vor in den Haenden der Erbfeinde des italischen Namens, die, wohl gedemuetigt und geschwaecht, doch immer noch kaum dem Namen nach abhaengig und immer noch unbequeme Nachbarn, in ihrer Barbarei verharrten und duenngesaet in den weiten Flaechen ihre Herden- und Plunderwirtschaft fortfuehrten. Man durfte erwarten, dass die Roemer eilen wuerden, sich dieser Gebiete zu bemaechtigen; um so mehr als die Kelten allmaehlich anfingen, ihrer Niederlagen in den Feldzuegen von 471 und 472 (283 282) zu vergessen und sich wieder zu regen, ja was noch bedenklicher war, die transalpinischen Kelten aufs neue begannen, diesseits der Alpen sich zu zeigen. In der Tat hatten bereits im Jahre 516 (238) die Boier den Krieg erneuert und deren Herren Atis und Galatas, freilich ohne Auftrag der Landesgemeinde, die Transalpiner aufgefordert, mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen; zahlreich waren diese dem Ruf gefolgt und im Jahre 518 (236) lagerte ein Keltenheer vor Ariminum, wie Italien es lange nicht gesehen hatte. Die Roemer, fuer den Augenblick viel zu schwach, um die Schlacht zu versuchen, schlossen Waffenstillstand und liessen, um Zeit zu gewinnen, Boten der Kelten nach Rom gehen, die im Senat die Abtretung von Ariminum zu fordern wagten - es schien, als seien die Zeiten des Brennus wiedergekehrt. Aber ein unvermuteter Zwischenfall machte dem Krieg ein Ende, bevor er noch recht begonnen hatte. Die Boier, unzufrieden mit den ungebetenen Bundesgenossen und wohl fuer ihr eigenes Gebiet fuerchtend, gerieten in Haendel mit den Transalpinern; es kam zwischen den beiden Keltenheeren zu offener Feldschlacht, und nachdem die boischen Haeuptlinge von ihren eigenen Leuten erschlagen waren, kehrten die Transalpiner heim. Damit waren die Boier den Roemern in die Haende gegeben, und es hing nur von diesen ab, sie gleich den Senonen auszutreiben und wenigstens bis an den Po vorzudringen; allein es ward vielmehr denselben gegen die Abtretung einiger Landstriche der Friede gewaehrt (518 236). Das mag damals geschehen sein, weil man eben den Wiederausbruch des Kriegs mit Karthago erwartete; aber nachdem dieser durch die Abtretung Sardiniens abgewandt worden war, forderte es die richtige Politik der roemischen Regierung, das Land bis an die Alpen so rasch und so vollstaendig wie moeglich in Besitz zu nehmen. Die bestaendigen Besorgnisse der Kelten vor einer solchen roemischen Invasion sind darum hinreichend gerechtfertigt; indes die Roemer beeilten sich eben nicht. So begannen denn die Kelten ihrerseits den Krieg, sei es, dass die roemischen Ackerverteilungen an der Ostkueste (522 232), obwohl zunaechst nicht gegen sie gerichtet, sie besorgt gemacht hatten, sei es, dass sie die Unvermeidlichkeit eines Krieges mit Rom um den Besitz der Lombardei begriffen, sei es, was vielleicht das Wahrscheinlichste ist, dass das ungeduldige Kelterwolk wieder einmal des Sitzens muede war und eine neue Heerfahrt zu ruesten beliebte. Mit Ausschluss der Cenomanen, die mit den Venetern hielten und sich fuer die Roemer erklaerten, traten dazu saemtliche italische Kelten zusammen, und ihnen schlossen sich unter den Fuehrern Concolitanus und Aneroestus zahlreich die Kelten des oberen Rhonetals oder vielmehr deren Reislaeufer an ^8. Mit 50000 zu Fuss und 20000 zu Ross oder zu Wagen kaempfenden Streitern rueckten die Fuehrer der Kelten auf den Apennin zu (529 225). Von dieser Seite hatte man in Rom sich des Angriffs nicht versehen und nicht erwartet, dass die Kelten mit Vernachlaessigung der roemischen Festungen an der Ostkueste und des Schutzes der eigenen Stammesgenossen geradeswegs gegen die Hauptstadt vorzugehen wagen wuerden. Nicht gar lange vorher hatte ein aehnlicher Keltenschwarm in ganz gleicher Weise Griechenland ueberschwemmt; die Gefahr war ernst und schien noch ernster, als sie war. Der Glaube, dass Roms Untergang diesmal unvermeidlich und der roemische Boden vom Verhaengnis gallisch zu werden bestimmt sei, war selbst in Rom unter der Menge so allgemein verbreitet, dass sogar die Regierung es nicht unter ihrer Wuerde hielt, den krassen Aberglauben des Poebels durch einen noch krasseren zu bannen und zur Erfuellung des Schicksalspruchs einen gallischen Mann und eine gallische Frau auf dem roemischen Markt lebendig begraben zu lassen. Daneben traf man ernstlichere Anstalten. Von den beiden konsularischen Heeren, deren jedes etwa 25000 Mann zu Fuss und 1100 Reiter zaehlte, stand das eine unter Gaius Atilius Regulus in Sardinien, das zweite unter Lucius Aemilius Papus bei Ariminum; beide erhielten Befehl, sich so schnell wie moeglich nach dem zunaechst bedrohten Etrurien zu begeben. Schon hatten gegen die mit Rom verbuendeten Cenomanen und Veneter die Kelten eine Besatzung in der Heimat zuruecklassen muessen; jetzt ward auch der Landsturm der Umbrer angewiesen, von den heimischen Bergen herab in die Ebene der Boier einzuruecken und dem Feinde auf seinen eigenen Aeckern jeden erdenklichen Schaden zuzufuegen. Die Landwehr der Etrusker und Sabiner sollte den Apennin besetzen und womoeglich sperren, bis die regulaeren Truppen eintreffen koennten. In Rom bildete sich eine Reserve von 50000 Mann; durch ganz Italien, das diesmal in Rom seinen rechten Vorkaempfer sah, wurde die dienstfaehige Mannschaft verzeichnet, Vorraete und Kriegsmaterial zusammengebracht.
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^8 Dieselben, die Polybios bezeichnet als “die Kelten in den Alpen und an der Rhone, die man wegen ihrer Reislaeuferei Gaesaten (Landsknechte) nenne”, werden in den kapitolinischen Fasten Germani genannt. Moeglich ist es, dass die gleichzeitige Geschichtschreibung hier nur Kelten genannt und erst die historische Spekulation der caesarischen und augustischen Zeit die Redaktoren jener Fasten bewogen hat, daraus “Germanen” zu machen. Wofern dagegen die Nennung der Germanen in den Fasten auf gleichzeitige Aufzeichnungen zurueckgeht - in welchem Falle dies die aelteste Erwaehnung dieses Namens ist -, wird man hier doch nicht an die spaeter so genannten deutschen Staemme denken duerfen, sondern an einen keltischen Schwarm.
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Indes alles das forderte Zeit; man hatte einmal sich ueberrumpeln lassen, und wenigstens Etrurien zu retten, war es zu spaet. Die Kelten fanden den Apennin kaum verteidigt und pluenderten unangefochten die reichen Ebenen des tuskischen Gebietes, das lange keinen Feind gesehen. Schon standen sie bei Clusium, drei Tagemaersche von Rom, als das Heer von Ariminum unter dem Konsul Papus ihnen in der Flanke erschien, waehrend die etruskische Landwehr, die sich nach der Ueberschreitung des Apennin im Ruecken der Gallier zusammengezogen hatte, dem Marsch der Feinde folgte. Eines Abends, nachdem bereits beide Heere sich gelagert und die Biwakfeuer angezuendet hatten, brach das keltische Fussvolk ploetzlich wieder auf und zog in rueckwaertiger Richtung ab auf der Strasse gegen Faesulae (Fiesole); die Reiterei besetzte die Nacht hindurch die Vorposten und folgte am andern Morgen der Hauptmacht. Als die tuskische Landwehr, die dicht am Feinde lagerte, seines Abzugs inneward, meinte sie, dass der Schwarm anfange sich zu verlaufen und brach auf zu eiligem Nachsetzen. Eben darauf hatten die Gallier gerechnet; ihr ausgeruhtes und geordnetes Fussvolk empfing auf dem wohl gewaehlten Schlachtfeld die roemische Miliz, die ermattet und aufgeloest von dem Gewaltmarsch herankam. 6000 Mann fielen nach heftigem Kampf, und auch der Rest des Landsturms, der notduerftig auf einem Huegel Zuflucht gefunden, waere verloren gewesen, wenn nicht rechtzeitig das konsularische Heer erschienen waere. Dies bewog die Gallier, sich nach der Heimat zurueckzuwenden. Ihr geschickt angelegter Plan, die Vereinigung der beiden roemischen Heere zu hindern und das schwaechere einzeln zu vernichten, war nur halb gelungen; fuer jetzt schien es ihnen geraten, zunaechst die betraechtliche Beute in Sicherheit zu bringen. Des bequemeren Marsches wegen zogen sie sich aus der Gegend von Chiusi, wo sie standen, an die ebene Kueste und marschierten am Strande hin, als sie unvermutet hier sich den Weg verlegt fanden. Es waren die sardinischen Legionen, die bei Pisae gelandet waren und, da sie zu spaet kamen, um den Apennin zu sperren, sich sofort auf demselben Kuestenweg, den die Gallier verfolgten, in der entgegengesetzten Richtung in Bewegung gesetzt hatten. Bei Telamon (an der Muendung des Ombrone) trafen sie auf den Feind. Waehrend das roemische Fussvolk in geschlossener Front auf der grossen Strasse vorrueckte, ging die Reiterei, vom Konsul Gaius Atilius Regulus selber gefuehrt, seitwaerts vor, um den Galliern in die Flanke zu kommen und so bald wie moeglich dem anderen roemischen Heer unter Papus Kunde von ihrem Eintreffen zu geben. Es entspann sich ein heftiges Reitergefecht, in dem mit vielen tapferen Roemern auch Regulus fiel; aber nicht umsonst hatte er sein Leben aufgeopfert: sein Zweck war erreicht. Papus gewahrte das Gefecht und ahnte den Zusammenhang; schleunig ordnete er seine Scharen und von beiden Seiten drangen nun roemische Legionen auf das Keltenheer ein. Mutig stellte dieses sich zum Doppelkampf, die Transalpiner und Insubrer gegen die Truppen des Papus, die alpinischen Taurisker und die Boier gegen das sardinische Fussvolk; das Reitergefecht ging davon gesondert auf dem Fluegel seinen Gang. Die Kraefte waren der Zahl nach nicht ungleich gemessen, und die verzweifelte Lage der Gallier zwang sie zur hartnaeckigsten Gegenwehr. Aber die Transalpiner, nur des Nahkampfes gewohnt, wichen vor den Geschossen der roemischen Plaenkler; im Handgemenge setzte die bessere Staehlung der roemischen Waffen die Gallier in Nachteil; endlich entschied der Flankenangriff der siegreichen roemischen Reiterei den Tag. Die keltischen Berittenen entrannen; fuer das Fussvolk, das zwischen dem Meere und den drei roemischen Heeren eingekeilt war, gab es keine Flucht. 10000 Kelten mit dem Koenig Concolitanus wurden gefangen; 40000 andere lagen tot auf dem Schlachtfeld; Aneroestus und sein Gefolge hatten sich nach keltischer Sitte selber den Tod gegeben.
Der Sieg war vollstaendig und die Roemer fest entschlossen, die Wiederholung solcher Einfaelle durch die voellige Ueberwaeltigung der Kelten diesseits der Alpen unmoeglich zu machen. Ohne Widerstand ergaben im folgenden Jahr (530 224) sich die Boier nebst den Lingonen, das Jahr darauf (531 223) die Anaren; damit war das Flachland bis zum Padus in roemischen Haenden. Ernstlichere Kaempfe kostete die Eroberung des noerdlichen Ufers. Gaius Flaminius ueberschritt in dem neugewonnenen anarischen Gebiet (etwa bei Piacenza) den Fluss (531 223); allein bei dem Uebergang und mehr noch bei der Festsetzung am anderen Ufer erlitt er so schwere Verluste und fand sich, den Fluss im Ruecken, in einer so gefaehrlichen Lage, dass er mit dem Feind um freien Abzug kapitulierte, den die Insubrer toerichterweise zugestanden. Kaum war er indes entronnen, als er vom Gebiet der Cenomanen aus und mit diesen vereinigt von Norden her in den Gau der Insubrer zum zweitenmal einrueckte. Zu spaet begriffen diese, um was es sich jetzt handle; sie nahmen aus dem Tempel ihrer Goettin die goldenen Feldzeichen, “die unbeweglichen” genannt, und mit ihrem ganzen Aufgebot, 50000 Mann stark, boten sie den Roemern die Schlacht. Die Lage dieser war gefaehrlich: sie standen mit dem Ruecken an einem Fluss (vielleicht dem Oglio), von der Heimat getrennt durch das feindliche Gebiet und fuer den Beistand im Kampf wie fuer die Rueckzugslinie angewiesen auf die unsichere Freundschaft der Cenomanen. Indes es gab keine Wahl. Man zog die in den roemischen Reihen fechtenden Gallier auf das linke Ufer des Flusses; auf dem rechten, den Insubrern gegenueber, stellte man die Legionen auf und brach die Bruecken ab, um von den unsicheren Bundesgenossen wenigstens nicht im Ruecken angefallen zu werden.
Freilich schnitt also der Fluss den Rueckzug ab und ging der Weg zur Heimat durch das feindliche Heer. Aber die Ueberlegenheit der roemischen Waffen und der roemischen Disziplin erfocht den Sieg und das Heer schlug sich durch; wieder einmal hatte die roemische Taktik die strategischen Fehler gutgemacht. Der Sieg gehoerte den Soldaten und Offizieren, nicht den Feldherren, die gegen den gerechten Beschluss des Senats nur durch Volksgunst triumphierten. Gern haetten die Insubrer Frieden gemacht; aber Rom forderte unbedingte Unterwerfung, und so weit war man noch nicht. Sie versuchten, sich mit Hilfe der noerdlichen Stammgenossen zu halten, und mit 30000 von ihnen geworbenen Soeldnern derselben und ihrer eigenen Landwehr empfingen sie die beiden im folgenden Jahr (532 222) abermals aus dem cenomanischen Gebiet in das ihrige einrueckenden konsularischen Heere. Es gab noch manches harte Gefecht; bei einer Diversion, welche die Insubrer gegen die roemische Festung Clastidium (Casteggio, unterhalb Pavia) am rechten Poufer versuchten, fiel der gallische Koenig Virdumarus von der Hand des Konsuls Marcus Marcellus. Allein nach einer halb von den Kelten schon gewonnenen, aber endlich doch fuer die Roemer entschiedenen Schlacht erstuermte der Konsul Gnaeus Scipio die Hauptstadt der Insubrer, Mediolanum, und die Einnahme dieser und der Stadt Comum machte der Gegenwehr ein Ende. Damit waren die italischen Kelten vollstaendig besiegt, und wie eben vorher die Roemer den Hellenen im Piratenkrieg den Unterschied zwischen roemischer und griechischer Seebeherrschung gezeigt, so hatten sie jetzt glaenzend bewiesen, dass Rom Italiens Pforten anders gegen den Landraub zu wahren wusste als Makedonien die Tore Griechenlands und dass trotz allen inneren Haders Italien dem Nationalfeinde gegenueber ebenso einig wie Griechenland zerrissen dastand.
Die Alpengrenze war erreicht, insofern als das ganze Flachland am Po entweder den Roemern untertaenig oder, wie das cenomanische und venetische Gebiet, von abhaengigen Bundesgenossen besessen war; es bedurfte indes der Zeit, um die Konsequenzen dieses Sieges zu ziehen und die Landschaft zu romanisieren. Man verfuhr dabei nicht in derselben Weise. In dem gebirgigen Nordwesten Italiens und in den entfernteren Distrikten zwischen den Alpen und dem Po duldete man im ganzen die bisherigen Bewohner; die zahlreichen sogenannten Kriege, die namentlich gegen die Ligurer gefuehrt wurden (zuerst 516 238), scheinen mehr Sklavenjagden gewesen zu sein, und wie oft auch die Gaue und Taeler den Roemern sich unterwarfen, war die roemische Herrschaft doch hier kaum mehr als ein Name. Auch die Expedition nach Istrien (533 221) scheint nicht viel mehr bezweckt zu haben, als die letzten Schlupfwinkel der adriatischen Piraten zu vernichten und laengs der Kueste zwischen den italischen Eroberungen und den Erwerbungen an dem anderen Ufer eine Kontinentalverbindung herzustellen. Dagegen die Kelten in den Landschaften suedlich vom Po waren der Vernichtung rettungslos verfallen; denn bei dem losen Zusammenhang der keltischen Nation nahm keiner der noerdlichen Kettengaue ausser fuer Geld sich der italischen Stammgenossen an, und die Roemer sahen in denselben nicht bloss ihre Nationalfeinde, sondern auch die Usurpatoren ihres natuerlichen Erbes. Die ausgedehnte Ackerverteilung von 522 (332) hatte schon das gesamte Gebiet zwischen Ancona und Ariminum mit roemischen Kolonisten gefuellt, die ohne kommunale Organisation in Marktflecken und Doerfern hier sich ansiedelten. Auf diesem Wege ging man weiter, und es war nicht schwer, eine halbbarbarische, dem Ackerbau nur nebenher obliegende und ummauerter Staedte entbehrende Bevoelkerung, wie die keltische war, zu verdraengen und auszurotten. Die grosse Nordchaussee, die wahrscheinlich schon achtzig Jahre frueher ueber Otricoli nach Narni gefuehrt und kurz vorher bis an die neubegruendete Festung Spoletium (514 240) verlaengert worden war, wurde jetzt (534 220) unter dem Namen der Flaminischen Strasse ueber den neu angelegten Marktflecken Forum Flaminii (bei Foligno) durch den Furlopass an die Kueste und an dieser entlang von Fanum (Fano) bis nach Ariminum gefuehrt; es war die erste Kunststrasse, die den Apennin ueberschritt und die beiden italischen Meere verband. Man war eifrig beschaeftigt, das neugewonnene fruchtbare Gebiet mit roemischen Ortschaften zu bedecken. Schon war zur Deckung des Uebergangs ueber den Po auf dem rechten Ufer die starke Festung Placentia (Piacenza) gegruendet, nicht weit davon am linken Cremona angelegt, ferner auf dem den Boiern abgenommenen Gebiet der Mauerbau von Mutina (Modena) weit vorgeschritten; schon bereitete man weitere Landanweisungen und die Fortfuehrung der Chaussee vor, als ein ploetzliches Ereignis die Roemer in der Ausbeutung ihrer Erfolge unterbrach.
KAPITEL IV.
Hamilkar und Hannibal
Der Vertrag mit Rom von 513 (241) gab den Karthagern Frieden, aber um einen teuren Preis. Dass die Tribute des groessten Teils von Sizilien jetzt in den Schatz des Feindes flossen statt in die karthagische Staatskasse, war der geringste Verlust. Viel empfindlicher war es, dass man nicht bloss die Hoffnung hatte aufgeben muessen, deren Erfuellung so nahe geschienen, die saemtlichen Seestrassen aus dem oestlichen in das westliche Mittelmeer zu monopolisieren, sondern dass das ganze handelspolitische System gesprengt, das bisher ausschliesslich beherrschte suedwestliche Becken des Mittelmeers seit Siziliens Verlust fuer alle Nationen ein offenes Fahrwasser, Italiens Handel von dem phoenikischen vollstaendig unabhaengig geworden war. Indes die ruhigen sidonischen Maenner haetten auch darueber vielleicht sich zu beruhigen vermocht. Man hatte schon aehnliche Schlaege erfahren; man hatte mit den Massalioten, den Etruskern, den sizilischen Griechen teilen muessen, was man frueher allein besessen; auch das, was man jetzt noch hatte, Afrika, Spanien, die Pforten des Atlantischen Meeres, reichte aus, um maechtig und wohlgemut zu leben. Aber freilich, wer buergte dafuer, dass wenigstens dies blieb?
Was Regulus gefordert und wie wenig ihm gefehlt hatte, um das, was er forderte, zu erreichen, konnte nur vergessen, wer vergessen wollte; und wenn Rom den Versuch, den es von Italien aus mit so grossem Erfolg unternommen hatte, jetzt von Lilybaeon aus erneuerte, so war Karthago, wenn nicht die Verkehrtheit des Feindes oder ein besonderer Gluecksfall dazwischen trat, unzweifelhaft verloren. Zwar man hatte jetzt Frieden; aber es hatte an einem Haar gehangen, dass dem Frieden die Ratifikation verweigert ward, und man wusste, wie die oeffentliche Meinung in Rom diesen Friedensschluss beurteilte. Es mochte sein, dass Rom an die Eroberung Afrikas jetzt noch nicht dachte und noch Italien ihm genuegte; aber wenn die Existenz des karthagischen Staats an dieser Genuegsamkeit hing, so sah es uebel damit aus, und wer buergte dafuer, dass die Roemer nicht eben ihrer italischen Politik es angemessen fanden, den afrikanischen Nachbar zwar nicht sich zu unterwerfen, aber doch zu vertilgen?
Kurz, Karthago durfte den Frieden von 513 (241) nur als einen Waffenstillstand betrachten und musste ihn benutzen zur Vorbereitung fuer die unvermeidliche Erneuerung des Krieges; nicht, um die erlittene Niederlage zu raechen, nicht einmal zunaechst, um das Verlorene zurueckzugewinnen, sondern um sich eine nicht von dem Gutfinden des Landesfeindes abhaengige Existenz zu erfechten. Allein wenn einem schwaecheren Staat ein gewisser, aber der Zeit nach unbestimmter Vernichtungskrieg bevorsteht, werden die kluegeren, entschlosseneren, hingebenderen Maenner, die zu dem unvermeidlichen Kampf sich sogleich fertig machen, ihn zur guenstigen Stunde aufnehmen und so die politische Defensive durch die strategische Offensive verdecken moechten, ueberall sich gehemmt sehen durch die traege und feige Masse der Geldesknechte, der Altersschwachen, der Gedankenlosen, welche nur Zeit zu gewinnen, nur in Frieden zu leben und zu sterben, nur den letzten Kampf um jeden Preis hinauszuschieben bedacht sind. So gab es auch in Karthago eine Friedens- und eine Kriegspartei, die beide wie natuerlich sich anschlossen an den schon zwischen den Konservativen und den Reformisten bestehenden politischen Gegensatz: jene fand ihre Stuetze in den Regierungsbehoerden, dem Rat der Alten und der Hundertmaenner, an deren Spitze Hanno, der sogenannte Grosse, stand, diese in den Leitern der Menge, namentlich dem angesehenen Hasdrubal, und in den Offizieren des sizilischen Heeres, dessen grosse Erfolge unter Hamilkars Fuehrung, wenn sie auch sonst vergeblich gewesen waren, doch den Patrioten einen Weg gezeigt hatten, der Rettung aus der ungeheuren Gefahr zu versprechen schien. Schon lange mochte zwischen diesen Parteien heftige Fehde bestehen, als der libysche Krieg zwischen sie hineinschlug. Wie er entstand, ist schon erzaehlt worden. Nachdem die Regierungspartei die Meuterei durch die unfaehige, alle Vorsichtsmassregeln der sizilischen Offiziere vereitelnde Verwaltung angezettelt hatte, durch die Nachwirkung ihres unmenschlichen Regierungssystems diese Meuterei in eine Revolution umgeschlagen und endlich durch ihre und namentlich ihres Fuehrers, des Heerverderbers Hanno militaerische Unfaehigkeit das Land an den Rand des Abgrundes gebracht worden war, ward der Held von der Eirkte, Hamilkar Barkas, in der hoechsten Not von der Regierung selbst ersucht, sie von den Folgen ihrer Fehler und Verbrechen zu retten. Er nahm das Kommando an und dachte hochsinnig genug, es selbst dann nicht niederzulegen, als man ihm den Hanno zum Kollegen gab; ja als die erbitterte Armee denselben heimschickte, vermochte er es ueber sich, ihm auf die flehentliche Bitte der Regierung zum zweitenmal den Mitoberbefehl einzuraeumen und trotz der Feinde wie trotz des Kollegen durch seinen Einfluss bei den Aufstaendischen, seine geschickte Behandlung der numidischen Scheichs, sein unvergleichliches Organisatoren- und Feldherrngenie in unglaublich kurzer Zeit den Aufstand voellig niederzuwerfen und das empoerte Afrika zum Gehorsam zurueckzubringen (Ende 517 237).
Die Patriotenpartei hatte waehrend dieses Krieges geschwiegen; jetzt sprach sie um so lauter. Einerseits war bei dieser Katastrophe die ganze Verderbtheit und Verderblichkeit der herrschenden Oligarchie an den Tag gekommen, ihre Unfaehigkeit, ihre Coteriepolitik, ihre Hinneigung zu den Roemern; anderseits zeigte die Wegnahme Sardiniens und die drohende Stellung, welche Rom dabei einnahm, deutlich auch dem geringsten Mann, dass das Damoklesschwert der roemischen Kriegserklaerung stets ueber Karthago hing, und dass, wenn Karthago unter den gegenwaertigen Verhaeltnissen mit Rom zum Kriege kam, dieser notwendig den Untergang der phoenikischen Herrschaft in Libyen zur Folge haben muesse. Es mochte in Karthago nicht wenige geben, die, an der Zukunft des Vaterlandes verzweifelnd, die Auswanderung nach den Inseln des Atlantischen Meeres anrieten; wer durfte sie schelten? Aber edlere Gemueter verschmaehen es, ohne die Nation sich selber zu bergen, und grosse Naturen geniessen das Vorrecht, aus dem, worueber die Menge der Guten verzweifelt, Begeisterung zu schoepfen. Man nahm die neuen Bedingungen an, wie sie Rom eben diktierte; es blieb nichts uebrig, als sich zu fuegen und den neuen Hass zu dem alten schlagend ihn sorgfaeltig zu sammeln und zu sparen, dieses letzte Kapitel einer gemisshandelten Nation. Dann aber schritt man zu einer politischen Reform ^1. Von der Unverbesserlichkeit der Regimentspartei hatte man sich hinreichend ueberzeugt; dass die regierenden Herren auch im letzten Krieg weder ihren Groll vergessen noch groessere Weisheit gelernt hatten, zeigte zum Beispiel die ans Naive grenzende Unverschaemtheit, dass sie jetzt dem Hamilkar den Prozess machten als dem Urheber des Soeldnerkrieges, insofern er ohne Vollmacht der Regierung seinen sizilischen Soldaten Geldversprechungen gemacht habe. Wenn der Klub der Offiziere und Volksfuehrer die morschen Stuehle dieses Missregiments haette umstossen wollen, so wuerde er in Karthago selbst schwerlich auf grosse Schwierigkeiten gestossen sein; allein auf desto groessere in Rom, mit dem die regierenden Herren von Karthago schon in Verbindungen standen, die an Landesverrat grenzten. Zu allen uebrigen Schwierigkeiten der Lage kam noch die hinzu, dass die Mittel zur Rettung des Vaterlandes geschaffen werden mussten, ohne dass weder die Roemer noch die eigene roemisch gesinnte Regierung recht darum gewahr wurden.
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^1 Wir sind ueber diese Vorgaenge nicht bloss unvollkommen berichtet, sondern auch einseitig, da natuerlich die Version der karthagischen Friedenspartei die der roemischen Annalisten wurde. Indes selbst in unsern zertruemmerten und getruebten Berichten - die wichtigsten sind Fabius bei Polyb. 3, 8; App. Hisp. 4 und Diod. 25 p. 567 - erscheinen die Verhaeltnisse der Parteien deutlich genug. Von dem gemeinen Klatsch, mit dem die “revolutionaere Verbindung” (εταιρεία τών πονηροτάτων ανθρώπων) von ihren Gegnern beschmutzt ward, kann man bei Nepos (Ham. 3) Proben lesen, die ihresgleichen suchen, vielleicht auch finden.
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So liess man die Verfassung unangetastet und die regierenden Herren im vollen Genuss ihrer Sonderrechte und des gemeinen Gutes. Es ward bloss beantragt und durchgesetzt, von den beiden Oberfeldherren, die am Ende des libyschen Krieges an der Spitze der karthagischen Truppen standen, Hanno und Hamilkar, den ersteren abzurufen und den letzteren zum Oberfeldherrn fuer ganz Afrika auf unbestimmte Zeit in der Art zu ernennen, dass er eine von den Regierungskollegien unabhaengige Stellung - eine verfassungswidrige monarchische Gewalt nannten es die Gegner, Cato eine Diktatur - erhielt und er nur von der Volksversammlung abberufen und zur Verantwortung gezogen werden durfte ^2. Selbst die Wahl eines Nachfolgers ging nicht von den Behoerden der Hauptstadt aus, sondern vom Heere, das heisst von den im Heere als Gerusiasten oder Offiziere dienenden Karthagern, die auch bei Vertraegen neben dem Feldherrn genannt werden; natuerlich blieb der Volksversammlung daheim das Bestaetigungsrecht. Mag dies Usurpation sein oder nicht, es bezeichnet deutlich, wie die Kriegspartei das Heer als ihre Domaene ansah und behandelte.
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^2 Die Barkas schliessen die wichtigsten Staatsvertraege ab und die Ratifikation der Behoerde ist eine Formalitaet (Polyb. 3, 21); Rom protestiert bei ihnen und beim Senat (Polyb. 3, 15). Die Stellung der Barkas zu Karthago hat manche Aehnlichkeit mit der der Oranier gegen die Generalstaaten.
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Der Auftrag, den Hamilkar also empfing, klang nicht eben verfaenglich. Die Kriege mit den numidischen Staemmen ruhten an der Grenze nie; vor kurzem erst war im Binnenland die “Stadt der hundert Tore” Theveste (Tebessa) von den Karthagern besetzt worden. Die Fortfuehrung dieser Grenzfehden, die dem neuen Oberfeldherrn von Afrika zufiel, war an sich nicht von solcher Bedeutung, dass nicht die karthagische Regierung, die man ja in ihrem naechsten Kreise gewaehren liess, zu den darueber von der Volksversammlung getroffenen Beliebungen haette stillschweigen koennen, waehrend die Roemer die Tragweite derselben vielleicht nicht einmal erkannten.
So stand an der Spitze des Heeres der eine Mann, der im sizilischen und im libyschen Kriege es bewaehrt hatte, dass die Geschicke ihn oder keinen zum Retter des Vaterlandes bestimmten. Grossartiger als von ihm ist vielleicht niemals der grossartige Kampf des Menschen gegen das Schicksal gefuehrt worden. Das Heer sollte den Staat retten; aber was fuer ein Heer? Die karthagische Buergerwehr hatte unter Hamilkars Fuehrung im libyschen Kriege sich nicht schlecht geschlagen; allein er wusste wohl, dass es ein anderes ist, die Kaufleute und Fabrikanten einer Stadt, die in der hoechsten Gefahr schwebt, einmal zum Kampf hinauszufuehren, und ein anderes, Soldaten aus ihnen zu bilden. Die karthagische Patriotenpartei lieferte ihm vortreffliche Offiziere, aber in ihr war natuerlich fast ausschliesslich die gebildete Klasse vertreten - Buergermiliz hatte er nicht, hoechstens einige libyphoenikische Reiterschwadronen. Es galt ein Heer zu schaffen aus den libyschen Zwangsrekruten und aus Soeldnern; was einem Feldherrn wie Hamilkar moeglich war, allein auch ihm nur, wenn er seinen Leuten puenktlich und reichlich den Sold zu zahlen vermochte. Aber dass die karthagischen Staatseinkuenfte in Karthago selbst zu viel noetigeren Dingen gebraucht wurden als fuer die gegen den Feind fechtenden Heere, hatte er in Sizilien erfahren. Es musste also dieser Krieg sich selber ernaehren und im grossen ausgefuehrt werden, was auf dem Monte Pellegrino im kleinen versucht worden war. Aber noch mehr. Hamilkar war nicht bloss Militaer-, er war auch Parteichef; gegen die unversoehnliche und der Gelegenheit, ihn zu stuerzen, begierig und geduldig harrende Regierungspartei musste er auf die Buergerschaft sich stuetzen, und mochten deren Fuehrer noch so rein und edel sein, die Masse war tief verdorben und durch das unselige Korruptionssystem gewoehnt, nichts fuer nichts zu geben. In einzelnen Momenten schlug wohl die Not oder die Begeisterung einmal durch, wie das ueberall selbst in den feilsten Koerperschaften vorkommt; wollte aber Hamilkar fuer seinen im besten Fall erst nach einer Reihe von Jahren durchfuehrbaren Plan die Unterstuetzung der karthagischen Gemeinde dauernd sich sichern, so musste er seinen Freunden in der Heimat durch regelmaessige Geldsendungen die Mittel geben, den Poebel bei guter Laune zu erhalten. So genoetigt, von der lauen und feilen Menge die Erlaubnis, sie zu retten, zu erbetteln oder zu erkaufen; genoetigt, dem Uebermut der Verhassten seines Volkes, der stets von ihm Besiegten durch Demut und Schweigsamkeit die unentbehrliche Gnadenfrist abzudingen; genoetigt, den verachteten Vaterlandsverraetern, die sich die Herren seiner Stadt nannten, mit seinen Plaenen seine Verachtung zu bergen - so stand der hohe Mann mit wenigen gleichgesinnten Freunden zwischen den Feinden von aussen und den Feinden von innen, auf die Unentschlossenheit der einen und der andern bauend, zugleich beide taeuschend und beiden trotzend, um nur erst die Mittel, Geld und Soldaten zu gewinnen zum Kampf gegen ein Land, das, selbst wenn das Heer schlagfertig dastand, mit diesem zu erreichen schwierig, zu ueberwinden kaum moeglich schien. Er war noch ein junger Mann, wenig hinaus ueber die Dreissig; aber er schien zu ahnen, als er sich anschickte zu seinem Zuge, dass es ihm nicht vergoennt sein werde, das Ziel seiner Arbeit zu erreichen und das Land der Erfuellung anders als von weitem zu schauen. Seinen neunjaehrigen Sohn Hannibal hiess er, da er Karthago verliess, am Altar des hoechsten Gottes dem roemischen Namen ewigen Hass schwoeren, und zog ihn und die juengeren Soehne Hasdrubal und Mago, die “Loewenbrut”, wie er sie nannte, im Feldlager auf als die Erben seiner Entwuerfe, seines Genies und seines Hasses.
Der neue Oberfeldherr von Libyen brach unmittelbar nach der Beendigung des Soeldnerkrieges von Karthago auf (etwa im Fruehjahr 518 236). Er schien einen Zug gegen die freien Libyer im Westen zu beabsichtigen; sein Heer, das besonders an Elefanten stark war, zog an der Kueste hin, neben ihm segelte die Flotte, gefuehrt von seinem treuen Bundesgenossen Hasdrubal. Ploetzlich vernahm man, er sei bei den Saeulen des Herkules ueber das Meer gegangen und in Spanien gelandet, wo er Krieg fuehre mit den Eingeborenen; mit Leuten, die ihm nichts zuleide getan und ohne Auftrag seiner Regierung, klagten die karthagischen Behoerden. Sie konnten wenigstens nicht klagen, dass er die afrikanischen Angelegenheiten vernachlaessige; als die Numidier wieder einmal aufstanden, trieb sein Unterfeldherr Hasdrubal sie so nachdruecklich zu Paaren, dass auf lange Zeit an der Grenze Ruhe war und mehrere bisher unabhaengige Staemme sich bequemten, Tribut zu zahlen. Was er selbst in Spanien getan, koennen wir im einzelnen nicht mehr verfolgen; dem alten Cato, der ein Menschenalter nach Hamilkars Tode in Spanien die noch frischen Spuren seines Wirkens sah, zwangen sie trotz allem Poenerhass den Ausruf ab, dass kein Koenig wert sei, neben Hamilkar Barkas genannt zu werden. In den Erfolgen liegt auch uns wenigstens im allgemeinen noch vor, was von Hamilkar als Militaer und als Staatsmann in den neun letzten Jahren seines Lebens (518-526 236-228) geleistet worden ist, bis er im besten Mannesalter in offener Feldschlacht tapfer kaempfend den Tod fand, wie Scharnhorst, eben als seine Plaene zu reifen begannen, und was alsdann waehrend der naechsten acht Jahre (527-534 227-220) der Erbe seines Amtes und seiner Plaene, sein Tochtermann Hasdrubal an dem angefangenen Werke im Sinne des Meisters weiter geschaffen hat. Statt der kleinen Entrepôts fuer den Handel, die nebst dem Schutzrecht ueber Gades bis dahin Karthago an der spanischen Kueste allein besessen und als Dependenz von Libyen behandelt hatte, ward ein karthagisches Reich in Spanien durch Hamilkars Feldherrnkunst begruendet und durch Hasdrubals staatsmaennische Gewandtheit befestigt. Die schoensten Landschaften Spaniens, die Sued- und Ostkueste wurden phoenikisches Provinzialgebiet; Staedte wurden gegruendet, vor allem an dem einzigen guten Hafen der Suedkueste Spanisch-Karthago (Cartagena) von Hasdrubal angelegt, mit des Gruenders praechtiger “Koenigsburg”; der Ackerbau bluehte auf und mehr noch die Grubenwirtschaft in den gluecklich aufgefundenen Silberminen von Cartagena, die ein Jahrhundert spaeter ueber 2½ Mill. Taler (36 Mill. Sesterzen) jaehrlich eintrugen. Die meisten Gemeinden bis zum Ebro wurden abhaengig von Karthago und zahlten ihm Zins; Hasdrubal verstand es, die Haeuptlinge auf alle Weise, selbst durch Zwischenheiraten in das karthagische Interesse zu ziehen. So erhielt Karthago hier fuer seinen Handel und seine Fabriken eine reiche Absatzquelle, und die Einnahmen der Provinz naehrten nicht bloss das Heer, sondern es blieb noch uebrig, nach Hause zu senden und fuer die Zukunft zurueckzulegen. Aber die Provinz bildete und schulte zugleich die Armee. In dem Karthago unterworfenen Gebiet fanden regelmaessige Aushebungen statt; die Kriegsgefangenen wurden untergesteckt in die karthagischen Korps; von den abhaengigen Gemeinden kam Zuzug und kamen Soeldner, soviel man begehrte. In dem langen Kriegsleben fand der Soldat im Lager eine zweite Heimat und als Ersatz fuer den Patriotismus den Fahnensinn und die begeisterte Anhaenglichkeit an seine grossen Fuehrer; die ewigen Kaempfe mit den tapferen Iberern und Kelten schufen zu der vorzueglichen numidischen Reiterei ein brauchbares Fussvolk.
Von Karthago aus liess man die Barkas machen. Da der Buergerschaft regelmaessige Leistungen nicht abverlangt wurden, sondern vielmehr fuer sie noch etwas abfiel, auch der Handel in Spanien wiederfand, was er in Sizilien und Sardinien verloren, wurde der spanische Krieg und das spanische Heer mit seinen glaenzenden Siegen und wichtigen Erfolgen bald so populaer, dass es sogar moeglich ward, in einzelnen Krisen, zum Beispiel nach Hamilkars Fall, bedeutende Nachsendungen afrikanischer Truppen nach Spanien durchzusetzen, und die Regierungspartei wohl oder uebel dazu schweigen oder doch sich begnuegen musste, unter sich und gegen die Freunde in Rom auf die demagogischen Offiziere und den Poebel zu schelten.
Auch von Rom aus geschah nichts, um den spanischen Angelegenheiten ernstlich eine andere Wendung zu geben. Die erste und vornehmste Ursache der Untaetigkeit der Roemer war unzweifelhaft eben ihre Unbekanntschaft mit den Verhaeltnissen der entlegenen Halbinsel, welche sicher auch die Hauptursache gewesen ist, weshalb Hamilkar zur Ausfuehrung seines Planes Spanien und nicht, wie es sonst wohl auch moeglich gewesen waere, Afrika selbst erwaehlte. Zwar die Erklaerungen, mit denen die karthagischen Feldherren den roemischen, um Erkundigungen an Ort und Stelle einzuziehen nach Spanien gesandten Kommissarien entgegenkamen, die Versicherungen, dass alles dies nur geschehe, um die roemischen Kriegskontributionen prompt zahlen zu koennen, konnten im Senat unmoeglich Glauben finden; allein man erkannte wahrscheinlich von Hamilkars Plaenen nur den naechsten Zweck: fuer die Tribute und den Handel der verlorenen Inseln in Spanien Ersatz zu schaffen, und hielt einen Angriffskrieg der Karthager, und namentlich eine Invasion Italiens von Spanien aus, wie das sowohl ausdrueckliche Angaben als die ganze Lage der Sache bezeugen, fuer schlechterdings unmoeglich. Dass unter der Friedenspartei in Karthago manche weiter sahen, versteht sich; allein wie sie dachten, konnten sie schwerlich sehr geneigt sein, ueber den drohenden Sturm, den zu beschwoeren die karthagischen Behoerden laengst ausserstande waren, ihre roemischen Freunde aufzuklaeren und damit die Krise nicht abzuwenden, sondern zu beschleunigen; und wenn es dennoch geschah, so mochte man in Rom solche Parteidenunziationen mit Fug sehr vorsichtig aufnehmen. Allmaehlich allerdings musste die unbegreiflich rasche und gewaltige Ausbreitung der karthagischen Macht in Spanien die Aufmerksamkeit und die Besorgnisse der Roemer erwecken; wie sie ihr denn auch in den letzten Jahren vor dem Ausbruch des Krieges in der Tat Schranken zu setzen versuchten. Um das Jahr 528 (226) schlossen sie, ihres jungen Hellenentums eingedenk, mit den beiden griechischen oder halbgriechischen Staedten an der spanischen Ostkueste, Zakynthos oder Saguntum (Murviedro unweit Valencia) und Emporiae (Ampurias) Buendnis, und indem sie den karthagischen Feldherrn Hasdrubal davon in Kenntnis setzten, wiesen sie ihn zugleich an, den Ebro nicht erobernd zu ueberschreiten, was auch zugesagt ward. Es geschah dies keineswegs, um einen Einfall in Italien auf dem Landweg zu hindern - den Feldherrn, der diesen unternahm, konnte ein Vertrag nicht fesseln -, sondern teils um der materiellen Macht der spanischen Karthager, die gefaehrlich zu werden begann, eine Grenze zu stecken, teils um sich an den freien Gemeinden zwischen dem Ebro und den Pyrenaeen, die Rom damit unter seinen Schutz nahm, einen sicheren Anhalt zu bereiten fuer den Fall, dass eine Landung und ein Krieg in Spanien notwendig werden sollte. Fuer den bevorstehenden Krieg mit Karthago, ueber dessen Unvermeidlichkeit der Senat sich nie getaeuscht hat, besorgte man von den spanischen Ereignissen schwerlich groessere Nachteile, als dass man genoetigt werden koenne, einige Legionen nach Spanien zu senden, und dass der Feind mit Geld und Soldaten etwas besser versehen sein werde, als er ohne Spanien es gewesen waere - war man doch fest entschlossen, wie der Feldzugsplan von 536 (218) beweist und wie es auch gar nicht anders sein konnte, den naechsten Krieg in Afrika zu beginnen und zu beendigen, womit dann ueber Spanien zugleich entschieden war. Dazu kamen in den ersten Jahren die karthagischen Kontributionen, welche die Kriegserklaerung abgeschnitten haette, alsdann der Tod Hamilkars, von dem Freunde und Feinde urteilen mochten, dass seine Entwuerfe mit ihm gestorben seien, endlich in den letzten Jahren, wo der Senat allerdings zu begreifen anfing, dass es nicht weise sei, mit der Erneuerung des Krieges noch lange zu zoegern, der sehr erklaerliche Wunsch, zuvor mit den Galliern im Potal fertig zu werden, da diese, mit der Ausrottung bedroht, voraussichtlich jeden ernstlichen Krieg, den Rom unternahm, benutzt haben wuerden, um die transalpinischen Voelkerschaften aufs neue nach Italien zu locken und die immer noch aeusserst gefaehrlichen Keltenzuege zu erneuern. Dass weder Ruecksichten auf die karthagische Friedenspartei noch auf die bestehenden Vertraege die Roemer abhielten, versteht sich; ueberdies boten, wenn man den Krieg wollte, die spanischen Fehden jeden Augenblick einen Vorwand dazu dar. Unbegreiflich ist das Verhalten Roms demnach keineswegs; aber ebensowenig laesst sich leugnen, dass der roemische Senat diese Verhaeltnisse kurzsichtig und schlaff behandelt hat - Fehler, wie sie seine Fuehrung der gallischen Angelegenheiten in der gleichen Zeit noch viel unverzeihlicher aufweist. Ueberall ist die roemische Staatskunst mehr ausgezeichnet durch Zaehigkeit, Schlauheit und Konsequenz, als durch eine grossartige Auffassung und rasche Ordnung der Dinge, worin ihr vielmehr die Feinde Roms von Pyrrhos bis auf Mithradates oft ueberlegen gewesen sind.
So gab dem genialen Entwurf Hamilkars das Glueck die Weihe. Die Mittel zum Kriege waren gewonnen, ein starkes kampf- und sieggewohntes Heer und eine stetig sich fuellende Kasse; aber wie fuer den Kampf der rechte Augenblick, die rechte Richtung gefunden werden sollte, fehlte der Fuehrer. Der Mann, dessen Kopf und Herz in verzweifelter Lage unter einem verzweifelnden Volke den Weg zur Rettung gebahnt hatte, war nicht mehr, als es moeglich ward, ihn zu betreten. Ob sein Nachfolger Hasdrubal den Angriff unterliess, weil ihm der Zeitpunkt noch nicht gekommen schien, oder ob er, mehr Staatsmann als Feldherr, sich der Oberleitung des Unternehmens nicht gewachsen glaubte, vermoegen wir nicht zu entscheiden. Als er im Anfang des Jahres 534 (220) von Moerderhand gefallen war, beriefen die karthagischen Offiziere des spanischen Heeres an seine Stelle Hamilkars aeltesten Sohn, den Hannibal. Er war noch ein junger Mann - geboren 505 (249), also damals im neunundzwanzigsten Lebensjahr; aber er hatte schon viel gelebt. Seine ersten Erinnerungen zeigten ihm den Vater im entlegenen Lande fechtend und siegend auf der Eirkte; er hatte den Frieden des Catulus, die bittere Heimkehr des unbesiegten Vaters, die Greuel des libyschen Krieges mit durchempfunden. Noch ein Knabe, war er dem Vater ins Lager gefolgt; bald zeichnete er sich aus. Sein leichter und festgebauter Koerper machte aus ihm einen vortrefflichen Laeufer und Fechter und einen verwegenen Galoppreiter; sich den Schlaf zu versagen, griff ihn nicht an und Speise wusste er nach Soldatenart zu geniessen und zu entbehren. Trotz seiner im Lager verflossenen Jugend besass er die Bildung der vornehmen Phoeniker jener Zeit; im Griechischen brachte er, wie es scheint, erst als Feldherr, unter der Leitung seines Vertrauten Sosilos von Sparta, es weit genug, um Staatsschriften in dieser Sprache selber abfassen zu koennen. Wie er heranwuchs, trat er in das Heer seines Vaters ein, um unter dessen Augen seinen ersten Waffendienst zu tun, um ihn in der Schlacht neben sich fallen zu sehen. Nachher hatte er unter seiner Schwester Gemahl Hasdrubal die Reiterei befehligt und durch glaenzende persoenliche Tapferkeit wie durch sein Fuehrertalent sich ausgezeichnet. Jetzt rief ihn, den erprobten jugendlichen General, die Stimme seiner Kameraden an ihre Spitze und er konnte nun ausfuehren, wofuer sein Vater und sein Schwager gelebt und gestorben. Er trat die Erbschaft an, und er durfte es. Seine Zeitgenossen haben auf seinen Charakter Makel mancherlei Art zu werfen versucht: den Roemern hiess er grausam, den Karthagern habsuechtig; freilich hasste er, wie nur orientalische Naturen zu hassen verstehen, und ein Feldherr, dem niemals Geld und Vorraete ausgegangen sind, musste wohl suchen zu haben. Indes, wenn auch Zorn, Neid und Gemeinheit seine Geschichte geschrieben haben, sie haben das reine und grosse Bild nicht zu trueben vermocht. Von schlechten Erfindungen, die sich selber richten, und von dem abgesehen, was durch Schuld seiner Unterfeldherren, namentlich des Hannibal Monomachos und Mago des Samniten, in seinem Namen geschehen ist, liegt in den Berichten ueber ihn nichts vor, was nicht unter den damaligen Verhaeltnissen und nach dem damaligen Voelkerrecht zu verantworten waere; und darin stimmen sie alle zusammen, dass er wie kaum ein anderer Besonnenheit und Begeisterung, Vorsicht und Tatkraft miteinander zu vereinigen verstanden hat. Eigentuemlich ist ihm die erfinderische Verschmitztheit, die einen der Grundzuege des phoenikischen Charakters bildet; er ging gern eigentuemliche und ungeahnte Wege, Hinterhalte und Kriegslisten aller Art waren ihm gelaeufig, und den Charakter der Gegner studierte er mit beispielloser Sorgfalt. Durch eine Spionage ohnegleichen - er hatte stehende Kundschafter sogar in Rom - hielt er von den Vornahmen des Feindes sich unterrichtet; ihn selbst sah man haeufig in Verkleidungen und mit falschem Haar, dies oder jenes auskundschaftend. Von seinem strategischen Genie zeugt jedes Blatt der Geschichte dieser Zeit und nicht minder von seiner staatsmaennischen Begabung, die er noch nach dem Frieden mit Rom durch seine Reform der karthagischen Verfassung und durch den beispiellosen Einfluss bekundete, den er als Iandfluechtiger Fremdling in den Kabinetten der oestlichen Maechte ausuebte. Welche Macht ueber die Menschen er besass, beweist seine unvergleichliche Gewalt ueber ein buntgemischtes und vielsprachiges Heer, das in den schlimmsten Zeiten niemals gegen ihn gemeutert hat. Er war ein grosser Mann; wohin er kam, ruhten auf ihm die Blicke aller.
Hannibal beschloss sofort nach seiner Ernennung (Fruehling 534 220) den Beginn des Krieges. Er hatte gute Gruende, jetzt, da das Keltenland noch in Gaerung war und ein Krieg zwischen Rom und Makedonien vor der Tuer schien, ungesaeumt loszuschlagen und den Krieg dahin zu tragen, wohin es ihm beliebte, bevor die Roemer ihn begannen, wie es ihnen bequem war, mit einer Landung in Afrika. Sein Heer war bald marschfertig, die Kasse durch einige Razzias in grossem Massstab gefuellt; allein die karthagische Regierung zeigte nichts weniger als Lust, die Kriegserklaerung nach Rom abgehen zu lassen. Hasdrubals, des patriotischer Volksfuehrers Platz war in Karthago schwerer zu ersetzen als der Platz des Feldherrn Hasdrubal in Spanien; die Partei des Friedens hatte jetzt daheim die Oberhand und verfolgte die Fuehrer der Kriegspartei mit politischen Prozessen. Sie, die schon Hamilkars Plaene beschnitten und bemaengelt hatte, war keineswegs gemeint, den unbekannten jungen Mann, der jetzt in Spanien befehligte, auf Staatskosten jugendlichen Patriotismus treiben zu lassen; und Hannibal scheute doch davor zurueck, den Krieg in offener Widersetzlichkeit gegen die legitimen Behoerden selber zu erklaeren; er versuchte die Saguntiner zum Friedensbruch zu reizen; allein sie begnuegten sich, in Rom Klage zu fuehren. Er versuchte, als darauf von Rom eine Kommission erschien, nun diese durch schnoede Behandlung zur Kriegserklaerung zu treiben; allein die Kommissarien sahen, wie die Dinge standen; sie schwiegen in Spanien, um in Karthago Beschwerde zu fuehren und daheim zu berichten, dass Hannibal schlagfertig stehe und der Krieg vor der Tuer sei. So verfloss die Zeit; schon traf die Nachricht ein von dem Tode des Antigonos Doson, der etwa gleichzeitig mit Hasdrubal ploetzlich gestorben war; im italischen Kettenland ward die Gruendung der Festungen mit verdoppelter Schnelligkeit und Energie von den Roemern betrieben; der Schilderhebung in Illyrien schickte man in Rom sich an, im naechsten Fruehjahr ein rasches Ende zu bereiten. Jeder Tag war kostbar; Hannibal entschloss sich. Er meldete kurz und gut nach Karthago, dass die Saguntiner karthagischen Untertanen, den Torboleten, zu nahe traeten und er sie darum angreifen muesse; und ohne die Antwort abzuwarten, begann er im Fruehjahr 535 (219) die Belagerung der mit Rom verbuendeten Stadt, das heisst den Krieg gegen Rom. Was man in Karthago dachte und beriet, mag man sich etwa vorstellen nach dem Eindruck, den Yorks Kapitulation in gewissen Kreisen machte. Alle “angesehenen Maenner”, heisst es, missbilligten den “ohne Auftrag” geschehenen Angriff; es war die Rede von Desavouierung, von Auslieferung des dreisten Offiziers. Aber sei es, dass im karthagischen Rat die naehere Furcht vor dem Heer und der Menge die vor Rom ueberwog; sei es, dass man die Unmoeglichkeit begriff, einen solchen Schritt, einmal getan, zurueckzutun; sei es, dass die blosse Macht der Traegheit ein bestimmtes Auftreten hinderte - man entschloss sich endlich, sich zu nichts zu entschliessen und den Krieg, wenn nicht zu fuehren, doch fuehren zu lassen. Sagunt verteidigte sich, wie nur spanische Staedte sich zu verteidigen verstehen; haetten die Roemer nur einen geringen Teil der Energie ihrer Schutzbefohlenen entwickelt und nicht waehrend der achtmonatlichen Belagerung Sagunts mit dem elenden illyrischen Raeuberkrieg die Zeit verdorben, so haetten sie, Herren der See und geeigneter Landungsplaetze, sich die Schande des zugesagten und nicht gewaehrten Schutzes ersparen und dem Krieg vielleicht eine andere Wendung geben koennen. Indes sie saeumten, und die Stadt ward endlich erstuermt. Wie Hannibal die Beute nach Karthago zur Verteilung sandte, ward der Patriotismus und die Kriegslust bei vielen rege, die davon bisher nichts gespuert hatten, und die Austeilung schnitt jede Versoehnung mit Rom ab. Als daher nach der Zerstoerung Sagunts eine roemische Gesandtschaft in Karthago erschien und die Auslieferung des Feldherrn und der im Lager anwesenden Gerusiasten forderte, und als der roemische Sprecher, die versuchte Rechtfertigung unterbrechend, die Diskussion abschnitt und, sein Gewand zusammenfassend, sprach, dass er darin Frieden und Krieg halte und dass die Gerusia waehlen moege, da ermannten sich die Gerusiasten zu der Antwort, dass man es ankommen lasse auf die Wahl des Roemers; und als dieser den Krieg bot, nahm man ihn an (Fruehling 536 218). Hannibal, der durch den hartnaeckigen Widerstand der Saguntiner ein volles Jahr verloren hatte, war fuer den Winter 535/36 (219/18) wie gewoehnlich zurueckgegangen nach Cartagena, um alles teils zum Angriff vorzubereiten, teils zur Verteidigung von Spanien und Afrika; denn da er wie sein Vater und sein Schwager den Oberbefehl in beiden Gebieten fuehrte, lag es ihm ob, auch zum Schutz der Heimat die Anstalten zu treffen. Die gesamte Masse seiner Streitkraefte betrug ungefaehr 120000 Mann zu Fuss, 16000 zu Pferd; ferner 58 Elefanten und 32 bemannte, achtzehn unbemannte Fuenfdecker ausser den in der Hauptstadt befindlichen Elefanten und Schiffen. Mit Ausnahme weniger Ligurer unter den leichten Truppen gab es in diesem karthagischen Heere Soeldner gar nicht; die Truppen bestanden ausser einigen phoenikischen Schwadronen im wesentlichen aus den zum Dienst ausgehobenen karthagischen Untertanen, Libyern und Spaniern. Der Treue der letzteren sich zu versichern gab der menschenkundige Feldherr ihnen ein Zeichen des Vertrauens, allgemeinen Urlaub waehrend des ganzen Winters; den Libyern versprach der Feldherr, der den engherzigen phoenikischen Sonderpatriotismus nicht teilte, eidlich das karthagische Buergerrecht, wenn sie als Sieger nach Afrika zurueckkehren wuerden. Indes war diese Truppenmasse nur zum Teil fuer die italische Expedition bestimmt. Etwa 20000 Mann kamen nach Afrika, der kleinere Teil nach der Hauptstadt und dem eigentlich phoenikischen Gebiet, der groessere an die westliche Spitze von Afrika. Zur Deckung von Spanien blieben 12000 Mann zu Fuss zurueck nebst 2500 Pferden und fast der Haelfte der Elefanten, ausserdem die dort stationierte Flotte; den Oberbefehl und das Regiment uebernahm hier Hannibals juengerer Bruder Hasdrubal. Das unmittelbar karthagische Gebiet ward verhaeltnismaessig schwach besetzt, da die Hauptstadt im Notfall Hilfsmittel genug bot; ebenso genuegte in Spanien, wo neue Aushebungen sich mit Leichtigkeit veranstalten liessen, fuer jetzt eine maessige Zahl von Fusssoldaten, waehrend dagegen ein verhaeltnismaessig starker Teil der eigentlich afrikanischen Waffen, der Pferde und Elefanten dort zurueckblieb. Die Hauptsorgfalt wurde darauf gewendet, die Verbindungen zwischen Spanien und Afrika zu sichern, weshalb in Spanien die Flotte blieb und Westafrika von einer sehr starken Truppenmasse gehuetet ward. Fuer die Treue der Truppen buergte, ausser den in dem festen Sagunt versammelten Geiseln der spanischen Gemeinden, die Verlegung der Soldaten ausserhalb ihrer Aushebungsbezirke, indem die ostafrikanische Landwehr vorwiegend nach Spanien, die spanische nach Westafrika, die westafrikanische nach Karthago kamen. So war fuer die Verteidigung hinreichend gesorgt. Was den Angriff anlangt, so sollte von Karthago aus ein Geschwader von 20 Fuenfdeckern mit 1000 Soldaten an Bord nach der italischen Westkueste segeln und diese verheeren, ein zweites von 25 Segeln womoeglich sich wieder in Lilybaeon festsetzen; dieses bescheidene Mass von Anstrengungen glaubte Hannibal seiner Regierung zumuten zu koennen. Mit der Hauptarmee beschloss er selbst in Italien einzuruecken, wie das ohne Zweifel schon in Hamilkars urspruenglichem Plan lag. Ein entscheidender Angriff auf Rom war nur in Italien moeglich wie auf Karthago nur in Libyen; so gewiss Rom seinen naechsten Feldzug mit dem letzteren begann, so gewiss durfte auch Karthago sich nicht von vornherein entweder auf ein sekundaeres Operationsobjekt, wie zum Beispiel Sizilien, oder gar auf die Verteidigung beschraenken - die Niederlagen brachten in all diesen Faellen das gleiche Verderben, nicht aber der Sieg die gleiche Frucht.
Aber wie konnte Italien angegriffen werden? Es mochte gelingen, die Halbinsel zu Wasser oder zu Lande zu erreichen; aber sollte der Zug nicht ein verzweifeltes Abenteuer sein, sondern eine militaerische Expedition mit strategischem Ziel, so bedurfte man dort einer naeheren Operationsbasis, als Spanien oder Afrika waren. Auf eine Flotte und eine Hafenfestung konnte Hannibal sich nicht stuetzen, da jetzt Rom das Meer beherrschte. Aber ebensowenig bot sich in dem Gebiet der italischen Eidgenossenschaft irgendein haltbarer Stuetzpunkt. Hatte sie zu ganz anderen Zeiten und trotz der hellenischen Sympathien dem Stoss des Pyrrhos gestanden, so war nicht zu erwarten, dass sie jetzt auf das Erscheinen des phoenikischen Feldherrn hin zusammenbrechen werde; zwischen dem roemischen Festungsnetz und der festgeschlossenen Bundesgenossenschaft ward das Invasionsheer ohne Zweifel erdrueckt. Einzig das Ligurer- und Keltenland konnte fuer Hannibal sein, was fuer Napoleon in seinen sehr aehnlichen russischen Feldzuegen Polen gewesen ist; diese, noch von dem kaum beendigten Unabhaengigkeitskampf gaerenden Voelkerschaften, den Italikern stammfremd und in ihrer Existenz bedroht, um die eben jetzt sich die ersten Ringe der roemischen Festungs- und Chausseenkette legten, mussten in dem phoenikischen Heere, das zahlreiche spanische Kelten in seinen Reihen zaehlte, ihre Retter erkennen und ihm als erster Rueckhalt, als Verpflegungs- und Rekrutierungsbezirk dienen. Schon waren foermliche Vertraege mit den Boiern und Insubrern abgeschlossen, wodurch sie sich anheischig machten, dem karthagischen Heer Wegweiser entgegenzusenden, ihnen gute Aufnahme bei ihren Stammgenossen und Zufuhr unterwegs auszuwirken und gegen die Roemer sich zu erheben, sowie das karthagische Heer auf italischem Boden stehe. Eben in diese Gegend fuehrten endlich die Beziehungen zum Osten. Makedonien, das durch den Sieg von Sellasia seine Herrschaft im Peloponnes neu befestigt hatte, stand mit Rom in gespannten Verhaeltnissen; Demetrios von Pharos, der das roemische Buendnis mit dem makedonischen vertauscht hatte und von den Roemern vertrieben worden war, lebte als Fluechtling am makedonischen Hof, und dieser hatte den Roemern die begehrte Auslieferung verweigert. Wenn es moeglich war, die Heere vom Guadalquivir und vom Karasu irgendwo zu vereinigen gegen den gemeinschaftlichen Feind, so konnte das nur am Po geschehen. So wies alles nach Norditalien; und dass schon des Vaters Blick dahin gerichtet gewesen, zeigt die karthagische Streifpartei, der die Roemer zu ihrer grossen Verwunderung im Jahre 524 (230) in Ligurien begegnet waren.
Weniger deutlich ist, warum Hannibal dem Land- vor dem Seeweg den Vorzug gab; denn dass weder die Seeherrschaft der Roemer noch ihr Bund mit Massalia eine Landung in Genua unmoeglich machte, leuchtet ein und hat die Folge bewiesen. In unserer Ueberlieferung fehlen, um diese Frage genuegend zu entscheiden, nicht wenige Faktoren, auf die es ankommen wuerde und die sich nicht durch Vermutung ergaenzen lassen. Hannibal hatte unter zwei Uebeln zu waehlen. Statt den ihm unbekannten und weniger zu berechnenden Wechselfaellen der Seefahrt und des Seekrieges sich auszusetzen, muss es ihm geratener erschienen sein, lieber die unzweifelhaft ernstlich gemeinten Zusicherungen der Boier und Insubrer anzunehmen, um so mehr, als auch das bei Genua gelandete Heer noch die Berge haette ueberschreiten muessen; schwerlich konnte er genau wissen, wie viel geringere Schwierigkeiten der Apennin bei Genua darbietet als die Hauptkette der Alpen. War doch der Weg, den er einschlug, die uralte Keltenstrasse, auf der viel groessere Schwaerme die Alpen ueberstiegen hatten; der Verbuendete und Erretter des Keltenvolkes durfte ohne Verwegenheit diesen betreten.
So vereinigte Hannibal die fuer die grosse Armee bestimmten Truppen mit dem Anfang der guten Jahreszeit in Cartagena; es waren ihrer 90000 Mann zu Fuss und 12000 Reiter, darunter etwa zwei Drittel Afrikaner und ein Drittel Spanier - die mitgefuehrten 37 Elefanten mochten mehr bestimmt sein, den Galliern zu imponieren, als zum ernstlichen Krieg. Hannibals Fussvolk war nicht mehr wie das, welches Xanthippos fuehrte, genoetigt, sich hinter einen Vorhang von Elefanten zu verbergen, und der Feldherr einsichtig genug, um dieser zweischneidigen Waffe, die ebenso oft die Niederlage des eigenen wie die des feindlichen Heeres herbeigefuehrt hatte, sich nur sparsam und vorsichtig zu bedienen. Mit diesem Heere brach Hannibal im Fruehling 536 (218) von Cartagena auf gegen den Ebro. Von den getroffenen Massregeln, namentlich den mit den Kelten angeknuepften Verbindungen, von den Mitteln und dem Ziel des Zuges liess er die Soldaten soviel erfahren, dass auch der Gemeine, dessen militaerischen Instinkt der lange Krieg entwickelt haette, den klaren Blick und die sichere Hand des Fuehrers ahnte und mit festem Vertrauen ihm in die unbekannte Weite folgte; und die feurige Rede, in der er die Lage des Vaterlandes und die Forderungen der Roemer vor ihnen darlegte, die gewisse Knechtung der teuren Heimat, das schmachvolle Ansinnen der Auslieferung des geliebten Feldherrn und seines Stabes, entflammte den Soldaten- und den Buergersinn in den Herzen aller.
Der roemische Staat war in einer Verfassung, wie sie auch in festgegruendeten und einsichtigen Aristokratien wohl eintritt. Was man wollte, wusste man wohl; es geschah auch manches, aber nichts recht noch zur rechten Zeit. Laengst haette man Herr der Alpentore und mit den Kelten fertig sein koennen; noch waren diese furchtbar und jene offen. Man haette mit Karthago entweder Freundschaft haben koennen, wenn man den Frieden von 513 (241) ehrlich einhielt, oder, wenn man das nicht wollte, konnte Karthago laengst unterworfen sein; jener Friede ward durch die Wegnahme Sardiniens tatsaechlich gebrochen und Karthagos Macht liess man zwanzig Jahre hindurch sich ungestoert regenerieren. Mit Makedonien Frieden zu halten war nicht schwer; um geringen Gewinn hatte man diese Freundschaft verscherzt. An einem leitenden, die Verhaeltnisse im Zusammenhang beherrschenden Staatsmann muss es gefehlt haben; ueberall war entweder zu wenig geschehen oder zu viel. Nun begann der Krieg, zu dem man Zeit und Ort den Feind hatte bestimmen lassen; und im wohlbegruendeten Vollgefuehl militaerischer Ueberlegenheit war man ratlos ueber Ziel und Gang der naechsten Operationen. Man disponierte ueber eine halbe Million brauchbarer Soldaten - nur die roemische Reiterei war minder gut und verhaeltnismaessig minder zahlreich als die karthagische, jene etwa ein Zehntel, diese ein Achtel der Gesamtzahl der ausrueckenden Truppen. Der roemischen Flotte von 220 Fuenfdeckern, die eben aus dem Adriatischen Meere in die Westsee zurueckfuhr, hatte keiner der von diesem Kriege beruehrten Staaten eine entsprechende entgegenzustellen. Die natuerliche und richtige Verwendung dieser erdrueckenden Uebermacht ergab sich von selbst. Seit langem stand es fest, dass der Krieg eroeffnet werden sollte mit einer Landung in Afrika; die spaetere Wendung der Ereignisse hatte die Roemer gezwungen, eine gleichzeitige Landung in Spanien in den Kriegsplan aufzunehmen, vornehmlich, um nicht die spanische Armee vor den Mauern von Karthago zu finden. Nach diesem Plan wusste man, als der Krieg durch Hannibals Angriff auf Sagunt zu Anfang 535 (219) tatsaechlich eroeffnet war, vor allen Dingen ein roemisches Heer nach Spanien werfen, ehe die Stadt fiel; allein man versaeumte das Gebot des Vorteils nicht minder wie der Ehre. Acht Monate lang hielt Sagunt sich umsonst - als die Stadt ueberging, hatte Rom zur Landung in Spanien nicht einmal geruestet. Indes noch war das Land zwischen dem Ebro und den Pyrenaeen frei, dessen Voelkerschaften nicht bloss die natuerlichen Verbuendeten der Roemer waren, sondern auch von roemischen Emissaeren gleich den Saguntinern Versprechungen schleunigen Beistandes empfangen hatten. Nach Katalonien gelangt man zu Schiff von Italien nicht viel weniger rasch wie von Cartagena zu Lande; wenn nach der inzwischen erfolgten foermlichen Kriegserklaerung die Roemer wie die Phoeniker im April aufbrachen, konnte Hannibal den roemischen Legionen an der Ebrolinie begegnen.
Allerdings wurde denn auch der groessere Teil des Heeres und der Flotte fuer den Zug nach Afrika verfuegbar gemacht und der zweite Konsul Publius Cornelius Scipio an den Ebro beordert; allein er nahm sich Zeit, und als am Po ein Aufstand ausbrach, liess er das zur Einschiffung bereitstehende Heer dort verwenden und bildete fuer die spanische Expedition neue Legionen. So fand Hannibal am Ebro zwar den heftigsten Widerstand, aber nur von den Eingeborenen; mit diesen ward er, dem unter den obwaltenden Umstaenden die Zeit noch kostbarer war als das Blut seiner Leute, mit Verlust des vierten Teiles seiner Armee in einigen Monaten fertig und erreichte die Linie der Pyrenaeen. Dass durch jene Zoegerung die spanischen Bundesgenossen Roms zum zweitenmal aufgeopfert wurden, konnte man ebenso sicher vorhersehen, als die Zoegerung selbst sich leicht vermeiden liess; wahrscheinlich aber waere selbst der Zug nach Italien, den man in Rom noch im Fruehling 536 (218) nicht geahnt haben muss, durch zeitiges Erscheinen der Roemer in Spanien abgewendet worden. Hannibal hatte keineswegs die Absicht, sein spanisches “Koenigreich” aufgebend, sich wie ein Verzweifelter nach Italien zu werfen; die Zeit, die er an Sagunts Erstuermung und an die Unterwerfung Kataloniens gewandt hatte, das betraechtliche Korps, das er zur Besetzung des neugewonnenen Gebiets zwischen dem Ebro und den Pyrenaeen zurueckliess, beweisen zur Genuege, dass, wenn ein roemisches Heer ihm den Besitz Spaniens streitig gemacht haette, er sich nicht begnuegt haben wuerde, sich demselben zu entziehen; und was die Hauptsache war, wenn die Roemer seinen Abmarsch aus Spanien auch nur um einige Wochen zu verzoegern imstande waren, so schloss der Winter die Alpenpaesse, ehe Hannibal sie erreichte, und die afrikanische Expedition ging ungehindert nach ihrem Ziele ab.
An den Pyrenaeen angelangt, entliess Hannibal einen Teil seiner Truppen in die Heimat; eine von Anfang an beschlossene Massregel, die den Feldherrn den Soldaten gegenueber des Erfolges sicher zeigen und dem Gefuehl steuern sollte, dass sein Unternehmen eines von denen sei, von welchen man nicht heimkehrt. Mit einem Heer von 50000 Mann zu Fuss und 9000 zu Pferd, lauter alten Soldaten, ward das Gebirg ohne Schwierigkeit ueberschritten und alsdann der Kuestenweg ueber Narbonne und Nîmes eingeschlagen durch das keltische Gebiet, das teils die frueher angeknuepften Verbindungen, teils das karthagische Gold, teils die Waffen dem Heere oeffneten. Erst als dieses Ende Juli Avignon gegenueber an die Rhone gelangte, schien seiner hier ein ernstlicher Widerstand zu warten. Der Konsul Scipio, der auf seiner Fahrt nach Spanien in Massalia angelegt hatte (etwa Ende Juni), war dort berichtet worden, dass er zu spaet komme und Hannibal schon nicht bloss den Ebro, sondern auch die Pyrenaeen passiert habe. Auf diese Nachrichten, welche zuerst die Roemer ueber die Richtung und das Ziel Hannibals aufgeklaert zu haben scheinen, hatte der Konsul seine spanische Expedition vorlaeufig aufgegeben und sich entschlossen, in Verbindung mit den keltischen Voelkerschaften dieser Gegend, welche unter dem Einfluss der Massalioten und dadurch unter dem roemischen standen, die Phoeniker an der Rhone zu empfangen und ihnen den Uebergang ueber den Fluss und den Einmarsch in Italien zu verwehren. Zum Glueck fuer Hannibal stand gegenueber dem Punkte, wo er ueberzugehen gedachte, fuer jetzt nur der keltische Landsturm, waehrend der Konsul selbst mit seinem Heer von 22000 Mann zu Fuss und 2000 Reitern noch in Massalia selbst vier Tagemaersche stromabwaerts davon sich befand. Die Boten des gallischen Landsturms eilten, ihn zu benachrichtigen. Hannibal sollte das Heer mit der starken Reiterei und den Elefanten unter den Augen des Feindes und bevor Scipio eintraf ueber den reissenden Strom fuehren; und er besass nicht einen Nachen. Sogleich wurden auf seinen Befehl von den zahlreichen Rhoneschiffern in der Umgegend alle ihre Barken zu jedem Preise aufgekauft und was an Kaehnen noch fehlte, aus gefaellten Baeumen gezimmert; und in der Tat konnte die ganze zahlreiche Armee an einem Tage uebergesetzt werden. Waehrend dies geschah, marschierte eine starke Abteilung unter Hanno, Bomilkars Sohn, in Gewaltmaerschen stromaufwaerts bis zu einem zwei kleine Tagemaersche oberhalb Avignon gelegenen Uebergangspunkt, den sie unverteidigt fanden. Hier ueberschritten sie auf schleunig zusammengeschlagenen Floessen den Fluss, um dann stromabwaerts sich wendend die Gallier in den Ruecken zu fassen, die dem Hauptheer den Uebergang verwehrten. Schon am Morgen des fuenften Tages nach der Ankunft an der Rhone, des dritten nach Hannos Abmarsch, stiegen die Rauchsignale der entsandten Abteilung am gegenueberliegenden Ufer auf, fuer Hannibal das sehnlich erwartete Zeichen zum Uebergang: Eben als die Gallier, sehend, dass die feindliche Kahnflotte in Bewegung kam, das Ufer zu besetzen eilten, loderte ploetzlich ihr Lager hinter ihnen in Flammen auf; ueberrascht und geteilt, vermochten sie weder dem Angriff zu stehen noch dem Uebergang zu wehren und zerstreuten sich in eiliger Flucht.
Scipio hielt waehrenddessen in Massalia Kriegsratsitzungen ueber die geeignete Besetzung der Rhôneuebergaenge und liess sich nicht einmal durch die dringenden Botschaften der Keltenfuehrer zum Aufbruch bestimmen. Er traute ihren Nachrichten nicht und begnuegte sich, eine schwache roemische Reiterabteilung zur Rekognoszierung auf dem linken Rhoneufer zu entsenden. Diese traf bereits die gesamte feindliche Armee auf dies Ufer uebergegangen und beschaeftigt, die allein noch am rechten Ufer zurueckgebliebenen Elefanten nachzuholen; nachdem sie in der Gegend von Avignon, um nur die Rekognoszierung beendigen zu koennen, einigen karthagischen Schwadronen ein hitziges Gefecht geliefert hatte - das erste, in dem die Roemer und Phoeniker in diesem Krieg aufeinandertrafen -, machte sie sich eiligst auf den Rueckweg, um im Hauptquartier Bericht zu erstatten. Scipio brach nun Hals ueber Kopf mit all seinen Truppen gegen Avignon auf; allein als er dort eintraf, war selbst die zur Deckung des Uebergangs der Elefanten zurueckgelassene karthagische Reiterei bereits seit drei Tagen abmarschiert, und es blieb dem Konsul nichts uebrig, als mit ermuedeten Truppen und geringem Ruhm nach Massalia heimzukehren und auf die “feige Flucht” des Puniers zu schmaelen. So hatte man erstens zum drittenmal durch reine Laessigkeit die Bundesgenossen und eine wichtige Verteidigungslinie preisgegeben, zweitens, indem man nach diesem ersten Fehler vom verkehrten Rasten zu verkehrtem Hasten ueberging und ohne irgendeine Aussicht auf Erfolg nun doch noch tat, was mit so sicherer einige Tage zuvor geschehen konnte, eben dadurch das wirkliche Mittel, den Fehler wiedergutzumachen, aus den Haenden gegeben. Seit Hannibal diesseits der Rhone im Keltenland stand, war es nicht mehr zu hindern, dass er an die Alpen gelangte; allein wenn sich Scipio auf die erste Kunde hin mit seinem ganzen Heer nach Italien wandte - in sieben Tagen war ueber Genua der Po zu erreichen - und mit seinem Korps die schwachen Abteilungen im Potal vereinigte, so konnte er wenigstens dort dem Feind einen gefaehrlichen Empfang bereiten. Allein nicht bloss verlor er die kostbare Zeit mit dem Marsch nach Avignon, sondern es fehlte sogar dem sonst tuechtigen Manne, sei es der politische Mut, sei es die militaerische Einsicht, die Bestimmung seines Korps den Umstaenden gemaess zu veraendern; er sandte das Gros desselben unter seinem Bruder Gnaeus nach Spanien und ging selbst mit weniger Mannschaft zurueck nach Pisae.
Hannibal, der nach dem Uebergang ueber die Rhone in einer grossen Heeresversammlung den Truppen das Ziel seines Zuges auseinandergesetzt und den aus dem Potal angelangten Keltenhaeuptling Magilus selbst durch den Dolmetsch hatte zu dem Heere sprechen lassen, setzte inzwischen ungehindert seinen Marsch nach den Alpenpaessen fort. Welchen derselben er waehlte, darueber konnte weder die Kuerze des Weges noch die Gesinnung der Einwohner zunaechst entscheiden, wenngleich er weder mit Umwegen noch mit Gefechten Zeit zu verlieren hatte. Den Weg musste er einschlagen, der fuer seine Bagage, seine starke Reiterei und die Elefanten praktikabel war und in dem ein Heer hinreichende Subsistenzmittel, sei es im guten oder mit Gewalt, sich verschaffen konnte - denn obwohl Hannibal Anstalten getroffen hatte, Lebensmittel auf Saumtieren sich nachzufuehren, so konnten bei einem Heere, das immer noch trotz starker Verluste gegen 50000 Mann zaehlte, diese doch notwendig nur fuer einige Tage ausreichen. Abgesehen von dem Kuestenweg, den Hannibal nicht einschlug, nicht weil die Roemer ihn sperrten, sondern weil er ihn von seinem Ziel abgefuehrt haben wuerde, fuehrten in alter Zeit ^3 von Gallien nach Italien nur zwei namhafte Alpenuebergaenge: der Pass ueber die Kottische Alpe (Mont Genèvre) in das Gebiet der Tauriner (ueber Susa oder Fenestrelles nach Turin) und der ueber die Graische (Kleiner St. Bernhard) in das der Salasser (nach Aosta und Ivrea). Der erstere Weg ist der kuerzere; allein von da an, wo er das Rhonetal verlaesst, fuehrt er in den unwegsamen und unfruchtbaren Flusstaelern des Drak, der Romanche und der oberen Durance durch ein schwieriges und armes Bergland und erfordert einen mindestens sieben- bis achttaegigen Gebirgsmarsch; eine Heerstrasse hat erst Pompeius hier angelegt, um zwischen der dies- und der jenseitigen gallischen Provinz eine kuerzere Verbindung herzustellen.
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^3 Der Weg ueber den Mont Cenis ist erst im Mittelalter eine Heerstrasse geworden. Die oestlichen Paesse, wie zum Beispiel der ueber die Poeninische Alpe oder den Grossen St. Bernhard, der uebrigens auch erst durch Caesar und Augustus Militaerstrasse ward, kommen natuerlich hier nicht in Betracht.
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Der Weg ueber den Kleinen St. Bernhard ist etwas laenger; allein nachdem er die erste, das Rhonetal oestlich begrenzende Alpenwand ueberstiegen hat, haelt er sich in dem Tale der oberen Isère, das von Grenoble ueber Chambéry bis hart an den Fuss des Kleinen St. Bernhard, das heisst der Hochalpenkette sich hinzieht und unter allen Alpentaelern das breiteste, fruchtbarste und bevoelkertste ist. Es ist ferner der Weg ueber den Kleinen St. Bernhard unter allen natuerlichen Alpenpassagen zwar nicht die niedrigste, aber bei weitem die bequemste; obwohl dort keine Kunststrasse angelegt ist, ueberschritt auf ihr noch im Jahre 1815 ein oesterreichisches Korps mit Artillerie die Alpen. Dieser Weg, der bloss ueber zwei Bergkaemme fuehrt, ist endlich von den aeltesten Zeiten an die grosse Heerstrasse aus dem keltischen in das italische Land gewesen. Die karthagische Armee hatte also in der Tat keine Wahl; es war ein glueckliches Zusammentreffen, aber kein bestimmendes Motiv fuer Hannibal, dass die ihm verbuendeten keltischen Staemme in Italien bis an den Kleinen St. Bernhard wohnten, waehrend ihn der Weg ueber den Mont Genèvre zunaechst in das Gebiet der Tauriner gefuehrt haben wuerde, die seit alten Zeiten mit den Insubrern in Fehde lagen.
So marschierte das karthagische Heer zunaechst an der Rhone hinauf gegen das Tal der oberen Isère zu, nicht, wie man vermuten koennte, auf dem naechsten Weg, an dem linken Ufer der unteren Isère hinauf, von Valence nach Grenoble, sondern durch die “Insel” der Allobrogen, die reiche und damals schon dichtbevoelkerte Niederung, die noerdlich und westlich von der Rhone, suedlich von der Isère, oestlich von den Alpen umfasst wird. Es geschah dies wieder deshalb, weil die naechste Strasse durch ein unwegsames und armes Bergland gefuehrt haette, waehrend die Insel eben und aeusserst fruchtbar ist und nur eine einfache Bergwand sie von dem oberen Isèretal scheidet. Der Marsch an der Rhone in und quer durch die Insel bis an den Fuss der Alpenwand war in sechzehn Tagen vollendet; er bot geringe Schwierigkeit und auf der Insel selbst wusste Hannibal durch geschickte Benutzung einer zwischen zwei allobrogischen Haeuptlingen ausgebrochenen Fehde sich einen der bedeutendsten derselben zu verpflichten, dass derselbe den Karthagern nicht bloss durch die ganze Ebene das Geleit gab, sondern auch ihnen die Vorraete ergaenzte und die Soldaten mit Waffen, Kleidung und Schuhzeug versah. Allein an dem Uebergang ueber die erste Alpenkette, die steil und wandartig emporsteigt und ueber die nur ein einziger gangbarer Pfad (ueber den Mont du Chat beim Dorfe Chevelu) fuehrt, waere fast der Zug gescheitert. Die allobrogische Bevoelkerung hatte den Pass stark besetzt. Hannibal erfuhr es frueh genug, um einen Ueberfall zu vermeiden, und lagerte am Fuss, bis nach Sonnenuntergang die Kelten sich in die Haeuser der naechsten Stadt zerstreuten, worauf er in der Nacht den Pass einnahm. So war die Hoehe gewonnen; allein auf dem aeusserst steilen Weg, der von der Hoehe nach dem See von Bourget hinabfuehrt, glitten und stuerzten die Maultiere und die Pferde. Die Angriffe, die an geeigneten Stellen von den Kelten auf die marschierende Armee gemacht wurden, waren weniger an sich als durch das in Folge derselben entstehende Getuemmel sehr unbequem; und als Hannibal sich mit seinen leichten Truppen von oben herab auf die Allobrogen warf, wurden diese zwar ohne Muehe und mit starkem Verlust den Berg hinuntergejagt, allein die Verwirrung, besonders in dem Train, ward noch erhoeht durch den Laerm des Gefechts. So nach starkem Verlust in der Ebene angelangt, ueberfiel Hannibal sofort die naechste Stadt, um die Barbaren zu zuechtigen und zu schrecken und zugleich seinen Verlust an Saumtieren und Pferden moeglichst wieder zu ersetzen. Nach einem Rasttag in dem anmutigen Tal von Chambéry setzte die Armee an der Isère hinauf ihren Marsch fort, ohne in dem breiten und reichen Grund durch Mangel oder Angriffe aufgehalten zu werden. Erst als man am vierten Tage eintrat in das Gebiet der Ceutronen (die heutige Tarantaise), wo allmaehlich das Tal sich verengt, hatte man wiederum mehr Veranlassung, auf seiner Hut zu sein. Die Ceutronen empfingen das Heer an der Landesgrenze (etwa bei Conflans) mit Zweigen und Kraenzen, stellten Schlachtvieh, Fuehrer und Geiseln, und wie durch Freundesland zog man durch ihr Gebiet. Als jedoch die Truppen unmittelbar am Fuss der Alpen angelangt waren, da wo der Weg die Isère verlaesst und durch ein enges und schwieriges Defilee an den Bach Reclus hinauf sich zu dem Gipfel des Bernhard emporwindet, erschien auf einmal die Landwehr der Ceutronen teils im Ruecken der Armee, teils auf den rechts und links den Pass einschliessenden Bergraendern, in der Hoffnung, den Tross und das Gepaeck abzuschneiden. Allein Hannibal, dessen sicherer Takt in all jenem Entgegenkommen der Ceutronen nichts gesehen hatte als die Absicht, zugleich Schonung ihres Gebiets und die reiche Beute zu gewinnen, hatte in Erwartung eines solchen Angriffs den Tross und die Reiterei voraufgeschickt und deckte den Marsch mit dem gesamten Fussvolk; die Absicht der Feinde wurde dadurch vereitelt, obwohl er nicht verhindern konnte, dass sie, auf den Bergabhaengen den Marsch des Fussvolks begleitend, ihm durch geschleuderte oder herabgerollte Steine sehr betraechtlichen Verlust zufuegten. An dem “weissen Stein” (noch jetzt la roche blanche), einem hohen, am Fusse des Bernhard einzeln stehenden und den Aufweg auf denselben beherrschenden Kreidefels, lagerte Hannibal mit seinem Fussvolk, den Abzug der die ganze Nacht hindurch muehsam hinaufklimmenden Pferde und Saumtiere zu decken, und erreichte unter bestaendigen, sehr blutigen Gefechten endlich am folgenden Tage die Passhoehe. Hier, auf der geschuetzten Hochebene, die sich um einen kleinen See, die Quelle der Doria, in einer Ausdehnung von etwa 2½ Miglien ausbreitet, liess er die Armee rasten. Die Entmutigung hatte angefangen, sich der Gemueter der Soldaten zu bemaechtigen. Die immer schwieriger werdenden Wege, die zu Ende gehenden Vorraete, die Defileenmaersche unter bestaendigen Angriffen des unerreichbaren Feindes, die arg gelichteten Reihen, die hoffnungslose Lage der Versprengten und Verwundeten, das nur der Begeisterung des Fuehrers und seiner Naechsten nicht chimaerisch erscheinende Ziel, fingen an, auch auf die afrikanischen und spanischen Veteranen zu wirken. Indes die Zuversicht des Feldherrn blieb sich immer gleich; zahlreiche Versprengte fanden sich wieder ein; die befreundeten Gallier waren nah, die Wasserscheide erreicht und der dem Bergwanderer so erfreuliche Blick auf den absteigenden Pfad eroeffnet; nach kurzer Rast schickte man mit erneutem Mute zu dem letzten und schwierigsten Unternehmen, dem Hinabmarsch sich an. Von Feinden ward das Heer dabei nicht wesentlich beunruhigt; aber die vorgerueckte Jahreszeit - man war schon im Anfang September - vertrat bei dem Niederweg das Ungemach, das bei dem Aufweg die Ueberfaelle der Anwohner bereitet hatten. Auf dem steilen und schluepfrigen Berghang laengs der Doria, wo der frischgefallene Schnee die Pfade verborgen und verdorben hatte, verirrten und glitten Menschen und Tiere und stuerzten in die Abgruende; ja gegen das Ende des ersten Tagemarsches gelangte man an eine Wegstrecke von etwa 200 Schritt Laenge, auf welche von den steil darueber haengenden Felsen des Cramont bestaendig Lawinen hinabstuerzen und wo in kalten Sommern der Schnee das ganze Jahr liegt. Das Fussvolk kam hinueber; aber Pferde und Elefanten vermochten die glatten Eismassen, ueber welche nur eine duenne Decke frischgefallenen Schnees sich hinzog, nicht zu passieren und mit dem Trosse, der Reiterei und den Elefanten nahm der Feldherr oberhalb der schwierigen Stelle das Lager. Am folgenden Tag bahnten die Reiter durch angestrengtes Schanzen den Weg fuer Pferde und Saumtiere; allein erst nach einer ferneren dreitaegigen Arbeit mit bestaendiger Abloesung der Haende konnten endlich die halbverhungerten Elefanten hinuebergefuehrt werden. So war nach viertaegigem Aufenthalt die ganze Armee wieder vereinigt und nach einem weiteren dreitaegigen Marsch durch das immer breiter und fruchtbarer sich entwickelnde Tal der Doria, dessen Einwohner, die Salasser, Klienten der Insubrer, in den Karthagern ihre Verbuendeten und ihre Befreier begruessten, gelangte die Armee um die Mitte des September in die Ebene von Ivrea, wo die erschoepften Truppen in den Doerfern einquartiert wurden, um durch gute Verpflegung und eine vierzehntaegige Rast von den beispiellosen Strapazen sich zu erholen. Haetten die Roemer, wie sie es konnten, ein Korps von 30000 ausgeruhten und kampffertigen Leuten etwa bei Turin gehabt und die Schlacht sofort erzwungen, so haette es misslich ausgesehen um Hannibals grossen Plan; zum Glueck fuer ihn waren sie wieder einmal nicht, wo sie sein sollten, und stoerten die feindlichen Truppen nicht in der Ruhe, deren sie so sehr bedurften ^4.
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^4 Die vielbestrittenen topographischen Fragen, die an diese beruehmte Expedition sich knuepfen, koennen als erledigt und im wesentlichen als geloest gelten durch die musterhaft gefuehrte Untersuchung der Herren Wickham und Gramer. Ueber die chronologischen, die gleichfalls Schwierigkeiten darbieten, moegen hier ausnahmsweise einige Bemerkungen stehen.
Als Hannibal auf den Gipfel des Bernhard gelangte, “fingen die Spitzen schon an, sich dicht mit Schnee zu bedecken” (Polyb. 3, 54); auf dem Wege lag Schnee (Polyb. 3, 55), aber vielleicht groesstenteils nicht frisch gefallener, sondern Schnee von herabgestuerzten Lawinen. Auf dem Bernhard beginnt der Winter um Michaelis, der Schneefall im September; als Ende August die genannten Englaender den Berg ueberstiegen, fanden sie fast gar keinen Schnee auf ihrem Wege, aber zu beiden Seiten die Bergabhaenge davon bedeckt. Hiernach scheint Hannibal Anfang September auf dem Pass angelangt zu sein; womit auch wohl vereinbar ist, dass er dort eintraf, “als schon der Winter herannahte” - denn mehr ist ςυνάπτειν τήν τής πλειάδος δύσιν (Polyb. 3, 54) nicht, am wenigsten der Tag des Fruehuntergangs der Plejaden (etwa 26. Oktober); vgl. C. L. Ideler, Lehrbuch der Chronologie. Berlin 1831. Bd. 1, S. 241.
Kam Hannibal neun Tage spaeter, also Mitte September in Italien an, so ist auch Platz fuer die von da bis zur Schlacht an der Trebia gegen Ende Dezember (περί χειμερινάς τροπάς Polyb. 3, 72) eingetretenen Ereignisse, namentlich die Translokation des nach Afrika bestimmten Heeres von Lilybaeon nach Placentia. Es passt dazu ferner, dass in einer Heerversammlung υπό τήν εαρινήν ώραν (Polyb. 3, 34), also gegen Ende Maerz, der Tag des Abmarsches bekannt gemacht ward und der Marsch fuenf (oder nach App. Hisp. 7, 4 sechs) Monate waehrte. Wenn also Hannibal Anfang September auf dem Bernhard war, so war er, da er von der Rhone bis dahin 30 Tage gebraucht, an der Rhône Anfang August eingetroffen, wo denn freilich Scipio, der im Anfang des Sommers (Polyb. 3, 41), also spaetestens Anfang Juni sich einschiffte unterwegs sich sehr verweilt oder in Massalia in seltsamer Untaetigkeit laengere Zeit gesessen haben muss.
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Das Ziel war erreicht, aber mit schweren Opfern. Von den 50000 zu Fuss, den 9000 zu Ross dienenden alten Soldaten, welche die Armee nach dem Pyrenaeenuebergang zaehlte, waren mehr als die Haelfte das Opfer der Gefechte, der Maersche und der Flussuebergaenge geworden; Hannibal zaehlte nach seiner eigenen Angabe jetzt nicht mehr als 20000 zu Fuss - davon drei Fuenftel Libyer, zwei Fuenftel Spanier - und 6000 zum Teil wohl demontierte Reiter, deren verhaeltnismaessig geringer Verlust nicht minder fuer die Trefflichkeit der numidischen Kavallerie spricht wie fuer die wohlueberlegte Schonung, mit der der Feldherr diese ausgesuchte Truppe verwandte. Ein Marsch von 526 Miglien oder etwa 33 maessigen Tagemaerschen, dessen Fortsetzung und Beendigung durch keinen besonderen, nicht vorherzusehenden groesseren Unfall gestoert, vielmehr nur durch unberechenbare Gluecksfaelle und noch unberechenbarere Fehler des Feindes moeglich ward und der dennoch nicht bloss solche Opfer kostete, sondern die Armee so strapazierte und demoralisierte, dass sie einer laengeren Rast bedurfte, um wieder kampffaehig zu werden, ist eine militaerische Operation von zweifelhaftem Werte, und es darf in Frage gestellt werden, ob Hannibal sie selber als gelungen betrachtete. Nur duerfen wir daran nicht unbedingt einen Tadel des Feldherrn knuepfen; wir sehen wohl die Maengel des von ihm befolgten Operationsplans, koennen aber nicht entscheiden, ob er imstande war, sie vorherzusehen - fuehrte doch sein Weg durch unbekanntes Barbarenland -, und ob ein anderer Plan, etwa die Kuestenstrasse einzuschlagen oder in Cartagena oder Karthago sich einzuschiffen, ihn geringeren Gefahren ausgesetzt haben wuerde. Die umsichtige und meisterhafte Ausfuehrung des Planes im einzelnen ist auf jeden Fall bewundernswert, und worauf am Ende alles ankam - sei es nun mehr durch die Gunst des Schicksals oder sei es mehr durch die Kunst des Feldherrn, Hamilkars grosser Gedanke, in Italien den Kampf mit Rom aufzunehmen, war jetzt zur Tat geworden. Sein Geist ist es, der diesen Zug entwarf; und wie Steins und Scharnhorsts Aufgabe schwieriger und grossartiger war als die von York und Bluecher, so hat auch der sichere Takt geschichtlicher Erinnerung das letzte Glied der grossen Kette von vorbereitenden Taten, den Uebergang ueber die Alpen, stets mit groesserer Bewunderung genannt als die Schlachten am Trasimenischen See und auf der Ebene von Cannae.
KAPITEL V.
Der Hannibalische Krieg bis zur Schlacht bei Cannae
Durch das Erscheinen der karthagischen Armee diesseits der Alpen war mit einem Schlag die Lage der Dinge verwandelt und der roemische Kriegsplan gesprengt. Von den beiden roemischen Hauptarmeen war die eine in Spanien gelandet und dort schon mit dem Feinde handgemein; sie zurueckzuziehen, war nicht mehr moeglich. Die zweite, die unter dem Oberbefehl des Konsuls Tiberius Sempronius nach Afrika bestimmt war, stand gluecklicherweise noch in Sizilien; die roemische Zauderei bewies sich hier einmal von Nutzen. Von den beiden karthagischen nach Italien und Sizilien bestimmten Geschwadern war das erste durch den Sturm zerstreut und einige der Schiffe desselben bei Messana von den syrakusanischen aufgebracht worden; das zweite hatte vergeblich versucht, Lilybaeon zu ueberrumpeln und darauf in einem Seegefecht vor diesem Hafen den kuerzeren gezogen. Doch war das Verweilen der feindlichen Geschwader in den italischen Gewaessern so unbequem, dass der Konsul beschloss, bevor er nach Afrika ueberfuhr, die kleinen Inseln um Sizilien zu besetzen und die gegen Italien operierende karthagische Flotte zu vertreiben. Mit der Eroberung von Melite und dem Aufsuchen des feindlichen Geschwaders, das er bei den Liparischen Inseln vermutete, waehrend es bei Vibo (Monteleone) gelandet die brettische Kueste brandschatzte, endlich mit der Erkundung eines geeigneten Landungsplatzes an der afrikanischen Kueste war ihm der Sommer vergangen, und so traf der Befehl des Senats, so schleunig wie moeglich zur Verteidigung der Heimat zurueckzukehren, Heer und Flotte noch in Lilybaeon.
Waehrend also die beiden grossen, jede fuer sich der Armee Hannibals an Zahl gleichen roemischen Armeen in weiter Ferne von dem Potal verweilten, war man hier auf einen Angriff schlechterdings nicht gefasst. Zwar stand dort ein roemisches Heer infolge der unter den Kelten schon vor Ankunft der karthagischen Armee ausgebrochenen Insurrektion. Die Gruendung der beiden roemischen Zwingburgen Placentia und Cremona, von denen jede 6000 Kolonisten erhielt, und namentlich die Vorbereitungen zur Gruendung von Mutina im boischen Lande hatten schon im Fruehling 536 (218), vor der mit Hannibal verabredeten Zeit, die Boier zum Aufstand getrieben, dem sich die Insubrer sofort anschlossen. Die schon auf dem mutinensischen Gebiet angesiedelten Kolonisten, ploetzlich ueberfallen, fluechteten sich in die Stadt. Der Praetor Lucius Manlius, der in Ariminum den Oberbefehl fuehrte, eilte schleunig mit seiner einzigen Legion herbei, um die blockierten Kolonisten zu entsetzen; allein in den Waeldern ueberrascht, blieb ihm nach starkem Verlust nichts anderes uebrig, als sich auf einem Huegel festzusetzen und hiervon den Boiern sich gleichfalls belagern zu lassen, bis eine zweite von Rom gesandte Legion unter dem Praetor Lucius Atilius Heer und Stadt gluecklich befreite und den gallischen Aufstand fuer den Augenblick daempfte. Dieser voreilige Aufstand der Boier, der einerseits, insofern er Scipios Abfahrt nach Spanien verzoegerte, Hannibals Plan wesentlich gefoerdert hatte, war anderseits die Ursache, dass er das Potal nicht bis auf die Festungen voellig unbesetzt fand. Allein das roemische Korps, dessen zwei stark dezimierte Legionen keine 20000 Soldaten zaehlten, hatte genug zu tun, die Kelten im Zaum zu halten, und dachte nicht daran, die Alpenpaesse zu besetzen, deren Bedrohung man auch in Rom erst erfuhr, als im August der Konsul Publius Scipio ohne sein Heer von Massalia nach Italien zurueckkam, und vielleicht selbst damals wenig beachtete, da ja das tollkuehne Beginnen allein an den Alpen scheitern werde. Also stand in der entscheidenden Stunde an dem entscheidenden Platz nicht einmal ein roemischer Vorposten; Hannibal hatte volle Zeit, sein Heer auszuruhen, die Hauptstadt der Tauriner, die ihm die Tore verschloss, nach dreitaegiger Belagerung zu erstuermen und alle ligurischen und keltischen Gemeinden im oberen Potal zum Buendnis zu bewegen oder zu schrecken, bevor Scipio, der das Kommando im Potal uebernommen hatte, ihm in den Weg trat. Dieser, dem die schwierige Aufgabe zufiel, mit einem bedeutend geringeren, namentlich an Reiterei sehr schwachen Heer das Vordringen der ueberlegenen feindlichen Armee auf- und die ueberall sich regende keltische Insurrektion niederzuhalten, war, vermutlich bei Placentia, ueber den Po gegangen und rueckte an diesem hinauf dem Feind entgegen, waehrend Hannibal nach der Einnahme von Turin flussabwaerts marschierte, um den Insubrern und Boiern Luft zu machen. In der Ebene zwischen dem Ticino und der Sesia unweit Vercellae traf die roemische Reiterei, die mit dem leichten Fussvolk zu einer forcierten Rekognoszierung vorgegangen war, auf die zu gleichem Zwecke ausgesendete phoenikische, beide gefuehrt von den Feldherren in Person. Scipio nahm das angebotene Gefecht trotz der Ueberlegenheit des Feindes an; allein sein leichtes Fussvolk, das vor der Front der Reiter aufgestellt war, riss vor dem Stoss der feindlichen schweren Reiterei aus und waehrend diese von vorn die roemischen Reitermassen engagierte, nahm die leichte numidische Kavallerie, nachdem sie die zersprengten Scharen des feindlichen Fussvolks beiseite gedraengt hatte, die roemischen Reiter in die Flanken und den Ruecken. Dies entschied das Gefecht. Der Verlust der Roemer war sehr betraechtlich; der Konsul selbst, der als Soldat gutmachte, was er als Feldherr gefehlt hatte, empfing eine gefaehrliche Wunde und verdankte seine Rettung nur der Hingebung seines siebzehnjaehrigen Sohnes, der mutig in die Feinde hineinsprengend seine Schwadron zwang, ihm zu folgen und den Vater heraushieb. Scipio, durch dies Gefecht aufgeklaert ueber die Staerke des Feindes, begriff den Fehler, den er gemacht hatte, mit einer schwaecheren Armee sich in der Ebene mit dem Ruecken gegen den Fluss aufzustellen und entschloss sich, unter den Augen des Gegners auf das rechte Poufer zurueckzukehren. Wie die Operationen sich auf einen engeren Raum zusammenzogen und die Illusionen der roemischen Unwiderstehlichkeit von ihm wichen, fand er sein bedeutendes militaerisches Talent wieder, das der bis zur Abenteuerlichkeit verwegene Plan seines jugendlichen Gegners auf einen Augenblick paralysiert hatte. Waehrend Hannibal sich zur Feldschlacht bereit machte, gelangte Scipio durch einen rasch entworfenen und sicher ausgefuehrten Marsch gluecklich auf das zur Unzeit verlassene rechte Ufer des Flusses und brach die Pobruecke hinter dem Heere ab, wobei freilich das mit der Deckung des Abbruchs beauftragte roemische Detachement von 600 Mann abgeschnitten und gefangen wurde. Indes konnte, da der obere Lauf des Flusses in Hannibals Haenden war, es diesem nicht verwehrt werden, dass er stromaufwaerts marschierend auf einer Schiffbruecke uebersetzte und in wenigen Tagen auf dem rechten Ufer dem roemischen Heere gegenuebertrat. Dies hatte in der Ebene vorwaerts von Placentia Stellung genommen; allein die Meuterei einer keltischen Abteilung im roemischen Lager und die ringsum aufs neue ausbrechende gallische Insurrektion zwang den Konsul, die Ebene zu raeumen und sich auf den Huegeln hinter der Trebia festzusetzen, was ohne namhaften Verlust bewerkstelligt ward, da die nachsetzenden numidischen Reiter mit dem Pluendern und Anzuenden des verlassenen Lagers die Zeit verdarben. In dieser starken Stellung, den linken Fluegel gelehnt an den Apennin, den rechten an den Po und die Festung Placentia, von vorn gedeckt durch die in dieser Jahreszeit nicht unbedeutende Trebia, vermochte er zwar die reichen Magazine von Clastidium (Casteggio), von dem ihn in dieser Stellung die feindliche Armee abschnitt, nicht zu retten und die insurrektionelle Bewegung fast aller gallischen Kantone mit Ausnahme der roemisch gesinnten Cenomanen nicht abzuwenden. Aber Hannibals Weitermarsch war voellig gehemmt und derselbe genoetigt, sein Lager dem roemischen gegenueber zu schlagen; ferner hinderte die von Scipio genommene Stellung sowie die Bedrohung der insubrischen Grenzen durch die Cenomanen die Hauptmasse der gallischen Insurgenten, sich unmittelbar dem Feinde anzuschliessen, und gab dem zweiten roemischen Heer, das mittlerweile von Lilybaeon in Ariminum eingetroffen war, Gelegenheit, mitten durch das insurgierte Land ohne wesentliche Hinderung Placentia zu erreichen und mit der Poarmee sich zu vereinigen. Scipio hatte also seine schwierige Aufgabe vollstaendig und glaenzend geloest. Das roemische Heer, jetzt nahe an 40000 Mann stark und dem Gegner wenn auch an Reiterei nicht gewachsen, doch an Fussvolk wenigstens gleich, brauchte bloss da stehen zu bleiben, wo es stand, um den Feind entweder zu noetigen, in der winterlichen Jahreszeit den Flussuebergang und den Angriff auf das roemische Lager zu versuchen oder sein Vorruecken einzustellen und den Wankelmut der Gallier durch die laestigen Winterquartiere auf die Probe zu setzen. Indes so einleuchtend dies war, so war es nicht minder unzweifelhaft, dass man schon im Dezember stand und bei jenem Verfahren zwar vielleicht Rom den Sieg gewann, aber nicht der Konsul Tiberius Sempronius, der infolge von Scipios Verwundung den Oberbefehl allein fuehrte und dessen Amtsjahr in wenigen Monaten ablief. Hannibal kannte den Mann und versaeumte nichts, ihn zum Kampf zu reizen; die den Roemern treugebliebenen keltischen Doerfer wurden grausam verheert und als darueber ein Reitergefecht sich entspann, gestattete Hannibal den Gegnern, sich des Sieges zu ruehmen. Bald darauf, an einem rauhen regnerischen Tage, kam es, den Roemern unvermutet, zu der Hauptschlacht. Vom fruehesten Morgen an hatten die roemischen leichten Truppen herumgeplaenkelt mit der leichten Reiterei der Feinde; diese wich langsam, und hitzig eilten die Roemer ihr nach durch die hochangeschwollene Trebia, den errungenen Vorteil zu verfolgen. Ploetzlich standen die Reiter; die roemische Vorhut fand sich auf dem von Hannibal gewaehlten Schlachtfeld seiner zur Schlacht geordneten Armee gegenueber - sie war verloren, wenn nicht das Gros der Armee schleunigst ueber den Bach folgte. Hungrig, ermuedet und durchnaesst kamen die Roemer an und eilten sich, in Reihe und Glied zu stellen; die Reiter wie immer auf den Fluegeln, das Fussvolk im Mitteltreffen. Die leichten Truppen, die auf beiden Seiten die Vorhut bildeten, begannen das Gefecht; allein die roemischen hatten fast schon gegen die Reiterei sich verschossen und wichen sofort, ebenso auf den Fluegeln die Reiterei, welche die Elefanten von vorn bedraengten und die weit zahlreicheren karthagischen Reiter links und rechts ueberfluegelten. Aber das roemische Fussvolk bewies sich seines Namens wert; es focht zu Anfang der Schlacht mit der entschiedensten Ueberlegenheit gegen die feindliche Infanterie, und selbst als die Zurueckdraengung der roemischen Reiter der feindlichen Kavallerie und den Leichtbewaffneten gestattete, ihre Angriffe gegen das roemische Fussvolk zu kehren, stand dasselbe zwar vom Vordringen ab, aber zum Weichen war es nicht zu bringen. Da ploetzlich erschien eine auserlesene karthagische Schar, 1000 Mann zu Fuss und ebensoviele zu Pferd unter der Fuehrung von Mago, Hannibals juengstem Bruder, aus einem Hinterhalt in dem Ruecken der roemischen Armee und hieb ein in die dicht verwickelten Massen. Die Fluegel der Armee und die letzten Glieder des roemischen Zentrums wurden durch diesen Angriff aufgeloest und zersprengt. Das erste Treffen, 10000 Mann stark, durchbrach, sich eng zusammenschliessend, die karthagische Linie und bahnte mitten durch die Feinde sich seitwaerts einen Ausweg, der der feindlichen Infanterie, namentlich den gallischen Insurgenten teuer zu stehen kam; diese tapfere Truppe gelangte also, nur schwach verfolgt, nach Placentia. Die uebrige Masse ward zum groessten Teil bei dem Versuch, den Fluss zu ueberschreiten, von den Elefanten und den leichten Truppen des Feindes niedergemacht; nur ein Teil der Reiterei und einige Abteilungen des Fussvolks vermochten den Fluss durchwatend das Lager zu gewinnen, wohin ihnen die Karthager nicht folgten, und erreichten von da gleichfalls Placentia ^1. Wenige Schlachten machen dem roemischen Soldaten mehr Ehre als diese an der Trebia und wenige zugleich sind eine schwerere Anklage gegen den Feldherrn, der sie schlug; obwohl der billig Urteilende nicht vergessen wird, dass die an einem bestimmten Tage ablaufende Feldhauptmannschaft eine unmilitaerische Institution war und von Dornen sich einmal keine Feigen ernten lassen. Auch den Siegern kam der Sieg teuer zu stehen. Wenngleich der Verlust im Kampfe hauptsaechlich auf die keltischen Insurgenten gefallen war, so erlagen doch nachher den infolge des rauhen und nassen Wintertages entstandenen Krankheiten eine Menge von Hannibals alten Soldaten und saemtliche Elefanten bis auf einen einzigen.
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^1 Polybios’ Bericht ueber die Schlacht an der Trebia ist vollkommen klar. Wenn Placentia auf dem rechten Ufer der Trebia an deren Muendung in den Po lag, und wenn die Schlacht auf dem linken Ufer geliefert ward, waehrend das roemische Lager auf dem rechten geschlagen war - was beides wohl bestritten worden, aber nichtsdestoweniger unbestreitbar ist -, so mussten allerdings die roemischen Soldaten, ebensogut um Placentia wie um das Lager zu gewinnen, die Trebia passieren. Allein bei dem Uebergang in das Lager haetten sie durch die aufgeloesten Teile der eigenen Armee und durch das feindliche Umgehungskorps sich den Weg bahnen und dann fast im Handgemenge mit dem Feinde den Fluss ueberschreiten muessen. Dagegen ward der Uebergang bei Placentia bewerkstelligt, nachdem die Verfolgung nachgelassen hatte, das Korps mehrere Meilen vom Schlachtfeld entfernt und im Bereiche einer roemischen Festung angelangt war; es kann sogar sein, obwohl es sich nicht beweisen laesst, dass hier eine Bruecke ueber die Trebia fuehrte und der Brueckenkopf am anderen Ufer von der placentinischen Garnison besetzt war. Es ist einleuchtend, dass die erste Passage ebenso schwierig wie die zweite leicht war und Polybios also, Militaer wie er war, mit gutem Grunde von dem Korps der Zehntausend bloss sagt, dass es in geschlossenen Kolonnen nach Placentia sich durchschlug (3, 74, 6), ohne des hier gleichgueltigen Uebergangs ueber den Fluss zu gedenken.
Die Verkehrtheit der Livianischen Darstellung, welche das phoenikische Lager auf das rechte, das roemische auf das linke Ufer der Trebia verlegt, ist neuerdings mehrfach hervorgehoben worden. Es mag nur noch daran erinnert werden, dass die Lage von Clastidium bei dem heutigen Casteggio jetzt durch Inschriften festgestellt ist (Orelli-Henzen 5117).
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Die Folge dieses ersten Sieges der Invasionsarmee war, dass die nationale Insurrektion sich nun im ganzen Kettenland ungestoert erhob und organisierte. Die Ueberreste der roemische Poarmee warfen sich in die Festungen Placentia und Cremona; vollstaendig abgeschnitten von der Heimat, mussten sie ihre Zufuhren auf dem Fluss zu Wasser beziehen. Nur wie durch ein Wunder entging der Konsul Tiberius Sempronius der Gefangenschaft, als er mit einem schwachen Reitertrupp der Wahlen wegen nach Rom ging. Hannibal, der nicht durch weitere Maersche in der rauben Jahreszeit die Gesundheit seiner Truppen aufs Spiel setzen wollte, bezog, wo er war, das Winterbiwak und begnuegte sich, da ein ernstlicher Versuch auf die groesseren Festungen zu nichts gefuehrt haben wuerde, durch Angriffe auf den Flusshafen von Placentia und andere kleinere roemische Positionen den Feind zu necken. Hauptsaechlich beschaeftigte er sich damit, den gallischen Aufstand zu organisieren; ueber 60000 Fusssoldaten und 4000 Berittene sollen von den Kelten sich seinem Heer angeschlossen haben.
Fuer den Feldzug des Jahres 537 (217) wurden in Rom keine ausserordentlichen Anstrengungen gemacht; der Senat betrachtete, und nicht mit Unrecht, trotz der verlorenen Schlacht die Lage noch keineswegs als ernstlich gefahrvoll. Ausser den Kuestenbesatzungen, die nach Sardinien, Sizilien und Tarent, und den Verstaerkungen, die nach Spanien abgingen, erhielten die beiden neuen Konsuln Gaius Flaminius und Gnaeus Servilius nur soviel Mannschaft, als noetig war, um die vier Legionen wieder vollzaehlig zu machen; einzig die Reiterei wurde verstaerkt. Sie sollten die Nordgrenze decken und stellten sich deshalb an den beiden Kunststrassen auf, die von Rom nach Norden fuehrten, und von denen die westliche damals bei Arretium, die oestliche bei Ariminum endigte; jene besetzte Gaius Flaminius, diese Gnaeus Servilius. Hier zogen sie die Truppen aus den Pofestungen, wahrscheinlich zu Wasser, wieder an sich und erwarteten den Beginn der besseren Jahreszeit, um in der Defensive die Apenninpaesse zu besetzen und, zur Offensive uebergehend, in das Potal hinabzusteigen und etwa bei Placentia sich die Hand zu reichen. Allein Hannibal hatte keineswegs die Absicht, das Potal zu verteidigen. Er kannte Rom besser vielleicht, als die Roemer selbst es kannten, und wusste sehr genau, wie entschieden er der Schwaechere war und es blieb trotz der glaenzenden Schlacht an der Trebia; er wusste auch, dass sein letztes Ziel, die Demuetigung Roms, von dem zaehen roemischen Trotz weder durch Schreck noch durch Ueberraschung zu erreichen sei, sondern nur durch die tatsaechliche Ueberwaeltigung der stolzen Stadt. Es lag klar am Tage, wie unendlich ihm, dem von daheim nur unsichere und unregelmaessige Unterstuetzung zukam und der in Italien zunaechst nur auf das schwankende und latinische Kelterwolk sich zu lehnen vermochte, die italische Eidgenossenschaft an politischer Festigkeit und an militaerischen Hilfsmitteln ueberlegen war; und wie tief trotz aller angewandten Muehe der phoenikische Fusssoldat unter dem Legionaer taktisch stand, hatte die Defensive Scipios und der glaenzende Rueckzug der geschlagenen Infanterie an der Trebia vollkommen erwiesen. Aus dieser Einsicht flossen die beiden Grundgedanken, die Hannibals ganze Handlungsweise in Italien bestimmt haben: den Krieg mit stetem Wechsel des Operationsplans und des Schauplatzes, gewissermassen abenteuernd zu fuehren, die Beendigung desselben aber nicht von den militaerischen Erfolgen, sondern von den politischen, von der allmaehlichen Lockerung und der endlichen Sprengung der italischen Eidgenossenschaft zu erwarten. Jene Fuehrung war notwendig, weil das einzige, was Hannibal gegen so viele Nachteile in die Waagschale zu werfen hatte, sein militaerisches Genie nur dann vollstaendig ins Gewicht fiel, wenn er seine Gegner stets durch unvermutete Kombinationen deroutierte, und er verloren war, sowie der Krieg zum Stehen kam. Dieses Ziel war das von der richtigen Politik ihm gebotene, weil er, der gewaltige Schlachtensieger, sehr deutlich einsah, dass er jedesmal die Generale ueberwand und nicht die Stadt, und nach jeder neuen Schlacht die Roemer den Karthagern ebenso ueberlegen blieben, wie er den roemischen Feldherren. Dass Hannibal selbst auf dem Gipfel des Gluecks sich nie hierueber getaeuscht hat, ist bewunderungswuerdiger als seine bewundertsten Schlachten.
Dies und nicht die Bitten der Gallier um Schonung ihres Landes, die ihn nicht bestimmen durften, ist auch die Ursache, warum Hannibal seine neugewonnene Operationsbasis gegen Italien jetzt gleichsam fallen liess und den Kriegsschauplatz nach Italien selbst verlegte. Vorher hiess er alle Gefangenen sich vorfuehren. Die Roemer liess er aussondern und mit Sklavenfesseln belasten - dass Hannibal alle waffenfaehigen Roemer, die ihm hier und sonst in die Haende fielen, habe niedermachen lassen, ist ohne Zweifel mindestens stark uebertrieben; dagegen wurden die saemtlichen italischen Bundesgenossen ohne Loesegeld entlassen, um daheim zu berichten, dass Hannibal nicht gegen Italien Krieg fuehre, sondern gegen Rom; dass er jeder italischen Gemeinde die alte Unabhaengigkeit und die alten Grenzen wieder zusichere und dass den Befreiten der Befreier auf dem Fusse folge als Retter und als Raecher. In der Tat bracher, da der Winter zu Ende ging, aus dem Potal auf, um sich einen Weg durch die schwierigen Defileen des Apennin zu suchen. Gaius Flaminius mit der etruskischen Armee stand vorlaeufig noch bei Arezzo, um von hier aus zur Deckung des Arnotales und der Apenninpaesse etwa nach Lucca abzuruecken, sowie es die Jahreszeit erlaubte. Allein Hannibal kam ihm zuvor. Der Apenninuebergang ward in moeglichst westlicher Richtung, das heisst moeglichst weit vom Feinde, ohne grosse Schwierigkeit bewerkstelligt; allein die sumpfigen Niederungen zwischen dem Serchio und dem Arno waren durch die Schneeschmelze und die Fruehlingsregen so ueberstaut, dass die Armee vier Tage im Wasser zu marschieren hatte, ohne auch nur zur naechtlichen Rast einen anderen trockenen Platz zu finden, als den das zusammengehaeufte Gepaeck und die gefallenen Saumtiere darboten. Die Truppen litten unsaeglich, namentlich das gallische Fussvolk, das hinter dem karthagischen in den schon grundlosen Wegen marschierte; es murrte laut und waere ohne Zweifel in Masse ausgerissen, wenn nicht die karthagische Reiterei unter Mago, die den Zug beschloss, ihm die Flucht unmoeglich gemacht haette. Die Pferde, unter denen die Klauenseuche ausbrach, fielen haufenweise; andere Seuchen dezimierten die Soldaten; Hannibal selbst verlor infolge einer Entzuendung das eine Auge. Indes das Ziel ward erreicht; Hannibal lagerte bei Fiesole, waehrend Gaius Flaminius noch bei Arezzo abwartete, dass die Wege gangbar wuerden, um sie zu sperren. Nachdem die roemische Defensivstellung somit umgangen war, konnte der Konsul, der vielleicht stark genug gewesen waere, um die Bergpaesse zu verteidigen, aber sicher nicht imstande war, Hannibal jetzt im offenen Felde zu stehen, nichts Besseres tun als warten, bis das zweite, nun bei Ariminum voellig ueberfluessig gewordene Heer herankam. Indes er selber urteilte anders. Er war ein politischer Parteifuehrer, durch seine Bemuehungen, die Macht des Senats zu beschraenken, in die Hoehe gekommen, durch die gegen ihn waehrend seiner Konsulate gesponnenen aristokratischen Intrigen auf die Regierung erbittert, durch die wohl gerechtfertigte Opposition gegen deren parteilichen Schlendrian fortgerissen zu trotziger Ueberhebung ueber Herkommen und Sitte, berauscht zugleich von der blinden Liebe des gemeinen Mannes und ebenso sehr von dem bitteren Hass der Herrenpartei, und ueber alles dies mit der fixen Idee behaftet, dass er ein militaerisches Genie sei. Sein Feldzug gegen die Insubrer von 531 (223), der fuer unbefangene Urteiler nur bewies, dass tuechtige Soldaten oefters gutmachen, was schlechte Generale verderben, galt ihm und seinen Anhaengern als der unumstoessliche Beweis, dass man nur den Gaius Flaminius an die Spitze des Heeres zu stellen brauche, um dem Hannibal ein schnelles Ende zu bereiten. Solche Reden hatten ihm das zweite Konsulat verschafft, und solche Hoffnungen hatten jetzt eine derartige Menge von unbewaffneten Beutelustigen in sein Lager gefuehrt, dass deren Zahl nach der Versicherung nuechterner Geschichtschreiber die der Legionarier ueberstieg. Zum Teil hierauf gruendete Hannibal seinen Plan. Weit entfernt, ihn anzugreifen, marschierte er an ihm vorbei und liess durch die Kelten, die das Pluendern gruendlich verstanden, und die zahlreiche Reiterei die Landschaft rings umher brandschatzen. Die Klagen und die Erbitterung der Menge, die sich musste auspluendern lassen unter den Augen des Helden, der sie zu bereichern versprochen; das Bezeigen des Feindes, dass er ihm weder die Macht noch den Entschluss zutraue, vor der Ankunft seines Kollegen etwas zu unternehmen, mussten einen solchen Mann bestimmen, sein strategisches Genie zu entwickeln und dem unbesonnenen hochmuetigen Feind eine derbe Lektion zu erteilen. Nie ist ein Plan vollstaendiger gelungen. Eilig folgte der Konsul dem Marsch des Feindes, der an Arezzo vorueber langsam durch das reiche Chianatal gegen Perugia zog; er erreichte ihn in der Gegend von Cortona, wo Hannibal, genau unterrichtet von dem Marsch seines Gegners, volle Zeit gehabt hatte, sein Schlachtfeld zu waehlen, ein enges Defilee zwischen zwei steilen Bergwaenden, das am Ausgang ein hoher Huegel, am Eingang der Trasimenische See schloss. Mit dem Kern seiner Infanterie verlegte er den Ausweg; die leichten Truppen und die Reiterei stellten zu beiden Seiten verdeckt sich auf. Unbedenklich rueckten die roemischen Kolonnen in den unbesetzten Pass; der dichte Morgennebel verbarg ihnen die Stellung des Feindes. Wie die Spitze des roemischen Zuges sich dein Huegel naeherte, gab Hannibal das Zeichen zur Schlacht; zugleich schloss die Reiterei, hinter den Huegeln vorrueckend, den Eingang des Passes und auf den Raendern rechts und links zeigten die verziehenden Nebel ueberall phoenikische Waffen. Es war kein Treffen, sondern nur eine Niederlage. Was ausserhalb des Defilees geblieben war, wurde von den Reitern in den See gesprengt, der Hauptzug in dem Passe selbst fast ohne Gegenwehr vernichtet und die meisten, darunter der Konsul selbst, in der Marschordnung niedergehauen. Die Spitze der roemischen Heersaeule, 6000 Mann zu Fuss schlugen sich zwar durch das feindliche Fussvolk durch und bewiesen wiederum die unwiderstehliche Gewalt der Legionen; allein abgeschnitten und ohne Kunde von dem uebrigen Heer, marschierten sie aufs Geratewohl weiter, wurden am folgenden Tag auf einem Huegel, den sie besetzt hatten, von einem karthagischen Reiterkorps umzingelt und da die Kapitulation, die ihnen freien Abzug versprach, von Hannibal verworfen ward, saemtlich als kriegsgefangen behandelt. 15000 Roemer waren gefallen, ebenso viele gefangen, das heisst das Heer war vernichtet; der geringe karthagische Verlust - 1500 Mann - traf wieder vorwiegend die Gallier ^2. Und als waere dies nicht genug, so ward gleich nach der Schlacht am Trasimenischen See die Reiterei des ariminensischen Heeres unter Gaius Centenius, 4000 Mann stark, die Gnaeus Servilius, selber langsam nachrueckend, vorlaeufig seinem Kollegen zu Hilfe sandte, gleichfalls von dem phoenikischen Heer umzingelt und teils niedergemacht, teils gefangen. Ganz Etrurien war verloren und ungehindert konnte Hannibal auf Rom marschieren. Dort machte man sich auf das Aeusserste gefasst; man brach die Tiberbruecken ab und ernannte den Quintus Fabius Maximus zum Diktator, um die Mauern instand zu setzen und die Verteidigung zu leiten, fuer welche ein Reserveheer gebildet ward. Zugleich wurden zwei neue Legionen anstatt der vernichteten unter die Waffen gerufen und die Flotte, die im Fall einer Belagerung wichtig werden konnte, instand gesetzt.
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^2 Das Datum der Schlacht, 23. Juni nach dem unberichtigten Kalender, muss nach dem berichtigten etwa in den April fallen, da Quintus Fabius seine Diktatur nach sechs Monaten in der Mitte des Herbstes (Liv. 22, 31, 7; 32, 1) niederlegte, also sie etwa Anfang Mai antrat. Die Kalenderverwirrung war schon in dieser Zeit in Rom sehr arg.
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Allein Hannibal sah weiter als Koenig Pyrrhos. Er marschierte nicht auf Rom; auch nicht gegen Gnaeus Servilius, der, ein tuechtiger Feldherr, seine Armee mit Hilfe der Festungen an der Nordstrasse auch jetzt unversehrt erhalten und vielleicht den Gegner sich gegenueber festgehalten haben wuerde. Es geschah wieder einmal etwas ganz Unerwartetes. An der Festung Spoletium vorbei, deren Ueberrumpelung fehlschlug, marschierte Hannibal durch Umbrien, verheerte entsetzlich das ganz mit roemischen Bauernhoefen bedeckte picenische Gebiet und machte Halt an den Ufern des Adriatischen Meeres. Menschen und Pferde in seinem Heer hatten noch die Nachwehen der Fruehlingskampagne nicht verwunden; hier hielt er eine laengere Rast, um in der anmutigen Gegend und der schoenen Jahreszeit sein Heer sich erholen zu lassen und sein libysches Fussvolk in roemischer Weise zu reorganisieren, wozu die Masse der erbeuteten roemischen Waffen ihm die Mittel darbot. Von hier aus knuepfte er ferner die lange unterbrochenen Verbindungen mit der Heimat wieder an, indem er zu Wasser seine Siegesbotschaften nach Karthago sandte. Endlich, als sein Heer hinreichend sich wiederhergestellt hatte und der neue Waffendienst genugsam geuebt war, brach er auf und marschierte langsam an der Kueste hinab in das suedliche Italien hinein.
Er hatte richtig gerechnet, als er zu dieser Umgestaltung der Infanterie sich jetzt entschloss; die Ueberraschung der bestaendig eines Angriffs auf die Hauptstadt gewaertigen Gegner liess ihm mindestens vier Wochen ungestoerter Musse zur Verwirklichung des beispiellos verwegenen Experiments, im Herzen des feindlichen Landes mit einer noch immer verhaeltnismaessig geringen Armee sein militaerisches System vollstaendig zu aendern und den Versuch zu machen, den unbesiegbaren italischen afrikanische Legionen gegenueberzustellen. Allein seine Hoffnung, dass die Eidgenossenschaft nun anfangen werde, sich zu lockern, erfuellte sich nicht. Auf die Etrusker, die schon ihre letzten Unabhaengigkeitskriege vorzugsweise mit gallischen Soeldnern gefuehrt hatten, kam es hierbei am wenigsten an; der Kern der Eidgenossenschaft, namentlich in militaerischer Hinsicht, waren naechst den latinischen die sabellischen Gemeinden, und mit gutem Grund hatte Hannibal jetzt diesen sich genaehert. Allein eine Stadt nach der andern schloss ihre Tore; nicht eine einzige italische Gemeinde machte Buendnis mit dem Phoeniker. Damit war fuer die Roemer viel, ja alles gewonnen; indes man begriff in der Hauptstadt, wie unvorsichtig es sein wuerde, die Treue der Bundesgenossen auf eine solche Probe zu stellen, ohne dass ein roemisches Heer das Feld hielt. Der Diktator Quintus Fabius zog die beiden in Rom gebildeten Ersatzlegionen und das Heer von Ariminum zusammen, und als Hannibal an der roemischen Festung Luceria vorbei gegen Arpi marschierte, zeigten sich in seiner rechten Flanke bei Aeca die roemischen Feldzeichen. Ihr Fuehrer indes verfuhr anders als seine Vorgaenger. Quintus Fabius war ein hochbejahrter Mann, von einer Bedachtsamkeit und Festigkeit, die nicht wenigen als Zauderei und Eigensinn erschien; ein eifriger Verehrer der guten alten Zeit, der politischen Allmacht des Senats und des Buergermeisterkommandos erwartete er das Heil des Staates naechst Opfern und Gebeten von der methodischen Kriegfuehrung. Politischer Gegner des Gaius Flaminius und durch die Reaktion gegen dessen toerichte Kriegsdemagogie an die Spitze der Geschaefte gerufen, ging er ins Lager ab, ebenso fest entschlossen, um jeden Preis eine Hauptschlacht zu vermeiden, wie sein Vorgaenger, um jeden Preis eine solche zu liefern, und ohne Zweifel ueberzeugt, dass die ersten Elemente der Strategik Hannibal verbieten wuerden vorzuruecken, solange das roemische Heer intakt ihm gegenueberstehe, und dass es also nicht schwer halten werde, die auf das Fouragieren angewiesene feindliche Armee im kleinen Gefecht zu schwaechen und allmaehlich auszuhungern. Hannibal, wohlbedient von seinen Spionen in Rom und im roemischen Heer, erfuhr den Stand der Dinge sofort und richtete wie immer seinen Feldzugsplan ein nach der Individualitaet des feindlichen Anfuehrers. An dem roemischen Heer vorbei marschierte er ueber den Apennin in das Herz von Italien nach Benevent, nahm die offene Stadt Telesia an der Grenze von Samnium und Kampanien und wandte sich von da gegen Capua, das als die bedeutendste unter allen von Rom abhaengigen italischen Staedten und die einzige Rom einigermassen ebenbuertige darum den Druck des roemischen Regiments schwerer als irgendeine andere empfand. Er hatte dort Verbindungen angeknuepft, die den Abfall der Kampaner vom roemischen Buendnis hoffen liessen: allein diese Hoffnung schlug ihm fehl. So wieder rueckwaerts sich wendend schlug er die Strasse nach Apulien ein. Der Diktator war waehrend dieses ganzen Zuges der karthagischen Armee auf die Hoehen gefolgt und hatte seine Soldaten zu der traurigen Rolle verurteilt, mit den Waffen in der Hand zuzusehen, wie die numidischen Reiter weit und breit die treuen Bundesgenossen pluenderten und in der ganzen Ebene die Doerfer in Flammen aufgingen. Endlich eroeffnete er der erbitterten roemischen Armee die sehnlich herbeigewuenschte Gelegenheit, an den Feind zu kommen. Wie Hannibal den Rueckmarsch angetreten, sperrte ihm Fabius den Weg bei Casilinum (dem heutigen Capua), indem er auf dem linken Ufer des Volturnus diese Stadt stark besetzte und auf dem rechten die kroenenden Hoehen mit seiner Hauptarmee einnahm, waehrend eine Abteilung von 4000 Mann auf der am Fluss hinfuehrenden Strasse selbst sich lagerte. Allein Hannibal hiess seine Leichtbewaffneten die Anhoehen, die unmittelbar neben der Strasse sich erhoben, erklimmen und von hier aus eine Anzahl Ochsen mit angezuendeten Reisbuendeln auf den Hoernern vortreiben, so dass es schien, als zoege dort die karthagische Armee in naechtlicher Weile bei Fackelschein ab. Die roemische Abteilung, die die Strasse sperrte, sich umgangen und die fernere Deckung der Strasse ueberfluessig waehnend, zog sich seitwaerts auf dieselben Anhoehen; auf der dadurch freigewordenen Strasse zog Hannibal dann mit dem Gros seiner Armee ab, ohne dem Feind zu begegnen, worauf er am anderen Morgen ohne Muehe und mit starkem Verlust fuer die Roemer seine leichten Truppen degagierte und zuruecknahm. Ungehindert setzte Hannibal darauf seinen Marsch in nordoestlicher Richtung fort und kam auf weiten Umwegen, nachdem er die Landschaften der Hirpiner, Kampaner, Samniten, Paeligner und Frentaner ohne Widerstand durchzogen und gebrandschatzt hatte, mit reicher Beute und voller Kasse wieder in der Gegend von Luceria an, als dort eben die Ernte beginnen sollte. Nirgend auf dem weiten Marsch hatte er taetigen Widerstand, aber nirgend auch Bundesgenossen gefunden. Wohl erkennend, dass ihm nichts uebrig blieb, als sich auf Winterquartiere im offenen Felde einzurichten, begann er die schwierige Operation, den Winterbedarf des Heeres durch dieses selbst von den Feldern der Feinde einbringen zu lassen. Die weite, groesstenteils flache nordapulische Landschaft, die Getreide und Futter im Ueberfluss darbot und von seiner ueberlegenen Reiterei gaenzlich beherrscht werden konnte, hatte er hierzu sich ausersehen. Bei Gerunium, fuenf deutsche Meilen noerdlich von Luceria, ward ein verschanztes Lager angelegt, aus dem zwei Drittel des Heeres taeglich zum Einbringen der Vorraete ausgesendet wurden, waehrend Hannibal mit dem Rest Stellung nahm, um das Lager und die ausgesendeten Detachements zu decken. Der Reiterfuehrer Marcus Minucius, der im roemischen Lager in Abwesenheit des Diktators den Oberbefehl stellvertretend fuehrte, hielt die Gelegenheit geeignet, um naeher an den Feind heranzuruecken und bezog ein Lager im larinatischen Gebiet, wo er auch teils durch seine blosse Anwesenheit die Detachierungen und dadurch die Verproviantierung des feindlichen Heeres hinderte, teils in einer Reihe gluecklicher Gefechte, die seine Truppen gegen einzelne phoenikische Abteilungen und sogar gegen Hannibal selbst bestanden, die Feinde aus ihren vorgeschobenen Stellungen verdraengte und sie noetigte, sich bei Gerunium zu konzentrieren. Auf die Nachricht von diesen Erfolgen, die begreiflich bei der Darstellung nicht verloren, brach in der Hauptstadt der Sturm gegen Quintus Fabius los. Er war nicht ganz ungerechtfertigt. So weise es war, sich roemischerseits verteidigend zu verhalten und den Haupterfolg von dem Abschneiden der Subsistenzmittel des Feindes zu erwarten, so war es doch ein seltsames Verteidigungs- und Aushungerungssystem, das dem Feind gestattete, unter den Augen einer an Zahl gleichen roemischen Armee ganz Mittelitalien ungehindert zu verwuesten und durch eine geordnete Fouragierung im groessten Massstab sich fuer den Winter hinreichend zu verproviantieren. So hatte Publius Scipio, als er im Potal kommandierte, die defensive Haltung nicht verstanden, und der Versuch seines Nachfolgers, ihn nachzuahmen, war bei Casilinum auf eine Weise gescheitert, die den staedtischen Spottvoegeln reichlichen Stoff gab. Es war bewundernswert, dass die italischen Gemeinden nicht wankten, als ihnen Hannibal die Ueberlegenheit der Phoeniker, die Nichtigkeit der roemischen Hilfe so fuehlbar dartat; allein wie lange konnte man ihnen zumuten, die zwiefache Kriegslast zu ertragen und sich unter den Augen der roemischen Truppen und ihrer eigenen Kontingente auspluendern zu lassen? Endlich, was das roemische Heer anlangte, so konnte man nicht sagen, dass es den Feldherrn zu dieser Kriegfuehrung noetigte; es bestand seinem Kerne nach aus den tuechtigen Legionen von Ariminum und daneben aus einberufener, groesstenteils ebenfalls dienstgewohnter Landwehr, und weit entfernt, durch die letzten Niederlagen entmutigt zu sein, war es erbittert ueber die wenig ehrenvolle Aufgabe, die sein Feldherr, “Hannibals Lakai”, ihm zuwies, und verlangte mit lauter Stimme, gegen den Feind gefuehrt zu werden. Es kam zu den heftigsten Auftritten in den Buergerversammlungen gegen den eigensinnigen alten Mann; seine politischen Gegner, an ihrer Spitze der gewesene Praetor Gaius Terentius Varro, bemaechtigten sich des Haders - wobei man nicht vergessen darf, dass der Diktator tatsaechlich vom Senat ernannt ward, und dies Amt galt als das Palladium der konservativen Partei - und setzten im Verein mit den unmutigen Soldaten und den Besitzern der gepluenderten Gueter den verfassungs- und sinnwidrigen Volksbeschluss durch: die Diktatur, die dazu bestimmt war, in Zeiten der Gefahr die Uebelstaende des geteilten Oberbefehls zu beseitigen, in gleicher Weise wie dem Quintus Fabius auch dessen bisherigem Unterfeldherrn Marcus Minucius zu erteilen ^3. So wurde die roemische Armee, nachdem ihre gefaehrliche Spaltung in zwei abgesonderte Korps eben erst zweckmaessig beseitigt worden war, nicht bloss wiederum geteilt, sondern auch an die Spitze der beiden Haelften Fuehrer gestellt, welche offenkundig geradezu entgegengesetzte Kriegsplaene befolgten. Quintus Fabius blieb natuerlich mehr als je bei seinem methodischen Nichtstun; Marcus Minucius, genoetigt, seinen Diktatortitel auf dem Schlachtfelde zu rechtfertigen, griff uebereilt und mit geringen Streitkraeften an und waere vernichtet worden, wenn nicht hier sein Kollege durch das rechtzeitige Erscheinen eines frischen Korps groesseres Unglueck abgewandt haette. Diese letzte Wendung der Dinge gab dem System des passiven Widerstandes gewissermassen Recht. Allein in der Tat hatte Hannibal in diesem Feldzug vollstaendig erreicht, was mit den Waffen erreicht werden konnte: nicht eine einzige wesentliche Operation hatten weder der stuermische noch der bedaechtige Gegner ihm vereitelt, und seine Verproviantierung war, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit, doch im wesentlichen so vollstaendig gelungen, dass dem Heer in dem Lager bei Gerunium der Winter ohne Beschwerde vorueberging. Nicht der Zauderer hat Rom gerettet, sondern das feste Gefuege seiner Eidgenossenschaft und vielleicht nicht minder der Nationalhass der Okzidentalen gegen den phoenikischen Mann.
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^3 Die Inschrift des von dem neuen Diktator wegen seines Sieges bei Gerunium dem Hercules Sieger errichteten Weihgeschenkes: Hercolei sacrom M. Minuci(us) C. f. dictator vovit ist im Jahre 1862 in Rom bei S. Lorenzo aufgefunden worden.
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Trotz aller Unfaelle stand der roemische Stolz nicht minder aufrecht als die roemische Symmachie. Die Geschenke, welche der Koenig Hieron von Syrakus und die griechischen Staedte in Italien fuer den naechsten Feldzug anboten - die letzteren traf der Krieg minder schwer als die uebrigen italischen Bundesgenossen Roms, da sie nicht zum Landheer stellten -, wurden mit Dank abgelehnt; den illyrischen Haeuptlingen zeigte man an, dass sie nicht saeumen moechten mit Entrichtung des Tributs; ja man beschickte den Koenig von Makedonien abermals um die Auslieferung des Demetrios von Pharos. Die Majoritaet des Senats war trotz der Quasilegitimation, welche die letzten Ereignisse dem Zaudersystem des Fabius gegeben hatten, doch fest entschlossen, von dieser den Staat zwar langsam, aber sicher zugrunde richtenden Kriegfuehrung abzugehen; wenn der Volksdiktator mit seiner energischeren Kriegfuehrung gescheitert war, so schob man, und nicht mit Unrecht, die Ursache darauf, dass man eine halbe Massregel getroffen und ihm zu wenig Truppen gegeben habe. Diesen Fehler beschloss man zu vermeiden und ein Heer aufzustellen, wie Rom noch keines ausgesandt hatte: acht Legionen, jede um ein Fuenftel ueber die Normalzahl verstaerkt, und die entsprechende Anzahl Bundesgenossen, genug, um den nicht halb so starken Gegner zu erdruecken. Ausserdem ward eine Legion unter dem Praetor Lucius Postumius nach dem Potal bestimmt, um womoeglich die in Hannibals Heer dienenden Kelten nach der Heimat zurueckzuziehen. Diese Beschluesse waren verstaendig; es kam nur darauf an, auch ueber den Oberbefehl angemessen zu bestimmen. Das starre Auftreten des Quintus Fabius und die daran sich anspinnenden demagogischen Hetzereien hatten die Diktatur und ueberhaupt den Senat unpopulaerer gemacht als je; im Volke ging, wohl nicht ohne Schuld seiner Fuehrer, die toerichte Rede, dass der Senat den Krieg absichtlich in die Laenge ziehe. Da also an die Ernennung eines Diktators nicht zu denken war, versuchte der Senat die Wahl der Konsuln angemessen zu leiten, was indes den Verdacht und den Eigensinn erst recht rege machte. Mit Muehe brachte der Senat den einen seiner Kandidaten durch, den Lucius Aemilius Paullus, der im Jahre 535 (219) den Illyrischen Krieg verstaendig gefuehrt hatte; die ungeheure Majoritaet der Buerger gab ihm zum Kollegen den Kandidaten der Volkspartei Gaius Terentius Varro, einen unfaehigen Mann, der nur durch seine verbissene Opposition gegen den Senat und namentlich als Haupturheber der Wahl des Marcus Minucius zum Mitdiktator bekannt war, und den nichts der Menge empfahl als seine niedrige Geburt und seine rohe Unverschaemtheit.
Waehrend diese Vorbereitungen zu dem naechsten Feldzug in Rom getroffen wurden, hatte der Krieg bereits in Apulien wieder begonnen. Sowie die Jahreszeit es gestattete, die Winterquartiere zu verlassen, brach Hannibal, wie immer den Krieg bestimmend und die Offensive fuer sich nehmend, von Gerunium in der Richtung nach Sueden auf, ueberschritt an Luceria vorbeimarschierend den Aufidus und nahm das Kastell von Cannae (zwischen Canosa und Barletta), das die canusinische Ebene beherrschte und den Roemern bis dahin als Hauptmagazin gedient hatte. Die roemische Armee, welche, nachdem Fabius in der Mitte des Herbstes verfassungsmaessig seine Diktatur niedergelegt hatte, jetzt von Gnaeus Servilius und Marcus Regulus zuerst als Konsuln; dann als Prokonsuln kommandiert wurde, hatte den empfindlichen Verlust nicht abzuwenden gewusst; aus militaerischen wie aus politischen Ruecksichten ward es immer notwendiger, den Fortschritten Hannibals durch eine Feldschlacht zu begegnen. Mit diesem bestimmten Auftrag des Senats trafen denn auch die beiden neuen Oberbefehlshaber Paullus und Varro im Anfang des Sommers 538 (216) in Apulien ein. Mit den vier neuen Legionen und dem entsprechenden Kontingent der Italiker, die sie heranfuehrten, stieg die roemische Armee auf 80000 Mann zu Fuss, halb Buerger, halb Bundesgenossen, und 6000 Reiter, wovon ein Drittel Buerger, zwei Drittel Bundesgenossen waren; wogegen Hannibals Armee zwar 10000 Reiter, aber nur etwa 40000 Mann zu Fuss zaehlte. Hannibal wuenschte nichts mehr als eine Schlacht, nicht bloss aus den allgemeinen, frueher eroerterten Gruenden, sondern auch besonders deshalb, weil das weite apulische Blachfeld ihm gestattete, die ganze Ueberlegenheit seiner Reiterei zu entwickeln und weil die Verpflegung seiner zahlreichen Armee, hart an dem doppelt so starken und auf eine Reihe von Festungen gestuetzten Feind, trotz seiner ueberlegenen Reiterei sehr bald ungemein schwierig zu werden drohte. Auch die Fuehrer der roemischen Streitmacht waren, wie gesagt, im allgemeinen entschlossen zu schlagen und naeherten in dieser Absicht sich dem Feinde; allein die einsichtigeren unter ihnen erkannten Hannibals Lage und beabsichtigten daher, zunaechst zu warten und nur nahe am Feinde sich aufzustellen, um ihn zum Abzug und zur Annahme der Schlacht auf einem ihm minder guenstigen Terrain zu noetigen. Hannibal lagerte bei Cannae am rechten Ufer des Aufidus. Paullus schlug sein Lager an beiden Ufern des Flusses auf, so dass die Hauptmacht am linken Ufer zu stehen kam, ein starkes Korps aber am rechten unmittelbar dem Feind gegenueber Stellung nahm, um ihm die Zufuhren zu erschweren, vielleicht auch Cannae zu bedrohen. Hannibal, dem alles daran lag, bald zum Schlagen zu kommen, ueberschritt mit dem Gros seiner Truppen den Strom und bot auf dem linken Ufer die Schlacht an, die Paullus nicht annahm. Allein dem demokratischen Konsul missfiel dergleichen militaerische Pedanterie; es war so viel davon geredet worden, dass man ausziehe, nicht um Posten zu stehen, sondern um die Schwerter zu gebrauchen; er befahl, auf den Feind zu gehen, wo und wie man ihn eben fand. Nach der alten toerichterweise beibehaltenen Sitte wechselte die entscheidende Stimme im Kriegsrat zwischen dem Oberfeldherren Tag um Tag; man musste also am folgenden Tage sich fuegen und dem Helden von der Gasse seinen Willen tun. Auf dem linken Ufer, wo das weite Blachfeld der ueberlegenen Reiterei des Feindes vollen Spielraum bot, wollte allerdings auch er nicht schlagen; aber er beschloss, die gesamten roemischen Streitkraefte auf dem rechten zu vereinigen und hier, zwischen den karthagischen Lager und Cannae Stellung nehmend und dieses ernstlich bedrohend, die Schlacht anzubieten. Eine Abteilung von 10000 Mann blieb in dem roemischen Hauptlager zurueck mit dem Auftrag, das karthagische waehrend des Gefechts wegzunehmen und damit dem feindlichen Heere den Rueckzug ueber den Fluss abzuschneiden; das Gros der roemischen Armee ueberschritt mit dem grauenden Morgen des 2. August nach dem unberichtigten, etwa im Juni nach dem richtigen Kalender, den in dieser Jahreszeit seichten und die Bewegungen der Truppen nicht wesentlich hindernden Fluss und stellte bei dem kleineren roemischen Lager westlich von Cannae sich in Linie auf. Die karthagische Armee folgte und ueberschritt gleichfalls den Strom, an den der rechte roemische wie der linke karthagische Fluegel sich lehnten. Die roemische Reiterei stand auf den Fluegeln, die schwaechere der Buergerwehr auf dem rechten am Fluss, gefuehrt von Paullus, die staerkere bundesgenoessische auf dem linken gegen die Ebene, gefuehrt von Varro. Im Mitteltreffen stand das Fussvolk in ungewoehnlich tiefen Gliedern unter dem Befehl des Konsuls des Vorjahrs, Gnaeus Servilius. Diesem gegenueber ordnete Hannibal sein Fussvolk in halbmondfoermiger Stellung, so dass die keltischen und iberischen Truppen in ihrer nationalen Ruestung die vorgeschobene Mitte, die roemisch geruesteten Libyer auf beiden Seiten die zurueckgenommenen Fluegel bildeten. An der Flussseite stellte die gesamte schwere Reiterei unter Hasdrubal sich auf, an der Seite nach der Ebene hinaus die leichten numidischen Reiter. Nach kurzem Vorpostengefecht der leichten Truppen war bald die ganze Linie im Gefecht. Wo die leichte Reiterei der Karthager gegen Varros schwere Kavallerie focht, zog das Gefecht unter stetigen Chargen der Numidier ohne Entscheidung sich hin. Dagegen im Mitteltreffen warfen die Legionen die ihnen zuerst begegnenden spanischen und gallischen Truppen vollstaendig; eilig draengten die Sieger nach und verfolgten ihren Vorteil. Allein mittlerweile hatte auf dem rechten Fluegel das Glueck sich gegen die Roemer gewandt. Hannibal hatte den linken Reiterfluegel der Feinde bloss beschaeftigen lassen, um Hasdrubal mit der ganzen regulaeren Reiterei gegen den schwaecheren rechten zu verwenden und diesen zuerst zu werfen. Nach tapferer Gegenwehr wichen die roemischen Reiter und was nicht niedergehauen ward, wurde den Fluss hinaufgejagt und in die Ebene versprengt; verwundert ritt Paullus zu dem Mitteltreffen, das Schicksal der Legionen zu wenden oder doch zu teilen. Diese hatten, um den Sieg ueber die vorgeschobene feindliche Infanterie besser zu verfolgen, ihre Frontstellung in eine Angriffskolonne verwandelt, die keilfoermig eindrang in das feindliche Zentrum. In dieser Stellung wurden sie von dem rechts und links einschwenkenden libyschen Fussvolk von beiden Seiten heftig angegriffen und ein Teil von ihnen gezwungen, Halt zu machen, um gegen die Flankenangriffe sich zu verteidigen, wodurch das Vorruecken ins Stocken kam und die ohnehin schon uebermaessig dicht gereihte Infanteriemasse nun gar nicht mehr Raum fand, sich zu entwickeln. Inzwischen hatte Hasdrubal, nachdem er mit dem Fluegel des Paullus fertig war, seine Reiter aufs neue gesammelt und geordnet und sie hinter dem feindlichen Mitteltreffen weg gegen den Fluegel des Varro gefuehrt. Dessen italische Reiterei, schon mit den Numidiern hinreichend beschaeftigt, stob vor dem doppelten Angriff schnell auseinander. Hasdrubal, die Verfolgung der Fluechtigen den Numidiern ueberlassend, ordnete zum drittenmal seine Schwadronen, um sie dem roemischen Fussvolk in den Ruecken zu fuehren. Dieser letzte Stoss entschied. Flucht war nicht moeglich und Quartier ward nicht gegeben; es ist vielleicht nie ein Heer von dieser Groesse so vollstaendig und mit so geringem Verlust des Gegners auf dem Schlachtfeld selbst vernichtet worden wie das roemische bei Cannae. Hannibal hatte nicht ganz 6000 Mann eingebuesst, wovon zwei Drittel auf die Kelten kamen, die der erste Stoss der Legionen traf. Dagegen von den 76000 Roemern, die in der Schlachtlinie gestanden hatten, deckten 70000 das Feld, darunter der Konsul Lucius Paullus, der Altkonsul Gnaeus Servilius, zwei Drittel der Stabsoffiziere, achtzig Maenner senatorischen Ranges. Nur den Konsul Marcus Varro rettete sein rascher Entschluss und sein gutes Pferd nach Venusia, und er ertrug es zu leben. Auch die Besatzung des roemischen Lagers, 10000 Mann stark, ward groesstenteils kriegsgefangen; nur einige tausend Mann, teils aus diesen Truppen, teils aus der Linie, entkamen nach Canusium. Ja als sollte in diesem Jahre durchaus mit Rom ein Ende gemacht werden, fiel noch vor Ablauf desselben die nach Gallien gesandte Legion in einen Hinterhalt und wurde mit ihrem Feldherrn Lucius Postumius, dem fuer das naechste Jahr ernannten Konsul, von den Galliern gaenzlich vernichtet.
Dieser beispiellose Erfolg schien nun endlich die grosse politische Kombination zu reifen, um derentwillen Hannibal nach Italien gegangen war. Er hatte seinen Plan wohl zunaechst auf sein Heer gebaut; allein in richtiger Erkenntnis der ihm entgegenstehenden Macht sollte dies in seinem Sinn nur die Vorhut sein, mit der die Kraefte des Westens und Ostens allmaehlich sich vereinigen wuerden, um der stolzen Stadt den Untergang zu bereiten. Zwar diejenige Unterstuetzung, die die gesichertste schien, die Nachsendungen von Spanien her, hatte das kuehne und feste Auftreten des dorthin gesandten roemischen Feldherrn Gnaeus Scipio ihm vereitelt. Nach Hannibals Uebergang ueber die Rhone war dieser nach Emporiae gesegelt und hatte sich zuerst der Kueste zwischen den Pyrenaeen und dem Ebro, dann nach Besiegung des Hanno auch des Binnenlandes bemaechtigt (536 218). Er hatte im folgenden Jahr (537 217) die karthagische Flotte an der Ebromuendung voellig geschlagen, hatte, nachdem sein Bruder Publius, der tapfere Verteidiger des Potals, mit Verstaerkung von 8000 Mann zu ihm gestossen war, sogar den Ebro ueberschritten und war vorgedrungen bis gegen Sagunt. Zwar hatte Hasdrubal das Jahr darauf (538 216), nachdem er aus Afrika Verstaerkungen erhalten, den Versuch gemacht, den Befehl seines Bruders gemaess eine Armee ueber die Pyrenaeen zu fuehren; allein die Scipionen verlegten ihm den Uebergang ueber den Ebro und schlugen ihn vollstaendig, etwa um dieselbe Zeit, wo in Italien Hannibal bei Cannae siegte. Die maechtige Voelkerschaft der Keltiberer und zahlreiche andere spanische Staemme hatten den Scipionen sich zugewandt; diese beherrschten das Meer und die Pyrenaeenpaesse und durch die zuverlaessigen Massalioten auch die gallische Kueste. So war von Spanien aus fuer Hannibal jetzt weniger als je Unterstuetzung zu erwarten.
Von Karthago war bisher zur Unterstuetzung des Feldherrn in Italien so viel geschehen, wie man erwarten konnte: phoenikische Geschwader bedrohten die Kuesten Italiens und der roemischen Inseln und hueteten Afrika vor einer roemischen Landung, und dabei blieb es. Ernstlicheren Beistand verhinderte nicht sowohl die Ungewissheit, wo Hannibal zu finden sei, und der Mangel eines Landeplatzes in Italien, als die langjaehrige Gewohnheit, dass das spanische Heer sich selbst genuege, vor allem aber die grollende Friedenspartei. Hannibal empfand schwer die Folgen dieser unverzeihlichen Untaetigkeit; trotz allen Sparens des Geldes und der mitgebrachten Soldaten wurden seine Kassen allmaehlich leer, der Sold kam in Rueckstand und die Reihen seiner Veteranen fingen an sich zu lichten. Jetzt aber brachte die Siegesbotschaft von Cannae selbst die faktioese Opposition daheim zum Schweigen. Der karthagische Senat beschloss dem Feldherrn betraechtliche Unterstuetzungen an Geld und Mannschaft, teils aus Afrika, teils aus Spanien, unter anderm 4000 numidische Reiter und 40 Elefanten zur Verfuegung zu stellen und in Spanien wie in Italien den Krieg energisch zu betreiben.
Die laengstbesprochene Offensivallianz zwischen Karthago und Makedonien war anfangs durch Antigonos’ ploetzlichen Tod, dann durch seines Nachfolgers Philippos Unentschlossenheit und dessen und seiner hellenischen Bundesgenossen unzeitigen Krieg gegen die Aetoler (534-537 220-217) verzoegert worden. Erst jetzt, nach der Cannensischen Schlacht, fand Demetrios von Pharos Gehoer bei Philippos mit dem Antrag, seine illyrischen Besitzungen an Makedonien abzutreten - sie massten freilich erst den Roemern entrissen werden -, und erst jetzt schloss der Hof von Pella ab mit Karthago. Makedonien uebernahm es, eine Landungsarmee an die italische Ostkueste zu werfen, wogegen ihm die Rueckgabe der roemischen Besitzungen in Epeiros zugesichert ward.
In Sizilien hatte Koenig Hieron zwar waehrend der Friedensjahre, soweit es mit Sicherheit geschehen konnte, eine Neutralitaetspolitik eingehalten, und auch den Karthagern waehrend der gefaehrlichen Krisen nach dem Frieden mit Rom namentlich durch Kornsendungen sich gefaellig erwiesen. Es ist kein Zweifel, dass er den abermaligen Bruch zwischen Karthago und Rom hoechst ungern sah; aber ihn abzuwenden vermochte er nicht, und als er eintrat, hielt er mit wohlberechneter Treue fest an Rom. Allein bald darauf (Herbst 538 216) rief der Tod den alten Mann nach vierundfuenfzigjaehriger Regierung ab. Der Enkel und Nachfolger des klugen Greises, der junge unfaehige Hieronymus, liess sich sogleich mit den karthagischen Diplomaten ein; und da diese keine Schwierigkeit machten, ihm zuerst Sizilien bis an die alte karthagisch-sizilische Grenze, dann sogar, da sein Uebermut stieg, den Besitz der ganzen Insel vertragsmaessig zuzusichern, trat er in Buendnis mit Karthago und liess mit der karthagischen Flotte, die gekommen war, um Syrakus zu bedrohen, die syrakusanische sich vereinigen. Die Lage der roemischen Flotte bei Lilybaeon, die schon mit dem zweiten, bei den aegatischen Inseln postierten karthagischen Geschwader zu tun gehabt hatte, ward auf einmal sehr bedenklich, waehrend zugleich die in Rom zur Einschiffung nach Sizilien bereitstehende Mannschaft infolge der Cannensischen Niederlage fuer andere und dringendere Erfordernisse verwendet werden musste.
Was aber vor allem entscheidend war, jetzt endlich begann das Gebaeude der roemischen Eidgenossenschaft aus den Fugen zu weichen, nachdem es die Stoesse zweier schwerer Kriegsjahre unerschuettert ueberstanden hatte. Es traten auf Hannibals Seite Arpi in Apulien und Uzentum in Messapien, zwei alte, durch die roemischen Kolonien Luceria und Brundisium schwer beeintraechtigte Staedte; die saemtlichen Staedte der Brettier - diese zuerst von allen - mit Ausnahme der Peteliner und der Consentiner, die erst belagert werden mussten; die Lucaner groesstenteils; die in die Gegend von Salernum verpflanzten Picenter; die Hirpiner; die Samniten mit Ausnahme der Pentrer; endlich und vornehmlich Capua, die zweite Stadt Italiens, die 30000 Mann zu Fuss und 4000 Berittene ins Feld zu stellen vermochte und deren Uebertritt den der Nachbarstaedte Atella und Calatia entschied. Freilich widersetzte sich die vielfach an das roemische Interesse gefesselte Adelspartei ueberall und namentlich in Capua dem Parteiwechsel sehr ernstlich, und die hartnaeckigen inneren Kaempfe, die hierueber entstanden, minderten nicht wenig den Vorteil, den Hannibal von diesen Uebertritten zog. Er sah sich zum Beispiel genoetigt, in Capua einen der Fuehrer der Adelspartei, den Decius Magius, der noch nach dem Einruecken der Phoeniker hartnaeckig das roemische Buendnis verfocht, festnehmen und nach Karthago abfuehren zu lassen, um so den ihm selbst sehr ungelegenen Beweis zu liefern, was es auf sich habe mit der von dem karthagischen Feldherrn soeben den Kampanern feierlich zugesicherten Freiheit und Souveraenitaet. Dagegen hielten die sueditalischen Griechen fest am roemischen Buendnis, wobei die roemischen Besatzungen freilich auch das Ihrige taten, aber mehr noch der sehr entschiedene Widerwille der Hellenen gegen die Phoeniker selbst und deren neue lucanische und brettische Bundesgenossen, und ihre Anhaenglichkeit an Rom, das jede Gelegenheit, seinen Hellenismus zu betaetigen, eifrig benutzt und gegen die Griechen in Italien eine ungewohnte Milde gezeigt hatte. So widerstanden die kampanischen Griechen, namentlich Neapel, mutig Hannibals eigenem Angriff; dasselbe taten in Grossgriechenland trotz ihrer sehr gefaehrdeten Stellung Rhegion, Thurii, Metapont und Tarent. Kroton und Lokri dagegen wurden von den vereinigten Brettiern und Phoenikern teils erstuermt, teils zur Kapitulation gezwungen und die Krotoniaten nach Lokri gefuehrt, worauf brettische Kolonisten jene wichtige Seestation besetzten. Dass die sueditalischen Latiner, wie Brundisium, Venusia, Paestum, Cosa, Cales, unerschuettert mit Rom hielten, versteht sich von selbst. Waren sie doch die Zwingburgen der Eroberer im fremden Land, angesiedelt auf dem Acker der Umwohner, mit ihren Nachbarn verfehdet; traf es doch sie zunaechst, wenn Hannibal sein Wort wahr machte und jeder italischen Gemeinde die alten Grenzen zurueckgab. In gleicher Weise gilt dies von ganz Mittelitalien, dem. aeltesten Sitz der roemischen Herrschaft, wo latinische Sitte und Sprache schon ueberall vorwog und man sich als Genosse der Herrscher, nicht als Untertan fuehlte. Hannibals Gegner im karthagischen Senat unterliessen nicht, daran zu erinnern, dass nicht ein roemischer Buerger, nicht eine latinische Gemeinde sich Karthago in die Arme geworfen habe. Dieses Grundwerk der roemischen Macht konnte gleich der kyklopischen Mauer nur Stein um Stein zertruemmert werden.
Das waren die Folgen des Tages von Cannae, an dem die Bluete der Soldaten und Offiziere der Eidgenossenschaft, ein Siebentel der gesamten Zahl der kampffaehigen Italiker zugrunde ging. Es war eine grausame, aber gerechte Strafe der schweren politischen Versuendigungen, die sich nicht etwa bloss einzelne toerichte oder elende Maenner, sondern die roemische Buergerschaft selbst hatte zu Schulden kommen lassen. Die fuer die kleine Landstadt zugeschnittene Verfassung passte der Grossmacht nirgend mehr; es war eben nicht moeglich, ueber die Frage, wer die Heere der Stadt in einem solchen Kriege fuehren solle, Jahr fuer Jahr die Pandorabuechse des Stimmkastens entscheiden zu lassen. Da eine gruendliche Verfassungsrevision, wenn sie ueberhaupt ausfuehrbar war, jetzt wenigstens nicht begonnen werden durfte, so haette zunaechst der einzigen Behoerde, die dazu imstande war, dem Senat die tatsaechliche Oberleitung des Krieges und namentlich die Vergebung und Verlaengerung des Kommandos ueberlassen werden und den Komitien nur die formelle Bestaetigung verbleiben sollen. Die glaenzenden Erfolge der Scipionen auf dem schwierigen spanischen Kriegsschauplatz zeigten, was auf diesem Wege sich erreichen liess. Allein die politische Demagogie, die bereits an dem aristokratischen Grundbau der Verfassung nagte, hatte sich der italischen Kriegfuehrung bemaechtigt; die unvernuenftige Beschuldigung, dass die Vornehmen mit dem auswaertigen Feinde konspirierten, hatte auf das “Volk” Eindruck gemacht. Die Heilande des politischen Koehlerglaubens, die Gaius Flaminius und Gaius Varro, beide “neue Maenner” und Volksfreunde vom reinsten Wasser, waren demnach zur Ausfuehrung ihrer unter dem Beifall der Menge auf dem Markt entwickelten Operationsplaene von eben dieser Menge beauftragt worden, und die Ergebnisse waren die Schlachten am Trasimenischen See und bei Cannae. Dass der Senat, der begreiflicherweise seine Aufgabe jetzt besser fasste, als da er des Regulus halbe Armee aus Afrika zurueckberief, die Leitung der Angelegenheiten fuer sich begehrte und jenem Unwesen sich widersetzte, war pflichtgemaess; allein auch er hatte, als die erste jener beiden Niederlagen ihm fuer den Augenblick das Ruder in die Hand gab, gleichfalls nicht unbefangen von Parteiinteressen gehandelt. So wenig Quintus Fabius mit jenen roemischen Kleonen verglichen werden darf, so hatte doch auch er den Krieg nicht bloss als Militaer gefuehrt, sondern seine starre Defensive vor allem als politischer Gegner des Gaius Flaminius festgehalten und in der Behandlung des Zerwuerfnisses mit seinem Unterfeldherrn getan, was an ihm lag, um in einer Zeit, die Einigkeit forderte, zu erbittern. Die Folge war erstlich, dass das wichtigste Instrument, das eben fuer solche Faelle die Weisheit der Vorfahren dem Senat in die Hand gegeben hatte, die Diktatur ihm unter den Haenden zerbrach; und zweitens mittelbar wenigstens die Cannensische Schlacht. Den jaehen Sturz der roemischen Macht verschuldeten aber weder Quintus Fabius noch Gaius Varro, sondern das Misstrauen zwischen dem Regiment und den Regierten, die Spaltung zwischen Rat und Buergerschaft. Wenn noch Rettung und Wiedererhebung des Staates moeglich war, musste sie daheim beginnen mit Wiederherstellung der Einigkeit und des Vertrauens. Dies begriffen und, was schwerer wiegt, dies getan zu haben, getan mit Unterdrueckung aller an sich gerechten Rekriminationen, ist die herrliche und unvergaengliche Ehre des roemischen Senats. Als Varro - allein von allen Generalen, die in der Schlacht kommandiert hatten - nach Rom zurueckkehrte, und die roemischen Senatoren bis an das Tor ihm entgegengingen und ihm dankten, dass er an der Rettung des Vaterlandes nicht verzweifelt habe, waren dies weder leere Reden, um mit grossen Worten das Unheil zu verhuellen, noch bitterer Spott ueber einen Armseligen; es war der Friedensschluss zwischen dem Regiment und den Regierten. Vor dem Ernst der Zeit und dem Ernst eines solchen Aufrufs verstummte das demagogische Geklatsch; fortan gedachte man in Rom nur, wie man gemeinsam die Not zu wenden vermoege. Quintus Fabius, dessen zaeher Mut in diesem entscheidenden Augenblick dem Staat mehr genuetzt hat als all seine Kriegstaten, und die anderen angesehenen Senatoren gingen dabei in allem voran und gaben den Buergern das Vertrauen auf sich und auf die Zukunft zurueck. Der Senat bewahrte seine feste und strenge Haltung, waehrend die Boten von allen Seiten nach Rom eilten, um die verlorenen Schlachten, den Uebertritt der Bundesgenossen, die Aufhebung von Posten und Magazinen zu berichten, um Verstaerkung zu begehren fuer das Potal und fuer Sizilien, da doch Italien preisgegeben und Rom selbst fast unbesetzt war. Das Zusammenstroemen der Menge an den Toren ward untersagt, die Gaffer und die Weiber in die Haeuser gewiesen, die Trauerzeit um die Gefallenen auf dreissig Tage beschraenkt, damit der Dienst der freudigen Goetter, von dem das Trauergewand ausschloss, nicht allzulange unterbrochen werde - denn so gross war die Zahl der Gefallenen, dass fast in keiner Familie die Totenklage fehlte. Was vom Schlachtfeld sich gerettet hatte, war indes durch zwei tuechtige Kriegstribune, Appius Claudius und Publius Scipio den Sohn, in Canusium gesammelt worden; der letztere verstand es, durch seine stolze Begeisterung und durch die drohend erhobenen Schwerter seiner Getreuen, diejenigen vornehmen jungen Herren auf andere Gedanken zu bringen, die in bequemer Verzweiflung an die Rettung des Vaterlandes ueber das Meer zu entweichen gedachten. Zu ihnen begab sich mit einer Handvoll Leute der Konsul Gaius Varro; allmaehlich fanden sich dort etwa zwei Legionen zusammen, die der Senat zu reorganisieren und zu schimpflichem und unbesoldetem Kriegsdienst zu degradieren befahl. Der unfaehige Feldherr ward unter einem schicklichen Vorwand nach Rom zurueckberufen; der in den gallischen Kriegen erprobte Praetor Marcus Claudius Marcellus, der bestimmt gewesen war, mit der Flotte von Ostia nach Sizilien abzugehen, uebernahm den Oberbefehl. Die aeussersten Kraefte wurden angestrengt, um eine kampffaehige Armee zu organisieren. Die Latiner wurden beschickt um Hilfe in der gemeinschaftlichen Gefahr; Rom selbst ging mit dem Beispiel voran und rief die ganze Mannschaft bis ins Knabenalter unter die Waffen, bewaffnete die Schuldknechte und die Verbrecher, ja stellte sogar achttausend vom Staate angekaufte Sklaven in das Heer ein. Da es an Waffen fehlte, nahm man die alten Beutestuecke aus den Tempeln und setzte Fabriken und Gewerbe ueberall in Taetigkeit. Der Senat ward ergaenzt - nicht, wie aengstliche Patrioten forderten, aus den Latinern, sondern aus den naechstberechtigten roemischen Buergern. Hannibal bot die Loesung der Gefangenen auf Kosten des roemischen Staatsschatzes an; man lehnte sie ab und liess den mit der Abordnung der Gefangenen angelangten karthagischen Boten nicht in die Stadt; es durfte nicht scheinen, als denke der Senat an Frieden. Nicht bloss die Bundesgenossen sollten nicht glauben, dass Rom sich anschicke zu transigieren, sondern es musste auch dem letzten Buerger begreiflich gemacht werden, dass fuer ihn wie fuer alle es keinen Frieden gebe und Rettung nur im Siege sei.
KAPITEL VI.
Der Hannibalische Krieg von Cannae bis Zama
Hannibals Ziel bei seinem Zug nach Italien war die Sprengung der italischen Eidgenossenschaft gewesen; nach drei Feldzuegen war dasselbe erreicht, soweit es ueberhaupt erreichbar war. Dass die griechischen und die latinischen oder latinisierten Gemeinden Italiens, nachdem sie durch den Tag von Cannae nicht irre geworden waren, ueberhaupt nicht dem Schreck, sondern nur der Gewalt weichen wuerden, lag am Tage, und der verzweifelte Mut, mit dem selbst in Sueditalien einzelne kleine und rettungslos verlorene Landstaedte, wie das brettische Petelia, gegen den Phoeniker sich wehrten, zeigte sehr klar, was seiner bei den Marsern und Latinern warte. Wenn Hannibal gemeint hatte, auf diesem Wege mehr erreichen und auch die Latiner gegen Rom fuehren zu koennen, so hatten diese Hoffnungen sich als eitel erwiesen. Aber es scheint, als habe auch sonst die italische Koalition keineswegs die gehofften Resultate fuer Hannibal geliefert. Capua hatte sofort sich ausbedungen, dass Hannibal das Recht nicht haben solle, kampanische Buerger zwangsweise unter die Waffen zu rufen; die Staedter hatten nicht vergessen, wie Pyrrhos in Tarent aufgetreten war, und meinten toerichterweise, zugleich der roemischen und der phoenikischen Herrschaft sich entziehen zu koennen. Samnium und Lucanien waren nicht mehr, was sie gewesen, als Koenig Pyrrhos gedacht hatte, an der Spitze der sabellischen Jugend in Rom einzuziehen. Nicht bloss zerschnitt das roemische Festungsnetz ueberall den Landschaften Sehnen und Nerven, sondern es hatte auch die vieljaehrige roemische Herrschaft die Einwohner der Waffen entwoehnt - nur maessiger Zuzug kam von hier zu den roemischen Heeren -, den alten Hass beschwichtigt, ueberall eine Menge einzelner in das Interesse der herrschenden Gemeinde gezogen. Man schloss sich wohl dem Ueberwinder der Roemer an, nachdem Roms Sache einmal verloren schien; allein man fuehlte doch, dass es jetzt nicht mehr um die Freiheit sich handle, sondern um die Vertauschung des italischen mit dem phoenikischen Herrn, und nicht Begeisterung, sondern Kleinmut warf die sabellischen Gemeinden dem Sieger in die Arme. Unter solchen Umstaenden stockte in Italien der Krieg. Hannibal, der den suedlichen Teil der Halbinsel beherrschte bis hinauf zum Volturnus und zum Garganus und diese Landschaften nicht wie das Keltenland einfach wieder aufgeben konnte, hatte jetzt gleichfalls eine Grenze zu decken, die nicht ungestraft entbloesst ward; und, um die gewonnenen Landschaften gegen die ueberall ihm trotzenden Festungen und die von Norden her anrueckenden Heere zu verteidigen und gleichzeitig die schwierige Offensive gegen Mittelitalien zu ergreifen, reichten seine Streitkraefte, ein Heer von etwa 40000 Mann, ohne die italischen Zuzuege zu rechnen, bei weitem nicht aus. Vor allen Dingen aber fand er andere Gegner sich gegenueber. Durch furchtbare Erfahrungen belehrt, gingen die Roemer ueber zu einem verstaendigeren System der Kriegfuehrung, stellten nur erprobte Offiziere an die Spitze ihrer Armeen und liessen dieselben, wenigstens wo es not tat, auf laengere Zeit bei dem Kommando. Diese Feldherren sahen weder den feindlichen Bewegungen noch den Bergen herab zu, noch warfen sie sich auf den Gegner, wo sie ihn eben fanden, sondern, die rechte Mitte zwischen Zauderei und Vorschnelligkeit haltend, stellten sie in verschanzten Lagern, unter den Mauern der Festungen sich auf und nahmen den Kampf da an, wo der Sieg zu Resultaten, die Niederlage nicht zur Vernichtung fuehrte. Die Seele dieser neuen Kriegfuehrung war Marcus Claudius Marcellus. Mit richtigem Instinkt hatten nach dem unheilvollen Tag von Cannae Senat und Volk auf diesen tapferen und krieggewohnten Mann die Blicke gewandt und ihm zunaechst den faktischen Oberbefehl uebertragen. Er hatte in dem schwierigen Sizilischen Kriege gegen Hamilkar seine Schule gemacht und in den letzten Feldzuegen gegen die Kelten sein Fuehrertalent wie seine persoenliche Tapferkeit glaenzend bewaehrt. Obwohl ein hoher Fuenfziger, brannte er doch vom jugendlichsten Soldatenfeuer und hatte erst wenige Jahre zuvor als Feldherr den feindlichen Feldherrn vom Pferde gehauen - der erste und einzige roemische Konsul, dem eine solche Waffentat gelang. Sein Leben war den beiden Gottheiten geweiht, denen er den glaenzenden Doppeltempel am Capenischen Tore errichtete, der Ehre und der Tapferkeit; und wenn die Rettung Roms aus dieser hoechsten Gefahr nicht das Verdienst eines einzelnen ist, sondern der roemischen Buergerschaft insgemein und vorzugsweise dem Senat gebuehrt, so hat doch kein einzelner Mann bei dem gemeinsamen Bau mehr geschafft als Marcus Marcellus.
Vom Schlachtfeld hatte Hannibal sich nach Kampanien gewandt. Er kannte Rom besser als die naiven Leute, die in alter und neuer Zeit gemeint haben, dass er mit einem Marsch auf die feindliche Hauptstadt den Kampf haette beendigen koennen. Die heutige Kriegskunst zwar entscheidet den Krieg auf dem Schlachtfeld; allein in der alten Zeit, wo der Angriffskrieg gegen die Festungen weit minder entwickelt war als das Verteidigungssystem, ist unzaehlige Male der vollstaendigste Erfolg im Feld an den Mauern der Hauptstaedte zerschellt. Rat und Buergerschaft in Karthago waren weitaus nicht zu vergleichen mit Senat und Volk in Rom, Karthagos Gefahr nach Regulus’ erstem Feldzug unendlich dringender als die Roms nach der Schlacht bei Cannae; und Karthago hatte standgehalten und vollstaendig gesiegt. Mit welchem Schein konnte man meinen, dass Rom jetzt dem Sieger die Schluessel entgegentragen oder auch nur einen billigen Frieden annehmen werde? Statt also ueber solche leeren Demonstrationen moegliche und wichtige Erfolge zu verscherzen oder die Zeit zu verlieren mit der Belagerung der paar tausend roemischer Fluechtlinge in den Mauern von Canusium, hatte sich Hannibal sofort nach Capua begeben, bevor die Roemer Besatzung hineinwerfen konnten, und hatte durch sein Anruecken diese zweite Stadt Italiens nach langem Schwanken zum Uebertritt bestimmt. Er durfte hoffen, von Capua aus sich eines der kampanischen Haefen bemaechtigen zu koennen, um dort die Verstaerkungen an sich zu ziehen, welche seine grossartigen Siege der Opposition daheim abgerungen hatten. Als die Roemer erfuhren, wohin Hannibal sich gewendet habe, verliessen auch sie Apulien, wo nur eine schwache Abteilung zurueckblieb und sammelten die ihnen gebliebenen Streitkraefte auf dem rechten Ufer des Volturnus. Mit den zwei cannensischen Legionen marschierte Marcus Marcellus nach Teanum Sidicinum, wo er von Rom und Ostia die zunaechst verfuegbaren Truppen an sich zog, und ging, waehrend der Diktator Marcus Junius mit der schleunigst neu gebildeten Hauptarmee langsam nachfolgte, bis an den Volturnus nach Casilinum vor, um womoeglich Capua zu retten. Dies zwar fand er schon in der Gewalt des Feindes; dagegen waren dessen Versuche auf Neapel an dem mutigen Widerstand der Buergerschaft gescheitert, und die Roemer konnten noch rechtzeitig in den wichtigen Hafenplatz eine Besatzung werfen. Ebenso treu hielten zu Rom die beiden anderen groesseren Kuestenstaedte, Cumae und Nuceria. In Nola schwankte der Kampf zwischen der Volks- und der Senatspartei wegen des Anschlusses an die Karthager oder an die Roemer. Benachrichtigt, dass die erstere die Oberhand gewinne, ging Marcellus bei Caiatia ueber den Fluss und, an den Hoehen von Suessula hin um die feindliche Armee herum marschierend, erreichte er Nola frueh genug, um es gegen die aeusseren und die inneren Feinde zu behaupten. Ja bei einem Ausfall schlug er Hannibal selber mit namhaftem Verlust zurueck; ein Erfolg, der als die erste Niederlage, die Hannibal erlitt, moralisch von weit groesserer Bedeutung war als durch seine materiellen Resultate. Zwar wurden in Kampanien Nuceria, Acerrae und nach einer hartnaeckigen, bis ins folgende Jahr (539 215) sich hinziehenden Belagerung auch der Schluessel der Volturnuslinie, Casilinum, von Hannibal erobert und ueber die Senate dieser Staedte, die zu Rom gehalten hatten, die schwersten Blutgerichte verhaengt. Aber das Entsetzen macht schlechte Propaganda; es gelang den Roemern, mit verhaeltnismaessig geringer Einbusse den gefaehrlichen Moment der ersten Schwaeche zu ueberwinden. Der Krieg kam in Kampanien zum Stehen, bis der Winter einbrach und Hannibal in Capua Quartier nahm, durch dessen Ueppigkeit seine seit drei Jahren nicht unter Dach gekommenen Truppen keineswegs gewannen. Im naechsten Jahre (539 215) erhielt der Krieg schon ein anderes Ansehen. Der bewaehrte Feldherr Marcus Marcellus und Tiberius Sempronius Gracchus, der sich im vorjaehrigen Feldzug als Reiterfuehrer des Diktators ausgezeichnet hatte, ferner der alte Quintus Fabius Maximus traten, Marcellus als Prokonsul, die beiden andern als Konsuln, an die Spitze der drei roemische Heere, welche bestimmt waren, Capua und Hannibal zu umringen; Marcellus auf Nola und Suessula gestuetzt, Maximus am rechten Ufer des Volturnus bei Cales sich aufstellend, Gracchus an der Kueste, wo er Neapel und Cumae deckend bei Liternum Stellung nahm. Die Kampaner, welche nach Hamae, drei Miglien von Cumae, ausrueckten, um die Cumaner zu ueberrumpeln, wurden von Gracchus nachdruecklich geschlagen; Hannibal, der, um die Scharte auszuwetzen, vor Cumae erschienen war, zog selbst in einem Gefecht den kuerzeren, und kehrte, da die von ihm angebotene Hauptschlacht verweigert ward, unmutig nach Capua zurueck. Waehrend so die Roemer in Kampanien nicht bloss behaupteten, was sie besassen, sondern auch Compulteria und andere kleinere Plaetze wieder gewannen, erschollen von Hannibals oestlichen Verbuendeten laute Klagen. Ein roemisches Heer unter dem Praetor Marcus Valerius hatte bei Luceria sich aufgestellt, teils um in Gemeinschaft mit der roemischen Flotte die Ostkueste und die Bewegungen der Makedonier zu beobachten, teils um in Verbindung mit der Armee von Nola die aufstaendigen Samniten, Lucaner und Hirpiner zu brandschatzen. Um diesen Luft zu machen, wandte Hannibal zunaechst sich gegen seinen taetigsten Gegner Marcus Marcellus; allein derselbe erfocht unter den Mauern von Nola einen nicht unbedeutenden Sieg ueber die phoenikische Armee, und diese musste, ohne die Scharte wieder ausgewetzt zu haben, um den Fortschritten des feindlichen Heeres in Apulien endlich zu steuern, von Kampanien nach Arpi aufbrechen. Ihr folgte Tiberius Gracchus mit seinem Korps, waehrend die beiden anderen roemischen Heere in Kampanien sich anschickten, mit dem naechsten Fruehjahr zum Angriff auf Capua ueberzugehen.
Hannibals klaren Blick hatten die Siege nicht geblendet. Es ward immer deutlicher, dass er so nicht zum Ziele kam. Jene raschen Maersche, jenes fast abenteuerliche Hin- und Herwerfen des Krieges, denen Hannibal im wesentlichen seine Erfolge verdankte, waren zu Ende, der Feind gewitzigt, weitere Unternehmungen durch die unumgaengliche Verteidigung des Gewonnenen selbst fast unmoeglich gemacht. An die Offensive liess sich nicht denken, die Defensive war schwierig und drohte jaehrlich es mehr zu werden; er konnte es sich nicht verleugnen, dass die zweite Haelfte seines grossen Tagwerks, die Unterwerfung der Latiner und die Eroberung Roms, nicht mit seinen und der italischen Bundesgenossen Kraeften allein beendigt werden konnte. Die Vollendung stand bei dem Rat von Karthago, bei dem Hauptquartier in Cartagena, bei den Hoefen von Pella und Syrakus. Wenn in Afrika, Spanien, Sizilien, Makedonien jetzt alle Kraefte gemeinschaftlich angestrengt wurden gegen den gemeinschaftlichen Feind; wenn Unteritalien der grosse Sammelplatz ward fuer die Heere und Flotten von Westen, Sueden und Osten, so konnte er hoffen, gluecklich zu Ende zu fuehren, was die Vorhut unter seiner Leitung so glaenzend begonnen hatte. Das Natuerlichste und Leichteste waere gewesen, ihm von daheim genuegende Unterstuetzung zuzusenden; und der karthagische Staat, der vom Kriege fast unberuehrt geblieben und von einer auf eigene Rechnung und Gefahr handelnden kleinen Zahl entschlossener Patrioten aus tiefem Verfall dem vollen Sieg so nahe gefuehrt war, haette dies ohne Zweifel vermocht. Dass es moeglich gewesen waere, eine phoenikische Flotte von jeder beliebigen Staerke bei Lokri oder Kroton landen zu lassen, zumal solange, als der Hafen von Syrakus den Karthagern offenstand und durch Makedonien die brundisinische Flotte in Schach gehalten ward, beweist die ungehinderte Ausschiffung von 4000 Afrikanern, die Bomilkar dem Hannibal um diese Zeit von Karthago zufuehrte, in Lokri, und mehr noch Hannibals ungestoerte Ueberfahrt, als schon jenes alles verloren gegangen war. Allein nachdem der erste Eindruck des Sieges von Cannae sich verwischt hatte, wies die karthagische Friedenspartei, die zu allen Zeiten bereit war, den Sturz der politischen Gegner mit dem des Vaterlandes zu erkaufen, und die in der Kurzsichtigkeit und Laessigkeit der Buergerschaft treue Verbuendete fand, die Bitten des Feldherrn um nachdruecklichere Unterstuetzung ab mit der halb einfaeltigen, halb tueckischen Antwort, dass er ja keine Hilfe brauche, wofern er wirklich Sieger sei, und half so nicht viel weniger als der roemische Senat Rom erretten. Hannibal, im Lager erzogen und dem staedtischen Parteigetriebe fremd, fand keinen Volksfuehrer, auf den er sich haette stuetzen koennen wie sein Vater auf Hasdrubal, und musste die Mittel zur Rettung der Heimat, die diese selbst in reicher Fuelle besass, im Ausland suchen.
Hier durfte er, und wenigstens mit mehr Aussicht auf Erfolg, rechnen auf die Fuehrer des spanischen Patriotenheeres, auf die in Syrakus angeknuepften Verbindungen und auf Philippos’ Intervention. Es kam alles darauf an, von Spanien, Syrakus oder Makedonien neue Streitkraefte gegen Rom auf den italischen Kampfplatz zu fuehren; und um dies zu erreichen oder zu hindern, sind die Kriege in Spanien, Sizilien und Griechenland gefuehrt worden. Sie sind alle nur Mittel zum Zweck, und sehr mit Unrecht hat man sie oft hoeher angeschlagen. Fuer die Roemer sind es wesentlich Defensivkriege, deren eigentliche Aufgabe ist, die Pyrenaeenpaesse zu behaupten, die makedonische Armee in Griechenland festzuhalten, Messana zu verteidigen und die Verbindung zwischen Italien und Sizilien zu sperren; es versteht sich, dass diese Defensive womoeglich offensiv gefuehrt wird und im guenstigen Fall sich entwickelt zur Verdraengung der Phoeniker aus Spanien und Sizilien und zur Sprengung der Buendnisse Hannibals mit Syrakus und mit Philippos. Der italische Krieg an sich tritt zunaechst in den Hintergrund und loest sich auf in Festungskaempfe und Razzias, die in der Hauptsache nichts entscheiden. Allein Italien bleibt dennoch, solange die Phoeniker ueberhaupt die Offensive festhalten, stets das Ziel der Operationen, und alle Anstrengung wie alles Interesse knuepft sich daran, die Isolierung Hannibals im suedlichen Italien aufzuheben oder zu verewigen.
Waere es moeglich gewesen, unmittelbar nach der Cannensischen Schlacht alle die Hilfsmittel heranzuziehen, auf die Hannibal sich Rechnung machen durfte, so konnte er des Erfolges ziemlich gewiss sein. Allein in Spanien war Hasdrubals Lage eben damals nach der Schlacht am Ebro so bedenklich, dass die Leistungen von Geld und Mannschaft, zu denen der cannensische Sieg die karthagische Buergerschaft angespannt hatte, groesstenteils fuer Spanien verwendet wurden, ohne dass doch die Lage der Dinge dort dadurch viel besser geworden waere. Die Scipionen verlegten den Kriegsschauplatz im folgenden Feldzug (539 215) vom Ebro an den Guadalquivir und erfochten in Andalusien, mitten im eigentlich karthagischen Gebiet, bei Illiturgi und Intibili zwei glaenzende Siege. In Sardinien mit den Eingeborenen angeknuepfte Verbindungen liessen die Karthager hoffen, dass sie sich der Insel wuerden bemaechtigen koennen, die als Zwischenstation zwischen Spanien und Italien von Wichtigkeit gewesen waere. Indes Titus Manlius Torquatus, der mit einem roemischen Heer nach Sardinien gesendet ward, vernichtete die karthagische Landungsarmee vollstaendig und sicherte den Roemern aufs neue den unbestrittenen Besitz der Insel (539 215). Die nach Sizilien geschickten cannensischen Legionen behaupteten im Norden und Osten der Insel sich mutig und gluecklich gegen die Karthager und Hieronymos, welcher letztere schon gegen Ende des Jahres 539 (215) durch Moerderhand seinen Tod fand. Selbst mit Makedonien verzoegerte sich die Ratifikation des Buendnisses, hauptsaechlich weil die makedonischen an Hannibal gesendeten Boten auf der Rueckreise von den roemischen Kriegsschiffen aufgefangen wurden. So unterblieb vorlaeufig die gefuerchtete Invasion der Ostkueste, und die Roemer gewannen Zeit, die wichtigste Station Brundisium zuerst mit der Flotte, alsdann auch mit dem vor der Ankunft des Gracchus zur Deckung von Apulien verwendeten Landheer zu sichern und fuer den Fall der Kriegserklaerung einen Einfall in Makedonien selbst vorzubereiten. Waehrend also in Italien der Kampf zum Stehen und Stocken kam, war ausserhalb Italien karthagischerseits nichts geschehen, was neue Heere oder Flotten rasch nach Italien gefoerdert haette. Roemischerseits hatte man sich dagegen mit der groessten Energie ueberall in Verteidigungszustand gesetzt und in dieser Abwehr da, wo Hannibals Genie fehlte, groesstenteils mit Erfolg gefochten. Darueber verrauchte der kurzlebige Patriotismus, den der Cannensische Sieg in Karthago erweckt hatte; die nicht unbedeutenden Streitkraefte, welche man dort disponibel gemacht hatte, waren, sei es durch faktioese Opposition, sei es bloss durch ungeschickte Ausgleichung der verschiedenen, im Rat laut gewordenen Meinungen, so zersplittert worden, dass sie nirgend wesentlich foerderten und da, wo sie am nuetzlichsten gewesen waeren, eben der kleinste Teil hinkam. Am Ende des Jahres 539 (215) durfte auch der besonnene roemische Staatsmann sich sagen, dass die dringende Gefahr vorueber sei und die heldenmuetig begonnene Gegenwehr nur auf saemtlichen Punkten mit Anspannung aller Kraefte auszuharren habe, um zum Ziel zu gelangen.
Am ersten ging der Krieg in Sizilien zu Ende. Es hatte nicht zunaechst in Hannibals Plan gelegen, auf der Insel einen Kampf anzuspinnen, sondern halb zufaellig, hauptsaechlich durch die knabenhafte Eitelkeit des unverstaendigen Hieronymos war hier ein Landkrieg ausgebrochen, dessen, ohne Zweifel eben aus diesem Grunde, der karthagische Rat mit besonderem Eifer sich annahm. Nachdem Hieronymos zu Ende 539 (215) getoetet war, schien es mehr als zweifelhaft, ob die Buergerschaft bei der von ihm befolgten Politik verbleiben werde. Wenn irgend eine Stadt, so hatte Syrakus Ursache an Rom festzuhalten, da der Sieg der Karthager ueber die Roemer unzweifelhaft jenen wenigstens die Herrschaft ueber ganz Sizilien geben musste und an eine wirkliche Einhaltung der von Karthago den Syrakusanern gemachten Zusagen kein ernsthafter Mann glauben konnte. Teils hierdurch bewogen, teils geschreckt durch die drohenden Anstalten der Roemer, die alles aufboten, um die wichtige Insel, die Bruecke zwischen Italien und Afrika, wieder vollstaendig in ihre Gewalt zu bringen, und jetzt fuer den Feldzug 540 (214) ihren besten Feldherrn, den Marcus Marcellus nach Sizilien gesandt hatten, zeigte die syrakusanische Buergerschaft sich geneigt, durch rechtzeitige Rueckkehr zum roemischen Buendnis das Geschehene vergessen zu machen. Allein bei der entsetzlichen Verwirrung in der Stadt, wo nach Hieronymos’ Tode die Versuche zur Wiederherstellung der alten Volksfreiheit und die Handstreiche der zahlreichen Praetendenten auf den erledigten Thron wild durcheinander wogten, die Hauptleute der fremden Soeldnerscharen aber die eigentlichen Herren der Stadt waren, fanden Hannibals gewandte Emissaere Hippokrates und Epikydes Gelegenheit, die Friedensversuche zu vereiteln. Durch den Namen der Freiheit regten sie die Masse auf; masslos uebertriebene Schilderungen von der fuerchterlichen Bestrafung, die den soeben wieder unterworfenen Leontinern von den Roemern zuteil geworden sein sollte, erweckten auch in dem bessern Teil der Buergerschaft den Zweifel, ob es nicht zu spaet sei, um das alte Verhaeltnis mit Rom wiederherzustellen; unter den Soeldnern endlich wurden die zahlreichen roemischen Ueberlaeufer, meistens durchgegangene Ruderer von der Flotte, leicht ueberzeugt, dass der Friede der Buergerschaft mit Rom ihr Todesurteil sei. So wurden die Vorsteher der Buergerschaft erschlagen, der Waffenstillstand gebrochen und Hippokrates und Epikydes uebernahmen das Regiment der Stadt. Es blieb dem Konsul nichts uebrig, als zur Belagerung zu schreiten; indes die geschickte Leitung der Verteidigung, wobei der als gelehrter Mathematiker beruehmte syrakusanische Ingenieur Archimedes sich besonders hervortat, zwang die Roemer nach achtmonatlicher Belagerung, dieselbe in eine Blockade zu Wasser und zu Lande umzuwandeln. Mittlerweile war von Karthago aus, das bisher nur mit seinen Flotten die Syrakusaner unterstuetzt hatte, auf die Nachricht von der abermaligen Schilderhebung derselben gegen die Roemer ein starkes Landheer unter Himilko nach Sizilien gesendet worden, das ungehindert bei Herakleia Minoa landete und sofort die wichtige Stadt Akragas besetzte. Um dem Himilko die Hand zu reichen, rueckte der kuehne und faehige Hippokrates aus Syrakus mit einer Armee aus; Marcellus’ Lage zwischen der Besatzung von Syrakus und den beiden feindlichen Heeren fing an bedenklich zu werden. Indes mit Hilfe einiger Verstaerkungen, die von Italien eintrafen, behauptete er seine Stellung auf der Insel und setzte die Blockade von Syrakus fort. Dagegen trieb mehr noch als die feindlichen Armeen die fuerchterliche Strenge, mit der die Roemer auf der Insel verfuhren, namentlich die Niedermetzelung der des Abfalls verdaechtigen Buergerschaft von Enna durch die roemische Besatzung daselbst, den groessten Teil der kleinen Landstaedte den Karthagern in die Arme. Im Jahre 542 (212) gelang es den Belagerern von Syrakus waehrend eines Festes in der Stadt, einen von den Wachen verlassenen Teil der weitlaeuftigen Aussenmauern zu ersteigen und in die Vorstaedte einzudringen, die von der Insel und der eigentlichen Stadt am Strande (Achradina) sich gegen das innere Land hin erstreckten. Die Festung Euryalos, die, am aeussersten westlichen Ende der Vorstaedte gelegen, diese und die vom Binnenland nach Syrakus fuehrende Hauptstrasse deckte, war hiermit abgeschnitten und fiel nicht lange nachher. Als so die Belagerung der Stadt eine den Roemern guenstige Wendung zu nehmen begann, rueckten die beiden Heere unter Himilko und Hippokrates zum Entsatz heran und versuchten einen gleichzeitigen, ueberdies noch mit einem Landungsversuch der karthagischen Flotte und einem Ausfall der syrakusanischen Besatzung kombinierten Angriff auf die roemischen Stellungen; allein er ward allerseits abgeschlagen, und die beiden Entsatzheere mussten sich begnuegen, vor der Stadt ihr Lager aufzuschlagen, in den sumpfigen Niederringen des Anapos, die im Hochsommer und im Herbst den darin Verweilenden toedliche Seuchen erzeugen. Oft hatten diese die Stadt gerettet, oefter als die Tapferkeit der Buerger; zu den Zeiten des ersten Dionys waren zwei phoenikische Heere, damals die Stadt belagernd, unter ihren Mauern durch diese Seuchen vernichtet worden. Jetzt wendete der Stadt das Schicksal die eigene Schutzwehr zum Verderben; waehrend Marcellus’ Heer, in den Vorstaedten einquartiert, nur wenig litt, veroedeten die Fieber die phoenikischen und syrakusanischen Biwaks. Hippokrates starb, desgleichen Himilko und die meisten Afrikaner; die Ueberbleibsel der beiden Heere, groesstenteils eingeborene Sikeler, verliefen sich in die benachbarten Staedte. Noch machten die Karthager einen Versuch, die Stadt von der Seeseite zu retten; allein der Admiral Bomilkar entwich, als die roemische Flotte ihm die Schlacht anbot. Jetzt gab selbst Epikydes, der in der Stadt befehligte, dieselbe verloren und entrann nach Akragas. Gern haette Syrakus sich den Roemern ergeben; die Verhandlungen hatten schon begonnen. Allein zum zweitenmal scheiterten sie an den Ueberlaeufern; in einer abermaligen Meuterei der Soldaten wurden die Vorsteher der Buergerschaft und eine Anzahl angesehener Buerger erschlagen und das Regiment und die Verteidigung der Stadt von den fremden Truppen ihren Hauptleuten uebertragen. Nun knuepfte Marcellus mit einem von diesen eine Unterhandlung an, die ihm den einen der beiden noch freien Stadtteile, die Insel, in die Haende lieferte; worauf die Buergerschaft ihm freiwillig auch die Tore von Achradina auftat (Herbst 542 212). Wenn irgendwo, haette gegen diese Stadt, die offenbar nicht in ihrer eigenen Gewalt gewesen war und mehrfach die ernstlichsten Versuche gemacht hatte, sich der Tyrannei des fremden Militaers zu entziehen, selbst nach den nicht loeblichen Grundsaetzen des roemischen Staatsrechts ueber die Behandlung bundbruechiger Gemeinden die Gnade walten koennen. Allein nicht bloss beflecke Marcellus seine Kriegerehre durch die Gestattung einer allgemeinen Pluenderung der reichen Kaufstadt, bei der mit zahlreichen anderen Buergern auch Archimedes den Tod fand, sondern es hatte auch der roemische Senat kein Ohr fuer die verspaeteten Beschwerden der Syrakusaner ueber den gefeierten Feldherrn und gab weder den einzelnen die Beute zurueck noch der Stadt ihre Freiheit. Syrakus und die frueher von ihm abhaengigen Staedte traten unter die den Roemern steuerpflichtigen Gemeinden ein - nur Tauromenion und Neeton erhielten das Recht von Messana, waehrend die leontinische Mark roemische Domaene und die bisherigen Eigentuemer roemische Paechter wurden -, und in dem den Hafen beherrschenden Stadtteil, der “Insel”, durfte fortan kein syrakusanischer Buerger wohnen.
Sizilien schien also fuer die Karthager verloren; allein Hannibals Genie war auch hier aus der Ferne taetig. Er sandte zu dem karthagischen Heer, das unter Hanno und Epikydes rat- und tatlos bei Akragas stand, einen libyschen Reiteroffizier, den Muttines, der den Befehl der numidischen Reiterei uebernahm und mit seinen fluechtigen Scharen den bitteren Hass, den die roemische Zwingherrschaft auf der ganzen Insel gesaet hatte, zu offener Flamme anfachend, einen Guerillakrieg in der weitesten Ausdehnung und mit dem gluecklichsten Erfolg begann, ja sogar, als am Himerafluss die karthagische und roemische Armee aufeinandertrafen, gegen Marcellus selbst mit Glueck einige Gefechte bestand. Indes das Verhaeltnis, das zwischen Hannibal und dem karthagischen Rat obwaltete, wiederholte hier sich im kleinen. Der vom Rat bestellte Feldherr verfolgte mit eifersuechtigem Neid den von Hannibal gesandten Offizier und bestand darauf, dem Prokonsul eine Schlacht zu liefern ohne Muttines und die Numidier. Hannos Wille geschah und er ward vollstaendig geschlagen. Muttines liess sich dadurch nicht irren; er behauptete sich im Innern des Landes, besetzte mehrere kleine Staedte und konnte, da von Karthago nicht unbetraechtliche Verstaerkungen ihm zukamen, seine Operationen allmaehlich ausdehnen. Seine Erfolge waren so glaenzend, dass endlich der Oberfeldherr, da er den Reiteroffizier nicht anders hindern konnte, ihn zu verdunkeln, demselben kurzweg das Kommando ueber die leichte Reiterei abnahm und es seinem Sohn uebertrug. Der Numidier, der nun seit zwei Jahren seinen phoenikischen Herren die Insel erhalten hatte, fand hiermit das Mass seiner Geduld erschoepft; er und seine Reiter, die dem juengeren Hanno zu folgen sich weigerten, traten in Unterhandlungen mit dem roemischen Feldherrn Marcus Valerius Laevinus und lieferten ihm Akragas aus. Hanno entwich in einem Nachen und ging nach Karthago, um den schaendlichen Vaterlandsverrat des hannibalischen Offiziers den Seinen zu berichten; die phoenikische Besatzung in der Stadt ward von den Roemern niedergemacht und die Buergerschaft in die Sklaverei verkauft (544 210). Zur Sicherung der Insel vor aehnlichen Ueberfaellen, wie die Landung von 540 (214) gewesen war, erhielt die Stadt eine neue, aus den roemisch gesinnten Sizilianern ausgelesene Einwohnerschaft; die alte herrliche Akragas war gewesen. Nachdem also ganz Sizilien unterworfen war, ward roemischerseits dafuer gesorgt, dass einige Ruhe und Ordnung auf die zerruettete Insel zurueckkehrte. Man trieb das Raeubergesindel, das im Innern hauste, in Masse zusammen und schaffte es hinueber nach Italien, um von Rhegion aus in Hannibals Bundesgenossengebiet zu sengen und zu brennen; die Regierung tat ihr Moegliches, um den gaenzlich darniederliegenden Ackerbau wieder auf der Insel in Aufnahme zu bringen. Im karthagischen Rat war wohl noch oefter die Rede davon, eine Flotte nach Sizilien zu senden und den Krieg zu erneuern; allein es blieb bei Entwuerfen.
Entscheidender als Syrakus haette Makedonien in den Gang der Ereignisse eingreifen koennen. Von den oestlichen Maechten war fuer den Augenblick weder Foerderung noch Hinderung zu erwarten. Antiochos der Grosse, Philippos’ natuerlicher Bundesgenosse, hatte nach dem entscheidenden Siege der Aegypter bei Raphia 537 (217) sich gluecklich schaetzen muessen, von dem schlaffen Philopator Frieden auf Basis des Status quo ante zu erhalten; teils die Rivalitaet der Lagiden und der stets drohende Wiederausbruch des Krieges, teils Praetendentenaufstaende im Innern und Unternehmungen aller Art in Kleinasien, Baktrien und den oestlichen Satrapien hinderten ihn, jener grossen antiroemische Allianz sich anzuschliessen, wie Hannibal sie im Sinne trug. Der aegyptische Hof stand entschieden auf der Seite Roms, mit dem er das Buendnis 544 (210) erneuerte; allein es war von Ptolemaeos Philopator nicht zu erwarten, dass er Rom anders als durch Kornschiffe unterstuetzen werde. In den grossen italischen Kampf ein entscheidendes Gewicht zu werfen, waren somit Makedonien und Griechenland durch nichts gehindert als durch die eigene Zwietracht; sie konnten den hellenischen Namen retten, wenn sie es ueber sich gewannen, nur fuer wenige Jahre gegen den gemeinschaftlichen Feind zusammenzustehen. Wohl gingen solche Stimmungen durch Griechenland. Des Agelaos von Naupaktos prophetisches Wort, dass er fuerchte, es moege mit den Kampfspielen, die jetzt die Hellenen unter sich auffuehrten, demnaechst vorbei sein; seine ernste Mahnung, nach Westen die Blicke zu richten und nicht zuzulassen, dass eine staerkere Macht allen jetzt streitenden Parteien den Frieden des gleichen Joches bringe - diese Reden hatten wesentlich dazu beigetragen, den Frieden zwischen Philippos und den Aetolern herbeizufuehren (537 217), und fuer dessen Tendenz war es bezeichnend, dass der aetolische Bund sofort eben den Agelaos zu seinem Strategen ernannte. Der nationale Patriotismus regte sich in Griechenland wie in Karthago; einen Augenblick schien es moeglich, einen hellenischen Volkskrieg gegen Rom zu entfachen. Allein der Feldherr eines solchen Heerzuges konnte nur Philippos von Makedonien sein und ihm fehlte die Begeisterung und der Glaube an die Nation, womit ein solcher Krieg allein gefuehrt werden konnte. Er verstand die schwierige Aufgabe nicht, sich aus dem Unterdruecker in den Vorfechter Griechenlands umzuwandeln. Schon sein Zaudern bei dem Abschluss des Buendnisses mit Hannibal verdarb den ersten und besten Eifer der griechischen Patrioten; und als er dann in den Kampf gegen Rom eintrat, war die Art der Kriegfuehrung noch weniger geeignet, Sympathie und Zuversicht zu erwecken. Gleich der erste Versuch, der schon im Jahre der cannensischen Schlacht (538 216) gemacht ward, sich der Stadt Apollonia zu bemaechtigen, scheiterte in einer fast laecherlichen Weise, indem Philippos schleunigst umkehrte auf das gaenzlich unbegruendete Geruecht, dass eine roemische Flotte in das Adriatische Meer steuere. Dies geschah, noch ehe es zum foermlichen Bruch mit Rom kam; als dieser endlich erfolgt war, erwarteten Freund und Feind eine makedonische Landung in Unteritalien. Seit 539 (215) standen bei Brundisium eine roemische Flotte und ein roemisches Heer, um derselben zu begegnen; Philippos, der ohne Kriegsschiffe war, zimmerte an einer Flottille von leichten illyrischen Barken, um sein Heer hinueberzufuehren. Allein als es Ernst werden sollte, entsank ihm der Mut, den gefuerchteten Fuenfdeckern zur See zu begegnen; er brach das seinem Bundesgenossen Hannibal gegebene Versprechen, einen Landungsversuch zu machen, und um doch etwas zu tun, entschloss er sich, auf seinen Teil der Beute, die roemischen Besitzungen in Epeiros, einen Angriff zu machen (540 214). Im besten Falle waere dabei nichts herausgekommen; allein die Roemer, die wohl wussten, dass die offensive Deckung vorzueglicher ist als die defensive, begnuegten sich keineswegs, wie Philippos gehofft haben mochte, dem Angriff vom andern Ufer her zuzusehen. Die roemische Flotte fuehrte eine Heerabteilung von Brundisium nach Epeiros; Orikon ward dem Koenig wieder abgenommen, nach Apollonia Besatzung geworfen und das makedonische Lager erstuermt, worauf Philippos vom halben Tun zur voelligen Untaetigkeit ueberging und einige Jahre in tatenlosem Kriegszustand verstreichen liess, trotz aller Beschwerden Hannibals, der umsonst solcher Lahmheit und Kurzsichtigkeit sein Feuer und seine Klarheit einzuhauchen versuchte. Auch war es nicht Philippos, der dann die Feindseligkeiten erneuerte. Der Fall von Tarent (542 212), womit Hannibal einen vortrefflichen Hafen an denjenigen Kuesten gewann, die zunaechst sich zur Landung eines makedonischen Heeres eigneten, veranlasste die Roemer, den Schlag von weitem zu parieren und den Makedoniern daheim so viel zu schaffen zu machen, dass sie an einen Versuch auf Italien nicht denken konnten. In Griechenland war der nationale Aufschwung natuerlich laengst verraucht. Mit Hilfe der alten Opposition gegen Makedonien und der neuen Unvorsichtigkeiten und Ungerechtigkeiten, die Philippos sich hatte zu Schulden kommen lassen, fiel es dem roemischen Admiral Laevinus nicht schwer, gegen Makedonien eine Koalition der Mittel- und Kleinmaechte unter roemischem Schutz zustande zu bringen. An der Spitze derselben standen die Aetoler, auf deren Landtag Laevinus selber erschienen war und sie durch Zusicherung des seit langem von ihnen begehrten akarnanischen Gebiets gewonnen hatte. Sie schlossen mit Rom den ehrbaren Vertrag die uebrigen Hellenen auf gemeinschaftliche Rechnung an Land und Leuten zu pluendern, so dass das Land den Aetolern, die Leute und die fahrende Habe den Roemern gehoeren sollten. Ihnen schlossen sich im eigentlichen Griechenland die antimakedonisch oder vielmehr zunaechst antiachaeisch gesinnten Staaten an: in Attika Athen, im Peloponnes Elis und Messene, besonders aber Sparta, dessen altersschwache Verfassung eben um diese Zeit ein dreister Soldat Machanidas ueber den Haufen geworfen hatte, um unter dem Namen des unmuendigen Koenigs Pelops selbst despotisch zu regieren und ein auf gedungene Soeldnerscharen gestuetztes Abenteurerregiment zu begruenden. Es traten ferner hinzu die ewigen Gegner Makedoniens, die Haeuptlinge der halb wilden thrakischen und illyrischen Staemme und endlich Koenig Attalos von Pergamon, der in dem Ruin der beiden griechischen Grossstaaten, die ihn einschlossen, den eigenen Vorteil mit Einsicht und Energie verfolgte und scharfsichtig genug war, sich der roemischen Klientel schon jetzt anzuschliessen, wo seine Teilnahme noch etwas wert war. Es ist weder erfreulich noch erforderlich, den Wechselfaellen dieses ziellosen Kampfes zu folgen. Philippos, obwohl er jedem einzelnen seiner Gegner ueberlegen war und nach allen Seiten hin die Angriffe mit Energie und persoenlicher Tapferkeit zurueckwies, rieb sich dennoch auf in dieser heillosen Defensive. Bald galt es, sich gegen die Aetoler zu wenden, die in Gemeinschaft mit der roemischen Flotte die ungluecklichen Akarnanen vernichteten und Lokris und Thessalien bedrohten; bald rief ihn ein Einfall der Barbaren in die noerdlichen Landschaften; bald sandten die Achaeer um Hilfe gegen die aetolischen und spartanischen Raubzuege; bald bedrohten Koenig Attalos von Pergamon und der roemische Admiral Publius Sulpicius mit ihren vereinigten Flotten die oestliche Kueste oder setzten Truppen ans Land in Euboea. Der Mangel einer Kriegsflotte laehmte Philippos in allen seinen Bewegungen; es kam so weit, dass er von seinem Bundesgenossen Prusias in Bithymen, ja von Hannibal Kriegsschiffe erbat. Erst gegen das Ende des Krieges entschloss er sich zu dem, womit er haette anfangen muessen, hundert Kriegsschiffe bauen zu lassen; Gebrauch ist indes von denselben nicht mehr gemacht worden, wenn ueberhaupt der Befehl zur Ausfuehrung kam. Alle, die Griechenlands Lage begriffen und ein Herz dafuer hatten, beklagten den unseligen Krieg, in dem Griechenlands letzte Kraefte sich selbst zerfleischten und der Wohlstand des Landes zugrunde ging; wiederholt hatten die Handelsstaaten Rhodos, Chios, Mytilene, Byzanz, Athen, ja selbst Aegypten versucht zu vermitteln. In der Tat lag es beiden Parteien nahe genug, sich zu vertragen. Wie die Makedonier hatten auch die Aetoler, auf die es von den roemischen Bundesgenossen hauptsaechlich ankam, viel unter dem Krieg zu leiden; besonders seit der kleine Koenig der Athamanen von Philippos gewonnen worden und dadurch das innere Aetolien den makedonischen Einfaellen geoeffnet war. Auch von ihnen gingen allmaehlich manchem die Augen auf ueber die ehrlose und verderbliche Rolle, zu der sie das roemische Buendnis verurteilte; es ging ein Schrei der Empoerung durch die ganze griechische Nation, als die Aetoler in Gemeinschaft mit den Roemern hellenische Buergerschaften, wie die von Antikyra, Oreos, Dyme, Aegina, in Masse in die Sklaverei verkauften. Allein die Aetoler waren schon nicht mehr frei: sie wagten viel, wenn sie auf eigene Hand mit Philippos Frieden schlossen, und fanden die Roemer keineswegs geneigt, zumal bei der guenstigen Wendung der Dinge in Spanien und in Italien, von einem Kriege abzustehen, den sie ihrerseits bloss mit einigen Schiffen fuehrten und dessen Last und Nachteil wesentlich auf die Aetoler fiel. Endlich entschlossen diese sich doch, den vermittelnden Staedten Gehoer zu geben; trotz der Gegenbestrebungen der Roemer kam im Winter 548/49 (206/05) ein Friede zwischen den griechischen Maechten zustande. Aetolien hatte einen uebermaechtigen Bundesgenossen in einen gefaehrlichen Feind verwandelt; indes es schien dem roemischen Senat, der eben damals die Kraefte des erschoepften Staates zu der entscheidenden afrikanischen Expedition aufbot, nicht der geeignete Augenblick, den Bruch des Buendnisses zu ahnden. Selbst den Krieg mit Philippos, den nach dem Ruecktritt der Aetoler die Roemer nicht ohne bedeutende eigene Anstrengungen haetten fuehren koennen, erschien es zweckmaessig, durch einen Frieden zu beendigen, durch den der Zustand vor dem Kriege im wesentlichen wiederhergestellt ward und namentlich Rom mit Ausnahme des wertlosen atintanischen Gebiets seine saemtlichen Besitzungen an der epeirotischen Kueste behielt. Unter den Umstaenden musste Philippos sich noch gluecklich schaetzen, solche Bedingungen zu erhalten; allein es war damit ausgesprochen, was sich freilich nicht laenger verbergen liess, dass all das unsaegliche Elend, welches die zehn Jahre eines mit widerwaertiger Unmenschlichkeit gefuehrten Krieges ueber Griechenland gebracht hatten, nutzlos erduldet, und dass die grossartige und richtige Kombination, die Hannibal entworfen und ganz Griechenland einen Augenblick geteilt hatte, unwiederbringlich gescheitert war.
In Spanien, wo der Geist Hamilkars und Hannibals maechtig war, war der Kampf ernster. Er bewegt sich in seltsamen Wechselfaellen, wie die eigentuemliche Beschaffenheit des Landes und die Sitte des Volkes sie mit sich bringen. Die Bauern und Hirten, die in dem schoenen Ebrotal und dem ueppig fruchtbaren Andalusien wie in dem rauhen von zahlreichen Waldgebirgen durchschnittenen Hochland zwischen jenem und diesem wohnten, waren ebenso leicht als bewaffneter Landsturm zusammenzutreiben wie schwer gegen den Feind zu fuehren und ueberhaupt nur zusammenzuhalten. Die Staedte waren ebensowenig zu festem und gemeinschaftlichem Handeln zu vereinigen, so hartnaeckig jede einzelne Buergerschaft hinter ihren Waellen dem Draenger Trotz bot. Sie alle scheinen zwischen den Roemern und den Karthagern wenig Unterschied gemacht zu haben; ob die laestigen Gaeste, die sich im Ebrotal, oder die, welche am Guadalquivir sich festgesetzt hatten, ein groesseres oder kleineres Stueck der Halbinsel besassen, mag den Eingeborenen ziemlich gleichgueltig gewesen sein, weshalb von der eigentuemlich spanischen Zaehigkeit im Parteinehmen mit einzelnen Ausnahmen, wie Sagunt auf roemischer, Astapa auf karthagischer Seite, in diesem Krieg wenig hervortritt. Dennoch ward der Krieg von beiden Seiten, da weder die Roemer noch die Afrikaner hinreichende eigene Mannschaft mit sich gefuehrt hatten, notwendig zum Propagandakrieg, in dem selten festgegruendete Anhaenglichkeit, gewoehnlich Furcht, Geld oder Zufall entschied, und der, wenn er zu Ende schien, sich in einen endlosen Festungs- und Guerillakrieg aufloeste, um bald aus der Asche wieder aufzulodern. Die Armeen erscheinen und verschwinden wie die Duenen am Strand; wo gestern ein Berg stand, findet man heute seine Spur nicht mehr. Im allgemeinen ist das Uebergewicht auf Seiten der Roemer, teils weil sie in Spanien zunaechst wohl auftraten als Befreier des Landes von der phoenikischen Zwingherrschaft, teils durch die glueckliche Wahl ihrer Fuehrer und durch den staerkeren Kern mitgebrachter zuverlaessiger Truppen; doch ist es bei unserer sehr unvollkommenen und namentlich in der Zeitrechnung tiefzerruetteten Ueberlieferung nicht wohl moeglich, von einem also gefuehrten Kriege eine befriedigende Darstellung zu geben.
Die beiden Statthalter der Roemer auf der Halbinsel, Gnaeus und Publius Scipio, beide, namentlich Gnaeus, gute Generale und vortreffliche Verwalter, vollzogen ihre Aufgabe mit dem glaenzendsten Erfolg. Nicht bloss war der Riegel der Pyrenaeen durchstehend behauptet und der Versuch, die gesprengte Landverbindung zwischen dem feindlichen Oberfeldherrn und seinem Hauptquartier wiederherzustellen, blutig zurueckgewiesen worden, nicht bloss in Tarraco durch umfassende Festungswerke und Hafenanlagen nach dem Muster des spanischen Neukarthago ein spanisches Neurom erschaffen, sondern es hatten auch die roemischen Heere schon 539 (215) in Andalusien mit Glueck gefochten. Der Zug dorthin ward das Jahr darauf (540 214) mit noch groesserem Erfolg wiederholt; die Roemer trugen ihre Waffen fast bis zu den Saeulen des Herakles, breiteten ihre Klientel im suedlichen Spanien aus und sicherten endlich durch die Wiedergewinnung und Wiederherstellung von Sagunt sich eine wichtige Station auf der Linie vom Ebro nach Cartagena, indem sie zugleich eine alte Schuld der Nation soweit moeglich bezahlten. Waehrend die Scipionen so die Karthager aus Spanien fast verdraengten, wussten sie ihnen im westlichen Afrika selbst einen gefaehrlichen Feind zu erwecken an dem maechtigen westafrikanischen Fuersten Syphax in den heutigen Provinzen Oran und Algier, welcher mit den Roemern in Verbindung trat (um 541 213). Waere es moeglich gewesen, ein roemisches Heer ihm zuzufuehren, so haette man auf grosse Erfolge hoffen duerfen; allein in Italien konnte man eben damals keinen Mann entbehren und das spanische Heer war zu schwach, um sich zu teilen. Indes schon Syphax’ eigene Truppen, geschult und gefuehrt von roemischen Offizieren, erregten unter den libyschen Untertanen Karthagos so ernstliche Gaerung, dass der stellvertretende Oberkommandant von Spanien und Afrika, Hasdrubal Barkas, selbst mit dem Kern der spanischen Truppen nach Afrika ging. Vermutlich durch ihn trat dort eine Wendung ein; der Koenig Gala in der heutigen Provinz Constantine, seit langem der Rival des Syphax, erklaerte sich fuer Karthago, und sein tapferer Sohn Massinissa schlug den Syphax und noetigte ihn zum Frieden. Ueberliefert ist uebrigens von diesem libyschen Krieg wenig mehr als die Erzaehlung der grausamen Rache, die Karthago, wie es pflegte, nach Massinissas Siege an den Aufstaendischen nahm.
Diese Wendung der Dinge in Afrika ward auch folgenreich fuer den spanischen Krieg. Hasdrubal konnte abermals nach Spanien sich wenden (543 211), wohin bald betraechtliche Verstaerkungen und Massinissa selbst ihm folgten. Die Scipionen, die waehrend der Abwesenheit des feindlichen Oberfeldherrn (541 542 213 212) im karthagischen Gebiet Beute und Propaganda zu machen fortgefahren hatten, sahen sich unerwartet von so ueberlegenen Streitkraeften angegriffen, dass sie entweder hinter den Ebro zurueckweichen oder die Spanier aufbieten mussten. Sie waehlten das letztere und nahmen 20000 Keltiberer in Sold, worauf sie dann, um den drei feindlichen Armeen unter Hasdrubal Barkas, Hasdrubal Gisgons Sohn, und Mago besser zu begegnen, ihr Heer teilten und nicht einmal ihre roemischen Truppen zusammenhielten. Damit bereiteten sie sich den Untergang. Waehrend Gnaeus mit seinem Korps, einem Drittel der roemischen und den saemtlichen spanischen Truppen, Hasdrubal Barkas gegenueber lagerte, bestimmte dieser ohne Muehe durch eine Summe Geldes die Spanier im roemischen Heere zum Abzuge, was ihnen nach ihrer Landsknechtmoral vielleicht nicht einmal als Treubruch erschien, da sie ja nicht zu den Feinden ihres Soldherrn ueberliefen. Dem roemischen Feldherrn blieb nichts uebrig, als in moeglichster Eile seinen Rueckzug zu beginnen, wobei der Feind ihm auf dem Fusse folgte. Mittlerweile sah sich das zweite roemische Korps unter Publius von den beiden anderen phoenikischen Armeen unter Hasdrubal Gisgons Sohn und Mago lebhaft angegriffen, und Massinissas kecke Reiterscharen setzten die Karthager in entschiedenen Vorteil. Schon war das roemische Lager fast eingeschlossen; wenn noch die bereits im Anzuge begriffenen spanischen Hilfstruppen eintrafen, waren die Roemer vollstaendig umzingelt. Der kuehne Entschluss des Prokonsuls, mit seinen besten Truppen den Spaniern entgegenzugehen, bevor deren Erscheinen die Luecke in der Blockade fuellte, endigte nicht gluecklich. Die Roemer waren wohl anfangs im Vorteil; allein die numidischen Reiter, die den Ausfallenden rasch waren nachgesandt worden, erreichten sie bald und hemmten sowohl die Verfolgung des halb schon erfochtenen Sieges, als auch den Rueckmarsch, bis dass die phoenikische Infanterie herankam und endlich der Fall des Feldherrn die verlorene Schlacht in eine Niederlage verwandelte. Nachdem Publius also erlegen war, fand Gnaeus, der langsam zurueckweichend sich des einen karthagischen Heeres muehsam erwehrt hatte, ploetzlich von dreien zugleich sich angefallen und durch die numidische Reiterei jeden Rueckzug sich abgeschnitten. Auf einen nackten Huegel gedraengt, der nicht einmal die Moeglichkeit bot, ein Lager zu schlagen, wurde das ganze Korps niedergehauen oder kriegsgefangen; von dem Feldherrn selbst ward nie wieder sichere Kunde vernommen. Eine kleine Abteilung allein rettete ein trefflicher Offizier aus Gnaeus’ Schule, Gaius Marcius, hinueber auf das andere Ufer des Ebro und ebendahin gelang es dem Legaten Titus Fonteius, den von dem Korps des Publius im Lager gebliebenen Teil in Sicherheit zu bringen; sogar die meisten im suedlichen Spanien zerstreuten roemischen Besatzungen vermochten sich dorthin zu fluechten. Bis zum Ebro herrschten die Phoeniker in ganz Spanien ungestoert und der Augenblick schien nicht fern, wo der Fluss ueberschritten, die Pyrenaeen frei und die Verbindung mit Italien hergestellt sein wuerde. Da fuehrte die Not im roemischen Lager den rechten Mann an die Spitze. Die Wahl der Soldaten berief mit Umgehung aelterer, nicht untuechtiger Offiziere zum Fuehrer des Heeres jenen Gaius Marcius, und seine gewandte Leitung und vielleicht ebenso sehr der Neid und Hader unter den drei karthagischen Feldherren entrissen diesen die weiteren Fruechte des wichtigen Sieges. Was von den Karthagern den Fluss ueberschritten, wurde zurueckgeworfen und zunaechst die Ebrolinie behauptet, bis Rom Zeit gewann, ein neues Heer und einen neuen Feldherrn zu senden. Zum Glueck gestattete dies die Wendung des Krieges in Italien, wo soeben Capua gefallen war; es kam eine starke Legion - 12000 Mann - unter dem Propraetor Gaius Claudius Nero, die das Gleichgewicht der Waffen wieder herstellte. Eine Expedition nach Andalusien im folgenden Jahr (544 210) hatte den besten Erfolg; Hasdrubal Barkas ward umstellt und eingeschlossen und entrann der Kapitulation nur durch unfeine List und offenen Wortbruch. Allein Nero war der rechte Feldherr nicht fuer den Spanischen Krieg. Er war ein tuechtiger Offizier, aber ein harter auffahrender unpopulaerer Mann, wenig geschickt, die alten Verbindungen wieder anzuknuepfen und neue einzuleiten und Vorteil zu ziehen aus der Unbill und dem Uebermut, womit die Punier nach dem Tode der Scipionen Freund und Feind im Jenseitigen Spanien behandelt und alle gegen sich erbittert hatten. Der Senat, der die Bedeutung und die Eigentuemlichkeit des Spanischen Krieges richtig beurteilte und durch die von der roemischen Flotte gefangen eingebrachten Uticenser von den grossen Anstrengungen erfahren hatte, die man in Karthago machte, um Hasdrubal und Massinissa mit einem starken Heer ueber die Pyrenaeen zu senden, beschloss, nach Spanien neue Verstaerkungen zu schicken und einen ausserordentlichen Feldherrn hoeheren Ranges, dessen Ernennung man dem Volke anheimzugeben fuer gut fand. Lange Zeit - so lautet der Bericht - meldete sich niemand zur Uebernahme des verwickelten und gefaehrlichen Geschaefts, bis endlich ein junger siebenundzwanzigjaehriger Offizier, Publius Scipio, der Sohn des in Spanien gefallenen gleichnamigen Generals, gewesener Kriegstribun und Aedil, als Bewerber auftrat. Es ist ebenso unglaublich, dass der roemische Senat in diesen von ihm veranlassten Komitien eine Wahl von solchem Belang dem Zufall anheimgestellt haben sollte, als dass Ehrgeiz und Vaterlandsliebe in Rom so ausgestorben gewesen, dass fuer den wichtigen Posten kein versuchter Offizier sich angeboten haette. Wenn dagegen die Blicke des Senats sich wandten auf den jungen talentvollen und erprobten Offizier, der in den heissen Tagen am Ticinus und bei Cannae sich glaenzend ausgezeichnet hatte, dem aber noch der erforderliche Rang abging, um als Nachfolger von gewesenen Praetoren und Konsuln aufzutreten, so war es sehr natuerlich, diesen Weg einzuschlagen, der das Volk auf gute Art noetigte, den einzigen Bewerber trotz seiner mangelnden Qualifikation zuzulassen und zugleich ihn und die ohne Zweifel sehr unpopulaere spanische Expedition bei der Menge beliebt machen musste. War der Effekt dieser angeblich improvisierten Kandidatur berechnet, so gelang er vollstaendig. Der Sohn, der den Tod des Vaters zu raechen ging, dem er neun Jahre zuvor am Ticinus das Leben gerettet hatte, der maennlich schoene junge Mann mit den langen Locken, der bescheiden erroetend in Ermangelung eines Besseren sich darbot fuer den Posten der Gefahr, der einfache Kriegstribun, den nun auf einmal die Stimmen der Zenturien zu der hoechsten Amtstaffel erhoben - das alles machte auf die roemischen Buerger und Bauern einen wunderbaren und unausloeschlichen Eindruck. Und in der Tat, Publius Scipio war eine begeisterte und begeisternde Natur. Er ist keiner jener wenigen, die mit ihrem eisernen Willen die Welt auf Jahrhunderte hinaus durch Menschenkraft in neue Gleise zwingen; oder die doch auf Jahre dem Schicksal in die Zuegel fallen, bis die Raeder ueber sie hinrollen. Publius Scipio hat im Auftrag des Senats Schlachten gewonnen und Laender eroberter hat mit Hilfe seiner militaerischen Lorbeeren auch als Staatsmann in Rom eine hervorragende Stellung eingenommen; aber es ist weit von da bis zu Alexander und Caesar. Als Offizier ist er seinem Vaterlande wenigstens nicht mehr gewesen als Marcus Marcellus, und politisch hat er, wenn auch vielleicht ohne seiner unpatriotischen und persoenlichen Politik sich deutlich bewusst zu sein, seinem Lande mindestens ebensoviel geschadet, als er ihm durch seine Feldherrngaben genutzt hat. Dennoch ruht ein besonderer Zauber auf dieser anmutigen Heldengestalt; von der heiteren und sicheren Begeisterung, die Scipio halb glaeubig halb geschickt vor sich hertrug, ist sie durchaus wie von einer blendenden Aureole umflossen. Mit gerade genug Schwaermerei, um die Herzen zu erwaermen, und genug Berechnung, um das Verstaendige ueberall entscheiden und das Gemeine nicht aus dem Ansatz wegzulassen; nicht naiv genug, um den Glauben der Menge an seine goettlichen Inspirationen zu teilen, noch schlicht genug, ihn zu beseitigen, und doch im stillen innig ueberzeugt, ein Mann vom Gottes besonderen Gnaden zu sein - mit einem Wort eine echte Prophetennatur; ueber dem Volke stehend und nicht minder ausser dem Volke; ein Mann felsenfesten Worts und koeniglichen Sinns, der durch Annahme des gemeinen Koenigtitels sich zu erniedrigen meinte, aber ebensowenig begreifen konnte, dass die Verfassung der Republik auch ihn band; seiner Groesse so sicher, dass er nichts wusste von Neid und Hass und fremdes Verdienst leutselig anerkannte, fremde Fehler mitleidig verzieh; ein vorzueglicher Offizier und feingebildeter Diplomat, ohne das abstossende Sondergepraege dieses oder jenes Berufs, hellenische Bildung einigend mit dem vollsten roemischen Nationalgefuehl, redegewandt und anmutiger Sitte, gewann Publius Scipio die Herzen der Soldaten und der Frauen, seiner Landsleute und der Spanier, seiner Nebenbuhler im Senat und seines groesseren karthagischen Gegners. Bald war sein Name auf allen Lippen und er der Stern, der seinem Lande Sieg und Frieden zu bringen bestimmt schien.
Publius Scipio ging nach Spanien 544/45 (210/09) ab, begleitet von dem Propraetor Marcus Silanus, der an Neros Stelle treten und dem jungen Oberfeldherrn als Beistand und Rat dienen sollte, und von seinem Flottenfuehrer und Vertrauten Gaius Laelius, ausgeruestet abermals mit einer ueberzaehlig starken Legion und einer wohlgefuellten Kasse. Gleich sein erstes Auftreten bezeichnet einer der kuehnsten und gluecklichsten Handstreiche, die die Geschichte kennt. Die drei karthagischen Heerfuehrer standen Hasdrubal Barkas an den Quellen, Hasdrubal Gisgons Sohn an der Muendung des Tajo, Mago an den Saeulen des Herakles; der naechste von ihnen um zehn Tagemaersche entfernt von der phoenikischen Hauptstadt Neukarthago. Ploetzlich im Fruehjahr 545 (209), ehe noch die feindlichen Heere sich in Bewegung setzten, brach Scipio gegen diese Stadt, die er von der Ebromuendung aus in wenigen Tagen auf dem Kuestenweg erreichen konnte, mit seiner ganzen Armee von ungefaehr 30000 Mann und der Flotte auf und ueberraschte die nicht ueber 1000 Mann starke phoenikische Besatzung mit einem kombinierten Angriff zu Wasser und zu Lande. Die Stadt, auf einer in den Hafen hinein vorspringenden Landspitze gelegen, sah sich zugleich auf drei Seiten von der roemischen Flotte, auf der vierten von den Legionen bedroht und jede Hilfe war weit entfernt; aber der Kommandant Mago wehrte sich mit Entschlossenheit und bewaffnete die Buergerschaft, da die Soldaten nicht ausreichten, um die Mauern zu besetzen. Es ward ein Ausfall versucht, welchen indes die Roemer ohne Muehe zurueckschlugen und ihrerseits, ohne zu der Eroeffnung einer regelmaessigen Belagerung sich die Zeit zu nehmen, den Sturm auf der Landseite begannen. Heftig draengten die Stuermenden auf dem schmalen Landweg gegen die Stadt; immer neue Kolonnen loesten die ermuedeten ab; die schwache Besatzung war aufs aeusserste erschoepft, aber einen Erfolg hatten die Roemer nicht gewonnen. Scipio hatte auch keinen erwartet; der Sturm hatte bloss den Zweck, die Besatzung von der Hafenseite wegzuziehen, wo er, unterrichtet davon, dass ein Teil des Hafens zur Ebbezeit trocken liege, einen zweiten Angriff beabsichtigte. Waehrend an der Landseite der Sturm tobte, sandte Scipio eine Abteilung mit Leitern ueber das Watt, “wo Neptun ihnen selbst den Weg zeige”, und sie hatte in der Tat das Glueck, die Mauern hier unverteidigt zu finden. So war am ersten Tage die Stadt gewonnen, worauf Mago in der Burg kapitulierte. Mit der karthagischen Hauptstadt fielen achtzehn abgetakelte Kriegs- und 63 Lastschiffe, das gesamte Kriegsmaterial, bedeutende Getreidevorraete, die Kriegskasse von 600 Talenten (ueber 1 Million Taler), zehntausend Gefangene, darunter achtzehn karthagische Gerusiasten oder Richter, und die Geiseln der saemtlichen spanischen Bundesgenossen Karthagos in die Gewalt der Roemer. Scipio verhiess den Geiseln die Erlaubnis zur Heimkehr, sowie die Gemeinde eines jeden mit Rom in Buendnis getreten sein wuerde, und nutzte die Hilfsmittel, die die Stadt ihm darbot, sein Heer zu verstaerken und in besseren Stand zu bringen, indem er die neukarthagischen Handwerker, zweitausend an der Zahl, fuer das roemische Heer arbeiten hiess gegen das Versprechen der Freiheit bei der Beendigung des Krieges, und aus der uebrigen Menge die faehigen Leute zum Ruderdienst auf den Schiffen auslas. Die Stadtbuerger aber wurden geschont und ihnen die Freiheit und die bisherige Stellung gelassen; Scipio kannte die Phoeniker und wusste, dass sie gehorchen wuerden, und es war wichtig, die Stadt mit dem einzigen vortrefflichen Hafen an der Ostkueste und den reichen Silberbergwerken nicht bloss durch eine Besatzung zu sichern.
So war die verwegene Unternehmung gelungen, verwegen deshalb, weil es Scipio nicht unbekannt war, dass Hasdrubal Barkas von seiner Regierung den Befehl erhalten hatte, nach Gallien vorzudringen, und diesen auszufuehren beschaeftigt war, und weil die schwache, am Ebro zurueckgelassene Abteilung unmoeglich imstande war, ihm dies ernstlich zu wehren, wenn Scipios Rueckkehr sich auch nur verzoegerte. Indes er war zurueck in Tarraco, ehe Hasdrubal sich am Ebro gezeigt hatte; das gefaehrliche Spiel, das der junge Feldherr spielte, als er seine naechste Aufgabe im Stich liess, um einen lockenden Streich auszufuehren, ward verdeckt durch den fabelhaften Erfolg, den Neptunus und Scipio gemeinschaftlich gewonnen hatten. Die wunderhafte Einnahme der phoenikischen Hauptstadt rechtfertigte so ueber die Massen alles, was man daheim von dem wunderbaren Juengling sich versprochen hatte, dass jedes andere Urteil verstummen musste. Scipios Kommando wurde auf unbestimmte Zeit verlaengert; er selber beschloss, sich nicht mehr auf die duerftige Aufgabe zu beschraenken, der Hueter der Pyrenaeenpaesse zu sein. Schon hatten infolge des Falles von Neukarthago nicht bloss die diesseitigen Spanier sich voellig unterworfen, sondern auch jenseits des Ebro die maechtigsten Fuersten die karthagische Klientel mit der roemischen vertauscht. Scipio nutzte den Winter 545/46 (209/08) dazu, seine Flotte aufzuloesen und mit den dadurch gewonnenen Leuten sein Landheer so zu vermehren, dass er zugleich den Norden bewachen und im Sueden die Offensive nachdruecklicher als bisher ergreifen koenne, und marschierte im Jahre 546 (208) nach Andalusien. Hier traf er auf Hasdrubal Barkas, der in Ausfuehrung des lange gehegten Planes, dem Bruder zu Hilfe zu kommen, nordwaerts zog. Bei Baecula kam es zur Schlacht, in der sich die Roemer den Sieg zuschrieben und 10000 Gefangene gemacht haben sollen; aber Hasdrubal erreichte, wenn auch mit Aufopferung eines Teils seiner Armee, im wesentlichen seinen Zweck. Mit seiner Kasse, seinen Elefanten und dem besten Teil seiner Truppen schlug er sich durch an die spanische Nordkueste, erreichte am Ozean hinziehend die westlichen, wie es scheint, nicht besetzten Pyrenaeenpaesse und stand noch vor dem Eintritt der schlechten Jahreszeit in Gallien, wo er Winterquartier nahm. Es zeigte sich, dass Scipios Entschluss, mit der ihm aufgetragenen Defensive die Offensive zu verbinden, unueberlegt und unweise gewesen war; der naechsten Aufgabe des spanischen Heeres, die nicht bloss Scipios Vater und Oheim, sondern selbst Gaius Marcius und Gaius Nero mit viel geringeren Mitteln geloest hatten, hatte der siegreiche Feldherr an der Spitze einer starken Armee in seinem Uebermut nicht genuegt, und wesentlich er verschuldete die aeusserst gefaehrliche Lage Roms im Sommer 547 (207), als Hannibals Plan eines kombinierten Angriffs auf die Roemer endlich dennoch sich realisierte. Indes die Goetter deckten die Fehler ihres Lieblings mit Lorbeeren zu. In Italien ging die Gefahr gluecklich vorueber; man liess sich das Bulletin des zweideutigen Sieges von Baecula gefallen und gedachte, als neue Siegesberichte aus Spanien einliefen, nicht weiter des Umstandes, dass man den faehigsten Feldherrn und den Kern der spanisch-phoenikischen Armee in Italien zu bekaempfen gehabt hatte.
Nach Hasdrubal Barkas’ Entfernung beschlossen die beiden in Spanien zurueckbleibenden Feldherren, vorlaeufig zurueckzuweichen, Hasdrubal Gisgons Sohn nach Lusitanien, Mago gar auf die Balearen, und bis neue Verstaerkungen aus Afrika anlangten, nur Massinissas leichte Reiterei in Spanien streifen zu lassen, aehnlich wie es Muttines in Sizilien mit so grossem Erfolge getan. So geriet die ganze Ostkueste in die Gewalt der Roemer. Im folgenden Jahre (547 207) erschien wirklich aus Afrika Hanno mit einem dritten Heere, worauf auch Mago und Hasdrubal sich wieder nach Andalusien wandten. Allein Marcus Silanus schlug Magos und Hannos vereinigte Heere und nahm den letzteren selbst gefangen. Hasdrubal gab darauf die Behauptung des offenen Feldes auf und verteilte seine Truppen in die andalusischen Staedte, von denen Scipio in diesem Jahr nur noch eine, Oringis, erstuermen konnte. Die Phoeniker schienen ueberwaeltigt; aber dennoch vermochten sie das Jahr darauf (548 206) wieder ein gewaltiges Heer ins Feld zu senden, 32 Elefanten, 4000 Mann zu Pferde, 70000 zu Fuss, freilich zum allergroessten Teil zusammengeraffte spanische Landwehr. Wieder bei Baecula kam es zur Schlacht. Das roemische Heer zaehlte wenig mehr als die Haelfte des feindlichen und auch von ihm war ein guter Teil Spanier. Scipio stellte, wie Wellington in gleichem Fall, seine Spanier so auf, dass sie nicht zum Schlagen kamen - die einzige Moeglichkeit, ihr Ausreissen zu verhindern -, waehrend er umgekehrt seine roemischen Truppen zuerst auf die Spanier warf. Der Tag war dennoch hart bestritten; doch siegten endlich die Roemer, und wie sich von selbst versteht, war die Niederlage eines solchen Heeres gleichbedeutend mit der voelligen Aufloesung desselben - einzeln retteten sich Hasdrubal und Mago nach Gades. Die Roemer standen jetzt ohne Nebenbuhler auf der Halbinsel; die wenigen nicht gutwillig sich fuegenden Staedte wurden einzeln bezwungen und zum Teil mit grausamer Haerte bestraft. Scipio konnte sogar auf der afrikanischen Kueste dem Syphax einen Besuch abstatten und mit ihm, ja selbst mit Massinissa fuer den Fall einer Expedition nach Afrika Verbindungen einleiten - ein tollkuehnes Wagstueck, das durch keinen entsprechenden Zweck gerechtfertigt ward, so sehr auch der Bericht davon den neugierigen Hauptstaedtern daheim behagen mochte. Nur Gades, wo Mago den Befehl fuehrte, war noch phoenikisch. Einen Augenblick schien es, als ob, nachdem die Roemer die karthagische Erbschaft angetreten und die hier und da in Spanien genaehrte Hoffnung nach Beendigung des phoenikischen Regiments auch der roemischen Gaeste loszuwerden und die alte Freiheit wieder zu erlangen, hinreichend widerlegt hatten, in Spanien eine allgemeine Insurrektion gegen die Roemer ausbrechen wuerde, bei welcher die bisherigen Verbuendeten Roms vorangingen. Die Erkrankung des roemischen Feldherrn und die Meuterei eines seiner Korps, veranlasst durch den seit vielen Jahren rueckstaendigen Sold, beguenstigten den Aufstand. Indes Scipio genas schneller als man gemeint hatte und daempfte mit Gewandtheit den Soldatentumult; worauf auch die Gemeinden, die bei der Nationalerhebung vorangegangen waren, alsbald niedergeworfen wurden, ehe die Insurrektion Boden gewann. Da es also auch damit nichts und Gades doch auf die Laenge nicht zu halten war, befahl die karthagische Regierung dem Mago zusammenzuraffen, was dort an Schiffen, Truppen und Geld sich vorfinde, und damit womoeglich dem Krieg in Italien eine andere Wendung zu geben. Scipio konnte dies nicht wehren - es raechte sich jetzt, dass er seine Flotte aufgeloest hatte - und musste zum zweitenmal die ihm anvertraute Beschirmung der Heimat gegen neue Invasion seinen Goettern anheimstellen. Unbehindert verliess der letzte von Hamilkars Soehnen die Halbinsel. Nach seinem Abzug ergab sich auch Gades, die aelteste und letzte Besitzung der Phoeniker auf spanischem Boden, unter guenstigen Bedingungen den neuen Herren. Spanien war nach dreizehnjaehrigem Kampfe aus einer karthagischen in eine roemische Provinz verwandelt worden, in der zwar noch jahrhundertelang die stets besiegte und nie ueberwundene Insurrektion den Kampf gegen die Roemer fortfuehrte, aber doch im Augenblick kein Feind den Roemern gegenueberstand. Scipio ergriff den ersten Moment der Scheinruhe, um sein Kommando abzugeben (Ende 548 206) und in Rom persoenlich von den erfochtenen Siegen und den gewonnenen Landschaften zu berichten.
Waehrend also Marcellus in Sizilien, Publius Sulpicius in Griechenland, Scipio in Spanien den Krieg beendigten, ging auf der italischen Halbinsel der gewaltige Kampf ununterbrochen weiter. Hier standen, nachdem die Cannensische Schlacht geschlagen war und deren Folgen an Verlust und Gewinn sich allmaehlich uebersehen liessen, im Anfang des Jahres 540 (214), des fuenften Kriegsjahres, die Roemer und Phoeniker folgendermassen sich gegenueber. Norditalien hatten die Roemer nach Hannibals Abzug wieder besetzt und deckten es mit drei Legionen, wovon zwei im Keltenlande standen, die dritte als Rueckhalt in Picenum. Unteritalien bis zum Garganus und Volturnus war mit Ausnahme der Festungen und der meisten Haefen in Hannibals Haenden. Er stand mit der Hauptarmee bei Arpi, ihm in Apulien gegenueber, gestuetzt auf die Festungen Luceria und Benevent, Tiberius Gracchus mit vier Legionen. Im brettischen Lande, dessen Einwohner sich Hannibal gaenzlich in die Arme geworfen hatten und wo auch die Haefen, mit Ausnahme von Rhegion, das die Roemer von Messana aus schuetzten, von den Phoenikern besetzt worden waren, stand ein zweites karthagisches Heer unter Hanno, ohne zunaechst einen Feind sich gegenueber zu sehen. Die roemische Hauptarmee von vier Legionen unter den beiden Konsuln Quintus Fabius und Marcus Marcellus war im Begriff, die Wiedergewinnung Capuas zu versuchen. Dazu kam roemischerseits die Reserve von zwei Legionen in der Hauptstadt, die in alle Seehaefen gelegte Besatzung, welche in Tarent und Brundisium wegen der dort befuerchteten makedonischen Landung durch eine Legion verstaerkt worden war, endlich die starke, das Meer ohne Widerstreit beherrschende Flotte. Rechnet man dazu die roemischen Heere in Sizilien, Sardinien und Spanien, so laesst sich die Gesamtzahl der roemischen Streitkraefte, auch abgesehen von dem Besatzungsdienst, den in den unteritalischen Festungen die dort angesiedelte Buergerschaft zu versehen hatte, nicht unter 200000 Mann anschlagen, darunter ein Drittel fuer dies Jahr neu einberufene Leute und etwa die Haelfte roemische Buerger. Man darf annehmen, dass die gesamte dienstfaehige Mannschaft vom 17. bis zum 46. Jahre unter den Waffen stand und die Felder, wo der Krieg sie zu bearbeiten erlaubte, von den Sklaven, den Alten, den Kindern und Weibern bestellt wurden. Dass unter solchen Verhaeltnissen auch die Finanzen in der peinlichsten Verlegenheit waren, ist begreiflich; die Grundsteuer, auf die man hauptsaechlich angewiesen war, ging natuerlich nur sehr unregelmaessig ein. Aber trotz dieser Not um Mannschaft und Geld vermochten die Roemer dennoch, das rasch Verlorene zwar langsam und mit Anspannung aller Kraefte, aber doch zurueckzuerobern; ihre Heere jaehrlich zu vermehren, waehrend die phoenikischen zusammenschwanden; gegen Hannibals italische Bundesgenossen, die Kampaner, Apuler, Samniten, Brettier, die weder wie die roemischen Festungen in Unteritalien sich selber genuegten noch von Hannibals schwachem Heer hinreichend gedeckt werden konnten, jaehrlich Boden zu gewinnen; endlich mittels der von Marcus Marcellus begruendeten Kriegsweise das Talent der Offiziere zu entwickeln und die Ueberlegenheit des roemischen Fussvolks in vollem Umfange ins Spiel zu bringen. Hannibal durfte wohl noch auf Siege hoffen, aber nicht mehr auf Siege wie am Trasimenischen See und am Aufidus; die Zeiten der Buergergenerale waren vorbei. Es blieb ihm nichts uebrig, als abzuwarten, bis entweder Philippos die laengst versprochene Landung ausfuehren oder die Brueder aus Spanien ihm die Hand reichen wuerden, und mittlerweile sich, seine Armee und seine Klientel soweit moeglich unversehrt und bei guter Laune zu erhalten. Man erkennt in der zaehen Defensive, die jetzt beginnt, mit Muehe den Feldherrn wieder, der wie kaum ein anderer stuermisch und verwegen die Offensive gefuehrt hat; es ist psychologisch wie militaerisch bewundernswert, dass derselbe Mann die beiden ihm gestellten Aufgaben ganz entgegengesetzter Art in gleicher Vollkommenheit geloest hat.
Zunaechst zog der Krieg sich vornehmlich nach Kampanien. Hannibal erschien rechtzeitig zum Schutz der Hauptstadt, deren Einschliessung er hinderte; allein weder vermochte er irgendeine der kampanischen Staedte, die die Roemer besassen, den starken roemischen Besatzungen zu entreissen, noch konnte er wehren, dass ausser einer Menge minder wichtiger Landstaedte auch Casilinum, das ihm den Uebergang ueber den Volturnus sicherte, von den beiden Konsularheeren nach hartnaeckiger Gegenwehr genommen ward. Ein Versuch Hannibals Tarent zu gewinnen, wobei es namentlich auf einen sicheren Landungsplatz fuer die makedonische Armee abgesehen war, schlug ihm fehl. Das brettische Heer der Karthager unter Hanno schlug sich inzwischen in Lucanien mit der roemischen Armee von Apulien herum; Tiberius Gracchus bestand hier mit Erfolg den Kampf und gab nach einem gluecklichen Gefecht unweit Benevent, bei dem die zum Dienst gepressten Sklavenlegionen sich ausgezeichnet hatten, den Sklavensoldaten im Namen des Volks die Freiheit und das Buergerrecht.
Im folgenden Jahr (541 213) gewannen die Roemer das reiche und wichtige Arpi zurueck, dessen Buergerschaft, nachdem die roemischen Soldaten sich in die Stadt eingeschlichen hatten, mit ihnen gegen die karthagische Besatzung gemeinschaftliche Sache machte. Ueberhaupt lockerten sich die Bande der Hannibalischen Symmachie; eine Anzahl der vornehmsten Capuaner und mehrere brettische Staedte gingen ueber zu Rom; sogar eine spanische Abteilung des phoenikischen Heeres trat, durch spanische Emissaere von dem Gang der Ereignisse in der Heimat in Kenntnis gesetzt, aus karthagischen in roemische Dienste.
Unguenstiger war fuer die Roemer das Jahr 542 (212) durch neue politische und militaerische Fehler, die Hannibal auszubeuten nicht unterliess. Die Verbindungen, welche Hannibal in den grossgriechischen Staedten unterhielt, hatten zu keinem ernstlichen Resultat gefuehrt; nur die in Rom befindlichen tarentinischen und thurinischen Geiseln liessen sich durch seine Emissaere zu einem tollen Fluchtversuch bestimmen, wobei sie schleunig von den roemischen Posten wieder aufgegriffen wurden. Allein die unverstaendige Rachsucht der Roemer foerderte Hannibal mehr als seine Intrigen; die Hinrichtung der saemtlichen entwichenen Geiseln beraubte sie eines kostbaren Unterpfandes, und die erbitterten Griechen sannen seitdem, wie sie Hannibal die Tore oeffnen moechten. Wirklich ward Tarent durch Einverstaendnis mit der Buergerschaft und durch die Nachlaessigkeit des roemischen Kommandanten von den Karthagern besetzt; kaum dass die roemische Besatzung sich in der Burg behauptete. Dem Beispiel Tarents folgten Herakleia, Thurii und Metapont, aus welcher Stadt zur Rettung der Tarentiner Akropolis die Besatzung hatte weggezogen werden muessen. Damit war die Gefahr einer makedonischen Landung so nahe gerueckt, dass Rom sich genoetigt sah, dem fast gaenzlich vernachlaessigten griechischen Krieg neue Aufmerksamkeit und neue Anstrengungen zuzuwenden, wozu gluecklicherweise die Einnahme von Syrakus und der guenstige Stand des spanischen Krieges die Moeglichkeit gewaehrte. Auf dem Hauptkriegsschauplatz, in Kampanien, ward mit sehr abwechselndem Erfolge gefochten. Die in der Naehe von Capua postierten Legionen hatten zwar die Stadt noch nicht eigentlich eingeschlossen, aber doch die Bestellung des Ackers und die Einbringung der Ernte so sehr gehindert, dass die volkreiche Stadt auswaertiger Zufuhr dringend bedurfte. Hannibal brachte also einen betraechtlichen Getreidetransport zusammen und wies die Kampaner an, ihn bei Benevent in Empfang zu nehmen; allein deren Saumseligkeit gab den Konsuln Quintus Flaccus und Appius Claudius Zeit herbeizukommen, dem Hanno, der den Transport deckte, eine schwere Niederlage beizubringen und sich seines Lagers und der gesamten Vorraete zu bemaechtigen. Die beiden Konsuln schlossen darauf die Stadt ein, waehrend Tiberius Gracchus sich auf der Appischen Strasse aufstellte, um Hannibal den Weg zum Entsatz zu verlegen. Aber der tapfere Mann fiel durch die schaendliche List eines treulosen Lucaners, und sein Tod kam einer voelligen Niederlage gleich, da sein Heer, groesstenteils bestehend aus jenen von ihm freigesprochenen Sklaven, nach dem Tode des geliebten Fuehrers auseinanderlief. So fand Hannibal die Strasse nach Capua offen und noetigte durch sein unvermutetes Erscheinen die beiden Konsuln, die kaum begonnene Einschliessung wieder aufzuheben, nachdem noch vor Hannibals Eintreffen ihre Reiterei von der phoenikischen, die unter Hanno und Bostar als Besatzung in Capua lag, und der ebenso vorzueglichen kampanischen nachdruecklich geschlagen worden war. Die totale Vernichtung der von Marcus Centenius, einem vom Unteroffizier zum Feldherrn unvorsichtig befoerderten Mann, angefuehrten regulaeren Truppen und Freischaren in Lucanien, und die nicht viel weniger vollstaendige Niederlage des nachlaessigen und uebermuetigen Praetors Gnaeus Fulvius Flaccus in Apulien beschlossen die lange Reihe der Unfaelle dieses Jahres. Aber das zaehe Ausharren der Roemer machte wenigstens an dem entscheidenden Punkte den raschen Erfolg Hannibals doch wieder zunichte. Sowie Hannibal Capua den Ruecken wandte, um sich nach Apulien zu begeben, zogen die roemischen Heere sich abermals um Capua zusammen, bei Puteoli und Volturnum unter Appius Claudius, bei Casilinum unter Quintus Fulvius, auf der Nolanischen Strasse unter dem Praetor Gaius Claudius Nero; die drei wohlverschanzten und durch befestigte Linien miteinander verbundenen Lager sperrten jeden Zugang, und die grosse, ungenuegend verproviantierte Stadt musste durch blosse Umstellung in nicht entfernter Zeit sich zur Kapitulation gezwungen sehen, wenn kein Entsatz kam. Wie der Winter 542/43 (212/11) zu Ende ging, waren auch die Vorraete fast erschoepft, und dringende Boten, die kaum imstande waren, durch die wohlbewachten roemischen Linien sich durchzuschleichen, begehrten schleunige Hilfe von Hannibal, der, mit der Belagerung der Burg beschaeftigt, in Tarent stand. In Eilmaerschen brach er mit 33 Elefanten und seinen besten Truppen von Tarent nach Kampanien auf, hob den roemischen Posten in Calatia auf und nahm sein Lager am Berge Tifata unmittelbar bei Capua, in der sicheren Erwartung, dass die roemischen Feldherren eben wie im vorigen Jahre daraufhin die Belagerung aufheben wuerden. Allein die Roemer, die Zeit gehabt hatten, ihre Lager und ihre Linien festungsartig zu verschanzen, ruehrten sich nicht und sahen unbeweglich von den Waellen aus zu, wie auf der einen Seite die kampanischen Reiter, auf der anderen die numidischen Schwaerme an ihre Linien anprallten. An einen ernstlichen Sturm durfte Hannibal nicht denken; er konnte voraussehen, dass sein Anruecken bald die anderen roemischen Heere nach Kampanien nachziehen wuerde, wenn nicht schon frueher der Mangel an Futter in dem systematisch ausfouragierten Lande ihn aus Kampanien vertrieb. Dagegen liess sich nichts machen. Hannibal versuchte noch einen Ausweg, den letzten, der seinem erfinderischen Geist sich darbot, um die wichtige Stadt zu retten. Er brach mit dem Entsatzheer, nachdem er den Kampanern von seinem Vorhaben Nachricht gegeben und sie zum Ausharren ermahnt hatte, von Capua auf und schlug die Strasse nach Rom ein. Mit derselben gewandten Kuehnheit wie in seinen ersten italischen Feldzuegen warf er sich mit einem schwachen Heer zwischen die feindlichen Armeen und Festungen und fuehrte seine Truppen durch Samnium und auf der Valerischen Strasse an Tibur vorbei bis zur Aniobruecke, die er passierte und auf dem anderen Ufer ein Lager nahm, eine deutsche Meile von der Stadt. Den Schreck empfanden noch die Enkel der Enkel, wenn ihnen erzaehlt ward von “Hannibal vor dem Tor”; eine ernstliche Gefahr war nicht vorhanden. Die Landhaeuser und Aecker in der Naehe der Stadt wurden von den Feinden verheert; die beiden Legionen in der Stadt, die gegen sie ausrueckten, verhinderten die Berennung der Mauern. Durch einen Handstreich, wie ihn Scipio bald nachher gegen Neukarthago ausfuehrte, Rom zu ueberrumpeln, hatte Hannibal uebrigens nie gemeint und noch weniger an eine ernstliche Belagerung gedacht; seine Hoffnung war einzig darauf gestellt, dass im ersten Schreck ein Teil des Belagerungsheeres von Capua nach Rom marschieren und ihm also Gelegenheit geben werde, die Blockade zu sprengen. Darum brach er nach kurzem Verweilen wieder auf. Die Roemer sahen in seiner Umkehr ein Wunder der goettlichen Gnade, die durch Zeichen und Gesichte den argen Mann zum Abzug bestimmt habe, wozu ihn die roemischen Legionen freilich zu noetigen nicht vermochten; an der Stelle, wo Hannibal der Stadt am naechsten gekommen war, von dem Capenischen Tor an dem zweiten Miglienstein der Appischen Strasse, errichteten die dankbaren Glaeubigen dem Gott “Rueckwender Beschuetzer” (Rediculus Tutanus) einen Altar. In der Tat zog Hannibal ab, weil es so in seinem Plane lag, und schlug die Richtung nach Capua ein. Allein die roemischen Feldherren hatten den Fehler nicht begangen, auf den ihr Gegner gerechnet hatte; unbeweglich standen die Legionen in den Linien um Capua und nur ein schwaches Korps war auf die Kunde von Hannibals Marsch nach Rom detachiert worden. Wie Hannibal dies erfuhr, wandte er sich ploetzlich um gegen den Konsul Publius Galba, der ihm von Rom her unbesonnen gefolgt war, und mit dem er bisher vermieden hatte zu schlagen, ueberwand ihn und erstuermte sein Lager; aber es war das ein geringer Ersatz fuer Capuas jetzt unvermeidlichen Fall. Lange schon hatte die Buergerschaft daselbst, namentlich die besseren Klassen derselben, mit bangen Ahnungen der Zukunft entgegengesehen; den Fuehrern der Rom feindlichen Volkspartei blieb das Rathaus und die staedtische Verwaltung fast ausschliesslich ueberlassen. Jetzt ergriff die Verzweiflung Vornehme und Geringe, Kampaner und Phoeniker ohne Unterschied. Achtundzwanzig vom Rat waehlten den freiwilligen Tod; die uebrigen uebergaben die Stadt dem Gutfinden eines unversoehnlich erbitterten Feindes. Dass Blutgerichte folgen mussten, verstand sich von selbst; man stritt nur ueber langen oder kurzen Prozess: ob es klueger und zweckmaessiger sei, die weiteren Verzweigungen des Hochverrats auch ausserhalb Capuas gruendlich zu ermitteln oder durch rasche Exekution der Sache ein Ende zu machen. Ersteres wollten Appius Claudius und der roemische Senat; die letztere Meinung, vielleicht die weniger unmenschliche, siegte ob. Dreiundfuenfzig capuanische Offiziere und Beamte wurden auf den Marktplaetzen von Cales und Teanum auf Befehl und vor den Augen des Prokonsuls Quintus Flaccus ausgepeitscht und enthauptet, der Rest des Rates eingekerkert, ein zahlreicher Teil der Buergerschaft in die Sklaverei verkauft, das Vermoegen der Wohlhabenderen konfisziert. Aehnliche Gerichte ergingen ueber Atella und Calatia. Diese Strafen waren hart; allein mit Ruecksicht auf das, was Capuas Abfall fuer Rom bedeutet, und auf das, was der Kriegsgebrauch jener Zeit wenn nicht recht, doch ueblich gemacht hatte, sind sie begreiflich. Und hatte nicht durch den Mord der saemtlichen in Capua zur Zeit des Abfalls anwesenden roemischen Buerger unmittelbar nach dem uebertritt die Buergerschaft sich selber ihr Urteil gesprochen? Arg aber war es, dass Rom diese Gelegenheit benutzte, um die stille Rivalitaet, die lange zwischen den beiden groessten Staedten Italiens bestanden hatte, zu befriedigen und durch die Aufhebung der kampanischen Stadtverfassung die gehasste und beneidete Nebenbuhlerin vollstaendig politisch zu vernichten.
Ungeheuer war der Eindruck von Capuas Fall, und nur um so mehr, weil er nicht durch Ueberraschung, sondern durch eine zweijaehrige, allen Anstrengungen Hannibals zum Trotze durchgefuehrte Belagerung herbeigefuehrt worden war. Er war ebenso sehr das Signal der den Roemern wiedergewonnenen Oberhand in Italien, wie sechs Jahre zuvor der Uebertritt Capuas zu Hannibal das Signal der verlorenen gewesen war. Vergeblich hatte Hannibal versucht, dem Eindruck dieser Nachricht auf die Bundesgenossen entgegenzuarbeiten durch die Einnahme von Rhegion oder der tarentinischen Burg. Sein Gewaltmarsch, um Rhegion zu ueberraschen, hatte nichts gefruchtet und in der Burg von Tarent war der Mangel zwar gross, seit das tarentinisch-karthagische Geschwader den Hafen sperrte, aber da die Roemer mit ihrer weit staerkeren Flotte jenem Geschwader selbst die Zufuhr abzuschneiden vermochten, und das Gebiet, das Hannibal beherrschte, kaum genuegte, sein Heer zu ernaehren, so litten die Belagerer auf der Seeseite nicht viel weniger als die Belagerten in der Burg und verliessen endlich den Hafen. Es gelang nichts mehr; das Glueck selbst schien von dem Karthager gewichen. Diese Folgen von Capuas Fall, die tiefe Erschuetterung des Ansehens und Vertrauens, das Hannibal bisher bei den italischen Verbuendeten genossen, und die Versuche jeder nicht allzusehr kompromittierten Gemeinde, auf leidliche Bedingungen in die roemische Symmachie wieder zurueckzutreten, waren noch weit empfindlicher fuer Hannibal als der unmittelbare Verlust. Er hatte die Wahl, in die schwankenden Staedte entweder Besatzung zu werfen, wodurch er sein schon zu schwaches Heer noch mehr schwaechte und seine zuverlaessigen Truppen der Aufreibung in kleinen Abteilungen und dem Verrat preisgab - so wurden ihm im Jahre 544 (210) bei dem Abfall der Stadt Salapia 500 auserlesene numidische Reiter niedergemacht; oder die unsicheren Staedte zu schleifen und anzuzuenden, um sie dem Feind zu entziehen, was denn auch die Stimmung unter seiner italischen Klientel nicht heben konnte. Mit Capuas Fall fuehlten die Roemer des endlichen Ausganges des Krieges in Italien sich wiederum sicher; sie entsandten betraechtliche Verstaerkungen nach Spanien, wo durch den Fall der beiden Scipionen die Existenz der roemischen Armee gefaehrdet war, und gestatteten zum erstenmal seit dem Beginn des Krieges sich eine Verminderung der Gesamtzahl der Truppen, die bisher trotz der jaehrlich steigenden Schwierigkeit der Aushebung jaehrlich vermehrt worden und zuletzt bis auf 23 Legionen gestiegen war. Darum ward denn auch im naechsten Jahr (544 210 ) der italische Krieg laessiger als bisher von den Roemern gefuehrt, obwohl Marcus Marcellus nach Beendigung des sizilischen Krieges wieder den Oberbefehl der Hauptarmee uebernommen hatte; er betrieb in den inneren Landschaften den Festungskrieg und lieferte den Karthagern unentschiedene Gefechte. Auch der Kampf um die tarentinische Akropole blieb ohne entscheidendes Resultat. In Apulien gelang Hannibal die Besiegung des Prokonsuls Gnaeus Fulvius Centumalus bei Herdoneae. Das Jahr darauf (545 209) schritten die Roemer dazu, der zweiten Grossstadt, die zu Hannibal uebergetreten war, der Stadt Tarent sich wieder zu bemaechtigen. Waehrend Marcus Marcellus den Kampf gegen Hannibal selbst mit gewohnter Zaehigkeit und Energie fortsetzte - in einer zweitaegigen Schlacht erfocht er, am ersten Tage geschlagen, am zweiten einen schweren und blutigen Sieg; waehrend der Konsul Quintus Fulvius die schon schwankenden Lucaner und Hirpiner zum Wechsel der Partei und zur Auslieferung der phoenikischen Besatzungen bestimmte; waehrend gut geleitete Razzias von Rhegion aus Hannibal noetigten, den bedraengten Brettiern zu Hilfe zu eilen, setzte der alte Quintus Fabius, der noch einmal - zum fuenftenmal - das Konsulat und damit den Auftrag, Tarent wieder zu erobern, angenommen hatte, sich fest in dem nahen messapischen Gebiet, und der Verrat einer brettischen Abteilung der Besatzung ueberlieferte ihm die Stadt, in der von den erbitterten Siegern fuerchterlich gehaust ward. Was von der Besatzung oder von der Buergerschaft ihnen vorkam, wurde niedergemacht und die Haeuser gepluendert. Es sollen 30000 Tarentiner als Sklaven verkauft, 3000 Talente (5 Mill. Taler) in den Staatsschatz geflossen sein. Es war die letzte Waffentat des achtzigjaehrigen Feldherrn; Hannibal kam zum Entsatz, als alles vorbei war, und zog sich zurueck nach Metapont.
Nachdem also Hannibal seine wichtigsten Eroberungen eingebuesst
hatte und allmaehlich sich auf die suedwestliche Spitze der Halbinsel beschraenkt sah, hoffte Marcus Marcellus, der fuer das naechste Jahr (546 208) zum Konsul gewaehlt worden war, in Verbindung mit seinem tuechtigen Kollegen Titus Quinctius Crispinus dem Krieg durch einen entscheidenden Angriff ein Ende zu machen. Den alten Soldaten fochten seine sechzig Jahre nicht an; wachend und traeumend verfolgte ihn der eine Gedanke, Hannibal zu schlagen und Italien zu befreien. Allein das Schicksal sparte diesen Kranz fuer ein juengeres Haupt. Bei einer unbedeutenden Rekognoszierung wurden beide Konsuln in der Gegend von Venusia von einer Abteilung afrikanischer Reiter ueberfallen. Marcellus focht den ungleichen Kampf, wie er vor vierzig Jahren gegen Hamilkar, vor vierzehn bei Clastidium gefochten hatte, bis er sterbend vom Pferde sank; Crispinus entkam, starb aber an den im Gefecht empfangenen Wunden (546 208).
Man stand jetzt im elften Kriegsjahr. Die Gefahr schien geschwunden, die einige Jahre zuvor die Existenz des Staates bedroht hatte; aber nur um so mehr fuehlte man den schweren und jaehrlich schwerer werdenden Druck des endlosen Krieges. Die Staatsfinanzen litten unsaeglich. Man hatte nach der Schlacht von Cannae (538 216) eine eigene Bankkommission (tres viri mensarii) aus den angesehensten Maennern niedergesetzt, um fuer die oeffentlichen Finanzen in diesen schweren Zeiten eine dauernde und umsichtige Oberbehoerde zu haben; sie mag getan haben, was moeglich war, aber die Verhaeltnisse waren von der Art, dass alle Finanzweisheit daran zuschanden ward. Gleich zu Anfang des Krieges hatte man die Silber- und die Kupfermuenze verringert, den Legalkurs des Silberstueckes um mehr als ein Drittel erhoeht und eine Goldmuenze weit ueber den Metallwert ausgegeben. Sehr bald reichte dies nicht aus; man musste von den Lieferanten auf Kredit nehmen und sah ihnen durch die Finger, weil man sie brauchte, bis der arge Unterschleif zuletzt die Aedilen veranlasste, durch Anklage vor dem Volk an einigen der schlimmsten ein Exempel zu statuieren. Man nahm den Patriotismus der Vermoegenden, die freilich verhaeltnismaessig eben am meisten litten, oft in Anspruch und nicht umsonst. Die Soldaten aus den besseren Klassen und die Unteroffiziere und Reiter insgesamt schlugen, freiwillig oder durch den Geist der Korps gezwungen, die Annahme des Soldes aus. Die Eigentuemer der von der Gemeinde bewaffneten und nach dem Treffen bei Benevent freigesprochenen Sklaven erwiderten der Bankkommission, die ihnen Zahlung anbot, dass sie dieselbe bis zum Ende des Krieges anstehen lassen wollten (540 214). Als fuer die Ausrichtung der Volksfeste und die Instandhaltung der oeffentlichen Gebaeude kein Geld mehr in der Staatskasse war, erklaerten die Gesellschaften, die diese Geschaefte bisher in Akkord gehabt hatten, sich bereit, dieselben vorlaeufig unentgeltlich fortzufuehren (540 214). Es ward sogar, ganz wie im Ersten Punischen Kriege, mittels einer freiwilligen Anleihe bei den Reichen eine Flotte ausgeruestet und bemannt (544 210). Man verbrauchte die Muendelgelder, ja man griff endlich im Jahre der Eroberung von Tarent den letzten, lange gesparten Notpfennig (1144000 Taler) an. Dennoch genuegte der Staat seinen notwendigsten Zahlungen nicht; die Entrichtung des Soldes stockte namentlich in den entfernteren Landschaften in besorglicher Weise. Aber die Bedraengnis des Staats war nicht der schlimmste Teil des materiellen Notstandes. ueberall lagen die Felder brach; selbst wo der Krieg nicht hauste, fehlte es an Haenden fuer die Hacke und die Sichel. Der Preis des Medimnos (1 preussischer Scheffel) war gestiegen bis auf 15 Denare (3 1/3 Taler), mindestens das Dreifache des hauptstaedtischen Mittelpreises, und viele waeren geradezu Hungers gestorben, wenn nicht aus Aegypten Zufuhr gekommen waere und nicht vor allem der in Sizilien wieder aufbluehende Feldbau der aergsten Not gesteuert haette. Wie aber solche Zustaende die kleinen Bauernwirtschaften zerstoeren, den sauer zurueckgelegten Sparschatz verzehren, die bluehenden Doerfer in Bettler- und Raeubernester verwandeln, das lehren aehnliche Kriege, aus denen sich anschaulichere Berichte erhalten haben.
Bedenklicher noch als diese materielle Not war die steigende Abneigung der Bundesgenossen gegen den roemischen Krieg, der ihnen Gut und Blut frass. Zwar auf die nichtlatinischen Gemeinden kam es dabei weniger an. Der Krieg selber bewies es, dass sie nichts vermochten, solange die latinische Nation zu Rom stand; an ihrer groesseren oder geringeren Widerwilligkeit war nicht viel gelegen. Jetzt indes fing auch Latium an zu schwanken. Die meisten latinischen Kommunen in Etrurien, Latium, dem Marsergebiet und dem noerdlichen Kampanien, also eben in denjenigen latinischen Landschaften, die unmittelbar am wenigsten von dem Kriege gelitten hatten, erklaerten im Jahre 545 (209) dem roemischen Senat, dass sie von jetzt an weder Kontingente noch Steuern mehr schicken und es den Roemern ueberlassen wuerden, den in ihrem Interesse gefuehrten Krieg selber zu bestreiten. Die Bestuerzung in Rom war gross; allein fuer den Augenblick gab es kein Mittel, die Widerspenstigen zu zwingen. Zum Glueck handelten nicht alle latinischen Gemeinden so. Die gallischen, picenischen und sueditalischen Kolonien, an ihrer Spitze das maechtige und patriotische Fregellae, erklaerten im Gegenteil, dass sie um so enger und treulicher an Rom sich anschloessen - freilich war es diesen allen sehr deutlich dargetan, dass bei dem gegenwaertigen Kriege ihre Existenz womoeglich noch mehr auf dem Spiele stand als die der Hauptstadt und dass dieser Krieg wahrlich nicht bloss fuer Rom, sondern fuer die latinische Hegemonie in Italien, ja fuer Italiens nationale Unabhaengigkeit gefuehrt ward. Auch jener halbe Abfall war sicherlich nicht Landesverrat, sondern Kurzsichtigkeit und Erschoepfung; ohne Zweifel wuerden dieselben Staedte ein Buendnis mit den Phoenikern mit Abscheu zurueckgewiesen haben. Allein immer war es eine Spaltung zwischen Roemern und Latinern, und der Rueckschlag auf die unterworfene Bevoelkerung der Landschaften blieb nicht aus. In Arretium zeigte sich sogleich eine bedenkliche Gaerung; eine im Interesse Hannibals unter den Etruskern angestiftete Verschwoerung ward entdeckt und schien so gefaehrlich, dass man deswegen roemische Truppen marschieren liess. Militaer und Polizei unterdrueckten diese Bewegung zwar ohne Muehe; allein sie war ein ernstes Zeichen, was in jenen Landschaften kommen koenne, seit die latinischen Zwingburgen nicht mehr schreckten.
In diese schwierigen und gespannten Verhaeltnisse schlug ploetzlich die Nachricht hinein, dass Hasdrubal im Herbst des Jahres 546 (208) die Pyrenaeen ueberschritten habe und man sich darauf gefasst machen muesse, im naechsten Jahr in Italien den Krieg mit den beiden Soehnen Hamilkars zu fuehren. Nicht umsonst hatte Hannibal die langen schweren Jahre hindurch auf seinem Posten ausgeharrt; was die faktioese Opposition daheim, was der kurzsichtige Philippos ihm versagt hatte, das fuehrte endlich der Bruder ihm heran, in dem wie in ihm selbst Hamilkars Geist maechtig war. Schon standen achttausend Ligurer, durch phoenikisches Gold geworben, bereit, sich mit Hasdrubal zu vereinigen; wenn er die erste Schlacht gewann, so durfte er hoffen, gleich dem Bruder die Gallier, vielleicht die Etrusker gegen Rom unter die Waffen zu bringen. Italien war aber nicht mehr, was es vor elf Jahren gewesen; der Staat und die einzelnen waren erschoepft, der latinische Bund gelockert, der beste Feldherr soeben auf dem Schlachtfeld gefallen und Hannibal nicht bezwungen. In der Tat, Scipio mochte die Gunst seines Genius preisen, wenn er die Folgen seines unverzeihlichen Fehlers von ihm und dem Lande abwandte.
Wie in den Zeiten der schwersten Gefahr bot Rom wieder dreiundzwanzig Legionen auf; man rief Freiwillige zu den Waffen und zog die gesetzlich vom Kriegsdienst Befreiten zur Aushebung mit heran. Dennoch wurde man ueberrascht. Freunden und Feinden ueber alle Erwartung frueh stand Hasdrubal diesseits der Alpen (547 207); die Gallier, der Durchmaersche jetzt gewohnt, oeffneten fuer gutes Geld willig ihre Paesse und lieferten, was das Heer bedurfte. Wenn man in Rom beabsichtigt hatte, die Ausgaenge der Alpenpaesse zu besetzen, so kam man damit wieder zu spaet; schon vernahm man, dass Hasdrubal am Padus stehe, dass er die Gallier mit gleichem Erfolge wie einst sein Bruder zu den Waffen rufe, dass Placentia berannt werde. Schleunigst begab der Konsul Marcus Livius sich zu der Nordarmee; und es war hohe Zeit, dass er erschien. Etrurien und Umbrien waren in dumpfer Gaerung; Freiwillige von dort verstaerkten das phoenikische Heer. Sein Kollege Gaius Nero zog aus Venusia den Praetor Gaius Hostilius Tubulus an sich und eilte mit einem Heere von 40000 Mann, Hannibal den Weg nach Norden zu verlegen. Dieser sammelte seine ganze Macht im brettischen Gebiet, und auf der grossen, von Rhegion nach Apulien fuehrenden Strasse vorrueckend traf er bei Grumentum auf den Konsul. Es kam zu einem hartnaeckigen Gefecht, in welchem Nero sich den Sieg zuschrieb; allein Hannibal vermochte wenigstens, wenn auch mit Verlust, durch einen seiner gewoehnlichen geschickten Seitenmaersche sich dem Feinde zu entziehen und ungehindert Apulien zu erreichen. Hier blieb er stehen und lagerte anfangs bei Venusia, alsdann bei Canusium, Nero, der ihm auf dem Fuss gefolgt war, dort wie hier ihm gegenueber. Dass Hannibal freiwillig stehenblieb und nicht von der roemischen Armee am Vorruecken gehindert ward, scheint nicht zu bezweifeln; der Grund, warum er gerade hier und nicht weiter noerdlich sich aufstellte, muss gelegen haben in Verabredungen Hannibals mit Hasdrubal oder in Mutmassungen ueber dessen Marschroute, die wir nicht kennen. Waehrend also hier die beiden Heere sich untaetig gegenueberstanden, ward die im Hannibalischen Lager sehnlich erwartete Depesche Hasdrubals von Neros Posten aufgefangen; sie ergab, dass Hasdrubal beabsichtigte, die Flaminische Strasse einzuschlagen, also zunaechst sich an der Kueste zu halten und dann bei Fanum ueber den Apennin gegen Narnia sich zu wenden, an welchem Orte er Hannibal zu treffen gedenke. Sofort liess Nero nach Narnia als dem zur Vereinigung der beiden phoenikischen Heere ausersehenen Punkt die hauptstaedtische Reserve vorgehen, wogegen die bei Capua stehende Abteilung nach der Hauptstadt kam und dort eine neue Reserve gebildet ward. Ueberzeugt, dass Hannibal die Absicht des Bruders nicht kenne und fortfahren werde, ihn in Apulien zu erwarten, entschloss sich Nero zu dem kuehnen Wagnis, mit einem kleinen, aber auserlesenen Korps von 7000 Mann in Gewaltmaerschen nordwaerts zu eilen und womoeglich in Gemeinschaft mit dem Kollegen den Hasdrubal zur Schlacht zu zwingen; er konnte es, denn das roemische Heer, das er zurueckliess, blieb immer stark genug, um Hannibal entweder standzuhalten, wenn er angriff, oder ihn zu geleiten und mit ihm zugleich an dem Orte der Entscheidung einzutreffen, wenn er abzog. Nero fand den Kollegen Marcus Livius bei Sena gallica, den Feind erwartend. Sofort rueckten beide Konsuln aus gegen Hasdrubal, den sie beschaeftigt fanden, den Metaurus zu ueberschreiten. Hasdrubal wuenschte die Schlacht zu vermeiden und sich seitwaerts den Roemern zu entziehen; allein seine Fuehrer liessen ihn im Stich, er verirrte sich auf dem ihm fremden Terrain und wurde endlich auf dem Marsch von der roemischen Reiterei angegriffen und so lange festgehalten, bis auch das roemische Fussvolk eintraf und die Schlacht unvermeidlich ward. Hasdrubal stellte die Spanier auf den rechten Fluegel, davor seine zehn Elefanten, die Gallier auf den linken, den er versagte. Lange schwankte das Gefecht auf dem rechten Fluegel und der Konsul Livius, der hier befehligte, ward hart gedraengt, bis Nero, seine strategische Operation taktisch wiederholend, den ihm unbeweglich gegenueberstehenden Feind stehen liess und, um die eigene Armee herum marschierend, den Spaniern in die Flanke fiel. Dies entschied. Der schwer erkaempfte und sehr blutige Sieg war vollstaendig; das Heer, das keinen Rueckzug hatte, ward vernichtet, das Lager erstuermt, Hasdrubal, da er die vortrefflich geleitete Schlacht verloren sah, suchte und fand gleich seinem Vater einen ehrlichen Reitertod. Als Offizier und als Mann war er wert, Hannibals Bruder zu sein.
Am Tage nach der Schlacht brach Nero wieder auf und stand nach kaum vierzehntaegiger Abwesenheit abermals in Apulien Hannibal gegenueber, den keine Botschaft erreicht und der sich nicht geruehrt hatte. Die Botschaft brachte ihm der Konsul mit; es war der Kopf des Bruders, den der Roemer den feindlichen Posten hinwerfen liess, also dem grossen Gegner, der den Krieg mit Toten verschmaehte, die ehrenvolle Bestattung des Paullus, Gracchus und Marcellus vergeltend. Hannibal erkannte, dass er umsonst gehofft hatte und dass alles vorbei war. Er gab Apulien und Lucanien, sogar Metapont auf und zog mit seinen Truppen zurueck in das brettische Land, dessen Haefen sein einziger Rueckzug waren. Durch die Energie der roemischen Feldherren und mehr noch durch eine beispiellos glueckliche Fuegung war eine Gefahr von Rom abgewandt, deren Groesse Hannibals zaehes Ausharren in Italien rechtfertigt und die mit der Groesse der cannensischen den Vergleich vollkommen aushaelt. Der Jubel in Rom war grenzenlos; die Geschaefte begannen wieder wie in Friedenszeit; jeder fuehlte, dass die Gefahr des Krieges verschwunden sei.
Indes ein Ende zu machen beeilte man sich in Rom eben nicht. Der Staat und die Buerger waren erschoepft durch die uebermaessige moralische und materielle Anspannung aller Kraefte; gern gab man der Sorglosigkeit und der Ruhe sich hin. Heer und Flotte wurden vermindert, die roemischen und latinischen Bauern auf ihre veroedeten Hoefe zurueckgefuehrt, die Kasse durch den Verkauf eines Teils der kampanischen Domaene gefuellt. Die Staatsverwaltung wurde neu geregelt und die eingerissenen Unordnungen abgestellt; man fing an, das freiwillige Kriegsanlehen zurueckzuzahlen, und zwang die im Rueckstand gebliebenen latinischen Gemeinden, ihren versaeumten Pflichten mit schweren Zinsen zu genuegen.
Der Krieg in Italien stockte. Es war ein glaenzender Beweis von Hannibals strategischem Talent sowie freilich auch von der Unfaehigkeit der jetzt ihm gegenueberstehenden roemischen Feldherren, dass er von da an noch durch vier Jahre im brettischen Lande das Feld behaupten und von dem weit ueberlegenen Gegner weder gezwungen werden konnte, sich in die Festungen einzuschliessen noch sich einzuschiffen. Freilich musste er immer weiter zurueckweichen, weniger in Folge der ihm von den Roemern gelieferten, nichts entscheidenden Gefechte, als weil seine brettischen Bundesgenossen immer schwieriger wurden und er zuletzt nur auf die Staedte noch zaehlen konnte, die sein Heer besetzt hielt. So gab er Thurii freiwillig auf; Lokri ward auf Publius Scipios Veranstaltung von Rhegion aus wieder eingenommen (549 205). Als sollten seine Entwuerfe noch schliesslich von den karthagischen Behoerden, die sie ihm verdorben hatten, selbst eine glaenzende Rechtfertigung erhalten, suchten diese in der Angst vor der erwarteten Landung der Roemer jene Plaene nun selbst wieder hervor (548, 549 206, 205) und sandten an Hannibal nach Italien, an Mago nach Spanien Verstaerkung und Subsidien mit dem Befehl, den Krieg in Italien aufs neue zu entflammen und den zitternden Besitzern der libyschen Landhaeuser und der karthagischen Buden noch einige Frist zu erfechten. Ebenso ging eine Gesandtschaft nach Makedonien, um Philippos zur Erneuerung des Buendnisses und zur Landung in Italien zu bestimmen (549 205). Allein es war zu spaet. Philippos hatte wenige Monate zuvor mit Rom Frieden geschlossen; die bevorstehende politische Vernichtung Karthagos war ihm zwar unbequem, aber er tat oeffentlich wenigstens nichts gegen Rom. Es ging ein kleines makedonisches Korps nach Afrika, das nach der Behauptung der Roemer Philippos aus seiner Tasche bezahlte; begreiflich waere es, allein Beweise wenigstens hatten, wie der spaetere Verlauf der Ereignisse zeigt, die Roemer dafuer nicht. An eine makedonische Landung in Italien ward nicht gedacht.
Ernstlicher griff Mago, Hamilkars juengster Sohn, seine Aufgabe an. Mit den Truemmern der spanischen Armee, die er zunaechst nach Minorca gefuehrt hatte, landete er im Jahre 549 (205) bei Genua, zerstoerte die Stadt und rief die Ligurer und Gallier zu den Waffen, die das Gold und die Neuheit des Unternehmens wie immer scharenweise herbeizog; seine Verbindungen gingen sogar durch ganz Etrurien, wo die politischen Prozesse nicht ruhten. Allein was er an Truppen mitgebracht, war zu wenig fuer eine ernstliche Unternehmung gegen das eigentliche Italien, und Hannibal war gleichfalls viel zu schwach und sein Einfluss in Unteritalien viel zu sehr gesunken, als dass er mit Erfolg haette vorgehen koennen. Die karthagischen Herren hatten die Rettung der Heimat nicht gewollt, da sie moeglich war; jetzt, da sie sie wollten, war sie nicht mehr moeglich.
Wohl niemand zweifelte im roemischen Senat, weder daran, dass der Krieg Karthagos gegen Rom zu Ende sei, noch daran, dass nun der Krieg Roms gegen Karthago begonnen werden muesse; allein die afrikanische Expedition, so unvermeidlich sie war, scheute man sich anzuordnen. Man bedurfte dazu vor allem eines faehigen und beliebten Fuehrers; und man hatte keinen. Die besten Generale waren entweder auf dem Schlachtfeld gefallen oder sie waren, wie Quintus Fabius und Quintus Fulvius, fuer einen solchen ganz neuen und wahrscheinlich langwierigen Krieg zu alt. Die Sieger von Sena, Gaius Nero und Marcus Livius, waeren der Aufgabe schon gewachsen gewesen, allein sie waren beide im hoechsten Grade unpopulaere Aristokraten; es war zweifelhaft, ob es gelingen wuerde, ihnen das Kommando zu verschaffen - so weit war man ja schon, dass die Tuechtigkeit allein nur in den Zeiten der Angst die Wahlen entschied -, und mehr als zweifelhaft, ob dies die Maenner waren, die dem erschoepften Volke neue Anstrengungen ansinnen durften. Da kam Publius Scipio aus Spanien zurueck, und der Liebling der Menge, der seine von ihr empfangene Aufgabe so glaenzend erfuellt hatte oder doch erfuellt zu haben schien, ward sogleich fuer das naechste Jahr zum Konsul gewaehlt. Er trat sein Amt an (549 205) mit dem festen Entschluss, die schon in Spanien entworfene afrikanische Expedition jetzt zu verwirklichen. Indes im Senat wollte nicht bloss die Partei der methodischen Kriegfuehrung von einer afrikanischen Expedition so lange nichts wissen, als Hannibal noch in Italien stand, sondern es war auch die Majoritaet dem jungen Feldherrn selbst keineswegs guenstig gesinnt. Seine griechische Eleganz und moderne Bildung und Gesinnung sagte den strengen und etwas baeurischen Vaetern der Stadt sehr wenig zu und gegen seine Kriegfuehrung in Spanien bestanden ebenso ernste Bedenken wie gegen seine Soldatenzucht. Wie begruendet der Vorwurf war, dass er gegen seine Korpschefs allzugrosse Nachsicht zeige, bewiesen sehr bald die Schaendlichkeiten, die Gaius Pleminius in Lokri veruebte, und die Scipio allerdings durch seine fahrlaessige Beaufsichtigung in der aergerlichsten Weise mittelbar mit verschuldet hatte. Dass bei den Verhandlungen im Senat ueber die Anordnung des afrikanischen Feldzugs und die Bestellung des Feldherrn dafuer der neue Konsul nicht uebel Lust bezeigte, wo immer Brauch und Verfassung mit seinen Privatabsichten in Konflikt gerieten, solche Hemmnisse beiseite zu schieben, und dass er sehr deutlich zu verstehen gab, wie er sich aeussersten Falls der Regierungsbehoerde gegenueber auf seinen Ruhm und seine Popularitaet bei dem Volke zu stuetzen gedenke, musste den Senat nicht bloss kraenken, sondern auch die ernstliche Besorgnis erwecken, ob ein solcher Oberfeldherr bei dem bevorstehenden Entscheidungskrieg und den etwaigen Friedensverhandlungen mit Karthago sich an die ihm gewordenen Instruktionen binden werde; eine Besorgnis, welche die eigenmaechtige Fuehrung der spanischen Expedition keineswegs zu beschwichtigen geeignet war. Indes bewies man auf beiden Seiten Einsicht genug, um es nicht zum Aeussersten kommen zu lassen. Auch der Senat konnte nicht verkennen, dass die afrikanische Expedition notwendig und es nicht weise war, dieselbe ins Unbestimmte hinauszuschieben; nicht verkennen, dass Scipio ein aeusserst faehiger Offizier und insofern zum Fuehrer eines solchen Krieges wohl geeignet war und dass, wenn einer, er es vermochte, vom Volke die Verlaengerung seines Oberbefehls so lange als noetig und die Aufbietung der letzten Kraefte zu erlangen. Die Majoritaet kam zu dem Entschluss, Scipio den gewuenschten Auftrag nicht zu versagen, nachdem derselbe zuvor die der hoechsten Regierungsbehoerde schuldige Ruecksicht wenigstens der Form nach beobachtet und im Voraus sich dem Beschluss des Senats unterworfen hatte. Scipio sollte dies Jahr nach Sizilien gehen, um den Bau der Flotte, die Herstellung des Belagerungsmaterials und die Bildung der Expeditionsarmee zu betreiben, und dann im naechsten Jahr in Afrika landen. Es ward ihm hierzu die sizilische Armee - noch immer jene beiden aus den Truemmern des cannensischen Heeres gebildeten Legionen - zur Disposition gestellt, da zur Deckung der Insel eine schwache Besatzung und die Flotte vollstaendig ausreichten, und ausserdem ihm gestattet, in Italien Freiwillige aufzubieten. Es war augenscheinlich, dass der Senat die Expedition nicht anordnete, sondern vielmehr geschehen liess; Scipio erhielt nicht die Haelfte der Mittel, die man einst Regulus zu Gebot gestellt hatte, und ueberdies eben dasjenige Korps, das seit Jahren vom Senat mit berechneter Zuruecksetzung behandelt worden war. Die afrikanische Armee war im Sinne der Majoritaet des Senats ein verlorener Posten von Strafkompanien und Volontaers, deren Untergang der Staat allenfalls verschmerzen konnte.
Ein anderer Mann als Scipio haette vielleicht erklaert, dass die afrikanische Expedition entweder mit anderen Mitteln oder gar nicht unternommen werden muesse; allein Scipios Zuversicht ging auf die Bedingungen ein, wie sie immer waren, um nur zu dem heissersehnten Kommando zu gelangen. Sorgfaeltig vermied er, soweit es anging, das Volk unmittelbar zu belaestigen, um nicht der Popularitaet der Expedition zu schaden. Die Kosten derselben, namentlich die betraechtlichen des Flottenbaus, wurden teils beigeschafft durch eine sogenannte freiwillige Kontribution der etruskischen Staedte, das heisst durch eine den Arretinern und den sonstigen phoenikisch gesinnten Gemeinden zur Strafe auferlegte Kriegssteuer, teils auf die sizilischen Staedte gelegt; in vierzig Tagen war die Flotte segelfertig. Die Mannschaft verstaerkten Freiwillige, deren bis siebentausend aus allen Teilen Italiens dem Rufe des geliebten Offiziers folgten. So ging Scipio im Fruehjahr 550 (204) mit zwei starken Veteranenlegionen (etwa 30000 Mann), 40 Kriegs- und 400 Transportschiffen nach Afrika unter Segel und landete gluecklich, ohne den geringsten Widerstand zu finden, am Schoenen Vorgebirge in der Naehe von Utica.
Die Karthager, die seit langem erwarteten, dass auf die Pluenderungszuege, welche die roemischen Geschwader in den letzten Jahren haeufig nach der afrikanischen Kueste gemacht hatten, ein ernstlicher Einfall folgen werde, hatten, um dessen sich zu erwehren, nicht bloss den italisch-makedonischen Krieg aufs neue in Gang zu bringen versucht, sondern auch daheim geruestet, um die Roemer zu empfangen. Es war gelungen, von den beiden rivalisierenden Berberkoenigen, Massinissa von Cirta (Constantine), dem Herrn der Massyler, und Syphax von Siga (an der Tafnamuendung, westlich von Oran), dem Herrn der Massaesyler, den letzteren, den bei weitem maechtigeren und bisher den Roemern befreundeten, durch Vertrag und Verschwaegerung eng an Karthago zu knuepfen, indem man den anderen, den alten Nebenbuhler des Syphax und Bundesgenossen der Karthager, fallen liess. Massinissa war nach verzweifelter Gegenwehr der vereinigten Macht der Karthager und des Syphax erlegen und hatte seine Laender dem letzteren zur Beute lassen muessen; er selbst irrte mit wenigen Reitern in der Wueste. Ausser dem Zuzug, der von Syphax zu erwarten war, stand ein karthagisches Heer von 20000 Mann zu Fuss, 6000 Reitern und 140 Elefanten - Hanno war eigens deshalb auf Elefantenjagd ausgeschickt worden - schlagfertig zum Schutz der Hauptstadt, unter der Fuehrung des in Spanien erprobten Feldherrn Hasdrubal, Gisgons Sohn; im Hafen lag eine starke Flotte. Ein makedonisches Korps unter Sopater und eine Sendung keltiberischer Soeldner wurden demnaechst erwartet.
Auf das Geruecht von Scipios Landung traf Massinissa sofort in dem Lager des Feldherrn ein, dem er vor nicht langem in Spanien als Feind gegenuebergestanden hatte; allein der laenderlose Fuerst brachte zunaechst den Roemern nichts als seine persoenliche Tuechtigkeit, und die Libyer, obwohl der Aushebungen und Steuern herzlich muede, hatten doch in aehnlichen Faellen zu bittere Erfahrungen gemacht, um sich sofort fuer die Roemer zu erklaeren. So begann Scipio den Feldzug. Solange er nur die schwaechere karthagische Armee gegen sich hatte, war er im Vorteil und konnte nach einigen gluecklichen Reitergefechten zur Belagerung von Utica schreiten; allein als Syphax eintraf, angeblich mit 50000 Mann zu Fuss und 10000 Reitern, musste die Belagerung aufgehoben und auf einem leicht zu verschanzenden Vorgebirg zwischen Utica und Karthago ein befestigtes Schiffslager geschlagen werden. Hier verging dem roemischen General der Winter 550/51 (204/03). Aus der ziemlich unbequemen Lage, in der das Fruehjahr ihn fand, befreite er sich durch einen gluecklichen Handstreich. Die Afrikaner, eingeschlaefert durch die von Scipio mehr listig als ehrlich angesponnenen Friedensverhandlungen, liessen sich in einer und derselben Nacht in ihren beiden Lagern ueberfallen: die Rohrhuetten der Numidier loderten in Flammen auf, und als die Karthager eilten zu helfen, traf ihr eigenes Lager dasselbe Schicksal; wehrlos wurden die Fluechtenden von den roemischen Abteilungen niedergemacht. Dieser naechtliche Ueberfall war verderblicher als manche Schlacht. Indes die Karthager liessen den Mut nicht sinken und verwarfen sogar den Rat der Furchtsamen, oder vielmehr der Verstaendigen, Mago und Hannibal zurueckzurufen. Eben jetzt waren die erwarteten keltiberischen und makedonischen Hilfstruppen angelangt; man beschloss, auf den “grossen Feldern”, fuenf Tagemaersche von Utica, noch einmal die offene Feldschlacht zu versuchen. Scipio eilte, sie anzunehmen; mit leichter Muehe zerstreuten seine Veteranen und Freiwilligen die zusammengerafften karthagischen und numidischen Schwaerme und auch die Keltiberer, die bei Scipio auf Gnade nicht rechnen durften, wurden nach hartnaeckiger Gegenwehr zusammengehauen. Die Afrikaner konnten nach dieser doppelten Niederlage nirgend mehr das Feld halten. Ein Angriff auf das roemische Schiffslager, den die karthagische Flotte versuchte, lieferte zwar kein unguenstiges, aber doch auch kein entscheidendes Resultat und ward weit aufgewogen durch die Gefangennahme des Syphax, die dem Scipio sein beispielloser Gluecksstern zuwarf und durch welche Massinissa das fuer die Roemer ward, was anfangs Syphax den Karthagern gewesen war.
Nach solchen Niederlagen konnte die karthagische Friedenspartei, die seit sechzehn Jahren hatte schweigen muessen, wiederum ihr Haupt erheben und sich offen auflehnen gegen das Regiment der Barkas und der Patrioten. Hasdrubal, Gisgons Sohn, ward abwesend von der Regierung zum Tode verurteilt und ein Versuch gemacht, von Scipio Waffenstillstand und Frieden zu erlangen. Er forderte Abtretung der spanischen Besitzungen und der Inseln des Mittelmeeres, Uebergabe des Reiches des Syphax an Massinissa, Auslieferung der Kriegsschiffe bis auf zwanzig und eine Kriegskontribution von 4000 Talenten (fast 7 Mill. Taler) - Bedingungen, die fuer Karthago so beispiellos guenstig erscheinen, dass die Frage sich aufdraengt, ob sie Scipio mehr in seinem oder mehr in Roms Interesse anbot. Die karthagischen Bevollmaechtigten nahmen dieselben an unter Vorbehalt der Ratifikation ihrer Behoerden, und es ging eine karthagische Gesandtschaft deshalb nach Rom ab. Allein die karthagische Patriotenpartei war nicht gemeint, so leichten Kaufs auf den Kampf zu verzichten; der Glaube an die edle Sache, das Vertrauen auf den grossen Feldherrn, selbst das Beispiel, das Rom gegeben hatte, feuerten sie an auszuharren, auch davon abgesehen, dass der Friede notwendig die Gegenpartei ans Ruder und damit ihnen selbst den Untergang bringen musste. In der Buergerschaft hatte die Patriotenpartei das Uebergewicht; man beschloss, die Opposition ueber den Frieden verhandeln zu lassen und mittlerweile sich zu einer letzten und entscheidenden Anstrengung vorzubereiten. An Mago und an Hannibal erging der Befehl, schleunigst nach Afrika heimzukehren. Mago, der seit drei Jahren (459-551 205-203) daran arbeitete, in Norditalien eine Koalition gegen Rom ins Leben zu rufen, war eben damals im Gebiet der Insubrer (um Mailand) dem weit ueberlegenen roemischen Doppelheer unterlegen. Die roemische Reiterei war zum Weichen und das Fussvolk ins Gedraenge gebracht worden und der Sieg schien sich fuer die Karthager zu erklaeren, als der kuehne Angriff eines roemischen Trupps auf die feindlichen Elefanten und vor allem die schwere Verwundung des geliebten und faehigen Fuehrers das Glueck der Schlacht wandte: das phoenikische Heer musste an die ligurische Kueste zurueckweichen. Hier erhielt es den Befehl zur Einschiffung und vollzog ihn; Mago aber starb waehrend der Ueberfahrt an seiner Wunde. Hannibal waere dem Befehl wahrscheinlich zuvorgekommen, wenn nicht die letzten Verhandlungen mit Philipp ihm eine neue Aussicht dargeboten haetten, seinem Vaterland in Italien nuetzlicher sein zu koennen als in Libyen; als er in Kroton, wo er in der letzten Zeit gestanden hatte, ihn empfing, saeumte er nicht, ihm nachzukommen. Er liess seine Pferde niederstossen sowie die italischen Soldaten, die sich weigerten, ihm ueber das Meer zu folgen, und bestieg die auf der Rede von Kroton laengst in Bereitschaft stehenden Transportschiffe. Die roemischen Buerger atmeten auf, da der gewaltige libysche Loewe, den zum Abzug zu zwingen selbst jetzt noch niemand sich getraute, also freiwillig dem italischen Boden den Ruecken wandte; bei diesem Anlass ward dem einzigen ueberlebenden unter den roemischen Feldherren, welche die schwere Zeit mit Ehren bestanden hatten, dem fast neunzigjaehrigen Quintus Fabius von Rat und Buergerschaft der Graskranz verehrt. Dieser Kranz, welchen nach roemischer Sitte das durch den Feldherrn gerettete Heer seinem Retter darbrachte, von der ganzen Gemeinde zu empfangen, war die hoechste Auszeichnung, die einem roemischen Buerger je zuteil geworden ist, und der letzte Ehrenschmuck des alten Feldherrn, der noch in demselben Jahre aus dem Leben schied (551 203). Hannibal aber gelangte, ohne Zweifel nicht unter dem Schutz des Waffenstillstandes, sondern allein durch seine Schnelligkeit und sein Glueck, ungehindert nach Leptis und betrat, der letzte von Hamilkars “Loewenbrut”, hier abermals nach sechsunddreissigjaehriger Abwesenheit den Boden der Heimat, die er, fast noch ein Knabe, verlassen hatte, um seine grossartige und doch so durchaus vergebliche Heldenlaufbahn zu beginnen und westwaerts ausziehend von Osten her heimzukehren, rings um die karthagische See einen weiten Siegeskreis beschreibend. Jetzt, wo geschehen war, was er hatte verhueten wollen und was er verhuetet haette, wenn er gedurft, jetzt sollte er, wenn moeglich, retten und helfen; und er tat es, ohne zu klagen und zu schelten. Mit seiner Ankunft trat die Patriotenpartei offen auf; das schaendliche Urteil gegen Hasdrubal ward kassiert, neue Verbindungen mit den numidischen Scheichs durch Hannibals Gewandtheit angeknuepft und nicht bloss dem tatsaechlich abgeschlossenen Frieden in der Volksversammlung die Bestaetigung verweigert, sondern auch durch die Pluenderung einer an der afrikanischen Kueste gestrandeten roemischen Transportflotte, ja sogar durch den ueberfall eines roemische Gesandte fuehrenden roemischen Kriegsschiffs der Waffenstillstand gebrochen. In gerechter Erbitterung brach Scipio aus seinem Lager bei Tunis auf (552 202) und durchzog das reiche Tal des Bagradas (Medscherda), indem er den Ortschaften keine Kapitulation mehr gewaehrte, sondern die Einwohnerschaften der Flecken und Staedte in Masse aufgreifen und verkaufen liess. Schon war er tief ins Binnenland eingedrungen und stand bei Naraggara (westlich von Sicca, jetzt el Kef, an der Grenze von Tunis und Algier), als Hannibal, der ihm von Hadrumetum aus entgegengezogen war, mit ihm zusammentraf. Der karthagische Feldherr versuchte von dem roemischen in einer persoenlichen Zusammenkunft bessere Bedingungen zu erlangen; allein Scipio, der schon bis an die aeusserste Grenze der Zugestaendnisse gegangen war, konnte nach dem Bruch des Waffenstillstandes unmoeglich zu weiterer Nachgiebigkeit sich verstehen, und es ist nicht glaublich, dass Hannibal bei diesem Schritt etwas anderes bezweckte, als der Menge zu zeigen, dass die Patrioten keineswegs unbedingt gegen den Frieden seien. Die Konferenz fuehrte zu keinem Ergebnis und so kam es zu der Entscheidungsschlacht bei Zama (vermutlich unweit Sicca) ^1. In drei Linien ordnete Hannibal sein Fussvolk: in das erste Glied die karthagischen Mietstruppen, in das zweite die afrikanische Land- und die phoenikische Buergerwehr nebst dem makedonischen Korps, in das dritte die Veteranen, die ihm aus Italien gefolgt waren. Vor der Linie standen die achtzig Elefanten, die Reiter auf den Fluegeln. Scipio stellte gleichfalls seine Legionen in drei Glieder, wie die Roemer pflegten, und ordnete sie so, dass die Elefanten durch und neben der Linie weg ausbrechen konnten, ohne sie zu sprengen. Dies gelang nicht bloss vollstaendig, sondern die seitwaerts ausweichenden Elefanten brachten auch die karthagischen Reiterfluegel in Unordnung, so dass gegen diese Scipios Reiterei, die ueberdies durch das Eintreffen von Massinissas Scharen dem Feinde weit ueberlegen war, leichtes Spiel hatte und bald in vollem Nachsetzen begriffen war. Ernster war der Kampf des Fussvolks. Lange stand das Gefecht zwischen den beiderseitigen ersten Gliedern; in dem aeusserst blutigen Handgemenge gerieten endlich beide Teile in Verwirrung und mussten an den zweiten Gliedern einen Halt suchen. Die Roemer fanden ihn; die karthagische Miliz aber zeigte sich so unsicher und schwankend, dass sich die Soeldner verraten glaubten und es zwischen ihnen und der karthagischen Buergerwehr zum Handgemenge kam. Indes Hannibal zog eilig, was von den beiden ersten Linien noch uebrig war, auf die Fluegel zurueck und schob seine italischen Kerntruppen auf der ganzen Linie vor. Scipio draengte dagegen in der Mitte zusammen, was von der ersten Linie noch kampffaehig war und liess das zweite und dritte Glied rechts und links an das erste sich anschliessen. Abermals begann auf derselben Walstatt ein zweites, noch fuerchterlicheres Gemetzel; Hannibals alte Soldaten wankten nicht trotz der Ueberzahl der Feinde, bis die Reiterei der Roemer und des Massinissa, von der Verfolgung der geschlagenen feindlichen zurueckkehrend, sie von allen Seiten umringte. Damit war nicht bloss der Kampf zu Ende, sondern das phoenikische Heer vernichtet; dieselben Soldaten, die vierzehn Jahre zuvor bei Cannae gewichen waren, hatten ihren Ueberwindern bei Zama vergolten. Mit einer Handvoll Leute gelangte Hannibal fluechtig nach Hadrumetum.
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^1 Von den beiden diesen Namen fuehrenden Orten ist wahrscheinlich der westlichere, etwa 60 Miglien westlich von Hadrumetum gelegene, derjenige der Schlacht (vgl. Hermes 20, 1885, S. 144, 318). Die Zeit ist der Fruehling oder Sommer des Jahres 552 (202); die Bestimmung des Tages auf den 19. Oktober wegen der angeblichen Sonnenfinsternis ist nichtig.
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Nach diesem Tage konnte auf karthagischer Seite nur der Unverstand zur Fortsetzung des Krieges raten. Dagegen lag es in der Hand des roemischen Feldherrn, sofort die Belagerung der Hauptstadt zu beginnen, die weder gedeckt noch verproviantiert war, und, wenn nicht unberechenbare Zwischenfaelle eintraten, das Schicksal, welches Hannibal ueber Rom hatte bringen wollen, jetzt ueber Karthago walten zu lassen. Scipio hat es nicht getan; er gewaehrte den Frieden (553 201), freilich nicht mehr auf die frueheren Bedingungen. Ausser den Abtretungen, die schon bei den letzen Verhandlungen fuer Rom wie fuer Massinissa gefordert worden waren, wurde den Karthagern auf fuenfzig Jahre eine jaehrliche Kontribution von 200 Talenten (340000 Taler) aufgelegt und mussten sie sich anheischig machen, nicht gegen Rom oder seine Verbuendeten und ueberhaupt ausserhalb Afrika gar nicht, in Afrika ausserhalb ihres eigenen Gebietes nur nach eingeholter Erlaubnis Roms Krieg zu fuehren; was tatsaechlich darauf hinauslief, dass Karthago tributpflichtig ward und seine politische Selbstaendigkeit verlor. Es scheint sogar, dass die Karthager unter Umstaenden verpflichtet waren, Kriegsschiffe zu der roemischen Flotte zu stellen.
Man hat Scipio beschuldigt, dass er, um die Ehre der Beendigung des schwersten Krieges, den Rom gefuehrt hat, nicht mit dem Oberbefehl an einen Nachfolger abgeben zu muessen, dem Feinde zu guenstige Bedingungen gewaehrte. Die Anklage moechte gegruendet sein, wenn der erste Entwurf zustande gekommen waere; gegen den zweiten scheint sie nicht gerechtfertigt. Weder standen in Rom die Verhaeltnisse so, dass der Guenstling des Volkes nach dem Siege bei Zama die Abberufung ernstlich zu fuerchten gehabt haette - war doch schon vor dem Siege ein Versuch, ihn abzuloesen, vom Senat an die Buergerschaft und von dieser entschieden zurueckgewiesen worden; noch rechtfertigen die Bedingungen selbst diese Beschuldigung. Die Karthagerstadt hat, nachdem ihr also die Haende gebunden und ein maechtiger Nachbar ihr zur Seite gestellt war, nie auch nur einen Versuch gemacht, sich der roemischen Suprematie zu entziehen, geschweige denn, mit Rom zu rivalisieren; es wusste ueberdies jeder, der es wissen wollte, dass der soeben beendigte Krieg viel mehr von Hannibal unternommen worden war als von Karthago und dass der Riesenplan der Patriotenpartei sich schlechterdings nicht erneuern liess. Es mochte den rachsuechtigen Italienern wenig duenken, dass nur die fuenfhundert ausgelieferten Kriegsschiffe in Flammen aufloderten und nicht auch die verhasste Stadt; Verbissenheit und Dorfschulzenverstand mochten die Meinung verfechten, dass nur der vernichtete Gegner wirklich besiegt sei, und den schelten, der das Verbrechen, die Roemer zittern gemacht zu haben, verschmaeht hatte, gruendlicher zu bestrafen. Scipio dachte anders und wir haben keinen Grund und also kein Recht anzunehmen, dass in diesem Fall die gemeinen Motive den Roemer bestimmten, und nicht die adligen und hochsinnigen, die auch in seinem Charakter lagen. Nicht das Bedenken der etwaigen Abberufung oder des moeglichen Glueckswechsels noch die allerdings nicht fernliegende Besorgnis vor dem Ausbruch des Makedonischen Krieges haben den sicheren und zuversichtlichen Mann, dem bisher noch alles unbegreiflich gelungen war, abgehalten, die Exekution an der ungluecklichen Stadt zu vollziehen, die fuenfzig Jahre spaeter seinem Adoptivenkel aufgetragen wurde und die freilich wohl jetzt gleich schon vollzogen werde konnte. Es ist viel wahrscheinlicher, dass die beiden grossen Feldherren, bei denen jetzt auch die politische Entscheidung stand, den Frieden wie er war boten und annahmen, um dort der ungestuemen Rachsucht der Sieger, hier der Hartnaeckigkeit und dem Unverstand der Ueberwundenen gerechte und verstaendige Schranken zu setzen; der Seelenadel und die staatsmaennische Begabung der hohen Gegner zeigt sich nicht minder in Hannibals grossartiger Fuegung in das Unvermeidliche als in Scipios weisem Zuruecktreten von dem Ueberfluessigen und Schmaehlichen des Sieges. Sollte er, der hochherzige und freiblickende Mann, sich nicht gefragt haben, was es denn dem Vaterlande nuetzte, nachdem die politische Macht der Karthagerstadt vernichtet war, diesen uralten Sitz des Handels und Ackerbaus voellig zu verderben und einen der Grundpfeiler der damaligen Zivilisation frevelhaft niederzuwerfen? Die Zeit war noch nicht gekommen, wo die ersten Maenner Roms sich hergaben zu Henkern der Zivilisation der Nachbarn und die ewige Schande der Nation leichtfertig glaubten von sich mit einer muessigen Traene abzuwaschen.
So war der Zweite Punische Krieg, oder wie die Roemer ihn richtiger nennen, der Hannibalische Krieg beendigt, nachdem er siebzehn Jahre vom Hellespont bis zu den Saeulen des Herkules die Inseln und Landschaften verheert hatte. Vor diesem Krieg hatte Rom sein politisches Ziel nicht hoeher gesteckt als bis zu der Beherrschung des Festlandes der italischen Halbinsel innerhalb ihrer natuerlichen Grenzen und der italischen Inseln und Meere. Dass man den Krieg auch beendigte mit dem Gedanken, nicht die Herrschaft ueber die Staaten am Mittelmeer oder die sogenannte Weltmonarchie begruendet, sondern einen gefaehrlichen Nebenbuhler unschaedlich gemacht und Italien bequeme Nachbarn gegeben zu haben, wird durch die Behandlung Afrikas beim Friedensschluss deutlich bewiesen. Es ist wohl richtig, dass andere Ergebnisse des Krieges, namentlich die Eroberung von Spanien, diesem Gedanken wenig entsprachen; aber die Erfolge fuehrten eben ueber die eigentliche Absicht hinaus, und zu dem Besitz von Spanien sind die Roemer in der Tat man moechte sagen zufaellig gelangt. Die Herrschaft ueber Italien haben die Roemer errungen, weil sie sie erstrebt haben; die Hegemonie und die daraus entwickelte Herrschaft ueber das Mittelmeergebiet ist ihnen gewissermassen ohne ihre Absicht durch die Verhaeltnisse zugeworfen worden.
Die unmittelbaren Resultate des Krieges waren ausserhalb Italien die Verwandlung Spaniens in eine roemische, freilich in ewiger Auflehnung begriffene Doppelprovinz; die Vereinigung des bis dahin abhaengigen syrakusanischen Reiches mit der roemischen Provinz Sizilien; die Begruendung des roemischen statt des karthagischen Patronats ueber die bedeutendsten numidischen Haeuptlinge; endlich die Verwandlung Karthagos aus einem maechtigen Handelsstaat in eine wehrlose Kaufstadt; mit einem Worte Roms unbestrittene Hegemonie ueber den Westen des Mittelmeergebiets, in weiterer Entwicklung das notwendige Ineinandergreifen des oestlichen und des westlichen Staatensystems, das im Ersten Punischen Krieg sich nur erst angedeutet hatte, und damit das demnaechst bevorstehende entscheidende Eingreifen Roms in die Konflikte der alexandrischen Monarchien. In Italien wurde dadurch zunaechst das Keltenvolk, wenn nicht schon vorher, doch jetzt sicher zum Untergang bestimmt, und es war nur noch eine Zeitfrage, wann die Exekution vollzogen werden wuerde. Innerhalb der roemischen Eidgenossenschaft war die Folge des Krieges das schaerfere Hervortreten der herrschenden latinischen Nation, deren inneren Zusammenhang die trotz einzelner Schwankungen doch im ganzen in treuer Gemeinschaft ueberstandene Gefahr geprueft und bewaehrt hatte, und die steigende Unterdrueckung der nicht latinischen oder nicht latinisierten Italiker, namentlich der Etrusker und der unteritalischen Sabeller. Am schwersten traf die Strafe oder vielmehr die Rache teils den maechtigsten teils den zugleich ersten und letzten Bundesgenossen Hannibals, die Gemeinde Capua und die Landschaft der Brettier. Die capuanische Verfassung ward vernichtet und Capua aus der zweiten Stadt in das erste Dorf Italiens umgewandelt; es war sogar die Rede davon, die Stadt zu schleifen und dem Boden gleichzumachen. Den gesamten Grund und Boden mit Ausnahme weniger Besitzungen Auswaertiger oder roemisch gesinnter Kampaner erklaerte der Senat zur oeffentlichen Domaene und gab ihn seitdem an kleine Leute parzellenweise in Zeitpacht. Aehnlich wurden die Picenter am Silarus behandelt; ihre Hauptstadt wurde geschleift und die Bewohner zerstreut in die umliegenden Doerfer. Der Brettier Los war noch haerter; sie wurden in Masse gewissermassen zu Leibeigenen der Roemer gemacht und fuer ewige Zeiten vom Waffenrecht ausgeschlossen. Aber auch die uebrigen Verbuendeten Hannibals buessten schwer, so die griechischen Staedte mit Ausnahme der wenigen, die bestaendig zu Rom gehalten hatten, wie die kampanischen Griechen und die Rheginer. Nicht viel weniger litten die Arpaner und eine Menge anderer apulischer, lucanischer, samnitischer Gemeinden, die grossenteils Stuecke ihrer Mark verloren. Auf einem Teile der also gewonnenen Aecker wurden neue Kolonien angelegt; so im Jahre 560 (194) eine ganze Reihe Buergerkolonien an den besten Haefen Unteritaliens, unter denen Sipontum (bei Manfredonia) und Kroton zu nennen sind, ferner Salernum in dem ehemaligen Gebiet der suedlichen Picenter und diesen zur Zwingburg bestimmt, vor allem aber Puteoli, das bald der Sitz der vornehmen Villeggiatur und des asiatisch-aegyptischen Luxushandels ward. Ferner ward Thurii latinische Festung unter dem neuen Namen Copia (560 194), ebenso die reiche brettische Stadt Vibo unter dem Namen Valentia (562 192). Auf anderen Grundstuecken in Samnium und Apulien wurden die Veteranen der siegreichen Armee von Afrika einzeln angesiedelt; der Rest blieb Gemeinland und die Weideplaetze der vornehmen Herren in Rom ersetzten die Gaerten und Ackerfelder der Bauern. Es versteht sich, dass ausserdem in allen Gemeinden der Halbinsel die namhaften, nicht gut roemisch gesinnten Leute soweit beseitigt wurden, als dies durch politische Prozesse und Gueterkonfiskationen durchzusetzen war. Ueberall in Italien fuehlten die nichtlatinischen Bundesgenossen, dass ihr Name eitel und dass sie fortan Untertanen Roms seien; die Besiegung Hannibals ward als eine zweite Unterjochung Italiens empfunden und alle Erbitterung wie aller Uebermut des Siegers vornehmlich an den italischen, nichtlatinischen Bundesgenossen ausgelassen. Selbst die farblose und wohlpolizierte roemische Komoedie dieser Zeit traegt davon die Spuren; wenn die niedergeworfenen Staedte Capua und Atella dem zuegellosen Witz der roemischen Posse polizeilich freigegeben und die letztere geradezu deren Schildburg wurde, wenn andere Lustspieldichter darueber spassten, dass in der todbringenden Luft, wo selbst die ausdauerndste Rasse der Sklaven, das Syrervolk, verkomme, die kampanische Sklavenschaft schon gelernt habe auszuhalten, so hallt aus solchen gefuehllosen Spoettereien der Hohn der Sieger, freilich auch der Jammerlaut der zertretenen Nationen wieder. Wie die Dinge standen, zeigt die aengstliche Sorgfalt, womit waehrend des folgenden Makedonischen Krieges die Bewachung Italiens vom Senat betrieben ward, und die Verstaerkungen, die den wichtigsten Kolonien - so Venusia 554 (200), Narnia 555 (199), Cosa 557 (197), Cales kurz vor 570 (184) - von Rom aus zugesandt wurden.
Welche Luecken Krieg und Hunger in die Reihen der italischen Bevoelkerung gerissen hatten, zeigt das Beispiel der roemischen Buergerschaft, deren Zahl waehrend des Krieges fast um den vierten Teil geschwunden war; die Angabe der Gesamtzahl der im Hannibalischen Krieg gefallenen Italiker auf 300000 Koepfe scheint danach durchaus nicht uebertrieben. Natuerlich fiel dieser Verlust vorwiegend auf den Kern der Buergerschaft, die ja auch den Kern wie die Masse der Streiter stellte; wie furchtbar namentlich der Senat sich lichtete, zeigt die Ergaenzung desselben nach der Schlacht bei Cannae, wo derselbe auf 123 Koepfe geschwunden war und mit Muehe und Not durch eine ausserordentliche Ernennung von 177 Senatoren wieder auf seinen Normalstand gebracht ward. Dass endlich der siebzehnjaehrige Krieg, der zugleich in allen Landschaften Italiens und nach allen vier Weltgegenden im Ausland gefuehrt worden war, die Volkswirtschaft im tiefsten Grund erschuettert haben muss, ist im allgemeinen klar; zur Ausfuehrung im einzelnen reicht die Ueberlieferung nicht hin. Zwar der Staat gewann durch die Konfiskationen, und namentlich das kampanische Gebiet blieb seitdem eine unversiegliche Quelle der Staatsfinanzen; allein durch diese Ausdehnung der Domaenenwirtschaft ging natuerlich der Volkswohlstand um ebenso viel zurueck, als er in anderen Zeiten gewonnen hatte durch die Zerschlagung der Staatslaendereien. Eine Menge bluehender Ortschaften - man rechnet vierhundert - war vernichtet und verderbt, das muehsam gesparte Kapital aufgezehrt, die Bevoelkerung durch das Lagerleben demoralisiert, die alte gute Tradition buergerlicher und baeuerlicher Sitte von der Hauptstadt an bis in das letzte Dorf untergraben. Sklaven und verzweifelte Leute taten sich in Raeuberbanden zusammen, von deren Gefaehrlichkeit es einen Begriff gibt, dass in einem einzigen Jahre (569 185) allein in Apulien 7000 Menschen wegen Strassenraubs verurteilt werden mussten; die sich ausdehnenden Weiden mit den halb wilden Hirtensklaven beguenstigten diese heillose Verwilderung des Landes. Der italische Ackerbau sah sich in seiner Existenz bedroht durch das zuerst in diesem Kriege aufgestellte Beispiel, dass das roemische Volk statt von selbst geerntetem auch von sizilischem und aegyptischem Getreide ernaehrt werden koenne. Dennoch durfte der Roemer, dem die Goetter beschieden hatten, das Ende dieses Riesenkampfes zu erleben, stolz in die Vergangenheit und zuversichtlich in die Zukunft blicken. Es war viel verschuldet, aber auch viel erduldet worden; das Volk, dessen gesamte dienstfaehige Jugend fast zehn Jahre hindurch Schild und Schwert nicht abgelegt hatte, durfte manches sich verzeihen. Jenes wenn auch durch wechselseitige Befehdung unterhaltene, doch im ganzen friedliche und freundliche Zusammenleben der verschiedenen Nationen, wie es das Ziel der neueren Voelkerentwicklungen zu sein scheint, ist dem Altertum fremd: damals galt es Amboss zu sein oder Hammer; und in dem Wettkampf der Sieger war der Sieg den Roemern geblieben. Ob man verstehen werde ihn zu benutzen, die latinische Nation immer fester an Rom zu ketten, Italien allmaehlich zu latinisieren, die Unterworfenen in den Provinzen als Untertanen zu beherrschen, nicht als Knechte auszunutzen, die Verfassung zu reformieren, den schwankenden Mittelstand neu zu befestigen und zu erweitern - das mochte mancher fragen; wenn man es verstand, so durfte Italien gluecklichen Zeiten entgegensehen, in denen der auf eigene Arbeit unter guenstigen Verhaeltnissen gegruendete Wohlstand und die entschiedenste politische Suprematie ueber die damalige zivilisierte Welt jedem Gliede des grossen Ganzen ein gerechtes Selbstgefuehl, jedem Stolz ein wuerdiges Ziel, jedem Talent eine offene Bahn geschaffen haben wuerden. Freilich wenn nicht, nicht. Fuer den Augenblick aber schwiegen die bedenklichen Stimmen und die trueben Besorgnisse, als von allen Seiten die Krieger und Sieger in ihre Haeuser zurueckkehrten, als Dankfeste und Lustbarkeiten, Geschenke an Soldaten und Buerger an der Tagesordnung waren, die geloesten Gefangenen heimgesandt wurden aus Gallien, Afrika, Griechenland und endlich der jugendliche Sieger im glaenzenden Zuge durch die geschmueckten Strassen der Hauptstadt zog, um seine Palme in dem Haus des Gottes niederzulegen, von dem, wie sich die Glaeubigen zufluesterten, er zu Rat und Tat unmittelbar die Eingebungen empfangen hatte.
KAPITEL VII.
Der Westen vom Hannibalischen Frieden bis zum Ende der dritten Periode
In der Erstreckung der roemischen Herrschaft bis an die Alpen- oder, wie man jetzt schon sagte, bis an die italische Grenze und in der Ordnung und Kolonisierung der keltischen Landschaften war Rom durch den Hannibalischen Krieg unterbrochen worden. Es verstand sich von selbst, dass man jetzt da fortfahren wuerde, wo man aufgehoert hatte, und die Kelten begriffen es wohl. Schon im Jahre des Friedensschlusses mit Karthago (553 201) hatten im Gebiet der zunaechst bedrohten Boier die Kaempfe wieder begonnen; und ein erster Erfolg, der ihnen gegen den eilig aufgebotenen roemischen Landsturm gelang, sowie das Zureden eines karthagischen Offiziers Hamilkar, der von Magos Expedition her in Norditalien zurueckgeblieben war, veranlassten im folgenden Jahr (554 200) eine allgemeine Schilderhebung nicht bloss der beiden zunaechst bedrohten Staemme, der Boier und Insubrer; auch die Ligurer trieb die naeherrueckende Gefahr in die Waffen, und selbst die cenomanische Jugend hoerte diesmal weniger auf die Stimme ihrer vorsichtigen Behoerden als auf den Notruf der bedrohten Stammgenossen. Von “den beiden Riegeln gegen die gallischen Zuege”, Placentia und Cremona, ward der erste niedergeworfen - von der placentinischen Einwohnerschaft retteten nicht mehr als 2000 das Leben -, der zweite berannt. Eilig marschierten die Legionen heran, um zu retten, was noch zu retten war. Vor Cremona kam es zu einer grossen Schlacht. Die geschickte und kriegsmaessige Leistung derselben von seiten des phoenikischen Fuehrers vermochte es nicht, die Mangelhaftigkeit seiner Truppen zu ersetzen; dem Andrang der Legionen hielten die Gallier nicht stand und unter den Toten, welche zahlreich das Schlachtfeld bedeckten, war auch der karthagische Offizier. Indes setzten die Kelten den Kampf fort; dasselbe roemische Heer, welches bei Cremona gesiegt, wurde das naechste Jahr (555 199), hauptsaechlich durch die Schuld des sorglosen Fuehrers, von den Insubrern fast aufgerieben und erst 556 (198) konnte Placentia notduerftig wiederhergestellt werden. Aber der Bund der zu dem Verzweiflungskampf vereinigten Kantone ward in sich uneins; die Boier und die Insubrer gerieten in Zwist, und die Cenomanen traten nicht bloss zurueck von dem Nationalbunde, sondern erkauften sich auch Verzeihung von den Roemern durch schimpflichen Verrat der Landsleute, indem sie waehrend einer Schlacht, die die Insubrer den Roemern am Mincius lieferten, ihre Bundes- und Kampfgenossen von hinten angriffen und aufreiben halfen (557 197). So gedemuetigt und im Stich gelassen, bequemten sich die Insubrer nach dem Fall von Comum gleichfalls zu einem Sonderfrieden (558 196). Die Bedingungen, welche Rom den Cenomanen und Insubrern vorschrieb, waren allerdings haerter, als sie den Gliedern der italischen Eidgenossenschaft gewaehrt zu werden pflegten; namentlich vergass man nicht, die Scheidewand zwischen Italikern und Kelten gesetzlich zu befestigen und zu verordnen, dass nie ein Buerger dieser beiden Keltenstaemme das roemische Buergerrecht solle gewinnen koennen. Indes liess man diesen transpadanischen Keltendistrikten ihre Existenz und ihre nationale Verfassung, so dass sie nicht Stadtgebiete, sondern Voelkergaue bildeten, und legte ihnen auch wie es scheint keinen Tribut auf; sie sollten den roemischen Ansiedlungen suedlich vom Po als Bollwerk dienen und die nachrueckenden Nordlaender wie die raeuberischen Alpenbewohner, welche regelmaessige Razzias in diese Gegenden zu unternehmen pflegten, von Italien abhalten. Uebrigens griff auch in diesen Landschaften die Latinisierung mit grosser Schnelligkeit um sich; die keltische Nationalitaet vermochte offenbar bei weitem nicht den Widerstand zu leisten wie die der zivilisierten Sabeller und Etrusker. Der gefeierte lateinische Lustspieldichter Statius Caecilius, der im Jahre 586 (168) starb, war ein freigelassener Insubrer; und Polybios, der gegen Ausgang des sechsten Jahrhunderts diese Gegenden bereiste, versichert, vielleicht nicht ohne eigene Uebertreibung, dass daselbst nur noch wenige Doerfer unter den Alpen keltisch geblieben seien. Die Veneter dagegen scheinen ihre Nationalitaet laenger behauptet zu haben.
Das hauptsaechliche Bestreben der Roemer war in diesen Landschaften begreiflicherweise darauf gerichtet, dem Nachruecken der transalpinischen Kelten zu steuern und die natuerliche Scheidewand der Halbinsel und des inneren Kontinents auch zur politischen Grenze zu machen. Dass die Furcht vor dem roemischen Namen schon zu den naechstliegenden keltischen Kantonen jenseits der Alpen gedrungen war, zeigt nicht bloss die vollstaendige Untaetigkeit, mit der dieselben der Vernichtung oder Unterjochung ihrer diesseitigen Landsleute zusahen, sondern mehr noch die offizielle Missbilligung und Desavouierung, welche die transalpinischen Kantone - man wird zunaechst an die Helvetier (zwischen dem Genfer See und dem Main) und an die Karner oder Taurisker (in Kaernten und Steiermark) zu denken haben - gegen die beschwerdefuehrenden roemischen Gesandten aussprachen ueber die Versuche einzelner keltischer Haufen, sich diesseits der Alpen in friedlicher Weise anzusiedeln, nicht minder die demuetige Art, in welcher diese Auswandererhaufen selbst zuerst bei dem roemischen Senat um Landanweisung bittend einkamen, alsdann aber dem strengen Gebot, ueber die Alpen zurueckzugehen, ohne Widerrede sich fuegten (568 f., 575 186, 179) und die Stadt, die sie unweit des spaeteren Aquileia schon angelegt hatten, wieder zerstoeren liessen. Mit weiser Strenge gestattete der Senat keinerlei Ausnahme von dem Grundsatz, dass die Alpentore fuer die keltische Nation fortan geschlossen seien, und schritt mit schweren Strafen gegen diejenigen roemischen Untertanen ein, die solche Uebersiedlungsversuche von Italien aus veranlasst hatten. Ein Versuch dieser Art, welcher auf einer bis dahin den Roemern wenig bekannten Strasse im innersten Winkel des Adriatischen Meeres stattfand, mehr aber noch, wie es scheint, der Plan Philipps von Makedonien, wie Hannibal von Westen so seinerseits von Osten her in Italien einzufallen, veranlassten die Gruendung einer Festung in dem aeussersten nordoestlichen Winkel Italien, der noerdlichsten italischen Kolonie Aquileia (571-573 183-181), die nicht bloss diesen Weg den Fremden fuer immer zu verlegen, sondern auch die fuer die dortige Schiffahrt vorzueglich bequem gelegene Meeresbucht zu sichern und der immer noch nicht ganz ausgerotteten Piraterie in diesen Gewaessern zu steuern bestimmt war. Die Anlage Aquileias veranlasste einen Krieg gegen die Istrier (576, 577 178, 177), der mit der Erstuermung einiger Kastelle und dem Fall des Koenigs Aepulo schnell beendigt war und durch nichts merkwuerdig ist als durch den panischen Schreck, den die Kunde von der Ueberrumpelung des roemischen Lagers durch eine Handvoll Barbaren bei der Flotte und sodann in ganz Italien hervorrief.
Anders verfuhr man in der Landschaft diesseits des Padus, die der roemische Senat beschlossen hatte Italien einzuverleiben. Die Boier, die dies zunaechst traf, wehrten sich mit verzweifelter Entschlossenheit. Es ward sogar der Padus von ihnen ueberschritten und ein Versuch gemacht, die Insubrer wieder unter die Waffen zu bringen (560 194); ein Konsul ward in seinem Lager von ihnen blockiert und wenig fehlte, dass er unterlag; Placentia hielt sich muehsam gegen die ewigen Angriffe der erbitterten Eingeborenen. Bei Mutina endlich ward die letzte Schlacht geliefert; sie war lang und blutig, aber die Roemer siegten (561 193), und seitdem war der Kampf kein Krieg mehr, sondern eine Sklavenhetze. Die einzige Freistatt im boischen Gebiet war bald das roemische Lager, in das der noch uebrige bessere Teil der Bevoelkerung sich zu fluechten begann; die Sieger konnten nach Rom berichten, ohne sehr zu uebertreiben, dass von der Nation der Boier nichts mehr uebrig sei als Kinder und Greise. So freilich musste sie sich ergeben in das Schicksal, das ihr bestimmt war. Die Roemer forderten Abtretung des halben Gebiets (563 191); sie konnte nicht verweigert werden, aber auch auf dem geschmaelerten Bezirk, der den Boiern blieb, verschwanden sie bald und verschmolzen mit ihren Besiegern ^1.
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^1 Nach Strabons Bericht waeren diese italischen Boier von den Roemern ueber die Alpen verstossen worden und aus ihnen die boische Ansiedlung im heutigen Ungarn um Steinamanger und Oedenburg hervorgegangen, welche in der augustischen Zeit von den ueber die Donau gegangenen Geten angegriffen und vernichtet wurde, dieser Landschaft aber den Namen der boischen Einoede hinterliess. Dieser Bericht passt sehr wenig zu der wohlbeglaubigten Darstellung der roemischen Jahrbuecher, nach der man sich roemischerseits begnuegte mit der Abtretung des halben Gebietes; und um das Verschwinden der italischen Boier zu erklaeren, bedarf es in der Tat der Annahme einer gewaltsamen Vertreibung nicht - verschwinden doch auch die uebrigen keltischen Voelkerschaften, obwohl von Krieg und Kolonisierung in weit minderem Grade heimgesucht, nicht viel weniger rasch und vollstaendig aus der Reihe der italischen Nationen. Anderseits fuehren andere Berichte vielmehr darauf, jene Boier am Neusiedler See herzuleiten von dem Hauptstock der Nation, der ehemals in Bayern und Boehmen sass, bis deutsche Staemme ihn suedwaerts draengten. Ueberall aber ist es sehr zweifelhaft, ob die Boier, die man bei Bordeaux, am Po, in Boehmen findet, wirklich auseinandergesprengte Zweige eines Stammes sind und nicht bloss eine Namensgleichheit obwaltet. Strabons Annahme duerfte auf nichts anderem beruhen als auf einem Rueckschluss aus der Namensgleichheit, wie die Alten ihn bei den Kimbern, Venetern und sonst oft unueberlegt anwandten.
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Nachdem die Roemer also sich reinen Boden geschaffen hatten, wurden die Festungen Placentia und Cremona, deren Kolonisten die letzten unruhigen Jahre grossenteils hingerafft oder zerstreut hatten, wieder organisiert und neue Ansiedler dorthin gesandt; neu gegruendet wurden in und bei dem ehemaligen senonischen Gebiet Potentia (bei Recanati unweit Ancona; 570 184) und Pisaurum (Pesaro; 570 184), ferner in der neu gewonnenen boischen Landschaft die Festungen Bonoma (565 189), Mutina (571 183) und Parma (571 183), von denen die Kolonie Mutina schon vor dem Hannibalischen Krieg angelegt und nur der Abschluss der Gruendung durch diesen unterbrochen worden war. Wie immer verband sich mit der Anlage der Festungen auch die von Militaerchausseen. Es wurde die Flaminische Strasse von ihrem noerdlichen Endpunkt Ariminum unter dem Namen der Aemilischen bis Placentia verlaengert (567 187). Ferner ward die Strasse von Rom nach Arretium oder die Cassische, die wohl schon laengst Munizipalchaussee gewesen war, wahrscheinlich im Jahre 583 (171) von der roemischen Gemeinde uebernommen und neu angelegt, schon 567 (187) aber die Strecke von Arretium ueber den Apennin nach Bononia bis an die neue Aemilische Strasse hergestellt, wodurch man eine kuerzere Verbindung zwischen Rom und den Pofestungen erhielt. Durch diese durchgreifenden Massnahmen wurde der Apennin als die Grenze des keltischen und des italischen Gebiets tatsaechlich beseitigt und ersetzt durch den Po. Diesseits des Po herrschte fortan wesentlich die italische Stadt-, jenseits desselben wesentlich die keltische Gauverfassung, und es war ein leerer Name, wenn auch jetzt noch das Gebiet zwischen Apennin und Po zur keltischen Landschaft gerechnet ward.
In dem nordwestlichen italischen Gebirgsland, dessen Taeler und Huegel hauptsaechlich von dem vielgeteilten ligurischen Stamm eingenommen waren, verfuhren die Roemer in aehnlicher Weise. Was zunaechst nordwaerts vom Arno wohnte, ward vertilgt. Es traf dies hauptsaechlich die Apuaner, die, auf dem Apennin zwischen dem Arno und der Magra wohnend, einerseits das Gebiet von Pisae, anderseits das von Bononia und Mutina unaufhoerlich pluenderten. Was hier nicht dem Schwert der Roemer erlag, ward nach Unteritalien in die Gegend von Benevent uebergesiedelt (574 180), und durch energische Massregeln die ligurische Nation, weicher man noch im Jahre 578 (175) die von ihr eroberte Kolonie Mutina wieder abnehmen musste, in den Bergen, die das Potal von dem des Arno scheiden, vollstaendig unterdrueckt. Die 577 (177) auf dem ehemals apuanischen Gebiet angelegte Festung Luna unweit Spezzia deckte die Grenze gegen die Ligurer aehnlich wie Aquileia gegen die Transalpiner und gab zugleich den Roemern einen vortrefflichen Hafen, der seitdem fuer die Ueberfahrt nach Massalia und nach Spanien die gewoehnliche Station ward. Die Chaussierung der Kuesten- oder Aurelischen Strasse von Rom nach Luna und der von Luca ueber Florenz nach Arretium gefuehrten Querstrasse zwischen der Aurelischen und Cassischen gehoert wahrscheinlich in dieselbe Zeit.
Gegen die westlicheren ligurischen Staemme, die die genuesischen Apenninen und die Seealpen innehatten, ruhten die Kaempfe nie. Es waren unbequeme Nachbarn, die zu Lande und zur See zu pluendern pflegten; die Pisaner und die Massalioten hatten von ihren Einfaellen und ihren Korsarenschiffen nicht wenig zu leiden. Bleibende Ergebnisse wurden indes bei den ewigen Fehden nicht gewonnen, vielleicht auch nicht bezweckt; ausser dass man, wie es scheint, um mit dem transalpinischen Gallien und Spanien neben der regelmaessigen See- auch eine Landverbindung zu haben, bemueht war, die grosse Kuestenstrasse von Luna ueber Massalia nach Emporiae wenigstens bis an die Alpen freizumachen - jenseits der Alpen lag es dann den Massalioten ob, den roemischen Schiffen die Kuestenfahrt und den Landreisenden die Uferstrasse offen zu halten. Das Binnenland mit seinen unwegsamen Taelern und seinen Felsennestern, mit seinen armen, aber gewandten und verschlagenen Bewohnern diente den Roemern hauptsaechlich als Kriegsschule zur Uebung und Abhaertung der Soldaten wie der Offiziere.
Aehnliche sogenannte Kriege wie gegen die Ligurer fuehrte man gegen die Korsen und mehr noch gegen die Bewohner des inneren Sardinien, welche die gegen sie gerichteten Raubzuege durch Ueberfaelle der Kuestenstriche vergalten. Im Andenken geblieben ist die Expedition des Tiberius Gracchus gegen die Sarden 577 (177) nicht so sehr, weil er der Provinz den “Frieden” gab, sondern weil er bis 80000 der Insulaner erschlagen oder gefangen zu haben behauptete und Sklaven von dort in solcher Masse nach Rom schleppte, dass es Sprichwort ward: “spottwohlfeil wie ein Sarde”.
In Afrika ging die roemische Politik wesentlich auf in dem einen, ebenso kurzsichtigen wie engherzigen Gedanken, das Wiederaufkommen der karthagischen Macht zu verhindern und deshalb die unglueckliche Stadt bestaendig unter dem Druck und unter dem Damoklesschwert einer roemischen Kriegserklaerung zu erhalten. Schon die Bestimmung des Friedensvertrags, dass den Karthagern zwar ihr Gebiet ungeschmaelert bleiben, aber ihrem Nachbarn Massinissa alle diejenigen Besitzungen garantiert sein sollten, die er oder sein Vorweser innerhalb der karthagischen Grenzen besessen haetten, sieht fast so aus, als waere sie hineingesetzt, um Streitigkeiten nicht zu beseitigen, sondern zu erwecken. Dasselbe gilt von der durch den roemischen Friedenstraktat den Karthagern auferlegten Verpflichtung, nicht gegen roemische Bundesgenossen Krieg zu fuehren, so dass nach dem Wortlaut des Vertrags sie nicht einmal befugt waren, aus ihrem eigenen und unbestrittenen Gebiet den numidischen Nachbarn zu vertreiben. Bei solchen Vertraegen und bei der Unsicherheit der afrikanischen Grenzverhaeltnisse ueberhaupt konnte Karthagos Lage gegenueber einem ebenso maechtigen wie ruecksichtslosen Nachbarn einem Oberherrn, der zugleich Schiedsrichter und Partei war, nicht anders als peinlich sein; aber die Wirklichkeit war aerger als die aergsten Erwartungen. Schon 561 (193) sah Karthago sich unter nichtigen Vorwaenden ueberfallen und den reichsten Teil seines Gebiets, die Landschaft Emporiae an der Kleinen Syrte, teils von den Numidiern gepluendert, teils sogar von ihnen in Besitz genommen. So gingen die Uebergriffe bestaendig weiter; das platte Land kam in die Haende der Numidier, und mit Muehe behaupteten die Karthager sich in den groesseren Ortschaften. Bloss in den letzten zwei Jahren, erklaerten die Karthager im Jahre 582 (172), seien ihnen wieder siebzig Doerfer vertragswidrig entrissen worden. Botschaft ueber Botschaft ging nach Rom; die Karthager beschworen den roemischen Senat, ihnen entweder zu gestatten, sich mit den Waffen zu verteidigen, oder ein Schiedsgericht mit Spruchgewalt zu bestellen, oder die Grenze neu zu regulieren, damit sie wenigstens ein- fuer allemal erfuehren, wieviel sie einbuessen sollten; besser sei es sonst, sie geradezu zu roemischen Untertanen zumachen, als sie so allmaehlich den Libyern auszuliefern. Aber die roemische Regierung, die schon 554 (200) ihrem Klienten geradezu Gebietserweiterungen, natuerlich auf Kosten Karthagos, in Aussicht gestellt hatte, schien wenig dagegen zuhaben, dass er die ihm bestimmte Beute sich selber nahm; sie maessigte wohl zuweilen das allzugrosse Ungestuem der Libyer, die ihren alten Peinigern jetzt das Erlittene reichlich vergalten, aber im Grunde war ja eben dieser Quaelerei wegen Massinissa von den Roemern Karthago zum Nachbar gesetzt worden. Alle Bitten und Beschwerden hatten nur den Erfolg, dass entweder roemische Kommissionen in Afrika erschienen, die nach gruendlicher Untersuchung zu keiner Entscheidung kamen, oder bei den Verhandlungen in Rom Massinissas Beauftragte Mangel an Instruktionen vorschuetzten und die Sache vertagt ward. Nur phoenikische Geduld war imstande, sich in eine solche Lage mit Ergebung zu schicken, ja dabei den Machthabern jeden Dienst und jede Artigkeit, die sie begehrten und nicht begehrten, mit unermuedlicher Beharrlichkeit zu erweisen und namentlich durch Kornsendungen um die roemische Gunst zu buhlen.
Indes war diese Fuegsamkeit der Besiegten doch nicht bloss Geduld und Ergebung. Es gab noch in Karthago eine Patriotenpartei und an ihrer Spitze stand der Mann, der, wo immer das Schicksal ihn hinstellte, den Roemern furchtbar blieb. Sie hatte es nicht aufgegeben, unter Benutzung der leicht vorauszusehenden Verwicklungen zwischen Rom und den oestlichen Maechten noch einmal den Kampf aufzunehmen und, nachdem der grossartige Plan Hamilkars und seiner Soehne wesentlich an der karthagischen Oligarchie gescheitert war, fuer diesen neuen Kampf vor allem das Vaterland innerlich zu erneuern. Die bessernde Macht der Not und wohl auch Hannibals klarer, grossartiger und der Menschen maechtiger Geist bewirkten politische und finanzielle Reformen. Die Oligarchie, die durch Erhebung der Kriminaluntersuchung gegen den grossen Feldherrn wegen absichtlich unterlassener Einnahme Roms und Unterschlagung der italischen Beute das Mass ihrer verbrecherischen Torheiten voll gemacht hatte - diese verfaulte Oligarchie wurde auf Hannibals Antrag ueber den Haufen geworfen und ein demokratisches Regiment eingefuehrt, wie es den Verhaeltnissen der Buergerschaft angemessen war (vor 559 195). Die Finanzen wurden durch Beitreibung der rueckstaendigen und unterschlagenen Gelder und durch Einfuehrung einer besseren Kontrolle so schnell wieder geordnet, dass die roemische Kontribution gezahlt werden konnte, ohne die Buerger irgendwie mit ausserordentlichen Steuern zu belasten. Die roemische Regierung, eben damals im Begriff, den bedenklichen Krieg mit dem Grosskoenig von Asien zu beginnen, folgte diesen Vorgaengen mit begreiflicher Besorgnis; es war keine eingebildete Gefahr, dass die karthagische Flotte in Italien landen und ein zweiter Hannibalischer Krieg dort sich entspinnen koenne, waehrend die roemischen Legionen in Kleinasien fochten. Man kann darum die Roemer kaum tadeln, wenn sie eine Gesandtschaft nach Karthago schickten (559 195), die vermutlich beauftragt war, Hannibals Auslieferung zu fordern. Die grollenden karthagischen Oligarchen, die Briefe ueber Briefe nach Rom sandten, um den Mann, der sie gestuerzt, wegen geheimer Verbindungen mit den antiroemisch gesinnten Maechten dem Landesfeind zu denunzieren, sind veraechtlich, aber ihre Meldungen waren wahrscheinlich richtig; und so wahr es auch ist, dass in jener Gesandtschaft ein demuetigendes Eingestaendnis der Furcht des maechtigen Volkes vor dem einfachen Schofeten von Karthago lag, so begreiflich und ehrenwert es ist, dass der stolze Sieger von Zama im Senat Einspruch tat gegen diesen erniedrigenden Schritt, so war doch jenes Eingestaendnis eben nichts anderes als die schlichte Wahrheit, und Hannibal eine so ausserordentliche Natur, dass nur roemische Gefuehlspolitiker ihn laenger an der Spitze des karthagischen Staats dulden konnten. Die eigentuemliche Anerkennung, die er bei der feindlichen Regierung fand, kam ihm selbst schwerlich ueberraschend. Wie Hannibal und nicht Karthago den letzten Krieg gefuehrt hatte, so hatte auch Hannibal das zu tragen, was den Besiegten trifft. Die Karthager konnten nichts tun als sich fuegen und ihrem Stern danken, dass Hannibal, durch seine rasche und besonnene Flucht nach dem Orient die groessere Schande ihnen ersparend, seiner Vaterstadt bloss die mindere liess, ihren groessten Buerger auf ewige Zeiten aus der Heimat verbannt, sein Vermoegen eingezogen und sein Haus geschleift zu haben. Das tiefsinnige Wort aber, dass diejenigen die Lieblinge der Goetter sind, denen sie die unendlichen Freuden und die unendlichen Leiden ganz verleihen, hat also an Hannibal in vollem Masse sich bewaehrt.
Schwerer als das Einschreiten gegen Hannibal laesst es sich verantworten, dass die roemische Regierung nach dessen Entfernung nicht aufhoerte, die Stadt zu beargwohnen und zu plagen. Zwar gaerten dort die Parteien nach wie vor; allein nach der Entfernung des ausserordentlichen Mannes, der fast die Geschicke der Welt gewendet haette, bedeutete die Patriotenpartei nicht viel mehr in Karthago als in Aetolien und in Achaia. Die verstaendigste Idee unter denen, welche damals die unglueckliche Stadt bewegten, war ohne Zweifel die, sich an Massinissa anzuschliessen und aus dem Draenger den Schutzherrn der Phoeniker zu machen. Allein weder die nationale noch die libysch gesinnte Faktion der Patrioten gelangte an das Ruder, sondern es blieb das Regiment bei den roemisch gesinnten Oligarchen, welche, soweit sie nicht ueberhaupt aller Gedanken an die Zukunft sich begaben, einzig die Idee festhielten, die materielle Wohlfahrt und die Kommunalfreiheit Karthagos unter dem Schutze Roms zu retten. Hierbei haette man in Rom wohl sich beruhigen koennen. Allein weder die Menge noch selbst die regierenden Herren vom gewoehnlichen Schlag vermochten sich der gruendlichen Angst vom Hannibalischen Kriege her zu entschlagen; die roemischen Kaufleute aber sahen mit neidischen Augen die Stadt auch jetzt, wo ihre politische Macht dahin war, im Besitz einer ausgedehnten Handelsklientel und eines festgegruendeten, durch nichts zu erschuetternden Reichtums. Schon im Jahre 567 (187) erbot sich die karthagische Regierung die saemtlichen im Frieden von 553 (201) stipulierten Terminzahlungen sofort zu entrichten, was die Roemer, denen an der Tributpflichtigkeit Karthagos weit mehr gelegen war als an den Geldsummen selbst, begreiflicherweise ablehnten und daraus nur die Ueberzeugung gewannen, dass aller angewandten Muehe ungeachtet die Stadt nicht ruiniert und nicht zu ruinieren sei. Immer aufs neue liefen Geruechte ueber die Umtriebe der treulosen Phoeniker durch Rom. Bald hatte ein Emissaer Hannibals, Ariston von Tyros, sich in Karthago blicken lassen, um die Buergerschaft auf die Landung einer asiatischen Kriegsflotte vorzubereiten (561 193); bald hatte der Rat in geheimer nächtlicher Sitzung im Tempel des Heilgottes den Gesandten des Perseus Audienz gegeben (581 173); bald sprach man von der gewaltigen Flotte, die in Karthago fuer den Makedonischen Krieg geruestet werde (583 171). Es ist nicht wahrscheinlich, dass diesen und aehnlichen Dingen mehr als hoechstens die Unbesonnenheiten einzelner zugrunde lagen; immer aber waren sie das Signal zu neuen diplomatischen Misshandlungen von roemischer, zu neuen Uebergriffen von Massinissas Seite, und die Meinung stellte immer mehr sich fest, je weniger Sinn und Verstand in ihr war, dass ohne einen dritten punischen Krieg mit Karthago nicht fertig zu werden sei.
Waehrend also die Macht der Phoeniker in dem Lande ihrer Wahl ebenso dahinsank wie sie laengst in ihrer Heimat erlegen war, erwuchs neben ihnen ein neuer Staat. Seit unvordenklichen Zeiten wie noch heutzutage ist das nordafrikanische Kuestenland bewohnt von dem Volke, das sich selber Schilah oder Tamazigt heisst und welches die Griechen und Roemer die Nomaden oder Numidier, das ist das Weidevolk, die Araber Berber nennen, obwohl auch sie dieselben wohl als “Hirten” (Schâwie) bezeichnen, und das wir Berber oder Kabylen zu nennen gewohnt sind. Dasselbe ist, soweit seine Sprache bis jetzt erforscht ist, keiner anderen bekannten Nation verwandt. In der karthagischen Zeit hatten diese Staemme mit Ausnahme der unmittelbar um Karthago oder unmittelbar an der Kueste hausenden wohl im ganzen ihre Unabhaengigkeit behauptet, aber auch bei ihrem Hirten- und Reiterleben, wie es noch jetzt die Bewohner des Atlas fuehren, im wesentlichen beharrt, obwohl das phoenikische Alphabet und ueberhaupt die phoenikische Zivilisation ihnen nicht fremd blieb und es wohl vorkam, dass die Berberscheichs ihre Soehne in Karthago erziehen liessen und mit phoenikischen Adelsfamilien sich verschwaegerten. Die roemische Politik wollte unmittelbare Besitzungen in Afrika nicht haben und zog es vor, einen Staat dort grosszuziehen, der nicht genug bedeutete, um Roms Schutz entbehren zu koennen und doch genug, um Karthagos Macht, nachdem dieselbe auf Afrika beschraenkt war, auch hier niederzuhalten und der gequaelten Stadt jede freie Bewegung unmoeglich zu machen. Was man suchte, fand man bei den eingeborenen Fuersten. Um die Zeit des Hannibalischen Krieges standen die nordafrikanischen Eingeborenen unter drei Oberkoenigen, deren jedem nach dortiger Art eine Menge Fuersten gefolgspflichtig waren: dem Koenig der Mauren, Bocchar, der, vom Atlantischen Meer bis zum Fluss Molochath (jetzt Mluia an der marokkanisch-franzoesischen Grenze), dem Koenig der Massaesyler, Syphax, der von da bis an das sogenannte Durchbohrte Vorgebirge (Siebenkap zwischen Djidjeli und Bona) in den heutigen Provinzen Oran und Algier, und dem Koenig der Massyler, Massinissa, der von dem Durchbohrten Vorgebirge bis an die karthagische Grenze in der heutigen Provinz Constantine gebot. Der maechtigste von diesen, der Koenig von Siga, Syphax, war in dem letzten Krieg zwischen Rom und Karthago ueberwunden und gefangen nach Italien abgefuehrt worden, wo er in der Haft starb; sein weites Gebiet kam im wesentlichen an Massinissa - der Sohn des Syphax, Vermina, obwohl er durch demuetiges Bitten von den Roemern einen kleinen Teil des vaeterlichen Besitzes zurueckerlangte (554 200), vermochte doch den aelteren roemischen Bundesgenossen nicht um die Stellung des bevorzugten Draengens von Karthago zu bringen. Massinissa ward der Gruender des Numidischen Reiches; und nicht oft hat Wahl oder Zufall so den rechten Mann an die rechte Stelle gesetzt. Koerperlich gesund und gelenkig bis in das hoechste Greisenalter, maessig und nuechtern wie ein Araber, faehig, jede Strapaze zu ertragen, vom Morgen bis zum Abend auf demselben Flecke zu stehen und vierundzwanzig Stunden zu Pferde zu sitzen, in den abenteuerlichen Glueckswechseln seiner Jugend wie auf den Schlachtfeldern Spaniens als Soldat und als Feldherr gleich erprobt, und ebenso ein Meister der schwereren Kunst, in seinem zahlreichen Hause Zucht und in seinem Lande Ordnung zu erhalten, gleich bereit, sich dem maechtigen Beschuetzer ruecksichtslos zu Fuessen zu werfen wie den schwaecheren Nachbar ruecksichtslos unter die Fuesse zu treten und zu alledem mit den Verhaeltnissen Karthagos, wo er erzogen und in den vornehmsten Haeusern aus- und eingegangen war, ebenso genau bekannt wie von afrikanisch bitterem Hasse gegen seine und seiner Nation Bedraengen erfuellt, ward dieser merkwuerdige Mann die Seele des Aufschwungs seiner, wie es schien, im Verkommen begriffenen Nation, deren Tugenden und Fehler in ihm gleichsam verkoerpert erschienen. Das Glueck beguenstigte ihn wie in allem so auch darin, dass es ihm zu seinem Werke die Zeit liess. Er starb im neunzigsten Jahr seines Lebens (516-605 238-149), im sechzigsten seiner Regierung, bis an sein Lebensende im vollen Besitz seiner koerperlichen und geistigen Kraefte, und hinterliess einen einjaehrigen Sohn und den Ruf, der staerkste Mann und der beste und gluecklichste Koenig seiner Zeit gewesen zu sein. Es ist schon erzaehlt worden, mit welcher berechneten Deutlichkeit die Roemer in ihrer Oberleitung der afrikanischen Angelegenheiten ihre Parteinahme fuer Massinissa hervortreten liessen, und wie dieser die stillschweigende Erlaubnis, auf Kosten Karthagos sein Gebiet zu vergroessern, eifrig und stetig benutzte. Das ganze Binnenland bis an den Wuestensaum fiel dem einheimischen Herrscher gleichsam von selber zu, und selbst das obere Tal des Bagradas (Medscherda) mit der reichen Stadt Vaga ward dem Koenig untertan; aber auch an der Kueste oestlich von Karthago besetzte er die alte Sidonierstadt Gross-Leptis und andere Strecken, so dass sein Reich sich von der mauretanischen bis zur kyrenaeischen Grenze erstreckte, das karthagische Gebiet zu Lande von allen Seiten umfasste und ueberall in naechster Naehe auf die Phoeniker drueckte. Es leidet keinen Zweifel, dass er in Karthago seine kuenftige Hauptstadt sah; die libysche Partei daselbst ist bezeichnend. Aber nicht allein durch die Schmaelerung des Gebiets geschah Karthagos Eintrag. Die schweifenden Hirten wurden durch ihren grossen Koenig ein anderes Volk. Nach dem Beispiel des Koenigs, der weithin die Felder urbar machte und jedem seiner Soehne bedeutende Ackergueter hinterliess, fingen auch seine Untertanen an, sich ansaessig zu machen und Ackerbau zu treiben. Wie seine Hirten in Buerger, verwandelte er seine Plunderhorden in Soldaten, die von Rom neben den Legionen zu fechten gewuerdigt wurden, und hinterliess seinen Nachfolgern eine reich gefuellte Schatzkammer, ein wohldiszipliniertes Heer und sogar eine Flotte. Seine Residenz Cirta (Constantine) ward die lebhafte Hauptstadt eines maechtigen Staates und ein Hauptsitz der phoenikischen Zivilisation, die an dem Hofe des Berberkoenigs eifrige und wohl auch auf das kuenftige karthagisch-numidische Reich berechnete Pflege fand. Die bisher unterdrueckte libysche Nationalitaet hob sich dadurch in ihren eigenen Augen, und selbst in die altphoenikischen Staedte, wie Gross-Leptis, drang einheimische Sitte und Sprache ein. Der Berber fing an, unter der Aegide Roms sich dem Phoeniker gleich, ja ueberlegen zu fuehlen; die karthagischen Gesandten mussten in Rom es hoeren, dass sie in Afrika Fremdlinge seien und das Land den Libyern gehoere. Die selbst in der nivellierenden Kaiserzeit noch lebensfaehig und kraeftig dastehende phoenikisch-nationale Zivilisation Nordafrikas ist bei weitem weniger das Werk der Karthager als das des Massinissa.
In Spanien fuegten die griechischen und phoenikischen Staedte an der Kueste, wie Emporiae, Saguntum, Neukarthago, Malaca, Gades, sich um so bereitwilliger der roemischen Herrschaft, als sie sich selber ueberlassen, kaum imstande gewesen waeren, sich gegen die Eingeborenen zu schuetzen; wie aus gleichen Gruenden Massalia, obwohl bei weitem bedeutender und wehrhafter als jene Staedte, es doch nicht versaeumte, durch engen Anschluss an die Roemer, denen Massalia wieder als Zwischenstation zwischen Italien und Spanien vielfach nuetzlich wurde, sich einen maechtigen Rueckhalt zu sichern. Die Eingeborenen dagegen machten den Roemern unsaeglich zu schaffen. Zwar fehlte es keineswegs an Ansaetzen zu einer national-iberischen Zivilisation, von deren Eigentuemlichkeit freilich es uns nicht wohl moeglich ist, eine deutliche Vorstellung zu gewinnen. Wir finden bei den Iberern eine weitverbreitete nationale Schrift, die sich in zwei Hauptarten, die des Ebrotals und die andalusische, und jede von diesen vermutlich wieder in mannigfache Verzweigungen spaltet und deren Ursprung in sehr fruehe Zeit hinaufzureichen und eher auf das altgriechische als auf das phoenikische Alphabet zurueckzugehen scheint. Von den Turdetanern (um Sevilla) ist sogar ueberliefert, dass sie Lieder aus uralter Zeit, ein metrisches Gesetzbuch von 6000 Verszeilen, ja sogar geschichtliche Aufzeichnungen besassen; allerdings wird diese Voelkerschaft die zivilisierteste unter allen spanischen genannt und zugleich die am wenigsten kriegerische, wie sie denn auch ihre Kriege regelmaessig mit fremden Soeldnern fuehrte. Auf dieselbe Gegend werden wohl auch Polybios’ Schilderungen zu beziehen sein von dem bluehenden Stand des Ackerbaus und der Viehzucht in Spanien, weshalb bei dem Mangel an Ausfuhrgelegenheit Korn und Fleisch dort um Spottpreise zu haben war, und von den praechtigen Koenigspalaesten mit den goldenen und silbernen Kruegen voll “Gerstenwein”. Auch die Kulturelemente, die die Roemer mitbrachten, fasste wenigstens ein Teil der Spanier eifrig auf, so dass frueher als irgendwo sonst in den ueberseeischen Provinzen sich in Spanien die Latinisierung vorbereitete. So kam zum Beispiel schon in dieser Epoche der Gebrauch der warmen Baeder nach italischer Weise bei den Eingeborenen auf. Auch das roemische Geld ist allem Anschein nach weit frueher als irgendwo sonst ausserhalb Italien in Spanien nicht bloss gangbar, sondern auch nachgemuenzt worden; was durch die reichen Silberbergwerke des Landes einigermassen begreiflich wird. Das sogenannte “Silber von Osca” (jetzt Huesca in Aragonien), das heisst spanische Denare mit iberischen Aufschriften, wird schon 559 (195) erwaehnt, und viel spaeter kann der Anfang der Praegung schon deshalb nicht gesetzt werden, weil das Gepraege dem der aeltesten roemischen Denare nachgeahmt ist. Allein mochte auch in den suedlichen und oestlichen Landschaften die Gesittung der Eingeborenen der roemischen Zivilisation und der roemischen Herrschaft soweit vorgearbeitet haben, dass diese dort nirgend auf ernstliche Schwierigkeiten stiessen, so war dagegen der Westen und Norden und das ganze Binnenland besetzt von zahlreichen, mehr oder minder rohen Voelkerschaften, die von keinerlei Zivilisation viel wussten - in Intercatia zum Beispiel war noch um 600 (154) der Gebrauch des Goldes und Silbers unbekannt - und sich ebensowenig untereinander wie mit den Roemern vertrugen. Charakteristisch ist fuer diese freien Spanier der ritterliche Sinn der Maenner und wenigstens ebenso sehr der Frauen. Wenn die Mutter den Sohn in die Schlacht entliess, begeisterte sie ihn durch die Erzaehlung von den Taten seiner Ahnen, und dem tapfersten Mann reichte die schoenste Jungfrau unaufgefordert als Braut die Hand. Zweikaempfe waren gewoehnlich, sowohl um den Preis der Tapferkeit wie zur Ausmachung von Rechtshaendeln - selbst Erbstreitigkeiten zwischen fuerstlichen Vettern wurden auf diesem Wege erledigt. Es kam auch nicht selten vor, dass ein bekannter Krieger vor die feindlichen Reihen trat und sich einen Gegner bei Namen herausforderte; der Besiegte uebergab dann dem Gegner Mantel und Schwert und machte auch wohl noch mit ihm Gastfreundschaft. Zwanzig Jahre nach dem Ende des Hannibalischen Krieges sandte die kleine keltiberische Gemeinde von Complega (in der Gegend der Tajoquellen) dem roemischen Feldherrn Botschaft zu, dass er ihnen fuer jeden gefallenen Mann ein Pferd, einen Mantel und ein Schwert senden moege, sonst werde es ihm uebel ergehen. Stolz auf ihre Waffenehre, so dass sie haeufig es nicht ertrugen, die Schmach der Entwaffnung zu ueberleben, waren die Spanier dennoch geneigt, jedem Werber zu folgen und fuer jeden fremden Span ihr Leben einzusetzen - bezeichnend ist die Botschaft, die ein der Landessitte wohl kundiger roemischer Feldherr einem keltiberischen, im Solde der Turdetaner gegen die Roemer fechtenden Schwarm zusandte: entweder nach Hause zu kehren, oder fuer doppelten Sold in roemische Dienste zu treten, oder Tag und Ort zur Schlacht zu bestimmen. Zeigte sich kein Werbeoffizier, so trat man auch wohl auf eigene Hand zu Freischaren zusammen, um die friedlicheren Landschaften zu brandschatzen, ja sogar die Staedte einzunehmen und zu besetzen, ganz in kampanischer Weise. Wie wild und unsicher das Binnenland war, davon zeugt zum Beispiel, dass die Internierung westlich von Cartagena bei den Roemern als schwere Strafe galt, und dass in einigermassen aufgeregten Zeiten die roemischen Kommandanten des jenseitigen Spaniens Eskorten bis zu 6000 Mann mit sich nahmen. Deutlicher noch zeigt es der seltsame Verkehr, den in der griechisch-spanischen Doppelstadt Emporiae an der oestlichen Spitze der Pyrenaeen die Griechen mit ihren spanischen Nachbarn pflogen. Die griechischen Ansiedler, die auf der Spitze der Halbinsel, von dem spanischen Stadtteil durch eine Mauer getrennt wohnten, liessen diese jede Nacht durch den dritten Teil ihrer Buergerwehr besetzen und an dem einzigen Tor einen hoeheren Beamten bestaendig die Wache versehen; kein Spanier durfte die griechische Stadt betreten und die Griechen brachten den Eingeborenen die Waren nur zu in starken und wohleskortierten Abteilungen. Diese Eingeborenen voll Unruhe und Kriegslust, voll von dem Geiste des Cid wie des Don Quixote sollten denn nun von den Roemern gebaendigt und womoeglich gesittigt werden. Militaerisch war die Aufgabe nicht schwer. Zwar bewiesen die Spanier nicht bloss hinter den Mauern ihrer Staedte oder unter Hannibals Fuehrung, sondern selbst allein und in offener Feldschlacht sich als nicht veraechtliche Gegner; mit ihrem kurzen zweischneidigen Schwert, welches spaeter die Roemer von ihnen annahmen, und ihren gefuerchteten Sturmkolonnen brachten sie nicht selten selbst die roemischen Legionen zum Wanken. Haetten sie es vermocht, sich militaerisch zu disziplinieren und politisch zusammenzuschliessen, so haetten sie vielleicht der aufgedrungenen Fremdherrschaft sich entledigen koennen; aber ihre Tapferkeit war mehr die des Guerillas als des Soldaten und es mangelte ihr voellig der politische Verstand. So kam es in Spanien zu keinem ernsten Krieg, aber ebensowenig zu einem ernstlichen Frieden; die Spanier haben sich, wie Caesar spaeter ganz richtig ihnen vorhielt, nie im Frieden ruhig und nie im Kriege tapfer erwiesen. So leicht der roemische Feldherr mit den Insurgentenhaufen fertig ward, so schwer war es dem roemischen Staatsmanne, ein geeignetes Mittel zu bezeichnen, um Spanien wirklich zu beruhigen und zu zivilisieren: in der Tat konnte er, da das einzige wirklich genuegende, eine umfassende latinische Kolonisierung, dem allgemeinen Ziel der roemischen Politik dieser Epoche zuwiderlief, hier nur mit Palliativen verfahren.
Das Gebiet, welches die Roemer im Laufe des Hannibalischen Krieges in Spanien erwarben, zerfiel von Haus aus in zwei Massen; die ehemals karthagische Provinz, die zunaechst die heutigen Landschaften Andalusien, Granada, Murcia und Valencia umfasste, und die Ebrolandschaft oder das heutige Aragonien und Katalonien, das Standquartier des roemischen Heeres waehrend des letzten Krieges; aus welchen Gebieten die beiden roemischen Provinzen des Jen- und Diesseitigen Spaniens hervorgingen. Das Binnenland, ungefaehr den beiden Kastilien entsprechend, das die Roemer unter dem Namen Keltiberien zusammenfassten, suchte man allmaehlich unter roemische Botmaessigkeit zu bringen, waehrend man die Bewohner der westlichen Landschaften, namentlich die Lusitaner im heutigen Portugal und dem spanischen Estremadura, von Einfaellen in das roemische Gebiet abzuhalten sich begnuegte und mit den Staemmen an der Nordkueste, den Callaekern, Asturern und Kantabrern ueberhaupt noch gar nicht sich beruehrte. Die Behauptung und Befestigung der gewonnenen Erfolge war indes nicht durchzufuehren ohne eine stehende Besatzung, indem dem Vorsteher des diesseitigen Spaniens namentlich die Baendigung der Keltiberer und dem des jenseitigen die Zurueckweisung der Lusitaner jaehrlich zu schaffen machten. Es ward somit noetig, in Spanien ein roemisches Heer von vier starken Legionen oder etwa 40000 Mann Jahr aus Jahr ein auf den Beinen zu halten; wobei dennoch sehr haeufig zur Verstaerkung der Truppen in den von Rom besetzten Landschaften der Landsturm aufgeboten werden musste. Es war dies in doppelter Weise von grosser Wichtigkeit, indem hier zuerst, wenigstens zuerst in groesserem Umfang, die militaerische Besetzung des Landes bleibend und infolgedessen auch der Dienst anfaengt dauernd zu werden. Die alte roemische Weise, nur dahin Truppen zu senden, wohin das augenblickliche Kriegsbeduerfnis sie rief, und ausser in sehr schweren und wichtigen Kriegen die einberufenen Leute nicht ueber ein Jahr bei der Fahne zu halten, erwies sich als unvertraeglich mit der Behauptung der unruhigen, fernen und ueberseeischen spanischen Aemter; es war schlechterdings unmoeglich, die Truppen von da wegzuziehen, und sehr gefaehrlich, sie auch nur in Masse abzuloesen. Die roemische Buergerschaft fing an innezuwerden, dass die Herrschaft ueber ein fremdes Volk nicht bloss fuer den Knecht eine Plage ist, sondern auch fuer den Herrn, und murrte laut ueber den verhassten spanischen Kriegsdienst. Waehrend die neuen Feldherren mit gutem Grund sich weigerten, die Gesamtabloesung der bestehenden Korps zu gestatten, meuterten diese und drohten, wenn man ihnen den Abschied nicht gebe, ihn sich selber zu nehmen.
Den Kriegen selbst, die in Spanien von den Roemern gefuehrt wurden, kommt nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Sie begannen schon mit Scipios Abreise und waehrten, solange der Hannibalische Krieg dauerte. Nach dem Frieden mit Karthago (553 201) ruhten auch auf der Halbinsel die Waffen, jedoch nur auf kurze Zeit. Im Jahre 557 (197) brach in beiden Provinzen eine allgemeine Insurrektion aus; der Befehlshaber der Jenseitigen ward hart gedraengt, der der Diesseitigen voellig ueberwunden und selber erschlagen. Es ward noetig, den Krieg mit Ernst anzugreifen, und obwohl inzwischen der tuechtige Praetor Quintus Minucius ueber die erste Gefahr Herr geworden war, beschloss doch der Senat im Jahre 559 (195), den Konsul Marcus Cato selbst nach Spanien zu senden. Er fand auch in der Tat bei der Landung in Emporiae das ganze Diesseitige Spanien von den Insurgenten ueberschwemmt; kaum dass diese Hafenstadt und im inneren Land ein paar Burgen noch fuer Rom behauptet wurden. Es kam zur offenen Feldschlacht zwischen den Insurgenten und dem konsularischen Heer, in der nach hartem Kampf Mann gegen Mann endlich die roemische Kriegskunst mit der gesparten Reserve den Tag entschied. Das ganze Diesseitige Spanien sandte darauf seine Unterwerfung ein; indes es war mit derselben so wenig ernstlich gemeint, dass auf das Geruecht von der Heimkehr des Konsuls nach Rom sofort der Aufstand abermals begann. Allein das Geruecht war falsch, und nachdem Cato die Gemeinden, die zum zweitenmal sich aufgelehnt hatten, schnell bezwungen und in Masse in die Sklaverei verkauft hatte, ordnete er eine allgemeine Entwaffnung der Spanier in der diesseitigen Provinz an und erliess an die saemtlichen Staedte der Eingeborenen von den Pyrenaeen bis zum Guadalquivir den Befehl, ihre Mauern an einem und demselben Tage niederzureissen. Niemand wusste, wie weit das Gebot sich erstreckte, und es war keine Zeit sich zu verstaendigen; die meisten Gemeinden gehorchten und auch von den wenigen widerspenstigen wagten es nicht viele, als das roemische Heer demnaechst vor ihren Mauern erschien, es auf den Sturm ankommen zu lassen.
Diese energischen Massregeln waren allerdings nicht ohne nachhaltigen Erfolg. Allein nichtsdestoweniger hatte man fast jaehrlich in der “friedlichen Provinz” ein Gebirgstal oder ein Bergkastell zum Gehorsam zu bringen, und die stetigen Einfaelle der Lusitaner in die jenseitige Provinz fuehrten gelegentlich zu derben Niederlagen der Roemer; wie zum Beispiel 563 (191) ein roemisches Heer nach starkem Verlust sein Lager im Stich lassen und in Eilmaerschen in die ruhigeren Landschaften zurueckkehren musste. Erst ein Sieg, den der Praetor Lucius Aemilius Paullus 565 (189) ^2, und ein zweiter noch bedeutenderer, den der tapfere Praetor Gaius Calpurnius jenseits des Tagus 569 (185) ueber die Lusitaner erfocht, schafften auf einige Zeit Ruhe. Im diesseitigen Spanien ward die bis dahin fast nominelle Herrschaft der Roemer ueber die keltiberischen Voelkerschaften fester begruendet durch Quintus Fulvius Flaccus, der nach einem grossen Siege ueber dieselben 573 (181) wenigstens die naechstliegenden Kantone zur Unterwerfung zwang, und besonders durch seinen Nachfolger Tiberius Gracchus (575, 576 179, 178), welcher mehr noch als durch die Waffen, mit denen er dreihundert spanische Ortschaften sich unterwarf, durch sein geschicktes Eingehen auf die Weise der schlichten und stolzen Nation dauernde Erfolge erreichte. Indem er angesehene Keltiberer bestimmte, im roemischen Heer Dienste zu nehmen, schuf er sich eine Klientel; indem er den schweifenden Leuten Land anwies und sie in Staedten zusammenzog - die spanische Stadt Graccurris bewahrte des Roemers Namen -, ward dem Freibeuterwesen ernstlich gesteuert; indem er die Verhaeltnisse der einzelnen Voelkerschaften zu den Roemern durch gerechte und weise Vertraege regelte, verstopfte er soweit moeglich die Quelle kuenftiger Empoerungen. Sein Name blieb bei den Spaniern in gesegnetem Andenken, und es trat in dem Lande seitdem, wenn auch die Keltiberer noch manches Mal unter dem Joch zuckten, doch vergleichungsweise Ruhe ein.
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^2 Von diesem Statthalter ist kuerzlich das folgende Dekret auf einer in der Naehe von Gibraltar aufgefundenen, jetzt im Pariser Museum aufbewahrten Kupfertafel zum Vorschein gekommen: “L. Aimilius, des Lucius Sohn, Imperator, hat verfuegt, dass die in dem Turm von Laskuta [durch Muenzen und Plin. 3, 1, 15 bekannt, aber ungewisser Lage] wohnhaften Sklaven der Hastenser [Hasta regia, unweit Jerez de la Frontera] frei sein sollen. Den Boden und die Ortschaft, die sie zur Zeit besitzen, sollen sie auch ferner besitzen und haben, so lange es dem Volk und dem Rat der Roemer belieben wird. Verhandelt im Lager am 12. Januar [564 oder 565 der Stadt]. “ (L. Aimilius L. f. inpeirator decreivit, utei quei Hastensium seruei in turri Lascutana habitarent, leiberei essent. Agrum oppidumqu[eJ, quod ea tempestate posedisent, item possidere habereque iousit, dum poplus senatusque Romanus vellet. Act. in castreis a. d. XII k. Febr.) Es ist dies die aelteste roemische Urkunde, die wir im Original besitzen, drei Jahre frueher abgefasst als der bekannte Erlass der Konsuln des Jahres 568 (186) in der Bacchanalienangelegenheit.
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Das Verwaltungssystem der beiden spanischen Provinzen war dem sizilisch-sardinischen aehnlich, aber nicht gleich. Die Oberverwaltung ward wie hier so dort in die Haende zweier Nebenkonsuln gelegt, die zuerst im Jahr 557 (197) ernannt wurden, in welches Jahr auch die Grenzregulierung und die definitive Organisierung der neuen Provinzen faellt. Die verstaendige Anordnung des Baebischen Gesetzes (573 181), dass die spanischen Praetoren immer auf zwei Jahre ernannt werden sollten, kam infolge des steigenden Zudrangs zu den hoechsten Beamtenstellen und mehr noch infolge der eifersuechtigen Ueberwachung der Beamtengewalt durch den Senat nicht ernstlich zur Ausfuehrung, und es blieb, soweit nicht in ausserordentlichem Wege Abweichungen eintraten, auch hier bei dem fuer diese entfernten und schwer kennenzulernenden Provinzen besonders unvernuenftigen jaehrlichen Wechsel der roemischen Statthalter. Die abhaengigen Gemeinden wurden durchgaengig zinspflichtig; allein statt der sizilischen und sardinischen Zehnten und Zoelle wurden in Spanien vielmehr von den Roemern, eben wie frueher hier von den Karthagern, den einzelnen Staedten und Staemmen feste Abgaben an Geld oder sonstigen Leistungen auferlegt, welche auf militaerischere Wege beizutreiben der Senat infolge der Beschwerdefuehrung der spanischen Gemeinden im Jahr 583 (171) untersagte. Getreidelieferungen wurden hier nicht anders als gegen Entschaedigung geleistet, und auch hierbei durfte der Statthalter nicht mehr als das zwanzigste Korn erheben und ueberdies gemaess der eben erwaehnten Vorschrift der Oberbehoerde den Taxpreis nicht einseitig feststellen. Dagegen hatte die Verpflichtung der spanischen Untertanen, zu den roemischen Heeren Zuzug zu leisten, hier eine ganz andere Wichtigkeit als wenigstens in dem friedlichen Sizilien, und es ward dieselbe auch in den einzelnen Vertraegen genau geordnet. Auch das Recht der Praegung von Silbermuenzen roemischer Waehrung scheint den spanischen Staedten sehr haeufig zugestanden und das Muenzmonopol hier keineswegs so wie in Sizilien von der roemischen Regierung in Anspruch genommen worden zu sein. Ueberall bedurfte man in Spanien zu sehr der Untertanen, um hier nicht die Provinzialverfassung in moeglichst schonender Weise einzufuehren und zu handhaben. Zu den besonders von Rom beguenstigten Gemeinden zaehlten namentlich die grossen Kuestenplaetze griechischer, phoenikischer oder roemischer Gruendung, wie Saguntum, Gades, Tarraco, die als die natuerlichen Pfeiler der roemischen Herrschaft auf der Halbinsel zum Buendnis mit Rom zugelassen wurden. Im ganzen war Spanien fuer die roemische Gemeinde militaerisch sowohl wie finanziell mehr eine Last als ein Gewinn; und die Frage liegt nahe, weshalb die roemische Regierung, in deren damaliger Politik der ueberseeische Laendererwerb offenbar noch nicht lag, sich dieser beschwerlichen Besitzungen nicht entledigt hat. Die nicht unbedeutenden Handelsverbindungen, die wichtigen Eisen- und die noch wichtigeren, selbst im fernen Orient seit alter Zeit beruehmten Silbergruben ^3, welche Rom wie Karthago fuer sich nahm und deren Bewirtschaftung namentlich Marcus Cato regulierte (559 195), werden dabei ohne Zweifel mitbestimmend gewesen sein; allein die Hauptursache, weshalb man die Halbinsel in unmittelbarem Besitz behielt, war die, dass es dort an Staaten mangelte, wie im Keltenland die massaliotische Republik, in Libyen das numidische Koenigreich waren, und dass man Spanien nicht loslassen konnte, ohne die Erneuerung des spanischen Koenigreichs der Barleiden jedem unternehmenden Kriegsmann freizugeben.
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^3 1. Makk. 8, 3: “Und Judas hoerte, was die Roemer getan hatten im Lande Hispanien, um Herren zu werden der Silber- und Goldgruben daselbst.”
KAPITEL VIII.
Die östlichen Staaten und der Zweite Makedonische Krieg
Das Werk, welches Koenig Alexander von Makedonien begonnen hatte, ein Jahrhundert zuvor, ehe die Roemer in dem Gebiet, das er sein genannt, den ersten Fussbreit Landes gewonnen, dies Werk hatte im Verlauf der Zeit, bei wesentlicher Festhaltung des grossen Grundgedankens, den Orient zu hellenisieren, sich veraendert und erweitert zu dem Aufbau eines hellenisch-asiatischen Staatensystems. Die unbezwingliche Wander- und Siedellust der griechischen Nation, die einst ihre Handelsleute nach Massalia und Kyrene, an den Nil und in das Schwarze Meer gefuehrt hatte, hielt jetzt fest, was der Koenig gewonnen hatte, und ueberall in dem alten Reich der Achaemeniden liess unter dem Schutz der Sarissen griechische Zivilisation sich friedlich nieder. Die Offiziere, die den grossen Feldherrn beerbten, vertrugen allmaehlich sich untereinander und es stellte ein Gleichgewichtssystem sich her, dessen Schwankungen selbst eine gewisse Regelmaessigkeit zeigen. Von den drei Staaten ersten Ranges, die demselben angehoeren, Makedonien, Asien und Aegypten, war Makedonien unter Philippos dem Fuenften, der seit 534 (220) dort den Koenigsthron einnahm, im ganzen, aeusserlich wenigstens, was es gewesen war unter dem zweiten Philippos, dem Vater Alexanders: ein gut arrondierter Militaerstaat mit wohlgeordneten Finanzen. An der Nordgrenze hatten die ehemaligen Verhaeltnisse sich wiederhergestellt, nachdem die Fluten der gallischen Ueberschwemmung verlaufen waren; die Grenzwache hielt die illyrischen Barbaren wenigstens in gewoehnlichen Zeiten ohne Muehe im Zaum. Im Sueden war Griechenland nicht bloss ueberhaupt von Makedonien abhaengig, sondern ein grosser Teil desselben: ganz Thessalien im weitesten Sinn von Olympos bis zum Spercheios und der Halbinsel Magnesia, die grosse und wichtige Insel Euboea, die Landschaften Lokris, Doris und Phokis, endlich in Attika und im Peloponnes eine Anzahl einzelner Plaetze, wie das Vorgebirge Sunion, Korinth, Orchomenos, Heraea, das triphylische Gebiet - alle diese Land- und Ortschaften waren Makedonien geradezu untertaenig und empfingen makedonische Besatzung, vor allen Dingen die drei wichtigen Festungen Demetrias in Magnesia, Chalkis auf Euboea und Korinth, “die drei Fesseln der Hellenen”. Die Macht des Staates aber lag vor allem in dem Stammland, in der makedonischen Landschaft. Zwar die Bevoelkerung dieses weiten Gebiets war auffallend duenn; mit Anstrengung aller Kraefte vermochte Makedonien kaum soviel Mannschaft aufzubringen als ein gewoehnliches konsularisches Heer von zwei Legionen zaehlte, und es ist unverkennbar, dass in dieser Hinsicht sich das Land noch nicht von der durch die Zuege Alexanders und den gallischen Einfall hervorgebrachten Entvoelkerung erholt hatte. Aber waehrend im eigentlichen Griechenland die sittliche und staatliche Kraft der Nation zerruettet war und dort, da es mit dem Volke doch vorbei und das Leben kaum mehr der Muehe wert schien, selbst von den Besseren der eine ueber dem Becher, der andere mit dem Rapier, der dritte bei der Studierlampe den Tag verdarb, waehrend im Orient und in Alexandreia die Griechen unter die dichte einheimische Bevoelkerung wohl befruchtende Elemente aussaeen und ihre Sprache wie ihre Maulfertigkeit, ihre Wissenschaft und Afterwissenschaft dort ausbreiten konnten, aber ihre Zahl kaum genuegte, um den Nationen die Offiziere, die Staatsmaenner und die Schulmeister zu liefern, und viel zu gering war, um einen Mittelstand rein griechischen Schlages auch nur in den Staedten zu bilden, bestand dagegen im noerdlichen Griechenland noch ein guter Teil der alten kernigen Nationalitaet, aus der die Marathonkaempfer hervorgegangen waren. Daher ruehrt die Zuversicht, mit der die Makedonier, die Aetoler, die Akarnanen, ueberall wo sie im Osten auftreten, als ein besserer Schlag sich geben und genommen werden, und die ueberlegene Rolle, welche sie deswegen an den Hoefen von Alexandreia und Antiocheia spielen. Die Erzaehlung ist bezeichnend von dem Alexandriner, der laengere Zeit in Makedonien gelebt und dort Landessitte und Landestracht angenommen hat, und nun, da er in seine Vaterstadt heimkehrt, sich selber einen Mann und die Alexandriner gleich Sklaven achtet. Diese derbe Tuechtigkeit und der ungeschwaechte Nationalsinn kamen vor allem dem makedonischen als dem maechtigsten und geordnetsten der nordgriechischen Staaten zugute. Wohl ist auch hier der Absolutismus emporgekommen gegen die alte gewissermassen staendische Verfassung; allein Herr und Untertanen stehen doch in Makedonien keineswegs zueinander wie in Asien und Aegypten, und das Volk fuehlt sich noch selbstaendig und frei. In festem Mut gegen den Landesfeind, wie er auch heisse, in unerschuetterlicher Treue gegen die Heimat und die angestammte Regierung, in mutigem Ausharren unter den schwersten Bedraengnissen steht unter allen Voelkern der alten Geschichte keines dem roemischen so nah wie das makedonische, und die an das Wunderbare grenzende Regeneration des Staates nach der gallischen Invasion gereicht den leitenden Maennern wie dem Volke, das sie leiteten, zu unvergaenglicher Ehre.
Der zweite von den Grossstaaten, Asien, war nichts als das oberflaechlich umgestaltete und hellenisierte Persien, das Reich des “Koenigs der Koenige”, wie sein Herr sich, bezeichnend fuer seine Anmassung wie fuer seine Schwaeche, zu nennen pflegte, mit denselben Anspruechen von Hellespont bis zum Pandschab zu gebieten und mit derselben kernlosen Organisation, ein Buendel von mehr oder minder abhaengigen Dependenzstaaten, unbotmaessigen Satrapien und halbfreien griechischen Staedten. Von Kleinasien namentlich, das nominell zum Reich der Seleukiden gezaehlt ward, war tatsaechlich die ganze Nordkueste und der groessere Teil des oestlichen Binnenlandes in den Haenden einheimischer Dynastien oder der aus Europa eingedrungenen Keltenhaufen, von dem Westen ein guter Teil im Besitz der Koenige von Pergamon, und die Inseln und Kuestenstaedte teils aegyptisch, teils frei, so dass dem Grosskoenig hier wenig mehr blieb als das innere Kilikien, Phrygien und Lydien und eine grosse Anzahl nicht wohl zu realisierender Rechtstitel gegen freie Staedte und Fuersten - ganz und gar wie seiner Zeit die Herrschaft des deutschen Kaisers ausser seinem Hausgebiet bestellt war. Das Reich verzehrte sich in den vergeblichen Versuchen, die Aegypter aus den Kuestenlandschaften zu verdraengen, in dem Grenzhader mit den oestlichen Voelkern, den Parthern und Baktriern, in den Fehden mit den zum Unheil Kleinasiens daselbst ansaessig gewordenen Kelten, in den bestaendigen Bestrebungen, den Emanzipationsversuchen der oestlichen Satrapen und der kleinasiatischen Griechen zu steuern, und in den Familienzwisten und Praetendentenaufstaenden, an denen es zwar in keinem der Diadochenstaaten fehlt, wie ueberhaupt an keinem der Greuel, welche die absolute Monarchie in entarteter Zeit in ihrem Gefolge fuehrt, allein die in dem Staate Asien deshalb verderblicher waren als anderswo, weil sie hier bei der losen Zusammenfuegung des Reiches zu der Abtrennung einzelner Landesteile auf kuerzere oder laengere Zeit zu fuehren pflegten.
Im entschiedensten Gegensatz gegen Asien war Aegypten ein festgeschlossener Einheitsstaat, in dem die intelligente Staatskunst der ersten Lagiden unter geschickter Benutzung des alten nationalen und religioesen Herkommens eine vollkommen absolute Kabinettsherrschaft begruendet hatte und wo selbst das schlimmste Missregiment weder Emanzipations- noch Zerspaltungsversuche herbeizufuehren vermochte. Sehr verschieden von dem nationalen Royalismus der Makedonier, der auf ihrem Selbstgefuehl ruhte und dessen politischer Ausdruck war, war in Aegypten das Land vollstaendig passiv, die Hauptstadt dagegen alles und diese Hauptstadt Dependenz des Hofes; weshalb hier mehr noch als in Makedonien und Asien die Schlaffheit und Traegheit der Herrscher den Staat laehmte, waehrend umgekehrt in den Haenden von Maennern, wie der erste Ptolemaeos und Ptolemaeos Euergetes, diese Staatsmaschine sich aeusserst brauchbar erwies. Zu den eigentuemlichen Vorzuegen Aegyptens vor den beiden grossen Rivalen gehoert es, dass die aegyptische Politik nicht nach Schatten griff, sondern klare und erreichbare Zwecke verfolgte. Makedonien, die Heimat Alexanders; Asien, das Land, in dem Alexander seinen Thron gegruendet hatte, hoerten nicht auf, sich als unmittelbare Fortsetzungen der alexandrischen Monarchie zu betrachten und lauter oder leiser den Anspruch zu erheben, dieselbe wenn nicht her-, so doch wenigstens darzustellen. Die Lagiden haben nie eine Weltmonarchie zu gruenden versucht und nie von Indiens Eroberung getraeumt; dafuer aber zogen sie den ganzen Verkehr zwischen Indien und dem Mittelmeer von den phoenikischen Haefen nach Alexandreia und machten Aegypten zu dem ersten Handels- und Seestaat dieser Epoche und zum Herrn des oestlichen Mittelmeeres und seiner Kuesten und Inseln. Es ist bezeichnend, dass Ptolemaeos III. Euergetes alle seine Eroberungen freiwillig an Seleukos Kallinikos zurueckgab bis auf die Hafenstadt von Antiocheia. Teils hierdurch, teils durch die guenstige geographische Lage kam Aegypten den beiden Kontinentalmaechten gegenueber in eine vortreffliche militaerische Stellung zur Verteidigung wie zum Angriff. Waehrend der Gegner selbst nach gluecklichen Erfolgen kaum imstande war, das ringsum fuer Landheere fast unzugaengliche Aegypten ernstlich zu bedrohen, konnten die Aegypter von der See aus nicht bloss in Kyrene sich festsetzen, sondern auch auf Kypros und den Kykladen, auf der phoenikisch-syrischen und auf der ganzen Sued- und Westkueste von Kleinasien, ja sogar in Europa auf dem thrakischen Chersonesos. Durch die beispiellose Ausbeutung des fruchtbaren Niltals zum unmittelbaren Besten der Staatskasse und durch eine die materiellen Interessen ernstlich und geschickt foerdernde und ebenso ruecksichtslose wie einsichtige Finanzwirtschaft war der alexandrinische Hof seinen Gegner auch als Geldmacht bestaendig ueberlegen. Endlich die intelligente Munifizenz, mit der die Lagiden der Tendenz des Zeitalters nach ernster Forschung in allen Gebieten des Koennens und Wissens entgegenkamen und diese Forschungen in die Schranken der absoluten Monarchie einzuhegen und in die Interessen derselben zu verflechten verstanden, nuetzte nicht bloss unmittelbar dem Staat, dessen Schiff- und Maschinenbau den Einfluss der alexandrinischen Mathematik zu ihrem Frommen verspuerten, sondern machte auch diese neue geistige Macht, die bedeutendste und grossartigste, welche das hellenische Volk nach seiner politischen Zersplitterung in sich hegte, soweit sie sich ueberhaupt zur Dienstbarkeit bequemen wollte, zur Dienerin des alexandrinischen Hofes. Waere Alexanders Reich stehengeblieben, so haette die griechische Kunst und Wissenschaft einen Staat gefunden, wuerdig und faehig, sie zu fassen; jetzt wo die Nation in Truemmer gefallen war, wucherte in ihr der gelehrte Kosmopolitismus, und sehr bald ward dessen Magnet Alexandreia, wo die wissenschaftlichen Mittel und Sammlungen unerschoepflich waren, die Koenige Tragoedien und die Minister Kommentare dazu schrieben und die Pensionen und Akademien florierten.
Das Verhaeltnis der drei Grossstaaten zueinander ergibt sich aus dem Gesagten. Die Seemacht, welche die Kuesten beherrschte und das Meer monopolisierte, musste nach dem ersten grossen Erfolg, der politischen Trennung des europaeischen Kontinents von dem asiatischen, weiter hinarbeiten auf die Schwaechung der beiden Grossstaaten des Festlandes und also auf die Beschuetzung der saemtlichen kleineren Staaten, waehrend umgekehrt Makedonien und Asien zwar auch untereinander rivalisierten, aber doch vor allen Dingen in Aegypten ihren gemeinschaftlichen Gegner fanden und ihm gegenueber zusammenhielten oder doch haetten zusammenhalten sollen.
Unter den Staaten zweiten Ranges ist fuer die Beruehrungen des Ostens mit dem Westen zunaechst nur mittelbar von Bedeutung die Staatenreihe, welche vom suedlichen Ende des Kaspischen Meeres zum Hellespont sich hinziehend das Innere und die Nordkueste Kleinasiens ausfuellt: Atropatene (im heutigen Aserbeidschan suedwestlich vom Kaspischen Meer), daneben Armenien, Kappadokien im kleinasiatischen Binnenland, Pontos am suedoestlichen, Bithynien am suedwestlichen Ufer des Schwarzen Meeres - sie alle Splitter des grossen Perserreiches und beherrscht von morgenlaendischen, meistens altpersischen Dynastien, die entlegene Berglandschaft Atropatene namentlich die rechte Zufluchtsstaette des alten Persertums, an der selbst Alexanders Zug spurlos voruebergebraust war, und alle auch in derselben zeitweiligen und oberflaechlichen Abhaengigkeit von der griechischen Dynastie, die in Asien an die Stelle der Grosskoenige getreten war oder sein wollte.
Von groesserer Wichtigkeit fuer die allgemeinen Verhaeltnisse ist der Keltenstaat in dem kleinasiatischen Binnenland. Hier mitten inne zwischen Bithynien, Paphlagonien, Kappadokien und Phrygien hatten drei keltische Voelkerschaften, die Tolistoager, Tectosagen und Trocmer sich ansaessig gemacht, ohne darum weder von der heimischen Sprache und Sitte noch von ihrer Verfassung und ihrem Freibeuterhandwerk zu lassen. Die zwoelf Vierfuersten, jeder einem der vier Kantone eines der drei Staemme vorgesetzt, bildeten mit ihrem Rate von dreihundert Maennern die hoechste Autoritaet der Nation und traten auf der “heiligen Staette” (Drunemetum) namentlich zur Faellung von Bluturteilen zusammen. Seltsam wie diese keltische Gauverfassung den Asiaten erschien, ebenso fremdartig duenkte ihnen der Wagemut und die Landsknechtsitte der nordischen Eindringlinge, welche teils ihren unkriegerischen Nachbarn die Soeldner zu jedem Krieg lieferten, teils die umliegenden Landschaften auf eigene Faust pluenderten oder brandschatzten. Diese rohen aber kraeftigen Barbaren waren der allgemeine Schreck der verweichlichten umwohnenden Nationen, ja der asiatischen Grosskoenige selbst, welche, nachdem manches asiatische Heer von den Kelten war aufgerieben worden, und Koenig Antiochos I. Soter sogar im Kampf gegen sie sein Leben verloren hatte (493 261) zuletzt selber zur Zinszahlung sich verstanden.
Dem kuehnen und gluecklichen Auftreten gegen diese gallischen Horden verdankte es ein reicher Buerger von Pergamon, Attalos, dass er von seiner Vaterstadt den Koenigstitel empfing und ihn auf seine Nachkommen vererbte. Dieser neue Hof war im kleinen was der alexandrinische im grossen; auch hier war die Foerderung der materiellen Interessen, die Pflege von Kunst und Literatur an der Tagesordnung und das Regiment eine umsichtige und nuechterne Kabinettspolitik, deren wesentlicher Zweck war, teils die Macht der beiden gefaehrlichen festlaendischen Nachbarn zu schwaechen, teils einen selbstaendigen Griechenstaat im westlichen Kleinasien zu begruenden. Der wohlgefuellte Schatz trug viel zu der Bedeutung dieser pergamenischen Herren bei; sie schossen den syrischen Koenigen bedeutende Summen vor, deren Rueckzahlung spaeter unter den roemischen Friedensbedingungen eine Rolle spielte, und selbst Gebietserwerbungen gelangen auf diesem Wege, wie zum Beispiel Aegina, das die verbuendeten Roemer und Aetoler im letzten Krieg den Bundesgenossen Philipps, den Achaeern, entrissen hatten, von den Aetolern, denen es vertragsmaessig zufiel, um 30 Talente (51000 Taler) an Attalos verkauft ward. Indes trotz des Hofglanzes und des Koenigstitels behielt das pergamenische Gemeinwesen immer etwas vom staedtischen Charakter, wie es denn auch in seiner Politik gewoehnlich mit den Freistaedten zusammenging. Attalos selbst, der Lorenzo de’ Medici des Altertums, blieb sein lebelang ein reicher Buergersmann, und das Familienleben der Attaliden, aus deren Hause ungeachtet des Koenigstitels die Eintracht und Innigkeit nicht gewichen war, stach sehr ab gegen die wueste Schandwirtschaft der adligeren Dynastien.
In dem europaeischen Griechenland waren ausser den roemischen Besitzungen an der Ostkueste, von denen in den wichtigsten, namentlich in Kerkyra roemische Beamte residiert zu haben scheinen, und dem unmittelbar makedonischen Gebiet noch mehr oder minder imstande, eine eigene Politik zu verfolgen, die Epeiroten, Akarnanen und Aetoler im noerdlichen, die Boeoter und Athener im mittleren Griechenland und die Achaeer, Lakedaemonier, Messenier und Eleer im Peloponnes. Unter diesen waren die Republiken der Epeiroten, Akarnanen und Boeoter in vielfacher Weise eng an Makedonien geknuepft, namentlich die Akarnanen, weil sie der von den Aetolern drohenden Unterdrueckung einzig durch makedonischen Schutz zu entgehen vermochten; von Bedeutung war keine von ihnen. Die inneren Zustaende waren sehr verschieden; wie es zum Teil aussah, dafuer mag als Beispiel dienen, dass bei den Boeotern, wo es freilich am aergsten zuging, es Sitte geworden war, jedes Vermoegen, das nicht in gerader Linie vererbte, an die Kneipgesellschaften zu vermachen, und es fuer die Bewerber um die Staatsaemter manches Jahrzehnt die erste Wahlbedingung war, dass sie sich verpflichteten, keinem Glaeubiger, am wenigsten einem Auslaender, die Ausklagung seiner Schuldner zu gestatten.
Die Athener pflegten von Alexandreia aus gegen Makedonien unterstuetzt zu werden und standen im engen Bunde mit den Aetolern; auch sie indes waren voellig machtlos, und fast nur der Nimbus attischer Kunst und Poesie hob diese unwuerdigen Nachfolger einer herrlichen Vorzeit unter einer Reihe von Kleinstaedten gleichen Schlages hervor.
Nachhaltiger war die Macht der aetolischen Eidgenossenschaft; das kraeftige Nordgriechentum war hier noch ungebrochen, aber freilich ausgeartet in wueste Zucht- und Regimentlosigkeit - es war Staatsgesetz, dass der aetolische Mann gegen jeden, selbst gegen den mit den Aetolern verbuendeten Staat als Reislaeufer dienen koenne, und auf die dringenden Bitten der uebrigen Griechen, dies Unwesen abzustellen, erklaerte die aetolische Tagsatzung, eher koenne man Aetolien aus Aetolien wegschaffen als diesen Grundsatz aus ihrem Landrecht. Die Aetoler haetten dem griechischen Volke von grossem Nutzen sein koennen, wenn sie ihm nicht durch diese organisierte Raeuberwirtschaft, durch ihre gruendliche Verfeindung mit der achaeischen Eidgenossenschaft und durch die unselige Opposition gegen den makedonischen Grossstaat noch viel mehr geschadet haetten.
Im Peloponnes hatte der Achaeische Bund die besten Elemente des eigentlichen Griechenlands zusammengefasst zu einer auf Gesittung, Nationalsinn und friedliche Schlagfertigkeit gegruendeten Eidgenossenschaft. Indes die Bluete und namentlich die Wehrhaftigkeit derselben war trotz der aeusserlichen Erweiterung geknickt worden durch Aratos’ diplomatischen Egoismus, welcher den Achaeischen Bund durch die leidigen Verwicklungen mit Sparta und die noch leidigere Anrufung makedonischer Intervention im Peloponnes der makedonischen Suprematie so vollstaendig unterworfen hatte, dass die Hauptfestungen der Landschaft seitdem makedonische Besatzungen empfingen und dort jaehrlich Philippos der Eid der Treue geschworen wurde. Die schwaecheren Staaten im Peloponnes, Elis, Messene und Sparta, wurden durch ihre alte, namentlich durch Grenzstreitigkeiten genaehrte Verfeindung mit der achaeischen Eidgenossenschaft in ihrer Politik bestimmt und waren aetolisch und antimakedonisch gesinnt, weil die Achaeer es mit Philippos hielten. Einige Bedeutung unter diesen Staaten hatte einzig das spartanische Soldatenkoenigtum, das nach dem Tode des Machanidas an einen gewissen Nabis gekommen war; er stuetzte sich immer dreister auf die Vagabunden und fahrenden Soeldner, denen er nicht bloss die Haeuser und Aecker, sondern auch die Frauen und Kinder der Buerger ueberwies, und unterhielt emsig Verbindungen, ja schloss geradezu eine Assoziation zum Seeraub auf gemeinschaftliche Rechnung mit der grossen Soeldner- und Piratenherberge, der Insel Kreta, wo er auch einige Ortschaften besass. Seine Raubzuege zu Lande wie seine Piratenschiffe am Vorgebirge Malea waren weit und breit gefuerchtet, er selbst als niedrig und grausam verhasst; aber seine Herrschaft breitete sich aus, und um die Zeit der Schlacht bei Zama war es ihm sogar gelungen, sich in den Besitz von Messene zu setzen.
Endlich die unabhaengigste Stellung unter den Mittelstaaten hatten die freien griechischen Kaufstaedte an dem europaeischen Ufer der Propontis sowie auf der ganzen kleinasiatischen Kueste und auf den Inseln des Aegaeischen Meeres; sie sind zugleich die lichteste Seite in dieser trueben Mannigfaltigkeit des hellenischen Staatensystems, namentlich drei unter ihnen, die seit Alexanders Tode wieder volle Freiheit genossen und durch ihren taetigen Seehandel auch zu einer achtbaren politischen Macht und selbst zu bedeutendem Landgebiet gelangt waren: Byzantion, die Herrin des Bosporos, reich und maechtig durch die Sundzoelle und den wichtigen Kornhandel nach dem Schwarzen Meer; Kyzikos an der asiatischen Propontis, die Tochterstadt und die Erbin Milets, in engsten Beziehungen zu dem Hofe von Pergamon, und endlich und vor allen Rhodos. Die Rhodier, die gleich nach Alexanders Tode die makedonische Besatzung vertrieben hatten, waren durch ihre glueckliche Lage fuer Handel und Schiffahrt Vermittler des Verkehrs in dem ganzen oestlichen Mittelmeer geworden und die tuechtige Flotte wie der in der beruehmten Belagerung von 450 (304) bewaehrte Mut der Buerger setzten sie in den Stand, in jener Zeit ewiger Fehden aller gegen alle vorsichtig und energisch eine neutrale Handelspolitik zu vertreten und wenn es galt zu verfechten; wie sie denn zum Beispiel die Byzantier mit den Waffen zwangen, den rhodischen Schiffen Zollfreiheit im Bosporos zu gestatten, und ebensowenig den pergamenischen Dynasten das Schwarze Meer zu sperren erlaubten. Vom Landkrieg hielten sie sich dagegen womoeglich fern, obwohl sie an der gegenueberliegenden karischen Kueste nicht unbetraechtliche Besitzungen erworben hatten, und fuehrten ihn, wenn es nicht anders sein konnte, mit Soeldnern. Nach allen Seiten hin, mit Syrakus, Makedonien und Syrien, vor allem aber mit Aegypten standen sie in freundschaftlichen Beziehungen und genossen hoher Achtung bei den Hoefen, so dass nicht selten in den Kriegen der Grossstaaten ihre Vermittlung angerufen ward. Ganz besonders aber nahmen sie sich der griechischen Seestaedte an, deren es an den Gestaden des Pontischen, Bithynischen und Pergamenischen Reiches wie auf den von Aegypten den Seleukiden entrissenen kleinasiatischen Kuesten und Inseln unzaehlige gab, wie zum Beispiel Sinope, Herakleia Pontike, Kios, Lampsakos, Abydos, Mytilene, Chios, Smyrna, Samos, Halikarnassos und andere mehr. Alle diese waren im wesentlichen frei und hatten mit ihren Grundherren nichts zu schaffen, als die Bestaetigung ihrer Privilegien von ihnen zu erbitten und hoechstens ihnen einen maessigen Zins zu entrichten; gegen etwaige Uebergriffe der Dynasten wusste man bald schmiegsam, bald energisch sich zu wehren. Hauptsaechlich hilfreich hierbei waren die Rhodier, welche zum Beispiel Sinope gegen Mithradates von Pontos nachdruecklich unterstuetzten. Wie fest sich unter dem Hader und eben durch die Zwiste der Monarchen die Freiheiten dieser kleinasiatischen Staedte gegruendet hatten, beweist zum Beispiel, dass einige Jahre nachher zwischen Antiochos und den Roemern nicht ueber die Freiheit der Staedte selbst gestritten ward, sondern darueber, ob sie die Bestaetigung ihrer Freibriefe vom Koenig nachzusuchen haetten oder nicht. Dieser Staedtebund war wie in allem so auch in dieser eigentuemlichen Stellung zu den Landesherren eine foermliche Hansa, sein Haupt Rhodos, das in Vertraegen fuer sich und seine Bundesgenossen verhandelte und stipulierte. Hier ward die staedtische Freiheit gegen die monarchischen Interessen vertreten, und waehrend um die Mauern herum die Kriege tobten, blieb hier in verhaeltnismaessiger Ruhe Buergersinn und buergerlicher Wohlstand heimisch, und es gediehen hier Kunst und Wissenschaft, ohne durch wueste Soldatenwirtschaft zertreten oder von der Hofluft korrumpiert zu werden.
Also standen die Dinge im Osten, als die politische Scheidewand zwischen dem Orient und dem Okzident fiel und die oestlichen Maechte, zunaechst Philippos von Makedonien, veranlasst wurden, in die Verhaeltnisse des Westens einzugreifen. Wie es geschah und wie der Erste Makedonische Krieg (540-549 214-205) verlief, ist zum Teil schon erzaehlt und angedeutet worden, was Philippos im Hannibalischen Kriege haette tun koennen und wie wenig von dem geschah, was Hannibal hatte erwarten und berechnen duerfen. Es hatte wieder einmal sich gezeigt, dass unter allen Wuerfelspielen keines verderblicher ist als die absolute Erbmonarchie. Philippos war nicht der Mann, dessen Makedonien damals bedurfte; indes eine unbedeutende Natur war er nicht. Er war ein rechter Koenig, in dem besten und dem schlimmsten Sinne des Wortes. Das lebhafte Gefuehl, selbst und allein zu herrschen, war der Grundzug seines Wesens; er war stolz auf seinen Purpur, aber nicht bloss auf ihn, und er durfte stolz sein. Er bewies nicht allein die Tapferkeit des Soldaten und den Blick des Feldherrn, sondern auch einen hohen Sinn in der Leitung der oeffentlichen Angelegenheiten, wo immer sein makedonisches Ehrgefuehl verletzt ward. Voll Verstand und Witz gewann er, wen er gewinnen wollte, vor allem eben die faehigsten und gebildetsten Maenner, so zum Beispiel Flamininus und Scipio; er war ein guter Gesell beim Becher und den Frauen nicht bloss durch seinen Rang gefaehrlich. Allein er war zugleich eine der uebermuetigsten und frevelhaftesten Naturen, die jenes freche Zeitalter erzeugt hat. Er pflegte zu sagen, dass er niemand fuerchte als die Goetter; aber es schien fast, als seien diese Goetter dieselben, denen sein Flottenfuehrer Dikaearchos regelmaessige Opfer darbrachte, die Gottlosigkeit (Asebeia) und der Frevel (Paranomia). Weder das Leben seiner Ratgeber und der Beguenstiger seiner Plaene war ihm heilig, noch verschmaehte er es, seine Erbitterung gegen die Athener und Attalos durch Zerstoerung ehrwuerdiger Denkmaeler und namhafter Kunstwerke zu befriedigen; es wird als Staatsmaxime von ihm angefuehrt, dass, wer den Vater ermorden lasse, auch die Soehne toeten muesse. Es mag sein, dass ihm nicht eigentlich die Grausamkeit eine Wollust war; allein fremdes Leben und Leiden war ihm gleichgueltig, und die Inkonsequenz, die den Menschen allein ertraeglich macht, fand nicht Raum in seinem starren und harten Herzen. Er hat den Satz, dass fuer den absoluten Koenig kein Versprechen und kein Moralgebot bindend sei, so schroff und grell zur Schau getragen, dass er eben dadurch seinen Plaenen die wesentlichsten Hindernisse in den Weg legte. Einsicht und Entschlossenheit kann niemand ihm absprechen; aber es ist damit in seltsamer Weise Zauderei und Fahrigkeit vereinigt; was vielleicht zum Teil dadurch sich erklaert, dass er schon im achtzehnten Jahr zum absoluten Herrscher berufen ward und dass sein unbaendiges Wueten gegen jeden, der durch Widerreden und Widerraten ihn in seinem Selbstregieren stoerte, alle selbstaendigen Ratgeber von ihm verscheuchte. Was alles in seiner Seele mitgewirkt haben mag, um die schwache und schmaehliche Fuehrung des Ersten Makedonischen Krieges hervorzurufen, laesst sich nicht sagen - vielleicht jene Laessigkeit der Hoffart, die erst gegen die nahegerueckte Gefahr ihre volle Kraft entwickelt, vielleicht selbst Gleichgueltigkeit gegen den nicht von ihm entworfenen Plan und Eifersucht auf Hannibals ihn beschaemende Groesse. Gewiss ist, dass sein spaeteres Benehmen nicht den Philippos wiedererkennen laesst, an dessen Saumseligkeit Hannibals Plan scheiterte.
Philippos schloss den Vertrag mit den Aetolern und den Roemern 548/49 (206/05) in der ernsten Absicht, mit Rom einen dauernden Frieden zu machen und sich kuenftig ausschliesslich den Angelegenheiten des Ostens zu widmen. Es leidet keinen Zweifel, dass er Karthagos rasche Ueberwaeltigung ungern sah; es kann auch sein, dass Hannibal auf eine zweite makedonische Kriegserklaerung hoffte und dass Philippos im stillen das letzte karthagische Heer mit Soeldnern verstaerkte. Allein sowohl die weitschichtigen Dinge, in die er mittlerweile im Osten sich einliess, als auch die Art der Unterstuetzung und besonders das voellige Stillschweigen der Roemer ueber diesen Friedensbruch, da sie doch nach Kriegsgruenden suchten, setzen es ausser Zweifel, dass Philippos keineswegs im Jahre 551 (203) nachholen wollte, was er zehn Jahre zuvor haette tun sollen.
Er hatte sein Auge nach einer ganz anderen Seite gewendet. Ptolemaeos Philopator von Aegypten war 549 (205) gestorben. Gegen seinen Nachfolger Ptolemaeos Epiphanes, ein fuenfjaehriges Kind, hatten die Koenige von Makedonien und Asien Philippos und Antiochos sich vereinigt, um den alten Groll der Kontinentalmonarchien gegen den Seestaat gruendlich zu saettigen. Der aegyptische Staat sollte aufgeloest werden, Aegypten und Kypros an Antiochos, Kyrene, Ionien und die Kykladen an Philippos fallen. Recht in Philippos’ Art, der ueber solche Ruecksichten lachte, begannen die Koenige den Krieg, nicht bloss ohne Ursache, sondern selbst ohne Vorwand, “eben wie die grossen Fische die kleinen auffressen”. Die Verbuendeten hatten uebrigens richtig gerechnet, besonders Philippos. Aegypten hatte genug zu tun, sich des naeheren Feindes in Syrien zu erwehren, und musste die kleinasiatischen Besitzungen und die Kykladen unverteidigt preisgeben, als Philippos auf diese als auf seinen Anteil an der Beute sich warf. In dem Jahr, wo Karthago mit Rom den Frieden abschloss (553 201), liess derselbe eine von den ihm untertaenigen Staedten ausgeruestete Flotte Truppen an Bord nehmen und an der thrakischen Kueste hinauf segeln. Hier ward Lysimacheia der aetolischen Besatzung entrissen, und Perinthos, das zu Byzanz im Klientelverhaeltnis stand, gleichfalls besetzt. So war mit den Byzantiern der Friede gebrochen, mit den Aetolern, die soeben mit Philippos Frieden gemacht, wenigstens das gute Einvernehmen gestoert. Die Ueberfahrt nach Asien stiess auf keine Schwierigkeiten, da Koenig Prusias von Bithynien mit Makedonien im Bunde war; zur Vergeltung half Philippos ihm die griechischen Kaufstaedte in seinem Gebiet bezwingen. Kalchedon unterwarf sich. Kios, das widerstand, wurde erstuermt und dem Boden gleich, ja die Einwohner zu Sklaven gemacht - eine zwecklose Barbarei, ueber die Prusias selbst, der die Stadt unbeschaedigt zu besitzen wuenschte, verdriesslich war und die die ganze hellenische Welt aufs tiefste erbitterte. Besonders verletzt noch waren abermals die Aetoler, deren Strateg in Kios kommandiert hatte, und die Rhodier, deren Vermittlungsversuche von dem Koenig schnoede und arglistig vereitelt worden waren. Aber waere auch dies nicht gewesen, es standen die Interessen aller griechischen Kaufstaedte auf dem Spiel. Unmoeglich konnte man zugeben, dass die milde und fast nur nominelle aegyptische Herrschaft verdraengt ward durch das makedonische Zwingherrentum, mit dem die staedtische Selbstregierung und der freie Handelsverkehr sich nimmermehr vertrug; und die furchtbare Behandlung der Kianer zeigte, dass es hier sich nicht um das Bestaetigungsrecht der staedtischen Freibriefe handelte, sondern um Tod und Leben fuer einen und fuer alle. Schon war Lampsakos gefallen und Thasos behandelt worden wie Kios; man musste sich eilen. Der wackere Strateg von Rhodos, Theophiliskos, ermahnte seine Buerger der gemeinsamen Gefahr durch gemeinsame Abwehr zu begegnen und nicht geschehen zu lassen, dass die Staedte und Inseln einzeln dem Feinde zur Beute wuerden. Rhodos entschloss sich und erklaerte Philippos den Krieg. Byzanz schloss sich an; ebenso der hochbejahrte Koenig Attalos von Pergamon, Philippos’ persoenlicher und politischer Feind. Waehrend die Flotte der Verbuendeten sich an der aeolischen Kueste sammelte, liess Philippos durch einen Teil der seinigen Chios und Samos wegnehmen. Mit dem anderen erschien er selbst vor Pergamon, das er indes vergeblich berannte; er musste sich begnuegen, das platte Land zu durchstreifen und an den weit und breit zerstoerten Tempeln die Spuren makedonischer Tapferkeit zurueckzulassen. Ploetzlich brach er auf und ging wieder zu Schiff, um sich mit seinem Geschwader, das bei Samos stand, zu vereinigen. Allein die rhodisch-pergamenische Flotte folgte ihm und zwang ihn zur Schlacht in der Meerenge von Chios. Die Zahl der makedonischen Deckschiffe war geringer, allein die Menge ihrer offenen Kaehne glich dies wieder aus und Philippos’ Soldaten fochten mit grossem Mute; doch unterlag. er endlich. Fast die Haelfte seiner Deckschiffe, vierundzwanzig Segel, wurden versenkt oder genommen, 6000 makedonische Matrosen, 3000 Soldaten kamen um, darunter der Admiral Demokrates, 2000 wurden gefangen. Den Bundesgenossen kostete der Sieg nicht mehr als 800 Mann und sechs Segel. Aber von den Fuehrern der Verbuendeten war Attalos von seiner Flotte abgeschnitten und gezwungen worden, sein Admiralschiff bei Erythrae auf den Strand laufen zu lassen; und Theophiliskos von Rhodos, dessen Buergermut den Krieg und dessen Tapferkeit die Schlacht entschieden hatte, starb den Tag nach derselben an seinen Wunden. So konnte, waehrend Attalos’ Flotte in die Heimat ging und die rhodische vorlaeufig bei Chios blieb, Philippos, der faelschlich sich den Sieg zuschrieb, seine Fahrt weiter fortsetzen und sich nach Samos wenden, um die karischen Staedte zu besetzen. An der karischen Kueste lieferten die Rhodier, diesmal von Attalos nicht unterstuetzt, der makedonischen Flotte unter Herakleides ein zweites Treffen bei der kleinen Insel Lade vor dem Hafen von Milet. Der Sieg, den wieder beide Teile sich zuschrieben, scheint hier von den Makedoniern gewonnen zu sein, denn waehrend die Rhodier nach Myndos und von da nach Kos zurueckwichen, besetzten jene Milet und ein Geschwader unter dem Aetoler Dikaearchos die Kykladen. Philippos inzwischen verfolgte auf dem karischen Festland die Eroberung der rhodischen Besitzungen daselbst und der griechischen Staedte; haette er Ptolemaeos selbst angreifen wollen und es nicht vorgezogen, sich auf die Gewinnung seines Beuteanteils zu beschraenken, so wuerde er jetzt selbst an einen Zug nach Aegypten haben denken koennen. In Karien stand zwar kein Heer den Makedoniern gegenueber, und Philippos durchzog ungehindert die Gegend von Magnesia bis Mylasa; aber jede Stadt in dieser Landschaft war eine Festung, und der Belagerungskrieg zog sich in die Laenge, ohne erhebliche Resultate zu geben oder zu versprechen. Der Satrap von Lydien, Zeuxis, unterstuetzte den Bundesgenossen seines Herren ebenso lau, wie Philippos sich lau in der Foerderung der Interessen des syrischen Koenigs bewiesen hatte, und die griechischen Staedte gaben Unterstuetzung nur aus Furcht oder Zwang. Die Verproviantierung des Heeres ward immer schwieriger; Philippos musste heute den pluendern, der ihm gestern freiwillig gegeben hatte, und dann wieder gegen seine Natur sich bequemen zu bitten. So ging allmaehlich die gute Jahreszeit zu Ende, und in der Zwischenzeit hatten die Rhodier ihre Flotte verstaerkt und auch die des Attalos wieder an sich gezogen, so dass sie zur See entschieden ueberlegen waren. Es schien fast, als koennten sie dem Koenig den Rueckzug abschneiden und ihn zwingen, Winterquartier in Karien zu nehmen, waehrend doch die Angelegenheiten daheim, namentlich die drohende Intervention der Aetoler und der Roemer, seine Rueckkehr dringend erheischten. Philippos sah die Gefahr; er liess Besatzungen, zusammen bis 3000 Mann, teils in Myrina, um Pergamon in Schach zu halten, teils in den kleinen Staedten um Mylasa: Iassos, Bargylia, Euromos, Pedasa, um den trefflichen Hafen und einen Landungsplatz in Karien sich zu sichern; mit der Flotte gelang es ihm bei der Nachlaessigkeit, mit welcher die Bundesgenossen das Meer bewachten, gluecklich die thrakische Kueste zu erreichen und noch vor dem Winter 553/54 (201/00) zu Hause zu sein.
In der Tat zog sich gegen Philipp im Westen ein Gewitter zusammen, welches ihm nicht laenger gestattete, die Pluenderung des wehrlosen Aegyptens fortzusetzen. Die Roemer, die in demselben Jahre endlich den Frieden mit Karthago auf ihre Bedingungen abgeschlossen hatten, fingen an, sich ernstlich um diese Verwicklungen im Osten zu bekuemmern. Es ist oft gesagt worden, dass sie nach der Eroberung des Westens sofort daran gegangen seien, den Osten sich zu unterwerfen; eine ernstliche Erwaegung wird zu einem gerechteren Urteil fuehren. Nur die stumpfe Unbilligkeit kann es verkennen, dass Rom in dieser Zeit noch keineswegs nach der Herrschaft ueber die Mittelmeerstaaten griff, sondern nichts weiter begehrte, als in Afrika und in Griechenland ungefaehrliche Nachbarn zu haben; und eigentlich gefaehrlich fuer Rom war Makedonien nicht. Seine Macht war allerdings nicht gering und es ist augenscheinlich, dass der roemische Senat den Frieden von 548/49 (206/05), der sie ganz in ihrer Integritaet beliess, nur ungern gewaehrte; allein wie wenig man ernstliche Besorgnisse vor Makedonien in Rom hegte und hegen durfte, beweist am besten die geringe und doch nie gegen Uebermacht zu fechten genoetigte Truppenzahl, mit welcher Rom den naechsten Krieg gefuehrt hat. Der Senat haette wohl eine Demuetigung Makedoniens gern gesehen; allein um den Preis eines in Makedonien mit roemischen Truppen gefuehrten Landkrieges war sie ihm zu teuer, und darum machte er nach dem Ruecktritt der Aetoler sofort freiwillig Frieden auf Grundlage des Status quo. Es ist darum auch nichts weniger als ausgemacht, dass die roemische Regierung diesen Frieden in der bestimmten Absicht schloss, den Krieg bei gelegenerer Zeit wieder zu beginnen, und sehr gewiss, dass augenblicklich bei der gruendlichen Erschoepfung des Staats und der aeussersten Unlust der Buergerschaft auf einen zweiten ueberseeischen Krieg sich einzulassen, der Makedonische Krieg den Roemern in hohem Grade unbequem kam. Aber jetzt war er unvermeidlich. Den makedonischen Staat, wie er im Jahre 549 (205) war, konnte man sich als Nachbar gefallen lassen; allein unmoeglich durfte man gestatten, dass derselbe den besten Teil des kleinasiatischen Griechenlands und das wichtige Kyrene hinzuerwarb, die neutralen Handelsstaaten erdrueckte und damit seine Macht verdoppelte. Es kam hinzu, dass der Sturz Aegyptens, die Demuetigung, vielleicht die Ueberwaeltigung von Rhodos auch dem sizilischen und italischen Handel tiefe Wunden geschlagen haben wuerden; und konnte man ueberhaupt ruhig zusehen, wie der italische Verkehr mit dem Osten von den beiden grossen Kontinentalmaechten abhaengig ward? Gegen Attalos, den treuen Bundesgenossen aus dem Ersten Makedonischen Krieg, hatte Rom ueberdies die Ehrenpflicht zu wahren und zu hindern, dass Philippos, der ihn schon in seiner Hauptstadt belagert hatte, ihn nicht von Land und Leuten vertrieb. Endlich war der Anspruch Roms, den schuetzenden Arm ueber alle Hellenen auszustrecken, keineswegs bloss Phrase; die Neapolitaner, Rheginer, Massalioten und Emporiten konnten bezeugen, dass dieser Schutz sehr ernst gemeint war, und gar keine Frage ist es, dass in dieser Zeit die Roemer den Griechen naeher standen als jede andere Nation und wenig ferner als die hellenisierten Makedonier. Es ist seltsam, den Roemern das Recht zu bestreiten, ueber die frevelhafte Behandlung der Kianer und Thasier in ihren menschlichen wie in ihren hellenischen Sympathien sich empoert zu fuehlen. So vereinigten sich in der Tat alle politischen, kommerziellen und sittlichen Motive, um Rom zu dem zweiten Kriege gegen Philippos zu bestimmen, einem der gerechtesten, die die Stadt je gefuehrt hat. Es gereicht dem Senat zur hohen Ehre, dass er sofort sich entschloss und sich weder durch die Erschoepfung des Staates noch durch die Impopularitaet einer solchen Kriegserklaerung abhalten liess, seine Anstalten zu treffen - schon 553 (201) erschien der Propraetor Marcus Valerius Laevinus mit der sizilischen Flotte von 38 Segeln in der oestlichen See. Indes war die Regierung in Verlegenheit, einen ostensibeln Kriegsgrund ausfindig zu machen, dessen sie dem Volk gegenueber notwendig bedurfte, auch wenn sie nicht ueberhaupt viel zu einsichtig gewesen waere, um die rechtliche Motivierung des Krieges in Philippos’ Art gering zu schaetzen. Die Unterstuetzung, die Philippos nach dem Frieden mit Rom den Karthagern gewaehrt haben sollte, war offenbar nicht erweislich. Die roemischen Untertanen in der illyrischen Landschaft beschwerten sich zwar schon seit laengerer Zeit ueber die makedonischen Obergriffe. Schon 551 (203) hatte ein roemischer Gesandter an der Spitze des illyrischen Aufgebots Philippos’ Scharen aus dem illyrischen Gebiet hinausgeschlagen und der Senat deswegen den Gesandten des Koenigs 552 (202) erklaert, wenn er Krieg suche, werde er ihn frueher finden, als ihm lieb sei. Allein diese Uebergriffe waren eben nichts als die gewoehnlichen Frevel, wie Philippos sie gegen seine Nachbarn uebte; eine Verhandlung darueber haette im gegenwaertigen Augenblick zur Demuetigung und Suehnung, aber nicht zum Kriege gefuehrt. Mit den saemtlichen kriegfuehrenden Maechten im Osten stand die roemische Gemeinde dem Namen nach in Freundschaft und haette ihnen Beistand gegen den Angriff gewaehren koennen. Allein Rhodos und Pergamon, die begreiflicherweise nicht saeumten, die roemische Hilfe zu erbitten, waren formell die Angreifer, und Aegypten, wenn auch alexandrinische Gesandte den roemischen Senat ersuchten, die Vormundschaft ueber das koenigliche Kind zu uebernehmen, scheint doch auch nicht eben sich beeilt zu haben, durch Anrufung unmittelbarer roemischer Intervention zwar die augenblickliche Bedraengnis zu beendigen, aber zugleich der grossen westlichen Macht das Ostmeer zu oeffnen. Vor allen Dingen aber haette die Hilfe fuer Aegypten zunaechst in Syrien geleistet werden muessen und wuerde Rom in einen Krieg mit Asien und Makedonien zugleich verwickelt haben, was man natuerlich um so mehr zu vermeiden wuenschte, als man fest entschlossen war, wenigstens in die asiatischen Angelegenheiten sich nicht zu mischen. Es blieb nichts uebrig, als vorlaeufig eine Gesandtschaft nach dem Osten abzuordnen, um teils von Aegypten zu erlangen, was den Umstaenden nach nicht schwer war, dass es die Einmischung der Roemer in die griechischen Angelegenheiten geschehen liess, teils den Koenig Antiochos zu beschwichtigen, indem man ihm Syrien preisgab, teils endlich den Bruch mit Philippos moeglichst zu beschleunigen und die Koalition der griechisch-asiatischen Kleinstaaten gegen ihn zu foerdern (Ende 553 201). In Alexandreia erreichte man ohne Muehe, was man wuenschte; der Hof hatte keine Wahl und musste dankbar den Marcus Aemilius Lepidus aufnehmen, den der Senat abgesandt hatte, um als “Vormund des Koenigs” dessen Interessen zu vertreten, soweit dies ohne eigentliche Intervention moeglich war. Antiochos loeste zwar seinen Bund mit Philipp nicht auf und gab den Roemern nicht die bestimmten Erklaerungen, welche sie wuenschten; uebrigens aber, sei es aus Schlaffheit, sei es bestimmt durch die Erklaerung der Roemer, in Syrien nicht intervenieren zu wollen, verfolgte er seine Plaene daselbst und liess die Dinge in Griechenland und Kleinasien gehen.
Darueber war das Fruehjahr 554 (200) herangekommen, und der Krieg hatte aufs neue begonnen. Philippos warf sich zunaechst wieder auf Thrakien, wo er die saemtlichen Kuestenplaetze, namentlich Maroneia, Aenos, Elaeos, Sestos besetzte; er wollte seine europaeischen Besitzungen vor einer roemischen Landung gesichert wissen. Alsdann griff er an der asiatischen Kueste Abydos an, an dessen Gewinn ihm gelegen sein musste, da er durch den Besitz von Sestos und Abydos mit seinem Bundesgenossen Antiochos in festere Verbindung kam und nicht mehr zu fuerchten brauchte, dass die Flotte der Bundesgenossen ihm den Weg nach oder aus Kleinasien sperre. Diese beherrschte das Aegaeische Meer, nachdem das schwaechere makedonische Geschwader sich zurueckgezogen hatte; Philippos beschraenkte zur See sich darauf, auf dreien der Kykladen, Andros, Kythnos und Paros, Besatzungen zu unterhalten und Kaperschiffe auszuruesten. Die Rhodier gingen nach Chios und von da nach Tenedos, wo Attalos, der den Winter ueber bei Aegina gestanden und mit den Deklamationen der Athener sich die Zeit vertrieben hatte, mit seinem Geschwader zu ihnen stiess. Es waere wohl moeglich gewesen, den Abydenern, die sich heldenmuetig verteidigten, zu Hilfe zu kommen; allein die Verbuendeten ruehrten sich nicht, und so ergab sich endlich die Stadt, nachdem fast alle Waffenfaehigen im Kampf vor den Mauern und nach der Kapitulation ein grosser Teil der Einwohner durch eigene Hand gefallen waren, der Gnade des Siegers; sie bestand darin, dass den Abydenern drei Tage Frist gegeben wurden, um freiwillig zu sterben. Hier im Lager von Abydos traf die roemische Gesandtschaft, die nach Beendigung ihrer Geschaefte in Syrien und Aegypten die griechischen Kleinstaaten besucht und bearbeitet hatte, mit dem Koenig zusammen und entledigte sich ihrer vom Senat erhaltenen Auftraege: der Koenig solle gegen keinen griechischen Staat einen Angriffskrieg fuehren, die dem Ptolemaeos entrissenen Besitzungen zurueckgeben und wegen der den Pergamenern und Rhodiern zugefuegten Schaedigung sich ein Schiedsgericht gefallen lassen. Die Absicht des Senats, den Koenig zur foermlichen Kriegserklaerung zu reizen, ward nicht erreicht; der roemische Gesandte Marcus Aemilius erhielt vom Koenig nichts als die feine Antwort, dass er dem jungen schoenen roemischen Mann wegen dieser seiner drei Eigenschaften das Gesagte zugute halten wolle.
Indes war mittlerweile die von Rom gewuenschte Veranlassung von einer anderen Seite her gekommen. Die Athener hatten in ihrer albernen und grausamen Eitelkeit zwei unglueckliche Akarnanen hinrichten lassen, weil dieselben sich zufaellig in ihre Mysterien verirrt hatten. Als die Akarnanen in begreiflicher Erbitterung von Philippos begehrten, dass er ihnen Genugtuung verschaffe, konnte dieser das gerechte Begehren seiner treuesten Bundesgenossen nicht weigern und gestattete ihnen, in Makedonien Mannschaft auszuheben und damit und mit ihren eigenen Leuten ohne foermliche Kriegserklaerung in Attika einzufallen. Zwar war dies nicht bloss kein eigentlicher Krieg, sondern es liess auch der Fuehrer der makedonischen Schar, Nikanor, auf die drohenden Worte der gerade in Athen anwesenden roemischen Gesandten sofort seine Truppen den Rueckmarsch antreten (Ende 553 201). Aber es war zu spaet. Eine athenische Gesandtschaft ging nach Rom, um ueber den Angriff Philipps auf einen alten Bundesgenossen Roms zu berichten, und aus der Art, wie der Senat sie empfing, sah Philippos deutlich, was ihm bevorstand; weshalb er zunaechst, gleich im Fruehling 554 (200) seinen Oberbefehlshaber in Griechenland, Philokles, anwies, das attische Gebiet zu verwuesten und die Stadt moeglichst zu bedraengen.
Der Senat hatte jetzt, was er bedurfte, und konnte im Sommer 554 (200) die Kriegserklaerung “wegen Angriffs auf einen mit Rom verbuendeten Staat” vor die Volksversammlung bringen. Sie wurde das erstemal fast einstimmig verworfen; toerichte oder tueckische Volkstribunen querulierten ueber den Rat, der den Buergern keine Ruhe goennen wolle; aber der Krieg war einmal notwendig und genau genommen schon begonnen, so dass der Senat unmoeglich zuruecktreten konnte. Die Buergerschaft ward durch Vorstellungen und Konzessionen zum Nachgeben bewogen. Es ist bemerkenswert, dass diese Konzessionen wesentlich auf Kosten der Bundesgenossen erfolgten. Aus ihren im aktiven Dienst befindlichen Kontingenten wurden - ganz entgegen den sonstigen roemischen Maximen - die Besatzungen von Gallien, Unteritalien, Sizilien und Sardinien, zusammen 20000 Mann, ausschliesslich genommen, die saemtlichen vom Hannibalischen Krieg her unter Waffen stehenden Buergertruppen aber entlassen; nur Freiwillige sollten daraus zum Makedonischen Krieg aufgeboten werden duerfen, welches denn freilich, wie sich nachher fand, meistens gezwungene Freiwillige waren - es rief dies spaeter im Herbst 555 (199) einen bedenklichen Militaeraufstand im Lager von Apollonia hervor. Aus neu einberufenen Leuten wurden sechs Legionen gebildet, von denen je zwei in Rom und in Etrurien blieben und nur zwei in Brundisium nach Makedonien eingeschifft wurden, gefuehrt von dem Konsul Publius Sulpicius Galba.
So hatte sich wieder einmal recht deutlich gezeigt, dass fuer die weitlaeufigen und schwierigen Verhaeltnisse, in welche Rom durch seine Siege gebracht war, die souveraenen Buergerversammlungen mit ihren kurzsichtigen und vom Zufall abhaengigen Beschluessen schlechterdings nicht mehr passten und dass deren verkehrtes Eingreifen in die Staatsmaschine zu gefaehrlichen Modifikationen der militaerisch notwendigen Massregeln und zu noch gefaehrlicherer Zuruecksetzung der latinischen Bundesgenossen fuehrte.
Philippos’ Lage war sehr uebel. Die oestlichen Staaten, die gegen jede Einmischung Roms haetten zusammenstehen muessen und unter anderen Umstaenden auch vielleicht zusammengestanden waeren, waren hauptsaechlich durch seine Schuld so untereinander verhetzt, dass sie die roemische Invasion entweder nicht zu hindern oder sogar zu foerdern geneigt waren. Asien, Philipps natuerlicher und wichtiger Bundesgenosse, war von ihm vernachlaessigt worden und ueberdies zunaechst durch die Verwicklung mit Aegypten und den syrischen Krieg an taetigem Eingreifen gehindert. Aegypten hatte ein dringendes Interesse daran, dass die roemische Flotte dem Ostmeer fern blieb; selbst jetzt noch gab eine aegyptische Gesandtschaft in Rom sehr deutlich zu verstehen, wie bereit der alexandrinische Hof sei, den Roemern die Muehe abzunehmen, in Attika zu intervenieren. Allein der zwischen Asien und Makedonien abgeschlossene Teilungsvertrag ueber Aegypten warf diesen wichtigen Staat geradezu den Roemern in die Arme und erzwang die Erklaerung des Kabinetts von Alexandreia, dass es in die Angelegenheiten des europaeischen Griechenlands sich nur mit Einwilligung der Roemer mischen werde. Aehnlich, aber noch bedraengter gestellt waren die griechischen Handelsstaedte, an ihrer Spitze Rhodos, Pergamon, Byzanz; sie haetten unter anderen Umstaenden ohne Zweifel das Ihrige getan, um den Roemern das Ostmeer zu verschliessen, aber Philippos’ grausame und vernichtende Eroberungspolitik hatte sie zu einem ungleichen Kampf gezwungen, in den sie ihrer Selbsterhaltung wegen alles anwenden mussten, die italische Grossmacht zu verwickeln. Im eigentlichen Griechenland fanden die roemischen Gesandten, die dort eine zweite Ligue gegen Philippos zu stiften beauftragt waren, gleichfalls vom Feinde wesentlich vorgearbeitet. Von der antimakedonischen Partei, den Spartanern, Eleern, Athenern und Aetolern, haette Philippos die letzten vielleicht zu gewinnen vermocht, da der Friede von 548 (206) in ihren Freundschaftsbund mit Rom einen tiefen und keineswegs aufgeheilten Riss gemacht hatte; allein abgesehen von den alten Differenzen, die wegen der von Makedonien der aetolischen Eidgenossenschaft entzogenen thessalischen Staedte Echinos, Larissa Kremaste, Pharsalos und des phthiotischen Thebae zwischen den beiden Staaten bestanden, hatte die Vertreibung der aetolischen Besatzungen aus Lysimacheia und Kios bei den Aetolern neue Erbitterung gegen Philippos hervorgerufen. Wenn sie zauderten, sich der Ligue gegen ihn anzuschliessen, so lag der Grund wohl hauptsaechlich in der fortwirkenden Verstimmung zwischen ihnen und den Roemern.
Bedenklicher noch war es, dass selbst unter den fest an das makedonische Interesse geknuepften griechischen Staaten, den Epeiroten, Akarnanen, Boeotern und Achaeern, nur die Akarnanen und Boeoter unerschuettert zu Philippos standen. Mit den Epeiroten verhandelten die roemischen Gesandten nicht ohne Erfolg und namentlich der Koenig der Athamanen, Amynander, schloss an Rom sich fest an. Sogar von den Achaeern hatte Philippos durch die Ermordung des Aratos teils viele verletzt, teils ueberhaupt einer freieren Entwicklung der Eidgenossenschaft wieder Raum gegeben; sie hatte unter Philopoemens (502-571 252-183, Strateg zuerst 546 208) Leitung ihr Heerwesen regeneriert, in gluecklichen Kaempfen gegen Sparta das Zutrauen zu sich selber wiedergefunden und folgte nicht mehr, wie zu Aratos’ Zeit, blind der makedonischen Politik. Einzig in ganz Hellas sah die achaeische Eidgenossenschaft, die von Philippos’ Vergroesserungssucht weder Nutzen noch zunaechst Nachteil zu erwarten hatte, diesen Krieg vom unparteiischen und nationalhellenischen Gesichtspunkte an; sie begriff, was zu begreifen nicht schwer war, dass die hellenische Nation damit den Roemern selber sich auslieferte, sogar ehe diese es wuenschten und begehrten, und versuchte darum, zwischen Philippos und den Rhodiern zu vermitteln; allein es war zu spaet. Der nationale Patriotismus, der einst den Bundesgenossenkrieg beendigt und der. ersten Krieg zwischen Makedonien und Rom wesentlich mit herbeigefuehrt hatte, war erloschen; die achaeische Vermittlung blieb ohne Erfolg, und vergeblich bereiste Philippos die Staedte und Inseln, um die Nation wieder zu entflammen - es war das die Nemesis fuer Kios und Abydos. Die Achaeer, da sie nicht aendern konnten und nicht helfen mochten, blieben neutral.
Im Herbst des Jahres 554 (200) landete der Konsul Publius Sulpicius Galba mit seinen beiden Legionen und 1000 numidischen Reitern, ja sogar mit Elefanten, die aus der karthagischen Beute herruehrten, bei Apollonia; auf welche Nachricht der Koenig eilig vom Hellespont nach Thessalien zurueckkehrte. Indes teils die schon weit vorgerueckte Jahreszeit, teils die Erkrankung des roemischen Feldherrn bewirkten, dass zu Lande dies Jahr nichts weiter vorgenommen ward als eine starke Rekognoszierung, bei der die naechstliegenden Ortschaften, namentlich die makedonische Kolonie Antipatreia, von den Roemern besetzt wurden. Fuer das naechste Jahr ward mit den noerdlichen Barbaren, namentlich mit Pleuratos, dem damaligen Herrn von Skodra, und dem Dardanerfuersten Bato, die selbstverstaendlich eilten, die gute Gelegenheit zu nutzen, ein gemeinschaftlicher Angriff auf Makedonien verabredet.
Wichtiger waren die Unternehmungen der roemischen Flotte, die 100 Deck- und 80 leichte Schiffe zaehlte. Waehrend die uebrigen Schiffe bei Kerkyra fuer den Winter Station nahmen, ging eine Abteilung unter Gaius Claudius Cento nach dem Peiraeeus, um den bedraengten Athenern Beistand zu leisten. Da Cento indes die attische Landschaft gegen die Streifereien der korinthischen Besatzung und die makedonischen Korsaren schon hinreichend gedeckt fand, segelte er weiter und erschien ploetzlich vor Chalkis auf Euboea, dem Hauptwaffenplatz Philipps in Griechenland, wo die Magazine, die Waffenvorraete und die Gefangenen aufbewahrt wurden und der Kommandant Sopater nichts weniger als einen roemischen Angriff erwartete. Die unverteidigte Mauer ward erstiegen, die Besatzung niedergemacht, die Gefangenen befreit und die Vorraete verbrannt; leider fehlte es an Truppen, um die wichtige Position zu halten. Auf die Kunde von diesem ueberfall brach Philippos in ungestuemer Erbitterung sofort von Demetrias in Thessalien auf nach Chalkis, und da er hier nichts von dem Feind mehr fand als die Brandstaette, weiter nach Athen, um Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Allein die Ueberrumpelung misslang und auch der Sturm war vergeblich, so sehr der Koenig sein Leben preisgab; das Herannahen von Gaius Claudius vom Peiraeeus, des Attalos von Aegina her zwangen ihn zum Abzug. Philippos verweilte indes noch einige Zeit in Griechenland; aber politisch und militaerisch waren seine Erfolge gleich gering. Umsonst versuchte er die Achaeer fuer sich in Waffen zu bringen; und ebenso vergeblich waren seine Angriffe auf Eleusis und den Peiraeeus sowie ein zweiter auf Athen selbst. Es blieb ihm nichts uebrig, als seine begreifliche Erbitterung in unwuerdiger Weise durch Verwuestung der Landschaft und Zerstoerung, der Baeume des Akademos zu befriedigen und nach dem Norden zurueckzukehren. So verging der Winter. Mit dem Fruehjahr 555 (199) brach der Prokonsul Publius Sulpicius aus seinem Winterlager auf, entschlossen, seine Legionen von Apollonia auf der kuerzesten Linie in das eigentliche Makedonien zu fuehren. Diesen Hauptangriff von Westen her sollten drei Nebenangriffe unterstuetzen: in noerdlicher Richtung der Einfall der Dardaner und Illyrier, in oestlicher ein Angriff der kombinierten Flotte der Roemer und der Bundesgenossen, die bei Aegina sich sammelte; endlich von Sueden her sollten die Athamanen vordringen und, wenn es gelang, sie zur Teilnahme am Kampfe zu bestimmen, zugleich die Aetoler. Nachdem Galba die Berge, die der Apsos (jetzt Beratinó) durchschneidet, ueberschritten hatte und durch die fruchtbare dassaretische Ebene gezogen war, gelangte er an die Gebirgskette, die Illyrien und Makedonien scheidet und betrat, diese uebersteigend, das eigentliche makedonische Gebiet. Philippos war ihm entgegengegangen; allein in den ausgedehnten und schwach bevoelkerten Landschaften Makedoniens suchten sich die Gegner einige Zeit vergeblich, bis sie endlich in der lynkestischen Provinz, einer fruchtbaren aber sumpfigen Ebene, unweit der nordwestlichen Landesgrenze aufeinandertrafen und keine 1000 Schritt voneinander die Lager schlugen. Philippos’ Heer zaehlte, nachdem er das zur Besetzung der noerdlichen Paesse detachierte Korps an sich gezogen hatte, etwa 20000 Mann zu Fuss und 2000 Reiter; das roemische war ungefaehr ebenso stark. Indes die Makedonier hatten den grossen Vorteil, dass sie, in der Heimat fechtend und mit Weg und Steg bekannt, mit leichter Muehe den Proviant zugefuehrt erhielten, waehrend sie sich so dicht an die Roemer gelagert hatten, dass diese es nicht wagen konnten, zu ausgedehnter Fouragierung sich zu zerstreuen. Der Konsul bot die Schlacht wiederholt an, allein der Koenig versagte sie beharrlich und die Gefechte zwischen den leichten Truppen, wenn auch die Roemer darin einige Vorteile erfochten, aenderten in der Hauptsache nichts. Galba war genoetigt, sein Lager abzubrechen und anderthalb Meilen weiter bei Oktolophos ein anderes aufzuschlagen, von wo er leichter sich verproviantieren zu koennen meinte. Aber auch hier wurden die ausgeschickten Abteilungen von den leichten Truppen und der Reiterei der Makedonier vernichtet; die Legionen mussten zu Hilfe kommen und trieben dann freilich die makedonische Vorhut, die zu weit vorgegangen war, mit starkem Verlust in das Lager zurueck, wobei der Koenig selbst das Pferd verlor und nur durch die hochherzige Hingebung eines seiner Reiter das Leben rettete. Aus dieser gefaehrlichen Lage befreite die Roemer der bessere Erfolg der von Galba veranlassten Nebenangriffe der Bundesgenossen oder vielmehr die Schwaeche der makedonischen Streitkraefte. Obwohl Philippos in seinem Gebiet moeglichst starke Aushebungen vorgenommen und roemische Ueberlaeufer und andere Soeldner hinzugeworben hatte, hatte er doch nicht vermocht, ausser den Besatzungen in Kleinasien und Thrakien, mehr als das Heer, womit er selbst dem Konsul gegenueberstand, auf die Beine zu bringen, und ueberdies noch, um dieses zu bilden, die Nordpaesse in der pelagonischen Landschaft entbloessen muessen. Fuer die Deckung der Ostkueste verliess er sich teils auf die von ihm angeordnete Verwuestung der Inseln Skiathos und Peparethos, die der feindlichen Flotte eine Station haetten bieten koennen, teils auf die Besatzung von Thasos und der Kueste und auf die unter Herakleides bei Demetrias aufgestellte Flotte. Fuer die Suedgrenze hatte er gar auf die mehr als zweifelhafte Neutralitaet der Aetoler rechnen muessen. Jetzt traten diese ploetzlich dem Bunde gegen Makedonien bei und drangen sofort mit den Athamanen vereinigt in Thessalien ein, waehrend zugleich die Dardaner und Illyrier die noerdlichen Landschaften ueberschwemmten und die roemische Flotte unter Lucius Apustius, von Kerkyra aufbrechend, in den oestlichen Gewaessern erschien, wo die Schiffe des Attalos, der Rhodier und der Istrier sich mit ihr vereinigten.
Philippos gab hiernach freiwillig seine Stellung auf und wich in oestlicher Richtung zurueck: ob es geschah, um den wahrscheinlich unvermuteten Einfall der Aetoler zurueckzuschlagen oder um das roemische Heer sich nach und ins Verderben zu ziehen oder um je nach den Umstaenden das eine oder das andere zu tun, ist nicht wohl zu entscheiden. Er bewerkstelligte seinen Rueckzug so geschickt, dass Galba, der den verwegenen Entschluss fasste, ihm zu folgen, seine Spur verlor und es Philippos moeglich ward, den Engpass, der die Landschaften Lynkestis und Eordaea scheidet, auf Seitenwegen zu erreichen und zu besetzen, um die Roemer hier zu erwarten und ihnen einen heissen Empfang zu bereiten. Es kam an der von ihm gewaehlten Stelle zur Schlacht. Aber die langen makedonischen Speere erwiesen sich unbrauchbar auf dem waldigen und ungleichen Terrain; die Makedonier wurden teils umgangen, teils durchbrochen und verloren viele Leute. Indes wenn auch Philippos’ Heer nach diesem ungluecklichen Treffen nicht laenger imstande war, den Roemern das weitere Vordringen zu wehren, so scheuten sich doch diese selber in dem unwegsamen und feindlichen Land, weiteren unbekannten Gefahren entgegenzuziehen, und kehrten zurueck nach Apollonia, nachdem sie die fruchtbaren Landschaften Hochmakedoniens Eordaea, Elimea, Orestis verwuestet und die bedeutendste Stadt von Orestis, Keletron (jetzt Kastoria auf einer Halbinsel in dem gleichnamigen See), sich ihnen ergeben hatte - es war die einzige makedonische Stadt, die den Roemern ihre Tore oeffnete. Im illyrischen Land ward die Stadt der Dassaretier, Pelion, an den oberen Zufluessen des Apsos, erstuermt und stark besetzt, um auf einem aehnlichen Zug kuenftig als Basis zu dienen.
Philippos stoerte die roemische Hauptarmee auf ihrem Rueckzug nicht, sondern wandte sich in Gewaltmaerschen gegen die Aetoler und Athamanen, die in der Meinung, dass die Legionen den Koenig beschaeftigten, das reiche Tal des Peneios furcht- und ruecksichtslos pluenderten, schlug sie vollstaendig und noetigte, was nicht fiel, sich einzeln auf den wohlbekannten Bergpfaden zu, retten. Durch diese Niederlage und ebenso sehr durch die starken Werbungen, die in Aetolien fuer aegyptische Rechnung stattfanden, schwand die Streitkraft der Eidgenossenschaft nicht wenig zusammen. Die Dardaner wurden von dem Fuehrer der leichten Truppen Philipps, Athenagoras, ohne Muehe und mit starkem Verlust ueber die Berge zurueckgejagt. Die roemische Flotte richtete auch nicht viel aus; sie vertrieb die makedonische Besatzung von Andros, suchte Euboea und Skiathos heim und machte dann Versuche auf die chalkidische Halbinsel, die aber die makedonische Besatzung bei Mende kraeftig zurueckwies. Der Rest des Sommers verging mit der Einnahme von Oreos auf Euboea, welche durch die entschlossene Verteidigung der makedonischen Besatzung lange verzoegert ward. Die schwache makedonische Flotte unter Herakleides stand untaetig bei Herakleia und wagte nicht den Feinden das Meer streitig zu machen. Fruehzeitig gingen diese in die Winterquartiere, die Roemer nach dem Peiraeeus und Kerkyra, die Rhodier und Pergamener in die Heimat.
Im ganzen konnte Philipp zu den Ereignissen dieses Feldzuges sich Glueck wuenschen. Die roemischen Truppen standen nach einem aeusserst beschwerlichen Feldzug im Herbst genau da, von wo sie im Fruehling aufgebrochen waren, und ohne das rechtzeitige Dareinschlagen der Aetoler und die unerwartet glueckliche Schlacht am Pass von Eordaea haette von der gesamten Macht vielleicht kein Mann das roemische Gebiet wiedergesehen. Die vierfache Offensive hatte ueberall ihren Zweck verfehlt und Philippos sah im Herbste nicht bloss sein ganzes Gebiet vom Feind gereinigt, sondern er konnte noch einen, freilich vergeblichen, Versuch machen, die an der aetolisch-thessalischen Grenze gelegene und die Peneiosebene beherrschende feste Stadt Thaumakoi den Aetolern zu entreissen. Wenn Antiochos, um dessen Kommen Philippos vergeblich zu den Goettern flehte, sich im naechsten Feldzug mit ihm vereinigte, so durfte er grosse Erfolge erwarten. Es schien einen Augenblick, als schicke dieser sich dazu an; sein Heer erschien in Kleinasien und besetzte einige Ortschaften des Koenigs Attalos, der von den Roemern militaerischen Schutz erbat. Diese indes beeilten sich nicht, den Grosskoenig jetzt zum Bruch zu draengen; sie schickten Gesandte, die in der Tat es erreichten, dass Attalos’ Gebiet geraeumt ward. Von daher hatte Philippos nichts zu hoffen.
Indes der glueckliche Ausgang des letzten Feldzugs hatte Philipps Mut oder Uebermut so gehoben, dass, nachdem er der Neutralitaet der Achaeer und der Treue der Makedonier sich durch die Aufopferung einiger festen Plaetze und des verabscheuten Admirals Herakleides aufs neue versichert hatte, im naechsten Fruehling 556 (198) er es war, der die Offensive ergriff und in die atintanische Landschaft einrueckte, um in dem engen Pass, wo sich der Aoos (Viosa) zwischen den Bergen Aeropos und Asmaos durchwindet, ein wohlverschanztes Lager zu beziehen. Ihm gegenueber lagerte das durch neue Truppensendungen verstaerkte roemische Heer, ueber das zuerst der Konsul des vorigen Jahres, Publius Villius, sodann seit dem Sommer 556 (198) der diesjaehrige Konsul Titus Quinctius Flamininus den Oberbefehl fuehrte. Flamininus, ein talentvoller, erst dreissigjaehriger Mann, gehoerte zu der juengeren Generation, welche mit dem altvaeterischen Wesen auch den altvaeterischen Patriotismus von sich abzutun anfing und zwar auch noch an das Vaterland, aber mehr an sich und an das Hellenentum dachte. Ein geschickter Offizier und besserer Diplomat, war er in vieler Hinsicht fuer die Behandlung der schwierigen griechischen Verhaeltnisse vortrefflich geeignet; dennoch waere es vielleicht fuer Rom wie fuer Griechenland besser gewesen, wenn die Wahl auf einen minder von hellenischen Sympathien erfuellten Mann gefallen und ein Feldherr dorthin gesandt worden waere, den weder feine Schmeichelei bestochen noch beissende Spottrede verletzt haette, der die Erbaermlichkeit der hellenischen Staatsverfassungen nicht ueber literarischen und kuenstlerischen Reminiszenzen vergessen und der Hellas nach Verdienst behandelt, den Roemern aber es erspart haette, unausfuehrbaren Idealen nachzustreben.
Der neue Oberbefehlshaber hatte mit dem Koenig sogleich eine Zusammenkunft, waehrend die beiden Heere untaetig sich gegenueberstanden. Philippos machte Friedensvorschlaege; er erbot sich, alle eigenen Eroberungen zurueckzugeben und wegen des den griechischen Staedten zugefuegten Schadens sich einem billigen Austrag zu unterwerfen; aber an dem Begehren, altmakedonische Besitzungen, namentlich Thessalien, aufzugeben, scheiterten die Verhandlungen. Vierzig Tage standen die beiden Heere in dem Engpass des Aoos, ohne dass Philippos wich oder Flamininus sich entschliessen konnte, entweder den Sturm anzuordnen oder den Koenig stehenzulassen und die vorjaehrige Expedition wieder zu versuchen. Da half dem roemischen General die Verraeterei einiger Vornehmer unter den sonst gut makedonisch gesinnten Epeiroten, namentlich des Charops, aus der Verlegenheit. Sie fuehrten auf Bergpfaden ein roemisches Korps von 4000 Mann zu Fuss und 300 Reitern auf die Hoehen oberhalb des makedonischen Lagers und wie alsdann der Konsul das feindliche Herr von vorn angriff, entschied das Anruecken jener unvermutet von den beherrschenden Bergen herabsteigenden roemischen Abteilung die Schlacht. Philippos verlor Lager und Verschanzung und gegen 2000 Mann und wich eilig zurueck bis an den Pass Tempel die Pforte des eigentlichen Makedoniens. Allen anderen Besitz gab er auf bis auf die Festungen; die thessalischen Staedte, die er nicht verteidigen konnte, zerstoerte er selbst - nur Pherae schloss ihm die Tore und entging dadurch dem Verderben. Teils durch diese Erfolge der roemischen Waffen, teils durch Flamininus’ geschickte Milde bestimmt, traten zunaechst die Epeiroten vom makedonischen Buendnis ab. In Thessalien waren auf die erste Nachricht vom Siege der Roemer sogleich die Athamanen und Aetoler eingebrochen, und die Roemer folgten bald; das platte Land war leicht ueberschwemmt, allein die festen Staedte, die gut makedonisch gesinnt waren und von Philippos Unterstuetzung empfingen, fielen nur nach tapferem Widerstand oder widerstanden sogar dem ueberlegenen Feind; so vor allem Atrax am linken Ufer des Peneios, wo in der Bresche die Phalanx statt der Mauer stand. Bis auf diese thessalischen Festungen und das Gebiet der treuen Akarnanen war somit ganz Nordgriechenland in den Haenden der Koalition.
Dagegen war der Sueden durch die Festungen Chalkis und Korinth, die durch das Gebiet der makedonisch gesinnten Boeoter miteinander die Verbindung unterhielten, und durch die achaeische Neutralitaet noch immer wesentlich in makedonischer Gewalt, und Flamininus entschloss sich, da es doch zu spaet war, um dies Jahr noch in Makedonien einzudringen, zunaechst Landheer und Flotte gegen Korinth und die Achaeer zu wenden. Die Flotte, die wieder die rhodischen und pergamenischen Schiffe an sich gezogen hatte, war bisher damit beschaeftigt gewesen, zwei kleinere Staedte auf Euboea, Eretria und Karystos, einzunehmen und daselbst Beute zu machen; worauf beide indes ebenso wie Oreos wieder aufgegeben und von dem makedonischen Kommandanten von Chalkis, Philokles, aufs neue besetzt wurden. Die vereinigte Flotte wandte sich von da nach Kenchreae, dem oestlichen Hafen von Korinth, um diese starke Festung zu bedrohen. Von der anderen Seite rueckte Flamininus in Phokis ein und besetzte die Landschaft, in der nur Elateia eine laengere Belagerung aushielt; diese Gegend, namentlich Antikyra am Korinthischen Meerbusen, war zum Winterquartier ausersehen. Die Achaeer, die also auf der einen Seite die roemischen Legionen sich naehern, auf der anderen die roemische Flotte schon an ihrem eigenen Gestade sahen, verzichteten auf ihre sittlich ehrenwerte, aber politisch unhaltbare Neutralitaet; nachdem die Gesandten der am engsten an Makedonien geknuepften Staedte Dyme, Megalopolis und Argos die Tagsatzung verlassen hatten, beschloss dieselbe den Beitritt zu der Koalition gegen Philippos. Kykliades und andere Fuehrer der makedonischen Partei verliessen die Heimat; die Truppen der Achaeer vereinigten sich sofort mit der roemischen Flotte und eilten, Korinth zu Lande einzuschliessen, welche Stadt, die Zwingburg Philipps gegen die Achaeer, ihnen roemischerseits fuer ihren Beitritt zu dem Bunde zugesichert worden war. Die makedonische Besatzung indes, die 1300 Mann stark war und grossenteils aus italischen Ueberlaeufern bestand, verteidigte entschlossen die fast uneinnehmbare Stadt; ueberdies kam von Chalkis Philokles herbei mit einer Abteilung von 1500 Mann, die nicht bloss Korinth entsetzte, sondern auch in das Gebiet der Achaeer eindrang und im Einverstaendnis mit der makedonisch gesinnten Buergerschaft ihnen Argos entriss. Allein der Lohn solcher Hingebung war, dass der Koenig die treuen Argeier der Schreckensherrschaft des Nabis von Sparta auslieferte. Diesen, den bisherigen Bundesgenossen der Roemer, hoffte er nach dem Beitritt der Achaeer zu der roemischen Koalition zu sich hinueberzuziehen; denn er war hauptsaechlich nur deshalb roemischer Bundesgenosse geworden, weil er in Opposition zu den Achaeern und seit 550 (204) sogar in offenem Kriege mit ihnen sich befand. Allein Philippos’ Angelegenheiten standen zu verzweifelt, als dass irgend jemand jetzt sich auf seine Seite zu schlagen Lust verspuert haette. Nabis nahm zwar Argos von Philippos an, allein er verriet den Verraeter und blieb im Buendnis mit Flamininus, welcher in der Verlegenheit, jetzt mit zwei untereinander im Krieg begriffenen Maechten verbuendet zu sein, vorlaeufig zwischen den Spartanern und Achaeern einen Waffenstillstand auf vier Monate vermittelte.
So kam der Winter heran. Philippos benutzte ihn abermals, um womoeglich einen billigen Frieden zu erhalten. Auf einer Konferenz, die in Nikaea am Malischen Meerbusen abgehalten ward, erschien der Koenig persoenlich und versuchte, mit Flamininus zu einer Verstaendigung zu gelangen, indem er den petulanten Uebermut der kleinen Herren mit Stolz und Feinheit zurueckwies und durch markierte Deferenz gegen die Roemer als die einzigen ihm ebenbuertigen Gegner von diesen ertraegliche Bedingungen zu erhalten suchte. Flamininus war gebildet genug, um durch die Urbanitaet des Besiegten gegen ihn und die Hoffart gegen die Bundesgenossen, welche der Roemer wie der Koenig gleich verachten gelernt hatten, sich geschmeichelt zu fuehlen; allein seine Vollmacht ging nicht so weit wie das Begehren des Koenigs: er gestand ihm gegen Einraeumung von Phokis und Lokris einen zweimonatlichen Waffenstillstand zu und wies ihn in der Hauptsache an seine Regierung. Im roemischen Senat war man sich laengst einig, dass Makedonien alle seine auswaertigen Besitzungen aufgeben muesse; als daher Philippos’ Gesandte in Rom erschienen, begnuegte man sich zu fragen, ob sie Vollmacht haetten, auf ganz Griechenland, namentlich auf Korinth, Chalkis und Demetrias zu verzichten, und da sie dies verneinten, brach man sofort die Unterhandlungen ab und beschloss die energische Fortsetzung des Krieges. Mit Hilfe der Volkstribunen gelang es dem Senat, den so nachteiligen Wechsel des Oberbefehls zu verhindern und Flamininus das Kommando zu verlaengern; er erhielt bedeutende Verstaerkung, und die beiden frueheren Oberbefehlshaber Publius Galba und Publius Villius wurden angewiesen, sich ihm zur Verfuegung zu stellen. Auch Philippos entschloss sich, noch eine Feldschlacht zu wagen. Um Griechenland zu sichern, wo jetzt alle Staaten mit Ausnahme der Akarnanen und Boeoter gegen ihn in Waffen standen, wurde die Besatzung von Korinth bis auf 6000 Mann verstaerkt, waehrend er selbst, die letzten Kraefte des erschoepften Makedoniens anstrengend und Kinder und Greise in die Phalanx einreihend, ein Heer von etwa 26000 Mann, darunter 16000 makedonische Phalangiten, auf die Beine brachte. So begann der vierte Feldzug 557 (197). Flamininus schickte einen Teil der Flotte gegen die Akarnanen, die in Leukas belagert wurden; im eigentlichen Griechenland bemaechtigte er sich durch List der boeotischen Hauptstadt Thebae, wodurch sich die Boeoter gezwungen sahen, dem Buendnis gegen Makedonien wenigstens dem Namen nach beizutreten. Zufrieden, hierdurch die Verbindung zwischen Korinth und Chalkis gesprengt zu haben, wandte er sich nach Norden, wo allein die Entscheidung fallen konnte. Die grossen Schwierigkeiten der Verpflegung des Heeres in dem feindlichen und grossenteils oeden Lande, die schon oft die Operationen gehemmt hatten, sollte jetzt die Flotte beseitigen, indem sie das Heer laengs der Kueste begleitete und ihm die aus Afrika, Sizilien und Sardinien gesandten Vorraete nachfuehrte. Indes die Entscheidung kam frueher, als Flamininus gehofft hatte. Philippos, ungeduldig und zuversichtlich wie er war, konnte es nicht aushalten, den Feind an der makedonischen Grenze zu erwarten; nachdem er bei Dion sein Heer gesammelt hatte, rueckte er durch den Tempepass in Thessalien ein und traf mit dem ihm entgegenrueckenden feindlichen Heer in der Gegend von Skotussa zusammen. Beide Heere, das makedonische und das roemische, das durch Zuzuege der Apolloniaten und Athamanen und die von Nabis gesandten Kretenser, besonders aber durch einen ansehnlichen aetolischen Haufen verstaerkt worden war, zaehlten ungefaehr gleich viel Streiter, jedes etwa 26000 Mann; doch waren die Roemer an Reiterei dem Gegner ueberlegen. Vorwaerts Skotussa, auf dem Plateau des Karadagh, traf waehrend eines trueben Regentages der roemische Vortrab unvermutet auf den feindlichen, der einen zwischen beiden Lagern gelegenen, hohen und steilen Huegel, die Kynoskephalae genannt, besetzt hielt. Zurueckgetrieben in die Ebene, erhielten die Roemer Verstaerkung aus dem Lager von den leichten Truppen und dem trefflichen Korps der aetolischen Reiterei und draengten nun ihrerseits den makedonischen Vortrab auf und ueber die Hoehe zurueck. Hier aber fanden wiederum die Makedonier Unterstuetzung an ihrer gesamten Reiterei und dem groessten Teil der leichten Infantrie; die Roemer, die unvorsichtig sich vorgewagt hatten, wurden mit grossem Verlust bis hart an ihr Lager zurueckgejagt und haetten sich voellig zur Flucht gewandt, wenn nicht die aetolischen Ritter in der Ebene den Kampf so lange hingehalten haetten, bis Flamininus die schnell geordneten Legionen herbeifuehrte. Dem ungestuemen Ruf der siegreichen, die Fortsetzung des Kampfes fordernden Truppen gab der Koenig nach und ordnete auch seine Schwerbewaffneten eilig zu der Schlacht, die weder Feldherr noch Soldaten an diesem Tage erwartet hatten. Es galt, den Huegel zu besetzen, der augenblicklich von Truppen ganz entbloesst war. Der rechte Fluegel der Phalanx unter des Koenigs eigener Fuehrung kam frueh genug dort an, um sich ungestoert auf der Hoehe in Schlachtordnung zu stellen; der linke aber war noch zurueck, als schon die leichten Truppen der Makedonier, von den Legionen gescheucht, den Huegel heraufstuermten. Philipp schob die fluechtigen Haufen rasch an der Phalanx vorbei in das Mitteltreffen, und ohne zu erwarten, bis auf dem linken Fluegel Nikanor mit der anderen, langsamer folgenden Haelfte der Phalanx eingetroffen war, hiess er die rechte Phalanx mit gesenkten Speeren den Huegel hinab sich auf die Legionen stuerzen und gleichzeitig die wieder geordnete leichte Infanterie sie umgehen und ihnen in die Flanke fallen. Der am guenstigen Orte unwiderstehliche Angriff der Phalanx zersprengte das roemische Fussvolk, und der linke Fluegel der Roemer ward voellig geschlagen. Auf dem anderen Fluegel liess Nikanor, als er den Koenig angreifen sah, die andere Haelfte der Phalanx schleunig nachruecken; sie geriet dabei auseinander, und waehrend die ersten Reihen schon den Berg hinab eilig dem siegreichen rechten Fluegel folgten und durch das ungleiche Terrain noch mehr in Unordnung kamen, gewannen die letzten Glieder eben erst die Hoehe. Der rechte Fluegel der Roemer ward unter diesen Umstaenden leicht mit dem feindlichen linken fertig; die Elefanten allein, die auf diesem Fluegel standen, vernichteten die aufgeloesten makedonischen Scharen. Waehrend hier ein fuerchterliches Gemetzel entstand, nahm ein entschlossener roemischer Offizier zwanzig Faehnlein zusammen und warf sich mit diesen auf den siegreichen makedonischen Fluegel, der, den roemischen linken verfolgend, so weit vorgedrungen war, dass der roemische rechte ihm im Ruecken stand. Gegen den Angriff von hinten war die Phalanx wehrlos und mit dieser Bewegung die Schlacht zu Ende. Bei der vollstaendigen Aufloesung der beiden Phalangen ist es begreiflich, dass man 13000 teils gefangene, teils gefallene Makedonier zaehlte, meistens gefallene, weil die roemischen Soldaten das makedonische Zeichen der Ergebung, das Aufheben der Sarissen, nicht kannten; der Verlust der Sieger war gering. Philippos entkam nach Larissa und nachdem er alle seine Papiere verbrannt hatte, um niemanden zu kompromittieren, raeumte er Thessalien und ging in seine Heimat zurueck.
Gleichzeitig mit dieser grossen Niederlage erlitten die Makedonier noch andere Nachteile auf allen Punkten, die sie noch besetzt hielten: in Karien schlugen die rhodischen Soeldner das dort stehende makedonische Korps und zwangen dasselbe, sich in Stratonikeia einzuschliessen; die korinthische Besatzung ward von Nikostratos und seinen Achaeern mit starkem Verlust geschlagen, das akarnanische Leukas nach heldenmuetiger Gegenwehr erstuermt. Philippos war vollstaendig ueberwunden; seine letzten Verbuendeten, die Akarnanen, ergaben sich auf die Nachricht von der Schlacht bei Kynoskephalae.
Es lag vollstaendig in der Hand der Roemer, den Frieden zu diktieren: sie nutzten ihre Macht, ohne sie zu missbrauchen. Man konnte das Reich Alexanders vernichten; auf der Konferenz der Bundesgenossen ward dies Begehren von aetolischer Seite ausdruecklich gestellt. Allein was hiess das anders als den Wall hellenischer Bildung gegen Thraker und Kelten niederreissen? Schon war waehrend des eben beendigten Krieges das bluehende Lysimacheia auf dem Thrakischen Chersonesos von den Thrakern gaenzlich zerstoert worden - eine ernste Warnung fuer die Zukunft. Flamininus, der tiefe Blicke in die widerwaertigen Verfehdungen der griechischen Staaten getan hatte, konnte nicht die Hand dazu bieten, dass die roemische Grossmacht fuer den Groll der aetolischen Eidgenossenschaft die Exekution uebernahm, auch wenn nicht seine hellenischen Sympathien fuer den feinen und ritterlichen Koenig ebenso sehr gewonnen gewesen waeren wie sein roemisches Nationalgefuehl verletzt war durch die Prahlerei der Aetoler, der “Sieger von Kynoskephalae”, wie sie sich nannten. Den Aetolern erwiderte er, dass es nicht roemische Sitte sei, Besiegte zu vernichten, uebrigens seien sie ja ihre eigenen Herren und stehe es ihnen frei, mit Makedonien ein Ende zu machen, wenn sie koennten. Der Koenig ward mit aller moeglichen Ruecksicht behandelt, und nachdem er sich bereit erklaert hatte, auf die frueher gestellten Forderungen jetzt einzugehen, ihm von Flamininus gegen Zahlung einer Geldsumme und Stellung von Geiseln, darunter seines Sohnes Demetrios, ein laengerer Waffenstillstand bewilligt, den Philippos hoechst noetig brauchte, um die Dardaner aus Makedonien hinauszuschlagen.
Die definitive Regulierung der verwickelten griechischen Angelegenheiten ward vom Senat einer Kommission von zehn Personen uebertragen, deren Haupt und Seele wieder Flamininus war. Philippos erhielt von ihr aehnliche Bedingungen, wie sie Karthago gestellt worden waren. Er verlor alle auswaertigen Besitzungen in Kleinasien, Thrakien, Griechenland und auf den Inseln des Aegaeischen Meeres; dagegen blieb das eigentliche Makedonien ungeschmaelert bis auf einige unbedeutende Grenzstriche und die Landschaft Orestis, welche frei erklaert ward - eine Bestimmung, die Philippos aeusserst empfindlich fiel, allein die die Roemer nicht umhin konnten, ihm vorzuschreiben, da bei seinem Charakter es unmoeglich war, ihm die freie Verfuegung ueber einmal von ihm abgefallene Untertanen zu lassen. Makedonien wurde ferner verpflichtet, keine auswaertigen Buendnisse ohne Vorwissen Roms abzuschliessen noch nach auswaerts Besatzungen zu schicken; ferner nicht ausserhalb Makedoniens gegen zivilisierte Staaten noch ueberhaupt gegen roemische Bundesgenossen Krieg zu fuehren und kein Heer ueber 5000 Mann, keine Elefanten und nicht ueber fuenf Deckschiffe zu unterhalten, die uebrigen an die Roemer auszuliefern. Endlich trat Philippos mit den Roemern in Symmachie, die ihn verpflichtete, auf Verlangen Zuzug zu senden, wie denn gleich nachher die makedonischen Truppen mit den Legionen zusammen fochten. Ausserdem zahlte er eine Kontribution von 1000 Talenten (1700000 Taler).
Nachdem Makedonien also zu vollstaendiger politischer Nullitaet herabgedrueckt und ihm nur so viel Macht gelassen war, als es bedurfte, um die Grenze von Hellas gegen die Barbaren zu hueten, schritt man dazu, ueber die vom Koenig abgetretenen Besitzungen zu verfuegen. Die Roemer, die eben damals in Spanien erfuhren, dass ueberseeische Provinzen ein sehr zweifelhafter Gewinn seien, und die ueberhaupt keineswegs des Laendererwerbes wegen den Krieg begonnen hatten, nahmen nichts von der Beute fuer sich und zwangen dadurch auch ihre Bundesgenossen zur Maessigung. Sie beschlossen, saemtliche Staaten Griechenlands, die bisher unter Philippos gestanden, frei zu erklaeren; und Flamininus erhielt den Auftrag, das desfaellige Dekret den zu den Isthmischen Spielen versammelten Griechen zu verlesen (558 196). Ernsthafte Maenner freilich mochten fragen, ob denn die Freiheit ein verschenkbares Gut sei und was Freiheit ohne Einigkeit und Einheit der Nation bedeute; doch war der Jubel gross und aufrichtig, wie die Absicht aufrichtig war, in der der Senat die Freiheit verlieh ^1.
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^1 Wir haben noch Goldstater mit dem Kopf des Flamininus und der Inschrift “T. Quincti(us)”, unter dem Regiment des Befreiers der Hellenen in Griechenland geschlagen. Der Gebrauch der lateinischen Sprache ist eine bezeichnende Artigkeit.
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Ausgenommen waren von dieser gemeinen Massregel nur die illyrischen Landschaften oestlich von Epidamnos, die an den Herrn von Skodra, Pleuratos, fielen und diesen, ein Menschenalter zuvor von den Roemern gedemuetigten Land- und Seeraeuberstaat wieder zu der maechtigsten unter all den kleinen Herrschaften in diesen Strichen machten; ferner einige Ortschaften im westlichen Thessalien, die Amynander besetzt hatte und die man ihm liess, und die drei Inseln Paros, Skyros und Imbros, welche Athen fuer seine vielen Drangsale und seine noch zahlreicheren Dankadressen und Hoeflichkeiten aller Art zum Geschenk erhielt. Dass die Rhodier ihre karischen Besitzungen behielten und Aegina den Pergamenern blieb, versteht sich. Sonst ward den Bundesgenossen nur mittelbar gelohnt durch den Zutritt der neu befreiten Staedte zu den verschiedenen Eidgenossenschaften. Am besten wurden die Achaeer bedacht, die doch am spaetesten der Koalition gegen Philippos beigetreten waren; wie es scheint, aus dem ehrenwerten Grunde, dass dieser Bundesstaat unter allen griechischen der geordnetste und ehrbarste war. Die saemtlichen Besitzungen Philipps auf dem Peloponnes und dem Isthmos, also namentlich Korinth, wurden ihrem Bunde einverleibt. Mit den Aetolern dagegen machte man wenig Umstaende; sie durften die phokischen und lokrischen Staedte in ihre Symmachie aufnehmen, allein ihre Versuche, dieselbe auch auf Akarnanien und Thessalien auszudehnen, wurden teils entschieden zurueckgewiesen, teils in die Ferne geschoben, und die thessalischen Staedte vielmehr in vier kleine selbstaendige Eidgenossenschaften geordnet. Dem Rhodischen Staedtebund kam die Befreiung von Thasos und Lemnos, der thrakischen und kleinasiatischen Staedte zugute.