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Landesverein Sächsischer
Heimatschutz
Dresden
Mitteilungen
Heft
5 bis 6
Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege
Band XIV
Inhalt: [Lauchhammerwerke in Wolkenburg und Waldenburg, ein Gedenkblatt zur Zweihundertjahrfeier des Lauchhammers] – [Auf Heimatschutzpfaden durch die Lößnitz] – [M. D. Pöppelmann und die Zwickauer Torbrücken] – [Die Pappel, ein Beitrag zur Gestaltung der Landschaft durch den Menschen] – [Der Sonne entgegen! Eine Frühlingswanderung im östlichen Erzgebirge] – [Volkskundliches in den Federzeichnungen des kursächsischen Oberlandbaumeisters Dilich] – [Was alte Grabsteine erzählen] – [Zu Gast in der Au] – [Bücherbesprechungen]
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Dresden 1925
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Dresden, im Juli 1925.
Landesverein Sächsischer Heimatschutz
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Landesverein Sächsischer Heimatschutz
Band XIV Heft 5/6
1925
Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden
Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben
Abgeschlossen am 30. Juni 1925
Lauchhammerwerke in Wolkenburg und Waldenburg
Ein Gedenkblatt zur Zweihundertjahrfeier des Lauchhammers
Von Otto Eduard Schmidt
Am 17. Juli 1925 vollenden sich zwei Jahrhunderte, seitdem der Kurfürstlich Sächsische Bergwerksdirektor und Oberhofmarschall Freiherr Woldemar von Löwendahl auf Mückenberg in der Lausitz für seine Gemahlin (S. 162) das Privilegium erlangte, die zu ihrem Gute gehörige Lauchmühle in einen Eisenhammer zu verwandeln, in dem der in der Umgegend vorkommende Raseneisenstein verhüttet und das daraus gewonnene Eisen weiter verarbeitet werden sollte. Am 25. August desselben Jahres wurde der an den Lauchteichen errichtete Hochofen angeblasen. Das war der Ursprung und Anfang des jetzt in eine Aktiengesellschaft verwandelten großen Eisenwerkes Lauchhammer, das demnach zu den ältesten derartigen Unternehmungen in Deutschland gehört. Das Rohmaterial, der Raseneisenstein, später auch andere Eisenerze, bezog man außer von den Lausitzer Lagerstätten aus dem Kurkreise Wittenberg und aus dem Erzgebirge, den Kalkstein, der das Eisen in Fluß bringen half, aus der Pirnaer Gegend, die zum Schmelzen nötige Holzkohle lieferte die Mückenberger Heide und die nahen Kurfürstlichen Wälder, in denen der Abraum, d. h. die Scheite und Rollen, die das Klaftermaß nicht erreichten, zu Kohlen gebrannt wurde. Außerdem verwendete man die nahe bei Mückenberg gefundene Braunkohle als Heizstoff. Alle größeren Lasten wurden zum Lauchhammer und vom Lauchhammer, soweit es möglich war, auf dem Wasserwege befördert, auf dem bei Grödel in die Elbe mündenden Floßgraben und dann auf der Elbe selbst. Bald trat in Lauchhammer zur Eisenerzeugung der Guß von Öfen und eisernen Kochtöpfen. Um die Fortführung und den Ausbau des Werkes erwarb sich die zweite Gemahlin des Freiherrn von Löwendahl, Benedikte Margarete, eine geborene von Rantzau, die größten Verdienste. Bei ihrem Tode im Jahre 1776 vererbte sie ihren ganzen Besitz und damit auch den Lauchhammer an ihr Patenkind, den Kursächsischen Konferenzminister Detlef Carl Grafen von Einsiedel (1737 bis 1810), Herrn auf Wolkenburg an der Mulde, vermählt mit Sidonie Albertine, einer geborenen Gräfin von Schönburg-Lichtenstein. Damit begann die erste Blütezeit des Lauchhammerwerkes. Denn der Minister Graf Einsiedel war ein rastlos tätiger, für Gewerbe und Kunst sehr eingenommener Mann, der auch das Geschick besaß, für die Ausführung seiner Pläne die nötigen technischen Kräfte zu finden. Unter ihm wurde die Beschaffenheit des Stabeisens wesentlich verbessert, für die Kochtöpfe eine feuerfeste, der Bekömmlichkeit der Speisen nicht schädliche Glasur erfunden und durch Anlage einer großen Dampfmaschine das zu mancher Zeit fehlende Betriebswasser aus dem Lauchteiche herbeigepumpt. Der durch den Grafen Einsiedel verbesserte Betrieb des Lauchhammers war im Stande, technische Gußstücke zu liefern, die durch ihre Größe und Schwere in damaliger Zeit Bewunderung erregten. So stellte er für die ehemals Gräflich Einsiedelsche Spinnmühle in Wolkenburg ein dreihundertsiebenundachtzig Zentner wiegendes gußeisernes Wasserrad her, das sechzehn Ellen (neun Meter, vierzehn Zentimeter) im Durchmesser hatte. Vor allem aber zog Graf Einsiedel Männer heran, die den Erzeugnissen der Gießerei künstlerische Gestaltung zu geben vermochten. Schon 1781 wurde der Bildhauer Wiskotschill am Lauchhammer angestellt, ihm folgte bald Mättensberger, als Gießer arbeiteten unter beiden Klausch und Güthling. Wiskotschill war 1758 als Sohn eines Bildhauers in Prag geboren, hatte aber seine künstlerische Bildung in Dresden erhalten. Als ihn Graf Einsiedel an die Spitze der künstlerischen Gestaltung nach Lauchhammer berief, war er erst dreiundzwanzig Jahr alt. Aber durch die nach seinen Modellen im Lauchhammer gegossenen überlebensgroßen Büsten des Germanicus und des römischen Kaisers Caracalla, die Graf Marcolini erwarb und im Garten seines Palais, des heutigen Friedrichstädter Krankenhauses aufstellte, erregte der junge Künstler großes Aufsehen. Im Jahre 1782 trat Wiskotschill in den Dienst des Grafen Marcolini über, der ihn die meisten Statuen und Vasen seines berühmten Gartens fertigen ließ, aber auch Aufträge des Kurfürsten verschaffte, z. B. die Erneuerung von vier Satyrn an der Galerie des nordwestlichen Hofflügels am Zwinger. (1787/88.)
Unter Wiskotschills Einfluß wurden auch die Gußwerke des Lauchhammers durchaus im Geschmack des Klassizismus geformt. Zuerst wurden die großen Platten der eisernen Öfen mit Reliefdarstellungen aus der Sage und Geschichte des Altertums verziert. Dann formte man kunstvolle Grabplatten und Büsten, wie die oben erwähnten, und endlich ging man zur Herstellung ganz freistehender, lebensgroßer menschlicher Gestalten über. Das Verfahren war folgendes: Über eine Unterlage von Ton bossierte man die Figur aus Wachs, und darüber legte man eine das Ganze umhüllende Schicht von weichem Lehm. Wenn alles getrocknet und erhärtet war, wurde die Form erwärmt, dadurch schmolz das Wachs und floß aus dem Hohlraum zwischen Ton und Lehm heraus. In diesen Hohlraum wurde nun das flüssige Eisen gegossen und der Lehmmantel nach dem Erkalten zerschlagen. Auf diese Weise hat man in Lauchhammer die berühmte griechische Gruppe Kastor und Pollux, einen antiken Fechter, eine Herkulanerin, einen Hermes nach den Originalen in der Skulpturensammlung in Dresden, aber auch Bildnisbüsten, Grabdenkmäler und viele Werke der plastischen Kleinkunst gegossen.
Abb. 1. Geflügelter Cherubim im Innern der Kirche zu Wolkenburg
Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß auch der beste Lauchhammersche eiserne Kunstguß in der Feinheit der Umrißzeichnung und in der Genauigkeit der Wiedergabe der Form einen guten Bronzeguß nicht erreicht. Auch läßt sich die weichere Bronze nach dem Guß durch die Arbeit des Ziseleurs noch viel mehr verfeinern als das sprödere Eisen. Aber der Eisenguß hat mit dem Bronzeguß die fast unbegrenzte Dauerhaftigkeit gemein und ist dabei viel billiger. Der Zentner Kunstguß kostete in Lauchhammer um 1820 nur zwölf bis zwanzig Taler. Und gerade in der Zeit, als die französische Knechtschaft auf uns lastete (1797 bis 1813) und Ernst Moritz Arndt das Lied sang:
»Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
Der wollte keine Knechte,
Drum gab er Säbel, Schwert und Spieß,
Dem Mann in seine Rechte.«
und noch lange danach, als unser Volk infolge der Kriegslasten verarmt war, erschien ihm das Eisen als das rechte Metall zum Ausdruck des Schönen.
Abb. 2. Geflügelter Cherubim im Innern der Kirche zu Wolkenburg
Sehr viele der im Lauchhammer gegossenen Kunstwerke sind in das Ausland verkauft worden oder sonstwie verschollen. Aber noch immer trifft man hie und da in einem Museum oder auf einem Kirchhofe einen aus dem Lauchhammer stammenden älteren eisernen Kunstguß. Ganz besonders reich an solchen Werken ist das mittlere Tal der Zwickauer Mulde, weil Graf von Einsiedel, der Besitzer des Lauchhammers, auf Schloß Wolkenburg seinen Wohnsitz hatte. Das Schloß verrät noch heute in seinem Innern durch die Stuck- und Bilderausstattung des großen Saales den feinen klassizistischen Geschmack des Grafen Detlev Carl. Als er 1794 bis 1804 durch den Hofbauinspektor Giesel in Wolkenburg die schönste klassizistische Kirche bauen ließ, die Sachsen überhaupt aufzuweisen hat, schmückte er ihre griechischen Giebel mit herrlich gelungenen Darstellungen der Kreuzigung und der Auferstehung Christi, und das Innere mit zwei weihevollen Cherubim, die Opferschalen in den Händen halten. (1805 und 1810. [Abb. 1] und [2].) Andere Lauchhammerwerke kann man in der ehemaligen alten Dorfkirche zu Wolkenburg bewundern, die jetzt als Gruftkapelle der Schloßherrschaft dient. Dort ist links vom Altar an der Wand die große Grabplatte des Grafen Detlev Carl und rechts das Monument seiner Gemahlin Sidonie Albertine, eine eiserne Urne, die im Relief das Bildnis der Verstorbenen trägt, daneben steht in freier Figur der Tod, dargestellt als Knabe, der die Lebensfackel auslöscht und das Kreuz über die Urne der Heimgegangenen hält. ([Abb. 3.]) Außerdem enthält die Gruft das sehr bemerkenswerte Denkmal des am 29. Februar 1772 geborenen und am 30. November 1793, am letzten Tage der siegreichen Kämpfe gegen die Franzosen bei Kaiserslautern gefallenen Grafen Friedrich von Einsiedel auf einer liegenden, ovalen Grabplatte. Sie zeigt in lebensgroßem Hochrelief den Grafen in voller Uniform, den Dreimaster mit dem Federbusch auf dem Kopfe, den Degen an der Seite, mit noch jugendlichem, ausdrucksvollem Gesicht. In seiner ergreifenden Schlichtheit ist dieses Werk eins der eindrucksvollsten Denkmäler, die jene Zeit hervorgebracht hat. ([Abb. 4.]) Im Wolkenburger Park finden wir eine sehr anmutige Statue eines einschenkenden Satyrn ([Abb. 5]), die auf ein Werk des Praxiteles zurückgeht; das Original, nach dem der Eisenguß geformt ist, findet sich in der staatlichen Skulpturensammlung in Dresden. Ebenda steht auch das Original der Wolkenburger Flora, die in der Hand eine Weintraube und Blumen auf dem Kopfe trägt. Das Original hat sich aber nach Entfernung der unechten Teile (Kopf, linker Unterarm, rechter Unterschenkel) als eine Artemis aus hellenistischer Zeit entpuppt. Endlich schmückt den Wolkenburger Park auch die eiserne Nachbildung einer antiken Knöchelspielerin ([Abb. 6]), deren aus Rom gekommenes Urbild wir jetzt im staatlichen Museum in Berlin betrachten können. Auch im nahen Waldenburg ist eine reizvolle kleine eiserne Vase vorhanden. Sie steht im Grünfelder Park unweit des altertümlichen Steintores in einer Gebüschgruppe rechts vom Wege. Endlich enthält die Fürstlich Schönburgische Gruft im Schlosse Lichtenstein vier eiserne Sarkophage Lauchhammerscher Arbeit. (1807 und 1861.)
Abb. 3. Denkmal der Gräfin Sidonie Albertine von Einsiedel geb. Gräfin von Schönburg-Lichtenstein in der alten Dorfkirche (jetzt gräflich Einsiedelsche Gruftkirche) zu Wolkenburg
Nicht sicher ist der Lauchhammersche Ursprung, aber doch wahrscheinlich bei dem gußeisernen Grabmal zweier Kinder des Pfarrers Brause auf dem Kirchhofe zu Lichtenberg bei Freiberg. Meine bis ins Jahr 1913 zurückreichenden Nachforschungen über den Künstler, der dieses Grabmal entworfen hat, sind leider vergeblich geblieben, da die alten Geschäftsakten und Briefe im Lauchhammer nicht mehr vorhanden sind. Ich möchte aber doch dem Gefühl Ausdruck geben, daß dieses die Kindesnatur in so rührender Weise verkörpernde Bildwerk der Schule Christian Rauchs entstammt, der seit 1838 wegen des Bronzegusses seiner Statuen für den Posener Dom enge Beziehungen zum Lauchhammer unterhielt und in seinem Tagebuche schreibt, »daß er nie vorher einen solch dünnen und an der Oberfläche so schönen Guß gesehen und daß er sich entschlossen habe, die Figuren (für den Posener Dom) nicht zu ziselieren, sondern nur das Nötigste daran mit dem Punzen und der Feile zu tun und im übrigen nur mit Scheidewasser abzubrennen.« Noch näher läge es vielleicht, an den Lausitzer Ernst Rietschel als Urheber der Lichtenberger Gruppe zu denken, dessen Beziehungen zum Lauchhammer auch bis 1838 zurückreichen. Seit dieser Zeit tritt in der künstlerischen Tätigkeit des Lauchhammers allmählich der Bronzeguß vor dem Eisenguß in den Vordergrund. Aber begründet hat der Lauchhammer seinen künstlerischen Ruhm mit dem Guß in Eisen.
Abb. 4. Denkmal des Grafen Friedrich von Einsiedel (von oben gesehen) in der alten Dorfkirche zu Wolkenburg
Wenn wir die älteren Lauchhammerwerke betrachtet haben und dann als Gesamtbild vor unser inneres Auge stellen, so erscheinen sie nicht nur als Denkmäler der Personen, die sie gestiftet haben oder deren Andenken sie gewidmet sind, sondern auch als Ausdruck der Zeit, der sie ihr Entstehen verdanken. Notgedrungene Sparsamkeit und Schlichtheit sprechen aus ihnen. Aber dazu gesellen sich Wahrhaftigkeit und Anmut.
Abb. 5. Einschenkender Satyr nach Praxiteles im Park des Schlosses Wolkenburg
(Das Original befindet sich in der Skulpturensammlung zu Dresden)
Möge es auch den heutigen Deutschen, die so schwere Lasten zu tragen haben, an diesen Eigenschaften nicht fehlen und möge auch unserer Zeit ein gleichwertiger künstlerischer Ausdruck ihres Wesens beschieden sein.
Abb. 6. Knöchelspielendes Mädchen im Parke des Schlosses Wolkenburg
(Das Original aus Rom befindet sich im staatlichen Museum in Berlin)
Anmerkung. Die Vorlagen zu den Bildern 1–6 dieses Aufsatzes hat Herr Graf von Einsiedel auf Wolkenburg dem Verfasser freundlicher Weise zur Nachbildung überlassen. Die Aufnahme zu Abbildung 7 hat der Heimatschutz nach dem Original in Lichtenberg durch Photograph Reymann, Freiberg, anfertigen lassen. Zum Text sind die Akten des Hauptstaatsarchivs in Dresden, Schumanns Postlexikon und die Schrift von Professor Emmerich in München »Bildguß-Werk Lauchhammer« benutzt worden. Die Angaben über das Original zur Wolkenburger »Flora« verdanke ich Herrn Direktorialassistenten Dr. Müller an der staatlichen Skulpturensammlung. Eine groß angelegte Festschrift zur Zweihundertjahrfeier des Lauchhammers, auf die wir schon jetzt aufmerksam machen, wird vermutlich von der Verwaltung des Werkes am Jubiläumstage herausgegeben werden.
Aufnahme von K. Reymann, Freiberg
Abb. 7. Gußeisernes Grabdenkmal zweier Kinder des Pfarrers Brause auf dem Kirchhofe in Lichtenberg bei Freiberg aus dem Jahre 1839
Auf Heimatschutzpfaden durch die Lößnitz
Von Kurt Nierich, Kötzschenbroda
Aufnahmen vom Verfasser
In lichtgrüner Maiennacht, da sinken gütige Träume auf die alte Erde. Da silbert der Mond alle die trauten Wege und geht an den heimlichen Stegen vorüber, wie man an schlafenden Kindern vorübergeht, um sie nicht zu stören. Es ist im Mondlicht eines Maientages als ob die Jahre und Jahrzehnte rückwärts schritten, und aus alter, lieber Zeit tauchen Bilder auf, die noch nichts wußten von den Sorgen und Nöten unserer Tage. Wo der Urgroßvater die Weinberge harkte und der Herbst sein Mühen mit goldglasigen Trauben lohnte, da kannte man noch nicht die Jagd nach dem Geld, darum eben blicken uns auch die Winzerhäuschen ([Abb. 1]) alle so traulich an, als wollten sie uns gute Gedanken schenken aus alter, längst verklungener Zeit. Ein mächtiger Nußbaum schattet über der Torfahrt und dem kleinen Pförtlein, das uns hineinläßt zu Menschen, die einfach waren und darum ihre Seele reiner hielten. Ja, wenn er erzählen könnte, der alte Baum vor der Tür, ein Leben voll Arbeit, aber auch voll Licht würde dir das Säuseln seiner Blätter künden, die man damals noch als besten Heiltee trank.
Abb. 1. Winzerhaus in der »Finsteren Gasse«
Behaglich blinzeln die Fenster eines anderen Häusleins auf die lichtbesäte Straße, als könnte nie dahinter etwas Böses wohnen ([Abb. 2]). Die Freude an der Arbeit leuchtet aus ihnen wie einst auch aus den Menschenaugen. Unsere Zeit aber hat die reine Freude an der Arbeit vielfach eingebüßt, nur um des Gewinnes willen, in der Fron des Alltags wird sie getan. Das aber prägt sich auch aus in den mürrischen Mienen, den unfrohen Gesichtern, denen das durchsonnte Leuchten beglückender Arbeit fehlt.
Abb. 2. Winzerhaus Lotter, Winzerstraße
Auf den Torpfeilern ruhen oft Steinkugeln, sie mahnen an noch ältere Zeit, wo man die Schädel erschlagener Feinde, dem Thor und Wode geopferter Gefangener, hier aufstellte. Wohl meist unbewußt hält hier der Baumeister einen Rest aus heidnischer Vorzeit fest. Ja, alte Häuser und alte Bäume erzählen oft mehr als manches Geschichtsbuch. Und wenn jener Bergahorn mit seiner Steinbank wird doppelt so stark und breit sein wie jetzt, da haben unter ihm auch Generationen von Kindern ihre unschuldigen Spiele getrieben, da sind auf der Bank noch mehr Schwüre der ewigen Liebe getan und dann gebrochen worden wie jetzt. »Aufrecht geschritten, was frag’ ich noch viel, Leben und Liebe sind Würfelspiel«, so singt ein moderner Dichter, und das Würfelspiel des Lebens macht auch vor den stolzen Herrenhäusern nicht halt! »Bischofspresse« nennt der Volksmund ein Grundstück ([Abb. 3]), wenn auch hier zu unrecht die Größen des einstigen Bistums Meißen mit einem Weinbergsgute in Zusammenhang gebracht werden. In seinem Garten aber träumt ein kleiner Rundtempel von ferner wehmütiger Zeit. Sechs Säulen tragen auf kräftigem Balkenwerk eine Flachkuppel in Sandstein, die hatte einst eine Inschrift: »Uns ward der Tod, den Frevler scheun, Geburt zum ewigen und edlern Leben.« Vor Jahren stand im Tempel eine Urne von Stein auf einem Sockel, der trug die Inschriften: »Wenn hier von uns, die Gott vereint, der letzte auch hat ausgeweint, dann wird ein freudig Wiedersehn auf ewig unser Glück erhöhn.« Und die andere Seite: »Der sehnsuchtsvolle Wunsch der Wiedervereinigung, wo keine Trennung mehr ist, wurde erfüllt den 17. Januar 1820.«
Abb. 3. »Bischofspresse« in Zitschewig
Schauen wir einmal hinein in eines Parkes waldgrüne Nacht. Wie durchsonnte Vorhänge von gelbgrüner Seide hängen der Parkbäume Zweige herab, als wollten sie ein trautes Geheimnis hüten, daß es kein Auge der Welt sehen möge, oder wollen sie verwundete Herzen, die am Sterben sind, mit Lebensgrün überdecken wie des Kirchhofs Gräber? Ich weiß es nicht, weiß nur eins, daß es Sorge und zerschlagenes Glück in Hütte und Palast gibt und daß das Trümmerfeld der Hoffnungen nicht ein Eigengebiet des einfachen Mannes ist.
Abb. 4. Winzerhof bei der Friedensburg
Der Mond aber ist weitergewandert über den jenseitigen Bergen, und in den Büschen bei dem alten Winzerhaus ([Abb. 4]) schlägt eine Nachtigall. Singe, du kleiner feiner Sänger der Nacht, singe von Liebe und Frieden im Menschenherzen, singe von Glück und goldenem Leuchten, das trotz alledem doch tags und nachts über die alte Erde geht.
M. D. Pöppelmann und die Zwickauer Torbrücken
Von Regierungsbaumeister Dr. Weißbach, Holzminden
Wir leben jetzt in den Tagen, in denen der Name Pöppelmann uns besonders nahegerückt ist. Es geht um die Erhaltung des Dresdner Zwingers, des großartigsten Werkes dieses fürstlichen Baumeisters.
Während der Zwinger weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt und berühmt ist, sind andere Bauten Pöppelmanns teils weniger bekannt, teils vergessen, weil sie entweder nicht so bedeutend oder schon wieder verschwunden sind (Augustusbrücke). Manches kann ihm auch nicht mit Sicherheit zugesprochen werden. Viele kleinere Arbeiten sind naturgemäß überhaupt nicht bekannt geworden. So auch seine Vorschläge für die Torbauten in Zwickau.
Wie aus folgendem zu ersehen ist, erstreckte sich Pöppelmanns Tätigkeit nicht nur auf die Hauptstadt. Als Oberlandbaumeister hatte er auch auf andere Städte gewissen Einfluß. Das beweisen zwei wenig umfangreiche Aktenstücke[1] im Ratsarchiv der Stadt Zwickau. Es handelt sich um den Umbau der Stadttore.
August der Starke hatte ein selten feines Kunstverständnis und verband damit eine großzügige Art die Mittel für seine Bauten bereitzustellen. Auf diese Weise war Pöppelmann Gelegenheit gegeben, sein ganzes Können zu entfalten. Anders war es in Zwickau. Da konnte nicht so aus dem vollen gewirtschaftet werden. Und wenn schon einige Ratsherren Sinn für das Schöne hatten sowie den Wunsch, die Pläne Pöppelmanns durchzuführen, so wurden sie doch von den sorgsamer rechnenden Stadtvätern überstimmt. Die Vorschläge des Oberlandbaumeisters konnten der Kosten wegen nicht verwirklicht werden. Doch ist diese Tatsache insofern ohne Belang, als die Tore schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei Schleifung der Befestigungswerke und infolge der Ausdehnung der Stadt und der Steigerung des Verkehrs wieder verschwinden mußten. Aber in den genannten Akten sind uns die Zeichnungen erhalten geblieben. Der zugehörige Schriftwechsel, ergänzt durch die Beschlüsse in den Ratsprotokollen, eröffnet uns ein anschauliches Bild von der Tätigkeit und dem sicheren künstlerischen Urteil Pöppelmanns.
Die vier Stadttore (das Niedertor im Norden, das Obertor im Süden, das Frauentor im Westen und das Tränktor im Osten) hatten vor den Tortürmen halbrunde Bastionen (»Rondells«), die in den Graben vorsprangen. Je eine hölzerne Torbrücke führte, aus festungsbaulichen Gründen seitlich, in jedes »Rondell«. 1712 beschloß der Rat, diese Brücken nach und nach steinern auszuführen, weil, wie es in einem Schreiben vom 3. April 1719 an Pöppelmann heißt, »die über die Stadtgräben allhier gehenden hölzernen Brücken sehr kostbahr zu erhalten und zu deren Reparatur fast keine Brückenbäume mehr in der Nähe umbs Geld zu haben sind, ... Steine und Kalch umb einen billichen Preiß allhier zu erlangen.« 1716 war als erste die Obertorbrücke durch eine steinerne ersetzt worden. Im selben Jahre wurde beschlossen, auch die Niedertorbrücke zu erneuern. Doch sollten da gleichzeitig Veränderungen am Tor vorgenommen, der Eingang in die Mitte des Rondells, die Torschreiberwohnung seitlich verlegt werden. »Ob aber deswegen allerunterthänigster Bericht einzusenden, stünde dahin; es dürfte solches eine kostbare Commission nach sich ziehen und darum eben nicht vonnöthen sein, weil zum Bau nichts von Vestungsbaugeldern gegeben würde, sondern man von eigenen Kosten bauete, die Stadt auch vor keine Vestung Iziger Zeiten Beschaffenheit nach gehalten würde.« Am 3. April 1719 ließ man »wegen Transferierung des Thors und der Aufzugbrücke ... wenigstens des Herrn Ober Land Baumeister Pöppelmann Gutachten ... einholen«. Ein Maurermeister wurde mit dem obenerwähnten Brief, den »gefertigten Abrißen« und zwölf Thalern nach Dresden geschickt. Am 7. April 1719 antwortete Pöppelmann: »Hoch Edle, Hoch- und Wohlgelahrte, Hochgeehrteste Herren. Dieselben haben das Vertrauen gehabt, in ihrem Vorhabenden Baue mich zu Consellieren Beliebet, auch den Mäurer Meister abgeschicket, damit er desto mehrere Kundschaft einziehen möge. So habe Beyliegenden Riß ([Abb. 1]) Verfertiget, denen Conducteurs Vorgezeichnet, die Sich vor das überschickte dienstl. Bedanken thun. Die vielen vorhabenden Baue haben nicht zulaßen wollen mehren Fleiß anzuwenden. Der pfeihler, welcher in des Mäurer Meisters Riß angedeutet, kan ersparet werden, auch ... von den Zierathen nach belieben ausgelaßen werden und kan nach diesen Riß mit Wenigem eine große Parade zu des Königes andenken und Zierde der Stadt gemacht werden ...«
Abb. 1. Pöppelmanns Entwurf für die Niedertorbrücke (1719)
Die in [Abbildung 1] wiedergegebene Zeichnung ist also nach Pöppelmanns Angaben (Skizzen) im Oberlandbauamt gemacht worden, und zwar von seinen Baubeamten (Kondukteuren), denen er auch die zwölf Thaler zukommen ließ. – Leider ist die Zeichnung vom Maurermeister nicht mehr vorhanden, so daß kein Vergleich möglich ist. Jedenfalls war auf dieser ein Pfeiler, ähnlich wie in [Abbildung 3] vorgesehen. Pöppelmann überspannt den Graben mit einer einzigen Bogenöffnung in gefälliger Form und läßt, wie im Schnitt zu sehen ist, im Brückenbogen eine Öffnung für die Zugbrücke. Diese gefährliche Stelle sollen nachts die beiden Brückenlaternen beleuchten. Das Tor, dessen äußere Pilaster übereck gestellt sind, ist mit kriegerischem Schmuck versehen, mit Fahnen, Helmen, Panzern, Schilden, Kanonenrohren. Der Schlußstein mit Krone erinnert an die allerdings bei weitem reichere Ausführung am westlichen Zwingerpavillon. Wie vorteilhaft würde ein solches Tor an der glatten Mauer des Festungsrondells gestanden haben! Aber es kam gar nicht zur Ausführung, weil die Steinmetzarbeiten zu teuer erschienen.
Abb. 2. Naumanns Entwurf für das Portal an der Frauentorbrücke
Im Ratsprotokoll vom 14. April 1719 heißt es: »Herr Ober Land Baumeister Pöppelmann hätte die Fortrückung des Niederthors und daß die Brücke gleich zu gehen möchte (d. h. geradeaus, in die Mitte des Rondells) approbiret, auch den ihm gezeigten Riß anders eingerichtet. Man könnte auf diese Weise leichter darzu gelangen und an denen Kosten ein merkliches ersparen. Weil nun auch dessen Meinung nach es Ihrer königlichen Majestät wohl gefallen würde, wenn das Thor und die Brücke nach seinen Gutbefinden gebauet würde, so sollte immer solcher Bau angetreten werden. – Herr Haupt (Ratsherr) ... ließe sich Herrn Pöppelmann Riß und Vorschlag gar wohl gefallen, sonderlich würde es ein Zierrath sein, wenn das Portal vorgerißnermaßen gemachet würde.« Am 10. Juli 1719 wird beschlossen, das Portal der Kosten wegen wegzulassen, die neue Toröffnung mit den alten Steinen zu mauern und »die Zierrathen bis zum Tränkthor, wo die Herrschaften herein zu ziehen pflegten, versparen.« (Das Tränktor an der Dresdner Straße wurde erst 1800 umgebaut, kommt also hier nicht in Frage.)
Abb. 3. Der Zwickauer Entwurf für die Frauentorbrücke
Der Umbau des Frauentors wurde 1724 beschlossen. Der Rat hat sich zunächst an den Obrist-Lieutenant und Baudirektor Johann Christoph Naumann in Dresden gewendet. Er war Baudirektor der Akzis-Behörde. Weil die Steuereinnehmer- und Torschreiberwohnung verändert werden sollte, wandte man sich zunächst an ihn. Er übersandte seine »Gedanken« in zwei Zeichnungen: Ansicht des Tores ([Abb. 2]) und der Brücke (ähnlich wie [Abb. 3]). Am 27. Mai 1726 wurde an Pöppelmann geschrieben und die Zeichnung, die in [Abbildung 3] zum Teil wiedergegeben ist, mitgeschickt. Er antwortete am 7. Juni: »... Ew. Hoch Edle und Hochw. übersende beygehend ich den mir zu geschickten Riß des aufzubauenden Stadt Thores und Brücke nebst einer anderweitigen copey deßselben, ([Abb. 4]), in welcher ich meine unmaßgebliche Gedanken und Gutachten zugleich mit zu erkennen geben wollen. Gleichwie nun nachdem neuen und von mir entworffenen Riße das Thor sowohl als die Brücke ein beßeres Ansehen gewinnen dürffte also halte auch dafür, daß es beßer gethan seyn möchte, wenn nach dem Adjecto sub A die Brücke gerade fort in einer Linie gezogen und nicht abhängig gemacht werden solte, maaßen solches der Brücke selbsten ein gutes Ansehen geben dürffte. Wegen des Waßer Abfalls aber kan die Brücke von inwendig darnach gepflastert und das Regen Waßer durch Ausgüße in den Fluß gewießen werden, wodurch den endlich der faciata keine Unförmlichkeit zugezogen würde. Wenn auch ferner an der Brücke ein Gatter Thor, wie ich solches ohngefehr gezeignet (B), gefertigt werden wolte, dürffte solches gleichmäßig eine formität dem Thore selbsten machen und das Anlaufen derer Leuthe an die Aufzieh Brücke bey Nachtzeiten verhindern, mithin vielleicht besorglichen Schaden verhütten ...«
Abb. 4. Pöppelmanns Abänderungsvorschlag zum Zwickauer Entwurf für die Frauentorbrücke (1726)
Pöppelmann behält das einfache Tor Naumanns bei, gibt aber der Brücke eine schönere Form. Der schwere Halbkreisbogen wird zum leichteren flachen Korbbogen und der Knick in der Brüstung fällt weg. Auch die Pfeiler des »Gattertors« bekommen bessere Verhältnisse und Anläufer vermitteln den Übergang zur niedrigen Steinbrüstung.
Aber auch dieser Entwurf erlitt dasselbe Schicksal wie der vorhergehende. Am 13. Juni 1726 wird im Rat beschlossen, »bei dem von Herrn Baudirektor Naumann gefertigten Riß zu bleiben.« Vielleicht spielte hierbei die Änderung in der Besetzung des Stadtrates eine gewisse Rolle. Es waren inzwischen, 1725, die beiden Bürgermeister und drei andere Ratsmitglieder gestorben, darunter der obengenannte Haupt und der Vorstand des Bauamts.
Als vor hundert Jahren die Tore und Brücken abgebrochen wurden, sind also jedenfalls keine bau- und kunstgeschichtlich wertvollen Gebäudeteile verschwunden.
Es ist immer von besonderem Reiz, einen Blick in die Werkstatt eines Künstlers zu werfen. Beim Baukünstler heißt das die Pläne, Zeichnungen und Erläuterungsberichte kennen lernen. Wir haben hier nur einen kleinen Ausschnitt aus dem großen Arbeitsfeld Pöppelmanns vor uns und doch entbehrt er nicht einer gewissen Anteilnahme. Wir erkennen auch aus dem wenigen, wie der Meister der Zweckmäßigkeit und Schönheit in gleicher Weise Rechnung zu tragen verstand.
Fußnote:
[1] III o 10a Nr. 1: Acta den Nieder Thor Brücken Bau betr. 1719 und III o 10a Nr. 2: Acta den Bau einer neuen Frauen Thor Brücke betr. 1724.
Die Pappel, ein Beitrag zur Gestaltung der Landschaft durch den Menschen
Von Th. Leuschner, Dresden-Loschwitz
»Die Gestaltung der Landschaft durch den Menschen« ist der Inhalt eines dreibändigen Werkes von P. Schultze–Naumburg, das zu der Reihe seiner »Kulturarbeiten« gehört.
Aus der Beschäftigung mit dem Buche ist dieser Beitrag entstanden, ich habe einmal ernstlich an mir ausprobieren wollen, wozu der Verfasser durch einen Satz in der Vorrede anregen will: »Aber der Zweck dieser Bücher ist ja nicht, das Thema enzyklopädisch zu bearbeiten, sondern sie wollen erzieherisch wirken; und wenn die Bilder einigen die Augen öffnen für gewisse Fälle, so wird es ihnen ein Leichtes sein, in der Natur unzählig andere selbst zu entdecken.« –
Unter den sechs Formen, durch die der Mensch als Herr der Welt bei seinem heißen Bemühen, die Erde seinen Zwecken dienstbar zu machen, ihr Angesicht – die Landschaft – umgestaltet, nennt Schultze–Naumburg, an zweiter Stelle die forst- und landwirtschaftliche Nutzbarmachung der Pflanzenwelt. Hierbei gibt er dem Baum, weil er starke raumfüllende Eigenschaften hat, einen bedeutenden Anteil, der Landschaft ein besonderes Gepräge zu verleihen. Er unterscheidet hier drei Verwendungsarten: Die Massenansammlung im Wald und Park; die rhythmische Auswertung in Allee, Reihe und Gruppe; die Betonung der Einzelerscheinung. –
Ich habe nun bei meinem Hineinschauen in die Landschaft den Versuch gemacht, eine Zeitlang mir recht enge Grenzen zu ziehen. Ich glaubte, durch ein inhaltlich kleines Beobachtungsfeld inmitten der reichen sinnverwirrenden Fülle der pflanzlichen Erscheinungsformen die Ursachen für die eigenartige Wirkung – ich weiß nicht, ob ich sagen soll die Schönheit – eines Landschaftsbildes empfinden zu können. Ich suchte mir zunächst solche Fälle heraus, wo der Baum durch seine rhythmische Verwendbarkeit und als selbständiges Einzelwesen in der Landschaft gestaltet, um dann zuletzt auf einen Baum mich zu beschränken: auf die Pyramiden- oder italienische Pappel, wie sie allgemein im Volksmund genannt wird.
Ich muß sagen, daß der Baum mir dabei lieb geworden ist, vielleicht ist er auch schon vorher mir etwas wert gewesen im Gegensatz zu denen, die ihn nie recht haben leiden können. Die Pappel hat nicht viele Freunde. Die einen behaupten, daß sie ein landfremder Baum sei und darum in unsere Landschaft nicht recht passe. Anderen wird sie zu schnell alt, sie sterbe zu zeitig von oben herein ab, die dürren, abgeschälten Spitzen wollen ihnen an dem sonst grünen Baum nicht gefallen. Manche wollen den Baum nicht in der Nähe des Hauses haben, er ziehe den Blitz an, bei großem Sturme beschädigten die sich stark biegenden Äste das Dach. Und nicht die wenigsten betonen mit wichtiger Miene, sie sauge mit ihren weitgehenden Wurzeln über Gebühr Garten- und Feldland aus. Und die letzten geben einem Baume nur Daseinsrecht, wenn sein Holz zu etwas taugt, der Pappel sprechen sie einen Holzwert ab. Darum sind im Laufe der Jahrzehnte viele Pappeln unter der Axt und der Säge gefallen und in der Landschaft für immer verschwunden. Das müssen wir unbedingt als einen Verlust bedauern.
Vielleicht tragen meine Worte und Abbildungen ein wenig dazu bei, ihre Ehre zu retten, die und jene Pappel – ob alt oder jugendfrisch – vor gewaltsamem Tode zu bewahren, vielleicht auch dazu, daß man sich ihrer Art von neuem besinnt und hier und da an Stelle eines anderen Baumes eine Pappel pflanzt. Gar mancher Naturfreund wird sich freuen, daß er die Pappel in seinem Garten, an seinem Hoftor, an der Gabelung seines Feldweges noch als einen herrlich gewachsenen Baum erlebt. Sie wächst schneller als viele andere Bäume, an deren voller Formenschönheit sich vielleicht erst sein Sohn, wenn ihn das Schicksal auf dem väterlichen Anwesen bleiben läßt, erfreuen kann. Und so manches Denkmal in freier Flur, in blumenreicher Anlage hätte in Kürze treue Wächter und Wegweiser bekommen, wenn man beim Anpflanzen mit an die Pappel gedacht hätte. Wir hängen hierbei gern an Tradition. Stamm und Krone einer Eiche stehen mit der Zeit einem Erinnerungsmal gut zu Gesicht, aber seine Erbauer erleben oft nicht seine ganze gewünschte und im Entwurf gezeichnete Schönheit.
Da war Napoleon I. ein anderer! Mit dem Sinn eines genialen Feldherrn und Ingenieurs hatte er in der Pappel den Baum gefunden, der durch seine aufragende Gestalt ihm von Ferne seine Heerstraßen anzeigen würde. Er ließ darum Pappeln links und rechts der militärisch wichtigen Straßen anpflanzen. Dadurch ist die landläufige Meinung entstanden, daß er es gewesen sei, durch den die Pappel aus dem Süden zu uns heraufgekommen sei. Das ist falsch! Auf alten, vor seiner Zeit entstandenen Bildern können wir den leichtbelaubten Baum schon finden.
Und ist die Pappel nicht auch ein prächtiger Begleiter auf der Landstraße, der uns hüben und drüben die Aussicht gelten läßt? Die im Kriege auf Rußlands uferlosen Straßenbreiten haben marschieren müssen, haben die Leere der Landschaft um sich herum empfunden. Und wenn es nur hier und da ein aufragender Baumfinger gewesen wäre, der dem Auge eine weg- und zeitmessende Sicht gegeben hätte!
Freilich Schatten, weit und kühl umfassend, gibt der Baum nicht, er legt bei tiefstehender Sonne davon nur lange schmale Streifen über die Straße bis hinüber ins Feld. Will der Wanderer bloß im Schatten seine Straße ziehen? Dann bleib im heißen Sommer zu Hause!
Dafür aber läßt er die Sonne, unterstützt vom streichenden Wind, recht schnell die Straße trocknen, wenn Regengüsse und Tauwetter sie weich und schmutzig gemacht haben. Wird unser Baum in den nächsten Zeiten seine Freunde finden, die ihn wieder als Wegbegleiter pflanzen lassen? Wohl nicht! Er bringt nichts an klingender Münze hinein in die Kassen der Gemeinden und des Staates. Mehr als sonst muß es jetzt wohl heißen: »Obstbäume an die Straßen!« Ganz recht, aber dann auch an die richtigen Straßen, an Straßen zweiter und dritter Ordnung, an Feld- und Verbindungswege! Hier stören sie nicht den Verkehr, namentlich bei der Erntezeit, hier werden sie selber auch nicht vom Verkehr beschädigt.
Ich sollte also meinen, unsere Pappel hätte doch ein wenig Anrecht, bei Straßenanpflanzungen nicht übersehen zu werden. Wir in Loschwitz haben den Versuch gemacht, eine neuangelegte Straße mit Pappeln zu bepflanzen; und ich glaube, die beabsichtigte Wirkung ist erreicht worden und ermutigt so zur Nachahmung. Es muß nicht alles vom »Krämerstandpunkt« aus gesehen und geleitet werden. Aber immerhin: die Pappel wird sich auch weiterhin nur an den Naturfreund wenden müssen, dem eine Freude an Schönheit mehr gilt als Geld. –
Unser Baum hat eine Seele, eine Eigenart der Erscheinung, ein Eigenleben gegenüber den Kräften der Natur. Hoch, senkrecht zielt sie empor, nur die Waldbäume im tiefen Grund überholen sie in ihrer Sehnsucht nach dem Licht, an Kraft und Höhe. Und dabei welche Regelmäßigkeit in ihrem Aufbau von Ast zu Ast, jeder Zweig ist eine Wiederholung des im Alter vorausgegangenen in Gestalt und im Aufstreben. Leicht beweglich spielen die rutigen Zweige und langgestielten Blätter im Winde. Und im Sturm gibt sie, die noch junge lebensfrohe, klug nach, sie beugt sich in ihrem Wipfel tief vor seiner Gewalt, um sich nicht von dem rohen Gesellen abrackern, zerbrechen oder gar ausheben zu lassen. Und wenn alles Wetter vorüber ist, steht sie, die von des Himmels starkem Atem so frei und wild umwoben wurde, noch ein wenig nachzitternd da: stolz, aufrecht. Und wenn die Pappel – alt geworden – langsam Jahr für Jahr von oben herein abstirbt, wenn sich ihr Wipfel nicht mehr spielend bewegt, wenn die starken Äste oben blattlos und grau in die Luft stehen: ist der Baum darum unschön geworden? Soll er da gar die Landschaft schänden? Nein, er gibt einen leisen, besinnlichen Ton von Vergehen und Scheiden hinein in den vollen Zusammenklang von schöpferischem Licht, von lockenden Farben und schwellendem Wachstum in Feld und Flur. Du sollst das Leben im Gefühle der Lust bejahen, auch wenn du seine Vergänglichkeit siehst! –
Mag es sein, daß ich in meiner Freude vielleicht zuviel aus mir hinein in den Baum trage. Was schadet das? Es ist stets ein frohes, beglückendes Tun, sich in die Wesenseinheit eines Baumes einzufühlen und seinem Ton nachzusinnen, den er durch sein Dasein in dem Zusammenklang von so vielen Erscheinungen eines Landschaftsganzen hören läßt. Der Ausgang wird hierbei immer verschieden sein, dafür sind wir Menschen: ein jeder findet in der Natur immer wieder das, was er in sich hat. So darf ich wohl auch glauben, daß die Gedanken, die ich meinen »Pappelbildern« mitgeben will, nicht getadelt oder belächelt werden.
[Abbildung 1]: Die Schanzpappeln bei Hosterwitz. Das Bild reizt die Phantasie, die Bäume über den Rand hinauswachsen zu lassen bis hinauf in die beweglichen Spitzen. Aber auch ohne das – sie stehen da an dem bescheidenen Brückchen wie zwei altgewordene Wächter, fest und zäh mit dem ebenen Erdreich verwachsen, in dem ihre Wurzeln weithin verankert sein mögen. So trotzig hart im Ganzen gesehen, und doch so leicht nachgebend in Zweigen und Blättern. Ich gab dieses Bild als Erinnerung einem Manne mit, der von uns aus Amt und Würden schied in den Ruhestand, zu jener Zeit, als im deutschen Lande so viele Geister wankend wurden und sich wandelten, und schrieb darunter: »Wir wollen den beiden Bäumen gleichen. Sich treu bleiben! Der Glaube an uns ist das Geheimnis alles Erfolgs. Ein Gott in dir befiehlt mit seiner Macht! So nur reißt sich der Strebende aus den Niederungen des Geschickes und der Zeit empor zur Höhe inneren Glücks. Ich bin durch mein Herz, was ich bin!«
[Abbildung 2]: Das Fährhaus bei Sommershausen. Im Frankenland am Main, in der Heimat von Casparis viel gelesener Geschichte aus dem Dreißigjährigen Kriege »Der Schulmeister und sein Sohn«.
Zwei Altgewordene, die ihre Dienste schlicht und recht, wer weiß wie lange, getan haben. Sie werden nicht mehr gebraucht, eine steinerne Brücke mit weitbogigen Öffnungen und gerader Fluchtlinie hat die beiden für immer abgelöst, abseits stehend sehen sie der neuen Zeit mit ihrem Verkehr zu.
Eine alte Zeit hat das Haus für den Fährmeister und seine Knechte gebaut, gehoben auf ein hohes Bollwerk, um es gegen die stoßenden Eisschollen zu schützen. Seine stattliche Höhe, sein mächtig gebrochenes Dach zeigten von weitem schon dem Fremden, dem Fuhrmann die Stelle, wo der Weg hinüber zum anderen Ufer führt.
Und die Pappel hat dann mit der Zeit dabei wacker geholfen. Sie wuchs über den First hinaus, bis sie zuletzt das Haus bedeutend überragte. So wurde sie noch eher als das Haus gesehen: ein Wegweiser aus weiter Sicht. Und die Schiffer begrüßten ihr winkendes Grün, wenn sie, mit schwerer Last auf Fahrt nach Frankfurt begriffen, um eine der Mainbiegungen kamen. Ihre ragende schwarze Gestalt, ein schwaches Laternenlicht in einem der Fenster, haben auch in finsterer Nacht dem Suchenden die Überfahrt gezeigt.
Abb. 1. Die Schanzpappeln bei Hosterwitz
Das Haus wurde in Sonnenschein und Regen altersbraun, und auch der Baum – gewiß so alt wie das Haus – verlor die grüne Beweglichkeit der Jugend, Stürme und kalte Nächte ließen sie von oben herab erschauern. Aber sie blieben beisammen, als ein Bild aus vergangenen Tagen. Wie lange noch? Wer geht zuerst davon?
Abb. 2. Das Fährhaus bei Sommershausen
[Abbildungen 3] und [4]: Bei Liebshausen. Eine reichgesegnete Landschaft am südlichen Rande des böhmischen Mittelgebirges: weite ebene und sanftansteigende Ackerflächen, fruchtbar, voll Weizen und Zuckerrüben; jeder kleine Weg, jede Straße mit Obstbäumen bepflanzt, selbst die Feldflächen in geradlinigen Reihen mit ihren runden Kuppen durchzogen. Wohin das Auge schaut: Fruchtbarkeit des Bodens und Fleiß der Bewohner. Aber auch eine von der Natur allein ins Großzügige, ins Gewaltige gesteigerte Landschaft: die weite wellige Ebene wird umrahmt von seltsam geformten Bergen, unter denen nur drei der bekanntesten genannt sein mögen: Hoblik, Ranneyer Berg und Milleyer Berg. Da sie vom Fuße bis oben auf den langgestreckten Gipfel nur mit einer immer kurz bleibenden, von den Schafen fortwährend abgefressener Grastrift, beinahe ohne jede Strauch- und Baumgestalt, bedeckt sind, heben sich ihre scharf umrissenen Linien und Flächen fast trotzig drohend und gerade darum den Wanderer anziehend vom weiten Horizont ab. Und in welch farbigem Duft stehen sie manchmal da, wenn Sonne und Wolken die Luft malen!
Abb. 3. Bei Liebshausen
Nun mag der Wanderer stehen, wo er will: gerade hier empfindet er jede einzelne Pappel wie ein Fanal, das aus den Tausenden von rundköpfigen Obstbäumen in die Höhe flammt und da und dort das Versteck eines Gehöftes und die eigentliche Dorfmitte deutlich anzeigt. –
Abb. 4. Bei Liebshausen
An manchen anderen Stellen des schönen unvergeßlichen Nordböhmens ist mir der Baum gerade zum freundlichen Verräter, zum willkommenen Anzeiger eines Dorfes geworden. Der Weg führte, durch allerlei Bäume und reichen Pflanzenwuchs unübersichtlich geworden, dahin, der Karte nach mußte die Ortschaft nahe sein; und siehe da, aus dem zusammengeballten Haufen von Obstbäumen grüßte der Baum entgegen, noch ein paar hundert Schritte, und aus dem Grün tauchten die bescheidenen Gehöfte auf.
Abb. 5. An der Naab bei Kallmünz
[Abbildungen 5] und [6]: An der Naab bei Kallmünz. Wenn die Bilder mit den Farben reden könnten, die das Licht der Landschaft zu geben vermag! Was waren das damals für herrliche Bäume! Sie hätten mich fortführen können in ein fremdes Land. Aber weg mit solchen Gedanken, die immer nur vergleichen wollen, die untreu machen wollen. Seien wir fröhlich, daß es doch eine deutsche Landschaft ist! Eine steile, von zerbröckelnden Felsklippen aufgebaute Talwand, graugrün das seltsame Gestein, grau verbrannt die kümmerliche Pflanzendecke, voll gelbem Staub der Weg, der, kaum gehoben, sich wieder senkt, das schwarze und doch so weiß glänzende Wasser der Naab – in der staubgeschwängerten Glut des Sonnenscheins flimmern und blinkern die kleinen Widerscheine auf den dunkelgrünen, fast ledrigen Blättern der Bäume: und dieser ganze große Reichtum hineingedrängt und aufgehäuft in einen halbwegs großen, scharf sich drehenden Bogen des rasch eilenden Flusses.
Abb. 6. An der Naab bei Kallmünz
[Abbildung 7]: Im Taubergrund vor Rothenburg. Unten an der Tauber schon leise Abenddämmerung. Oben auf der steil ansteigenden Berglehne entlang noch im Lichte die Stadt, wie ein heilig Jerusalem im deutschen Land, wie eine vieltürmige märchenhafte Burg. Es zieht den Blick immer wieder hinauf zu ihr. Und es kann keinen anderen, keinen besseren Baum geben, der das Auge hinaufleitet, an dem die Gedanken hinaufsteigen, der die Sicht in so vielen Bildern uns genießen läßt. Und dazu der Gegensatz! Unten die Bäume alt, müde, vom Zahn der Zeit zermürbt – droben die Stadt, die, noch im Schmuck der Mauern und der Türme vom alten Deutschen Reich erzählend, nicht vergeht.
Abb. 7. Im Taubergrund vor Rothenburg
Es mag genug sein mit den Bildbeigaben. Ein paar Hinweise, einige Fragen will ich noch in aller Kürze andeuten, um zum Nachsuchen anzuregen. Auf dem stillen Teile des Schillerplatzes in Blasewitz hat die Gemeindeverwaltung vor Jahren eine Reihe von Pappeln angepflanzt. Mit Recht? Oder passen die Bäume nicht her? – Der nimmermüde Strahl des artesischen Brunnens in Dresden-Neustadt läßt sein Wasser in das runde Becken eines offenen Tempelchens fallen. Um ihn herum stehen Pappeln. Sind das die richtigen Bäume? Oder hätte der Architekt wieder die runden Kugeln der Akazien des durch den Neubau im Hintergrund so recht zerstörten Straßenbildes herbeiholen müssen? – Wir schreiten langsam das Terrassenufer mit seinen architektonisch zusammengeschnittenen Bäumen herunter. Wo die Straße dann eben hinführt, stehen zur Rechten bis zur Brücke ein paar Pappelbäume, etwas dürftig und recht gealtert. Wer weiß, woher sie stammen. Ist es aber nicht so, als wenn sie die von uns verlassene Höhe des Sachsenplatzes noch einmal aufnehmen und sie in uns nachklingen lassen wollten? – In dem Gartenhof des Pillnitzer Kammergutes ragen zahlreiche Pappeln auf. Tun sie nicht das ihre damit, daß sie für uns das mittelste und älteste Wirtschaftsgebäude so ehrwürdig hinstellen, ohne dem Schnitter die Wiese zu nehmen? – Warum hat der Gartenkünstler seiner Zeit auf den freien Rasenflächen, die mit ihren farbigen Blumenbeeten das Palais im Großen Garten umgeben, in den beiden Hälften der kurzen Achse Pappeln angepflanzt? – Wer von den vielen Besuchern der Sächsischen Schweiz hat die Pappelgruppe auf dem Eisbecher bei Posta, den alten grünen Wächter an Schumanns Ziegelei in Wehlen bewundert? – Dort, wo die breite Landstraße von der Höhe heruntersteigen will nach Possendorf, muß sie eine scharfe lange Wendung machen. Hier stehen ziemlich eng aneinander eine Pappel an der anderen, als wenn sie ein durchsichtiges und doch sicheres Geländer für die rechte Straßenseite sein wollten. –
Es mag mit diesen Beispielen aus der Nähe genügen. Fast möchte ich wünschen, wir hätten ein Buch voll guter Pappelbilder beisammen, herbeigeholt aus allen Teilen unseres Landes. Was müßte das bei aller Gleichheit für eine Summe von Verschiedenheiten geben! Und ich wüßte ganz gewiß, die Bilder würden einen jeden zwingen, an dem Baume Gefallen zu finden und ihm sein Daseinsrecht als ein eigenartiges Glied in der heimatlichen Landschaft so lange wie möglich zu wünschen.
Vielleicht trägt meine kleine Arbeit ein wenig dazu bei, der Pappel ein paar Freunde hinzuzugewinnen.
Der Sonne entgegen!
Eine Frühlingswanderung im östlichen Erzgebirge
Von H. Funke
Ebenso plötzlich wie Gewitter und Platzregen über uns hereingebrochen waren, hatten sich die Wetter verzogen. Zwar standen in der Ferne noch drohend einige schwarze Wolken, und eine merkliche Abkühlung war nicht zu spüren, aber wir hofften auf die Nacht, die den Himmel vollends abräumen und die drückende Schwüle bannen sollte. Frohgemut saß ich daher mit meiner Wandergefährtin, über Führer und Karte gebeugt, Pläne für den kommenden Tag schmiedend. »Eine Wanderung ins Böhmerland« hieß unser Ziel, eine Wanderung, die uns die Eigenart und Schönheit der Kammregion und des südlichen Steilabfalles unseres östlichen Erzgebirges vor Augen führen sollte. Von unserem Standquartier bis zur Grenze waren es nur knapp zehn Minuten Wegs, so daß wir nebenbei ausrechneten, wie weit, ach weit »ins Land« hinein wir von hier aus in einem Tage vorstoßen könnten, wenn – ja wenn uns unser Grenzausweis nicht gebieterisch auf die schmale zehn Kilometerzone beschränkte. Schließlich fanden wir aber auch auf dem engen Raume so viel, daß der Tag voll ausgefüllt war. Wir schlugen daher Buch und Karte zusammen und schieden voneinander mit dem Versprechen, morgen früh Punkt sechs Uhr aufzubrechen.
Beim ersten Hahnenschrei lugte ich neugierig zum Fensterlein hinaus. O weh! Das Tal von unten bis oben hinauf ein einziges Nebelmeer! Noch beschied ich mich. Als sich mir jedoch um fünf und um sechs Uhr dasselbe trostlose Bild darbot, fing ich an, dem Wettergotte zu grollen. Es war aber auch fürchterlich. Von den schmucken Häuschen am Bergeshange war nichts und auch rein gar nichts zu sehen, so daß ich wirklich zweifelte, ob sie nicht ein böser Zauberer über Nacht habe verschwinden lassen. Verhüllt war der lenzfrohe Wald mit seinem herrlich leuchtenden jungen Grün. Die bunte Wiesenpracht, gestern abend noch unser Entzücken, erschien eintönig, und die Blütenköpfchen nickten verträumt und verschlafen. Selbst die große Schar der Vögel blieb heute länger stumm. Nur ein Fink rief wie zum Hohne sein ewiges, Regen kündendes: Rietsch! – rietsch! vom hohen Ahorn herunter. Und wirklich, der kleine Kerl sollte recht haben. Kurz nach sechs Uhr setzte der Regen ein. Der Wind fegte durch die Baumkronen, bog sie hin und her, schüttelte die Wipfel, jagte die Nebelschwaden auf, trieb sie gegen die Rücken der Berge und hob sie darüber hinaus. Wir zwei aber standen unter der Haustür und schauten sehnsüchtig hinaus und hofften von Minute zu Minute auf Besserung. Aber der Regen trommelte weiter. Es wurde acht, es wurde zehn Uhr. Jetzt schlug es elf, und unser Hoffnungsbarometer hatte fast den tiefsten Stand erreicht. Da gegen zwölf Uhr ein mächtiger Windstoß, die Nebelmassen wurden höher und immer höher emporgewirbelt, das Tal war frei, der Regen hörte auf, und die Buschmutter fing an, Kaffee zu kochen.
Nun gab es kein Halten mehr. Was kümmerten uns die Pfützen mitten auf dem Wege und der weiche, klitschige Boden, was kümmerten uns die düstren Wolken, die das Himmelsblau noch verdeckten? Wir waren voll frohen Sinnes und wußten es: Wir ziehen der Sonne entgegen. Vergessen war all das Trübe des Morgens. Wie die Kinder freuten wir uns der Wasserperlen auf den Blättern des Frauenmantels und der glitzernden Regentröpfchen, die an den Halmen der Gräser hängen geblieben waren und die, Diamanten gleich, in allen Farben aufsprühten, als der erste Sonnenstrahl sieghaft das eilende Gewölk durchbrach. Hinter den letzten beiden Häusern von Zaunhaus, wo ehemals der »Zaunknecht« sein Heim gehabt haben soll, überschritten wir die Grenze, und nun führte unser Weg in herrlichem Fichtenwalde dahin, der nur von Zeit zu Zeit den Ausblick auf die umliegenden Höhen und Hänge freigab. Die alten und jungen Bestände trugen gleicherweise noch schwer an der Last vorjähriger Zapfen. Ihrer so viele waren es, daß die Wipfel von ferne ganz rostrot erschienen und wir erst glaubten, die böse Nonne habe sich auch hier eingenistet.
Wo der Wald lichter ward oder eine kleine Strecke vom Wege zurücktrat, stellte die Sippe der Beeren sich ein: Heidelbeeren und Rauschbeeren schon mit grünen Früchtchen behangen, die dunkellaubige Preiselbeere über und über blühend, so schön, daß wir uns niederbeugten, um die zierlichen Glöckchen von nahem zu sehen.
Hinter dem Forsthause Kalkofen ward die Talaue flacher. Der Wald lichtete sich und löste sich seitwärts von uns in lauter Baumgruppen auf, vor denen wiederum einzelne Fichten gleichsam als Vorposten aufmarschiert waren. Wir befanden uns im Quellgebiet der Wilden Weißeritz, inmitten teils trockener, teils mehr oder weniger mooriger Bergwiesen. Bis dicht an den Wegrand heran drängte sich der stark duftende Köppernickel mit den fein zerteilten Blättern und den leicht ins Gelbliche spielenden Dolden. Weiterhin tauchten Riedgräser auf. Dazwischen lugten die zarten, roten Lippenblüten des Läusekrautes heraus, und von ganz drüben, wo das kleine Rinnsal die Wasser zu Tal führte, nickten die weißen Blütenschöpfe des Wollgrases. Wo das Land trockener wurde, verschwand das bleichgrüne Torfmoos. Das blaue Kreuzblümchen bildete dichte Rasen, und von der Böschung der Straße leuchtete uns weiß und rosa das zierliche Katzenpfötchen entgegen.
Langsam stiegen wir zum Kamme empor; denn in weitem Bogen umging die Straße den vorgelagerten Höhenrücken. Wir kamen jetzt in die Zugrichtung des Windes. Zwar wehte er augenblicklich nur mit mäßiger Geschwindigkeit, aber wir fühlten wohl, wie er hier oben zu toben und zu wüten vermag, wenn er den Bäumen die herbstlich-welken Blätter von den Ästen und Zweigen zaust. So arg und so oft hat er sein tolles Spiel mit den Bäumen getrieben, daß sie ihre Äste in der Windbahn weit, weit von sich strecken, als wollten sie ein großes Unheil abwehren.
Schon grüßte uns das schwarze Kreuz auf seiner einsamen Höhe, und jetzt, jetzt standen wir oben auf dem Kamme, und der Blick schweifte sehnsüchtig und suchend hinab in die Tiefe. Noch hüllte sich das Mittelgebirge in leichten Nebel, aber links und rechts von uns und unmittelbar zu unseren Füßen glänzte das Land im goldenen Sonnenschein. Gleich rechts uns zur Seite stieg wie ein mächtiger Eckpfeiler der Stürmer empor, am Hange halblinks vor uns lagen hingebettet und sich an den Boden anschmiegend die schindelbedeckten Häuschen der alten Bergstadt Niklasberg. Wir folgten ihren Reihen, bis sie sich im Laubgewirr des Hüttengrundes verloren, den die Eisenbahn Eichwald–Klostergrab–Brüx auf hoher, kühner Brücke überquert. Und drüben im Südosten sahen wir, vom Schloßberge hoch überragt, die Badestadt Teplitz, deren heilkräftige Quellen schon manchen von langem, schmerzensreichen Siechtum erlöst haben.
Jetzt geruhten auch die stolzen Herren des Mittelgebirges den Schleier zu lüften, und fast urplötzlich stand mit all den spitzaufstrebenden oder langrückigen Höhen um ihn her der Milleschauer in seiner vollen majestätischen Schönheit vor uns. Allein der Borschen bei Bilin enthüllte sich nicht. Er ließ seine mächtige Löwengestalt nur in unsicheren Umrissen durch den Nebeldunst hindurchschimmern. Wir zürnten ihm nicht. Fesselte uns doch der reizvolle Wechsel zwischen Berg und Ebene, zwischen Wald und Feld und dichtgescharten menschlichen Siedlungen so stark, daß wir wie an unseren Ort gebannt waren. Wir schauten und schauten und entdeckten bald in greifbarer Nähe, bald in weiter, weiter Ferne immer neue Schönheiten. Und als wir nach langen Minuten Blick in Blick tauchten, da spürten wir, wie ein Glühen und Leuchten auch durch unsere Seele zog.
O Lust, vom Berg zu schauen
Weit über Wald und Strom,
Hoch über sich den blauen
Tiefklaren Himmelsdom!
Vom Berge Vöglein fliegen
Und Wolken so geschwind,
Gedanken überfliegen
Die Vögel und den Wind.
Noch einmal grüßten wir das hochgelegene Neustadt, dann eilten wir am Kreuze vorbei, wo die Straßen von Norden her strahlenförmig zusammenlaufen, den Steilhang hinab. Bunte Porphyrfelsen mit winzigen Kohlenflözen durchsetzt, säumten unseren Weg zur Linken. Zur Rechten sahen wir tief unter uns die Geleise der Gebirgsbahn Eichwald–Moldau. So hoch standen wir, daß wir fast glaubten, die Strecke sei schmalspurig angelegt. Wir berichtigten jedoch unseren Irrtum, als wir uns gleich darauf fast senkrecht über dem schwarzen Mundloch des Hirschbergtunnels befanden. Von hier aus folgten wir mit dem Blicke dem Schienenstrange, der sich lang, lang hinzog, oft frei am Hange liegend, oft auch links und rechts von Felsen eingeschlossen. Wir bogen kurz nach Osten um und standen unmittelbar darauf am Fuße einer der gewaltigen Stützmauern, die ein Abrutschen des Bahnkörpers verhindern sollen. Oben am Bahnhof Niklasberg überschritten wir die Schienen, um des weiteren einem schattigen Waldpfade zu folgen. Bald gelangten wir auf eine Schonung, wo junge Fichten und harzduftende Lärchen zwischen Heidekraut und hohem Grase zum Lichte emporstrebten. Nun ein letzter Anstieg, und wir betraten die Porphyrklippen des Warteck. Wieder weidete sich das Auge an der von Sonnenglanz und Himmelsblau verklärten Landschaft, die wir jetzt weiter nach Osten zu überblickten. Greifbar nahe, in allen Einzelheiten erkennbar, ragte der Mückenberg gar keck vor uns auf, gerade so, als müßte es jeden Tag so sein und als wären ihm Wolken und Nebeln immer bekannte Gesellen. Täusche uns nicht! Wir schwören feierlich, daß es vor wenig Stunden auch um deine Höhe braute und brodelte, als wärest du eingehüllt in Qualm und in Rauch.
Wie von selbst wurden unsere Gedanken auf die wechselvollen Geschicke unserer Umgebung hingelenkt. Wir durchmaßen im Fluge die Jahrmillionen und versuchten, die Landschaft als das Ergebnis eines gewaltigen, ewigen Werdens und Vergehens zu begreifen. Fast am Ende der schier endlosen Entwicklungsreihe erschien der Mensch und versuchte, mit seiner schwachen Kraft und seinem überlegenen Geiste bestimmenden Einfluß auf die Natur zu gewinnen. Und jetzt tauchten sie vor unserem Auge in langer Reihe auf: die kühnen Männer, die ihre Axt zuerst in die Stämme der unwirtlichen Wälder schlugen, die Bergleute, die mühsam ihre Stollen gruben, um in harter Fron den Geistern der Tiefe die kostbaren Schätze zu entreißen. Waffenstarrendes Kriegsvolk strebte vom Kamme hinunter in die Ebene und von der Ebene wieder empor zur Höhe. Friedliche Kaufleute führten wertvolle Güter auf hochbepackten Frachtwagen zu Tal. Wetterharte Fuhrleute aus den Dörfern am Kamme verfrachteten aus den Schächten drunten die Braunkohle weit, weit hinein ins Sachsenland. Langsam kroch ihr schweres Gefährt zur Höhe empor. Oft mußten die schweißtriefenden Tiere rasten, um neue Kräfte zu sammeln für den weiteren Anstieg. Frauen und Männer, den Korb schwer mit Mehl oder Obst beladen, suchten auf steilem Fußpfade abseits von der Straße die Höhe zu gewinnen. So spannen wir unsere Gedanken weiter und waren der Gegenwart entrückt, bis uns der herankeuchende Zug aus unserem Sinnen aufschreckte.
Wir griffen flugs zum Stabe und folgten dem schmalen Steige, der sich bald im Hochwalde verlor. Die Äste der Fichten reichten von einer Seite zur anderen hinüber, als wollten sie sich fassen und bildeten ein natürliches, nur etwas niedriges Dach, unter dem wir im kühlen Schatten dahinwanderten, bis wir an den Rand einer Wiese gelangten. Fast jäh senkte sich hier der Pfad hinab, und Steine, klein und groß, eckig und rund, lagen genug umher. Aber tapfer hielt meine frohe Gefährtin aus, ein paar Sprünge, wieder ein Überqueren der Geleise, und wir standen vor dem Bahnwärterhäuschen, das wie ein rechter Luginsland hier oben an dem Hange gebaut ist. Wie zum Lohne für den mühsamen Abstieg gewannen wir bald die gut gehaltene Fahrstraße, die uns immer im herrlichsten Forste bis nach Eichwald hinabführte. Jetzt schrillte der Fink nicht mehr sein eintöniges Rietsch! Rietsch! Wohl aber rief der Kuckuck bald von ferne, bald ganz nahe bei uns, und die Sonne meinte es herzlich gut mit uns und bräunte uns Wangen und Hände, wenn sie uns in einer Lichtung erhaschen konnte. Leicht und froh schritten wir dahin. Es war uns, als sollten wir immer so weiter ziehen Seite an Seite, immer weiter in den wonnigen Tag hinein, wortlos, wunschlos – wanderselig. Aber da tauchten schon die Häuser von Eichwald auf. Wir waren am Ziel.
Ein Blick auf die Uhr belehrte uns, daß wir den Zug nach dem Gebirge noch erreichen konnten. Für 1.80 Kronen lösten wir uns eine Fahrkarte nach Neustadt. Die Wagen waren dicht besetzt, vor allem an der Seite, die den Ausblick nach der Ebene und dem Mittelgebirge gestattete. Wir zogen es daher vor, im Gange zu bleiben, und unter Anwendung aller nur möglichen Kreisbewegungen gelang es uns auch, unseren Stehplatz am Fenster zu behaupten. Jetzt wurden die Abteile abgeschlossen, ein kurzes Signal – die Lokomotive zog pustend und schnaubend an. Wir fuhren bergwärts.
Dann und wann gestattete der Wald einen Durchblick nach Süden, und nicht nur einmal erkannten wir den Weg wieder, den wir vorhin selbander gegangen. Zur Linken tauchte unser Bahnwärterhaus auf, zur Rechten ragten hoch über uns die Felsen des Warteck und ehe wirs uns versahen, hielt der Zug in Niklasberg. Hinter uns drängten sie vorbei mit Rucksäcken und Körben, die Männer und Frauen, die von der Arbeit drunten in der Ebene heimkehrten und nun, müde vom emsigen Schaffen, langsamen Schrittes zu ihren Häuschen hinabstiegen, aus deren Essen der Rauch als freundlicher Willkomm für die Heimkehrenden emporkräuselte. Unmittelbar hinter dem Bahnhof Niklasberg gähnte schwarz und schauerlich der Eingang zum Hirschbergtunnel, der in S-förmiger Windung auf dreihundert Meter Länge durch den Berg hindurchgebaut worden ist. Tiefe Finsternis umfing uns. Im Abteil drinnen verstummte unwillkürlich die Unterhaltung, um erst wieder aufzuleben, als heller Schein an den Tunnelwänden verkündete, daß uns die Tiefe dem Lichte wiedergegeben hatte.
Wir sahen die neue Straße in mächtigen Kehren am Hange sich emporziehen. Eben wollte ich meiner Gefährtin berichten, wie zauberisch schön es in dunklen Herbstnächten hier oben ist, wenn drunten in der Ebene die tausend und abertausend Lichtlein aufleuchten und über uns das sternenbesäte Firmament sich wölbt, da umfing uns abermals schwarze Nacht. Unser Zug brauste durch den zweihundert Meter langen Wasserscheidentunnel. Wenige Minuten später hielt er in Neustadt. Dienstfertig eilte der Schaffner herbei, unser Abteil aufzuschließen. Froh, der Enge des Wagens entronnen zu sein, wandten wir uns dem Dorfe Neustadt zu. Durch Wiesen, die der Mahd entgegenreiften, führte unser Pfad hinauf bis zum buchenbestandenen Gipfel des Stürmers, wo er uns am südlichen Hange entlang leitete, so daß wir den Blick noch einmal – so weit Baum und Strauch es gestattete – in die reich gesegneten Gaue unter uns hinabtauchen lassen konnten. Schon ballten sich merkbar die Dunstschwaden zusammen, so daß wir manchen Punkt, an dem wir uns wenige Stunden vorher erfreut, nur mühsam zu erkennen vermochten.
Um so mehr erregten unsere Aufmerksamkeit die Einflüsse der rauhen Witterung auf die Vegetation hier oben. Da – die gipfelumsäumenden, kurzstämmigen Buchen mit den breiten Kronen. Ists nicht so, als wollten sie jedem zuraunen, wie schwere Lasten an Schnee und an Eis sie Jahr um Jahr tragen müssen? Und hier die Fichten – zerzaust und fast alle des Wipfels beraubt in grausigen Winternächten, wo der Rauhreif sich dick um Zweig und Nadeln legte und der Sturm heulend und hohnlachend die steifgewordenen, schwerbeladenen Glieder brach. Ein Lied, ein ernstes Lied von hartem Kampf und schwerem Sterben war es, das uns hier entgegenklang, aber auch ein hohes Lied von zähem Ausharren und trutzigem, reckenhaftem Heldentum. Glückstrahlenden Auges wies meine Begleiterin auf die Tausende von Schattenblümchen hin, die ihre feinen weißen Ährchen verlangend uns entgegenstreckten. Vom Wiesenrande her schlug jubelnd das Trillern der Lerchen an unser Ohr, und wir jubelten mit aus voller Brust, jubelten, daß auch wir dem Leben gehörten.
Lang, sehr lang malte die tiefstehende Sonne die Schatten der Bäume auf Matte und Weg, als wir zum Dorfe Neustadt zurückpilgerten. Hier gingen wir von einem Häuschen zum anderen und bewunderten die zierlich mit Schindeln und Latten beschlagenen Giebel, von denen wohl keiner dem anderen glich. Volkskunst, Heimatkunst aus Heimatliebe entsprossen. Wir schauten zu den Fenstern hin, aus denen rote Geranien und bunte Gauklerblumen leuchteten und das fleißige Lieschen uns grüßte, als wollten sie alle, alle uns künden: »Auch bei uns wohnt das Glück«.
Wir wandten uns nordwärts – heimwärts. Hinter uns, tief unter uns, weit entfernt, verdeckt durch den Rücken des Stürmers, lag die vielgestaltige Welt des Mittelgebirges, ragten in der Ebene die tausend Schlote und Essen. Vor uns, wohin wir schauten, spannten sich weite, feingeschwungene, große, ruhige Linien. Es erschien uns diese Landschaft wie das Antlitz eines Greises, dem die Leidenschaft fremd geworden und dem nur noch die abgeklärte Ruhe des Alters geblieben ist. In Erinnerungen uns versenkend, folgten wir dem langsam fallenden Pfade durch Wald und Wiese bis zur Weilersiedelung Kalkofen und dann hinab ins liebe Vaterland. Still und feierlich zog der Mond am Himmel herauf und übergoß die Flur mit seinem magischen, bleichen Silberlichte. Drunten im langgestreckten Wiesengrunde, dicht über den Wassern, brauten die weißen Nebel, und leichtfüßige Elfen wiegten sich im nächtlichen Reihen.
Volkskundliches in den Federzeichnungen des kursächsischen Oberlandbaumeisters Dilich
Von E. Rich. Freytag, Borstendorf i. Erzgeb.
Auf der Ausstellung von Lehr- und Unterrichtsmitteln, die anläßlich einer sächsischen Lehrerversammlung in Plauen veranstaltet worden war, erregten einige auffallend große, für den Massenunterricht berechnete Zeichnungen die Aufmerksamkeit der Besucher. Die kräftigen Zeichnungen, ausgeführt in Holzschnittmanier, doch waren sie auch an manchen Stellen durch Farbe belebt, stellten Ansichten vogtländischer Städte aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges vor. Den Herstellern dieser Vergrößerungen dienten die in den Heften der »Beschreibenden Darstellung der älteren Bau- und Denkmäler des Königreichs Sachsen« wiedergegebenen Federzeichnungen kursächsischer Städte und Schlösser vom Oberlandbaumeister W. Dilich als Vorlage. Mit der Darbietung dieses zeit- und kostenfordernden Anschauungsmittels bezeugte die Schule die außerordentliche Wichtigkeit, welche den Städteansichten Dilichs als Gesichtsquelle zuerkannt werden muß. Erhöht wurde der Lehrgehalt der vorgezeigten Städtebilder durch die gleichzeitige Vorführung von Bildern, die die Ansichten der Städte aus der Gegenwart veranschaulichten. Nun konnte man einen Vergleich über das Sonst und Jetzt mühelos anstellen, und sobald eine solche Übung in der Schule erfolgt, wird man auch die Ursachen, die solche Veränderungen herbeiführten, aufzudecken versuchen und so eine rege Teilnahme am Geschichtsunterricht erwecken. Die Dilichschen Federzeichnungen geben hierzu reichlich Anlaß. Es war daher ein mit Freude zu begrüßendes Unternehmen, daß die »Sächsische Kommission für Geschichte« im Jahre 1907 eine vom Oberbibliothekar Hofrat P. E. Richter (Dresden) veranstaltete Reproduktion des ganzen Dilichschen Werkes (hundertzweiunddreißig Aufnahmen) in die Reihe ihrer Schriften aufnahm, und daß die im Laufe der Jahrhunderte so rege begehrten Zeichnungen, von denen manche schon, aber meist verkleinert, bekannt geworden waren, mit vollkommener Treue in Originalgröße wiedergegeben wurden[2].
Die Federzeichnungen des kursächsischen Oberlandbaumeisters haben insofern für uns eine Bedeutung, als sie für die meisten sächsischen Städte die ältesten Abbildungen darstellen. Sie führen uns siebenundsiebzig Ortschaften aus der Zeit von 1626–1629 treu und doch mit künstlerisch gebildetem Auge erfaßt vor. Dilich steht weit höher als seine Vorfahren auf dem Gebiete der Städtezeichnung. Er bietet keine trockene und plumpe Häufung von Detail, die noch jede Fähigkeit zur Komposition vermissen läßt. Dilich war der erste, dem das Stadtbild als Ganzes etwas bedeutete. Er erfaßte nicht nur die Einzelheiten, sondern das, was er vom gutgewählten Standpunkt aus vor sich sah, den »Prospekt«, wie man es damals ausdrückte, als etwas Einheitliches, durchaus Ganzes. Der Ort war ihm untrennbar von der Gegend, darin sie wurzelte, nur in und mit dieser will er ihr Bild erfaßt und charakterisiert wissen. Das Wohlgefallen an der Landschaft, welches Dilich innewohnte, seine Freude an der schönen Natur, beeinflussen ihn bei der Wiedergabe der Stadtbilder. Wie malerisch strecken sie sich am Flußufer hin oder sind eingebettet in den Talkessel. Wieder andere klettern am Schloßberge in die Höhe oder dehnen sich in der Ebene aus. Immer ist jedes Bild fein charakterisiert mit Hervorhebung der Stimmung der Gegend.
Bei allen seinen Städteaufnahmen, mögen manche auch etwas Skizzenhaftes an sich tragen, überzeugt uns der geschickte Zeichner, daß er in seiner Kunstfertigkeit mit geringen Mitteln viel zu sagen weiß, daß er, selbst ein Baukünstler, als solcher die Bauwerke anschaut und mit sicherer Freiheit wiedergibt.
Durchblättert man die schön ausgestatteten drei Bände der Federzeichnungen, so hat man den Eindruck, dem Dilich Ausdruck gab in der Vorrede zu seiner ebenfalls mit Stadtansichten von seiner Hand ausgestatteten hessischen Chronica: »Dem äußerlichen Ansehen nach sind sowohl die Dörfer als Städte ansehnlich wegen ihrer hohen Kirch- und anderen Türme und den beiliegenden hohen Berghäusern und Schlössern, inmaßen denn wenig Städte, bei welchen nit etwa ein solch Haus und prächtig Gebäu zu sehen oder zum wenigsten ein Antiquität und Anzeigung eines alten Gemäuers von denselben noch übrig, wie solchs aus beigesetzten Abrissen klärlich erscheinen. So sind zudeno alle Städte mit hohen Mauern und Türmen, wo nicht mit einem Wall und Graben, zum wenigsten mit einem Hagen von Dornen umgeben.« Wenn der begabte Zeichner aber weiter fortfährt über die im Hessenlande angeschauten Orte zu berichten, »daß man auf den Hügeln um die Städte zerfallene Türme und Warten sehen könnte, so vor etlichen hundert Jahren wegen des vielfältigen Streifens dero Reisigen von Städten, dem Ackermann des Feindes Ankunft darvon durch gewisse Zeichen anzudeuten und ihn zur Flucht anzumahnen, erbauet habe,« so findet dieser Hinweis keine Anwendung auf die Darstellungen kursächsischer Orte. Auf diesen sind zerstörte Burgen, Trümmer von Stadtmauern, »Rudimenta«, wie Dilich sich auszudrücken beliebt, nur einigemal zu sehen. Fast immer sind die Befestigungswerke in tadellosem Zustande, und die stattlichen Türme der vielen stilvollen Gotteshäuser verstärken den Eindruck, daß auch die Bevölkerung Kursachsens einen hohen kulturellen Aufstieg erlangt hatte. Noch ist alles unverletzt und zeugt von Wohlhabenheit und Gediegenheit. Die Stätten, wo die wehrhafte Bürgerschaft sich den Freuden der Geselligkeit hingaben, lassen ihr behäbiges Genießen und ihre hochgemute Lebensführung erkennen. Aber schon warf die Kriegsfurie ihre Schatten in das Künstlerschaffen Dilichs. Seine festgesetzte Entschädigung kann ihn bei der durch die Kriegsnot heraufbeschworenen Geldknappheit und der zerrütteten Finanzen nicht mehr rechtzeitig ausgezahlt werden. Nur wenige Jahre, nachdem er seine Stadtbilder vollendet hatte, lagen viele der Orte, deren »Prospekt« der Oberlandbaumeister aufgenommen hatte, in Schutt und Asche und der Wiederaufbau der eroberten, niedergebrannten und verwüsteten Städte, Dörfer, Schlösser und Burgen zeigte dann ein wesentlich verändertes Bild.
Die Wirkung der meisten Ortschaften, die sich damals ohne störende Einflüsse einer harmonischen Entwicklung und Ausgestaltung erfreuen durften, muß auf den Beschauer eine ausgesprochen malerische gewesen sein[3], so daß eine farbige Wiedergabe der Federzeichnungen in dem Bogen der stichbogig gewölbten Decke des Riesensaales im kurfürstlichen Schlosse vom künstlerischen Standpunkte aus vollkommen berechtigt war.
Sowohl die Anordnung in der Landschaft, zwischen Berg und Tal, die Ausschneidung der hohen und niedrigen Gebäude, ihre Einbettung zwischen den Schutz- und Obstbäumen, als auch der Farbenkontrast der grauen Schindel- oder gelben Strohdächer, der braunen Lehmwände, der roten Ziegel und der grünen Spaliere der Weingeleite und Baumwipfel, mußten ein ungemein reizvolles Bild darbieten. Manche im Vordergrunde der Zeichnungen zu erblickenden Gebäude lassen an der Außenseite Erscheinungen erkennen, die ihre besonderen tektonischen Bedeutungen haben. Schlösser, Türme und hervorragende öffentliche Gebäude mit ihren kunstvollen Giebelverkleidungen geben, obwohl die Wiedergabe der architektonischen Feinheiten nur sehr klein und zart gehalten werden mußten, zahlreiche Aufschlüsse über die Geschichte der Baukunst in Sachsen. Bohlenstühle oder Umgebinde der Häuser mit ihrem mannigfaltigen Verspannungs- und Aussteifungssystem, die in Bogen-, Wellen- oder Zackenlinien ausgeschnittenen äußeren Ränder der Giebelverschalungen, Laubengänge und anderes, lassen sich unschwer erkennen.
Abb. 1. Königstein
Abb. 2. Hohnstein (Sächs. Schweiz)
Abb. 3. Mildenstein
Abb. 4. Wappen der Bergstädte
Die Ummauerung ist, wenn auch nicht überall, so doch bei den meisten Städten zu bemerken. (S. [Abb. 1], [2] und [22].) Sie besteht aus Wall und Graben oder (was selten zu sehen ist) einem Zaun von hölzernen Planken und Pfählen, vielfach aber auch aus einer festen, die eigentliche Stadt scharf von den Vorstädten scheidenden Mauer. Die Bauweise derselben ist überall die nämliche: eine starke, unmittelbar die Stadt umschließende Innenmauer, mit Türmen, Wiechhäusern, Erkern, Wehrgängen, Scharten, Bollwerken (Basteien) und Toren versehen, ist der Hauptteil, an sie schließt sich eine meist später errichtete und durch den sogenannten Zwinger von jener getrennten niedrigere Außenmauer an. Gewissenhaft verzeichnet Dilich unter seinen Zeichnungen neben den Namen der Kirchen und öffentlichen Gebäude auch die der Tore. In der bei vielen Städten verfolgbaren Vierzahl lassen sie den uraltertümlichen Einfluß der vier Himmelsgegenden erkennen. Neben den Stadttoren, als dem wichtigsten Teile der Stadtmauer, erscheinen auch Nebentore, Mauerpforten, die ebenfalls bedeutungsvolle Namen führen. Die sich vorfindende Bezeichnung der Tore nach Innungen, Zünften und Gilden läßt wohl vermuten, daß dieser Teil der Stadtumwallung von einer gewissen Klasse der Bürgerschaft zu verteidigen oder zu unterhalten und zu erneuern war. Der Name dieser Tore oder Türme läßt vielfach auch einen Schluß auf die Bauart und Beschaffenheit derselben zu.
Abb. 5. Schießhaus zu Borna
Abb. 6.
a Kurf. Haus. b Kurf. Bad. c Gemeine Bäder. d Wohnung f. Badegäste. e Wohnung d. Kochs u. Stall. f Weg n. Annaberg. g Weg n. Wolkenstein
Abb. 7. Gericht bei Bischofswerda
Abb. 8a. Galgen (Camberg)
Abb. 8b. Galgen (Liebenwerda)
Die Siegel der Städte (siehe [Abb. 4]), welche ebenfalls Dilich seinen »Stadtprospekten« und zwar in meisterhaft gelungenen Bildchen beifügte, lassen ebenfalls erkennen, wie die Stadtmauer mit ihren Toren als durchaus zum Begriff der Stadt gehörig angesehen wurde, denn die meisten der zierlichen Stadtsiegel zeigen ein Tor und ein Stück der Stadtmauer.
Vom Inneren der Städte erlangt man, wie dies bei einer außerhalb des Ortes gemachten Aufnahme nicht anders sein kann, keine oder nur eine sehr geringe Einsicht. Der Verkehr ist in keiner Weise zur Darstellung gekommen. Es lag dies auch nicht in der Aufgabe des Künstlers. Die hübschen Personengruppen auf einem der die Ansicht von Leipzig wiedergebenden Prospekte zeigen mehr das Streben, über den bloßen Abriß hinaus zu einem wirklichen Bild zu gelangen. Einen besonderen Reiz erlangen die Dilichschen Städtezeichnungen durch die Darstellung der Baulichkeiten, in denen sich die Vereinstätigkeit der organisierten Schützenbrüderschaft ihr Übungsfeld auserkoren hat. Die Schützengilde besitzt draußen vor der Stadtmauer einen großen umfriedeten Platz, der eine hohe, auf einer wohlbefestigten Balkenbasis stehende Stange zeigt. Etwa sechshundert Fuß davon entfernt befindet sich die Zielstatt, das Gesellschaftshaus der Bürgerschützen (s. [Abb. 5]), ein Holzbau mit Türen und Stockwerken. Die hohe Stange deutet darauf, daß nach einem hölzernen Vogel, einem uralten Ziele[4], geschossen wird, doch lassen auch andere Abbildungen der Schießübungsstätten eine Schießmauer oder eine schwebende Scheibe erkennen. (Adorf.) Besonders gravitätisch stellt sich die Vogelschießstange vom Bade Wiesenbad (Hiobsbad) bei Annaberg dar. Sie diente den Schießübungen der Wettiner, wenn diese in dem fürstlichen Bade weilten, was häufig geschah. In Ausübung dieses ritterlichen Sportes waren die Nachkommen des kriegerischen Moritz von jeher eifrig und geschickt. ([Abb. 6.])
In entgegengesetzter Richtung dieser Stätten, die den in den Städten erwachten Volksgeist und die Freude an gemeinsamer Festlust bekunden, zeigt Dilich auch auf seinen Bildern den Ort, den Unheimlichkeit und Schimpf umgaben, den Galgen. (S. [Abb. 7], [8a], [8b].) Auf allen Städtebildern darf ja diese bekannte Silhouette: der Galgen, nicht fehlen, und Dilich findet sogar den Mut, auf einer Zeichnung einen Gehängten mit seinem ganzen Graus und Schrecken hineinzuschmuggeln. Die Galgen haben verschiedenes Aussehen. Bald sind es die ganz einfachen Formen des Knie- oder Winkelgalgens, mit böser Ironie schlankweg »einschläfriger« geheißen, oder es sind reichgegliederte, auf Säulen oder Mauerwerk ruhende Balkenverschlingungen, an denen die armen Opfer »in der Luft reiten« oder »über sich die Luft zusammenschlagen lassen«, wie der grimme Spott im Mittelalter zu sagen pflegte. Die hohen und festen Mauern um den Galgen haben wohl das Entwenden der Leichname seitens der Verwandten zwecks Beerdigung unmöglich machen wollen, denn indem die alte Justiz den Gehängten über der Erde verwesen ließ – den Vorüberziehenden zum Schrecken und zur Freude der Aasgeier – hat sie den Schmerz der Angehörigen vermehrt, die Strafe und deren Schimpf verschärft.
Abb. 9 Elbbrücke in Dresden, daneben ein Stück Festung
Abb. 10. Muldenbrücke bei Rochlitz
Abb. 11. Frankenberg
Abb. 12. Muldenbrücke
Die grausame Strafe des Räderns scheint im Jahre der Anfertigung der Städteansichten in Sachsen nicht mehr üblich gewesen zu sein, da das aufgespießte Rad nirgendwo von Dilich neben dem Gerüste des Hochgerichtes gezeichnet worden ist.
Die Federzeichnungen gewähren vielfach den Anblick von Brücken. (S. [Abb. 9]–[17], [20].) Diese sind sehr verschiedenartig gebaut. Steinerne Brücken mit kühnen Bogen erscheinen ganz selten. Die Brücke über die Elbe in Dresden zeichnete sich von jeher aus und galt im Zeitalter der Entstehung der Städtebilder Dilichs schon als große Sehenswürdigkeit und als Wahrzeichen der Residenzstadt. Außer dieser Steinbrücke hat die Bildersammlung kein nennenswertes Monument der Brückenbaukunst aufzuweisen[5]. Wir sehen meist Pfeilerbrücken, die auf steinernen Pfeilern ruhen und wo die Zwischenräume mit Balken überdeckt sind. Nicht selten sind Pfahl- oder Jochbrücken. Angenehm wirken die überdachten Brücken. Die Wände, die das Dach der Brücke tragen, sind mit Ausblicken, Lucken und Luftlöchern versehen. Schützende Geländer fehlen meist. Bei niedrigen Ufern, wo man das Austreten des Wassers über dieselben zu fürchten hatte, ist vielfach die Brücke noch weiter in das anliegende Acker- oder Wiesenland fortgeführt.
Den Vordergrund beleben, allerdings nur auf wenigen Bildern, Personen. Auch diese sind lebendig und treu charakterisiert. Auf dem schönen Bilde Marienberg ist es ein zur Arbeit schreitender Bergmann[6], der die Staffage belebt. Am Strande der Elbe bei Pirna deuten barfüßige und mit großer langer Badehose bekleidete Schiffer oder Fischer ihre Tätigkeit am und im Wasser an. Einige schlichte Männer sind in der Stellung mit ausgestrecktem Arme und Zeigefinger festgehalten, das sind die vom Rate der Stadt dem Städtezeichner zur Verfügung gestellten Einheimischen, die dem kurfürstlichen Oberlandbaumeister die Namen der hervorragenden Gebäulichkeiten nennen und deuten. ([Abb. 18a], [b], [e] und [f].) Gewissenhaft versieht der Zeichner an passender und die Zeichnung nicht störender Stelle die besonders sich kenntlich machenden Bauten mit einem Buchstaben und verzeichnet getreu dann am Rande des Bildes seine Bedeutung. Aber was bedeutet das im Vordergrunde des Stadtbildes Zwönitz in der spanischen Tracht eines Edelmannes einherschreitende ritterlich zierliche Männlein, dessen Gesicht von langen Vogelfedern unkenntlich gemacht ist? Verputzt wie ein Weinbergwärter oder Flurschütze in Tirol? ([Abb. 19.])
Eine des öfteren wiederkehrende Gestalt eines rüstig ausschreitenden Mannes mit umgehängter Tasche und einem Bergstocke (oder Spieß?) in der Hand deuten wir als einen Brief- oder Postboten, der eben, als Dilich tätig war, vorüberschritt und nun sofort mit dem Stifte festgehalten wurde. Vielleicht war damals auch der Postbote eine ebenso charakteristische Erscheinung in der Landschaft wie der Fleischer- (Kälber)wagen in Friedenszeiten auf den Landstraßen des Vogtlandes? ([Abb. 18 d] und [g].)
Wie fein aber ist der Vordergrund und die Staffage dem Bilde des Bades Wiesa bei Annaberg (siehe [Abb. 6]) angepaßt?
Auf einer der fünf sauberen Federzeichnungen von Dilichs Hand, welche Abbildungen von Leipzig[7] aus dem Jahre 1594 bringen, ist der Zeichner freigebiger mit der Darstellung von Personen gewesen, da sehen wir im Schatten eines Baumes ein paar Studenten in bemerkenswerter Tracht, von denen der eine am Boden sitzend, lebhaft aus einem Buche vorliest, der andere dem Vorlesenden zuhört, rechts ebenfalls ein paar männliche Figuren am Boden gelagert, von denen der eine mit der Bütte als Bauer, der andere mit dem abgelegten Schwert als Soldat gekennzeichnet ist.
Nachdem wir auf die Bedeutung der Städtezeichnungen Dilichs für die Kenntnis des Zustandes und der äußeren Verfassung kursächsischer Orte und Schlösser vor dreihundert Jahren hingewiesen haben, fügen wir noch einige Mitteilungen über die Geschichte der Entstehung dieser bemerkenswerten Zeichnungen bei.
Abb. 13. Muldenbrücke bei Grimma
Abb. 14. Muldenbrücke bei Grimma
Abb. 15. Elbbrücke bei Mühlberg
Abb. 16. Muldenbrücke bei Düben
Abb. 17. Elbbrücke bei Meißen
Abb. 18a.
Abb. 18b.
Abb. 18c. Bergmann (Marienberg)
Abb. 18d. Postbote
Abb. 18e.
Abb. 18f.
Abb. 18g. Bauer
Abb. 18h. Postbote
Abb. 19. Staffage (Zwönitz)
Abb. 20. Brücke über die Elster in Plauen
Abb. 21. Dilich der Städtezeichner auf der Reise
Abb. 22. Dorf Plauen bei Dresden. Befest. Ort
Abb. 23. Bergwerke bei Freiberg
Abb. 24. Schmelzhütten an der Zschopau bei Wolkenstein
Der im Jahre 1571 in einem hessischen Städtchen geborene Zeichner wurde kurze Zeit nach seiner Anstellung in Sachsen mit der Herstellung der Pläne und Anschläge für den Neubau des Riesensaales im Schlosse zu Dresden beauftragt. Er schlug vor: »zuförders oben in dem Bogen der stichbogig gewölbten Decke die kur- und fürstlichen auch gräflichen Wappen, unten aber in dem Fries die der kursächsischen und meißnischen Ritterschaft anzubringen, zunächst über dem Hauptgesims aber die Contrafukturen der vornehmsten Städte des Landes Meißen und des Kurkreises (eine jede nach ihrer Qualität) mit einem gebührlichen Emblemata condecoriret usw.« Die Vorschläge Dilichs fanden die Genehmigung und den Beifall des Fürsten, der auch alle die Wünsche und Forderungen bewilligte, welche seitens des Oberlandbaumeisters – diese Würde hatte ihm der einsichtsvolle Landesherr in Berücksichtigung seiner Verdienste als Zeichner, Architekt und Ingenieur verliehen – zwecks der Aufnahmen geäußert worden waren. Obwohl bereits fünfundfünfzig Jahre alt, erklärte sich Dilich, in dem der Trieb zum Wandern, Schauen und Zeichnen lebendig war, wie in seinen jungen Jahren, bereit, die Städtebilder selbst aufzunehmen. Im Frühjahr 1626 begann Dilich die Aufnahmen im Kurkreise. Im Jahre 1628 ist er im Meißner Kreis und im darauffolgenden Jahre »im Gebürg« (erzgebirgischen Kreise) und im Vogtland. Der kunstgeschickte Städtezeichner hat sich bei einigen Städten nicht mit der Herstellung eines »Abrisses« begnügt, er machte von Leipzig, Dresden, Torgau, Wittenberg zwei, drei und auch vier Aufnahmen. Noch erwähnen wir, daß der bekannte Verfasser und Herausgeber der »Obersächsischen Topographie«, Merian aus Frankfurt, zwanzig sächsische Städtebilder von Dilich nachweislich als Vorlage benutzt hat.
Abb. 25. Schinderei (Waldheim)
Abb. 26. Windmühlen
Zu unseren Mitteilungen über die Geschichte der Entstehung der Städtezeichnungen von Dilich, die wir auf Grund des von Dr. Krollmann verfaßten Lebensabrisses gaben, fügen wir noch den Hinweis, daß auf der im »Bilder-Atlas zur Sächsischen Geschichte« von Schmidt und Sponsel Seite 50 stehenden Abbildung des Riesensaales im Schlosse zu Dresden die Verwendung der Städtezeichnung bei Benützung eines Vergrößerungsglases sehr gut erkannt werden kann.
Es war eine einzigartige Betätigung des Heimatgedankens, über hundertdreißig kursächsische Städte, Burgen, Schlösser, Dörfer und Badeorte in künstlerisch ausgeführten Bildern wahrheitsgetreu an einer ausgesucht passenden und viel besuchten Stätte vorzuführen. Zwar fiel der Riesensaal im Jahre 1704 einer Feuersbrunst zum Opfer, aber während eines Zeitraumes von siebzig Jahren bot er doch ungezählten Besuchern die Anschauung hervorragender Sehenswürdigkeiten des durch landschaftliche Reize reich ausgestatteten Sachsenlandes. Welche vielseitigen Anregungen und welche wirksamen Belehrungen werden von diesem Bilderwerk, von dieser vorbildlichen Heimatkunde, ausgegangen sein! Unsere Gegenwart hat nichts aufzuweisen, das sich diesen farbigen Vorführungen Kursachsens Örtlichkeiten ebenbürtig an die Seite stellen könnte. In dem Wändeschmuck der Wartesäle des Dresdner Hauptbahnhofs, wo auf Porzellantafeln einige der wirksamsten Städtebilder des Königreichs Sachsen und die besuchenswerten schönsten Punkte des Landes eine künstlerische Darstellung gefunden haben, hat der Gedanke Dilichs, den er in der Bilderreihe des Riesensaales verwirklichte, eine Neubelebung erfahren.
Fußnoten:
[2] Dr. Krollmann, der sich bereits um die Veröffentlichung der Zeichnungen Dilichs, soweit sie das Rhein- und Hessenland betrafen, große Verdienste erworben hatte, verfaßte hierzu einen trefflich orientierenden Text.
[3] Siehe besonders die Abbildungen: Burgen, Schlösser pp. ([Abb. 2] u. [3]).
[4] Der Doppeladler stellte wohl das alte deutsche Wappen vor.
[5] Bemerkenswert ist noch die steinerne Brücke über die Elster in Plauen i. V., an deren Ende ein Hospital steht. ([Abb. 20.]) Auch Leisnig besitzt eine steinerne Brücke mit zwei Bogen nebst Vorrichtungen gegen Überschwemmungsgefahren.
[6] Man beachte an der Krempe seines Hutes die feingeschwungene Linie. ([Abb. 18c.])
[7] Das schöne Stadtbild von Leipzig aus dem Jahre 1594 – es ist also dreißig und noch mehr Jahre älter als die im vorliegenden Aufsatze besprochenen Aufnahmen – ist in der Zeitschrift für »Bildende Kunst« – 23. Jahrgang, Heft 4, vom Jahre 1888, Leipzig, Seemann – zum Abdruck gekommen. Professor Dr. G. Wustmann, der ehemalige Ratsbibliothekar, hatte die Stadtabbildungen entdeckt und versäumte nicht, auf die hohe Bedeutung der Arbeiten des sächsischen Oberlandbaumeisters Dilich nachdrücklich und überzeugend hinzuweisen. S. 116 a. a. O.
Was alte Grabsteine erzählen
Von Siegfried Störzner, Dresden
Die Glocken des Dorfkirchleins läuten den Gottesdienst aus. Durch die weitgeöffneten Türen strömt die Menge der Andächtigen. Nicht alle aber lenken ihre Schritte heimwärts. Meist sind es nur die Jungen. Den Alten hingegen ist es schon lange zur lieben Gewohnheit geworden, nach der Andachtsstunde mit Gevatters- und Nachbarsleuten noch ein wenig auf den Friedhofswegen und zwischen den Grabreihen dahinzuwandeln, sinnenden Auges die Ruhestätten zu betrachten und in Treue und Wehmut der Schläfer da drunten zu gedenken, von denen die Aufschriften der Leichensteine Kunde geben. Und da sind es besonders die alten Grabmale, die gar mancherlei zu erzählen wissen, die in epischer Breite und oft auch in dichterischer Schönheit den ganzen Lebenslauf des Verstorbenen berichten. Ja, die gute, alte Zeit! Man spürt noch einen Hauch von der Liebe und Teilnahme, mit der ein Freund der Heimgegangenen, wohl zumeist der Pfarrer oder der Schulmeister, die Inschrift aufgesetzt hat, man sieht an dem kunstvollen Grabstein, daß Meister Steinmetz sich Zeit und Beschaulichkeit zu seinem Werke gelassen, man freut sich, daß die Kirchenvorstände verständnisvoll den alten Denkmälern ein Plätzlein gegönnt haben, wo sie künftigen Geschlechtern ein Bild von der Kultur vergangener Jahrhunderte geben sollen, auch dann noch, wenn die Dutzendware der Zement- oder Kunststeine mit ihren Schabloneninschriften längst einem besseren Geschmack weichen mußte.
Und nun möchte ich heute den Freunden des Heimatschutzes von einigen Grabmalen erzählen, die durch ihre eigenartige, denkwürdige Aufschrift oder durch hohen Kunstwert ein Recht haben, der Nachwelt erhalten zu bleiben.
Wer einmal das Gotteshaus von Neukirch am Hohwald besucht, findet an der Außenwand und an der Kirchhofsmauer pietätvoll aufgestellte sehens- und lesenswerte Grabsteine ehemaliger Gerichtsschöppen und Pfarrer. Wohl die originellste Inschrift zeigt das Grab des 1671 verstorbenen Pfarrers Klunge, der neununddreißig Jahre in der Gemeinde amtierte. Wir lesen da:
Herr Klunge lieget hier in dieser Gruft begraben,
ein Mann von Altertum und schönen Geistesgaben.
Aufrichtig war sein Herz, wahrhaftig war der Mund,
und seine Gottesfurcht ist factum worden kund.
»Der Seligverstorbene redet«:
Ich habe neununddreißig Jahre
dich, Neukirch, priesterlich bewacht
und meine silberweißen Haare
mit Ehren in das Grab gebracht.
Es ließ mich dreimal ehlich werden
der Schöpfer Himmels und der Erden.
Er gab mir einundzwanzig Kinder
und einen stillen Ehestand.
Der Herr, des Todes Überwinder,
hat meinen Geist in seiner Hand.
Gott, aller frommen Herzen Vater,
sei auch der Meinigen Berater.
Pfarrer Klunge stand gleich seinem bekannten Amtsbruder Künzelmann in Döhlen im Ruf, ein erfahrener Teufelsbanner zu sein. Dr. Pilk berichtet, man erzähle sich in Neukirch noch heute die seltsamen Ereignisse, die sich beim Begräbnisse seiner dritten Frau zugetragen haben. Die Pfarrersfrau habe sich selbst das Leben genommen, was Klunge jedoch verheimlichte, um sie ehrlich begraben zu können. Bei der Beerdigung hätten die Glocken nicht geläutet werden können, bis sie der Pfarrer durch dreimaliges Umschreiten der Kirche wieder zum Ertönen brachte. Da habe plötzlich oben aus dem Schalloch die Tote ihrem eigenen Begräbnis zugeschaut, sei jedoch durch bloßes Winken Klunges mit dem Schneuztuch sofort zum Verschwinden gebracht worden.
Eine weitere sehr bemerkenswerte Grabinschrift eines Pfarrherrn findet sich in Schirmenitz, einem nahe der Elbe zwischen Strehla und Mühlberg gelegenen Grenzdorfe, das ich auch aus einem anderen Grunde eines Besuches empfehlen kann, befand sich doch in der Schirmenitzer Pfarre in den Tagen der Schlacht bei Mühlberg das Hauptquartier Kaiser Karls V., und noch heute wird das Stüblein gezeigt, das der Herrscher bewohnte. Der nahe Spans-, d. h. Spanierberg, bildete den Mittelpunkt der Aufstellung des kaiserlichen Heeres. Im Nachbardorfe Aussig verbrachte Johann Friedrich der Großmütige die ersten Tage der Gefangenschaft. Den »Kursächsischen Streifzügen« Otto Eduard Schmidts ist es zu danken, daß Heimatfreunde auch diese abgelegene Gegend durchwandern.
Adam, wo bist du? So lautet die Überschrift des Lebenslaufes, in dem die Geschichte der Schöpfung und des Sündenfalles sich deutlich widerspiegelt, ja, fast wörtlich ist der biblische Ausdruck beibehalten worden und in Anwendung gesetzt zum Leben des Hirten, der hier ruht.
Wir lesen:
Adam, wo bist du?
In dieser Gruft, mein Leser, da findest du die Asche
des wohlerw. M. Johann Adam BÖHLENS,
treufleißigen Pastoris zu Schirmenitz und Paußnitz.
Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde
den 4. März 1685 in Strehla
und setzte ihn 1718 in seinen Kirchengarten Eden,
daß er ihn bauete.
Weil es aber nicht gut, daß der Mensch alleine,
machte ihm Gott
1.) die Jungfrau Martha Judith,
weyl. G. M. Jacob Rösters in Strehla ehel. Tochter
den 23. April 1719,
dann
2.) Jungfrau Christiane Theodora,
weyl. Herrn Joh. Brausitzen, Jur Proc. in Mühlberg
ehel. Tochter, den 7. Mai 1725,
nun betrübten Witwe,
eine Gehilfin,
die um ihn sei.
Und Gott segnete sie, daß sie fruchtbar
und sich mehreten in 1. Ehe
mit 2 Söhnen und 1 Tochter,
davon jene leben,
in 2. Ehe mit 3 Töchtern und 2 Söhnen,
davon diese aber entschlafen.
Gesetz und Evangelium,
wonach er lehrte, glaubte und lebte,
war ein Baum der Erkenntnis und Baum des Lebens.
Jetzt mußte er wieder zur Erde werden,
davon er genommen,
denn 1737, den 20. Nov., ließ Gott der Herr
einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen,
und er entschlief,
daß sein Alter ward 52 Jahr 8 Mon. 16 Tag.
Da ließ ihn Gott aus Eden
durch den Cherub ins Paradies ein.
Siehe, mein Leser,
so ist Adam geworden als unser einer.
Eine Träne des Mitleids kommt wohl jedem Besucher des Kirchhofs zu Pesterwitz bei Dresden, wenn er auf dem auch künstlerisch sehr wertvollen Grabdenkmal der Familie des Pfarrers Opitz die Trauerkunde vom »sechsfachen Tränenopfer« liest, wie im zartesten Alter ein Kind nach dem andern von Pestilenz und sonstigen Seuchen dahingerafft worden ist. Und trotz dieser Schicksalsschläge das glaubensfrohe: Sit nomen Domini benedictum in secula! ([Abb. 1.])
Abb. 1. Das »sechsfache Tränenopfer« auf dem Pesterwitzer Kirchhof
Das Denkmal wird oben von sechs Kinderköpfen geschmückt, die aus einem Baldachin hervorschauen. Darunter sind sechs wappenartige Tafeln mit Namen und Lebensgang der Kleinen zu finden. Links, auf urnengeschmücktem Grabmal, eine größere Tafel, deren Inschrift sich auf Pfarrer Opitz bezieht, rechts eine gleiche, die von seiner Lebensgefährtin erzählt. Zwei Knabengestalten halten die Epitaphe, während am Fuße des Denkmals ein trauernder Engel kniet.
Die Aufschrift lautet:
Des hiesigen Pastoris
Mag. Johann Gottlob OPITZENS
und seiner Ehegenossin
Frauen Charlotten Marien geborenen Rentzschen
aus Frankfurt an der Oder
sechsfaches Tränenopfer
bei dem frühzeitigen Absterben ihrer Kinder.
I. ANONYMUS, kam tot zur Welt den 3. März 1759.