Maria1

Ukrainische Erzählung in zwei Gesängen

Maria

Seiner Excellenz dem Herrn Julian Niemcewicz2

Eine Freude, wie ich sie lange nicht empfunden habe, belebt mein Herz in dem Augenblick, wo es mir erlaubt ist, Ihnen, mein Herr, durch Zueignung dieser Erzählung öffentlich meine Bewunderung auszudrücken für Ihren Charakter sowohl, wie für jene seltene, mit der Rastlosigkeit des Forschers den Zauber der Phantasie und die Fülle der Anmut verknüpfende Gelehrsamkeit, deren vereintes Gepräge den immer neuen und so schätzbaren Werken eigen ist, womit Sie die polnische Literatur unaufhörlich bereichern. Wenn es meinem Herzen wohltut, daß Sie mir gestatten, meine Blätter mit Ihrem Namen zu zieren, so ist dies gewiß kein Wunder, da nicht bloß mein Gemüt mit innerer Befriedigung sich in den Verlauf Ihres reinen und wohltätigen Lebens versenkt, sondern jeder Stammgenosse so gerne an den reifen Früchten Ihrer Geistesarbeit seine Seele labt, ja — ich sage noch mehr, und Niemand wird mich wohl der Übertreibung beschuldigen — da Ihr Name jedem jungen Polen eine Reliquie ist, die er am Herzen trägt; denn noch von unsern Vätern her wird uns Ihr Ruhm verkündigt, und in zauberhafter Weise mahnen Sie uns fortwährend an die Pflicht der Dankbarkeit. Sie werden freilich in meinen Versen vergebens die Schönheit suchen, welche Sie den Ihrigen zu verleihen wissen; bang und einförmig, wie unser Land und wie mein Gemüt, werden sie Ihnen nur mit dunkler Farbe unvollendete Bilder entwerfen: allein wenn diese Ihrem Verdienste dargebrachte Huldigung in Ihnen nur irgendwelches angenehme Gefühl erregt, so werde ich schon für mein düsteres Gemälde reichlich belohnt sein, sollte Ihnen dadurch auch nur für einen Augenblick ins Gedächtnis gerufen werden, wie hoch Ihre Landsleute Ihre Eigenschaften und Ihre Leistungen zu schätzen wissen.

Euer Excellenz untertänigster Diener

Malczewski

Erster Gesang

Es webt sich alles seltsam bunt

Auf diesem armen Erdenrund;

Und wer mit Menschenwitz es alles zu durchdringen dächte,

Der stirbt dahin und nimmer lernt er treffen doch das Rechte.

Jan Kochanowski3

1.

He, du Kosak, wo jagst du hin auf deines Rosses Schwingen?

Sahst etwa einen Hasen du auf jener Steppe springen?

Willst schlürfen im Gedankenspiel der Freiheit süß Behagen

Und mit ukrain’scher4 Windesbraut5 den kühnen Wettlauf wagen?

Fliegst du vielleicht zum Liebchen dein, das auf den Fluten harrt,

Und summst vor Ungeduld ein Klagelied6 dir in den Bart?

Denn auch die Mütze zogst du tief und lässt die Zügel schießen,

Staubwolken ziehn des Weges nach — lang hingestreckte Riesen;

Dein braunes Antlitz strahlt, als wärs entbrannt von feur’gem Flimmer,

Und, wie im Moor ein Irrlicht, blitzt auf ihm der Freude Schimmer,

Wenn dein gehorsam Pferd, gleich dir der Wildnis7 rauhes Kind,

Durchschneidet mit gestrecktem Hals den lauten Wirbelwind.

Weich aus, du Czernomorer8, mit dem knarr’nden Wagen, hei!

Denn diese Steppensöhne9 schmettern dir dein Salz10 entzwei.

Du schwarzer Vogel11 auch, der du dem Wand’rers grüßend nickst

Und kreisend ihn umschwebst und fragend ihm ins Auge blickst,

Ei, sput’ dich und enthülle dem Kosaken dein Geheimnis: —

Eh du den Kreis vollendet hast, sind fort sie ohne Säumnis!

2.

Sie jagen — in der Sonne Strahlen, die sich niederwendet,

Erscheinen sie wohl Boten gleich, von Himmlischen gesendet —

Und lang und weit vernimmt das Ohr der Hufe lautes Dröhnen;

Denn tiefes Schweigen deckt die Felder, die sich ringsum dehnen.

Nicht frohen Adels, noch der Ritter Stimmen tönen hie —

Der Wind nur, Ähren beugend, rauscht die Trauermelodie;

Aus Hügeln12 seufzt es, unter Rasen klingts wie Grabgestöhne,

Auf welken Kränzen schlafen da des alten Ruhmes Söhne.

Musik so wild — der Text13 dazu, er ist noch wildrer Art,

Den alter Polengeist den späten Enkeln aufbewahrt.

Doch ist ein Sträuchlein Ackerrosen alles, was sie ehrt,

Ach! wessen Herz, ja wessen fühlt von Gram sich nicht verzehrt?

3.

Vorbei ist der Kosak an Schlünden14 schon und tiefen Spalten15,

Wo Wölfe und Tataren gern sich im Verstecke halten.

Zu einem Kreuz flog er heran, des Hügel allbekannt,

Denn drunter liegt seit lange ein Vampir16 verscharrt im Sand.

Er zog davor die Mütze, kreuzt’ sich dreimal ängstlich bang

Und saust mit eil’ger Botschaft sturmesgleich die Stepp entlang.

Das flinke Roß zumal läßt sich durch keinen Zauber bannen,

Es schnaubt nur, stampft vor Ungeduld und eilt sofort von dannen.

Der dunkle Boh zieht Silberstreifen auf Granit17 dahin —

Der treue, mutige Kosak errät des Herren Sinn;

Die Mühle schäumt am Bach, in Weiden saust der böse Feind —

Das muntre, treue Rößlein merkt, wie der Kosak es meint,

Und über Wiesen blumenreich, durch Dornen18 scharf und dicht.

Da schlüpfen leichter wohl die flüchtigen Saїga’s19 nicht;

Und wie ein Pfeil, gestreckt auf hohem Sattelsitze20 liegt

Der lauernde Kosak, der sich ans Pferd behende schmiegt.

Der Wüstenkönig sprengt die unwegsame Wüst entlang

Und Steppe, Pferd, Kosak und Nacht sind nur ein wilder Klang.

O, wer will ihm verwehren auch zu schwärmen hier allein?

Fort ist er — Niemand holt auf heimatlicher Stepp ihn ein!

4.

Auf, spute dich, Kosak, befohlen ist die Eile dir!

Im alten, hohen Schloß nicht klein ist die Veränd’rung schier.

Der Herr Wojwod, den stets der Meinung Zwiespalt schied vom Sohne,

Pflog lange Rede jetzt mit ihm in huldvoll gnäd’gem Tone.

Noch kürzlich hatte neuer Hader sie entzweit, gekränkt,

Und jeden Plan zerstört und jede Lust mit Gift getränkt,

Selbst Tränen herb, die glüh’nder Stolz und der Verzweiflung Schmerzen

Dem Sohn erpreßt, sie fanden keinen Weg zum Vaterherzen.

Nun ist’s schon anders in dem Schloß: Unmut, Betrübnis schwanden;

Es glänzet Fürstenprunk, der Ahnen Pracht ist neu erstanden,

Und in der Höflinge und Diener Schwarm, den überreichen,

Und in der Pagen Kreis, der Ritter von des Hauses Zeichen,

Ins große Prunkgemach, das lange war dem Aug entrückt,

Kommt eben jetzt der Herr Wojwod herunter reich geschmückt;

Und als wetteifernd Jeder laut dies seltne Glück erhob,

Schien er doch mehr vom Sohn entzückt, als durch das eitle Lob!

In seinen ruh’gen Zügen fand man schwer die Spuren heft’gen

Tief inneren Gefühls: die Glieder sah man nur, die kräft’gen,

Der Rede äußern Pomp, des hohen Namens reichen Schimmer;

Was er im Innern barg, blieb allen nachtbedeckt für immer.

Doch jetzt, ob notgedrängt, ob plötzlich tief bewegt im Herzen,

Bracht er mit Zärtlichkeiten Balsam lang gehegten Schmerzen;

Und als er in der Stille mit dem Sohn Beratung hielt,

Da sah man, wie ein Lächeln um das ernste Antlitz spielt:

Im Auge blitzte wilder Freude flüchtige Verklärung,

Wie wenn den langgenährten Wünschen endlich wird Erhörung;

Wie wenn von Geistesdrucke, von ermüdend schwerem Laufen

Sich jemand eine Weil erholt, sei’s — auf Ameisenhaufen:

Erholet? — ach! er legt vielleicht die glüh’nde Stirn nur nieder,

Wo tausend Dornenspitzen harren seiner müden Glieder.

5.

In späte Nacht währt’ der Tumult im Schloß, der Schritte Dröhnen;

In späte Nacht hört’ man Trompeten schmettern, Vivats tönen —

Der prächtigen Gelage alter Brauch kehrt wieder ein:

Die langen Tische funkelten von Gold und Silberschein —

Und weit geöffnet schien des Herrschers Keller wie sein Herze,

Und alter Ungarwein21 entlockte geistreich-witz’ge Scherze.

Zum frohen Lärm stimmt die Musik22 die grellen Harmonien,

Zuweilen übertönt sie ihn mit ihren Melodien.

In später Nacht — der Ahnen Bilder mit den strengen Mienen,

Die an der Wand vereint in langer Reihe hingen, schienen

Manchmal, aus toten Augen Funken sprühend, sich zu regen,

Die Zecher anzulachen und den Schnurrbart zu bewegen.

6.

Lust auf den Lippen wohnt, im Aug die Absicht zu erraten:

Im tiefen, tiefen Herzen nagt der Wurm von bösen Taten.

Wenn irgend eine Freude Menschen eint zum frohen Feste,

Da lachen Stolz und Schmeichelei auch mit, die falschen Gäste.

So wars wohl auch im alten Schloß. Es hatt bereits die Nacht

Ihr Schattenreich in die geschnitzten Tore eingebracht;

Die Pfeifer waren schon verstummt, das Glück lag schlafumfangen,

Vom Turm das Käuzchen auch begann den Grabesruf, den bangen:

Nur wo in einem Seitenflügel dort des weiten Baus

Der kräft’ge Wojewod, entflohn dem lärmend frohen Schmaus’,

Die scharfen Adleraugen unter falt’ge Lider zwingt, —

Wie man im Schreine23 birgt den Stein, mit dem der Hochmut blinkt —

Hört man noch Schritte dröhnen oder schwere Seufzer schallen,

Die, wenn die Tritte schweigen, von der Wölbung wiederhallen.

Kein Unberufner wagts zu überschreiten jene Schwelle!

Wo einsam brennt sein sonst versteckter Sinn in Flammenhelle,

Mag er verzweifelnd ringen oft mit furchtbarem Ermatten —

Mit ungestümem Schritt durchwandert er die nächt’gen Schatten,

Als wollt im schwarzen Nebel haschen er die blut’ge Hand

Verratner Freundschaft, oder löschen seiner Qualen Brand.

Und da der Schlaf bestürzt aus glüh’nden Augen war entflohen,

So ward es ihm beklommen bang in dem Gemach, dem hohen;

Das schmale Fenster öffnet’ er, und seine Augen starrten,

Hin auf die Reis’gen, reich an Zahl, die wehenden Standarten,

Die jetzt zum Strauße einberufen hier versammelt waren;

Er lauschte dann dem Kriegslärm und den weckenden Fanfaren.

Die flinken Pferde schnauben, Waffen klirren rege drein;

Vor Kampfeslust erbrausts in der Husaren dichten Reih’n.

Für sie entsteigt dem Rosenbett am Horizont die Sonne

Und bringt mit ihrer goldnen Haare Glanz wohl eitel Wonne,

Hebt ihre lichte Stirn und schauet mit dem ersten Strahl

Des Auges staunend ihrer Reize Bild im blanken Stahl;

Für sie nur haucht der duft’ge Zephyr seines Atems Frische

Ins Haar der jungen Mädchen, in der Ritter Federbüsche;

Für sie die Vöglein zwitschern muntern, wundersüßen Sang,

Der tiefempfunden taubenetzten Schnäbeln sich entrang —

Ihm galt es nicht! er mochte nicht verweilen bei der Schau: —

Die finstere Gestalt entschwand in Schlosses Dämmergrau,

Gleich jenen Schreckgespenstern, die, wie’s unsrer Furcht wohl däucht,

In schlafberaubter Nacht erstehn und die der Morgen scheucht.

7.

Man gab das Zeichen: die Trompeten schmettern, Hufe schellen;

Der treue Reitersmann, er schließt dem tapfern Kriegsgesellen

Sich wie sein Schatten an; so stürzen, rasselnd im Gedränge, —

Sie mit behender Schwenkung durch des goth’schen Tores Enge.

Im langen Echo dröhnt es zitternd an der Wölbung Bogen,

Bis auf dem weichem Grund mit leichtem Tritt die Hufe flogen;

Und leiser, leiser rauschts und schwächer schon, wie fernes Summen,

Ein dumpfer Schall erreicht das Ohr und flieht, um zu verstummen:

Jetzt erst, auf freiem Feld, als ihren Lichtkreis schon die Sonne

Weithin entströmen ließ, da schwärmen sie in heitrer Wonne

Und baden sich wie Adler in des Lichts lebend’gen Bächen,

Eh mit den bunten Fahnen sie sich Bahn zum Ruhme brechen;

In Glanz und Farben kleiden sich viel tausend Federn, Steine,

Und in den Waffen glitzern hell viel tausend Irisscheine;

Es sitzt der Sieg in ihrer dunklen Augen wildem Sprühen

Und Mannesmut und Treu in ihren Felsenherzen blühen.

Ein hoher Jüngling reitet an der Spitze dieser Schaaren. —

Wer ist er denn? — und glüht, beschattet von den blonden Haaren,

Die Wang dem Ruhm, dem Glück entgegen? — Ach, unendlich milder,

Als die Natur in Morgenfrühe malt die ros’gen Bilder,

Und süßer, heller als der Schimmer, der den Ruhm verklärt,

Ist dieser Glanz, der sich auf seines Herzens Herde nährt,

Das Lächeln, das wohl Teil hat an dem seligen Berauschen24,

Womit die Auserwählten Cherubimgesängen lauschen!

Er ritt auf flücht’gem Roß und an der Schluchten25 Saum führt’ er

Der schweigenden Gefährten Troß in Reih und Glied daher;

Verschwindend in verwachsnem Grund umkreisten sie das Tal

Und glänzend lugten aus Gebüsch die Köpfe noch einmal;

Am Hügel sah man dann den Jüngling noch befehlend winken,

Und weiter fort den Weg gings dem Kosaken nach, dem flinken,

Des leichte Spuren unbestahlter Hufe niemand fand,

Denn Kindern gleich begruben Luft und Tau sie längst mit Sand.

8.

Und stille, öde ist die Flur, die Ritter schon verschwunden;

Das Herz bangt ihnen nach, als hätt es den Verlust empfunden.

Der Blick schweift hin im weiten Raum; doch wo er nur mag weilen,

Er trifft nichts Lebendes, kann keinen Ruhepunkt ereilen,

Die Sonne leuchtet schräge auf die ausgedehnte Flur,

Belebt fast von der Krähe Flug und ihrem Schatten nur:

Zuweilen zirpt im nah’n Gestrüppe26 eine Ackergrille;

Nur in den Lüften herrscht ein Zwiespalt — scheint’s — sonst dumpfe Stille. —

Wie, ist kein Ahnenmonument im Lande weit und breit,

Das, sanft umstossen vom Gedanken der Vergangenheit,

Ihm eine Ruhestätt für bangen Fühlens Bürde werde? —

Ach nein, er senke denn den Flug und tauche in die Erde!

Dort wird er alte Waffen finden, die der Rost zerstört,

Gebeine auch — man weiß nicht, wem sie einstens angehört —

Und in der fruchtbar’n Asche dort die Saat, die volle, reiche,

Wenn nicht — Gewürm, das hauset in noch frischer, blut’ger Leiche!

Doch haltlos irrt er auf der Flur — an Nichts kann er sich ranken27

Gleich der Verzweiflung ohne Zuflucht, ohne Ziel und Schranken.

9.

Tief sinnend saß der Kronschwertträger28 unter alten Linden

Und schwer mocht er auf welkem Haupt der Leiden Wucht empfinden.

Wie traurig ihm bei grauem Haar der — schwarze Żupan stand —

Einst trug er helle Farben auch im Dienst fürs Vaterland,

Fürs Vaterland, des Nam’ im Kriege, wie bei Ratesfragen.

Im Streit bei Reichstagswahlen, wie bei rauschenden Gelagen

Mit reinem Feuer stammte, dem das Hetze, wie zur Sonne

Im Lenz der Vogel fliegt, entgegenhüpfte voller Wonne —

Jetzt sind die Glanzgefühle schon erblichen, ach, entrückt!

Das Leben schmerzt nur mehr und seine Blume ist geknickt. —

Er sann, und das vergang’ne Leid, den Gram der Gegenwart

Bedeckt der dichte Flor der Schmach, die drohend seiner harrt. —

Doch, o so lang er atmet nur, wird er so leicht nicht lassen

Des trotz’gen Hochmuts Flammen seinen reinen Herd erfassen!

So lang im schwarzen Żupan noch lebend’ge Glieder sitzen,

Wird auch bei Not in dürrer Hand der alte Säbel blitzen!

Und dann? — Der Kronschwertträger weilt in sinnender Betrachtung;

Sein stolzer Blick birgt Mißmut, Zorn und auch vielleicht Verachtung.

10.

Und bei ihm sitzt ein junges Weib; warum im Lenz schon bricht

Denn gar so trüb durch Nebel ihrer Schönheit helles Licht?

Nicht Blumen schmücken sie, noch ein Gewand mit Prunkgeschmeide,

Das schwarze Aug ist tief gesenkt, sie selbst im Trauerkleide;

Im Antlitz dunkelt Gram, die Stirn neigt sich in leiser Bebung

Und deren Widerschein ist nur — das Lächeln der Ergebung.

Wenn irgend plötzlich, wo sonst dichte Schatten sie umfangen

Sei’s ein Gedanke, sei’s Erinn’rung rötet ihre Wangen,

Ist doch so bleich dies Licht, wie wenn von einem Säulenbild

Der volle Mond die Züg mit ungewohntem Leben füllt.

Gestalt an Schönheit wie an Adel reich! Ihr Flug, er ging

Zum Kreis der Engel, deren reiner Zauber sie umfing.

Doch herbstlich angeweht vom zehr’nden Hauch der ird’schen Lust,

Verwelkte des Gefühles Knospe früh in ihrer Brust.

So geht sie ihren Weg gepeitscht von scharfen Sturmesbesen,

Gebannt in schwere Erdenfessel, doch ein Himmelswesen.

Ihr Herz ist ausgebrannt und doch glänzt sie wie Morgenglühen: —

So gleicht sie jenen Früchten29, die am toten Meer erblühen,

Die durch Gefahr und Müh, doch reizend schön dem Wandrer winken —

Er findet Asche drin, und wollte Nektar daraus trinken.

Ein jeder Zug von ihr — so scheint es — hauchet düstre Milde

Und Tränen siehst du nicht, noch Harm in dem umwölkten Bilde.

O nein! vergang’nen Grames Kampf ist da nicht mehr zu sehn,

Doch leicht das stille Grab entschwund’ner Hoffnung zu erspähn;

Des Glückes Ampel, die in ihren Augen einst gefunkelt,

Hat im Erlöschen düsternd ganz ihr Angesicht verdunkelt.

11.

So saß das junge Weib im Buch des Lebens ganz verloren,

Ihr Geist schwang gläubig sich empor zu hellen Himmelstoren,

Geschreckter Taube gleich, die zitternd mit dem Flügelpaar

Fern von der Erde sucht ihr Nest im Ätherklar.

Und weil dort oben über Erdenpracht und Außenscheine

Der Demut weiße Schwingen glänzen in weit hell’rer Reine30,

Die Saite bebt, die an den Himmel hält das Herz gebunden:

So fiel es auch wie Tropfen süßen Taus in ihre Wunden.

Und als mit jener Rührung sie das Aug nach oben kehrt

Wo alles Fühlens Kraft in einer Miene sich verklärt,

Wo Zukunft zur Vergangenheit auf hellem Strahl sich schwingt

Und wie mit Schwesterherzen sie in einem Blick umschlingt:

Da erst erkannte sie, wie wohl es tut dem edlen Herzen,

Das ob verlor’nen Glücks im Irrsal wandelt seiner Schmerzen

Und längst gestorben ist für Erdenfurcht und Erdenlust,

Wenn Sehnsucht hin zu seinem ew’gen Ursprung schwellt die Brust!

Wie süß es ist, dem Wirrwarr dieser Welt sich zu entwinden

Und dann auf immer in des Todes Armen zu verschwinden!

Und wer alsdann gescheit hätt ihr Antlitz strahlenreich

Und auch den seelenreinen Kronschwertträger kummerbleich —

Die sparrig äst’gen Linden und die Trachten so uralt,

Den Schnitt so reizend schön, wie gern die Phantasie ihn malt;

Und wer da noch gesehen hätt wie Glanz und Düfte ringen

Um ihre Schläfe, ach! behend den Märtyrkranz zu schlingen:

Der hätte sich vielleicht versetzt ins grau’ste Altertum,

In Gegenden voll Glanz, in ferne Länder voll von Ruhm,

Der säß wohl an des Jordans Ufern unter Palmenhainen,

Mit dem Geschlechte Israels zu sinnen und zu weinen,

Und hätt im heil’gen Schauer mitempfund’nen Wehs erkannt

Dieselbe ewige und unbegreiflich hohe Hand,

Die Hand, die Huld und Strafe, wie den Gram, den immergleichen,

Herniederschickt und wendet dem, der trägt des Kain Zeichen,

Dem Menschen, der im Glücke selbst zum Glück noch Etwas braucht

Und dem’s erst wohl — wenn er den letzten Seufzer aufwärts haucht.

12.

«Zu lange, Vater! hat in lieblicher Gedanken Kreisen

Mein Geist sich heut verirrt; doch von des Grames dunklen Gleisen

Seh ich noch immer, immer deine trübe Stirn durchzogen,

Und wenn dir — kaum die Freude winkt, sofort ist sie entflogen,

Dem Strahl aus Wolken gleich, der niederglänzt auf Bergeshöhen,

Und den die Wolke wieder birgt, wenn Stürme jagend wehen.

Warum, ach! will nicht ruhen mehr dein Haupt mit weißen Locken

Hier auf dem Schoß? O fürchte nichts! Des Kummers Bett ist trocken;

Nicht mehr wie sonst erwachst du jetzt von Tochtertränen naß,

Wenn ich, den Schlafenden im Arm, zu Dir gebeuget saß.

O grauses Spiel des Unglücks! Ein so ganz vergilbtes Reis

Gab seinem alten Eichenstamm mit krankem Safte Speis31,

Und das Gefühl hat, unter langem Drucke eingeschlossen,

Durchbrechend der Erwägung Damm in Strömen sich ergossen.

Wie schmerzlich ist es, ach! zurück zu schau’n, und doch zurück