Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersicht halber vom Bearbeiter eingefügt.
Jungmädchen
Bücher
Herausgeber:
Ernst Wilmanns
K. Thienemanns Verlag Stuttgart
1921
Hans und Suse
in der Stadt
von
Trude Bruns
K. Thienemanns Verlag Stuttgart
1921
Buchausstattung nach Entwurf von Fritz Eich, Bielefeld.
Die Bilder zu diesem Bande sind von Ralf Winkler gezeichnet.
Copyright 1921 by K. Thienemanns Verlag in Stuttgart.
Druck von J. F. Steinkopf in Stuttgart.
Inhalt
| Seite | |
| Erstes Kapitel — Die gefährliche Stadt | [5] |
| Zweites Kapitel — Die Flucht | [35] |
| Drittes Kapitel — Das Kamel | [69] |
| Viertes Kapitel — Der Missionar | [101] |
| Fünftes Kapitel — Christines Reise | [116] |
| Sechstes Kapitel — Schluß | [136] |
Erstes Kapitel.
Die gefährliche Stadt
Es war noch früh am Morgen, gegen ein halb sieben ungefähr, da waren Hans und Suse, die beiden Doktorskinder, die bei Frau Cimhuber, der Pfarrwitwe, in dem hohen weißen Haus am Kanal wohnten, schon wach. Voll Unruhe hatten sie ihr Lager verlassen, sich angezogen und saßen nun fix und fertig am Tisch in Susens Zimmer, bereit zur Schule zu gehen.
Dabei waren es ganze anderthalb Stunden vor Schulanfang. Aber die beiden hatten nun mal keine Ruh und Rast, seit sie hier in der Stadt weilten, und ihre Aufregung verriet sich in ihrem ganzen Wesen und Aussehen. Wie Schatten ihrer selbst sahen sie aus.
Suse, die kecke, übermütige Suse, die sonst ihren Kopf mit der fürwitzigen Nase so hoch zu tragen pflegte, hielt ihn trübselig gesenkt. Und ihr Bruder Hans sah aus seinen großen, dunklen Augen verängstigt um sich. Die beiden fühlten sich ebenso verlassen und ausgestoßen hier in dieser fremden Stadt, in der sie gerade einen Tag verbracht hatten und in der sie doch eine lange Zeit bleiben sollten, um die höheren Schulen zu besuchen. — Weit weg, an das andere Ende der Welt, schien ihnen ihr Elternhaus, das freundliche Arzthäuschen, gerückt; und dabei war es doch nur eine Tagereise entfernt und lag in den Bergen, deren Umrisse man an hellen Tagen wie eine feine Linie am Horizont wahrnehmen konnte.
„Hans,“ sagte das kleine Mädchen plötzlich, „was meinst du, sind Frau Cimhuber und Ursel schon wach?“
„Ich glaub’, mir ist’s, als hätt’ ich jemand auf Pantoffeln gehen hören,“ erwiderte der Bruder... „vielleicht war’s Ursel.“
Suse nickte.
Und halb zu Hans gewandt, halb wie im Selbstgespräch fuhr sie fort: „Gräßlich alt ist Ursel schon. Über sechzig Jahre. Und vierzig Jahre ist sie schon bei Frau Cimhuber gewesen. Das ist viel länger als unsere Rosel. Rosel ist gerade neun Jahre bei uns. Das ist einunddreißig Jahre weniger als Ursel.“
„Du Suse,“ fragte Hans mit einem Male, „was hat eigentlich gestern abend Frau Cimhuber über Ursel gesagt, als sie vor uns auf dem Sofa gesessen ist und deine Hand gehalten hat und uns so lange angesehen hat?“
„Das weißt du schon nicht mehr!“ rügte Suse, die so gern dem jüngeren Bruder gegenüber die Überlegene, Belehrende spielte. „Wirklich, das weißt du nicht mehr? — Sie hat gesagt: ihr sollt Ursel stets mit Rücksichtnahme und Respekt begegnen; denn sie ist über vierzig Jahre in meinem Dienst und ist mir eine getreue Beraterin und bewährte Freundin gewesen, eine Stütze meines Hauses in Not und Gefahr. Nicht nur in fröhlichen Zeiten, sondern auch in trüben Zeiten voller Aufopferung und Liebe und echt christlichen Sinnes. Gehorcht ihr wie mir!“
„Aber, Suse, so viel hat sie nicht gesagt,“ fiel Hans ein.
„Doch, Hans, ganz bestimmt!“
Und Suse wiederholte noch einmal: „Nicht nur in fröhlichen Zeiten, sondern auch in trüben Zeiten, voller Aufopferung und Liebe. Gehorcht ihr wie mir!“ — Liebte sie es doch über die Maßen, feierliche Worte mit schöner Betonung aufzusagen, vor allem Gesangbuchverse oder Stellen aus Predigten, die sie Sonntags in der Kirche daheim auffing und nicht immer dem Sinn nach verstand. — Und mit großer Genugtuung bemerkte sie bei diesen Gelegenheiten jedesmal, wie Hans, der schwerfälliger beim Auswendiglernen war als sie, bewundernd zu der begabten Schwester aufsah.
Wieder war es nun still in dem Zimmer, bis Hans plötzlich leise fragte: „Magst du eigentlich Frau Cimhuber gern?“
Das kleine Mädchen wurde feuerrot, sah verlegen vor sich hin und schüttelte dann ihr Haupt.
Da stieg auch dem Bruder die Verlegenheitsröte in die Wangen, und er gestand der Schwester, daß er die Pfarrfrau ebensowenig leiden möge.
„Aber, Hans, wir müssen sie lieb haben,“ rügte da Suse, sich flugs ihres Amtes als Lehrmeisterin in allen Tugenden dem Bruder gegenüber entsinnend, „wir müssen sie lieb haben, das haben der Vater und die Mutter uns ausdrücklich befohlen.“
„Wenn ich aber nicht kann,“ meinte Hans gedrückt, „was soll ich da machen?“ Und als die Schwester schwieg, forschte er halblaut weiter: „magst du Ursel gern, Suse?“
„Ja,“ wollte die Schwester sagen, aber ihr fiel ein, daß dies gelogen wäre, und so verweigerte sie dem Bruder lieber jede Auskunft.
Er wartete noch ein Weilchen und fuhr dann mehr flüsternd als redend fort: „Eine gräßlich große Nase hat Ursel. Gelt? — Und eine solch’ dicke Warze mit einem langen Haare drauf.“
„Ja, ja,“ fiel Suse mit einem Male lebhaft ein, „ein ganz stacheliges Haar ist’s. — Weißt du, Hans, genau so wie die Hexe in dem Märchenbuch, das uns Tante Anna geschenkt hat.“
„Ja, daran hab’ ich auch schon gedacht,“ meinte der Bruder ebenso lebhaft wie sie.
„Hans, Hans, jetzt haben wir schon wieder was Schlechtes gesprochen,“ meinte Suse schuldbewußt. „Immer fangen wir wieder von der Nase an. Diesmal hast du angefangen. Das dürfen wir doch nicht. Der Vater und die Mutter haben uns doch befohlen, daß wir nicht von den Fehlern und Gebrechen anderer Leute reden.“
„Aber von großen Nasen haben sie nichts gesagt. Und große Nasen sind auch nichts Schlimmes. Die von dem Großvater von unserem Pfarrer, der vorigen Herbst zu Besuch bei ihm war, die war noch viel größer. Weißt du denn nicht mehr? Weißt du denn nicht mehr, wie viel wir davon gesprochen haben? Und du hast am meisten davon gesprochen. Und wie hast du gelacht, als Theobald gesagt hat, seine Nase ist so groß wie die von einem Nußknacker!“
„Da waren wir auch noch viel jünger, Hans.“
„Jünger, Suse? Ein halbes Jahr ist’s her.“
Hier achtete die Schwester nicht weiter auf des Bruders Reden, sondern sah mit gespanntem Ausdruck nach der Tür, vor der schlürfende Schritte und Stimmen zu hören waren. — Sicher gingen Frau Cimhuber und ihre Magd vorüber. Ganz still verhielten sich nun die Kinder, bis die Geräusche draußen verklungen waren, dann stand Hans leise auf, ging auf den Zehenspitzen zur Türe und spähte über den langen Gang.
„Du, Suse,“ flüsterte er im nächsten Augenblick zurück, „sie sind jetzt in der Küche. Ich höre sie. Und hör’ mal, Suse, die Negerstube ist offen. Komm’ mal, wenn du sie sehen willst.“
„Wo, wo? Wirklich, laß’ mich mal sehen,“ rief Suse und war in zwei Sprüngen an der Seite des Bruders. Ganz aufgeregt sah sie über den Gang nach Frau Cimhubers Staatsgemach, der „Negerstube“, hin. — So hatten die Kinder das Zimmer der Pfarrfrau getauft, weil es die merkwürdigsten Dinge aus fremden Ländern enthielt: Löwen- und Tigerfelle, ausgestopfte Affen, Vögel, Waffen und Bilder von Negern, Gefäße aus Holz und Stein und einen großen Götzen.
„Dort hinten, guck, dort hinten sitzt der Gott,“ flüsterte Suse, ihren Bruder am Arm packend. „Dort sitzt er.“
Und die beiden sahen wie gebannt auf das seltsamste Stück des ganzen Raumes, einen schwarz angestrichenen Negergott, der mit seinem bienenkorbdicken Leib und runden Schädel vergnügt von einer Säule in der Ecke herüber grinste.
„Man meint, er lebt,“ flüsterte Suse „Für hundert Tafeln Schokolade möchte ich ihn nicht anfassen. Und du, Hans?“
In diesem Augenblicke hörten die beiden wieder Schritte und flohen in ihr Zimmer zurück. Irgend jemand kam — Ursel oder die Pfarrfrau.
Gleich darauf wurde die Klinke ihrer Tür niedergedrückt, und Frau Cimhuber stand auf der Schwelle.
Sie war gekommen, die Kinder zu wecken.
Langsamen Schrittes wich sie zurück, als sie der beiden ansichtig wurde.
„Aber Kinder,“ sagte sie dann vorwurfsvoll, „ihr solltet ja noch schlafen! Ich wollte euch jetzt erst wecken. Was soll das heißen?“
„Wir sind schon aufgewacht, und dann sind wir aufgestanden,“ stotterte Suse, „entschuldigen Sie, Frau Pfarrer, wir sind schon aufgestanden.“
Dann schluckte das Kind dreimal trocken runter vor Schrecken und fuhr noch verwirrter als bislang fort: „Entschuldigen Sie, wir haben gemeint, Sie haben keine Kinder. Und da verschlafen Sie, weil Sie keine Kinder haben, haben wir gemeint. Und da hat auch Hans gesagt, es ist der Frau Cimhuber sicher sehr angenehm, wenn wir aufstehen. Und da sind wir aufgestanden.“
Der Bruder, der daneben stand, biß sich auf die Lippen, aus Beschämung über all das krause Zeug, das seine Schwester daherredete.
Frau Cimhuber aber schüttelte ihren Kopf und sagte: „Aber Kinder, ich habe euch gestern abend doch ausdrücklich gesagt, ihr sollt liegen bleiben, bis wir euch wecken. Ich habe es zweimal gesagt. Ihr müßt euch besser an das Gehorchen gewöhnen.“
Die Kinder fuhren zusammen und sahen sich erschrocken an. Sie aber merkte nichts davon und fuhr mit vorwurfsvoller Stimme fort: „Vor einer halben Stunde ist der Kaffee überhaupt nicht fertig. Wir trinken immer erst zehn Minuten vor ein halb acht Uhr Kaffee. So lange müßt ihr euch gedulden.“
Und nach diesen Worten ging sie wiederum zur Türe hinaus.
„Jetzt ist sie böse auf uns,“ sagte Suse, als sie gegangen war, und Hans nickte.
„Wenn sie uns aber den Kaffee zu spät gibt?“ sagte er schließlich. „Was dann?“
„Dann laufen wir ohne Kaffee fort!“ erklärte Suse. Inzwischen war Frau Cimhuber wieder langsam zur Küche zurückgegangen, um mit Ursel, ihrer alten Magd und Vertrauten, über die Kinder zu reden. Vor der Tür von Ursels Reich stieß sie einen schmerzlichen Seufzer aus, den die alte Magd sicher gehört hätte, wenn sie nicht gerade dabei gewesen wäre, der alten abgeleierten Kaffeemühle einen Klaps zu geben, damit die paar letzten Bohnen, die widerspenstig über dem Mahlwerk herumhüpften, den schon zerriebenen nachpolterten.
Gleich darauf trat nun die Pfarrfrau dicht vor Ursel, und diese mußte aufsehen. Und in dem Augenblick, in dem sie ihr Haupt hob, konnte man den Schrecken verstehen, den ihr Anblick den Kindern einflößte. Von ihrem dichtvermummten Haupt waren nur eine lange Nase und ein entrüstetes Auge zu sehen, denn alles andere war durch Wolltücher verhüllt, deren Wärme der alten Magd heftige Zahnschmerzen vertreiben sollte.
„Ursel, Ursel,“ sagte Frau Cimhuber, indem sie ihre gefalteten Hände auf ihre schwarze Schürze sinken ließ. „Die Kinder sind schon wach. Sie sitzen schon angezogen in der Stube.“
„Was, schon wach?“ fragte Ursel fast triumphierend, „da haben wir’s! Das hab’ ich ja gleich gesagt. Die beiden bringen alles zuwege. Merkwürdige Kinder sind’s. Solche Kinder hab’ ich hier herum noch gar nicht gesehen. Sehen Sie einmal den Buben an, wie dem die Augen im Kopf herumfahren. Und das Mädchen, das geht ja auf der Straße gar nicht wie andere Leute. Die ist gestern mitten im Weg stehen geblieben und hat die Leute angesehen wie Meerwunder. Und wie ich sie gefragt habe, was sie denn sieht, hat sie gestottert und keine Antwort gegeben. — Die rechten Hinterwäldler. Eine Elektrische haben sie hier zum erstenmal gesehen, ein Auto ist ihnen auch was ganz Neues. — Nur einmal haben sie zwei ganz weit weg im Tal gesehen, hat der Bub gesagt. — Und denken Sie sich an, Frau Pfarrer, gestern fährt da ein Auto an uns vorbei, da fällt das Mädchen gleich auf mich drauf vor Schrecken und jammert: ‚Oh, wie hat der Wagen geschrien, wie eine Kuh! haben Sie nicht gehört, Ursel?‘ Ich habe noch blaue Flecke am Arm. Wie ein Krebs ist’s an mir gehängt.“
„Ja, Ursel, wir müssen Geduld haben,“ fiel Frau Cimhuber ein, „wir müssen Geduld haben. Bedenken Sie doch, die Kinder waren noch nie aus ihrem Gebirgsdorf fort und nun kommen sie zum erstenmal hierher. Recht ist es ja nicht von den Eltern gewesen, daß sie noch nie vorher eine Reise mit ihnen gemacht haben. Eine kleine Reise hätten sie wohl schon machen können. Jetzt ist’s zu spät. Jetzt ist ihnen alles fremd, und alles verwirrt sie. Und dann... und dann... das muß ich ja selbst zugeben, ein bißchen unerzogen sind sie, auch ein klein wenig verwildert. Das sind solche Landkinder immer. Jetzt müssen wir sie eben zu Gehorsam und Pünktlichkeit erziehen, und alles andere wird sich finden.“
„Gewiß, Frau Pfarrer, aber wir werden uns noch verwundern,“ meinte Ursel. „Ich hab’ ja immer gesagt, lassen Sie es sein, nehmen Sie keine Kinder, wir sind zu alt dazu.“
„Ja, aber Edwin wollte es doch. Sie wissen es doch auch, Ursel. Er hat immer gesagt: nimm dir ein paar Kinder ins Haus, Mutter, damit du Zerstreuung hast und nicht auf traurige Gedanken kommst. Mit Kindern bleibt man jung. Erst in seinem letzten Brief hat er mir wieder davon geschrieben. Und wie da bei mir angefragt wurde, ob ich die beiden Kinder von dem Doktor aus Schwarzenbrunn nehmen wollte, da hab’ ich ja gesagt. Denn es ist mir vorgekommen wie ein Wink des Himmels.“
„Na, wir wollen sehen, wie noch alles wird,“ meinte Ursel. „An viel Gutes glaub’ ich nicht.“
Inzwischen warteten die Kinder sehnsüchtig auf den Kaffee, und als er nach einer halben Stunde immer noch nicht da war, konnten sie ihre Unruhe nicht mehr bemeistern. Suse schnallte ihren Ranzen auf, ging unruhig im Zimmer hin und her und blieb schließlich an der Tür stehen, die Klinke in der Hand.
„Sie rufen immer noch nicht, Hans,“ meinte sie ungeduldig. „Sie rufen immer noch nicht. — Weißt du was, wir laufen ohne Kaffee fort.“
„Das dürfen wir nicht, da wird Frau Cimhuber böse,“ entgegnete er.
„Aber wir kommen ja zu spät,“ sagte sie, hin und her trippelnd, „wir kommen zu spät. Und wir dürfen doch nicht zu spät kommen, Hans; ich will nicht zu spät kommen. Ich traue mich sowieso schon nicht in die Schule. Dann traue ich mich erst recht nicht. Lieber will ich keinen Kaffee.“
„Hopp, wir gehen,“ ermunterte das kleine Mädchen den Bruder, öffnete im selben Augenblick die Tür und eilte auf den Vorplatz. Gerade wollte sie mit dem Bruder in das Treppenhaus huschen und ein Stückchen von seinem Ranzen schwebte noch um die Ecke, da schaute Ursel verwundert zur Küche hinaus und hörte auf den Lärm. Mit einem Sprung war sie auf dem Vorplatz und von dort auf der Treppe, holte die beiden Flüchtlinge ein und führte sie in die Wohnung zurück.
„Nicht übel, nicht übel,“ sagte sie. „Wenn ich’s mir nicht gedacht hätte! Wollt ihr schon durchbrennen? Jetzt mal hier herein ins Eßzimmer und trinkt euern Kaffee.“
Und gleich darauf saßen die beiden mit erhitzten Gesichtern der Pfarrfrau gegenüber am Kaffeetisch und sahen, wie ihre Pflegemutter traurig den Kopf schüttelte, wobei sich die Perlenschnüre ihres Häubchens verwirrten und sie mit anklagender Stimme sagte: „Ihr müßt euch mehr an das Gehorchen gewöhnen. Ihr wißt doch, daß wir euer Bestes, euer Allerbestes wollen.“
„Ja, das haben Vater und Mutter auch gesagt, daß Sie so gut zu uns sind,“ stotterte Suse, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Aber wir haben so Angst, daß wir zu spät zur Schule kommen. Wir möchten lieber keinen Kaffee.“
„Wir sorgen dafür, daß ihr nicht zu spät kommt,“ sagte die Pfarrfrau. „Ich habe es schon einmal gesagt, ihr müßt Vertrauen zu uns haben. Ursel und ich wollen euer Allerbestes.“
Die Kinder aßen und tranken verschüchtert und ängstlich, fast mit Widerstreben und waren froh, als sie endlich aufstehen und sich entfernen durften.
In großer Eile liefen sie die Treppe hinunter auf die Straße. Jetzt waren sie ja frei. Frau Cimhubers Haus gegenüber führte eine Brücke über den Kanal, und dort hinüber ging ihr Weg. Gerade als sie die Brücke überschritten, kam ein mit Steinen beladenes Schiff daher. Düster aussehende Männer, die an die Holzhauer in der Doktorskinder Heimatsort erinnerten, standen auf dem Kahn und stießen ihn mit langen Stangen vorwärts. Langsam zog er unter der Brücke durch, dumpf hallten die Stimmen der Männer herauf, und langsam kam er auf der andern Seite wieder zum Vorschein.
Eine Weile folgten ihm die Kinder mit ihren Blicken, dann gingen sie weiter. Und während sie so dahinschlenderten, fiel Suse mit einemmal eine Reihe hoher, freischwebender Buchstaben ins Auge, die auf dem Dachfirst eines Hauses jenseits des Kanals standen. Sie machte ihren Bruder darauf aufmerksam.
„Hans, dort oben, guck, dort,“ rief sie, „war es nicht dort, wo gestern die hellen Buchstaben herumgehüpft sind, als die Lichter angezündet wurden und wir aus dem Fenster gesehen haben? Weißt du nicht mehr? Herrlich war das, gelt, wie immer einer hinter dem andern hergesprungen ist. Und wupp, waren sie alle miteinander weg und ausgelöscht. Und dann kamen sie wieder und sind wieder hintereinander hergesprungen. Das ist das Allerschönste hier. Am liebsten möchte ich eigentlich, daß wir auch daheim auf unserem Haus solche große Buchstaben hätten. Das wäre herrlich. Dann kämen alle Leute des Abends herbei und guckten sich unser Haus an. Und der Vater und die Mutter und wir ständen am Fenster und freuten uns über unser schönes Haus. Nicht wahr?“
Der Bruder nickte, hatte aber wenig acht auf der Schwester Rede, sondern mehr auf den Weg; denn er hatte die Führung übernommen und Suse versprochen, sie an ihrer Schule abzuliefern.
So war es ja immer. In gewöhnlichen Zeiten leitete die Schwester den Bruder gern, aber in schweren Tagen, wenn Not an den Mann trat, war er der leicht eingeschüchterten Suse treuster Führer. Wie ein geschickter Steuermann führte er sie jetzt, mit den Augen scharf nach allen Seiten spähend, und sie benutzte die Zeit derweil, um ihren Gefühlen in den merkwürdigsten Stoßseufzern Luft zu machen.
„Ach, ich möcht’, ich wäre schon in der Schule,“ sagte sie einmal. Dann wieder: „Ach, ich möcht’, ich wäre schon wieder aus der Schule heraus. — Ach, ich möcht’, ich wäre bei den Eltern..., ach, ich möchte, Frau Cimhuber wäre nicht so alt und Ursel sähe nicht so böse aus.“
Und plötzlich packte sie den erschreckten Bruder am Arm und raunte ihm zu: „Jetzt, Hans, jetzt paß auf, jetzt darfst du nicht auf die rechte Seite gucken. Da kommt das Haus, von dem ich dir gesagt habe, vor dem die toten Rehe auf der Straße liegen. Und alle haben sie ihre Köpfe herumgedreht, und ihre Hälse sind wie gebrochen. Und blutig sind sie, lauter Blut ist um sie herum, große Blutlachen schwimmen um sie herum.
Mir ist’s ganz schlecht geworden. Und du glaubst gar nicht, wie traurig sie mich angesehen haben. Und Hasen hängen dort, sicher hundert, an den Beinen.“
„Wo hängen die Hasen an den Beinen?“ fragte Hans aufgeregt.
„Guck nicht hin, Hans,“ wehrte Suse, „ich bitte dich, guck nicht hin, Hans!“ Und dann flüsterte sie ihm mit erschrecktem Gesichte zu: „Ein Mörder wohnt dort, ganz gewiß, Hans. Ich habe darüber nachgedacht, es ist ein Mörder.“
Es stimmte. Suse hatte gestern darüber nachgesonnen und dank ihrer lebhaften Phantasie eine wahre Schauergeschichte zusammengestellt, wonach ein Zauberer viel hundert Prinzessinnen in Rehe verwandelt und getötet hatte, weil sie ihm nicht gehorcht hatten.
Um den Bruder nun möglichst schnell aus dem Bereich des gefährlichen Zauberers zu bringen, packte sie Hans am Arm und zog ihn mit sich. Er aber widersetzte sich und fragte hastiger als vorher: „Wo sind die Rehe und Hasen, die an den Beinen hängen, Suse; wo hast du sie gesehen? Ich möchte sie auch sehen.“
„Nein, nein,“ wehrte sie.
Es währte aber nicht lange, so entdeckte er selbst die Tiere, die vor einem Verkaufsladen am Wege lagen, und blieb davor stehen.
„Brr, blutig,“ sagte er und begann dann von einem Firmenschild über dem Eingang die Inschrift abzulesen: Wildbret- und Geflügelhändler Moormann.
„Der verkauft die Rehe,“ erklärte er seiner Schwester.
„Nein, das tut er nicht,“ widersprach sie, packte ihn fester am Ärmel und bat: „Lieber, lieber Hans, komm doch mit. Du sollst hier nicht stehen bleiben und dir das gräßliche Blut ansehen und alles ablesen. Wir müssen uns ja schämen.“
„Warum müssen wir uns schämen?“ fragte er verwundert. „Und warum soll ich nicht alles ablesen? Der Vater und die Mutter haben doch selbst gesagt, wir sollen auf alles aufpassen!“
Die beiden maßen sich mit feindlichen Blicken. Und es wäre zwischen ihnen sicher zum Streit gekommen, wenn sie nicht daran gedacht hätten, daß sie in dieser gefährlichen Zeit ja treu zueinander halten müßten.
Drum folgte der Bruder der Schwester willig.
„Der halbe Weg ist jetzt um,“ sagte Suse mit einem Seufzer. „Aber das Allerärgste kommt noch. Jetzt müssen wir noch über den großen Platz ’rüber. — Wenn wir über den ’rüber sind, dann ist alles gut!“
„Warum fürchtest du dich?“ fragte Hans. „Der ist doch nicht schlimm!“
„Nicht schlimm, Hans? Am aller-, allerschlimmsten in der ganzen Stadt! Denke doch, da fahren die Elektrischen und die Wagen und die Radfahrer und die Autos, das sind die allergräßlichsten Dinger, die es gibt. — Hans, hab’ ich dir denn schon gesagt, daß ich gestern mit Ursel eins gesehen habe, das hat gebrüllt wie eine wilde Kuh.“
„Was hat’s gemacht?“ fragte Hans und blieb wie angewurzelt stehen. „Was hast du gesagt, wie eine wilde Kuh hat’s gebrüllt? So was hab’ ich aber doch noch nicht gehört. Ein Automobil brüllt doch nicht, es tutet. Die Kühe brüllen und die Automobile tuten.“
„Nein, Hans, es gibt Autos, die brüllen wie Kühe, so wahr und gewiß, wie ich hier stehe. Sie fangen ganz leise an, und dann schreien sie laut auf, daß du meinst, die Ohren wackeln dir, und dann weinen sie leise wie der Michel, wenn er an die Kette gelegt wird, und dann sind sie ganz still.“
„Das möcht ich aber gern mal hören,“ sagte Hans begeistert. „Wann hast du das gehört? Wo hast du das gehört?“
„Nein, Hans, wünsch’ dir das nicht; dann muß ich so laut an zu weinen fangen, wie du noch niemals von mir gehört hast. Da sollst du mal sehen!“
Hans ging in Gedanken weiter und achtete lange nicht seines Weges, bis er mit einem Male einen Knaben mit einem Ranzen anrannte und sich erinnerte, daß ihre Zeit knapper wurde.
Auch Suse fuhr aus Träumen auf. Denn ihre Gedanken waren weit ab gewandert, der fernen Heimat zu, und sie hatte den Schulweg ihres Dörfleins verlockend vor sich liegen sehen. Dort war sie stets in größter Seelenruhe und im gemütlichen Schritt die Straße hinuntergeschlendert und hatte im Übermut auch wohl mal die Augen geschlossen gehalten, wenn es ihr gerade beliebt hatte. Was konnte ihr dort auch Gefährliches in den Weg kommen! Ein Hühnchen, ein Hund, eine Katze vielleicht; was lag denn dran? Stolperte sie auch drüber und fiel auf die Nase, so bedeutete das doch kein Unglück.
Aber hier!
Suse schaute sich erschreckt um. Sie waren ja schon in der Straße angekommen, die auf den gefährlichen Platz führte. — Gewiß, dort zur rechten Seite nah’ ihrer Mündung auf den Platz, lag das Schilderhaus, an dem sie gestern mit Ursel vorübergegangen war, und das sie sich gemerkt hatte, weil dort ein gefährlich aussehender, brummiger, grimmiger Soldat gestanden war.
„Dort hinten steht der Soldat!“ flüsterte sie jetzt ihrem Bruder zu. „Dort möchte ich nicht gern vorbei, Hans. Denn er hat mich gestern so zornig angesehen, als ich vorbeiging, als wollte er mich erschießen.“
„Das meinst du nur so,“ beruhigte Hans. „Er schießt nicht. Er tut keinem Menschen etwas. Der steht Wache. Komm nur mit und guck ihn dir ruhig an.“
Langsam und zögernd setzte das kleine Mädchen einen Fuß vor den andern.
Noch einige Schritte fehlten, dann mußten sie bei der Wache sein — da sah sie ihr entgegen auf demselben Bürgersteig einen Offizier kommen. Sein Säbel rasselte hinter ihm her.
Und nun horchte Suse plötzlich erschreckt auf und blieb wie angewurzelt stehen. Hinter sich hatte sie einen Ton vernommen, der ihr Blut erstarren ließ. — Ach, sich umzusehen hätte sie nicht gewagt, um alle Schätze der Welt nicht. — Ein Huschen, Sausen und Gleiten war zu hören — und sie wußte jetzt, jetzt kam’s hinter ihr her, ihr Feind, das Automobil. Eines von den Ungeheuern, die wie auf Filzpantoffeln heranglitten, einen mit ihren Augen, groß wie Messingkübel, frech anstarrten und dann aufschrien wie wilde Kühe.
Das kleine Mädchen zitterte und bebte am ganzen Körper und zog den Kopf aus Schrecken über den ersten fürchterlichen Ton, der kommen müsse, leicht zwischen die Schultern.
Und jetzt war sie mit Hans bei dem Soldaten angelangt, und auch der Offizier war ganz nahe.
Da — hui — flog das Automobil daher und mitten vor dem Schilderhaus gellte und schrie es laut auf, als wollte es zerspringen. Schauerlich war’s.
Da sprang der Soldat vor sein Schilderhaus, scharrte mit den Füßen, riß sein Gewehr von der Schulter und streckte es dem Offizier hin.
Und in demselben Augenblick erklang in dem Automobil ein Krachen, als wolle es in hundert Stücke zerbersten.
Da schrie Suse laut um Hilfe, ließ ihre Butterbrotbüchse fallen und stürmte in verkehrter Richtung davon.
„Ach, Mutter,“ jammerte sie, „ach, Mutter.“
Sie hatte bestimmt gesehen, wie der Offizier, der Soldat und das Automobil aufeinander drauf geflogen waren und geborsten waren.
Sie hatte ganz und gar den Kopf verloren, die arme Suse.
„Suse,“ rief der Bruder und eilte so schnell er konnte, hinter ihr her. „Bleib doch stehen, wart doch!“
In einer entlegenen Straße holte er sie endlich ein.
„Sie sind alle tot,“ rief sie ihm zu, „gelt, und das Schilderhaus ist auch kaput?“
„Nein, sie sind alle lebendig,“ rief er.
„Ach, wär’ ich doch daheim, ach, wär’ ich doch daheim,“ jammerte Suse da.
Hans war kreidebleich. Der Schrecken über Suses Flucht und der Spektakel am Schilderhaus hatten ihm auch etwas die Fassung geraubt. Und nun sagte er sich, daß sie sich verlaufen hätten und wohl zu spät zur Schule kämen.
Wie die beiden noch so rat- und hilflos dastanden, nahte mit einem Male ein Retter.
Ein Knabe kam des Wegs, der die beiden Dorfkinder schon aus der Ferne musterte.
Unter seinem Arm schleppte er ein Paket Bücher, die Nase mit den Sommersprossen trug er keck in der Luft, die Mütze hatte er tief in die Stirn gezogen, und seine blitzenden blauen Augen richteten sich dreist jedem Vorübergehenden in das Gesicht.
„Servus,“ rief er plötzlich, daß es über die Straße schallte, „da schlag doch einer lang hin! Seh’ ich recht?“
Hans und Suse horchten auf, folgten der Richtung des Rufes, erkannten den Rufer und jubelten laut: „Theobald, Theobald!“
Ja, er war’s! Theobald, einer ihrer zahlreichen Vettern. Die Krone ihrer Vettern sozusagen.
Dieser Knabe hatte sie nämlich schon einige Male mit seinen Besuchen in ihrem einsamen Gebirgsdorfe beehrt und auch seine letzten Ferien dort verbracht. Damals war zwar viel öfters als sonst in der Hand ihres Vaters, des Doktors, eine geschmeidige Haselgerte zu sehen gewesen, die dann auf Theobalds Rücken lustige Tänze ausgeführt hatte.
Aber schöne Zeiten waren’s doch gewesen.
„Na, seh’ ich recht, das seid ihr,“ rief er noch einmal. „Ihr seht gut aus. Was ist denn los mit euch? Der Hans schaut aus wie der schönste Rahmkäse, und die Suse weint Tränen, als hätte sie eine Schüssel mit gehackten Zwiebeln zum Frühstück bekommen.
Was tut ihr eigentlich hier in dieser Straße, die euch gar nichts angeht? Hat eure Pflegedame euch schon vor die Türe gesetzt? Seid ihr eurer Cimhuberin schon ausgekniffen?“
„Frau Cimhuber heißt’s,“ verbesserte Suse.
„Wir haben uns verlaufen,“ erklärte Hans.
„Und deshalb dies Lamento und die verheulten Gesichter?“ meinte der Vetter wegwerfend. „Ihr gehört wirklich noch ins Wickelkissen! Heftet euch von nun an an meine Fersen! Ich werde euch sicher führen.“
Suse zog ihr Taschentuch hervor, trocknete ihre Tränen und sah zuversichtlich auf Theobald, der ihr sicher und großartig vorkam, wie die feinen Stadtherren, die sich nicht fürchteten, und wenn ihnen die Automobile wie ein Rudel Wölfe hinterher kamen.
„Hört, meine Kleinen,“ fuhr der Vetter mit wichtiger Miene fort. „Erst bringen wir den geknickten Lilienstengel, die Suse in ihre Schule, dann gehen Hans und ich weiter und schreiten stolz erhabenen Hauptes durch die Pforten unseres Pennals...“
Hier unterbrach der Vetter seine eigene Rede, runzelte die Brauen und betrachtete in Nachdenken versunken die Haltestelle der Trambahn jenseits der Straße.
„Hm! Hm!“
Er hatte einen Gedanken.
Wenn er jetzt aber seinen Vetter und seine Cousine auf eigene Kosten zur Schule fahren ließe! Das wäre fein! Da hätte er ja Gelegenheit, sich wie der herrlichste Millionär diesen Dorfkindlein gegenüber aufzuspielen, so recht von oben herab wohltätig. Vorgestern waren die beiden Hinterwäldler ja zum ersten Male in ihrem Leben in einer Eisenbahn gefahren und gestern in einer Elektrischen.
Und da hatte seine Cousine voll Begeisterung zu ihm gesagt, man meine, man fahre mit der Elektrischen in den Himmel hinein. Eine solche Himmelfahrt konnte man ihnen ja leicht verschaffen. Noch einen Augenblick überlegte der Vetter, dann faßte er in seine Westentasche, zog drei Zehnpfennigstücke hervor und sagte: „Hört, unsere Zeit ist knapp. Wir fahren jetzt zur Schule. Ich stifte euch die Fahrscheine.“
In den Augen der Kinder leuchtete es hell auf, ein Umstand, den Theobald mit Befriedigung wahrnahm.
„Die nächste Elektrische, die kommt,“ belehrte er sie, „müssen wir nehmen! Verstanden? Und zwar im Sturm. Sonst kommen wir zu spät. Verstanden? Ihr habt also keine Zeit, die sämtlichen Reklameschilder und Aufschriften daran zu studieren, bevor ihr einsteigt. Merkt’s euch! Und dann laßt euch nicht etwa einfallen, andere Leute vor euch einsteigen zu lassen und um sie herum zu scharwenzeln und zu sagen: bitte, bitte, gehen Sie zuerst hinein und treten Sie uns ruhig auf die Hühneraugen; das ist uns eine ganz besondere Freude. — Nein, sobald ihr den Wagen seht, rennt ihr drauf los wie die Wilden, schiebt alle Leute zur Seite und schreit: Verzeihung, Verzeihung, und klettert auf die Plattform wie die Affen.“
„Sie kommt,“ rief Theobald, „jetzt drauf los.“
Und er stürmte vor ihnen her wie ein Held zur Schlacht. „Verzeihung, Verzeihung,“ schrie er und drängte die Leute zur Seite.
„Verzeihung,“ rief Hans hinter ihm.
„Verzeihung,“ sagte Suse kleinlaut.
Und den Kopf ein wenig geneigt eilte sie vorwärts, sich an Hansens Ranzen festhaltend.
Theobald schob eine Frau zur Seite, einen alten Herrn, ein Kind. — Jetzt hatte er den Griff der Elektrischen gefaßt und schwang sich hinauf. Da stauten sich die Menschen. Hans und Suse konnten ihren Vetter nicht mehr sehen. Auf der Plattform aber entstand jetzt ein fürchterliches Gedränge, ein Schieben und Stoßen, ein Reißen und Wühlen. Und eine zornige Stimme übertönte alle: „Wer schreit mir da fortwährend Verzeihung in die Ohren? Wart’ einmal!“
Und im nächsten Augenblick sahen Hans und Suse, wie ein Mann ihren Vetter, das feine Stadtherrlein Theobald, am Kragen gepackt hielt und heftig hin und her schüttelte, als wär’s eine Pflanze, deren Erdreich gelockert werden müsse. Und mit einem Schwung wollte er ihn auf die Straße setzen. Aber da wandte Theobald sich um, hielt sich an dem Herrn fest und nahm ihn gleich zwei Stufen die Elektrische mit hinunter. Ums Haar wären beide am Boden gelegen.
Da klingelte die Elektrische und fuhr davon. Im letzten Augenblick konnte der Herr noch aufspringen.
Theobald aber, der seinen Hut verloren hatte, mußte diesen erst mal suchen. In der Mitte der Straße erblickte ihn da sein Vetter Hans, hob ihn auf und übergab ihn dem Raufbold Theobald, indem er vor peinlicher Verlegenheit über und über rot wurde, denn Theobalds rechte Wange glühte wie ein Rosenbusch, und fünf schneeweiße Finger kamen allmählich darauf zum Vorschein.
Der kaltblütige Theobald aber hatte sich schnell wieder gefaßt und murmelte entrüstet: „Feige Gesellschaft! Sobald einer nur etwas forsch auftritt, bekommen sie alle gleich Angst für ihr Leben. Ich hätte nur meine rechte Hand frei haben sollen, da hätten mich keine zehn Pferde da oben runter gebracht.“
Und diese Worte brachten flugs der Doktorskinder Bewunderung für den herrlichen Vetter wieder zum Blühen. Erwartungsvoll sahen sie jetzt zu ihm auf und beobachteten, wie er mit gerunzelten Brauen seine silberne Uhr aus der Tasche zog und wichtig drauf nieder sah.
„Jetzt aber vorwärts,“ rief er mit scharfer Stimme. „Noch fünf Minuten, dann beginnt die Schule.“
Im nächsten Augenblick flogen die Kinder dahin wie die Windspiele. Vor der Tür von Susens Schule ließen die Knaben das kleine Mädchen zurück.
„Ich hol dich ab, Suse,“ waren des Bruders letzte Worte; dann war er fort. Suse war allein.
Sie ging zögernden Schrittes durch ein großes, eisernes Gittertor in den Hof, der vor ihr lag, und von dort in das hohe rote Schulgebäude, über dessen Eingang in großen schwarzen Buchstaben: höhere Mädchenschule zu lesen war.
Im ersten Stock befand sich ihre Klasse. Sie hatte es gestern erfahren, als sie zur Aufnahme in die Schule geprüft wurde, und ging nun dorthin.
Lautes Sprechen, Lachen und Lärmen drang aus dem Innern der Schulstube heraus und verkündete ihr, daß ihre Mitschülerinnen wohl schon vollzählig versammelt seien.
Das Herz klopfte ihr. Langsam nahm sie ihren Hut und ihre Jacke ab und hängte sie an einem Hakenbrett im Gange auf. Ängstlich schielte sie nach der Klassentüre. — Eine Weile zögerte sie noch; dann faßte sie mit schnellem Entschluß den Griff der Tür, drückte ihn nieder und trat ein.
Totenstille empfing sie. Wie auf einen Schlag waren Lachen und Lärmen verstummt, und die Augen sämtlicher kleinen Mädchen richteten sich auf Suse. Sie glaubte in den Boden sinken zu müssen vor Verwirrung, und ihre Füße waren schwer wie Blei. Endlich konnte sie sich wieder regen und ging nun langsam vorwärts, der letzten Bank zu, in der sie einen freien Platz entdeckt hatte. Leise sagte sie zu den kleinen Mädchen an ihrer Seite guten Tag, erhielt aber keine Antwort, da ihr Gruß nicht gehört worden war. Und nun begann auch plötzlich wieder das Kichern, das Lärmen und Reden und verstummte erst, als es punkt acht Uhr war und die Lehrerin eintrat.
An dem Pult ganz vorne nahm sie Platz. Das kleine Mädchen hob schüchtern seine Augen, konnte aber nur ein Stückchen ihres rechten Ohres erkennen; alles übrige war durch zwei kleine vor Suse sitzende Mädchen verdeckt, die ihre Köpfe zusammensteckten.
Und dann hörte sie mit einem Male die laute, tiefe Stimme der Lehrerin, die jedes Wort deutlich und scharf aussprach. Aber den Sinn ihrer Rede vermochte sie nicht zu verstehen; denn alles um sie her verwirrte sie noch zu viel, als daß sie einen klaren Gedanken hätte fassen können. — Wie fremd, wie kalt war doch alles hier, kein bißchen gemütlich, wie daheim. Daheim, da war es viel tausendmal schöner — da kannte Suse jedes Kind, und den Lehrer gar! Den kannte sie seit dem ersten Tag, da sie zur Schule gegangen war. — Dort gab es ja nur einen einzigen Lehrer, der kam jeden Morgen behaglich in die Schule geschlendert und brachte einen großen Kaffeetopf mit, aus dem er trank, wenn es ihm gerade paßte. Und vor Beginn des Unterrichts pflegte er sich jedesmal dreimal feierlich in ein rot kariertes Taschentuch zu schneuzen, die Kinder über die Brille zu mustern und dann zu beten.
Manchmal freilich konnte er auch böse werden, der gute Mann; dann, wenn die Kinder zu viel Unfug trieben und ihn reizten. Dann sprang er plötzlich wie der Blitz mit seinem Stöckchen von dem Pult herunter, packte die Bösewichter und bestrafte sie hart. Unter den ertappten Sündern war zuweilen auch Hans; denn er steckte voll Übermut. So hatte er die üble Angewohnheit, sich beim Melden der Länge nach über die Bank zu werfen, und beide Hände mit den ausgestreckten Zeigefingern dem vor ihm sitzenden Knaben auf die abstehenden Ohren zu legen, wobei es diesem heiß wurde wie in einem Backofen.
Dann kam der Lehrer dahergesprungen, fragte, was das für eine Frechheit sei, befreite den Gefangenen aus seiner üblen Lage und lehrte den übermütigen Hans ein schönes gesittetes Melden. Ach — fein und lustig war das gewesen!
„Susanna,“ rief da die Lehrerin, „willst du wiederholen, was ich eben gesagt habe?“
Das kleine Mädchen errötete bis in die Haarwurzeln, stand auf, stotterte, konnte kein Wort herausbringen und wußte überhaupt nicht mehr, was sie gefragt worden war. Aller Blicke richteten sich auf sie. Zum Glück machte die Lehrerin ihr ein Zeichen, sich zu setzen, und beschämt ließ sie sich auf ihren Platz nieder. Nun saß sie noch scheuer dort als vorher.
Schließlich klingelte es, und die Pause begann. Die kleinen Mädchen sprangen in die Höhe und eilten wie erlöst zur Tür hinaus. Suse folgte ihnen langsam nach. Am liebsten wäre sie hier im Schulzimmer geblieben; aber das war ja nicht erlaubt! So ging sie denn auch in den Hof hinunter, stand mutterseelenallein an einem Baum und sah den Spielen der Kinder zu, die lachten und hüpften und tollten. — Aber keines forderte sie auf, doch mitzuspielen. — Da endlich rief eine fröhliche Stimme: „Guten Morgen, Suse.“ Und vor ihr stand ein Mädchen mit roten, frischen Wangen und freundlichen, lachenden Augen. Es war Toni, Theobalds Schwester, die einige Jahre älter als Suse war.
„Na, seid ihr gut in die Schule gekommen?“ fragte sie freundlich. — „Theobald wollte euch eigentlich heute morgen abholen. Aber er hat die Zeit verschlafen, das Murmeltier. Weißt du, er hat gesagt, er muß sich eurer annehmen und euch beschützen, als Dank für die Gastfreundschaft, die er bei euch genossen hat. Der Hanswurst! Das gehört sich so, hat er gesagt. — Ach, Suse, du glaubst gar nicht, wie er sich daheim mit euch aufspielt. Es ist einfach gräßlich! Er hat gesagt, euer Vater hat euch ihm ganz besonders ans Herz gelegt, und wenn er nicht ganz genau auf euch aufpaßte, kämt ihr sicher unter die Räder.“
Suse errötete und hütete sich wohl zu sagen, wie nah sie heute morgen schon an den Rädern gewesen waren, dank des Vetters gütiger Führung.
„Komm, Suse,“ rief hier ihre kleine Cousine und führte sie hin zu den Mädchen, die in Susens Klasse gingen.
„Spielt mit meiner kleinen Cousine,“ rief sie den muntern Dingern zu.
„Suse ist gar nicht so still, wie sie aussieht. Die ist sogar sehr lustig, viel lustiger, als ihr alle miteinander. Und rennen kann sie, famos, tadellos! Mein Bruder Theobald sagt auch, da kann keiner mit.“
Hier griff eines der vorüberlaufenden Mädchen nach Tonis Arm und zog sie in der Hast mit sich fort.
So war Suse denn wieder allein. Eines und das andere der Mädchen begannen nun mit ihr zu reden, aber Suse war so schüchtern, daß sie nur leise ja und nein zu antworten wagte. Auch das Laufen schien sie verlernt zu haben. Da war es denn ganz gut, daß die Klingel bald erschallte und die Kinder in die Klasse zurückrief.
An dem Pult saß jetzt eine ganz andere Lehrerin als vorher. Aber obwohl sie viel munterer und lebhafter sprach als jene, konnte Suse ihr doch nicht folgen. Des Doktorkindes Aufmerksamkeit war außerdem von etwas ganz anderem in Anspruch genommen. Auf dem Pult vor der Lehrerin sah sie mit einem Male eine große Kugel stehen, die auf einem schwarzen Stengel steckte.
Wie war sie dorthin gekommen? Was bedeutete sie? War sie zum Schmuck da? Liebte die Lehrerin solche Kugeln?
Diese und andere Fragen quälten Suse. Und plötzlich entsann sie sich, daheim in des Pfarrers Garten eine ähnliche gesehen zu haben. Allerdings eine viel größere, leuchtendere, eine gar närrische Kugel. — Kam man ihr nahe, so warf sie einem das Spiegelbild schrecklich verzerrt zurück, die Nase zur Kartoffel angeschwollen, die Ohren weit abstehend, wie bei einer Springmaus. Laut jubelnd hatten Hans und Suse stets ihren verschandelten Anblick in dem Zauberspiegel begrüßt. Dann hatte auch ihr Freund, der Michel, ein feiner Jagdhund mit einem schmalen, vornehmen Kopf, hineinsehen und es dulden müssen, daß sich sein Kopf in der Zauberkugel zu einem auseinanderfließenden Pudding wandelte. An dieses lustige Spiel in des Pfarrers Garten mußte Suse nun immerfort denken und erwachte erst aus ihren Träumereien, als ein kleines Mädchen aufgerufen wurde, an das Pult trat und mit dem Finger auf der Kugel herumzeigte. Oh, wie sehr beneidete Suse ihre Mitschülerin um dies Vergnügen, und wie brannte sie darauf, ihrem Bruder von dieser aufregenden Sache zu erzählen! Jener hatte ihr ja versprochen, sie von der Schule abzuholen. Da sollte er gleich mal Wunderdinge vernehmen. —
Nach Schluß des Unterrichts, da stand der Bruder Hans wirklich draußen vor dem eisernen Gitter des Schulhofs und wartete auf die Schwester. Als letzte sah er sie aus dem Hofe kommen, ein ganzes Stück hinter den andern Mädchen her.
Jetzt erkannte sie ihn, eilte auf ihn zu und sah erstaunt in sein Gesicht. Denn er sah so froh aus, als wären die Lobsprüche seines Lehrers nur so dutzendweise auf ihn herabgekommen.
„Hans, hast du alles verstanden? Hast du viel gelernt, hast du auch schon viel geantwortet?“ fragte sie ängstlich.
„Nein“, sagte er da gedehnt, mit ganz langem Gesicht. „Nein, gar nicht, Suse. Ich habe nichts verstanden, nichts gelernt und nichts geantwortet!“
„Na, das ist nur gut,“ entgegnete sie erleichtert. „Das ist doch viel besser, als daß der eine was lernt und der andere nichts. Meinst du nicht auch? Ich glaub’ wirklich, dies ist den Eltern so am angenehmsten.“
Hans zuckte die Achseln und ging mit gerunzelter Stirn schweigend weiter. So einleuchtend schien ihm der Schwester Bemerkung denn doch nicht zu sein.
Aber langsam, wie die Sonne durch Wolken bricht, erschien das Lächeln wieder auf seinem Gesicht, und er kam endlich mit dem zutage, was ihn so froh stimmte.
„Suse, ich weiß jetzt, warum die Autos so brüllen; daran sind die Tuten schuld, die Trompeten, die Sirenen, die Lärm machen, damit die Leute aus dem Weg gehen. Hör’, ich weiß jetzt alles, wie es zugeht. Da wird durch einen Gummiball die Luft hineingedrückt, dann dreht sich eine Scheibe drin herum mit Löchern, und durch die fährt die Luft wieder heraus und bläst so fürchterlich.“
„Aber Hans, so was glaub’ ich nicht,“ fiel Suse erschreckt ein. „So was hab’ ich noch nie gehört. Das ist sicher nicht wahr. Das glaubt doch kein Mensch, daß eine Scheibe herumfährt und so laut bläst, als würde sie schreien.“
„Doch, Theobald hat’s gesagt,“ entgegnete der Bruder ganz beleidigt.
Er nahm es sehr übel, daß seines Vetters Reden angezweifelt wurden, stammte seine Weisheit doch von niemand anderem als von dem erfahrenen Theobald, der ihn in einer Pause zur Seite genommen und über die Wunder und Merkwürdigkeiten der Stadt aufgeklärt hatte.
„Ja, Suse, gräßliche Unglücke passieren manchmal mit den Autos,“ fuhr er hastig fort.
„Das glaub’ ich gern,“ fiel Suse ein, „das ist schon möglich.“
„Höre, höre,“ fuhr er fort. „Da ist ein Rad, das Steuer. — Das hat der Chauffeur in der Hand und lenkt damit den Wagen. Und wenn er ihn nicht zur rechten Zeit zum Stehen bringt, dann fahren die Autos womöglich rückwärts den Berg runter und überschlagen sich und werfen alles, was drin ist, raus, und die Leute brechen sich dabei den Hals.“
„Das glaub’ ich gern,“ fiel Suse ein. „Aber das, was du von den Sirenen gesagt hast, das glaub’ ich nicht, und wenn ich hundert Jahre alt werde. Das ist nicht wahr. Das hat uns Theobald nur so aufgebunden. Glaub’ mir, Hans. Und es ist frech von Theobald, daß er so was zu sagen traut und uns so belügt.“
„Aber nein, Suse, er belügt uns nicht,“ wehrte Hans. „Theobald lügt uns hier in der Stadt doch nicht an. Nur zu Hause. Und du sollst selbst sehen, daß alles wahr ist, was er gesagt hat. Hör’ doch, Suse, das will ich dir ja noch sagen, wir wollen heute nachmittag den Onkel Gustav besuchen und seine Autos ansehen. — Der Onkel Gustav, der wohnt draußen vor der Stadt und hat ein wundervolles Schloß und ist in fremden Ländern gewesen, wo es Löwen und Tiger und Elefanten gibt, und seine Frau ist auch von dort. — Fein, gelt? Und Kinder hat er, schwarz wie die Neger. Fein, gelt?“
„Aber, Hans, da können wir doch nicht hingehen, wenn wir nicht eingeladen sind,“ meinte die Schwester.
„Doch, Suse, — Theobald hat gemeint, es geht schon. Wir wollen ja nicht zu dem Onkel und zu der Tante und zu ihren albernen Kindern. Wir wollen ganz einfach zu den Autos gehen und sie uns in einem Schuppen ansehen...“
Unter diesen Gesprächen waren die beiden allmählich vor Frau Cimhubers Haus angelangt, das schmal und hoch in einer Häuserreihe eingeklemmt lag.
Scheu sahen sie zum vierten Stock hinauf.
„Ich glaub’, Ursel guckt schon,“ sagte Suse halblaut.
Die beiden sahen sich an, als empfänden sie Furcht, gingen dann ins Haus, erstiegen schnell die Treppe, legten droben Hut, Jacke und Ranzen ab und standen einige Minuten später in dem Eßzimmer der Pfarrfrau.
Bescheiden und schüchtern nahmen sie hier Platz und zeigten wieder ganz ihr gedrücktes Wesen von heute morgen. Dahin war Hansens stolzes Siegergefühl, eine Frucht seines Unterrichts bei Theobald, und der Stolz auf seine Automobilkenntnisse schwand wie Butter an der Sonne angesichts der forschenden Blicke seiner Pflegemutter, die nicht von ihm und Suse ließen.
Und mit einem Male hob sie an: „Na, Kinder, ihr habt doch sicher recht aufgepaßt in der Schule und allerlei behalten. Denn ihr wollt ja was lernen hier; dazu seid ihr ja hierhergekommen, nicht wahr? Und dazu haben eure Eltern euch hierhergeschickt. Und ihr wollt euern Eltern doch Freude machen. Nicht wahr? Was für Stunden habt ihr heute schon gehabt, erzählt mal!“
Da saßen sie da wie die ertappten Sünder, stießen sich unter dem Tisch an und wußten nicht, was antworten.
Hans sah errötend und hilfesuchend nach Suse hin. Aber auch sie stotterte hin und her und erklärte schließlich, auf dem Pult sei eine blaue Kugel gestanden, und die Kinder hätten mit dem Finger darauf herumfahren dürfen.
„Das ist alles, was du gesehen hast, Kind?“ fragte die Pfarrfrau und legte vor Überraschung Messer und Gabel hin. „Das ist alles, Suse? Mehr hast du nicht gesehen, Kind?“
Das kleine Mädchen schüttelte den Kopf.
„Aber, Suse, wo hast du denn die Augen gehabt,“ fuhr ihre Pflegemutter vorwurfsvoll fort. „Hast du denn nicht aufgepaßt? Weshalb gehst du denn überhaupt in die Schule, wenn du nicht aufpassen willst. Ihr geht doch hier in die Schule, um etwas zu lernen.“
Suse sah die Pfarrfrau hilflos an; ihre Augen füllten sich mit Tränen; mit einem Male sagte sie kaum hörbar: „Ich hab’ immer hingehört und aufpassen wollen, aber da hab’ ich immer an unseren Michel daheim und den Lehrer denken müssen, und da hab’ ich nicht aufgepaßt.“
„Und ich hab’ auch nicht aufgepaßt,“ sagte Hans und saß wie das verkörperte schlechte Gewissen da.
Frau Cimhuber schaute lange vorwurfsvoll von einem Kind zum andern und fuhr dann mit ernster Stimme fort: „Aber ihr müßt aufpassen, Kinder. Das ist eure Pflicht. Das wünschen eure Eltern. Daran müßt ihr immer denken; und wenn der Unterricht auch schwer fällt, müßt ihr eben doppelt aufpassen.“
Ursel aber, die bei Tisch bediente, schlug einmal übers anderemal die Augen zur Decke empor, und nach dem Essen begann sie: „Ich hab’ grad gemeint, ich hab’ einen Schlag an den Kopf bekommen, wie ich das Gestammel und Gestotter gehört hab’. — Auf einer blauen Kugel haben sie herumfahren dürfen! Ist das nicht fürchterlich? Das hab’ ich doch jetzt all mein Lebtag noch nicht gehört, daß in der Schule Kugeln sind, auf denen man herumfährt. Bei den Kindern stimmt’s nicht. Irgendwo stimmt’s nicht.“
Der Pfarrfrau wurde es angst und bange angesichts von Ursels Aufgeregtheit, und sie sann darüber nach, wie sie die alte Magd besänftigen könne. Denn es läßt sich nun mal nicht leugnen, daß Ursel in den langen Jahren, in denen sie bei Frau Cimhuber Magd gewesen war, sich zur Gewalthaberin im Hause ausgebildet hatte, die oft selbst ihre eigene Herrin einzuschüchtern verstand.
„Es hilft nichts, Ursel,“ sagte Frau Cimhuber jetzt in beruhigendem Ton, „wir müssen Geduld haben.“
„Wenn ich da an unseren Edwin denke,“ fuhr Ursel unbeirrt fort, „wenn der aus der Schule kam, der wußte immer alles, der saß nie so verdattert da. Das war eine Freude, den anzusehen, bei dem konnte man noch was lernen.“
„Ja, ja, unser Edwin,“ sagte Frau Cimhuber, und ein glückliches Lächeln ging über ihr Gesicht, „der machte uns stets nur Freude.“
Auch Ursels Gedanken wanderten auf dem eingeschlagenen Weg fort, und sie sagte nachdenklich: „Wann er wohl schreibt, der Herr Edwin? — Er hat so lange nicht geschrieben. Aber man braucht ja nicht in Sorge zu sein. Das dauert ja immer lange, bis die Briefe die weite Reise gemacht haben.“
„Mir ist gerade, als schriebe er heute,“ sagte Frau Cimhuber, versonnen vor sich hinblickend. „Ich habe so ein Gefühl, als müßte ich heute noch einen Brief von ihm in Händen halten.“
Während dieser Unterredung hatten Hans und Suse sich in ihr Zimmer zurückgezogen und begannen wieder froh zu werden.
Sie wollten heute nachmittag ja den Onkel Gustav besuchen.
Keinem von beiden kam der Gedanke, ein Gang zu ihrem Onkel könnte ihnen verwehrt werden, waren sie doch von Hause aus gewöhnt, in ihrer freien Zeit zu tun und zu treiben, was ihnen beliebte. Hans putzte sich und kämmte sich und richtete sich säuberlich her, gerade als sei ein Auto eine hochgestellte Persönlichkeit, der man durch ein geschniegeltes Äußeres Achtung abzwingen könne. Dazu erzählte er in einemfort von den Plänen, die er mit Theobald gefaßt hatte.
„Um drei Uhr will er uns abholen,“ erklärte er, „ich hab’ ihm gesagt, er soll doch zu uns herauskommen, aber er will nicht. — Er will nicht vor Frau Cimhuber dienern und scharwenzeln, weil sie ihm nicht ganz grün ist.“
Lange vor der festgesetzten Zeit standen die beiden Kinder am Fenster und sahen erwartungsvoll nach dem Vetter aus. Endlich, endlich tauchte er in der Ferne auf, dicht am Geländer des Kanals entlang schlendernd. Jetzt war er fast dem Haus der Frau Cimhuber gegenüber. Jetzt sah er auf und entdeckte die beiden am Fenster. Sie machten ihm ein Zeichen, zu warten und beschlossen dann, ihrer Pflegemutter zu sagen, was sie vorhätten, um sich von ihr zu verabschieden.
Da ging die Tür auf und sie selbst trat ein, und zwar zum Ausgehen bereit. Auf ihrem Kopf trug sie einen kleinen Kapothut, der mit langen Bändern unter dem Kinn gebunden war, und über ihre Schultern hing ein langer Spitzenüberwurf. „Ich wollte sehen, was ihr treibt,“ begann sie eintretend. „Ihr müßt nämlich ein paar Stunden allein hier bleiben; denn Ursel und ich gehen in die Stadt und wollen das Haus von Bekannten ausschmücken, die von einer Reise zurückkommen. Ihr macht derweil eure Aufgaben oder schreibt Briefe nach Hause. — Das scheint mir das Richtigste. — Du, Suse, arbeitest vielleicht auch an einer Handarbeit. Du hast sicher ein Strickzeug?“
„Ja, ein Puppenunterröckchen hab’ ich mitgebracht,“ sagte Suse kaum hörbar.
„Du nimmst also dein Strickzeug und strickst. Kleine Mädchen dürfen nie unbeschäftigt dasitzen.“
Suse nickte.
„Halt, noch etwas wollte ich sagen,“ meinte die Pfarrfrau, „wenn es klingelt, so geht ihr hin und macht auf. Es kann sein, daß der Briefträger kommt.“
Die beiden konnten fast nicht atmen, so fuhr ihnen der Schreck in die Glieder. — Nun konnten sie ja gar nicht fort. — Wie verwundete Rehe, so traurig sahen sie Frau Cimhuber an. Sie aber merkte nichts von ihrer Niedergeschlagenheit und sagte ganz freundlich: „Lebt wohl, Kinder! Ihr habt doch verstanden, daß ihr auf das Klingeln achten sollt? Nicht wahr?“
Und damit hatte sie auch schon das Zimmer verlassen.
Das Geschwisterpaar hörte die Flurtür schlagen, und Frau Cimhuber samt Ursel von dannen gehen. — Nun war alles aus.
Suse ließ sich mit gefalteten Händen auf einen Stuhl nieder. Hans schlich sich zum Fenster und blickte wehmütig hinter den beiden her. Er sah sie aus dem Hause treten und die Straße kreuzen. In demselben Augenblick gewahrte er, wie der Vetter, der am Kanal lustwandelte, auch der Pfarrfrau und ihrer Begleiterin ansichtig wurde und kehrt machte, als sei ihm ein Schuß in die Glieder gefahren. Weit beugte er sich über das Geländer des Kanals und stierte lange in das trübe Gewässer. Endlich, als er annahm, daß sie außer Sicht seien, drehte er sich um, machte einen Luftsprung und eilte auf das Haus, aus dem sein Vetter sah, zu, nahm die Treppen im Sturm und klingelte im vierten Stock, daß es nur so durch die Stuben hallte.
„Fein, daß ihr da seid,“ meinte er zu seinen kleinen Verwandten. „Jetzt kann man doch mal mit Muße in eurem Wigwam herumäugen. Wißt ihr, wenn Frau Cimhuber und ihre Hofdame, der Igel Ursel, da sind, ist’s mir nicht recht geheuer. Da ist so ein dunkler Punkt zwischen uns. Übel, übel, sag’ ich euch.“
Suse errötete tief, denn ihr war plötzlich eine Erzählung von Theobald eingefallen, wonach ihn Frau Cimhuber einmal mit ihren „spitzen Krallen“ gepackt und mit „pöbelhaftem Ungestüm“ vor die Tür gesetzt hatte, weil er ihren Hund, den Karo, auf die linke Hinterpfote getreten hatte. —
Der dunkle Punkt vermutlich. —
Und taktvoll leitete die Base das Gespräch auf andere Dinge.
„Hast du unsere Negerstube schon gesehen?“ fragte sie mit geheimnisvoller Stimme.
„Was soll ich gesehen haben?“ entgegnete er und sperrte den Mund weit auf.
„Komm, komm,“ drängte Suse und eilte voraus, den Gang hinunter, um mit einem strahlenden Ausdruck im Gesicht Frau Cimhubers Negerstube zu öffnen, als wäre sie ihr ureigenstes Besitztum.
„Fein, gelt?“ sagte sie, den Vetter erwartungsvoll anblickend. „Sieh mal die herrlichen Dinge an, Theobald.“
Der Vetter musterte mit Stirnrunzeln die Prunkstücke des Raums, hatte sofort den Negergott entdeckt, der grinsend auf seinem Ständer in der Ecke saß, und ging stracks auf ihn zu.
Suse klopfte das Herz bei dieser Vermessenheit und sie rief: „Nicht doch, nicht doch!“
Theobald aber streichelte dem Götzen zärtlich die Wangen und sein schwarzes, aus Holz geschnitztes Haar, als wär’s das Fell eines Schoßhündchens, und ging dann, ein Liedchen pfeifend, von einem Gegenstand des Raumes zum andern, als wäre er im Schatten von Negerschwertern und -messern groß geworden.
„Ihr wißt natürlich nicht, von wem die Sachen eigentlich sind,“ begann er schließlich.
Sie schüttelten ihre Köpfe.
„Nun, so will ich’s euch sagen. Sie sind nämlich alle von dem Edwin Cimhuber, das ist der Sohn von eurer Pflegedame. Der ist Missionar in Afrika bei den Negern und Hottentotten; die bekehrt er.“
„Was ist er?“ fragte Suse plötzlich lebhaft und aufgeregt, „Missionar? In den fremden Ländern ist er Missionar? Ist er schon lange dort?
Kommt er nicht mal? Unser Herr Pfarrer hat uns auch schon von den Missionaren erzählt, Theobald, und jedesmal hat er uns die wunderschönsten Bilder gezeigt. Palmenwälder waren drauf und beladene Kamele, die durch die Wüste wandern. Und das Meer und fremde Vögel und Affen, die in die Bäume klettern, und alle waren aus Afrika und Asien. — Und dort lebt der Herr Missionar, Theobald, hast du gesagt?“
„Ja, und der Herr Edwin ist das Schönste und Beste und Herrlichste, das es auf der Welt gibt. Wenigstens für die Frau Cimhuber, für mich nicht.“
Suse war noch ganz in Gedanken und meinte mit einem Male: „Es ist doch schön, daß wir hier wohnen! Nicht wahr, Theobald? Hier haben wir richtige ausgestopfte Affen, die der Herr Missionar geschenkt hat, und vielleicht kommt er selbst einmal. Nicht wahr, Theobald? Möchtest du nicht auch hier wohnen?“
„Ich hier wohnen,“ rief der Vetter und auf seinem sonst so gleichmütigen Gesicht mit der erhabenen Miene malte sich ein ehrlicher Schrecken...... „Brr!“
„Ach, weißt du was,“ meinte Suse voll Schonung, „wenn man immer höflich und artig zu Frau Cimhuber ist, dann passiert einem nichts. Vielleicht wird sie uns sogar Geschichten von ihrem Sohn aus Afrika erzählen.“
„Ein Glück, daß ich die nicht zu hören brauche,“ fiel Theobald ein. „Gott sei Dank! Überhaupt, das will ich euch sagen, ihr braucht euch gar nicht so gräßlich viel auf die Sachen hier einzubilden. Da sind wir hier in der Stadt doch an ganz andere Dinge gewöhnt. Wenn wir jetzt zum Beispiel zu unserem Onkel Gustav gehen, da werdet ihr mal was erleben. Der hat Tiere, wie ihr sie haben wollt; die schönsten und die wildesten, mit und ohne Gerippe, mit und ohne Haut, mit und ohne Federn. Ganz nach Wunsch. —
Und schwarze Dienerinnen hat er, die haben Lippen, wie aufgeplatzte Rotwürste. —
Aber hopp,“ unterbrach er seinen eigenen Redeschwall, „wir haben jetzt keine Zeit zu verlieren, macht euch fertig.“
Suse warf Hans einen betrübten Blick zu und sagte dann ängstlich: „Wir müssen ja hier bleiben, Theobald, und die Tür aufmachen, wenn einer kommt.“
Der Vetter graulte sich hinter den Ohren und überlegte.
„Wißt ihr, was wir machen?“ rief er plötzlich. „Einer von euch kommt mit, der andere bleibt hier.“
Suse fing einen wehmütig bittenden Blick ihres Bruders auf, kämpfte einen schweren Kampf und sagte schließlich: „Hans, geh’ du nur hin, ich bleib hier. Du möchtest dir ja so gern die Autos ansehen, ich frage nicht soviel danach wie du.“
Des Bruders Gesicht erhellte sich, und er sagte leuchtenden Auges: „Ich komme auch recht bald wieder, Suse! In einer Stunde bin ich wieder da.“
„Ja, tu das,“ entgegnete sie.
Und da rannten die Knaben auch schon davon.
Sie horchte hinter ihnen her, wie sie die Treppe hinuntereilten, und wollte hierauf in ihr Stübchen gehen. Aber wie von unsichtbaren Händen gezogen, mußte sie sich der Negerstube zuwenden.
Langsam kam sie näher und stand lange unschlüssig davor. Zögernd legte sie die Hand auf die Türklinke und wollte sie niederdrücken. Da fuhr die Tür von selbst weit auf, und sie befand sich mit einemmal frei und ungeschützt dem Negergott gegenüber. Grinsend sah der Götze sie an. Wie erstarrt schaute sie nieder. Da klirrte ein Negerschwert leise, ein großer ausgestopfter Affe knurrte und der Negergott grunzte. —
Hm... Hm... Ho... Ho... Ha... H... klang es irgendwo.
Suse stieß einen Schrei aus und stürzte den Gang hinunter in ihr Zimmer zurück. Dort riegelte sie sich ein. Die Tränen liefen ihr über das Gesicht.
Suse fürchtete sich fast zu Tode.
„Ach, Hans, wärst du doch hier geblieben,“ weinte sie vor sich hin. „Ach, lieber Gott, verlaß mich nicht. Mach doch, daß Hans kommt.“
Ängstlich, wie nach Hilfe suchend, flogen ihre Blicke durch die Stube. Da sah sie plötzlich wie gebannt auf die Kommode, wo die Bilder ihrer Eltern standen, sowie die Rosels, ihrer Magd, und Christines, der alten Kinderfrau von daheim. Beruhigend und tröstend sahen die guten, freundlichen Gesichter zu ihr herüber.
„Sei nur still, liebes Kind, sei nur still,“ schienen sie zu sagen, „wir sind ja bei dir.“
Da drückte sie ein Bild nach dem andern zärtlich an sich und fühlte, wie ihr’s viel leichter, viel wohler ums Herz wurde. Zu guter Letzt fielen ihre Augen noch auf einen ganz besonderen Tröster.
Dort stand Michel, der Gefährte ihrer Jugend, ein Jagdhund, und blickte kühn wie ein Eroberer hinter Glas und Rahmen hervor. Seine klugen Augen blitzten auf dem Bilde, seine Schnauzbarthaare spreizten sich keck, sein Schwanz stand wagerecht ab wie ein Lineal. Mit einem solchen Freund im Bunde brauchte man selbst den Negergott nicht mehr zu fürchten!
Vorsichtig trug Suse all ihre Schätze auf den Tisch und baute nun eine Art Schutz- und Trutzburg von ihnen auf, hinter die sie sich zu verstecken und einen Brief nach Hause zu schreiben gedachte.
Allerlei Andenken von daheim vervollständigten noch ihre Festung: ein Briefbeschwerer, den ein Freund von Hans mit Namen Martin, ein armer, verkrüppelter Knabe, ihnen am Tage vor ihrer Abreise mit glückstrahlenden Augen gebracht hatte.