Threnodie XI

„Ein Nichts ist Tugend”, sprach Brutus, da er geschlagen;

Ein Nichts, wohin man blickt, ein Nichts, wohin wir jagen!

Wen hat wohl Frömmigkeit je aus der Not befreit?

Wen hat wohl Güte je vor bösem Fall gefeit?

Der Menschen Dinge mischt geheim ein feindlich Wesen,

Das nicht in Obhut hält die Guten, noch die Bösen;

Wohin sein Atem weht, wird keiner ihm entfliehn;

Ob schuldig oder nicht, wahllos erreicht es ihn.

Und wir mit unserm Kram, als ob der Weisheit wär,

Sind vor Einfält’gen stolz und wissen doch nicht mehr.

Wir stürmen himmelauf, Gottes geheime Pläne

Dort auszuspähn, allein der Blick der Erdensöhne

Ist stumpf dazu. Uns ziehn flüchtige Traumchimären

In ihren Bann, die sich, wie’s scheint, doch nie bewähren.

Leid, was tust du mir an? so soll ich beide euch

Verlieren denn nunmehr: Trost und Verstand zugleich?