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Die
drei Ostindienfahrer,

abentheuerliche Reisegeschichten;

herausgegeben

von

Christian August Fischer.


Mit einem Kupfer.


Leipzig 1817.
Hartleben's Verlagsexpedition.

An die Leser.

Wie jeder Künstler, so hat auch der Schriftsteller seine eigenthümlichen Studien. Wenn mir die Kraft zu Allem fehlt; hierzu gebricht sie mir nie. So beschäftigte ich mich auch diesen, für mich so traurigen, Winter hindurch.

Ein Theil dieser Reisegeschichten fand vor sieben bis acht Jahren in einem unserer geschäztesten Tagblätter Plaz. Man erhält jezt das Ganze in einer neuen, veredelten Form. Es ist eine Ueberarbeitung, bei der ich in jeder Hinsicht sehr streng gewesen bin. Möchte die kleine Gabe willkommen seyn!

Wie mit mir, so hat der thätige Verleger, auch mit andern Schriftstellern außerhalb Oesterreich, Verbindungen angeknüpft. Man sieht, wie vortheilhaft dieses, des leichten Tausches wegen, für den gesammten Buchhandel zu werden verspricht. Darum muntere ihn auf, wer es zu thun vermag.

Würzburg, O. M. 1817.

C. A. Fischer.


Die

drei Ostindienfahrer.

Inhaltsverzeichnis

Seite
Erste Abtheilung, Jacob Haafner.[ 1]
Zweite Abtheilung, Ch. Fr. Tombe.[185]
Dritte Abtheilung, Heinrich Potter.[231]

Erste Abtheilung,
Jacob Haafner.


Erstes Buch.


Quellen.

L'otgevallen op eene Reize van Madras nar het Eiland Ceilon. Door Jac. Haafner. Haarlem 1814. 8. 2. Aufl.

Reize in eenen Palankin etc. door Jacob Haafner. Amsterdam 1814. 2 Bde. 8. 2. Aufl.


Erstes Capitel.

Ich befand mich als zweiter Steuermannsgehülfe am Bord eines holländischen Compagnieschiffes, das von Chinsura nach Negapatnam bestimmt war. Aber nie hatten wir eine so lange und beschwerliche Reise gehabt. Auf einer Ueberfahrt, die man in fünf Wochen machen kann, brachten wir eben so viel Monate zu. Dazu kam der heftige, grausame Charakter des Capitains, der nach den Schiffsgesetzen an seinem Bord unumschränkt gebot. Eines Tages ließ er unter andern zwei arme schwarze Matrosen (Lascars) um einer Kleinigkeit willen so lange geißeln, daß der eine noch denselben Abend, der andere in der folgenden Nacht verschied. Dies empörte das ganze Schiff. Es ward daher eine förmliche Klage gegen ihn aufgesetzt, und nach der Ankunft zu Negapatnam bei dem Fiscal angebracht. Die Folge davon war, daß dieser uns Unteroffiziere sämmtlich zu sich rufen ließ. Hier ist es, wo meine Geschichte eigentlich anfängt.

Nach Unterzeichnung des Protocolles, kam nämlich der Fiscal noch einmal auf die Klagschrift zurück, und fragte, wer der Concipient davon gewesen sey. Der Wahrheit gemäß ward ich genannt. Er sprach hierauf mit Lobe von der Arbeit. — »Es ist Schade« — wendet er sich zu mir, — »daß Sie in keinen angemessenern Verhältnissen sind. Wenn Sie hier bleiben wollten, hätte ich wohl eine Stelle für Sie.« — Ich gestehe es, dieser Antrag machte nicht wenig Eindruck auf mich. Zwar hatte ich die Aussicht Steuermann zu werden; allein der Civildienst schien mir ungleich bequemer und einträglicher zu seyn. Ueberdem hatte ich des Capitains Rache zu fürchten. — Mit einem Worte, ich blieb am Lande, und erhielt eine Stelle auf dem Hauptcomtoir.

Von meiner frühesten Jugend an, war ich ein Spiel des Zufalles gewesen, und hatte von dem Leben noch nichts, als das Mühselige desselben kennen gelernt. Jetzt endlich hoffte ich Ruhe und Genuß zu finden, ja ich schmeichelte mir sogar mit der baldigen Rückkehr ins Vaterland. Allein bald sah ich mich in meinen Erwartungen aufs bitterste getäuscht. Spärliche Besoldung, ekelhafte mechanische Arbeit, und so gut als keine Aussicht zu einer Verbesserung! Fast sehnte ich mich nach dem Seeleben zurück. Indessen beschloß ich auszuhalten, und mich auf ein Fach zu werfen, das mir bedeutende Vortheile versprach; ich meine die italienische Buchhaltung.

Dieser Gedanke bot sich mir bei der Lage der holländischen Compagniecomtoirs sehr natürlich dar. Es fehlte nämlich überall an Subjekten dazu. Wir, in Negapatnam, z. B. hatten nur einen einzigen Mann, der die Bücher auf diese Art zu führen verstand, und dafür allein sechshundert Pagoden (zu 4½ Fl.) bezog. Die Sache von ihm zu lernen, war freilich keine Möglichkeit; denn seinen Mangel an Gefälligkeit abgerechnet, stand er überdem viel zu hoch über mir. Ich mußte mir also selbst zu helfen suchen, was freilich mit vielen Schwierigkeiten verbunden war. Indessen, da ich keine Arbeit scheute, ward ich in Jahr und Tag ziemlich vertraut damit.

Ich hoffte nun nichts Geringeres, als zweiter Buchhalter zu werden; allein, wie sehr hatte ich mich abermals getäuscht! Zwar ward mein Fleiß nicht wenig gelobt, und erhielt einen kleinen Monatszuschuß; allein von einer eigentlichen Beförderung war durchaus die Rede nicht. Täglich mehr Arbeit; endlich mußte ich beinahe alles thun. Dies war zu viel, ich verlangte daher meinen Abschied. Da versprach mir der Buchhalter hundert Pagoden jährlich, und nach drei Jahren die förmliche Substitur. Ich gieng es ein, allein was geschah? Im ersten Jahr keine Rupie; im zweiten eben so, im dritten abermals nichts. Ich klagte bei dem Gouverneur, er gab mir Unrecht. Ich mußte die Bücher noch drei Jahre, und abermals unentgeldlich führen, dann erst wollte man weiter sehen. Ich verweigerte es, es sey ganz und gar meine Schuldigkeit nicht.

»Wie?« — rief der Gouverneur zornig — »Ihr wagt es, mir zu widersprechen? Ihr müßt die Bücher führen, sonst nach Batavia, oder außer Dienst!«

»Ich wähle das Letzte, gnädiger Herr!«

»Ist das euer Ernst?« fragte er erstaunt. — »Ueberlegt es wohl!«

»Es ist mein völliger Ernst!«

»Nun gut!« — sagte er hastig — »So seyd ihr hiemit augenblicklich entlassen — Sucht euer Glück anderswo!« — Mit diesen Worten drehte er sich um, und verließ den Saal.

So war ich denn endlich wieder frei; allein wegen der Zukunft allerdings nicht ganz unbesorgt. Ich hatte wenig Geld, und keinen Credit; meine meisten Freunde verließen mich. Indessen hatte ich mir neben dem Französischen auch einige Kenntnisse im Englischen erworben; es schien mir daher am rathsamsten nach Madras zu gehen. Schon hatte ich alle Anstalten dazu gemacht, als ich unvermuthet eine Einladung von Herrn Simons, unserem Magazininspector, erhielt. Dieser brave Mann hatte von meinem Plane gehört, und wollte mir, wie er sagte, einen besseren Vorschlag thun. Sein Bruder war nämlich Oberbuchhalter zu Sadras, und brauchte gerade einen Gehülfen meiner Art. Dieser Antrag war wirklich aller Ehre werth; doch gestehe ich gern, daß mich die Nähe von Madras (12 Meilen) auch mit bestimmen half. Leicht kamen wir daher über die Bedingungen überein. So verließ ich Negapatnam, und langte wohlbehalten in Sadras an.

Zweites Capitel.

In der That, Herr Simons hatte mich nicht getäuscht; ich fand mich wirklich in eine sehr angenehme Lage versetzt. Guter Gehalt, mäßige Arbeit, freundliche Behandlung, herzlicher Umgang; nie hatte ich noch so zufrieden gelebt. Die Luft war gesund, die Gegend angenehm, Sadras selbst ein wohlhabender, und sehr lebhafter Ort. Ich hebe aus dem Ganzen einige Parthien aus.

Zuerst der Bazar, oder Marktplatz, der aus einer breiten, mit Bäumen besezten Straße besteht. Schon Morgens um fünf Uhr strömen von allen Seiten Marktleute herbei. Junge Mädchen und Weiber mit Gemüsen und Früchten; alte Weiber mit Matten und Töpferwaaren; Reis- und Getreide-, Betel-, Areka-, Spezerei- und Tabakshändler; Verkäufer von Palmzucker, Palmblättern und Sandelholz; Korbflechter, Reiskuchenbäcker, Armringsfabrikanten u. s. w.; alle eilen herbei, alle stellen sich in Reihen auf. Zu gleicher Zeit erscheinen Gaukler und Wahrsager, Banianen mit ihren Probiersteinen, Tattowirer mit ihren Nadeln, endlich Sanias und Foguis (Bettelmönche) mit nackten Fakirs vermischt.

So wird es acht Uhr, und alle Buden, und alle Gewölbe öffnen sich. Die Menschenmasse vermehrt sich, das Getümmel nimmt zu, der ganze Bazar ertönt von Geschrei. — Mangas! Reife Mangas! — Tamarinden! Tamarinden! — Areka und Betel! — Büffelkuhmilch! — Eingemachte Früchte! Kauft Früchte in Zucker! — Reife und frische Cocosnüsse! Frischer Palmkohl u. dgl. m. Dazu der Gesang der Mönche, mit Trommeln und Tambourins, die Glöckchen der Putchares (geistliche Balladensänger), die Hörner der Sarpojans (Schlangenbeschwörer), die Schellen der Pandoces (geistliche Bänkelsänger) mit dem Lärm der malabarischen Schulen, dem gellenden hundertstimmigen Ana, Awena, Han, (A. B. C.) und dem fast alles übertäubenden Gekrächz von tausenden von Raben vermischt. Endlich mitten im dicksten Getümmel der Beriesocheng, der weiße heilige Stier, dem alles Platz macht, und alles liebkosend Geschenke reicht.

Das gesellschaftliche Leben war höchst angenehm. Bald giengen wir in einen Palmenbusch, um eben gezapften, frischen, blauen Palmsaft zu trinken; bald machten wir eine Jagd- oder Fischparthie. Ein andermal ritten wir nach den Austerfelsen, oder brachten unsern Tag in stiller Ländlichkeit in einer Chauderie (öffentliche Herbergen an den Landstraßen, in Wäldern u. s. w.) zu. Die hohen, schattigen Pipals, der Weiher mit Cocosbäumen bepflanzt, der nahe Palmenwald, die Menge von Pilgrimen und Reisenden — auch ein solcher »Dia do campo« im noch immer beibehaltenen Portugiesisch so genannt, hatte seinen eigenen Reiz.

Dann die Gesellschaften, wo sich alles der Freude und der Lebendigkeit überließ. Die fröhlichen Abendessen mit allem was Land und Jahrszeit Auserlesenes zu liefern im Stande war. Die von der Liebe geschlossenen Vereine, wo jeder zu den Füßen der Auserwählten saß, und ihr ein süßes Versprechen abgewann. Die blinkenden Becher, die Gesänge, die Tänze und die vaterländische Kraft mit ostindischer Ueppigkeit gepaart!

Drittes Capitel.

Fast anderthalb Jahre hatte ich auf diese Art höchst vergnügt in Sadras verlebt, als mein Glück auf einmal vernichtet ward. Es war den 17. Juni 17— ungefähr um vier Uhr Nachmittags. Wir waren bei dem Generaldirector Herrn von Neis, zu einem Geburtstagsschmause, und tranken lustig Gesundheiten herum. »Nun noch eins!« — rief eben unser Wirth — »Noch eins, meine Herren! Auf das Wohlergehen von Sadras!« — In dem Augenblicke trat der wachthabende Sergeant herein und meldete, daß ein englischer Offizier angekommen sey. Er verlange Herrn von Neis zu sprechen, und habe ein weißes Tuch an seinem Stock. — Niemand, und am wenigsten Herrn von Neis fiel das weiße Tuch auch nur im mindesten auf. — »Nur herein!« — antwortete er sehr vergnügt — »Ein neuer Gast macht neuen Durst! — Er soll mit auf das Wohl von Sadras trinken! Nur herein!« —

Der Sergeant gieng, um die Thür zu öffnen, und der Offizier trat in den Saal. — »Es thut mir leid« — hub er an, indem er sich zu Herrn von Neis wandte — »Es thut mir leid, der Ueberbringer einer unangenehmen Botschaft zu seyn. England hat Holland den Krieg erklärt. Der Commandant von Chenglepet (englisches Fort in der Nachbarschaft) steht mit seinen Truppen nur noch eine Stunde von hier. Er läßt Sie hiermit auffordern, das Fort und die Factorei von Sadras auf Diskretion zu übergeben. Dies mein Auftrag; in zwei Stunden bitte ich mir ihre Antwort aus!« — Mit diesen Worten machte er uns eine Verbeugung und entfernte sich.

Welche Nachricht! Bleich und sprachlos saßen wir einige Augenblicke wie vom Donner gerührt. Endlich trug Herr von Neis auf eine Berathschlagung der fünf Hauptbeamten an. Dies wurde so fort genehmigt, und alle übrigen Gäste entfernten sich. Lange sannen wir nun hin und her, was anzufangen sey. Widerstand konnten wir freilich nicht leisten; dazu waren wir viel zu schwach. Aber uns auf Diskretion ergeben, dies durften wir ebenfalls nicht. Wir beschlossen daher auf einer ordentlichen Capitulation zu bestehen. Im Fall dieselbe jedoch verweigert würde, wollten wir uns in das Fort zurückziehen. Bei diesem Entschlusse blieb es, und so ward das Ganze zu Papier gebracht. Nach sechs Uhr gieng ich damit in Begleitung des Oberbuchhalters und des Parlementärs zu dem englischen Commandanten, einen Capitain Mackay ab. Sein Lager war wirklich nur eine Stunde von Sadras entfernt.

Wir kamen an und passirten die Vorposten ohne Schwierigkeit. Alles war still und finster, nie hatte ich noch ein so ruhiges Lager, ohne das mindeste Licht gesehen. Doch kaum waren wir angemeldet, als es etwas lebendiger ward. Man zündete Lichter an und brachte Stühle für uns. Einige Minuten und wir saßen dem Commandanten gegen über, der uns sehr stolz ansah.

»Capitain!« — hub ich an — »hier sind die Bedingungen, auf welche das Fort und die Factorei übergeben werden soll.«

Hastig riß er mir die Capitulation aus der Hand, las sie durch, und warf sie mir wieder zu. — »Sagt eurem Direktor, daß keine seiner Bedingungen angenommen wird. Es bleibe bei der Aufforderung. Ich habe Canonen und Leitern bei mir.«

»Capitain! Sie behandeln uns wie Callouris (indische Räuber). Wir sind Holländer, wissen Sie das?«

Er that, als verstünde er mich nicht, und schwieg einige Zeit. Endlich fuhr er trotzig auf: — »Nun, habt ihrs gehört, nur auf Discretion! — Versteht ihr mich?«

»Nimmermehr!« — antwortete ich mit Festigkeit! — »Lieber das Aeußerste als dies!« —

»Nun so will ich euch denn zeigen, ihr — ihr!« —

»Gut! Wir wollen's erwarten, Capitain! Aber Sie werden für unser Blut verantwortlich seyn. Eher soll man uns in Stücken hauen!« —

Er antwortete nichts, gieng aber mehrere Minuten nachdenkend auf und ab. Endlich riß er mir die Capitulation aus der Hand, las sie noch einmal durch, unterzeichnete sie sehr bedächtlich, und gab sie mir ganz gelassen zurück. Jezt hieß es: Auf nach Sadras! und augenblicklich war alles mit Lichtern bedeckt, und überall ertönte Trompeten- und Paukenschall. Wir eilten den Truppen voraus, um unsern Bericht abzustatten, zufrieden, daß wenigstens so viel erlangt worden war. Endlich um elf Uhr zogen die Engländer mit klingendem Spiele ein, besezten das Fort, die Packhäuser u. s. w., und brachten die ganze Nacht mit Trinken und Lärmen zu.

Am folgenden Morgen ward unser Schicksal näher bestimmt. Die Garnison mußte Dienste nehmen, wir Compagniebeamten wurden nach Madras geschickt. Indessen fehlte es an Platz, um unser Eigenthum mitzunehmen; alles ward daher vorläufig in die Packhäuser gebracht. Dies war offenbar Treulosigkeit; keiner von uns hat je das Mindeste wieder davon gesehen. Ich selbst verlor auf diese Art ungefähr dreitausend Pagoden an Werth. Eben so kam ich um andere tausende, die mir die Compagnie schuldig war. Alles, was ich noch retten konnte, mochten hundert und einige zwanzig seyn. So kam ich mit meinen Unglücksgefährten in Madras an.

Viertes Capitel.

Aber was nun anfangen? — Ohne Geld, ohne Freunde, ohne Empfehlungen! — Ich fühlte nur zu sehr, wie verlassen ich war. — Endlich fiel mir ein gewisser Herr Franck, ein deutscher Landsmann, ein. Ich hatte ihn zufällig in Sadras kennen gelernt, und ihm selbst einige kleine Gefälligkeiten erzeigt. Diesen suchte ich auf, und fand die herzlichste Theilnahme bei ihm. Sehr bereitwillig bot er mir sogleich sein Haus, seinen Tisch, ja sogar seine Börse an; allein er war selbst nicht reich; ich machte daher nur einige Tage von seiner Güte Gebrauch. Eben war ich im Begriff mit einigen unverheiratheten jungen Leuten zusammen zu ziehen, als ich auf einmal — doch hierüber muß ich etwas umständlicher seyn.

Während meines Aufenthaltes zu Sadras hatte ich einem alten braven Sergeanten, Namens Winter, gegen über gewohnt, und so die Bekanntschaft seiner eben so schönen als sittsamen Tochter Sophie gemacht. Ich wußte, daß der arme kranke Mann bei der Uebergabe nach Madras eingeschifft worden war. Leider hatte ich ihn aber aus dem Gesichte verloren, fand ihn jetzt nur mit Mühe wieder, und traf ihn in den traurigsten Umständen an. Augenblicklich war mein Entschluß gefaßt. Ich miethete ein malabarisches Häuschen, kaufte die nothwendigsten Mobilien u. s. w., und nahm die Familie zu mir. Nur wenig Wochen hatten wir indessen zusammengelebt, als der alte Mann nach einem kurzen Krankenlager in meinen Armen verschied. Ich liebte Sophien heiß und innig, leider war sie aber an einen andern verlobt. Sie theilte meine Empfindungen, sie hatte nur aus Noth eingewilligt, und fürchtete das verhaßte Band. Ich beschloß sie nicht zu verlassen, und die Mutter dankte mir mit Thränen dafür.

Aber um so furchtbarer lag der Gedanke an die Zukunft auf mir. Mein Geld nahm ab; die Gelegenheit zum Verdienste war bei dem stockenden Handel ziemlich beschränkt; ich befand mich bald in großer Verlegenheit. Endlich brachte mich Herr Franck bei einem Mr. Popham als Schreiber an. Aber auch jezt verschaffte uns meine Einnahme täglich nur eine Mahlzeit; die Theurung war gar zu groß. In dieser traurigen Lage ward ich zufällig einen der reichsten portugiesischen Kaufleuten von Madras, Shor. Antonio de Souza, bekannt. Ich hatte ihm nämlich einige Papiere zu überbringen, fand ihn gerade mit Shra de Souza beim Frühstück, und redete ihn englisch (seine Lieblingssprache) an.

»Wie lange sind Sie aus England?« — fiel er mir plözlich ein.

»Ich bin kein Engländer, mein Herr, und war auch niemals dort.«

»So? — Also sind Sie in Indien geboren?«

»Nein! Ich bin ein Holländer, mein Herr, und war Buchhalter zu Sadras.«

»Können Sie die Bücher englisch führen?«

Ich verbeugte mich.

»Gut! Gut!« — fuhr er mit Lebhaftigkeit fort. »Ich brauche eben einen Buchhalter. Sie sollen monatlich sechzig Pagoden und freien Mittagstisch haben, auch das Frühstück, wenn Sie wollen. Jetzt sagen Sie!« —

»Mein Herr! — Ich bin zu Ihren Diensten. — Aber wie soll ich Herrn Popham.« —

»Das ist meine Sorge. — Treten Sie nur in Gottes Namen an. — Aber Sie sehen so elend aus? — Sind Sie krank?« —

»Das nicht, mein Herr — Aber« — gieng ich aufrichtig über meine Lage u. s. w. heraus, wobei ich auch Sophien nicht vergaß.

»Das ist brav!« — sagte er lebhaft, und schüttelte mir die Hand. — »Bei Gott, das ist brav! — Sie sind ein ehrlicher Mann!« »Hier« — fuhr er fort, indem er in die Casse griff — »Hier sind hundert Pagoden auf Abschlag — Und diesen Abend schicke ich Ihnen zehn Säcke Reis. Gott mit Ihnen, morgen sehen wir uns!«

War es ein Traum? — O überglückliche Veränderung! Sophie weinte vor Freuden. — Abends wurden mir richtig zehn große Säcke mit Reis, und überdem mehrere schöne Stücke Zitz und dergl. für Mutter und Tochter gebracht. Jetzt erst erinnerte ich mich, wie sehr Madame de Souza bei meiner Erzählung gewesen war. Seliger, unvergeßlicher Abend! So waren wir denn auf einmal aller unserer Sorgen los!

Fünftes Capitel.

Unterdessen war das Carnatik der Schauplatz des Krieges geworden; stündlich kamen mehr Flüchtlinge bei uns an, und die Theurung nahm von Tage zu Tage zu. Vergebens schickte man aus Bengalen eine Menge Schiffe ab; die Franzosen brachten sie fast vor unsern Augen auf. Schon wurden wir daher von dem schrecklichsten Mangel bedroht, als unvermuthet auf der Rhede eine achtzig Segel starke Flotte erschien, die den Feinden unter Begünstigung eines Nebels entgangen war. Entzückender Anblick! Alles eilte an den Strand; alles wollte die kornbeladenen Schiffe sehen; lautes Freudengeschrei erfüllte die ganze Stadt.

Der Eintritt des Regenmonßons war nahe; gleichwohl zögerte man, zu meinem Erstaunen, mit der Ausschiffung. Wirklich wurden, weder den ersten noch den zweiten Tag, nicht die mindesten Anstalten dazu gemacht; der dritte vergieng auf gleiche Art; der vierte brach an; jetzt war es zu spät dazu. Seit zweimal vier und zwanzig Stunden nämlich hatte man alle Vorzeichen eines Orkans bemerkt.

Aengstlich drängten sich die Kühe auf der Weide zusammen, und stöhnend eilte das Wild den dichtesten Büschen zu; die Hunde heulten, die Vögel flogen unruhig umher, die meisten Thiere verkrochen sich. Stoßweis lief der Wind alle Compassstriche durch, und rings am Horizonte schossen feurige Flammen auf. Heftig schien das Meer in seinem Innern zu kochen, und warf eine Menge Muscheln und Seegewächse aus. Auf den schäumenden Wellen zeigten sich unbekannte Ungeheuer, und mit ängstlichem Geschrei flüchteten Tausende von Seevögeln an's Land.

Heute, als am fünften Tage traten alle diese Anzeichen mit verdoppelter Stärke ein. Die Luft war glühend heiß, der ganze Himmel mit schwarzen Wolken bedeckt. Furchtbar, in dumpfem Donnergemurmel, zogen sie gegen einander; tiefer und immer tiefer senkten sich die ungeheuern Massen, und feurige Blitze durchkreuzten die wachsende Finsterniß.

Endlich brach der Orcan mit tausend Donnerschlägen los. Der Regen in Strömen herab; die Cocos-Wälder wie Binsen zerknickt; die Trümmer wie Spreu umher; die schäumende Brandung bergehoch; Blitz auf Blitz; Schlag auf Schlag; ein Donner, eine Flamme; die ganze Natur in Untergang. Wenig Minuten, und die Rhede war mit treibenden Schiffen bedeckt. Bald verschwanden sie in den Abgrund; bald flogen sie wieder himmelan. Die Masten brachen; die Segel zerrissen; die Seiten öffneten sich. Schiff gegen Schiff geschleudert; ein's an dem andern zerschellt. So wirbelten sie in immer schnelleren Kreisen, bis sie endlich der schwarze Abgrund verschlang. Fünf Secunden, und unsere lezte Hoffnung war auf ewig dahin. — Welche Nacht! — Noch jezt denke ich mit Entsetzen daran. Als der Tag anbrach, war der ganze Strand mit Leichnamen und Trümmern bedeckt.

Sechstes Capitel.

So brach denn auch diesmal die schrecklichste Hungersnoth aus. Mochten die armen Hindus auch Alles verkaufen, sie fristeten ihr Leben doch nur einige Tage damit. Bald lagen Tausende dieser Unglücklichen, ohne Nahrung, ohne Kleidung, ohne Obdach, bei den heftigsten Regengüssen, auf den Straßen umher. Fürchterlich wüthete der Tod darunter, jeden Morgen fuhren an fünfzig Karren mit Leichnamen aus der Stadt. Endlich trieb man die lezten zweitausend Hindus auf das Glacis. Hier starben sie den langsamen Hungertod. Drey Tage und Nächte stieg ihr Wimmern zum Himmel auf. Endlich ward alles still. — O Menschen, und Menschenleben! — Doch, ich kehre zu meinen eigenen Schicksalen zurück.

Ich hatte meine Stelle bei Herrn de Souza aufgeben müssen; sein Jähzorn war gar zu groß. Noch keiner hatte so lange bei ihm ausgehalten; ich weiß am besten, wie viel ich mir gefallen ließ. Endlich aber ward es gar zu arg, und so brach ich förmlich mit ihm. Dennoch machte er mir noch hundert Pagoden zum Geschenk. Es war einer der sonderbarsten und veränderlichsten Menschen, die mir vorgekommen sind.

Alles machte mir nun den Aufenthalt in Madras unangenehm. Dazu kam die Furcht vor Hyder Ali, dem die schwarze Stadt — wo wir wohnten — am ersten offen stand. Ich dachte also ernstlich an eine Veränderung. Endlich lief ein Doppel-Thony (großer Küstenfahrer) unter dänischer Flagge ein, die nach Tranquebar bestimmt war. Ohne Mühe ward ich mit dem Tandel (Schiffer) einig, ließ unsere Effekten an Bord bringen, geleitete am andern Morgen Sophien mit ihrer Mutter selbst dahin, und kehrte dann, zur Abmachung einer lezten Angelegenheit, noch einmal an's Land zurück.

Unerwartet vergieng mir indessen darüber der ganze Vormittag. Jezt war es drei Uhr, und alles besorgt. Nach einer kurzen Mahlzeit machte ich mich auf, um noch einmal Freund Sabico Lebewohl zu sagen, dessen Haus überdem in meinem Wege lag. Plözlich biege ich um eine Ecke in ein schmales Gäßchen, wo alles mit Leichnamen bedeckt ist. Ein sterbendes Weib windet sich auf der Erde, und zerfleischt den blutigen Leichnam ihres Säuglings. Dieser Anblick, der Gestank, die Hitze, meine Ermüdung, alles überwältigte mich. Ich sank ohnmächtig nieder; ward zu Sabico getragen; und kam erst nach sechs Stunden wieder zu mir.

Mein erster Gedanke war Sophie und das Schiff. Mit einem Schreie raffte ich mich auf, und stürzte durch die finstere Nacht, bei Sturm und Regen, dem Strande zu. Vergebens, nirgends war ein Schiffslicht zu sehen. Ich wollte rufen; meine Stimme ward durch die tosende Brandung übertäubt. So brachte ich eine höchst traurige Nacht im nächsten Wirthshause zu. Endlich mit grauendem Morgen, eile ich wieder an den Strand. Der Nebel zerfließt, die Küsten werden sichtbar, das wogende Meer erhellt sich! — Kein Schiff, so weit das Auge reicht!

Siebentes Capitel.

Mein Schmerz war grenzenlos; aber zu diesen Seelenleiden kam nun noch Geldverlegenheit. Meine Coffres waren an Bord, kaum hatte ich achtzig Pagoden bei mir. Zwar bot mir der gute Sabico Kost und Wohnung an; auch machte ich wirklich Gebrauch davon; allein wir hatten beide nicht viel. Mein Herz war unaufhörlich in Tranquebar. Tag und Nacht brütete ich über meinen Reiseplan.

Gleichwohl fehlte es immer an Schiffsgelegenheit, denn die französischen Kaper nahmen alle Küstenfahrer weg. Eben so wenig war an die Landreise zu denken; Hyder Ali's Reuter durchstreiften den ganzen Distrikt. Aber die Theurung ward immer größer; ich fühlte, daß ich meinem Freunde lästig zu werden anfieng. Sichtbar griff mich der beständige Kummer an. Was war zu thun? Es galt auch diesmal einen verzweifelten Entschluß. — Ich mußte nach Tranquebar — Tot oder lebendig; ich mußte nach Tranquebar.

Vergebens rieth mir der gute bedächtige Sabico von diesem — wie er's nannte — entsetzlichen Wagstück ab. Ich blieb unerschütterlich, meine Liebe gab mir zu allem Muth. Ohne Zeitverlust kaufte ich so eine alte Chialeng, (Ruderboot) brachte vier Ruderer zusammen, versah mich mit Reis, Fleisch, Wasser, Natten, u. s. w. und stieß endlich am 24. Nov. 17— Nachmittags um 3 Uhr — vom Ufer ab.

Doch kaum hatten wir uns einige Klaftern weit entfernt, als schon das Wasser auf allen Seiten in die Chialeng drang. Sie war sehr lange ungebraucht gewesen, und sog es daher auf allen Fugen ein. Man rieth mir, sie bis zum andern Morgen verquellen zu lassen, doch dies erlaubte mir meine Ungeduld nicht. Ich nahm daher noch einen fünften Mann, einzig zum Ausschöpfen, an, und fuhr so endlich zum zweitenmale ab.

Glücklich waren wir über die Brandung gekommen; zum erstenmal athmete ich wieder mit Leichtigkeit. Jeder Ruderschlag, der mich von Madras entfernte, führte mich der Geliebten zu. Der Himmel war heiter, das Meer vollkommen ruhig, die nach Süden laufende Strömung uns förderlich. Freundlich sank die Sonne in's blaue Meer hinab, und die Spitzen der Pagoden, und die Wipfel der Cocospalmen glänzten im Abendroth. Zufällig blickte ich auf das Fort St. Georges; man ließ die Flagge herab. Wenig Minuten darauf geschah ein Schuß, und pfeifend fuhr die Kugel über die Chialeng hin.

Mehr verwundernd als erschrocken hielten wir einen Augenblick mit Rudern ein. Wir waren allein auf der Rhede, und nirgends ein anderes Fahrzeug zu sehen. — »Wahrscheinlich ein Signalschuß!« — sagte ich ruhig — »Und ein Mißgriff vom Canonier. Aber bei einem Haar hätte er uns doch in den Grund gebohrt. Jetzt in Gottes Namen wieder frisch daran!« —

Herzhaft ruderten wir weiter; doch in demselben Augenblicke geschah ein zweiter Schuß, und die Kugel schlug keine Klafter von uns in's Meer. Jetzt sah ich deutlich, daß es auf unsere Chialeng angelegt war. — »Zurück! — Zurück!« — rief ich meinen Leuten zu — »Arbeitet, was ihr könnt! Um Gotteswillen, ehe der dritte Schuß geschieht!« — Wir thaten nun unser Möglichstes, wiewohl uns die Strömung entgegen war. Man schien es auf dem Fort zu bemerken, und hielt wirklich mit Schießen ein.

Nichts von meinen Empfindungen; ich war außer mir. — Schweigend ruderten wir fort, bis es immer düsterer ward. Bald hörten wir ein anderes Fahrzeug auf uns zukommen, und nicht lange darauf lag eine stark bemannte Chialeng neben uns. — Zwei Srapoys sprangen herüber — »Im Namen des Gouverneurs! — Ihr seyd arretirt. — Vorwärts! Frisch an den Strand!« — Ich vermochte kein Wort zu sagen, meine Gedanken verwirrten sich. — O Sophie! — O Tranquebar!

Achtes Capitel.

So langten wir, ohngefähr um zehn Uhr Abends, bei dem am Strande stehenden Hause des Equipagen-Meisters an. Alles war hier mit Menschen angefüllt, alles wollte den Arrestanten sehen. — »Da ist er! Da ist er!« — rief man von allen Seiten, und der ganze Haufe drängte sich um mich. — »Wer seyd ihr?« (who are you?) fragten mich hundert Stimmen zugleich. — »Es ist ein Spion! Es ist ein Franzos!« (It is a spy! It is a French dog!) schrie man hier. — »Nein! Es ist ein Holländer! Ich kenne ihn!« (It is a Dutchman, I know him) antwortete man dort. — Endlich fiel eine mir wohl bekannte Stimme ein. — »Es ist ein ehrlicher Mann, ich bürge dafür!« (It is an honest man; I'll answer for it!) Es war der gute Franck, er erkannte mich erst in diesem Augenblick. Doch eben trat der Equipagen-Meister, Mr. Hall, heraus.

»Wer seyd ihr?« — fuhr er mich mit barscher Stimme an.

»Ein Holländer von Sadraspatnam.«

»Wo ist euer Erlaubnißschein?«

»Ich habe keinen, weil ich es nicht für nöthig hielt.«

»Wie? Keinen Erlaubnißschein? — Also wißt Ihr auch nicht, daß ich der Equipagen-Meister bin, und daß, ohne mein Wissen, Niemand die Rhede verlassen darf?«

»Sir! Haben Sie die Güte zu bedenken, daß ein Fremder« —

»Was Fremder? Fremder? — Ausflüchte! Nichts als Ausflüchte. — Ihr müßt die Gesetze von dem Lande kennen, worin ihr lebt. — Man schleicht nicht, wie ein Dieb davon, wenn man nichts Böses im Schilde führt. — Ich wette, ihr seyd am Ende ein französischer Spion! — Aber nehmt euch in Acht — He Srapoys! führt ihn« —

In diesem Augenblicke trat der gute Franck hinzu, und sagte ihm etwas in's Ohr. — »Das ist was anderes« — fuhr er jetzt etwas milder fort. — »Aber, was soll ich machen? — Melden muß ich es doch dem Gouverneur! — Nun gehen Sie unterdessen nur auf die Hauptwache. — Nachher wollen wir weiter sehen! Hoffentlich wird es so arg nicht werden! — Gehen Sie nur!«

So gieng ich denn, und brachte ohngefähr eine Stunde auf der Hauptwache zu. Endlich, nach elf Uhr, trat ein wohlgekleideter Mann herein, und fragte nach dem »Gentleman«, der arretirt worden sey. Ich nahm dies Wort für eine gute Vorbedeutung an. Wirklich begleitete er mich auch zum Gouverneur, wo ich in einen großen Saal geführt ward.

Es dauerte wohl eine halbe Stunde, ehe sich jemand sehen ließ. Endlich trat der Plazmajor, Mr. Sydenham herein; er kannte mich unter andern von Herrn Souza her. — »Wie?« — fragte er verwundernd — »Sind Sie es, Haafner? — Welche Tollheit ficht sie an, bei Nacht mit einer Chialeng in See zu gehen? — Wo wollen Sie hin? Was haben Sie vor?«

»Ach, Sir!« — antwortete ich seufzend — »Mangel und Liebe treiben mich fort!« — Zugleich machte ich ihn mit meiner Lage bekannt. — »Sprechen Sie für mich!« — fuhr ich fort — »Ich weiß, daß ein Wort von Ihnen hinreichend ist!« — Meine Erzählung schien ihn gerührt zu haben; er versprach, sein Möglichstes zu thun, und verließ mich.

Doch bald darauf kam er lächelnd zurück. — »Beruhigen Sie sich. Die Sache wird besser gehen, als Sie denken.« — »Hier!« indem er mich in ein Nebenzimmer wies, wo ein kleiner Tisch gedeckt war — »Hier trinken Sie unterdessen ein Glas Wein. In einer halben Stunde bin ich wieder da.« — Ich dankte ihm auf's herzlichste für seine Güte, denn ich war wirklich bis zum Aeußersten erschöpft.

Eben hatte ich das kleine Mahl geendigt, als die Thüre aufgieng, und der Gouverneur, Lord Macartney, in Begleitung des Plazmajors und eines Secretärs, in das Zimmer trat. Er schien keinesweges zornig, fixirte mich indessen mit großer Aufmerksamkeit.

»Wissen Sie nicht?« hub er endlich an, — »daß wer sich in Kriegszeiten heimlich aus einer Stadt zu schleichen sucht, wie ein Spion angesehen werden muß?«

»Ich weiß es, Mylord, aber ich bitte Ew. Exc. zu bemerken, daß ich nichts weniger als heimlich, sondern bei hellem lichten Tage, und in Beiseyn vieler Zeugen abgefahren bin.«

»Aber doch immer ohne Erlaubnißschein. — Warum machten Sie dem Equipagen-Meister keine Anzeige davon? — Es ist ein Glück für Sie, daß Mr. Sydenham Sie kennt. Um seines Zeugnisses willen, mag die Sache auf sich beruhen!«

Ich machte eine tiefe Verbeugung.

»Nun gut! Sie können abreisen; allein es ist eine Bedingung dabei. Sie müssen einige Briefe für den Obersten Hamilton bei Tranquebar mitnehmen, die ihm eigenhändig zu übergeben sind.«

Ich verbeugte mich abermals.

»Es sind Briefe von der äußersten Wichtigkeit. Sie können leicht denken, daß mir an der richtigen Bestellung derselben sehr viel gelegen ist. Bei der Uebergabe werden Ihnen sofort tausend Pagoden ausgezahlt. Ueberdem werde ich, im Falle ihrer Zurückkunft, auf Ihre Versorgung bedacht seyn.« —

Ich dankte ihm für sein Zutrauen, und versprach mein Möglichstes zu thun. Hierauf händigte er mir die Briefe, in lauter kleinen Röllchen, nebst der Ordre für die tausend Pagoden, ein; wünschte mir glückliche Reise, und entfernte sich. Mr. Sydenham befahl darauf einigen Srapoys, mich an den Strand zu begleiten, und ein Couti (Träger) folgte mir mit einem Korbe voll Lebensmittel nach. So trat ich wieder in meine Chialeng, und kam endlich um zwei Uhr nach Mitternacht glücklich in See.

Neuntes Capitel.

Wunderbare Veränderung! — Und das alles verdankte ich den Briefen von Lord Macartney. Aber warum legte er so viel Wichtigkeit darauf? Weil die Verbindung mit dem englischen Lager schon seit mehreren Wochen unterbrochen war. Alle Couriers (Harkarrahs) wurden von den mahrattischen Streifparthien ermordet, oder mit verstümmelten Nasen und Ohren zurückgeschickt. Niemand wollte sich mehr zu dieser Reise verstehen. Aber sollte ich den Feinden meines Vaterlandes dienen, oder sollte ich nicht vielmehr — Doch das Wetter war vortrefflich, der Mond stand groß und freundlich am Himmel, und das ruhige Meer glänzte in Silberschein. Wir spannten unser kleines Segel auf, und steuerten fröhlich nach Süden zu.

Als die Sonne aufgieng, befanden wir uns auf der Höhe von Covilom, und schon um zwei Uhr Nachmittags hatten wir mein liebes Sadras im Gesichte. Plözlich tagte im Südost eine Fregatte auf, die mir verdächtig schien. Ich ließ daher zwischen die Brandung rudern, und lief in eine kleine Sandbucht ein. Jezt, so nahe bei Sadras, mußte ich diesen freundlichen Ort doch noch einmal sehen. Ich ließ demnach die Chialeng an den Strand ziehen, und eilte den wohlbekannten Fußsteig hinan.

Allein was fand ich? Alles öde, alles mit Schutt und Trümmern bedeckt. Die Einwohner waren durchs Schwerdt, oder den Hunger umgekommen; die Engländer, die mahrattischen Streifparthien, die Räuberbanden hatten allmählich Alles zerstört. Traurig wandelte ich durch die einsamen Straßen hin, bis ich endlich an mein eigenes Häuschen kam. Noch breitete der hohe, schattige Tamarindenbaum seine kühlenden Aeste darüber aus; aber es hatte das Schicksal der übrigen gehabt. Voll wehmüthiger Erinnerungen eilte ich an den Strand zurück, und beschloß, wo möglich, noch bis Alamparve zu gehen. Es war ohngefähr vier Uhr Nachmittags.

Eine Stunde darauf befanden wir uns auf der Höhe von Arialchery. Aber inzwischen war der Wind weniger günstig geworden, und der Himmel hatte sich mit schwarzen Wolken bedeckt. Die See gieng hohl; die Möwen flogen nach dem Lande; Alles kündigte ein Ungewitter an. Dennoch hoffte ich Alamparve noch erreichen zu können, und ließ daher die Leute rudern, was nur möglich war. Bald aber versank die Küste in Nacht, und der glänzende Schaum der Brandung war das Einzige, was ihre Nähe verrieth.

Noch eine gute Stunde hatten wir ungefähr in dieser Richtung fortgesteuert; als der Wind allmählig aus Norden aufzufrischen anfieng. Bald war er uns völlig entgegen, und Alamparve zu erreichen pure Unmöglichkeit. Zugleich brach das Ungewitter los, und der Regen schoß in Strömen herab. »Ans Land! Ans Land!« — schrien wir alle, und ruderten muthig in die schäumende Brandung hinein. Die Chialeng stieg und sank, bis sie endlich von der lezten Welle, wie ein Pfeil ans Ufer geschnellt ward.

Die Gegend, wo wir uns befanden, war mit Gebüsch und wilden Palmbäumen bedeckt, und schien gänzlich unbewohnt. Wir zogen die Chialeng so hoch als möglich ans Land, nahmen einige Lebensmittel daraus, und verbargen uns im Gehölz. Der Sturm wüthete mit Heftigkeit fort. Die Palmen rauschten; der Regen schoß zwischen den Zweigen herab; und furchtbar tönte die Brandung vom Ufer her. Keiner von uns vermochte ein Auge zuzuthun.

Gegen Morgen schien das Wetter etwas besser zu werden; doch gieng die See entsezlich hoch. Wir beschlossen daher, ruhig am Lande zu bleiben, worauf sich jeder dem Schlafe überließ. Einige Stunden darauf erwachte ich plözlich von einem Sonnenstrahl, stand auf, und legte mich an einen Baum. — Auf einmal — Menschenstimmen ganz nahe bei mir. — Ich warf mich auf den Boden; der Ton kam vom Strande her — Mit zurückgehaltenem Athem kroch ich an den Rand des Gehölzes, da zogen sie hin. — Zwanzig Mann von einer mahrattischen Streifparthie.

So ritten sie vorüber, und eilends weckte ich meine schlafenden Leute auf. — Was sollte ich thun? — In See gehen? — Der Sturm hielt noch immer an. — Am Lande bleiben? — Die Gefahr nahm mit jedem Augenblick zu. — Unterdessen hatte sich der Himmel aufgeklärt. — Ich beschloß, mein Schicksal dem Meere anzuvertrauen. — »In See!« — rief ich meinen Leuten zu; sie schüttelten den Kopf. — »So wißt denn« — fuhr ich fort, und theilte ihnen den Vorfall mit. — Mehr bedurfte es nicht; augenblicklich war die Chialeng flott gemacht. Muthig ruderten wir durch die Brandung, und kamen bei dem dritten Versuche glücklich in See.

Zehntes Capitel.

Das Wetter blieb gut, das Meer wurde von Stunde zu Stunde ruhiger, langsam steuerten wir längs der Küste hin. So hatten wir ungefähr eine Meile zurückgelegt. Plözlich wurden wir am Strande einen Menschen gewahr. Er rang die Hände, warf sich auf die Knie, kurz, er schien unsere Hülfe anzuflehen. — »Wir müssen ihn aufnehmen!« — rief ich meinen Leuten zu, und sie waren sämmtlich dazu bereit. Auf einmal hören wir Pferde wiehern! — »Verrath!« — rief ich heftig — »Zurück! Zurück! Um Gotteswillen zurück!« — Schwer schwebten wir auf der Spitze der zweiten Welle — Einige Minuten später, und die Chialeng würde an den Strand geflogen seyn. Mit gräßlichem Geschrei kam jezt ein Haufen Räuber aus dem Gebüsche. Einer davon schwang sich auf ein Pferd und jagte fort. Doch wir waren schon wieder in offener See.

Gegen Mittag konnten wir bereits das rothe Dach der Chauderie[1] von Alamparve sehen. Gern wäre ich einen Augenblick gelandet, um Wasser einzunehmen, allein der Truppen wegen, beschloß ich, es lieber an einer einsamern Stelle zu thun. Wir ruderten also herzhaft fort, bis wir ungefähr auf der Höhe des Dorfes waren, das mit seinen Baumgruppen gar lieblich vor uns lag. Plözlich sahen wir zwei, dann zehn, dann immer mehr Reiter auf den Strand zueilen, bis er endlich fast ganz damit bedeckt war. Sie riefen uns zu, ans Land zu kommen — »Morgen! Morgen!« (Nalekie! Nalekie!) gaben wir lachend zur Antwort, und hatten nur unsern Scherz damit.

Doch mit wüthenden Geberden wiederholten sie ihre Aufforderung, und legten zu gleicher Zeit ihre Büchsen auf uns an. Jezt fand ich räthlich vom Lande abzuhalten, und gab sofort das Zeichen dazu. Aber in demselben Augenblicke schossen sie, und einer meiner Leute that einen gräßlichen Schrei. — »O Vater! Vater!« (Are appa! Are appa!) — »Wo? Wo?« — rief ich erschrocken, in der Meinung, daß er verwundet sey. Doch es war noch viel schrecklicher — Er zeigte auf zwei Kattamarans[2] — Sie waren mit Srapoys bemannt, suchten uns den Weg abzuschneiden, und ruderten eilig auf uns zu. Wahrscheinlich hatten sie an einer andern Stelle vom Ufer gestoßen, während uns der Räuberhaufen beschäftigt hielt.

Was war zu thun? — Wir arbeiteten was wir konnten, allein nach wenig Minuten hatten sie uns eingeholt. — »Zurück! Ihr Spitzbuben!« (Rirau Bantjot!) — riefen sie uns zu, und legten auf uns an. — Wir waren verloren; ich sah es vollkommen ein. Einen so schrecklichen Augenblick hatte ich noch nie gehabt. Doch plözlich faßte ich wieder Muth. — »Seyd unbesorgt!« — sagte ich zu meinen Leuten — »Ich habe meinen Plan gemacht; es wird euch nichts zu Leid geschehen. Wir haben uns bei Nacht von Madras geflüchtet! Vergeßt es nicht, bei Nacht von Madras!« — In diesem Augenblick waren die Kattamarans neben uns, und fluchend sprangen die Srapoys in unsere Chialeng.

»Ich bin ein Holländer!« — rief ich ihnen zu, ohne daß es jedoch etwas zu helfen schien. Einer war besonders so kühn, daß er seinen Säbel über meinen Kopf schwang — »Nehmt euch in Acht« — fuhr ich fort, — »und bedenkt, was ihr thun wollt. Ich bin ein Abgesandter; ich habe eine äußerst wichtige Botschaft an den französischen Admiral, und an den Nabob Hyder Bahadur. Die geringste Beleidigung, die ihr mir, oder meinen Leuten zufügt, kostet euch euren Kopf, dafür stehe ich euch!« — Dies wirkte, und sie steckten sofort ihre Säbel ein. Zugleich erfuhr ich, daß ich auf Befehl des Jammedaars (Districtscommandanten) eingeholt worden war.

Als ich ans Land trat, ward ich von der ganzen Masse umringt, und mit den niedrigsten Schimpfwörtern überhäuft — »Wie?« — rief ich — »Ihr wagts, den Vakirl (Gesandten) an den Nabob zu schmähen? — Wartet! Es soll euch gereuen!« — »Hier!« — fuhr ich mit gebieterischem Tone zu einem der Offiziere fort — »Hier liegt meine Chialeng! Ich übergebe sie eurer Obhut! Stellt augenblicklich eine Wache dabei! Es sind Briefschaften und Papiere für den Nabob darin! — Daß sie kein Mensch anrührt; hört ihrs! Ich fordere Alles von euch zurück!« —

»Und ihr!« — indem ich mich zu meinen Leuten wandte, — »Ihr bleibt hier, bis ich wieder komme, und wehe dem, der euch etwas zu Leide thut!«

»Jezt!« — zu den Srapoys — »Jezt, laßt uns gehen! — Meine Zeit ist kostbar!«

Eilftes Capitel.

Wir kamen an, der Jammedaar saß vor der Thüre der Chauderie. Mein Plan war gemacht; nichts konnte mich retten, als die kühnste Entschlossenheit. Stolz und ruhig gieng ich auf ihn zu, grüßte ihn, und sezte mich ohne weiteres neben ihn. Er griff nach seinem Dolche, allein ich kam ihm mit meiner Anrede zuvor. — »Jammedaar!« — sagte ich — »Du kennst mich und meinen wichtigen Auftrag nicht; das entschuldigt dich! Aber ich wünsche um deinetwillen, daß der Nabob nichts davon erfährt. Bei dem allmächtigen Gott! Er würde dich für diese schnöde Behandlung zu bestrafen wissen, ich stehe dir dafür!« —

Was ich voraus gesehen hatte, geschah. Der Jammedaar war überrascht, und sah schweigend und unentschlossen vor sich hin. — »Ich bin ein Holländer!« — fuhr ich im vorigen Tone fort — »Und muß nach Pondichery, — der französische Admiral.« —

»Jammedaar!« — rief hier plözlich ein Srapoy, und trat aus dem uns umgebenden Haufen hervor. — »Jammedaar! Laß dich nicht von diesem Prahler hintergehen! Ich habe seine Leute befragt. Sie kommen von Madras und gehen nach Tranquebar. Es ist gewiß ein englischer Hund, der nach dem Lager von Cudelore will!« — Bei diesem Worten gerieth der ganze Haufen in Wuth — »Ja! Ja! Es ist ein englischer Hund!« wurde von allen Seiten wiederholt.

»Nein!« — rief ich entrüstet — »Kein Engländer! — Ein Holländer von Sadringapatnam bin ich. — Warum die giftigen Worte? — Ihr sagt, daß ich von Madras komme? Wer läugnet es? — Aber warum verschweigt ihr, daß wir bei Nacht von dort geflüchtet sind?« —

»Jammedaar!« — fuhr ich ungeduldig fort, indem ich mich wieder zu ihm wandte — »Halt mich nicht länger auf! Ich muß durchaus noch heute in Pondichery seyn. Die Nachrichten, die ich dem französischen Admiral zu überbringen habe, sind von der äußersten Wichtigkeit. Jede Stunde, die du mich aufhältst, kann dem Nabob gefährlicher werden, als eine verlorne Schlacht!« —

Er schien verlegen, stand auf und sprach mit einem seiner Offiziere einige Minuten zur Seite. Endlich kam er zurück. — »Du sollst und kannst abreisen, so bald du bewiesen hast, daß du ein Holländer, und kein Engländer bist.«

»Wie, Jammedaar! spottest du meiner? Wie soll ich das beweisen? Sind wir nicht von einer Farbe? Ist in unsern Zügen, unserer Kleidung, unseren Manieren irgend ein Unterschied? Ja, wenn du die Sprachen verständest, aber so? — Weißt du was, Jammedaar! Laß mich nach Pondichery bringen, wenn du mir nicht glauben willst! Hörst du, nach Pondichery!« —

Er konnte nichts darauf erwidern, aber mich reisen zu lassen, dazu hatte er eben so wenig Lust. — »Es ist am besten« — sagte er endlich — »ich lasse dich zu Nabob bringen, der bei Arcot steht. So bin ich von aller Verantwortung frei!« —

»Ei nicht doch!« — erwiederte ich, denn diese Reise war ganz und gar nicht in meinem Sinne. — »Ich sage dir ja, daß ich noch heute in Pondichery seyn muß!« — Allein vergebens. Nur mit der äußersten Mühe brachte ich ihn am Ende noch auf eine andere Idee.

»Azoaf!« — rief er einem seiner Srapoys zu — »Schwing dich auf dein Roß, flieg nach Marampette, und sage Rosan Alichan, daß ein Weißer in meine Hände gefallen ist, der sich für einen Holländer aus Sadringapatnam ausgiebt.« —

»Und sag ihm zu gleicher Zeit« — fiel ich ein — »daß es derselbe Holländer ist, der ihn einmal aus den Händen der Engländer gerettet hat.« —

Bei diesen Worten schrie der Jammedaar auf, während mir der Srapoy zu Füßen fiel. — »Maharadja« (Herr) — rief er — »Verzeih! Ich erkannte dich nicht. Ja! ich war damals bei Rosan Alichan, als du unser aller Retter warst. Jezt flieg ich zu ihm, um ihm zu melden, daß du hier bist!« — So sprach er, schwang sich auf sein Pferd, und eilte im Galopp davon.

Jezt wendete sich auch der Jammedaar zu mir — »Freund!« — sagte er mit Innigkeit, und legte die linke Hand aufs Herz — »Freund! Mache mich zu deinem Sclaven für diese Beleidigung. Ich weiß, welchen Dienst du Rosan Alichan erzeigt hast; er hat mir oft davon erzählt!« — Zu gleicher Zeit bot er mir seine Huka (Pfeife) an, und befahl, meine Leute augenblicklich frei zu lassen, auch sie reichlich mit Lebensmitteln zu versehen.

Nach ungefähr einer Stunde traf Rosan Alichan ein, und begrüßte mich mit vieler Herzlichkeit. — »Warlich!« — rufte er voll Freude aus — »Der Fang ist mir lieber als die halbe englische Armee!«— Hierauf sezten wir uns zum Pillau (Reis mit Fleisch u. s. w.) hin, wobei es nicht an Arrac gebrach. Endlich um vier Uhr ward ich in stattlicher Begleitung ans Ufer getragen, und eine halbe Stunde später befanden wir uns wieder in See.

Zwölftes Capitel.

Der Abend war still und freundlich; singend ruderten meine Leute längs der Küste hin, während ich in tiefe Betrachtungen versank. Man erinnert sich der Briefe von Lord Macartney. Ich hatte geschehen lassen, was nicht zu ändern war; aber sollte ich den Feinden meines Vaterlandes dienen? — Nimmermehr! — Mich band weder Eid noch Pflicht. — Ich beschloß demnach, in Pondichery einzulaufen, die Briefe dort abzugeben, und dann so fort nach Tranquebar zu gehen. Mit Schrecken bemerkte ich indessen, daß das Wasser immer stärker in die Chialeng drang. Ich war daher gezwungen die Nacht am Strande zuzubringen, bis der langersehnte Morgen anbrach. Jezt ward der Leck entdeckt und sorgfältig verstopft. Mit erneuerten Kräften ruderten wir nun weiter, und langten endlich um zehn Uhr auf der Rhede von Pondichery an.

Als wir ans Land gestiegen waren, versammelte sich Alles um uns her. — »Wie, von Madras? Mit dieser Chialeng?« — Es schien allerdings ein halbes Wunderwerk, denn alle Cocosstricke an den Planken waren fast gänzlich verfault. Bei einer schweren Ladung hätten wir dies alte Fahrzeug sicher nicht so weit gebracht. Ich gab es jezt meinen armen Leuten Preis, bezahlte ihnen den bedungenen Lohn, und wanderte langsam in die Stadt hinein. Sofort kam ein Pron (Diener) auf mich zu, und wieß mich zu dem Equipagenmeister, einen Mr. de Salmiac.

Als ich in das Zimmer trat, sah ich ein kleines, rundes, dickbäuchigtes Männchen, bloß in Hemde und Pantalons vor mir. Ich war ein wenig erstaunt, und glaubte unrecht gegangen zu seyn. — »Nein! Nein!« — fiel er mir lebhaft ins Wort — »Ich bin es selbst — Sie sind freilich nicht der erste, der sich über mein Neglige verwundert; aber so laufe ich, der Hitze wegen, immer im Hause herum. Es ist doch ein Herzleid, wenn man so dick ist — Mais l'habit ne fait pas le moine — Was haben Sie anzubringen? — Setzen Sie sich.«

»Ich habe englische Briefe für den Admiral de Suffroin!«

»Wie, englische Briefe für den Admiral?« — rief er mit Verwunderung und Freude aus — »Vielleicht Nachricht vom Frieden? — Sagen Sie, wissen Sie etwas davon? Haben Sie etwas davon gehört?« — So ging es, in einem Athem, wohl eine Viertelstunde lang fort. Er war ganz begeistert von seiner Friedensidee. Endlich erzählte ich ihm den Zusammenhang.

»Bravo! Bravo! « — rief er in die Hände klatschend — »Tausend Pagoden! Warlich, das ist keine Kleinigkeit. Aber Sie haben wahrscheinlich Vermögen?« — »Im Gegentheil, ich bin nichts weniger als reich« — »c'est fort!« — sagte er halblaut für sich, und dann mit Lebhaftigkeit zu mir: »Ma foi, vous êtes un honnête homme!«

»Aber!« — fiel er plözlich in einem anderen Tone ein — »An wen denken Sie Ihre Briefe abzugeben? — Der Admiral ist abgesegelt, wie Sie sehen; der Intendant ist auf einige Tage verreist. Sie wollen gern nach Tranquebar, wie Sie sagen, und da geht eben ein Thony (Küstenfahrer) hin. Ich erwarte den Capitain jeden Augenblick. Wissen Sie was? lassen Sie die Briefe bei mir; so ist es gut!« —

»Sehr gern!« — erwiederte ich, und war im Grunde herzlich froh, sie endlich los zu seyn. Es waren fünf und dreißig zusammen, worüber ich einen Empfangschein erhielt. Zu gleicher Zeit schrieb Mr. de Salmiac meinen Namen, nebst der Adresse eines meiner Freunde zu Tranquebar auf.

Jezt kam der Capitain der Thony, ich ward mit ihm um drey Pagoden eins. Es war mein leztes Geld; Mr. de Salmiac hörte es, blieb aber ganz gleichgültig dabei. — »Essen Sie zu Mittag!« — sagte der Capitain: »Sie haben gerade noch zwei Stunden Zeit!« — Sofort überhäufte mich Mr. de Salmiac mit tausend Entschuldigungen, daß er heute selbst zu Gaste gebeten sey. — »Wenn Sie indessen durchaus Niemand anders kennen« — fuhr er fort — »So werde ich Sie mitnehmen — Ja! Ja! — Ich werde Sie mitnehmen, wenn nämlich der Capitain warten will!« —

Sein zweideutiges Wesen misfiel mir; ich nahm daher augenblicklich Abschied von ihm. — »Mais!Mais!« — fiel er ein — »J'en suis fâché! J'en suis an desespoir!« — führte mich unter einer Menge Complimente zur Thüre hinaus, und ließ mich auf der Straße stehen. Ich darf es sagen, eine Belohnung verlangte ich nicht; aber ein gutes Mittagsessen hätte mir allerdings Vergnügen gemacht. Ich verkaufte nun einige kleine Pretiosen, aß in einer Taverne, und begab mich hierauf an Bord. Der Wind war günstig; schon um acht Uhr Abends ankerten wir auf der Rhede von Tranquebar. Vor Freude und Ungeduld war ich außer mir.

Alle Chialengs waren indessen bereits in Sicherheit gebracht; ich sah keine Möglichkeit ans Land zu gehen. Endlich vernahm ich Rudergesang. Es waren Fischer; sie kamen aus der See zurück. — »He!« — rief ich ihnen zu — »Wollt ihr einen Weißen mit ans Land nehmen?« — Sie achteten wenig, oder gar nicht darauf. — »Eine Rupie, wenn ihr wollt« — fuhr ich fort, und in wenig Minuten war ich auf dem Kattamaran (Floß). Wohl wußte ich, was ich wagte, und wie gefährlich das Landen war; allein ich dachte an Sophien, und verließ mich auf mein bisheriges Glück.

Jezt waren wir bei der glänzenden Brandung, die sich mit dumpfem Donner am Ufer brach. — »Noch eine Rupie!« — rief ich den Fischern zu, wenn ihr mich glücklich hinüber bringt. Zu gleicher Zeit warf ich mich nieder, und klammerte mich an die Balken an. Glücklich kamen wir über die zwei ersten Wellen hinweg, nicht so über die dritte, so groß auch die Anstrengung der Ruderer war. Sie holte uns ein, hieng, wie ein schreckliches Gewölbe, einen Augenblick über uns, und stürzte dann donnernd auf uns herab. Ich verlor das Bewußtseyn. — Als ich wieder zu mir kam, lagen wir hoch und trocken auf dem Strande von Tranquebar.

Dreizehntes Capitel.

Ohne Aufenthalt eilte ich nun vollends in die Stadt hinein, und beschloß bei dem ersten besten nach Sophien Erkundigungen einzuziehen. Eben kam ich bei dem Zollhause vorbei; es war noch Licht darin. — »Guten Abend!« — sagte ich zu den Kannekas (Schreibern) — »Könnt ihr mir nicht sagen, ob die Thony von Maleappa — so hieß der Schiffer — angekommen ist?« —

»O ja, schon vor geraumer Zeit! — Dort liegt sie auf dem Strande — Wenn's Tag wäre, könntet ihr sie gleich vor euch sehen. — Sie wird reparirt; sie hat einen schweren Sturm auszuhalten gehabt.« —

»Wo wohnt Maleappa? Ich muß ihn sprechen.« —

»Wo er wohnt? — Nun vermuthlich bei den Fischern, denn beim Sturme fiel er über Bord.« —

»Und die Frau mit dem jungen Mädchen? — Sie befanden sich als Passagiere auf der Tony. — Sind sie noch in Tranquebar?« —

Die Schreiber sahen einander an; keiner hatte ein Wort von diesen Personen gehört; ich ward leichenblaß. In diesem Augenblicke trat ein Kuli (Träger) auf mich zu. Er hatte bisher an der Thüre gesessen und unserem Gespräche zugehört. — »Aya!« — sagte er — »Gieb mir ein Paar Panams und ich führe dich hin. Ich habe ihre Sachen getragen, und weiß, wo sie eingekehrt sind.« — »Du sollst eine Rupie haben!« rief ich, und eilte mit ihm fort.

»Hier!« — sagte er endlich, indem er auf ein malabarisches Häuschen zeigte — »Hier Aya, hier wohnen sie! Soll ich anklopfen?« — »Nein! Nein!« —sagte ich hastig, und hielt ihn zurück. — »Hier hast du dein Geld, und gute Nacht!« —

In dem Augenblick gieng die Thür auf, und Sophie trat mit einer Lampe heraus. — »O mein Gott!« — rief sie und flog an meinen Hals. Seliger und unbeschreiblicher Augenblick. So fand uns die Mutter in stummer Umarmung. — »Ach! wie haben wir uns geängstiget« — sagte sie. — »Nun Gott sey hoch gedankt!« —

Am andern Morgen dachte ich nun im ganzen Ernste an meine Einrichtung. Alle meine Sachen waren unversehrt; allein Tranquebar bot wenig, oder gar keine Hülfsquellen dar. Der dänische Handel ist unbedeutend; das Comtoir beschäftigt nur wenig Leute! überall herrscht die größte Sparsamkeit. Ich mußte mir einen bedeutenden Plaz wählen, wo ich überdem von dem Kriege sicher war. Es schien mir daher am besten, nach Jaffanapatnam auf Ceylon zu gehen. Die Mutter freute sich über meinen Entschluß, Sophie aber sagte kein Wort dazu. Erst jezt hörte ich von jener, daß der Bräutigam zu Trinconomale sey. — In wenig Tagen hatte ich eine gute, geräumige Chialeng mit einem Sonnendeck gekauft, und tüchtige Ruderer u. s. w. besorgt. Da erschien auf einmal ein alter gutgekleideter Herr bei mir.

»Ich bin der Graf von Bonvoux« — hub er französisch an — »Sie befrachten eine Chialeng nach Jaffanapatnam; ich suche ebenfalls eine Gelegenheit dahin — Wenn Sie mich mitnehmen könnten, wär' es mir angenehm. — Ich habe nur ein Paar Coffers, vier Kisten mit Wein, zwei Ballen Musselin, und zwei weibliche Bedienten bei mir!« — Ich sah an seinem Orden, daß er Maltheser war, und lachte herzlich über seine Dienerschaft.

»Das ist so einmal meine Art!« — gab er jovialisch zur Antwort — »Ich habe immer zwei Mädchen bei mir. Die eine besorgt die Küche, die andere meine Person.« — »D'ailleurs!« — indem er mich sehr bedeutend ansah — »Le nom ne fait rien à la chose. Vous le verrez!«

Ich hatte anfangs wenig Lust zu dieser Reisegesellschaft, und entschuldigte mich durch den Mangel an Plaz, was auch nicht ganz ungegründet war. Allein der alte Ritter wußte mir alles so leicht vorzustellen, und schien zugleich so jovialisch zu seyn; daß ich ihm endlich die Ueberfahrt, und obendrein umsonst zugestand.

»Nun gut!« — sagte er — »So kaufen sie wenigstens keine Provisionen ein! Das will ich auf mich nehmen, und ich denke zu ihrer Zufriedenheit. Geben Sie keinen Sous dafür aus, ich bitte Sie! Verlassen Sie sich ganz auf mich!« — So gieng er, und ich verließ mich wirklich auf ihn.

Beim Mittagsessen erklärte mir die Mutter, daß sie nicht mit zu reisen willens sey. Sie habe ein treffliches Unterkommen als Haushälterin bei einem Hollsteiner erhalten, sie vertraue Sophien meiner Rechtlichkeit an. Zerschlüge sich die Heirath, so hätte ich ihre Einwilligung. Sophie schien über dies alles äußerst vergnügt; man kann denken, wie sehr ich es selbst war.

So schlug es vier Uhr, und wir eilten in die Chialeng. Die gute Mutter begleitete uns an den Strand; wir nahmen herzlichen Abschied von ihr. Der Graf befand sich mit seinen beiden Mädchen bereits an Bord, und war äußerst höflich, wiewohl er einen kleinen Hieb zu haben schien. — Wir richteten uns ein, so gut es möglich war. — Endlich Anker auf! — Da segelten wir lustig die Rhede hinaus.

Vierzehntes Capitel.

So verließ ich denn die Küste von Coromandel, wo ferner kein Glück für mich zu blühen schien. Mit vermischten Gefühlen blickte ich noch einmal auf das verschwindende Gestade zurück. Die Stadt, das Fort, die Pagoden, die Cocos-Wälder — alles glänzte im Dufte des Abendroths; alles sank allmählich in Dämmerung.

Bald war es Zeit zum Abendessen, und der Graf öffnete seinen Speisekorb. Noch jezt sah ich ihn vor mir, wie er vier kleine gebratene Hühner, zehn Sousbrode, und eine Flasche Madera heraus nahm. Da ich dies natürlich nur für eine Art Voressen hielt, expedirte ich mein Huhn, und meine zwei Brode mit gutem Seemannsappetit.

»Parbleu!« — sagte der Graf — »Hätte ich das gewußt, ich hätte mich mit einem Huhn, und einem Paar Broden mehr versehen!« —

»Wie, Herr Graf?« fiel ich lebhaft ein — »Das ist Alles?« —

»Wie Sie sehen, ja! — Vraiement! J'en suis fâché! — Aber es hat gar nichts zu sagen. Wir frühstücken zu Caix[3], ich stehe Ihnen dafür. Lassen Sie mich nur machen; ich bin ein alter erfahrner Steuermann!«

Ich ließ ihn schwatzen; denn ich merkte wohl, er hatte abermals zu tief ins Glas gesehen. Im Nothfall gab es überdem längs der Küste noch kleine Häfen genug. Völlig unbesorgt streckte ich mich also, wie die ganze Gesellschaft, auf meine Matte hin.

So mochte ich ungefähr bis fünf Uhr Morgens geschlafen haben, als ich von dem Tandel (Steuermann) geweckt ward. — »Steht auf, lieber Herr!« — sagte er sehr betrübt. — »Ich kann keinen Grund mehr finden, und sehe auch kein Land mehr.« —

»Wie?« rief ich erschrocken — »Kein Land? Wie ist das möglich?« — Und mit einem Sprunge war ich auf, und sah leider, daß es gegründet war. — »Aber« — fuhr ich heftig fort — »Warum hast du die Küste verlassen?« — »Um Gotteswillen!« — antwortete er zitternd — »Nicht ich, der Franzose« — »Wie, der Franzose?« — »Ja Herr! Er hat es gethan! — Er zwang mich dazu, er sezte mir die Pistole auf die Brust!« —

Es war in der That ein entsezlicher Streich. Die See gieng hoch; die Strömung lief nach Nordost; das Rudern war äußerst beschwerlich; unsere Richtung gerade entgegengesezt. Hierzu die Hitze, die Windstille, der Mangel an Proviant — Ich gestehe es; ich war außer mir vor Zorn. Ich hätte den gräßlichen Patron über Bord werfen können; so erbittert war ich auf ihn. — »Da!« sagte ich, und weckte ihn ziemlich unsanft auf — »Da! Sehen Sie ihre verdammte Steuermannnskunst! — Wir treiben in offener See.«

»Vous êtes une bête!« — war seine Antwort — »Was verstehen denn Sie davon? Nun ja! Ich habe diese Nacht gesteuert, und danken sollten Sie mir noch dafür. — Parbleu! — So an der Küste hinzuschleichen, wenn man Curs halten kann. In ein Paar Stunden müssen wir zu Caix seyn. Wenn man die Küste nicht sieht, so ist der Nebel daran Schuld.«

Jezt wurde es mir zu arg, und ich bewieß ihm mit der Charte, daß er ein Windbeutel sey. — »Treiben wir die Nordspitze von Ceylon vorbei« — fuhr ich fort — »so ist es um uns geschehen. Also ans Ruder, bis der Wind auffrischt! Geben Sie den Leuten Geld, sonst stehe ich Ihnen für nichts!« —

Er schien mir Recht zu geben, und warf eine Hand voll Rupien hin. Diese theilte ich sofort unter die Ruderer aus, und machte sie wirklich ganz munter dadurch. Zu gleicher Zeit theilte ich Reis und Wasser unter sie aus. Wir andern behalfen uns mit etwas Zwieback und Maderawein.

So kam der Abend heran; der Wind schien aufzufrischen; die armen Ruderer konnten wenigstens etwas ruhen. Ich selbst löste den Tandel am Steuer ab, und war endlich der einzige, der auf der Chialeng wachend blieb. Zu meiner großen Freude ward der Wind immer stärker, und so steuerte ich muthig nach Südwest fort.

Fünfzehntes Capitel.

Die Sonne gieng auf. Rings umher nichts als Himmel und Wasser, und bald gänzliche Stille, wie vorher. Mit kummervollem Herzen rief ich die armen Malabaren an ihr beschwerliches Tagewerk. — »Noch kein Land?« — fragten sie traurig, als sie die weite, öde Wasserfläche vor sich sahen. — »Noch kein Land, lieber Herr?« — »Diesen Abend gewiß« — antwortete ich mit erkünstelter Heiterkeit, und in dem Augenblicke trieb ein Bananasstamm vorbei. — »Seht ihr?« — fuhr ich fort, und faßte selbst einige Hoffnung — »Seht ihr? Es kann nicht weit mehr seyn!« —

In diesem Augenblicke stürzte der Graf herbei — »Hier«! — schrie er einem seiner Mädchen aus der Caste der Parias zu — »Hier! Sag den armen Leuten, daß der Mensch da ein Betrüger ist, daß er sie nun und nimmermehr in einen Hafen bringen wird. Von nun an will ich selber steuern, und wette tausend Rupien, daß wir morgen in Caix sind. Wer mir nicht gehorcht, dem jage ich den Degen durch den Leib!« — Mit diesen Worten stieß er den Tandel auf die Seite, und wollte die Chialeng wieder nach Osten drehen.

»Freunde!« — rief ich mit Heftigkeit — »Nehmen wir einen andern Curs, so mag uns Gott beistehen!« — Zu gleicher Zeit packte ich den Grafen beim Kragen, und entfernte ihn etwas unsanft von seinem Platz. Er stolperte, wollte ein Tau fassen, verfehlte es, und flog über Bord. Augenblicklich sprang ihm aber ein Ruderer nach, und brachte ihn wieder herauf, so daß er mit der Abkühlung davon kam.

Nachmittags ward ich in Osten einige Wolken gewahr. Dies versprach für die Nacht äußerst günstigen Wind. Gegen Abend indessen waren die Ruderer so ermüdet, daß einer nach dem andern zu Boden sank. Es ward finster; noch immer frischte kein Lüftchen auf. Jeder Seufzer Sophiens zerriß mir das Herz. Endlich schlief alles ein, und mir selbst sanken zulezt die Augen zu.

Plözlich — vielleicht nach einigen Stunden — erwachte ich von einem heftigen Stoße der Chialeng, und fand, zu meiner unsäglichen Freude, daß der Wind frisch aus Norden blies. — »Auf Freunde, auf!« — rief ich jezt dem Tandel, und den Ruderern zu — »Der Wind ist da! Der Wind ist da! Jezt lustig das Segel auf! Morgen laufen wir in Caix ein!« — Alle sprangen in Eile auf; alle waren mit neuem Muthe erfüllt. Ich steuerte nunmehr mit fester Hand, und rauschend flog die Chialeng durch die glänzenden Fluthen hin. Sophie kam zu mir, wir sprachen zusammen, bis der Tag anbrach.

Die Sterne blühten, in Osten fieng es an heller zu werden; mit klopfendem Herzen blickte ich nach der ersehnten Küste, die meiner Rechnung nach, in Süden zu finden war. Da gieng die Sonne auf, und wie ein bläulich glänzender Nebelstreif stieg das Land aus dem wellenden Meer empor. — »Land! Land!« — rief ich freudig, und zeigte mit der Hand dahin! — »Land! Land!« — tönte es durch die ganze Chialeng. — Einige Stunden, und wir konnten schon die dunkeln Waldungen sehen. Endlich kamen wir näher und näher, und ich erkannte die kleine Insel Caradiva, oder Amsterdam, ungefähr zwei Seemeilen von Ceylon.

Gern hätte ich die Chialeng auf den Strand gesezt, allein der Felsenriffe wegen mußten wir vor Anker gehen. Eilig kletterten wir nun, den Grafen ausgenommen, vom Fahrzeuge herunter, wadeten über die Klippen, und langten wohlbehalten am Ufer an. Eine Frau zeigte uns den nächsten Brunnen, und besorgte uns bald ein gutes Mittagsmahl. Der Graf ließ seine Sachen in eine andere Chialeng bringen, und befreite mich so, zu meiner großen Freude, von seiner Gegenwart. Um vier Uhr ankerten wir bei dem Fort Ham an Hiel, und am andern Morgen kamen wir glücklich zu Jaffanapatnam an. Hier ward Sophie die meinige, und hier fand ich auf eine kurze Zeit, ein nie genossenes Glück.

Erste Abtheilung,
Jacob Haafner.


Zweites Buch.


Erstes Capitel.

Zwei Jahre darauf verlor ich meine geliebte Sophie, und mit ihr meine ganze Freude auf der Welt. In tiefer Schwermuth brachte ich vier Monate auf meinem Gartenhause zu, und sah nur einen einzigen Freund. Diesem gelang es endlich, mich durch einen großen Reiseplan zu zerstreuen. Es kam auf nichts Geringeres an, als durch das Innere der Insel nach Colombo zu gehen. Indessen beschlossen wir außer den Sclaven und Trägern, noch einen europäischen Reisegefährten zu suchen, um wenigstens unserer drei zu seyn.

Dies war schwerer, als es scheinen mag; doch mit einiger Mühe fanden wir endlich unseren Mann. Es war ein verabschiedeter holländischer Sergeant, Namens Georgi aus Strasburg. Freilich war er ein wenig taub, und trank für sein Leben gern; aber er kochte vortrefflich, war der lustigste Kauz von der Welt, und fürchtete sich selbst vor dem Teufel nicht. Bei so viel guten Eigenschaften drückten wir gern ein Auge zu. Da er nun überdem selbst nach Colombo wollte, kam der Handel sehr bald in Richtigkeit. Einige Tage nachher gesellte sich noch ein vierter Europäer, ein Mr. d'Allemand zu uns. Er hatte Depeschen vom Admiral Suffrer an den französischen Agenten zu Colombo zu überbringen, und bot sich uns daher zum Gefährten an. Zwar hätte er die Reise gern längs des Strandes gemacht, allein es fehlte an Gelegenheit. Nachdem nun alle Anstalten getroffen waren, wurde der neunte Juni 17— zur Abreise festgesezt.

Unsere ganze Caravane war jezt sechszehn Mann stark; wir vier Europäer, zwei Sclaven, und zehn Trägern, oder Chivias. Drei der leztern, und zwar die stärksten, trugen jeder sechszig Pfund Reis, und zwei andere den Coffre von d'Allemand. Der sechste war mit zwei großen kupfernen Wassertöpfen, der siebente mit zwei Körben voll Zucker, Caffee, Wein u. s. w. bepackt. Der achte trug das Tisch- und Küchengeräth; der eine meine und Templyns[4] Kleider und Wäsche; der zehnte endlich unsere Matten, und die Fougritos oder Raketen, die man auf die wilden Thiere wirft. Templyns, d'Allemand, und ich, wir hatten jeder unsern Hirschfänger an der Seite, eine tüchtige Büchse auf der Schulter, und ein Paar Pistolen im Gurt. Der Sergeant trug seine ganze Bagage auf dem Leibe, und schleppte einen großen Husarenpallasch hinter sich drein. Es versteht sich, daß wir die Oppa nicht vergessen hatten, d. h. den Generalbefehl an die Majorals oder Dorfältesten, uns gegen Bezahlung mit Lebensmitteln zu versehen.

So zogen wir dann am 9. Juni, Nachmittags um drei Uhr, unter einem gewaltigen Zulaufe aus der Stadt. Vorn die beiden Sclaven, als Cymbelschläger; dann wir Europäer; zulezt die Träger, oder Chirias. Um vier Uhr kamen wir zu Colombogamme an. Dies ist ein kleines Fischerdorf, hart am Meerbusen (Passo de Catchai), wo man nach dem eigentlichen Ceylon überfährt. Um sechs Uhr machten wir am andern Ufer unter einem großen Platanus Halt. Es ward beschlossen, hier zu übernachten, indem das nächste Fischerdorf nur aus elenden Hütten bestand.

Unser Sergeant gab uns viel zu lachen, indem er der Flasche gar gewaltig zusprach. Dabei ergoß er sich in einen Strom von Flüchen gegen das weibliche Geschlecht. Er war nicht weniger als fünfmal verheirathet gewesen, und alle seine Weiber hatten ihm entsezlich mitgespielt. Die eine war ein Hausteufel gewesen, der ihm keinen Augenblick Ruhe ließ. Die zweite hatte ihn an preußische Werber verkauft. Die dritte brachte ihn an den Bettelstab. Die vierte hatte ihn holländischen Seelenverkäufern in die Hände gespielt. Die fünfte, eine Paria (gemeines indisches Mädchen) hatte ihm nach dem Leben gestellt. Diese Ehestands-Abentheuer erzählte er uns in einem höchstpossirlichen Gemische von Holländisch und Hochdeutsch, das durch seinen elsaßischen Accent nur noch komischer ward.

Zweites Capitel.

Am folgenden Morgen traten wir unsere eigentliche Reise an. Die Luft war kühl; der herrliche Golf glänzte im Morgenroth. Wir verließen die gewöhnliche Straße, um längs der Küste hin zu gehen. So kamen wir gegen neun Uhr, bei einem Ambelan, am Eingange des Dorfes Manur an. Diese Ambelans sind eine Art Schuppen, mit Stroh gedeckt, und zum Besten der Reisenden erbaut. Wir nahmen hier ein Frühstück ein, das aus Reis und Callou, oder Palmwein bestand. Von nun an gieng es wieder landeinwärts, fast immer zwischen waldigen Hügeln hin. Dörfer wurden wir keine, sondern nur einige Gehöfte, und einzelne Hütten gewahr.

Es war gegen elf Uhr, und schon zeigte sich in der Ferne das kleine verfallene Fort Panoryn, als unsere Mittagsstation. Templyn hatte zu Manur frische Cocosmilch getrunken, und seitdem über Leibschmerzen geklagt. Plözlich warf er sich vor einer Hütte nieder, und erklärte, er könne nicht weiter fort. Vergebens suchten wir ihm durch Arrak u. s. w. einige Linderung zu verschaffen, die Krämpfe nahmen mit jedem Augenblick zu. Endlich trat ein alter Mann aus der Hütte, und reichte ihm eine Art Pflanzensamen auf einem Betelblatt. Dies that sofort die beste Wirkung, worauf fröhlich nach Panoryn gewandert ward.

Der Commandant dieses Postens empfieng uns mit vieler Herzlichkeit. Er hieß König, war sieben und siebenzig Jahr alt, und hatte davon drei und dreißig hier verlebt. Danke bar nahmen wir gegen vier Uhr Abschied von ihm. Bald sahen wir nun den ungeheuren Wald in seiner ganzen Ausdehnung vor uns, und kaum eine Stunde, so hatten wir den Eingang desselben erreicht. Unser Führer, der erste Chiria, ein alter erfahrner Elephantenjäger, gieng nun voran. In ungeheuren Massen strebten die hohen, verschlungenen Bäume empor; kaum fiel hier und da ein schwacher Schimmer hindurch. Um vorwärts zu kommen, mußten wir häufig das Beil gebrauchen; bis wir endlich einen schmalen Fußpfad fanden, der sich in einer Schlangenlinie hinwand. Dies war einer von den drei oder vier geheimen Wegen, die durch diese Wälder bis in das Innerste der Insel gehen. Sie sind sämmtlich mit einer dichten Seite eingefaßt.

Wir mußten hier einer hinter dem andern marschiren, so daß man sich, bei den vielen Krümmungen häufig aus dem Gesichte verlor. Ich hatte d'Allemand hinter mir, und sprach über ein gewisses Etwas sehr lebhaft mit ihm. Plözlich springt links ein ungeheurer Bär aus der Hecke, und bleibt quer auf dem Fußsteige stehen. Ich falle über ihn weg, er richtet sich auf, und schlägt seine Tatzen auf mich hin. Schon fühle ich seinen brennenden Athem an meinem Gesichte; als plözlich ein Schuß fällt, der Bär sich abkehrt, und die Flucht ergreift. D'Allemand hatte diesen Schuß gethan; die Kugel sauste mir hart an den Ohren vorbei.

Um indessen dergleichen Vorfälle künftig zu vermeiden, änderten wir die Ordnung unseres Zuges, und ließen die Cymbelschläger, nebst zwei bewaffneten Trägern, zwanzig Schritte vor uns gehen. Ueberdem wurden mit einbrechender Dämmerung Pechfackeln angezündet, und jeder machte sich zum Schusse bereit. Von dem Geräusch der Cymbeln und dem Lichte wurden eine Menge Vögel und Affen munter, so daß alles um uns lebendig war.

Gegen neun Uhr kamen wir bei einem Ambelan an, der aber ganz verfallen war. Da dergleichen Hütten immer voll Schlangen sind, schlugen wir unser Lager unter freiem Himmel auf. Es ward dabei eine gewisse Methode beobachtet, die ich beschreiben will, weil sie bei allen übrigen Nachfolgern dieselbe blieb. Zuerst ward der Platz so weit als möglich vom Wasser gewählt. Dies geschah der wilden Thiere wegen, die hier zu saufen gewohnt sind. Dann wurden die Träger zum Holzfällen abgeschickt, und von zweien von uns escortirt. Hierauf wurden ein großes, und um dasselbe noch drei kleine Feuer angezündet, worauf die ganze Caravane Platz dazwischen nahm. Bald war nun das Abendessen verzehrt, und einer schlief nach dem andern ein. Nur die zwei Wächter mußten sich munter halten, und fleißig nach den Feuern sehen. Daß sie regelmäßig abgelöst wurden, versteht sich.

Als wir Holz zu fällen anfiengen, belebte sich auf einmal der ganze Wald. Vögel, Affen, Hirsche u. s. w. erfüllten mit ihren Stimmen die Dunkelheit. Die Affen besonders, die sich zu Tausenden versammelten, schrien zwei volle Stunden fort. Endlich ward es wieder still. Kein Blättchen rauschte; kein Lüftchen säuselte; der Wald war todt und öde, wie ein weites Grab. Doch plözlich vernahmen wir in der Ferne ein dumpfes Getös, das immer näher kam. Die Erde erbebte; der Wald rauschte wie vom heftigsten Strome bewegt; krachend stürzten unzählige Bäume zusammen — Was war es? —Ein Trupp Elephanten bahnte sich einen Weg durch den Wald. Sie kamen im heftigsten Trabe, und lautem Geschrei daher. Es war ein donnerähnliches, wie mit Trompetentönen vermischtes Getös. Endlich ward es völlig ruhig; nur dann und wann hörte man einen Tiger brüllen, oder einige Schakals schreien.

Drittes Capitel.

Der Tag brach an, und der ganze Wald war mit Leben und Freude erfüllt. Auf allen Bäumen wimmelte es von Affen, Papagayen, Pfauen und unzähligen andern Vögeln von ausgezeichneter Schönheit. Tausende von bunten Schmetterlingen schwärmten zwischen den Gesträuchen umher. Dabei der liebliche Duft der blühenden Bäume, der uns bei jedem Schritte entgegenschwamm. Und welche Kühle und Frischzeit unter dem dichten grünenden Obdach, nur schwach von der Morgensonne beglänzt.

So zogen wir fort, voll Muth und Heiterkeit, bis ungefähr gegen elf Uhr, wo an einem klaren Bache Halt gemacht, und das Mittagsessen bereitet ward. Templyn hatte hierzu ein Dutzend Hasen geschossen; denn sie liefen uns im eigentlichen Sinne unter den Füßen herum. Auch jezt ward bei der Einrichtung unsers Lagers eine gewisse Ordnung eingeführt; so daß z. B. jeden seine Reihe zum Wachestehen traf. Ich sage zum Wachestehen, weil natürlich einige Stunden Mittagsruhe gehalten ward, was für uns alle, besonders für die Träger so nöthig war.

Erst um drei Uhr Nachmittags brachen wir demnach von diesem Lagerplatze auf. Anfangs war der Wald außerordentlich verwachsen, und kaum noch eine Spur des vorigen Weges zu sehen. Wir mußten uns daher nach dem Compasse richten, und legten es folglich, wie die Schiffer sprachen, auf Südwest an. So erreichten wir mit sinkendem Abend eine bequeme Lagerstelle, wo alles auf oben beschriebene Weise eingerichtet ward. Die Nacht vergieng ohne Abentheuer; nur daß einmal ein Elephant in unsere Nähe kam.

Die folgende Tagereise (12. Juni) bot durchaus nichts Merkwürdiges dar, war aber außerordentlich lang — Wir kamen erst Abends um zehn Uhr bei unserem Lagerplatze an. Ich mußte diese Nacht die erste Wache halten, und mochte vor Müdigkeit wohl ein wenig eingeschlummert seyn. Plözlich wurde ich durch ein lautes Geschrei geweckt — »Ein Tiger! Herr! Ein Tiger!« — riefen die Träger mit Entsetzen, und zeigten auf ein Paar glänzende Punkte, die ich mitten durch die Finsterniß, wie zwei kleine Lichter schimmern sah. Es waren die Augen des Tigers, der auf seine Beute zu lauern schien. Ich nahm meine Flinte und weckte Freund Templyn auf, der ein sehr guter Schütze war. Wir beschlossen gerade auf die Mitte zwischen den beiden Punkten zu zielen, und drückten zu gleicher Zeit ab. Bald darauf vernahmen wir ein Stöhnen, das uns über den Tod des Thieres keinen Zweifel übrig ließ. Wirklich fanden wir den Tiger am andern Morgen, und nahmen seine Haut als Siegeszeichen mit.

Unser Weg ward immer steinigter, wie der Wald lichter zu werden anfieng. Wir waren nämlich kaum einige Meilen von den Gebirgen von Couragahing entfernt. Als wir so einige Zeit fortmarschirt waren, wurden wir auf einem Baume einen Bienenstock gewahr. Sogleich bot sich einer unserer Träger an, hinaufzuklettern, und den Ast abzuhauen. Er thut es, erreicht den Ast, und führt den ersten Streich. Allein plözlich stürzen die Bienen auf ihn los, und hängen sich an seine nackten Glieder an. Brüllend von Schmerz will er heruntersteigen, thut einen Fehltritt, stürzt herab, und bricht das Bein. Um ihm Hülfe zu verschaffen, beschlossen wir uns östlich nach der Küste zu wenden, wo allein Dörfer anzutreffen sind.

Eilends wurde nun der Bienenschwarm mit Rauch vertrieben, eine Tragbahre von Baumästen gemacht, der arme Träger (Kulie) darauf gelegt, und der Marsch fortgesezt. Um ein Uhr Nachmittags hielten wir eine halbe Stunde an, und nahmen etwas Kaltes zu uns. Der Rest der Tagereise war wegen des schlechten Weges, und des Mangels an Wasser sehr unangenehm. Gegen acht Uhr Abends kamen wir endlich aus dem Walde heraus, und gegen zehn Uhr erreichten wir das große Dorf Vedative, wo ein holländischer Posten ist. Hier brachten wir den armen Träger zu einem Töpfer[5], versahen ihn mit dem nöthigen Gelde zur Kur und Heimreise, und nahmen einen andern an seine Stelle an. Hierauf begaben wir uns zu dem Kommandanten des Postens, wo Gesellschaft von Verwandten war.

Wir mußten uns sogleich zum Abendessen niedersetzen, das aus Reis und vortrefflichem Wildpret bestand. Der gute alte Mann hieß Joseph Voit, und hatte bereits fünf und sechzig Jahre hier gelebt. Sein Vater und Großvater hatten jeder die Stelle fünfzig Jahre bekleidet, und er selbst war nicht weit mehr von dieser Zahl. — O Menschenleben! — O Glück der Beschränktheit! —

Viertes Capitel.

Der Tag brach an (14. Juni); bald war Abschied genommen, und Vedative blieb hinter uns. Um zwei Uhr Nachmittags erreichten wir das große und schöne Dorf Mantore, fanden aber keine Lebensmittel daselbst. Ich schickte daher einen unserer Träger mit einem Briefe nach Manaar, an meinen alten Freund, den Ingenieurhauptmann Nagel ab. Unterdessen behalfen wir uns mit einigen übriggebliebenen Rebhühnern, und beschlossen für heute nicht weiter zu gehen. Gegen Abend kam endlich mein Bote mit Arrak, Anisliqueur und Lebensmitteln zurück, worauf es eine recht fröhliche Abendmahlzeit gab.

Am folgenden Morgen ward die Reise mit erneuerten Kräften fortgesezt. Wir durchschnitten eine große, sandige Ebene, auf der wir eine Menge Schakals schwärmen sahen. Bald aber kamen wir an den Strand, wo der Weg äußerst beschwerlich ward. Wir begegneten drei malabarischen Reisenden, die von Colombo kamen, und langten Abends gegen fünf Uhr in Bangala an. Dies ist ein ansehnliches Dorf, das von getauften Singalesen bewohnt wird. Hier übernachteten wir in der katholischen Kirche, die uns der Majoral gegen eine billige Vergütung öffnen ließ.

Unsere siebente Tagereise war höchst unangenehm, und bot überdem durchaus nichts Merkwürdiges dar. Wenig Schatten, höchstbeschwerlicher Fußsteig längs dem Strande hin, und auf dem ganzen langen Wege kein einziges Dorf. Endlich giengen wir Abends um sechs Uhr über den Calear, der beinahe ausgetrocknet war, und fanden am andern Ufer eine Pagode, deren Bramin uns sehr freundlich aufnahm. Wir übernachteten in der Nähe auf die gewöhnliche Art.

Am folgenden Morgen sahen wir einem heftigen Kampfe zwischen zwei Büffeln zu. Sie trafen so gewaltig zusammen, daß jedes Stirn von Eisen zu seyn schien. Ich fühlte mich unpaß; auch fieng es heftig zu regnen an. Wir brachen daher erst um zwei Uhr Nachmittags auf, und legten nur vier Stunden zurück.

Die nächsten zwei Tagereisen führten uns wieder in den Wald, der in geringer Entfernung neben dem Strande hinläuft. Wir sahen die Ruinen einer portugiesischen Kirche und dachten der großen Vergangenheit. Das Wetter klärte sich auf; ich befand mich wieder vollkommen wohl.

Fröhlich traten wir nun am 20. Juni unsere elfte Tagereise an, und erreichten Mittags den Ambelan, Conderipo genannt. Hier sprang uns ein schöner Jagdhund entgegen, und schmiegte sich liebkosend an uns an. Mit Sonnenuntergang glaubten wir, wie gewöhnlich uns lagern zu können, allein diesmal hatte sich unser Wegweiser selbst verirrt. Wir mußten also noch einige Stunden marschiren, bis endlich in der Nähe eines Baches Halt zu machen beschlossen ward. Die Luft war äußerst schwül; endlich brach ein furchtbares Ungewitter los. Der Wald erbebte; krachend stürzten tausende von Wipfeln und Aesten herab. Da schlug der Bliz in eine Gruppe von Cocospalmen, und knisternd loderten sie in hellen Flammen auf. Es war eine schreckliche Nacht, in der keiner von uns ein Auge zuthat.

Am folgenden Tage neue Verlegenheit. Der Fluß, den wir zu passiren hatten, war mit Krokodillen angefüllt. Wir kamen indessen mit Hülfe unserer Cymbeln glücklich hindurch. Gegen Mittag begegneten wir einer kleinen singalesischen Caravane, die aus drei und zwanzig Mann mit siebzehn Stieren bestand. Der Anführer nannte sich Manioppu, und war ein alter sehr verständiger Mann. Er schenkte mir zwei Kuchen, wogegen ich ihm, nach seinem Wunsche, einen Bleistift gab. Abends kamen wir bis zum Dorfe Golgom, wo wir uns mit Lebensmitteln im Ueberflusse versahen.

Unsere dreizehnte Tagereise (22. Juni) führte uns nach Putlan, wo ein holländischer Posten ist. Der Commandant, ein Deutscher, Herr Bodenschatz, war in Colombo; sein Sergeant nahm uns aber sehr gastfrei auf. Wir mußten zwei Tage bleiben, was uns wirklich gar sehr zu statten kam. Putlan ist ein sehr nahrhaftes Dorf. Es werden sehr viel Schaluppen, Thonys, und andere ähnliche Fahrzeuge hier gebaut. Der Hühnerhund, der uns zugelaufen war, gehörte dem Commandanten, und wurde seit länger als einem Monate vermißt. Die drei nächsten Tagereisen waren eben so beschwerlich, als uninteressant. Am 28. Juni hielten wir abermals einen Rasttag.

Am 29. Abends erreichten wir Maravilla, ein sehr ansehnliches Dorf, das nur eine halbe Stunde vom Meere liegt. Alles war hier mit Fremden angefüllt; wir übernachteten daher in einem ziemlich entfernten Ambelan. Ich hatte die Wache von ein bis drei Uhr Morgens, und sah starr in die grause Finsterniß hinaus. Furchtbar tönte das Brüllen der Schakals, das Rauschen des Waldes, das Tosen der Brandung durch die stille Nacht zu mir.

Am 30. Juni marschirten wir abermals längs des Strandes hin. Hier fanden wir eine Reihe Lascars (Seesoldaten) als Küstenwächter aufgestellt. Bei der Annäherung eines Feindes haben sie von Posten zu Posten große Holzhaufen anzuzünden, die deshalb aufgestapelt sind. Um zwei Uhr giengen wir über den Caimella, fanden das schön gelegene Dorf Gannipellie, und hielten mit frischem Seefisch ein stattliches Mittagsmahl. Die Landschaft ward nun äußerst angenehm. Ansehnliche Dörfer, dichte Cocospflanzungen, üppige Wiesen und Felder wechselten in lieblicher Mischung ab. Wir nahmen unser Nachtlager in Topture, das von katholischen, noch aus den Zeiten der Portugiesen herstammenden, Singalesen bewohnt wird. Der Pfarrer, ein Franziskaner aus Dijon, nahm uns sehr freundlich auf.

Unsere folgende Tagereise war eben so angenehm, und die Gegend entzückend schön. Ein Gewitter trieb uns indessen in großer Eile nach Negombo hinein. An dem Commandanten fanden wir einen sehr jovialen Mann. Er machte ganz und gar kein Geheimniß daraus, daß er früher Haushofmeister des Generalgouverneurs gewesen sey. Negombo ist ein sehr fester Plaz, und überflüßig mit süssem Wasser versehen. Der hiesige Zimmet wird für den besten gehalten, die Bäume vermehren sich ungemein. Man schreibt dies, und nicht mit Unrecht, den Raben zu. Diese suchen nämlich die Früchte sehr begierig auf, und geben sie unverdaut von sich. Daher denn auch die Unverlezlichkeit dieser Vögel auf Ceylon und ihre unglaubliche Unverschämtheit.

Am 2. Juli, dieselbe reizende Landschaft; man merkt deutlich, daß man Colombo immer näher kommt. Endlich am dritten, als dem ein und zwanzigsten Tage unserer Reise, langten wir bei guter Zeit daselbst an. Die herrlichen Umgebungen voll Gärten und Landhäuser; die schönen Alleen, die breiten Straßen, die prächtigen Häuser — alles verkündigt eine Hauptstadt.

Fünftes Capitel.

Drei Monate waren wir bereits in Colombo gewesen, und hatten manchen fröhlichen Tag mit alten Freunden verlebt. Endlich waren Templyns Angelegenheiten geordnet, und wir mußten auf unsere Rückkehr bedacht seyn. Am leichtesten und bequemsten hätte dies zu Wasser geschehen können; allein es war keine Gelegenheit vorhanden, überdem hielt auch der Regenmonßon noch an. Es ward daher beschlossen, den gewöhnlichen Landweg zu nehmen, der längs der Küste hinläuft. Was mich indessen anlangt, so hätte ich vorher noch gern eine Reise in die Gebirge von Boucout gemacht. Allein Templyn war durchaus dagegen, und nannte die ganze Unternehmung abenteuerlich.

Unter diesen Umständen ward ich mit einem Portugiesen, Namens Don Manuel de Sylva, bekannt. Es war ein sehr einnehmender Mann, der durch eine Reihe der sonderbarsten Schicksale nach Colombo verschlagen worden war. Er hatte, wie er sagte, in den Gebirgen von Candy, eine unbekannte Diamantengrube entdeckt, dachte auf eine zweite Reise dahin, und lud mich zur Gesellschaft ein. Allein ich fand die Sache so gefährlich, daß ich den Vorschlag von mir wieß, worauf er sich seinerseits zu unseren Reisegefährten anbot. Wir ließen uns dies gern gefallen, nahmen noch drei Träger an, und brachen endlich Nachmittags um fünf Uhr von Colombo auf.

Der Himmel war mit dicken Wolken bedeckt; von Zeit zu Zeit fielen Regenschauer herab, und der Wind blies mit Heftigkeit. Unsere Träger hatten ein wenig zu viel Talwag (eine Sorte Arrak) getrunken, und kamen daher in der Dämmerung vom rechten Wege ab. So irrten wir die halbe Nacht herum, bis wir endlich das Dorf Werigur erreichten, wo nun den ganzen folgenden Vormittag ausgeruht ward.

Die nächsten zwei Märsche waren nicht weniger beschwerlich, auch ward der angeschwollene Colombo mit vieler Mühe passirt. Abends erreichten wir Negombo. Um jedoch dem Commandanten nicht beschwerlich zu fallen, quartierten wir uns in dem benachbarten Dorfe Sunneput, in einer alten Kirche, ein.

Die beiden folgenden Tage, weitere Reise, und Nachtlager auf die gewöhnliche Art. Templyn verließ mich hier; ein Brief von seiner kranken Frau rufte ihn eilig nach Jaffanapatnam zurück. Don Manuel, der Portugiese, fieng nun zum zweitenmale von seiner Reise an. Er gestand mir jezt, daß es keine Diamantengrube, sondern ein Familienschatz sey. Er hatte die sichersten Anweisungen über die Stelle, wo er vergraben war. Da dies zu meinem Plane, die Gebirge von Bocour zu bereisen, vortrefflich paßte, willigte ich ohne viel Mühe ein. So erreichten wir Chilaw, lohnten unsere Träger ab, machten im Stillen die nöthigen Einkäufe, und brachen endlich am dritten Tage wieder auf.

Anfangs, und um die Einwohner zu täuschen, verfolgten wir den nämlichen Weg; bald aber schlugen wir uns seitwärts in die Wälder, und nahmen unsere Richtung gegen das Gebirge zu. Unsern Reisevorrath hatte der Portugiese schon den Abend zuvor in der Nähe versteckt. Das Ganze bestand aus einem Sacke mit ungefähr zwanzig Pfund Reis; einem Paar Pistolen nebst Pulver und Blei; zwei Calebassen, die eine mit Arrak gefüllt, die andere zum Wasser bestimmt; einem Paar kupferner Schüsseln und Teller; einem Beile und einem kleinen Taue, einigen Feilen und Brecheisen, und einer großen Bärenhaut. Wir passirten den Manasseran, und hatten diesen Tag noch einen erträglichen Marsch.

Am folgenden Morgen erblickten wir die Gipfel der Gebirge in blauem Nebelduft. Der Wald ward nun mit jedem Schritte dichter; bald mußten wir uns mit dem Beile durchhauen. Wir richteten uns sorgfältig nach dem Compasse, und wanderten so immer nach Osten fort. Als es Nacht geworden war, wimmelte es von wilden Thieren um uns her. Doch hielten wir sie durch Feuerbrände und Pistolenschüsse von uns ab.

Sechstes Capitel.

Mit unserer fünften Tagereise ward der Weg nun je länger, desto beschwerlicher. Hier hatte noch nie ein menschlicher Fuß gewandelt; hier herrschte die Natur noch in ihrer ganzen ursprünglichen Macht. Mit unsäglicher Mühe arbeiteten wir uns durch das Gebüsch hindurch, wo jeden Augenblick der Anfall eines Tigers zu befürchten war. Gegen ein Uhr machten wir Halt, um einige Stunden auszuruhen. Als wir wieder aufbrachen, nahm der Wald allmählig an Dichtigkeit ab. Bald aber sahen wir eine ungeheure, hohe Grasmasse gleich einer Mauer vor uns. Keine Möglichkeit hindurchzudringen, so oft auch der Versuch wiederholt ward. Unterdessen fieng es an dunkel zu werden, und wir mußten auf unser Nachtlager bedacht seyn. An ein großes Feuer war nicht zu denken, kaum hatten wir Holz zum Kochen genug. Wir brachten daher die Nacht auf einem Baume zu, wobei uns unser Tau vortrefflich zu statten kam.

Am folgenden Morgen gelang es uns endlich in der Graswand einen Eingang zu entdecken, der hindurchzuführen schien. Der Schlangen wegen war indessen große Vorsicht erforderlich. Dabei eine erstickende Hitze, ein glänzender Sandboden, eine brennendheiße verpestete Luft. Gegen Mittag fanden wir endlich einen kleinen Raum, verzehrten die Ueberreste unseres Abendessens, und legten uns dann wechselsweise zum Schlafen hin.

Als wir wieder aufbrachen, bemerkten wir mit Freuden, daß die Graswand immer dünner, und die Anzahl der Oeffnungen immer häufiger ward. Bald sahen wir wieder Bäume, und bald gewann der Wald wieder völlig die Oberhand. In glänzendem Sonnenlichte lagen die Gebirge von Bocour nun ganz vor uns. Nur noch einige Stunden, und der Fuß derselben war erreicht. Mit beflügelten Schritten eilten wir über den obern Boden dahin. — Plözlich! — O Schreck! o Entsetzen! — Plözlich sahen wir einen breiten und tiefen Canal vor uns, der von oben bis unten, mit dichtem, eng verflochtenem Gebüsch angefüllt war.

Neue Hindernisse! neuen Schmerz! Endlich beschlossen wir längs des Ufers abwärts zu gehen, um zu sehen, ob der Uebergang möglich sey. Doch vergebens! Je weiter wir kamen, desto breiter und tiefer ward der Canal. So brach der Abend an; ein Glück für uns, daß Holz im Ueberfluß vorhanden war. Am folgenden Morgen kehrten wir wieder um, und entdeckten endlich eine Stelle, wo wenigstens meinem Gefährten der Uebergang möglich schien. Was ich ihm auch sagen mochte, er bestand darauf. So ließ er sich denn an dem Taue hinab, nachdem es um einen Baum befestigt worden war.

Es dauerte indessen ziemlich lange, ehe er eindringen konnte, dann aber war er mir auch augenblicklich aus dem Gesicht. Unverwandt hatte ich indessen meine Augen auf das andere Ufer gerichtet; als ich plözlich in der Mitte des Dickichts ein starkes Geräusch, und bald darauf sein Angstgeschrei vernahm. Er war in Gefahr; wie wahnsinnig sprang ich die Tiefe hinab, und drang in der Oeffnung vor. Doch alles vergebens! Kein Laut; keine Antwort; nichts gewisser, als daß er von einer Schlange erwürgt worden war.

Mit zerrissenem Herzen, mit thränenden Augen stieg ich wieder hinauf, und fühlte das Elend meiner Lage in seiner ganzen Schrecklichkeit. Ich war allein in dieser Wüste, und auf allen Seiten von Gefahren umringt. Ich war allein! — Die Sonne sank tiefer, ich beschloß in der nämlichen Richtung fortzugehen. War es Instinkt, war es Gleichgültigkeit? es schien mir am besten so. Zum Glück hatte ich noch etwas Reis, nebst der Arrakcalabasse, und den Pistolen bei mir.

Die Nacht brach an; ich machte bei einem Baume Halt, kletterte hinauf, und band mich mit dem Taue an zwei Aeste fest. Bald schlief ich vor Ermüdung ein. Doch mein Schlaf war nicht erquickend; das Bild meines unglücklichen Gefährten schwebte mir unaufhörlich vor.

Siebentes Capitel.

Als ich erwachte, war es hoher Mittag, und ich fühlte mich an allen Gliedern gelähmt. Nur mit Mühe vermochte ich mich loszubinden, worauf meine traurige Wanderung weiter gieng. Der Weg war mit feinem aschfarbenem Sande bedeckt, der mir bei jedem Schritte entgegenflog; daher ich von heftigem Durste gepeinigt ward. Zum Glück kam ich endlich an einen Bach, wo ich den Rest meines Arrakes mit Wasser vermischte, und so ein kühlendes Getränk erhielt. Unterdessen zogen am Horizonte furchtbare Gewitterwolken auf. Ich eilte daher, einen großen schattigen Baum zu erreichen, den ich in einiger Entfernung vor mir sah.

Es mochte ungefähr um sechs Uhr Abends seyn, als ich glücklich auf dieser Stelle ankam. Sofort bratete ich mir einige gefundene Schnecken, und kletterte dann auf den Baum, wo ich mich wie gewöhnlich mit dem Taue anband. Kaum hatte ich indessen einige Stunden geschlafen; als ich aus einem schrecklichen Traume erwachte, und mich über und über von Feuer umgeben sah. Das furchtbarste Ungewitter war losgebrochen; der ganze Himmel ein wallendes Flammenmeer. Mit unsäglicher Heftigkeit raste der Sturm in den Aesten, und warf mich wie einen Ball hin und her. Den Kopf auf die Knie gestüzt, schloß ich die Augen, und brachte den Rest der Nacht in einer Art Betäubung zu.

Der Tag brach an; der Regen hörte auf, der Himmel ward heiter, und alles glänzte in goldnem Sonnenlicht. Ich trocknete meine durchnäßten Kleider, und machte mich auf den Weg. Allmählig lief der Canal nach Osten, eine Richtung, die sehr erfreulich für mich war. Voll Muth und Hoffnung wanderte ich so bis Nachmittags um 3 Uhr fort. Plözlich stand ich vor einer hohen Felsenwand, die mir den Weg verschloß.

Keine Möglichkeit weiter zu kommen, es mußte denn von Seite des Waldes gewesen seyn. Ich beschloß es daher zu versuchen, und drang auch wirklich zwischen zwei Dornengebüschen durch. Doch in dem Augenblicke schoß eine ungeheure Schlange auf mich los. Wohin sollte ich fliehen? Nirgends mehr Rettung für mich! Rechts hatte ich den Canal, links das Ungeheuer, vor mir die hohe Felsenwand. Ohne zu wissen, warum, eilte ich indessen den vorigen Weg wieder nach derselben zurück.

Unterdessen war die Schlange immer näher gekommen, und kaum war sie noch drei bis vier Fuß von mir entfernt. In dieser entsezlichen Lage folgte ich blos meiner Verzweiflung, und sprang, wie wahnsinnig auf ein hervorragendes Felsenstück. Von diesem arbeitete ich mich, ohne zu wissen wie, allmählich höher hinauf, bis ich endlich oben war. Jezt aber sank ich ermattet zu Boden, und lag eine gute Weile, ehe ich wieder zu mir kam.

Als ich die Augen aufschlug, und in die Tiefe richtete, sah ich die fünfzig Fuß lange Schlange, die sich langsam in den Wald zurück begab. Aber zu gleicher Zeit bemerkte ich mit großem Schmerze, daß mein ganzes Reisegeräthe verloren war. Ich fühlte, daß meine Lage doppelt elend werden mußte, und überließ mich der Verzweiflung. Wohin ich blickte, sah ich ein Felsenchaos vor mir, in dessen Mitte sich ein furchtbarer Abgrund befand.

Der Abend dämmerte; ich suchte in meinen Taschen, und fand zu meiner großen Freude noch ein Stück Zwieback und mein Feuerzeug. Von wilden Thieren war in dieser Einöde nichts zu fürchten; ich machte daher blos Feuer zur Vertreibung des Gewürmes an. So nahm ich mein Lager auf dem harten Boden, mein Haupt an die Felsen gelehnt. Alles war still und öde um mich; ach! diese Wüste schien mein eigenes Grab zu seyn.

Achtes Capitel.

Am folgenden Morgen neues Erwachen; neue Noth. Mein ganzes Frühstück bestand in ein wenig Regenwasser, das ich in einer kleinen Felsenhöhlung fand. Mühsam schleppte ich mich nun in diesem Labyrinthe fort; bis ich endlich gegen Mittag an dem Fuße eines hohen steilen Berges ankam, der mir abermals den Weg verschloß. Indessen nahm ich allen meinen Muth und meine Kraft zusammen, denselben zu erklimmen, in der festen Hoffnung, jenseits werde das Ziel meiner Leiden seyn. Doch wie groß war mein Entsetzen, als ich mich endlich auf dem Gipfel befand, und nichts erblickte, als ein ödes, wildes, mit Klippen besäetes Thal!

Es mochte zwei Uhr Nachmittags seyn; ich war gänzlich erschöpft, und sah mich vergebens nach etwas Nahrung um. Als ich so da saß, erblickte ich eine kleine Schlange, die begierig hinter einer Eidechse herschoß. Ich zerschmetterte die erstere mit einem Steine, schnitt ihr, des Giftes wegen, den Kopf ab, und bereitete mir ein gutes Mahl von ihr. So ist die Existenz der Wesen verknüpft; ein ewiger Kampf der Kräfte, wo eine der andern Opfer ist!

Der Berg war auf dieser Seite fast senkrecht abgeschnitten, und der ganze Abhang mit spitzigen Klippen bedeckt. Gleichwohl mußte ich das Thal zu erreichen suchen, ehe mich auf dem Gipfel die Nacht überfiel. — »Nun, wie Gott will!« — sagte zu mir selbst, sezte den rechten Fuß vorwärts, klammerte mich mit den Händen an, und fand, daß das Herabsteigen wenigstens nicht unmöglich war. Mit unsäglicher Mühe arbeitete ich mich nun immer tiefer und tiefer hinab. Doch die Hand des Allmächtigen leitete mich sicher neben dem Abgrunde hin. So kam ich glücklich an dem Fuße des Berges an.

Als ich das Thal genauer betrachtete, bemerkte ich einen Canal, der aber blos in der Mitte, und selbst da nur ganz dünn mit Gesträuch bewachsen war. Allein, da es düster zu werden anfieng, beschloß ich in einer Felsenhöhle zu übernachten, wo ich zum Glück einige Vogeleier fand. Am folgenden Morgen erquickte ich mich mit etwas Regenwasser, und wanderte anfangs eine gute Strecke längs des Canals hin. Endlich kam ich an eine Stelle, wo der Rand eingestürzt, und die Tiefe zur Hälfte damit ausgefüllt war. Fröhlich stieg ich hinunter, und kam bald auf der andern Seite an. Hier schlug ich einen Reiher nieder, der gebraten wenigstens eßbar war. Von nun an ward der Weg immer ebener, immer bequemer, so daß ich die Gebirge bald sehr weit hinter mir sah.

Am andern Morgen, am 16. August, trieb mich die brennende Sonne etwas tiefer in den Wald, der neben dem Wege hinlief. Unvermuthet finde ich einen gebahnten Weg, und plözlich werde ich frische Fußtapfen gewahr. Bald höre ich in der Entfernung Stimmen, und bald vernahm ich, daß es bekannte Töne sind. — Gott, welcher Augenblick! Es durchbebte mich, wie ein elektrischer Schlag. Ich wollte rufen, ich konnte es nicht. Da stürzte ich fort, und stand in wenig Minuten vor einem Haufen Singalesen, unter denen mein alter Freund Manioppu war.

Sie zogen nach Putlan, um Salz zu holen, wir waren nur noch drei Tagereisen davon entfernt. Nachdem ich daselbst eine Woche ausgeruht hatte, kehrte ich zu Wasser nach Jaffanapatnam zurück. Hier fand ich Gelegenheit ein äußerst vorteilhaftes Geschäft zu machen, wodurch mir mein ausgestandenes Elend sehr reichlich vergütet ward. Als nun endlich die Nachricht von dem Pariser Frieden ankam, hielt ich's fürs beste, wieder nach der Küste zurückzukehren, und kam nach einer sehr kurzen Fahrt, glücklich in Bimilipatnam an.

Neuntes Capitel.

Ein Jahr lang hatte ich hier meine Geschäfte mit vielem Erfolge betrieben, als ich mich, um dieselben noch mehr zu erweitern, zu einer Landreise nach Madras veranlaßt sah. Dieses geschah in einem Palankin. Man kann in der That durchaus nicht sicherer, bequemer und angenehmer reisen, als auf diese Art. Ein Palankin ist nämlich eine Art von Canapegestell, das ungefähr sieben Fuß lang, und drei Fuß breit zu seyn pflegt. Er hat einen mäßig hohen Rand, vier kleine Füße, und eine gewölbte Decke von Bambusrohr. Inwendig ist er mit einer weißen Matrazze und einigen Kissen belegt, während die Decke entweder mit Tuch oder Wachsleinwand überzogen wird.

In der Mitte dieses zeltartigen Daches, ist außerdem noch ein großes Stück grüner Cattun befestigt, das nach der Länge des Palankins, an beiden Seiten bis auf den Boden reichen muß. Bei Tage wird es aufgerollt, und in eine Wulst zusammengeknüpft; bei Nacht aber, wenn man in dem Palankin schläft, bildet es eine Art Bettvorhang. Ueberhaupt braucht man den Palankin gerade wie ein Canape.

Ein solcher Palankin wird von vier Männern getragen, denen noch vier andere zum Ablösen beigesellt sind. Zwei der Träger gehen vorn, zwei andere hinten, und jene wie diese halten den Palankin vermittelst eines Bambusrohres, das vorn und hinten mitten aus der Decke geht. Sie marschiren indessen nicht neben, sondern hinter einander, wobei das Bambusrohr auf der Schulter ruht. Da sie nun eine Art Takt im Schritte halten, den sie auch von Zeit zu Zeit mit der Stimme angeben, so ist die Bewegung eben so gleichförmig als angenehm. Man kann dabei lesen, schreiben, schlafen u. s. w. wie es einem beliebt. Wäsche, Vorräthe u. s. w. werden theils zu den Füßen, theils unter das Kopfkissen gepackt.

Es war vier Uhr Morgens — »Tschollo!« (Marsch!) — riefen meine Träger, nahmen den Palankin auf, und wanderten lustig die Straße entlang. Als wir Bimilipatnam im Rücken hatten, fieng es eben an vollends Tag zu werden, und überall flogen Schaaren von Krähen von den hohen schattigen Bäumen auf. Bald kamen wir bei einem schönen Mangabusche vorbei. Lieblich schimmerten die goldenen Früchte durch die dunkelgrünen glänzenden Blätter, und zwischen den freundlichen Aesten flatterten girrende Turteltauben herum.

Weiterhin holten wir eine Menge indischer Pilgrime von allen Sorten ein. Sie zogen sämmtlich nach dem heiligen Berge Schiemanchelom, den ich ebenfalls zu besehen willens war. Lange mußten wir zwischen diesen betenden und singenden Haufen bleiben, bis wir endlich das große schöne Thal erreichten, worin sich jener hohe steile Berg erhebt.

Eben sollte am folgenden Morgen das große Jahresfest beginnen, das immer neun Tage zu dauern pflegt. Der Zufluß von Menschen war daher außerordentlich. Nur mit Mühe fand ich noch einen schattigen Platz für meine Palankin, ruhte daselbst bis fünf Uhr, und stieg endlich den Berg auf einer breiten bequemen Treppe hinan. Das Thal, das kleine Dörfchen Chindopillie, der dabei befindliche See, u. s. w. alles bietet die mannichfaltigsten Aussichten dar.

Die ersten 430 Stufen hat man nichts als sanfte Abhänge neben sich. Plözlich aber stößt man auf einen steilen Felsenkranz, den man durch ein ausgehauenes Portal passirt. Von diesem Thore bis zum Gipfel werden noch 1160 Stufen gezählt. So wie man diesen erreicht hat, findet man das Dorf Schiemanchelom, und am südlichen Ende desselben den Tempel, der dem Gotte Appana geheiligt, und einer der ältesten in ganz Indien ist. In der Nähe desselben entspringt die heilige Quelle, die nach der Religion der Hindus für eben so wirksam wie das Wasser des Ganges gehalten wird. Kein Hindu darf sich dem Tempel nähern, wenn er sich nicht vorher in diesem Wasser gebadet, oder wenigstens seinen Kopf einige Minuten unter eine der fünf Adern gehalten hat. Das Gedränge um dieselben war daher außerordentlich, zumal da der ganze Badeplatz kaum hundert Schritt lang, und etwa halb so breit ist. Indessen fand dennoch die größte Ordnung, und das beste Betragen dabei statt. Einer half dem andern, einer machte dem andern Platz.

Noch bunter waren die Gruppen längs dem übrigen Wege, und auf dem Gipfel des Berges selbst. Zu beiden Seiten der Treppe ziehen sich nämlich schöne schattige Rasenplätze hin, wo die wandernde Masse von Zeit zu Zeit auszuruhen pflegt. Eben so ist es oben in der Nähe des Tempels, wo der ganze Haufen zusammentrifft. In dichten Kreisen knieten Männer und Weiber an dem Eingange des Heiligthums. Einige waren in tiefer Betrachtung; andere beteten mit stiller Lippenbewegung; noch andere stimmten Lobgesänge an. Die Luft war mit Weihrauchsdampf erfüllt; schöne Tänzerinnen scherzten mit ihren Liebhabern, und überall ertönten die Dools (Trommeln), und die Chelimbies (Becken).

Zehntes Capitel.

Es mochte ungefähr um vier Uhr Morgens seyn, als einer meiner Träger mich zu wecken kam. Noch war es völlig dunkel; gleichwohl hatte sich bereits der ganze Haufen Pilgrime in Bewegung gesezt. Das Geräusch glich dem dumpfen Donner eines Wasserfalles. Alles eilte nach dem Berge, der aufs prächtigste mit Fackeln und Pechkränzen erleuchtet war. Ich folgte dem Menschenstrome auf der von tausend Lichtern flammenden Treppen nach, verließ aber bald das Getümmel, um auf der andern Seite des Berges die Sonne aufgehen zu sehen. Nie habe ich eines schöneren Morgens, nie einer entzückenderen Aussicht genossen; alles war Licht und Klarheit, Leben und Herrlichkeit. Endlich stieg ich auf einem schattigen Fußpfade wieder in das Thal hinab, wo ich verabredetermaßen meinen Palankin fand.

Wir wendeten uns nun südöstlich, und kamen durch eine schön bebaute Ebene nach Nabob Pette, das zwar ein kleines, aber recht artiges Dörfchen ist. Hier hielten wir unser Mittagsessen in einem angenehmen Mangawäldchen, und sezten dann unsere Reise bis Dovigram, einem etwas seitwärts liegenden Dorfe fort, wo eine große und bequeme Chauderie befindlich ist. Unter den Reisenden, die sich bereits dort einlogirt hatten, fielen mir besonders zwei büßende Fakirs auf, wovon der eine ungefähr dreißig, der andere fünfzig Jahre alt war. Jener gieng völlig nackend, und trug in seinem Geschlechsgliede einen dicken und großen eisernen Ring. Der zweite hatte sich die entsezliche Buße aufgelegt, seine Arme und gefalteten Hände, hoch ausgestreckt, unaufhörlich über dem Kopfe zu halten, und es wirklich ausgeführt. Die Arme waren nun völlig steif geworden, und die Hände gleichsam in einander verwachsen, so daß alles ganz unbeweglich stand.

Als ich am andern Morgen in meinem Palankin erwachte, befand ich mich unvermuthet bereits zu Vizagapatnam. Meine Träger hatten ihn nämlich vorsichtig aufgenommen, und in der Kühle die Paar Stunden schnell zurückgelegt. Vizagapatnam ist eine Stadt, oder vielmehr ein Dorf mit einer englischen Factorei. Es ist ein unangenehmer, einsamer, trauriger Ort, der mitten zwischen kahlen Bergen, wie in einem Kessel liegt. Indessen hat es einen schiffbaren Fluß, und viele Baumwollenfabriken; auch sind die Einwohner wegen ihren feinen Elfenbeinarbeiten berühmt. Eben waren meine Geschäfte abgemacht, und ich wollte weiter reisen, als ich von einem Begräbnisse in der Nachbarschaft hörte, das ich mit anzusehen beschloß.

Es war zu Velur, nur anderthalb Stunden von Vizagapatnam. Eine junge Wittwe von der Caste der Chetries sollte sich mit dem Leichname ihres Mannes in einer Grube verbrennen, wie es im südlichen Theile von Coromandel auf einem Scheiterhaufen geschieht. Bei meiner Ankunft ward ich sogleich nach einem Hause gewiesen, wo die Wittwe in der Mitte ihrer sämmtlichen Verwandten, unter einer Art Baldachin saß. Es war ein junges wohlgebildetes Weib von höchstens ein und zwanzig Jahren, mit einer äußerst sanften Physiognomie. Sie bewegte die Lippen, wie eine Betende, theilte dann und wann unter ihre Verwandten Betel aus, und schien vollkommen gefaßt zu seyn. Ich betrachtete sie mit innigem Mitleid; bald aber zog mich die Menschenmasse nach dem zur Feierlichkeit bestimmten Platze fort.

Dieser lag außerhalb des Dorfes, ungefähr eine Viertelstunde davon. In der Mitte desselben befand sich eine Grube, die bei zehn Fuß Länge, acht Fuß breit und tief zu seyn schien. Sie war bereits mit einer großen Menge Kohlen angefüllt, dennoch warf man noch von allen Seiten Holz hinein. Endlich rückte der Leichenzug näher, rund um die Grube wurden Matten aufgehängt, und die ganze Masse der Zuschauer bildete einen unübersehbaren Kreis.

Die Wittwe war aufs prächtigste gekleidet, und überall mit Juwelen bedeckt. In der Hand hielt sie eine kleine, mit Gewürznelken besteckte Citrone, woran sie bisweilen zu riechen schien. Neben und hinter ihr, giengen ihre Verwandten, mit mehrern Braminen, und eine Menge Weiber beschloß den Zug. In einer gewissen Entfernung von der Grube ward Halt gemacht. Die Wittwe legte ihre Prachtgewänder und Juwelen ab, badete sich in dem benachbarten Weiher, den ein dichter Kreis von Freundinnen umschloß, und kam endlich in einem ganz einfachen weißen Gewande zurück. So gieng der Zug bis in die Nähe der Grube, an deren Rande der Leichnam des Mannes auf einer Bahre lag.

Als die Wittwe hier angekommen war, blieb sie einige Augenblicke davor stehen, sah ihn mit zärtlichen Blicken an, schlug sich vor die Brust, und brach in Thränen aus. Zulezt verbeugte sie sich, verließ die Bahre, und gieng dreimal um die Grube herum, wobei sie nie den Leichnam zu begrüßen vergaß. Jezt bei dem Leztenmale blieb sie wieder davor stehen; wendete sich zu ihren Verwandten; nahm mit völliger Ruhe Abschied von ihnen; empfieng von einem Braminen einen Krug mit Oel; goß etwas davon auf den Leichnam; sezte sich das Gefäß auf den Kopf; rief dreimal mit lauter Stimme: Naraina! (Gott) und sprang dann muthig in das brennende Grab hinein. Man hatte in demselben Momente die Matten fallen lassen; zu gleicher Zeit ward auch der Leichnam hineingeworfen, und alles mit tausend bereit gehaltenen Bränden bedeckt. Hoch schlugen die knisternden Flammen in die Lüfte empor, und die Weiber erhoben unter dem Lärm der Trommeln, Trompeten und Becken, ein gräßliches Freudengeschrei.

So sehr ich überzeugt war, daß die Unglückliche sogleich erstickt seyn mußte; so machte das Ganze dennoch einen sehr schmerzhaften Eindruck auf mich. Ich verließ den Platz, und trat meinen Rückweg nach Vizagapatnam an. Schon war es dunkel geworden, und in tiefen Gedanken wanderte ich wohl eine Stunde fort, bis ich endlich bemerkte, daß ich auf dem unrechten Wege war. Ein guter alter Mann, den ich eben einholte, bestätigte mir dieses, rieth mir nach Velur zurückzugehen, und zeigte mir einen kürzeren Fußsteig dahin. Ich kehrte demnach um, gieng einige Zeit auf diesem Fußsteige fort, glaubte aber bald in der Entfernung einige Lichter zu sehen, und beschloß geradesweges darauf zuzugehen. Doch die Lichter verschwanden, und ich fühlte mit Entsetzen, daß der Boden unter mir wich. Vergebens suchte ich mich an einem Busche festzuhalten; der Ast brach, und ich stürzte in einen tiefen Abgrund hinab.

Eilftes Capitel.

Als ich wieder zu mir kam, spürte ich in meiner Nähe einen scheußlichen Verwesungsgeruch. Es war ein todter Büffel, auf dem ich lag. Hastig raffte ich mich auf, und starrte verzweiflungsvoll in die undurchdringliche Finsterniß. Zorn und Wehmuth, Verdruß und Ungeduld; alle diese Empfindungen wechselten unaufhörlich in meiner Seele ab. Doch suchte ich mich endlich zu beruhigen, sezte mich auf den steinigten Boden nieder, und fiel in einen tiefen Schlaf.

Der Tag brach an; die finstere Gruft erhellte sich; ich erwachte, und wurde mit Entsetzen mein ganzes Unglück gewahr. Ich befand mich nämlich in einer Höhle, die sich zu beiden Seiten tief in die Erde zu erstrecken schien. Aus dem Gewölbe war ein großes Stück eingebrochen, und durch diese Oeffnung fiel das Licht hinein. Die hohen Wände waren völlig steil, und auf allen Seiten gleich weit davon entfernt.