NARREN, GAUKLER UND VOLKSLIEBLINGE
HERAUSGEGEBEN VON ALBERT WESSELSKI
VIERTER BAND: DER HODSCHA NASREDDIN I
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Alle Rechte vorbehalten.
Inhalt des II. Bandes
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| II. | Arabische Überlieferungen | [1] |
| 1. Aus dem Nawadir el chodscha nasr ed-dineffendi dschoha | [3] | |
| 2. Aus der von Mardrus besorgten Ausgabe vonTausend und einer Nacht | [19] | |
| 3. Volkserzählungen aus Tripolis und Tunis | [25] | |
| III. | Berberische Überlieferungen | [49] |
| IV. | Maltesische Überlieferungen | [91] |
| V. | Sizilianische Überlieferungen | [101] |
| VI. | Kalabrische Überlieferungen | [115] |
| VII. | Kroatische Überlieferungen | [131] |
| VIII. | Serbische Überlieferungen | [139] |
| IX. | Griechische Überlieferungen | [159] |
| Anmerkungen literatur- und stoffgeschichtlichen Inhalts | [179] | |
| Tür hüten | [182] | |
| Verscheuchung von Dieben | [183], [211] und [215] | |
| Vertauschung eines Toten gegen einen Hammel | [183] | |
| Regen eßbarer Dinge | [184], [195] und [204] | |
| Prangerritt der Ehebrecherin | [185] | |
| Esel (Kalb) an der Stelle des Ehebrechers | [187] | |
| Nur miteinander verkaufen | [188] | |
| »Wenn der Berg nicht zum Propheten kommenwill« usw. | [190] | |
| Zoll auf verschiedene Gebrechen | [194] | |
| Die drei Dummen (Braut und ihre Eltern) | [194] | |
| Heller in fremdes Geld geworfen | [197] | |
| Unibosmärchen | [197], [199] und [201] | |
| Brandmarkung | [198] | |
| Der Schuldner stellt sich tot | [199] | |
| Goldmistende Tiere | [201] | |
| Verschleuderung wertvoller Dinge durch einenDummkopf | [201] | |
| Seltsame Teilung | [202] | |
| Aristoteles und die Königin | [203] | |
| Mitbieten eines falschen Käufers | [204] | |
| Verkauf an einen Vogel (einen Baum, eineStatue usw.) | [204] | |
| Fleischverkauf an Hunde | [206] und [211] | |
| Die Königstochter lachen gemacht | [206] | |
| Der Schakal (Fuchs) hat zehn Listen | [207] | |
| Anbauen von Salz, Geld, Kuhschwänzen usw. | [209] | |
| Nur an Leute verkaufen, die wenig reden | [211] | |
| Fleischverkauf an Fliegen | [211] | |
| Verkehrte Ansprache oder Begrüßung | [213] | |
| Herauslockung eines Tieres | [213] | |
| Mehrfache Ausnützung eines Leichnams | [214] | |
| Heilung durch Lachen | [214] | |
| Bestreichung der Erde mit Butter | [215] | |
| Unkenntnis vom Wesen des Kindsschädels | [215] | |
| Entweder ...., oder ....! | [217] | |
| Ist das Ernst oder Spaß? | [219] | |
| Lügenschnurren | [219] und [220] | |
| Zwecklosigkeit der Strafe nach dem Vergehn | [231] | |
| Anhang | [235] | |
| Für die Nachkommen pflanzen | [235] | |
| Drei Fragen (Kaiser und Abt) | [238] | |
| Prediger mit der Eselsstimme | [243] | |
| Traumbrot | [243] | |
| Asinus vulgi | [244] | |
| Dit de perdriz | [245] | |
| Einen Esel reden (lesen) lehren | [247] | |
| Einem Esel das Essen abgewöhnen | [249] | |
| Index | [255] | |
II.
Arabische Überlieferungen
1. Aus dem Nawadir el chodscha nasr ed-din effendi dschoha
MAn fragte Nasreddin: »Kannst du rechnen?« »Freilich,« antwortete er; »darüber gibts keinen Zweifel.« »Wie würdest du also vier Dirhem unter drei Personen gleichmäßig verteilen?« »Zweien von ihnen gäbe ich jedem zwei Dirhem, der dritte bekäme nichts und müßte warten, bis noch zwei Dirhem dawären; dann nähme er diese und so hätten alle drei gleich viel.«
NAsreddin, der Pfirsiche in der Tasche hatte, kam bei etlichen Leuten vorbei und sagte zu ihnen: »Wer es errät, was ich in der Tasche habe, bekommt den größten Pfirsich.« Sie antworteten ihm: »Es sind Pfirsiche.« Er sagte: »Ja, wer hat euch denn das gesagt? das muß ein rechter Hurensohn sein.«
EInes Tages ging Nasreddin mit einer Flasche zum Bache, um Wasser zu holen; sie fiel ihm aus der Hand und sank unter. Da setzte er sich am Ufer nieder. Ein Freund von ihm kam vorbei und sagte: »Was sitzst du da, Dschoha?«
»Eine meinige Flasche ist ertrunken; ich warte, bis sie aufquillt und an die Oberfläche kommt.«
EInes Tages brachte Nasreddin Korn in die Mühle; dort begann er dann das Korn aus den Körben der andern Leute zu nehmen und es in den seinigen zu tun. Endlich sagte der Müller zu ihm: »Was machst du da?« »Ich bin ein Narr.« »Warum nimmst du dann nicht das Korn aus deinem Korbe und tust es in die der andern?« »Ich bin ein einfacher Narr; täte ich das, was du sagst, wäre ich ein doppelter Narr.«
Der Müller begann zu lachen und ließ ihn laufen.
DAs Maultier Nasreddin Dschohas nahm einmal einen andern Weg, als er gewollt hätte. Einer seiner Freunde, der ihm begegnete, fragte ihn: »Wohin, Dschoha?« »Wohin mein Maultier will.«
DSchoha brachte eines Tages einen löcherigen Kessel auf den Markt, um ihn zu verkaufen; aber man sagte ihm: »Er hat ein Loch, er ist nichts wert.« Er antwortete: »Bei Gott, das ist nicht wahr, er hat kein Loch; meine Mutter hatte Baumwolle drinnen, und er hat nicht geronnen.«
EInmal ging die Mutter Si Dschohas zu einer Lustbarkeit und sagte zu ihm: »Hüte die Tür.« Da setzte er sich nieder, mit dem Rücken an die Tür gelehnt. Als es ihm dann langweilig wurde, stand er auf und ging weg, trug aber dabei die Tür auf dem Kopfe. Einer seiner Freunde sah ihn und sagte: »Was soll das heißen?« Er antwortete: »Meine Mutter hat mir gesagt, ich soll die Tür hüten.«
EInes Tages knackte Dschoha eine Mandel auf und der Kern entschlüpfte ihm; da sagte er: »Wie wunderbar! alles flieht vor dem Tode, sogar die unvernünftigen Wesen.«
EInmal ging Dschoha in den Vorraum seines Hauses hinaus und fand dort einen Ermordeten. Er warf ihn in den Brunnen und sagte es seinem Vater. Der nahm den Leichnam wieder heraus und begrub ihn; dann erwürgte er einen Hammel und warf ihn in den Brunnen. Die Verwandten des Toten durchliefen alle Straßen und fragten um den Leichnam; Dschoha begegnete ihnen und sagte zu ihnen: »Bei uns ist ein Ermordeter; kommt nachsehn, ob es euer Mann ist.« Sie gingen zu ihm und ließen ihn in den Brunnen steigen; als er den Hammel sah, rief er zu ihnen hinauf: »Hat euer Mann Hörner gehabt?«
DSchoha hatte drei Pfund Fleisch gekauft und sagte zu seiner Frau: »Koch uns ein wenig Fleisch.« Sie kochte es, aß es aber mit ihrem Geliebten. Dschoha kam heim und fragte: »Wo ist das Fleisch?« Die Frau antwortete: »Ich war in der Küche beschäftigt; unterdessen hat es die Katze gefressen.«
Dschoha stand auf, nahm die Katze und wog sie; da hatte sie gerade drei Pfund. Und er schrie: »Du Metze, wenn das die Katze ist, wo ist das Fleisch? und wenn das das Fleisch ist, wo ist die Katze?«
DSchoha gab seiner Frau drei Dirhem und sagte zu ihr: »Kauf dafür Fleisch, laß es aber nicht wieder die Katze fressen wie neulich.« Sie ging es kaufen und traf einen von ihren Liebhabern; den nahm sie mit sich nach Hause. Die Nachbarn sahen das und führten beide vor den Richter. Der Richter befahl, die Frau auf einen Bullen zu setzen und sie also durch die Stadt zu führen. Als Dschoha die Zeit lang wurde, ging er sie suchen; da sah er sie in dieser Verfassung und sagte zu ihr: »Du Metze, was heißt das?«
Sie antwortete: »Nun, nun, was denn? Geh nur nach Hause; ich habe nur noch den Markt der Essenzenverkäufer und der Tuchhändler, dann gehe ich das Fleisch kaufen und komme heim.«
DIe Frau Dschohas pflegte in der Nacht wegzulaufen und sich mit ihrem Geliebten zu treffen; deswegen wurde Dschoha von seinen Nachbarn gehänselt. Da hielt er sich einmal wach, bis sie wegging; dann stand er auf, verschloß die Tür und setzte sich dahinter. Als die Frau zurückkam, fand sie die Tür versperrt. Sie begann ihn zu bitten, er möge sich ihrer erbarmen, aber er beschimpfte sie. Als sie jede Hoffnung auf einen günstigen Ausgang aufgegeben hatte, sagte sie zu ihm: »Wenn du mir nicht öffnest, springe ich in den Brunnen.« Dann nahm sie einen großen Stein und warf ihn hinein. Voll Reue lief er hinaus, um zu sehn, was es gebe. Augenblicklich schlüpfte die Frau ins Haus und verschloß die Tür. Er gab sich alle Mühe, sie zur Nachgiebigkeit zu bestimmen, aber sie hörte nicht auf, ihn zu beschimpfen und zu ihm zu sagen: »Da hat mans, wie du dich aufführst; die ganze Nacht steckst du bei den Trunkenbolden.« So gelang es ihr denn, ihn vor den Nachbarn mit Schande zu bedecken.
EIner, der die Frau Dschohas liebte, sagte eines Tages zu seinem Diener, einem bartlosen und wohlgewachsenen Knaben: »Geh zu ihr und sag ihr, daß ich sie bald besuchen werde.« Der Knabe ging hin. Sie konnte sich nicht enthalten, ihn zu umarmen und ihn an ihre Brust zu drücken, bis sie schließlich ihre Gelüste stillte. Der Herr des Knaben fand, daß der zu lange ausblieb; er machte sich also selber auf den Weg zum Hause Dschohas. Als ihn die Frau kommen hörte, verbarg sie den Knaben unter dem Bette, und ihn empfing sie wie gewöhnlich. In diesem Augenblicke klopfte Dschoha an die Tür. Da sagte sie zu ihrem Geliebten: »Steh auf, lauf mit blankem Schwerte in den Hof und stoße Schmähungen gegen mich aus.« Er tat es. Dschoha trat ein und fragte seine Frau: »Was will der Mensch?« »Ach, Mann,« sagte sie, »das ist unser Nachbar: sein Diener ist ihm entlaufen und hat sich zu uns geflüchtet; er wollte auf ihn los, um ihn zu töten, aber ich habe ihn unter das Bett gesteckt.« Dschoha sagte zu dem Knaben: »Komm nur hervor, mein Kind, und bete zu Gott für diese ehrsame Frau, die dir diesen großen Dienst geleistet hat; Gott möge ihn ihr lohnen.«
DIe Frau Dschohas ging mitten in der Nacht weg. Es begegnete ihr einer und der sagte zu ihr: »Du gehst um diese Stunde aus?« »Das kümmert mich nichts,« antwortete sie: »treffe ich einen Mann, so ist das das, was ich suche; begegnet mir ein Teufel, so werde ich ihm gehorchen.«
MAn sagte zu Dschoha: »Nun bist du alt geworden und weißt von der ganzen Überlieferung nichts auswendig.« Er antwortete: »Niemand von euch hat von Ikrimah das sagen hören, was ich von ihm gehört habe.« »Sag es uns.« »Ich habe gehört, wie Ikrimah nach ibn Abbas[1], der es von dem Propheten hatte, folgendes verkündete: ›Es gibt zwei Eigenschaften, die bei niemand sonst als bei den Gläubigen vereint sind.‹ Aber Ikrimah hat die eine vergessen gehabt und ich habe die andere vergessen.«
DSchoha war gerade beim Essen, als ein Bettler vor seiner Tür stehn blieb und sagte: »Muselmanen, Brüder!« Dschoha sagte: »Es soll keine Verwandtschaft unter ihnen gelten und sie sollen sich nicht aneinander mit Bitten wenden.[2]« Der Bettler antwortete: »Hab Mitleid mit mir!« Dschoha sagte: »Eher brauchte ich dein Mitleid.« Der Bettler: »Höre mich doch an!« Dschoha: »Ich hätte dich angehört, wenn du dich an einen Lebenden gewandt hättest.« Der Bettler: »Wie weitschweifig sind deine Worte, und wie trügerisch deine Handlungen! Möge Gott deine Hoffnungen zu Schanden machen!«
DSchoha brachte seiner Frau ein Stück Fleisch und fragte sie: »Was kann man daraus machen?« Sie antwortete: »Mit gutem Fleische lassen sich alle möglichen guten Sachen kochen.« »Gut,« sagte Dschoha, »koch mir alle möglichen guten Sachen.«
DSchoha hatte einen Kamelhengst bestiegen; auf dem Wege warf ihn der ab und entwich. Dschoha verfolgte ihn, bis er ihn schließlich in einer Stadt einholte; und er sagte zu den Einwohnern der Stadt: »Habt ihr den Schuft gesehn, der mich hat umbringen wollen? Bringt den Metzger her, damit er den Verfluchten schlachte.« Der Metzger schlachtete das Kamel und Dschoha verteilte das Fleisch an die Einwohner der Stadt.
EIner lud Dschoha zu Tische und sagte zu seiner Sklavin: »Bereite uns Feigen.« Aber sie vergaß es und er ebenso. Später sagte er zu Dschoha: »Lies uns einen Abschnitt aus dem Koran.« Dschoha willigte ein und begann: »Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen! Bei dem Ölbaume und dem Berge Sinaï ....«[3] Der Gastgeber sagte: »Wo bleibt die Feige?« Dschoha antwortete: »Die habt ihr, du und deine Sklavin, seit Anbruch der Nacht vergessen.«
DSchoha heiratete eine Frau, die schielte. Um die Essensstunde brachte er zwei Brote; sie sah vier. Dann brachte er eine Schüssel mit Speise; sie sah zwei und sagte zu ihm: »Was sollen wir mit zwei Schüsseln machen? eine ist genug.« Er sagte bei sich: »Was für eine ausgezeichnete Frau, die alles doppelt sieht!« Als er sich dann mit ihr zu Tische setzte, warf sie ihm die Schüssel an den Kopf und sagte: »Bin ich denn eine Dirne, daß du einen andern Mann zu mir führst?« »Liebste,« sagte Dschoha, »bitte, sieh alles doppelt, nur deinen Mann nicht!«
DSchoha war bei einem großen Herrn zu Tische und es gab Nugat. Da fragte ihn einer: »Was ist das?« Er antwortete: »Ich weiß es nicht; aber ich habe sagen hören, das Bad sei eines der köstlichsten irdischen Dinge, und so denke ich, daß das ein Bad ist.«
DSchoha sah auf dem Tische eines Geizigen ein Huhn, das niemand anrührte; man hatte es zugleich mit dem Kuskussu[4] gebracht und nach dem Essen wurde es wieder zurückgetragen. Da sagte er: »Bei Gott, dieses Huhn hat nach seinem Tode ein längers Dasein als zu seinen Lebzeiten.«
DSchoha aß bei einem großen Herrn; es gab eine Fleischpastete und die verschlang er mit vollem Munde. Einer sagte zu ihm: »Dschoha, iß nicht zu viel; wer sich daran übernimmt, muß sterben.« Er hielt einen Augenblick inne, dann klatschte er seine fünf Finger zusammen und sagte: »Nehmt euch meiner Familie an; ich befehle sie euch.«
DSchoha traf einen Christen, der in der christlichen Fastenzeit Fleisch aß; da setzte er sich zu ihm, um an seinem Mahle teilzunehmen. Der Christ sagte zu ihm: »Dschoha, das Fleisch von Tieren, die wir geschlachtet haben, ist euch Muselmanen nicht erlaubt.« Dschoha antwortete: »Ich bin unter den Muselmanen das, was du unter den Christen bist.«
DIe Frau Dschohas erzählt: Mein Geliebter hatte Lust nach einer Schüssel gedünstetes Fleisch, und ich verlangte die Sachen dazu von meinem Manne. Als alles nötige bereit war, kochte ich das Gericht und aß es mit meinem Geliebten und tat eine Gurke in den Topf. Mein Mann kam heim und ich setzte ihm diese vor; er kostete sie und sagte: »Das schmeckt ja wie eine Gurke.« Ich stellte sie noch einmal zu, bis sie eingetrocknet war. Er aß sie und ging weg. Mein Geliebter kam zum zweiten Male, aber er war noch kaum recht eingetreten, als ihn mein Mann ertappte; er packte ihn und steckte ihn in eine Truhe und verschloß sie. Dann ging er meine Verwandten holen. Sofort, als er draußen war, machte ich mich an das Schloß, öffnete es und ließ meinen Geliebten heraus. Unser Nachbar hatte einen Esel; den nahm ich und steckte ihn in die Truhe. Da trat auch schon mein Mann mit meinem Vater und meinem Bruder ein. Sie öffneten die Truhe und fanden einen Esel. Und sie sagten zu Dschoha: »Bist du närrisch?« Er sah mich an und sagte: »Dirne! du hast eine Gurke in Fleisch verwandelt; kein Wunder, daß du einen Menschen in einen Esel verwandelst.«
DIe Frau Dschohas erzählt weiter: Eines Tages kam mein Mann nach Hause und mein Geliebter war da; ich versteckte ihn im Keller. Mein Mann brachte dreißig Eieräpfel mit und legte sie in den Keller. Mein Geliebter aß einen. Dann ging mein Mann die Äpfel zählen; mein Geliebter gab sie ihm einzeln, und er bildete sich ein, es sei seine eigene Hand, die sie ihm von innen reichte. Als er fand, daß einer fehlte, ging er hinein; da traf er meinen Geliebten. Er fragte ihn: »Wer bist du?« Und mein Geliebter antwortete: »Ich bin ein Eierapfel.« Nun sagte mein Mann zu mir: »Schau, was für ein Spitzbube der Händler ist! er hat mir den da für einen Apfel zugezählt, und dabei habe ich zu ihm gesagt: ›Welcher ists denn, wenn nicht der da, der den Korb so schwer macht?‹« Dann führte er ihn zu dem Apfelhändler und sagte zu ihm: »Hast du denn keine Furcht vor Gott? wie kannst du mir den zu den Äpfeln zuwägen?« Der Händler, der ein Schalk war, nahm meinen Geliebten beim Ohre und sagte zu ihm: »Wie oft habe ich dir schon gesagt: ›Bleib bei den Rüben und komme nicht immer unter die Eieräpfel!‹« Dann gab er meinem Manne an seiner statt einen Eierapfel.
DSchoha erhielt von seinem Vater einen Dirhem, um dafür einen Hammelkopf zu kaufen. Er kaufte ihn, aß aber alles Fleisch herunter und brachte seinem Vater den nackten Schädel. Der Vater sagte: »Schuft, was ist das?« »Ein Hammelkopf.« »Wo sind die Ohren?« »Er war taub.« »Und die Zunge?« »Er war stumm.« »Und das Fleisch am Kopfe?« »Er war kahl.«
EIner lud eines Tages Dschoha ein, um ihn zu hänseln, und als Dschoha zu Tische kam, war nur ein Brot da; Dschoha stand auf und lief eiligst weg. Der andere sagte: »Wohin denn, Dschoha?« Dschoha antwortete: »Ich werde am Opfertage wiederkommen; vielleicht gibts dann bei dir Fleisch.«
DSchoha war gerade dabei, ein Huhn mit Brot zu essen, als einer bei ihm vorbeikam; der sagte zu ihm: »Gib mir ein Stückchen.« Aber Dschoha sagte: »Bei Gott, Bruder, das Huhn gehört nicht mir; es gehört meiner Frau und sie hat es mir gegeben, damit ich es esse.«
DSchoha fragte einen Geizhals: »Warum lädst du mich nicht ein?« »Weil du große Bissen nimmst und sie gierig verschlingst; während du den einen ißt, bereitest du dir schon den andern vor.« »Aber Bruder,« entgegnete Dschoha, »möchtest du denn, daß ich jedesmal zwischen zwei Bissen zwei Kniebeugungen machte?«
EInes Tages sagte Dschoha zu seiner Frau, als er mit ihr aß: »Nichts könnte lieblicher sein als diese Speise, wenn sie nur nicht so knapp wäre.« »Wieso denn knapp?« sagte sie; »wir sind doch allein, du und ich.« »Mir wäre es am liebsten,« sagte er, »wenn nur der Topf und ich dawären, und sonst niemand.«
DSchohas Esel hatte sich verlaufen; da schwur Dschoha, ihn, wenn er ihn finden werde, für einen Dinar zu verkaufen. Als er ihn aber gefunden hatte, nahm er eine Katze, setzte sie dem Esel auf den Hals und führte beide Tiere auf den Markt und schrie: »Wer will einen Esel um einen Dinar und eine Katze um hundert Dinar? eines ohne das andere verkaufe ich aber nicht.«
EInes Tages war Dschoha in dem neugebauten Hause eines Freundes; er setzte sich einen Augenblick nieder, bekam aber nichts zu essen. Da stand er auf und begann das Haus von einer Ecke zur andern mit seinem Fuße auszumessen. Der Eigentümer sagte: »Was machst du da, Dschoha?« »Ich will mir ein Haus bauen lassen wie dieses da; ein Haus, wo nichts zu trinken und nichts zu essen ist, muß ja leicht zu bauen sein.«
DSchoha wollte für heilig gelten. Er wurde gefragt: »Wo sind deine Wunder?« und er sagte: »Ich werde einem Baume, gleichgültig welchem, befehlen, zu mir zu kommen, und er wird mir gehorchen.« »Sag es dem Palmbaum da.« »Komm,« sagte Dschoha; aber der Palmbaum rührte sich nicht, auch nicht, als er ihn dreimal angerufen hatte. Nun stand Dschoha auf; man fragte ihn: »Wohin, Dschoha?« Er sagte: »Die Propheten Gottes und die Heiligen kennen weder Hochmut, noch Verblendung; da der Palmbaum nicht zu mir kommt, werde ich zum Palmbaum gehn.«
EInes Tages stieg Dschoha auf das Minaret der Moschee und rief zum Gebete; und er verwunderte sich über seine Stimme. Alsbald stieg er hinunter und begann hastig davonzulaufen. Man fragte ihn: »Wohin, Dschoha?« Und er antwortete: »Ich will wissen, bis wohin meine Stimme reicht.«
EInes Tages ging der Hodscha mit einem seiner Freunde auf die Jagd. Sie sahen einen Wolf, und den wollten sie fangen; sie verfolgten ihn, bis er sich unter einen Felsen verkroch. Der Gesell Dschohas steckte seinen Kopf hinein, um ihn zu packen, aber der Wolf riß ihm ihn ab. Dschoha wartete länger als eine Stunde; als er schließlich sah, daß sich sein Gesell nicht wieder erhob, zog er ihn heraus, und da sah er, daß er keinen Kopf hatte. Er fragte sich, ob er einen gehabt habe oder nicht; dann ging er in die Stadt und fragte die Frau seines Freundes: »Hat dein Mann, als er heute weggegangen ist, seinen Kopf bei sich gehabt oder nicht?«
EInes Tages trug Dschoha einen Sack Korn in die Mühle. Auf dem Wege dachte er, wie schön es wäre, wenn Gott das Korn in seinem Sacke in Gold verwandeln möchte, und schließlich glaubte er, daß sein Wunsch erhört sei. Er streckte die Hand aus, um zu sehn, ob es Gold geworden sei oder nicht, aber der Sack legte sich um. Da wandte er den Blick gen Himmel und sagte: »Herr, du hast mich betrogen.«
EIner lud Dschoha ein in der Absicht, ihn zu hänseln; er brachte Rosinen in einer zugedeckten Schüssel, worein er auch Mistkäfer getan hatte. Als der Deckel abgenommen wurde, liefen die Käfer davon; aber Dschoha machte sich daran, sie aufzulesen und zu essen. Der Hausherr fragte ihn: »Was tust du denn?« Und Dschoha antwortete: »Ich fange vorerst die Ausreißer; die Rosinen rühren sich ja nicht von der Stelle.«
2. Aus der von Mardrus besorgten Ausgabe von Tausend und einer Nacht
IN den Jahrbüchern der alten Weisen, o König der Zeit, und in den Schriften der Gelehrten wird erzählt und durch die Überlieferung ist auf uns gekommen, daß in der Stadt Kairo, diesem Sitze des Frohsinns und des Geistes, ein Mann gewesen ist, der wie ein Dummkopf aussah, aber unter dem Äußern eines ungewöhnlichen Narren einen unvergleichlichen Kern von Verschlagenheit, Scharfsinn, Witz und Weisheit verbarg, ganz zu geschweigen, daß er sicherlich der vergnüglichste, unterrichtetste und geistreichste Mensch seiner Zeit war; mit seinem Namen hieß er Dschoha, und von Beruf war er nichts, gar nichts, wenn er auch gelegentlich in den Moscheen das Predigeramt ausübte.
Eines Tages sagten nun seine Freunde zu ihm: »Schämst du dich denn nicht, Dschoha, daß du dein Leben im Müßiggange verbringst und deine Hände samt den zehn Fingern zu nichts anderm brauchst, als um sie voll zum Munde zu führen? Und denkst du nicht, daß es die höchste Zeit wäre, dein Luderleben aufzugeben und dich den Sitten aller Welt zu fügen?«
Dschoha antwortete darauf nichts. Aber eines Tages fing er einen großen, schönen Storch mit herrlichen Flügeln, die ihn hoch in den Himmel trugen, mit einem wunderbaren Schnabel, dem Schrecken der Vögel, und mit zwei Lilienstengeln als Beinen. Und nachdem er ihn gefangen hatte, stieg er mit denen, die ihm Vorwürfe gemacht hatten, auf das Dach seines Hauses, und dort schnitt er dem Storche mit einem Messer die herrlichen Federn der Flügel und den wunderbaren langen Schnabel und die hübschen, so zierlichen Beine ab, stieß ihn mit dem Fuße hinaus und sagte: »Fliege! fliege!«
Entrüstet schrien ihn seine Freunde an: »Daß dich Allah verfluche, Dschoha! Warum diese Verrücktheit?«
Und er antwortete ihnen: »Dieser Storch hat mich geärgert und hat meine Augen verdrossen, weil er nicht so war wie die andern Vögel; jetzt aber habe ich ihn den andern ähnlich gemacht.«
UNd einmal kam sein Nachbar zu Dschoha, um ihn zu einem Mahle einzuladen, und sagte zu ihm: »Komm zu mir essen, Dschoha.« Und Dschoha nahm die Einladung an. Und als sie alle beide vor dem Eßbrette saßen, wurde ihnen eine Henne aufgetragen. Und Dschoha gab es nach mehrern Kauversuchen auf, sich mit dieser Henne zu befassen, die eine alte war unter den allerältesten Hennen, und deren Fleisch zäh war wie Leder; und er begnügte sich, ein wenig von der Suppe, worin sie gekocht war, zu sich zu nehmen. Dann stand er auf, nahm die Henne, stellte sie in die Richtung nach Mekka und schickte sich an, sein Gebet über ihr zu sprechen. Und sein Wirt sagte betreten zu ihm: »Was willst du, Ungläubiger? Seit wann beten die Muselmanen über den Hühnern?«
Und Dschoha antwortete: »Du täuschest dich, Oheim. Diese Henne, über der ich beten will, ist keine Henne: sie hat nur die Gestalt einer Henne; denn in Wirklichkeit ist sie eine alte heilige Frau, die in eine Henne verwandelt worden ist, oder ein verehrungswürdiger frommer Mönch! denn sie war im Feuer, und das Feuer hat sie verschont.«
EIn andermal war Dschoha mit einer Karawane ausgezogen und der Mundvorrat war gar spärlich und der Hunger der Reisenden war beträchtlich; und er wurde von seinem Magen so gepeinigt, daß er gern das Futter der Kamele verschlungen hätte. Als sie sich nun beim ersten Halt alle niedergesetzt hatten, um zu essen, zeigte Dschoha so viel Zurückhaltung und Bescheidenheit, daß sich seine Gefährten nicht genug wundern konnten. Sie drangen in ihn, das Brot und das harte Ei, das ihm zukam, zu nehmen, aber er antwortete: »Nein, bei Allah! eßt nur und seid zufrieden; ich wäre nicht imstande, ein ganzes Brot und ein Ei aufzuessen. Nehmt nur jeder euer Brot und euer Ei; mir gebt dann, wenn es euch beliebt, jeder die Hälfte von seinem Brot und seinem Ei: mehr verträgt mein Magen nicht, der ziemlich schwach ist.«
EIn andermal, an einem sehr heißen Tage, hatte sich Dschoha in der ärgsten Sonnenglut auf den Weg gelegt und hielt seinen Freudenstifter entblößt in der Hand. Da kam einer vorbei, und der sagte zu ihm: »Schande über dich, Dschoha! was machst du da?«
Und Dschoha antwortete: »Schweige, Mann, und geh mir aus meinem Winde! siehst du nicht, daß ich meinen Kleinen Luft schöpfen lasse zu seiner Erfrischung?«
3. Volkserzählungen aus Tripolis und Tunis
EInmal kam ein Mann zu Dschuha und sprach zu ihm: »Ich habe eine Kuh und möchte sie verkaufen, aber niemand will sie mir abkaufen.« Dschuha antwortete: »Ich werde den Verkauf besorgen. Bring sie morgen auf den Markt; da will ich sie an den Mann bringen.« Dschuha ging zu seiner Mutter und erzählte es ihr, und sie sagte zu ihm: »Weißt du auch, mein Sohn, wie du die Kuh teuer verkaufen kannst?« »Sag mirs.« »Sag: ›Das ist eine sehr schöne Kuh; sie ist noch jung, ist aber schon im sechsten Monate trächtig.‹« »Schön,« antwortete Dschuha.
Am nächsten Morgen brachte ihm der Mann die Kuh; Dschuha trieb sie auf den Markt und begann sie auszurufen. Man fragte ihn: »Dschuha, ist das eine gute Kuh?« Er antwortete: »Eine sehr gute; ich weiß, daß sie sehr gut ist.« »Wieso weißt du das?« »Sie ist noch jung und ist schon trächtig im sechsten Monate.« »Ja dann ist sie gut.« Dschuha verkaufte sie in der Tat sehr teuer. Dann ging er nach Hause.
Nun hatte er eine junge Tochter, und um die warben eben Leute, als er nach Hause kam. Und ihre Mutter sagte zu den Leuten: »Da kommt ihr Vater. Bittet ihn um sie; er wird sie euch schon geben.« »Was wollt ihr?« fragte Dschuha. »Wir wollen deine Tochter haben.« Er sagte: »Ja die ist gut: ihr Verstand ist gut entwickelt, ihre Augen sind hübsch, ihre Augenbrauen sind zierlich, ihr Haar ist schön genug, und überdies ist sie im sechsten Monate schwanger.« Die Leute begannen zu lachen, wandten sich zur Tür und gingen weg.
Nun sagte die Frau zu Dschuha: »Schämst du dich nicht?« »Warum denn?« »Wie kannst du zu Leuten, die um deine Tochter werben kommen, sagen, sie sei im sechsten Monate schwanger?« »Nun, bei der Kuh war es doch heute gut, die gar nichts wert war. Niemand hat sie mir abnehmen wollen, bis ich den Leuten gesagt habe, sie sei im sechsten Monate trächtig; da haben sie sie sofort genommen. Na, und wenn einer etwas kaufen will, ists da besser, er erhält ein Ding oder gleich zwei?«
Dschuha ging nun weg von seiner Frau. Auf der Straße kam er wieder mit den Leuten zusammen, die bei ihm um seine Tochter geworben hatten, und die sagten zu ihm: »Wie hast du uns nur sagen können, deine Tochter sei eine Jungfrau, und dann behaupten, sie sei im sechsten Monate schwanger?« Dschuha antwortete: »Das will ich euch erklären. Wenn du zum Beispiel reisest und irgendwohin willst, ist es da besser, wenn du in neun Stunden hinkommst oder in drei?« »Natürlich ist es in drei Stunden besser.« »Nun, das trifft auch bei meiner Tochter zu; ist es besser, wenn sie ihrem Gatten in drei Monaten ein Kind schenken kann, oder wenn das erst in neun Monaten möglich ist?« Da lachten die Leute und gingen weg.
DSchuha kam einst zu König Jachja; der mochte ihn gut leiden und sagte zu ihm: »Verlange, was du willst.« Dschuha antwortete: »Wer Jachja heißt, soll mir einen Piaster geben, wer am frühen Morgen ausgeht, desgleichen, wer auf seine Frau hört, desgleichen, ebenso wer einen langen Bart hat, und schließlich wer grindig ist.« Der König befahl: »Fertigt ihm die Gewährung seiner Bitte schriftlich aus.« Dschuha nahm den Bescheid und ging.
Eines Tages ging er früh ums Morgengrauen zu einem Stadttore und setzte sich dort nieder. Da kam ein Beduine vorbei, der Brennreisig in die Stadt bringen wollte. Dschuha hielt ihn an und sagte zu ihm: »Gib mir einen Piaster.« Der Beduine fragte: »Warum?« Dschuha antwortete: »Weil du am frühen Morgen ausgehst.« Der Beduine blickte auf und sagte: »Hätte ich nicht auf meine Frau gehört, wäre ich nicht früh aufgestanden.« Da sagte Dschuha: »Jetzt mußt du mir zwei Piaster geben.« Der Beduine wurde zornig und sagte: »Weg! laß mich in Ruh; sonst kannst du den Stock da von der Hand Hadsch Jachjas zu kosten bekommen!« Da sagte Dschuha: »Jetzt machts drei Piaster.« Sie begannen zu streiten: der eine sagte: »Gib her,« und der andere: »Ich gebe dir nichts,« bis sie sich zu prügeln anfingen. Da wurde der Bart des Beduinen sichtbar, und Dschuha sah, daß er lang war; da sagte er: »Vier Piaster.« Sie prügelten sich weiter, und da wurde auch der Kopf des Beduinen bloß; Dschuha sah, daß er grindig war, und so sagte er sofort: »Fünf Piaster.« Der Streit wurde immer heftiger und schließlich wurden sie vor den Sultan geführt.
Der Sultan antwortete: »Was soll das heißen, Dschuha?« Dschuha antwortete: »Hier ist der treffliche Bescheid, den du mir gegeben hast. Bei diesem Manne habe ich die fünf Eigenschaften getroffen, die in dem Bescheide verzeichnet sind: er heißt Jachja, geht am frühen Morgen aus, hört auf den Rat seiner Frau, hat einen langen Bart und ist grindig.« Der Sultan sagte zu dem Beduinen: »Geh nur ruhig nach Hause; du bist ein armer Mann und bist hergekommen, um dir etwas zu verdienen, und Dschuha hat dich abgehalten.« Und er gab ihm ein Geschenk und sagte: »Geh jetzt.« Dschuha sah König Jachja an und sagte: »Es mangelt doch einem jeden, der Jachja heißt, am Verstande.« Darüber erboste sich König Jachja und ereiferte sich immer mehr; endlich rief er: »Bei Gott, wenn du mir niemand ausfindig machst, der Jachja heißt und dem es am Verstande mangelt, so lasse ich dir den Kopf abschlagen.« Dschuha antwortete: »Gib mir hundert Piaster und gewähre mir neun Tage Frist.« Der König ließ ihm das Geld geben und gewährte ihm die gewünschte Frist, erklärte aber nochmals: »Wenn du mir nicht binnen neun Tagen einen Menschen, wie beschrieben, bringst, so lasse ich dir den Kopf abschlagen.«
Dschuha verließ den Palast und ging auf den Schafmarkt; dort kaufte er einen hübschen Hammel. Den trieb er in den Basar der Gewürzkrämer. Er fragte einen Mann: »Ist vielleicht in dem Basar da ein Mann, der Jachja heißt?« Der Mann sagte: »Der in dem Laden dort heißt Jachja.« Dschuha ging zu dem ihm bezeichneten und sagte zu ihm: »Friede sei über dir!« Der Gewürzkrämer antwortete: »Über dir sei der Friede,« und bewillkommnete Dschuha. Der sagte: »Du heißt Jachja?« Der Krämer antwortete: »Jawohl.« Dschuha sagte: »Ich habe dir ein Geschenk gebracht.« Der Krämer fragte: »Von wem denn?« Dschuha antwortete: »Diesen Hammel hat dir der Erzengel Gabriel geschickt.« Der Alte freute sich und rief: »Lob sei Gott, der sich meiner erinnert und mir durch den Engel Gabriel einen Hammel geschickt hat.[5]« Dschuha sagte ihm noch: »Ich warne dich aber vor einem: dieser Hammel erzählt alles weiter, was er zu hören und zu sehn bekommt; er ist ein Plauderer.« Der alte Jachja nahm den Hammel mit nach Hause und band ihn in der Küche an.
Nun hatte der Alte einen Sohn, der eben geheiratet hatte. Die junge Frau mußte auf einmal auf den Abtritt gehn, und dort ließ sie einen fahren; ach, da sah sie, daß der Hammel herguckte. Sie schämte sich heftig und sprach bei sich: »Der sagt es jetzt meinem Manne und stellt mich vor ihm bloß.« Drum sagte sie zu dem Hammel: »Bitte, sag nichts.« »Bäh, bäh.« »Versprich mir, daß du nichts sagen wirst.« »Määh.« Da zog sie ihr Leibchen aus und bat den Hammel: »Nimm es, aber sage meinem Manne nichts.« Und so zog sie sich ein Kleidungsstück nach dem andern aus, um es dem Hammel hinzugeben, bis sie splitternackt auf dem Abtritte dasaß. Ihre Mutter vermißte sie und fand sie endlich auf dem Abtritte; da sie sah, daß sie nackt und bloß war, fragte sie sie: »Dir fehlt doch nichts?« »Ach, Mütterchen, ich habe einen streichen lassen, und der Hammel hat es gehört, und ich ängstige mich, daß ers weitererzählt; und er will mir nichts versprechen.« Da zog sich die Alte auch aus und saß schließlich auch nackt auf dem Abtritte. Die Mutter des jungen Gatten vermißte die beiden und ging ihnen nach; und sie sagte zu ihnen: »Warum sitzt ihr denn nackt und bloß da?« Die Mutter der jungen Frau begann: »Mein Töchterchen hat einen streichen lassen, und wir haben Angst, der Hammel erzählts ihrem Manne.« Da zog sich die Mutter des jungen Gatten auch aus und gab auch alle ihre Kleider dem Hammel und sagte zu ihm: »Mein Söhnchen, bitte, sags nicht weiter.«
So standen die Dinge, als der alte Jachja sein Haus betrat. Er rief hinein: »Chaddidscha! Fatima!«, aber niemand antwortete ihm. Da suchte er das ganze Haus ab, bis er auf den Abtritt kam und die drei Frauen sah; er fragte sie: »Was ists mit euch?« Sie schwiegen; denn sie schämten sich. Er sagte: »Sagt es mir nur.« Nun sagten sie: »Die junge Frau hat früher einen streichen lassen, und wir haben uns geängstigt, daß es der Hammel ihrem Manne erzählen werde.« Da begann sich der alte Jachja auch zu entkleiden: er gab dem Hammel Turban, Rock und Kaftan und saß schließlich nackt wie die drei Frauen auf dem Abtritte.
Endlich kam der junge Ehemann, der Sohn des alten Jachja, heim; er fand das Haus öde und leer. Er rief: »Mutter! Frau!«, aber niemand antwortete ihm. Als er dann vom Abtritte her ein Geräusch hörte, ging er hin, und dort fand er die ganze Gesellschaft nackt: Vater, Mutter, Frau und Schwiegermutter. »Gottes Wunder!« sagte er; »was ist denn los mit euch?« Sie schwiegen und schlugen ihre Augen zu Boden; dann trat sein Vater vor und sagte zu ihm: »Deine junge Frau, mein Sohn, hat einen fahren lassen, und wir hatten Angst, der Hammel könnte es dir erzählen.«
Lassen wir jetzt diese Leute und ihre Sachen und wenden wir uns wieder zu Dschuha. Was tat also Dschuha? Dschuha hielt sich eine Woche lang fern vom alten Jachja; dann aber ging er wieder in seinen Laden. Der Alte bewillkommnete ihn freudig und sagte: »Sei gegrüßt!« Dschuha sagte: »Komm her! ich will dir etwas anvertrauen, was ein Geheimnis zwischen uns bleiben soll.« Jachja sagte: »Sag es.« Dschuha sagte: »Ich bin der Engel Asrael und heute Nacht wird mich Gott zu dir senden, um deinen Geist zu holen.« Jachja sagte: »Freund, was habe ich denn verbrochen?« Dschuha antwortete: »Du magst etwas verbrochen haben oder nicht: wer vor seinem Ende steht, muß den Fuß langstrecken. Geh hin und nimm von allen deinen Angehörigen, Verwandten und Bekannten Abschied.« Der alte Jachja erwiderte: »Ich will aber nicht sterben.« Dschuha sagte: »Was soll das heißen? Das Geschenk ist dir recht, aber vom Sterben willst du nichts hören? Nimm nur dein Leichentuch und geh nach Hause. Ich werde gegen Abend zu dir kommen und zwar mit zwei andern Engeln, nämlich Michael und Gabriel.« Damit verließ er den alten Jachja. Der dachte nun: »Heute Nacht muß ich also sterben.« Dann nahm er sein Leichentuch und ging nach Hause. Er wusch sich und betete zwei Abschnitte; und zu den seinigen sagte er: »Niemand soll das Haus verlassen.« Hierauf ging er zu seinen Freunden und Verwandten und sagte zu ihnen: »Verzeiht mir alles schlechte.« Sie fragten ihn: »Was ists mit dir?« und er antwortete: »Heute Nacht muß ich sterben.« Der eine sagte: »Jachja ist verrückt geworden«, der andere: »Vielleicht hat er seinen Tod vorausgesehn.« Dann ging Jachja wieder nach Hause. Seine Frau und seine Schwiegertochter kamen ihm entgegen und sagten zu ihm: »Sei gegrüßt!«; er aber entgegnete: »Weder gegrüßt, noch sonst etwas. Verzeihet mir alles; denn heute Nacht muß ich sterben.«
Dschuha ging wieder zum Könige und sagte zu ihm: »Nun habe ich einen ausfindig gemacht, der Jachja heißt wie du und dem es am Verstande fehlt.« Er brachte zwei Kapuzenmäntel und der König und der Wesir zogen sie an; er tat das gleiche. Und um die Zeit des Abendgebetes ging er mit ihnen zu dem alten Jachja; sie fanden die Haustür offen. Als sie eintraten, flohen die weiblichen Familienmitglieder, indem sie riefen: »Das ist der König Tod; er will vielleicht auch uns töten.« Die drei traten ein und sagten zum alten Jachja: »Friede sei über dir.« Er antwortete ihnen mit matter Stimme: »Über euch sei der Friede.« Nun befahl ihm Dschuha: »Lege dich hin und strecke dich lang.« Jachja legte sich hin und streckte sich lang. Dschuha befahl ihm weiter: »Sag dein Glaubensbekenntnis.« Dann begann er den Alten von unten an zu quetschen und zu zwicken: mit dem Beine fing er an und zwar mit der großen Zehe; dann kam er ihm an den Bauch, an die Brust und schließlich an den Hals. Als er ihm tüchtig an den Hals griff, wurde Jachja ohnmächtig. Drauf deckte ihm Dschuha das Gesicht zu und sagte zum Sultan und zum Vesir: »Laßt uns wieder gehn.« Und als er das Haus verließ, sagte er zu den Angehörigen des alten Jachja: »Wer sich muckst oder gar schreit, dessen Geist hole ich.« Zum Sultan aber und zum Wesir sagte er: »Morgen sollt ihr mit mir dem Begräbnisse beiwohnen.«
Am nächsten Morgen ging der Sohn des alten Jachja aus und holte die Sänger und die Bahre. Man wusch den Alten und hüllte ihn in das Leichentuch, legte ihn, ohnmächtig, wie er noch immer war, auf die Bahre und zog zum Friedhofe. Unter den Leuten, die dem Begräbnisse beiwohnten, waren der Sultan und der Wesir und auch Dschuha. Dem begegnete ein altes Weib und er sagte zu ihr: »Komm her; da ist ein Goldstück. Geh an die Bahre, tritt zu den Trägern und sage zu ihnen, was ich dir sagen werde.« Und er sagte ihr, was sie zu sagen haben werde. Sie trat auf die Träger zu und sagte zu ihnen nach dem Wortlaute Dschuhas: »Wer ist der Tote?« Man antwortete ihr: »Der alte Jachja vom Basar der Gewürzkrämer.« Sie sagte: »Gott sei ihm nicht gnädig! Ich habe bei ihm, als ich meine Tochter verheiraten wollte, ein Pfündchen Ambra gekauft; da hat er mich um vier Unzen betrogen.« Als das der alte Jachja hörte, richtete er sich auf der Bahre auf und rief: »Ich bin ein Betrüger, du schlechtes Weib? Mich kennt man als einen Dieb?« Da warfen die Träger die Bahre zu Boden und entflohen; alle Leute aber begannen zu lachen und der Sultan und der Wesir stimmten mit ein. Nun wandte sich Dschuha an den Sultan und sagte zu ihm: »Habe ich dir nicht gesagt, daß es jedem, der Jachja heißt, am Verstande fehlt?« Der Sultan antwortete: »Ich verzeihe dir; verlange von mir, was du willst.«
DSchuha pflegte mit seiner Mutter unter einem Tuche zu schlafen, und allmorgendlich, wann der Muezzin auf das Minaret stieg, um zum Gebete zu rufen, stand seine Mutter auf und nahm das Tuch um, so daß Dschuha in der Kälte bloß liegen mußte. Eines Tages sprach er bei sich: »Dieser Muezzin ist doch ein nichtswürdiger Mensch; jede Nacht stört er mich.« Er ging zu ihm hinauf aufs Minaret; und während der Muezzin zum Gebete rief, erschlug er ihn. Und er schnitt ihm den Kopf ab und warf ihn in den Brunnen seines Hauses. Dann ging er zu seiner Mutter und sagte zu ihr: »Jetzt habe ich dir glücklich Ruhe vor dem Muezzin verschafft; ich habe ihn getötet und ihm den Kopf abgeschnitten.« Die Mutter fragte ihn: »Wo ist denn der Kopf?« Dschuha antwortete: »Ich habe ihn in unsern Brunnen geworfen.« Nun sagte die Mutter: »Geh jetzt hinein und leg dich schlafen; sonst wird man kommen und dich festnehmen.« Dschuha ging ins Zimmer und legte sich schlafen und die Mutter deckte ihn zu.
Sie schlachtete ein Hämmelchen, das sie hatte, und warf den Kopf in den Brunnen; das Netz und den Magen nahm sie her und machte Würste daraus. Die kochte sie, ging damit zu Dschuha und warf sie auf den Boden; dann sagte sie zu ihm: »Steh auf, Dschuha, es hat Würste geregnet.« Dschuha erhob sich, las die Würste auf und aß sie. Hierauf ging er aus; er fand die Moschee voller Menschen und die fragten einander: »Was ist das? der Muezzin hat keinen Kopf; wer hat ihn getötet?« Dschuha sagte zu ihnen: »Ich habe ihn getötet.« Sie fragten ihn: »Wo ist sein Kopf?« Er sagte: »Den habe ich in unsern Brunnen geworfen.« Nun hieß es: »Wir müssen zu Dschuha gehn, damit wir sehn, ob das wahr oder gelogen ist.« Man ließ Dschuha in den Brunnen hinab, damit er den Kopf des Muezzins heraufhole. Als er nun im Wasser herumtastete, kamen ihm die Hörner des Hammels in die Hand; da sah er hinauf und rief denen oben zu: »Hat euer Muezzin Hörner gehabt oder nicht?« Sie sagten: »Was soll das heißen? Wann hast du ihn übrigens getötet?« Dschuha antwortete: »In der Nacht, wo es Würste geregnet hat.« Da sahen sich die Leute an und sagten: »Ach, das ist ja der verrückte Dschuha!«
DSchuha hatte einen Oheim von Vaters Seite, und in dessen Frau war er verliebt und sie gewährte ihm auch ihre Gunst; da verstieß sie der Oheim und nahm eine andere Frau und die warnte er mit den Worten: »Dschuha ist ein Taugenichts; hüte dich ja, daß er dir zu nahe kommt und du ihm irgendeine Gunst gewährst.« Dschuha war der Schafhirt seines Oheims; und wenn er abends heimkam und die Frau anzureden versuchte, so wies sie ihn allemal schnöde ab. Als er aber einmal die Schafe weidete, kam er zu einem unterirdischen Gewölbe; dahinein trieb er die Schafherde, und den Eingang verrammelte er. Er ging zu seinem Onkel und sagte zu ihm: »Die Schafe sind weg.« Sein Oheim, der Ärmste, machte sich auf und suchte mit seiner Frau die Schafe; die waren in dem Gewölbe. Als die Suchenden dort in die Nähe kamen, begann auf einmal Dschuha für sich zu sprechen. Sein Oheim sagte: »Was redest und sprichst du da?« Dschuha antwortete: »Die Vögel sprechen mit mir.« Der Oheim fragte weiter: »Was sagen sie dir denn?« Dschuha antwortete: »Was mir die Vögel sagen, kann ich dir nicht wiedersagen; es schickt sich nicht.« Der Oheim dachte eine Weile nach; dann sagte er: »Sag es mir; es tut weiter nichts.« Dschuha antwortete: »Die Vögel haben zu mir gesagt: ›Wenn du die Frau deines Oheims wirst küssen, wirst du die Schafe finden müssen.‹« Da sagte der Oheim: »Also, Dschuha, ich soll die Schafe finden, wenn ich dir meine Frau überlasse?« Dschuha antwortete: »Ja, bei Gott. Wahrhaftig.« Nun sagte der Oheim: »Wohlan denn, nimm sie dort ins Gebüsch und küsse dich satt an ihr.« Dschuha nahm sie ins Gebüsch und küßte sich satt an ihr. Dann kam er aus dem Gebüsche hervor und begann wieder ein Selbstgespräch. Der Oheim fragte ihn: »Was hat dir der Vogel jetzt gesagt?« »Er hat mir gesagt, wo die Schafherde ist, nämlich dort in dem unterirdischen Gewölbe.« Der Oheim fragte ihn wieder: »Wirklich? oder lügst du mir etwas vor?« Bald waren sie bei dem Gewölbe und Dschuha öffnete es und ließ die Schafe heraus; und er sagte: »Nun, Oheim, da haben wir also die Schafe wiedergefunden.« Als sie dann zu Hause waren, sagte Dschuhas Oheim zu seiner Frau: »Dieser Dschuha ist ein Taugenichts; er verspottet uns und macht sich über uns lustig.« Und damit jagte er Dschuha weg.
DSchuha hatte einen kleinen Esel. Den entdeckten etliche lose Buben und nahmen ihn weg; und als sie ihn gestohlen und verkauft hatten, kamen sie wieder zu Dschuha und sagten zu ihm: »Dschuha, dein Esel ist Kadi geworden.« Dschuha antwortete: »Wahrhaftig?« Sie beteuerten es: »Wir haben ein Buch vor uns hingelegt und zu lesen begonnen, und da hat er uns zugehört.« Dschuha nahm einen Futtersack und ging damit zum Kadi. Der Kadi sprach gerade Recht; da hielt ihm Dschuha den Futtersack hin und sagte zu ihm: »Komm, friß Gerste; du bist doch ein Esel.« Der Kadi blickte auf und sagte: »Was soll das heißen? du machst mich zu einem Esel, verfluchter Junge? Greift ihn und verabreicht ihm zweihundert Hiebe.« Dschuha erhielt also von den Dienern die Hiebe; aber er schrie: »Ach, ich werde dir keine Gerste und kein Stroh mehr geben; wann ich aber wieder frei bin, werde ich dirs schon zeigen.« Der Kadi blickte auf und sagte: »Der Mensch ist verrückt; was war dein Esel wert, mein Junge?« Dschuha antwortete: »Hundert Piaster.« Der Kadi befahl: »Gebt ihm hundert Piaster und jagt ihn weg.« Aber Dschuha begann wieder: »Wenn du nun nicht mein Esel bist, wo ist denn dann mein Esel?« Der Kadi fragte ihn: »Was war es mit deinem Esel?« Dschuha sagte: »Ich suchte ihn, konnte ihn aber nicht finden. Da sind mir etliche Leute begegnet und die haben zu mir gesagt: ›Dein Esel ist Kadi geworden.‹ Da bin ich zu dir gekommen und du hast mir zu dem nötigen verholfen. Drum bist du wirklich ein Kadi und kein Esel.« Der Kadi ließ die Leute holen, die diese Geschichte angestiftet hatten; man brachte sie und der Kadi befahl: »Gebt jedem zweihundert Hiebe.« Und dann sagte er zu ihnen: »Ihr müßt Dschuha seinen Esel wieder verschaffen.«
DSchuhas Familie hatte als Nachbarn in der Gasse sehr angesehne Leute, und in dem Nachbarhause war eine Frau, die einen Einäugigen zum Liebhaber hatte; den sah Dschuha täglich das Haus betreten. Was tat nun Dschuha? Er kaufte sich eine ganz magere Ziege und die schlachtete er; dann versammelte er die Hunde des Stadtviertels um sich und schnitt ihnen das Fleisch der Ziege zurecht und gab es ihnen zu fressen. So kam auch ein einäugiger Hund dazu. Die andern Hunde hatte er schon alle satt gemacht und sie waren wieder weggelaufen; nun nahm er den einäugigen Hund her, der darauf wartete, daß er ihm zu fressen gebe: er jagte ihn in die enge Gasse hinein und schlug auf ihn los, bis schließlich der Hund in das Haus floh, wo die Frau mit ihrem einäugigen Liebhaber war. Der Hund lief also in die Tür und verkroch sich im Hausflur. Dschuha trat nun auch ins Haus, ging in den Hausflur und rief: »Hinaus mit dir, Einäugiger! Du frißt die Sachen der Leute und nimmst Reißaus und versteckst dich bei Fremden im Hausflur.« Die Frau hörte das, die Ärmste, kam von innen heraus und fragte: »Was gibts mit dem Einäugigen?« Dschuha antwortete: »Ich habe ihn mit eigenem Auge hineingehn sehn; er ist ein Hund und Hundesohn.« Da sagte die Frau bittend: »Da sind hundert Piaster; geh aber weg: du verursachst mir einen Lärm vor der Haustür.« Dschuha handelte mit ihr um den Betrag, bis sie ihm schließlich fünfhundert gab. Als er dann das Geld in der Hand hatte, sagte er zu ihr: »Dort im Hausflur steckt der Hund; jag mir ihn heraus.« Da blickte sie hin und sah den Hund, und sie sah, daß er einäugig war wie ihr Geliebter; und sie rief: »Ach, dieser nichtsnutzige Dschuha hat mich angeführt!« Damit jagte sie den Hund hinaus und Dschuha ging mit ihm weg.
DSchuha pflegte die Kühe seiner Verwandten von Mutterseite auf die Weide zu treiben; ihm selber gehörte von der Herde nur ein Kalb. Die Kühe waren alle mager, Dschuhas Kalb hingegen fett; als er nun einmal auf das Kalb nicht achtgab, ersahen seine Verwandten die Gelegenheit und schlachteten es. Sie waren gerade dabei, es zu verzehren, als Dschuha heimkam; da sagten sie einfach zu ihm: »Dein Kalb hat uns so gefallen, daß wir es geschlachtet haben; jetzt essen wir es.« Dschuha bat sie und sagte: »Gebt mir wenigstens die Haut.« Sie gaben sie ihm. Er ging damit weg und bot sie im Basar zum Verkaufe aus. Den ganzen Tag bot er sie aus; schließlich verkaufte er sie um einen Heller. Er überlegte und sagte sich: »Was tu ich mit dem Heller?« Dann machte er ein Loch in den Heller, zog einen Faden durch und wickelte sich den Faden um den Finger und machte sich auf den Weg nach Hause. Da sah er vor sich zwei Männer auf der Straße; die hatten einen Kasten voll Goldstücke gefunden und waren eben dabei, sie mit einem Maße zu messen und sie zu teilen. Dschuha schlich sich von hinten an sie heran und warf seinen Heller mitten unter die Goldstücke; und er sagte zu ihnen: »Seid gegrüßt!« Sie fragten ihn: »Was ists mit dir?« Er antwortete: »Und was ists mit euch? Teilt ihr das Geld anderer Leute?« Sie antworteten: »Diesen Schatz hat uns Gott geschenkt; wir haben ihn regelrecht durch Zauberei gehoben.« Dschuha aber sagte: »Der Schatz gehört mir.« Sie fragten: »Wieso denn?« Dschuha antwortete: »Ich habe ihn gekennzeichnet, und zwar mit einem Heller, durch den ein roter Faden gezogen ist.« Sie suchten nach und fanden den Heller wirklich; nun sagten sie zu Dschuha: »Du hast recht; da müssen wir ihn unter uns drei teilen.« Dschuha aber erwiderte: »Nein; nehmt ihr eine Hälfte, und ich will die andere nehmen.« Und er nahm die Hälfte von den Goldstücken, und die andern nahmen die Hälfte. Er steckte sein Geld in den Bausch seines Burnus und ging heim.
DSchuha ging zu seinen Verwandten und öffnete seinen Burnus; da erstaunten sie und fragten ihn: »Woher hast du das viele Geld?« Er antwortete: »Wißt ihr das nicht? das ist ja das Geld für die Kalbshaut.« Sie sagten: »Da wollen wir doch auch unsere Kühe schlachten und die Häute verkaufen.« Dschuha sagte: »Schlachtet sie nur; ihr werdet reich daran werden.« Sie schlachteten also ihre Kühe und zogen ihnen die Häute ab. Dschuha hatte ihnen aber noch geraten: »Laßt die Häute stinkend werden; salzt sie nicht ein.« Als nun diese Bauern ihre Kühe geschlachtet, das Fleisch verzehrt und auch die Hunde damit gefüttert hatten, ließen sie die Häute liegen, bis sie zu stinken begannen. Nach drei oder vier Tagen sah Dschuha nach, und da fand er, daß aus den stinkenden Häuten Würmer herauskrochen; er ging wieder zu seinen Verwandten und sagte zu ihnen: »Nehmt jetzt die Häute und verkauft sie.« Sie gingen in den Basar und boten die Häute aus. Es kamen die Schuster und sahen sich die Häute an, und sie sahen, daß Würmer herauskrochen und daß sie entsetzlich stanken. Da sagten sie untereinander: »Sie wollen uns zum besten haben!« Damit nahmen sie die unglückseligen Verkäufer her und versetzten ihnen Faustschläge; und sie schrien: »Nehmt euer Aas wieder und werft es weg!« Die Verwandten Dschuhas zogen ab und entwichen; und sie sagten: »Wenn wir Dschuha nicht heute Nacht töten, so macht er uns noch ganz arm.«
SIe gingen zu Dschuha, nahmen ihn fest und banden ihn und sagten zu ihm: »Du hast uns also arm gemacht.« Dschuha sah sie an und sagte zu ihnen: »Ihr habt es also geglaubt, daß man stinkende Kuhhäute kauft? Ich habe euch ja nur zum besten gehabt.« Sie nahmen ihn also fest, fesselten ihn und steckten ihn in einen Sack; den banden sie zu und wollten also Dschuha ins Meer werfen. Als sie ans Ufer kamen, sahen sie einen Schafhirten auf der Weide; nun sagten sie untereinander: »Wir wollen den Sack einstweilen niederlegen und bei dem Hirten Milch trinken.« Sie gingen zu dem Hirten und fragten ihn: »Hast du einen Trunk Milch?« Er gab ihnen Milch in einem Schlauche und sie tranken sie. Dann setzten sie sich zu dem Hirten, den Kopf auf die Ellbogen gestützt; sie begannen schläfrig zu werden und schließlich übermannte sie der Schlaf. Der Hirt ließ sie ruhig schlafen und ging seine Schafe zurücktreiben; dabei sah er den zugebundenen Sack und er stieß mit seinem Stabe daran. Dschuha sagte im Sacke: »Laß mich in Frieden.« Der Hirt erschrak und sagte: »Ist das ein Mensch oder ein Geist? Was ists mit dir in dem Sacke da?« Dschuha antwortete: »Man will mich zu meinem Meister bringen, der mich unterrichten soll; und wen mein Meister unterrichtet, der sieht das Schicksalsbuch, das Gott verwahrt.« Da sagte der Hirt: »Ach, ich möchte gern an deiner statt hingehn.« Dschuha sagte: »Nein, damit bin ich nicht einverstanden.« Er stellte sich abgeneigt, obwohl er es gar zu gern gehabt hätte, wenn der andere seine Stelle eingenommen hätte. Aber der Hirt ließ nicht ab, Dschuha um diese Gunst zu bitten, bis Dschuha endlich nachgab und sagte: »Gut denn; binde den Sack auf, damit ich heraus kann.« Der Hirt machte den Sack auf und Dschuha kroch heraus; dann befahl er dem Hirten: »Zieh deine Kleider aus.« Er zog die Kleider des Hirten an und gab ihm die seinigen und die zog der Hirt alsbald an; dann steckte er ihn in den Sack und band den zu. Dann trieb er die Schafe vor sich her, und kehrte so ins Dorf zurück; vorher hatte er aber noch dem Hirten eingeschärft: »Wenn man dich fortträgt, so verhalte dich still; denn wenn du sprichst, wird man dich in die Tiefe des Meeres werfen.« Dschuhas Verwandte standen nach einiger Zeit, als Dschuha schon mit seiner Herde weit weg war, vom Schlafe auf, nahmen den Sack und warfen ihn ins Meer; dann sagten sie untereinander: »Jetzt sind wir ihn los.« Nun gingen sie heim, aber auf einem kürzern Wege als Dschuha, der erst in der Nacht ins Dorf kam. Alle Frauen im Dorfe waren frohen Muts und riefen: »Dschuha ist tot! wir sind ihn los!« Aber nach Sonnenuntergang, da kommt auf einmal Dschuha mit einer Schafherde ins Dorf! und die Frauen riefen: »Da ist ja Dschuha wieder! er lebt ja noch und ist gar noch nicht tot! und ihr habt gesagt: ›Wir haben Dschuha ins Meer geworfen, wir sind ihn los!‹«
NUn wurde Dschuha gefragt: »Woher hast du denn die Schafherde?« Und Dschuha antwortete: »Die habe ich aus dem Meere heraufgebracht: das Meer hängt am Himmel, und unterm Meere weiden die Schafe.« Sie sagten: »Rate uns, Dschuha, wie wir es anstellen sollen.« Dschuha sagte: »Bindet euere Kinder, fesselt sie, wie ihr mich gefesselt habt, steckt sie in Säcke und werft sie ins Meer; dann werden auch sie gegen Sonnenuntergang Schafe bringen wie ich.« Da nahm ein jeder sein Kind und steckte es in einen Sack; und sie trugen die Kinder zum Meere und warfen sie hinein. Nun war in dem Dorfe auch eine Witwe; die wandte sich an Dschuha und sagte zu ihm: »Ich habe keine Kinder.« Dschuha sagte: »Nimm deinen Hund und wirf ihn den Kindern nach; er wird dir schon gegen Sonnenuntergang Schafe bringen.« Die Witwe warf den Hund ins Meer; aber er schwamm natürlich wieder heraus. Dschuha saß versteckt auf der Spitze eines Hügels, besah sich die Sache und lachte für sich und rief dem Hunde zu: »Bring nur deiner Herrin schöne Hammel und Lämmer!« Der Hund schwamm aber immer wieder zurück ans Ufer zu seiner Herrin, ohne Schafe oder sonst etwas mitzubringen. Da rief die Frau Dschuha herbei und sagte: »Mein Hund da hat mir keine Schafe gebracht.« Dschuha antwortete: »Weil er nicht untergetaucht ist; hätte er getaucht, so hätte er dir welche gebracht. Die andern werden, weil sie untergetaucht sind, gegen Abend Schafe bringen; binde ihm doch einen Stein an den Hals, damit er ordentlich untertaucht.« Als die Sonne unterging und die Kinder noch nicht kamen, sahen sich die Leute an und sagten zu ihm: »Dschuha, die Kinder sind nicht gekommen.« Dschuha antwortete: »Bis die Dunkelheit einbricht.« Es wurde dunkel, aber die Kinder kamen nicht wieder. Die Leute wurden unruhig und sagten zu Dschuha: »Die Kinder sind noch immer nicht gekommen.« Dschuha sagte: »Ja, habt ihr denn wirklich geglaubt, daß es in der See Schafe gibt? an euern Kindern haben sich heute die Fische gütlich getan.« Da begannen sie über ihre Kinder zu wehklagen und zu weinen; dann aber nahmen sie Dschuha fest, fesselten ihn und sagten: »Für den gibt es nur das eine, daß wir ihn in die gefährliche Einöde bringen und an eine Olive binden, damit ein Löwe kommt und ihn frißt.«
SIe nahmen Dschuha und brachten ihn in die Einöde; sie banden ihn nahe der Straße an eine Olive und verließen ihn. So an den Baum gefesselt, sah er einen Reiter kommen, einen Kaid, der beim Bei in Tunis gewesen war. Der Reiter kam heran und sagte: »Friede sei über dir.« Dschuha antwortete, als wäre er gar nicht geneigt gewesen, zu sprechen: »Über dir sei der Friede.« Der Reiter fragte ihn: »Warum bist du gefesselt?« Dschuha antwortete: »Geh, laß mich in Ruh! was fragst du mich?« Der Greis sagte: »Ist denn Fragen ein Verbrechen oder etwas unrechtes?« Dschuha antwortete: »Du wirst mich sicher wieder zu dem machen, was ich früher war.« Der Greis fragte ihn: »Was warst du denn früher?« Dschuha antwortete: »Ich war früher hundert Jahre alt: da man mich aber gefesselt und an den Baum Sidi Abd Elkaders gebunden hat, bin ich zu einem Dreißigjährigen geworden; denn jeder alte Mann, den man an diesen Baum fesselt und der sich still und stumm verhält, wird wieder jung.« Da sagte der Greis: »Freund, bei Gott, ist das so?« Dschuha antwortete: »Bei Gott.« Nun bat ihn der Greis: »Laß mich an deinen Platz«, und schließlich sagte Dschuha: »So binde mich denn los.« Der Greis band Dschuha los und der befahl ihm: »Leg deine Kleider ab; denn ich kann dir nur das Hemd auf dem Leibe lassen.« Der Greis zog seine Sachen aus und legte die Burnusse ab, die Seidenschale und das Turbantuch; und Dschuha zog, nachdem er ihn an seiner statt an die Olive gebunden hatte, seine Kleider an und bestieg seine Stute und ritt hinein ins Dorf. Nichts ahnend saßen die Leute da, als auf einmal Dschuha herangesprengt kam auf einer schönen Stute und in kostbaren Kleidern; sie fragten ihn: »Dschuha, woher hast du die Stute?« Er antwortete: »In der Schlucht dort laufen überall Pferde umher.« Sie sagten zu ihm: »Bei Gott, du lügst, du Taugenichts! wen hast du wieder zum besten gehabt?«
III.
Berberische Überlieferungen
DSchuha hatte einen Esel; den fütterte er, bis er hübsch dick wurde. Seine Stadtviertelsgenossen sagten zu ihm: »Verkauf uns den Esel.« »Der ist zu teuer für euch,« antwortete Dschuha. Sie sagten: »Sage uns du, wie hoch sein Preis sein soll; wir werden ihn dir schon bezahlen.« Dschuha antwortete: »Ich werde es nicht sagen; aber wir wollen ihn auf den Eselsmarkt bringen, und für das, was er dort gilt, verkaufe ich ihn euch.« »Gut,« sagten sie. Am nächsten Morgen ging er mit dem Esel früh auf den Markt, stopfte ihm den Hintern mit Goldstücken voll und übergab ihn dem Ausrufer.
Die, die den Esel kaufen wollten, kamen herbei und musterten ihn, ob er ihnen wohl gefalle und sie auf ihn bieten sollten. Der Ausrufer bestieg ihn und ließ ihn lustig galoppieren, und der Esel lief hurtig dahin und blies seinen Wind, während ihm die Goldstücke aus dem Hintern fielen. Die Leute, die zusahen, hoben die Goldstücke auf und begannen einander zuzuraunen: »Der Esel Dschuhas mistet Gold.« So kam es, daß auch die, die ihn eigentlich nicht hatten kaufen wollen, darauf loszubieten begannen. Man überbot sich gegenseitig, bis der Esel auf zehntausend Franken kam. Da verkaufte ihn Dschuha und nahm das Geld in Empfang. Er trat zu dem, der den Esel gekauft hatte, und sagte zu ihm: »Ich habe dir etwas verkauft, das der verkörperte Reichtum ist.« Der Käufer antwortete: »Sage mir, worin sein Futter besteht.« Dschuha antwortete: »Du mußt ihm genügend Gerste und Gras geben und ihn auch täglich zweimal tränken; und wenn du ihn in den Stall schließt, so laß ihn dort nicht so ohne weiteres: wenn du vielmehr willst, daß er gehörig viele Goldstücke zur Welt befördert, so bring ihn auf deinem eigenen Lager unter, decke ein Moskitonetz über ihn und feßle ihm die Füße, damit ihm bis Tagesanbruch nichts vom Lager heruntergleitet. Mit Tagesanbruch aber geh zu seinem Lager; da wirst du zwei Körbe voll Goldstücke finden.«
Der Käufer des Esels wachte die ganze Nacht in froher Hoffnung, daß es Tag werde. Früh ging er zum Zimmer und öffnete es; und freudig sprach er bei sich: »Heute werde ich durch Dschuhas Esel ein reicher Mann.« Er hob das Netz auf, und nun fand er, daß der Esel zwei ganze Körbe Mist ins Bett gemacht hatte, während sein Urin auf dem Boden unter dem Bette eine lustige Pfütze bildet. Er warf den Esel vom Bette herunter und begann den Mist zu durchwühlen, fand aber auch nicht ein Goldstück. Nun ging er mit dem Esel zu Dschuha und sagte zu ihm: »Ich habe mit dem Esel alles so gemacht, wie du mir gesagt hast, habe aber nicht entdeckt, daß er mir etwas andres verschafft hätte als zwei Körbe Mist; und das Bett hat er mir in einen netten Zustand versetzt. Und nicht ein einziges Goldstück habe ich gefunden.« Dschuha antwortete: »Wie? Habe ich dir denn gesagt, du solltest ihn in dein Bett legen?« Der Käufer antwortete: »In mein Bett habe ich ihn genommen, weil ich Angst hatte, die Nachbarn könnten mir die Goldstücke stehlen, die er misten werde; deshalb habe ich ihn in das Bett gelegt.« Dschuha antwortete: »Darum hat er dir auch keine Goldstücke gemistet. Deine Gesinnung gegen die Nachbarn war nicht edel; darum hat dir Gott nichts schenken wollen.« Nun sagte der Mann: »Gib mir mein Geld zurück und nimm deinen Esel.« Dschuha antwortete: »Nein, ich gebe dir nichts zurück; du hast den Esel auf dem Basar gekauft, wo Recht und Gesetz gilt.«
Darauf sagte der Käufer: »Wohlan, wir wollen zum Richter gehn.« Dschuha antwortete: »Ich gehe nicht mit dir; verklage nur erst den Esel, und ich werde dann schon kommen.« Der Mann ging hin und verklagte Dschuha; dann nahm er einen Schergen mit zu Dschuha. Sie kamen zu ihm und der Scherge sagte: »Steh auf, der Richter läßt dich rufen.« »Gut,« antwortete Dschuha und ging mit ihm. Als er und sein Gegner vor den Richter traten, gebot ihnen der, zu sprechen. Der Käufer begann: »Ich habe von Dschuha einen Esel gekauft, der Goldstücke misten sollte. Als ich ihn kaufte, fragte ich Dschuha: ›Was gibst du ihm zu fressen?‹ Er antwortete mir: ›Gib ihm genügend Gerste und Gras und tränke ihn zweimal des Tages. Laß ihn auch in dein Bett steigen und feßle ihm die Füße, damit du am Morgen neben ihm findest, was er setzen soll.‹ Ich tat so, wie er mich geheißen hatte. Am Morgen ging ich zum Esel, fand aber dort nichts als einen Haufen Mistbatzen.« Da sagte der Richter zu ihm: »Du bist verrückt; gibt es denn auf der Welt einen Esel, der Goldstücke mistet? Dschuha ist ganz in seinem Rechte; dir jedoch fehlt es am Verstande.«
Nun wurde der Mann sehr zornig. Er ging mit seinem Esel heim und prügelte ihn zu Tode.
EInst sagten Männer zu Schaha, daß er heiraten solle; er antwortete ihnen, er werde nicht heiraten, bis der Fluß eine Frau bringe. Sie sagten: »Wie wäre es möglich, daß der Fluß eine Frau brächte?« Schaha antwortet kurz: »So sage ich euch.«
Als dann eine Zeit verstrichen war, sah Schaha eines Tages am Stadttore eine Frau aus der Fremde; er fragte sie: »Wer bist du?« Sie antwortete ihm: »Ich bin aus dem und dem Lande.« »Wohin gehst du?« »In diese Stadt.« »Was willst du da tun?« »Ich will dableiben.« Er fragte weiter: »Hast du Kinder?« Sie antwortete: »Ich habe eines geboren, aber es ist gestorben, als es noch ganz klein war.« Er sagte: »Ich fürchte, daß mir seine Krankheit Schaden bringen wird.« Sie antwortete: »Aber wie sollte dir denn die Krankheit, woran der Knabe gestorben ist, als er noch klein war, Schaden bringen können?« Er sagte zu ihr: »Liebst du mich? willst du, daß ich dich heirate?« Sie antwortete: »Ich liebe dich.«
Darauf gingen sie in die Stadt, um sich von einem Priester trauen zu lassen, und nachdem sie geheiratet hatten, blieb er daheim bis zur Regenzeit. Als dann alle Leute hinausgingen, um das Feld zu bestellen, ging auch er zur Arbeit; dabei fand er einen Schatz, einen Topf voll Gold. Diesen Topf grub er aus; für einen Teil des Goldes kaufte er Weizen, Datteln und Butter, und den Rest versteckte er in einem alten Wasserschlauche.
Darauf lebte er mit seiner Frau bis zu der Zeit, wo die Pilger kamen. Von diesen kam ein armer zu seiner Frau und bat sie um einen alten Schlauch, um darin Wasser aufzubewahren. Sie sagte, sie habe keinen, aber eine Nachbarin machte sie darauf aufmerksam, daß im obern Teile des Hauses ein alter Schlauch sei. Nun stieg sie hinauf, holte ihn und gab ihn dem Armen. Der sagte: »Gott möge dich noch in deinen Kindern segnen.« Sie antwortete: »Ich habe keine; ich habe nur eines geboren, und das ist gestorben, als es noch klein war.« Er sagte: »Möge Gott mit ihm Erbarmen haben.«
Eines Tages stieg Schaha, der in der Stadt geblieben war, in den obern Teil des Hauses, um den alten Schlauch mit dem Golde zu suchen; der war aber nicht da. Er fragte seine Frau, wo der Schlauch sei, der oben gewesen sei, und sie sagte: »Ein armer Mann ist zu mir gekommen und hat ihn verlangt. Er hat Gott um Barmherzigkeit für mein Kind angefleht, und ich bin hinaufgestiegen, habe ihn geholt und habe ihn ihm gegeben.« Schaha sagte: »Habe ich es dir nicht gesagt gehabt, daß mir die Krankheit deines Kindes, obwohl es tot ist, Schaden bringen werde? Und du hast mir erwidert: ›Wie soll dir die Krankheit des verstorbenen Kindes Schaden bringen können?‹«
Schaha ging weg und kaufte einen großen schönen Schlauch; damit ging er in den Straßen umher und fragte: »Wer tauscht einen neuen Schlauch gegen einen alten um?« Da sagte ein Armer zu ihm: »Nimm meinen alten Schlauch und gib mir den neuen.« Und er gab ihm den, der das Gold enthielt. Schaha nahm den Schlauch, wo das Gold war, von dem der Arme nichts wußte.
Dann ging Schaha nach Hause und schied sich von seiner Frau.
EInes Tages ging Si Dscheha auf den Markt, um einen Esel zu kaufen. Ihm begegnete einer und der sagte zu ihm: »Wohin, Si Dscheha?« »Auf den Markt, einen Esel kaufen.« Der Mann erwiderte: »Sag: ›So Gott will‹, Si Dscheha.« Dscheha antwortete: »Warum sollte ich sagen: ›So Gott will‹? ich habe Geld bei mir und auf dem Markte sind Esel.« Damit ging er weiter.
Als er auf dem Markte angelangt war, kam ein Mann daher; der benützte einen Augenblick der Unaufmerksamkeit Dschehas und stahl ihm sein Geld. Si Dscheha machte sich auf den Heimweg, ohne einen Esel gekauft zu haben. Der besagte Freund begegnete ihm wieder und sagte zu ihm: »Was hast du gekauft, Si Dscheha?« Dscheha antwortete: »Mein Geld ist mir gestohlen worden, so Gott will; dein Vater sei verflucht, so Gott will.«
EInes Tages ging Si Dscheha zu einem andern essen, und der setzte ihm ein gebratenes Zicklein vor. Dscheha packte das Zicklein und begann es zu verschlingen wie ein Wolf. Da sagte sein Wirt: »Weshalb hast du denn eine solche Wut auf das Zicklein? seine Mutter hat dich wohl einmal mit den Hörnern gestoßen?«
»Und du,« versetzte Dscheha, »du bist so mitleidig mit ihm, als ob seine Mutter deine Amme gewesen wäre.«
SEine Freunde hatten gehört, daß er krank sei, und kamen ihn besuchen. Er lag im Bette. Sie schwatzten alles mögliche und ließen ihn nicht schlafen. Da stand er auf, nahm sein Kissen und sagte zu ihnen: »Ihr könnt jetzt gehn; ich bin gesund: Gott selber ists, der mich gesund gemacht hat.«
EInes Tages kam er bei etlichen Leuten vorbei, die gerade beim Essen waren. Er sagte zu ihnen: »Das Heil sei mit euch, ihr Geizigen!«
Sie antworteten: »Bei Gott, wir sind nicht geizig.«
»Ach Herrgott,« schrie Dscheha, »gib, daß sie nicht lügen; gib, daß ich es bin, der gelogen hat.«
SI Dscheha kochte Fleisch und es kamen zwei Freunde zu ihm. Der eine nahm ein Stück Fleisch und sagte: »Dieses Fleisch braucht Salz.«
Der andere nahm auch ein Stück und sagte: »Dieses Fleisch braucht Essig.«
Si Dscheha packte alles, was noch übrig war, und sagte: »Der Topf da braucht Fleisch.«
EInmal trieben Dscheha und zwei Freunde von ihm zwei Schafe und einen Hammel heim, die sie auf dem Markte gekauft hatten. Als sie zu Hause angelangt waren, sagten seine Freunde zu ihm: »Si Dscheha, wie teilen wir sie?«
»Ihr zwei«, antwortete Dscheha, »nehmt das eine Schaf; ich und der Hammel nehmen das andere.«
EInes Tages verkaufte Dscheha sein Haus, und er sagte zu dem Käufer: »Freund, das Haus habe ich dir verkauft; den Nagel aber, der in der Wand steckt, habe ich dir nicht verkauft. Daß du mir nicht morgen sagst: ›Du hast mir auch den Nagel verkauft.‹ Ich habe ihn dir nicht verkauft; ich habe dir nichts verkauft als das Haus.«
»Es ist gut,« antwortete der Käufer. »Ich habe dir das Haus abgekauft; den Nagel, der in der Mauer steckt, habe ich dir nicht abgekauft.«
Der Käufer dachte: Der Nagel ist mir gleichgültig. Ich habe das Haus gekauft; an dem Nagel liegt wenig.
Si Dscheha suchte seine Mutter auf und sagte zu ihr: »Mutter, wie lange leiden wir schon Hunger! Heute habe ich das Haus verkauft.«
»Was?« sagte sie, »du hast das Haus verkauft? wo wollen wir wohnen? Außer Hunger zu leiden, werden wir jetzt auch noch unter freiem Himmel schlafen müssen.«
»Hab keine Angst, Mutter,« antwortete Dscheha. »Ich habe ihm das Haus verkauft, habe mir aber einen Nagel vorbehalten, den ich in die Wand geschlagen habe; den habe ich ihm nicht verkauft. Und mit diesem Nagel will ich ihm das Haus wieder abnehmen. Wir sterben vor Hunger; darum habe ich mir diese List ausgedacht, damit uns der Käufer Geld gibt und wir essen können. Was das Haus betrifft, so wird er bald draußen sein.«
»Was?« sagte sie; »du hast ihm das Haus verkauft und sagst, daß er wieder herausgehn wird? Wie sollte er denn wieder herausgehn, wo er dir doch sicherlich das Geld vor Zeugen gegeben hat?«
»Sei nur ruhig,« antwortete Dscheha. »Ich werde schon einen Plan aushecken, damit er herausgehn muß.«
Und sie sagte: »Tu, was du willst.«
Si Dscheha ging Tierhäute kaufen; die trug er hin und hing sie an den Nagel. Auch Därme hängte er hin. Und da die Häute und Därme dort blieben, begannen sie nach einem oder zwei Tagen zu stinken. Dscheha kam hin, ließ sie aber, wie sie waren.
Der, der das Haus gekauft hatte, kam zu ihm und sagte: »Was ist das für ein Handel, Si Dscheha? Du hast Häute und Därme gebracht und sie im Hause aufgehängt! Sie stinken. Wie kann ich denn da wohnen?«
»Freund,« antwortete Dscheha, »ich habe dir nur das Haus verkauft, nicht wahr? Den Nagel habe ich mir behalten, und ich habe dir gesagt, daß ich ihn dir nicht verkaufe. Du hast jetzt nichts mehr zu sagen.«
Nun sagte der Käufer zu ihm: »Geh in dein Haus. Ich verlasse es. Ich lasse dir das Geld und das Haus. Ich kann nicht länger drinnen wohnen. Es ist ein fürchterlicher Gestank, und das Haus selber ist vergiftet.«
»Gut,« sagte Dscheha; »wenn du ausziehen willst, so zieh. Das Geld, das habe ich ausgegeben, und du bekommst keinen Heller zurück.«
»Ich schenke dir das Haus und das Geld,« sagte der Käufer.
Si Dscheha verließ ihn und zog wieder in sein Haus; und der andere machte sich auf die Suche nach einer neuen Wohnung.
SI Dscheha ging im Felde und hatte Hunger. Da sah er einen Araber, der aß. In der Meinung, daß ihn der einladen werde, mitzuessen, ging er hin; aber er wurde keineswegs eingeladen, sondern der Araber fragte ihn nur: »Woher bist du, Bruder?«
»Aus deinem Dorfe,« antwortete Dscheha.
»Dann bringst du uns gute Nachrichten.«
»Ich bringe dir alle guten Nachrichten, die du willst.«
»Hast du Nachrichten von unserm Dorfe?«
»Ja.«
»Hast du Nachrichten von Omm Othman?« — Das war die Frau des Arabers. —
»Oh,« sagte Dscheha, »sie wiegt sich wie ein Pfau.«
»Und wie geht’s meinem Sohne Othman?«
»Gewöhnlich spielt er Ball mit seinen Kameraden.«
»Wie geht es dem Kamel?«
»Das wird bald zerplatzen, so feist ist es.«
»Und was ists mit unserm Hunde Titu?«
»Er ist sehr scharf, und das will etwas heißen. Die Diebe fürchten ihn, so daß der Pferch vor ihnen sicher ist.«
»Und unser Haus, wie steht es damit?«
»Es ist wie eine Festung.«
Nun schwieg der Araber. Er aß, ohne Si Dscheha einzuladen, und der stand auf, um wegzugehn. Der Araber fragte ihn: »Wohin, Bruder?«
»Ins Dorf,« antwortete Dscheha. »Seid Titus Tod wimmelts dort von Dieben.«
»Titu ist tot?«
»Ja.«
»Woran ist er gestorben?«
»Er hat von dem Fleische des Kamels zu viel gefressen, und daran ist er gestorben.«
»Das Kamel ist also auch tot?«
»Ja.«
»Woran ist es gestorben?«
»Es ist über das Grab Omm Othmans gestolpert.«
»Omm Othman ist gestorben?«
»Ja.«
»Woran?«
»An dem Kummer über den Tod Othmans.«
»Othman ist gestorben?«
»Ja.«
»Wieso?«
»Das Haus hat ihn erschlagen, als es einstürzte.«
Bei diesen Worten sprang der Araber wie ein Narr auf und lief in der Richtung seines Dorfes davon, sein Essen im Stiche lassend. Si Dscheha aß alles, was noch da war.
DEr Kaid von Dschehas Stamm liebte die Frauen leidenschaftlich, und Dscheha, der ihn oft besuchte, machte ihm Vorstellungen. »Wie kannst du denn,« sagte er zu ihm, »du, ein Kaid, gar so in die Frauen vernarrt sein? Nimm doch ein wenig Vernunft an. Fürchte den Herrn. Es ist eine Schande für dich.« Diese Worte drangen dem Kaid bis auf den Grund seines Herzens.
Nun hatte der Kaid eine Magd, die eine Frau von großer Schönheit war, und die sagte zu ihm, als sie seine Niedergeschlagenheit bemerkte: »Was drückt dich, Herr?«
Der Kaid antwortete: »Dscheha hat mir dasunddas gesagt.«
»Sonst nichts?« sagte sie. »Nun, gib mir die Erlaubnis zu ihm zu gehn. Du bleibst noch eine Weile hier, und kommst dann unversehens zu Dscheha nach. Du wirst schauen, was ich tun werde, und wirst dich wundern, in was für einer Verfassung du ihn finden wirst.«
»Geh,« sagte der Kaid zu ihr, und sie ging. Sie kam zu Dscheha und setzte sich mit ihm in seinem Hause nieder. Als Dscheha sie sah, wurde er sterblich verliebt in sie. Er rückte näher zu ihr, aber sie schlug ihn zurück; er verfolgte sie, und wohin immer sie sich setzte, er kam zu ihr. »Bleib auf deinem Platze, Si Dscheha,« sagte sie zu ihm, »und komm mir nicht zu nahe. Wenn du aber herankommen willst, so laß mich auf dir reiten; du wirst mit mir auf dem Rücken auf allen vieren gehn.«
»Komm,« sagte Dscheha, und sie legte ihm einen Sattel auf und einen Zaum an und setzte sich rittlings auf ihn; er begann auf allen vieren zu kriechen.
Unversehens kam der Kaid, und der sagte zu ihm: »Si Dscheha, mir hast du verboten, die Frauen zu lieben, und du, sieh nur, in was für einer Verfassung du bist!«
»Herr,« antwortete Si Dscheha, »ich hatte Angst, dich zu einem solchen Esel werden zu sehn, wie ich einer bin.«
Der Kaid begann zu lachen und machte ihm ein Geschenk.
ES war ein Jude, der täglich also zum Herrgott betete: »O mein Gott, zeige dich mir«; und er betete unter einem Baume. Eines Tages hörte ihn Dscheha, als er lustwandelte. Am nächsten Tage ging er hin und war noch vor dem Juden dort; er stieg auf den Baum und verbarg sich im Laube. Der Jude kam und betete wie gewöhnlich. Si Dscheha rief ihn an und sagte: »O mein Anbeter, nimm hundert Dinar und gib sie der Frau Dschehas. Dann komm sofort hieher zurück, und du wirst mich sehn.«
Als der Jude diese Worte hörte, war er auf dem Gipfel der Freude. Er ging nach Hause, holte hundert Goldstücke und gab sie der Frau Dschehas. Dann kam er zum Baume zurück und sagte: »O mein Gott, ich habe getan, was du mir gesagt hast.« Si Dscheha warf ihm einen Strick zu, indem er sagte: »Fasse diesen Strick und du wirst zu mir emporsteigen.« Der Jude ergriff den Strick und Si Dscheha zog ihn herauf; als er ihn aber einigermaßen in der Höhe hatte, ließ er den Strick los. Der Jude fiel herunter und schlug sich ein Loch in den Kopf. »O mein Gott,« sagte er, »du bist unersättlich! Du nimmst mein Geld und schlägst mir überdies ein Loch in den Kopf!«
MAn wußte sich keinen Rat mehr, um Dscheha sein Schmarotzerhandwerk zu legen. Als nun eines Tages die vornehmen Leute zu einem Manne essen gingen, der einen Festschmaus vorbereitet hatte, schloß sich ihnen Dscheha an; da sagten sie untereinander: »Was machen wir nur mit Si Dscheha?« Und einige sagten: »Wann die Schüsseln aufgetragen werden, wollen wir zu ihm sagen: ›Si Dscheha, in deinem Dorfe brennt es‹, damit er nichts ißt. Unsere Worte werden ihn so beschäftigen, daß er nichts ißt.«
Als die Speise kam, sagten sie zu ihm: »Si Dscheha, in deinem Dorfe brennt es.«
»Unser Haus ist davor bewahrt geblieben?« fragte Dscheha.
Während sie sich darauf beschränkten, zu sprechen, aß Dscheha. Sie sagten: »Das Feuer ist schon bei deinem Hause.«
»Nun, mich hat es noch nicht erreicht.«
»Jetzt hat es deine Kleider erfaßt.«
»Mein Kopf brennt noch nicht, nicht wahr?« antwortete Dscheha. »Meine Füße mag es verschlingen, wenn es mir nur den Kopf in Ruhe läßt.«
Und er aß immerzu. Als dann die andern desgleichen tun wollten, stellte es sich heraus, daß Dscheha alles aufgegessen hatte; und sie sagten untereinander: »Si Dscheha hat uns zum besten gehabt.«
SI Dscheha kaufte auf dem Markte eine Ziege um zehn Duro. Er trieb sie heim, schlachtete sie und häutete sie. »Diese Ziege kostet uns viel Geld,« sagte er zu seiner Mutter, und sie erwiderte: »Was willst du tun, mein Sohn?«
»Für den Augenblick das Fleisch kochen; späterhin werden wir sehn, was zu tun ist. Am nächsten Markttage werde ich die Haut auf den Markt bringen; du wirst hingehn und sie in der Hand halten. Ich werde immer um dich herum sein, und du wirst tun, als ob du mich nicht kenntest; ebenso werde ich tun, als ob ich dich nicht kennte. Ich werde um die Haut handeln, und welchen Preis immer ich dir biete, weigerst du dich, sie mir zu verkaufen. Ich werde sie spannenweise messen. Du sagst zu mir: ›Ich verkaufe sie nicht.‹ Ich werde dir zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig Duro bis zu hundert Duro bieten. Unter den Fremden, die dazukommen werden, wird einer sein, der dir mehr bieten wird, und dem verkaufst du sie. Gib acht jetzt! Merk dir wohl, wie ich dich empfehlen will!«
Sie machten sich auf den Weg und kamen auf den Markt. Si Dscheha ging abseits, und seine Mutter hielt die Ziegenhaut. Si Dscheha kam und sagte zu ihr: »Wie viel hat man dir für die Haut da geboten?« Und auf ihre Antwort: »Zehn Duro« begann er sie spannenweise zu messen. Alle Welt sammelte sich um sie. »Die Haut, die du da mißt,« sagte einer zu ihm, »wozu kann sie dir dienen?«
»Sie wird gut zu verwenden sein,« antwortete Dscheha; »sie gibt eine große Trommel oder eine kleine.«
Er zog sich zurück, kam aber einen Augenblick später wieder, ging wieder zu seiner Mutter und sagte zu ihr: »Nun, altes Frauchen, was ists mit der Haut?«
»Mein Sohn,« antwortete die Alte, »man hat mir zwanzig Duro gegeben.«
»Verkaufst du sie um fünfzig?«
»Nein.«
Si Dscheha maß die Haut noch einmal und ging weg. Die Leute liefen zusammen und sagten einander: »Si Dscheha ist verrückt. Wie geht es zu, daß er, der sonst so durchtrieben ist, sich so täuschen läßt?«
Dscheha kam zurück und sagte zu seiner Mutter: »Mutter, wie viel hat man dir für die Haut geboten?«
»Sie ist noch auf fünfzig Duro, mein Sohn.«
»Ich will sie messen, ob sie zu meinem Zwecke taugt oder nicht.« Er maß sie, und als er damit fertig war, sagte er zu seiner Mutter: »Wenn du sie verkaufen willst, so gebe ich dir hundert Duro.«
»Ich verkaufe sie nicht,« antwortete sie, und Dscheha entfernte sich und beobachtete sie von weitem.
Ein Mann, der auf den Markt gekommen war, kam und sagte zu der Mutter Dschehas: »Altes Frauchen, verkaufe sie mir. Ich gebe dir um zehn Duro mehr als der Mann.«
»Gib das Geld her, bevor er kommt; er könnte mir sonst Vorwürfe machen, daß ich einem andern den Vorzug gegeben habe.«
Er gab der Alten das Geld, und die machte sich auf den Heimweg und Si Dscheha gesellte sich zu ihr; sie gingen, bis sie dorthin kamen, wo sie wohnten, und dort blieben sie.
Die Alte hatte aber dem Käufer der Haut gesagt: »Diese Haut ist gar kostbar; lege sie in die Sonne: sie wird trocknen, und du wirst sehn, was für einen Nutzen du finden wirst.«
Er breitete also die Haut an der Sonne aus. Zwei oder drei Tage darauf ging er nachsehn und fand sie vollständig ausgetrocknet. Er nahm sie zwischen die Hände und rieb sie; da zerfiel sie. Nun ging er die Frau suchen, die sie ihm verkauft hatte. Er traf die Mutter Dschehas und sagte zu ihr: »Altes Frauchen, bist du nicht die, die mir die Haut verkauft hat?«
»Sag so etwas nicht noch einmal,« sagte die Alte. »Ich, Häute verkaufen! ich bin die Mutter Si Dschehas.«
»Schon recht,« sagte der Mann; »sieh nur selber, wer mich betrogen haben kann, wenn du es nicht bist.«
»Mein Sohn,« erwiderte die Alte, »das habe ich nie getan.«
Der Mann ging heim, ohne sie erkannt zu haben. Die Ziegenhaut verblieb ihm und er warf sie den Hunden hin.

