Reigen
Zehn Dialoge
geschrieben Winter 1896–97
PERSONEN
- DIE DIRNE
- DER SOLDAT
- DAS STUBENMÄDCHEN
- DER JUNGE HERR
- DIE JUNGE FRAU
- DER EHEGATTE
- DAS SÜSSE MÄDEL
- DER DICHTER
- DIE SCHAUSPIELERIN
- DER GRAF
DIE DIRNE UND DER SOLDAT
Spätabends. An der Augartenbrücke.
Soldat kommt pfeifend, will nach Hause.
DIRNE
Komm, mein schöner Engel.
Soldat wendet sich um und geht wieder weiter.
DIRNE
Willst du nicht mit mir kommen?
SOLDAT
Ah, ich bin der schöne Engel?
DIRNE
Freilich, wer denn? Geh, komm zu mir. Ich wohn’ gleich in der Näh’.
SOLDAT
Ich hab’ keine Zeit. Ich muß in die Kasern’!
DIRNE
In die Kasern’ kommst immer noch zurecht. Bei mir is besser.
SOLDAT
ihr nahe:
Das ist schon möglich.
DIRNE
Pst. Jeden Moment kann ein Wachmann kommen.
SOLDAT
Lächerlich! Wachmann! Ich hab’ auch mein Seiteng’wehr!
DIRNE
Geh, komm mit.
SOLDAT
Laß mich in Ruh’. Geld hab’ ich eh keins.
DIRNE
Ich brauch’ kein Geld.
SOLDAT
bleibt stehen. Sie sind bei einer Laterne.
Du brauchst kein Geld? Wer bist denn du nachher?
DIRNE
Zahlen tun mir die Zivilisten. So einer wie du, kann’s immer umsonst bei mir haben.
SOLDAT
Du bist am End’ die, von der mir der Huber erzählt hat. —
DIRNE
Ich kenn’ kein Huber nicht.
SOLDAT
Du wirst schon die sein. Weißt — in dem Kaffeehaus in der Schiffgassen — von dort ist er mit dir z’ Haus gangen.
DIRNE
Von dem Kaffeehaus bin ich schon mit gar vielen z’ Haus gangen... oh! oh! —
SOLDAT
Also gehn wir, gehn wir.
DIRNE
Was, jetzt hast’s eilig?
SOLDAT
Na, worauf soll’n wir noch warten? Und um zehn muß ich in der Kasern’ sein.
DIRNE
Wie lang dienst denn schon?
SOLDAT
Was geht denn das dich an? Wohnst weit?
DIRNE
Zehn Minuten zum Gehn.
SOLDAT
Das ist mir zu weit. Gib mir ein Pussel.
DIRNE
küßt ihn.
Das ist mir eh das liebste, wenn ich einen gern hab’!
SOLDAT
Mir nicht. Nein, ich geh’ nicht mit dir, es ist mir zu weit.
DIRNE
Weißt was, komm morgen am Nachmittag.
SOLDAT
Gut is. Gib mir deine Adresse.
DIRNE
Aber du kommst am End’ nicht.
SOLDAT
Wenn ich dir’s sag’!
DIRNE
Du, weißt was — wenn’s dir zu weit ist heut Abend zu mir — da... da...
weist auf die Donau.
SOLDAT
Was ist das?
DIRNE
Da ist auch schön ruhig... jetzt kommt kein Mensch.
SOLDAT
Ah, das ist nicht das Rechte.
DIRNE
Bei mir is immer das Rechte. Geh, bleib jetzt bei mir. Wer weiß, ob wir morgen noch’s Leben haben.
SOLDAT
So komm — aber g’schwind!
DIRNE
Gib Obacht, da ist so dunkel. Wennst ausrutschst, liegst in der Donau.
SOLDAT
Wär’ eh das Beste.
DIRNE
Pst, so wart nur ein bissel. Gleich kommen wir zu einer Bank.
SOLDAT
Kennst dich da gut aus.
DIRNE
So einen wie dich möcht’ ich zum Geliebten.
SOLDAT
Ich tät dir zu viel eifern.
DIRNE
Das möcht ich dir schon abgewöhnen.
SOLDAT
Ha —
DIRNE
Nicht so laut. Manchmal is doch, daß sich ein Wächter her verirrt. Sollt man glauben, daß wir da mitten in der Wienerstadt sind?
SOLDAT
Daher komm, daher.
DIRNE
Aber was fällt dir denn ein, wenn wir da ausrutschen, liegen wir im Wasser unten.
SOLDAT
hat sie gepackt.
Ah, du —
DIRNE
Halt dich nur fest an.
SOLDAT
Hab’ kein Angst...
DIRNE
Auf der Bank wär’s schon besser gewesen.
SOLDAT
Da oder da... Na, krall aufi.
DIRNE
Was läufst denn so —
SOLDAT
Ich muß in die Kasern’, ich komm’ eh schon zu spät.
DIRNE
Geh, du, wie heißt denn?
SOLDAT
Was interessiert dich denn das, wie ich heiß?
DIRNE
Ich heiß Leocadia.
SOLDAT
Ha! — So an Namen hab’ ich auch noch nie gehört.
DIRNE
Du!
SOLDAT
Na, was willst denn?
DIRNE
Geh, ein Sechserl für ’n Hausmeister gib mir wenigstens!
SOLDAT
Ha!... Glaubst, ich bin deine Wurzen... Servus! Leocadia...
DIRNE
Strizzi! Fallott! —
Er ist verschwunden.
DER SOLDAT UND DAS STUBENMÄDCHEN
Prater. Sonntagabend. Ein Weg, der vom Wurstelprater aus in die dunkeln Alleen führt. Hier hört man noch die wirre Musik aus dem Wurstelprater, auch die Klänge vom Fünfkreuzertanz, eine ordinäre Polka, von Bläsern gespielt. Der Soldat. Das Stubenmädchen.
STUBENMÄDCHEN
Jetzt sagen S’ mir aber, warum S’ durchaus schon haben fortgehen müssen.
Soldat lacht verlegen, dumm.
STUBENMÄDCHEN
Es ist doch so schön gewesen. Ich tanz’ so gern.
Soldat faßt sie um die Taille.
STUBENMÄDCHEN
läßt’s geschehen.
Jetzt tanzen wir ja nimmer. Warum halten S’ mich so fest?
SOLDAT
Wie heißen S’? Kathi?
STUBENMÄDCHEN
Ihnen ist immer eine Kathi im Kopf.
SOLDAT
Ich weiß, ich weiß schon... Marie.
STUBENMÄDCHEN
Sie, da ist aber dunkel. Ich krieg’ so eine Angst.
SOLDAT
Wenn ich bei Ihnen bin, brauchen S’ Ihnen nicht zu fürchten. Gott sei Dank, mir sein mir!
STUBENMÄDCHEN
Aber wohin kommen wir denn da? Da ist ja kein Mensch mehr. Kommen S’, gehn wir zurück! — Und so dunkel!
SOLDAT
zieht an seiner Virginierzigarre, daß das rote Ende leuchtet.
’s wird schon lichter. Haha! O, du Schatzerl!
STUBENMÄDCHEN
Ah, was machen S’ denn? Wenn ich das gewußt hätt’!
SOLDAT
Also der Teufel soll mich holen, wenn eine heut beim Swoboda mollerter gewesen ist als Sie, Fräul’n Marie.
STUBENMÄDCHEN
Haben S’ denn bei allen so probiert?
SOLDAT
Was man so merkt, beim Tanzen. Da merkt man gar viel! Ha!
STUBENMÄDCHEN
Aber mit der blonden mit dem schiefen Gesicht haben S’ doch mehr tanzt als mit mir.
SOLDAT
Das ist eine alte Bekannte von einem meinigen Freund.
STUBENMÄDCHEN
Von dem Korporal mit dem aufdrehten Schnurrbart?
SOLDAT
Ah nein, das ist der Zivilist gewesen, wissen S’, der im Anfang am Tisch mit mir g’sessen ist, der so heisrig red’t.
STUBENMÄDCHEN
Ah, ich weiß schon. Das ist ein kecker Mensch.
SOLDAT
Hat er Ihnen was tan? Dem möcht ich’s zeigen! Was hat er Ihnen tan?
STUBENMÄDCHEN
Oh nichts — ich hab’ nur gesehn, wie er mit die andern ist.
SOLDAT
Sagen S’, Fräulein Marie...
STUBENMÄDCHEN
Sie werden mich verbrennen mit Ihrer Zigarrn.
SOLDAT
Pahdon! — Fräul’n Marie. Sagen wir uns Du.
STUBENMÄDCHEN
Wir sein noch nicht so gute Bekannte. —
SOLDAT
Es können sich gar viele nicht leiden und sagen doch Du zueinander.
STUBENMÄDCHEN
’s nächstemal, wenn wir... Aber, Herr Franz —
SOLDAT
Sie haben sich meinen Namen g’merkt?
STUBENMÄDCHEN
Aber, Herr Franz...
SOLDAT
Sagen S’ Franz, Fräulein Marie.
STUBENMÄDCHEN
So sein S’ nicht so keck — aber pst, wenn wer kommen tät!
SOLDAT
Und wenn schon einer kommen tät, man sieht ja nicht zwei Schritt weit.
STUBENMÄDCHEN
Aber um Gotteswillen, wohin kommen wir denn da?
SOLDAT
Sehn S’, da sind zwei grad wie mir.
STUBENMÄDCHEN
Wo denn? Ich seh’ gar nichts.
SOLDAT
Da... vor uns.
STUBENMÄDCHEN
Warum sagen S’ denn: zwei wie mir?
SOLDAT
Na, ich mein’ halt, die haben sich auch gern.
STUBENMÄDCHEN
Aber geben S’ doch acht, was ist denn da, jetzt wär ich beinah g’fallen.
SOLDAT
Ah, das ist das Gatter von der Wiesen.
STUBENMÄDCHEN
Stoßen S’ doch nicht so, ich fall’ ja um.
SOLDAT
Pst, nicht so laut.
STUBENMÄDCHEN
Sie, jetzt schrei ich aber wirklich. — Aber was machen S’ denn... aber —
SOLDAT
Da ist jetzt weit und breit keine Seel’.
STUBENMÄDCHEN
So gehn wir zurück, wo Leut’ sein.
SOLDAT
Wir brauchen keine Leut’, was, Marie, wir brauchen... dazu... haha.
STUBENMÄDCHEN
Aber, Herr Franz, bitt’ Sie, um Gotteswillen, schaun S’, wenn ich das... gewußt... oh... oh... komm!...
SOLDAT
selig.
Herrgott noch einmal... ah...
STUBENMÄDCHEN
... Ich kann dein G’sicht gar nicht sehn.
SOLDAT
A was — G’sicht...
SOLDAT
Ja, Sie, Fräul’n Marie, da im Gras können S’ nicht liegen bleiben.
STUBENMÄDCHEN
Geh, Franz, hilf mir.
SOLDAT
Na, komm zugi.
STUBENMÄDCHEN
Oh Gott, Franz.
SOLDAT
Na ja, was ist denn mit dem Franz?
STUBENMÄDCHEN
Du bist ein schlechter Mensch, Franz.
SOLDAT
Ja, ja. Geh, wart ein bissel.
STUBENMÄDCHEN
Was laßt mich denn aus?
SOLDAT
Na, die Virginier werd’ ich mir doch anzünden dürfen.
STUBENMÄDCHEN
Es ist so dunkel.
SOLDAT
Morgen früh ist schon wieder licht.
STUBENMÄDCHEN
Sag wenigstens, hast mich gern?
SOLDAT
Na, das mußt doch g’spürt haben, Fräul’n Marie, ha!
STUBENMÄDCHEN
Wohin gehn wir denn?
SOLDAT
Na, zurück.
STUBENMÄDCHEN
Geh, bitt’ dich, nicht so schnell!
SOLDAT
Na, was ist denn? Ich geh’ nicht gern in der Finstern.
STUBENMÄDCHEN
Sag, Franz, hast mich gern?
SOLDAT
Aber grad hab’ ich’s g’sagt, daß ich dich gern hab’!
STUBENMÄDCHEN
Geh, willst mir nicht ein Pussel geben?
SOLDAT
gnädig.
Da... Hörst — jetzt kann man schon wieder die Musik hören.
STUBENMÄDCHEN
Du möchtst am End’ gar wieder tanzen gehn?
SOLDAT
Na freilich, was denn?