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Landesverein Sächsischer
Heimatschutz
Dresden
Mitteilungen
Heft
11 bis 12
Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege
Band XIII
Inhalt: [Um Lugstein und Kahleberg] – [Aus Ritter Turmfalks Burg und Kinderstube] – [Ins Trappengebiet] – [Aus einem alten Stammbuche] – [Unsere alte Linde] – [Leineweber-Weihnachten auf der Neusorge vor fünfzig Jahren] – [Flurnamen im Dienste der Ortsgeschichte] – [War sich a Kuh kaafn will, muß erscht in Schtall hom!] – [Eine vergehende Windmühlenlandschaft in der südlichen Oberlausitz] – [Zur Steinkreuzfrage] – [Warum muß der Dresdner Zwinger erhalten werden?] – [Bücherbesprechung] – [Naturdenkmäler]
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Dresden 1924
Band XIII, Heft 11/12
1924
Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden
Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben
Abgeschlossen am 31. Dezember 1924
Um Lugstein und Kahleberg
Von Dr. Kurt Schumann, Dresden
Mit Bildern von Walter Möbius, Dresden
Ich fahre gern mit der Kleinbahn. Man kann sich in Ruhe alles ansehen, was draußen vorgeht, kann die Gesteinsarten und ihre Pflanzendecke gründlich studieren, sich mit der Bevölkerung, ihren Sitten und ihrer Sprache vertraut machen, ist gegen Zusammenstöße mit Schnellzügen geschützt, wenn es auch vorkommt, daß die Lokomotive mit dem ersten Wagen in die Müglitz fällt, und man fährt vor allen Dingen sein Geld ordentlich ab. Die Mehrzahl dieser Vorteile fällt im Winter, wenn man zum Skilauf ins Gebirge fährt, weg. Draußen sieht man nichts, weil es bei der Bergfahrt wie bei der Talfahrt finster ist, die Bevölkerung im Wagen verschwindet unter Bretterhaufen und Rauchschwaden, und die lange Fahrt wird, wenn man sich nach sportlicher Betätigung sehnt, ein zweifelhaftes Vergnügen. Deshalb ist es außerordentlich zu begrüßen, daß in dieser Jahreszeit die Bahnverwaltung Züge fahren läßt, die statt der üblichen fünfzehnmal nur dreimal zwischen Heidenau und Altenberg halten. Daß sie trotzdem dieselbe Zeit brauchen wie die fünfzehnmal haltenden Züge, liegt diesmal nicht an der wohlmeinenden Bahnverwaltung, sondern an der klimatischen Eigentümlichkeit unsrer Gebirge, die doppelt soviel Niederschläge erhalten wie die vorgelagerten Niederländer, und zwar im Winter in Form von Schnee, weshalb man ja zum Wintersport ebendahin fährt. Dazu kommt noch, daß in diesen Gebirgen, namentlich da, wo sie der Mensch abgeholzt hat, der Wind in unfreundlicher Weise bläst, was zur Folge hat, daß auf den Feldern, wo man den Schnee zum Fahren braucht, der Sturzacker herauskommt, während er an anderen weniger zum Skifahren geeigneten Stellen meterhoch liegt. Zu diesen anderen Stellen gehört die Bahnstrecke Geising–Altenberg. Trotzdem waren wir, als wir am 1. März nach dem üblichen Mord und Totschlag beim Umsteigen in Heidenau im Sportzug saßen und durch eine merkwürdige Fügung auch noch einen Sitzplatz erhalten hatten, auf den sich niemand zu setzen gewagt hatte, weil es niemand für möglich hielt, daß zehn Sekunden nach Ankunft des Dresdner Zuges es noch einen freien Platz geben könnte, guter Hoffnung voll, zumal es in den letzten Tagen nicht geschneit hatte. Um das Versäumte nachzuholen, fing es hinter Bärenstein derartig an Schnee zu schütten, als hätte es den ganzen Winter noch nicht geschneit, und so geschah wieder einmal das Unausbleibliche. Als das Zügel mühsam an dem Hang des Geisinger Tals hinaufgeklettert war und nun auf der Westseite vom Geisingberg die Hochfläche erreicht hatte, die das Tal des Roten Wassers von dem der Biela trennt, stand es trotz seiner zwei Maschinen still. Es fuhr noch einmal zurück, nahm einen gewaltigen Anlauf und blieb abermals stecken. Dann fuhr eine Maschine allein los und soll der Sage nach auch in Altenberg angekommen sein. Zurück kam sie jedenfalls nicht, und so schneite die andre Lokomotive samt Zug und Passagieren langsam ein, spuckte noch eine Weile verzweifelt Dreck und Feuer und ergab sich dann in ihr Schicksal. Ich ergab mich auch in das meine, zumal ich es als eine gerechte Strafe des Himmels dafür empfand, daß ich der Mahnung meines Söhnleins (Vater, du könntest eigentlich auch einmal zu Hause bleiben) wieder einmal nicht gefolgt war, obwohl ich den Winter in der Sächsischen Schweiz, in der Dresdner und Dippoldiswaldaer Heide, auf dem Carolasee und der Waldparkbahn wirklich zur Genüge schon genossen hatte. Ich wäre vielleicht auch diesmal zu Hause geblieben, wenn nicht Beelzebub in der Gestalt des Wandergenossen, der die schönen, diesen Aufsatz schmückenden Bilder geschaffen hat, mir mit dem Versprechen genaht wäre, daß er mit mir am Sonntag nach der Strobnitz fahren wollte, jenem schönen Aussichtspfeiler am böhmischen Hang, der durch Schiffners und Wagners begeisterte Schilderung zum Traum meiner schlaflosen Nächte geworden war. Reue und Gram im Herzen verließen wir schließlich den warmen Wagen, um uns gegen den Südweststurm nach Altenberg hineinzukämpfen. Glücklicherweise klebte es wenigstens nicht, und so kamen wir schon nach einer Viertelstunde in die Altenberger Vorstadt, die den ebenso unerklärlichen wie anheimelnden Namen »Polen« führt, stolperten an verschiedenen Hausgiebeln vorbei, liefen manchmal Gefahr, in einen zu irgendwelcher Haustüre führenden Tunnel zu fallen, erblickten ab und zu tief unter uns am Grunde von kunstgerecht ausgeführten Schächten (wir sind hier im Zinnbaugebiet) einen Lichtschein, der sich hinterher als Stubenfenster erwies, rutschten noch über einige gewaltige Schneewogen und standen plötzlich vor unserem Quartier. Drinnen fanden wir eine warme Küche und zwei alte Weiblein, die nach vorsichtiger Schätzung den Einbruch der großen Binge schon mit erlebt haben mußten, dazu drei alte Katzen, die teils blind und teils zahnlos waren und sich auch sonst sehr würdig benahmen im wohltuenden Gegensatz zu einer vierten, die sich mit ihrem noch wohlerhaltenen Gebiß über den in der üblichen liederlichen Weise eingepackten Rucksack des, abgesehen vom Namen, ganz unprophetenhaften Wandergenossen Elias hermachte und ihm den Belag von den Bemmen fraß. Das wurde für uns zum willkommenen Anlaß, den Rest unseres am Morgen gefaßten Gehaltes in Gewiegtem anzulegen und uns auf die Weise für die Strapazen des Sonntags zu stärken. Hätten wir allerdings gewußt, was uns bevorstand, so hätten wir zweifellos noch ein paar Eier an das Fleisch gerührt.
Abb. 1 Altenberger Binge im Schnee
Abb. 2 Der Kleine Lugstein
Am nächsten Tage brach nämlich im Flachland der Frühling aus, was die Dresdner veranlaßte, schöne Spaziergänge in den Großen Garten zu machen. Wir aber erlebten nach dem bekannten Gesetz von der Tücke des Objekts wieder einmal die Kehrseite von der Medaille, indem es fürchterlich pappte, als wir am Morgen am Raupennest (Name einer alten Bergherrenfamilie) emporkletterten. Ich gedachte zunächst wie immer an dieser Stelle meiner schönen Konfirmationsuhr, die ich vor zehn Jahren hier beim Hinabrollen nach Altenberg verlor, ohne sie jemals wiederzusehen, und dann faßten wir angesichts der zwanzig Zentimeter dicken Schneeschicht, die an den Brettern klebte, den männlichen Beschluß, die geplante Strobnitzexpedition aufzugeben und einen Spaziergang nach den nahegelegenen Lugsteinen zu machen. Also begaben wir uns zunächst nach Georgenfeld, dessen spaßige Häuselreihe im Winter noch putziger aussieht als sonst. Auch die übrigen Siedelungen der Hochfläche, Alt-Georgenfeld und Zinnwald mit ihren zerstreuten Schindelhäusern hatten in dem Winterkostüm nur gewonnen, zumal die sonst die Landschaft verunzierenden Halden der Wolframwerke auch mildtätig vom großen weißen Tuch eingehüllt worden waren. Einen besonders schönen Überblick über dieses Kammgebiet wie über die böhmischen Riesen hat man von dem glücklicherweise noch nicht mit Wegweisern bedachten Kleinen Lugstein, der nur um zehn Meter hinter der höchsten Erhebung dieses Gebiets, dem Kahleberg zurücksteht. Seine schroffen Porphyrklippen ragten nur mit den Spitzen aus dem dicken Schneepanzer heraus, der ihn jetzt umgibt, so daß er geradezu alpin aussah. Vielleicht könnte man mit Hilfe einer Tafel mit der Inschrift: »Nach dem sächsischen Matterhorn« den Fremdenverkehr an dieser Stelle etwas heben und für die Herbeischaffung der Konservenbüchsen, Apfelsinenschalen und Bemmenpapiere sorgen, die diesem in jeder Hinsicht reizvollen »Gipfel« zur Zeit noch fehlen.
Abb. 3 Der Böhmische Lugstein
Abb. 4 »Betrieb« am Kahlebergturm
Seinen etwas niedrigeren Bruder, den Großen Lugstein, ließen wir diesmal rechts liegen und schoben uns gleich über das Georgenfelder Moor, den »See«, der den Neugraben speist, mit seinen kaum noch sichtbaren Legföhren in den Märchenwald am Niklasberger Weg, von dessen bizarren Baum- und Schneeformen, die Menschen, Bären, Embryonen und Riesenschnecken glichen, unser Bild einen bessern Begriff gibt, als es irgendwelche Worte vermöchten. Auf der Suche nach immer neuen Überraschungen waren wir so tief ins Dickicht geraten, daß wir erst nach langem Suchen die Lichtung entdeckten, an deren Rande der Böhmische Lugstein, eine dreigeteilte Porphyrklippe, die von schönen Wetterfichten gekrönt wird, wie eine Burg sich aufbaut. Unter wehmütigem Gedenken an die Heidelbeermengen, die ich einst mit meinen Kursteilnehmern an dieser Stelle vertilgt hatte, schlugen wir den Weg nach dem oberen Weißeritztal ein. Merkwürdigerweise funktionierte trotz des mäßigen Schnees die Abfahrt nach Kalkofen ausgezeichnet, was meinem Schneeschuh veranlaßte, gerade in diesem Augenblick sich der Bindung mit Hilfe einer abgebrochenen Schraube zu entledigen, so daß ich tiefen Groll im Herzen in dem gemütlichsten Gasthaus des östlichen Erzgebirges anlangte, als meine Gefährten bereits beim zweiten Gang angekommen waren. Die nicht erst aus neuester Zeit datierende Bekanntschaft mit dem Kalkofener Gasthaus verdanke ich einem mir auch durch andere touristische Qualitäten sehr lieb gewordenen Schnapspascher, der sich unterdessen wieder seinem Originalberufe zugewandt hat, zumal die Früchte seiner beschwerlichen Tätigkeit ihm zerrannen, als er schließlich doch einmal erwischt worden war. Trotzdem mußten auch die Stammgäste das Lokal meiden, als die tschechische Krone so gestiegen war, daß selbst alles Entgegenkommen des Wirts die Valutadifferenz nicht mehr ausgleichen konnte. Nun sind wir die Hochvalutarischen geworden, und damit ist das freundliche Gasthaus aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Kaum kann die kleine Stube die Fülle der Gäste fassen, und ich sehe schon den fürchterlichen Augenblick nahen, wo die kleine Grenzkneipe dem Schicksal verfällt, dem schon so manches stille Grenzwirtshaus verfallen ist. Glücklicherweise hat unter dieser Entwicklung die Qualität bisher nicht gelitten, wie wir in ausführlicher Weise feststellten, indem wir die einst durch die Mitarbeit an Prager und Teplitzer Zeitungen verdienten Kronen hier in Sachwerten anlegten. Wir beschlossen darauf einstimmig, daß unsre noch unbeweibten Gefährten in Bälde eine »Böhmische« zu ehelichen und uns wöchentlich mindestens einmal zu Gansbraten mit Knödeln einzuladen hätten.
Abb. 5 Kahleberg Blick nach Westen (Stürmer)
Abb. 6 Kahleberg Wetterfichten am Nordhang
Dieses sonnige Zukunftsbild im Herzen reparierten wir zunächst den unzuverlässigen Schneeschuh in musterhafter Weise (ich hatte schon vorsichtshalber einen erprobten Fachmann mitgenommen), und damit war der Nachmittag gerettet, der sich nun zu einem Gipfel des Naturgenusses auswuchs. Zunächst gings hinab in die Weißeritzaue und auch irgendwo über die Weißeritz, die nicht zu sehen war, hinweg. Der Schnee pappte zwar auch hier noch im unbefahrenen Gelände nicht anders als am Vormittag. Aber glücklicherweise war hier überall so gründlich gespurt worden, daß die Bretter glänzend liefen, wenn man sich an die ausgefahrenen Gleise hielt. Noch besser wurde es im Tale des Warmbachs, das im Schatten lag. Auch hier hatte der Schnee allerhand Veränderungen hervorgebracht. Der übliche Weg auf dem rechten Ufer war durch eine mächtige Schneewächte gesperrt, und erst da, wo als Zeugen des einstigen Kalkabbaus mächtige Halden im Walde liegen, konnten wir wieder auf den geordneten Pfad zurückkehren. Da wo die Quellbäche des Warmbachs, der trotz seiner geringen Länge infolge der starken Niederschläge ziemlich wasserreich ist, sich vereinigen, ist eine breite Aue, deren Nordseite durch einen steilen Hang, wie wir ihn im Porphyrgebiet oft finden, begrenzt wird. Jetzt deckte ihn eine einheitliche Schneemasse, so daß wieder ein Bild entstand, wie man es sonst nur in den Gletschergebieten der Alpen findet. Und über der überhängende Wächte, die ihn krönte, spannte sich als Künder des nahenden Frühlings ein ganz unwinterlicher geradezu italienisch blauer Himmel. In langen Kehren schoben wir uns an der Schneewand empor. So gelangten wir wieder auf die hier ungefähr achthundert Meter hoch liegende Rumpffläche, von der aus sich ein herrlicher Blick auf das obere Weißeritztal, den buchenbestandenen Hemmschuh, Bahnhof Moldau, Böhmisch-Ullersdorf und Neustadt und die beiden Eckpfeiler des Niklasberger Tals, Stürmer und Bornhau, bot. Am alten Teich kamen wir auf die um die Abendzeit schon etwas verödete »Heerstraße«, die uns an unsern alten Freund Kahleberg heranbrachte. Auch er hat leider unter der großen Mode, die dazu führte, daß es in Dresden bald so viele Schneeschuhe gibt wie in Amerika Automobile, etwas gelitten. Nach neun Uhr vormittags und vor fünf Uhr abends kann man ihn neuerdings nicht mehr besuchen, wenn man nicht zuviel von dem Volk dort treffen will, das überall besser hin paßt als in die freie Gottesnatur, während man in den stillen Stunden höchstens ihre Visitenkarte findet, und auch diese nur an dem allgemeinen Lagerplatz am Turm. Die Aussicht von dort aus bietet aber am Abend die geringsten Reize, weil der Osten dann im Dunkel liegt. Unsere Feierstunde erlebten wir diesmal am entgegengesetzten Ende des Berges, wo die Neunundzwanzig seinen Rücken erreicht. Wie gestochen zeichneten sich Burg und Kirche von Frauenstein am Westhimmel ab. Von da zog sich die einförmige für das Erzgebirge so charakteristische Rumpffläche bis zum Stürmer, neben dem unser ursprüngliches Ziel, der Turm der Strobnitz auftauchte. Und dann gabs noch ein besonderes Geschenk. Weit im Südwesten über langgestreckten Waldflächen hoben sich zwei Gipfel heraus, die alle andern überragten. Im Zeiß zeigten sich auf dem rechten Turm und Schutzhaus. Kaum wagten wir auszusprechen was alle dachten. Der höchste Berg der Heimat und sein stolzer böhmischer Bruder sandten uns freundlichen Abendgruß beim Abschied von winterlichen Gebirge. Und über dem allen ein Himmel, der frühlingsselig grün und blau und rot leuchtete und sich in den Zapfen spiegelte, die zu Hunderten an den Rauhreiffichten um uns herum hingen. Als ich im vergangenen Herbst in der Dresdner Volkszeitung einen Bericht über meine Algerienfahrt veröffentlichte, schloß ich mit den Worten: Was sind alle Schätze des Orients neben dem bescheidenen Grün der Zäunlinge, das jetzt wieder unsere Anlagen schmückt, und was sind selbst die hundertfünfzigtausend Palmen Biskras neben einer rauhreifgeschmückten Fichte am Kahleberg! Daß selbst dieses kühne Wort noch nicht genug sagte, lehrte mich diese Stunde, als das Abendlicht über Schnee und Eis und Rauhfrost seine letzten grellen Lichter warf und damit einen Schönheitsgarten um uns schuf, aus dessen Verzauberung wir uns nur schweren Herzens losreißen konnten. In sausender Fahrt trugen uns die nun wieder ganz brav gewordenen Bretter den Schlängelweg hinab nach der Einunddreißig und von da nach Altenberg, wo unser Zügel immer noch nicht angelangt war, so daß uns wohl oder übel noch die Abfahrt nach Geising blühte. Eine Viertelstunde später langten wir über den glattgefahrenen und gefrorenen Schnee der Vorwerkswiesen am Bahnhof an.
Abb. 7 Kahleberg Blick nach Norden
Als wir nach Absolvierung der fünfzehn Stationen in Reick landeten, war alles schwarz: Himmel und Erde. Ein Ahnen von nahen Veilchen und Schneeglöckchen stieg aus der feuchten dampfenden Elblandschaft auf. In unseren Herzen vermählte sich das Lenzhoffen des Niederlands mit dem Glanz, den vor wenigen Stunden der scheidende Gebirgswinter um uns ausgebreitet hatte. Am nächsten Morgen aber wußte Karl nicht, was ihn von dem Winter-Frühlingsglück am meisten freuen sollte: der steckengebliebene Zug mit den zwei Lokomotiven oder der Kalkofener Streuselkuchen, den er aus den Tiefen des Rucksacks ausgegraben hatte.
Abb. 8 Kahleberg Blick nach Altenberg und dem Geising
Aus Ritter Turmfalks Burg und Kinderstube
Von Stadtbaurat Rieß, Freiberg[1]
Hoch über alle Dächer der alten Bergstadt recken sich die Petritürme zum Himmel und schauen weit in die Ferne. ([Abb. 1.]) Weit liegen Wiesen und Felder und im immergrünen Kranze die Wälder gebreitet. Blinkende Teiche blitzen auf mit silbernem Spiegel und die Halden des alten Bergbaues grüßen herauf als Zeugen vergangener Bergherrlichkeit und harter Arbeit hundert zäher Bergmannsgeschlechter.
Und zu Füßen drängen sich die Dächer und Häuser, die Höfe und Gassen zusammen, und es wimmeln dort unten die Menschen im eiligen Hin und Her und scheinbar so zweckloser Hast, von der es nur wie das Rauschen einer Brandung verworren heraufklingt.
Diese ruhevolle Höhe mit weitem Blick in alle Himmelsfernen ist so recht ein Platz für Leute, die über die Alltäglichkeit sich erheben wollen, denen Einsamkeit mehr gibt als Zwang und Drang des engen Zusammenhausens, als das Rennen und Hasten mit und in der Menge.
Freilich muß man gut Freund sein mit dem Sturm, der um die Mauern manchmal fegt und heult als wollte er die Türme mit starken Fäusten schütteln, wie ein wilder Bub den Apfelbaum schüttelt, der schnaubend auch durch Ritzen und Schlitze und Winkel pfeift und faucht, daß im Gebälk es knistert und knackt, der prasselnd Regen und Hagel an Dach und Mauern und Luken wirft. Man muß Freund sein mit den Glocken, die dort oben leise summen und brummen und dann gewaltig wieder mit ehernen Stimmen hinausrufen, daß Menschenstimmlein ganz versinken und ertrinken im Schwalle der Brandung dieser flutenden Tonwellen. Auch der Klang der Orgel, die in Feierstunden unten im Kirchenschiff in an- und abschwellenden Akkorden dröhnt, darf ihn nicht stören. Wer dort oben wohnen will, darf auch den Blitz nicht fürchten, der mit grellen, funkelnden Augen hereinschaut und mit wildem Geknatter vorbeispringt und als feurige Schlange mit züngelndem Kopfe knisternd die Leitung herabgleitet.
Aufnahme von K. Reymann in Freiberg
Abb. 1 Petrikirchtürme in Freiberg Von Westen
Ja, wer seine Ziele hochsteckt und aus einsamer Höhe das Land und die Welt der Lebendigen überschauen will, wer auf sich selbst gestellt, allein stolz das Leben meistern will, muß scharfe Augen haben, raschen Entschluß und Kräfte zum Zupacken, darf Wind und Wetter und Sonnenbrand nicht scheuen, der muß früh wach sein und unermüdlich am Tage, bis die Nacht mit geheimnisvollem Dunkel die Gründe der Erde deckt. –
Frühling wars geworden in der alten Bergstadt nach langer schwerer Wintersnot. Der Schnee war wirklich auch am letzten schattigen Grabenrande getaut und verschwunden, und der Ring der alten Wallpromenaden lag wie ein frischer, grüner, duftender Kranz geschlungen um das graue Häusergewimmel der Altstadt. Wie atmete so mancher auf, viel mehr als sonst wohl in früherer Zeit, dem in unerbittlicher schwerer Wohnungsnot Winterkälte, Nässe, Schnee und Regen in engen, dumpfen Räumen die Tage und die Seele verfinstert und den Leib siech und matt gemacht hatten. Frühling wars geworden auch in der alten Bergstadt! Die harzigen Knospen der mächtigen Kastanien am alten Herzogsschlosse Freudenstein öffneten sich mit tausend Fäustchen, die ihre grünen Blätterfingerlein der Sonne, dem Lichte entgegenstrecken und ihre goldenen Strahlen greifen wollen. Die Birken hatten ihren lichtgrünen Schleier angelegt und das weiße Atlasgewand ihres bräutlichen Frühlingskleides schimmerte wie Silber.
Die Lerchen hingen im Himmelsblau und ihre Lieder rieselten wie kristallene Tropfen hernieder auf das Frühlingsland und die graue Stadt. Und die in den Straßen gingen und standen, lachten, und ihre Augen leuchteten, sie nickten sich zu und sagten: »Der Frühling ist da, nun wird es wieder besser werden!«
Die Mädchen sangen Lieder vom Lenz und vom Wandern und die Kinder spielten und tanzten auf dem Petriplatz zu Füßen der alten Turmriesen. Sie schauten hinauf nach dem in der Sonne funkelnden Turmknopf, denn »Sonnenstrählchen«, das Frühlingsengelchen aus dem Bilderbuche, hatte eins der Kleinen soeben dort oben sitzen und die weißen schimmernden Flügelchen heben sehen. Sie schauten auch nach dem grünen Birkenbäumchen, das dort oben aus der grauen, harten Mauer des südlichen niedrigeren, des »faulen« Turmes hervorgewachsen war und dort prangte, wie ein Frühlingssträußchen, das der graue Riese sich an die steinerne Brust gesteckt hatte. Wieder trieb es seine grünen Knospen und Blättlein stark und lebensfreudig, wo doch kein nahrhaftes Krümchen Erde es stärkte, kein Gärtner es pflegte und mit Wasser erquickte, sondern nur der Sturm es zauste. Ein kleiner Dreikäsehoch fragte, ob es der Pfarrer oder der Kirchner oder der liebe Gott gepflanzt habe, und woher sie die lange, lange Leiter dazu wohl genommen hätten! –
Da kamen zwei große Vögel schwebend vom blauen Himmel hernieder, so groß, wie noch keines der Kleinen in den Lüften geschaut, und stolze Kreise zogen sie, wie die bunten Tauben und die schwarzen Dohlen und alle die kleinen lustigen Vögel noch nie geflogen waren. Stumm, mit großen Augen und offenem Mund schauten die Kinder empor und, husch, verschwanden die Vögel gerade über dem jungen Birkenbusch am Turm in einem schmalen Fensterschlitz.
Was war das? –
Was war geschehen? Der edle Ritter Herr von Turmfalk und Frau Gemahlin waren von weiter Fahrt aus fernen Landen gekommen, hatten hier einen Hochsitz gefunden, wie er ihnen, den Hochgeborenen, gefiel und darum gleich hier Wohnung genommen, ohne nach Wohnungs- oder Meldeamt erst lange zu fragen, ohne den Hauswirt erst artig und höflich zu bitten, aber auch ohne Ansprüche an seinen Geldbeutel zu stellen. »Kiii–je, Kiii–je!« das war der Ruf, mit dem sie sich anmeldeten, ihren Turm umkreisten und mit dem sie in den blauen Himmel emporstiegen oder in die Weite davonflogen, mit dem sie auch dem Gesindel zänkischer Dohlen begegneten, die ihnen eifersüchtig den bisher nicht beachteten Platz nun streitig machen wollten. Etwa zehn dieser ruppigen Gesellen traten mehr mit Geschrei und Gezeter als Mut auf, um den wehrhaften Ritter von seinem Burgsitz zu vertreiben. Das edle, hochgeartete Paar ließ sich aber durch das Geschrei nicht anfechten, denn sie wußten wohl: Feigheit flieht und fürchtet scharfe Fänge! Ritter Turmfalk von Scharfenklau ließ in überlegener Ruhe und Kraft die Dohlen flattern, kreischen und schimpfen, und fuhr nur selten einmal durch den auseinanderstiebenden Schwarm vor oder über seiner Haustür. –
Der Hochsitz, den er sich hier vierhundertdreißig Meter über dem Meere erkoren, war sehr einfacher Art. Ein kleiner Fensterschlitz in der Turmmauer unterhalb der großen Schalluke des niedrigeren Südturmes ([Abb. 1]), fünfundzwanzig Meter etwa über der Erde gelegen, von fünfunddreißig Zentimeter Breite und fünfundsiebzig Zentimeter Höhe und fünfzig Zentimeter Tiefe war seine Burg. Wie der harte Mann im siebenbürgischen Jägerliede hat er sich hier »den Stein zum Bett gemacht« und ohne Halm und Ästchen, ohne Blatt, Feder oder andere weiche Dinge auf dem rauhen Gneis des Fensterquaders seinen Hausstand zwischen engen, harten Wänden eingerichtet. Einfach, enge, rauh und schlicht zwar war der Burgsitz, aber doch gut gewählt und sicher gegen die Feinde und die Wetter, welche Ritter Turmfalk kannte, denn starke Mauern schützten sein Heim von oben, unten und den Seiten und hart war auch die Rückwand seines Horstes, nach seinen mineralogischen Kenntnissen auch von blankem, glattem Stein.
Doch dieser harte, blanke, glatte Stein war blankes Glas, durch welches neugierige, freundliche Menschenaugen heimlich schauten und zudringlicher und frecher als jene ruppigen Dohlen in seine Familienverhältnisse einzudringen suchten, aber immer heimlich, ganz heimlich mit dem höflichen, stillen Ersuchen: »Bitte, bitte, gnädige Frau, sich nicht stören zu lassen.«
Mitte Mai legte Frau Turmfalk ein schönes bräunliches Ei. Nach dieser Leistung schwang sie sich mit dem Herrn Gemahl fröhlich in die Lüfte, um noch einmal vor weiteren Familienereignissen einen frischen, flotten Jagdzug in die Felder zu machen, wo zwischen grünenden, wogenden Saaten so recht runde, fette Mäuslein liefen. Erfrischt, gesättigt, angeregt kehrte sie mit hellem Kiii–je zum Horst zurück. – – Wehe! Das Ei, das erste Ei, das einzige Ei, der Stolz des jungen Ehepaares war fort! Spurlos verschwunden, geholen, gestohlen! Leer der steinerne Horst! Wer war der freche Dieb? – Gewiß diese Nesträuber, diese Dohlen! Doch nein, Frau Turmfalk, Sie sind im Irrtum! Das hatten die schwarzen Burschen mit dem lauten, frechen Schnabel doch nicht gewagt, heimlich in Ihr festes Haus, die Burg des Ritters Turmfalk von Scharfenklau einzudringen. Nein, ein wissensdurstiger Knabe hatte heimlich das Fenster hinten geöffnet, rasch das Ei geholt und freudestrahlend seinem Lehrer gebracht, der es der Schulsammlung einverleibte. Ja, auch im Menschen stecken oft schon frühe Dohlentriebe! Leider! – Frau Turmfalk war nun aber gewarnt! Sie blieb daheim und hütete den Horst und beschenkte nach und nach mit vier Eiern ihren Herrn Gemahl. Die hochgeborene Dame, die im stolzen Fluge nur in den höchsten Kreisen zu verkehren gewohnt war, die weite Reisen und ein buntes, ungebundenes Leben liebte, zog sich von der großen Welt zurück, verließ das feste Haus nur selten und ward ein braves, gewissenhaftes Hausmütterchen.
Herr Turmfalk war um seine Eheliebste recht besorgt. Er mußte für die Nahrung sorgen und brachte treulich seiner trauten Gattin manchen saftigen Braten, feines Wildbret von delikater Feldmaus, der sorglich und glatt der Kopf mit scharfem Schnabel abgeschnitten war. Nur wenn der warme Sonnenschein nachmittags am Turm anlag, vermochte er sein Hausmütterchen zu bewegen, vom Brutplatz aufzustehen, die Schwingen zu schütteln und zu kurzem Fluge in die Luft und in das grünende, üppige Frühsommerland zu schweben. Mutter Sonne hielt inzwischen für die Lieblinge der strahlenden Höhe die Eier warm, bis sie von ihrem Fluge in die Höhe und die Weite zurückkehrten und Frau Turmfalk gewissenhaft den Platz ihrer Hoffnungen mit neuer warmer Mutterliebe wieder einnahm. Was kümmerte es sie, daß mittags um zwölf Uhr und abends um sieben Uhr das Häuerglöckchen eine Viertelstunde dicht über ihrem Horste und Haupte läutete und mit seinem traulichen Bimbam die Lüfte erfüllte! Was ging es Frau Turmfalk an, wenn hinter ihrem Rücken so oft ein seltsames Gepolter sich erhob, wenn die Läuter der großen Kirchenglocken die hölzernen Treppen im Turme heraufstolperten oder herunterpolterten und es dann plötzlich stille wurde und mit Rascheln und Scharren dunkle Gestalten an ihrem Fenster sichtbar wurden und wieder verschwanden. Was kümmerte es sie, wenn Sonntags und in der Woche die großen Glocken tönten und dröhnten und wie ein wunderbares Klanggewitter über sie dahinging! Sie duckte sich fester und schmiegte sich mit schirmendem Flügel über ihren kostbaren Besitz mit der göttlichen Muttertreue, welche den brütenden Vogel zum rührenden Sinnbilde der aufopfernden Liebe macht. –
Vier Wochen gingen vorüber, nachdem sie die Eier gelegt, da, acht Tage nach Pfingsten etwa, mitten im wonnigen Junimonat, in den Tagen der Rosen wurde Frau Turmfalk unruhig. Es war ihr so eigen zumute, als sollte nun das Sitzen im engen Burggemach zu Ende sein, als sollte die fröhliche Jagd in Feld und Flur, das Kreisen in blauer Luft, das scharfe Spähen aus schimmernder Höhe und das Niedersausen zu scharfem Stoß, Griff und Fang wieder beginnen, aber eine ganz andere, höhere Bedeutung gewinnen, einen Zweck, den dunkel keimende Mutterliebe ahnte.
In den Eiern unter ihr war es schon so merkwürdig unruhig gewesen in den letzten Tagen. Jetzt sprangen die harten Schalen und sie fühlte, wie krabbelnde weiche Bällchen sich an ihre wärmenden Federn drückten, erst eins, dann zwei, dann drei und schließlich noch am nächsten Tage ein viertes, das Nesthöckchen, welches besonders warm und weich es haben wollte.
Wann Frau Turmfalk dieses frohe Ereignis ihrem ritterlichen Gatten mitgeteilt hat und wie er es aufgenommen hat und seinen Schnabel verzogen, wissen wir leider nicht, hoffen wir, fröhlicher als ein menschlicher Vater, dem Vierlinge angemeldet werden.
Genug, eines Tages, nicht lange nach Pfingsten, bemerkten die heimlichen Beobachter hinter der verräterischen Glasscheibe, daß vier kleine weiße Bällchen mit großen schwarzen Augen, großen Schnäbeln und ganz zartem Flaumkleid in ihrer Kinderwiege umherkrabbelten, sich zusammendrängten und noch recht unbehilflich ihre Köpfchen drehten. Die liebe Mutter war davongeflogen, den Vater kannten sie noch nicht recht, ihr schwaches Kinderstimmchen reichte noch nicht weit, der kalte Wind blies in ihr Eckchen, und ihr kleiner Magen hatte so seltsame, unangenehme Gefühle, daß die Schnäbelchen öfter ganz wie von selbst trichterartig sich öffneten und wieder schlossen. Ja, sie merkten, wie warm und wohl Mutterliebe und Muttersorge tut! Doch da kam sie schon herangeschwebt wie ein schneller Schatten und saß am Rand, an der Tür ihrer lieben Kinderstube. Und was hatte sie mitgebracht! Ein schönes, zartes, junges Mäuslein, so recht für den jungen Magen ihrer kleinen Brut geeignet und leicht verdaulicher Leckerbissen! Den Kopf hatte sie draußen schon abgeschnitten. Nun faßte sie das Mäuslein mit den Krallen, indem sie sich auf die Fußgelenke oder gleichsam auf die Ellenbogen setzte, um die Hände frei zu haben, und als wäre das tote Mäuslein ein Sack, aus dem sie allerlei Gutes hervorholt, holte sie mit dem spitzen Schnabel das Fleisch und die Eingeweide aus dem grauen Mäusewams heraus. »Sie hat das Fell ausgehöselt,« sagte der Kirchendiener Klemm. Das leere Fell wurde in die Tiefe befördert, und öfter fand man später am Fuß des Turmes in den Gebüschen und am Boden solch sauberen Mäusebalg, an dem nur noch die vier Beinchen und das Schwänzchen hingen.
Der Reihe nach bekamen die Jungen ihr Häppchen in ihren Schnabeltrichter und jedes wartete fein geduldig, bis sein Trichterlein an der Reihe war. Und wenn doch einmal das Nesthöckchen von den drei älteren Geschwistern zurückgedrängt war, dann überging Mutter Turmfalk auch einmal die drei vordringlichen dicken Brüder und nahm Nesthöckchen zuerst vor und füllte ihm den kleinen Hals mit einem Leckerbissen, und Dickbrüderchen mußten warten. O ja! in der Kinderstube von Ritter Turmfalk und Frau Gemahlin herrschte Ordnung und Zucht, Verträglichkeit und Reinlichkeit. Schon während der Brutzeit hatte Frau Turmfalk fleißig dafür gesorgt, daß das Haus rein war, damit der Herr Gemahl nichts zu tadeln fand: Keine Speisereste, kein Mäusewams, kein Schmutz und Kot wurde geduldet, sondern über die Schwelle des Hauses gekehrt. Auch die Kinder mußten dies lernen und waren in wenigen Tagen, lange ehe sie rechte Federn hatten und fliegen konnten, stubenrein und besser erzogen als manches kleine Menschenkind, das schon laufen kann. Wenn die braven, jungen Fälklein spürten, daß ein kritischer Augenblick nahte, dann krabbelten sie zum Rande des Mauerschlitzes vor, drehten sich um und hielten das Schwänzchen in die freie Luft hinaus und – – Klex – die Sorge war vorüber! Die liebe Mutter brauchte nicht das Kinderstübchen auszuputzen, denn das tat sie wohl nicht besonders gern.
Fleißig war nun das Elternpaar auf der Jagd, um ihre junge Brut zu sättigen. In zwanzig Minuten oder einer halben Stunde war eine Maus erlegt und zum Horst getragen. Doch es wurde nicht wahllos den ganzen Tag über gefüttert, denn das hätte dem jungen Magen der Fälklein geschadet. Die Stunden der Mahlzeit hielt Mutter Turmfalk streng inne, nämlich morgens etwa um sieben Uhr, mittags um zwölf Uhr und abends auch wieder um sieben Uhr, wenn oben im Turme das Bergglöckchen läutete. Die Mahlzeiten dehnten sich natürlich über längere Zeit aus, denn es ist nicht leicht und rasch getan, für vier hungrige Kinderlein die Nahrung herbeizuschaffen, sie zu füttern und zu sättigen, und schließlich selbst auch noch dabei satt zu werden. Ausschließlich Mäusebraten war die Nahrung unserer ritterlichen Familie Turmfalk. Trotz eingehender Beobachtung wurde nie ein Vogel oder ein Restlein Geflügelbraten oder auch nur eine Feder im Nest oder bei der Atzung bemerkt. Was ist denn auch ein Vögelchen für ein dürftiger Braten, mehr Knochen und Haut als Fleisch, gegen eine runde, appetitliche Feldmaus mit speckigem Rücken! Nur wenn es gar nichts Besseres gibt und der Hunger weh tut, mag auch mal ein Vogel als »Mausersatz« auf Turmfalks Speisezettel stehen. Unser Ritter vom Petriturm hatte solchen »Ersatzbraten« jedenfalls nicht nötig, sondern sein Jagdgebiet bot ihm reichlich die gesuchte Beute.
Im stillen Garten des benachbarten Logenhauses war es schon seit längerer Zeit den Mäusen unheimlich geworden. Sie hatten so lange ein friedliches, ungestörtes Leben geführt, waren umhergehuscht auf Besuch bald hier, bald da, hatten Hochzeiten und fröhliche Feste gefeiert, von allem genascht und niemals gehascht, und nun kam ein blitzschneller Schatten vom Himmel herabgeschossen, ein ängstliches Piepen und eine Maus aus ihrem Volk, eine Hauptmaus mit besonders ausgeprägtem Speckrücken war verschwunden, blitzschnell wie der Schatten! Wo war sie geblieben! Aufgeregt lief man zur Nachbarin, die schon allerlei erlebt hatte und zu erzählen wußte! Dieses unerhörte Ereignis mußte gründlich besprochen werden! Wie konnte so etwas im friedlichen Logengarten vorkommen?!
Wie sollte man sich dagegen schützen? – Doch die Tür der weitgereisten Nachbarin war noch nicht erreicht, da fuhr es plötzlich wie scharfe Dolche durch den Leib der neugierigen Mäusedame! Ein Zappeln und pfeifender Aufschrei und alle Neugierde ihres Lebens war befriedigt. Die unfehlbaren, nadelscharfen Krallen Ritter Turmfalks trugen sie zum nahen Horst. Tagaus, tagein minderte sich so das Mäusevolk. Eine unheimliche Stimmung und Angst breitete sich aus. Die tapfersten Mäusemänner wurden kleinlaut und sehr häuslich und ihre langen Schnurrhaare wurden stumpf und grau. Die blanken, schwarzen Äuglein matt und trüb! Die ganze Staatsordnung kam ins Wanken! Von Auswanderung wurde heimlich in den Gängen gewispert, denn man durfte sich bei Tage nicht mehr ins Freie wagen, da das fast an Selbstmord grenzte. Kein Mäusegatte ließ seine Gattin mehr zum Einholen aus dem Loche heraus. Der Speisezettel wurde täglich dürftiger, und der bisher so prall sitzende graue Leibrock wurde merklich weiter und unangenehm bequem! Ausgestellte Wachen an versteckten Eingängen zur Mäusesiedlung hatten mit zitternden Schwänzen und bebendem Fell beobachtet, daß der blitzschnelle Schatten ein großer Vogel gewesen war! Als erstes habe er stets ohne Unterschied dem erbeuteten, schmählich geraubten Mauseherrn oder Dame mit dem Schnabel haarscharf den Kopf abgeschnitten, wie mit einem Messer oder Schere, und das warme Blut sei umhergespritzt! Furchtbar! Solche Kopflosigkeit war nicht nach ihrem Geschmack! – – Ja, es ist nicht gut, einen stark bewehrten Feind mit scharfem Schnabel und spitzen Fängen als Nachbar zu haben, wenn man schwach und wehrlos ist! Wehrlosigkeit zeugt Feigheit, Nachgiebigkeit, Ehrlosigkeit, Armut, Hunger, Auswanderung, Untergang! – –
So war Ritter Turmfalk und Gemahlin der Schrecken des ganzen Mäusevolkes der Umgegend. Doch auch die Vogelwelt blieb nicht ganz unbeeinflußt. Obgleich man nie beobachtete, daß er einen Vogel gejagt oder geschlagen hätte, hatten sich doch auch die kleineren Vögel, welche sonst in den grünen Lindenwipfeln des Kirchplatzes fröhlich sangen und zwischen den Zweigen umherschlüpften und spielten, vorsichtig aus der unmittelbaren Nähe der Burg des reisigen Ritters zurückgezogen. Ob die neidischen Dohlen ihn verleumdet hatten? Ob den Vögelchen die Mäuse etwas von ihren Sorgen gepfiffen hatten? Ob alte Sagen und Aberglauben überliefert waren, die nun noch in den kleinen Vogelköpfchen spukten, und den bisher niegesehenen Vogel dort oben verdächtig machten? Ob der Anblick seiner scharfen Krallen und des spitzen Schnabels sie allein schon furchtsam machte? Ob sie den unfehlbaren Stoß bei der Mäusejagd beobachtet hatten und ihn nun für sich fürchteten? Ob sie aus Vorsicht nur die unheimliche Nähe des Raschen und Starken mieden, um nicht einem plötzlichen Begehren oder Einfall des Unberechenbaren ausgesetzt zu sein? – Der Schluß ihrer Vogelphilosophie war jedenfalls, daß sie sich drückten, denn geh zu den mächtigen Herren nur, wenn sie dich rufen, und bleib in ihrer Nähe nur, wenn du mußt. Der Schwache ist neben dem Starken leicht in Gefahr! – – –
Unermüdlich trieben so Herr und Frau Turmfalk ihre Mäusejagd, um ihre edelste Aufgabe in rechter Weise zu erfüllen, nämlich ihre Jugend aufzuziehen zu rechter Kraft und echtem Falkentum, um allen Aufgaben des Falkenlebens gewachsen zu sein. Sie waren auch vorsichtig und vorausschauend wie ein rechtes Elternpaar, das nicht nur für heute sorgt, sondern auch für die Zukunft, und daran denkt, daß für jede Mahlzeit genügender Vorrat zur Verfügung stehen muß, daß die Kinder nicht lange auf die Beschaffung warten und schließlich gar hungern müssen. Turmfalks hatten ihre Vorratsschränke und ihren Vorratsboden, die eifrig gefüllt wurden mit blutfrischen Braten, solange nicht die Atzung der Kinderlein sie in Anspruch nahm. In den seitlichen Wandungen rechts und links ihres steinernen Horstes befanden sich die Speiseschränke, das heißt etwa zehn Zentimeter tiefe aus den breiten Fugen des Gneissteinmauerwerks ausgewitterte Löcher, in welche sie sorgfältig erlegte Mäuse hineinlegten, ein Mäuslein über das andere gepackt, öfter drei oder vier in jedem Mauerschrank, alle Mäuse selbstverständlich ohne Kopf. Die braven Kinder konnten leicht an die offenen Schränke, wo das appetitliche Wildbret lag, aber Naschen und Stehlen lag ihnen fern. Sie warteten geduldig, bis die gute Mutter an den Vorrat ging und ihre aus dem Mäusewams »ausgehöselten« Leckerbissen verteilte. Mit dem raschen Wachstum der Falken wurden diese Happen größer und größer, bis sie schließlich Mann für Mann bei jeder Mahlzeit eine Maus bekamen und selbst an ihr das »Aushöseln« lernten. Da kam es auch vor, daß zwei Fälklein sich mit einer Maus beschäftigten und mit den Eingeweiden ihre liebe Not hatten. Das eine Brüderchen zog an einem Ende des Darmes, das andere am anderen Ende. Es wurde erst einmal »Tauziehen« gespielt, bis jedes seinen Happen sich einverleibt hatte. Das war nicht leicht und für Fälkleins vielleicht ebenso schwierig, wie wenn kleine Menschenkinder faserigen Stangenspargel oder glatte weiche Makkaroni essen sollen, ohne mit den Fingern nachzuhelfen!
Die Speiseschränke reichten manchmal nicht aus bei dem gesunden Hunger der kräftigen Falkenjugend und wenn die Jagd besonders ergiebig war. Als man eines Tages die Holzläden an den Fenstern des Glockenbodens auf dem Turme hoch über dem Horste öffnete, sah man auf einem hölzernen Sims oben eine Reihe von blutfrischen Mäusen liegen, nebeneinander kopflos und friedlich aufgereiht, wie der Wildhändler seine Hasen auf dem Schaubrett auslegt. Ob dieses Vorratslager der alte Herr Ritter Turmfalk nun heimlich für sich zu besonderen Genießerzwecken angelegt hatte, oder ob er in treuem Vaterpflichtgefühl hier seine Jagdbeute für die Jungen niederlegte, solange die Gattin mit der Atzung der Kinder beschäftigt war, damit sie ohne Mühe und ohne Zeitverlust die Nahrung von dem verabredeten Platze rasch herbeiholen könnte, das läßt sich nicht genau feststellen. Wir glauben aber, daß solche Arbeitsteilung und die gemeinsame Sorge für ihren hoffnungsvollen Nachwuchs durchaus in dem ritterlichen Charakter unserer geflügelten Helden liegt. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß auch an anderen Stellen Ritter Turmfalk sich solch Lager von Wildbret anlegte, denn man sah ihn öfter um den Turm kreisen und auch durch eine fehlende Scheibe im unbewohnten Kämmerchen des ehemaligen Türmers auf der Ostseite des hohen nördlichen Turmes verschwinden und bald wieder herausfliegen. Was suchte er in dem öden engen Raume, wo höchstens Spinnen ihre Nester bauen und ihr Dasein kümmerlich fristen? Er hat sein Geheimnis nicht verraten! Vielleicht hatte er dort auch eine Niederlage eingerichtet, um auf alle Fälle gerüstet zu sein und seine hungrige Gesellschaft stets reichlich versorgen zu können, wenn die Jagd einmal nicht so ergiebig sein sollte. –
Die jungen Falken hatten sich in wenigen Wochen so kräftig entwickelt, die kleinen Schnäbel hatten sich hakenförmig gekrümmt und eine nadelscharfe Spitze bekommen, das zarte, weiche Daunenkleid war einem Federkleide gewichen, dessen Weiß mit feinen braunen Streifchen gesprenkelt war und allmählich namentlich auf dem Rücken mehr und mehr in Braun überging. Die kleinen Gesellen waren immer lebhafter geworden und der enge Raum der Fensternische wollte kaum mehr reichen. Vater und Mutter Turmfalk hatten schon auswärts Wohnung suchen müssen, weil für sie der Platz nicht mehr reichte. Wer weiß, ob nicht in wenigen Tagen die Kraft der jungen Flügel erprobt werden sollte – und dann war es zu spät, eine photographische Aufnahme zu machen! Am 18. Juli stiegen nachmittags drei Uhr Herr Kantor Bretschneider und Herr A. Schreiber mit photographischem Apparat die enge Wendeltreppe zum Turme hinauf, um die vier Junker Turmfalk auf die Platte zu bannen. Die Aufgabe war nicht leicht, denn die Aufstellung des Apparates war durch das Gebälk und die Treppe im Turme stark behindert. Die jungen Falken hatten scharfe Augen und scharfes Gehör. Auf jedes Geräusch und jede Bewegung antworteten sie durch Stutzen. Leise, ganz leise nur durfte das Fenster geöffnet werden, um nicht die Fälklein durch plötzliche Bewegungen zu erschrecken und dadurch etwa ein Zurückweichen und einen Absturz aus der engen Kinderstube über den Mauerrand in die Tiefe zu verursachen. Die Hand ging leise und langsam stückweise am Fensterrahmen innen hoch mit Ruhepausen und oben am Rahmen allmählich entlang und wieder abwärts, um Wirbel und Knopf zu erreichen, aber unverwandt folgten die funkelnden Falkenaugen, die Köpfe und die sich hebenden Hälse voll Mißtrauen der Bewegung, bis die Hand verschwunden und die dunkle Gestalt am Fenster nicht mehr sichtbar war.
Da die Aufnahmen jedoch aus dem dunklen Raume gegen das helle Tageslicht gemacht werden mußten, ergaben sie leider nur dunkle Schattenbilder ohne Durchzeichnung, die nicht befriedigen konnten. Eine Wiederholung der Aufnahme gleich am Abend wurde beschlossen zu einer Zeit, wo die nun bald flügge Junkerschar reichlich und fertig geatzt, satt, ruhig und behaglich im Horste saß und der gestrenge Herr Ritter von Turmfalk nebst Frau Gemahlin schon beruhigt fern von der Kinderstube sich einen sicheren Ruheplatz gesucht hatten.
Einhalbneun Uhr abends ging es nun wieder leise die dunkle gewundene Turmtreppe hinauf, ausgerüstet mit Blitzlicht, um, wie Schillings es nennt, eine »Natururkunde« zu gewinnen. Leise und vorsichtig beim Scheine einer Taschenlampe wurde der Apparat gerichtet, das Blitzlicht fertig gemacht und das Fensterchen am Horste geöffnet. Es war nicht leicht, die Linse scharf einzustellen, da ein scharfer Wind und Gegenzug durch das geöffnete Fenster sauste und alle Vorsicht zu Schanden zu machen drohte, auch das Holzwerk des Turmes innen Unbequemlichkeiten bot. Auch die geringste Bewegung und das leiseste Geräusch merkten die jungen Falken, wurden unruhig, zogen sich bis an den Außenrand der Nische, den Rand des finsteren Abgrundes zurück, wobei ein oder zwei der Tierchen verdeckt waren und die Absturzgefahr drohte.
Das machte eine Aufnahme zunächst unmöglich. Es galt die scheuen und ängstlichen Tierchen zu beruhigen, an das Geräusch und das Blitzen zu gewöhnen. Der Apparat wurde öfters »blind« abgedrückt, so daß ihnen das Knipsgeräusch nicht mehr auffiel und mit der elektrischen Taschenlampe wurde ein kleines Wetterleuchten veranstaltet, dessen Blitze die Falkenbrüder manchmal blendete, aber nicht weiter erschreckte, denn von ihrem Hochsitz aus hatten sie schon andere Flammenstrahlen die Dunkelheit zerreißen sehen. Nach ein und einer halben Stunde, etwa um einviertelelf Uhr, waren die Tierchen so beruhigt über das merkwürdige geheimnisvolle Treiben im Turm, daß sie zuletzt ihre Stellung nicht mehr verließen.
Blitzlichtaufnahme von A. Schreiber, Freiberg
Abb. 2 Junge Turmfalken im Horst, einem Fensterschlitz am Petriturm in Freiberg
Jetzt konnte Blitz und Aufnahme gewagt werden. Brav saßen die vier Junkerchen nebeneinander gedrängt, denn der Nachtwind pfiff ganz ungewohnt und scharf aus der Finsternis durch ihre sonst so gemütliche Kinderstube, und sie drehten dem ungemütlichen Blaser, den durch die Flügel besser und wärmer gedeckten und geschützten Rücken zu und schauten gerade richtig in den Turm hinein auf die Kamera ([Abb. 2]). In der Mitte saß ziemlich breitspurig der älteste der Brüder und reckte den Kopf. Er fühlte sich verantwortlich für die Sicherheit der Burg. Er hatte doch ein ungewohntes Geräusch gehört, auf das er lauschen wollte. Halb hinter ihm der kleine Dicke, der den Mäusespeck so gern hatte, schlief schon halb und klappte ab und zu die runden Augen auf. Er war der satte Phlegmatiker, der ruhig für sich sorgen ließ, am wärmsten saß, dabei aber den jüngsten Bruder, das Nesthöckchen, ganz selbstverständlich und gemütlich noch an die Wand drängte, um recht bequemen Platz für sich zu haben, und der dazu noch sein dümmstes Gesicht aufsetzte. Das kleine ängstliche Nesthöckchen aber hob ergeben das kleine scharfe Schnäbelchen, zufrieden, daß es wenigstens noch ein Plätzchen hatte dicht bei den Brüderchen in dieser kalten unheimlichen windigen Nacht voller Unruhe. Dem vierten älteren Bruder war die Spannung des ältesten nicht entgangen, und mit ihm gemeinsam lauscht er hinaus in die unheimliche Finsternis, aus welcher eine ungekannte Gefahr sich zu nahen schien. Eben will er sein Bedenken und finstere Ahnung mitteilen, da blitzt es plötzlich blendend und grell auf, als wollte das Licht ihre Augen verbrennen und pechschwarze Finsternis folgt. Sie fahren entsetzt auseinander, Dickbrüderchen ist hellwach geworden und reißt die runden Augen auf, als wäre er eine Eule mit den großen Telleraugen. – Erst gestern Nacht hatte er ja eine mit leisem Flug um den Turm streichen seh’n! – Sie wenden sich rückwärts und wollen auf und davon im ersten Schrecken, Nesthöckchen ist schon fast am Rande des Horstes; da blitzt es zum zweiten Male auf, ebenso grell, ebenso schnell und dann bleibt es dunkel ([Abb. 3]). Wie gelähmt bleiben sie sitzen und können sich nicht rühren. Wohin sollen sie flüchten? Erst allmählich, als kein neues Entsetzen folgt und alles still bleibt, fällt die bannende Angst ab. Nur leise Geräusche im Turme, wie sie schon oft gehört, vernehmen sie noch, das Fenster wird geschlossen und plötzlich hört auch der kalte zugige Wind auf und sein unangenehmes Zausen, Zupfen und Wühlen in ihrem Gefieder. Der Wind, der ungebärdige böse Zausegeselle, ist wieder aus der Kinderstube der Falken ausgeschlossen. Sie drängen sich wieder zusammen, daß eins am andern sich wärmt, vergessen den Schrecken und schlafen dann ruhig im warmen Winkel ein, bis morgen früh die Sonne sie weckt oder die liebe Mutter Turmfalk mit dem heißbegehrten Frühstück kommt. – – –
»Es gingen drei Jäger wohl auf die Pirsch
Sie wollten erjagen den weißen Hirsch«
Froher hätten die drei Jäger auch nicht nach Hause wandern können, wenn sie den weißen Hirsch erlegt hätten – sie haben ihn aber nicht erlegt!! – als wie unsere Photographen, als sie nach langem geduldigen Mühen den Lohn wohlgelungener seltener Aufnahmen nach Hause trugen. Sie fühlten sich beim Herabsteigen auf der schwarzen Wendelstiege des Turmes zu mitternächtiger Stunde wie Schillings, als er »mit Blitzlicht und Büchse« aus dem finsteren Urwald heimkehrte. Hellauf flammte der Mut: »In den nächsten Tagen oder Abenden wiederholen wir die Aufnahme und stellen untrüglich fest, wie die Entwicklung vorgeschritten ist!« »Natururkunden!« Doch Hindernisse treten ein: Als nach acht Tagen die Forscher zur Tat schreiten wollten, da war das Nest leer, und die jungen Falken hatten ihren Flug in die Welt angetreten.
Blitzlichtaufnahme von A. Schreiber, Freiberg
Abb. 3 Junge Turmfalken im Horst, einem Fensterschlitz am Petriturm in Freiberg
Den 27. Juli, einen schönen Sonntag, hatten sie zu ihrem ersten Ausflug auf eigenen Flügeln sich ausgesucht. Bis zu den benachbarten Dachfirsten hatten sie ihre jungen Schwingen zunächst abwärts getragen. Dort saßen sie dann mehr ängstlich und erstaunt über ihren eigenen Mut und warteten, daß die Eltern ihnen den gewohnten Braten brachten. Die Maus auf dem Dachfirste, von den Eltern zugetragen, war ihnen so lieb wie die Maus im Turmhorst. Auch hier auf dem Dachfirste hielt aber die gestrenge Frau Mutter scharf die Reihenfolge ein, so daß nicht etwa ein kleiner Frechling doppelt erhalten konnte, während ein anderer leer ausging. Wenige Tage nur ging es von Dachfirst zu Dachfirst, auf Essenköpfe in immer gewandterem Fluge, dann hinüber in die benachbarten Gärten und Promenaden. Auf hohen Bäumen hat man sie noch bemerkt, bis eines Tages ihre erstarkten Flügel sie in die Ferne trugen zu eigenen Fahrten, Jagden und Abenteuern.
Die Kindheit war vorüber. Sie hatten gelernt, daß Mäusebraten jedem anderen Braten vorzuziehen, ja das einzige würdige und ritterbürtige Essen ist, daß die Mäusejagd der einzige Turmfalkensport ist, in dem Kraft, Gewandtheit, Schnelligkeit, scharfe Augen und Fänge sich rühmlich und nützlich betätigen können.
Aufnahme von K. Reymann in Freiberg
Abb. 4 Petrikirchtürme in Freiberg Von Süden
Drei Monate etwa hatten Ritter Turmfalks auf dem Petriturm gehorstet und täglich wohl mindestens durchschnittlich zehn Mäuse geschlagen. Das sind etwa tausend Mäuse in kurzer Zeit! Ruhm und Dank darum dir du wackrer, schneller Held!
Wenn aber ihr jungen Falken über den Feldern schwebt, wenn ihr in die blaue Höhe steigt, wenn ihr eure Beute schlagt, möge kein Schießer euch treffen, kein Feind euch verderblich werden! Eure Burg und Kinderstube auf dem Petriturm ist leer. Bald braust der Wintersturm um seine Ecken. – Wenn der Frühling kommt und das Birklein an der Brust des alten Riesen grünt und die Kinder nach dem Sonnenstrählchen auf dem Turmknopf spähen, wird dann ein Paar von eurem ritterlichen Geschlecht dort oben wieder horsten auf stolzer Burg über dem Treiben und der Unruhe der Welt? ([Abb. 4]).
Willkommen seid ihr uns, uns und der heimlichen neugierigen Kamera!
Fußnote:
[1] Nach eigenen Beobachtungen und Mitteilungen der Herren Kantor Bretschneider, Obersekretär Walter, Kirchendiener Klemm, Glöckner Lohse und des Herrn A. Schreiber in Freiberg.
Ins Trappengebiet
Von Friedrich A. Bäßler
Acht wetterfeste Ornithologen, ein Weiblein und sieben Männlein begrüßten sich am frühen Morgen auf dem Bahnhof in Großenhain. Wetterfest, denn auf dem Wege zum Bahnhof in Dresden war man schon einmal »durch« geworden vom Schnee und Regen, den der launische April herunterschüttete. Da es aber jetzt nicht mehr regnete, ging’s mit gutem Mute voraus ins Trappenrevier. Aus dem Park am Ufer der Röder begrüßte der Zilp-Zalp als erster Vertreter der Ornithologie ihre getreuen Jünger. Weitere Namen konnte der Buchführer bald in seine Liste eintragen. Dicht vor der Mühle von Kleinraschütz flog ein Ringeltäuber vom Boden auf, ließ sich in einem Baume nieder und machte so die Beobachter auf sein Nest aufmerksam, in dem seine bessere Hälfte brütend saß. Vom Mühlendach herab ließ der Hausrotschwanz sein krächzendes Liebesliedchen erschallen. Rechts der Straße breitete sich nun die kahle Fläche des Exerzierplatzes aus, spärlich bewachsen mit Gräsern und fruchtendem Moosrasen, nur hie und da durchsetzt von niedrigem Gebüsch. Mehrere Steinschmätzerpärchen trieben dort ihr Wesen. Ein Männchen war sogar so freundlich, vom Telephondraht herunter sein wenig bekanntes Lied zum besten zu geben. Aus einem Wiesengraben der Röderniederung erhob sich ein Stockentenpärchen, um bald wieder plätschernd in dem Überschwemmungsgebiet einzufallen. Langgeschwänzte Elstern, diese bösen Nesträuber im schmucken Kleide, kreuzten schwerfälligen Fluges den Weg, und ein Bussard zog über den Wiesenflächen seine Kreise.
Weiter wandern wir auf Skassa zu, das von drüben über der Röder herübergrüßt. Die Straße biegt jetzt links ab und führt über eine Brücke ins Dorf. Wir halten uns rechts auf einem Feldweg, an großen Kartoffelmieten vorbei, der Neumühle zu. Ein mächtiger Eichenstamm, der gefällt am Wege liegt, bietet willkommene Gelegenheit zur Frühstücksrast. Selbst während der Rast bietet sich dem Vogelfreund Gelegenheit zum Beobachten. Vor uns liegen überschwemmte Wiesen, über denen dreißig bis vierzig Rauchschwalben hastigen Fluges durcheinanderfliegen. Für diese armen Tierchen, die ja nur fliegende Insekten fangen können, ist noch karge Zeit. Mücken und Fliegen halten sich vor der Kälte noch verborgen in ihren Schlupfwinkeln. Drüben jenseits des Wassers erfreuen Fasanen das Auge der Beobachter. Frisch gestärkt geht’s nun weiter. Ein prächtiges Bild bietet die Neumühle drüben am andern Ufer. In breitem Bette strömt das Wasser schäumend über ein flaches Steinwehr, über dem dicht der schmale Steg in den Mühlenhof führt, während der Fahrweg durch das rauschende Wasser am Fuße des Wehres nebenherläuft. Weit kann das Auge dem Laufe des Flusses folgen, der sich von Auwald umsäumt nach Norden wendet.
Nun gehts aber ernstlich hinein ins Trappengebiet. Auf Feldwegen nähern wir uns Weißig, dessen Windmühle schon über den Höhenrücken herüberschaut. Auffällig viele Hasen treiben hier auf den Feldern ihr Wesen. Bald links, bald rechts sucht einer, aufgescheucht durch unser Nahen, das Weite. Dicht beim Dorfe sind mindestens zwanzig Vertreter dieser Sippe auf engstem Raume versammelt und lassen sich beim »Karussell« bewundern, das heißt sie jagen sich unermüdlich im Kreise herum, einer hinter dem andern.
Wir haben nun Weißig durchschritten und vor uns in einiger Entfernung liegen die Häuser von Roda im schönsten Sonnenschein. Dort, vor jener schiefergedeckten Scheune balzten die Trappen im vorigen Jahre. Jetzt also die Prismengläser zur Hand, und aufgepaßt! Aufmerksam durchforschen wir das Gelände. Nichts ist zu sehen von den stattlichen Vögeln. Also näher heran! Wir folgen der Straße nach Wildenhain. Von da haben wir die Felder vor Roda in günstigster Beleuchtung vor uns. Aller paar Schritte bleiben wir stehen, um die Gegend zu durchmustern. Endlich ruft jemand: »Dort sind sie.« In einer Bodentelle bewegen sich braune Gestalten und schneeweiße Flecken leuchten im Sonnenschein herüber. »Ja, jetzt habe ich sie auch.« So ruft einer nach dem andern. Was doch die Suggestion ausmacht! Keiner will’s glauben, als der Führer behauptet, das seien nur Rehe, deren Spiegel so hell leuchte. Endlich hat sich aber auch der letzte Zweifler überzeugen müssen, daß drüben elf »Feld«-Rehe an der jungen Saat sich gütlich tun und dabei hin und her treten. »Aber dort, weiter rechts, das sind Trappen.« Ja, das sieht doch ein wenig anders aus, als vorhin die Rehe. Dort stehen unsre größten einheimischen Hühnervögel. Ein Trapphahn in Balzstellung zeigt, den Kopf von uns abgewendet, den gefächerten Schwanz, unter dem das reine Weiß der Unterschwanzfedern wie ein Wattebausch hervorschimmert. Jetzt dreht er sich langsam um und über dem Braun der herabhängenden Flügel und des Rückens wird der graue Hals sichtbar. Mehrere Hennen, wesentlich kleiner als der Hahn, stehen und liegen um ihn herum. Nun ist das »Jagd-« oder besser »Beobachtungs«-Fieber erwacht. Wir müssen noch näher heranzukommen suchen. Auf Rainen und Feldwegen pirschen wir uns heran. Von Zeit zu Zeit tun wir einen Blick durchs Glas, dann geht’s weiter. Da streichen von Weißig her zwei Trappen heran, und jetzt entdecken wir immer mehr der großen Vögel. Einunddreißig Stück zählen wir mit Befriedigung, darunter auch noch einige Hähne, doch sie haben uns eräugt, und langsam ziehen sie von uns weg. Auf einem Umweg gelingt es uns noch einmal, auf einhundertfünfzig Meter heranzukommen, so daß wir den ganzen Trupp mit einem Blick überschauen können. Alle Einzelheiten können wir durchs Prismenglas erkennen: die grauen Hälse, die braunen Rücken, die schwarzgesäumten Flügel und den Backenbart der Hähne. Fürwahr, ein prächtiges Bild fürs Ornithologenherz und für jeden Naturfreund.
Doch die Trappen lieben es nicht, daß der Mensch sich so eingehend mit ihnen beschäftigt. Langsam machen sie kehrt und bewegen sich von uns weg, und als wir noch näher herangehen, da erhebt sich einer der scheuen Vögel nach dem andern. Ruhigen Flügelschlages geht’s fort. Ein Bild, nicht weniger wirkungsvoll als vorhin, so fünfundzwanzig der großen Flieger in dichtem Schwarm beieinander in der Luft zu sehen. Den Hals gerade nach vorn gestreckt, die Ständer nach hinten gelegt, so ziehen die schweren Vögel scheinbar mühelos dahin, den neugierigen Beobachtern zu entgehen, um nach kurzer Zeit wieder Fuß zu fassen.
Voll befriedigt verschnaufen wir ein Weilchen. Wir suchen noch die Stelle auf, wo vorhin der Hahn balzte. Dort liegen einige der großen schneeweißen Dunenfedern, die wir uns zur Erinnerung an die Trappenbalz mitnehmen.
Und während wir rasten, da erörtern wir das Thema, ob hier nicht eine lohnende Aufgabe für den Verein Heimatschutz wäre, diese einzigartigen »Hühnerstelzen«, die in solcher Zahl wohl nirgends mehr in Sachsen vorkommen, zu schützen. Denn es wäre jammerschade, sollte dieser Steppenvogel etwa ganz verschwinden. Doch ist wohl noch kein Grund für ein Eingreifen vorhanden. Die Zahl hat sich in den letzten Jahren immer auf derselben Höhe gehalten. Der Vogel weiß sich selbst am besten zu schützen. Seine Größe läßt ihn den Feind schon von weitem erkennen. Jetzt wo Klee und Getreide noch niedrig sind, kann man näher nicht herankommen als wir. Wenn dann gegen Ende Mai die Äcker kniehoch bewachsen sind, dann kann man sich wohl auf fünfzig bis fünfundsiebzig Meter heranschleichen, dann sind aber auch die Tiere viel schwerer zu entdecken. Und wie klug die Tiere sind, das konnten wir im vorigen Jahre beobachten. Zum Greifen nahe flogen sie über die arbeitenden Bauern und Pferde hinweg, während sie uns nicht näher heranließen als auf einhundertfünfundzwanzig bis einhundertfünfzig Meter. So kommt es, daß nur selten einmal eine Trappe zur Strecke kommt, wie erfahrene Jäger der dortigen Gegend versichern.
Unerwartet schnell hatte uns der Vormittag einen so guten Erfolg beschert, und da wir den Tag noch vor uns hatten und das Wetter gut war, so beschlossen wir, den Teichen zwischen Koselitz und Frauenhain im Norden unsres Gebiets noch einen Besuch abzustatten. Am Glaubitzer Pfarrbusch vorbei, über Radewitz strebten wir dem Höhenzuge zu, an dessen Fuße der Grödel-Elsterwerdaer Floßgraben von Süd-West nach Nord-Ost sich hinzieht. Die feuchten Wiesen wären so recht ein Gelände für den Brachvogel gewesen und die sandigen Äcker auf der Höhe für den Triel, aber keiner von beiden zeigte sich uns. Nur Kiebitze riefen uns im wuchtelnden Flug ihren Namen zu.
An windgeschützter Stelle wurde aus dem Rucksack ein »Promenadendiner« eingenommen, dann gings weiter in Richtung Koselitz. Ein Schnee- und Regenschauer erinnerte uns daran, daß der April noch am Ruder sei. Es war aber eine letzte, schüchterne Mahnung, denn ein wundervoller Nachmittag war uns noch beschieden. Allerhand boten uns noch die Koselitzer Teiche. Schwarz-, Rothals- und Haubentaucher, Bläßhühner, Stock-, Schell- und Tafelenten belebten die Wasserfläche. Die freudigste Überraschung bot uns aber der Neue Teich bei Frauenhain, als wir im Schilf Freund Adebar »herumstorchen« sahen. Als wir dann im Dorfwirtshause bei einem Schälchen »Heeßen« von den Strapazen der Wanderung uns erholten, da erfuhren wir, daß ein besetztes Storchnest im Dorfe vorhanden sei. Ein Besuch bei ihm sollte den würdigen Abschluß des so erfolgreichen Tages bilden. Im Garten hinter der Scheune von Nummer einundvierzig steht es auf einer hohen Eiche. Drei mächtige Äste, die schräg emporwachsen, bilden eine vorzügliche Unterlage für den massigen Horst. Frau Adebar saß – wie es schien brütend – darin. Und während wir schauen und uns berichten lassen vom Besitzer des Grundstückes, daß das Nest seit vierzig bis fünfzig Jahren immer besetzt gewesen ist, da kommt auch der Gatte herangestrichen, fußt auf dem Nestrande und verflicht einen mitgebrachten Zweig ins Gewirr der schon vorhandenen.
Lange stehen wir und freuen uns des in unsrer Heimat so selten gewordenen Anblicks und übersehen dabei auch die Spatzen nicht, die im Neste des großen Vettern ihre winzige Kinderstube aufgeschlagen haben.
In halbstündigem Marsch ist dann die Station Frauenhain erreicht, und rasch bringt uns das Berliner »Zügle« den heimischen Penaten zu. Die Fahrt gibt uns noch einmal Gelegenheit, zu überdenken, was uns an Schönem der Tag alles beschert hat.
Aus einem alten Stammbuche
Von Geh. Reg.-Rat Benno von Polenz
Vor mir liegt ein altes Stammbuch aus dem letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts. Es trägt den Titel
Denkmahl der Freundschaft
gestiftet von Christian Ferdinand von Reiboldt.
Reinsdorff 1772.
Die Einträge sind aus den Jahren 1772 bis 1777.
Christian Ferdinand von Reiboldt entstammte einem inzwischen ausgestorbenen vogtländischen Adelsgeschlechte, an welches noch jetzt die Ortsnamen »Reiboldsruhe« und »Reiboldsgrün« erinnern. Die Überlieferung berichtet, es habe früher »das halbe Vogtland« der Familie von Reibold (so schrieb sie sich zuletzt) gehört. Der Vater Christian Ferdinands besaß Reinsdorf, ein Gut in nächster Nähe von Plauen. Hier ist unser Christian Ferdinand im Jahre 1754 geboren worden. Den ersten Unterricht erhielt er von Haushofmeistern, wie es damals bei jungen Kavalieren der Brauch war. Es waren Kandidaten der Theologie. Ihre Namen sind am Schlusse des Buches verewigt. Sie haben sich bescheidentlich auf den letzten Blättern eingetragen, obwohl die Einträge der Zeit nach zu den ersten gehören. Christian Ferdinand hat dann (offenbar im Jahre 1773) die Universität Leipzig bezogen und dort seine Studien bis zum Jahre 1777 fortgesetzt.
Er hat – den Einträgen nach zu schließen – einen großen Bekanntenkreis gehabt. Wiegt zunächst der grundbesitzende Adel der näheren und weiteren Umgegend von Plauen vor, so treten von dem Augenblick an, wo Christian Ferdinand von Reiboldt nach Leipzig kommt, das Bürgertum und die gelehrten Kreise sowie die Studentenschaft in den Vordergrund.
Leipzig stand im achtzehnten Jahrhundert im Mittelpunkt des geistigen Lebens. Darum hatte Goethes Vater im Jahre 1765 mit solchem Nachdrucke verlangt, daß Leipzig die erste Universität sei, die sein Sohn besuchen solle. Allerdings waren inzwischen zwei der berühmtesten Professoren – Gottsched und Gellert – gestorben. Immerhin besaß Leipzig noch eine Anzahl von Männern, deren Namen einen guten Klang hatten, vor allem die Professoren Clodius und Ernesti, sowie den Singspieldichter und Jugendschriftsteller Weiße, einen der vertrautesten Freunde Lessings, der auch auf den jungen Goethe nicht ohne Einfluß gewesen war. Noch immer standen jedem Kunstbegeisterten die Kunstanstalten und die reichen Sammlungen Leipziger Bürger zur Verfügung. Noch immer war Leipzig der Mittelpunkt des deutschen Buchhandels und Buchgewerbes, wo die wichtigsten Erzeugnisse deutschen Geisteslebens gedruckt, verlegt und vertrieben wurden. Noch immer kamen bedeutende Leute von auswärts herbei, um für einige Tage oder Wochen die Luft Leipzigs zu atmen, denn die einmal geschaffene geistige Atmosphäre verflüchtigt sich nicht so leicht, um so mehr als die Abzugskanäle – Verkehrs- und Zeitungswesen – damals viel enger waren als heutzutage.
Neben Wissenschaft und Kunst blühte in Leipzig der gesellige Verkehr. Goethe hatte ihn selbst in reichem Maße genossen. In den Familien der großen Handelsherren, nicht zum wenigsten in denen der Buchhändler, waren Studenten, die sich dem Tone des Hauses anzupassen wußten, gern gesehene Gäste. Wie herzlich sich die Beziehungen Goethes zu der Familie des feinsinnigen Buchdruckers und Musikalienhändlers Johann Gottlob Immanuel Breitkopf gestaltet hatten, geht aus dem achten Buche von »Dichtung und Wahrheit« hervor. Weniger bekannt ist die Tatsache, daß Goethe, nachdem er Leipzig verlassen hatte, in brieflicher Verbindung mit der Familie Breitkopf blieb, hierbei den jüngeren Sohn mit »Bruder Gottlob« anredete und des älteren unter der gleichen Bezeichnung – »Bruder Bernhard« – gedachte[2].
Daß der Verkehr der Studenten untereinander sich gleichfalls immer in so gesitteten Bahnen bewegt habe, muß, wenn man sich die Szene in Auerbachs Keller vor Augen hält, billig bezweifelt werden. Immerhin wissen wir aus »Dichtung und Wahrheit«, daß auch innerhalb der Studentenschaft Quellen geistiger Anregung flossen.
Dies war die Umwelt auch unsers jungen Reiboldt. Die Einträge im Stammbuche reden eine deutliche Sprache. Der Zahl nach überwiegen naturgemäß die Einträge von Studenten. Aus allen Gegenden Deutschlands stammen sie. Aber auch Ausländer haben sich verhältnismäßig häufig eingezeichnet. Man würde sie nach ihrem Namen und nach der Art ihres Eintrags nicht immer als solche erkennen, wenn nicht viele der Einzeichner nach guter alter Sitte bei ihrem Namen die Heimat angegeben hätten. Wir finden Leute aus Holland, England, Dänemark, Schweden, Norwegen, Kurland, Livland, Estland, Polen und dem eigentlichen Rußland.
Von den Universitätslehrern haben sich eingetragen:
Der in Gottscheds Bahnen wandelnde Christian August Clodius, Professor der Philosophie und Poesie (Goethe hatte seine Vorlesungen besucht, ihn aber als Dichter nicht allzuhoch einzuschätzen gewußt und ein seine dichterischen Eigenheiten nachahmendes Spottgedicht verfaßt),
Johann August Ernesti, berühmter Philolog und Theolog (Goethe, dessen Sinn ursprünglich nach Göttingen stand, hatte sich mit Leipzig in der Erwartung abzufinden gewußt, daß er dort unter anderen auch Ernesti würde hören können),
Hofrat Johann Gottlob Böhme, Professor der Geschichte (hatte für Goethe den Studienplan aufgestellt, freilich ohne sich dessen Beifall zu erwerben; anderseits war »Madame Böhme« bemüht gewesen, dem jungen Studenten die für Leipzig unbedingt erforderliche Lebensart beizubringen),
Hofrat Carl Andreas Bel, Professor der Poesie und Universitätsbibliothekar,
Dr. Christian Rau, Professor der Rechtswissenschaft,
der Universitätsfechtlehrer (maître des armes de l’academie) Georg Gottfried Michaelis (Reiboldt vermerkt: »Einer der seltenen Edeln!«).
Ferner finden sich Einträge des schon erwähnten Jugendschriftstellers Christian Ferdinand Weiße, der im Hauptberufe Kreissteuereinnehmer war und sich als solcher eingezeichnet hat, sowie des Lustspieldichters Johann Friedrich Jünger, der allerdings damals noch studierte. Gleichfalls Student war zur Zeit seiner Einzeichnung C. F. Ludwig, offenbar Christian Ferdinand Ludwig, der Sohn jenes Hofrats Ludwig, bei dem Goethe zunächst seinen Mittagstisch gehabt hatte. Der Sohn wurde später Professor der Chirurgie und fruchtbarer Schriftsteller in der Heil- wie in der Pflanzenkunde, bei dem sich Goethe für seine Forschungen Rat holte. Zu den damals noch unentdeckten Gestirnen gehört ferner Wilhelm Becker, der sich im Oktober 1776 eingetragen hat. Er wurde 1795 Inspektor der Dresdner Antikengalerie und des Münzkabinets und erhielt 1805 auch die Aufsicht über das Grüne Gewölbe. Goethe erwähnt in einem Briefe an Schiller Beckers Schilderung des Tales von Seifersdorf, die durch Kupferstiche[3] erläutert in dem von Becker herausgegebenen »Taschenbuch zum geselligen Vergnügen« erschienen war. In diesem Zusammenhange muß auch eines Eintrags des Kunstschriftstellers und Generaldirektors der Sächsischen Kunstakademieen Christian Ludwig von Hagedorn gedacht werden. Goethe war ihm vorgestellt worden, als er im Jahre 1768 von Leipzig aus Dresden besuchte, und Hagedorn, erfreut über seine Kunstbegeisterung, hatte ihm persönlich seine Sammlungen gezeigt. Auch Reiboldt, der in so mancher Hinsicht auf Goethes Spuren gewandelt zu sein scheint, hat Hagedorn offenbar bei einem mehrwöchigen Besuche in Dresden kennen gelernt, den er während seiner Studienzeit ausführte.
Bemerkenswert ist, daß sich unter den Einzeichnern auch ein Schauspieler befindet, der zur Bondinischen Gesellschaft gehörende Friedrich Günther. (Der Besitzer des Buches kennzeichnet ihn in einem Randvermerke: »Einer der ersten deutschen Schauspieler im komischen Fach und ein braver Mann).« Das gesellschaftliche Vorurteil gegen die Schauspieler, unter dem noch die Neuberin (gestorben 1760) zu leiden hatte, war also damals doch schon stark geschwunden.
Daß Reiboldt auch in den Kreisen der Leipziger Bürgerschaft verkehrt hat, geht aus den Einträgen von Christoph Gottlob Breitkopf (dem schon erwähnten »Bruder Gottlob«) sowie seiner Schwester Konstantia (von ihren näheren Bekannten meist »Stenzel« genannt) hervor. Stenzel hatte seiner Zeit Goethes Vertraute bei seinem Liebeshandel mit Kätchen (Annette) Schönkopf gespielt und ist von ihm in der »Laune des Verliebten« verewigt worden, denn hinter den Schäfernamen dieses Stückes steckt niemand anders als auf der einen Seite Goethe selbst in seiner leidenschaftlichen Laune und das von ihm geplagte Kätchen, und auf der anderen Seite die muntere Stenzel und Goethes übermütiger Freund Horn. Stenzel hat sich im Jahre 1774 mit dem Dresdner Arzte Dr. Oehme verheiratet[4]. Reiboldt, der sie offenbar noch von Leipzig her kannte, hat sie, wie aus ihrem Eintrage hervorgeht, im Jahre 1776 in Dresden besucht. Dies und andere Umstände deuten darauf hin, daß der Verkehr Reiboldts im Breitkopfschen Hause sich nicht bloß auf gelegentliche Besuche beschränkt hat. Daß es auch damals noch lebhaft im Hause Breitkopf zuging, berichtet der Musikschriftsteller Reichardt im Jahre 1772:
»Das ansehnliche Breitkopfische Haus war ein sehr gastfreies, und mancher Abend wurde da unter frohen Spielen und lebhafter, witziger Unterhaltung durchlebt, bald mit Musik, bald mit sinnreichen und lustigen Aufführungen dramatisierter Sprichwörter. Man erzählte damals noch oft davon, wie Goethe wenige Jahre vorher in diesen Spielen geglänzt habe.« –
Ob Reiboldt ein Autographenjäger gewesen ist? Fast könnte man es vermuten, wenn man in seinem Stammbuch Einträge von Lessing, Goethe und Ramler findet. Billigerweise werden wir uns aber sagen müssen, daß die Bitte um einen Stammbucheintrag damals wohl auch dem Fernerstehenden nicht unbedingt verdacht wurde. Lessing hat sich am 20. Februar 1775 eingezeichnet. Er hat damals auf einer Reise von Berlin nach Wien in Leipzig Halt gemacht. Goethes Eintrag ist vom 31. März 1776. Er war damals von Weimar aus auf reichlich eine Woche herübergekommen, um sein geliebtes Leipzig nach der Studentenzeit zum ersten Male wiederzusehen. Wie dringlich es ihm mit diesem Besuche gewesen ist, geht daraus hervor, daß er erst seit dem 7. November 1775 in Weimar weilte! Ramlers Eintrag ist vom 22. Juni 1776. Ramler (damals Professor an der Kadettenanstalt in Berlin) galt als der Mann, der die deutsche Sprache am besten beherrschte. Trotzdem hat er nichts Eigenes, sondern einen Vers von Logau eingetragen. Lessings Eintrag ist ziemlich farblos. Er lautet ins Deutsche übersetzt: »Besser keinen Freund als einen oberflächlichen!« Viel bedeutsamer ist Goethes Eintrag: »Wer gern zu tun hat, dem gibt Gott zu schaffen!«
Daß Reiboldt zu dem Goetheschen Eintrage durch die Familie Breitkopf gekommen ist, halte ich nicht für unwahrscheinlich, denn Goethe hat bei seinem Besuche in Leipzig den oft gegangenen Weg zum »Silbernen Bären« sicherlich wiedergefunden. Die Einträge von Lessing und Ramler sind vielleicht durch Weiße vermittelt worden.
***
Nach alledem werden wir annehmen dürfen, daß Christian Ferdinand von Reiboldt am geistigen Leben seiner Tage einen mehr als gewöhnlichen Anteil genommen hat. Er scheint aber auch ein Mann von gutem Geschmack gewesen zu sein, wenn anders wir aus der Gestaltung des Buches einen Rückschluß auf die Gesinnung des Besitzers ziehen dürfen.
Abb. 1 Titelblatt
Auf jeden Fall spricht das Buch für den hohen Stand, den das Buchbinderhandwerk damals eingenommen hat. Solid und dabei doch gefällig ist schon das lederüberzogene, zum Auseinanderziehen und Ineinanderschieben eingerichtete Behältnis. Der Rücken dieses Futterales trägt die Aufschrift »Stammbuch« und ist im übrigen so gestaltet, wie es bei den gedruckten Büchern der damaligen Zeit üblich war, so daß man das Stammbuch nicht nur auf den Tisch legen (wie wir es mit dem sogenannten »Album« zu tun pflegen), sondern auch – wohlverwahrt gegen Staub und Schmutz – in die Bibliothek neben andern Büchern einstellen konnte. Und nun das Buch selbst. Der Einband besteht aus rot und schwarz marmoriertem Pergament, dem reizvolle Goldornamente aufgepreßt sind, aus denen auf der Vorderseite die Anfangsbuchstaben des Namens, auf der Rückseite die Jahreszahl deutlich, wennschon nicht aufdringlich, hervortreten. Klappen wir den Deckel auf, so finden wir auf den beiden ersten Seiten an Stelle des Vorsatzpapieres einen Bezug von zartblauer Seide. Dann folgt auf den beiden nächsten Seiten links das Reiboldtsche Wappen, rechts der oben angeführte Titel, dessen zierliche in lichtroter Farbe gehaltene Umrahmung mit den blauweißen Wappenfarben gut zusammengeht.
Abb. 2 Reiboldtsches Wappen
Abb. 3 Allegorisches Wappen
Nun folgen dreihundertachtundfünfzig Seiten, von denen über dreihundert beschrieben oder bemalt sind. Wenn die Einzeichner adligen Standes waren, so ist auf der gegenüberliegenden Seite das Wappen in bunten Farben wiedergegeben. Ein Teil der Wappen ist von ebenderselben Hand gemalt, die auch das Titelblatt hergestellt hat. Diese Wappen zeichnen sich dadurch aus, daß sie in geschickter Weise in gekreuzte Palmen- und Lorbeerzweige gebettet sind, die rechts und links um das Wappenschild bis etwa zur halben Höhe herumgreifen; ein Schmuckgedanke, der sich bei den Wappenabbildungen im achtzehnten Jahrhundert öfters vorfindet. Der Maler, dem wir die Ausschmückung des Stammbuches verdanken, hat sich auf einem der letzten Blätter eingetragen. Unter seinem Künstlerwappen mit der Göttin Minerva, die eine Fahne in der Hand hält, stehen die Worte:
Plauen, am 3. des Hornung 1774.
Auf gnädigen Befehl des Hochwohlg. Herrn Besitzers habe dieses beifügen und mich zu Gnaden empfehlen wollen.
Christian Friedrich Zimmermann, Kunst- und Portraitmaler.
Unter den übrigen Bildern zeichnen sich mehrere durch ihren allegorischen (sinnbildlichen) Inhalt aus. Eines von ihnen soll offenbar den göttlichen Schutz darstellen. Eine weibliche Gestalt weist mit der ausgestreckten Rechten, in der sich ein Kreuz befindet, einen neben ihr sitzenden Mann auf einen im Hintergrund stehenden Tempel hin. Über dem Manne schwebt eine andere weibliche Gestalt, die mit einem Schild einen aus den Wolken zuckenden Blitz auffängt. Auf einem andern Bilde sieht man Herkules, der die Erdkugel an einem Band über die Schultern gehängt hat und am Stamme einer Palme in die Höhe klettert. Oben auf den Zweigen der Palme ruht eine zweite Kugel, vielleicht die Himmelskugel. Auf der Rückseite finden sich die Worte: »Dat gloria vires«, zu deutsch: »Der Ruhm verleiht Kräfte« oder in diesem Zusammenhange: »Der Erfolg spornt uns an, immer höheren Zielen zuzustreben«. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß hinter diesen Bildern freimaurerische Gedanken verborgen sind. Bis zum Erscheinen der »Zauberflöte« waren nur noch einundeinhalb bis zwei Jahrzehnte.
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Den Beschluß bildet ein vom Besitzer mit großer Gewissenhaftigkeit angelegtes alphabetisches Verzeichnis der Einzeichner. Man sieht, welchen Wert er dem Buche beigemessen hat. Daß er sich auch in späteren Jahren noch mit seinem Stammbuche zu beschäftigen pflegte, geht aus vielen Randbemerkungen hervor, in denen er sich über den Charakter oder das Lebensschicksal des Einzeichners ausspricht. Da heißt es zum Beispiel:
An ihm verlor Deutschland eines seiner seltensten Originalgenies und ich einen wahren Freund; er starb an den Blattern am …
oder
starb in erbärmlichen Umständen und von jedermann verlassen im Jahre 1797; allen Hagestolzen zum abschreckenden Beispiel.
Zu dem Eintrage Lessings hat der Besitzer vermerkt:
† den 15. Febr. 1781 im 52. Jahr zu Wolfenbüttel, wo ihm ein Monument errichtet wurde, welches ich am 28. Sept. 1787 sah und des großen Gegenstandes nicht würdig fand.
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Abb. 4 Allegorisches Bild
Von den zweihundertsechsundsechzig Einträgen sind einhundertsechsunddreißig in deutscher und einhundertdreißig in fremder Sprache gehalten (also eine knappe Mehrheit für deutsch!), und zwar sechzig in französischer, neunundfünfzig in lateinischer, sechs in englischer, vier in italienischer und einer in griechischer Sprache. Die sechs englischen Einträge weisen darauf hin, daß gerade damals die englische Dichtkunst auf das geistige Leben Deutschlands einzuwirken begann, nachdem bis dahin die klassischen Schriftsteller und die Franzosen fast unumschränkte Herrscher gewesen waren. Die französischen Einträge stammen in der überwiegenden Mehrzahl von Personen adligen Standes (achtunddreißig); soweit dies nicht der Fall ist (zweiundzwanzig), sind die Einzeichner meist weiblichen Geschlechtes. Bemerkenswert ist, wie die Familie des Superintendenten Dr. Strantz in Plauen sich eingetragen hat. Der Herr Superintendent, der den Besitzer des Buches getauft hat und sich als sein Beichtvater bezeichnet, schreibt ein Psalmwort (Psalm 37, Vers 37). Dann folgt seine Ehefrau Eleonora Charlotta Strantzin geb. Kleinhemplin mit einem Verse in deutscher Sprache (von Brockes). Der älteste Sohn schreibt einen lateinischen Vers (aus der Medea des Seneca); die beiden ältesten Demoisellen Töchter schreiben französische Sprüche; dann folgt ein jüngerer Sohn mit einem griechischen und die jüngste (der Schrift nach kaum herangewachsene) Tochter mit einem deutschen Verse.
Abb. 5 Eintrag Lessings
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Die Einträge – es handelt sich meist um Verse, zum Teil aber auch um Sinnsprüche in ungebundener Rede – stellen sich in der Hauptsache als Zitate dar. Der Einzeichner hat den Eintrag also nicht selbst entworfen, sondern von anderen Leuten erdachte und bereits veröffentlichte Aussprüche benutzt. Als Quelle und Verfasser werden unter anderen angegeben: Die Bibel, Theognis, Cicero, Horaz, Livius, Tibull, Seneca, Logau, Weise, Canitz, Brockes, Haller, Friedrich der Große, Kleist, Gellert (von ihm findet sich ziemlich viel), Gleim, Uz, Zachariä, Giesecke, Cronegk (auch dieser wird öfters angeführt), Wieland, Clodius, Jacobi, Boileau, Voltaire, Young, Thompson, Pope. Klopstock ist niemals als Verfasser ausdrücklich genannt. Ich nehme aber an, daß verschiedene in seinem Geiste gehaltene Verse sich bei genauem Suchen auf ihn zurückführen lassen.
Von besonderem Reiz ist es, den Grundgedanken nachzugehen, die in den Einträgen zum Ausdrucke kommen. Wir gewinnen dadurch ein Spiegelbild vom Seelenleben der damaligen Zeit.
Lebensweisheit – zuweilen in etwas nüchterner Form – thront an erster Stelle. Der Vater widmet seinem Sohne folgenden Eintrag:
Im Glücke niemals stolz, im Unglück edelmütig,
Den Freunden immer treu und gegen Feinde gütig,
Auch denken, was man sagt, und sagen, was man denkt,
Ist was ein treuer Sohn dem treuen Vater schenkt.
Ein alter kurfürstlicher Geheimer Rat, Carl Friedrich von Beust, hält dem jungen Eigentümer des Buches folgenden Spiegel der Kavalierstugenden vor:
Les vertus nécessaires pour la perfection d’un gentilhomme sont la prudence qui l’éclaire, la tempérance qui le rend victorieux de la volupté, la vaillance qui lui fait mépriser les périls, où il se faut exposer pour faire de belles actions et enfin la justice pour lui faire rendre à un chacun ce qui lui appartient et l’unir par ce nœud sacré avec les autres hommes dans la société civile. C’est d’être:
Vir quadratus sine vituperio.
Kürzer und einfacher sind folgende Lebensregeln:
Ein wahrer Menschenfreund bleibt weise, wenn er lacht, und heiter, wenn er weint.
(Cronegk)
Wir wollen, Pilgrime der Erden,
Der kurzen Wallfahrt uns erfreun,
In unserer Jugend weise sein,
Um einstens im Alter recht fröhlich zu werden.
Einen alten Bekannten werden viele in den Gellertschen Zeilen finden:
Lebe, wie du, wenn du stirbst,
Wünschen wirst, gelebt zu haben.
Güter, die du hier erwirbst,
Güter, die dir Menschen gaben,
Nichts kann dich im Tod erfreun.
Diese Güter sind nicht dein.
Überhaupt bestätigt sich, daß Gellert den überragenden Einfluß auf die sittliche Bildung des Zeitalters behauptet.
Naturgemäß findet auch Gottesfurcht verschiedentlich ihren Ausdruck. Aber auch das Religiöse bewegt sich meist im Gedankenkreise der Aufklärung. Von Herrnhuter Einfluß ist nichts zu finden. Von den sogenannten »Pietisten« wird nur Canitz (aus dem Freundeskreise Speners) angeführt:
Hilf, daß ich wandeln mag, als brächt’ ein frommes Leben
Mir hier in dieser schon die Schätze jener Welt;
Dabei, Herr, wolltest du mir solchen Glauben geben,
Der sein Verdienst vor nichts und dich vor alles hält!
(Canitz)
Recht nüchtern muten uns auch die Verse an, in denen das Lob der Tugend gesungen wird:
Wird sie geliebt, so liebt sie wieder,
Erfreut den Geist, belebt die Glieder,
Bringt wahren Ruhm, versöhnt die Feinde,
Genießt das Glück der treusten Freunde,
Verjüngt das Alter, schmückt die Jugend:
die edle Tugend. –
Durch dich, o göttliche Tugend, durch dich nur können wir freudig
Das Meer des Lebens durchschiffen. Laßt diesen Pharus uns leuchten,
So sehn wir den Hafen des Glücks trotz Ungewitter des Zufalls,
Trotz aller Leidenschaft Sturm, der nur den Einlauf befördert,
So wird die Vorsicht uns weise, der Himmel uns gnädig bedünken.
(Kleist)
Neben den Altären der Tugend rauchen die Altäre der Freundschaft. Ist doch das ganze Buch der Freundschaft gewidmet. Deshalb hat man ihm folgenden Vers vorangesetzt:
Mensch, lerne doch dein Leben dir versüßen,
Und laß dein Herz von Freundschaft überfließen,
Der süßen Quelle für den Geist!
Sie quillt nicht bloß für diese kurzen Zeiten,
Sie wird ein Bach, der sich in Ewigkeiten
Erquickend durch die Seel’ ergeußt.
(Gellert.)
Mehr in der Tonart der »Empfindsamkeit« gehalten sind folgende Verse, die zwar auch der Freundschaft gelten, in denen aber der Modeausdruck »Sympathie« in erster Linie gebraucht wird:
Wen erhabene Sympathie,
Durch dein Band verbunden,
Deine Zauberstimme nie
Froh in Abendstunden
Hand in Hand und Brust an Brust,
Mit Empfindung grüßet,
Wem sie mit der reinsten Lust
Nicht die Zeit versüßet:
Der hat nur aus Eitelkeit
Musen Treu’ geschworen
Und von deiner Zärtlichkeit,
Freundschaft, viel verloren. –
Durch Sympathie will ich mit Dir
Das Glück der wahren Freundschaft singen,
Empfinden – und so wollen wir
Uns einst als Greise noch umschlingen.
Im scharfen Gegensatze hierzu steht die Äußerung eines bitteren Spötters:
Maler, male mir den Jüngling, dessen Herz von Freundschaft glüht
Und gefühlvoll an den Busen seines einz’gen Lieblings flieht,
Wie er noch in späten Jahren dieses Feuer nährt! –
Du staunst und sprichst, dies sei original? –
Gut! mal ihn mir einmal!
So wird mein Wunsch mir doch gemalt gewährt.
Maler, male!
Den Ausgleich bildet der von Lessing geschriebene Spruch:
Satius amicum habere nullum quam levem.
Nach dem hohen Liede der Freundschaft erwarten wir das hohe Lied der Liebe. Doch von Liebe ist bezeichnenderweise wenig die Rede, um so mehr von Empfindung, damals gleichfalls ein Modeausdruck. Es heißt da zum Beispiel:
Ein empfindungsvolles Herz und eine weisheitsbegierige Seele –
beides eine Welt voll Glück und Unglück! –
Stiller Freuden sich bewußt,
Mancher edlen Tat:
Dies sind Güter einer Brust,
Die Empfindung hat. –
Holder Zärtlichkeiten
Hohe Seligkeiten
Sind ganz ungemein.
Ihre schönsten Stunden
Wollen nur empfunden,
Nicht beschrieben sein. –
Freund, ein einziger Blick von einer Seele begeistert,
Die von der süßen Gewalt ihrer Empfindungen bebt,
Und ein Seufzer mit vollem Verlangen, mit voller Entzückung
Ausgedrückt auf einen zitternden, blühenden Mund,
Ein beseelender Kuß ist mehr als hundert Gesänge
Mit ihrer ganzen langen Unsterblichkeit wert.
Etwas weniger klar ist der Ausspruch:
Empfindsamkeit ist das Genie zur Tugend.
Natürlich kann es im Zeitalter der Schäferspiele und Einsiedlerhütten nicht an Sprüchen fehlen, welche die Schönheit des ländlichen, in idyllischer Zurückgezogenheit verbrachten Lebens preisen:
Nur der ist ein Liebling des Himmels, der fern vom Getümmel der Toren
Am Bache schlummert, erwachet und singt. Ihm malet die Sonne
Den Ost mit Purpur, ihm haucht die Wiese, die Nachtigall singt ihm.
Ihm folget die Reue nicht nach, nicht durch die wallenden Saaten,
Nicht unter die Herden im Tal, nicht an sein Traubengeländer.
Mit Arbeit würzt er die Kost. Sein Blut ist leicht wie der Äther.
Sein Schlaf verfliegt mit der Dämm’rung, ein Morgenlüftchen verweht ihn.
(Kleist.)
An klassische Vorbilder gemahnt:
Glücklich ist der, der, fern vom Altar der feilen Chikane,
Richter und Anwalt nicht kennt und seinen ruhigen Morgen
In dem Gefolge der Musen, von Würden verschonet, dahinlebt.
(Zachariä.)
Denselben Gedanken, nur ein bißchen mehr ins Spießbürgerliche übertragen, bringt folgender, gleichfalls von Zachariä verfaßter Vers zum Ausdruck:
Oh, wie beglückt ist der, der seinen Morgen braucht,
Und früh beim klugen Buch sein sichres Pfeifchen raucht,
Der Tee des Nachmittags, Kaffee des Morgens trinket
Und früh sein Mädchen sieht, wenn sie sich nicht geschminket!
Doch bald werden wir wieder zu höheren Schichten erhoben:
So wie ein Silberbach hinfließt,
Den keine Welle schlägt,
Wenn er sich sanft ins Tal ergießt,
Von keinem Sturm bewegt,
So sanft fließe auch deine Zeit
Durchs Tal des Lebens hin.
Mit Blumen sei dein Weg bestreut,
Stets fröhlich sei dein Sinn!
Der Naturbetrachtung ist ein Vers von Brockes gewidmet, der uns schon wieder ins Gebiet des nüchternen Rationalismus führt:
Sag, o Mensch, auf welche Weise
Kann sich zu des Schöpfers Preise
Uns’re Seele schöner schmücken,
Als wenn wir von seinen Werken
Dadurch, daß wir sie bemerken
In den Geist ihr Bildnis drücken!