[Anmerkungen zur Transkription] finden sich am Ende des Buches.
Valerius Brjussoff
Die Republik des
Südkreuzes
Novellen
München 1908
Verlegt bei Hans von Weber
Die autorisierte Übertragung dieses Buches aus dem Russischen ist von Hans von Guenther besorgt. Den künstlerischen Schmuck zeichnete Otto zu Gutenegg. Gedruckt wurde es bei Oscar Brandstetter zu Leipzig. 50 Exemplare wurden auf Van Geldern abgezogen, in goldgepreßtes Leder gebunden und handschriftlich numeriert.
[Jetzt aber, wo ich erwacht bin . . .]
Die Republik des Südkreuzes
Artikel der Spezialnummer des „Nordeuropäischen Abendblattes“
In letzter Zeit erschien eine ganze Reihe von Beschreibungen jener entsetzlichen Katastrophe, welche die Republik des Südkreuzes heimsuchte. Sie sind einander überraschend unähnlich und geben nicht wenig offenbar phantastische und unwahrscheinliche Begebenheiten wieder. Die Zusammensteller dieser Beschreibungen verhielten sich augenscheinlich zu leichtgläubig gegenüber den Berichten jener Bewohner der Sternenstadt, die sich gerettet hatten, und die, was ja bekannt ist, alle von einer psychischen Störung betroffen wurden. Darum also halten wir es für nützlich und zeitgemäß, die Summe aller glaubwürdigen Nachrichten, die uns bislang von der Tragödie auf dem Südpole bekannt wurden, zu ziehen.
Die Republik des Südkreuzes entwickelte sich vor etwa vierzig Jahren aus 300 in den südpolaren Gebieten gelegenen Stahlfabriken. In einem Zirkular, das allen Regierungen des Erdballes zugesandt wurde, erhob der neue Staat Ansprüche auf alle Länder, ob sie nun kontinentalen oder insularen Charakters waren, die in dem Bezirke des südpolaren Kreises lagen, wie auch auf jene Teile dieser Länder, die über dieses Gebiet hinausragten. Er erklärte sich bereit, diese Länder von den Regierungen käuflich zu erwerben, unter deren Protektorate sie standen. Die Prätensionen der neuen Republik begegneten keinem Widerstand von seiten der fünfzehn Großmächte der Erde. Einige strittige Punkte betreffs weniger Inseln, die außerhalb des Polarkreises lagen, dennoch aber eng an das südpolare Gebiet grenzten, erforderten besondere Traktate. Nach Erfüllung verschiedener Formalitäten wurde die Republik des Südkreuzes in die Familie der Weltherrschaften aufgenommen und ihre Vertreter bei den in Frage kommenden Regierungen akkreditiert.
Die Hauptstadt der Republik, die den Namen der Sternenstadt erhielt, war am Pole gelegen. An jenem gedachten Punkte, den die Erdachse berührt und wo alle Meridiane zusammentreffen, stand das städtische Rathaus, und die Spitze seines Fahnenmastes war zum Zenith des Himmels
emporgerichtet. Die Straßen der Stadt entfernten sich vom Rathaus in der Richtung der Meridiane, und die Meridionalen wurden von anderen durchschnitten, die in der Richtung der Parallelkreise strebten. Die Höhe und das Äußere aller Baulichkeiten waren gleichartig. Die Wände hatten keine Fenster, denn das Innere der Gebäude war durch Elektrizität beleuchtet. Elektrizität beleuchtete auch die Straßen. In Anbetracht des rauhen Klimas war über der Stadt ein das Licht abschließendes Dach errichtet worden, in das mächtige Ventilatoren eingelassen waren, zum beständigen Erneuern der Luft. Jene Länder des Erdballes kennen im Laufe des Jahres nur einen Tag von sechs Monaten und eine lange Nacht von gleichfalls sechs Monaten, doch die Straßen der Sternenstadt wurden beständig vom gleichen und klaren Lichte beschienen. Ganz ebenso, wie zu allen Jahreszeiten die Temperatur auf den Straßen künstlich auf der gleichen Höhe gehalten wurde.
Nach der letzten Zählung erreichte die Zahl der Sternenstadtbewohner die Höhe von 2500000 Menschen. Die ganze übrige Bevölkerung der Republik, die auf 50000000 geschätzt wurde, verteilte sich auf die Hafenstädte und Fabriken. Diese Punkte bildeten gleichfalls Ansammlungen von Millionen Leuten und erinnerten in ihrem Äußeren an die Sternenstadt. Dank einer geistvollen Anwendung elektrischer Kraft, waren die Einfahrten aller offenen Häfen das ganze Jahr über eisfrei. Elektrisch betriebene Hängebahnen verbanden die bewohnten Orte der Republik miteinander und auf ihnen wurden täglich Zehntausende von Menschen und Millionen Kilogramm Waren aus einer Stadt in die andere befördert. Was das Innere des Landes anbetrifft, so blieb es unangesiedelt. Vor den Blicken der Reisenden, die durchs Waggonfenster schauten, zogen nur einförmige Wüsten vorbei, die im Winter völlig weiß und nur in den drei Sommermonaten von spärlichem Grase bewachsen waren. Wilde Tiere waren schon längst ausgerottet, und für das Leben fehlte dort jegliche Existenzmöglichkeit. Doch um so erstaunlicher war das angeregte Leben in den Hafenstädten
und Fabrikzentren. Um einen Begriff von diesem Leben zu geben, sei nur erwähnt, daß in den letzten Jahren etwa sieben Zehntel allen Metalles, das auf der Erde zutage gefördert wurde, in den staatlichen Fabriken der Republik zur Umarbeitung gelangten.
Die Konstitution der Republik schien äußerlich die völlige Verkörperung von Volksherrschaft darzustellen. Als die einzig voll berechtigten Bürger galten die Arbeiter der metallurgischen Fabriken, die etwa 60 Prozent der Bevölkerung bildeten. Diese Fabriken waren Staatseigentum. Das Leben der Arbeiter auf den Fabriken war nicht nur mit allen möglichen Bequemlichkeiten ausgestattet, sondern sogar luxuriös. Zu ihrer Verfügung standen außer den wundervollen Räumlichkeiten und einem erlesenen Tische noch die verschiedensten Bildungsmittel und Zerstreuungen: Bibliotheken, Museen, Theater, Konzerte, Säle für alle Arten Sport usw. Die tägliche Zahl der Arbeitsstunden war eine äußerst geringe. Um Erziehung und Bildung der Kinder, um medizinische und juristische Hilfe, um Gottesdienst aller Religionen bekümmerte sich die Regierung. Die in der Befriedigung aller ihrer Nöte, ihres Bedarfes, ja selbst ihrer Wünsche ganz sorglos gestellten Arbeiter der staatlichen Fabriken erhielten allerdings für ihre Arbeit keine Geldentschädigung; doch die Familien der Bürger, die mehr als 20 Jahre auf einer Fabrik gedient hatten, wie auch jene der im Dienste gestorbenen oder arbeitsunfähig gewordenen, erhielten eine reiche lebenslängliche Pension unter der Bedingung, die Republik nicht zu verlassen. Aus der Zahl der Arbeiter wurden auf dem Wege allgemeiner Stimmabgabe Vertreter gewählt für die gesetzgebende Kammer der Republik, die alle Fragen des politischen Lebens im Lande entschied, ohne allerdings das Recht zu haben, es in seinen Grundgesetzen zu verändern.
Dies demokratische Äußere verhüllte eine rein selbstherrliche Tyrannei der Mitglieder und Begründer des früheren Trustes. Den anderen die Plätze der Deputierten in der Kammer überlassend, wählten sie immer nur ihre Kandidaten zu Direktoren der Fabriken. In den Händen des Rates
dieser Direktoren konzentrierte sich das ganze ökonomische Leben des Landes. Sie empfingen alle Bestellungen und verteilten sie an die Fabriken; sie kauften Material und Maschinen für die Arbeit; sie führten die ganze Haushaltung in den Fabriken. Durch ihre Hände flossen ungeheure Summen Geldes, die nach Milliarden zählten. Die gesetzgebende Kammer hatte immer nur die ihr vorgelegten Quittungen der Ausgaben und Einnahmen in der Fabrikverwaltung zu bestätigen, obgleich oftmals die Balance dieser Quittungen das ganze Budget der Republik weit überwog. Der Einfluß des Direktorenrates auf die internationalen Verhältnisse war ungeheuer. Seine Entschlüsse konnten ganze Länder arm machen. Die Preise, die er aufstellte, bestimmten den Verdienst von Millionen arbeitender Menschen auf der ganzen Erde. Gleichzeitig war, wenn auch nicht so direkt, der Einfluß des Rates auf die inneren Geschicke der Republik immer entscheidend. Die gesetzgebende Kammer vollstreckte im Grunde nur gehorsam den Willen des Rates.
Diese Gewalt konnte der Rat nur durch ein unerbittliches Reglement des ganzen Lebens im Lande in seinen Händen erhalten. Bei anscheinender Freiheit war das bürgerliche Leben bis herab zu den kleinsten Kleinigkeiten normiert. Die Gebäude aller Städte in der Republik wurden nach ein und demselben vom Gesetz bestimmten Muster gebaut. Die Ausstattung aller Räumlichkeiten, die den Arbeitern zur Verfügung standen, war bei all ihrer Pracht doch aufs strengste einförmig. Alle erhielten die gleiche Speise zur gleichen Stunde. Die Kleidung, welche die Staatsspeicher hergaben, war unveränderlich und immer zehn Jahre von gleicher Art. Nach einer bestimmten Stunde, die ein Signal vom Rathaus her ankündigte, war es nicht gestattet, aus dem Hause zu gehen. Die ganze Presse war einer strengen Zensur untergeordnet. Kein Aufsatz, der gegen die Diktatur des Rates gerichtet war, wurde durchgelassen. Übrigens war das ganze Land so sehr von der Wohltätigkeit eben dieser Diktatur überzeugt, daß die Setzer sich weigerten, Zeilen zu setzen, welche den Rat kritisierten.
Alle Fabriken waren voll Agenten des Rates. Bei der geringsten Unzufriedenheit mit dem Rat beeilten sich diese Agenten auf eilig versammelten Meetings, in leidenschaftlichen Reden alle Zweifelnden zu überzeugen. Der wirkungsvollste Beweis war natürlich jener, daß das Leben der Arbeiter in der Republik für die ganze Welt ein Gegenstand des Neides sei. Man sagt auch, daß der Rat, im Falle unentwegter Agitation einzelner Personen, einen politischen Mord nicht verschmähte. Jedenfalls aber wurde, so lange die Republik besteht, bei der allgemeinen Stimmabgabe noch kein Direktor von den Bürgern in den Rat gewählt, der den Gründern feindlich gewesen wäre.
Die Einwohner der Sternenstadt bestanden hauptsächlich aus Arbeitern, die ihre Zeit abgedient hatten. Das waren, sozusagen, Rentiers des Staates. Die Regierung gab ihnen Mittel und Möglichkeit, komfortabel zu leben. Darum ist es nur natürlich, daß die Sternenstadt in den Ruf einer der fröhlichsten Städte auf der Welt kam. Für verschiedene Entrepreneure war dies ein gefundenes Fressen. Die Berühmtheiten der ganzen Welt trugen ihre Talente hierher. Hier waren die besten Opern, Konzerte, Kunstausstellungen; hier erschienen die bestunterrichteten Zeitungen. Die Magazine der Sternenstadt überraschten durch reiche Auslagen, die Restaurants durch Pracht und Erlesenheit der Gedecke; die Freudenhäuser betörten durch alle Formen des Lasters, welche die alte und neue Welt erdacht hatten. Trotzdem war das von der Regierung ausgehende Reglement des Lebens auch in der Sternenstadt zu bemerken. Es ist wahr, die Ausstattung der Wohnungen, die Moden der Gewänder waren nicht eingeschränkt, doch auch hier blieb das Verbot des Ausgehens nach einer bestimmten Stunde in Kraft, gleichwie die Strenge der Preßzensur, und der Rat hielt sich auch hier eine ganze Armee von Spionen. Die Ordnung wurde offiziell von der Volkswacht aufrecht erhalten, doch Seite an Seite mit ihr existierte die geheime Polizei des allwissenden Rates.
In den allgemeinen Zügen war dies das Leben in der Republik des Südkreuzes und ihrer Hauptstadt. Aufgabe
eines künftigen Historikers dürfte es sein, zu bestimmen, in wieweit dieses Leben auf die Entstehung und Verbreitung jener unheilvollen Epidemie einwirkte, die zum Untergange der Sternenstadt führte und vielleicht auch zu dem des ganzen jungen Staates.
Die ersten Fälle einer Erkrankung am „Widerspruche“ wurden schon vor etwa 20 Jahren in der Republik bemerkt. Damals trug diese Krankheit noch einen zufälligen und sporadischen Charakter. Die dort ansässigen Psychiater und Neuropathologen interessierten sich für sie, gaben ihre genaue Beschreibung und es wurden ihr auch auf dem damals in Lhassa stattfindenden internationalen Medizinerkongreß mehrere Berichte gewidmet. Allein man vergaß sie später, obwohl es in den psychiatrischen Kliniken der Sternenstadt niemals an von dieser Krankheit Befallenen mangelte. Seinen Namen erhielt dies Leiden daher, daß die an ihm erkrankten beständig sich selbst und ihren Wünschen widersprachen, das eine wollten, aber ein ganz anderes sagten oder taten. (Der wissenschaftliche Name dieser Krankheit ist mania contradicens.) Sie setzt gewöhnlich mit schwach angedeuteten Symptomen ein, vorwiegend in einer Art eigentümlicher Aphasie. Der Erkrankte sagt anstatt „Ja“ — „Nein“; an Stellen von freundschaftlichen Worten, überschüttet er den anderen mit Schimpfreden usw. Größtenteils beginnt der Kranke gleichzeitig zu sich selbst und seinen Handlungen in Widerspruch zu treten; will er links gehen, so wendet er sich nach rechts; gedenkt er seinen Hut abzunehmen, um besser sehen zu können, so drückt er sich ihn um so tiefer in die Stirne usw. Bei einer Weiterentwicklung der Krankheit erfüllen diese Widersprüche das ganze körperliche und seelische Leben des Kranken, dabei natürlich mit großer Mannigfaltigkeit und der individuellen Eigenheit eines jeden entsprechend auftretend. Im allgemeinen sind die Reden des Kranken unverständlich, seine Handlungen töricht. Auch die
Regelmäßigkeit der physiologischen Verrichtungen des Organismus wird gestört. Das Unvernünftige seines Handelns erkennend, gerät der Kranke in äußerste Erregung, die oft an Ekstase grenzt. Sehr viele beenden ihr Leben durch Selbstmord, was zuweilen in einem Wahnsinnsanfall geschieht, zuweilen aber auch in Minuten seelischer Klarheit. Einige sterben durch einen Bluterguß ins Gehirn. Fast immer führt die Krankheit zu einem letalen Ende; Fälle der Wiederherstellung sind äußerst selten.
In der Sternenstadt nahm die mania contradicens erst in den mittleren Monaten dieses Jahres ihren epidemischen Charakter an. Bis zu dieser Zeit war die Zahl der an Widerspruch erkrankten niemals größer als 2 Prozent der überhaupt Erkrankten. Doch dieses Verhältnis stieg im Mai (dies ist ein Herbstmonat in der Republik) plötzlich auf 25 Prozent und wurde in den folgenden Monaten immer größer, während gleichzeitig auch die absolute Zahl der Erkrankungen proportional wuchs. In der Mitte des Juni waren schon 2 Prozent der ganzen Bevölkerung, d. h. etwa 50000 Menschen offiziell als am Widerspruch erkrankt erklärt. Nach dieser Zeit fehlen alle statistischen Daten. Die Krankenhäuser waren überfüllt. Das Kontingent der Ärzte war bald zu klein. Dazu kam noch, daß auch die Ärzte sowie die Krankenwärter der Krankheit erlagen und sehr bald schon war es vielen Kranken unmöglich, ärztliche Hilfe zu erlangen, und deshalb wurde eine genaue Registrierung der Krankheitsfälle illusorisch. Übrigens treffen die Berichte aller Augenzeugen darin zusammen, daß man bereits im Juli keine Familie mehr sehen konnte, in der nicht ein Erkrankter gewesen wäre. Zu diesem kam noch, daß die Zahl der Gesunden sich beständig verringerte, da eine Massenemigrierung aus der Stadt, wie aus einem verseuchten Orte, begann, und die Zahl der Kranken zunahm. Es läßt sich denken, daß jene nicht weit von der Wahrheit entfernt sind, welche behaupten, daß schon im August alle, die in der Sternenstadt zurückgeblieben waren, von einer psychischen Störung ergriffen waren.
Das erste Auftreten der Epidemie kann man in den dortigen Zeitungen verfolgen, die das alles in eine ständig anwachsende Rubrik eintrugen: Mania contradicens. Da es so schwierig ist, die Krankheit in ihren ersten Stadien zu erkennen, so ist die Chronik der Tage im Beginn der Epidemie voll von komischen Episoden. Ein erkrankter Kondukteur der Metropolitaine nahm kein Geld von den Passagieren, sondern zahlte es ihnen. Ein Straßenwächter, dessen Pflicht es war, die Bewegung auf der Straße zu regulieren, hemmte und verwirrte sie im Verlaufe eines ganzen Tages. Ein Museumsbesucher nahm in den Sälen, die er durchschritt, alle Bilder herunter und hängte sie umgekehrt wieder auf. Eine Zeitung, deren Korrektur von einem erkrankten Redakteur gelesen wurde, war voll lächerlicher Versehen. Im Konzerte störte plötzlich ein erkrankter Geiger durch fürchterliche Dissonanzen, die vom Orchester ausgeführte Pièce usw. Eine lange Reihe solcher Zufälle gab den dortigen Feuilletonisten Stoff zu witzigen Ausfällen. Doch einige Ereignisse anderer Art brachten bald die Spötter zum Schweigen. Das erste bestand darin, daß ein Arzt, der am „Widerspruch“ erkrankt war, einem Mädchen ein unbedingt tödliches Mittel verschrieb, und daß seine Patientin starb. Ganze drei Tage waren die Zeitungen mit diesem Vorfall beschäftigt. Dann waren es zwei Ammen, die im Stadtkindergarten in einem Anfall des Widerspruchs einundvierzig Kindern die Gurgel durchschnitten. Die Nachricht von diesem Fall erschütterte die ganze Stadt. Doch am selben Tage rollten zwei Erkrankte aus dem Hause, in dem die Stadtmilizen einquartiert waren, eine Mitrailleuse und überschütteten die friedlich wandelnde Menge mit Kartätschen. An 500 Menschen wurden getötet oder verwundet.
Nach diesem Vorfall begannen alle Zeitungen, sowie die ganze Gesellschaft stürmisch nach sofortigen Maßregeln gegen die Epidemie zu verlangen. In einer Extrasitzung des Stadtrates und der gesetzgebenden Kammer wurde beschlossen, Ärzte aus den anderen Städten und dem Auslande aufzufordern, sofort die alten Krankenhäuser zu vergrößern, neue zu
eröffnen, sowie Häuser zur Isolierung der am „Widerspruch“ Erkrankten zu gründen, eine Broschüre über die neue Krankheit, in der auf alle Anzeichen und Heilungsmethoden hingewiesen werden sollte, in 500000 Exemplaren drucken und verteilen zu lassen, und endlich in allen Straßen spezielle Jouren von Ärzten und ihren Gehilfen zu organisieren, sowie auch regelmäßige Besuche in den Privatquartieren zum Erweisen der ersten Hilfe usw. Es wurde auch beschlossen, täglich ausschließlich für Kranke bestimmte Züge auf allen Strecken verkehren zu lassen, da die Ärzte als bestes Mittel gegen die Krankheit eine Ortsveränderung empfahlen. Ähnliche Mittel wurden gleichzeitig auch von verschiedenen Privatassoziationen, Vereinigungen und Klubs ergriffen. Es wurde sogar eine besondere „Gesellschaft zum Kampf mit der Epidemie“ begründet, deren Mitglieder schon bald eine wirklich aufopfernde Tätigkeit entwickelten. Doch ungeachtet dessen, daß all diese und ähnliche Mittel mit unermüdlicher Energie durchgeführt wurden, wurde die Epidemie nicht schwächer, sondern mit jedem Tage stärker, betraf in gleicher Weise Kinder und Greise, Männer und Frauen, arbeitende Menschen und solche, die sich erholten, Asketen und Wüstlinge. Und bald wurde die ganze Gesellschaft von unüberwindlichem, elementarem Grauen vor diesen unerhörten Nöten ergriffen.
Die Flucht aus der Sternenstadt begann. Anfangs beeilten sich einige aus der Zahl der hervorragenden Beamten, Direktoren, Mitgliedern der gesetzgebenden Kammer und des Stadtrates, ihre Familien in die südlichen Städte Australiens oder nach Patagonien zu schicken. Nach ihnen kam dann die zufällig angereiste Bevölkerung: Ausländer, die sehr gerne „die allerlustigste Stadt der Südhemisphäre“ besuchten, Artisten aller Professionen, Abenteurer verschiedenster Art, Frauen von leichter Aufführung. Als die Epidemie trotzdem neue Fortschritte machte, flohen auch die Kaufleute. Ihre Waren verkauften sie eiligst und ihre Magazine überließen sie dem Schicksale. Gleichzeitig mit ihnen flohen die Bankiers, die Besitzer von Theatern und Restaurants, die
Herausgeber von Zeitungen und Büchern. Endlich trat die Notwendigkeit auch an die Stammbevölkerung heran. Nach dem Gesetze durften die gewesenen Arbeiter die Republik nicht ohne eine besondere Erlaubnis verlassen, unter Androhung des Verlustes der Pension. Doch um sein Leben zu retten, kümmerte sich keiner mehr um diese Drohung. Man desertierte. Es flohen die in den staatlichen Behörden dienenden, es flohen die Glieder der Volksmiliz, es flohen die Schwestern in den Krankenhäusern, die Pharmazeuten, die Ärzte. Das Bestreben zu fliehen, wurde seinerseits fast zur Manie. Es flohen alle, die fliehen konnten.
Die Stationen der elektrischen Bahnen waren beständig von riesigen Volksmengen umlagert. Die Billette zu den Zügen wurden für enormes Geld gekauft, und es wurde um sie gekämpft. In der Minute der Abfahrt des Zuges brachen neue Menschen in die Waggons und traten die eroberten Plätze nicht ab. Die Menschen hielten die nur für Kranke bestimmten Züge an, zogen sie aus den Waggons, nahmen ihre Zellen ein und zwangen den Maschinisten zu fahren. Der ganze bewegliche Bestand an Eisenbahnen in der Republik arbeitete seit Ende Mai nur auf den Linien, welche die Hauptstadt mit den Häfen verbanden. Die aus der Sternenstadt kommenden Züge waren überfüllt; die Passagiere standen in den Gängen, wagten es sogar, draußen zu stehen, obgleich bei der Schnelligkeit der heutigen elektrischen Bahnen die Gefahr des Erstickungstodes drohte. Die Dampferkompagnien Australiens, Südamerikas und Südafrikas machten verhältnismäßig gute Geschäfte bei der Überfahrt der Emigranten aus der Republik in andere Länder. Zur Sternenstadt aber fuhren die Züge fast leer. Für kein Geld konnte man Menschen bereit finden, einen Dienst in der Hauptstadt zu übernehmen; nur zuweilen besuchten exzentrische Touristen und Liebhaber starker Emotionen die verseuchte Stadt. Man hat berechnet, daß vom Beginn der Emigrierung bis zum 22. Juni, als der regelmäßige Bahnverkehr aufhörte, etwa 1500000 Menschen die Sternenstadt
auf den sechs Bahnlinien verließen, also fast zwei Drittel der gesamten Einwohnerschaft.
In dieser Zeit hat sich der Vorsitzende des Stadtrates, Horace Divile, durch seine Unternehmungslust, Willenstärke und Männlichkeit ewigen Ruhm erworben. In der Extrasitzung vom 5. Juni übertrug der Stadtrat im Einvernehmen mit der Kammer und dem Rate der Direktoren dem Divile die diktatorische Gewalt über die Stadt mit dem Titel des Befehlhabers, übergab ihm die Stadtkasse zur Verfügung, die Volksmiliz und die städtischen Unternehmungen. Hierauf wurden die Regierungsinstitutionen und das Archiv aus der Sternenstadt in den Nordischen Port übergeführt. Der Name Horace Divile müßte mit goldenen Buchstaben zu den alleredelsten Namen der Menschheit geschrieben werden. Im Verlauf von 1 ½ Monaten kämpfte er unablässig mit der fortschreitenden Anarchie in der Stadt. Ihm gelang es, sich eine Schar mutiger Gehilfen zu bilden. Ihm gelang es unter der Volksmiliz und den städtischen Beamten, die das Grauen vor der allgemeinen Not ergriffen hatte, und deren Zahl durch die Epidemie fortwährend dezimiert wurde, noch lange die Disziplin und Subordination aufrecht zu erhalten. Hunderttausende verdanken Horace Divile ihre Rettung, da es ihnen nur dank seiner Energie und seinen Anordnungen abzureisen gelang. Anderen Tausenden von Menschen erleichterte er die letzten Tage, gab ihnen die Möglichkeit im Krankenhause bei guter Pflege und nicht unter den Schlägen der entmenschten Menge zu sterben. Ferner hat Divile der Menschheit die Chronik dieser Katastrophe erhalten, denn nicht anders kann man diese kurzen aber inhaltsreichen und genauen Telegramme nennen, die er täglich und auch mehreremale am Tage aus der Sternenstadt nach der zeitweiligen Residenz der republikanischen Regierung beförderte: nach dem Nordischen Port.
Bei Übernahme des Postens eines Stadtbefehlshabers war Diviles erstes Werk der Versuch, die aufgeregten Gedanken der Bevölkerung zu beruhigen. Er gab Manifeste heraus, die darauf hinwiesen, daß die psychische Ansteckung
am ehesten auf erregte Menschen wirke, und welche die gesunden und gemütsstarken Leute aufforderte, auf die Schwachen und Nervösen den Einfluß ihrer Autorität geltend zu machen. Gleichzeitig trat Divile in Verbindung mit der „Gesellschaft zur Bekämpfung der Epidemie“ und verteilte unter deren Mitglieder alle öffentlichen Orte, Theater, Versammlungen, Märkte, Straßen. In diesen Tagen verging kaum eine Stunde, in der nicht an irgend einem Orte eine Erkrankung konstatiert wurde. Bald hier, bald dort bemerkte man Menschen, oder ganze Gruppen von Menschen, deren Benehmen offenkundig ihre Abnormität bewies. Größtenteils hatten die Kranken, die ihren Zustand erkannten, den unmittelbaren Wunsch, jemand um Hilfe anzugehen. Aber unter dem Einfluß ihrer gestörten Psychen verwandelte sich dieser Wunsch in feindliche Handlungen gegen die in der Nähe Weilenden. Die Kranken wollten zu sich nach Hause laufen oder ins Krankenhaus, flohen aber statt dessen in die entfernten Stadtviertel. Ihnen kam der Gedanke, jemand um Trost zu bitten, statt dessen packten sie die zufällig Vorübergehenden an die Gurgel, würgten sie, schlugen und verwundeten sie oft mit Messer oder Stock. Deshalb flohen alle Menschen, sobald sich jemand in der Nähe zeigte, der vom „Widerspruch“ befallen war. In solchen Minuten kamen die Mitglieder der „Gesellschaft“ zu Hilfe. Einige von ihnen überwältigten den Kranken, beruhigten ihn und transportierten ihn in das nächstliegende Krankenhaus; die anderen beruhigten die Menge und erklärten ihr, daß keine Gefahr vorhanden sei, daß nur ein neues Unglück geschehen wäre, mit dem alle nach dem Maße ihrer Kraft zu kämpfen hätten.
In den Theatern und Versammlungen führten die Fälle plötzlicher Erkrankungen sehr oft zu tragischen Endspielen. Anstatt den Sängern ihr Entzücken auszudrücken, stürzten einige hundert Zuschauer, die in der Oper von plötzlichem Massenwahnsinn ergriffen wurden, plötzlich auf die Szene und prügelten die Darsteller. Ein Artist, dessen Rolle mit einem Selbstmorde schließen mußte, schoß in einem Anfall plötzlicher Erkrankung im großen dramatischen Theater
mehrere Male in den Zuschauerraum. Der Revolver war natürlich nicht geladen. Doch unter der Einwirkung dieser Nervenerschütterung brach bei mehreren Personen im Publikum die Krankheit, die sie schon heimlich ergriffen hatte, offen aus. Bei dem entstehenden Gewühl, während dessen die natürliche Panik durch die Handlungen der „Widerspruchsvollen“ noch verstärkt wurde, wurden an 100 Menschen getötet. Doch am allerfurchtbarsten war das Ereignis im „Feuerwerktheater“. Die dorthin zur Beaufsichtigung des Feuers gesandte Truppe der Stadtmiliz zündete in einem Anfall der Krankheit die Szenerie an, sowie jene Schleier, welche die Lichteffekte verteilen. Vom Feuer und im Gedränge kamen nicht weniger als 200 Menschen um. Nach diesem Geschehnis verbot Horace Divile alle theatralischen oder musikalischen Ausübungen in der Stadt.
Eine für die Einwohner furchtbare Gefahr bildeten die Räuber und Diebe, die bei der allgemeinen Desorganisation ein weites Feld für ihre Tätigkeit fanden. Man beteuert, daß einige von ihnen erst zu dieser Zeit in die Sternenstadt aus dem Auslande gekommen seien. Um unbestraft zu bleiben, simulierten einige Wahnsinn. Andere hielten es nicht einmal für nötig, den offenen Raub durch Heuchelei zu bemänteln. Die Räuberbanden brachen in die verlassenen Magazine und trugen die wertvolleren Sachen fort, drangen in die Privatquartiere und verlangten Gold, hielten die Passanten an und nahmen ihnen ihre Kostbarkeiten, Ringe, Uhren, Bracelets fort. Zu den Räubereien gesellten sich Gewalttaten jeder Art und vornehmlich Vergewaltigungen der Frauen. Der Stadtbefehlshaber entsandte ganze Abteilungen der Miliz gegen die Verbrecher, aber diese erkühnten sich, in offenen Kampf zu treten. Es gab furchtbare Vorfälle, wenn unter den Räubern oder den Miliztruppen plötzlich am „Widerspruch“ Erkrankte auftauchten und ihre Waffen gegen die Kameraden wandten. Die arretierten Räuber sandte der Befehlshaber anfangs aus der Stadt. Doch die Bürger befreiten sie aus ihren Waggonzellen, um ihre Plätze einzunehmen. Da fühlte sich der Befehlshaber genötigt, die Straßenräuber
und alle Gewalttätigen zum Tode zu verurteilen. So wurde nach einer fast 300jährigen Unterbrechung auf der Erde aufs neue die unverhüllte Todesstrafe eingeführt.
Im Juni begann in der Stadt ein Mangel an Gegenständen der ersten Notdurft fühlbar zu werden. Die Lebensmittel reichten nicht aus und ebensowenig die Medikamente. Die Zufuhr auf der Eisenbahn begann sich zu vermindern; in der Stadt selbst hatte fast jegliches Gewerbe aufgehört. Divile organisierte städtische Brotbäckereien und verteilte an alle Einwohner Brot und Fleisch. In der Stadt wurden allgemeine Speisesäle nach dem Muster jener auf den Fabriken eröffnet. Doch es war unmöglich, Arbeiter in genügender Zahl zu finden. Die freiwillig Arbeitenden mühten sich bis zur Erschöpfung, doch ihre Zahl wurde stets kleiner. Die Krematorien hatten den ganzen Tag zu tun, doch die Zahl der Leichname in den Grabkammern wurde nicht geringer, sondern wuchs, und schon wurden auf den Straßen und in den Privatquartieren Leichen aufgefunden. Die städtischen zentralen Unternehmungen, der Telegraph, das Telephon, die Beleuchtung, Wasserleitung, Kanalisation, wurden von einer stets kleiner werdenden Zahl von Menschen bedient. Erstaunlich war es, wie Divile überall hingelangte. Alles verfolgte er, alles leitete er. Nach seinen Berichten kann man denken, daß er keine Ruhe kannte. Und alle, die sich aus der Katastrophe gerettet haben, bezeugen einstimmig, daß seine Tätigkeit über alles Lob erhaben war.
Mitte Juni begann es an Eisenbahnbeamten zu mangeln. Es waren zu wenig Maschinisten und Kondukteure da, um die Züge zu bedienen. Am 17. Juni fand auf der Südwestlinie die erste Eisenbahnkatastrophe statt, deren Ursache ein am „Widerspruch“ erkrankter Maschinist war. In einem Anfall der Krankheit stürzte der Maschinist den Zug aus dreißigfüßiger Höhe auf das Eisfeld herab. Fast alle Passagiere wurden getötet oder verstümmelt. Die Nachricht von diesem Fall brachte der nächste Zug in die Stadt und sie wirkte wie ein Donnerschlag. Sofort wurde ein Sanitätszug ausgesandt. Er brachte die Leichen und die verstümmelten
halblebendigen Körper zurück. Doch am Abend desselben Tages verbreitete sich bereits die Nachricht, daß eine analoge Katastrophe auch auf der ersten Linie geschehen sei. Nun waren bereits zwei der Eisenbahnlinien, welche die Sternenstadt mit der Welt verbanden, untauglich. Natürlich wurden aus der Stadt, sowie aus dem Nordischen Port Abteilungen zur Ausbesserung der Bahnen gesandt, doch im Winter ist es in jenen Gebieten fast unmöglich, zu arbeiten. Diese zwei Katastrophen waren nur Vorläufer der nun folgenden. Mit je mehr Furcht die Maschinisten an ihre Sache traten, desto sicherer wiederholten sie das Vergehen ihrer Vorgänger in einem Anfall der Krankheit. Eben darum, weil sie sich fürchteten, ein Unglück herbeizuführen, führten sie es herbei. Vom 18. bis zum 22. Juni, also in 5 Tagen, wurden sieben Eisenbahnzüge, die alle voller Menschen waren, in die Abgründe gestürzt. Tausende von Menschen fanden dort ihren Tod, da sie entweder zerschmettert wurden oder in Schneewüsten Hungers starben. Nur sehr wenige Menschen fanden die Kraft, zur Stadt zurückzukehren. Die sechs Magistralen (so hießen die elektrischen Bahnen), welche die Sternenstadt mit der Welt verbanden, waren untauglich geworden, die etwa 600000 Menschen zählende Einwohnerschaft der Stadt war von der ganzen übrigen Menschheit abgeschnitten. Einige Zeit hindurch verband sie nur noch der Telegraphendraht.
Am 24. Juni wurde der Verkehr auf der Stadtmetropolitaine eingestellt, da es an Beamten mangelte. Am 26. Juni wurde der Dienst am Stadttelephon eingestellt. Am 27. Juni wurden alle Apotheken außer der zentralen geschlossen. Am 1. Juli ordnete der Befehlshaber an, daß alle Einwohner in die Zentralteile der Stadt übersiedeln und die Peripherien verlassen müßten, damit die Aufrechterhaltung der Ordnung, sowie das Verteilen der Lebensmittel und die ärztliche Hilfeleistungen leichter vor sich gehen könnten. Die Leute verließen ihre Quartiere und bezogen fremde, von ihren Besitzern verlassene Wohnungen. Das Gefühl des Eigentums verschwand. Keinem tat es leid, das seine zu verlassen,
keinem kam es eigentümlich vor, fremdes zu benutzen. Übrigens fanden sich noch immer Marodeure und Räuber, die man schon eher als Psychopathen bezeichnen muß. Sie setzten ihr Plündern noch weiter fort und man findet gegenwärtig nicht selten in den leeren Sälen verlassener Häuser ganze Schätze von Gold und Kostbarkeiten, in deren Nähe der halbverfaulte Leichnam des Räubers liegt.
Es ist bemerkenswert, daß trotz des allgemeinen Ruins das Leben dennoch seine gewöhnlichen Formen beibehielt. Es fanden sich noch Kaufleute, die Magazine eröffneten und aus irgend welchen Gründen ihre der Plünderung entgangenen Waren zu unerhörten Preisen verkauften: Leckereien, Blumen, Bücher, Gewehre . . . . . Ohne zu murren, gaben die Käufer ihr unnütz gewordenes Gold fort, welches die geizigen Kaufleute dann törichterweise versteckten. Noch gab es heimliche Freudenhäuser mit Karten, Getränken, Lastern, wohin die Unglückseligen strömten, um dort die furchtbare Wirklichkeit zu vergessen. Die Kranken vermischten sich dort mit Gesunden und keiner hat die Chronik der Greuelszenen, die dort vor sich gingen, geschrieben. Noch erschienen zwei oder drei Zeitungen, deren Herausgeber bemüht waren, die Bedeutung des literarischen Wortes in dem allgemeinen Verfall ringsum aufrecht zu erhalten. Die Nummern dieser Zeitungen, die schon heute mit dem zehn- und zwanzigfachen ihres Anfangspreises bezahlt werden, müssen einst die größten bibliographischen Seltenheiten werden. In diesen Textspalten, die inmitten des herrschenden Wahnsinns geschrieben und von halbverrückten Setzern gesetzt wurden, ist ein lebendiges und furchtbares Bild all dessen enthalten, was die unglückliche Stadt erlebte. Es fanden sich Reporter, die über Stadtereignisse berichteten; Schriftsteller, welche die Sachlage erregt erörterten, und sogar Feuilletonisten, die in diesen Tagen der Tragik zu erheitern versuchten, aber die Telegramme, die aus anderen Ländern kamen, von wirklichem gesunden Leben sprachen, die mußten die Seelen der Leser, welche dem Untergang geweiht waren, mit Verzweiflung erfüllen.
Man machte hoffnungslose Rettungsversuche. Anfang Juli beschloß eine riesige Menge von Männern, Frauen und Kindern, die von einem gewissen John Lew geführt wurde, zu Fuß den nächsten besiedelten Platz Lundontown zu erreichen. Divile begriff die Torheit ihres Vorhabens, konnte sie aber nicht zurückhalten und mußte sie sogar mit warmer Kleidung und Lebensmitteln versorgen. Dieser ganze Trupp, es waren etwa 2000 Menschen, verirrte sich und verdarb in den Schneewüsten des Polarlandes, umgeben von schwarzer, sechs Monate währender Nacht. Ein gewisser Whiting begann ein anderes mehr heroisches Mittel zu predigen. Er schlug vor, alle Kranken zu töten, in der Annahme, daß alsdann die Epidemie aufhören würde. Er fand nicht wenig Anhänger, obgleich übrigens in jenen dunklen Tagen selbst der allerwahnsinnigste, allerunmenschlichste Vorschlag, sofern er nur Rettung versprach, Anhänger gefunden hätte. Whiting und seine Freunde durchsuchten die ganze Stadt, brachen in alle Häuser und töteten alle Kranken. In den Krankenhäusern vollführten sie Massenschlächtereien. In der Ekstase schlugen sie auch jene tot, die nur im Verdacht standen, nicht ganz gesund zu sein. Zu diesen Ideenmördern gesellten sich Wahnsinnige und Räuber. Die ganze Stadt verwandelte sich in eine Arena des Kampfes. In diesen schweren Tagen bildete Horace Divile aus seinen Mitarbeitern eine Truppe und begeisterte sie persönlich zum Kampf mit den Anhängern des Whiting. Mehrere Tage währte die Verfolgung. Hunderte von Menschen fielen auf dieser und jener Seite. Zum Schluß wurde Whiting selbst gefangen genommen. Er wurde als im letzten Stadium der mania contradicens befunden und darum nicht zur Hinrichtung geführt, sondern ins Krankenhaus, wo er auch bald darauf verschied.
Am 8. Juli traf die Stadt einer der härtesten Schläge. Die Beamten, welche die Tätigkeit der elektrischen Zentralstation beaufsichtigten, zerbrachen in einem plötzlichen Anfall der Krankheit alle Maschinen. Das elektrische Licht versagte und die ganze Stadt, alle Straßen, alle Wohnungen tauchten in absolute Finsternis. Da die Stadt keine Beleuchtung
und keine Beheizung außer der elektrischen kannte, so befanden sich jetzt alle Einwohner in absolut hilfloser Lage. Divile hatte eine solche Gefahr vorausgesehen. Er hatte ganze Lager von Pechfackeln und Beheizungsmaterial hergerichtet. Auf allen Straßen wurden Scheiterhaufen aufgestellt. Die Einwohner erhielten Fackeln zu Tausenden, doch diese kümmerliche Beleuchtung konnte unmöglich die gigantischen Perspektiven der Sternenstadt erhellen, die sich oft 10 km lang in geraden Linien und in der furchtbaren Höhe von 30 Etagen hinzogen. Mit Ausbruch der Finsternis floh die letzte Disziplin aus der Stadt. Alle Seelen wurden von Entsetzen und Wahnsinn erfaßt. Die Gesunden konnte man nicht mehr von den Kranken unterscheiden. Es begannen die furchtbaren Orgien der verzweifelten Menschen.
Mit erstaunlicher Schnelligkeit trat bei allen das Schwinden des sittlichen Gefühles zutage. Alle Kultur fiel von diesen Leuten ab, gleich einer dünnen, wenn auch jahrtausend alten Rinde, und sie waren wie jene wilden Menschen, Tiermenschen, die damals noch auf der jungfräulichen Erde lebten. Jeder Begriff von Recht verschwand, — nur die Kraft wurde anerkannt. Für die Frauen wurde der Durst nach Befriedigung das einzige Gesetz. Die allerbescheidensten Familienmütter führten sich wie Prostituierte auf, gingen willig von einer Hand in die andere über und redeten die unanständige Sprache der Freudenhäuser. Die Mädchen liefen auf die Straße, boten ihre Unschuld öffentlich aus, führten ihren Erkorenen in die nächste Türe und gaben sich ihm auf dem fremden Bette eines Unbekannten. Die Trinker veranstalteten in den zerstörten Kellern Feste, gar nicht darauf achtend, daß in ihrer Mitte oftmals unbestattete Leichname lagen. Das alles wurde durch die Anfälle der noch immer grassierenden Krankheit noch mehr kompliziert Furchtbar war die Lage der von ihren Eltern dem Schicksal überlassenen Kinder. Einige wurden von lasterhaften Elenden vergewaltigt, andere von Anhängern des Sadismus, die es plötzlich in großen Mengen gab, gefoltert. Die Kinder starben in ihren Kinderzimmern vor Hunger oder vor Scham und
Schmerzen nach der Vergewaltigung; viele wurden auch absichtlich oder zufällig getötet. Manche behaupten sogar, daß sich Unholde gefunden hätten, welche die Kinder fingen, um an ihrem Fleische ihre wiedererwachten Menschenfresserinstinkte zu befriedigen.
Während dieser letzten Periode der Tragödie konnte Horace Divile natürlich nicht der ganzen Bevölkerung helfen. Im Gebäude des Rathauses eröffnete er für alle, die noch ihren Verstand bewahrt hatten, ein Asyl. Der Eingang ins Gebäude wurde verbarrikadiert und beständig bewacht. Innen waren Proviant und Wasser für dreitausend Menschen auf 40 Tage hergerichtet. Doch um Divile sammelten sich nur etwa 1800 Männer und Frauen. Natürlich waren in der Stadt wohl auch noch mehr Menschen mit ungetrübter Erkenntnis, doch kannten sie Diviles Asyl nicht, und verbargen sich in ihren Häusern. Viele wagten nicht, auf die Straße zu gehen, und man findet jetzt in einigen Zimmern zuweilen Leichname von Menschen, die in der Einsamkeit Hungers starben. Es ist bemerkenswert, daß unter den ins Rathaus Geflüchteten sehr wenig Fälle der Erkrankung am „Widerspruch“ vorkamen. Divile verstand es, die Disziplin in seiner kleinen Gemeinde aufrecht zu erhalten. Bis zum letzten Tage führte er ein Journal aller Vorgänge und dieses Journal ist zusammen mit den Telegrammen Diviles wohl die beste Quelle, aus der wir unsere Kenntnisse von der Katastrophe schöpfen können. Dieses Journal wurde in einem Geheimschrank des Rathauses, zusammen mit besonders wertvollen Dokumenten aufgefunden. Die letzte Nachricht datiert vom 20. Juli. Divile berichtet in ihr, daß eine wahnwitzige Menge den Sturm aufs Rathaus begonnen habe und daß er genötigt wäre, den Angriff mit Revolversalven abzuschlagen. „Worauf ich hoffe,“ schreibt Divile, „weiß ich nicht. Vor dem Frühling Hilfe zu erwarten, ist undenkbar. Bis zum Frühjahr kann ich mich mit den Vorräten, die in meinen Händen sind, unmöglich halten. Doch ich werde bis zuletzt meine Pflicht erfüllen.“ Dies sind die letzten Worte Diviles. Welch edle Worte!
Es ist anzunehmen, daß am 21. Juli die Menge das Rathaus im Sturmangriff einnahm, und daß seine Verteidiger entweder getötet oder vertrieben wurden. Diviles Leichnam ist zurzeit noch nicht aufgefunden würden. Wir haben keine einigermaßen glaubwürdigen Nachrichten über das, was in der Stadt nach dem 21. Juli vorging. Nach den Spuren, die man jetzt bei der Reinigung der Stadt findet, ist anzunehmen, daß die Anarchie ihre äußerste Grenze erreichte. Man kann sich die Flucht halbdunkler Straßen vorstellen, beleuchtet vom Gewitterschein der Scheiterhaufen, die aus Stößen von Möbeln und Büchern errichtet waren. Feuer erhielt man, indem man Feuerstein auf Eisen schlug. Um die Scheiterhaufen drängten sich in wilder Fröhlichkeit die Scharen von Wahnwitzigen und Betrunkenen. Ein großer Becher machte die Runde. Dort tranken Männer und Frauen. Dort geschahen Szenen viehischer Sinnlichkeit. Dunkle atavistische Gefühle erwachten in den Instinkten dieser Stadtbewohner, und die Halbnackten, Ungewaschenen, Ungekämmten tanzten in Reigen die Tänze ihrer fernen Vorfahren, die noch Zeitgenossen der Höhlenbären waren, und sangen dieselben wilden Lieder, welche die Horden sangen, wenn sie mit ihren Steinbeilen das Mammut anfielen. Mit den Liedern, dem sinnlosen Geschwätz, dem idiotischen Lachen vermengten sich die Wahnsinnsschreie der Kranken, die schon die Möglichkeit verloren hatten, ihre Fieberträume in Worten auszudrücken, und das Stöhnen der Sterbenden, die sich dort selbst inmitten schon zerfallender Leichname wälzten. Zuweilen wurde der Tanz von einer Prügelei unterbrochen, um ein Faß Wein, um ein schönes Weib oder auch ganz ohne Anlaß in einem jener Wahnsinnsanfälle, die zu sinnlosen, widerspruchsvollen Handlungen trieben. Entfliehen konnte man nicht; überall waren dieselben Greuelszenen, dieselben Orgien, Kämpfe, dieselbe tierische Lust, tierische Wut — oder die absolute Finsternis, die noch furchtbarer zu sein schien und der erregten Einbildung noch unerträglicher.
In diesen Tagen war die Sternenstadt ein ungeheurer großer Kasten, in dem noch einige tausende lebender menschenähnlicher
Wesen im Gestanke von hunderttausend Leichnamen vegetierten, wo es unter den Lebenden schon keinen mehr gab, der seine Lage begriffen hätte. Dies war die Stadt der Verrückten, ein gigantisches Irrenhaus, das größte und abscheulichste Bedlam, das je die Welt gesehen. Und diese Verrückten rotteten einander aus, erdolchten einander, bissen sich die Gurgeln durch, oder starben vor Wahnsinn, starben vor Grauen, starben vor Hunger und an all jenen Krankheiten, deren Miasmen die verseuchte Luft beherrschten.
Es versteht sich, daß die Regierung der Republik durchaus nicht gleichmütig dem furchtbaren Unglück, das die Hauptstadt betroffen hatte, zuschaute. Doch schon sehr bald mußte man jeglicher Hoffnung, Hilfe zu bringen, entsagen. Ärzte, Diakonissinnen, Militärs, Beamte jeder Art — alles weigerte sich, in die Sternenstadt zu fahren. Nach der Einstellung der elektrischen Bahnfahrten war jede direkte Verbindung mit der Stadt unterbrochen, da das rauhe örtliche Klima keine anderen Verkehrswege gestattete. Außerdem wurde die Aufmerksamkeit der Regierung bald schon auf Erkrankungsfälle am „Widerspruch“ gelenkt, die in anderen Städten der Republik auftraten. In einigen von ihnen drohte die Krankheit gleichfalls epidemischen Charakter anzunehmen und es begann eine allgemeine Panik, die den Ereignissen in der Sternenstadt ähnelte. Dies führte zu einer Emigrierung der Einwohner aus allen bewohnten Punkten der Republik. Auf allen Fabriken wurde die Arbeit eingestellt und das ganze Handelsleben des Landes erlosch. Doch dank den energischen Maßnahmen, die in den anderen Städten zeitig getroffen wurden, gelang es, die Epidemie zum Stillstand zu bringen, und nirgends erreichte sie einen solchen Umfang wie in der Hauptstadt.
Es ist bekannt, mit welcher aufgeregten Aufmerksamkeit die ganze Welt das Unglück der jungen Republik verfolgte. Im Beginne, als noch niemand das bis zu so unerhörter
Ausdehnung erfolgende Anwachsen des Elendes erwartete, war die Neugierde das herrschende Gefühl. Die hervorragenden Blätter aller Länder (darunter auch unser „Nord-Europäisches Abendblatt“) entsandten in die Sternenstadt ihre Spezialkorrespondenten zum Berichterstatten über den Gang der Epidemie. Viele dieser tapfern Ritter von der Feder wurden ein Opfer ihrer professionellen Pflicht. Kaum aber, daß Nachrichten bedrohlichen Charakters auftauchten, boten sofort die Regierungen verschiedener Staaten sowie die Privatgesellschaften der republikanischen Regierung ihre Hilfe an. Die einen entsandten Truppen, die andern formierten Escadres von Ärzten, die dritten trugen Geldspenden bei, aber die Ereignisse entwickelten sich mit solcher Vehemenz, daß der größte Teil dieser Operationen nicht zur Ausführung kam. Nach der Einstellung des Eisenbahnverkehrs kamen als einzige Lebensnachrichten von der Sternenstadt nur die Telegramme des Befehlshabers. Diese Telegramme wurden sofort an alle Weltenden versandt und dort in Millionen von Exemplaren verbreitet. Nachdem die elektrischen Maschinen zerbrochen waren, funktionierte der Telegraph noch einige Tage, da sich auf der Station einige geladene Akkumulatoren vorfanden. Der genaue Grund, weswegen die telegraphische Verbindung völlig abbrach, ist bisher unbekannt: vielleicht waren die Apparate beschädigt. Das letzte Telegramm Horace Diviles trägt das Datum des 27. Juni. Von diesem Tage ab blieb die Menschheit fast 1 ½ Monate lang ohne jede Nachricht aus der Hauptstadt der Republik.
In den letzten Tagen des August erreichte der Äronaut Thomas Billie auf seiner Flugmaschine die Sternenstadt. Er fand auf dem Dach der Stadt zwei Menschen, die längst schon den Verstand verloren hatten und vor Kälte und Hunger halbtot waren. Durch die Ventilatoren sah Billie, daß die Straßen in absoluter Dunkelheit lagen, hörte aber auch wilde Schreie, die bewiesen, daß noch Lebewesen in der Stadt wären. In die Stadt selbst wagte Billie sich nicht herunter. Anfang September gelang es, die eine Linie der elektrischen Eisenbahn bis zur Station Lissis, die nur 105 km von der Stadt abliegt,
wieder herzustellen. Ein Trupp gutbewaffneter, mit ausreichendem Proviant und den Mitteln für die ersten Hilfeleistungen versehener Leute gelangte durch das nordwestliche Tor in die Stadt. Diese Truppe konnte sich allerdings infolge des furchtbaren Gestankes, der die Luft erfüllte, nicht über die ersten Quartale hinauswagen. Sie mußten faktisch Schritt für Schritt machen, die Straßen von Leichnamen säubern und die Luft durch künstliche Mittel reinigen. Die Menschen, die sie in der Stadt noch lebend antrafen, waren bis zur Unkenntlichkeit entstellt. In ihrer Wildheit glichen sie bösen Tieren und mußten mit Gewalt eingefangen werden. Endlich, es war etwa Mitte September, gelang es, eine regelmäßige Verbindung mit der Sternenstadt herzustellen, und konnte man mit der systematischen Renovierung beginnen.
Gegenwärtig ist der größte Teil der Stadt bereits von Leichnamen gesäubert. Die elektrische Beleuchtung und Beheizung sind wieder hergestellt. Unbesetzt sind bisher nur noch die Amerikanischen Quartale, doch man nimmt an, daß in ihnen keine Lebewesen sind. Im ganzen sind gegen 10000 Menschen gerettet, doch der größte Teil von ihnen hat eine unheilbare psychische Störung erlitten. Die, welche mehr oder weniger wieder genesen, sprechen nur höchst ungern von dem, was sie überlebten und von den grauenhaften Tagen. Zudem sind ihre Erzählungen voller Widersprüche und werden sehr oft vom dokumental Gegebenem nicht bestätigt. An verschiedenen Orten hat man Nummern der Zeitungen aufgefunden, die in der Stadt noch bis Ende Juli erschienen. Die letzte bis jetzt aufgefundene, vom 22. Juli datierte, enthält die Nachricht vom Tode Horace Diviles und den Aufruf, das Asyl im Rathaus wiederherzustellen. Allerdings wurde noch ein Blättchen gefunden, das vom August datiert, doch dessen Inhalt ist derart, daß man den Autor (der vermutlich seinen Irrsinn selbst gesetzt hat) entschieden für unzurechnungsfähig erklären muß. Im Rathaus wurde das Tagebuch Horace Diviles entdeckt, das in folgerichtiger Ordnung die Chronik der Ereignisse in in jenen drei Wochen vom 28. Juni bis zum 20. Juli enthält. Nach den furchtbaren Funden, die man auf den
Straßen und im Innern der Häuser gemacht hat, kann man sich eine klare Vorstellung von jenen Ungeheuerlichkeiten machen, die in den letzten Tagen in der Stadt geschahen. Überall sind furchtbar verstümmelte Leichen: Menschen, die des Hungertodes starben, Menschen, die gemartert und erwürgt wurden, Menschen, die von Wahnsinnigen in Anfällen der Ekstase getötet wurden, und endlich — benagte Körper. Die Leichen findet man in den allerunerwartetsten Orten: im Tunnel der Metropolitaine, in den Kanalisationsröhren, in unterschiedlichen Koffern, in Kesseln: überall suchten die ihres Verstandes beraubten Einwohner Rettung vor dem sie umgebenden Entsetzen. Das Innere fast aller Häuser ist zerstört und die Immobilien, die den Plünderern nutzlos erschienen, findet man in geheimen Zimmern und unterirdischen Räumen versteckt.
Zweifellos werden bis zur Wiederbewohnbarkeit der Sternenstadt noch einige Monate vergehen. Gegenwärtig ist sie fast leer. Die Stadt, die gegen drei Millionen Menschen beherbergen kann, wird augenblicklich von etwa 30000 Arbeitern bewohnt, die mit der Säuberung von Straßen und Häusern beschäftigt sind. Übrigens kamen auch einige der früheren Einwohner an, um die Leichen ihrer Verwandten aufzusuchen und die Reste ihres vernichteten oder gestohlenen Eigentums zu sammeln. Zugereist sind auch einige Touristen, die das ausschließliche Schauspiel der verwüsteten Stadt hingelockt hat. Zwei Unternehmer haben bereits zwei Hotels eröffnet, die schon recht flotte Geschäfte machen. In kurzer Zeit wird auch ein kleines Café chantant eröffnet werden, für welches die Truppe bereits engagiert ist.
Das „Nord-Europäische Abendblatt“ hat seinerseits einen neuen Korrespondenten, Herrn Andrew Ewald, in die Stadt gesandt und wird in genauen Berichten die Leser mit allen neuen Entdeckungen bekannt machen, die in der unglücklichen Hauptstadt der Republik des Südkreuzes gemacht werden sollten.
Die Schwestern
Ein unaufgeklärter Fall
1.
Ferne erstarb der Glockenton, zerschmolz fast klagend, so daß es bald schwer wurde, zu unterscheiden, ob man ihn noch höre, oder ob er nur in der Erinnerung klänge.
Langsam und schweigend kehrten die Schwestern in den Saal zurück. Keine sah die andere an. Wußten nicht, was zu sprechen.
Noch standen auf dem Tische die Reste des vor kurzem beendeten traurigen Abendbrotes, eine kaum angebrochene Weinflasche, ein kalt gewordener Teekessel.
Lydia wagte es, zu sprechen:
— Kett, willst du nicht Tee? Ich glaube, du trankst noch nicht.
Mara zuckte nervös mit den Achseln. Kett schüttelte den Kopf.
Alle drei setzten sich, schwiegen, dachten an dasselbe. Dachten an ein Schneefeld und an ein Dreigespann, das schnell über die Wege frischen Schnees dahinbraust; dachten an ein Stationsgebäude, das ganz in Lichtern steht; hörten schon das gleichmäßige Räderrollen, das sich immer, kaum daß die Wange sich an das harte Polster des Waggons gelehnt hat, so sehr mit den ersten Bildnissen des Traumes vermischt . . . . Dann dachten sie an das ferne Paris, an breite und helle Plätze, an bunte, schwirrende Boulevards. Dachten daran, daß Nikolai nun nie wieder zurückkäme.
Und in jeder Seele erhob sich das Gefühl kraftloser zu später Reue, schwoll an wie Wasser, strömte über: das quälendste aller Gefühle. Und in den drei verschiedenen Sprachen dreier verschiedener Seelen sprachen sie, sagten sich selbst, sagten sich die gleichen Worte: wie es möglich war, diesen letzten Augenblick vorübergehen zu lassen. Wie es möglich war, nicht den letzten, und sei es verzweifelten Versuch zu wagen? Wie, wenn man eilen würde, ihn ereilen, etwas sagen, etwas ausführen? . . . Oder ist es schon zu spät? Zu spät? Zu spät?
Die Schwestern schwiegen, doch es war ihnen, als tauschten sie nichtssagende Worte aus. Und vielleicht tauschten sie auch nichtssagende Worte aus und es war ihnen nur, als wenn sie schwiegen.
Draußen begann der Schnee zu wirbeln. Und im Netz der wehenden Schneeflocken war noch verwischter die Biegung des Weges und der Abhang mit dem schwärzlichen Zaune jungen Fichtenwaldes und weiterhin rechts die Ferne leblosen Feldes.
Irgend eine Zeit verging. Und es wäre ein Tropfen genug gewesen, zu fallen in dies Gefäß der Hoffnungslosigkeit, ein Wort, ein Anstoß, damit diese drei Frauen aufspringen würden mit dem Schrei des Entsetzens, hinstürzen wie ohne Gefühle oder sich aufeinander wie drei Wölfinnen werfen, um sich zu zerfleischen und mit den Krallen zu zerreißen.
Doch in gleicher Erstarrung folgten die Minuten den Minuten. Nur der Schneewirbel wurde dichter. Nur die Töne verstummten in dem Häuschen, das die Dienerschaft bewohnte.
Und jemand sagte, daß schon Mitternacht wäre.
Die Schwestern standen auf, verabschiedeten sich von einander, gingen in ihre Zimmer. Und hörbar wurde in den Zimmern das Rauschen der Kleider. Dann verstummte auch dies.
Und mit jeder waren die Nacht und ihre Gedanken.
Draußen hob der Sturm an.
Ferne erstand der Glockenton, war anfangs kaum hörbar, so daß es schwer wurde, zu unterscheiden, ob man ihn höre oder ob er nur in der Erinnerung klänge, ergoß sich langsam in die nächtliche Stille, verstärkte sich, gewann eigenen Körper. Und schon klingen die Glockentöne nah und deutlich. Das Dreigespann eilt flink auf dem Wege heran, biegt ab und schon wird auf dem frischen Schnee das dumpfe Knirschen der Schlittenkufen hörbar, und, der Freitreppe sich nähernd, hält der Kutscher die Pferde an.
Die Schwestern an der Tür sehen einander ins Gesicht. Alle drei sind bleich. Sie haben alles erraten, aber wagen nichts zu sagen. Erwarten.
Da ist der bekannte Schritt. Schon geht er durch die Vorhalle. Die Tür geht auf. Herein strömt der Winternacht harte Kälte. In seinem von Schnee silbern gewordenen Pelz steht Nikolai in der Türe.
Niemand fragt ihn. Er beeilt sich die vorbereitete auswendig gelernte Antwort zu sagen:
— Ich kam zu spät zum Zuge. Ich wollte nicht bis zum Morgen auf der Station sitzen. Ich habe mich entschlossen, morgen zu fahren. Der Abendzug ist bequemer. Und vielleicht überlege ich’s mir und fahre überhaupt nicht.
Und plötzlich stürzte Lydia weinend auf ihn zu und wollte etwas tränenerstickt sagen, ganz vergessend, daß die Schwestern sie hören. Doch leise wehrte er ab.
— Morgen will ich alles erklären; morgen. Ich bin heute sehr müde. Möge man mir ins Kabinett Wein bringen. Ich habe mich ein wenig im Froste erkältet. Und bitte regt mich nicht auf. Ich muß einige wichtige Briefe schreiben.
Kett und Mara waren in der Tiefe des Zimmers. Er blickte sie nicht an, doch er sah sie. Er fühlte die Notwendigkeit, auch ihnen etwas zu sagen, doch er hatte keine Worte.
Eine Minute lang erhob er den Kopf, doch den unbeweglichen Augen Maras begegnend, senkte er ihn wieder, und ging schweigend hinaus, glitt vorbei, verschwand in der Türe seines Kabinetts.
Lydia lief fort. Man hörte ihre geschäftige Stimme.
Kett schritt langsam im Saal auf und ab und wickelte sich in ihr dunkelhimbeerfarbenes Tuch.
Mara fühlte eine Schwüle. Sie öffnete die Türe und schritt die Freitreppe hinab. Fast erstickend zerriß sie den Kragen ihres Kleides. Der Sturm schlug ihr ins Gesicht. Die feuchten Schneeflocken zerschlugen sich an ihrer Brust und das kühle Wasser rieselte an ihrem Körper herab. Sie erbebte, aber sie zog die kalte Luft tief ein.
Der Schnee ließ den Himmel bleich erscheinen. Der Wind bewegte die kraftlosen, weißen Massen. Am Tore und über dem Zaune heulte der Sturm.
Im fernen Pferdestall sah man die schwankende Laterne des Kutschers, der die Pferde bestellte.
2.
Nikolai saß an seinem Schreibtisch.
Alles ringsum war ihm so bekannt: die farbigen Tapeten, die Bücherreihen auf ihren Brettern, die Mappen mit den angefangenen und lang schon vergessenen Arbeiten. Es brannte die bekannte Lampe unter dem grünmetallenen Lampenschirm.
Nikolai lehnte sich tiefer in den Sessel und legte die Füße auf das Bärenfell. Er wollte denken, viel denken, immer und immer noch denken. Sich dem Gedankengange so hingeben, wie auf dem langen Wege der Schneefelder. Es lag eine physische Wollust darin, daß die Gedanken wieder so auf den vorgemerkten Wegen eilen konnten.
Natürlich dachte er daran, was schon zwei Jahre sein ganzes Leben ausmachte und seine ganze Seele erfüllte: an diese drei Frauen, an die er durch furchtbare Banden der Seligkeit und Qual gefesselt war. Und so nach einem sinnlosen Fluchtversuch, um sich wieder einer dunklen Freiheit anheimzugeben, um sein Leben an einem Punkte in zwei Teile zu teilen, ist er wieder hier, bei ihnen, und wieder haben die Tage der entrückten Stunden zu beginnen, die Tage des Jubels und der Verzweiflung. Er begriff, o er begriff heute, daß er außerhalb dieser Atmosphäre gemeinsamer Beleidigungen und Anbetungen, die sie einander entgegenbrachten, nicht leben könnte, daß er ohne sie sterben müßte, wie eine tropische Pflanze ohne Treibhaus. Er wußte, daß er auf ewig hierher zurückgekommen war.
Sein Kopf drehte sich und schmerzte, vielleicht vor Müdigkeit, vielleicht von Erkältung. Die Bilder und Gestalten der Gedanken waren so deutlich, wie sonst nur im Traum oder im Fieber. Und wie im Anfangsstadium des Traumes
fühlte er sich fähig, den Wechsel der Erscheinung zu beherrschen, Gestalten herbeizurufen, wie es ein Zauberer durch die Kraft seiner Beschwörungen vermag.
Er wollte Lydias Bildnis vor sich erscheinen lassen, so wie sie in den ersten Tagen nach ihrer Hochzeit war, — ein schüchternes Mädchen, ein schamhaftes Weib, das in dem für sie Unsagbaren unvernünftig wurde. Und er sah ihr Zimmer wieder in irgend einem Hotel an der Riviera, sah deutlich, die Spitzen an den Bettkissen und in dem rosigen Licht des elektrischen Lämpchens inmitten der zerdrückten Pfühle ihren zerbrechlichen und fast kindlichen Körper. Und wieder bedeckte er ihn mit beseligten Küssen, küßte jeden Muskel, jedes Haar, dabei die berauschenden Worte: du bist mein! du bist mein! wiederholend, und von neuem die ganze naive Ekstase ihrer nur unklar zum Durchbruch kommenden Sinnlichkeit mit ihr durchlebend.
Und gleichzeitig ließ er ein anderes Gesicht Lydias erscheinen, eines, wo sie im Augenblick der letzten Verzweiflung, verwundet von Eifersucht, nackt auf den schneebedeckten Hof herauslief, auf der Freitreppe hinstürzte, so daß aus ihrem zerschlagenen Kopfe das Blut strömte. Und wieder hob er sie auf seine Hände und trug sie ins Haus; zwei irrsinnige ungläubige Augen, die plötzlich förmlich nur aus der Iris bestanden, sahen ihn an. Sie war ganz wie ein vergiftetes Tierchen und in seiner Seele war nichts, außer dem unersättlichen Mitleid zur Geliebten, außer dem zärtlichen Hunger, ihr ein grenzenloses Glück zu geben und in ihm wie in den Strahlen der Sonne zu zerschmelzen.
Doch sei dies nicht Lydia, — o würde in seinen Händen der entblößte, völlig nackte Leib Maras zittern in einer jener heimlichen Zusammenkünfte, welche die beiden aus der Welt der Lebenden völlig hinausrissen und sie auf einen anderen und entfernten Planeten trugen. Und wieder ergriff ihn das Verlangen der Entrückung, das er immer noch so gut kannte, wenn er mit ihr war, das Verlangen nach etwas größerem als Küsse, als Zärtlichkeiten, als die leidenschaftliche Hingabe seiner selbst; das Verlangen, mit seinem ganzen Leben
in sie einzudringen und wiederum ihr ganzes Wesen in sich aufzunehmen. In seinen Augen lagen so berückend die Linien ihres Leibes und das eigentümliche quälend-erwünschte Atmen dieses Leibes floß förmlich in seine Nasenflügel und Lippen wie ein scharf berauschendes Getränk.
Und wieder sind sie einander nah. Und wieder entsteht die Qual der sinnlichen Verzückung. Sie wächst, sie geht bis an alle Grenzen, sie verwandelt sich in Wut und Haß. Und da stoßen auch beide schon mit Abscheu einander von sich. Als ob sie erwacht wären, sehen sie sich voll Entsetzen an und jedem ist es unerträglich, mit dem andern zu sein. Einer erkennt im andern seinen ewigen, seinen vorher bestimmten Feind, und all die beleidigenden Worte der Schmähung, welche nur der Haß ihnen zuflüstern kann, kommen auf ihre Lippen. Sie schämen sich ihrer Nacktheit. Seine Blicke sind ihr eine Schmach, und erniedrigend scheint ihr seine Berührung. Und auch er will sich auf sie werfen, sie schlagen, töten, töten . . .
Doch dies ist schon nicht mehr Mara. Kett steht vor ihm, hoch, schlank, jungfräulich, unberührt. Sie kam zu ihm, wie sie so oft schon früher in dieses Kabinett kam, wenn alles im Hause schlief, um ihm noch einmal zu sagen, daß sie ihn liebt, nur ihn ersehnt, aber niemals sich ihm hingeben wird. Durch ihre Augen sieht er in ihre Seele. Und der frühere Glaube, daß mit ihr, nur mit ihr es ihm möglich wäre, den unsagbaren und unerforschten Segen zu erlangen, daß sie, nur sie alle die geheimsten Wünsche seines Wesens in ihrer dunklen Begeisterung errät, läßt ihn wieder sich ihr zuneigen, und wieder ihr die einzigen unwiederbringlichen Worte sagen. Und da neigen sich auch schon, als ob es wider ihrem Willen geschieht, ihre Gesichter einander zu und von neuem erstehen die alten wütenden Küsse, welche die Lippen blutig zerspringen lassen. Die Hände verschlingen sich in Umarmungen, die fast wie Schmerz sind, vereinigen sich wie Ringe; sie fallen auf den Fußboden und pressen ihre Kniee aneinander. Und wie Feinde in einem Walde, so kämpfen sie. Er bricht ihre Hände, und sie beißt ihn wie
eine Katze. Das verhaltene Atmen geht zu Schreien über. Wie metallene Federn springen sie plötzlich jäh auf; sie mit zerrissenen Kleidern, er mit entblößter Brust. Er wirft sich in einen Sessel, sie verschwindet wie ein Schatten . . .
Gesichter der Wirklichkeit, Gesichter des Vergangenen kreisen wie Schneeflocken hinterm Fenster. Und abwechselnd beugen die drei Frauen über ihn ihre Gesichter, die bald glücklich sind, bald berauscht, bald von Verzweiflung verzerrt, bald wahnsinnig, bald beleidigend verächtlich. Er hört Worte der Liebkosungen und erbitterte Vorwürfe. Und er will, er will das alles: wie dies Glück, so auch diese Qual. Er dreht sich mit diesen Frauen in trunkenem Tanze, bald preßt er sich an ihre entblößten Brüste, bald verhüllt er die Augen vor ihren wilden Schlägen. Das Tempo des teuflischen Walzers wird immer rascher und schon ist er kraftlos, und schon ist er kraftlos, ihm zu folgen.
Ein Windstoß schlägt heftig ans Fenster. Nikolai erwacht auf einen Augenblick. Seine Hand fährt über die Stirn. Die Bilder waren so deutlich, daß er wie nach einer körperlichen Anstrengung in seinen Händen eine Schwäche fühlt. Oder sollte er sich auf dem Wege ernstlich erkältet haben? Er trinkt ein Glas starken Wein und Feuerströme fließen durch seine Adern.
Hinterm Fenster heult der Sturm seinen ungeheuerlichen Walzer. Und nichts ist dort zu sehen, außer dem Netz aus weißen Punkten.
3.
Vor Nikolai stand Kett.
Lange schaute er sich in sie hinein und wußte nicht, ob dies wirklich Kett wäre oder nur eines seiner Traumgesichter. Endlich begann er zu glauben und reichte ihr seine Hände.
— Du? Du kamst? Ich erwartete dich. Nur dich.
Sie schüttelte verneinend den Kopf.
Er sank vor ihr auf die Knie. Er liebte es, vor ihr auf den Knien zu liegen und ihre langen schmalen Finger zu küssen. Er flehte:
— Küsse mich. O beug dich über mich.
Kett sah ihn mit ihren traurigen Augen an. Dann sprach sie:
— Ich kam, um mich von dir zu verabschieden. Ich darf nicht mehr mit dir sein. Ich ersehnte eine grenzenlose unendliche Liebe. In dir ist keine solche Liebe. Meine Liebe ist allzu groß für dich; und deine ist für mich — zu klein. Ach die Liebe ist tyrannisch! Sie verlangt, daß man sich ihr völlig hingebe. Nichts halbes nimmt sie entgegen. Du aber gabst unserer Liebe nur ein Drittel deiner Seele, ganz genau ein Drittel und förmlich wie auf der Wage abgewogen!
Er suchte sie zu besänftigen, indem er sein Gesicht an ihre Finger preßte.
— Kett! Kett! sprich nicht so zu mir. Sage mir nichts. Ich bin müde, ich bin kraftlos. Ich weiß ja selbst nichts. Laß mich mit dir sein, nur in deiner Nähe sein, nur fühlen, daß du meine Seele begreifst.
Sie befreite ihre Hände aus den seinen und entwand sich ihm.
— Deine Seele? Ja, ich begreife deine Seele! Habe sie zwei Jahre beobachtet. Sie hat von allem ein wenig nötig. Ein wenig meiner Liebe, ein wenig der Zärtlichkeit meiner einen Schwester, und ein wenig der Leidenschaft meiner anderen Schwester. O, wenn du doch nur einmal etwas ganz verlangen würdest! Wenn auch nicht mich, so doch etwas Ganzes, etwas bis zum Ende! Ach selbst, wenn du gewagt hättest, zu entfliehen! Doch du fuhrst bis zur Station und kehrtest zurück. Wie sieht das dir ähnlich!
Sie sprach hart und kalt. In ihrer Stimme waren Befehle des Höheren zum Niederen. Unendliche Trauer, unendliche Bitterkeit, unendliche Beleidigung erfüllten die Seele Nikolais. Und noch immer hielt er ihre Hände fest, obgleich er ihr rauh und mitleidlos antworten wollte.
— Wie aber, wenn du dich täuschest? fragte er sie. Wie, wenn ich zu lieben verstehe, wie du niemals geliebt hast? Mir genügt deine reine klare kristallene Seele nicht! Mir genügt dein geschlechtloses Gefühl nicht! Ich begehre auch
nach jener Zärtlichkeit und jener Leidenschaft. Ihr selbst zerreißt meine einige, lebendige Liebe in drei Teile, und verwünscht dann die Kleinheit der blutenden Fetzen. Es ist an mir, eure Kleinlichkeit, eure Enge zu verachten. Ja, ich kehrte zurück, doch ich tat es, um zu sagen, daß ich nicht mehr euer Sklave bin, daß ihr mich nicht mehr beherrscht.
Hochmütig lächelnd entgegnete ihm Kett:
— Mir ist jetzt alles gleich. Ich verlange nichts mehr von dir. Ich träumte einmal davon, die ganze Fülle der Liebe zu erblicken. Ich hatte den sinnlosen Traum, die Liebe über alles siegen zu sehen, — über Leidenschaft, Mitleid, über das Bedingte. Doch du wagtest es nicht, deine Liebe mir hinzugeben, weil es dir furchtbar war, deine Frau zu betrügen: sie würde vielleicht vor Schmerz sterben! Du wagtest es nicht, deine Liebe mir hinzugeben, weil es dir schwer wurde, dich von den Küssen meiner anderen Schwester zu trennen! Und ferner, — dich hinderten die verschiedenen Bedingungen des Lebens! Und so entbinde ich dich von allen Schwüren, die du an mich verschwendet hast. Wenn ich mein Wesen nicht jener Liebe, die ich suchte, hingeben konnte, so werde ich es dem Tode geben, den ich will. Leb wohl!
Die Worte Ketts verwundeten Nikolais Seele wie kleine Pfeile. Schon lag er nicht mehr vor Kett auf den Knien. Zwischen ihnen war der Tisch. Seine Hände fest an seine Brust drückend, bemühte sich Nikolai gleichfalls hart und kalt zu sprechen:
— Warum heuchelst du? Glaubst du, ich hätte nicht schon lange den wirklichen Sinn deiner großen Worte erraten? Du willst einfach deine Mädchenunschuld bewahren. Du fürchtest die Sünde, dich dem Manne deiner Schwester hinzugeben. Du hütest deine erste Nacht für deinen gesetzlichen Ehegatten.
Da bog sich Kett über den Tisch, näherte ihr Gesicht dem Nikolais, so daß er in ihrer Iris sein Bild sah. Und dieses Mal waren in ihrer Stimme Wut und Spott:
— Glaubtest du denn, daß ich dich liebe? Glaube es nicht:
ich experimentierte nur! Ich wollte nur in deiner Seele die Flamme der wahren, alles verzehrenden Liebe sehen. Nun ja! der Versuch ist nicht geglückt! Ich habe mich umsonst gezwungen, deine Küsse zu ertragen. Ich habe umsonst das Zittern des Abscheus bekämpft, wenn ich dir erlaubte, mich zu umarmen. Deine Seele war noch kleiner und enger als selbst ich es erwartete. Triumphiere, — du hast mich betrogen, da du dich größer und würdiger anstelltest, als du tatsächlich warst.
Sie begann zu lachen.
So standen sie im Triebe gegenseitigen Hasses einander aufs neue wie schon viele Male im Leben gegenüber und schleuderten sich Beleidigungen zu. Vor Nikolais Augen war es wie ein Nebel, und Ketts Bildnis verschwand bald, um dann aufs neue zu erstehen. Und schon wußte er nicht, ob sie zu ihm die wütenden Flüche sprach, oder ob er sie für Kett sich selbst sagte.
Wie Gewitterschein fiel plötzlich ein seltsamer Gedanke in die Weiten der Erkenntnis Nikolais. Scheu und ungläubig streckte er seine Hand aus und berührte ihre Hände.
— Kett! Kett! Bist du dies? fragte er. Oder bist du eine Erscheinung? Es ist ja nicht möglich, daß du mir das alles sagen kannst. Es sind doch dieselben Gedanken, die ich heute auf dem Wege durch die Schneefelder dachte? Du konntest ja nichts von dem wissen? Antworte mir!
Und sehr unerwartet, mit sehr verändertem Gesicht, mit unendlicher Zärtlichkeit, mit der letzten Liebkosung antwortete Kett:
— O, natürlich, natürlich, ist das alles Lüge! Es ist nur das eine wahr, daß ich dich liebe, doch ich darf nicht mit dir sein. Und so kam ich her, dir meine Liebe beweisen.
Nikolai erblickte in Ketts Hand einen Dolch. Sie führte die Schneide an ihre Lippen und küßte sie. Dann öffnete sie das Kleid. Langsam stieß sie den Dolch dort hinein, wo ihr Herz schlagen mußte. So stand sie noch einige Augenblicke, bleich und mit geöffneten Lippen. Dann fiel sie hin.
Und sofort verließ Nikolai jene Erstarrung, die sich immer im Traum einstellt, wenn man fliehen muß. Er warf sich auf Kett, um sie aufzuheben, seine Lippen auf ihre Wunden zu drücken, ihr zu sagen, daß er nur sie liebe — und erwachte.
Er war allein in seinem Kabinett, und saß auf seinem Sessel. Unter dem grünmetallenen Schirm brannte die Lampe hell und gleichmäßig. Ringsum war es still.
War es denn Kett, die zu ihm hereinkam? Oder war alles nur ein Fiebertraum?
Er trank noch mehr Wein. In den Schläfen hämmerte es.
4.
Lange saß Nikolai so, seinen Kopf in seine Hände gepreßt. Um seine Erregung zu bekämpfen, bemühte er sich, etwas Nebensächliches, Unwichtiges zu denken. „Dann, dann,“ sprach er zu sich, „dann will ich alle Fragen entscheiden, aber jetzt muß ich mich beruhigen, sonst werde ich verrückt.“ Doch es waren immer dieselben Gedanken, immer dieselben Bilder, die zu ihm kamen, wie Wellen in der Stunde der Flut zu dem ausgehöhlten Stein kommen.
Es ist sehr schwer, so allein zu sein mit den Gedanken, wenn sie plötzlich ein unabhängiges Leben gewinnen, unerbittlich einen bestürmen und die geschwächte Erkenntnis mit langen Speeren besiegen! Könnte man weggehen aus diesem einsamen Zimmer, das allen Traumgesichtern offen steht, — zum Licht, zum Menschenwort, zu den Menschen! Ist denn wirklich der schweigende Ruf der Seele zu schwach, um jemand hereinzurufen, der mitleidig wäre und trösten könnte? Er hat keine Kraft mehr, er bittet um Erbarmen.
Und leise und kaum hörbar öffnete sich die Türe. Mit den zärtlichen Schritten des liebenden Weibes kam Lydia herein, trat an ihn heran, legte ihre Hände auf seine Schultern:
— Du bist müde, Nikolai, bist krank, leg dich zu Bett.
Fieberhaft grub er sich in ihre Hände. Er wandte ihr sein erhitztes Gesicht zu. In der Welt quälender Halluzinationen, wie war es freudig, ein schlichtes und mildes Gesicht
zu sehen! Und war nicht ein leichtes Scheinen um diesen Kopf wie bei den Heiligen der raphaelitischen Bilder?
Er lehnte seine Wange an Lydias Hand und gehorsam sagte er:
— Ja Lydia, ich bin krank, bin müde, sehr müde. Doch nicht vom heutigen Tage, aber vom ganzen Leben. Ja, nimm mich, ja, führe mich fort. Doch nicht nur aus diesem Zimmer, aber aus den Qualen meines Lebens. Ich ziehe mich zurück. Ich erkläre mich für besiegt. Rette mich, da du allein mich retten kannst.
Ihre Augen füllten sich leise mit Tränen. Kraftlos sank sie zu seinen Füßen nieder, bettete ihren Kopf auf seine Knie, flüsterte ihm zu:
— Jetzt bittest du mich um Hilfe. Aber dachtest du an mich in jenen Monaten, wo ich tags und nachts mit dem Kopf an die Wände schlug, wo ich stundenlang auf dem Fußboden lag, im Verlangen, tiefer zu fallen, noch tiefer. Wenn es dir in den Kopf kam, mich zu liebkosen, dachtest du daran, daß ich vor Trauer fast verrückt wurde? Aber du verlangtest, daß ich lächeln sollte; du fragtest, ob ich nicht glücklich wäre und warum ich mich nicht freue, daß ich mit dir sei? Gehorchend wurde ich fast zu einem Automaten. Ich lernte lachen, wenn du mein Lachen wolltest, lernte Worte sprechen, die du mir vorsagtest. Alles, was in mir mein war, mein Eigenstes, rissest du heraus. Du hast meine Seele verwüstet, was erwartest du jetzt noch von mir?
Wie in einem Anfall plötzlichen Schmerzes preßte Nikolai ihre Hände. Antwortete voller Trauer:
— Ich werde nicht lügen. Ich habe dir nichts zu geben und will dir alles nehmen. Ich bitte dich um ein Opfer, eine Tat. Ich werde niemals aufhören, jene, die anderen, zu lieben. Und zuweilen werde ich dich darum hassen, weil du nicht sie bist und nicht ihre Worte und Liebkosungen kennst. Doch du zeige mir die ganze Grenzenlosigkeit der Liebe. Sei mein Schicksal, meine Gnade, mein Segen. Sei mir eine Mutter. Sei mir eine ältere Schwester. Wiege mich ein mit
zärtlichen Händen. Streichle mit ihnen mein Herz, — es hat so nötig die Berührung zarter Finger.
Ihr Atem ging unmerklich in Schluchzen über. Sie zitterte auf seinen Knien, die Kleine, die Hilflose.
— Zu spät! sprach sie durch Tränen. Monate und Monate hindurch erwartete ich diese Worte. Mit letzter Anstrengung hielt ich in mir die versiegenden Quellen der Liebe und Verzeihung zurück. Ich sagte mir: er wird zu mir kommen, ein Unglücklicher, Zerquälter und ich werde alles vergessen und ihm alles sein, was er nur verlangt. Doch du kamst zu mir mit Lippen, die noch heiß waren von anderen Küssen, suchtest in mir nur ein anderes, als in den anderen, verlangtest, daß ich in deinem Leben eine Dekoration wäre. Und vergebens sprach ich noch zu mir: das wird morgen sein . . . Aber ich weiß selbst nicht, es flossen unbemerkt die letzten Tropfen aus mir, es verwehte der letzte Rausch. Ich bin eine Wüste. Ich bin nur ein Schatten. Was könnte ich dir geben?
Nikolai beugte sich zu ihrem Ohr, lehnte ihren so bekannten ihm verwandten Körper an seinen und, indem er sich bemühte, seiner Stimme all die Töne früherer Tage zu geben, flüsterte er ihr zu:
— Lydia! Im Namen unseres gestorbenen Sohnes . . . im Namen unseres künftigen Kindes.
Sie befreite sich aus seinen Händen. Ihr von Tränen gerötetes, ihr seltsam zerdrücktes Gesicht mit den auf die Stirn hinunterfallenden Haaren, war furchtbar und erbarmenswert und wieder wurden die Augen wahnsinnig und groß.
— Unseres Sohnes? fragte sie zurück. Hast du es denn noch nicht begriffen, daß ich selbst ihn getötet habe? Hast du nicht begriffen, warum ich an seinem Sarge nicht weinen konnte? Aber ich weinte, habe zuviel um ihn geweint, als er noch lebendig war. Doch ich war das Werkzeug Gottes, der mir, der Mutter, befahl, dich in deinem Sohne zu treffen. Ich nahm ihn aus seinem Bettchen, ich legte ihn auf ein Kissen und während ich weinte und seinen Körper küßte, erwürgten ihn meine Hände. Und als er aufgehört hatte zu
atmen, da ging ich, dich und deine Geliebten rufen und den Doktor und alle! Und ihr begrifft es nicht, niemand, niemand!
Sie lachte mit dem furchtbaren Jubel des hysterischen Lachens. Nikolais Gedanken verwirrten sich. Er wußte, er fühlte, daß sie die Unwahrheit sprach. Doch es fehlte ihm an Kraft, zu entdecken, worin die Unwahrheit wäre. Er fand keine Worte, und wiederholte nur stumm:
— Es ist Lüge, es ist Lüge.
Ohne Kraft zu sprechen, zeigte sie mit der Hand zur Seite. Dort, auf dem Sessel, auf dem weißen verhüllten Kissen lag mit purpurnem Gesicht und hervorgequollenen Augen der Leichnam seines Kindes.
„Wie aber hat der Doktor denn nicht begriffen, daß es erwürgt sei?“ dachte Nikolai.
Dann aber begriff er diesen Gedanken und schrie sich selbst zu:
— Welcher Irrsinn! Mein Sohn ist vor einigen Wochen gestorben und längst begraben. Dies ist wieder ein Fiebergesicht.
Er glaubte zu ersticken und versuchte angestrengt, zu erwachen. Aber das Zimmer begann sich mit kleinen nackten Körpern gestorbener Kinder zu füllen, mit diesen blutlosen, verkrümmten, abscheulichen. Das war eine ungeheuere Morgue, in welcher er der Mörder aller war, schuld an jedem Tode. Und sein Kopf drehte sich und alles begann, sich ringsum zu drehen, und ein wildes Geheul erfüllte seine Ohren, als würden Teufel um ihn kreisen.
Mit letzter Willenskraft entriß er sich diesem Alpdrücken und kehrte zur Wirklichkeit zurück.
Rings war alles wie immer still. Wie früher saß er an seinem Schreibtisch.
Er fühlte große Hitze. Er hatte Fieber. Man müßte weggehen von hier, sich ins Bett legen. Doch es fehlte an Kraft. Er fühlte, daß die Klarheit nur einen Augenblick dauern würde, daß das Fieber sofort aufs neue beginnen müsse.
Einige Zeit kämpfte Nikolai noch auf der Grenze des Realen, wehrte sich gegen den Schritt in die Welt der Gespenster und des Entsetzens. Doch irgend eine Kraft besiegte ihn und wie in eine Schlucht, so stürzte er wieder in den Abgrund seiner Gesichter.
5.
Die Türe bewegte sich zum dritten Male.
„Jetzt werde ich Mara sehen“, dachte Nikolai.
Mara kam herein.
Ihre Lippen waren aufeinandergepreßt. Ihre Augen schauten konzentriert. Sie sagte:
— Ich kam, um dich zu holen.
Und schon fehlten ihm Kraft und Willensstärke, um zu kämpfen. Mit einem Zeichen hieß sie ihn aufstehen und gehen. Wie ein Mondsüchtiger folgte er ihr durch die dunklen Zimmer und dachte daran, wie der Fieberwahn das Aussehen aller Gegenstände verändere.
Im Gastzimmer brannten die Kerzen hell in ihren Kandelabern.
— Sieh hin, sagte Mara.
Auf dem Divan lagen zwei Körper. Es waren Lydia und Kett. Beide waren tot. Auf dem Boden lag in dunkelroten Flecken das Blut, und färbte in ungeheueren Kreisen den Stoff des Divans. Blutgeruch erfüllte das ganze Zimmer.
Im Kopf Nikolais verwirrten sich die Bilder und Gedanken. Sein ganzer Körper zitterte. Um nicht zu fallen, stützte er sich auf die Lehne eines Sessels. Zuweilen glaubte er an die Realität all dessen, was er sah, zuweilen erkannte er, daß es nur ein Fieberwahn sei. Bald wollte er erwachen, bald seinen Wahnsinn fortsetzen.
Mara sagte ihm etwas, und es war gewaltig und voller Befehle. So wird man vielleicht auf dem Letzten Gerichte sprechen. Langsam begann Nikolai zu hören und den Sinn ihrer Worte zu verstehen.
— Darum tötete ich sie, sagte Mara, weil du sie liebtest. Diese Stunde war ihre letzte Stunde und ich konnte sie schon
nicht mehr vorübergehen lassen. Sie würde sich nicht wiederholt haben. Ich willigte ein, das Schicksal zu spielen. Das Schicksal muß wohl schön sein. Und nur jene Liebe ist wirklich schön, die vom Tode gekrönt wird. Unser Zweikampf ist der ewige Zweikampf des Mannes und der Frau. Du hättest wohl gewünscht, daß alle Frauen der ganzen Welt dir gehören sollen; ich aber wäre bereit, die ganze Welt zu verwüsten, um mit dir allein zu sein. Lange warst du der Sieger, doch der letzte Kranz ist mein! Vielleicht wurde mein Sieg nur durch Untreue erkämpft, aber die Liebe rechtfertigt alles und auch die Untreue! Unsere Welt ist verwüstet, da wir nur noch einige Stunden zu leben haben und in diesen Stunden werden wir allein sein!
Noch immer konnte Nikolai kein Wort sprechen. Manchmal glaubte er, den Verstand zu verlieren. Mara dachte, daß er schwankend geworden wäre und sprach ihm mit weißem und verzerrtem Gesichte von etwas anderem. Daß sie alles vorhergesehen hätte. Daß es nutzlos wäre, jemand zu rufen. Daß man ihn in jedem Falle der Mitschuld am Verbrechen bezichtigen würde, ihn richten, verurteilen . . .
Die letzten Worte machten Nikolai fast lächeln. So lächerlich erschien ihm der Gedanke, daß der nächste Tag in irgend einer Verbindung mit dieser wahnsinnigen Nacht sein könnte.
Seltsam kam es Nikolai vor, daß er nicht bemerkt hatte, wann Mara die Kleider auszog. Und in dem Zimmer des Todes stand sie vor ihm so sehr nackt, wie sie es liebte, sich ihm hinzugeben. Durch den erstickenden Blutgeruch drang der bekannte und so einzige Duft ihres Körpers bis zu ihm.
Und Mara rief ihn, zärtlich und liebkosend.
— Liebster, komm her, komm. Ich will, daß du mich liebkosen sollst. Ich will dich. Will, daß wir im selben Augenblicke dasselbe fühlen sollen. Und dann wollen wir beide sterben und auch im selben Augenblick. Und der Tod wird uns sein, wie eine Zärtlichkeit.
Doch erst, als Mara ihm schon ganz nah war und sich an ihn schmiegte und ihm in die Augen schaute, konnte Nikolai erwidern:
— Ich weiß, daß du ein Schatten bist, ein Traumgesicht, nur eine Erscheinung Maras. Doch der Erscheinung kann und will ich alles sagen, was ich ihr nicht gesagt. Ich glaube, daß aus all den Gefühlen, die mich peinigten und betörten, nur jenes heilig war, das ich ihr entgegenbrachte, deinem Urbilde! Weil unsere Liebe der Ruf des Körpers zum Körper war, und ganz ein sinnliches Verlangen, das noch nicht von Freundschaft oder Mütterlichkeit befleckt war. Unsere Liebe war das auf allen Welten gleiche elementare Geheimnis, das den Menschen ähnlich macht den Dämonen und Engeln.
Nikolai konnte selbst nicht begreifen, warum er von seiner Liebe als von etwas Vergangenem sprach.
Dann ließen sich die zwei langsam auf einen Teppich sinken und preßten sich in Umarmungen aneinander. Die Wirklichkeit begann zu schmelzen und zu verschwinden und zur Unendlichkeit wurde jener kleine Raum, in dem sich die beiden Körper befanden. Der Augenblick jenes Rausches trat ein, wo der Mensch sich als einen Vogel fühlt, der über dem Abgrund hängt, und wo er immer grade vor sich die anderen Augen sieht, die beschattet sind von der Qual entrückter Sinnlichkeit, und wo er kreist und kreist und plötzlich loslassend wie ein Pfeil hinunterschießt in die Gischt der Abgründe.
Als er erwachte, sah Nikolai die beiden toten Körper, die noch immer so unbeweglich auf dem Divan ausgestreckt lagen. Lydias Gesicht war milde und ihre klagenden geöffneten Lippen fragten: schon? — aber das stolze und ruhige Gesicht Ketts antwortete: mag sein! Als Nikolai sich den Körpern nähern wollte, hielt Mara ihn zurück:
— Nicht nötig, nicht nötig.
Es war Wein da. Sie tranken ihn. Sie sogen den Duft aus Blut, Wein und Leidenschaft ein. Sie bemühten sich, nur einander in die Augen zu schauen. Ihre Gesichter brannten, und in ihren Augensternen spiegelten sich die brennenden Kerzen wie Funken.
Die Stunden vergingen. Und es waren Ekstasen der Leidenschaft und Ekstasen der Ermattung. Und es war die
Seligkeit der Bekenntnisse und die Seligkeit des Schweigens. Ihre Körper waren von Umarmungen geschwächt und konnten dennoch nicht den Liebkosungen entsagen. Ihre Seelen, die sich einstmals dem Leben wie blühende Blumen geöffnet hatten, errieten hinter jedem gesagten Worte die ganze Unendlichkeit seiner Bedeutung. Dann aber verschmolz sie das schon nicht mehr zu befriedigende Verlangen wieder und wieder in eines und sie taumelten auf dem harten Fußboden, der kaum vom Teppich bedeckt war, inmitten der Flecken von Blut.
Draußen begann es, trotz des wütenden Sturmes allmählich heller zu werden. Bleiche Lichtflächen legten sich auf die Wände, die Möbel, die Teppiche. Langsam veränderte sich die Welt.
6.
Drei Tage lang beschäftigten sich die örtlichen Zeitungen mit den ungeheuerlichen Vorkommnissen auf dem Gehöfte des Nikolai S. Die vier Leichname konnten niemand von den Geheimnissen der furchtbaren Nacht erzählen. Die Dienerschaft wurde anfangs arretiert, doch bald infolge mangelnder Beweise wieder freigelassen. Das Geschehnis blieb ein unaufgeklärter Fall. Die Nachricht von dem geheimnisvollen Morde oder Selbstmorde der drei Schwestern und des Mannes einer derselben drang nur in Form von kurzen Bemerkungen in die größeren Blätter und erschien dort in kleiner Schrift auf der vierten Seite in der „Provinzialchronik“. Übrigens konnten sich die Leser dieses intimen Familiendramas im Lärme der großen politischen Ereignisse jenes Jahres dafür auch nicht interessieren.
Im unterirdischen Kerker
Nach einer italienischen Handschrift des 16. Jahrhunderts
1.
Sultan Mahomed II., der Eroberer, welcher zwei Kaiserreiche sich unterworfen hatte, vierzehn Königreiche und zweihundert Städte, schwor, daß er sein Roß mit Hafer vom Altar des heiligen Petrus in Rom füttern wollte. Achmed Pascha, der Großvezier des Sultans, durchschiffte mit einem ungeheuren Heere die Bucht, umlagerte Otranto zu Wasser und zu Lande und nahm es im Sturmangriff vom 26. Juni im Jahre des Heils 1480. Die Sieger kannten ihren Greueln keinen Einhalt: Messer Francesko Largo, den Befehlshaber des Heeres, zerschnitten sie mit einer Säge, viele der noch kampffähigen Einwohner wurden umgebracht, der Erzbischof, die Priester und die Mönche wurden in ihren Kirchen auf alle mögliche Weise beleidigt, die wohledlen Damen und Jungfrauen durch Vergewaltigung geschändet.
Des Francesko Largo Tochter, die schöne Julia, begehrte der Großvezier selbst in seinen Harem. Doch die stolze Neapolitanerin willigte nicht ein, Maitresse des Ungläubigen zu werden. Sie empfing den Türken bei seinem Besuche mit solchen Schmähungen, daß ihn ein furchtbarer Zorn gegen sie befiel. Natürlich hätte Achmed Pascha den Widerstand des schwachen Mädchens mit roher Gewalt besiegen können, doch er beschloß, sich grausamer zu rächen und ließ sie in den städtischen unterirdischen Kerker werfen. In diesen Kerker warfen die neapolitanischen Herrscher nur unverbesserliche Mörder und schwärzeste Bösewichte, deren Strafe schlimmer sein sollte als der Tod.
Julia, die man an Händen und Füßen durch dicke Stricke gefesselt hatte, wurde in einer verhüllten Sänfte zum Kerker getragen, da selbst die Türken ihr eine gewisse Ehrerbietung die ihr nach Geburt und Stellung zukam, nicht verweigern konnten. Auf enger und schmutziger Treppe wurde sie in die Kerkertiefe hinabgezerrt und mit einer eisernen Kette an die Wand geschmiedet. Julia hatte nur ihr prächtiges Gewand aus Lyoner Seide an, alle ihre Schmucksachen hatte
man ihr fortgenommen: goldene Ringe und Armbänder, ihr Perlendiadem und die diamantenen Ohrringe. Jemand zog ihr sogar die Safianstiefelchen, die aus dem Orient stammten, ab, so daß Julia barfuß blieb.
Der Kerker war eine Erdhöhle unter dem Turme der Stadtmauer. Zwei mit dicken Eisenstäben fest vergitterte und dicht an der Decke belegene winzige Fenster reichten nur mit ihren oberen Teilen ans Tageslicht. Sie ließen nur ein wenig Helligkeit durch, damit im Kerker kein ewiges Dunkel wäre, und damit die an das Halbdunkel gewöhnten Augen die Mitgefangenen unterscheiden könnten. In den Steinmauern waren starke Haken mit Ketten und Eisengürteln angebracht. Diese Gürtel wurden fest um die Eingesperrten geschlungen und dann verschlossen.
Sechs Gefangene waren im Kerker. Die Türken wollten keinen von ihnen befreien, da sie die Gebräuche der Länder, die sie erobert, fortzuführen liebten. Und Julia ward angekettet neben der alten Vanozza, die wegen Zauberei und Verkehr mit dem Teufel verurteilt worden war, und neben dem bleichen Jüngling Marco, der schon während der Belagerung hier eingesperrt wurde, da er an einer Verschwörung gegen den Befehlshaber der Stadt teilgenommen hatte.
2.
Julia lag in den ersten Stunden ihrer Gefangenschaft wie eine Tote. Sie war von all dem mit ihr Geschehenen erschüttert und glaubte in der dumpfen und übelriechenden Kerkerluft ersticken zu müssen. Von Minute zu Minute erwartete sie ihr Hinscheiden.
Die andern Gefangenen, die noch nichts von der Einnahme der Stadt wußten, besprachen unterdes, was sie gesehen. Anfangs stritten sie lange über den Grund des Erscheinens der Türken in ihrem Loche. Dann sprach man von Julia, kritisierte ihr Äußeres, ihr Gesicht, ihre Kleidung und warf die Frage auf, wer sie sei und was sie wohl in diese Höhle gebracht hätte.
— Ein schönes Mädchen, sagte Lorenzo, der alte Räuber,
der an dem der Julia entgegengesetzten Ende des Kerkers angekettet war, — schade nur, daß ich so weit von ihr bin. Du aber, Marco, säume nicht!
— Das ist ein wichtiger Vogel, ist nicht für uns, sagte die alte Vanozza, — und was trägt sie für ein Kleid! Einen ganzen Dukaten ist die Elle wert.
— Daß ich den Kopf ihr zerschlüge, wär sie mir nur näher, sagte Cosimo aus seiner dunklen Ecke heraus, — sie ist von jenen, die in Seide gehen, während wir hungern.
Die leidende Maria, die schon längst fast zum Skelett geworden, und die der frühere Kerkermeister jeden Tag fragte, ob sie nicht bald stürbe, bemitleidete Julien:
— O, schwer wird es ihr werden, so vom weichem Pfühle auf die nackte Erde zu kommen, vom fürstlichen Mahle zu Wasser und Brot!
Aber der Prophet Filippo, der entsprungene Mönch, der im Kerker schon über zwanzig Jahre saß, und ganz mit Haaren bewachsen war, drohte mit schrecklicher Stimme:
— Nah ist die Zeit, sie ist nah. Die Welt ist den Ungläubigen übergeben, zur Züchtigung der Stolzen und Schlemmenden, damit später die Kleinen und Armen sich freuen können. Freut euch.
Und nur Marco schwieg. Übrigens betrachteten ihn die Gefangenen noch nicht völlig als den ihrigen, da er ein Neuhinzugekommener war.
3.
Langsam kam Julia zu sich. Doch ihre Augen blieben geschlossen und sie bewegte sich nicht. Sie hörte von sich sprechen, aber begriff kaum ein Wort. Dann dunkelte es immer mehr und die Gefangenen schliefen einer nach dem andern ein. Von allen Seiten scholl lautes Schnarchen. Da erst konnte Julia weinen und sie schluchzte bis zum ersten Lichte.
Früh am Morgen stiegen die neuen Kerkermeister zu ihnen herab. Das waren zwei Türken: der eigentliche Kerkermeister war älter, sein Gehilfe jünger. Sie begannen, wie
das auch ihre Vorgänger taten, den Kerker zu reinigen. Der Gehilfe nahm mit einer Schaufel den Unrat, der sich tagsüber ansammelte, weg, während der andere den Gefangenen Stücke verschimmelten Brotes zuteilte und in ihre Lehmkrüge Wasser goß.
Anfangs wagten die Gefangenen nicht zu sprechen, aber dann erkühnten sie sich, zu fragen, was denn eigentlich geschehen sei, und warum man sie nicht freiließe, wenn doch die Stadt von anderen beherrscht würde. Doch die Türken verstanden kein Italienisch.
Den altern Kerkermeister reizte Julias Schönheit und Jugend. Er legte seinen Brotsack beiseite, sagte ihr einiges in schmeichelndem Tone und wollte sie umfangen. Doch Julia, die ihre traurige Lage vergaß, wollte keine solche Beleidigung ertragen und schlug ihn ins Gesicht.
Der Türke wurde wütend, ergriff eine Peitsche, die er zufällig bei sich trug, und begann, sie grausam zu peitschen. Alsdann, akkompagniert vom Lachen und fröhlichen Schreien des ganzen Gefängnisses, vergewaltigte er sie.
So gewann die Jungfernschaft der schönen Julia Largo, die ihre Gunst selbst dem Großvezir des Sultans versagt hatte, ein einfacher Türke, dem es nicht einmal gegeben war, die Frauen aus dem Harem seines Paschas jemals sehen zu können.
4.
So vergingen die Tage im Kerker.
Julia gewöhnte sich allmählich an ihre furchtbare Umgebung, an die verpestete Luft, an das steinharte Brot und an das faulende Wasser. Sie gewöhnte sich selbst an Dinge, an die sie früher ohne die äußerste Scham nicht einmal denken konnte. Schweigend nahm sie des Kerkermeisters Liebkosungen täglich hin, sowie auch zuweilen seine Schläge. Sie entschloß sich, wie alle Gefangenen es taten, vor aller Augen das zu tun, was die Leute gewöhnlich verbergen.
Die Gefangenen waren in solchen Abständen angekettet, daß der eine sich nur mit Mühe bis zum andern strecken
konnte. Die Länge der Kette erlaubte ihnen zu sitzen, doch schon zu stehen war unmöglich. Doch ungeachtet dessen erdachten die Gefangenen sich eine ganze Reihe von Zerstreuungen. Lorenzo und Cosimo stellten sich Würfel her und würfelten ganze Tage — um Brot und Wasser; zuweilen mußte der Verlierende ganze fünf Tage hungern. Sehr oft nahm auch die Vanozza an ihrem Spiele teil. Cosimo belustigte sich außerdem damit, auf die anderen Gefangenen mit Steinen und Erde zu werfen. Dadurch brachte er dann den Filippo so in Wut, daß der wie ein Stier zu brüllen begann und an den Ketten riß, daß die Wände nur so zitterten. Sonst war Filippo eifrig damit beschäftigt, eine Kreuzigung Christi in die Wand neben sich zu meißeln. Zuweilen auch erhoben sich unter den Gefangenen lange Gespräche, die immer in ein wüstes Geschimpfe übergingen. Zuweilen aber gingen ganze Tage vorbei, an denen keiner sprechen wollte: alle lagen in ihren Winkeln, voll Wut und Verzweiflung.
Inmitten der Gefangenen blieb Julia einsam. Sie antwortete auf keine Frage, und es war, als hörte sie die Schmähungen nicht, mit denen sie überschüttet wurde. Sie sagte keinem, wer sie sei, und dies blieb ein Geheimnis für alle Insassen des Kerkers. Sie verbrachte die Tage in schweigsamem Nachsinnen, ohne zu weinen, ohne zu klagen.
Nur mit ihrer Nachbarin, der alten Vanozza, tauschte sie zuweilen einige Worte aus. Vanozza, die im Kerker schon viele Jahre saß, gab Julien mehrere wichtige Ratschläge. Unterwies sie, von Zeit zu Zeit auf den Zehenspitzen zu sitzen, damit die Füße nicht steif würden. Zeigte ihr, wie man es anstellen müsse, damit der eiserne Gürtel nicht allzu sehr den Körper presse. Riet ihr, jeden Morgen den im Kruge gebliebenen Wasserrest auszusprengen, damit das Wasser nicht verfaule. Julia mußte die Nützlichkeit dieser Ratschläge einsehen und antwortete aus Dankbarkeit auf die Stimme der Vanozza.
Einmal stieß Julia unversehens an ihren Krug und vergoß ihr Wasser. Die Gefangenen hüteten ihr Wasser sehr, denn es war Sommer und im Kerker sehr heiß. Furchtbar quälte Julia der Durst, aber sie zeigte es nicht.
Der neben ihr angekettete Marco rückte ihr seinen Krug heran.
— Du willst trinken, sagte er, — und ich bitte dich, nimm mein Wasser.
Julia sah den Marco an. Seine schwarzen Augen kamen ihr schön vor und ebenso seine bleichen Wangen.
Sie sagte:
— Ich danke dir.
An diesem Tage war das schlechte Wasser ganz besonders erfrischend.
5.
Seit diesem Tage begann Julia mit dem Marco zu sprechen. Anfangs waren ihre Gespräche sehr abgerissen. Aber allmählich begannen sie mehr und mehr miteinander zu reden. Und zuletzt verbrachten sie ganze Tage in Unterhaltungen.
Julia erzählte von der Pracht und dem geselligen Leben in den Palästen: von den gewölbten Galerien und dem Fußboden aus Mosaik, von Möbeln aus kostbarem Holze und Lüstern aus venezianischen Glase, von Gärten mit künstlichen Wasserfällen und Fontänen, von Kleidern, die mit Gold und Perlen ausgenäht sind, vom Fest und vom prunkenden Mahl, von Bällen mit Tanz, Maskeraden in den von Lampions geschmückten Gärten, von Illuminationen und von den heiteren Jagden im Walde; von Theateraufführungen und vom Spiel auf dem Spinett, der Zither, Flöte und dem Klaviere; erzählte von den Werken der Kunst, von Spangen, Braceletten, Diademen, welche die besten Juweliere gearbeitet hatten, von feinen artigen Medaillen, von Statuen der alten und neuen Bildhauer, von wundervollen Bildern der großen neuen Maler, die Geschehnisse aus der heiligen Geschichte, Szenen aus den römischen Göttersagen oder Bilder des gegenwärtigen Lebens darstellten; erzählte alles, was sie in den Büchern des Filelfo, Pontano, Panoramito, Alberti und anderer zeitgenössischer Schriftsteller gelesen hatte; wiederholte die Novellen des Poggio und Boccaccio und deklamierte die Verse des Petrarca.
Marco hingegen sprach von den schönen Muscheln, die er im Meere gesammelt, von den wunderlichen und bunten Fischen, die er in seinen Netzen gefangen, von den Krabben, deren Gang seitwärts ist, und von den unförmlichen Tritonen; gedachte der nächtlichen Fischfänge, beim Schein der Pechfackeln, der Wettfahrten in Boten, der tiefblauen Grotten, der furchtbaren Stürme auf dem Meere; beschrieb das Leben in Sizilien und Afrika, in den Ländern, wo schwarzhäutige Menschen, Elefanten und Kamele leben; gab wieder die Erzählungen von den Irrfahrten Sindbads des Seefahrers, der einst den Rücken eines Meeresungeheuers für ein Eiland angesehen hätte, der in den Ländern war, wo Menschen ohne Köpfe leben, der den Vogel Rochen weit hinter den Mondbergen gejagt hatte; er träumte von den Sirenen des Meeres, die des Nachts auf Leiern mit goldenen Saiten spielen und die jungen Fischer zu sich heranlocken, um sie zu ertränken, träumte von den Salamandern, die unsichtbar in der Luft rings um uns leben, und die nur im Feuer sichtbar sind, weil sie durch dieses hindurchgehend, entflammen müssen, träumte von den schwarzen Titanen, die unter dem Vesuv liegen und deren Atem schwarzer Rauch ist, und auch von dem Leben auf der Sonne und den Sternen und von den singenden Blüten und von den Mädchen mit Flügeln, ganz wie Schmetterlinge.
Nur von einem sprachen Julia und Marco nie: von ihrem Gegenwärtigen und Zukünftigen, von dem, wie die Tage im Kerker wären, und was sie erwartete.
Die anderen Gefangenen lachten anfangs über ihre Gespräche, hörten aber bald auf, ihnen irgend welche Aufmerksamkeit zu schenken.
6.
Da sie einander erkannten, schämten sich Julia und Marco wieder vor einander. Und wieder begannen sie jenes im geheimen zu tun, was die Leute vor fremden Augen verbergen.
Eines Morgens wandte der Kerkermeister Julien seine Aufmerksamkeit wieder zu, obgleich sie, geschwächt durch
Hunger, Luftmangel und Krankheit, nicht mehr zu den ausnehmenden Schönheiten gerechnet werden konnte. Der Türke setzte sich neben sie auf den Fußboden, lachte und wollte sie umfangen, wie er solches in den ersten Tagen ihrer Kerkerzeit getan. Doch Marco packte ihn von hinten an den Schultern, warf ihn um und zertrümmerte ihm fast mit seiner Kette das Hirn.
Dem heraneilenden Gehilfen war es natürlich ein leichtes, den von der langen Gefangenschaft geschwächten Jüngling zu bewältigen. Beide Türken stürzten sich auf ihn und begannen ihn unbarmherzig zu peitschen. Sie schlugen ihn abwechselnd, bis beider Hände vor Ermattung niedersanken. Schimpfreden und Drohungen ausstoßend, entfernten sie sich endlich und ließen den Marco in einer Blutlache zurück.
Im Kerker schwieg alles. Keiner wußte, was zu sagen.
Julia näherte sich dem Marco, soweit ihre Ketten es zuließen, wusch seine Wunden und legte ihm feuchte Umschläge um den Kopf.
Marco öffnete die Augen und sagte:
— Ich bin im Paradies.
Julia küßte ihn auf die Schulter, da sie seine Lippen nicht erreichen konnte und sagte ihm:
— Ich liebe dich, Marco. Du bist so licht.
Alle dachten, daß der Türke am nächsten Tage Marco totschlagen würde. Doch aus irgend welchen Gründen kamen am nächsten Morgen zwei neue Kerkermeister, den Kerker zu reinigen: beide waren düster und beachteten die Gefangenen keineswegs. Hatten nun die Bisherigen Furcht vor der Rache, oder wurden sie abgelöst — dies blieb für den Kerker ein Rätsel.
7.
Marco war einige Wochen lang krank, und Julia pflegte ihn nach Kräften. Doch als Marco wiederhergestellt war, erkrankte Julia.
Eines Abends begann sie laut zu stöhnen, da sie ihre
Schmerzen nicht länger verbeißen konnte. Die alte Vanozza erfaßte die Sachlage und hieß sie näherrücken.
Gegen den Morgen gebar Julia ein totes Kind.
— Schade, daß es tot ist, sagte Lorenzo, — es wäre ein prächtiger Halunke geworden! Selten genug trifft einen das Schicksal, im Kerker geboren zu werden.
Cosimo beschimpfte die Vanozza, weil sie Julien geholfen hatte.
— Laß sie, es ist ein Weib, entgegnete ihm die leidende Maria.
Am Morgen kamen die türkischen Kerkermeister, wie immer, schaufelten den kleinen ungetauften Leichnam mit dem Unrat zusammen und trugen ihn irgend wohin fort.
8.
Einige Tage darnach sagte Julia zu Marco nachts, als alle schliefen:
— Marco! Du mußt mich ja verachten. Ich bin gefallen. Du bist der Erste, den ich lieb gewann. Aber ich kann dir nicht mehr die Reinheit meines Körpers hingeben. Gegen meinen Willen hat man mich beschmutzt. Ich bin deiner unwürdig, obwohl ich mich nicht an dir versündigt habe. Ach, wäre ich dir in früherer Zeit begegnet, und hättest du als erster meine Brust gesehen, die kein Mann je zu berühren wagte! Dann gäbe es keine Liebkosung, die ich nicht in mir finden würde, um sie an dich mit aller Hingabe der Liebe und Leidenschaft zu verschwenden. Jetzt aber, Marco, laß mich, und wage es nicht, an mich als an ein Weib zu denken. Wenn es mir schon unmöglich ist, dir als Mitgift die einzige wirkliche Kostbarkeit, die ein Mädchen besitzt, ihren ehrlichen Namen, mitzubringen, so will ich auch nicht, daß du dich späterhin deiner Wahl schämen müßtest. Ich werde dich ewig lieben, doch du sollst nicht an mich denken. Aber so lange uns noch der gerechte Zorn des Herrn in dieser Hölle festhält, o, so lange erlaub mir zuweilen dein Gesicht anzusehen, damit ich die Versuchung überwinden kann, die Todsünde des Selbstmordes zu begehen. Sollte aber die Fürsprache
der reinen Jungfrau Maria uns die Freiheit wieder erwirken, so gedenke vielleicht zuweilen jener Seele, der du ewig als ein Leuchten erscheinen wirst. Ich aber werde in der Zelle des Klosters nicht ermüden, Gebete für dich emporzusenden.
Jedoch Marco entgegnete ihr:
— Julia! Du bist der lichte Engel über mir. Niemals noch, sei’s im Traum oder im Wachen, sah ich etwas, was schöner wäre, als dein Bildnis. Du ließest mich wieder an Gottes Barmherzigkeit und an den Duft seiner Paradiese glauben. Denn wenn dort, inmitten der hohen Lilien, solche Menschen sind, wie du, so verlohnt es sich schon, die Qualen auf der Erde zu erdulden. Der Gedanke an dich blendet mich mit blauem Feuer, wie der Blitz. Wenn deine Hände mich berühren, erbebe ich: es ist wie eine glühende, aber süße Kohle, Deine Stimme ist wie ein Vogellied auf der taufrischen Wiese, oder wie das Raunen einer leise schaumgekrönten Welle, nicht weit vom steinigen Ufer. Den Fleck zu küssen, den du berührst, ist meine höchste Bestrebung. Du bist unberührt und in deinem Wesen aller Sünden ledig; die Sünde ist unter dir und du bist immer über ihr, wie der kristallene Himmel immer über den Wolken ist. O, meine Herrin, laß nicht mich entbehren den Regenbogen deiner Blicke.
Da aber kniete Julia nieder und sagte zu ihm:
— Marco! Mein Geliebter! So nimmst du mich denn zur Frau?
Da aber kniete Marco nieder und sagte zu ihr:
— Mädchen! Vor dem Antlitz Gottes des Herren, der alles sieht, nehme ich dich zum Weibe, verlobe mich mit dir und vereinige uns in einem Bunde, den kein Mensch jemals die Macht hat, aufzulösen.
Und so vereinte sie die Ehe, nachts, während alle schliefen und nur die beiden auf den Knien voreinander lagen.