The Project Gutenberg eBook, Deutschlands Beruf in der Gegenwart und Zukunft, by Theodor Rohmer

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Anmerkungen zur Transkription

Zeichensetzung und Rechtschreibung wurden weitgehend übernommen, auch dort, wo mehrere verschiedene Schreibweisen benutzt wurden, außer bei offensichtlichen Fehlern.

Die Korrekturen, die in der [Anmerkung des literarischen Comptoir's] genannt werden, sind vorgenommen worden.


Deutschlands
Beruf
in der
Gegenwart und Zukunft.

Von

Theodor Rohmer.

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn aber das Salz dumm wird, womit soll man salzen?

Ev. Matth. 5, 13.


Zürich und Winterthur,

Verlag des literarischen Comptoir’s.

1841.

Seinem
ältesten Bruder
Friedrich Rohmer
in Ehrfurcht und Liebe
gewidmet
vom
Verfasser.


[Vorwort.]

Der Verfasser hält es für unnöthig, die Tendenz dieser Schrift im Voraus zu bezeichnen, weil er hofft, sie werde sich dem Leser von selbst ergeben. Wohl aber glaubt er, über die Art ihrer Entstehung und den Wirkungskreis, den er ihr wünscht, Einiges sagen zu müssen.

Es war nicht seine Absicht, irgend eine Gelehrsamkeit oder sonst ein äußeres Wissen darin zu entwickeln; der Zweck schien es ihm nicht zu fordern. Der Gegenstand ist wichtig genug, um Gelehrte und Ungelehrte in gleichem Maße zu beschäftigen. Er übergibt sie daher allen denen, welchen das Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt, gleichviel weß Standes und Ranges sie sonst sein mögen, und setzt nur das Eine voraus, daß der, der sie lieset, mit dem geschichtlichen Material, welches er besitzt, es sei klein oder groß, geistig gewirthschaftet, und mit der politischen Anschauung, die ihm eigen ist, sie sei eng oder weit, in Gedanken geschaltet hat. Dies fügt er hinzu, weil ohne das Vieles in einem andern Lichte erscheinen muß, als es zu erscheinen bestimmt ist.

Die vaterländische Bewegung, welche seit dem Herbste des vorigen Jahres begonnen und seitdem in steigendem Maße zugenommen hat, war es nicht zunächst, was diese Schrift verursacht hat. Sie wäre auch ohnedem geschrieben worden; die Ansichten, die hier ausgesprochen sind, waren vorhanden, ehe die politische Krisis eintrat. Der Verfasser erwähnt diesen Umstand nicht, als ob er sich zu vornehm bedünkte, gleich Andern davon ergriffen worden zu sein, oder als ob er den Vorgang nicht nach seiner vollen Bedeutung zu würdigen wüßte; sondern weil es ihm wichtig ist, das kleine Buch nicht als Etwas angesehen zu wissen, was es in keiner Weise ist — nämlich als eine durch die Lage des Augenblicks veranlaßte politische Flugschrift. Wohl aber hat das Erwachen eines höheren Sinnes sein Vorhaben beschleunigt, und er darf hoffen, daß heutzutage Vieles mit Theilnahme begrüßt wird, was in andern Zeiten verlacht worden seyn würde.

Im Uebrigen war er genöthigt, sich in der Darstellung auf die politischen und socialen Verhältnisse und auch innerhalb dieses Gebiets nur aufs Allgemeinste zu beschränken. Er wollte nur von Deutschland sprechen, und hat absichtlich darauf verzichtet, in das Leben der einzelnen Staaten einzugehn. Um das zu zeigen, was er zu zeigen bemüht war, gab es auch außerdem verschiedene Wege. Er hätte können den Zustand der Wissenschaft, der Kultur und des geistigen Lebens beleuchten und von hier aus zu demselben Ziele gelangen, das man als höchste Aufgabe des deutschen Geistes aufgestellt finden wird. Anderseits wäre es sehr wichtig gewesen, die materiellen Fortschritte zu würdigen und zu entwickeln, wie Deutschland allein durch richtige Benutzung seiner derartigen Hülfsmittel zu dem äußern Rang erhoben werden könne, der ihm gebührt. Allein beide Gebiete sind so umfangsreich, daß ein eigenes, größeres Buch dazu kaum hinreichen würde. Doch wird man ein näheres Eingehn in die materiellen Fragen um so leichter entbehren, als diese Dinge von der periodischen Presse und sonst von befugten Richtern täglich gründlicher besprochen werden; und wenn er allerdings der Meinung ist, daß die höchste kommercielle und industrielle Blüthe allein nicht genügend sei, um uns selig zu machen, so wird ihn deßhalb Niemand einer Mißachtung der patriotischen Bestrebungen zeihn. Was aber Philosophie und Literatur betrifft, so mußte er, nach dem Zweck der Schrift, sich aller näheren wissenschaftlichen Kritik enthalten; und wenn er, wie natürlich, diesen Boden berührt hat, so geschah es nur aus dem socialen Gesichtspunkt. In diesem Sinne wird man Alles gesagt finden, was über die heutigen Systeme, über die Verdorbenheit des Geistes und der Literatur, über Theologie und Pietismus gesagt ist. Denjenigen also, welche einer philosophischen Schule angehören — und deren sind wahrlich nicht wenige in Deutschland — übergibt der Verfasser auf gutes Glück hin dies Buch. Geben darf er es ihnen, weil er weiß, daß Viele, oder wenigstens Manche, die auf einen philosophischen Namen getauft sind, dem, was vorhanden ist, zwar als dem verhältnißmäßig Besten huldigen, nichts desto weniger aber sehr wohl wissen oder sehr vernehmlich fühlen, daß das Höchste noch nicht erreicht, das lebendige Evangelium, dessen die Zeit bedarf, noch nicht erschienen ist. Auf gutes Glück aber muß er es geben, weil er sich verhindert sah, auf eine logische Diskussion darüber einzugehen und demohngeachtet genöthigt war, seine Meinung unumwunden auszusprechen.

Eben so wenig war es ihm vergönnt, die ganze Geschichte, alte und neue, in seinen Kreis zu ziehen, um daraus mit doppeltem Gewicht die Nothwendigkeit dessen, wovon er durchdrungen ist, zu erhärten. Er konnte blos Seitenblicke werfen; und bemerkt überdies insbesondere, daß alles, was in historischer Beziehung vorkömmt, nur Betrachtung über Geschichte, keineswegs Geschichte sein soll — zwei ungemein verschiedene Dinge. Ueberhaupt wollte er zunächst nicht schildern, wessen die Zeit bedarf, sondern was für Deutschland vonnöthen ist; jenes berührt den Menschen im Allgemeinen, dieses den Deutschen; auf letzteres mußte er sich in dem, was über Geschichte und Christenthum gesagt ist, beschränken.

Da der Verfasser nicht im Sinne irgend einer Partei, sondern in deutschem Sinne zu schreiben bemüht war: so bietet er sie auch den deutschen Staatsmännern. Er kann dieß unbefangen thun, weil, obwohl er die Politik der heutigen Zeiten meist tadelnd, selten lobend besprochen hat, er sich dennoch bewußt ist, weniger Menschen und Maßregeln, als die Zeit getadelt und beklagt zu haben, deren Sklaven wir alle sind und deren nothwendige Endentwicklung er darzustellen gesucht hat. Da nun die Zeit als ein historisch Gegebenes vor ihm lag, so mußte er freilich mit derselben Offenheit sprechen, als man von früheren Epochen spricht; aber sein Ziel war eben deßhalb in allen Stücken nicht der Kampf, sondern die Versöhnung, die in einer größern Zukunft liegt. Vielleicht wundert man sich, mit welchem Rechte er dem Staatsmann eine Theilnahme an politischen Ideen zumuthet, deren Verwirklichung in der unmittelbaren Gegenwart gar nicht, in einer nähern Zukunft nur theilweise, theilweise erst in Jahrhunderten, ja wie Viele meinen werden, niemals gedenkbar sei. Allein fürs erste glaubt er, daß ein Deutscher, der die politische Stellung zu zeichnen versucht, die nach Natur und Geschichte seinem Vaterlande in Europa gehört, ohne weiteres berechtigt, ja verpflichtet sei, sich an diejenigen zu wenden, in deren Hand es liegt, die Wirklichkeit dem Ideale wenigstens mehr und mehr anzunähern. Sodann ist er überzeugt, daß das Bedürfniß einer Vermittlung der Gegensätze, und einer höhern, als bis jetzt vorhanden ist, sich Allen unabweislich geltend macht, welche in den Gang der Dinge einzugreifen berufen sind. Ferner, und nicht weniger, daß die Nothwendigkeit einer organischen, auf natürlichen Grundlagen beruhenden äußeren Politik, im Gegensatze der zögernden und momentan beschwichtigenden, tagtäglich einleuchtender und dringender gefühlt wird. Was endlich den Einfluß der Psychologie auf den Staat betrifft, so weiß jeder Staatsmann, daß die erste Kunst des Regierens darin besteht, für jede Stelle das rechte Talent, für jedes Geschäft den rechten Charakter zu finden, mit Einem Worte jeder Individualität den richtigen Platz anzuweisen; und wie weit er sich dieses auch ausführbar denke, in allen Fällen muß ihm doch ein geistiger Hebel für diese Kunst als das höchste Ziel der Staatswissenschaft erscheinen.

Es bleibt noch übrig, einiges Einzelne zu bemerken. Was über die Organisation der Völkerstämme auf der Erde, sodann diesen entsprechend in Europa, gesagt ist, hat der Verfasser nicht in dem Sinne hingestellt, als sei damit eine neue Eintheilung der Raçen gefunden, welche er für untrüglich hielte. Was er gesagt hat, ist ihm allerdings, so weit er bis jetzt zu sehen vermocht hat, Wahrheit; seine Absicht aber war hauptsächlich die, mit Bestimmtheit zu zeigen, daß eine ursprüngliche Harmonie der Völkerordnung existire, daß diese gefunden werden, und daß die Politik auf eine solche Grundlage fußen müsse. Diese Ueberzeugung ist es, die er dem Leser einzuflößen gesucht hat; ob diejenige Harmonie, die er aufstellt, gerade die richtige sei, mag der Einzelne für sich nach Gutdünken entscheiden.

Was im 3ten Kapitel des zweiten Theiles, [Seite 73], von den französischen Prätensionen gesagt ist, bezieht sich, wie sich im Grunde von selbst versteht, nur auf die Meinung, welche die Franzosen von ihrem Berufe im Allgemeinen haben, nicht aber auf ihre Eroberungsprätensionen. Diese letztern sind zu lächerlich, das ganze französische Treiben, soweit es sich hierauf bezieht, zu verächtlich, um es in einem Buche von so ernstem Inhalt zu erwähnen.

Der Verfasser sagt es hier ausdrücklich: er war nicht gewillt, die eigenen Gedanken und die eigenen Heilmittel den Zeitgenossen vorzutragen. Er hat sich nur berufen gefühlt, mit allem, was an ihm ist, auf ein Kommendes hinzuweisen, vor dem er sich beugt. Wohl weiß er, daß der Glaube an einen Messias zu denjenigen Dingen gehört, welche schon an sich ein übles Vorurtheil erwecken, weil nur zu leicht jugendliche Thorheit sich damit verschwistert. Indessen getröstet er sich, daß manche bedeutende Männer diesen Glauben getheilt, und Einer der größten (Lessing) ihn in einer eignen Schrift dem deutschen Volke hinterlassen hat. Er hat also gegen die, welche dergleichen von vornherein als Unsinn betrachten, einen glänzenden Schild; und die Andern mögen aus dem Inhalte des Buches selbst urtheilen.

Vielleicht wird es Manche geben, welche mit dem, was über die politische Stellung Deutschlands gesagt ist, übereinstimmen, ohne einen innern Vorgang von der geschilderten Art für nöthig zu halten; und wieder Andere, welche mit ihm die letztere Hoffnung theilen, ohne der politischen Ansicht beizupflichten. Die ersteren wünscht der Verfasser wenigstens überzeugen zu können, daß er durch Hinweisung auf ein geistiges Ziel die praktische und reelle Tüchtigkeit, welche endlich anfängt in der Nation um sich zu greifen, nicht verkleinern, die alte Träumerei in keiner Art wieder erwecken, sondern im Gegentheil den äußeren Bestrebungen höhere, (weil innerlichere) Bedeutung hat geben wollen. Die Andern aber, daß, wie man auch von Hegemonie, von Gleichgewicht und von politischer Zukunft denken möge, — jetzt die Zeit gekommen sei, um das deutsche Volk zu einer Stufe zu erheben, die seiner würdig ist, und daß zu diesem Zweck sich ohne Zaudern alle Kräfte vereinigen sollen, die das Vaterland besitzt.

Wenn er also die Zukunft von Deutschland an ein geistiges Ereigniß knüpft, welches zunächst nicht durch des Volkes Bemühung hervorgebracht werden kann, so glaubt er sie nichtsdestoweniger in vollem Maße abhängig von dem Verhalten der Nation. Er sieht eine göttliche Fügung hereinbrechen über das deutsche Volk, und im Bewußtsein, daß die Zeit erfüllet ist, ermahnt er es, ihr würdig entgegen zu kommen.

So legt er das Buch dem Vaterlande vor. Seine Stimme ist gleichsam die eines Predigers:

Bereitet dem Herrn den Weg und machet richtig seine Steige.

In diesem Sinne wünscht er fromm, daß sie nicht verhallen möge.

Heidelberg am 25. August 1841.

Der Verfasser.

[Anmerkung des literarischen Comptoir’s.]

Das literarische Comptoir bittet folgende sinnstörende Druckfehler zu verbessern:

Seite 23, letzte Zeile, statt „inneren Kraft“ „[inneren Kraft] seines Vorgängers
Seite 31, Zeile 9, statt „Gewalt bemühte“ „[Gewalt; bemühte]
Seite 112, in der Anmerkung statt „liegt“ „[trägt]


[Einleitung.]
Das deutsche Bewußtsein.

In einer Zeit, wie die unsrige ist, so bewegt nach innen, so inhaltsschwanger nach außen, schaut das Auge jedes denkenden Menschen in die Zukunft, und wer irgend fähig ist durch Geist oder Bildung, hineinzublicken in das Treiben der Geschichte, sucht durch Anschauung dessen, was ist, durch Vergleichung dessen, was war, in das verworrene Räthsel dessen, was da kommt, einzudringen. Die Deutschen, wie sie große Politiker sind und in unbefangener gründlicher Kenntniß des Auswärtigen jedem andern Volk überlegen, verfolgen jede Krise auf’s Genaueste, und was in der Levante, wie in China, in Rußland, wie in Nordamerika vorgeht, wenn es irgend beträchtlich genug ist, um sich in das große Gewebe der Geschichte einfügen zu lassen, daraus spinnen sie den rothen Faden fort, den ihre großen Meister durch die Vergangenheit des Menschengeschlechts gezogen; die Zukunft des Orients, die Aussichten jedweden europäischen Staates, die Bestimmung, die jedem einzelnen vom Schicksal gegeben ist, — das Alles liegt ihnen klar, wie keinem andern Volk vor Augen. Aber es ist traurig zu sagen, und doch wahr, ja seit langer Zeit bewährt — sie, die Alles zu wissen meinen, wissen Nichts von sich selbst; von des deutschen Volkes Beruf und Sendung, von seiner Stellung unter den europäischen Völkern, von seiner Zukunft weiß Niemand zu sagen. Und wie sollte es anders sein? Ist ja doch der Deutsche von französischen und englischen Zuständen oft besser unterrichtet, als von denen des eignen Vaterlandes; ist ihm doch das staatliche und politische Treiben andrer Völker klarer aufgeschlossen, als das Staatsleben des vielgegliederten Bundes? Darum verzichtet er, über sich selbst zu denken, und anstatt getroffen zu werden von der seltsamen Stellung, worein Deutschland durch das Geschick versetzt worden ist, und zu fragen, was sie bedeuten wolle, glaubt er sich geboren zu ewiger Ruhe, und sieht ruhig über seinem Haupte die Geschichte vorüberziehen, wie sie von andern Mächten gespielt wird, wie sie ihm (denn jenen andern hat es so beliebt) nicht mitzuspielen ziemt. Da haben sich denn in Europa einige allgemeine unbestimmte Begriffe über das deutsche Volk gebildet; es ist den Einen eine seltsame Völkerfamilie, in die Mitte von Europa gesetzt, um das Gleichgewicht zwischen romanischen und slavischen Weltmächten, nicht durch politische Kraft, sondern durch die Schwere seines Daseins zu erhalten, trefflich zur Assimilation und immer geeignet, wo es gilt, verunglückte Pläne der Vergrößerung durch Stücke seines eigenen Fleisches zu ergänzen; den Andern ein großes gebildetes Volk von Denkern, voll Geist und Wissen, geschaffen um zu denken, wo die Andern handeln, aber doch so verrostet in unpraktischem Studium, daß die Schätze des Geistes, die es aus den tiefen Schachten zu Tage fördert, gleich ungeschliffenen Edelsteinen, erst von Andern verständlich und zum Gemeingute Europas gemacht werden können; den Dritten ein sinnender, träumender Haufe voll gutmüthiger Pietät, versunken in Idealität, Poesie und Musik, und so ungeschickt für die Dinge dieser Welt, daß ihr politisches Leben, kümmerlich genährt von den Brocken, die von der Herren Tische fallen, niemals zur Mündigkeit gedeihen kann. Diese Vorstellungen, genährt, ja zuweilen verbreitet von deutschen Auswanderern, finden den Weg nach Deutschland, und weil sie von außen kommen, und weil überdieß all das auch zu klar am Tage liegt, so werden sie wohl auch geglaubt. Denn die Masse, allzuferne von den Reminiscenzen deutscher Herrlichkeit, und wenig begeistert von den neuen, folgt wie allenthalben dem Zuge, der von den höhern Klassen ausgeht; und der Mittelstand, d. h. die große Masse der Gebildeten, in denen der Kern des Volkes beruht, wird durch Verhältnisse und Umgebungen, hauptsächlich aber durch die Erziehung von einer höhern Ansicht der Dinge abgeschreckt. Nämlich von Allem, was den Geist und das Herz, wenn nicht zur Vaterlandsliebe (welche ja der aufgeklärten Mitwelt wenig mehr, als eine längst verschollene republikanische Thorheit ist), doch wenigstens zu irgend einem nationalen Gefühl antreiben kann, ist im öffentlichen Unterricht Nichts zu finden. Nicht nur, daß die Religion, welcher als Grundlage unserer ganzen Bildung die unmittelbarste Wirksamkeit zukommt, außer aller Beziehung zu den humanen Studien steht, während doch beide sich durchdringen und beleben sollten; daß die Geschichte fast überall entweder zu allgemein oder zu provinziell, nirgend in deutschem Sinne vorwiegend behandelt wird; sondern auch die antiken Sprachen selbst dienen lediglich zu logisch-grammatischer Verstandesübung; es gilt für unnöthig, durch tieferes Verständniß der lebensvollen Wahrheiten des klassischen Alterthums auf die Gemüther zu wirken. So ist der Lauf in den deutschen Gymnasien; noch weniger vermag der Realunterricht, weil nur auf materielle Bedürfnisse zielend, den Ideen eine höhere Richtung zu verleihen. Wenn endlich der Geist selbstständig zu werden beginnt, so geht die Erziehung auf die Hochschulen über; die Blüthe der Nation wird hier gebildet, und die Männer, denen diese Aufgabe anvertraut ist, sind im Auslande die deutsche Aristokratie genannt: aber ohne diesen Ausspruch bestreiten zu wollen, auch sie sind mit wenigen Ausnahmen heutzutage nicht geneigt, die menschliche Bildung im Ganzen und frische thatkräftige Entwicklung des Geistes dem Reichthum des Wissens vorzuziehen. Ist der Jüngling also beladen, so gilt seine erste Sorge dem, was mit einem widrigen Ausdruck Carrière genannt wird; dazu kann, wer sich den Geist ungetrübt von der Last des Gedächtnisses, die Seele frisch und frei von dem Streben erhalten will, das die Wissenschaft, nach Schillers Worten, zur Kuh herabwürdigt, selten gelangen; die Mehrzahl in Nahrungs- und Beförderungssorgen erdrückt, kommt weit genug, um Weiber zu nehmen und zu sterben. Diese letztere Klasse, was kann sie anderes, als jedes Streben nach deutschem Ruhm und deutscher Größe zu den unreifen Träumen werfen, an denen die deutsche Burschenschaft, und das mit Recht, sich verblutet hat? Der höhere Stand aber und der höchste, theils geschreckt von eben dieser Erscheinung, theils einseitig befangen in der Stellung, worein ihn der Prinzipienkampf der Zeit verweist, ohne lebendigen Zusammenhang mit dem Volke (denn der alte Erbadel schließt sich ab, während der Verdienstadel der Bureaukratie angehört), ist jedem Aufschwunge, wenn auch nicht innerlich, doch amtlich abgeneigt, der, über Kunst und Wissenschaft, über materielle Interessen hinausgehend, das Volksbewußtsein ergreift, ohne zu bedenken, daß politische Unmündigkeit allein es ist, was den deutschen Völkern, wie den deutschen Fürsten am Mark des Lebens zehrt. Die Wenigen aber, die ein tieferes Bewußtsein in sich tragen, hüllen sich in kraftloses Schweigen; sei es, weil sie mißverstanden zu werden fürchten, sei es, weil sie indolent geworden durch bittere Erfahrung, oder endlich, weil sie keine Hoffnung sehen, als in der Umkehr der jetzigen Zustände; und diese hinwiederum erscheint ihnen unausführbar auf gesetzlichem Wege, denn jeder andere Weg widerstrebt dem deutschen Geist, noch mehr dem deutschen Herzen. Wohl gibt es noch Manche, die vernehmlich sprechen und es ehrlich meinen, aber den Meisten ist die deutsche Freiheit nur die Tochter des französischen Liberalismus, und sind sie ja ächt deutschen Sinnes, so schwindet die allgemeine Idee vor den nächsten Bedürfnissen der lokalen Gegenwart.

So ist denn im deutschen Volke kein klares, ausgesprochenes Bewußtsein zu finden, weder von seiner Natur, noch dem Beruf, den ihm für unsere Zeit die Vorsehung angewiesen hat. Und während der Franzose sich für den Verfechter der Civilisation, für den Erstling der Politik und des Krieges hält, während der Engländer sich zur Seeherrschaft und damit zur Kolonisation der übrigen Welttheile, während selbst der Russe sich im Lauf der Zeiten zu einer slavischen Universalmonarchie berufen glaubt, kann das deutsche Volk nur neugierig bang die Zukunft fragen, was sie aus ihm wohl machen werde; dasselbe Volk, dem in der Betrachtung des Geistes, wie in der Kenntniß aller Völker kein anderes gewachsen ist. Sich selbst kennen aber ist bei den Völkern, wie bei den Einzelnen, von Alters her die erste Bedingniß des Lebens gewesen, und könnten wir heute ein höheres Orakel, als das delphische war, um das Eine befragen, was uns Noth thut — der alte Spruch der griechischen Weisen würde vielleicht auch den Deutschen zur Antwort gegeben. Denn wie der einzelne Mann, welcher, der eigenen Natur unkundig, seine Kräfte nicht zu bemessen vermag, auch kein Gefühl hat von dem Werthe, der ihm zukommt, und von der Stellung, welche er im Verhältnisse zu Andern zu fordern berechtigt ist, so erstirbt in jeder Nation, deren Bewußtsein sich verloren hat, auch das Nationalgefühl; es erlischt der Sinn für Ruhm und Ehre, ohne den kein Gemeinwesen besteht, und von Schmach zu Schmach, von Schwäche zu Schwäche wird so lange gesunken, bis der Untergang droht. Denen freilich mag es ein Gräuel sein, wenn ein Volk sich kennt und fühlt, die in der Sprache des freien Mannes Verdacht wittern, und wie sie das Wort „Volk“ vernehmen, vor dem Gegensatz erbeben, den sie darin zu finden meinen: gleich als ob das Haupt von den Gliedern, und die Glieder vom Haupt zu trennen wären. Es ist aber in Deutschland den Fürsten nicht weniger Noth, sich kennen und fühlen zu lernen, als dem Volke; hätten sie immer sich gefühlt, es stünde anders um Deutschlands Macht und Ehre. So weit wenigstens, Dank sei es den Umständen, ist es gekommen, daß das Gefühl der Einigkeit, das Bedürfniß derselben lebhafter, als je das deutsche Volk durchdrungen hat: der erste Schritt, ohne den keine Selbstkenntniß erreicht wird. Daß in einem Augenblick politischer Krise das deutsche Volk vernehmlich seine Einigkeit, und damit den festen Willen kundgegeben, seine Rechte insgesammt zu wahren, das ist, wer fühlt es nicht? ein erfreuliches Lebenszeichen. Aber glauben, daß damit etwas gethan, frohlocken, daß die deutsche Stimme nach langer Zeit auch jenseits der Gränzen widerhallt hat, wähnen, daß ein fliegender Enthusiasmus mächtig genug sei, um zu bestehen in der großen Probe der That — das hieße zum Verdienst erheben, was zu unterlassen Schmach gewesen wäre. Sind wir so tief gesunken, daß die kleinste Zuckung gereizter Geduld uns mit Stolz erfüllt?

Wodurch das deutsche Bewußtsein sich verloren, warum es sich zum mindesten so unsichtbar verhüllt hat, bleibt vorläufig außer Frage. Nur das ist festzuhalten: weder ein erkennbarer Instinkt der Masse, noch eine deutliche Einsicht der Gebildeten ist zu finden, wo es um die Sendung und die Rolle des deutschen Volkes sich handelt. Auf das Eine oder das Andere mag in jedem andern Lande der Schriftsteller sich berufen, der über wichtige Zeitfragen spricht; hier gilt keine Berufung; die deutsche Selbstkenntniß muß auf künstlichem Wege erreicht werden. Zu was die Deutschen berufen seien, kann nur aus der Lage der Weltverhältnisse überhaupt, aus der politischen Stellung der europäischen Völker, endlich aus ihrer Geschichte bewiesen werden, keineswegs aber aus ihrem gegenwärtigen Bewußtsein oder Zustande. Diese, die Geschichte mag zuerst uns zeigen, was die Reflexion aus der Vergangenheit sich Tröstliches für die Gegenwart und Zukunft zu holen vermag; jene, die Lage von Europa soll darauf führen, in wie weit und welchen Stücken der ganze europäische Organismus der Mitwirkung eines seiner wichtigsten Glieder bedarf; endlich, das Resultat beider Fragen, verglichen mit dem gegenwärtigen Zustande Deutschlands, wird uns die thatsächliche Wahrheit der gewonnenen abstrakten Ideen, die Möglichkeit ihrer Verwirklichung beweisen.


[Erster Theil.]
Deutschland und seine Geschichte.

[Kapitel I.]
Entweder — oder.

Entstehen, Blühen und Vergehen — ist das allgemeine Gesetz, dem jede organische Existenz unterliegt, nach dem die Geschichte der Menschheit, wie das Leben des Einzelnen sich regelt. Zwischen diesen äußersten Enden stehen unzählige Mittelglieder — Familien, Geschlechter, Stämme, Nationen, Völker, also daß die Geschichte ein ungeheures, von zahllosen einzelnen Entwicklungen durchschlungenes Geflechte bildet, die sämmtlich vom Größten bis zum Kleinsten demselben Gesetze gehorchen. Allein seit Herder in seinen „Ideen“ es ausgesprochen, daß die ganze Menschheit in ihrer Entwicklung nur das Leben des Einzelnen abspiegle, seit er die Grundlagen erforscht hat, auf denen die Geschichte sich entwickelt, seitdem hat Niemand die innern Gesetze gefunden, worauf die Organisation und das Wachsthum des Menschen beruht, wornach, nur in vergrößertem Maßstab, das Leben der Menschheit sich abspinnt. Ehe nicht das Räderwerk der Seele zerlegt, nicht der Gang des Uhrwerks von der Stunde der Geburt an bis zu der des Todes enthüllt ist, gibt es, zwar eine allgemeine Uebersicht mit vielen Wahrheiten, aber keine Philosophie der Geschichte. Nun ist es noch ungleich schwerer, eines Volkes Anfang, Ende, den Stand seines Lebens, sein Alter zu bestimmen. Wo ist hier Anfang, wo Ende? Wo der Augenblick, da es, vom großen Urstamm sich lostrennend, oder aus mannigfachen Stämmen geeinigt, zu Einer Persönlichkeit mit bestimmtem Charakter erwächst; wo der Augenblick, in dem es diese Individualität verliert und, mit andern verschmolzen, in die allgemeine Fluth zurücksinkt? Wie lang oder wie kurz sind die Perioden seiner Entwicklung? Wie weit gehen die Gränzen seines Daseins? — Denn es kann wohl aus der Vergangenheit eines Volkes, wie des deutschen, aus dem Eindruck der Gegenwart auf ein hohes Alter geschlossen werden; doch, wie Deutschland schon einmal aus tiefer Altersschwäche in der Reformation sich neu verjüngt, wie es allein unter allen Völkern den Sturz seines Reiches überlebt hat, so kann es auch nochmals eine Jugend beginnen. Aber wenn sie nicht wiederkehrt diese Jugend, so sind wir zumeist unter allen Nationen Europas mit dem Tode bedroht. Denn Deutschland ist die Mutter der Völker, und seit sie aufgehört zu herrschen, seit Jahrhunderten, streben mündige und unmündige Kinder, die altersschwache zu knechten, und das letzte Joch zu zerbrechen; denn noch ist Gefahr, so lang sie nur lebt. Darum, ob ein plötzlicher Tod, ob tausendjähriges Leben uns erwartet, darüber entscheidet keine Berechnung. Unser Alter, unsre Lebenskraft ist verborgen vor unseren Augen.

Nur das Eine bleibt übrig, durch Beobachtung und Gefühl die leitenden Ideen zu finden, welche die deutsche Geschichte beseelen. Wenn anders Zusammenhang, Folge, Ordnung in ihnen liegt, so muß sich zeigen, ob der Gedankengang, den sie bilden, seinen Abschluß bereits erreicht hat, oder ob im Gegentheil Einheit und Leben erst durch eine große Zukunft, als nothwendiges Glied der Kette, ihnen verliehen werden muß? —

Es ist dieser Reichthum, die Klarheit der Ideen, was die deutsche Geschichte vor denen andrer Völker auszeichnet; man sieht die äußern Ereignisse, wie Blüthen und Früchte daraus hervorsprießen. Eben deßhalb liegt nicht, eine Menge von Thatsachen zu beleuchten, in unserm Zweck, nur die allgemeinsten Vorgänge, wie sie Jedem bekannt sind, wollen wir hervorheben; und wenn hieraus andere Folgerungen entspringen, als man gewöhnlich zu ziehen pflegt, so liegt es in einer Zusammenstellung des Ganzen, welche, entweder aus übertriebener Rücksicht auf Einzelnes oder aus Ungewohnheit übersichtlichen Denkens oder, wie es zunächst geschieht, weil sie an der Gegenwart kleben, von Andern vernachlässigt wird.

So viel zeigt uns alle Geschichte, daß das Volk an sich vergänglich, veränderlich ist, während die Raçe, der Typus unwandelbar und ewig dauert. Araber, Juden, Mongolen, Neger haben bestanden und werden bestehen, so lang es Geschichte gibt; Römer, Griechen, Franzosen, Russen, Deutsche fallen dem Untergang anheim, um so schneller, je weniger sie den Typus ihrer ganzen Raçe, um so langsamer, je mehr sie ihn darstellen. Hier ist also ein ewiger Wechsel gegeben; die Deutschen, als die ersten Träger des germanischen Typus unter den jetzigen Völkern, können diesen Typus an andere Völker abgeben; so wie die germanischen Völker überhaupt als Erstlinge des kaukasischen Typus ihn wiederum einem andern Völkerstamme überlassen können. Was folgt daraus? Zwei Bemerkungen, deren eine von denen, welche über der physischen Größe und Ausbreitung des deutschen Volks die Möglichkeit des Untergangs, d. h. des Verschwimmens in fremde Nationalität vergessen, die andere von der noch größern Zahl im voraus beherzigt zu werden verdient, welche, zufrieden mit einer untergeordneten Mittelstellung ihres Vaterlands, jede Rolle Deutschlands in Europa, auch wenn sie der ursprünglichen Natur zuwiderläuft, für gefahrlos, ja im Interesse des Friedens für segensreich erachten. Einmal: dem deutschen Volk ist keine Wahl gegeben, als entweder in erster Linie den germanischen Charakter auszudrücken oder sich selbst zu verläugnen. Weiter aber: diese Erstlingschaft kann sich nicht nach innen allein, sie muß sich auch nach außen ausprägen, das Haupt der germanischen Welt ist nach der Natur Europa’s zugleich der Mittelpunkt der kaukasischen. Denn wie in der alten unverbundenen Welt, ehe Rom den Erdkreis umfaßte, Aegypter, Griechen, Perser, Juden, Indier, obwohl in mannichfacher Berührung, doch getrennt auseinander lagen, so hat die neue Zeit eine Verbindung der Völker geschaffen, welche ganz Europa mit demselben Bande verknüpft, das ehedem die griechischen Republiken umschlang; so zwar, daß jeder innere Nachlaß, wie alles innere Wachsthum einer Nation zugleich nach außen eine Rückwirkung in ganz Europa hervorruft, welche um so lebhafter ist, je höher die Nation selbst an Bedeutung steht. Eben deßhalb kann das erste germanische Volk nur herrschen, es sei geistig oder leiblich — oder untergehn.

Die beglaubigte Geschichte, so weit sie unsere Entwicklung berührt, zerfällt in vier Abschnitte: in die alt-orientalische Zeit, mit den ersten großen Reichen, mit ägyptischer und jüdischer Weisheit; in die griechisch-römische Periode, worin der Weltgeist aufs südliche Europa übergeht, mit Ueberwindung persischer und karthagischer Größe; hierauf nach der großen Umwälzung der Völker und Staaten, in die christlich-germanische Weltordnung, gegenüber der muhamedanisch-arabischen, endlich in die neue Zeit, die in der Reformation die Kirche, später das Christenthum und den Staat umgestaltet, und mit der Erforschung des ganzen Erdballs eine europäische Universalmonarchie gegründet hat. Nun ist das deutsche Volk in der dritten Periode der Mittelpunkt der christlichen Ordnung gewesen; es hat durch die Reformation die vierte eröffnet; welche Stellung wird ihm, im Verlauf eben dieser Periode, zugewiesen sein?

Zweimal haben die Deutschen reinigend und verjüngend, wenn auch zerstörend zugleich, sich über Europa ergossen; am Anfange des Mittelalters und am Ende desselben, dort leiblich gegen das leibliche, hier geistig gegen das geistige Rom. Ist hierin Anfang und Ende ihrer Geschichte beschlossen, war der Protestantismus das letzte große Werk, an dem sie sich verblutet, und werden andere Völker fortsetzen, was wir begonnen? Oder im Gegentheil, war die Reformation der Grundstein eines größern Aufbau, sind wir allein befähigt, diesen Aufbau zu vollenden?

Wenn das Erstere: so wird Deutschland, nach Verlust seiner Einheit, seiner Verfassung, seines politischen Ranges, den Mächten ringsumher zur Beute fallen; es wird fallend, mit der Fülle seines Geistes die Völker durchdringen, welche, entweder leichterer oder roherer Natur, zu seinem Erbe berufen sind; endlich gleich dem alten Rom, in der Menge seiner Kinder untergehen.

Wenn das Zweite: so wird Deutschland, nach gefundener Vollendung, aus dem Zauberschlafe erwachen, und dieselbe Herrschaft, die es in der dritten Periode über die christliche Welt geübt, wird in der vierten reiner, geistiger und höher wieder erstehen. — Ein Drittes ist undenkbar in der politischen Geschichte der Völker, undenkbar nach dem Gange der Civilisation, undenkbar endlich für jeden Deutschen, dessen Seele nicht zu klein, dessen Bewußtsein nicht zu niedrig ist, um entweder ein Vaterland, groß wie ehemals, und an der Spitze der neuern Zeit, oder keines zu wollen.


[Kapitel II.]
Aeußere Anschauung der deutschen Geschichte.

Ich gestehe, der erstere Fall muß als der wahrscheinlichere jedem Ausländer erscheinen, der die Geschichte mit kaltem und nüchternem Auge durchläuft, und kann es jedem Eingebornen, der nicht mit der ganzen Kraft des innern Bewußtseins gegen das Schicksal ankämpft, das mit drohender Vernichtung über Deutschland hereinschwebt; und dazu gehört ein Bewußtsein, wie es Wenige besitzen. Wie wenn ein Fremdling, der ohne Liebe, wie ohne Haß die neuere Zeit betrachtet, der überdieß dem deutschen Volke wohlwollen könnte, aber ohne jenen Stachel, der unser Bewußtsein gegen eine Zukunft bewaffnet, die wir nicht zu gestehen wagen, wie wenn er also spräche:

„An die ersten Vorbereitungen der Reformation knüpft sich der Verfall der politischen Größe, der nationalen Einheit. Mit den Kirchenversammlungen von Basel und Kostnitz, mit den Hussitenkriegen neigt sich die Herrlichkeit des Reiches. Wie sie unter Karl V. zum letztenmale sich erhebt, ist es nicht mehr kaiserliche Gewalt; es ist habsburgische Hausmacht; der Letzte, der des Reiches Rechte in Italien vertheidigt, der Erste, der sie, durch Uebermacht gezwungen, an Frankreich abtritt, ist eben dieser Karl V. Der Fluch der Reformation, schon zu Luther’s Zeit in den Kämpfen des Adels, im Bauernkriege entfesselt, entwickelt sich steigend bis zum dreißigjährigen Kriege; Franzosen und Schweden herrschen in Deutschland, und der westphälische Friede, der Grabstein des deutschen Lebens, wird abgeschlossen. Von hieran kein Deutschland mehr, nur Oestreich, Preußen, Baiern, Hessen, und wie sie alle heißen; der deutsche Welthandel, die deutsche Seemacht ist unwiederbringlich vernichtet; die Franzosen unter Louis XIV. herrschen zum zweitenmale über Deutschland; durch englische und habsburgische, nicht durch deutsche Macht wird ihre Herrschaft abgewehrt; aber die Knechtschaft des Geistes, worein sie Fürsten und Völker gejocht, die Willkühr, die sie jenen, der sclavische Sinn, den sie diesen eingeflößt, bleibt fort und fort. Nach kurzer Erholung entzweien sich Oestreich und Preußen, und der Mann, der siegend aus dem Kampfe hervorgeht, der größte, den Deutschland seit langer Zeit besessen, hinterläßt das Reich in tieferer Spaltung, als er es gefunden. Endlich die Revolution; aus ihr die dritte Herrschaft der Franzosen; das alte Kaiserthum stürzt, und nachdem mit Hülfe von ganz Europa Napoleon besiegt ist, wird die Trennung geheiligt; Deutschland schwindet aus der Reihe der Großmächte, und russische Uebermacht folgt der französischen. Das ist Deutschlands Geschick seit drei Jahrhunderten; nach außen hin Verfall, Entehrung, Schmach, Unterdrückung, Zerstückelung; nach innen Verlust der alten Freiheit, Ohnmacht des Volks, Verdorbenheit der Höfe, Feigheit der Gesinnung, Verläugnung des deutschen und kriechende Bewunderung fremdländischen Wesens, die wenigen schönen Blätter besudelt durch Uneinigkeit, Selbstsucht und Unentschlossenheit. Der Bund, der aus dem großen Sturz sich neu geboren hat, scheint ein Schattenbild von Natur und Einrichtung; scheint unfähig selbst in Dingen, die seinem Bereiche angehören, ein kräftiges Wort zu sprechen; die Großmächte, die sich deutsche nennen, werden aufhören, es zu sein, wenn es die eigne Erhaltung gilt, und der erste große Kontinentalkrieg wird Deutschlands letzter sein. Die Vorsehung aber hat gewollt, daß dieß seltsame Volk, noch vor seinem politischen Untergang, alle Kräfte seines reichen Geistes entfaltet, daß es in der Poesie und Literatur, in der Kunst und Musik sich ein Denkmal ewiger Größe gesetzt hat; seine Ideen, sein Geist werden auf die andern Völker übergehen.“

„Das ist die äußere Geschichte, nicht anders die innere. Die Wiedergeburt des staatlichen Lebens, dieß große Zeichen der neuern Zeit, wie ist sie in Deutschland vorgeschritten? In England, in Frankreich hat die Reformation, mittel- und unmittelbar, riesenhafte Umwandlungen hervorgerufen; auf deutsche Grundlagen hin haben andere Völker sich verjüngt. Die englische Freiheit, als der staatliche Ausdruck der germanischen Natur, hat sich dort, der moderne Liberalismus hier aus dem Volksgeist entwickelt; in Deutschland sind, unter einer Unzahl von Oligarchen, die alten Freiheiten unterdrückt, die angestammten Einrichtungen (selbst die alte Oeffentlichkeit der Gerichte) vernichtet worden; an ihre Stelle ist, und das erst in neuerer Zeit, und nur in den kleinen Staaten, das konstitutionelle System getreten, halb von den Franzosen, halb von den Engländern erborgt; aber jedes Jahr, jeder Tag beweist, wie wenig das fremde Institut im Stande ist, in den deutschen Volksgeist einzuwachsen. Aber abgesehen von der Kraft des Volkes, wie ist es um die Fürstenmacht bestellt? Ohne Centralisation, so will es der Charakter der neuen Zeit, keine Macht, darin liegt die englische, die französische, die russische Größe. Woher soll Deutschland, die vielköpfige Hyder, seine Einheit erhalten? Selbst Oestreich und Preußen, wären sie rein deutsche Mächte, würden daran scheitern; es sind Staatenconglomerate ohne die Möglichkeit der Centralisation, es gibt keine östreichische, keine preußische Nation. Vor Allem aber keine Einheit ohne Nationalgefühl, kein Nationalgefühl ohne politisches Bewußtsein. Was will ein Bewußtsein, das im höchsten Fall sich mächtig genug glaubt, Deutschlands Integrität wahren zu können, sonst aber jeder, auch der kleinsten Richtung nach außen ermangelt? Ein Volk ohne politische Tendenz, ohne Möglichkeit der Offensive, ohne Ausbreitung irgend einer Art, ist im politischen Sinne kein Volk.“

„Ohne Ausbreitung, sage ich, irgend einer Art, und komme damit auf das zweite große Werk der neuen Zeit. So weit die geographische Kunde reicht, hat Europa seine Flügel gestreckt. Spanier, Portugiesen, Engländer, Franzosen, selbst Russen, Dänen und Schweden, haben Amerika, Theile von Afrika, die größere Hälfte Asiens und Australien dem europäischen Namen unterworfen. Die Herrschaft über die civilisirte Erde naht sich dem Ziele; die einzelnen Völker werden sich theilen, England und Rußland werden Asien, Frankreich wird Afrika überkommen; und wie sie jetzt schon beginnen, durchs Schwert und Protokolle die Türkei zu regieren, so wird künftig ein großer Areopag sich bilden, der über Länder und Nationen richtet. Wo wird Deutschland sitzen im Rathe der Völker? Was haben Deutsche gethan, um Theil zu nehmen an der künftigen Größe Europa’s? Sie haben gebrütet, wo Andere handelten; ihr Loos wird sein, gleich ihren Thaten; genug, wenn Oestreich noch Sitz und Stimme behält; derselbe Areopag, einmal an Entscheidung gewöhnt, wird auch über Deutschlands Schicksal richten.“

„Wenn nun zu alle dem das Bewußtsein einer vollendeten Mission, wenn die Erinnerung an eine Vorzeit hinzukäme, die von solchen Uebeln unbefleckt wäre, dann könnte Deutschland sich noch getrösten, und der Einzelne könnte ausruhen im Gefühle eines ewigen Ruhms oder in dem Glauben an ein fremdartiges Schicksal, das zeitenweise den deutschen Charakter gebrochen habe. Aber geht sie durch, die Geschichte des Mittelalters. Sie ist groß und glorreich, aber kein Ruhepunkt, keine Stelle ist zu finden, wo der deutsche Geist sich vollendet hätte: ein rastloses, unseliges Treiben; ewige Zwietracht; die Größten vom Unglück verfolgt und hinweggerafft in der Blüthe der Jahre; unsre ganze Herrschaft nicht eignes Gut, sondern überkommen von einer frühern Vergangenheit. Uneinigkeit allenthalben und zu allen Zeiten, unauflösliche Trennung der einzelnen Volksstämme, endlose Schwankungen des politischen Lebens ohne Ziel und Vollendung, tausendfache Anschmiegung an fremde Willkür, ja fremden Geist — das sind die Grundzüge, die von Anfang zu Ende hindurchgehen; die heute noch bestehen, wie vor tausend Jahren; und wie sollten sie jemals sich verwischen?“ —

„Solche Hoffnung bietet die Geschichte. Doch wie traurig sie auch seien, jedes Volk kann dem Schicksal widerstehen, wenn es will; wenn es mit der letzten Kraft seiner Natur die drückenden Bande des Unglücks durchsprengt. Aber auch sie hat sich im Lauf der Zeiten geändert. Der deutsche Charakter, so stark und mächtig, so kraftvoll und bieder in den Zeiten des Ritterthums, wie ist er so anders geworden! Wie einst die byzantinischen Römer unter den Dogmen und Sektenkämpfen der Kirche zum jämmerlichen Volke herabgesunken sind, so ist das deutsche Gemüth durch endlose konfessionelle Subtilitäten zusammengeschrumpft, das Mark des Lebens ist vertrocknet und die ganze Mannheit auf immer verknöchert. Wer vermag in dieser trägen, spießbürgerlichen Masse das Volk wiederzuerkennen, dessen Grimm den Wälschen zum Sprüchwort geworden war! Die „deutsche Wuth“ ist längst verraucht; ein schlaffes Wohlbehagen, ein widriges Phlegma ist es jetzt, was den Deutschen im Ausland bezeichnet. Damit bestehen weder große Entschlüsse, noch kräftige Thaten; bedächtig reift das Vorhaben, und ist es erzwungen durch die dringendste Noth, so hinkt allzuspät und durchkreuzt von tausend kleinlichen Rücksichten die Ausführung nach. Die deutsche Treue ist zum Spott geworden; feige Unterwürfigkeit, knechtische Demuth hat sich mit ihrem Namen geschmückt. Mit der selbstständigen Kraft ist auch der selbstthätige Geist erloschen; was anerkannt sein soll in deutschen Landen, muß erst von außen herein oder von oben herab gepriesen werden. Die Freiheit ist nirgend zu finden, als in Liedern und Gesängen; die Einheit ist ein abstrakter Begriff, dem in Worten gehuldigt wird, nicht durch Gemeinsinn, Aufopferung und Uneigennützigkeit. Der Schlendrian hat alle Klassen ergriffen; der öffentliche Dienst geschieht um des Brodes, wenn’s hoch kommt um der Ehre willen; die alte Titelsucht hat in den Kern des Volkes gefressen und Kriecherei der Niedern gegen die Höhern, Willkühr der Höhern gegen die Niedern ist zur Ordnung geworden. Die Abmarkung der Stände, die Macht der Bureaukratie hat sich mehr, als in irgend einem Lande der Welt in die Gemüther und Geister eingewurzelt. Die Liebe zwischen Fürst und Volk, so herrlich in den alten Geschichten der Deutschen, ist ausgestorben; Argwohn von oben, Furcht und Kälte von unten, hat sich eingenistet. Alle Frische des Geistes, alle Glut der Seele vertrocknet in der engherzigen Pedanterie, deren sich kein Verhältniß des Lebens entledigen kann; tausend drückende Formen muß der Geist durchlaufen, ehe er sich emancipiren kann, und wenn er sie besteht, hat er seine Jugend zur Einbuße dahin. Die Stelle des politischen Bewußtseins vertritt eine unermeßliche Gelehrsamkeit, und diese hinwiederum, anstatt dem Volke sich zu widmen, schließt nur Einer Kaste ihre Schätze auf, während der Staat in einem kleinlichen Detailwissen den Ersatz für die Geistes- und Gemüthsgaben sucht, die er durch keine Vorschriften seinen Dienern anerziehen kann. Der kriegerische Geist verkümmert in solcher Stubenluft, die Soldateska ist eine physische Masse, unfähig jeder Begeisterung, wenn es nicht an Haus und Hof, an Leib und Leben geht. Im Uebrigen gibt es keine Nation, die an Friedfertigkeit, Geduld und Zahmheit der deutschen gliche. In Ermanglung des öffentlichen politischen Lebens, wie jeder Laufbahn im Felde, wirft sich der Volksgeist auf Handel und Industrie; aber auch hier steht die Zersplitterung, steht der Eigennutz und Schlendrian, steht die Lokalsucht und die Trägheit, stehn die Familienbande der Großen jeder großartigern Idee entgegen. Wie soll aus solch einem Charakter neues Leben erstehen? Es wird nicht und kann nicht; nur durch fremde Hand, nur in der Assimilation, wozu dieß unmündige Volk bestimmt scheint, kann solche Trägheit durchbrochen werden.“

„Zwar freilich seit dem Wiener Kongreß glaubt man in Deutschland Manches gethan, manchen Fortschritt gemacht zu haben. Und was ist es denn, das seitdem geschehen sein soll? Die Deutschen sind anfangs einer Begeisterung gefolgt, die später zum Nichts, wo nicht gar zum Gelächter geworden ist; die heilige, die nordische Allianz wußte sie dazu zu gestalten. Später nach der Julirevolution folgten sie ebenso dem französischen Anstoß; und kaum war er verraucht, so fügte man sich gleich willig der russischen Reaktion. So zwischen Restauration und Liberalismus, zwischen Rußland und Frankreich umhergeworfen, steht Deutschland inmitten zweier Bewegungen, welche beide gleich erbärmlich sind, ohne die Kraft einen eigenen Willen aufzupflanzen. Wie seltsam klingt die verächtliche Manier, womit heutzutage die Deutschen von französischem und russischem Staatsleben sprechen, wenn man weiß, daß in Deutschland die Fürsten durch den Anschluß an das russische Prinzip, die Völker durch die Furcht ihr Leben fristen, welche die französische Propaganda einflößt. Man mag den Edelmuth des deutschen Volkes bewundern, wenn es auch in seiner Versunkenheit jedes ungesetzliche Mittel verschmäht, jeden Aufruhr zurückweist: aber wo der Nationalzug nicht alle Schwierigkeiten ebnet, wo er nicht Fürsten und Volk mit einem Willen zu beseelen vermag, da ist die Kraft gebrochen, und die Erndte gereift für fremde Schnitter.“

So viel mag der nüchterne Verstand eines Ausländers aus der deutschen Geschichte neuerer Zeit für die Zukunft Deutschlands weissagen; und wenn Engländer, Franzosen, Russen nach solcher Ueberzeugung handeln, so ist es ihnen nicht zu verargen. In Wahrheit, von all diesen Thatsachen können wenige geläugnet werden; und kein Deutscher, der es ernstlich mit seinem Vaterlande meint, wird ihr Gewicht verkleinern wollen. Was hilft hier eine oberflächliche Beruhigung?

Saget nicht: es ist nicht an dem, denn die Lichtseiten unseres Daseins sind heller, als die Schattenseiten. Saget nicht: es wird nicht an dem sein, denn ein Untergang, wie dieser, ist wie ohne Beispiel in der Geschichte, so auch im Widerspruche mit allen Verhältnissen des Augenblicks. Klammert Euch nicht an den kahlen Trost, der in der Vergleichung einer erträglichen Gegenwart mit einer schlimmern Vergangenheit liegt. O, über die Halbmenschen, die den Lauf der Geschichte durch politische Berechnungen des Moments zu hemmen, die in den Aussprüchen der Fürsten, in den Adressen der Kammern, in den Hoffnungen der Journale Sicherheit und etwa gar eine Zukunft zu finden vermeinen; über die Schwächlinge, die mit den Fortschritten der jüngsten Dezennien sich brüsten und über das frohlocken, was der äußerste Drang der Zeit von uns gefordert hat. Es ist allerdings Gefahr vorhanden, große ungeheure Gefahr, nicht hier und da, nicht an einzelnen Ecken und Enden, nicht in der oder jener Beziehung, sondern Gefahr um das Dasein des deutschen Vaterlandes, und Rettung um so weniger, als die Gefahr verachtet wird.

Berechnet immerhin alle Phasen der Politik, alle Chancen des Gleichgewichts, kalkulirt auf die innern und äußern Zustände von Deutschland, und ihr möget keine Gefahr finden. Aber aller Wunsch und Wille der Fürsten, wie der Völker, was vermag er wider den Zug des Jahrhunderts? Dieser treibt wider Willen die Nationen, und welche Nation nicht einen ausgesprochenen Willen, nicht einen höhern Trieb als den der Erhaltung dem Schicksal entgegenzusetzen vermag, über die fährt es zerstörend hinweg. Wenn der Weltgeist nach langem Frieden, dem Sturm gleich die Völker beseelen wird, wenn das vollgerüttelte und geschüttelte Maß der angehäuften Stoffe überfließen, wenn ganz Europa der Läuterung theilhaftig werden wird, wonach es so lange schon ringt, wenn dann politische Kraft gegen politische Ohnmacht, positives Leben gegen negativen Halbzustand streitet — dann schaut Euch nach Deutschland um! Wenn andre Völker, jedes um sein Panier, sei es ein geistiges oder leibliches, sich schaaren, was wird der Deutsche thun, ohne Einheit, ohne Streben, ohne Bewußtsein? Was in frühern Zeiten der Schmach kann auch jetzt wieder geschehen; auf eine zweite Knechtschaft aber folgt keine Wiedergeburt mehr.

In der That, was ist es denn, das Deutschland sich rühmen kann, aus eigner Kraft vollbracht zu haben? Unsere Verfassungen, ja zum großen Theil unsere Staatsverwaltung, unser Wehrsystem — haben wir nicht Alles von Fremden gelernt, mußte nicht Napoleon kommen, um Deutschland, das wehr- und heerlose, auf die Stufe der andern Völker zu stellen? O, es ist schön und erquicklich anzuhören, wie man in Deutschland die Erhebung von 1813 und 1814 preist, wie man deutschen Muth und deutschen Patriotismus zum Himmel erhebt; denn in Wahrheit, erstaunlich ists, daß die Deutschen nach zehnjähriger Knechtschaft es gewagt haben, frei zu sein. Ein Volk, das sich lobt, wenn es zufällig nicht uneins, das sich preist, wenn es nicht ohnmächtig, das sich bewundert, wenn es einmal nicht feige gewesen ist, das sich rühmt, nicht immer elend, jämmerlich, blind und bloß gewesen zu sein — ein solches Volk hat von Nationalehre einen sehr schwachen oder keinen Begriff. Bei Gott, wäre uns nichts übrig, als unsere politische und Kriegsgeschichte seit Jahrhunderten, wir hätten Grund genug, an deutscher Zukunft zu verzweifeln. Die Gefahr zu fühlen, die Schmach zu verstehen, das vor allen Dingen thut Noth. Aber die Geschichte, wie sie uns erröthen lehrt, so verbirgt sie dennoch in bittrer Schale einen süßen Kern. Ihn zu enthüllen, Trost, Rechtfertigung und Bürgschaft zu finden in einer innern Anschauung der deutschen Vergangenheit, sei fortan unsere Aufgabe.


[Kapitel III.]
Intentionen der deutschen Geschichte.

Wahr ist’s, was oben gesagt worden, ein mühseliger Kampf um ungeheure Zwecke, ohne volle Bekrönung, macht vor den Geschichten anderer Völker die deutsche Geschichte zwar groß und herrlich, aber auch traurig und erschütternd. Es gibt keine Epoche, in der Deutschland, gleich andern Staaten, ja nur gleich manchen seiner Kinder, zu harmonischer Vollendung oder auch nur der deutsche Geist zu innerer Ruhe gelangt wäre; große Plane sieht man vor ihrer Entfaltung gebrochen, das herrlichste Wollen von unwiderstehlichen Mächten zerstört; nirgend ein allseitiges gemeinsames Leben, sondern die eine Seite zu der, die andere zu jener Zeit entwickelt, unzählige Male zum Schaden des gemeinen Wesens; vor Allem aber nie und zu keiner Zeit eine bestimmte, unumstößliche, nach außen und innen unantastbare Staatsverfassung. Beklagenswerth ist Deutschland, wenn es an der Spitze von Europa über andern Völkern sich selbst vergißt; beklagenswerther noch, wenn es, entsagend seiner Weltmacht und in sich zurückgezogen, von Fremden zerrissen wird. Wozu das Alles? Woher so viel unentwickelte Keime, so viel gebrochene Tendenzen? Werden sie jemals und wann werden sie ihre Enderfüllung finden? — Wir betrachten die Intentionen, um welche die deutsche Geschichte sich gruppirt, und stellen die Perioden also voran, daß jede von ihnen Eine der großen Thatsachen in sich faßt.

  1. Der Urzustand des deutsches Volkes.
  2. Die Kriege der Deutschen wider die Römer. (Von Cäsars bis Marc Aurels Zeit.)
  3. Das Ausgehn der Deutschen über Europa. (Von Marc Aurel bis auf Chlodwig.)
  4. Das Frankenreich. (Von Chlodwig bis auf Ludwig das Kind.)
  5. Das deutsche Reich unter den sächsischen und fränkischen Kaisern bis zum Tode Heinrich III.
  6. Das deutsche Reich unter den fränkischen Kaisern und den Hohenstaufen.
  7. Vom Interregnum bis zur Reformation.
  8. Von der Reformation bis zum westphälischen Frieden.
  9. Vom westphälischen Frieden bis zum Untergang des Reiches[1].
  10. Die neueste Zeit.

I. II. Die erste jener Perioden umfaßt die Kindes-, die zweite die Lehrzeit des deutschen Volkes. In der Urverfassung der Deutschen, in der Ungebundenheit der einzelnen Stämme und Gemeinden liegen die Keime, aus denen alle deutsche Geschichte erwachsen ist. Die antike Welt hatte in einem Ungeheuer geendigt, welches als absoluter Staat Nationalitäten, Provinzialismen und Individualitäten verschlang. Sie zu stürzen, eine neue zu bauen, erkor die Vorsehung ein Volk, in dem, bei maaßloser Freiheit der Stämme, Geschlechter, Familien die Macht des Individuums überwiegend hervortrat. Aus Freien und Adeligen besteht das Gemeinwesen; mit dem Grundbesitz, mit dem Recht und der Pflicht ihn zu schirmen, mit der Gewere ist die Freiheit verwebt. Bei größeren Unternehmungen, wenn der Staat zu festerer Gestaltung drängte, wählte man, aus den edelsten Geschlechtern, den Fürsten. Will man moderne Begriffe auf die älteste Verfassung anwenden, so war sie weder demokratisch, noch aristokratisch, noch monarchisch; sie war jene gesunde Mischung der drei Elemente, welche in unsern Tagen England zum glücklichsten Staate Europas macht. Nur als das mittlere Element überwog und hat zu allen Zeiten in Deutschland überwogen, das aristokratische. Die deutsche Religion war so einfach, daß die christliche Lehre den Deutschen mehr als eine höhere Zugabe, denn als widersprechend erscheinen mußte; der Kampf entspann sich später nur da mit Heftigkeit, wo mit dem alten Glauben zugleich die Freiheit bedroht wurde.

Man sieht von Alters her die Deutschen in zahllose Völkerschaften gespalten, bis die Gefahr viele kleinere zu Bünden vereinigte, aus denen später die einzelnen Stämme, als organische Glieder des ganzen Körpers entstanden. Zersplitterung und Uneingkeit tritt in der zweiten Periode eben so scharf hervor, als jene Fähigkeit der Assimilation, die schon damals, wie noch in der neuesten Zeit, einzelne Theile von Deutschland dem romanischen Einflusse unterwarf. Die Fehler und Tugenden der Deutschen wirken so enge zusammen, daß jene eben so unentbehrlich zu ihrem Beruf erscheinen, als diese (z. B. Geduld oder Gründlichkeit) oft Schaden gebracht haben. Beide in ein richtiges Verhältniß zu setzen, bleibt die einzige Aufgabe; denn die Natur wird niemals ausgerottet.

III. Nach einer langen Schule des Krieges und Lebens begannen die Besiegten die Sieger zu überwinden. Befruchtung der alten erstorbenen Welt, Verjüngung der verdorbenen Volksgeister in Europa war die erste Sendung des deutschen Volkes. Dazu gehörte ein freier kriegerischer Geist, die einfachste aufs Eigenthum gestützte Verfassung, jener zur Anschmiegung geeignete Charakter, jener Mangel an Centralisation, jene Zerspaltung in verschiedene Individualitäten, deren jede von der Vorsehung in das ihr passende Land geführt wurde. Die Römer, wie zur Herrschaft, waren auch zur Fortbildung des Christenthums unfähig geworden. Die Deutschen im Ausland nahmen es in verschiedenen Gestalten an, und wie die Kirche selbst, so mußten bald auch die neugebildeten Staaten der Einheit entgegenreifen.

IV. Aufbau einer neuen, christlich-germanischen Weltordnung war die zweite Aufgabe der Germanen. Diese ward erfüllt, indem gleich nah am germanischen Stammland, wie an den romanischen Ländern das Frankenreich erstand, das vom Ebro bis zur Raab alle germanischen Staaten allmählich vereinigte, und in Karl dem Großen die Erbschaft des römischen Westreiches durch das Kaiserthum, so wie die Schirmvogtei der christlichen Kirche übernahm. Hier konnte die alte deutsche Verfassung, trotz ihrer unendlichen Freiheit, zum Staate sich gestalten; das Königthum ward ein andres, durch das Verhältniß des Eroberers zum Gefolge, wie durch römische Einflüsse, und die Kirche heiligte die Macht der Merowinger und ihrer Erben, der Hausmeier. Nach Karl dem Großen zerfiel das Reich und unter den Drangsalen barbarischer Einbrüche sonderten sich die einzelnen Völker, um selbständig heranzuwachsen.

Zu eben dieser Zeit wurden die Normannen mächtig; sie vollendeten in Europa das große Werk germanischer Ausbreitung, indem sie die Spitzen der Länder und den Osten besetzten, worein die Deutschen nur flüchtig eingedrungen waren.

V. In der nun beginnenden Entwicklung der Völker nach innen und außen die oberste Stellung einzunehmen, war der weitere Beruf des deutschen Volks; unter den Sachsen und Franken bis auf Heinrich III. ward er erfüllt. Heinrich I. war der Schöpfer der innern Größe, Otto I. trug die Kaiserwürde auf Deutschland über. Auf dem Kaiser und dem Papst beruhte die Einheit der christlichen Welt; aber die Kirche, wie sie alle Verhältnisse des Lebens durchdrang, war damals eng verbrüdert mit dem Staate, der Glaube zu unbedingt, als daß ein geistiger Gegensatz entstehen konnte; die Kaiser förderten die Macht der Hierarchie. Der deutsche Geist, ohne innere Zerrissenheit, konnte sich nach außen wenden: die höchste politische Blüthe, wie die höchste Einheit Deutschlands fällt in diese Zeit.

In Frankreich, auf fremdem Boden, hatte das Königthum erstarken, hatte die germanische Ungebundenheit sich nach ihm modifiziren können; in Deutschland trat alsbald die aristokratische Freiheit wieder wuchernd heraus, die Gauverfassung ging unter, und das künstliche Gebäude des Lehensystems erstand. Die Monarchie erhielt sich kräftig, indem sie die Erblichkeit bei den kleineren Lehen förderte, während sie willkührlich mit den großen Herzogthümern schaltete. Sie selbst beruhte auf einer Wahl, welche sich selbst an hergebrachte Eigenschaften band, und dadurch dem Volkswillen wie der Thronfolge gleiche Sicherheit bot. Heinrich III., der über Polen und Ungarn gebot, den päpstlichen Stuhl nach Willkühr besetzte, verband die äußere Tendenz der zwei letzten Ottone mit der [innern Kraft] seines Vorgängers; mehrere Fürsten in seinem Geist würden Europa unterjocht haben. Das Papstthum, wie es sich unter Hildebrand erhob, rettete, ohne es zu wollen, die Freiheit der Völker.

VI. Die europäische Menschheit vor einer hierarchischen Universalmonarchie zu wahren, war die vierte Arbeit des deutschen Geistes. Die Hierarchie, wie sie Europa erzogen hatte, schritt zur politischen Vormundschaft; das Kaiserthum, wie ihm die Schirmvogtei der Kirche gebührte, wollte die Einheit der Kirche und des Staats, d. h. die Unterordnung dieser unter jenen. Also kämpfte Idee gegen Idee, die Gemüther erwachten zu höherem Leben, und der deutsche Geist entfaltete in diesem Zeitraum seine schönsten Blüthen. Es war eine große Kulturepoche der Menschheit; das Ritterthum mit dem Minnegesang, das Bürgerthum in den Städten, die Baukunst, die romantische Poesie, die Scholastik, all das, durchdrungen von der christlichen Anschauung, war die gereifte Frucht der neuen christlichen Weltordnung. Große Intentionen lagen damals in der Zeit; verhüllt in den Aberglauben machten sie sich in den Kreuzzügen Bahn. Der Kampf war um so mächtiger, als die Vorsehung auf beiden Seiten die größten Männer gegenüber, oder doch in geringer Entfernung von einander stellte. Gregor VII. mußte unter Heinrich III. erstarken, Friedrich I. gegen Alexander III. kämpfen, Innocenz III. den Kaiser Friedrich II. bevormunden. Aber wie in Heinrich IV., dem Ersten dieser Periode, nur die Willkühr eines mächtigen Herrn sich beugt, so strebt in dem Letzten, in Friedrich II., eine ungeheure geistige Opposition, hinausreichend über ihre Zeit, schon — die Stützen des Papstthums zu entwurzeln. Mitten inne steht Kaiser Friedrich der Rothbart, seine Versöhnung mit Alexander III. bildet den einzigen Ruhepunkt des Kampfes; jene Scene in Venedig ist der höchste Ausdruck, das erschöpfende Bild des Mittelalters[2].

Die Hierarchie, mit allen Waffen des Zeitgeistes, besiegte das Kaiserthum, und ihre Verbündeten, die Aristokratie in Deutschland, die Städte der Lombardei, erschütterten Deutschlands politische Einheit und Herrlichkeit. Wie die früheren Kaiser die großen Lehen gleich Beamtenstellen vergeben hatten, so zerstückelten sie die Hohenstaufen; hierdurch ward die Erblichkeit allgemein, und die Wählbarkeit der deutschen Krone, das Palladium der Freiheiten, so lange die großen Herzoge Vertreter ihrer Völkerschaften, so lange sie wählbar und absetzbar waren, wurde der wunde Fleck der deutschen Einheit, so wie die Fürsten überhaupt zu Landesherren heranwuchsen. So erlagen die Hohenstaufen der dreifachen Macht der Hierarchie, der Aristokratie und der lombardischen Städte; aber ihre Aufgabe war trotz dem gelöset; die Hierarchie, indem sie ihre Gränzen überschritt, unterlag der öffentlichen Meinung.

VII. Mit Friedrich II. erloschen die großen Ideen; sich selbst zu leben, nach allen Seiten das deutsche Wesen auszubilden, war Deutschlands Rolle in diesem Zeitraum.

Korporationen aller Art, Erbverbrüderungen der Fürsten, Innungen und Zünfte, Städtebünde, Rittervereine, die schärfste Entwicklung jedweden Einzellebens bis zur Spitze charakterisirt diese Zeit; zugleich ein beständiges Streben nach unumstößlicher Regelung der innern Verfassung und Ordnung Deutschlands von Rudolph von Habsburg an bis zum Landfrieden Maximilians. Das Kaiserthum ist zu Ende; das Königthum, als die größte Erbmacht unter den vielen Erbmächten, tritt an seine Stelle. Ebenso sinkt die Hierarchie, obgleich Siegerin zu Ende des vorigen Zeitraums, von ihrer sittlichen Höhe, und mit ihrer Verweltlichung zerfällt ihre innere Gewalt. So verändert sich der Geist des Mittelalters; praktische Entwicklung, Blüthe des Handels und der Gewerbe macht sich geltend. Die deutsche Oberhoheit über Polen, Ungarn, Italien, Burgund, Dänemark ist dahin; dagegen wird das ganze slavische Deutschland erst jetzt zum deutschen Lande; und in dem Maße, als die Reichshoheit schwindet, wachsen die einzelnen deutschen Mächte, Oestreich insbesondere, das sich als Großmacht gegen slavische und türkische Barbarei im Osten erhebt, während im Nordosten der deutsche Orden die heidnischen Völker germanisirt. Im Vereine mit Deutschland wetteifern die übrigen Staaten Europa’s in wachsender politischer Ausbildung; noch aber bleibt Deutschland die oberleitende Großmacht, obwohl sich schon einzelne Glieder, wie Burgund und die Schweiz, lostrennen. Der Welthandel liegt in deutschen Händen, die Seemacht der Hansa ist die größte in Europa, und das Bürgerthum erreicht in der Menge blühender und mächtiger Republiken seine höchste Stufe.

Man bemerkt im Allgemeinen eine zunehmende Schwäche nach Westen, ein fortschreitendes Wachsthum nach Osten. Während dort die burgundische Mittelmacht entstand, während Frankreich den Kampf gegen das Papstthum (sonst Sache der Kaiser) glänzender beendigte, als es jemals die Deutschen vermocht, erhob sich Böhmen und Mähren unter den Luxemburgern zu einer geistigen Ueberlegenheit, welche in den Hussiten dem ganzen Deutschland widerstehen konnte.

Seit dem Churverein zu Rense war die Befreiung der Staatsgewalt von hierarchischen Anmaßungen ausgesprochen. Das Schisma entfremdete die Gemüther dem Papstthum; die Concilien setzten die bischöfliche Macht, oder wenigstens die der Kirche, an die Stelle der absoluten Monarchie: Huß und Hieronymus, obwohl nur aus der Scholastik hervorgegangen, und nur in einzelnen Dogmen widersprechend, vertraten eine individuelle Ueberzeugung gegen die bisher unangetastete richterliche Gewalt der Kirche.

Während so auf dem Wege des Geistes, und mit Waffengewalt die Reformation angebahnt wurde, bereitete die Erfindung des Pulvers und der Buchdruckerkunst eine neue Zeit vor. In keiner Epoche haben die Deutschen mehr industrielles und materielles Geschick entfaltet, als in der zweiten Hälfte dieses Zeitraums. Es war eine Richtung des Volksgeistes, sehr ähnlich derjenigen, welche unsre Zeit bezeichnet; sie erzeugte den Drang nach einer festen Gestaltung des Vaterlandes, und wie die goldene Bulle die Fürstenrechte konstituirt hatte, so sollte die neue Reichsverfassung Maximilians I. alle Staaten mit Einem Bande umschlingen. Aber es lagen damals (wie auch heute) noch tiefere Elemente in der Zeit; die Reformation kam, und eine innere Umwälzung zerstörte die äußere Einheit in dem Augenblick, da sie sich nach langem Harren zu verwirklichen schien.

Die germanische Weltordnung war in der dritten Periode von den Hunnen, in der vierten von den Arabern und Avaren, in der fünften von den Magyaren, in der sechsten von den Mongolen bedroht worden; in der siebenten wurde das byzantinische Kaiserthum, der letzte Rest der antiken Welt, von den Türken vernichtet. Von da emancipirte sich Europa von der drückenden Sklaverei, worein römische und griechische Kultur und Sprache des Mittelalter versenkt hatten. Die frühere Scholastik war von Aristoteles beherrscht worden; jetzt, als fliehende Byzantiner die Quellen nach Italien brachten, gewöhnte man sich, die Alten im Geist und in der Wahrheit zu verstehen, und eine herrliche Blüthe der Wissenschaft und Kunst bezeichnete in Deutschland den Untergang der alten, den Anfang einer neuen Zeit.

VIII. Die Reformation, das heißt die Befreiung der Christenheit von der Vormundschaft päpstlicher und kirchlicher Autorität, die Entfesselung der Gewissen und Gedanken auf der einen, die Restauration des Christenthums und die Reinigung der tiefen kirchlichen Verderbniß auf der andern Seite war das fünfte große Werk des deutschen Geistes. Nicht, wie es gleichzeitig in England, gewissermaßen auch in Frankreich geschah, wurde die kirchliche Verfassung geändert; Deutschland hatte den Beruf, das Christenthum der Form zu entbinden, und es, nur auf seine Quellen gestützt, der freien öffentlichen Meinung zu übergeben. Sofort mußte das neue Princip, wie es der alten Kirche gegenüber trat, zugleich einen Kampf über den dogmatischen Inhalt des Urchristenthums erzeugen, der die Spaltung zwischen Lutheranern und Reformirten hervorrief.

Während Zwingli dem Aberglauben den gesunden Menschenverstand und den Muth eines redlichen Mannes, Calvin der Kirche ein geschlossenes System entgegensetzte[3], von dem der Fanatismus unzertrennlich war, ging Luther von einer gemüthlichen Opposition aus, welche das Bewußtsein der Völker (seiner eignen Partei sowohl als der katholischen) verjüngte. Die Religion war zu einem äußerlichen Werkdienste herabgesunken, welcher das innere Leben übertünchte oder entseelte; Luther, wie einst Christus gegen die Pharisäer, hob mit der ganzen Kraft seines Geistes die Natur hervor, ohne deren tiefere Reinigung alle Werke, auch die besten, nur eitel seien. Hierüber verdammt, im innersten Kerne verwundet, trennt er sich von der Kirche, deren treuester Jünger er selbst gewesen war; erbittert über die Verworfenheit der Hierarchie, gab er die Quellen des Christenthums der Kritik der Einzelnen preis, ohne zu ahnen, wie bald ein Staat, der die Auslegung der Gesetze der Willkühr jedes Bürgers überläßt, der Anarchie anheimfallen müsse. Jene wahre Kirche zu gründen, die in seinem Sinne lag, war ihm nicht beschieden, wohl aber eine Konfession zu stiften, in welcher sein glühender Drang nach Wahrheit, Freiheit und Mündigkeit sich rastlos fortentwickelte; und zugleich auf den Katholicismus rückzuwirken, in dessen uralten Institutionen der Geist des Glaubens gegenüber dem (protestantischen) Geiste der Forschung sich erhalten mußte.

Es war eine große Zeit, die Epoche der Reformation. Der Glanz des Hauses Habsburg, über romanische und germanische Länder, über Europa und Amerika ausgebreitet, verklärte noch einmal das sinkende Kaiserthum. Karl V., obwohl unberührt von den tiefern Fragen der neueren Zeit, spiegelte doch in seiner Sphäre sie ab; wie sein Großvater der letzte Ritter gewesen, so war er der erste Ausdruck der absoluten Fürstenmacht, mit umfassenden Intentionen. Unter Männern, wie er, wie Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten, Albrecht Dürer waren, unter so vielen Großen war Luther der größte; an Kraft und Heldenmuth war er allen überlegen; eine Zuversicht war ihm eigen, die sich vermessen konnte, (wie einst Jakob nach der Mythe) mit Gott zu ringen; die deutsche Sprache endlich verdankt, was sie ist, zum größten Theile seinem Vorbild, — und schon um dieser Einen Hinsicht willen sollte sein Andenken allen Deutschen gleich heilig sein[4].

Damals strebte die Ritterschaft vergebens, ihre mittelalterliche Freiheit gegen die neue Verfassung zu wehren; eben so vergebens suchten die Bauern, Ansprüche durchzusetzen, die nur langsam zur Reife gedeihen konnten. Die Reformation, welche diese beiden Bewegungen veranlaßt und genährt hatte, stärkte zuletzt nur die landesherrliche Gewalt, indem sie diese der päpstlichen Autorität entzog, sie mit weltlicher und kirchlicher Macht, mit unmittelbarer Weihe bekleidete und mit eingezogenen Gütern bereicherte: jene absolute Fürstengewalt, welche in steigender Ausbildung bis zur französischen Revolution Deutschlands politisches Leben untergrub.

Nach Luthers Tode begann der Krieg, und bald, von den Jesuiten geleitet, die Gegenreformation. Die ganze äußere Geschichte geht fortan aus dem Kampfe der Ideen hervor; und die Sonne der Reformation, die Sonne Deutschlands verhüllt sich Ein Jahrhundert lang in blutrothe Wolken, zwei Jahrhunderte darauf in düstere Nebel.

Wie in Einer Linie von Karl V. bis zum dreißigjährigen Kriege die Streitigkeiten sich entwickelten, wie dieselben Ursachen am Anfang des Zeitraums Metz, Toul und Verdun, am Ende das Elsaß und einen Theil des Nordens dem Reiche entzogen, wie endlich Ausländer in Deutschland geboten, wie die größten Talente nur der Zerstörung des eignen Vaterlandes gedient, wie unter den Schrecken des Krieges die Kraft des Volkes auf Decennien gebrochen, wie die blühende Saat, die Luther und Hutten für deutsche Literatur und Bildung gepflanzt (bald nach ihnen schon in den Sophismen der Schulen verkrüppelt), vollends zertreten wurde, wie von nun an durch ein Jahrhundert hindurch die Muttersprache, ihrer eigenthümlichen Kraft entkleidet, gleich der Nation selbst, zur Sklavin der Fremden sich erniedrigt, das Alles ist hinreichend bekannt. In dieser Zeit waren die Einfälle der Türken vielleicht dazu geschickt, den Deutschen zu zeigen, daß sie wenigstens alle noch Christen seien; ohnedem wäre dieß (durch den gegenseitigen Haß) vergessen worden. Es steht sehr nahe, zu fragen, warum die Entwicklung des dogmatischen Zwiespalts nicht so zerstörend (denn von jeher waren Religionszwiste die gräßlichsten), sondern so langsam vor sich gegangen. Man pflegt über die Barbarei eines Zeitalters zu lachen, das um die Bedeutung des Wörtchens „ist“ Blut vergießen konnte, das länger als ein Jahrhundert brauchte, sich verschiedene Ansichten zuzugestehen. Man bedenkt nicht, daß die innern Ideen, welche Katholiken, Reformirte und Protestanten getrennt, auch heutzutage noch nicht entschieden, nur ihrer praktischen Folgen beraubt sind; daß in damaliger Zeit jede Partei für ihre Existenz in Wahrheit kämpfte; daß endlich großentheils der Leichtsinn, mit dem späterhin die Völker die Religion überhaupt zu betrachten anfingen, die Duldung herbeigeführt. Sehr Vieles, was uns auf unser Zeitalter stolz macht, weil es ihm humanere Art verliehen hat, ist nur wieder Wirkung eines andern Fehlers; die Vorsehung ist oft genöthigt, Schlimmes mit Schlimmem zu vertreiben. So hat sie den Fanatismus durch die Frivolität zerstört; sie durfte dazu nur die menschliche Natur gehen lassen; denn der Ekel am langen Kriege, die Ermattung von dogmatischen Subtilitäten legten den Grund zur spätern Indifferenz.

Der westphälische Friede vernichtete die Reste der kaiserlichen Macht, garantirte die ständischen Rechte, d. h. die landesherrliche [Gewalt; bemühte] sich umsonst, die Reichsgerichte erklecklich zu organisiren, befreite Holland und die Schweiz vom nominellen Verbande, und stellte das Reich unter französische und schwedische Protection. —

IX. Allseitige Durchbildung der innern und äußern Folgen der Reformation charakterisirt den neunten Zeitraum.

Die Reformation hatte, obgleich sie den neuen Konfessionen Symbole gegeben, doch dem Princip nach die Quellen des Christenthums der Kritik anheimgegeben. Nachdem also der Protestantismus unversehrt aus dem Kampfe hervorgegangen, mußte er über Symbol und Bibel hinausgehen; in seinen kirchlich-theologischen Bestandtheilen verknöchern und (wo gemüthliche Restauration versucht wurde) zur Sekte werden; in seinen geistigen aber den Beruf übernehmen, gegenüber dem alten Offenbarungsglauben, vom Standpunkte der Vernunft nach Lösung der höchsten Wahrheiten zu ringen.

Die Reformation hatte Deutschland innerlich gespalten, der westphälische Friede (hier allein in ganz Europa) den Parteien gleiche Geltung verliehen. Fortan war kein einiges Deutschland mehr vorhanden; das große Vaterland mußte sich selbst absterben, seine ganze Lebenskraft in die einzelnen Glieder sich zurückziehen. Unter diesen mußten zwei Staaten an die Spitze, der eine des Protestantismus, der andere des Katholicismus treten, um Deutschland nach außen zu wahren; jener sollte den Norden, dieser den Süden an sich fesseln, ohne doch die Vielheit der Territorien aufzuheben, in welcher die Bürgschaft lag gegen eine Theilung des Reiches in zwei Reiche[5].

Während die Deutschen tiefer als jedes andere Volk die innern Fragen erfaßten, während sie, mitten hindurch zwischen Aberglauben und leichtfertigem Zweifel[6], beharrlich die Sache der Wahrheit förderten, hatte der romanische Geist, obwohl in den äußeren Banden der Kirche, mit den Institutionen des Christenthums, wie sie durch die Reformation verworfen waren, zugleich das Christenthum selbst verworfen, und eine Weltanschauung aufgestellt, welche fertig wie sie war, getragen von einer klassischen Literatur und Urheberin einer neuen Bildung, den Deutschen vorgeschrittener erscheinen mußte, als ihr eignes tausendfältig zerrissenes, glanzloses, barbarisches und mühseliges Wissen.

Da unterlag die deutsche Kraft, ihrer selbst sich unbewußt, der französischen; einmal als die neue Aufklärung mit ihrem ganzen Gefolge eindrang, das andere Mal, als sie in der Revolution den Staat nach ihren Principien gestaltete und halb Europa bezwang.

In dieser Noth des gesammten Vaterlandes, zu einer Zeit, da auch in den einzelnen Staaten die Willkühr der Fürsten alles politische Leben untergrub, flüchtete sich der deutsche Geist in die allmälig aufkeimende Literatur, welche, Göttliches und Menschliches umfassend, offenbarte, wessen er immer noch fähig sei. Gleichzeitig, und noch gewaltiger, enthüllte das deutsche Gemüth seine Tiefe und Hoheit in ungeheuern, immer neuen Schöpfungen der Tonkunst.

Das sind die Grundzüge des Zeitraums; wir betrachten ihn nach drei Abschnitten.

1. Vom westphälischen Frieden bis auf Friedrich den Großen.

In der vorigen Periode hatten Copernicus, später Keppler, zwei Deutsche, die physische Anschauung der Welt tausendjähriger religiöser Vorurtheile entledigt; zwei Romanen, Descartes und Spinoza, indem sie, mit Hingabe aller hergebrachten Begriffe, sich die Welt des Geistes neu zu konstruiren versuchten, wurden Stifter der deutschen systematischen Philosophie, welche ununterbrochen bis auf unsere Tage nach Erkenntniß der Wahrheit gerungen hat, und deren wechselnde Systeme (es gehört nicht hieher, sie einzeln zu beleuchten) eben so viele Grundsteine eines endlichen, unumstößlichen Aufbaues sind, in dessen Hallen, statt einzelner Bevorrechteter, die ganze Nation Raum finden wird. Durch alle Abschnitte zieht sich jene schwere Arbeit des Geistes hindurch, mit einer Kraft, einer Ausdauer, einer Pietät, wie sie nur dem Deutschen eigen ist; sie geht mit den andern, in der Reformation wurzelnden Bestrebungen, Einem Ziele entgegen[7].

Im Uebrigen wird die deutsche Geschichte bis auf Friedrich den Großen nur durch die Uebel erklärlich, worin der dreißigjährige Krieg, unberechenbar in seinen Nachwehen, das Vaterland gestürzt hatte. Der Volksgeist war unter soldatischer Tyrannei erschlafft, die Sitten barbarisirt, die Gemüther im Aberglauben (noch blühten die Hexenprozesse) und in Frivolität verwildert, empfänglich für Despotismus und Fremdherrschaft, die Sprache zertreten und beschmutzt, die alten Rechte und Gerichte, sonst des Volkes eigenstes Gut, längst verdrängt oder verwischt, die landständischen Verfassungen zum Schatten herabgeschwunden. Von dem, was Großes in seinen Tiefen gährte, konnte dem Volke kein Bewußtsein bleiben; französischer Einfluß, französische Sprache, Bildung und Manieren war durch alle das angebahnt, durch die Höfe aber zumeist, deren Willkühr und Verdorbenheit eine furchtbare Höhe erreichten. Die Herrschaft über die Gewissen, eine Folge der kirchlichen Spaltung, hatte die Fürsten an Allmacht gewöhnt; der vollkommnere Mechanismus polizirter Staaten, ein französisches Werk, gab sie ihnen thatsächlich.

Es ist ein sprechender Zug, daß, je herrlicher Deutschland selbst geblüht, desto kleiner die Nachbarstaaten, je schwächer es gewesen, desto stärker jene sich entwickelt haben. Warum mußten Ludwig XI., Karl der Kühne zur Zeit Friedrichs III., warum Gustav Adolph und Richelieu im dreißigjährigen Kriege leben, warum kurz darauf Ludwig XIV. regieren? Ein inneres Gesetz der Wechselwirkung geht durch die europäische Geschichte, welches zeigt, daß Europa trotz aller Verschiedenheit nur Einen großen, im Grundcharakter germanischen Staat bildet; die Schale des Einen muß sinken, wenn die des Andern gestiegen ist. Im Mittelalter, als die Völker noch erzogen wurden wie Kinder, durch die Kirche, war Deutschland als Sitz des Kaiserthums der bevormundende Staat; je mehr die Vormundschaft erschlaffte, desto heftiger mußte das übrige Europa reagiren, desto mächtiger die andern Nationen heranreifen; das spätere Schicksal Deutschlands war die Rache der Völker an einer Herrschaft, welche, obgleich tief innerlich begründet durch die Vertretung Europas gegen die Hierarchie, doch im Grunde vom römischen Kaiserthum ererbt war, einem in der öffentlichen Meinung nur durch Tradition, nicht durch Einsicht gerechtfertigten Institute. So oft Deutschland seiner alten Rolle sich begab, so oft mußte sie von den Nachbarn übernommen werden; so geschah es, daß in dieser Epoche Ludwig XIV., Karl XII., Peter der Große, Wilhelm III. fast zugleich auftauchten.

Seit dem dreißigjährigen Kriege blieb Deutschland der Wahlplatz Europas, bis auf die neueste Zeit. Es ist klar, sollte das Vaterland nicht untergehen, so mußte, wie wir oben gesagt, das Leben in die einzelnen Glieder zurückweichen. Der große Churfürst hat damals Brandenburg zur ersten protestantischen Macht des Reiches, der Prinz Eugen Oestreich zu höherem äußeren Einfluß erhoben. Aber Oestreich war mehr und mehr undeutsch, seine deutschen Provinzen, Böhmen besonders und Mähren, durch eine bigotte Politik umgewandelt und entfremdet worden; die Habsburger selbstsüchtig genug, um für ein Privatinteresse die schönsten Länder des Reiches, wie Lothringen, zu opfern. Eine deutsche Großmacht mußte entstehen; sie zu schaffen, kam Friedrich der Große.

2. Das Zeitalter Friedrich des Großen.

Durch die Freiheit seines Geistes, die Macht seiner Persönlichkeit, durch den Ruhm seiner Thaten belebte Friedrich das deutsche Nationalgefühl mehr, als es durch ein Streben nach deutscher Einheit geschehen konnte, das ihm, wie die Sachen standen, lächerlich erscheinen mußte. Nur freilich, für jene Dinge schuldet ihm Deutschland keinen Dank; Preußens Erhebung war sein einziges Ziel; er hat es unter blutigen Bürgerkriegen erstrebt, mit rücksichtsloser Beharrlichkeit verfolgt. Gewiß ist, daß er, wenn auch nicht die Deutschen überhaupt, doch die Deutschen seiner Zeit nicht verstand; in der Jugend hielt ihn Erziehung, noch mehr sein eigenthümlich pikanter Geschmack ab, die noch barbarische Literatur zu durchschauen, im Alter die Unfähigkeit, das neu Erwachte zu würdigen. Sein Zeitalter ist, und das durch ihn, die Periode der „Aufklärung“; die Frivolität des damaligen Tones hat er zum Theil, durch Begünstigung der französischen Schriftsteller wie durch seine Art sich zu äußern, veranlaßt; französische Weltanschauung dünkte ihm die wahre, französisch war seine Sprache und Bildung, französisch selbst seine Verwaltung in vielen Stücken. Das aber macht ihn zum großen deutschen Manne, daß er dem todten Mechanismus des Staates eine deutsche Seele einzuhauchen wußte, eine innere Kraft, welche noch lange nach ihm seine Stiftung belebte; nicht weniger, daß er trotz vieler oberflächlichen Ansichten mit einem Ernst und einer Tiefe nach der Wahrheit strebte, die ihn den größten Philosophen zugesellt.

Joseph der Zweite, bei großen Talenten ein Mann von ungehaltenem Geist und Gemüth, wollte Friedrichs II. Grundsätze auf den Staat übertragen. Friedrich kannte die Menschen, und achtete die Vorurtheile des Volks; jener, weil ihm beides fehlte, scheiterte an dem Widerstand seiner eigenen Völker. Es bleibt ewig denkwürdig, daß ein deutscher Kaiser, Beherrscher einer unumschränkten Monarchie, zuerst von oben herab ohngefähr dieselben Reformen und mit ähnlichem Leichtsinn versuchte, welche noch zu seiner Zeit die konstituirende Versammlung in Frankreich durchsetzte. Weniger der Sinn der Neuerungen war es, was den Widerstand erweckte, als die Verflachungssucht, welche ihnen zu Grunde lag, und der Despotismus, womit sie durchgesetzt wurden; die Priester übten damals doppelte Gewalt über das Volk, weil sie sich zu Hütern alter Vorrechte aufwarfen.

Maria Theresia hatte den Bedürfnissen der Zeit gemäß reformirt, ohne doch das patriarchalische Verhältniß des Herrschers zum Volke und den alten Glauben, worauf Oestreichs Macht beruht, zu erschüttern; Joseph baute auf moderne Grundlagen, wofür nicht nur Oestreich nicht reif, sondern die überhaupt als ein fremdes Gewächs dem deutschen Geiste widersprechen.

Er und Friedrich II. ließen sich herab, mit Katharina II. Polen zu theilen. Es war „mehr als ein Verbrechen, es war ein Fehler“. Von da an geriethen Oestreich und Preußen in eine Abhängigkeit von Rußland, welche sichtlich genug in der niedrigen Art hervorleuchtet, womit Friedrich II. sowohl als Joseph um die Gunst Katharinas II. buhlten. Deutschland hatte sich in den vorigen Epochen, wenn auch nach Westen geschwächt, doch nach Osten in gleicher Kraft erhalten; seit Peter unmerklich, sichtlich seit der Theilung von Polen, unterlag es einem Einfluß von Osten, dem die Großmächte wie die kleinern Fürsten immer mehr sich beugten, der eine doppelte Ohnmacht des Reichs begründete, und unter dem Vorwande beständiger Hülfeleistung gegen Westen bis auf unsere Tage sich gleich furchtbar erhalten hat.

Die Grundsätze des achtzehnten Jahrhunderts hatten die liberale Politik erzeugt, die sich den Verrath an Polen erlauben konnte. Während auf Thronen ihnen gehuldigt wurde, bildete sich aus dem Herzen Deutschlands eine Literatur, welche die falsche Aufklärung untergrub, die wahre siegen machte und Europa rettete, indem sie den deutschen Geist dem französischen entgegensetzte, der sich wie eine Fluth über die civilisirte Welt ergossen hatte. Die deutsche Sprache, von französischen Vorbildern losgerissen und an englischen gestärkt, war wieder erwacht, und das erste Zeitalter der deutschen Literatur, tief und ernst, nicht so schöpferisch, aber strenger, wie das zweite, erstand.

Lessing zuerst war von der Vorsehung berufen, dem deutschen Volk das lang umnachtete Bewußtsein seines innern Strebens wiederzugeben; in der Kunst und Poesie, in der Philosophie und Wissenschaft hat er Neues angeregt; gleich schonungslos gegen die seichte Aufklärung seiner Tage, wie gegen die erbärmliche Orthodoxie, gleich gerecht gegen die großen Gedanken der rationalistischen Philosophie, wie gegen die innern Wahrheiten des Christenthums, hat er sein ganzes Leben hindurch, mit kühnem, unbefangenem Geist, mit tiefem und unbezwungenem Gemüthe nur die Eine Wahrheit vor Augen gehabt, deren Bruchstücke er in der Philosophie wie in der Religion erfaßte, deren vollendete Erscheinung er selbst geweissagt hat. Lessing ist der Typus eines deutschen Protestanten, im geistigen Sinne des Worts; gleich Luther, gehört er, nicht nur mittelbar durch die Literatur, sondern unmittelbar der Geschichte an, weil an ihm vor Allen die Wogen der französischen Weltanschauung sich gebrochen haben. Eben dagegen, aber von der Religion ausgehend, wie er von der Philosophie, wirkten Herder (besonders durch eine höhere Anschauung der Geschichte) und, früher schon, Hamann; während Klopstock einer großen Poesie die Bahn brach.

3. Von Josephs II. Tod bis zur Befreiung Deutschlands.

Es drängt sich in Epochen französischer Uebergewalt die Frage auf: warum, während im Osten, gegen slavischen und asiatischen Andrang zwei große Staaten sich gebildet, der Westen Deutschlands den Franzosen von Heinrich II. an bis Napoleon nur schwache, zerstreute, niemals bedeutende Gebiete entgegengesetzt habe? Scheint es doch, als habe von Altersher die Beschaffenheit der drei geistlichen Churfürstenthümer (welche monarchischer Ausbildung von Natur unfähig waren) den Ursprung eines Gränzwalles gegen Frankreich, wenigstens auf einer Seite, unmöglich gemacht. Die Vorsehung hat das Land jenseits des Rheins zum wunden Flecke Deutschlands gemacht, romanisches und germanisches Leben werden hier nie aufhören, Schritt für Schritt sich zu bekämpfen; während sie im Osten, um die Slaven in den Kreis der europäischen Bildung hereinzuziehen, mächtige Vormauern schuf, überläßt sie es im Westen der Volkskraft allein, gegen französischen Andrang Stand zu halten; dort haben sich trotz ungeheurer Fehler, künstliche Staatengebäude in den größten Stürmen gefristet; hier zieht jeder Mangel an Eintracht, jeder Nachlaß an nationaler Festigkeit Verluste nach sich. So bringt es der Charakter der Gegenden mit sich, welche den Mittelpunkt Europas bilden. Die Natur, mit einem Wort, wollte zwei Völker, die zur lebhaftesten Wechselwirkung bestimmt sind, nicht abschließen; die engste Berührung der Germanen und Romanen ist erforderlich, um der Kultur von Europa den gemeinsamen Charakter zu geben, der sie auszeichnet, eine Berührung von der Art, daß jede geistige Ueberlegenheit sogleich eine materielle nach sich zieht. Deutschland selbst soll entweder durch Einigkeit übermächtig, oder durch Uneinigkeit (damit wir wissen, worin unsere Kraft liegt) ohnmächtig sein.


Die Revolution überwältigte sonach mit Leichtigkeit den deutschen Westen und änderte die Gestaltung von Europa, indem sie die Idee der politischen Freiheit ins Leben rief: Europa theilte sich in zwei große Lager, Deutschland in zwei Hälften. Hervorgegangen aus Principien, gegen welche so eben die deutsche Literatur sich erhoben hatte, berührte sie dennoch Deutschland viel weiter, als jenen noch gehuldigt wurde. Es war die allgemeine Idee der Freiheit, die sociale und sittliche Emancipation, nicht die Theorie der Volkssouveränetät, womit die geknechteten, in Formeln aller Art gezwängten Deutschen sich verschwisterten. Dieses Element der Revolution, diesen Lebenshauch zu besiegen, hätte man eine sociale Idee der Idee entgegensetzen müssen; allein die Deutschen glichen in der Politik unmündigen Kindern; das deutsche Volk war mit innern Problemen beschäftigt, deren Auflösung zu entfernt war, um staatliche Konsequenzen daraus zu ziehen; man staunte und ließ Ereignisse über sich ergehen, welche wohlverdient waren, da die Selbstsucht der einzelnen Staaten die höchste Stufe erstiegen hatte.


Was in der Zeit der Aufklärung die Regenten selbst gewollt, wurde verdächtig, als das Volk in Frankreich sich erhob. Ohne den langhergebrachten Einfluß französischer Gesittung in Deutschland würden die Fürsten nicht in so hohem Grad vor der Nachahmung gebangt haben, würde Deutschland in seiner Entwicklung nicht aufgehalten worden sein. Die Epoche der konstituirenden Versammlung wurde von den Deutschen, nicht nur im Allgemeinen, sondern von bedeutenden Männern, wie z. B. Klopstock, mit Entzücken begrüßt; auch später vermochten Viele von der Hoffnung nicht abzulassen, bis der Konvent Alle enttäuschte. An den Früchten erkannte man den Geist, und die „Aufklärung“ erhielt den Todesstoß. Andrerseits gemahnte die neue Freiheit das Volk an seine alten Rechte; man erinnerte sich, wie weit die Allgewalt der Fürsten gediehen sei; aber erst Napoleon mußte diesen begreiflich machen, daß der Staat nicht auf ihrer Willkühr, sondern auf der Volkskraft beruhe.


Napoleon zeigte den Deutschen ihre unsägliche Ohnmacht, den größten, wie den kleinsten Mächten, daß ihre Macht allein in der Eintracht liege; das deutsche Volk, wehrlos seit Jahrhunderten, machte er wehrhaft, theils durch die militärische Organisation des Rheinbundes, theils durch die Nothwendigkeit, worein er Preußen und Oestreich versetzte, die alte Landwehr herzustellen. Man kann den Feind nicht besiegen, ohne ihn zu kennen. Das Volk wußte nicht, wer in Napoleon zu bekriegen sei: er war ihm lange nur der Mann des Schicksals, weder freundlich noch feindlich; die Fürsten waren ihm unterworfen; erst als die blödesten Augen sehen konnten, daß es um Sein oder Nichtsein sich handle, erst dann fing man an, ihn mit Geist und Kraft zu bekriegen. Ein Mann, der eben so sehr Restaurant als Revolutionär, eben so sehr Protestant als Katholik war, der entweder kein oder die verschiedensten Principien in sich darstellte, war nöthig, um alle Parteien, Fürsten und Völker gegen sich zu bewaffnen. Also einigte sich Deutschland nach jahrhundertlanger innerer Trennung zu dem einzigen Zwecke: die Nationalität zu retten. Wie er erfüllt war, verschwand auch die Einigkeit; sie währte nicht länger, als der Sieg und die Siegesfreude.


Zu derselbigen Zeit, da das Vaterland von dem schwersten Joche gedrückt war, das seine Geschichte kennt, verherrlichten große Dichter und Schriftsteller den deutschen Namen. Im tiefsten Elend, ohne Zusammenhang mit den vaterländischen Krisen, erhob sich eine Literatur von weltbürgerlicher, europäischer Art. Sie vor Allem beweist das ungeheure Mißverhältniß zwischen unsrer innern auf der einen, zwischen der staatlichen Entwicklung auf der andern Seite. Während wir politisch weiter nicht waren, als so weit, um den zurückzuweisen, der uns zu Nichts auflösen wollte (nicht weit genug, um Etwas zu sein), umfaßte unsre Dichtkunst alle Elemente der geistigen und politischen Welt[8]. An Gehalt, wie an deutscher Art des Geistes Allen überlegen, ist Göthe der König der damaligen Literatur; aber ein tiefes Gemüth und eine bezaubernde Hoheit der Idee haben Schillern jenen Platz im Herzen des Volkes eingeräumt, wie ihn Niemand vor ihm und nach ihm besessen hat. Das tiefste Streben, das dem Menschen inwohnt, das den Deutschen beseligt, den Drang nach Wahrheit hat Göthe im Faust, den höchsten Zug des Jahrhunderts, die Freiheit, die Mutter auch der deutschen Zukunft, hat Schiller im Marquis Posa ausgeprägt. Ihnen ebenbürtig und gleich, hat Jean Paul das deutsche Leben nach allen Seiten, nach Natur und Erziehung, in politischer und religiöser, socialer und familiärer Beziehung aufgefaßt, und (zum ewigen Andenken au eine so seltsame Zeit) in seinen Dichtungen abgeschildert[9].

Mit solchen Kräften vermochte das deutsche Volk den Untergang des Reiches zu überleben. Der Wiener Kongreß stellte es der Zeit gemäß wieder her, indem er Titel hinwegwarf, die seit Jahrhunderten wie zum Hohne bestanden hatten, und an die Stelle des Reichstages den Bundestag setzte. Eine kleinere Zahl von Staaten, ein gesicherter Rechtszustand und einige Garantieen gegen den Mißbrauch der Souveränetät machten das deutsche Volk glücklicher, als es zuvor gewesen war. Aber die innere Spaltung, die äußere Schwäche blieb; Deutschland wurde bald von Westen begeistert, bald von Osten geleitet, einmal von seinen Ständen betrogen, das andre Mal von seinen Fürsten bestraft. Man erlaube mir, vorläufig die neueste Zeit zu überspringen, sie als vorbereitend zu betrachten auf ein Kommendes. Es liegt in ihr keine besondere Leistung, keine selbsteigene Schöpfung (eine einzige materielle ausgenommen); aber fünf und zwanzig Jahre eines glücklichen Friedens sind hinreichend, um eine lange, schwere Vergangenheit zu verarbeiten, zu erkennen, was Noth thut, und im Stillen Großes zu gebären, wenn anders Großes jemals geboren werden soll.


[Kapitel IV.]
Letzte und höchste Intention der deutschen Geschichte.

Das große Werk, wozu die Reformation den Anstoß gegeben, worum drei Jahrhunderte geblutet und gekämpft, zu vollenden, ist Deutschlands Beruf in der Gegenwart.

Die Reformation hat den Protestantismus der katholischen Kirche gegenüber gestellt und dadurch Deutschlands innere Einheit zerstört, indem sie zwei Tendenzen schuf, welche, nach langen Kriegen gleich berechtigt, im Volks- und Staatsleben sich entgegengesetzt ausprägen mußten.

Von da an entwickelte sich steigend der Geist der Forschung, (der protestantische Geist) gegenüber dem Geiste des Glaubens, wie er in der katholischen Kirche sich erhielt. Die ganze Lebenskraft der Deutschen zog sich nach innen zurück, während sie nach außen von Ohnmacht zu Ohnmacht sank. Es galt die Frage, ob das Christenthum die Grundlage der Weltordnung bleiben solle.

Diese Frage ward von den Franzosen verneint, auf die Verneinung eine neue Weltansicht, auf diese ein neuer Staat gebaut. Eine Antwort (wenn auch eine negative) ist aber von mächtigerer Wirkung als keine; es lag ein geistiger Vorgang darin, dem die Deutschen auf eine Zeitlang unterlagen. Endlich, nach großen Drangsalen, sah man ein, daß jene Antwort eine falsche war, daß mindestens die neue Ordnung, welche darauf gegründet worden, nicht die wahre sei.

Es ist jetzt an den Deutschen, zu antworten. Andere haben zerstört; sie sollen aufbau’n. Der Protestantismus, wie er unverrückt nach der Wahrheit gestrebt hat, muß aus seiner Mitte ein Princip erzeugen, welches die innersten Fragen des Geistes und die tiefsten Probleme der Zeit zu lösen vermag.

Dieses Princip wird die höchste Sehnsucht der Menschheit, die Sehnsucht nach einer gerechtfertigten Weltanschauung, nach einem bewußten Verhältnisse der Menschen zu Gott, befriedigen. Indem es die Wahrheit findet, so weit sie zu finden uns beschieden ist, wird es, nicht durch leere Vermittlung, sondern durch die selbsteigene Fülle seines Inhalts die Gegensätze versöhnen, woran in hundert Gestalten die Gegenwart sich verzehrt. Entsprungen aus dem Zweifel, wird es den Zweifel vernichten; zurückstrahlend auf die Dogmen des Christenthums, wird es die Religion verklären, welche zu ihm sich verhält, wie gemüthliche Ahnung zu bewußter Erkenntniß, wie Anschauung des Gefühls zur Klarheit des Geistes. Und gleichwie aus dem Christenthum ruhig und naturgemäß die Kirche erwachsen ist, so wird aus ihm friedlich und sicher der Staat sich entwickeln, jener wahre Staat, nach dessen organischer Begründung das Jahrhundert vergebens gerungen hat; so zwar, daß Staat und Kirche, weil beide, beruhend auf göttlichen Grundlagen, Hand in Hand zu gehen vermögen, diese aber von jenem in demselben Maße geleitet werde, als die Triebe des Gemüths in der menschlichen Seele der Macht des Geistes sich unterordnen, ohne doch in ihr aufzugehen.

Also wird auch der Protestantismus, wenn die Sendung erfüllt ist, um deren Willen die Vorsehung ihn ausgeschieden hat, wieder eins werden mit dem Katholicismus; dieser letztere wird erkennen, daß über dem Princip, in dem die Kirche wurzelt, ein zweites sich erhebt, welches allein dem seinigen Bestand verleihen kann, daß Philosophie und Religion, als die zwei Spitzen der Menschenseele, statt zu kämpfen, sich ergänzen sollen. Nicht anders wird im Staate vor der wahren Freiheit die Revolution eben so sehr zusammenschwinden, als der Absolutismus, jene, weil nicht in der Gleichheit, sondern in organischer Ueber- und Unterordnung die Freiheit besteht, der letztere, weil nicht die fürstliche Macht allein, sondern jede Macht im Staate eine Macht sein wird von Gottes Gnaden[10].

Alle große Intentionen der deutschen Geschichte, wie sie in den verschiedenen Zeiträumen hervorleuchten, Reinigung des erstorbenen Volksgeistes, Aufbau einer höheren Weltordnung, die Hegemonie von Europa, ewige Wahrung vor hierarchischer Herrschaft, allseitige Ausbildung des deutschen Lebens nach innen und außen, Begründung einer unumstößlichen Verfassung, Restauration des Christenthums, ewige Freiheit des Geistes, wie dauernde Sicherung gegen freche Frivolität — sie alle finden in dem Einen Prinzip ihre höchste Erfüllung.

Dem deutschen Volk aber wird es Eine Seele verleihen, Eine Seele dem Volke, das nur der innern Einheit bedarf, um das größte und glücklichste zu sein unter allen Völkern. Jener geistige Vorgang, den die Deutschen seit den ersten Zeiten, den sie noch durch die Reformation ausgeübt, dessen Hingabe an französische Aufklärung ihnen ein Jahrhundert voll Schmach und Elend gekostet, wird ihnen wiedergegeben sein; unsere Fehler, so schrecklich in Zeiten des Zwiespalts, jenes Eingehen besonders in fremde Charaktere, werden uns fördern, wenn Ein Wille die Nation bewegt, wenn Fürsten und Völker von Einem Zuge getrieben sind. Das freilich vermag nur ein weltmächtiges Wort, ein Wort voll göttlicher Kraft und Gewalt, entsprungen aus dem tiefsten Streben des Volkes und deßhalb verständlich für Sinn und Herzen des ganzen Volkes. —

Das ist der Trost, den die deutsche Geschichte dem deutschen Bewußtsein gibt. Ohne das ist jene, wie dieses, öd, leer, hoffnungslos, ohne Ziel und Zweck, voll Schmach und Elend; mit jenem Trost herrlich, groß, ruhm- und hoffnungsreich, voll innerer geistiger, voll von Keimen auch der äußern Größe. Denn für das höchste Ziel des menschlichen Wollens, für die Lösung der uralten Räthsel, konnten und mußten wohl die höchsten Opfer, Untergang der äußern Hoheit und Einheit, ja Verlust der höchsten Güter des Lebens, die ein Volk besitzen kann — um diesen Preis, sage ich, mochten sie gebracht werden. Er konnte nicht Eines Jahrhunderts Frucht sein, noch ist er der Trost nur Eines Jahrhunderts, sondern, wie die Zukunft aller menschlichen Geschichte, die Bildung der Kirche, wie des Staats, die Gestaltung der Erde darin beschlossen liegt, so mußte Jahrhundertlanger Kampf vorausgehen. Dazu allein sollte der deutsche Geist, abgewandt von aller gemeinsamen politischen Herrlichkeit, in den verborgenen Tiefen arbeiten, sollte er fremde Literatur, fremdes Wissen, ja fremde Sitten, bis zur Erniedrigung aufnehmen, sollte er durchdrungen werden von französischem, englischem Wesen, ja überhaupt vom europäischen, zubereitet und umgeschmolzen durch kosmopolitische Einflüsse. Jetzt wiederum, wenn das große Wort gefunden ist, wird das Herz von Europa, wie es gelitten und gekämpft hat für alle europäischen Völker, die Fülle seines Segens ausströmen über ganz Europa.

Solch eine Zuversicht ist freilich den Einen ein Aergerniß, den Andern eine Thorheit. Wie kann ein Wort so große Dinge thun? Wie kann ein Princip in so vielseitiger, bewegter Zeit entstehen, wie kann es das Entgegengesetzte einen, das tausendfache Leben durchdringen? So fragen sie, und antwortet man ihnen: Was war das Christenthum anders als ein Princip, was der Muhamedanismus als ein Princip, was die Reformation anders als ein Princip, so wissen sie dieß und jenes zu erwiedern: daß diese Zeiten vorüber seien, daß die jetzige Zeit sich von selbst (wie, ist nicht abzusehen) helfen werde, daß das deutsche Volk, ohne zum Ziel zu kommen, in Ewigkeit fort philosophiren, daß es übrigens eine achtbare Stelle unter den Nationen einnehmen werde, freilich entfernt von aller Superiorität, welche ja allem Gleichgewicht widerspräche, daß leider wohl unsere Zwietracht niemals ganz erlöschen werde, um so weniger aber, als ein neues Princip als neuer Zankapfel auftauchen würde, daß übrigens dergleichen sanguinische Tröstungen dazu allein tauglich seien, die Deutschen in ihrer angebornen Ideologie, d. h. in ihrer verderblichen Unkenntniß des reellen Lebens zu bestärken. Wenn diese Leute eines Trostes bedürfen (und wie Viele gibt es nicht, die eine so aufgeklärte Zeit, wie die unsrige, für gesund halten an Leib und Geist!), so finden sie Trost genug in der Hoffnung, daß das Christenthum von Tag zu Tag gereinigter, der Glaube und die Erkenntniß von Tag zu Tag vernünftiger werden wird, oder wohl auch, daß der Zeitgeist nach und nach die Religion entbehrlich machen kann, indem er die reine Vernunft (ohne allen Inhalt) an ihre Stelle setzt: ein Resultat, das durch die vereinigten Fortschritte der europäischen Völker von selbst erreicht wird, ohne daß es hiezu des deutschen Geistes oder eines deutschen Princips insbesondere bedarf. Was aber die Politik und die socialen Verhältnisse betrifft, so halten sie Deutschland berufen, französische und englische Elemente, freilich in ihrer eigenen Weise zu verarbeiten, um allmählig zu politischer Mündigkeit zu gelangen.

Ich glaube aber, es gibt noch Manche, wollte Gott, Viele, die sowohl die Gebrechen der Zeit, als den Beruf Deutschlands in höherem Lichte betrachten, denen die Zukunft bang und schwer auf dem Herzen liegt, und deren Seele bewußt oder ahnend auf einen Lichtstrahl des Geistes harrt, der von Deutschland aus die düstern Wolken der Zeit durchbrechen soll. Solchen dünkt es kein Phantom, daß der Kampf des Christenthums mit der Philosophie, wie er in Religion und Wissenschaft, in Staat und Kirche seit Jahrhunderten gekämpft wird, der Kampf der alten Weltordnung mit einer neuen ist, daß Deutschland allein ihn auszukämpfen vermag, daß Deutschland, wie auch der Ausgang sein möge, der Mittelpunkt der Weltordnung bleiben muß. Kein Ausgang aber ist denkbar ohne ein inhaltsschweres Princip, kein Princip ohne die ungeheuerste Vorarbeit des ganzen Volksgeistes, wie sie in der deutschen Geschichte vorliegt seit den Tagen der Reformation.

Warum nun hat im Gefolge dieser Einen Tendenz unser Charakter sich also umgewandelt? Der Deutsche ist gleich einem Manne, der alle Kraft seines Willens, jeden Trieb seines Geistes einem verborgenen Zwecke zukehrt; alles Andere wird beseitigt, hintangesetzt, vergessen; geknechtet, gefesselt erscheint sein ganzes Thun und abgestorben die Fülle seiner Kraft: plötzlich erhebt er sich, erlöset vom langen Geistesdruck, und der entfesselte Wille bricht sich hundertfältige Bahn. Und noch ist Eines nicht zu vergessen: eines jeden Volkes Charakter, wenn auch unwandelbar begründet in der Natur, ändert sich nach der Entwicklung der Zeiten, der deutsche insbesondere, weil er vor allen die Entwicklung in sich darstellt. Wie nun Thatkraft und Wille im Mittelalter, so herrscht Geist und Verstand in der neuen Zeit vor; dasselbe Volk, das damals geherrscht mit physischer Uebermacht, soll in unsern Tagen herrschen mit geistiger. Nur bis jetzt ist weder die Thatkraft in richtigem Verhältnisse zum Geiste, weil gebannt und unterdrückt, noch der Geist selbst frei und ledig, vielmehr vermischt mit andern fremden Geistern und beladen mit Massen von Stückwerk, freilich nur, um ganz und gar durchdrungen zu werden vom allgemeinen Geiste.

Und warum ist an der ganzen Entfaltung europäischer Größe nach außen hin Deutschland theilnahmlos geblieben? Es mag ein Volk, das innerlich leidet, nach außen getrieben werden, das deutsche Volk war nach außen beengt, nach innen gestachelt. Die Entdeckung von Amerika hatte die Bahn des Welthandels verändert; der deutsche Handel, die deutsche Seemacht, über alle Meere noch ausgebreitet zu Karls V. Zeit, gingen zu Grabe. Die Ungunst des Geschicks zu ersetzen, vermochte nur eine ungemeine materielle Anstrengung; nicht einmal Venedig konnte es, wie vielweniger das in kirchliche Fragen verlorne Deutschland! Zu seiner Aufgabe bedurfte Deutschland nur der allseitigsten Berührung mit der europäischen Civilisation, nicht eines Ausgehens über andere Welttheile, wodurch die innere Kraft nur zersplittert werden konnte. Ueberdieß aber ist die deutsche Natur vorwiegend kontinental, ans Land, an den Ackerbau gebunden. Nicht als ob überhaupt maritimes Geschick den Deutschen mangelte; hievon hat die Hansa das volle Gegentheil gelehrt und lehren es noch ihre Ueberbleibsel; nicht als ob außerhalb Europa keine Geltung den Deutschen beschieden sein sollte: sind ja doch in Nordamerika sichtlich, unmerkbar in andern Reichen schon mächtige Keime gelegt: aber zunächst und vor Allem ist es Deutschlands Beruf, ordnend und richtend in Mitten Europas zu stehen; hiedurch zugleich in die andern Weltgeschicke einzugreifen.

Warum endlich Frankreich, warum England in der politischen Entwicklung uns so mächtig vorangeeilt? Der romanische Geist, oberflächlicher als der deutsche, aber eben deßhalb schneller und gewandter, verwandelt mit eigenthümlicher Leichtigkeit innere Vorgänge in äußere, und indem er geistige Fragen auf die Spitze treibt, ergreift er im Fluge die praktischen Pointen, und zieht er die socialen Konsequenzen. Wie es demnach im germanischen Wesen liegt, auf der Grundlage, die es gelegt, unermüdlich behutsam weiter zu bauen, bis das Werk zur innern und äußern Vollendung gediehen, so ist es der romanische Beruf, den äußern Anstoß mit Macht zu geben, und durch beständige Experimentation das große Werk zu beschleunigen. Fichte, in den Reden an die deutsche Nation, hat dieß in seiner ganzen historischen Bedeutung auseinander gesetzt. Noch leichter ist zu sehen, wie in England die germanische Natur zu einer vollendeten politischen Harmonie heranreifen konnte. Dort war die Reformation anfangs eine Frage der kirchlichen Verfassung; später erzeugte der Calvinismus, der, wie oben gesagt, eben durch seine Abgeschlossenheit eine Anwendung auf staatliche Verhältnisse am schnellsten hervorrufen mußte, einen republikanischen Ausbruch, der ganz verschieden von der französischen Revolution, nur aus einer übertrieben religiösen Anschauung hervorging. Selbst der Deismus des achtzehnten Jahrhunderts vermochte den praktischen Sinn der Nation nicht innerlich zu zersplittern; es blieb ihr jene religiöse Grundlage, worauf die Gesundheit Alt-Englands beruht. Die Engländer sind geneigt zu metaphysischen Diskussionen, aber ohne die Tiefe des Geistes, welche dem Deutschen jede philosophische Frage zur Lebensfrage umgestaltet.

Wäre nun unsere Anschauung deutscher Geschichte die wahre — was soll uns ein Princip für den Augenblick? Was soll es uns für Nationalmacht, für staatlichen Fortschritt, für die Gefahren einer Krise? Denn kein Princip hat noch anders gewirkt, als im Verlauf von Jahrzehnden, ja Jahrhunderten, und eh’ es nicht allmählig von oben nach unten die Massen durchdringt, wie soll es zum Heile gereichen?

Ich antworte nur so viel: einig, mächtig und stark vermag nur dann eine Nation zu sein, wenn ihr Bewußtsein auf einer gemeinsamen Grundlage beruht, wenn Etwas vorhanden ist, worin alle Geister, auch die niedrigsten, sich begegnen. Im Mittelalter, während Guelfen und Ghibellinen die Einigkeit zerstörten, war Deutschland, trotz zahlloser Parteiungen, groß und mächtig, weil der Glaube des Volks nur in Einem Grunde wurzelte, in der Religion. Wie anders heutzutage, da zwischen religiösen und philosophischen, zwischen katholischen und protestantischen, liberalen und konservativen Tendenzen das deutsche Volk unheilbarer zersplittert ist, als irgend ein anderes in Europa. Da hilft es nicht (wie man wohl möchte), deutsch zu sein, was man auch immer sonst sei: deutsch sein, heißt eben zwieträchtig sein, wenn der Eine dieses, der Zweite jenes, der Dritte noch anderes nothwendig und heilsam erachtet fürs Eine Vaterland. Lasset eine Macht geboren werden, welche die Gebildeten um sich sammelt von aller Art und Farbe, in welcher der Glaube des Einen, die Wünsche des Andern sich einigen, wie tausend Strahlen in Einem Lichte, lasset es eine deutsche Macht sein, — und sie wird in Noth und Gefahr uns vorangehen, gleich der Wolkensäule in der Wüste, sie wird den Einen Gott uns wiedergeben, den wir verlassen haben über den vielen Göttern, und mit ihm die Kraft, alle Zwietracht, so viel auch noch übrig bleiben möge, hintanzusetzen, wo es dem Vaterlande gilt. Diese Macht, sie kann nur eine geistige sein, nur von solcher Art, wie sie oben beschrieben worden ist.

In diesem Lichte stellt auch die neueste Zeit sich uns dar. Was sie vorbereitend gewirkt hat für das große Ziel, welche materielle Grundlage sie gelegt, welche geistige Keime sie genährt hat, soll in kurzer Uebersicht betrachtet werden.

[Kapitel V.]
Die neueste Zeit.

Es ist wahr (und es soll damit von all den Wunden, woran trotz dem Deutschland leidet, keine verdeckt werden): eine Wiedergeburt ist mit der Konstituirung des Bundes eingetreten, nicht in Anbetracht der Napoleonischen Zeit (denn ich gehöre, wie gesagt, nicht zu denen, die in der Emancipation eines Volkes von Gewaltherrschaft mehr als das Nothwendigste sehen), sondern im Vergleiche mit dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert. Eine Wiedergeburt; denn das alte römische Reich ist nicht mehr. Es war uns so tief ans Herz gewachsen, daß wir’s heute noch hätten, wär’s nicht von Fremden zerstört; es wiegt uns fort und fort in die alten Träume, es zog uns mit süßen Banden in’s Mittelalter zurück, während rings um uns die neue Zeit hereinschlug. Jetzt, nachdem es gefallen, liegt unser ganzes Leben in der Zukunft; die Augen sind geöffnet und blicken nach einem neuen Reiche deutscher Nation, nach einem heiligen Reiche des Geistes. Und auch nach außen ist es (obwohl wir nichts weniger sind als das, was wir sein sollten), doch anders geworden. Früher waren wir der Völker Spott und den Hunden gleich; jetzt eine Nation von anständiger Art, die man, obwohl sie nicht Stimme hat in den europäischen Sachen, doch zu verletzen nicht wagt, und vor welcher eine geheime Scheu den Völkern inwohnt.

Besser ein Staatenverband mit wenigstens innerem Zusammenhang, als ein Reich mit zahllosen Territorien. Früher hielt man sich stark, mächtig, unbezwinglich, vom Schein der Einheit geblendet; heute weckt das Gefühl der Getrenntheit die Sehnsucht nach innerer Einheit — und die ist, wir mögen nach außen so oder so gestellt sein, der Grund aller Größe. Es lag aber jene Trennung im Plane der Vorsehung, und die sind Thoren, welche in dem unser Unglück sehen, was uns zum Besten gereicht. Nämlich, wie von Alters her der deutsche Geist aller Centralisation abgeneigt, wie er durch alle Zeiten in einzelne Stämme gespalten war, so konnt’ er die höchste Ausbildung nur in der schärfsten Individualisirung seiner Glieder finden; denn je kräftiger diese gedeihen, desto mehr muß der ganze Leib erstarken. Dazu war nun zweierlei vonnöthen: einmal, daß nicht die Spaltung also geschehe, daß die einzelnen Urstämme sich von einander sonderten und am Ende gar zu getrennten Völkern heranwuchsen; andrerseits, daß die gemischten Provinzen, in denen das deutsche Blut mit fremdem (keltischem oder slavischem) versetzt ist, durch und durch germanisirt wurden. Zu diesem doppelten Zweck bildete sich die Landeshoheit nicht organisch, sondern scheinbar zufällig aus; hierzu wurden die Urstämme (die Franken, Sachsen, Schwaben, Thüringer) zersplittert, als in denen der deutsche Charakter niemals untergehen konnte; hiezu die keltischen und slavischen Stämme in größere Reiche (Oestreich und Preußen) vereinigt. Auf so wundersamen Wege wußte die Vorsehung, trotz allem Elend, das Deutschland betroffen, die einzelnen Glieder zu stärken, so doch, daß die Einheit des Ganzen eher wachsen, als abnehmen mußte.

Das ist es, was seit dem Sturze der Kaisermacht, seit dem Verfall der politischen Einheit der Geist der deutschen Geschichte anstrebt. Also mußten einerseits verschiedene Staaten, als eben so viele Kinder des Einen germanischen Volks sich heranbilden, andrerseits die alten Urstämme dergestalt in jene Staaten zerstreut, scheinbar zerrissen werden, daß keiner jemals als eigenes Volk sich zu fassen vermochte. Welch ein ordnender, tiefer Sinn liegt in dem bunten Gewürfel von Tausch, Entschädigung und Arrondissement, aus dem im Wiener Kongresse die deutschen Bundesstaaten sich konstituirten; welch eine leitende Hand in den selbstsüchtigen Entwürfen, die das Partikularinteresse dem einzelnen Staat gebot. Was damals unorganisches Spiel des Zufalls scheinen konnte, ist heutzutage Bürgschaft der Einheit, Merkmal der unauslöschlichen deutschen Nationalität. Wie, wenn im Laufe der Territorialbildungen ein schwäbisches, sächsisches, fränkisches, rheinisches, hessisches Reich sich gebildet, wenn aus der Wiener Kongreßakte etliche zehn Staaten, als eben so viele Urstücke des deutschen Charakters hervorgegangen wären? Und doch ist Zusammenfassung der Stämme von Vielen gewünscht, Verschmelzung aller kleinern Territorien zu Mächten zweiten Ranges von Manchen besser erachtet worden, als die Coalition der größten mit den winzigsten Territorien. Die Vorsehung, die auch nach dem Erlöschen nomineller Einheit auf die innere Erhaltung deutschen Volksthums bedacht war, hat besser gesorgt. Sie hat die Franken nach Baiern und Hessen, die Schwaben nach Baiern, Würtemberg und Baden, die Rheinländer nach Preußen und Baiern, die Sachsen unter hannöversches und preußisches Regiment geworfen, die Hessen, die Sachsen, die Thüringer mannigfach zersplittert, überhaupt eine Mischung hervorgerufen, der jeder Organismus zu fehlen scheint. Denn, Art läßt nicht von Art, Stamm nicht von Stamm, und indem kein Partikulargeist sich allein entwickeln kann, alle sich reiben müssen, ist auf tausend Wegen der feinsten innern Berührung die deutsche Einheit gesichert. Oestreich, das abgeschlossene, zurückgezogene, der mächtigste und doch undeutscheste aller deutschen Staaten, liefert hiefür den klarsten Beleg. Weil es den östreichischen, den böhmischen, den mährischen Stamm, alle unzerstückelt, ohne Vermischung mit den andern deutschen Stämmen, in organischer Ganzheit beherrscht — ebendeßhalb ist der deutsche Charakter hier mehr, als irgendwo dem Partikulargeist des Staats gewichen. Von nicht minderer Bedeutung ist die Menge der souveränen Herzogthümer und Fürstenthümer; sie sind zu klein, um Staaten auch nur dritten Ranges zu bilden, und das zum Zeichen, daß ihre, wie aller Einzelnen Geltung nicht auf der individuellen Macht, sondern allein auf dem gesammten Vaterlande beruht.

Wenn die beschriebene Verfassung, wenn die Erinnerung an die unzähligen Drangsale, welche seit Jahrhunderten, zuletzt unter Napoleon durch Uneinigkeit das Vaterland getroffen, wenn die Erhebung des Volksgeistes in den Freiheitskriegen, wenn die ungeheuern Erfahrungen, die seitdem in politischer und socialer Beziehung Europa gemacht — wenn alles das den Deutschen keinen Drang nach Einigkeit einzuflößen vermag, so sind sie eines Nationalgefühls überhaupt nicht und niemals fähig.

In der That hat sich der Sinn für Nationalehre — mit Zuversicht kann es gesagt werden — seit 1815 steigend gehoben. Vordem waren die Deutschen in Allem, was hieher gehört, ein lächerliches Geschlecht, voll kleinlicher Lokalinteressen einerseits, andererseits kosmopolitische Thoren; in jenem Falle zu engherzig, in diesem zu weitherzig, dem Vaterlande zu dienen. Jetzt will man ein unantastbares, mächtiges Deutschland; man wehrt sich gegen ausländische Anmaßung, man spricht und predigt, man denkt und fühlt sich deutsch. Aber die sind im Irrthum, welche hierin eine Bürgschaft für kommende Gefahr, eine Sicherheit gegen das Schicksal zu finden vermeinen. Der Trieb eines Volks, sich in seiner Ganzheit zu wahren, sich fremden Einflüssen gegenüber zu stellen, ist der erste, den es auf die Welt bringt; er gleicht dem Instinkt der Erhaltung, den die Natur jedem ihrer Geschöpfe mit der Geburt verleiht. Dieser Patriotismus, der einzige, den Deutschland zur Zeit noch besitzt, dieser negative Wille (welcher Nichts weiter erzielt, als was die Scham unumgänglich erfordert), er reichet nicht hin, um zu retten im Augenblick der Probe, um das zu bewirken, was des Vaterlandes würdig ist. Dazu gehört ein volles Bewußtsein, eine gesättigte Tendenz des Nationalwillens.


Letztere zu finden, einen Inhalt sich anzueignen, hat der deutsche Patriotismus seit fünf und zwanzig Jahren gestrebt. So sehr fehlte der Stoff, daß man ins Mittelalter, wie überhaupt in andre Kulturepochen zurückzugehen, seine Herrlichkeit zurückzuersehnen, seine Organismen anzuempfehlen, getrieben war. Höchst verdienstlich war es, dem lange verkannten Mittelalter die Gerechtigkeit zu geben, die ihm eine erbärmliche Zeit verweigert hatte. Die dritte Periode der deutschen Literatur ist durch diese Tendenz charakterisirt; Tieck, Novalis, Friedrich Schlegel haben in diesem Sinne, besonders aber hat für das Verständniß, nicht nur des Mittelalters, sondern der ältesten, wie der neuesten Kultur, August Wilhelm Schlegel gewirkt. Noch ausgesprochener versuchten Joseph Görres und E. M. Arndt, jener als Katholik, dieser als Protestant, beide hochverdient in den Tagen der Befreiungskriege, durch Restauration der alten Grundlagen des Volks- und Staatslebens, die Zeit mit neuem Geiste zu beseelen. Aber frommt es auch, frischen Most in alte Schläuche zu fassen, das neue Kleid mit alten Lappen zu flicken?


Wie vergeblich es sei, aus der Vergangenheit sich Leben erholen zu wollen für die Gegenwart, das hat die Juliusrevolution gezeigt. Dasselbe Deutschland, dessen Jugend eben erst als Opfer der Deutschthümlerei gefallen war, jauchzte jetzt dem französischen Liberalismus zu und gab sich so lange dem Schwindel hin, bis die Zuchtruthe die Meisten zur Besinnung brachte. Später war die Juliusmonarchie dienlich, den revolutionären Principien in der öffentlichen Meinung denselben Stoß zu geben, den schon längst die Aufklärung erhalten hatte; die erste französische Revolution konnte durch die Uebel befleckt erscheinen, womit der Eintritt großer Dinge in die Welt begleitet ist; die zweite offenbarte die Unfähigkeit des Princips selbst, die Freiheit (zum wenigsten eine germanische Freiheit) zu schaffen.

Der lange Friede, wie er durch den Rückblick auf die Vergangenheit, durch Aneignung zahlloser Stoffe, durch das Studium dessen, was ringsumher geschah, unendlich belehrte, mußte zugleich durch Eröffnung eines großen Spielraums für Wissenschaft und Kunst, für Handel und Industrie, für religiöse und principielle Kämpfe die Geister in tausendfältiger Art auf und ab reiben. Zu keiner Zeit ist über die geistigen und materiellen Interessen der Menschheit, über die größten und kleinsten Dinge (wichtigen und unwichtigen Inhalts) mehr gedacht, gesprochen, gestritten worden, als in den letzten Dekaden; und das nicht nur von Einzelnen Begabten (die größte Zeit deutscher Literatur war bereits erloschen), sondern von der Masse der Nation. Deutschland seit 1815, noch mehr seit 1830, gleicht in dem Wogen seiner Gedanken einem unruhigen Meere, mit zahllosen Blasen bedeckt, die so schnell verschwinden, als sie sich auf der Oberfläche gezeigt; — in der Tiefe aber kocht und gährt es, und jenes flüchtige Spiel, das allein dem betrachtenden Auge offen liegt, ist nur das Wahrzeichen eines geheimnißvollen Waltens. So ist seit dem Verfall der romantischen Periode, die neueste Literatur: ein buntscheckiges, tausendfältiges, verworrenes Getriebe, zahllos wie Sand am Meer, und im Einzelnen (mit einigen Ausnahmen) ohne dauernden Werth, flüchtig auftauchend und schwindend, aber von tiefer Bedeutung, als das Organ des allseitigen Geisteslebens, worin die ganze Nation von den höchsten zu den niedrigsten Ständen sich versenkt hat.

Neben dem Allem hat sich, die Masse des Volks geistig und leiblich an sich ziehend, die Industrie erhoben. Ihr Zweck ist, abgesehen von ihrer Wirkung auf materielle Wohlfahrt, ein doppelter: Alle die großen Erfindungen der Zeit, Eisenbahnen, Dampfschifffahrt u. s. f. sind erstlich bestimmt, durch unermeßliche Erweiterung des Verkehrs die nationale Einheit zu fördern. Man kann fürchten, daß im Laufe der Zeit (wenn ganz Europa von einem großen Netze überzogen sein wird) dieser Zweck sich verlieren möge, denn der ungemeine internationale Verkehr scheint die kosmopolitische Sucht eher steigern, als mildern zu wollen, aber diese Zeit, Gott sei Dank, ist noch fern und mittlerweile können wir lernen; Erfahrung wird das Ihrige thun, uns zu Patrioten zu machen. Sodann (und das will noch mehr sagen) ist die materielle Bewegung der Zeit die Unterlage einer kommenden geistigen; hierin liegt ihr tiefstes Gewicht. Einstweilen (ehe noch zu Tage getreten ist, worauf das ganze Leben hinarbeitet) nimmt die Masse das Mittel für den Zweck, stürzt sich mit Sinn und Herz in die Industrie, und vergißt die höheren Güter über der rastlosen Jagd nach den irdischen. Dieser Irrthum wird so schnell und allgemein schwinden, als er eingedrungen ist. — Den mächtigsten Hebel endlich für deutsche Einheit bildet der deutsche Zollverein, binnen eines Vierteljahrhunderts ein preiswürdiges Werk der deutschen Fürsten. Seine Macht liegt nicht nur in den Wirkungen, die er zunächst hervorbringt, sondern in den Konsequenzen, worauf er langsam aber sicher hinführt, in dem ideellen Band, womit er mehr und mehr die Nation umschlingt. Es ist trostreich zu wissen, daß Ein Band deutscher Einheit bestehe, trostreich auch für die, welche von Handel und Wandel, Zoll und Münze Nichts verstehen; genug, daß ein großer Schritt zur äußern, hiermit auch zur innern Einheit geschehen ist. Die Staaten, die sich ausgeschlossen, haben ihren Schwerpunkt (wie Oestreich) außerhalb Deutschlands, oder sie sind (wie Meklenburg) hinter dem allgemeinen Fortschritt der Nation zurückgeblieben, oder endlich sie leiden (wie Hannover) an hergebrachtem Partikulargeist des Regiments. Noch schwerer, als die materiellen, werden die ideellen Folgen der Ausschließung auf ihnen lasten.

Während der Zollverein und die Vertheilung der Völkerschaften auf die innere Einheit, während die materiellen und geistigen Bestrebungen auf das Ziel hinarbeiten, dessen Zukunft die Deutschen einig finden soll, enthüllt das deutsche Staatsleben tagtäglich eine Unfähigkeit der Nation, welche beweist, daß sie von Grund aus umgewandelt und wiedergeboren, daß die ganze Natur durch ein göttliches Feuer elektrisirt werden muß, um Gedeihliches zu Tage zu fördern. Ohne davon zu sprechen, wie eine wahre Verfassung nur aus der Wahrheit selbst (nicht aus entlehnten Stücken französischer und englischer Weisheit) entsprießen, wie sie nur die Frucht eines deutschen Princips sein kann, aus dem allmählig der Staat sich entwickelt: so ist, was die konstitutionelle Wirksamkeit betrifft, kaum zu entscheiden, ob den Regierungen oder ob den Ständen in Mißkennung ihres Berufs, in Halbheit des Wollens und Thuns der Vorzug gebühre. So unfähig jene sind, gesunde Opposition von unreinen Tendenzen zu sichten, überhaupt nur eine edle und männliche Sprache zu hören, so untüchtig zeigen sich diese fast überall, wo es gilt, statt unnützen Geschwätzes und liberaler Phrasen, mit heiligem Ernste, die wahren Interessen zu vertreten, sie zur rechten Zeit mit Entschiedenheit zu behaupten. Gewiß, es ist eben so unerträglich, Minister in den deutschen Kammern zu hören, welche die innere Geltung der Propositionen mit dem Wunsche ihres Herrn motiviren, als Deputirte zu sehen, deren einiges Verdienst darin besteht, mit klingenden Worten nach Popularität zu haschen, und an leicht gewonnenem Märtyrerruhm die eigene Eitelkeit zu weiden. Und selbst da, wo die Opposition (wie in Hannover) von gediegenem Willen beseelt, wo sie von bewußten Grundsätzen geleitet wird, auch da fehlt geschlossene Einigkeit und jene sichere Taktik der Maßregeln, wodurch allein auf gesetzlichem Wege der Sieg zu erringen ist. Wiederum auch da, wo (wie in Preußen) ein höherer Wille des Fürsten dem Volke entgegenkommt, vermag man nicht, die Zeit zu beherrschen, neues Leben ihr einzuflößen, an den Spitzen sie muthig zu ergreifen; nur langsam ihr nachzugehen, hie und da zu versuchen, da und dort zu restauriren, am Ende Nichts zu gewinnen. Es ist aber solch Unglück nicht der Völker Schuld, noch auch allein der Fürsten; noch weniger rührt’s (wie ich oft habe sagen hören) daher allein, daß unsere Verfassungen beschränkt sind und zu eng, um wahren Spielraum den Kräften zu öffnen. Wohl ist das wahr; aber um mit Luther zu reden: „was aus der Kraft der Natur geschieht, das geht frisch hindurch ohne alles Gesetz, reißt auch wohl durch alle Gesetze. Aber wo die Natur nicht da ist, und man soll es mit Gesetzen herausbringen, das ist Bettelei und Flickwerk“.

Also bedarf die ganze Nation von oben bis unten durch und durch einer Erneuerung, aus welcher frisch, verjüngt und gesund die kranke Natur herausgehe, gereinigt von den Schlacken einer schweren Zeit, beseelt von dem Odem eines neuen Lebens. Eben deßhalb erachte ich alle Vorschläge, alle Verbesserungen auf geistigem Gebiete, welche im Einzelnen gemacht werden, so dankenswerth sie sonst sein mögen, für ebenso wirkungslos, als andrerseits Radikalversuche in ungesetzlicher Weise frevelhaft erscheinen. Jene würden in Jahrhunderten das erreichen, was jetzo die Nation begehrt; diese ihr die höchsten Güter entreißen, ohne sie durch neue zu ersetzen. Nur ein göttliches Wort, ausgesprochen von einem gottgesandten Menschen, und eine göttliche Kraft vermag das Chaos zu lichten, an welchem gewöhnliche Kunst, der Fürsten wie Völker, vergeblich nach Ordnung ringt.


[Kapitel VI.]
Beschluß.

Also geht alte, neue und neueste Geschichte des deutschen Volkes Einem Ziele zu. Dreimal seit dem Ende des Mittelalters war Deutschland im Begriff, zu innerer Befriedigung zu erstarken. Einmal zur Zeit Maximilians, als die Reichsverfassung den üppig wuchernden Gliedern des ganzen Körpers Seele verleihen sollte; die Reformation unterbrach das Werk. Zum Zweiten schien es, als sollten in der Zeit der Aufklärung die verschiedenen deutschen Staaten, durch erleuchtete Fürsten beglückt, die neue Bildung ins Leben einführen, welche der Unglaube geschaffen hatte; da kam die Revolution. Zum drittenmal war es, als nach dem Sturz des Alten der deutsche Bund sich konstituirte; eine neue Gestaltung schien nur dem Belieben verständiger und patriotischer Zeitgenossen anheimgegeben. Aber es war dem Kongreß unmöglich, seine eigenen Intentionen (es gab deren hunderte) ins Werk zu setzen. Man mußte sich mit einer negativen Vereinigung begnügen; das Volk selbst fand und konnte keine Vertretung finden: genug, daß alle Staaten durch ein nominelles Band umschlungen werden, genug, daß es eine Versammlung gibt, welche die deutsche Einheit, wäre es auch nur durch Sitzungen, repräsentirt.

Mehr, so gibt es die Natur des Bundes, kann der Bundestag nicht wollen, als die einzelnen Staaten, von denen er beschickt ist. Es liegt aber über die einzelnen Staaten hinaus Deutschlands Wille und Deutschlands Beruf.

Daß dieser Wille endlich einmal zu finden, dieser Beruf einmal zu erfüllen sei, darüber sind wir alle einig. Uns allen schlägt das deutsche Gewissen (oder sollte doch schlagen) bei der Frage, was Großes geschehen sei für das große Vaterland in fünfundzwanzig langen Friedensjahren. So auch wissen wir alle, daß eine äußere Einheit von Deutschland, daß die Veränderung der Konstitution des Bundes, selbst wenn sie möglich wäre, nicht fähig sein würde, jene einige Tendenz zu erschaffen. Wie sie aber zu finden sei, das ist in Nacht und Nebel verhüllt vor den Augen der Mehrzahl. Ahnungen hat sie und dunkle Begriffe von einem Etwas; aber wie die Menschen überhaupt nur zu geneigt sind, die Dinge von außen anzusehen, zu träge, in die Tiefe zu schauen, wenn auch täglich das Spiel der Oberfläche sie fesselt, so wenden sie mißtrauisch sich ab, wenn innere Lösung verheißen wird desselben Zwiespaltes, dessen Früchte sie oftmals so bitter empfunden haben.

Ihr Alle, die Ihr nicht zu glauben vermöget an die unendliche Macht des Geistes, die Ihr nicht ahnet die Kraft des Glaubens, welcher auch heute noch „Berge versetzen“ und „Reiche bezwingen“ kann, Ihr Alle solltet wenigstens in Euch gehen, Euch fragen, was es denn sei, das zum Frieden dient. Katholiken und Protestanten, Süddeutsche und Norddeutsche, wo findet Ihr den Zauber, der Euch einigt? Nicht in der Nationalität, welche Ihr vergessen werdet, wie Ihr sie oft vergessen habt in den Tagen der Gefahr; auch nicht in der Religion, welche Euch Alle umfaßt, denn sie ist es ja, die Euch zersplittert. Oder mußten erst die kölnischen Wirren Euch überzeugen, wie tief in den Herzen des Volkes, wie unauflösbar durch die Länge der Zeit immer noch die religiöse Trennung wurzelt? Ihr saget wohl, dieß sei die letzte Zuckung, und der steigende Einfluß einer vernünftigen Humanität werde nach und nach die tiefern Spuren der Zwietracht verwischen. Auch meint Ihr, „unter allen Ländern Europas sei Deutschland doch das gesegnetste: die materielle Wohlfahrt, wie die geistige Entwicklung wuchere im Schooße des Friedens; jene nichtige Unzufriedenheit, in der die romanischen Länder sich verzehren, jenes wüste Jagen nach einem Gute, das um so ferner rückt, je heftiger es begehrt wird, all das sei unter uns nicht zu finden. Und wenn, wie es in allem menschlichen Regiment zu gehen pflege, viel Beklagenswürdiges bleibe, wie anders sei es doch, als im siebzehnten, im achtzehnten Jahrhundert, wie tröstlich die Keime einer sichtlich wachsenden Besserung!“ Trotz alle dem aber (das allein will ich fragen), wie geschieht es, daß in den edelsten Geistern, in den treuesten Gemüthern ein Sehnen und Hoffen sich kund gibt, nicht jenem gleich, das jede höhere Natur während der kurzen Dauer des Lebens begleitet, sondern gerichtet auf die unmittelbarste Gegenwart, in deren verworrenes Treiben sie mit ahnenden Augen hineinschau’n? Glaubt mir, es lebt etwas in dem heutigen Sinn des deutschen Volks, erhaben über die leichtsinnige Begierde nach neuen Genüssen, über die krankhafte revolutionäre Sucht, die an der eigenen Lust sich steigert: es ist die ungestillte Ahnung eines höhern Gutes.

Das wenigstens werdet Ihr der deutschen Geschichte einräumen, daß sie sich schärfer, als jede andere um den Ideenkern herangebildet hat, der ihr zu Grunde liegt. Was Anderes soll es sein, als ein innerer Vorgang, der auch in unsern Tagen sie zum Ziele führt? Jetzt oder niemals ist die Zeit gekommen, wo Ein Bewußtsein, Eine Hoffnung uns alle einigen muß. Laßt uns halten an dieser Hoffnung, der einzigen, welche die Geschichte, die Natur, der Charakter des deutschen Volkes uns bietet; der einzigen, in welcher wir inneres Leben die Fülle, äußere Herrlichkeit zur Genüge finden. Die Stimme des Propheten aber schallt nicht durch Krieg und Kriegsgetöse hindurch. Im Frieden soll das Wort gesprochen werden, um welches Deutschland sich schaart, um ein einiges, mit einigem Bewußtsein dem Schicksal zu begegnen.


[Zweiter Theil.]
Deutschland und Europa.

[Kapitel I.]
Grundzüge des europäischen Organismus.

Ich komme zu einem andern Theil der Betrachtung. Die politische Lage Europa’s, die Stellung der Völker und Staaten, der Zustand ihrer Bestrebungen sollen uns den Beruf zeigen, auf welchen Deutschland inmitten Europa’s hingewiesen ist. Nicht allein die gegenwärtigen Verhältnisse werden uns beschäftigen; hauptsächlich ihre Gebrechen: was ist, soll in dem Lichte seines wahren, natürlichen, nicht seines zufälligen Daseins erscheinen.

In Wahrheit, seit der Reformation, noch deutlicher für die wenigstens, die nur die Oberfläche sehen, seit der Revolution, ist Europa in unaufhörlicher Gährung begriffen: Alles nur Uebergang, nur Krise oder Intermezzo; die neue Zeit, welche in so unzähligen Zuckungen die Menschheit anstrebt, muß erst noch geboren werden. Die Geburtswehen, hier konvulsivisch heftig, dort langsam wühlend, schildert die Geschichte Europas (um nicht zu sagen: der Erde) seit 1789. — Ich stelle diesen Satz, welcher eben so sehr als Folge der Betrachtung einleuchten soll, schon zu Anfang voraus: einmal, weil es schwierig ist, ohne diese Ueberzeugung überhaupt nur daranzugehen; sodann, weil ich glaube, daß die, denen er noch nicht zur Wahrheit geworden, auch nach hundert Beweisen nicht im Stande sein würden, ihn zu begreifen.

Gleich wie in der deutschen Geschichte, trotz Ursprung, Blüthe und Verfall des Kaiserthums (welches doch ein abgeschlossenes Ganze bildet), noch kein wahres Ende, sondern nur Entwicklung, und immer Entwicklung auf Ein Ziel hin hervorleuchtet, so bildet auch die europäische, trotz ihrer beträchtlichen Dauer, eine ungeheure, fortlaufende Reihe von Entwicklungen, welche insgesammt, obwohl in einzelnen Phasen vollendet, ihre letzte Erfüllung in einer noch kommenden Zukunft finden. Erst die Zerstörung von Konstantinopel (als nominelles Ende der ost-römischen Herrschaft) bezeichnet die Epoche, von der aus das gesammte Europa, aus den letzten Ueberbleibseln römischer Erziehung entlassen, in selbst-eigener Wesenheit aufblüht: so lange Zeit war nöthig, um die Spuren der antiken Welt in den barbarischen Völkern der neuen zu verwischen. Das Christenthum, die innere Seele der ganzen europäischen Geschichte, ist heute noch die Grundlage der Staaten (mit ihrem Willen oder ohne ihn); die große Frage, die sein Leben bedroht, ist zugleich die Lebensfrage Europas: erst, wenn sie beantwortet sein wird, hat Europa ein Ziel der Entwicklung erreicht. Dem verglichen erscheint das Mittelalter in seinen Staaten, wie die große, jugendliche Vorahnung gegenüber der Vollendung des Mannes; dazwischen liegt der schwere Uebergang von der Reformation bis auf unsere Tage; der Uebergang ist erledigt, die Vorahnung (obwohl ein Leben für sich) im höchsten Maße erfüllt, wenn eine neue Aera beginnt. Daher, was immer aus Betrachtung der Gegenwart als Resultat der Zukunft sich ergeben mag, hat nicht bloß für unsere Zeit momentane, sondern auch rückwirkende Bedeutung für Jahrhunderte, ja für Jahrtausende.

Was unsere Zeit verlangt, ist nicht Blüthe einer Epoche, Gesundheit einer Periode, es ist Gipfel der Geschichte, zweite Erlösung der Menschheit. Nicht auf Masse, Umfang, Quadratmeilen steht die Vorsehung, sondern auf den Geist, der auf den verschiedensten Punkten der Erde, in den verschiedenen Völkern lebt: wer den Erdball selber anschaut, statt der Lichtstrahlen, die hin und wieder auf ihm vertheilt sind, wird niemals ihren Gang nur ahnen können.

Die Geschichte kennt bis jetzt drei universelle Tendenzen (Griechenland, als die Mutter der Weltbildung, hat sie alle drei genährt): die römische Weltherrschaft[11], d. i. die absolute Macht des Staats, die päpstlich-katholische, d. i. die absolute Gewalt der Kirche, dazwischen die muhamedanisch-arabische, d. i. die Einheit von Staat und Kirche. Die letztere ist zerfallen in sich; durch die steigende Macht des Christenthums, der Kirche, ist die altrömische, durch die wachsende Mündigkeit des Staats die neurömische Gewalt gebrochen worden. Die vierte universelle Schöpfung gehört der neuern Zeit: Staat und Kirche verbrüdert, d. i. weder die ausschließende Despotie des Einen oder Andern, noch die Verschmelzung beider, sondern ihr wahres Verhältniß, wurzelnd in der gerechtfertigten Wahrheit der zwei Grundlagen, worauf sie beruhen. — Das sei von vorn herein gesagt, um zu zeigen, mit welchem Rechte ein weltumfassendes Gewicht einer Zeit, wie die unsrige ist, beigelegt wird. —

Um das wahre Sein der Gegenwart vom trüglichen zu scheiden, ist uns die Kenntniß der Gesetze nöthig, auf welche die Organisation der Völkergruppen von Europa gebaut ist. Alles ist hier Ordnung, nichts Zufall; die Gliederung der europäischen Völkerfamilie ist eine dergestalt organische, daß Europa ohne sie zerfallen würde. Die Analogie mit der ganzen menschlichen Familie soll das beweisen.

Man findet den alten Kontinent von zwei Raçen bewohnt, deren jede in zwei scharf geschiedene Gattungen zerfällt. Kaukasier auf der westlichen, Mongolen auf der östlichen Hälfte; im Südwesten als Unterart dort die Semiten, hier die Chinesen. Gestalt und Bevölkerung der ganzen Erde, alle Raçen die sie trägt (sie mögen primitiv sein, oder nicht) erklären sich durch jene Vierheit. Amerika entspricht dem kaukasischen, Afrika dem arabischen, Neuholland dem mongolischen, Japan dem chinesischen Stamm. Kaukaser haben Amerika, Araber Afrika bevölkert; eine Abart der mongolischen Gattung sind die Malayen, der chinesischen die Japanesen.

Nicht anders gibt es in Europa zwei Stämme, in je zwei Gattungen gespalten. Germanen auf der westlichen, Slaven auf der östlichen Hälfte; im Südwesten die Westromanen, im Südosten die Ostromanen. Der Geist ruht, wie oben, im Westen, der Zug der Geschichte geht, wie oben, von Süden nach Norden: von Griechenland und Rom nach Germanien, wie von Indien und Palästina nach Europa. Diese Organisation wird durch die Bildungsgeschichte Europas gerechtfertigt. Das weströmische Reich hat die germanischen, das oströmische Reich die slavischen Völker zur Bildung, wie zur Vermischung überkommen: so mußten dort die westromanischen, hier die ostromanischen (griechisch-slavischen) Stämme entstehen. Die Slaven (heutzutage Rußland) stellen in Europa das Princip der Barbarei vor, das heißt der materiellen Gewalt, wie die Mongolen in der alten Welt überhaupt. Die Romanen mit ihrem unstäten, entzündlichen Geist, ewig anregend und weckend, gleichen den Semiten, aus denen (durch drei Religionsstiftungen) der Anstoß aller Geschichte hervorgegangen ist; die Germanen sind für Europa, was die Kaukasier für die Erde; der Weltgeist ruht auf ihnen, sie bilden die oberleitende, im letzten Grund bestimmende Macht. In Ostromanien endlich vereinigen sich die europäischen Tendenzen, wie in China die ostasiatischen, es ist das Areal Europas, wie China der Sitz des Reiches der Mitte.

Jeder der genannten Stämme Europas strebt nach der Beherrschung des ihm analog Verwandten. Die Germanen werden zu den Kaukasiern (englische Macht in Indien und Persien), die Romanen zu den Arabern (Zug der Franzosen und Spanier nach Aegypten und Afrika), die Russen zu den Mongolen (Ausbreitung der russischen Macht in der Tartarei, in Ostasien überhaupt), hingezogen. Umgekehrt sind früher die Spanier von den Arabern, die Russen von den Mongolen beherrscht worden. Man vermißt eine ähnliche Berührung der Ostromanen und Chinesen, weil die Wesenheit beider weniger in ihrem selbstständigen Charakter, als in der Beziehung auf die andern, in der Zusammenfassung liegt[12]. Im Uebrigen liegt in dieser Parallele die äußere Zukunft Europas, die künftige Gestaltung, die Einheit der Erde.

Gleicher Weise herrscht in der Organisation der Familien Europas ein Gesetz, das in anderer Form denselben Grundzügen, wie das obige folgt. Wir sahen im Allgemeinen zwei Grundraçen, in je zwei Gattungen getheilt. Im Einzelnen findet man jede Familie in drei Nationen gespalten, von denen je zwei den Typus der Familie ausdrücken, die dritte, in eigenthümlicher Art, den Uebergang zur nächsten oder die Vermittlung zwischen mehreren bildet[13]. Deutsche und Skandinavier, Franzosen und Spanier, Russen und Polen, Griechen und Wallachen, sind die Nationen von rein germanischer, westromanischer, slavischer, ostromanischer Natur. Ungarn ist dem germanischen, Serbien dem slavischen, Italien dem ostromanischen, England dem westromanischen Typus, jedes innerhalb seiner Sphäre, nahe gerückt. Selbst in Zusammensetzung der Nationen (in Engländern, Schottländern, Irländern, in Dänen, Schweden, Norwegern) kehrt die Dreiheit und in derselben Art wieder. Was hierüber hinausgeht, ist nicht in dauerndem Organismus, nur in zeitiger Entwicklung begründet. Holland, Belgien, die Schweiz, Altpreußen, Portugal mögen frei bleiben, wie sie es sind, aber nie werden sie es in Wahrheit sein, ohne dem größern Organismus sich unterzuordnen, dessen ausgeprägtere Glieder sie sind. Dänemark, Norwegen, Schweden können, was sie sein sollen, niemals werden, ohne einig zu sein. Die Natur will überall Freiheit, Leben und Eigenthümlichkeit, aber sie will es nach einer bestimmten Ordnung, welcher die Freiheit selbst nicht zuwiderlaufen darf, ohne zur Willkühr und eben dadurch zur Schwäche herabzusinken.

Das sind die Gesetze, nach denen das Wachsthum und die Harmonie Europas sich regelt. Man werfe nicht ein, daß sie aus der jetzigen Lage der Dinge, zum Theil aus den neuesten Ereignissen geschöpft sind, daß ihre Dauer in Zukunft so wenig verbürgt ist, als ihr Dasein in der Vergangenheit. Europa ist noch jung, es ist nicht lange her, daß die Engländer, daß die Spanier, die Russen sich konsolidirt haben, die neueste Zeit erst hat die Griechen zur Nation gemacht, die Türken an den Rand der Vernichtung geführt, erst sie hat überhaupt den Begriff der Nationalitäten zum Bewußtsein erhoben. Jene Harmonie, obwohl in unsern Tagen erst durchschimmernd, lag doch vor Jahrtausenden schon im Keime in der Gestaltung Europas, gerade wie im Embryo alle Bedingungen des vollkommenen Körpers gegeben sind.

Das Modell dieses Körpers aufzustellen, ist in obigen Gesetzen versucht worden: die natürliche Politik der Staaten, ihre Tendenz und Ausdehnung, das Gleichgewicht, so weit es Wahrheit hat, das Alles prägt sich daran aus. Gleich wie der Mensch die gesammte Natur beherrscht, weil er als Mikrokosmus den Makrokosmus in sich trägt, so ist Europa der Mittelpunkt der Erde, weil ihre Organisation, die Stellung ihrer großen Raçen, weil das ganze All in seinem kleinen Raume sich abspiegelt. Wiederum, wenn es ein Land gäbe, in welchem Europa eben so sehr sich wiederfände, als die Welt in Europa, so würde dieses das Haupt des Welttheils sein. „Das Volk, sagt Johann von Müller, welches die Eigenschaften, denen Europa seine Uebermacht schuldig ist, in vorzüglichem Grade besitzt, wird in Europa selber das erste sein“.


[Kapitel II.]
Die Revolution und Napoleon.

Der Kampf der altgermanischen Freiheiten in Europa gegen die aufstrebende Monarchie hatte in Frankreich zuerst mit dem Siege des Königthums unter Louis XI. geendigt. Also erhob sich von hier aus die Revolution: die Fäulniß der Monarchie brachte, wie einst das Verderben der Kirche, Principien zum Ausbruch, die längst geschlummert hatten. Alle Länder Europas, in denen der Absolutismus gesiegt hatte, mußten im Verlauf der Erschütterung umgewandelt werden; Napoleon beherrschte ganz Europa, mit Ausnahme von England und Ungarn, wo die alte Freiheit sich erhalten, von der Türkei und Rußland, wo der Despotismus, in der Natur der Völker wurzelnd, keine Freiheit überwunden hatte. Er scheiterte an Rußland, weil die russische Barbarei von dem französischen Andrang nur äußerlich, nicht innerlich berührt werden konnte.

In Deutschland hatten lange Kriege das Dasein des Protestantismus entschieden; nach diesen blieb Ruhe. In Frankreich war unter kleineren Kämpfen die Reformation von der Monarchie unterdrückt worden; aber später mußte dieselbe Bewegung, die den Katholicismus untergrub, zugleich seinen Verbündeten, den Thron, vernichten.

Es ist leicht, in den Zuständen unter Louis XVI., in den geistigen Vorgängen schon der früheren Zeit, die Ursachen der Revolution zu suchen, sie zu zergliedern und aufzuzählen. Man hört sie gläubig an, findet die Folgen natürlich und nothwendig; aber nach aller Berechnung bleibt jener Eindruck des Wundersamen und Plötzlichen, der der französischen Umwälzung so unvertilgbar anklebt, daß er ihren eigensten Charakter bildet. Eine tiefe Wahrheit liegt ihm zu Grunde. Alle früheren Revolutionen, alle Fortschritte und Rückschritte der Völker entwickelten sich in traditionellen Verbindungen, überall reihte sich Glied an Glied.

Damals plötzlich taucht ein Gemeinwesen auf, neugeschaffen nach den Erkenntnissen des raisonnirenden Verstandes. Das war in keiner Geschichte noch geschehen. Vielleicht kommt die Zeit, wo diese Handlung sich wiederholt, wo (nach dem Wunsche aller Idealisten von Plato bis auf Fichte) die Menschheit sich nach wahren Principien regelt. Die Wahrheit aber, weil im tiefsten Zusammenhang mit aller bisherigen Geschichte, würde nicht zerstören, nicht einmal überraschen; sie würde nur die Schuppen von den Augen der Menschheit nehmen. Jener dämonische Uebergriff, jener staatliche Aufbau, aus der Aufklärung gezimmert, welche selbst ein leichtsinniger Uebergriff gewesen, verursacht das Erstaunliche der Revolution. Jemand hat die Revolution einen Rausch des Weltgeistes genannt; sie war ein Rausch, und die Abspannung der trunkenen Völker ist die Geschichte der Romanen bis auf diesen Tag. Wären die Principien der Revolution die wahren gewesen, selbst dann wären die Franzosen unfähig, sie ins Leben zu führen: wie vielmehr, als sie falsche und überdieß auch diese nicht verdaut, entgegen tausendjähriger Tradition, zur Grundlage des Staates erhoben. Solche Arbeit war dem romanischen Geiste zu viel: Frankreich und Spanien, Portugal, auch Italien, tragen noch heute die Spuren theils innerer, theils äußerer Zerrüttung.

Von nun an trat die souveräne Berechtigung des Volkes der geweihten Legitimität der Fürsten gegenüber; früherhin, besonders im Mittelalter, schienen die Rechte der Nationen sich eben so sehr von selbst zu verstehen, als eine kirchliche Weihe der Fürsten, wodurch die menschliche Wahl oder Erbordnung höhern Charakter erhielt. Nun stellte man Beides auf die Spitze, Dogma gegen Dogma, und der Kampf begann, wie in den Zeiten der Religionskriege. Sollte nicht endloses Blut vergossen, sollte nicht Europa entweder den absoluten oder anarchischen Principien (beide gleich verderblich) zur Beute fallen, so mußte eine gewaltige Hand die Gegensätze vermitteln, Fürsten und Völker bezwingen, um durch leibliche Gefahr die geistige Gluth zu kühlen.

Dazu war Napoleon gesandt. Die Natur gab ihm ein selbstsüchtiges Gemüth (ohne welches die Rückkehr zum monarchischen Princip unmöglich gewesen) und einen Geist, so groß und noch glänzender, als er tausend Jahre zuvor in Karl dem Großen erschienen war. Man vermißt bei Napoleon den leitenden Plan, der sich durch Karl’s mannigfache Unternehmungen hindurchzieht; man sieht ihn ohne klares Bewußtsein von einem Schritte zum andern getrieben. Sein Wollen, die Intentionen seines Geistes überwogen die innere Kraft; beide kreuzten sich, erst auf St. Helena wurde ihm selbst das Werk seines Lebens klar, er lernte seine Sendung verstehen. So wunderbar die Revolution immer noch erscheint, so dämonisch fremdartig ist seine Gestalt in unserer Zeit. Die bewegenden Ideen des Zeitalters blieben einem so mächtigen Geiste fremd: von Protestantismus und Katholicismus, von Liberalismus und Monarchismus, als Problemen der Zeit, blieb er unberührt. Man hat ihn einen Mann nach dem Zuschnitt Plutarchs genannt; mir erscheint er, wie einer der alten orientalischen Eroberer, von denen nur dunkle Geschichten auf uns gekommen, in die moderne Welt versetzt. Jene Selbstsucht, wie diese Kälte gegen die Freiheit (der Grundidee der neuern Zeit) hat ihn gestürzt; beides aber stempelte ihn zu der Persönlichkeit, die auf zwei Jahrzehnde dem sonst tödtlichen Principienkampf Stillschweigen gebieten konnte. Selbst den Organismus der Völker hat Napoleon nie beachtet; später war er kühn genug, die innerlich sinnlosen, für den Moment nützlichen, Zerstücklungen als eben so viele Mittel zur Erweckung der erloschenen Nationaleinheit (in Deutschland und Italien) darzustellen. Er kannte die Franzosen, und baute gleichwohl auf sie, hielt sie gleichwohl für fähig, seine Herrschaft zu erben; obschon eine Uebertragung des alten Kaiserthums (das er nur in seiner Nichtigkeit kannte) ihm niemals in den Sinn kommen mochte. Ungeheuer und bis auf diesen Tag lebendig sind die Wirkungen seines Daseins. Durch ihn ist das römische Reich gestürzt, und Deutschlands heutige Verfassung, Deutschlands innere Einheit herbeigeführt worden; er hat Spanien aus dem Todesschlummer geweckt, England auf den Gipfel der Macht, wie an den Rand des Abgrundes gestellt; er dem russischen Staat, der anfangs die Herrschaft mit ihm getheilt, dann in erster Linie ihn besiegt hat, seine unnatürliche Bedeutung verliehen; durch ihn sind die Wohlthaten der Revolution den Völkern bewahrt; durch ihn der status quo ins Leben gerufen worden, welcher Nichts ist, denn Vermittlung der ideellen, wie der politischen Gegensätze; durch ihn der lange Friede voll geistiger Gährung, das künstliche Gleichgewicht, und die Gebanntheit des Willens, woran Europa leidet; er endlich hat das letzte warnende Beispiel unorganischer Gewaltherrschaft gegeben, er auf immer die Nationalitäten geschieden. — Die Zurückführung seiner Asche nach Paris ist ein merkwürdiges Zeichen der Zeit. Ganz Europa hatte ihn verbannt, ganz Europa hat sich mit dem Wiedergekehrten versöhnt. Von nun an gehört er der Geschichte an; die Leidenschaften verstummen, wenn die Nachwirkung endet, die ein gewaltiger Mann in Liebe und Haß auf die Zeit, die ihm zunächst liegt, ausübt. Diese Zeit scheint ihrem Ende zu nahen und eine neue Epoche beginnt.

Nach ihm ist keine Hegemonie gedenkbar, als die innere der Natur und des Geistes, keine Gewalt mehr der Eroberung, als die Alles bezwingende Gewalt der Idee.

Napoleon vereinigt als Korse den römischen, italienischen, maurischen, afrikanischen, durch Erziehung den französischen Typus. Romane ist er ganz und gar, und der höchste Ausdruck romanischer Geschichte. Romanische Hegemonie, das hat er auf ewig gelehrt, widerstreitet der Ordnung von Europa; um zu herrschen, mußte er den Organismus der Völker zerstören. Ob germanische ihr ebenso zuwider, ob sie ihr nicht ersprießlich, ja nothwendig sei, wird die Zukunft lehren.


[Kapitel III.]
Die romanischen Völker.
Frankreich und die pyrenäische Halbinsel.

Um französisches Gefühl, um die Täuschungen französischer Politik zu begreifen, darf man nie vergessen, daß seit Richelieu Frankreich den mächtigsten Staat Europas gebildet, daß es in der Civilisation (gleichviel hier ob in wahrer oder falscher), in Kriegskunst und Administration lange Zeit hindurch der Lehrmeister Europas gewesen, daß keine Macht ihm gegenüberstand, welche für den einheitlichen Ausdruck germanischen Volksthums gelten konnte, daß die Franzosen, sonach gewöhnt an die erste Stellung, in der Revolution auf eine geistige, durch Napoleon auf eine politische Höhe erhoben wurden, die ihr Bewußtsein verrücken mußte, daß endlich der wahre Grund französischer Größe in einem inneren Vorgang liegt, dessen Falschheit einzusehen auch heute noch nur den tiefer Denkenden beschieden ist. Mit Einem Wort, da seit dem westphälischen Frieden keine Nation mächtiger auf die Gestaltung und Kultur Europas gewirkt hat, als die französische, da die Deutschen zwar unendlich viel gedacht und geschrieben, aber Nichts gethan haben, um den Franzosen ihr Uebergewicht zu beweisen, so sind die französischen Prätensionen, obwohl falsch und hohl, doch des vornehmen Gelächters nicht werth, das von so Vielen aufgeschlagen wird, welche, warum sie falsch und hohl sind, nicht zu sagen vermöchten. Gerechtigkeit vor Allem geziemt der unparteiischen Betrachtung; sie zu üben, muß sie in das Bewußtsein der Nation sich versetzen, von der sie zu sprechen hat.


Die Betäubung, durch zweimalige Invasion, der Schlummer, worein die ungeheuern Erlebnisse der Revolution und des Kaiserreichs die Franzosen versetzt, machten fünfzehn Jahre lang die Restauration möglich, eine Regierung, die an 1788 anknüpfte. In der Juliusrevolution erwachte Frankreich. Man besann sich, was Frankreich gewollt; die Macht der Idee wurde wieder lebendig, Frankreich wieder der erste liberale Staat. Was die Revolution Herrliches geleistet, sollte in der konstitutionellen Monarchie, was das Kaiserthum Großes gethan, sollte auf dem Wege des Geistes, durch die Sympathie der Völker sich wiederholen. Es schien, als sollte der neue Tag der wahren Freiheit über die Völker hereinbrechen. Es war ein großer Irrthum; kein Volk kann von der Vergangenheit zehren, insonderheit wenn diese selbst der innern Wahrheit entbehrt. Ein neues Princip war nicht gefunden; nur das Beste von Allem sollte in Auszug genommen werden. So geschah, daß Frankreich aus eben so viel Parteien besteht, als es seit 1789 Epochen durchlebt hat.


Europa zerfiel wieder in zwei große Lager; diese ordneten sich klarer, indem die Quadrupelallianz der Tripelallianz entgegentrat; und das Gleichgewicht erhielt seine letzte Ausbildung. Als die erste französische Revolution dem Sturme gleich die morschen Stützen des europäischen Wesens zu entwurzeln drohte, schickte Gott, um Europa zu retten, uns einen Titanen. Auch die zweite drohte ähnliches Unheil, auch damals schien ein Principienkrieg Europa verheeren zu wollen; aber wie sie nur ein Nachhall war der ersten, so war jetzt nur die Klugheit eines berechnenden Mannes nöthig, um den Frieden zu wahren. Zuweilen beliebt es der Vorsehung, einzelne Menschen zu Ecksteinen zu stempeln, an denen die Fluth der Ereignisse an- und abprallt, in schwache Hände das Schicksal eines Welttheils zu legen, wie sie umgekehrt oft kleine Dinge durch die stärksten erzielt. Solch ein Mann ist Louis Philipp; seine Anschließung an die dynastischen Prinzipien, so unerwartet von dem Sohne der Revolution, hat die Ruhe Europas gerettet, aber, weil zuwider dem Wunsche der Nation, und erreichbar nur durch geheime Wege, Frankreichs Ruhe untergraben. Frankreich konnte gedeihen, wenn ein Mann von Kraft, der Freiheit zugethan, aber souverän durch die Macht seiner Persönlichkeit, dem zerrissenen Wollen der Franzosen außerhalb Europas ruhmvolle Bahnen öffnete. Die Restauration hatte eine solche Erbschaft hinterlassen. Davon ist an Louis Philipp wenig zu sehen; eine ungemeine Gewandtheit, die man Weisheit nennt, eine eben so große Erfahrung, ein Herz, das für eigene Interessen am wärmsten schlägt, sind die Eigenschaften, die ihn charakterisiren. Wenn Napoleon Cäsar war, doch ohne die Güte seines Charakters, so ist Louis Philipp mit Oktavian zu vergleichen, der ihn gleichwohl in politischer Einsicht (freilich auch in Charakterfehlern) übertrifft. Sein Werk ist das Justemilieu, das ist die Kunst, aus den verschiedenen Zahlen einen Durchschnitt zu ziehen, den man fälschlich für eine Größe hält. Da diese Politik aller geistigen Wesenheit eben so sehr, als aller moralischen Kraft entbehrt, so ist Frankreich binnen zehn Jahren zu einer Zerrüttung herabgesunken, in deren Folge das sittliche Leben der Nation in einem Meere von Intriguen verschwimmt.

Das Justemilieu also, weit entfernt, sie zu heilen, vermehrt die tiefe Erschöpfung des Geistes und Gemüths, worein die erste Umwälzung Frankreich gestürzt hat. In der Revolution liegt der Saame des Unkrauts, das heute dort so reichlich wuchert; schwerer als der dreißigjährige Krieg auf dem deutschen Volke gelastet hat, lastet sie noch auf dem französischen. Die Aufklärung hatte das religiöse Bewußtsein in Frankreich zerstört, die Revolution vernichtete vollends den moralischen Gehalt, und flößte den Gemüthern jene unselige Hast nach Neuem, den Geistern jene flatterhafte Unruhe ein, welche, ohnedieß im französischen Charakter begründet, durch ewiges Negiren jede positive Schöpfung im voraus unterwühlt oder wo sie da ist, mit dem Tode bedroht. In Deutschland hat eine innere und äußere Erhebung des Volksgeistes die Principien der „Aufklärung“ (der Voltaire’schen Zeit) umgestoßen; in Frankreich sind sie unwiderlegt bis auf diesen Tag, ja genährt durch die Dummheit der Restauration; und vergebens strebt man, mit äußeren Waffen die Gleichheit zu bekämpfen, die zu tief in der innern Anschauung der Gesellschaft gegründet ist. So verlangt der Pöbel seine Rechte; wie nach und nach im Mittelalter der Bürger, in der neuern Zeit der Bauer sie erhalten hat, so will auch der Proletarier zum „souveränen Volke“ gehören. Wie nun diese Klasse durch keine tiefere Beziehung an die Gesellschaft gebunden ist, als durch die äußere des Arbeiters zum Brodherrn, so scheut sie, um zu ihrem (nach den Principien so heiligem) Rechte zu gelangen, keine Mittel; aus ihrem Schooße gehen die Königsmörder hervor, deren gehäufte Zahl Europa in Staunen versetzt hat. Diesem Uebel, fressend am Kern des Staates, geschieht kein Einhalt (wie in England) durch den gesunden Sinn der Nation, durch die natürliche Achtung der Stände und des Ranges; vielmehr die letztere wird eben durch die höhern Klassen selbst verwischt, welche von Emporkömmlingen wimmeln, sei es des Geldes oder der Intrigue; denn auch das Talent, die einzige noch übrige Aristokratie, kann nur durch Geld oder Intrigue sich erheben. — An dieser Immoralität, an der allgemeinen, wie an der eignen, scheitern die wenigen Staatsmänner, die Frankreich besitzt. Es ist höchst bezeichnend für die Unnatur französischer Zustände, daß der mindeste Grad von Talent und Moralität unter den Anhängern des Justemilieu, des gegenwärtig herrschenden Systems sich findet, während die Republikaner unter allen den tüchtigsten Charakter, die Legitimisten eben so viel Geist entfalten; zwei Parteien, wovon die eine wegen der sittlichen Umkehr des Heiligsten, die andere wegen ihrer Dummheit von der Geschichte gerichtet ist. Dem Justemilieu kann weder Guizot, der Professor, tiefern doctrinellen Inhalt, noch Lamartine, der Poet, idealen Zauber geben. Der sprechendste Ausdruck des heutigen Franzosen, seines nationalen Wollens eben so sehr als seiner schweren Verdorbenheit, und einzig möglicher Mittler zwischen Krone und Volk, ist Thiers. Eine kleine Partei gibt es in Frankreich, welche in der Religion allein das Heilmittel für den gesunkenen Nationalgeist findet; in der Politik will sie gesetzliche Freiheit und Beschützung des Principes der Freiheit in Europa. Sie allein, obwohl gering an Zahl, enthält Keime des Lebens, die die Zukunft zur Reife bringen kann. Aber auch sie kann, selbst wenn sie mächtig wäre, Halt und Einheit ihrem Vaterlande nicht wiedergeben.

So sind die Grundlagen des Staats, wie die des Volksbewußtseins in Frankreich vernichtet. So tiefe innere Zerrissenheit kann nur durch eben so tiefe innere Vorgänge geheilt werden. Dieselbe Weltanschauung, welche in einer großen Literatur sich ausgesprochen, in einer großen Umwälzung sich verkörpert hat, liegt jetzt in ihrer ganzen Oede der Welt vor Augen. Eine neue positive zu schaffen (d. h. sich selbst zu verjüngen), das ist dem französischen Geiste überhaupt nicht, am wenigsten in seiner heutigen Erschöpfung beschieden. Wir haben im ersten Theile gezeigt, wie diese den Deutschen vorbehalten sei. Unumwunden und bestimmt sei es hier ausgesprochen: Frankreich hat von Deutschland seine Rettung zu erwarten. Gleichwie im achtzehnten Jahrhundert die französischen Prinzipien Deutschland überfluthet, wie der französische Geist durch seine Kühnheit den deutschen bezwungen, ihn gestachelt und beflügelt hat, so wird jetzt wiederum der deutsche auf den französischen zurückströmen, wird die philosophischen und socialen Fragen, an deren vorschneller Behandlung er sich verblutet hat, ihm gelöset überantworten, wird neue Lebenskraft und die Fähigkeit, sich zu fassen und zu einigen, ihm wieder verleihen.

Zu all den innern Uebeln gesellt sich in Frankreich die Centralisation, die einzige Maxime, welche seit Ludwig XI. durch alle Phasen seiner Geschichte sich gleichmäßig hindurchzieht, früher die Ursache seiner Macht, jetzt die Mehrerin des Verfalls, weil sie die Entwicklung der Provinzen, die Freiheit der Gemeinden und das Wachsthum der Kultur in gleichem Maße verhindert. Die Parteien, wenn auch nicht, wie sie jetzt sind, doch im Allgemeinen, werden in Frankreich niemals verschwinden. Aber, während sie jetzt, in Einem Punkte vereinigt und vergiftet durch die Verdorbenheit der Hauptstadt, sich gegenseitig verzehren, so würden sie als eben so viele Ausflüsse der Provinzialcharaktere das Gedeihen des Staates fördern. Politische und wissenschaftliche Intelligenz, Bildung und Tüchtigkeit kann erst, wenn die Provinzen sich emancipiren, in der ganzen Nation erwachen. Ich glaube, daß die Befestigung von Paris, obwohl der Triumph des Centralsystems, wie der Dynastie überhaupt, die Franzosen von einer geistigen Tyrannei befreien wird, gegen die sie jetzt, inmitten aller gerühmten Freiheit, kaum zu sprechen wagen, ja die sie kaum fühlen. Das befestigte Paris, unfähig der innern Gewalt zu widerstehen, begibt sich des Vorgangs, den es in allen Umwälzungen und Staatsstreichen geübt, und der Geist des Volkes, bisher ein Eigenthum der Pariser, wird bei der nächsten Krise sich auf die Provinzen legen. Deutschland und Frankreich bilden hierin ein reines Widerspiel: zur Zeit der sächsischen und fränkischen Kaiser war Frankreich unendlich zersplittert; je mehr die kaiserliche Macht verlor, desto mehr gewann die königliche; Deutschland war kaum noch föderirt, während unter Ludwig XVI. und von ihm bis Napoleon die Centralisation culminirte. In unsrer Zeit werden Beide sich begegnen (ohngefähr wie in der Mitte des Mittelalters): Deutschland wird durch nationale Einheit des Bewußtseins dem centralistischen, Frankreich durch die Opposition der Provinzen dem föderalen Principe sich nähern.

Als erste romanische Macht hat Frankreich Einfluß in Afrika, in der Levante, im Mittelmeere zu suchen, es hat Spanien und Portugal an seine Politik zu fesseln. Alles das wird wenig erkannt, noch schlechter geleitet. Algier ist durch ungeschickte Verwaltung, durch ewigen Wechsel der Systeme, durch schwankenden Willen der wunde Fleck des Staats geworden. Man begriff die Wichtigkeit Egyptens und beschützte den Pascha. Aber statt seine Barbarei im Zaume zu halten, statt die Oberflächlichkeit seiner Civilisation zu bessern, gab man sich kindischen Täuschungen hin, und als die Zeit der Gefahr nahte, wurde der Schützling verlassen. Der Einfluß im Orient wurde verloren. In Spanien hat die zweideutige, unwissende Politik der Franzosen die Zuneigung der Nation auf lange untergraben. Die sonstigen Unternehmungen sind Spielereien, denen nicht nur geistige Bedeutung, sondern auch jeder moralische Nachdruck fehlt.


In Folge davon wirft sich der Volksgeist, von neuen Erinnerungen getrieben, von uralter Eitelkeit gestachelt, auf das germanische Europa. Bittere Erfahrungen müssen den Franzosen zeigen, daß sie weder die Erstgebornen der Civilisation, noch das herrschende Volk des Kontinents sind, wofür sie sich halten.


Die Politik der älteren Bourbonen (obwohl in andern Dingen einsichtsvoller, als die jetzige), die Revolution und Napoleon, heutzutage Legitimisten und Republikaner, Alle kommen darin überein, sich auf deutsche Kosten zu bereichen. Dagegen ist mit Worten nicht zu kämpfen; seit der Reformation kennen die Franzosen kein anderes, als ein zersplittertes Deutschland, ja selbst besiegt von den Deutschen sind sie gewohnt, in den Friedensschlüssen die Sieger zu täuschen (wie im Rastadter Frieden 1714, im ersten und zweiten Pariser Frieden); deutsche Kraft konnten sie um so weniger achten lernen, als die Deutschen niemals anders, denn mit Alliirten gesiegt haben, als auch Napoleon nicht von Deutschland, sondern von Europa überwunden worden ist. Man wundert sich, daß die französische Nation auch jetzt noch die Schwäche eines Nachbarn benutzen will, den sie Jahrhunderte lang ausgebeutet hat. Wir würden dasselbe thun, und haben in Polen dasselbe gethan. Die Polen aber haben uns gehaßt, die Theilung von Polen war ein Gewaltstreich; die Franzosen sind von uns geliebt, bewundert, nachgeahmt und nachgeschrieben worden, ja noch letzthin, als die Lockpfeife der Juliusrevolution erschallte, haben deutsche Affen und deutsche Bären ihr nachgetanzt; wie sollten da die französischen Begriffe sich ändern? Darum ist es wohl nützlich, in der Presse den französischen Anmaßungen zu begegnen, deutschen Sinn endlich einmal in ihre Ohren zu schreien, aber damit ihre Köpfe zurecht zu setzen, das wäre thörichte Einbildung. Thaten allein, große und schwere Thaten vermögen das; ein Bewußtsein, auch das tüchtigste, wenn wir ein solches hätten, läßt sich Andern nimmermehr einflößen; haben wir doch schon früher, 1813-1816, antifranzösisch gesprochen und geschrieben, und im Uebermaß, aber nur um nachher desto lächerlicher zu werden. Warum war die französische Politik so gesund im Mittelalter, ausgebreitet nach dem Orient, bescheiden gegen Deutschland? Weil wir groß waren und unantastbar, weil durch Thaten, nicht mit Worten jede französische Anmaßung gezüchtigt wurde. Lasset Macht und Stärke, Kraft und Einheit wieder erstehen, lasset im Osten oder Westen, im Norden oder Süden ein deutsches Werk geschehen von altgewaltiger Art, lasset ihnen sehen, daß Deutschland ein anderes, ein ganz anderes geworden ist, zeigt es ihnen, daß sie’s mit Händen greifen und fassen, mit Augen und Ohren sehen und hören, mit Sinnen spüren müssen — und das alberne Geschrei nach der Rheingränze wird im Nu verstummen, man wird sich schmeicheln, von dem nichts einzubüßen, was man bisher noch behalten hat[14].

Dann erst, wenn wir das Verständniß unserer Natur, ein ungeahntes Verständniß, den Franzosen eröffnet haben, dann erst und früher nicht, wird die wahre Stellung zu Deutschland sich entwickeln, die einzige, die den Franzosen selbst, wie dem europäischen Organismus frommt. Diese soll eine friedliche, freundliche sein, als der ersten romanischen zur ersten germanischen Nation, getragen von dem natürlichen Verkehr, der die zwei wichtigsten Kulturvölker Europas verbindet, von der Ehrfurcht, die dem romanischen Geiste gegen den germanischen, von der Achtung die diesem gegen jenen geziemt. Die Franzosen sind die besten Soldaten Europas, wir größere Männer. Sie sind geschickter in diplomatischen Künsten, wir in der großen Politik, in aller tiefern Staatskunst ihnen überlegen. Sie schreiben klar und verständlich, wo wir oft dunkel und unschön, aber unwissend und oberflächlich, wo wir gutunterrichtet und gründlich. Sie raisonniren, wo wir denken; sie haben ein Ehrgefühl, das allezeit entzündet wird, wir eine Begeisterung, die nur selten unser Phlegma durchbricht, dann aber allen und jeden Widerstand überwindet. Eifersüchtig auf ihre Institutionen, sind sie doch geneigter als irgend ein Volk in Europa, despotisch beherrscht zu werden; gehorsamer als alle übrigen, sind wir trotz dem am fähigsten, die wahre Freiheit (die staatliche wenigstens, wenn auch nicht die persönliche, in welcher die Engländer voranstehen) uns zu schaffen und sie zu genießen. Der französische Gesichtskreis ist gebannt in französische Begriffe, der unsrige umfaßt die ganze Erde; der eine drängt sich gewaltsam den Fremden auf, der andere verliert in der Weite zuweilen sich selbst. Der französische Charakter ist weiblich mit der Liebenswürdigkeit des Weibes, der deutsche männlich mit aller Größe des Mannes, aber auch mit den Fehlern, deren Benutzung dem andern Geschlechte zuweilen die Oberhand gibt. All diese entgegengesetzten Eigenschaften, diese Reihe von äußern Tugenden auf der einen, von innern Kräften auf der andern Seite, sind vortrefflich gemacht, sich zu reiben und immer wieder zu finden, im Interesse der Civilisation sich zu ergänzen.

Man ist gewöhnt, die Franzosen als das handelnde, die Deutschen als das denkende Volk anzusehn. Das ist unsäglicher Irrthum. Französische Gedanken haben in der neuern Zeit Europa ebenso umgewälzt, als ehedem die guten deutschen Schwerter. Es gibt nur Ein entscheidendes Merkmal, das im letzten Grunde die französische und deutsche Natur, wie überhaupt romanisches und germanisches Wesen auseinanderhält. Die Intention überwiegt bei den Franzosen, die innere Kraft bei den Deutschen. Die Franzosen haben, in der Idee wie in der That, ein großartiges Wollen gezeigt; aber Vollbringen, das fehlt ihnen. Die wahre Weltanschauung, den wahren Staat, die organische Ordnung von Europa — das Alles haben sie gewollt, ohne es zu können. Die Deutschen dagegen, mit einer Kraft der Natur, wie sie außer dem römischen keinem Volk der Geschichte gegeben war, mit einem Geiste begabt, der alle heutigen Nationen überragt und nur mit den alten Hellenen wetteifert, ermangeln jenes lebhaften Stachels, jener Intention, die nach Großem begehrt, auch ohne tiefere Rechtfertigung. Deßhalb haben sie gewartet, unter Schmach und Elend, und warten noch, bis die Zeit erfüllet sein wird, da ihre Natur die innere Sättigung gefunden hat. Alsdann werden sie thun, was jene zu thun gestrebt, und die gemessene Ruhe ihres Wollens wird, wenn sie die Höhe erklommen, die Frankreich umsonst zu erklimmen versucht, Europen der Bürge der Freiheit sein. Denn das Geheimniß sowohl als die Sünde der Gewaltherrschaft liegt darin, daß Völker oder Einzelne das Maß ihrer Sendung überschreiten, daß sie zu wollen sich vermessen, was sie nicht vermögen. So hat auch in Napoleon, als dem höchsten romanischen Herrscher, die Intention das innere Maß überwogen: Diktator war er mit Recht und Fug der romanischen Staaten, und fiel, da er strebte, noch mehr zu sein. Die Deutschen dagegen sind eher geneigt, ihre Würde zu vergessen, als unbefugt sie auszudehnen. Germanisches Phlegma soll durch die Lebhaftigkeit französischen Wollens gereizt, romanische Elasticität von der deutschen Kraft daniedergehalten werden: das gibt Friede, Freiheit und Einheit dem Welttheil.

Die pyrenäische Halbinsel.

In dem Maße, als der Katholicismus in Spanien tiefer gegründet, als er durch Literatur und Philosophie weniger erschüttert, als der Thron (sein Verbündeter) unantastbarer gegründet war, in demselben Maße geschah die spanische Revolution langsamer, unregelmäßiger, mit Rückfällen abwechselnd, bis auf unsere Tage fortwühlend. Das spanische Volk war in so unerhörte Knechtschaft des Geistes und Gemüths gekettet, daß der Anstoß von außen kommen mußte. Napoleons Invasion war eine Wohlthat für dieß Land; freisinnige Institutionen, Erlösung, Civilisation konnte er sich in Wahrheit rühmen, den Spaniern zu bringen. Der erbitterte Kampf, den sie führten, ist nicht (wie der deutsche) der Sieg eines erwachenden Volkes gegen Fremdherrschaft; es waren Parteifehden, mit rasender Wuth befleckt; das Volk war von den Priestern geleitet. Mittlerweile hatten die neuen Ideen in den Gebildeten Macht gewonnen; diese Klasse, in Abwesenheit des Hofes regierend, schuf die Konstitution von 1812. Seitdem haben sich in ewigem Wechsel Liberalismus und Absolutismus verdrängt, bis der Vertrag von Bergara in der Person des Prätendenten die alte spanische Monarchie auf ewig vernichtete. Ihren Rückhalt hatte sie an den baskischen Provinzen gefunden, deren mittelalterlich freier Charakter der Centralisation widerstrebte, mit der der Liberalismus (nach französischem Vorbild) ihre Freiheiten bedrohte, und heute noch bedroht. Wie sollte ein Volk gedeihen, welches, durch Jahrhunderte geknechtet, die neuen Ideen, selbst wenn sie in seiner Mitte aufgetaucht wären, nur sehr allmählig sich aneignen konnte; wie viel mehr, wenn es zwischen englischen und französischen Einflüssen umhergeworfen, selbst sich nicht bewußt wurde! Eine Heldenkraft Einzelner zeigt sich in den Jahren 12 und 20, welche Bewunderung abdringt; selbst im Krieg der Christinos und Karlisten finden sich noch erquickliche Züge: die ganze Hohlheit und Faulheit des Liberalismus hat sich erst entfaltet, seit er gesiegt. Spanien ist wie verweset; kein Talent, kein Charakter erhebt sich, die Helden von früherhin (wie Arguelles, Calatrava) sind erbärmlich zusammengeschrumpft, die neuen sind Halbmenschen an Geist und Gemüth: der Zustand läßt sich mit den sinkenden Zeiten des Direktoriums in Frankreich vergleichen. Nun fehlt der Nation aller Ausweg, alle Macht nach außen, und doch ist’s Thatkraft allein, wobei der Spanier gedeiht. Dasselbe Volk, das in unaufhörlichen Kriegen zum Volke geworden, das kaum geworden, achthundert Jahre gegen die Araber, später auf dem Gipfel der europäischen und der Kolonialmacht, gegen die Ureinwohner Amerikas lange Zeit gekämpft hat, ist jetzt auf die Philippinen beschränkt; und da ihm jedes Feld verschlossen, so wüthet es (seiner Natur gemäß) in den eigenen Eingeweiden. Eine Mischung von Indolenz und Feuer, von Duldung und Freiheitssinn liegt in den Spaniern, welche sie der äußersten Extreme fähig macht. Ebendeßhalb ist hier, wie in Frankreich, vor der Hand nur die Eine Aufgabe gestellt: in oder außerhalb Europas, sei es in Portugal oder in Afrika, den durstigen Nationalgeist zu befriedigen, zu diesem Zweck die Seemacht herzustellen, durch eine mächtige (wenn auch scheinbar unsinnige) That die wirren Geister auf Ein Ziel zu lenken. Das Alles könnte in diesem Augenblick nur Einer; aber diesem Einen fehlt der höhere Sinn. Espartero — den meine ich — ist weder ein Cromwell noch ein Stück von Napoleon; er ist der spanische Louis Philipp, mit viel weniger Geist und Feinheit; nothwendig, wie der König der Franzosen, für die Mittelklasse, weil das marklose Geschlecht Menschen braucht, die durch allerlei Künste einen halben Zustand erhalten, so lange, bis eine höhere Macht neuen Odem den Leichnamen einhaucht. Die Geschichte der Regentschaft in Spanien wird sich, wie die des Bürgerkönigthums, einzig darum drehen, mit welchen Parteien und gegen welche der Regent sich erhält, nicht darum, wie viel oder was im Staat und für den Staat geschieht.

Spaniens trauriges Abbild ist Portugal. Als gegen das Ende der arabischen Herrschaft die christlichen Nationen der Halbinsel zu innerer Blüthe, durch die See zu äußerer Macht gelangten, war Portugals blühende Zeit; Castilianer, Arragonesen, Portugisen waren damals gleich verschieden, und sind es noch heute. Nur die tyrannische Regierung der Philippe und die Erinnerung der einstigen Größe hat die Portugisen entfremdet. Es ist aber kein Heil in der Trennung; nur dazu war sie geeignet, englische Habsucht zu stillen, Portugal zur Kolonie herabzuwürdigen, dadurch zwei Tendenzen in die Halbinsel einzuführen, deren Zwist die innere Zerrüttung schürt. Portugal glaubte groß zu werden, indem es vom Ganzen sich schied, und an Fremdes sich stützte. Wir haben Aehnliches in Deutschland gesehen. Die Zukunft verlangt organisches Leben; dieselbe Zeit, in der die Halbinsel aus der wüsten Vergangenheit erstehen wird, muß Portugal und Spanien einigen; so nämlich, wie auch Spanien nur geeinigt werden kann durch freie Entwicklung des Provinzialgeistes.

Die Natur hat die Romanen diesseits und die jenseits der Pyrenäen zum engsten Bündniß geschaffen. Nur so lange Habsburger in Spanien regieren, so lange von germanischen Tendenzen das romanische Land durchkreuzt wird, sehen wir sie zerrissen. Die ältern Bourbonen knüpften sie wieder; und erst die heutige Politik, weil ohne alle höhere Uebersicht, hat sie wieder zerrissen. Ohne der innern Bande oder des Kulturverhältnisses zu gedenken, so sind beide Länder durch Lage und Natur darauf hingewiesen, zu Lande und zur See zugleich ihre Macht zu entfalten. Die Geschichte hat gezeigt, daß selbst Frankreich dieser doppelten Aufgabe nur schwer genügen mag. Beide vereinigt, erfüllen sie: französische und spanische Flotten, verbündet, sind fähig, die englische Herrschaft im Mittelmeere zu durchbrechen, im Uebrigen ihr das Gleichgewicht zu halten. Frankreich, Spanien, Portugal haben Ein Interesse gegen England, Ein und dasselbe in Afrika.

Afrika, das Land der Vergangenheit, erwartet eine Zukunft. Seine Küsten, von Habesch bis Algier, von Algier bis Guinea, sind romanischer Boden; vom Süden herauf wirken germanische Kolonien. Umspannt in fortlaufender Linie, muß es endlich sein Inneres erschließen. Der alte Kampf gegen das muhamedanisch-arabische Princip hat hier sich erneuert, und wird sich, weil es tief in ganz Afrika wurzelt, noch öfter erneuern. Warum soll Aegypten, Mauretanien, Numidien nicht werden, was sie ehedem waren: Pflanzstätten europäischer Kultur? Es ist ein herrliches Werk, die verdorbenen, zerrütteten Stämme Nordafrikas zu bändigen, Keime des Lebens in das altchristliche Abyssinien, und allmählig unter die Neger zu streuen. Was noch Geist hat und Leben, das soll nicht vertilgt werden; die Wüste ist der Araber Heimath, die soll ihnen bleiben. Ich glaube indessen, daß die heutige Okkupation der Franzosen in Afrika mit der Zeit den Spaniern und Portugiesen anheimfallen wird. In Algier muß Neues gegründet und geschaffen werden; in Aegypten sind europäische Saaten schon gepflanzt. Nach Algier gehören die Eroberer von Mexiko; Aegypten ist vielleicht das einzige Land der Welt, das die Franzosen kolonisiren können. Ludwig der Heilige und Bonaparte waren am Nil. Der ägyptische Volksgeist, wenn erst der türkische Einfluß erloschen ist, bietet keinen Widerstand. Es gibt im Orient zwei große Straßen, in die sich Europa theilen muß: die romanische geht durch den arabischen, die germanische durch den persischen Meerbusen. Jene lehnt sich an Aegypten, diese an Syrien und Mesopotamien. —

Unter den Staaten, die wir bisher betrachtet, übt Frankreich die natürliche Hegemonie. Spanien kann sie nicht fordern, weder nach der gegenwärtigen Lage, noch überhaupt nach Ansprüchen der Natur. Der spanische Charakter ist männlicher als der französische und gediegener; aber der romanische Typus, reiner ausgedrückt im französischen, gibt diesem die Oberhand, während das gothische Element die Spanier zum germanischen Princip (daher habsburgische Herrschaft und englischer Einfluß) auseinander zieht. Auch größere Kolonialmacht, höherer seemännischer Geist erhebt die Spanier nicht über die Franzosen: diese sind nächst den Deutschen das europäischste Volk Europens, zu innerer Wirkung bestimmt, und deßhalb gering in überseeischen Eroberungen. Aeußere Schwäche ist hier gleich innerer Stärke.

Der Liberalismus wurzelt in Frankreich auf französisch nationalen Principien; in Spanien war er Hülfsmittel der politischen Emancipation, die Weltanschauung, die ihm zu Grunde liegt, widerspricht dem spanischen Naturell, welches religiös ist durch und durch und abhold dem modernen Verstande. Dieser Widerspruch hat in Spanien unendliche Verwirrung und Wüstheit erzeugt, aber der Volkskern, weil weniger tief berührt, ist eben dadurch gesunder geblieben, als in Frankreich. Eine Lösung der großen Probleme verlangt der spanische Geist so dringlich, so unmittelbar als der französische, nur in anderer Weise. Während der letztere einer gerechtfertigten philosophischen Weltanschauung bedarf, weil er an falscher sich verblutet, will der erstere Restauration des religiösen Lebens, um unbekümmert vom Zweifel sich in dem zu ergehen, was seine Lust ist. Das sind die zwei Wege, deren einen oder andern jede höhere Volksnatur ergreift: ein neues Princip ersehnen die Einen, doch ohne die Schrecken socialer Umkehr; die alte Religion die Andern, aber ohne den alten Absolutismus, mit politischer Freiheit. Neues zu finden, durch das Gefundene Altes zu beleben, ist die Aufgabe der europäischen Menschheit.


[Kapitel IV.]
Italien.

Zwischen Frankreich, Deutschland und der griechisch-slavischen Halbinsel gelegen, Mutter des römischen Geschlechts, gekettet an das germanische Reich als den Erben der Cäsaren, endlich durch eigenthümliche Beziehungen den Ostromanen verwandt, unterliegt Italien einem besonderen, von dem der übrigen Völker verschiedenen Gesichtspunkt. Zwar auch hier hat die Revolution und Napoleon, hat der spanische französische Liberalismus große Umwälzungen verursacht; aber der Ausgang war ein anderer: das absolute Princip und mit ihm germanischer Einfluß hat gesiegt. Nach unzähligen Kriegen ist am Ende des Kampfes die östreichische Macht zu derselben Höhe in Italien emporgestiegen, wie im Mittelalter die kaiserliche. Woher dieser unverwüstliche, in anderer Form immer wiederkehrende Zusammenhang? Woher diese Verbindung zwischen zwei so entgegengesetzt gearteten Völkern, als der deutsche und italienische es sind; eine Verbindung, die auf den ersten Blick so unorganisch, so vorübergehend erscheint? Die frühere Geschichte wenigstens, auch wenn sie tausend Jahre hindurchgeht, kann die Fortdauer des Bandes nicht rechtfertigen.

Wo aus keltischer Grundlage durch ein richtiges Verhältniß römischer und germanischer Mischung vollkommene Neugeburt entsprang, da bildete sich der Typus, den wir den romanischen nennen. In Italien war die Grundlage die römische; die Mischung theils weniger durchdringend, theils nicht allgemein. Der Charakter Italiens ist nicht der neuromanische; er ist antik-modern. Antik ist die Geschichte der italienischen Republiken, antik die italienische Kunst und Bildung, antik noch heute die Religion der Italiener, ihr sinnlicher Kultus, ihre Vielgötterei (auch die Heiligen sind Götter), ihre Anschauung. Nun, dieß Antike mußte zerstieben vor dem Hauch des germanischen Lebens, wo nicht eine moderne Weltmacht, dem neuen Kaiserthum entgegen, sich mit ihm verbrüderte. So that das Papstthum, auf dem beruht, was in Politik und Wissenschaft, Poesie und Kunst Herrliches in Italien geschah. Die Italiener, von Natur unfähig zu nationaler Einheit, erhielten sie durch den gemeinsamen Kampf, wie durch den gemeinsamen Schutz, den der Papst ihnen verlieh. Es war eine ideelle Einheit, welche die statistische ersetzte. Mit dem Papstthum fiel auch Italien; je mehr der Verstand die kirchliche und politische Bedeutung der Hierarchie untergrub, desto schneller verfielen die alten Republiken. Wie jene Opposition der beiden Weltmächte, in deren Gefolge Italien das Land der Kultur, der Ideen geworden, verschwand, da verlor sich auch der geistige Inhalt; das Volk ist unmündig und kraftlos, das Land ist ausgestorben und ohne Gegenwart.

Die Carbonari wollten neues Leben schaffen; sie wollten Italien einigen. Weil aber keine höhere Kraft vorhanden war, als die des Liberalismus, so fielen sie. Darin hatten sie Recht, daß ohne nationale und politische Einheit keine Zukunft gedenkbar ist für Italien. Nur, worin sie finden? Das Papstthum, wie die Sachen stehen, wirkt heutzutage zerstörend ein. Der Kirchenstaat, in der Mitte von Italien, an beiden Küsten hingestreckt, den Norden vom Süden trennend, lähmt alle Einigung und erstickt das Nationalgefühl, das unter kirchlichen Regierungen ohnedieß kaum aufkeimt; ja er schadet sogar der päpstlichen Macht, der er früher als Unterlage gedient. Die neue Ansicht hat in Deutschland, wie überall, die geistlichen Staaten säkularisirt; sie hat nicht gewagt, auch in Italien folgerecht zu sein. In Wahrheit aber, da in unsern Tagen die Kirche nur in ideeller Weise wirken kann, da sie, je gereinigter von irdischen Tendenzen, um so lebendiger wurde in den Gemüthern, so scheint es, als ob sie, des letzten Restes weltlicher Herrlichkeit entblößt, verklärter aus der abgestreiften Hülle hervorgehen würde. Wie dem auch sei, der Kirchenstaat muß fallen, wenn Italien irgendwie zu politischem Rang sich erheben soll. Anderseits, Italien verliert die europäische Bedeutung, die es gewissermaßen jetzt noch behauptet, wenn mit dem Kirchenstaat auch das Papstthum fällt. Wie soll der erstere brechen, das letztere stehen?

Das Schicksal des Papstthums ist an das der katholischen Kirche geknüpft. Diese kann, wie jenes, eine andere werden im Laufe der Zeit; fallen wird sie nur, wenn das Christenthum besiegt und die Kirche vom Staat verschlungen werden sollte. Es hängt aber der Ausgang des Kampfes, und damit die Gestaltung des Papstthums, von jener geistigen Entscheidung ab, die allein über Glaube und Unglaube, über Staat und Kirche zu bestimmen vermag. Woher sie kommen muß, das wissen wir.

So ist auf doppelte Weise die Zukunft von Italien in deutsche Hände gelegt. Ohne das Papstthum: weil die romanische Art der Italiener zu antik ist, um für sich allein der höchsten modernen Kraft, der germanischen zu widerstehen, um nicht materiell zu unterliegen. Mit dem Papstthum: weil die Kirche von dem höchsten Tribunal des modernen Verstandes, vom deutschen Geiste, ihr künftiges Dasein erwartet, weil die Spitze des religiösen Lebens durch alle Zeiten hindurch an die Spitze des geistigen und staatlichen unauflöslich gebunden ist.

Nächstdem, und in Hinsicht auf die unmittelbare Gegenwart, ist die politische Erziehung Italiens den Deutschen beschieden. Die äußere Verfassung, die ähnliche Zersplitterung in größere und kleinere Staaten bildet eine Verwandtschaft zwischen Deutschland und Italien, die den politischen Phasen Italiens Maß und Richtung geben wird. Kein Land in Europa zeigt eine künstliche Vielheit, welche der der deutschen und italienischen Territorien zu vergleichen wäre; auch in Spanien, trotz der losen Centralisation, sind doch die Provinzen organische Theile, jede der Ausdruck ihres besonderen Volksstammes. Es kann also nur Deutschland, bei gleich eigenthümlichen Verhältnissen, den Italienern auf dem Wege politischer Konstruktion vorangehen; in derselben Weise, wie dort die Einheit der Volksnatur zu der Trennung der Staaten sich verhalten wird, muß früher oder später auch Italien sich gestalten.

Die Franzosen und Spanier sind durch geistige Zerrüttung ermattet; die Italiener sind physisch herabgesunken und brauchen eine durchgreifende Erneuerung. Ohne Andrang nach außen und von außen kann kein Volk sich lebendig erhalten. Im Mittelalter findet man Einen nationalen Zug, der die Kräfte Italiens belebte; es ist der Zug nach der griechisch-slavischen Halbinsel, aus dem uralten Zusammenhange der ost- und weströmischen Welt entsprungen. Die neuere Zeit hat das Alles zu Grabe getragen; die Türken waren zu schwach, die Griechen zu verderbt geworden, um Italien leiblich oder geistig aus dem Schlummer zu wecken. Es ist eine der großen Aufgaben der Zukunft, beide Halbinseln in ein Verhältniß zu setzen, wodurch das eine Volk am andern, bald gebend, bald empfangend, erstarken kann. Die Einen, durch türkische und slavische Invasion, sind barbarisirt, die Andern nach langer Verfeinerung abgestorben: vermischt sie beide, so werden die letzteren an Kraft, die ersteren an Kultur gewinnen, und das um so leichter, je ähnlicher überhaupt ihre Naturen organisirt sind.

In solcher Weise wird Italien den Dank erstatten, den es seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts den Byzantinern schuldet. Damals, als durch griechische Anregung ein neues Leben erblühte, schien der antike Geist, verjüngt in Italien, Europa beherrschen und auf den Trümmern des Mittelalters sein altes Reich erheben zu wollen. Aber es war nur Vorspiel der modernen Zeit, es war die Aussaat der Reformation; und je mächtiger seitdem der neue Geist sich Bahn gebrochen in Europa, um so schneller verwelkte die Blüthe, verweste die Kraft in Italien. Wiederum aber, wenn die Spitze erst erreicht sein wird, in der die neue Zeit sich zu fassen strebt, wird auch die Versöhnung gefunden werden der feindlichen Elemente; wie der moderne Geist am Beginn seiner Laufbahn Nahrung und Stärke gesaugt hat vom antiken, so wird er, am Ziel derselben, durch seine Kraft den antiken verjüngen, und Italien wird glücklicher sein.

In allen Verhältnissen, in jeder Gestaltung ist uns jenes Eine begegnet, das wir bei Betrachtung der deutschen Geschichte als ihr höchstes Ziel erkannt haben. Hinter den Alpen wird die Sonne hervorgehen, in deren wunderbarem Lichte das Chaos der romanischen Erde sich erhellen soll. Auch sonst in Europa werden wir ihre Strahlen fassen; im Westen war es nur geistige Hülfe, nur die Kunde eines neuen Evangeliums, was die Völker ersehnen; wir betreten jetzt den Osten und es wird klar werden, wie diese Länder eines unmittelbaren, materiellen Eingreifens bedürfen von germanischer Hand. Ueberall andere Spuren, und von andern Strahlen beleuchtet; aber nach Einem Punkte hin, und die Eine Sonne sendet sie.


[Kapitel V.]
Die Türken.

Indem wir zur zweiten Völkergruppe übergehen, bietet sich zuerst ein Volk dar, dessen fremdartige Erscheinung im europäischen Organismus erklärt sein will. Was die Araber für die Westromanen (in Spanien), was die Mongolen für die Slaven in Rußland gewesen, das waren und sind die Türken für die griechisch-slavische Halbinsel. Halb kaukasischer, halb mongolischer Art (das Land ihres Ursprungs faßt beide Raçen in sich), von arabischer Bildung erzogen, stehen die Türken zwischen Mongolen und Arabern eben so in der Mitte, wie zwischen Romanen und Slaven die griechisch-slavischen Nationen. Als künftiger Beherrscher von Asien mußte Europa am südwestlichen, südöstlichen und östlichen Ende asiatischen Einflüssen eine Zeitlang unterliegen. Die Araber in Spanien, durch die Blüthe orientalischer Kultur und Sitte, wirkten belebend auf Europa zurück; die Türken sollten durch verwildernde Barbarei in den entseelten Völkern des byzantinischen Reiches die Kraft des Widerstandes reizen. Seit dem Aufstand der Griechen ist ihre Rolle ausgespielt. Der Verfall, der sich vor unsern Augen entwickelt, bietet zweierlei Aussicht.

Gelingt die Reform, wie sie Mahmud gewollt und seine Zöglinge noch wollen, so verlieren sich die Osmanen unter der Ueberzahl der von nun an gleichberechtigten Rajahs; ja es unterliegt das muhamedanische Princip, obgleich ihm Viele der Unterjochten zugehören, der höheren Lebenskraft des christlichen, wie es im kräftigsten Theile der Rajahs hervortritt. Denn ehe überhaupt an wahrhaftige Reform zu denken ist, muß die alttürkische, orthodoxe Partei beseitigt werden; nach ihrem Untergange, wo sollte die Kraft vorhanden sein, dem europäisch-christlichen Andrang zu widerstehen? Gewiß nicht in der aufgeklärteren, modernisirten Klasse der Nation. Man sieht, die beliebte Theorie der Integrität und Regeneration des türkischen Reiches beruht auf einer künstlichen Täuschung. Wollte man gläubig genug sein, zu hoffen, daß die Reform von einem langen Frieden begünstigt, daß nicht im nächsten europäischen Kriege das ganze morsche Gebäude verschüttet wird, was wäre das Ende der Reform? Ein anderes Geschlecht, andere Sitten, ein anderer Staat würde auf den Trümmern erwachsen sein; dem Untergange der Türkei wäre wie durch ein Wunder nur allein das alte Haus Osmans entronnen. — Die Geschichte aber zeigt und die menschliche Natur bestätigt es, daß niemals ein barbarisches Volk freiwillig den Vorurtheilen der Denkart oder den Vorrechten der Raçe zu entsagen vermag, worauf seine Herrschaft, sein Dasein, sein Ruhm sich gegründet hat. Wohl können einzelne Erleuchtete, wie Mahmud und Reschid, die angebornen Fesseln sprengen; ein Volk, das sich selbst verläugnen sollte, ist ein Unding.

Also wird, unter den vereinigten Angriffen der eigenen Unterthanen und der Mächte Europas, der Erbfeind der Christenheit erliegen. Aber die Zeiten sind vorbei, da man im Gefühl des Greuels und in der Hitze des Glaubens muhamedanische Völker mit Feuer und Schwert verfolgte. Seit die Mauren aus Granada verjagt worden, ist Europa menschlicher geworden. Die Türken, wenn nicht vielleicht die Gunst des Schicksals eine neue Heimath für sie öffnet, werden bleiben. Ihre Altersschwäche und der gebeugte Stolz werden die Vermischung erleichtern. Trotz aller Barbarei sind sie von edler Anlage, insonderheit mit Eigenschaften des Charakters begabt, woran die verdorbene Natur der andern Nationen sich erbauen kann.

Alles, was hier gesagt ist, gilt nur der Einen Hälfte des türkischen Reiches, den Ländern von der Donau bis zum Taurus. Dieß ist der kaukasische Theil; der andere, den ich den vorwiegend semitischen nennen möchte, ist in Wahrheit schon losgerissen. Mehmed Ali, indem er Aegypten, Syrien beherrschte, Mesopotamien und Arabien zu beherrschen strebte, folgte demselben Instinkt, der frühere Eroberer geleitet hatte. Er ist der Vorläufer einer europäischen Herrschaft; der Sieg, den die Türken mit östreichischer und englischer Hülfe erfochten haben, war nöthig, um den Europäern auf schickliche Weise den Weg zu bahnen. Palästina, als das heilige Land, als die Stätte, die der europäischen Christenheit gehört, wird von den Germanen (ihren ersten Vertretern) okkupirt werden; nächst ihm, zum Schutze der christlichen Völkerschaften, der übrige Theil von Syrien; endlich, weil Euphrat und Tigris die ostindische Straße bilden, das alte Mesopotamien. Das Uebrige fällt den Romanen anheim; Arabien allein hat eine Zukunft. Der Norden des türkischen Reiches ist auf immer vom Süden getrennt; Syrien auf der einen, die unbesieglichen Kurden auf der andern Seite versperren den Weg. Die Völker selbst, in Syrien und Kurdistan, emancipiren sich vom türkischen Joch; es ist Alles bereit: mehr Verstand, mehr Schwung in der schwankenden Politik der Mächte, und die Revolution des Orients ist vollendet. Schon kann ein kühnes Auge die Zeit ersehen, wo, inmitten der asiatischen Küste, germanische, vielleicht deutsche Hoheit, Palästina beherrscht[15].

Die Stärke des heutigen europäischen Gemeinwesens leuchtet daraus vor Allem hervor, daß die fremdartigste Natur wider Willen und Neigung zur Assimilation getrieben wird, daß sie sich eben dadurch mit eigner Hand vernichten muß. Das ist das Tragische in der qualvollen Agonie des türkischen Staats. Da heißt Mitleid ein baldiges Ende wünschen. Wenn nun der letzte heterogene Bestandtheil aus dem europäischen Organismus ausgeschieden sein wird, dann erst hat Europa sein Wachsthum erreicht; der Körper ist vollendet nach allen Theilen, die Glieder gänzlich ausgeprägt, das Ganze gesund und voll. Bald muß auch die innere Seele zu der Harmonie gelangen, die dem Leibe geworden. Wir sahen mehr als einmal und sehen es hier wieder, wie jugendlich das scheinbar so gealterte Geschlecht ist, das Europa bewohnt. Seine Entwicklung mißt sich nach andern Abschnitten, als die griechische oder römische; und heftige Kämpfe, tiefe Leiden geben ihm den Anstrich des Alters, wie er in den durchfurchten Zügen eines Jünglings liegt, der viel gelebt und viel gerungen hat. Jetzt erst kommt die Manneszeit; der Mann aber will sich vollenden im Bewußtsein und in der That. Das verkündigt laut und immer lauter der sinkende Halbmond.


[Kapitel VI.]
Ostromanien.

In den Zeiten der Völkerwanderung war das römische Weltreich in zwei Theile gespalten, in den westlichen und östlichen; eine organische Trennung, weil die zwei Grundcharaktere des Alterthums, der römische und der griechische, sich darin ausprägten. Die Barbaren, welche die Vorsehung zum Umsturze der alten Welt berief, waren in zwei Raçen geschieden: die germanische und slavische. Durch Natur und Lage wurden die Germanen gegen das westliche, die Slaven gegen das östliche Kaiserthum getrieben. Die Vermischung der Eroberer mit den Unterjochten erzeugte dort die westromanische, hier die ostromanische Völkergruppe. In diesem Sinne belegt die Ueberschrift alle Länder von der Moldau bis Morea mit dem gemeinsamen Namen „Ostromanien“.

Diese Nationen sind es, denen die Erbschaft des türkischen Reiches, von der Donau bis zum Taurus, bestimmt ist. Von all den Mächten, die mit eifersüchtiger Angst das osmanische Siechthum pflegen, um später der Früchte froh zu werden, wird keine, oder nur auf kurze Zeit, ihr Gelüste befriedigen. Alle Combination zerstiebt, wo die Natur ihre Rechte fordert; wo sie, wie hier, nach langem Druck sich fühlt, muß auch der Ehrgeiz ihr in die Hand arbeiten.

Die Ostromanen stehen in Wachsthum und Vollendung hinter den Westromanen so weit zurück, als die Slaven überhaupt hinter den Germanen. Dazu die Schwäche des byzantinischen Reiches, dem jene Kraft der Erziehung fehlte, die das weströmische noch am Rande des Todes bethätigte; nach diesem Jahrhunderte des türkischen Drucks: und man begreift, warum hier Alles erst in der Entstehung begriffen, warum die Gränzlinie der einzelnen Nationen kaum noch zu ziehen ist, wie eine vierte Gruppe Europas erst jetzt sich zu bilden beginnt.

Dennoch ist, wie mir scheint, jene sonst überall sichtbare Dreiheit der Stämme auch hier schon erkennbar. Gemäß den drei Bestandtheilen der Mischung, tritt das slavische Element in den Serben, das römische in den Wallachen, das griechische in den Neugriechen hervor. Den Ersteren wird Bosnien (nebst einem Theile Albaniens), den Zweiten Bulgarien, den Dritten Macedonien und Rumelien zufallen. Sie alle haben bereits eine Art von Selbstständigkeit. Den Neugriechen, als den Urhebern der Emancipation, besonders aber als einem seefahrenden Volke, ist die erste Rolle beschieden. Griechenland, das junge Königreich, wenn es erst zu wahrer politischer Einheit gebracht ist, hat alle Mittel in Händen, um eine große Macht zu werden in kurzer Zeit. Sein Handel, seine Stellung im Mittelmeer, seine günstige Lage mitten im Schauplatz der orientalischen Fragen können es dazu erheben. Es gibt nur Eine Vorbedingung, ohne welche von alledem Nichts erreicht werden kann: das ist der Umsturz des türkischen Reiches. Eine halbbarbarische, an Ungebundenheit gewöhnte, durch Druck verwilderte Nation, wie die neugriechische, kann geeinigt werden nur durch eine gemeinsame Unternehmung, die dem Nationalgeist entspricht. Ein Zug wider den Islam, nach Macedonien oder Rumelien, wäre für die Neugriechen, was den alten der trojanische Krieg war. Die weitere Zukunft muß die jonischen Inseln, die des ägäischen Meeres, muß Kandia, Cypern und Rhodus den Griechen geben; denn ein Griechenland ohne Griechen ist kein Griechenland. Dann erst, wenn die zerstreuten Brüder vereinigt sind, wird von Europa aus eine Wanderung ergehen über den Hellespont und über’s ägäische Meer, wie vor alten Zeiten: Kleinasien wird kolonisirt, bevölkert, von Griechen, von Ostromanen, von Europäern aller Art europäisirt werden. Der große Völkerstrom von Westen nach Osten, so lange gedämmt durch die türkische Invasion, wird auf’s Neue überfluthen, und muß es; denn Europa allein kann Leben schaffen, wo jetzt der Tod regiert.

Griechenland hat nur zwei Verbündete: Frankreich, im Interesse gemeinsamer Verbindung gegen die englische Herrschaft im Mittelmeer, und Deutschland an und für sich. Es ist nicht Zufall, daß das griechische Königreich von einem Baiern beherrscht, daß seine Civilisation von Baiern geleitet wird; nicht Zufall, daß Oestreichs Gränzlinie sich längs der ostromanischen Völker hinstreckt. Ich bin weit entfernt, die Wirkungen, die deutscher Einfluß in Griechenland hervorgebracht, zum Ruhme deutscher Nation zu erwähnen (das verwehrt die Lauheit der griechischen Sympathieen auch abgesehen von den Thatsachen) oder den Oestreichern einen Einfluß zuzuschreiben, den sie zur Zeit weder in Serbien, noch in der Moldau oder der Wallachei besitzen. Aber die Keime sind da, die Grundlagen gelegt, und eine deutsche Politik kann Großes daraus entwickeln.

Klar ist nämlich: die sämmtlichen Völker der griechisch-slavischen Halbinsel bedürfen, weil erst werdend und gährend, weil in der Entstehung begriffen, einer oberleitenden Erziehung. Diese zu geben, fühlt sich Rußland berufen. Dasselbe slavische Blut, dieselbe griechische Religion, das sind die Bande, womit es den größten Theil der Ostromanen an sich zu ketten hofft. Die Anziehung ist tief genug; und im gegenwärtigen Augenblick herrscht Rußland wahrhaftig in der Moldau und Wallachei, es leitet Serbien, bestimmt theilweise Griechenland und umgarnt die Reste der Türkei. Doch, wie blendend auch diese Erfolge seien, es liegt Etwas in dem Wesen der südlichen Slaven, das die Hoffnung der nördlichen zu nichte macht.

Die ostromanischen Nationen müssen, vermöge des angeborenen Dranges ihrer Natur, zu den slavischen in dasselbe Verhältniß treten, das zwischen Germanen und Westromanen herrscht. Wir sehen durch alle Geschichte hindurch die beiden letzteren voll Eifersucht, voll Wetteifers, in beständigem Gegensatz jedwedes seine Eigenthümlichkeit zu wahren, wenn gleich die Anziehung, die zwischen beiden waltet, einen unterbrochenen geistigen Austausch hervorbringt. Ebenso werden die Ostromanen, wiewohl im innigsten Verkehr mit den Slaven, doch diesen gegenüber ihren besondern Charakter auf’s Schärfste entwickeln. Der Instinkt der Selbsterhaltung, bisher gegen die Türken, als die herrschende Raçe, gerichtet, wird nach ihrem Falle gegen die Nordslaven sich kehren, weil gerade sie die einzigen sind, von denen die Gefahr des Verschwimmens droht. An diesem Triebe wird der russische Fortschritt den Damm finden, den die Politik bisher vergebens gesucht hat; das Schreckbild einer russischen Herrschaft im Süden, so trügerisch in unsern Tagen, erblaßt in dem wahren Bilde, wie es in den erwachenden Griechen und Serben die Zukunft uns zeigt. Ich muß es hier den Kleingläubigen, die auf den Schein der Dinge, nicht auf den Kern sehen, wieder sagen: die urkräftig wirkende Natur wird alle Künste der Politik zu Schanden machen. Die russische Protektion, so begierig ergriffen als Schutzwehr gegen den gemeinsamen Erbfeind, sinkt in sich selbst zusammen, sobald verjüngte Völker auf den Ruinen stehen. Wenn heute Konstantinopel von den Russen erobert würde — unsere Anschauung wäre damit nicht umgestoßen. Unter den Fußtritten türkischer Barbarei ist die neue Saat erblüht; russische Waffen vermögen sie nicht zu ersticken. Wohl sind die Ostromanen slavischer Natur, und Viele von ihnen griechischer Religion; aber alle Gränzen zu überspringen, die zwischen verschiedenen Stämmen Einer Gattung Gott gezogen, alle Hügel zu ebnen, die er gesetzt hat, die ganze östliche Hälfte Europas in einen slavisch-orthodoxen Sumpf umzuwandeln, das ist ein anderes Ding, dahin reicht keine russische Kraft.

Es gibt eine andere Großmacht, welcher die vormundschaftliche Leitung gebührt, wenigstens im Norden der Halbinsel; denn Griechenland möchte sich selber leiten. Ich meine Oestreich, zunächst als Beherrscher von Ungarn, sodann als erste deutsche Macht. Ungarn, mit seinem Zubehör, enthält so viel wallachische und südlich-slavische Bestandtheile, daß eine Rückwirkung auf diese Gegenden von selbst daraus hervorfließt. Davon noch Einiges, wenn von Ungarn selbst die Rede sein wird. Was den deutschen Einfluß betrifft, das heißt inwiefern nach seinem deutschen Charakter hier Oestreich zu handeln befähigt sei, warum überhaupt auf deutsche Spuren (wie oben in Bezug auf Griechenland) Gewicht gelegt werde, darüber seien noch einige Worte gesagt. Sie werden bloß denen verständlich erscheinen, welche mit uns der Meinung sind, daß die Geschichte nach einer bestimmten, umfassenden Organisation Europas, und durch Europa der Erde strebt, daß alle Politik nach dem Trieb der Geschichte sich mit oder ohne Willen regelt, daß es Ideen gibt, die außerhalb der diplomatischen Berechnung liegen, ohne doch trügerische Gebilde zu sein. Und nur für Solche soll das Folgende gesprochen sein.

Ostromanien ist das Land, wodurch Europa an den Orient gränzt. Je inniger die Bande werden, die uns an das alte Asien ketten, je lebhafter die Bewegung, welche die Völker des Westens nach Osten treibt, desto allgemeiner wird die Bedeutung werden, die die Halbinsel des Hämus für ganz Europa gewinnt. Sie ist der große Sammelplatz, das ungeheure Emporium der Europäer; alle Zungen, alle Nationen werden hier sich begegnen. Was sie für Europa, das ist Anatolien für den Orient: Land des Uebergangs, in dem Vorderasiaten aller Art, Kaukasier und Semiten, Armenier und Perser, Syrer und Aegyptier, vielleicht auch Hinterasiaten zusammenströmen. Der Weltverkehr, der auf diese Weise sich bildet, vernichtet nicht die eigenthümliche Entwicklung der Ostromanen; im Gegentheil, die Griechen sind nach ihrer ganzen Anlage und durch merkantilisches Talent besonders geeignet, ihn zu vermitteln und durch ihre Hände zu leiten, ohne doch in dem Völkergewühl zu verschwimmen. Die griechisch-slavische Halbinsel, mit Einem Wort, ist die Brücke von Europa nach dem Orient, Kleinasien die Brücke vom Orient nach Europa. Man denke sich nun die europäische Republik als Königin des Erdballs (wenigstens der östlichen Halbkugel) und ihr gegenüber die beherrschten Länder, so ist offenbar: Ostromanien, mit Anatolien, bildet den Herrschersitz Europas, das große Areal, von dem aus Asien und Afrika regiert wird; Konstantinopel, die alte Weltstadt, ist die Residenz der monarchischen Gewalt, welche von Europa geübt wird. So erhellt nun weiter: dasselbige Volk, das innerhalb Europas zu organischer Oberleitung berufen ist, wenn es überhaupt ein solches gibt, muß sie auch hier, im Mittelpunkt europäischer Herrschaft, erhalten. Es gibt aber nur Eine Stelle, deren Okkupation das Alles verbürgt, weil ihr Besitz, ohne doch die Rechte der eingebornen Völker zu schmälern, die sicherste Basis für europäische Macht und Ordnung gewährt. Diese ist Byzanz, in unsern Tagen das Grab der Osmannen, einst die große Freistadt der Europäer und Sitz der germanischen Hegemonie. Von hier aus kann Asien geordnet, kann Europa im Gleichgewicht erhalten, können die griechisch-slavischen Dinge geleitet werden. Wer Konstantinopel besitzt, ist Schiedsrichter der Welt; und wiederum wehe uns, wenn eine Macht es besäße, welcher, wie der russischen, um Schiedsrichter zu sein, aller höhere Beruf mangelt! Im Alterthum, zur Zeit des römischen Reiches, waren Rom und Byzanz die Pole des Erdkreises. Das wird sich im wunderbaren Kreislauf der Geschichte erneuern; Byzanz als der staatlich europäischen, Rom als der kirchlich europäischen Gesellschaft höchster Typus. Im Hintergrund aber, wie es einst beide mit dem Tode bedroht, wird bestimmend für beide Deutschland stehn.

Von Allem, was die neue Zeit anstrebt, hat das Mittelalter große und wunderbare Ahnungen aufgestellt. In seiner blühendsten Epoche, als Innocenz III. regierte, wurde in Byzanz das lateinische Kaiserthum errichtet. Aber wie die Kreuzzüge überhaupt, so scheiterte auch diese Intention an der haltlosen Willkühr, womit die Kreuzfahrer, gesondert vom übrigen Europa, ihre Bahn verfolgten, an dem unersetzlichen Mangel eines tieferen Zusammenhangs mit dem heimathlichen Organismus, mit dem deutsch-römischen Kaiserthum, das ihn überwachte und auch nach außen überwachen sollte. Unser Jahrhundert vollende, was das Mittelalter gewollt. Nur ein organisirtes, einiges, geschlossenes Europa kann die Aufgabe erfüllen, die Gott ihm zugewiesen hat: die erstorbenen Völker in Asien und Afrika zu beleben, die heranwachsenden in Ostromanien zu erziehen.


[Kapitel VII.]
Die slavischen Völker. Ungarn.

Wir haben bisher die gemischten Bevölkerungen Europas durchwandert, wir sahen in Westromanien erschöpfte, in Ostromanien kaum geborene Nationen, jene nach geistiger, diese nach materieller Kraft und Stütze verlangend. Jetzt sind wir unter den Urstämmen des östlichen Europas, und finden eine wundersame Mischung von Jugend und Alter, von Leben und Tod, von Uebermacht und Ohnmacht, von Civilisation und Barbarei; dazu ein Verhältniß zum germanischen Stamm, welches die seltsamsten Kontraste von Abhängigkeit und Freiheit, von Anschmiegung und Opposition, von Verschwimmen und Usurpation zeigt.

Die Slaven bilden, wie wir im ersten Kapitel gesehen, das ostasiatische Princip innerhalb Europas. Als die Germanen in der Völkerwanderung über den Westen und Süden sich ergossen, rückten sie vom Osten her in Deutschland nach. Die neue Ordnung der Dinge, wie sie im karolingischen und im deutschen Reich sich entwickelte, eröffnete sonach einen Kampf des germanisch-europäischen gegen das slavisch-asiatische Princip, der das ganze Mittelalter hindurch gewährt hat, und in mittelbarer Weise noch in unsern Tagen geführt wird. Die östreichische Macht ist aus dem Sturze Ottokars von Böhmen, die preußische aus der Unterjochung der Slaven in Brandenburg und in Preußen hervorgegangen. Die Polen und Ungarn sind von Deutschland aus christianisirt worden, sie haben von daher zum Theil ihre Einrichtungen und Gesetze erhalten; es war eine Zeit, da sie deutsche Reichsoberhoheit anerkannten. Schweden haben über Finnland, Esthland und Liefland geherrscht; endlich seit Peter war es deutsche und romanische Kultur, waren es deutsche Regenten, die den russischen Staat emporbildeten. Alle Slaven sind durch Westeuropäer, und vorwiegend durch deutsche erzogen worden. Europa würde nicht Europa sein, wäre dieses nicht geschehen. Fragt man aber, warum die Wenden, die Obotriten, die Czechen, warum Schlesien, Pommern, Preußen, Kurland, Liefland und Esthland germanisirt worden, warum dagegen Polen, Ungarn und Rußland, die beiden ersten besonders trotz häufiger Gefahren, dem germanischen Andrange zu widerstehen vermochten, so gibt es keine Antwort als die eine, daß nach unumstößlichen innern Gesetzen eben nur in jene drei Völker der nationale Urtrieb gelegt worden, daß nur sie bestimmt sind, den östlichen Typus in seiner Selbstständigkeit zu bewahren. Dieselbigen Gesetze sind es, nach welchem Italien, trotz aller Usurpation der Deutschen, trotz aller noch dauernden Abhängigkeit romanisch geblieben ist und bleiben wird, nach welchen das burgundische Reich, so lange beherrscht von den deutschen Kaisern, an Frankreich zurückfallen mußte. Vielleicht darf man annehmen, daß in der Urzeit germanischer und slavischer Geschichte die Gränzlinie beider Stämme ohngefähr dieselbige gewesen, wie die heutige durch tausendjährigen Kampf errungene; und es erschiene dann der blutige Krieg der germanischen Welt gegen die slavische nur als Wiedernahme des alten, in der Völkerwanderung eingebüßten Landes. Wie dem auch sei, die Geschichte hat im Verlauf von Jahrhunderten entschieden: sie selbst berechtigt uns, die Länder, die sie germanisirt hat, als Glieder des germanischen Organismus in Anspruch zu nehmen. Und so thöricht es wäre, Ungarn oder Polen für Deutschland vindiciren oder alle französischen Provinzen wieder erobern zu wollen, die einst zum deutschen Reiche gehört haben: so naturgemäß und nothwendig ist es andrerseits, Schlesien und Pommern, Böhmen und Mähren, Preußen und die Ostseeprovinzen als deutsche Länder zu betrachten, die beiden letzteren aber für die Zukunft dem Bunde zu vindiciren, dem sie noch nicht eingefügt sind. Es ist damit nicht gesagt, daß die Eigenthümlichkeit, die jenen Völkern zum Theil noch inwohnt, die den Böhmen z. B. als Czechen immer bleiben wird, vernichtet, oder daß slavische Sprache, wo sie noch ist, und die Reste des slavischen Typus verfolgt werden sollen. Man mag unterscheiden zwischen deutschen und slavisch-deutschen Stämmen (gibt es doch auch romanisch-deutsche im südlichen Tyrol und jenseit des Rheins): nur vom slavischen Organismus sind sie getrennt und von dem allein ist hier die Rede.

Es war natürlich, daß der übergreifende Andrang des germanischen Princips eine Gegenwirkung hervorrief, welche ihrerseits wiederum die Gränzen übersprang. Der Stoß erzeugte den Gegenstoß. Indem Ungarn dem östreichischen Staaten-Conglomerate einverleibt, indem Polen von Oestreich und Preußen umschlossen wurde, mußte Rußland, nachdem es durch Peter europäisirt worden war, als der reinste Träger des slavischen Typus, von selbst jene Richtung erhalten, welche man heutzutage die panslavische nennt; es wurde der Retter des slavischen Princips, so freilich wie Rußland rettet, d. i. auf mongolische Weise. Diese Reaktion, nothwendig wie so viele Uebel, womit die Vorsehung anderen Uebeln steuert, aber seit lange schon ohne Schranken und Gesetz, unnatürlich und ungeheuer, wird von Vielen für den wahrhaftigen und bleibenden Zustand der Dinge gehalten. Es gibt Leute, die an eine zukünftige Einheit des Slaventhums vom Eismeer bis zum jonischen Meer, an eine Verschmelzung aller slavischen Nationen unter russischem Scepter glauben. Ihnen liegt Zukunft und Rettung Europas in den jugendlichen, frischen, noch durch kein Uebermaß der Kultur verdorbenen Massen des russischen Reiches. Ihnen scheint es, als müsse der Geist der Geschichte, müde im germanisch-romanischen Europa zu weilen, sich auf die slavischen Völker herabsenken, als müsse, nach dem natürlichen Lauf der Dinge, der slavische Stamm den Germanen und Romanen im Südwesten, den Türken im Südosten dasselbige werden, was einst die Macedonier den dorischen und jonischen Griechen auf der einen, dem persischen Reich auf der andern Seite geworden sind. Andere, die noch Verstand genug haben, um zu sehen, daß Jahrhunderte hingehen müssen, ehe die Slaven auf gleicher Entwicklungsstufe mit dem westlichen Europa stehen, daß, wenn dieses auch geschehen sein wird, ihre Natur niemals mit der unsrigen sich ernsthaft messen kann, fürchten dennoch die Uebermacht der Barbarei, ihre einheitliche und ungestörte Kraft gegenüber den zerrissenen Tendenzen des Westens, und den absoluten Willen, welcher als Ausdruck einer ganzen Völkerfamilie sich unwiderstehlich gegen die einzelnen Nationen heranwälzen werde.

Es ist wahr: wo immer die Gränzen, die die Natur zwischen den Stämmen gezogen hat, verwischt sind, wo irgend eine der Völkerfamilien Europas, sei es auch die schwächste, die slavische, als solche geschlossen den übrigen entgegentritt, da ist Gefahr vorhanden, wirkliche, drohende Gefahr. Aber glücklicher Weise liegt in dem Organismus der slavischen Völker ein inneres Gegengift. Die Macht, welche sich vermessen wollte in Wahrheit eine slavische zu sein schlechtweg, d. h. eine panslavische, müßte ein Element gefunden haben, welches, erhaben über den Stammesunterschied, die Stämme von selbst aufheben, in welchem als im Familiengeist die Nationalgeister freiwillig zusammenfließen würden. Dieses Element ist nicht im russischen Reiche. Rußland ist panslavisch nur sofern es russisch ist, sofern der russische Charakter den slavischen zur Zeit am kräftigsten ausdrückt. Daher kann Polen wohl unterjocht, niemals vernichtet werden; der polnische Geist widerstrebt dem russischen, weil dieser ihm nur als solcher, nicht unter dem höhern Gesichtspunkte des slavischen, von Anfang erscheinen konnte. Und selbst wenn es gefunden wäre, jenes Element: — immer noch würde Ungarn in seiner Eigenthümlichkeit entgegenstehn.

Ungarn, mit Slavonien und Kroatien, im weitern Sinne mit Siebenbürgen, bildet, wie schon im Eingange bemerkt, ein besonderes Glied in der slavischen Reihe. Es ist das Mittelland zwischen slavischen, germanischen, und ostromanischen Völkern. Demgemäß zählt man 4 Millionen Slaven (die überwiegende Zahl), ½ Mill. Deutsche, 1 Mill. Wlachen, und, als den Kern der Bevölkerung, der Ungarn seinen Charakter verleiht, 3 ½ Mill. Magyaren. Die Magyaren haben im Laufe von Jahrhunderten über die slavischen Einwohner nicht vermocht, was andern Eroberern in Jahrzehnten gelang: die sonst so schmiegsame slavische Raçe hat ihnen widerstanden. Ihre Bestimmung ist nicht, die Andern zu magyarisiren, einen Urstamm aufzupflanzen in Europa; sie sollen verwachsen mit den andern, aus allen vereinigt soll eine besondere Gattung der östlichen Gruppe entstehen.

Das ist noch nicht geschehen. Ungarn ist in diesem Stücke noch so jung, wie die ostromanischen Völker, erst im Werden begriffen; noch gibt es kein ungarisches Volk. Ja, gerade in unsern Tagen drängt sich der Zwiespalt von Magyaren- und Slaventhum heftiger als jemals hervor. Dieser Zwiespalt ist es, der den Einfluß der Deutschen in Ungarn, ohne Usurpation und Gewalt, von selbst begründet. Er gibt den Deutschen die natürliche Rolle der Vermittlung. Wie Italien unter den westromanischen, so ist Ungarn unter den slavischen Völkern durch seine Besonderheit an Deutschland gebunden. Die Magyaren bedürfen, um das slavische Element zu beherrschen, die Slaven um dem magyarischen zu widerstehen, der deutschen Hülfe. Beide in Einklang zu setzen, ein einiges Volk zu schaffen, ist die Aufgabe der deutschen Politik.

Die Vorsehung also, nicht der Zufall hat es gewollt, daß ein deutsches Haus zugleich den ungarschen Thron überkommen hat. Auch in staatlicher Hinsicht erscheint naturgemäß, fast nothwendig die deutsche Einwirkung. Die ungarische Konstitution, die ungarischen Gesetze sind ein rohes mittelalterliches Gebäude; aber die Freiheit hängt daran, und jede Veränderung ist unwillkommen, weil sie die Herrschaft der Großen und das bestehende Verhältniß der Raçen erschüttert. Eine fremde, unparteiische Hand ist nöthig, um den Fortschritt zu leiten, um die untern Klassen zur Emancipation und den Bürgerstand zu germanischer Geltung zu erheben. Und in der That sieht man mit eigenem Gefühl, wie die östreichische Regierung nicht selten als Verfechterin des Fortschritts den mittelalterlichen Ansprüchen entgegentritt.

Weiter aber, auch die ungarische Politik (als solche, nicht als Bestandtheil der östreichischen betrachtet) ist mit der deutschen nach allen Seiten verwebt. So lang die türkische Macht Europa bedrohte, waren Deutsche und Ungarn gegen sie verbündet. Jetzt nachdem sie gefallen, haben beide dasselbige Interesse nach Ostromanien hin. Wenn Ungarn sich selbst versteht, so muß es, wie einst in der Epoche Ludwigs des Großen, auf die südslavischen Länder, auf die Moldau, die Wallachei und Serbien einzuwirken trachten. Seine Lage gebietet ihm, die Emancipation dieser Völker zu fördern, sie sich zu verpflichten, sie dem russischen Arme zu entziehen. Das will auch Deutschland; und nur der innigste Zusammenhang mit Deutschland kann dieser Bewegung nach Süden europäischen Gehalt geben.

Nicht anders ist es mit Polen. Da der slavische Theil von Ungarn, bei wachsender Opposition beider Elemente, von Rußland leicht angezogen werden kann, da die Magyaren nichts sehnlicher wünschen müssen, als ein kräftiges Gegengewicht, so lag die Erhaltung von Polen und liegt jetzt seine Herstellung im tiefsten Wunsche der Magyaren. Die natürliche Sympathie, die alten historischen Bande machen sie mehr oder weniger der ganzen Nation wünschenswerth. Ungarns Politik in Beziehung auf die slavischen Völker kann ja überhaupt keine andere sein, als die Aufrechthaltung des natürlichen Organismus, d. h. die schärfste Opposition gegen Rußland als denjenigen Staat, der durch Ausbreitung einer einzigen, der russischen Tendenz den Organismus zerstört, der in Polen seine Zwecke erreicht hat, der auch Ungarn bedroht. Das Alles verlangt auch, wo nicht die östreichische und preußische, doch die deutsche Politik. Die Sympathie der Deutschen war, als Polen fiel, so lebhaft als die ungarische; ihr Interesse gegen Rußland ist noch bedeutender.

Ungarn ist der natürliche Bundesgenosse von Deutschland. Beide sind durch Oestreich verknüpft; und sie würden es selbst dann bleiben (so sehr liegt’s in der Natur der Völker), wenn Ungarn von einheimischen Regenten beherrscht würde.


[Kapitel VIII.]
Polen. Rußland.

Noch existirt die Akte des Wiener Kongresses; noch gibt es ein Königreich Polen. Man hat nicht gewagt, den letzten Schein zu zerstören, und die Einverleibung auszusprechen. Wir, die wir nicht auf das Aeußere der Dinge, sondern auf die innere Wahrheit schauen, glauben auch jetzt noch an ein Dasein von Polen, und reden darnach. Nach wie vor, unzerstörbar so lang die russische besteht, und gleichberechtigt mit ihr, lebt die polnische Raçe. Von ihrer Zukunft ist hier die Rede.

Polens Schicksal kann den Deutschen zeigen, worin ihre Kraft liegt. Die polnische Republik ist denselben Uebeln unterlegen, welche die deutsche untergruben. Ein wählbares Oberhaupt ohne Macht und Kraft, durch steigende Kapitulationen beschränkt, eine Aristokratie voll unbändigen Uebermuths, unaufhörliche Zwietracht, endlose religiöse Parteiungen, überwiegende Einflüsse des Auslandes, Zerstücklung durch mächtige Nachbarn — das Alles und noch mehr hatten Deutschland und Polen gemein. Es fehlte, um den Untergang ihres Reiches zu überleben, den Polen nur das Eine: der deutsche Bürger- und Bauernstand. Denn während in Deutschland der kleinste Reichsfürst einen Staat beherrschte mit vollkommner Lebenskraft und mit ausgebildeten Gliedern, waren Leibeigene ohne menschliche Geltung das Besitzthum der polnischen Großen. Leibeigenschaft ist allüberall das Zeichen slavischer Völker (vor kurzem sahen wir sie noch in Meklenburg). Die polnischen Edelleute und Freien, mit allem Gefühl für Ehre und Ruhm des Vaterlandes, mit aller Aufopferung, fanden nicht jene breite Unterlage der Volkskraft, um in Zeiten der Noth darauf zu fußen; sie waren zu verwöhnt oder zu klein, um sie auf ihre Kosten zu schaffen. Kosciusko und die letzte Revolution konnten nicht in Jahren ändern, was Jahrhunderte bestanden hatte.

So viel zeigen die blutigen Befreiungsversuche der Polen: ihre Kraft ist unzerstörlich, der nationale Trieb ist unversiegbar, ja nach langem Druck haben sie sich beide Male größer, gereinigter von den Schlacken der slavischen Barbarei wiedererhoben. Verbannung, Verpflanzung, Konfiskation, Hinrichtungen, Verfolgung der polnischen Sprache, Russificiren und Konvertiren — alle die Mittel, die Rußland mit eherner Konsequenz gebraucht hat und noch braucht, sind unfähig, die Nationalität, dieß wunderbare Ding, zu zerstören. Es bleibt ein inneres, unantastbares Element. Aber freilich, noch einmal die Hülle zu durchsprengen und siegreich ins Leben zu treten, das ist dem Kern des Volkes versagt, wo nicht von außen Hülfe kommt.

Woher soll sie kommen als von Deutschland? Vielleicht kann man sagen: als Opfer seiner germanischen Erziehung (seiner aristokratischen Organisation) ist Polen gefallen. Laßt uns das gefallene aufrichten, und zu neuem Leben erziehen.

Wir Deutsche haben Polen getheilt, Einiges an uns gerissen, das Andere den Armen des Drängers überliefert. Laßt uns die Schuld versöhnen, wie sie einzig gesühnt werden kann. Dieselben Hände, die Polen zerstört, sollen es wieder aufbauen.

So viel sagt uns das Gefühl des Rechts, die Theilnahme für ein unterdrücktes Volk und das Bewußtsein unsrer deutschen Natur, die am Aufbauen ihre Lust hat und mit Scham sich erinnert, einmal zerstört zu haben. Die Politik sagt noch mehr. Polen vernichten, heißt die Grundlagen vernichten, auf denen die Ordnung Europas beruht. Kein Volk in Europa hat für Erhaltung dieser Grundlagen tieferes und wesentlicheres Interesse als das deutsche Volk; denn es bildet den Mittelpunkt des großen Gebäudes. Kein Volk empfindet so schmerzhaft jede Verrückung, jede Erschütterung der organischen Verhältnisse als das deutsche. Deßhalb nennt man uns das konservative Volk, und unsere Mächte die stabilen Mächte — und in diesem Sinne sind wir’s von ganzer Seele. Wie ein Fluch lastet die Theilung von Polen noch heute auf Oestreich und Preußen. Sie hat Rußlands Kräfte verdoppelt, ohne die unsrigen zu stärken; indem wir den Schwachen opferten, beugten wir uns unter das Joch des Starken. Die eroberten Provinzen hängen als schweres Gewicht an den Fersen der deutschen Mächte, die geschehene That hat sie unwiderstehlich in Eine Bahn mit Rußland getrieben — eine Bahn, worin sie ihm doch nur zu folgen vermögen, ohne es zu erreichen oder zu überholen. Zwei mächtige Vormauern sind Polen und Ungarn zwischen Rußland und Deutschland gelagert. Wir haben die letztere zu wenig benutzt, die erstere mit eignen Händen umgerissen. Die Wunden, die Deutschland sich selbst durch den Fall von Polen geschlagen, wollen geheilt sein. Sie werden es, wie das Elend der Polen selbst, nur durch Restauration. Von Deutschland erwartet Polen seine Zukunft.

Die Polen haben Ursache, an ihrem Vaterland zu verzweifeln, wenn sie den Schein der Dinge betrachten. Frankreich hat zweimal, unter Napoleon und unter Louis Philipp, die polnische Sache verrathen; England ist fern, nur von der See her wirksam, egoistisch berechnend; und die deutschen Großmächte, wie sollten sie einer Politik entsagen, die sie seit einem Jahrhundert verfolgt? Aber die Zeit wird kommen, schon bricht sie sich Bahn, wo Oestreich und Preußen einem höheren Zuge folgen, als dem engen, der sie bisher geleitet, wo sie, deutsche Mächte ganz und gar, in deutschem Geiste handeln. Die Zeit wird kommen, wo sie einsehn, daß tiefer als das absolutistische Interesse in ihrem eignen Blute ein anderes wurzelt — das nationale, allumfassende; daß über konservativen und liberalen, absoluten und revolutionären Tendenzen hinaus die deutsche Tendenz liegt — die Tendenz der Gerechtigkeit, der Ordnung und der Wahrheit, jener innern Wahrheit, ohne welche alle Konstruktionen der Politik nur ein Gemächte sind von Staub und Thon, auf Sand gebaut, zum Sturze bestimmt und im Sturze den Erbauer selbst in seine Trümmer begrabend. —

Man wird einwenden, daß die Herstellung Polens den Verlust von Posen und Gallizien bedingt[16]; daß, einem moralischen Bedürfniß zu genügen, kein Staat jemals sich selbst geopfert habe. Es ist wahr, im Angesicht der neuen Geschichte einen so unerhörten Edelmuth zu erwarten, wäre mehr als thöricht. Aber ich spreche nur von einer Politik, die zwei lästige Provinzen einem Nachbar opfern würde, der, wiedererstanden, als Bundesgenosse die deutschen Staaten in ihren Grundfesten kräftigen würde. Es ist von einer Abtretung die Rede, welche dergestalt entschädigt werden kann, daß jedes Opfer, auch das kleinste, verschwindet. In den Ostseeprovinzen liegt Posens Ersatz. Preußen hat den Beruf, diese noch immer deutschen Länder der russischen Herrschaft zu entziehn, sie dem Vaterlande wiederzugeben. Oestreich behält die Buckowina, dringt am Pruth vor, nimmt Bessarabien, besetzt die Donaumündungen und umschlingt die griechisch-slavische Halbinsel. Diese der russischen Hegemonie zu entwinden, ihre Oberleitung zu übernehmen, ist die höchste Aufgabe der östreichischen Politik in unserer Zeit.

Die Polen verhalten sich innerhalb ihres Stammes zu den Russen, wie die Skandinavier zu den Deutschen, oder die Spanier zu den Franzosen. Daher die lebhafteste Rückwirkung zwischen beiden Nationen. Der tiefe Widerstand, der im letzten Kern der slavischen Natur, so bildsam sie sonst ist, gegen den geistigen Andrang des germanischen Princips liegt, ein Widerstand, der immer noch beharrlich im russischen Volksgeiste wurzelt, kann durch Polen allein gebrochen werden. Polen ist durch große Ereignisse, durch mannigfache deutsche Einwirkung, durchs Unglück großgezogen worden, ohne doch den slavischen Charakter irgend verloren zu haben. Von Polen aus kann wahrhafte, die Massen durchdringende slavische Kultur sich nach Rußland ergießen; slavischer Geist erstarkt schneller an slavischem, als am fremden: nur so mag Europa bis in den fernsten Osten europäisirt werden. Polen sei frei — und auch Rußland wird freier werden.

Soll ich noch des letzten Ueberrestes polnischer Freiheit, der Republik Krakau gedenken? Man staunt über die Dinge, die von dorther berichtet werden; es scheint, als habe man der alten Stadt ihre Freiheit gelassen, um sich an der Erniedrigung zu weiden oder um in kleinerem Bilde den Todeskampf von Polen beständig vor Augen zu sehen. Man freut sich der Rolle, die zwei deutsche Mächte als Protektoren spielen und bewundert ihre Hingebung. —

Ich komme zu Rußland.

Wir sahen in Ungarn und Polen zwei Binnenländer, mit geringen Ausgängen zur See, ohne maritime Anlagen, das eine durch Natur und für immer, das andere durch Geschick und theilweise (wie Italien und Spanien unter den Westromanen) an deutschen Einfluß gebunden. Jetzt ist von einem ausgebreiteten Staate, reich begabt mit kontinentalen und maritimen Elementen, von einem Volke, das in erster Linie, wie Deutschland den germanischen, Frankreich den romanischen, so den slavischen Charakter ausdrückt — es ist von einer Großmacht die Rede. In der Erstlingschaft des slavischen Typus liegt Rußlands kolossale Größe, liegt seine entsetzliche Schwäche. Rußland ist die wundersamste Erscheinung der neuen Geschichte: der modernste Staat Europas und doch der niedrigste unter allen. Versuchen wir, ihn auf das natürliche Maß zurückzuführen, seine Stellung organisch zu bestimmen.

Das Weitumfassende, wie Johannes Müller sagt, war von Anfang an der Charakter des russischen Reiches. Wie schon in uralter Zeit Nowgorod und Kiew, im Nord und Süd, die Wiegen russischer Geschichte gewesen, so erstreckt sich auch heute noch Rußlands natürliche Gränze von der Ostsee zum schwarzen Meere. Aber wie die Natur durch weise Fügung im Norden durch den Sund, im Süden durch den Bosporus die Meere verengt hat, so sind aller slavischen Macht die Gränzen der Ausbreitung schon ursprünglich vorgesteckt, und jeder Uebergriff ins germanisch-romanische Völkertreiben kann nur in unorganischen Entwicklungen seinen Grund finden.

Erstaunlich ist die russische Geschichte durch den plötzlichen Aufschwung, den Iwan zuerst, dann Peter der Große ihrem Volke gegeben. Der Thron der Ruriks, von Normannen aufgerichtet, hatte die Germanisirung von Europa vollendet, hatte vom äußersten Südwest bis zum höchsten Nordost dieselbe Saat in alle Länder gepflanzt: Rußland konnte sich gleichartig mit dem übrigen Europa entwickeln. Da kam der mongolische Einfall, zerstörend und unterbrechend. Ohne ihn mußte Rußland, wo nicht in den lateinisch-kirchlichen Kreis, doch in die europäische Gesammtbildung gezogen werden. In Ungarn und Polen gestaltete das Mittelalter sein eigenthümlich Leben: in Rußland wurde es übersprungen. Iwan konnte wenig mehr, als aus der tiefsten Barbarei sein Volk erretten; auf ihn folgte Nacht. Endlich wurde Peter gesandt. Er trieb mit eisernem Willen Rußland in das modern-europäische Wesen hinein: sein Land zur Großmacht zu erheben, war er, wie später Friedrich, berufen; aber während dieser auf tiefe innere Grundlagen baute, eignete Peter die neuesten Resultate des europäischen Verstandes einer Nation ohne Bildung und Geschichte an. In demselben Lande, wo der große Czaar die Thronfolge nicht nach dem Erbrecht, sondern nach der geistigen Befähigung ordnete, wo er die Kirche aufs unmittelbarste dem Staat unterwarf (zwei modern-philosophische Neuerungen), besitzt noch heutzutage der Kaiser 21 Millionen Leibeigene. Dieß schreiende Mißverhältniß zwischen den Maximen der Regierung und dem inneren Kern des Volkes, zwischen Haupt und Gliedern ist es, was nach allen Seiten hin den russischen Staat charakterisirt.

Es ist genug, den hier in Kürze bezeichneten Entwicklungsgang der russischen Geschichte sich scharf vors Auge zu führen, um zu sehen: daß Rußland, wenn es sich selbst wahrhaftig und innerlich bilden will, wieder zurückgehen muß auf die früheren Zeiten, und von neuem beginnen, daß die Scheingröße der Wahrheit weichen, daß das heutige Rußland in Trümmer stürzen muß, damit aus dem Staub sich ein neues erhebe[17].

Es ist nicht nur Widerwille gegen die Despotie, Haß gegen absolutes Regiment, was uns die Weissagung des Unterganges entlockt. Die Despotie war nothwendig in Rußland; sie am leichtesten, wenn sie im Sinne des Volks und für das Volk handelte, konnte Rußland erziehen. Statt dessen hat sie in ihrem Sinne, zu ihrem Besten mit den Massen gewirthschaftet. Religion, Industrie, Bildung, alle Kulturanstalten sind ihr nur die Hebel der Macht. Sie hat Rußland aus sich herausgetrieben, hat es umgemodelt von außen, hat geerndtet, wo sie säen sollte: und darum trifft sie der Fluch. Rußland muß in sich zurückgehen, um von unten herauf im Kerne des Volks eine Entwicklung zu beginnen, die es langsam aber sicher der europäischen Kulturstufe zuführen kann.

Wie nun die russische Macht, trotz aller innern Schwäche, so groß geworden ist in Europa? Man denke sich eine Regierung mit allen Hülfsmitteln der Gewalt, mit allen Waffen des Geistes, die dem übrigen Europa zu Gebot stehn, und ihr gegenüber zahllose Tausende, so gefügig dem Willen des Herrschers, so bildsam für alle und jede Werke, so formbar wie Thon in des Töpfers Hand — und das Geheimniß ist gefunden. Militärstaaten sind es ja, die die neuere Zeit in der östlichen Hälfte Europas aufgerichtet hat, und Rußland ist der größte unter ihnen.

Und jene Masse, bei all ihrem Geschick, hat keinen Funken selbsteignen Strebens; während andere Militärmonarchien, mit oder ohne Willen, dem Zuge folgen, der von den Völkern ausgeht, während sie von der Freiheit bewegt werden, wonach in tausend Arten die Menschheit ringt, steht die russische Nation in fremdartiger Barbarei der Bewegung verschlossen. Es gibt aber nur Eine Macht, welche die noch knechtischen Gemüther erheben kann, die Macht der Kirche, wenn sie, erhaben über weltlicher Gewalt und unantastbar, Könige und Bettler vor Einen Richterstuhl stellt. So hat in Wahrheit die katholische Kirche die Völker des Abendlandes in der Freiheit erhalten: die Kirche war Palladium gegen rohe Gewalt, weltliche Hoheit diente, wie die niedrigste Armuth, nur Einem überirdischen Willen. Davon ist Nichts im griechischen Christenthum; die Kirche ist das blinde Werkzeug des Herrschers, der Kaiser der Gott der Erde, und so vermag weder Geist noch Gemüth aus der Nacht der doppelten Sklaverei zu erstehen. Dazu die knechtische Natur der Slaven, der tiefe Aberglaube, worin die griechische Religion, durch keine Reinigung verjüngt, sich selbst überlassen, versunken ist, ihm gegenüber die hohle französische Aufklärung der höheren Stände — welch eine Nation, ohne Einheit, Leben und Inhalt! Welchem Zuge soll nun die russische Regierung folgen? Vom Volke wird ihr keiner mitgetheilt, als der Zug der Barbarei, der bewußtlose Trieb der Gewalt, derselbige, der Hunnen, Mongolen und andere gestachelt hat, auszugehen, Reiche zu stürzen und aufzurichten nach Willkühr. Dieser Trieb ist es ja, der ihrer Natur nach die russische Regierung beseelen muß: weil in der Knechtschaft das Geheimniß der Macht ruht, weil die Theilnahme an höherer Entwicklung versagt ist, was Anders bleibt ihr, selbst bei edlerem Willen, übrig, als nach gesteigertem Wachsthum in Europa und Asien fort und fort und zügellos zu streben? Unbedingte Machterweiterung, das ist das Princip der russischen Politik; hiefür wirkt sie mit eherner Ausdauer, mit einer Kunst und Energie, worin ihr keine Regierung Europas gleichkommt. Moralische oder geistige Rücksichten können sie nicht binden: darin, daß sie kein Mittel zu scheuen, vor keiner Unthat zu zittern hat, darin ruht ihre Stärke[18]. Nicht nur sich gleichermaßen auszubreiten, auch nur ihre Ausbreitung zu hindern, sind andere Mächte zu schwach.

Fraget nicht, wer die Theilung von Polen verschuldet hat. Sie mag in Josephs oder in Friedrichs, in Kaunitzs oder in Heinrichs Kopf entsprungen sein — Rußland hat sie verschuldet. Die Gewißheit, daß Rußland früher oder später leichten Sinnes das ganze Polen zerstören werde, diese Gewißheit hat Polen getheilt.

Das Princip der Gewalt, unerträglich auch dann, wenn ein großes, mannhaftes Volk, wie das römische, es handhabt, ist fluchwürdig im neuern Europa, welches in allen Stücken nach Begründung und Organismus strebt, in dem jede Macht gehalten ist, sich selbst zu erkennen, und die Gränzen, die ihr Gott gesetzt hat.

So will es die Nemesis der Geschichte. Vor tausend Jahren begann in fanatischem Bekehrungseifer die Unterwerfung der slavischen Völker; Jahrhunderte durch war der Nordosten Deutschlands von slavischem Blute voll. Dieses Blut hat um Rache geschrieen: und jetzt gehen zwei deutsche Mächte, die eine mit, die andere wider Willen, an russischer Hand; Deutschland empfindet russische Einflüsse, und kindische Gemüther ängsten sich unter der Furcht vor dem russischen Joch. Wahr ist es: die größte Macht der Erde hat Rußland in Händen: über Deutschland, Skandinavien, die Türkei, Persien und Ostasien erstreckt sich lastend sein Arm; England allein mag ihn dämmen. Wir fürchten sie nicht, diese Herrschaft. Wenn Deutschland sich selbst versteht, hat es keine Macht der Welt zu fürchten: Ein Jahr, vom Geiste der wahren deutschen Politik beseelt, Ein Jahr, mit verändertem System der deutschen Mächte, würde hinreichen, Rußland auf immer zu demüthigen. Das weiß Rußland, und strebt einen geistigen Weg sich zu bahnen in Deutschland, den es im Herzen des Volks nun und nimmermehr finden wird.

Ich wende mich jetzt zur Zukunft, um in ihrem Bilde Rußland zu schauen. Polen ist die westliche, Preußen (durch die Ostseeprovinzen) die nordwestliche, Oestreich (durch Ungarn, Moldau u. s. f.) die südwestliche, der Kaukasus (durch die Tscherkessen) die südöstliche Vormauer gegen Rußland[19]. All diese Gränzen hat Rußland übersprungen, oder ist im Begriff, sie zu überspringen. Maß und Ziel wird ihm unser Jahrhundert setzen.

Von Polen ist gesprochen worden. Ein europäischer Krieg vermag vielleicht allein, auch ohne Mitwirkung deutscher Mächte, Polen zu befreien. Wir wollen die letztere hoffen; aber, wie ihm auch sei, Polen ist ein nagender Wurm in den russischen Eingeweiden, und wenn die Gefahr über Rußland kommt, wenn der Staat erkrankt, so wird die Schlange, die es zertreten zu haben meint, es in die Ferse stechen.

Der Heerd der russischen Politik, der Sitz der Kultur, wodurch sie groß geworden, Rußlands Kopf sind die Ostseeprovinzen. Von hieraus zirkulirt das geistige Lebensblut durch die Adern des weiten Reiches; es ist das Band, wodurch Rußland an Deutschland gebunden wird, der Leiter, der die Deutschen überhaupt zur russischen Regierung bringt. Die Münnichs, die Ostermanns, die Nesselrode sind Deutsche; wir selbst haben, seit dem großen Peter, Rußland großgezogen; zu eignem Unheil haben wir gezeigt, was deutscher Geist mit roher Masse auszurichten vermag. Nehmt die Ostseeprovinzen weg, und ihr zwingt Rußland, der fremden Hülfe zu entbehren, mit eignem Gehirne zu arbeiten, in sich selbst zurückzugehen, ihr zwingt es, den Volksgeist gründlicher zu wecken, eine neue segensreichere Bahn zu beginnen. Esthland, Liefland und Kurland sind in Kultur, Sitte und Sprache nach dem Theile der Bevölkerung, der dem Lande den Charakter gibt, unbestreitbar deutsch; ihre Vereinigung mit Rußland ist Unnatur; nur im deutschen Bündniß finden sie Bestand. Deutschland gebührt es, die verlornen Brüder wieder an sich zu ziehn, und Rußland selbst erleichtert das Werk. Lange geschont in ihren Privilegien und im Genuß einer eigenthümlichen Freiheit, fangen diese Provinzen an, allmälig dem Andrang der russificirenden Tendenz zu unterliegen. Sie sind verloren für Rußland, je mehr sie, dadurch gestachelt, sich in die Arme des Mutterlandes zurücksehnen, das sie verschmähten, so lange sie sich so frei, als es in Preußen z. B. nur immer sein konnte, und durch überwiegende Bildung so wichtig und vorragend im russischen Reiche spürten. Wir haben oben bereits erwähnt, wie Preußen, dessen östliche Provinzen durch Natur und Geschichte den russischen so verwandt sind, berufen sei, sie dem deutschen Einfluß zurückzuführen. Es gibt Dinge, die nur aus langer Gewohnheit unglaublich erscheinen, obgleich sie an sich nicht nur glaublich, sondern nothwendig sind. Dahin gehört, daß Preußen seine Politik gegen Rußland im angegebnen Sinn verändere. Zeit und Noth werden Preußen belehren.

Auch davon war oben die Rede, wie leicht es Oestreich vermöchte, die Donau bis zu ihren Mündungen zu beherrschen und die Halbinsel des Hämus zu umgarnen; wie im ungarschen Volksgeist das Bestreben liege, an die Stelle des russischen Einflusses in Ostromanien den eignen zu setzen. Das Meiste ist hier schon gegeben; nur zu sehen, thut Noth, und darnach mit Entschlossenheit zu handeln.

Noch sind die Tscherkessen aus jahrelangen Kämpfen um Freiheit und Vaterland unbesiegt hervorgegangen. Wir widmen den tapfern Stämmen des Kaukasus eine lebhaftere Theilnahme als den arabischen in Algier, und das mit Recht, theils weil dem nomadischen Araber auch nach der Eroberung des Landes immer noch eine Heimat bleibt, theils weil wir mit Vergnügen in dem Charakter, der Verfassung und der Art der Tscherkessen die kräftige Natur unserer Vorältern, freilich in asiatischer Weise, wiederfinden und die Vorsehung bewundern, die in dem Gränzgebirge zwischen Asien und Europa den reinen kaukasischen Urstamm so unversehrt erhalten hat. Es ist zu hoffen, daß die Tscherkessen ausdauern, bis sich den Engländern Gelegenheit bietet, von Südasien aus den Widerstand zu unterstützen und Rußlands Fortschritte zu vereiteln. Ohne den Kaukasus ist für Rußland keine bleibende Stätte in Persien; was jenseits liegt, das ist, wie der indogermanische Orient überhaupt, der germanischen, nicht der slavischen Einwirkung beschieden.