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Der Liebhaber-Bibliothek
fünfzigster Band
Der Spiegel
Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler
Herausgegeben von
Karl Lerbs
Sechstes bis fünfzehntes Tausend
Gustav Kiepenheuer Verlag
Potsdam–Berlin 1919
Dem Andenken
Johann Peter Hebels
Dubonnet
Ein Gruß an Hebel
Von Otto Flake
Im Schatzkästlein steht die Geschichte des deutschen Binnenländers, der in die große Stadt Amsterdam kommt und vor einem stolzen Schiff, einem prächtigen Haus und einem gewaltigen Begräbnis fragt: Wer ist es, dem dies gehört? »Kannitverstan«, ist die Antwort, und er beneidet den reichen Mann nicht mehr.
Eine gute Geschichte; Pointe und Moral darin, Treuherzigkeit und Humor. Als Knabe las ich sie im Lesebuch; sie hat mir so gefallen, daß ich sie nie vergaß. Und später, als ich auf Reisen ging, in fremde Städte kam, ging sie mir erst recht auf.
In ihrem Reiz war eine Aufforderung, wie jener junge Deutsche über vier, fünf Eindrücke aufs Geratewohl Eingeborene um Auskunft anzugehen und ein unbekanntes Wort zu erhalten, das ein Band schlang, wo keines war und einen Sinn, wo Sinn fehlte.
Sehr jung, in Weltlichkeit nicht eingeweiht, stieg ich am Ostbahnhof in Paris ab und begann sofort kreuz und quer herumzustreifen. Da stieß ich auf ein Wort, das sich immer, immer wiederholte: Dubonnet.
Zuerst bemerkte ich es in der Metrobahn, alle hundert Meter an den Wänden des Tunnels. Ich setzte mich auf Bänke in den Parks. Dubonnet stand auf der Lehne wie bei uns im Lande der Ordnung »Nur für Erwachsene«.
Wo Löcher in den Häuserzeilen häßlich gleich Lücken in den Zähnen eines Menschen klafften, prangte blau das Wort Dubonnet, auf den Firsten der Dächer flammte es nächtlich auf, in den Zeitungen füllte es halbe Seiten, umrahmt von leerem Weiß: Dubonnet, sonst kein Wort.
Dubonnet wiederholte ich, und als ich es fünfzigmal nachgesprochen hatte, wurde es wie ein mystischer Ruf, Symbol des Geheimnisvollen in der Wirklichkeit. Die Griechen hatten dem unbekannten Gott einen Tempel gebaut, war es nicht denkbar, daß in der Großstadt ein Wort der Gesinnung, Mahnung und fernen Weite metaphysisch rief?
Auf einer Kaffeehausterrasse erfuhr ich die Lösung des Rätselworts; es bestellte einer einen – Dubonnet. Zuerst war ich enttäuscht, dann lachte ich, so fröhlich, daß man sich nach mir umsah. Lehre war es, daß es in der Großstadt keine Mystik gibt – wie, warum denn nicht?
Nun wollte ich sie, und wenn es mir gefiel, Dubonnet einen Klang wie dem erhabenen Feldgeschrei einer Religion zu geben, wer konnte mich daran hindern? »Dieu le veut« riefen die Kreuzritter, warum ich nicht Dubonnet?
So wurde mir Dubonnet, was jenem Jüngling Kannitverstan gewesen war, Laut des Tiefsinns, Gleichnis, Wort der eignen Souveränität, die ihren Willen setzt. Gruß, Vater Hebel, dir.
Zum Eingang
Der Versuch, die im deutschsprachigen Schrifttum auf dem Gebiet der Anekdote wirkenden Kräfte in einem Sammelbuch aufzuzeigen, erschien in manchem Betracht von Wert. Er wurde unternommen im vollen Bewußtsein seiner Schwierigkeit; hat sich doch die einst so klare Form der Anekdote dem großen Wandlungsvorgang der Zeit nicht entziehen können. Daß solche Wandlung große Gebiete des Stofflichen umfaßt, wird man als eine aus verändertem Zeitbild organisch erwachsene Ausweitung würdigen und begrüßen; daß aber die Bestimmtheit der Form sich verwischte und heute so manches als Anekdote ohne Recht sich ausgibt, – das scheint eine Abgrenzung der Anekdote gegen andere Kunstformen nötig zu machen. Es sei versucht, von der Kennzeichnung ihres Wesens zu ihrer Wertung vorzudringen.
Die Anekdote ist die gedrängte, unbedingt in sich gerundete Darstellung eines Vorganges von irgendwie kennzeichnender Bedeutung, – gleichgültig, ob kennzeichnend für eine bekannte Persönlichkeit, für einen Einzelmenschen, einen Menschentypus oder nur als Vorgang an sich. Sie ist nicht Ausmalung, Betrachtung, Stimmung, sondern Leben, Bewegung, Handlung. Das umrankende Beiwerk darf, sparsam verwandt, nicht die klaren, sicheren Linien des fortschreitenden Geschehens überwuchern; es darf nur dazu dienen, die plastische Wesenheit der Handlung zu erhöhen, die Farben mit lebendiger Leuchtkraft zu untermalen. Alles dient nur der Weiterführung des Geschehens, dem fortschreitenden Vordringen zu Wesen und Sinn; alles steht für sich selbst ohne breite, nachdenkliche Erläuterung da, die Klarheit bedarf keiner Erklärung und Erklügelung. Die Anekdote ist ein unbestechlicher Spiegel des Lebendigen; darum habe ich dieses Buch »Der Spiegel« benannt. Wie ein Spiegel dem Betrachter einen fest umrissenen Ausschnitt aus einem Geschehen körperhaft zeigt, so auch die Anekdote. Man hat sie mit einer Zeichnung verglichen. Darin liegt viel Richtiges, wenn man die Zeichnung als Ganzes und Fertiges betrachtet, – und doch kann der Vergleich irreführen. Denn die Technik des Anekdotenerzählers ist im wesentlichen eine andere als die des Zeichners. Dieser baut aus Linien ein Bild auf, das die zur Reglosigkeit erstarrte Plastik einer Situation wiedergibt, und erst die weiterschaffende Phantasie des Beschauers flößt ihm Leben ein. Ich erinnere z. B. an die Zeichnungen Menzels; sie sind in ihrer plastischen Kraft gewissermaßen Stoffe zu Anekdoten, und der Betrachter schöpft aus ihnen die Anregung zur Vervollständigung des linienscharf erfaßten Vorganges. Der Anekdotenerzähler aber packt mit sicherem Griff ein Lebendiges und läßt es durch Tun und Gebärde sein Wesen ausprägen. Zur langsam strichelnden Stimmungsergänzung bleibt ihm wenig Zeit, das drängende Tempo reißt ihn wie seinen Leser fort.
Das führt abermals auf den »Spiegel«-Vergleich, und diesmal tiefer. Die Anekdote kann sich nicht auf die ausführliche und betrachtende Zerlegung seelischer Vorgänge einlassen. Diese Vorgänge sollen aus dem Geschehnis, das den Leser zum Nachdenken zwingt, erhellen. Auch der Spiegel liefert dem Beschauer Merkmal und Ausdruck des Seelischen und überläßt ihm die Folgerung daraus. Und weiter: Er fängt mit dem Handelnden zugleich auch seine Umgebung auf; aber von diesem Beiwerk wird auch nur dem eine wesentliche Rolle zufallen, das dazu dienen kann, den Vorgang zu begründen und zu unterstreichen, ihn zu erklären und zu ergänzen – soweit ihm das überhaupt gegeben ist. So wird auch der Anekdotenerzähler vom »Milieu« in knappen, aber scharf und körperhaft bildenden Worten nur das erstehen lassen, was seinem Vorwurf farbigen Hintergrund gibt und den Fluß der Handlung weiterleitet.
Gewiß wird der »Spiegel«-Vergleich auch in anderen Fällen zutreffen; auch Satire etwa und Groteske können Spiegelungen sein, aber sie müssen um ihres Zweckes willen die Linien verstärken, verzerren, übertreiben. Die Anekdote ist aus dem Wirklichen erwachsen; Leben schaffen und wirken lassen nur durch seine Kraft ist ihr einziger Zweck. Ein alter Irrtum verlangt von ihr, daß sie zum Lachen reizen soll; auch das kann ihre Folge sein, aber die Verallgemeinerung solcher Forderung ist natürlich unsinnig.
Den Vorwurf formalistischer Engherzigkeit, den man mir nach alledem vielleicht entgegenhält, wird man fallen lassen, wenn man erkannt hat, daß gerade hier dem wirklichen Künstler die klare Umreißung des Formbegriffs Schaffensvorbedingung ist. Und solche Beschränkung ist keine Enge; sie eröffnet das Feld für den stärksten Einsatz gestaltender Kraft, sie fordert eine gezügelte, aber gerade darum ganze und bedingungslos sich einsetzende Kunst. Sie belohnt den Bildner tausendfach durch die Freude am schöpferischen Wort, am lebenzeugenden Stil, am schönen, festen Gefüge des unverrückbar dastehenden Ganzen. Ihr Beherrscher wird sich aus eigener Kraft vom »Rezept« freimachen und in der strengen Form ein in sich vollendetes Mittel zur Geltendmachung seines Willens sehen; er wird auch ohne Schwanken darüber entscheiden, welche Möglichkeiten sich ihm auftun, wo die Grenzen liegen, bis zu denen er seine Kraft spielen lassen kann. Und aus solcher Meisterung, solcher unbeirrbaren Blickschärfe wird ihm ein Gewinn erstehen, der weit über den Sonderfall hinaus in anderen Formen der Kunst sich auswirkt.
Soweit der Versuch zur Festlegung des Programmatischen. Ich erhebe nicht den Anspruch, Abschließendes gesagt zu haben; ich bin mir auch durchaus bewußt, daß dieses Buch, rein als Auswahl genommen, diese oder jene Anforderung unerfüllt läßt, da es in seiner anthologischen Eigenart einen ersten Schritt in unbegangenes Gebiet tut. Der Einladung, die ich an die hier vereinigten berufenen Erzähler ergehen ließ, lag die Absicht zugrunde, das Problem von recht vielen Seiten zu beleuchten und den Mitarbeitern die Möglichkeit zu schaffen, ihrer Auffassung durch das Beispiel Ausdruck zu geben. Darüber hinaus wird sich vielleicht über als wichtig erkannte Formprobleme eine Aussprache entspinnen, die (soweit das denkbar ist) zur Klarheit führt. Wenn aber der »Spiegel« diese Schattierungen in der Auffassung anschaulich macht, und wenn er durch den stets beobachteten einigenden Gesichtspunkt des Gewählten und die aus der Vielheit des Inhalts ganz unverkennbar sich abhebende Einheit der Grundlinien die Wirkung hat, eine als Kunstform nicht mehr nach Gebühr geachtete Erzählungsgattung wieder in ihre Rechte einsetzen zu helfen, so ist sein Zweck erreicht.
Warum dieses Buch der Lebendigen dem Andenken eines seit langem Toten gewidmet ist? Weil in der klaren, urwüchsigen Kraft der Hebelschen Anekdoten ein zeitloser Wert an lebensstarker, herzhafter Kunst und weltfrohem Menschentum steckt; weil wir Heutigen, die wir eigene Wege gehen und gehen sollen, diesem deutschen Erzähler Dank und Achtung schulden wegen der helläugigen Geradheit und aufrechten Schlichtheit seiner Geschichten.
Es bleibt mir noch die gern erfüllte Pflicht, allen, Mitarbeitern und Verlegern, die durch Beiträge und Nachdruckserlaubnis zu dem Buche beisteuerten, auch hier herzlichen Dank zu sagen.
Bremen, im Januar 1918.
Karl Lerbs
Von allerlei Leuten
Der ungebetene schwarze Gast
Von Paul Keller
In einer schlesischen Stadt lebte ein Schornsteinfegermeister, der das war, was man ein »gelungenes Huhn« nennt. Seine Streiche hatten von Jugend auf immer etwas Kühnes gehabt, und da er ein wohlhabender Mann war, konnte er seine angeborene Abenteuerlust auch auf nichtschlesische Gegenden ausdehnen. Eines Tages kam der Schornsteinfeger auf einer Sommerreise nach Friedrichshafen am Bodensee. Da erfuhr er, daß am nächsten Tage die württembergischen Landtagsabgeordneten die Luftschiffanlagen besichtigen und vom Grafen Zeppelin selbst geführt werden würden. Nach der Besichtigung sollten die Herren im königlichen Schloß bewirtet werden, der König und Zeppelin selbst würden dabei die »Honneurs« machen.
In der Seele des schlesischen Schornsteinfegermeisters entstand sofort ein kühner Plan. Er verschaffte sich eine passende Kleiderausrüstung und mischte sich am nächsten Morgen mit der zuversichtlichsten Miene der Welt unter die württembergischen Abgeordneten, ließ sich auch gar nicht dadurch beirren, daß ihn dieser oder jener etwas »befremdet« ansah, sondern »besichtigte« die Luftschiffanlagen und hörte den Erklärungen Zeppelins mit regem Interesse zu. Nachmals, als er in sein schlesisches Heimatstädtchen zurückgekehrt war, zeigte er voller Stolz die Photographien, die in Friedrichshafen aufgenommen worden waren, und auf denen unser Schornsteinfegerlein immer in dichtester Nähe von Zeppelin stand. Auch die illustrierten Zeitschriften haben ihn damals so verewigt.
An dem Tage selbst aber, als die »Führung« beendet war und die gastronomischen Genüsse kamen, die Bewirtung, dachte unser Meister: »Ich tue nichts Halbes; ich bleibe bei der Sache!« Er entwickelte im Schloß, wo ein »zwangloses kaltes Büffet« aufgestellt war, einen glänzenden Appetit; als er sich aber gerade einen Benediktiner zu Gemüte führen wollte, tippte ihn jemand auf die Schulter und fragte ganz leise: »Sie sind wohl ein blinder Passagier?«
Dunnerwetter, erschrak der Schornsteinfeger und begoß sich die Nase! Aber der andere blinzelte ihm beruhigend zu und flüsterte im schönsten Berlinerisch:
»Ick nämlich ooch!«
Diese Geschichte sieht so aus, als ob sie erfunden sei. Aber sie ist buchstäblich wahr. Ich veröffentlichte sie damals. Der Schornsteinfeger war außer sich, obwohl ich seinen und seines Heimatortes Namen natürlich gar nicht genannt hatte. Nun, glaubte er, sei eine hochnotpeinliche Untersuchung und seine Bestrafung außer Frage. Der Brave ängstigte sich umsonst. Es kam eine Postkarte folgenden Inhalts an mich:
»Friedrichshafen, den …
Für die Mitteilung der köstlichen Geschichte von meinem ungebetenen ›schwarzen Gaste‹ danke ich bestens.
Graf Zeppelin.«
Wie hat da der kühne Schornsteinfeger triumphiert! Und ich bin ganz sicher: zu den Deutschen, die heute den Heimgang unseres geliebten Zeppelin im tiefsten Herzen beklagen, gehört sein »ungebetener schwarzer Gast«.
Eine Abelsberger Heiratsgeschichte
Von Peter Rosegger
Die Gallbeißerin zu Abelsberg war mit ihrem ersten Manne bereits fertig geworden, hatte von ihm ein zwei Stock hohes Haus geerbt, und die Kleider. Was kann eine Witwe mit den Kleidern ihres Seligen machen? Sie kann mit den Kleidern ihres Seligen nichts Vernünftigeres machen, als wieder einen Unseligen hineinzustecken. Ihren ersten Gatten hatte sie aus Liebe geheiratet, aus Liebe zu seinem zweistöckigen Hause. Nun ist es aber nicht wahr, was Poeten sagen, nämlich, daß der Mensch nur einmal liebe. Im nachbarlichen Städtchen Neubrunn lebte ein Kaminfeger, der Witwer war und nach einer Frau suchte, die ihm bisweilen den Kopf wasche. Dieser Mann hatte sich ein drei Stock hohes Haus zusammengefegt; die Gallbeißerin liebte ihn.
Der Bäckermeister zu Neubrunn, ein guter Bekannter der Gallbeißerin und Freund des Kaminfegers, übernahm die Vermittlung und drückte seine Freude darüber aus, daß hier zwei Häuser zusammenkämen, die übereinandergestellt fünf Stock gäben! Bald ging die Verlobung vor sich, zu welcher der Kaminfeger mit musterhafter Sorgfalt allen Ruß von seinem Gesichte wusch, um darzutun, daß er noch fein glatt und nicht alt sei; und zu welcher die Gallbeißerin ihr Gesicht mit etwas verdünntem Karmin anstrich, um darzutun, daß sie fein und rot und noch jung sei.
Alsobald nach der Verlobung begannen die Vorbereitungen zur Hochzeit, wozu der brave Bäckermeister zu Neubrunn sein Möglichstes tat. Die Gallbeißerin ließ sich ein den fünf Etagen entsprechendes Brautkleid verfertigen; der Bräutigam aber holte sich aus irgendeinem hohen Schornsteine eine Lungentzündung herab und legte sich damit zu Bette. Mittlerweile war das Brautpaar auf den Kanzeln zu Abelsberg und Neubrunn feierlich verkündet worden; zu Neubrunn nach dem dritten Aufgebote hatten die Kirchenmusikanten sogar mit Trompeten und Pauken einen schallenden »Tusch« aufgeführt, weil der Bräutigam seinerzeit auf dem Chore mitmusiziert hatte. Der Arzt jedoch war der Ansicht, daß die Hochzeit zu verschieben sei, erstens, weil der Bräutigam noch nicht gesund, und zweitens, weil er todkrank wäre. Man stelle sich den Schmerz der Braut vor, als sie solchermaßen das dreistöckige Haus in Gefahr sah. Sie beschwor den Arzt, alles aufzubieten, um zu retten, was zu retten sei, und sie besprach sich mit dem Bäckermeister, ob nicht der Ehevertrag sofort könnte ausgefertigt werden? was der Meister bejahte und ein Übereinkommen auf Gütergemeinschaft sehr befürwortete. Es geschah, aber der Notar, wie solche Leute schon in allem auf das Umständliche und Verwickelte hinausspielen, schrieb unter den Ehevertrag als letzte Klausel: »Dieser Kontrakt tritt mit der kirchlichen Trauung obengenannten Paares in Gültigkeit.«
Der Tag der Trauung war da, der hochzeitliche Festsaal, Küche und Keller waren bereit, aber der Arzt erklärte die Trauung in der Kirche für unmöglich, da eingetretenen Symptomen nach der Bräutigam nur noch wenige Stunden mehr zu leben habe.
»Ist denn nicht ein Stock mehr zu retten?« wimmerte die Braut und sank auf den Lehnstuhl. Bald hernach stürzte sie hin ans Bett und rief: »Mein Geliebter, mein Einziger, ich will dein Weib oder deine Witwe sein. Noch in dieser Stunde soll uns der Pfarrer trauen!« Der Kranke faßte gerührt ihre Hand und dankte für ihre Lieb' und Treue. Aber er wisse nicht, ob er das Opfer annehmen dürfe.
Es sei kein Opfer! rief sie, und auch der Bäckermeister legte sich ins Mittel, daß der Kranke den Willen zur Trauung im Bett gebe und somit der Herzenswunsch beider erfüllt werde, es gehe dann aus, wie Gott es wolle.
So wurde, da alles so weit gediehen war und keinerlei Hindernisse mehr obwalteten, die Trauung »einfach und würdig«, wie die Gallbeißerin es wünschte, am Krankenbette vollzogen. Die Hochzeitsgäste, an der Spitze der Bäckermeister und die Braut, begaben sich hierauf vom Krankenbette weg in den Gasthof zum Festmahle, bei dem es gar heiter herging, die Braut viel mit Wein verehrt und sogar der Sterbende leben gelassen wurde.
Sie waren gerade beim Schaumwein, den der noble Bäckermeister beigestellt hatte, und bei welchem wieder wacker angestoßen werden sollte, als die Nachricht kam, der Bräutigam sei ruhig im Herrn entschlafen.
Die Braut flennte eins und dachte bei sich: Ach, was bei solchen Gelegenheiten die Zeremonien lästig sind!
Am anderen Morgen, während auf dem Turme die Totenglocken klangen, bestieg die Gallbeißerin tränennassen Auges ihr ererbtes Haus bis in den dritten Stock. Den an Zins rückständigen Parteien der Dachkammern kündete sie die Wohnung, dann stieg sie, getragen von dem Nimbus des Schmerzes, wieder zur Erde nieder.
Am Haustore erwartete sie der Bäckermeister, noch ein bißchen übernächtig, aber nichtsdestoweniger nüchtern. Er zog sie mit zurück in den Flur, er habe mit ihr eine kleine Angelegenheit zu besprechen.
Es wäre wohl allzufrüh, an diesem Tage schon! lispelte sie, das Auge zu Boden schlagend. Er aber meinte, es gebe Angelegenheiten, die nicht früh genug ins reine gebracht werden könnten. Er sei von jeher ein Mann der Ordnung gewesen, und auch sie, die Gallbeißerin, kenne er von dieser höchst ehrenwerten Seite. Er habe – und damit zog der Bäckermeister ein Papier aus der Tasche – einen Schuldbrief in der Hand, nach welchem er vor einundzwanzig Jahren dem Kaminfeger Ignaz Kratzer, nunmehr ihrem seligen Gatten, eine Geldsumme geliehen habe; diese Summe sei im Laufe der Zeit durch den vereinbarten Zinsfuß auf mehr als fünfundzwanzigtausend Gulden angewachsen. Dieses dreistöckige Haus sei unter Brüdern kaum sechzehntausend Gulden wert, ein anderes Vermögen sei nicht da, und es freue ihn – den Bäckermeister –, daß sein ehrenwerter, nunmehr heimgegangener Freund vor seinem Tode noch einen so schönen Ausweg gefunden habe, seiner Pflicht gerecht zu werden. Er sei überzeugt, die Witwe und Erbin werde das Andenken des Verstorbenen dadurch ehren, daß sie – wozu er bereits die amtlichen Wege zu betreten sich erlaubt habe – ehebaldigst den von ihrem Eheherrn unterzeichneten Schuldschein einlöse. In neue Schulden wolle er sie nicht stürzen, sondern erkläre sich in Gottes Namen mit den beiden Häusern für zufriedengestellt.
So sagte er, der Schuldbrief war nicht abzuleugnen, und nun kamen für die Gallbeißerin Tage des wirklichen Schmerzes.
Es wäre unerquicklich, ihre Zornausbrüche wiederzugeben, sie führten auch zu nichts. Die beiden Häuser mit den fünf Stockwerken fielen dem Bäcker zu, der diese Heirat schlau nur veranstaltet hatte, damit sich das Vermögen des Kaminfegers vergrößere und somit er zu seinem Gelde gelange.
Die Welt war von jeher schlecht und ist in Abelsberg und Neubrunn nicht besser, als anderswo. Die Gallbeißerin hat daher zum Schaden auch noch den Spott. Der Erzähler wünscht ihr nichts Schlechtes, sagt aber das: Wem auf dieser Erde das Geld die Hauptsache ist, und so weiter. – Der Bäckermeister soll's auch bedenken!
Ein Wiedersehen
Von Rudolf Huch
Als ich noch zu den jüngeren Rechtsanwälten gehörte, kam einmal ein Mann aus Braunschweig zu mir, der wirklich Schulze hieß. Er war ein älterer Mann, kam auf einem Rade gefahren und trug eine runde Radfahrermütze mit einem bunten Stern. Das gefiel mir nicht. Er wollte einen Prozeß führen. Ich sagte, daß er ihn zur Hälfte gewinnen und zur Hälfte verlieren würde. Er wollte das nicht glauben, es kam aber doch so. Als er einmal wieder sehr lange bei mir gesessen und das Gegenteil bewiesen hatte, erklärte ich ihm, ich brauchte das alles nicht, sondern nur eine Erklärung auf den letzten Schriftsatz des Gegners. Er behauptete, eben darüber hätte er sich seit einer Stunde verbreitet.
»Herr Schulze,« sagte ich, »das war ja aber lauter Unsinn!«
Seine Augen quollen auf eine beängstigende Art hervor, er verzog sich rückwärts aus der Tür und kam nicht wieder.
Wenigstens erst nach drei Jahren. Ich war von der Herzogstraße in eine andre Wohnung gezogen und hatte mir einen Bart stehen lassen. Herr Schulze wollte wieder einen Prozeß führen, und zwar einen großen. Unsre Bekanntschaft erwähnte er nicht und ich auch nicht.
Diesen Prozeß gewann er, aber als das Urteil rechtskräftig war, meldete der Schuldner Konkurs an. Ich mußte Herrn Schulze auch im Konkurse vertreten, obwohl ich ihm sagte, das könne er selbst. Der Gemeinschuldner bot einen Vergleich mit fünfundzwanzig Prozent an. Ich sagte, dreißig müßten es sein, worauf er antwortete, dann wolle er dreißig zahlen. Damit war meine Tätigkeit beendet. Die fünf Prozent kamen allen Gläubigern zugute, meine Kosten mußte Schulze natürlich allein tragen. Er kam selbst, um das Geld zu bringen.
Ich sagte einigermaßen befangen: »Es hat sich recht aufgesummt!«
»Bitte sehr,« erwiderte er höflich. »Man zahlt gern, wenn man so gut aufgehoben ist. Ich hatte vor drei Jahren hier am Orte einen Prozeß. Damals vertrat mich Ihr Kollege, der auf der Herzogstraße wohnt, ich weiß nicht mehr, wie er heißt. Der Mann konnte mir nicht imponieren!« – »Herr Schulze,« sagte ich, »das war ja aber lauter Unsinn, was Sie mir damals sagten!«
Herr Schulze gab keine Antwort. Seine Augen quollen auf eine beängstigende Art hervor, er verzog sich rückwärts aus der Tür und kam nicht wieder.
Engelbert Meisenheimers Kriegsbeute
Von Heinrich von Schullern
Engelbert Meisenheimer, der uralte Radetzkyveteran, ist nun auch gestorben. Er war einer der »Salzburger Edelknaben«, die einst Brescia bezwangen. Dabei will gerade er sich löwenkühn benommen haben. Das hat seine eigene Bewandtnis.
»Nur die Liebe zu meiner jetzt im Herrn ruhenden Alten«, pflegte er noch in den letzten Lebensjahren zu erzählen, »war größer als die Ehrfurcht von unseren Generalen. Denken Sie nur, die Kathi ist meine Braut gewesen, den ganzen langen Krieg hindurch. Den reichen Obergugginger Franz hat sie ausgschlagen und geduldig auf mich armen Korporal gwartet. Ich war immer der Überzeugung, so etwas muß belohnt werden. Gold und Edelsteine haben andere aus Feldzügen mitgebracht. Bei Vater Radetzky aber – das ist uns gleich gsagt worden – war die Plünderei verboten. Recht so, hab ich gedacht und auch gut gheißen, wie unser Haynau mit dem Galgen gedroht hat. Es war grimmig schlecht von mir, daß ich in Brescia seinem strengen Befehl zuwiderghandelt habe; aber es war auch meine größte – Heldentat. Unter Haynau über die Welschen siegen, war eine Kleinigkeit, ein Kinderspiel. Seine strengen Befehle übertreten, diesem fürchterlichen Mann Trotz bieten, das hab nur ich und der Feldwebel Überacher Quirin vom Ersten Bataillon zusammengebracht. Er tragt die Hauptschuld, er hat mich überredet.
In einem Haus, aus dem sie tagsvorher siedendes Wasser hektoliterweis auf uns gschüttet haben, da drin ist der Quirin auf ein riesiges – Handschuhlager gstoßen. Ich hab mich lang gesträubt mitzutun. Aber Handschuh waren immer ein Traum meiner Kathi. Wie eine Gnädige hab' ich sie schon gsehn herumgehn. – Ich hab zwei Tag lang gekämpft mit mir selber, dann, na, dann hab ich halt eine Schachtel feine Damenhandschuh gepackt, eine einzige bloß. Die ist freilich gut versteckt worden! Und eine Angst hab ich ghabt, daß s' mir dahinterkommen! Der ärgste Jammer hat angfangen, wie wir nach Verona zurückmarschiert sind. Ich hab die leere Schachtel bei Nacht weggworfen und die Handschuhpakete, in lauter Fußfetzen und Socken eingemacht, in den Tornister gstopft. Wie's der Überacher mit seinen vielen Sachen gmacht hat, hab ich damals nicht gwußt. Der ist vor mir schon mit seinem Bataillon abmarschiert. Nur das weiß ich, daß ich mich schrecklich schwer getan hab, meine Leibesbagage auf dem Kompagniewagen vor dem Herrn Hauptmann zu verstecken. In Verona, in Vicenza und Treviso hab ich keine Nacht gut gschlafen. Nur der Gedanke an die Riesenfreud der Kathi, das war mein einziger Trost.
Wie wir dann viele Wochen vor Venedig glegen sind – es ist gar nicht zum sagen, was für Ängsten ich wegen der verflixten Handschuh ausgstanden hab. Wenn ich nur nicht der Kathi schon hätt' gschrieben ghabt, daß ich ihr etliche Paar Handschuhe 'kauft hab, alle wären sie ins Adriatische Meer gflogen, die gottunseligen Dinger. In den Laufgräben von Malghera ist mich auch noch das Fieber angekommen. Ich hab immer nur die Handschuh im Kopf ghabt. ›Nur nicht ins Lazarett!‹ hab ich immer gjammert und getan, als ob ich gsund wär. Ich hab's überwunden, die Krankheit, aber nachgschlichen ist's mir bis Padua und Verona. Der Regimentsarzt hat immer gsagt, das Lagunenfieber steck' wohl noch in mir; aber es war doch mehr die Angst und Schlaflosigkeit wegen die Handschuh, die mich ganz heruntergebracht hat. Es ist auch immer schlechter worden. Die ewige Angst, die Gewissensbisse! Ist mir nämlich berichtet worden, daß s' dem Überacher bald auf seinen Raub gekommen sind. Den Kopf hat er nicht verloren, aber – die Charge auf ja und nein. Und Stockprügel hat er auch bekommen, das höchste Maß. Ich einst so ehrsamer Junggeselle war gleich ihm ein elender Plünderer! Aus Liebe, nur aus Liebe zu meiner Kathi!
Endlich hat es gheißen, ich komme wegen allgemeiner Schwäche einstweilen einmal in meine Heimat zurück. Drei Nächt' hab ich drüber nachgedacht, wie ich's machen soll, daß man mir zu guter Letzt nicht noch bei der Abreise auf die grausam teuren Handschuh kommt. Aber es ist gut gegangen.
Wie ich z'Haus angekommen bin, hab ich meine Kathi a wenig im Vorbeigehn abbusselt und ihr's Paket gebn, das große Paket. Die hat grad so herausglacht vor lauter Freud. Drei Dutzend feine Damenhandschuh! Dann bin i schnell zu mei'm alten Vater und gleich wieder zur Kathi zruck, daß ich ihre Riesenfreud auch mitgnießen kann. Aber was war das? Die Handschuh sind am Boden herumglegen, und die Kathi hat sich vor lauter Weinen nimmer derfangen können.
›Ja, was ist's denn, sans leicht verruiniert vom Lagunenwasser?‹
›Na, na – dös net – dös – net!‹
›Oder sans z' klan oder z' groß?‹
›Na, na, dös net – dös – net!‹
›Ja, was ist denn nachher, in Kreuzteufelsnam?‹
›Uhuhu,‹ heult sie da, ›i kann s' net brauchn, es hand ja grad allszamm lauter – linksseitige!‹«
Das Protokoll
Von Wilhelm Scharrelmann
Ein Abbé erzählte einst folgende merkwürdige Geschichte:
»Ich hatte vor einigen Jahren durch das Spiel des Zufalls das Vergnügen, hier in Paris einen Jugendfreund wiederzutreffen, der mir seit langem nicht mehr zu Gesicht gekommen war. Allerdings, der zarte Hauch inniger Freundschaft, die uns einst verbunden, ließ sich nicht wieder erwecken, doch wurde unser Verhältnis herzlicher und vertraulicher, als es sonst zwischen Bekannten zu herrschen pflegt, und ich hatte genügend Gelegenheit, die Wunderlichkeiten und zeitweise verrückten Launen, die sich bei Herrn de P. mit den Jahren eingestellt hatten, kennen zu lernen, denn, unter uns gesagt, er war ein sehr merkwürdiger Kauz geworden, der seine Bekannten oft dermaßen düpierte, daß die meisten immer weniger Gefallen an seinem Umgang fanden und Herr de P. darum mit jedem Tag mehr vereinsamte. Ich bin sogar der Meinung, daß auch seine Verwandten ihn gänzlich sich selbst überlassen hätten, wenn nicht sein Reichtum und die zu erwartende Erbschaft sie bewogen hätte, seine Bosheiten und Wunderlichkeiten mit einem stoischen Gleichmute lächelnd zu ertragen. Er war ein alter Hagestolz, und die Frauen waren ihm so verhaßt, daß er selbst den Besuch weiblicher Verwandter stets übel nahm. Sein Haushalt war so einfach wie möglich. Ein Kammerdiener versah seine ganze Bedienung, und trotz seines Reichtums waren seine Ansprüche mehr als bescheiden. Seine Vereinsamung und eine heimtückische, schleichende Krankheit machten ihn vollends zum Hypochonder, und seine Gesellschaft wäre gewiß eine unerträgliche gewesen, wenn er nicht durch Geist und Witz, sowie durch große Schärfe des Verstandes den Mangel an Herz und Gemüt, der in allem, was er sagte, zutage trat, in etwas ersetzt hätte. Mit den Jahren und der immer zunehmenden Krankheit (er litt an einer Arterienverkalkung) verdüsterte sich sein Sinn mehr und mehr. Er fürchtete den Tod, trotzdem er sich oft darin gefiel, dieses letzte und größte Mysterium unseres Lebens zu verspotten. Eines Tages ließ er mich zu sich rufen und empfing mich, in seinem Bette liegend, mit den rasch hervorgesprudelten Worten: »Ah! Mein lieber Abbé! Ich möchte Sie bitten, einige Stunden am Lager eines Sterbenden zu verweilen. Ich bin bereit, Ihnen das Schauspiel meines Abganges von dieser elendesten aller Welten recht interessant zu machen. Aber bitte, nehmen Sie Platz! Jean soll Ihnen eine Bouteille bringen, und es soll Ihnen ganz gewiß an nichts fehlen, wenn Sie mir versprechen wollen, mich drei Stunden lang nicht zu verlassen! In den nächsten drei Stunden werde ich nämlich sterben und habe mir vorgenommen, die etwaigen Schrecken des Todes dadurch zu bannen, daß ich jede Phase meines Absterbens mit kaltem Blute verfolgen werde. Sie, lieber Abbé, müssen Protokoll über meine Beobachtungen führen, und wenn Sie sagen wollen, daß es eine langweilige Beschäftigung für Sie sein wird, so bedenken Sie doch, daß es der Wissenschaft von großem Nutzen sein wird, eine genaue, sozusagen autorisierte Darstellung der Vorgänge beim Tode eines Menschen zu erhalten. – Jean!« Er klingelte. »Bringen Sie eine Flasche Burgunder! Keine Widerrede, Abbé! Diese Flasche sollen Sie auf das Gelingen meines Planes trinken.«
Ich war über diesen unerwarteten Empfang so verdutzt, daß ich verlegen Platz nahm und in einiger Verwirrung entgegnete, daß ich gern drei Stunden in seiner Gesellschaft verweilen wolle, aber die feste Zuversicht habe, ihn dann gesunder denn je wieder verlassen zu können, da mir die gute Farbe seiner Wangen, sowie sein frisches Aussehen überhaupt –
»Keine Widerrede! Lieber Abbé, ich sterbe ganz gewiß und bin so fest davon überzeugt, daß ich eine Wette von zehntausend Franken darauf eingehen würde, wenn ich nicht über mein gesamtes Vermögen vor einer Stunde bereits endgültig Verfügung getroffen hätte. Meine Vaterstadt wird mir dankbar sein.« »Und Ihre Verwandten?« wagte ich zu bemerken, nicht ohne die Befürchtung, seinen Zorn zu erregen. »Pah!« rief er und sah mich pfiffig an. »Glauben Sie, lieber Abbé, es mache mir Vergnügen, nach meinem Tode von den Flüchen dieser lieben Leute verfolgt zu werden, wenn ich nicht der Meinung wäre, daß es ihnen eine Wohltat sein muß, durch eine energische Anregung ihrer Galle einer allgemeinen Säfteverderbnis entgegenzuwirken, die schon manchem unheilvoll geworden ist?«
In diesem Augenblicke brachte der Diener eine Flasche Burgunder, und ich bat Herrn de P. sehr, doch ein Glas mit mir zur Gesellschaft und zu seiner Stärkung zu trinken.
»Nein, nein!« rief er da. »Der Wein könnte in diesem Augenblick nur meine Sinne verderben und abstumpfen. Ich bin schon genötigt, aus Liebe zur Wissenschaft dieses Opfer zu bringen. Ich möchte Sie aber bitten, lieber Abbé, nehmen Sie Ihr Notizbuch, damit wir sofort die ersten Anzeichen des beginnenden Todes protokollarisch festhalten können und nichts uns entgeht. Also schreiben Sie bitte: Am 17. April 1900, abends neun Uhr. Ohne sich beschwert zu fühlen von dem Gedanken des nahen Todes, gibt Patient im voraus an, in drei Stunden etwa zu sterben. Der Patient fühlt sich im allgemeinen wohl und wünscht allen Sterbenden die gleiche schmerzlose Ruhe und Gelassenheit.«
»Aber mein lieber Freund,« unterbrach ich ihn hier, »ich war der Meinung, daß es sich hauptsächlich um psychologische Feststellungen handeln solle. Wenn Ihre Beobachtungen aber physiologischer Natur sein sollen, täten Sie doch besser, einen Mediziner zu Rate zu ziehen?«
»Um Gottes willen nicht, Abbé!« rief er nun voller Verzweiflung. »Kommen Sie mir nicht mit einem Arzt! Ich bin sicher, nicht einmal diese drei Stunden mehr zu leben, wenn er die Stube betritt! Der Anblick eines solchen Mannes würde mich nervös machen und mir dadurch alle Ruhe rauben, die zur Selbstbeobachtung unbedingt nötig ist.«
Was blieb mir anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen? Überzeugt, daß er sich mit mir einen Spaß erlaube, wie er schnurriger kaum ausgedacht werden könne, nahm ich Papier und Tinte und machte die angedeuteten Notizen. Dann griff ich nach meinem Glase Wein und war nun entschlossen, den närrischen Kauz nicht weiter vom Sterben zurückzuhalten. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich! sagte ich mir und fand die Situation komisch genug, um mich durch innere Heiterkeit für die verlorene Zeit schadlos zu halten. Wir plauderten nun eine ganze Weile, und nichts schien meinen Freund an den Tod zu mahnen, als plötzlich die Uhr schlug. Schreckensbleich wandte er sein Gesicht mir zu und flüsterte, kaum, daß der letzte Schlag verklungen war: »Notieren Sie: zehn Uhr. Ein ganz leichter Krampf stellt sich ein, die Atmungsbewegungen machen Schwierigkeiten. Das Herz fängt an, unregelmäßig und ruckweise zu schlagen. Aber der Sinn des Patienten bleibt ruhig und gefaßt!«
Ich notierte gewissenhaft und las ihm die protokollierten Sätze wieder vor.
Nach einigen Minuten schien er seine Fassung wiedergewonnen zu haben, so daß er die Unterhaltung, die sich um die Frauen gedreht hatte, wieder aufnehmen und in seinen Schmähungen über das zarte Geschlecht fortfahren konnte. »Alles Unglück der Welt«, philosophierte er, »kommt von den Weibern. Lieber Abbé, trauen Sie nie einem Frauenzimmer. Sie dürfen überzeugt sein, daß Treue und Weiberherzen die heterogensten Dinge der Welt sind.« Ich kann mich nicht mehr auf jedes seiner Worte besinnen, aber man kann sich ruhig darauf verlassen, daß alle auf diesen und ähnlichen Grundlagen aufgebaut waren.
Als dann die Uhr zum zweiten Male schlug, wiederholte sich der Vorgang von vorher, nur in noch drastischerer Weise. Er klapperte mit den Zähnen vor Angst, wie ein Verurteilter, der zum letzten Gang hinausgeführt wird, und war von dem Gefühl so beherrscht, nun nur noch eine Stunde zu leben, daß er mich mit angstvollen Augen anstarrte und dann ausrief, als die elf silbernen Schläge verklungen waren: »Notieren Sie, Abbé! Eine Stunde vor dem Tode: Eine Schwere nimmt allmählich alle Glieder gefangen. Atmung und Pulsschlag werden langsamer. Der Geist ist frischer als je, und nur auf der Brust lastet ein unerträglicher Druck!«
Als ich von meinem Papier aufblickte, bemerkte ich, daß er aschbleich geworden war. Er lag da in seinen Kissen, wie ein tatsächlich dem Tode Verfallener, und ich machte mir nun doch Gedanken wegen seines Zustandes. Alle meine Mühe, ihn auf den Ton der harmlosen Plauderei von vorhin zurückzubringen, war vergeblich, und er unterbrach mich mit den Worten: »Abbé! Wenn Sie meinen, daß ich den Tod fürchte, so irren Sie sich! Ich weiß, daß ich um Mitternacht sterben werde (der Himmel mag wissen, woher er es wußte), und es wäre lächerlich, wenn ich Anstrengungen machen wollte, mich meinem Fatum zu entziehen. Glauben Sie mir, daß ich kein Verlangen trage, meine Sünden zu beichten, da ich hoffe, in Kürze vor einem größeren Beichtvater zu stehen. (Es war rührend, wie er dies sagte.) Ich weiß, daß dieser erbärmliche Leib, der mir durch seine Unvollkommenheit nichts als Schmerzen und Ungelegenheiten bereitet hat, bestimmt ist, zu vergehen. – Was soll ich darüber Angst oder Trauer empfinden? Wo meine Seele bleibt, wenn sie den Körper verlassen hat, vorausgesetzt, daß ich ein solches Unikum überhaupt besitze, – steht nicht in meiner Macht zu bestimmen. Dagegen habe ich alle Anordnungen, die mein Begräbnis betreffen, bereits getroffen, sie sind mit in mein Testament aufgenommen, und ich brauche darüber keine Worte weiter zu verlieren.« Dann sah er einen Augenblick die Wand an und sagte mit leiser Stimme: »Lieber Abbé! Glauben Sie, daß es ein Wiedersehen gibt?« Als ich bejahte, fuhr er mit bitterem Spott fort: »Ich habe durchaus nicht den Wunsch, die Verwandten oder Bekannten, die mir bereits im Tode vorausgegangen sind, wiederzusehen. Aber schließlich ist es auch gleichgültig.«
Je näher aber der Zeiger der Zwölf auf dem Zifferblatt rückte, desto unruhiger wurde er. Er starrte die Uhr an, zuckte mit den Augen und schwieg eine ganze Zeit. Ich gab mir die erdenklichste Mühe, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Ich fing an, ihm einige Tagesneuigkeiten zu erzählen. Er gebot mir zu schweigen. Ich lachte krampfhaft, machte Radau im Zimmer, riß die Vorhänge auf und ließ frische Luft herein: Er sagte mir mit leiser Stimme, daß ich sein einziger Freund sei und er von mir erwarte, daß ich im Zimmer eines Sterbenden Ruhe bewahre und mein Wort halte, seine letzten Beobachtungen aufzuzeichnen. Ich muß gestehen, in diesen Augenblicken glaubte ich, mein guter Freund sei nun wirklich verrückt geworden. Ich hatte bisher alles, was geschehen war, als eine Eingebung seiner ewig tollen Laune aufgefaßt und sah nun, daß es ihm blutiger Ernst zu sein schien. Der Arme mußte entsetzliche Qualen ausstehen. Ich wußte wirklich nicht, was zu tun war. Er beschwor mich, niemanden zu rufen. Er trage Verlangen, in Ruhe zu sterben, auch sei alle Hilfe ganz gewiß unnütz. Statt dessen möchte ich doch notieren. Und ich notierte: »Der Zustand des Patienten ist beklommen. Der Puls schlägt schwach und ist kaum hörbar. Die Füße werden kalt. Im Nacken macht sich eine Steifheit bemerkbar, die in schmerzhafte Kontraktionen der Nackenmuskeln übergeht. Lichtempfindung geschwächt. Gehör ausgezeichnet. Die Kontraktionen der Nackenmuskeln nehmen mit jeder Minute zu. Die Kälte steigt langsam aufwärts. Nun! Jetzt!
Abbé! Eine schwarze Riesenfaust streckt sich langsam, langsam nach mir aus. Sie preßt mir die Brust zusammen, der Atem stockt mir! Luft! Lieber Abbé! Luft!«
Es war nun einige Minuten vor zwölf. Ich sah mit unbeschreiblichem Grauen, daß ihm plötzlich die Fähigkeit, weiterzusprechen, genommen war. Sein Gesicht war blaufahl, und die Lippen hingen schlaff und willenlos herab.
»Um Gottes willen,« rief ich aus, »was ist Ihnen?« Er versuchte zu lächeln, was einen schrecklichen Anblick gewährte, da sich nur seine rechte Gesichtshälfte zu einem Lächeln verzog. Er bedeutete mir durch ein Zeichen, seinen Puls zu kontrollieren. Ich kam seinem Wunsche nach, setzte mich auf den Bettrand und sah ihm in die Augen. Da schlug die Uhr. Beim ersten Tone der feinen Glocke zuckte er leicht zusammen, sah mich mit einem unbeschreiblichen Ausdruck an und starb. Starb, meine Herren! Programmäßig, auf die Minute!«
»Nun,« sagte ein Herr lachend, der dem Abbé am nächsten saß, »an irgend etwas muß doch der Mensch zugrunde gehen, und sei es auch an seinen eigenen Einbildungen!«
»Auch ich bin überzeugt, daß es eine Art von Selbstmord war, den Monsieur de P. an sich beging,« sagte der Abbé. »Ich habe mir nachher viele Mühe gegeben, zu erfahren, woher er die fixe Idee hatte, daß er gerade an diesem Tage und zu dieser Stunde sterben werde. Ich wüßte nicht, daß er jemals abergläubische Anwandlungen gehabt hätte! Wie gesagt, das ist mir rätselhafter geblieben als sein Tod!«
In einem Seminar – –
Von Felix Freiherr von Stenglin
Es war zur Zeit, als die Prüfungsarbeiten der Seminaristen bevorstanden.
In diesen Jünglingen gärte es wie in jungem Wein. Am Tore des Lebens, in dem sie nie geahnte Taten zu vollbringen gedachten, empfanden sie mit Grimm den täglichen Zwang, dem sie noch immer ausgesetzt waren, und gelegentlich brach sich die Urnatur in rücksichtslosester Weise Bahn. Einige Lehrer (aber sehr wenige) ließen sie gelten, andere sahen sie als ihre persönlichen Feinde an. Der Direktor aber war in ihren Augen ein Pedant, dem sie mit Vergnügen den größten Schabernack gespielt hätten. Ein Pedant! Was lag alles in diesem Worte!
Ihre Vorgänger hatten es ähnlich getrieben wie sie. Besonders hatte man auch früher schon alle List und Tücke daran gesetzt, sich vor dem Examen die Prüfungsarbeiten zu beschaffen, denn so kühn und selbstbewußt diese jungen Leute auch in die Welt sehen mochten, bei der Prüfung vertrauten sie doch lieber sicheren Tatsachen, als der unbestimmten eignen Kraft.
Das Dienstmädchen des Direktors war in diesen Zeiten eine umworbene Persönlichkeit. Diesmal gelang es einem gewissen P., zarte Beziehungen zu ihr anzuknüpfen und sich die Schlüssel zu dem Zimmer des Direktors zu verschaffen. Er geht über Leichen, sagten seine Kameraden von ihm. Der Schreibtischschlüssel lag an einem bestimmten Platze, das hatte man herausbekommen; es galt also nur, unbemerkt einzudringen, die Aufgaben abzuschreiben und alsbald wieder zu verschwinden.
In der Nacht schlich also P., mit einer Blendlaterne und einem Notizbuch bewaffnet, in das Allerheiligste. Er fand den Schlüssel zum Schreibtisch, öffnete das inhaltreiche rechte Schubfach, entnahm ihm ein Päckchen mit Papieren – und siehe da, obenauf lag der Zettel mit den Aufgaben. Der »Pedant« war also immer noch nicht vorsichtig genug gewesen!
Mit fliegender Hast schreibt der Eindringling beim Schein der Blendlaterne die Aufgaben ab. Schon ist er bis ans Ende gelangt, als er Schritte hört. Schnell wirft er die Papiere wieder ins Schubfach, schiebt es zu, legt den Schlüssel fort, löscht die Blendlaterne und will entfliehen. Er hat aber nur noch so viel Zeit, unter den großen Tisch in der Mitte des Zimmers zu kriechen, dessen Decke fast bis auf den Fußboden reicht. Die Tür öffnet sich; ein Licht in der Hand, in einem großen Schlafrock, schlurft der Direktor über die Schwelle. P. ist ganz von der Decke verborgen und verhält sich mäuschenstill.
Der Direktor bleibt stehen und sieht sich um. Er scheint zweifelhaft zu werden, ob er wirklich etwas gehört habe. Der Seminarist glaubt schon, die Gefahr sei vorüber, als der Zipfel der Tischdecke leise hochgehoben wird, und das Licht sich dem Fußboden nähert. Schnell pustet er es aus. Der Direktor wirft den Leuchter fort und packt den Eindringling gerade noch, als er entwischen will. Der will sich frei machen, und es kommt zu einem stummen Ringen Mann gegen Mann. Es widersteht dem Direktor, Hilfe herbeizurufen. Daß er sich hier mit einem Seminaristen balgt, darf nach seiner Meinung nicht an die große Glocke gehängt werden, es wäre blamabel. Aber er fühlt, daß seine Kräfte nachlassen, und daß der junge Mensch ihm im nächsten Augenblick entgleiten wird. Und wie dann den Täter herausbekommen? Da hat er den glücklichen Einfall, ihn mit den Nägeln der rechten Hand im Gesicht zu zeichnen, er kratzt ihm ein paar scharfe Striemen über die linke Wange. Dann läßt er ihn laufen.
Am nächsten Morgen im Betsaal nähert sich der Direktor von links her der Reihe der Prüflinge. Da geht ein teuflisches Lächeln über seine Züge. Im linken Flügelmann hat er den Täter entdeckt. Doch gleich darauf erstarren seine Züge zu Stein – –
Alle Prüflinge ohne Ausnahme haben drei Nägelspuren auf ihrer linken Wange.
Die größte Kirche der Welt
Von Wilhelm Schussen
Heute hat mir jemand eine Geschichte erzählt, die erst gestern passiert sei. Sie lautet:
Ein Mann mit Halalihut, Rucksack und kurzen Hosen, der einem Schwarm lärmender Ausflügler voranging, sagte scherzend zu einem ihm bekannten alten Pfarrer:
»Guten Tag, Herr Pfarrer. Wie schön, daß ich Sie wieder einmal treffe! Ich habe Sie, wenn ich mich recht erinnere, seit Jahren nimmer gesehen.«
»Ist meine Schuld nicht,« lächelte der Pfarrer.
»Aha, ich verstehe. Sie wollen damit sagen, daß ich nie zur Kirche komme,« entgegnete fröhlich der Mann mit dem Halalihut und paffte ein paar kräftige Züge aus seiner Kurzpfeife.
Der Pfarrer nickte leise.
Unterdessen hatte sich der ganze, laute Lustverein um die beiden Plauderer versammelt. Auch einige Radfahrer, die in diesem Augenblick daherjagten, stiegen neugierig von ihren Gäulen ab. Und zu guterletzt machte noch ein vollgepfropfter Kraftwagen mit einem vornehmen Inhalt an der Stelle halt.
»Ihre Kirche ist eben leider zu klein, zu eng und zu beschränkt,« nahm der Mann mit dem Halalihut wieder das Wort.
»Heute vormittag war sie es jedenfalls nicht; denn sie war mehr als zur Hälfte leer,« widersprach der greise Pfarrer.
»Aber sie ist trotz alledem zu klein. Ich kenne eine viel, viel größere, schönere, weitere und herrlichere Kirche als die Ihrige, Herr Pfarrer, eine Kirche, die ohne Zweifel die wunderbarste und größte der Welt ist.« Und der Mann im Halalihut hob seinen Bergstock in die Höhe und beschrieb damit einen Halbkreis in der Luft. »Eine Kirche, Herr Pfarrer, vom größten aller Architekten erbaut, himmelhoch und wundervoll und zur Andacht geschaffen, wie keine andere. Kennen Sie diese Kirche, Herr Pfarrer?«
Der neugierige Lustkreis um die beiden war jetzt so stille, daß einer den anderen atmen hörte.
»Nein,« gab der alte Pfarrer zur Antwort, obwohl er sich schon einiges denken konnte.
»Nicht?« rief der launige Mann im Halalihut aus, »so will ich es Ihnen sagen, Herr Pfarrer.« Und noch einmal stieg der lange Bergstock ins Blaue hinauf.
»Es ist die Natur, Herr Pfarrer. Ist sie etwa nicht die größte, wunderbarste, von Gott selbst gebaute, einzige Kirche, zum wahren Gebet und zur wahren Andacht geeignet wie keine andere?«
Der Schwarm der Umstehenden aber gab jetzt eine Beifallssalve ab, daß die Lerchen aus den Lüften fielen. Einige der jungen Leute warfen dazu die Hüte in die Höhe, und die Fräulein hoben ihre bunten Feldsträuße empor. Ein vom Wein angesäuselter Biedermeier aber ließ noch hintendrein ein Bravo los, das einem regelrechten Donner glich. Dann trat plötzlich wieder Totenstille ein vor lauter Spannung, was nun der alte Pfarrer auf diese fadenklare Weisheit sagen würde.
Der aber nahm den Schlapphut ab und erwiderte liebreich und gelassen: »Sie haben wohl recht, mein lieber Herr Landsmann. Wenn indessen die Natur eine so wundervolle, einzige, göttliche Kirche ist, dann sollte man sich darin auch bewegen wie in einer Kirche. Dies scheint mir nun nicht immer der Fall zu sein; denn ich sehe, wenn ich Sonntags aus meinem Ihnen so armselig erscheinenden Kirchlein trete und einen Gang in die größte aller Kirchen tue, leider eben nicht heftig viele Beter und Andächtige, wohl aber ziemlich viele recht merkwürdige Leute, die ihrem erhabenen Aufenthaltsort nicht immer Ehre machen.«
Die Menge schwieg und wartete, ob der Mann im Halalihut wohl seinen Witz wiederfände. Aber er fand ihn nicht mehr.
»Nichts für ungut,« schloß jetzt der greise Pfarrer, indem er, immer noch den Schlapphut in der Hand, barhäuptig und langsam aus der kleinlauten Menge hinwegging.
Zwei Anekdoten
Von Richard Schaukal
Verkehr
Die jungen Damen einer Provinzstadt, wo seit kurzem ein vornehmes Kavallerieregiment lag, gewöhnten sich während einiger vergnügter Jahre im Ballsaal, auf dem Eise, auf dem Tennisplatze so sehr an den Verkehr mit den aus Not gefälligen Prinzen und Grafen, daß sie sich ihrer Verwandten, zum Teil auch ihrer Eltern schämten, ja einander schließlich, nach einer subjektiv verschiedenen Skala, als mehr oder minder aristokratisch einschätzten und verachteten. Die sonst üblichen Bezirksrichter, Advokaturkonzipienten und Infanterieoffiziere wurden, soweit sie es nicht selbst vorzogen, die ihnen ungemütliche Geselligkeit zu meiden, mit ausgesuchter Unhöflichkeit behandelt und endlich mit Erfolg abgestoßen.
Als das lächelnd verwöhnte Regiment in eine andere Stadt verlegt und durch ein minder auserlesenes ersetzt worden war, galten die Mädchen, inzwischen etwas älter, den neuen Gästen bald als hochmütig. Die Offiziere suchten unter den inzwischen herangewachsenen jungen Damen einer (nach Meinung jener) minderen Schicht die ihnen gern gebotene Gemütlichkeit, und es gab allmählich eine ganze Reihe von Bräuten dieser so mit entschiedenem Gewinn sich verehelichenden Reiter, während die Zivilisten, die seither in Rang und Einkünften vorgerückt waren, so lange in trotziger Zurückhaltung blieben, bis ihrem unbefangenen Nachwuchs in aller Stille die verblühten »Aristokratinnen« eine um die andere, bürgerlich resigniert, zufielen.
Geselligkeit
Ein Konsul war auf der Rückreise nach Europa in Konstantinopel angelangt. Weil er sich da einige Tage aufzuhalten gedachte, gab er, der seine Pflichten kannte, bei den Mitgliedern der Vertretung seines Vaterlandes und ihren Damen seine Karten ab und ward denn auch alsbald vom Botschafter und seiner Gemahlin zum Speisen gebeten. Es war eine liebenswürdige Gesellschaft miteinander vertraulich verkehrender Paare versammelt. Man ging zu Tische. Dem fremden Gaste war der Platz neben der Hausfrau angewiesen. Als einer der letzten Gänge erschienen Artischocken. Die damit zuerst bediente Dame verzichtete auf die Speise. Der Gast als nächster nahm davon aus Höflichkeit, obwohl er nicht wußte, wie er die grünbraune Frucht zu behandeln hätte. Er wollte vorsichtig abwarten, was die andern damit anfangen würden. Aber einer nach dem andern, Herren wie Damen, lehnten sie ab, so daß er mit seinem Stück verlegen allein blieb. – Später hat er erfahren, daß das Manöver zwischen den Teilnehmern ihm zu Ehren vereinbart gewesen war.
Anekdote
Von Alexander Freiherr von Gleichen-Rußwurm
Die Grenze zwischen Vertraulichkeit und gesellschaftlicher Einfachheit ist schwer zu ziehen. Natürlichen Menschen gelingt ohne Anstrengung, was die Affektierten nie erreichen. Ich will damit nicht wachsender, uneleganter Intimität das Wort reden, wie sie leicht bei Leuten vorkommt, die sich erst jüngst gute Manieren anzugewöhnen suchten. In solchem Fall läßt sich die Situation aber immer mit einem Witz retten, wenn man schlagfertig und bei guter Laune ist. Eine Dame, die mit den Gebräuchen der großen Welt noch nicht ganz vertraut war, saß einmal bei einem Diner neben einem bekannten Diplomaten. Beim ersten Gang redete sie ihn mit »Herr Graf« an, beim zweiten mit »Graf X.«, beim dritten mit »lieber Graf« und erhielt die lächelnde Antwort: »Mein Vorname ist Hugo.«
Die beiden Junggesellen
Eine Anekdote aus Mitau
Von Herbert Eulenberg
Wenn man von Mitau auf der Landstraße nach Doblen zu wandert, trifft man plötzlich eine kurze Strecke vor der Stadt am Rande des Weges zwei Denkmäler: einen kleinen Obelisken und eine Trauerurne. Zwischen beiden, die ungefähr einhundert Meter auseinanderliegen, wächst ein Haufen von Birken. Groß und klein, ganz wild zusammengepflanzt. Ein Anblick, der vielleicht das Auge eines Forstmannes wegen der unregelmäßigen Anlage ärgern kann, aber den romantischer Gesinnten gerade wegen dieser Buntheit sonderbar anziehen mag. Vor allem, wenn er die höchst merkwürdige Geschichte dieser Birkenansammlung vernimmt:
Unter jenen beiden Denkmälern haben nämlich zwei Junggesellen ihre letzte Ruhestätte. Gerade einander gegenüber, so daß sie sich noch aus ihren Särgen anlächeln könnten, wie sie es soundso oft mal in ihrem Leben getan haben. Denn sie waren, solange sie atmeten, unzertrennlich verbunden und mochten darum auch die ganze lange Zeit, die ihnen nach ihrem Tode bevorstand, nicht weit voneinander liegen. Darum kauften sie sich schon bei Lebzeiten diese beiden Grabplätze vor den Toren der Stadt, zu denen sie häufig einträchtiglich nebeneinander hinauspilgerten. Sie hatten jeder einen Feldstein auf die Stelle gerückt, unter der sie begraben sein wollten. Auf diese Steine setzten sie sich oftmals gegen Abend, als sie noch müde werden konnten, und sprachen dann freundschaftlich zueinander hinüber: »Hier werde ich ruhen, Arthur, – Und dort, mir vis-à-vis, wirst du ruhen, Arthur.« Sie waren einander so völlig gleich geworden und harmonierten derart zusammen, daß sie sich sogar auf einen Namen für sie beide geeinigt hatten. Und natürlich mußte dies der Vorname ihres Lieblingsphilosophen Schopenhauer sein, den zufälliger-, oder darf man sagen, unglücklicherweise, einer von ihnen schon führte.
Auf solche Weise lebten sie, da sie sich beide ein hübsches Vermögen erarbeitet und erspart hatten, ohne Sorgen und voller Eintracht zusammen. Lasen Schopenhauer, schimpften über die Menschheit und spazierten an ihren schwarzen Ebenholzstöcken miteinander zu ihren künftigen Gräbern. So verging Jahr um Jahr über ihnen und Mitau. Da ereignete sich plötzlich in einem Frühling etwas ganz Ungeheuerliches, noch nie Dagewesenes in ihrem Leben. Es geschah nämlich, daß sich die beiden Junggesellen allen ihren bisherigen Grundsätzen zum Trotz sterblich verliebten. Der weibliche Gegenstand ihrer Zuneigung ist nie bekannt geworden. Einige Leute in Mitau – man wird gleich merken, was für Leute – behaupten, sie hätten sich beide in ihre alte Köchin und gleichzeitige Waschfrau verliebt. Andere hingegen, die etwas poetischer veranlagt sind, erzählen, sie wären beide für zwei hold erblühte Mädchenknospen, zwei Schwestern, erglüht, denen sie abwechselnd Blumen oder Verse dargebracht hätten. Wie dem auch gewesen sein mag, das eine steht sicher fest, daß sie beide in ihrer Liebe unglücklich gewesen sind. Das oder die Opfer ihrer etwas verspäteten Frauensehnsucht blieb oder blieben hart gegen jede Werbung der beiden armen alten bekehrten Junggesellen. Eine Zeitlang verschlossen sie ihren Gram voreinander, wie sie sich auch geschämt hatten, gegenseitig ihre verliebte Schwäche zu bekennen. Aber eines Abends, als sie sich wieder einmal auf ihren künftigen Gräbern gegenüber saßen, rückten sie mit der Sprache heraus. »Ich war ein Esel, Arthur!« gestand der eine.
»Ich war auch ein Esel, Arthur,« echote der andere.
»Wir waren beide Esel,« stellten sie im Chorus fest.
Zur bleibenden Erinnerung aber an diese wohlverdiente Schmach, die ihnen, die zeitlebens Verächter des weiblichen Geschlechtes gewesen waren, noch kurz vor Todesschluß begegnet war, beschlossen sie eine Bestimmung in ihr gemeinsames Testament aufzunehmen. Ihr zufolge sollte jedem Liebespaar in Mitau, das sich am ersten Tage des Mai, als des Monats, in dem die meisten Menschen derartige blöde Eseleien zu begehen pflegen, verloben oder vermählen würde, eine gewisse Summe Geldes ausgezahlt werden. Zum Dank für diese Ehespende sollte dann ein jedes Paar auf dem Grund und Boden zwischen ihren beiden Gräbern eine Birke pflanzen. Ihnen und ihrer unglücklichen Liebe zum Gedächtnis.
Wenige Wochen darauf starben die beiden Junggesellen am nämlichen Tage oder doch ziemlich kurz hintereinander. Einige Leute – man kann sich denken, was für Leute – behaupten, sie seien an Galle und allzu reichlichem Essen eingegangen. Andere hingegen, die sich das Leben schöner auslegen, meinen, sie seien an gebrochenem Junggesellenherzen gestorben und hätten einander in einer Nacht verabredeterweise süßes Gift im Schaumwein zugetrunken. Wie dem auch gewesen sein mag, das eine steht sicher fest, daß sie beide tot sind, und daß ihr Testament, wie sie es bestimmt haben, in Kraft getreten ist. Von einem jeden Paar, das sich in Mitau am ersten Mai verlobt oder vermählt hat, ist die Summe, die ihm damit gleichsam vom Himmel in den Schoß gefallen ist, stets dankbar eingestrichen worden. Und ein jedes Paar hat dann zum Lohn den unbekannten Spendern, die wie Hymen, der Ehegott, über ihnen walteten, eine Birke gepflanzt. Woher denn die verschiedene Höhe und Größe der Bäume, die sich zwischen den beiden Gräbern erheben, zu erklären ist. Die beiden alten Junggesellen aber liegen auf ihren Rücken in wohlverdienter Ruhe unter der Erde und den ihnen zu Ehren wachsenden weißen Birken einander gegenüber. Einige Leute – man ist selbst im Tode nicht vor ihnen sicher – behaupten, daß die beiden alten Herren dort unten fortwährend einander hämisch angrinsten über die törichten Leute, die sich über ihnen am ersten Tage ihres Ehebundes wunders wie verliebt anstellten und, womöglich mit veranlaßt durch ihre Mitgift, mit der Anpflanzung einer neuen Birke den Grundstein zu ihrem mehr oder minder lebenslänglichen Unglück legten. Andre hingegen, die immer nur das Beste an der Welt sehen, meinen, daß die beiden guten greisen Junggesellen dort unten einander ewig zulächelten voll Seligkeit darüber, daß sie durch ihre Spende auch im Tode noch ihr Scherflein beitragen könnten zu dem süßesten Traum der Menschen, dem Liebes- und Ehetraum.
Es bleibt dem Leser anheimgestellt, sich seiner Gemütsart und seiner Erfahrung folgend für eine dieser beiden Ansichten zu entscheiden.
Anekdote
Von Rudolf G. Binding
Es scheint, daß es Witze gibt, die selbst der humorvollste Mensch nicht ertragen kann – nämlich wenn sie auf ihn gehen. Sie sind vielleicht zu gut, um ertragen zu werden. Dies wäre eigentlich kein Grund, aber ich weiß, soviel ich auch darüber nachdenke, keinen anderen für die Wirkung der folgenden Geschichte ausfindig zu machen, die eine Trübung einer guten Freundschaft nur wegen eines Witzes zur Folge hatte.
In einem kleinen Schwarzwaldbade trafen sich im Sommer 19… in einer Gesellschaft außerordentlich gebildeter Leute, wie sie der Zufall nur selten an solchen Plätzen zusammenführt, am Mittagstisch ein Oberhofprediger und ein schwäbischer Kandidat der Gottesgelahrtheit, welche die Geschicklichkeit des Wirtes für die Zeit ihres Aufenthaltes zu den Mahlzeiten nebeneinander placiert hatte. Der Oberhofprediger, froh, den hallenden Gewölben des Doms der Residenz und anderem entgangen zu sein, was ihn dort droben im Norden beengte, freundete sich mit dem frischen jungen Schwaben, der das Herz auf dem rechten Flecke und die Zunge auf keinem anderen hatte, rasch an. Da der Kandidat nur wegen eines Herzleidens seinen früheren Beruf, welcher der eines Forstmannes war, hatte aufgeben müssen, so war es begreiflich, daß er aus diesem eine große Anhänglichkeit für alle Tiere des Waldes und der Lüfte mit hinüber genommen hatte in Gottes Reich, dem er nun dienen wollte. So war es besonders die Menge der verschiedenartigsten Vögel, welcher seine stundenlange Beobachtung in den Anlagen des Parkes, in den Hecken der Straße und in dem bronzefarbenen Dunkel unter den sonnenbestrahlten Tannen galt. Dieser täglichen Gepflogenheit schloß sich der alte würdige Oberhofprediger, welchem die behutsamen Spaziergänge, wie sie dem jungen Schwaben vorgeschrieben wurden, gerade recht waren, eifrig an. Seine bisherigen Kenntnisse auf dem Gebiete der Vogelkunde mochten nicht viel über Noahs Taube, den Raben des Eremiten und den heiligen Geist hinausgehen, und einer allzu ausgiebigen Erforschung der vielen Arten, die dort in der gehegten Umgebung sich zusammenfinden, widersetzte sich sein Auge, das, wie er scherzhaft behauptete, wohl schon zu sehr nach innen gerichtet war, um nach außen noch sehr brauchbar zu sein. So kam es, daß er manchmal die gewöhnlichsten und bekanntesten Vögel verkannte oder als Seltenheiten beschrieb. Das alles aber hielt ihn nicht ab, aus der reinsten Liebenswürdigkeit und Freude an seinem jungen Freunde dessen Liebhaberei, so gut es eben ging, zu teilen.
Eines schönen Tages kam der Oberhofprediger von einem seiner Spaziergänge, den er aus irgendwelchem Grunde ohne die Begleitung des jungen Vogelkenners gemacht hatte, in ziemlicher Aufregung nach Hause. Er hatte einen ihm unbekannten, höchst merkwürdigen und seltenen Vogel gesehen, den er jedoch nicht weiter und genauer zu beschreiben vermochte, als daß er etwas Gravitätisches an sich gehabt und eine rot gefiederte Brust und ein graues Kleid zeige. Der Kandidat, der die ganze Tischzeit über sich mit seinem Nachbarn über dieses Wundertier unterhielt, ließ sich genau den Ort beschreiben, wo der Vogel gesehen war und glaubte sicher desselben an gleicher Stelle und zu gleicher Zeit ebenfalls ansichtig zu werden, hatte aber nicht die leiseste Vorstellung, um welchen Vogel es sich handeln könne. Dies betrübte den Oberhofprediger um so mehr, als er am nächsten Tag in der Frühe abreisen wollte und somit fürchtete, daß ihm der Wundervogel wirklich nur einmal in seinem Leben begegnet sein möchte und er nicht einmal Name und Herkunft desselben erfahren solle. Sein junger Freund indessen versprach ihm, sobald er den Vogel gesehen und bestimmt hätte, den Namen schriftlich mitzuteilen.
Am andern Morgen reiste der Oberhofprediger zu Tal, während der Theologie-Kandidat ungesäumt die Spur des Wundervogels aufnahm, welcher denn an der bezeichneten Stelle bald sich seinem geübten Auge vorstellte.
An demselben Abend trug mein Schwäblein schmunzelnd eine an den Oberhofprediger gerichtete Karte auf die Post.
»Ein instinktives Gefühl«, so schrieb er, »hat Sie ein besonderes Interesse an einem Vogel nehmen lassen, welcher ganz und gar nichts besonderes an sich hat. Es ist nämlich ein Dompfaff.«
Nun war der Oberhofprediger sicher ein humorvoller Mann und ertrug auch den feinen Witz über seinen Stand, wie es jeder, der einen Spaß versteht, erträgt. Aber diesen Witz hat er doch nicht vertragen. Es muß gesagt werden, daß es eine eigentümliche Laune des deutschen Sprachgebrauchs ist, denselben Vogel sowohl mit dem Ausdruck Dompfaff, als mit dem Ausdruck Gimpel zu belegen; denn im menschlichen Leben ist ein Dompfaff sicher kein Gimpel und ein Gimpel gewöhnlich kein Dompfaff. Aber, könnt ihr mir einen anderen Grund für die Verstimmung des Oberhofpredigers angeben, als daß der Zufall hier einen zu guten Witz gemacht hatte, den der junge Schwab mit seinen hellen Augen und seinem klaren Verstand nur entdeckte?
Die Banknote
Von Karl Federn
Diese Geschichte erzählte mir eine Freundin, als wir uns eines Tages über die seltsam trügenden Erscheinungen unseres Bewußtseins und Gedächtnisses unterhielten: Ihr Vater, zur Zeit, da die Sache sich ereignete, bereits ein älterer Mann, reich, vornehm, von sehr bestimmten Anschauungen und Gewohnheiten, hielt es für richtig, jeden Tag, wenn er das Haus verließ, in Brieftasche und Börse eine Tausendernote, zwei oder drei Scheine von je hundert, fünfzig und weniger Gulden bis zur kleinen Münze hinab, sorgfältig zusammengestellt und nachgezählt, bei sich zu tragen. Vor Tische – er wohnte für sich allein – pflegte er einen Spaziergang zu machen, um dann in einem der bekanntesten Gasthöfe der inneren Stadt zu speisen. Und so war er auch an diesem Tage ausgegangen, war wie immer zahlreichen Bekannten begegnet, hatte mit manchen einen Gruß gewechselt, mit andern länger und eingehend gesprochen, hatte vielleicht in einem Laden einen Einkauf gemacht, und wurde dann plötzlich, sei es von einem Gedanken, der ihm kam, sei es von irgendeinem Vorfall, einem gestürzten oder durchgehenden Wagenpferd oder sonst einem Ereignis, das einen kleinen Volksauflauf verursachte und auch seine Gedanken lebhaft beschäftigte, vollkommen hingenommen, so daß er noch bei seiner stets sorgfältig gewählten und froh genossenen Mahlzeit, bei dem Wein, den er als Kenner trank, über die Sache nachdachte. Dann nach dem schwarzen Kaffee und der Zigarre hatte er den Kellner mit einer Hundert-Guldennote bezahlt und den Rest in Scheinen und Münze zurückbekommen.
Als er im Laufe des Nachmittags bei einer Gelegenheit wieder Geld aus seiner Brieftasche nehmen wollte, vermißte er die Tausendernote, die darin sein mußte, – denn er hatte die Tasche, seitdem er das Hotel verlassen, nicht mehr berührt, – er mußte sich also geirrt und dem Kellner die Tausendernote gegeben haben.
Er kehrte sofort nach dem jetzt verlassenen Speisesaal des Hotels zurück und sagte dem Manne, der ihn seit langem bediente, in nicht ungütiger Weise, er, der Kellner, habe wohl seinerseits auch nicht bemerkt, daß er ihm aus Versehen die größere Note gegeben, und sie wahrscheinlich für die geringere genommen und als solche gewechselt … Der Kellner versicherte sehr höflich und bestimmt, aber nicht ohne eine gewisse Befangenheit, daß er lediglich eine Hunderternote von ihm zur Zahlung bekommen und dies sehr genau gesehen hätte, daß auch seine Rechnung vollkommen stimme, und daß der Gast im Irrtum sein müsse. Nach wenigen Sätzen, in denen jeder bei seiner Meinung blieb, sagte der alte Herr, er bedauere den Vorfall sehr und wolle auch nichts Schlimmes von ihm geglaubt haben, aber da es sich um einen bedeutenderen Betrag handle, sei er genötigt, die Sache dem Besitzer mitzuteilen und ihm das weitere anheimzustellen.
Der Zahlkellner, gleichfalls schon ein älterer Mann, schwieg darauf eine Weile bestürzt, dachte nach und sagte zuletzt: »Das möchte ich nicht; vielleicht habe ich mich doch geirrt …« und gab die fehlenden neunhundert Gulden heraus.
Mit einem peinlichen Gefühl für den Mann nahm der alte Herr das Geld und ging, und wurde auch in den nächsten Tagen durch das gleiche Gefühl im Genuß seiner Mittagsmahlzeit gestört. Bis Wochen vergingen und die Sache für ihn schon eine halb vergessene war, – als er eines Tags einen eingeschriebenen Brief erhielt, in dem eine Tausendernote lag, die ihm ein Freund mit vielem Dank für seine Liebenswürdigkeit zurückschickte.
Und da erst kam ihm plötzlich die Erinnerung, daß er ja an jenem Vormittage auf seinem Spaziergang einem Bekannten begegnet war, einem gleichfalls sehr vermögenden Manne, der sich vorübergehend in Wien aufgehalten hatte und plötzlich und sofort abreisen mußte, und ihn für dringende Einkäufe, die er noch machen wollte, um jene Gefälligkeit ersucht hatte; daß er diesem Manne die Tausendernote eingehändigt, und daß, sei es eine Gedächtnisschwäche, mehr aber jener Vorfall, der ihn dann so sehr beschäftigte, jede Erinnerung daran in ihm ausgelöscht hatte.
Nun selber bestürzt und mit vielen Entschuldigungen gab er am nächsten Tag dem Kellner sein Geld zurück. »Ich wußte es ja,« sagte dieser und nahm die neun Hunderter und was er zur Entschädigung dazu erhielt, mit tiefem Dank. »Aber,« fragte der andre, denn das hatte ihn am meisten in Erstaunen gesetzt, »wie konnten Sie mir nur damals das Geld herausgeben?«
»Herr W.,« sagte der Mann, »ich habe ja gesehen, daß Sie es selbst glaubten. Wenn die Sache zum Prinzipal gekommen wäre … Ihnen hätte jeder geglaubt, und mir nicht. Wie hätt' ich's beweisen sollen? Ich bin Familienvater, und ich habe hier eine Stellung, die mir viel einbringt. Die hätt' ich verlieren können, und die ist mir mehr wert als neunhundert Gulden …«
Der Schlaftrunk
Von Richard Schaukal
Der Vater mehrerer gesunder schöner Kinder, Besitzer eines großen, auf viele Millionen geschätzten Unternehmens, Bewohner eines geräumigen bequemen Hauses, außerdem ein vollkommen gesunder Mann von angenehmer Gesichts- und Körperbildung, einem vorzüglichen Appetit und im selbsterworbenen Genusse mancher nützlichen Kenntnisse, übrigens eigentlich anspruchslos und in einer schönen Gegend durch lohnende Spaziergänge täglich zum besten unterhalten, begann, da er einige Stunden einer Nacht mit einem ungewöhnlichen peinigenden Gedanken schlaflos verbracht hatte, dem Glauben Raum zu geben, er leide an beständiger Schlaflosigkeit. Als dieser Glaube durch häufiges Übersinnen des Einfalls ihm zur Gewißheit geworden war, verlor er den Appetit, alterte sichtlich, erlebte viel Ärgerliches an seinen Kindern, wurde von plötzlichen quälenden Sorgen um sein Unternehmen angefallen und durch anhaltendes schlechtes Wetter an seinen Spaziergängen gehindert. Da seine Laune sich unangenehm im Kreise der Familie bemerkbar machte, verfiel der älteste Sohn nach häufigen und erfolglosen Beratungen mit Ärzten und Freunden auf ein ihm glücklich dünkendes Mittel, das er sofort in Anwendung brachte. Er ließ durch einen fremden, sehr gerühmten Gelehrten, dem er seinen Plan vorgetragen und genehm gemacht hatte, dem Vater täglich zwei Tropfen eines leichten ungarischen Weines als angeblichen Schlaftrunk verschreiben, und dieser, sobald er das Mittel versucht hatte, behauptete, es leiste ihm vorzügliche Dienste, wachte sorgfältig über dessen tägliche Vorbereitung, nahm an Appetit zu, erholte sich körperlich, scherzte im Kreise seiner Kinder täglich bis zur festgesetzten Schlafensstunde und war, da gutes Wetter eintrat, er also seine Spaziergänge aufnehmen konnte, innerhalb weniger Wochen wieder ein rüstiger und behaglich lebender Mensch geworden.
Der lächelnde Tod
Von Wilhelm Schussen
Einen Mann namens Heinrich, der ein schönes Weib namens Elise geehelicht hatte, traf eine große Heimsuchung. Als nämlich seine Frau wieder einmal unter höchsten Nöten niederkam, wußte er, daß sie das nächste Mutterglück mit ihrem Leben bezahlen müßte. Da schwuren die beiden, aus eigenem Antrieb und auf das Drängen des Arztes hin, aller Liebeslust zu entsagen. Und Heinrich nagelte im ersten heiligen, zornigen Eifer ein leibhaftiges Totengerippe ans Fußende des Ehelagers, auf daß sie, so sie etwa schwach und wankend würden, allzeit einen ganz furchtbaren Prediger in der Nähe hätten. Nach einiger Zeit brachte Heinrich dann noch ein rotes Lämpchen über dem Gerippe an. Das wirkte. Der Prediger blieb wach und schrecklich und stieg bis in ihre Träume hinab, und wenn sie nachts erwachten, wagten sie es nicht, die Augen zu öffnen. – – – – – – – – – – – – –
Im Laufe der Zeit jedoch erschien ihnen der Furchtbare immer milder und freundlicher und schließlich beinahe wie zur Familie gehörig. Ja, während einer hellen, silbernen Mondnacht kam er dem ruhenden Menschenpaar fast verschönt und verklärt und verlieblicht vor. Da erhob sich Heinrich leise und blies das rote Lämpchen aus. Und Elise lächelte ihm zu und erinnerte ihn daran, daß die Nächte nun wieder abnähmen und man endlich wieder dem Frühling entgegenginge. – – – –
Durch den nächsten weißen Winter aber wallte langsam ein großer dunkler Leichenzug mit blumenbeladener Bahre nach dem Kirchhof.
Vier Anekdoten
Von Karl Scheffler
Schuldner und Gläubiger
Ich hatte einst zwei Freunde, die auch untereinander wieder heftig befreundet waren. Nach einer geraumen Zeit aber trat zwischen ihnen jene chronische Spannung ein, die einer Entfremdung vorauszugehen pflegt. Eines Tages nahm mich der eine, sagen wir A., beiseite und beklagte sich ernstlich über B. Dieser habe bei irgendeiner Gelegenheit acht Mark von ihm geliehen und hätte nun schon seit einem Vierteljahr vergessen, ihm das Geld wiederzugeben. Es sei natürlich nur Vergeßlichkeit, aber eben diese Sorglosigkeit würfe doch ein merkwürdiges Licht auf den Charakter des Freundes. Nicht lange darauf vertraute der andere mir mit einigen spöttischen Glossen an, A. täte immer in allen Dingen so schrecklich bürgerlich korrekt und vergäße ganz, daß er ihm immer noch dreizehn Mark schuldig sei. Sagen könne er es ihm doch nicht, und auch ich möchte mir nichts merken lassen, aber eine schnurrige Sache sei es doch. Mir selbst war bei diesen vertraulichen Mitteilungen, deren Kreuzungspunkt ich geworden war, wunderlich zumute. Denn auch von mir hatten beide einmal vor Monaten kleine Summen geborgt, wie man sie auf Landpartien oder sonstwie braucht, wenn ein großer Geldschein sich nicht gleich wechseln lassen will, und diese Tatsache war allen beiden vollständig entfallen. Was war zu tun? Ich dachte nach, ob ich nicht unwissentlich vielleicht den Freunden ebenfalls Geld schuldig sei. Mir war, als wäre einmal so etwas gewesen; aber ich konnte nicht mehr darauf kommen, und ich mußte schließlich einsehen, daß man sich nur dessen deutlich erinnert, was andere uns schulden, nicht aber dessen, was man selbst schuldig ist.
Die Witwe von Ephesus
Früher fuhr ich jeden Nachmittag mit der Vorortbahn in die Stadt. Auf der Fahrt wurde rechts vom Gleis für wenige Sekunden zwischen Häusern ein Stück Friedhof sichtbar, mit Blumengräbern und Grabmonumenten. Auf einer neuen Grabparzelle war täglich eine schwarzgekleidete Frauengestalt zu sehen, die mit Schaufel, Harke und Gießkanne arbeitete, den Efeu aufband, die Sträucher beschnitt oder Blumen pflanzte. Es war offenbar eine Witwe, die ihren Mann dort begraben hatte. Nach einiger Zeit tauchte auf dem Grabgrundstück nebenan ein Mann gesetzten Alters auf, der, wie es schien, das Grab seiner gestorbenen Frau pflegte und mit der Nachbarin an Sorglichkeit und Liebe wetteiferte. Zuerst blieb jeder für sich. Eines Tages aber, als der Zug vorüberfuhr, sah ich die beiden Leidtragenden über den niedrigen Erdwall weg miteinander sprechen. Einige Tage später – es war ein heißer Sommer – fuhr mein Zug gerade vorbei, als der Mann der Frau ein gefülltes Weißbierglas hinüberreichte und sie zum Trinken einlud. Und wieder nach einigen Tagen hatte der Mann seinen Rock beim Arbeiten ausgezogen, er plauderte schon vertraulich heiter mit der Nachbarin, und die Große Weiße stand zwischen beiden auf dem kleinen Grenzwall, wie ein gemeinsamer Besitz. Jetzt aber mit Himbeerschuß. Und dann kam ein Tag, wo der Witwer hinübergegangen war zur Witwe, und wo sie ihm alle Herrlichkeiten ihres Grabgartens mit errötendem Eifer zeigte. Noch eine kurze Zeit, und ich sah die beiden Trauernden in dem Gärtchen der Frau auf einem Bänkchen vor dem Leichenstein nebeneinander sitzen, Hand in Hand, sich verliebt ansehend und schnell auseinanderfahrend, als der Zug vorüberrasselte. Fortan blieben die Gärtchen leer. Die Blumen vertrockneten, auf den Wegen wuchs Gras, und der Efeu überrankte die Namen der Toten.
Die Zeitungen
In einem Neubau hatten die Stubenmaler ihre Gerüste aufgeschlagen, um die Decken zu bemalen. Sie standen oben auf den Brettern, den Kopf im Nacken, Ornamente schablonierend und pinselnd. Unter dem Gerüst hatten zwei Tapezierer ihren Tisch aufgestellt. Sie waren beschäftigt, die unteren Wände mit Makulatur zu bekleben. Dabei unterhielten sie sich eifrig. Sie sprachen von den Berliner Tageszeitungen und konnten nicht recht einig werden. Der eine behauptete: »Das einzige vernünftige Blatt in Berlin ist die »Vossische«.« »Nein,« erwiderte der andere, »die »Kreuzzeitung« ist mir lieber.« »Die ist auch gut,« gab der erste zu, »aber nicht so gut wie die »Vossische.« »Tägliche Rundschau« geht übrigens auch an.« »Ach, damit bleib mir vom Leibe,« rief der zweite, »das ist lappriges Zeug. Dann kannst du ja auch nur gleich »Tageblatt« und »Lokalanzeiger« sagen. Und das sind doch die schlechtesten Blätter in Berlin. Mosse und Scherl, das ist Jacke wie Hose.« »Ein Blatt ist doch noch schlechter,« sagte der andere, »das ist das allerschlechteste.« »Na, welches?« »Der »Vorwärts«!« »Da hast du recht, mit dem ist überhaupt nichts anzufangen.«
Die Maler auf der Rüstung wurden unruhig. Einer rief hinab: »Na, ihr seid ja schöne Genossen. Der eine ist für die Junker, und der andere ist für die Bourgeois. Und ihr wollt Arbeiter sein?« Die Tapezierer antworteten grob, und ein Streit begann. »Wer so von dem »Vorwärts« spricht, ist ein Verräter,« schrie einer der Maler. »Und wer mir den »Vorwärts« hier auf den Tisch legt, dem schmeiß ich ihn an den Kopf,« schrie einer der Tapezierer zurück, »was verstehst du überhaupt vom Tapezieren!« »Na, vom Tapezieren versteh ich nichts, aber von der Politik verstehe ich was,« rief der Maler. »Was geht uns denn deine Politik an?« sagte verwundert der Tapezierer. »Wir reden hier doch von der Makulatur, von der Güte des Papiers.« »Ach so,« sagten die Maler, »sie reden von der Makulatur!«
Moral: Der Mensch ist immer noch mehr Tapezierer als Politiker.
Darwinismus im Ausverkauf
»Eritis sicut deus«.
Vor einigen Jahren, als die Bevölkerung Deutschlands, vor allem die Berlins, durchaus wissen wollte, ob Christus gelebt hat, hielt ein berühmter Professor des Monismus (so darf man ja wohl sagen) vor einem großen Zuhörerkreis einen Vortrag über diese neugierige Frage. Im Laufe seiner freigeistigen Rede, in der Christus durch Darwin ersetzt werden sollte, sprach der Vortragende von dem natürlichen Werden alles organischen Lebens, er rekapitulierte die Leitsätze des Darwinismus und wies u. a. nach, in welcher Weise sich die Lunge der atmenden Geschöpfe aus der Luftblase der Fische entwickelt hätte. »Ja, meine Damen und Herren,« rief er in den Saal, mit einem triumphierenden Seitenblick auf eine Anzahl kampfbereit zuhörender Pastoren, »wie haben wir uns diese Entwicklung denn vorzustellen? Wir müssen sie uns folgendermaßen denken: eines Tages wurde ein Fisch von den Brandungswellen an den Strand geworfen. Da stand der Fisch nun vor der Frage: du mußt entweder zugrunde gehen, oder du mußt deine Luftblase in eine Lunge verwandeln, um in der Luft weiterleben zu können – eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Der Fisch tat natürlich das letztere – und so, meine Damen und Herren, entwickelte sich aus der Blase des Fisches …«
Kein Schmerzensschrei wurde hörbar.
Zwei Anekdoten vom Marquis Bonvivant
Von Karl Ettlinger
Der Marquis über Heidenbekehrung
Der Pariser Frieden von 1763 war noch nicht geschlossen, und Frankreich sonnte sich noch im Besitze seiner wertvollsten Kolonien. Der Jesuitenorden, – den der durch die Unterrockpolitik der Pompadour erhobene und durch die Hemdpolitik der Dubarry gestürzte Choiseul 1764 vertrieb – sandte noch seine Missionäre in die fremden Länder, um aus guten Götzendienern schlechte Christen zu machen. Der freigeistige Marquis Bonvivant bezeigte diesem Missionseifer nur geringe Sympathie, und er pflegte in seiner frivolen Weise zu spotten: »Statt den Heiden das Wasser der Taufe auf den Kopf zu träufeln und Schnaps zum Trinken zu verkaufen, wäre es besser und christlicher, ihnen Wasser als Getränk zu verhandeln und ihnen den Schnaps über den Kopf zu gießen.« Ein Bettelmönch, dem des Marquis Denkungsart unbekannt war, sprach einst bei ihm vor, um eine fromme Gabe für die Missionen zu heischen. Wie schlug ihm das Herz voll eitler Freude, als der Marquis ihm versprach, für das nächste Missionsschiff eine ganze Kiste Kruzifixe zu spenden! Mit den bestgemeinten Segenswünschen dankte der harmlose Bettelmönch.
Das Missionsschiff lag abfahrtbereit im Hafen, in wenigen Stunden sollten die Anker gelichtet werden, – als acht stämmige Männer erschienen, die im Auftrage des Marquis eine große schwere Kiste an Bord trugen, die die Aufschrift zeigte: »Kreuze für die Heiden.«
Der frommen Mannschaft dünkte diese Kiste ein wenig groß geraten – es mußten ja Abertausende von Kreuzen darin Raum haben –, und so wurde beschlossen, die Kiste zu öffnen, um die Hälfte der zur Verwendung für die Heiden bestimmten Kreuze für das nächste Missionsschiff zurückzubehalten.
Man brach die Kiste auf. Sie enthielt – ein halbes Hundert Grabkreuze.
Der Marquis über das Duell
Siebenunddreißig Duelle hatte der Marquis Bonvivant in seinen jungen Jahren ausgefochten, und er hatte damit bewiesen, daß es ihm nicht an Mut fehlte, in Streitfällen hinter jede Beschimpfung einen Florettstich als Schlußpunkt zu setzen. Als aber das Leben seine Haare mit dem Puder des Alters betupfte, als er in dem Garten seiner Erfahrungen die kostbarste Frucht: das Lächeln geerntet hatte, da änderte sich auch seine Sinnesart über das Duellwesen. »Es mag Ausnahmefälle geben, in denen ein Duell unvermeidlich ist,« sagte er. »Allein das Meer von Zweikämpfen würde zu einer Pfütze austrocknen, wenn meine lieben Zeitgenossen endlich einsehen wollten, daß ein Amtsgericht weit zuverlässiger ist als ein Gottesgericht.«
Kurz nachdem er diesen Ausspruch getan hatte, der ihm sehr übel vermerkt wurde, gebot ihm die Freundespflicht, einem Baron de Sulpice Sekundantendienste zu leisten. Dieser hatte einem Chevalier, der beim Kartenspiel trefflich das Glück zu korrigieren verstand, das Wort »Falschspieler« ins Gesicht geschleudert. Nach dem ersten Gange lag der Falschspieler tot am Boden: eine Kugel hatte ihm das Herz durchbohrt.
Marquis Bonvivant stand bei dem Leichnam; er betrachtete den leblosen Körper aufmerksam, hob ihn auf, musterte die Rückseite, befühlte den Kopf und ließ die Leiche kopfschüttelnd wieder zu Boden gleiten.
»Was soll dieses Spiel?« herrschte ihn der anwesende Arzt an.
»Verzeihen Sie meine Neugierde!« gab der Marquis zurück. »Ich bin nun einmal eine gründliche Natur: ich habe das Loch in der Brust gesehen, aus dem das Leben das Chevaliers entflohen ist, und ich suche nun das andere Loch, durch das angeblich die Ehre wieder in seinen Körper eingezogen ist!«
Der Garibaldiner
Von Karl Federn
Es war an einem Mainachmittag des Jahres 1891 in Rom, als ich meinen Freund Cesare Salvadori aus Cefalù traf. Am Abend vorher hatte eine patriotische Gedenkfeier stattgefunden; die schwarzen Carabinieri, kriegerische und andere Vereine mit vielen Fahnen, die Garibaldiner mit ihren roten Hemden waren unter rauschender Musik durch die staubigen Straßen des glänzenden Rom aufs Kapitol gezogen: Salvadori war mit im Zuge gewesen, denn er war Garibaldiner. Sie wissen, was das heißt; Sie kennen die tausend Helden, die überall in Italien mit Verehrung und Begeisterung betrachtet werden, die für das Land und die Freiheit geblutet haben, und die nie sterben, weil, wenn einer von ihnen zu Grabe getragen wird, der Nächstälteste der Familie das rote Hemd anlegt, um die Ehre und den Vorteil dem Hause zu erhalten.
Als ich mit Salvadori vor dem Café Aragno saß, trug er das rote Hemd nicht mehr, sondern einen schlaffen schwarzen Tuchrock, und schlaff waren auch seine Züge, selbst der eisgraue Schnurrbart unter der Hakennase.
»Wie geht es Ihnen, Salvadori?« fragte ich. Den Toskano im Mundwinkel, den einen Fuß mißmutig über dem andern wippend, saß er da. »Schlecht,« war seine Antwort. »Man lebt, aber es geht schlecht. Wie Sie mich sehen, bin ich wieder ohne Stellung. Man tut nichts mehr für uns, man schreit, wenn wir vorüberkommen, aber man tut nichts.«
Nun war gerade kurz vorher Giovanni Nicotera, der sizilianische Baron und Revolutionär, gleichfalls ein ehemaliger Garibaldiner, Minister des Innern geworden. Daran erinnerte ich den Alten.
Die grauen Augen in dem verwitterten Kriegergesicht zogen sich zusammen.
»Ich bin bei ihm gewesen,« antwortete er und sah vor sich hin. »›Giovanni,‹ sagte ich ihm, ›du bist nun mächtig: du mußt etwas für mich tun.‹ Und er, ›mein Lieber,‹ sagte er, ›viel kann ich dir nicht bieten; es waren schon zu viele vor dir da. Aber wenn du unten in Calabrien, beim Präfekten von Catanzaro Amtsdiener werden willst: die Stelle ist frei. Anderes habe ich jetzt nicht. Vielleicht später; wir werden sehen.‹
Was wollen Sie? Ich nahm die Stelle an und fuhr nach Catanzaro. Es ging auch; bis eines Tags eine Deputation kam; aus Tiriolo, wegen einer Wahlsache. Sie wissen ja, wie das ist. Am Morgen sagt mir der Präfekt: ›Wenn die Deputation aus Tiriolo kommt, Cesare, bin ich nicht da.‹ ›Eccellenza,‹ sagte ich, ›es ist gut.‹
Und nun denken Sie: wie die Leute kommen – sie waren vier Stunden gefahren – waren drei davon alte Garibaldiner wie ich.
›Freunde,‹ sagte ich, ›es tut mir leid, aber der Herr Präfekt ist nicht da.‹ ›Cesare,‹ sagte der eine, der mich kannte, ›wir müssen den Präfekten sprechen. Und wir wissen, daß er da ist, ich habe ihn selbst am Fenster gesehen. Und du wirst uns anmelden.‹
Was wollen Sie, Herr? Es waren Garibaldiner; es war nichts zu machen. Ich habe sie angemeldet, und der Präfekt hat sie empfangen, und sie haben ihm einen heißen Kopf gemacht, wegen der Wahl, über die er nichts hatte hören wollen.
Am anderen Tage ließ mich der Präfekt in sein Bureau rufen: ›Einen Amtsdiener, der sich nicht nach meinen Weisungen richtet, kann ich nicht brauchen,‹ sagte er, ›Sie sind entlassen.‹
Ich habe ihn angesehen, Herr. Und dann sagte ich: ›Eccellenza, Sie können mich entlassen. Aber wenn ich morgen nach Rom fahre und zum Minister gehe und mit Giovanni Nicotera spreche, so werden Sie entlassen, und nicht ich. Aber, Eccellenza, Sie sind ein verheirateter Mann, Sie haben Frau und Kinder, und ich bin allein. Darum gehe ich, und Sie können bleiben.‹ Und so bin ich gegangen.«
»Ja, und Nicotera?« fragte ich, »hat er nichts mehr für dich getan?«
»Nun, ich war natürlich wieder bei Giovanni und sprach mit ihm. Er bot mir eine Stelle als Amtsdiener in Sardinien an. Aber dahin wollte ich nicht gehen. So ist es, Herr. Und so sitze ich hier und bin wieder ohne Stelle.«
Der Dichter
Von Hans Bethge
Ein junger Dichter schlenderte müde und blaß durch die Straßen von Montmartre oberhalb Paris. Er war sehr einsam und unglücklich. Sein Magen war leer, auch sah er andere Künstler, ihre Mädchen am Arme, heiter an sich vorüberschreiten, er aber hatte keine Freundin, denn die Mädchen waren ihm nicht hold. Er sehnte sich nach Liebe und zugleich nach einer guten Mahlzeit, und er war recht zornig gegen das Schicksal.
Während er so dahinschritt, öffnete sich plötzlich neben ihm eine Tür. Ein Mädchen stürzte heraus, ein Mann hinterdrein mit einem Stock, den er auf den Rücken des Mädchens niederschwingen wollte. Aber das Mädchen entschlüpfte, und der Stock traf den Rücken des vorüberschreitenden Dichters, der einen Schrei des Schmerzes ausstieß, worauf er sich empört dem mit dem Stock bewaffneten Manne zuwandte.
Dieser, äußerst bestürzt, bat vielmals um Verzeihung und fragte, welche Sühne er dem Geschlagenen zuteil werden lassen dürfe. Er wies auf die geöffnete Tür und bat den Dichter, näherzutreten. Es zeigte sich, daß der Mann eine Speisewirtschaft besaß, die er vor kurzem von seinem zu früh gestorbenen Vater geerbt hatte. Der Dichter ließ sich nicht weiter nötigen und wurde in aufmerksamer Weise mit einem so wohlbereiteten und verschwenderischen Mahle bewirtet, wie er es seit langem nicht mehr zu sich genommen hatte. Während des Mahles erzählte ihm der junge Mann, daß jenes Mädchen, seine Geliebte, heute zu ihm gekommen sei, um ihm mitzuteilen, daß sie nichts mehr mit ihm gemein haben wolle, weil sie einen anderen liebe. Daher die Szene.
Nachdem der Dichter, der von dem Schlage schon längst nichts mehr spürte, mit vollem Behagen gegessen und getrunken hatte, verabschiedete er sich dankend, schlenderte vergnüglich die Straße hinauf, – und wer trat an der nächsten Ecke an ihn heran? Das Mädchen.
Es ergriff erregt seine Hand, küßte sie, bat vielmals um Verzeihung und fragte, welche Sühne es ihm, dem ihretwegen Geschlagenen, zuteil werden lassen dürfe. Er beschwichtigte die Demütige, sie schritten gemeinsam dahin, und als sie vor dem Hause angelangt waren, in dem er wohnte, bat er sie, mit in sein Zimmer hinaufzukommen, das seit langer Zeit von keiner Frau betreten worden war. Sie kam seinem Wunsche mit Vergnügen nach, riß ihm eilig die Kleidung vom Nacken und küßte ihn voll Liebe und Leidenschaft auf jene Stelle, wo er ihretwegen geschlagen worden war.
Noch niemals war dem Dichter so himmlisch wohl gewesen, wie an diesem Abend.
Später hat ihn das hübsche und vortreffliche Mädchen noch oftmals lachend auf jene Stelle geküßt, der er erstens ein lange entbehrtes köstliches Mahl und zweitens eine reizende Geliebte zu verdanken hatte.
Nino Sventatello
Von Heinrich Mann