Die Novembernacht
PERSONEN DER ERSTEN SZENE:
- Pallas Athene
- Nike der Napoleoniden
- Nike von Thermopylae
- Nike von Salamis
- Nike von Chaeronaea
- Nike von Marathon
- Peter Wysocki
- Fähnriche
Die Szenen spielen am 29. November 1830 in Warschau.
Ein Korridor in der Fähnrichsschule
führt von der Rampe nach dem Hintergrund.
Von links durch hohe Fenster scheint
Das Mondlicht bleich und fahl herein;
Im Hintergrund ein Tor, darüber
Vier Fahnen zum Bukett vereint;
Rechts an der Wand stehen Gewehre
Geordnet in zwei Reihn.
Nacht, — später Abend, — Stille, — Leere; —
Nur vom Łazienkiparke dringt
Ein Rauschen leis herüber.
Die Wache stampft, — man hört die Tritte,
Auf Böcken Trommeln und zwei Mörser;
Ein Häufchen Kugeln und ein Degen.
Ein unterirdisch Tor springt rasselnd
Auf und im Korridore steht
Ein Mädchen. Ihren Kopf umweht
Ein Helmbusch; ihre Rechte hält
Den Speer, die Linke einen Schild;
Sie tritt als Erste uns entgegen
Mit Rede und mit Spiel.
Ein kupferoter Helm verbirgt
Die Züge, ihre Augen brennen
Heiß unterm Erz. Im Mondlicht wirkt
Ihr hell Gewand wie erzgewebt.
Der mächtge Schild an goldner Kette
An ihrer Schulter leise bebt.
Der silbernen Ägide Schlangen
Rascheln mit furchtbar wildem Ton.
Die hohen, starken Schultern, von
Lebendgen Schlangen überlastet
Sind leicht gehoben und sie stösst
Den Speer fest in die Erde. Ruft, —
Als ob ein Donner sich gelöst
Aus Jovis Händen, tönt die Stimme;
Und eine Schar von Mädchen hastet
Beflügelt auf sie zu.
PALLAS
Zu mir! Zu mir! Zu mir!
Siegreiche Geister, eilt herbei
Im Adlerfluge, windgehaucht,
In Sturmestoben und Brausen;
Bei diesem Zeichen ruf ich euch!
Kampflustbeseelt,
Des kalten Stahles, männermordender
Wehr Priesterinnen,
Ihr stolzen Ruhmes Dienerinnen;
Auf des Hymetos, Ossa Gipfel
Dem Sonnengotte anvermählt!
Nun von des Pelion Gipfel eilt
Herbei in Scharen und euch treibe
Die Gier nach blutigem Erliegen
Der Sterblichen. — Es starrt der Speer!
Zu mir denn, her zu mir!!
Donner
Du, Siegerin von Marathon,
Die du Athen den Freudenrausch gesandt;
Und du, Bezwingerin vor Salamis,
Die du den Perser peitschen ließt das Meer,
Bis ächzend er im Staub sich wand;
Du, die du vor den Thermopylen
Gestanden; die du Alexander
Zum Tyrus führtest, ihm verliehen
Achilleus Kraft; du, die da lebt
In Liedern, die von Hektors Taten
Vor Troja singen; du, die Roms
Cäsaren durch die Welt geführt
Von Ost nach West, von Pol zu Pol;
Du, die den Ruhm aufs neu belebt,
Als eines Nordens Sterne sanken;
Du, die des Tuisco Söhne überwand,
Als Witold, aresgleich und kampfdurchglüht,
Das große Blutbad schuf;
Und du, die du die Gottesgeissel
Durch Feuerscheine führtest zu
Dreimal verwünschtem Ruhme, dass
Das Kreuz erbebte in der Stadt
Der sieben Berge, als du in
Das Licht die Löwenbrut geschleudert!
Zu mir! Im Donnerrollen her
Zu mir!
Donner
Bei diesem Zeichen ruf ich euch;
Bei der Ägide Gold und Erz
Und Elfenbein;
Beschwöre euch bei ewger Nacht,
In die mein Wink allein
Euch, wenn ich will, gebracht;
Beschwör euch bei der ewgen Glut
Der Sonne und bei Vater Zeus’
Furchtbaren Locken, bei der Gorgo
Schrecklicher Schlangenbrut,
Auf!!!
Ihr, denen ich Unsterblichkeit
Verleihe, kommt und steht bereit
Allgegenwärtig, allbewusst!
Im Fluge naht, in luftger Bahn!
Zu mir! Zu mir! Zu mir!!
Es nahen nun im Flug des Sieges
Göttinnen, eine Mädchenschar.
Und rauschend kreisen sie mit weiten
Flügeln durch die Luft und gleiten
Langsam eine nach der andern
Nieder.
PALLAS
Der von den schwindelnd steilen Höhen
Einst die Giganten niederstieß
Zum Tartarus, der in dem Reich
Der Wolken, der im ewgen Blau
Regiert, von dort den Donner und
Den Blitz herniederschleudert, Zeus,
Befiehlt durch meinen Mund.
Donner und Blitze, zeuget nun lodernde
Gluten auf schwelenden ewgen Altären!
Rasende raset in aresgeborenem
Gierigem Taumel! Niemand soll wehren!
Atmet die Seele des furchtbaren Gottes:
Zeus beruft seine Diener!
CHOR
Ares!! Mein Herr und mein Gott!
PALLAS
Aus des Olympos erztönendem Tor
Stürmt jetzt Ares befreit hervor,
Eilt wie ein Sturmwind, stürzt auf die Stadt
Und durcheilt sie auf wilden Rossen,
Schreit und stachelt und hetzt.
CHOR
Wehe den Männern! Wunden und Tod!!
PALLAS
Eilet ihm nach!!!
CHOR
Ha! Mit grimmigem Flügelschlage
Überfliegen wir die Stadt,
Packen zu und schlagen zu,
Würgen, geben keine Ruh.
Und die Äcker werden Gräber
Ganzer Völker; Sieg und Blut!!
PALLAS
Über den Völkern brechen die Donner,
Wolken brennen, in Gluten verloren
Bersten die Häuser und stürzen zur Erde,
Aus den Himmeln quillt lodernde Glut
Und der Zorn wird geboren!
CHOR
Wer kämpft —?
PALLAS
Mit dem Zaren der Pole! — —
Treulich entsendet, heilig beschworen
Nahen die Keren, die bleichen Dämonen
Aus des Tartaros grässlicher Nacht, —
Und die Harpyien, die der Gefallenen
Blut aussaugen...
Ihr kennt des Phidias Nike, wie
Sie eilig die Sandalen bindet.
Dabei den Kopf nach oben richtet
(Der zwar bei dem Fragmente fehlt),
Wie sie, im Flug gehemmt, geschmeidig
Den losen Riemen der Sandale
Aufs neu zu knüpfen sich bemüht.
Und ihr Gewand, das nicht gehalten
Durch einen Gürtel, fließt in Falten
Ihr über Brust und Hüften, über
Den leicht gebeugten Körper nieder.
Nun spricht sie also:
NIKE DER NAPOLEONIDEN
Vor Moskau zu der Zaren Wiege
Führt ich der Franken Kaiser hin;
Flog durch die Wolken, die aus Adlern
Geballt die Sonne bargen, über
Wälder von flatternden Standarten
Empor, empor!
Das Glück hob mich im Fluge:
Ich führte in meinem Zuge
Gar vielgeliebte Ritter...
PALLAS
Findest sie wieder, wirst sie führen
Die Vielgeliebten: Eile...
NIKE DER NAPOLEONIDEN
Mein sind die Seelen, die Herzen,
Die Sieger führ ich im Fluge
Zur Walstatt.
PALLAS
Eile!
NIKE DER NAPOLEONIDEN
So lass
Mich die Sandalen noch knüpfen;
Kaum könnt dem Olymp ich entschlüpfen,
Da eilt ich in fliegender Hast
Erschrocken bei deinem Rufe
Hierher und stieß an dem Tor
Heftig mich, — strauchelte; — fast
Stürzte ich hin —
Knüpft den Riemen
Sag, wen wirst
Du mir als Feind benennen?
PALLAS
Den Fürst.
NIKE DER NAPOLEONIDEN
Und werden sie ihn ergreifen?!
PALLAS
Verrat!!
NIKE DER NAPOLEONIDEN
Nein!
PALLAS
Sie eilen in Scharen
Und greifen den Fürsten im Schlaf.
Du folgst ihnen nach!
NIKE DER NAPOLEONIDEN
Nein!! — —
Auge in Auge Kampf
Und Brust an Brust; in Dampf
Sollen sie der Geschütze
Zuckend dampfende Blitze
Von Angesicht zu Angesicht
Mit offnem Auge schleudern;
Die Nacht verging noch nicht, —
Und ich will dir gebären
Den Kampf auf freiem Feld
Schwert gegen Schwert!
PALLAS
Du willst dem Schicksal wehren?
Und doch geschieht, was soll.
NIKE DER NAPOLEONIDEN
O du Gewaltige
Und doch Kleinmütige!
Lass sie die Schwerter greifen,
Lass sie wie Götter kämpfen!
Kam ich doch vom Olymp!
PALLAS
In deiner eignen Wangen
Gluten verseng ich dich:
Erkennst du Gorgos Schlangen?!
NIKE DER NAPOLEONIDEN
Doch flecht ich nicht den Kranz!
PALLAS
Gut denn! — Die Tat wird ganz
Getan auch ohne dich!
NIKE DER NAPOLEONIDEN
Niemals! — Denn nur wen wir
Geleiten und begleiten
Wir mit den weichen, weiten
Flügeln, kann Sieger sein.
PALLAS
Stürzt ich durch diese Macht
Nicht Troja, hab ich nicht
Odysseus groß gemacht?
Der Fürst wird zum Gefangenen.
DIE TROJANISCHE NIKE
Weh Ilions Überwindern!
Nie wirst du siegreich sein.
PALLAS
Ich werde siegen!! Denn
Ich muss, das Schicksal wills.
Ich werde Ketten zwingen!
NIKE DER NAPOLEONIDEN
Du Adlermädchen, nie
Wirst du den Sieg erringen.
PALLAS
O Adlergleiche, wenn
Ich den gewaltgen Schild
Zur Erde werfe, sieh,
Erzittert Jovis Thron,
Der goldene, adlerprächtige;
Bann ich vor eine Seele
Gespenster übermächtige.
Sinkt auch der Stärkste nieder.
NIKE DER THERMOPYLEN
Ich siegte bei Thermopylae,
Da fielen wackre Krieger,
Die ich noch jetzt im Blute seh
Sich winden, das Verrat
Gefärbt. Noch niemals hat
Verrat geschändet. Wen Verrat
Gefällt, dem reiche ich
Das Lorbeerreis. Ich habe sie
ln ihrem übermütgen Stolz
Erdrosselt und erwürgt.
Sie sanken nieder, da der Pfeile
Dichtschwarze Wolken ihren Blick
Verhängt, der Speere wildes Sausen
Sie hat betäubt, da das Geschick
In dem zerklüfteten Gestein
Der ungangbaren Felsenwände
Sie straucheln ließ. Auf denn zur Tat,
Ihr Schwestern, auf! Wenn durch Verrat
Der Sieg uns näher ist, dann durch —
Verrat!
NIKE VON SALAMIS
Ein Geier umkrall ich die Völker;
Ich stand vor Salamis!
Wessen Schicksal erfüllt,
Der mag zugrunde gehn.
Die da auf Raub auszogen.
Mag nun die Erde verschlingen,
So sie in ihrem Schoße
Flammende Lohe trägt.
Pflügen auf fremdem Boden,
Fremde Saaten entwenden —?
Lieber aus Räubers Händen
Blutigen Tod erdulden,
Als die Bosheit ertragen! —
Wonach denn dürsten wir?!
CHOR
Nach Blut.
NIKE VON SALAMIS
Doch wie werden wir
Uns den Lorbeer erringen?
CHOR
Durch Blut!!
PALLAS
Denn Blut kennt nicht Schuld!
NIKE VON SALAMIS
Wer führt die Völker?!
CHOR
Der Zorn.
NIKE VON SALAMIS
Wer greift den Kranz aus Rosen —?
CHOR
Der Führer!
NIKE VON SALAMIS
Er ist?
PALLAS
Wie die Nacht —
Dunkel und düster.
NIKE VON MARATHON
Gleicht er dem Meinen, einem,
Der auf Marathons Feldern
Aufstand in Feuerscheinen,
Eisenbewehrt und in Blut,
Bevor noch Helios seinen
Ewigen Lauf in Glut
Halb erst vollendet —? Sein Name?
PALLAS
Man ruft ihn bei Donner und Blitz.
Ruft ihn im Sternennebel
Napoleonischer Adler.
Er ist der Erste, der Einige.
CHOR
Nenn uns den Namen —
NIKE DER NAPOLEONIDEN
Taten!!
Lass ihn zu meinem Dienste;
leb will in seinem Blute
Die Begierde erregen.
Wie erkenn ich ihn wieder?
PALLAS
Er leuchtet im Ruhmesglanz;
Und alle Menschen zittern
Ihm, dem Einen, entgegen.
NIKE DER NAPOLEONIDEN
Wo finde ich ihn?
PALLAS
Die Satyren
Ergötzen durch Spiel ihn und Tanz
Auf dem Theater.
NIKE DER NAPOLEONIDEN
So will ich den Satyren
Die Leiern denn zerstücken.
Will ihm ins Auge blicken
Und rufen: In der Stadt
Tobt Kampf!!!
PALLAS
So eile und entfalte
Die Schwingen über ihn,
Trag ihn hinfort und halte
Ihn im Arsenal
Verborgen.
NIKE DER NAPOLEONIDEN
Er ist mein.
PALLAS
Greif ihn und hüte ihn.
NIKE VON CHAERONAEA
Ernst und düster tritt sie ein,
Grabesluft bringt sie herein;
In den weichen, bleichen Händen
Trägt sie Tannenzweigeenden,
Die zu Kränzen sind gebunden.
Sie umfasst sie bang umwunden,
Faltet ihre Hände, streckt
Sie mit schmerzlicher Bewegung
Vor sich, ihre Seele weckt
Einer Ahnung stille Regung
Und ihr stummer, bleicher Mund
Gibt des Unheils Botschaft kund.
Schwarze Schleier, schwarze Tücher,
Enggepresst die Lippen sind,
Und die Göttinnen erstaunen
Und sie lauschen, fragen, raunen.
Ich bring euch Kränze, frisch gewunden
Aus Tannenzweigen; stand im Garten
Die Weile still und brach das Reis.
NIKE VON SALAMIS
Ich will aus Rosen duftge Kränze.
NIKE VON CHAERONAEA
Es gibt keine Rosen, alle Rosen
Sind tot, der Blumen trockne Stiele
Hat flüchtger Wind verweht zu Staub;
Und auf den Wassern liegt ein Teppich
Aus bunten und aus goldnen Blättern.
NIKE DER NAPOLEONIDEN
Aus Lorbeer und aus Eichenlaub
Will ich die Kränze. Wie soll sich
Der Sieg denn sonst erfüllen —?
NIKE VON CHAERONAEA
Am Eichbaum nicht ein Blatt ich fand.
Der Wind hat einen Eiseshauch
Über die Gärten hingesandt; —
Die Blätter fielen! Baum und Strauch
Sind kahl; — die Zweige morsch, der Garten lag
Verödet; und kein Vogellaut
Tönt durch die Luft, kein einzger Ton
Aus Marsyas Flöte schwingt im Hag.
Des Äolus verirrte Kinder
Blasen den überreifen Dung
Vom Acker, schlingen dürre Halme
Um die entblößten Kronen, und
Die Bäume singen, wenn die Äste
Vom Wind geschüttelt werden, leis
Wie eine Harfe wehe Lieder;
Die Sträucher, die da kostbar sind,
Sind eingebettet in das Stroh,
Und Sträucher, die nur ärmlich sind,
Stehn in zerfetztem Kleide des
Nur spärlich dunkelfalben Laubes
Und zittern.
CHOR
Wie soll der Sieg sich uns erfüllen —?
NIKE VON CHAERONAEA
Nicht duftet der Jasmin, nicht blühen
Mehr Blumen und nur Tränen fallen
Auf Ebereschen, — blutig rote
Korallen — —
NIKE VON MARATHON
Wenn siegreich erst die Fahnen flattern,
Was brauchen die Helden Gestrüpp?
NIKE VON SALAMIS
Blüten in Elend gestorben,
In Nacht und in Frost verdorben —
Mein Fuß soll ihr Blühen verheeren
Und Feuer ihr Leben versehren.
Sind uns denn Lautenspieler
Und blinde Sänger erstanden
Oder fanden
Wir ein Geschlecht von Helden?!
NIKE VON CHAERONAEA
Ihnen frommt wohl jener Kranz
Statt der Rosen. —
NIKE VON SALAMIS
Sänger?!
NIKE VON CHAERONAEA
Spott!
Einen Augenblick wird Glanz
Sie umstrahlen.
NIKE VON SALAMIS
Nennst du sie —?
NIKE VON CHAERONAEA
Unter Qualen und in Not
Wurden sie und lebten sie.
CHOR
Nennst du sie?!
PALLAS
Erstehen Männer?
NIKE VON CHAERONAEA
Auf einem Felseneiland bangt
Vom Wind geschüttelt Fichte und
Wacholder...
NIKE VON MARATHON
Trauerbäume!
NIKE VON CHAERONAEA
Schwestern!
Der rauhe Wind hat Baum und Strauch
Getötet und der weiße Reif
Stirbt. Lorbeer ist nicht mehr, die Rosen
Sind tot.
CHOR
Wie soll der Sieg uns blühen?
NIKE VON CHAERONAEA
So mögen sie denn sterben, meine Söhne,
Genug der Schande, Schmach und Leid;
Die Träne quillt nicht mehr, zum Fluge
Entfalten sich die Flügel breit...
CHOR
Enteilest du —?
NIKE VON CHAERONAEA
Den Tod zu rufen.
Also soll in ihrem Blute
Ich sie wieder zucken sehen,
Also darf ich neu erstehen,
Die Gefallenen zur Nacht
Betten; Pallas, Zeusgeborne,
Wie mich dieses glücklich macht.
Ruhm, ich sehe Taten wieder
Meinen Weg mir leuchtend weisen.
Oh, ich sah Maciejowice
Und ich sah gefallne Brüder.
Auf zum Kampfe! Auf zur Schlacht!
Reicht die Hände, teure Schwestern:
Diese Stunde knüpft von gestern
Bis auf heut ein heilig Band.
CHOR
reicht sich die Hände
Still! — Und steh!
Der rauhe Wind hat Baum und Strauch
Getötet; in dem trocknen, dürren
Gezweig der Bäume schluchzt ein Hauch
Von Aeols Harfe weh und bang.
Der Lorbeer ist verblüht, die Hosen
Sind tot — —
NIKE VON CHAERONAEA
Ihr Schwestern! Es gelang
Dieser Stunde dieser Bund.
Auf nun, und dem wesenlosen
Tode nach: Ich führ ihn her.
Lass sie kämpfen erzbewehrt,
Lass sie fallen ruhmbetört.
Tränen siebt der Tag nicht mehr.
Sie stehen Hand in Hand.
PALLAS
Helden, stolze Recken harren
Euer uod verbuhlte Narren,
Stolze, die der Hochmut schwellt,
Göttlich Große, tierisch Kleine,
Ernste, Stille, drohend Grimme,
Und Geringe und Gemeine, —
Himmlisch, göttlich, heilig Reine.
Eilt! Eilt fort in dunkle Gassen,
Rufet durch die leeren Straßen:
Ares naht!
Schleudert eure Blitze gegen
Alle Glocken, dass sie schallen,
Hallen und die ganze Stadt
Soll der Schrecken nun befallen.
Auf und schreit und weckt die Schlaffen:
An die Waffen!!
CHOR
An die Waffen!!!
Der Chor enteilt, indessen Pallas
Nun aus dem Schein des Lichtes, das
Umflossen sie, ins Dunkel tritt.
Hier bleibt sie stehn, hemmt ihren Schritt
Und lauscht und weilt.
In diesem Augenblicke eilt
Peter Wysocki rechts hervor
Aus einer Tür zum Korridor.
Ein weiter Mantel deckt ihn zu,
Birgt sein Gesicht, in einem Nu
Ist er jetzt dicht vor dem Portal
Im Hintergrunde, das zum Saal
Hinführt, stößt es gewaltsam auf,
Fasst seines Degens Silberknauf
Zieht und beschreibt dann einen Kreis;
Wirft seinen Mantel ab; wie auf Geheiß
Stürzt an die Tür die junge Schar,
Die ihn erkennt, und drängt hervor,
Und da er spricht, ist alles Ohr:
WYSOCKI
Auf, meine Brüder, Kinder, Soldaten,
An die Gewehre, auf, an die Waffen!
Jeder ergreife nun sein Gewehr,
Stelle in Reih und Glied sich daher
Unten im Hof.
Auf denn, ihr Brüder, Stürme erwachen,
Auf, an die Waffen, auf, an die Waffen!
Sehet, die Stunde kam rauschend geflossen,
Da wir die stählernen Ketten brechen,
Die uns den Nacken, die Arme umschlossen,
Da wir die Tage der Knechtschaft rächen.
Da wir die Schwerter und Dolche segnen!
Da wir sie schärfen!!
Tod den Tyrannen, Usurpatoren,
Die unsre Throne besudeln, begeifern,
Unsre Altäre mit Schmutz bewerfen.
Gott gab das Zeichen,
Lasst uns nicht weichen,
Gott ist mit uns, er sendet den Strahl
Leuchtender Freiheit nach langer Qual.
Und aus den göttlichen Händen
Kommt sie den Völkern und Ständen.
Stunde der Rache für Unrecht und Schmach,
Stunde der Rache, rächender Tag!
Schleudert auf Felder glimmende Funken
Nun von den Hütten, die lodernd versunken.
Für all die Leiden, die Qualen, die Tränen
Auf, meine Brüder! Gewaltiges Sehnen
Schlingt eure Hände zu heiligem Bunde
Heute zusammen! Laut schlägt nun die Stunde,
Da sie die Sehnsucht in langen Jahren
Endloser Mühen und in Gefahren
Zitternd und sehnend beflügelt.
Auf, an die Waffen, Jesus Maria!
Auf, an die Waffen, auf, und besiegelt
Blutigen Bund mit blutiger Tat.
Auf nun für Polen, fürs Vaterland!
Stunde der Sühne, da unvergessen
Jahre der Knechtschaft, Tyrannenmacht,
Die mit hohler, gespenstisch verzerrter
lächelnder Fratze das Haus uns besessen,
Die es geschändet, die es verlacht.
Nun soll das Kreuz die Gespenster bannen;
Euer die Stunde, der Zeiger rückt;
Seid nun Erfüller, zeigt euch als Mannen,
Greift nach dem Sieg, zu den Sternen blickt.
Kinder, herrliche Beute winkt
Euch, denn die Zeit ist gekommen.
Und hemmen auch Berge von Leichen den Lauf,
Achtet nicht drauf!
Hütet euch nur, dass ihr nicht versinkt,
Denkt, dass aus dunklem Schicksalsschoß
Nur eure eigne Faust euch bringt
An das Licht der grünenden Saat
Herrlich beglückendes Los.
Mutig voran, Männer der Tat!
Schon naht das Mädchen und mit Worten,
Die Gluten atmen, weist sie ihn
Und reißt ihn fort bis an die Pforten,
Draus Flammen ihm entgegenblühn.
PALLAS
Lasst Städte brennen, Burgen lodern,
Auf zu den Waffen! Auf zu den Waffen!
WYSOCKI
So bist du neben mich getreten
Im lichten Glanze mädchenhafter Reine:
Du lohst in rotem Feuerscheine...
PALLAS
Ich bin bei dir, bin deine Schwester;
Es flammen Blitze auf in meinen Händen,
In meinen Händen stirbt der Sterne Licht.
CHOR DER FÄHNRICHE
Seht doch, wie seine Wangen glühen.
WYSOCKI
Ha! Unsre Schmach muss einmal enden!
PALLAS
Auf denn, mein junger Held, zur Pflicht!
WYSOCKI
Dir weih ich meine Kraft, mein Schwert;
Ich kenne dich, du herrliche Gestalt,
Du nahmst mich bei der Hand und wiesest
Mir meinen Weg, Zeustochter, hochgeehrt,
Und Tausende von Männern stießest
Du in den Staub und sie erbleichten bald
Vor dir und mussten sterben...
CHOR DER FÄHNRICHE
Unser der Ruhm, unser allein!
Tod dem Fürsten, Verderben!
PALLAS
Sieh, wie die Muskeln ihnen schwellen,
Sieh, wie sie eilen, ich mit ihnen,
Das Adlerweib.
Will wie mit Fackeln sie erhellen,
Sie sollen zum Verbrechen ziehn.
Mit Schlangen peitsch ich ihren Leib,
Ich hauche fürchterlichen Zorn
ln ihre Herzen, armes Schwelen
Entfache ich zur Lohe, von den Seelen,
Den unberührten, reiß ich alle Scham,
Spreng ihre Brust mit fürchterlichem Schrei,
Und wie die Adler fliegen sie vorbei, —
Ein sterblich Lied aus Menschenkehlen.
WYSOCKI
Blut denn und Blut, sie sollen
Sich paaren zu schrecklicher Lust;
Ritter des blutigen Bundes,
Hört, wie die Donner rollen
Über des Erdenrundes
Bahnen in eure Brust,
In das polnische Herz.
Alles hat euch der Räuber entrissen.
Pallas, du Donnergeborne,
Schüttle den Donnerschild,
Lass deine Flammen wild
Vor ihren Augen lodern,
Lass sie in Flammen stehn,
Feurige Stürme wehn!
Zerreiß mit dem Donner das Nebelfeld.
Donner.
CHOR DER FÄHNRICHE
Ein Feuerschein den Himmel hellt.
WYSOCKI
Gedenket des Jahres eintausend
Achthundertunddreißig, des neun
Undzwanzigsten Novembers:
In dieser Nacht
Ward euch der Tag geboren!
Lichtschein.
PALLAS
Euer die Kraft und die Macht!
WYSOCKI
Des neuen Lebens herrliches Gut
Winkt euch, ihr Rächer, Mut und Blut!
PALLAS
Sieg!
Nieder mit den Zentauren!
WYSOCKI
Wort der Erlösung erdröhne und flieg:
Auf an die Waffen!
PALLAS
Morgen der Sieg!!
CHOR DER FÄHNRICHE
Du lang Ersehnter heißt uns eilen,
Wahrlich dein Kommen ward uns prophezeit.
PALLAS
Das Wort erstand, es springen Gräber
Auf und der Geist durch lange Zeit
Beschworen naht, und es erbebt
Das Herz in Banden. Wer da jetzt
Dein heilgen Willen widerstrebe,
Dess’ Schild berühr ich mit der Axt,
Verdamme ihn zu ewiger Qual.
An eurem Ohre tönt es: Ruhm!
Die Adler rauschen, ziehen durch die Luft,
Ein Feuerschein kost sie mit Flammenduft,
Und unter feurigen Wehen
Flammende Geister erstehen.
Heilig das Schwert, denn sein ist die Tat,
Euer das Schicksal, das ihr bejaht.
CHOR DER FÄHNRICHE
Gib die Befehle!
WYSOCKI
An die Gewehre, die reihenweis dort
Stehn an der Wand, ergreift sie und fort;
Es flieht die Zeit, drum schnell an das Tor,
Ehe der Russe euch kommt zuvor.
Sie dürfen euch nicht erkennen;
Dann heißts zu den Kasernen rennen.
Dort draußen auf Solec, da brennt eine Miete
Unweit der Stadtgrenze, auf Vorstadtgebiete,
Es ist ein verabredet Zeichen.
Wie viele seid ihr? Hundertundsechzig?
CHOR DER FÄHNRICHE
Ja.
WYSOCKI
Alle anwesend?
CHOR DER FÄHNRICHE
Alle sind da.
Sieh, wie die Gänge sich füllen ...
WYSOCKI
Euch fällt der Löwenanteil zu
Am heutgen Werk. Drei Regimenter
Ulanen müssen wir entwaffnen,
Müssen die Brücke auch besetzen,
Die Wache täuschen. Ich verteile
Selbst die Patronen, instruiere
Euch selbst. Dann gehts hinein zur Stadt.
Zu einigen, die neu hinzugekommen sind.
An die Gewehre!
CHOR DER FÄHNRICHE
An die Gewehre!
WYSOCKI
Die Zeit entflieht, nur jetzt kein Säumen
Und Träumen. —
Am Belvedere vorüber eilen
Wir hin zur Stadt, zum Arsenal.
Zaliwski stürmt es.
PALLAS
flüstert ihm zu
Fühlst du nicht die Qual
Der Eifersucht, dass du den Ruhm mit ihm
Musst teilen —?
WYSOCKI
Im Parke, an der Denkmalsbrücke steht
Und wartet eine Schar von sechzehn Mann,
Studenten von der Universität
Und Literaten, denen man
Patronen geben muss und zum Palais
Den Weg bezeichnen. Zwei von euch erseh
Ich zu dem Zwecke aus, — ich nenn sie später.
Sie haben auch den Fürsten wieder
Zu greifen, falls er durch den Park
Zu fliehen suchte.
CHOR DER FÄHNRICHE
So ist es denn heute, —
Wir können es nicht fassen...
WYSOCKI
Brüder!
Heut ist der Tag der Freiheit.
CHOR DER FÄHNRICHE
Eile
Mit uns, du Adler, adlerstolz und stark!
Schon drängen sie und eilen
Und nichts mehr hält sie auf.
Gewehre in den Händen,
So eilen sie und wenden
Den Blick von ihrem Führer
Nicht ab; das Klirren ihrer
Waffen, Lärm und Gesumm
Geht in der Halle um.
Sie eilen und sie stecken
In dunkelblauen Röcken,
Aufschläge gelb, — und weiß
Die Hosen und Gamaschen.
Auf den Gewehren starren
Die Bajonette, harren
Des blutgen Ziels. Sie schnallen
Die Säbel um und packen
Sich die Tornister auf.
Schon stehn sie in vier Reihen
Im Rechteck, dann zu zweien
In einer langen Reih.
Man sieht bei ihnen allen
Die Freude laut und frei.
WYSOCKI
An die Gewehre! Achtung! Denn heute
Gilt es. Pflanzt Bajonette auf!
Gehet hinunter, sammelt euch Leute,
Unten im Hof; fort in schnellem Lauf!
Dass sie die Tore euch nicht verschließen!
Unten bekommt ihr Patronen zum Schießen.
Ich bin mit euch, — ich führe euch an.
An die Gewehre! Die Zeit rückt heran,
Unser die Macht und unser die Kraft.
Für all die Schande, die Jahre der Knechtschaft,
Für Jahre der Tränen, die qualvolle Zeit
Heute den Räubern Henker seid!
Aus der Scholle, die aufgebrochen,
Rissen wir das Schwert. —
All die Bosheit wird gerochen
Und wir graben stahlbewehrt
Gräber, weite Gräber.
Schleudern sie zu Boden, treten
Sie mit Füßen, stampfen, brechen
Die Gebeine, denn wir rächen!
PALLAS
Wirst Unsterblichkeit erringen!
WYSOCKI
Ewiges Leben wird euch bringen
Dieser Tag. Es muss gelingen.
PALLAS
Lodert in Flammen alle zusammen,
Leuchtende Fackeln, eilet dahin.
0 des Heiligtums Tore stehn weit
Auf und des wundersamen
Glanzes umstrahlendes Licht
Führt euch durch Blut und Tod und Gericht
Hin zur ewigen Herrlichkeit!
WYSOCKI
Auf, meine Brüder, Kinder, Soldaten!
PALLAS
Auf ging der Stern, er leuchtet euch hell!
WYSOCKI
Götter schaffen die Saaten!
PALLAS
An die Waffen!
WYSOCKI
An die Waffen!!
CHOR DER FÄHNRICHE
An die Waffen!!!
PERSONEN DER ZWEITEN SZENE:
- Grossfürst Konstantin
- Johanna
- seine Frau
- General Gendre
- Kuruta
- Makrot
- ein Spitzel
- Der Offizier vom Dienst
- Lakaien
SALON IM BELVEDERE
Zwei Türen rechts, zwei Türen links.
Im Hintergrund ein Fenster dreigeteilt,
Das bis zum Boden reicht. Dahinter
Der Garten von Łazienki. Fern
Sieht man ein weißes Reitermonument.
JOHANNA
tritt ein
Der Himmel glüht, — ein heller Feuerschein.
GROSSFÜRST KONSTANTIN
tritt ein
Wo ist der Brand?
KURUTA
tritt ein
Es brennt die Stadt.
GENDRE
tritt ein
Nein.
Die Stadt brennt nicht.
GROSSFÜRST
Wo?
GENDRE
Dort ganz hinten weit.
Ich hab im Hof Signale schon gehört.
KURUTA
Es sitzen zwei Schwadronen schon zu Pferd
Und sprengen aus dem Hofe nach der Stadt.
JOHANNA
verlässt den Salon.
GENDRE
Ein Pferd für Seine Hoheit!
KURUTA
Steht bereit.
GROSSFÜRST
Wie? Nein, — ich bleibe. — Dorthin — und wozu?
Mags brennen.
KURUTA
Was denn würden Hoheit sagen,
Wenn diesem einen, diesem ersten Brand
Der zweite folgte und der dritte, vierte,
Wenn aus dem unterirdschen, dunklen Land
Ein Spiel der Flammen züngelnd sich entwirrte —?
GROSSFÜRST
Es sei ein Aufstand.
KURUTA
Hm, — ja — ja — im ganzen
Ein Aufstand nur. — Was weiter? — Nun, es brennt. —
Ja, wenn dies Volk erst mal in Flammen steht,
Wird jedes frische Grab zum Flammenquell.
Für uns wird es ein Totentanz.
GROSSFÜRST
Wir tanzen,
Das goldne Vlies um unsern Hals; wir schlagen
Den Alantei auf und auch sogleich erkennt
Man uns als Diener Seiner Majestät
Des Kaiserlichen Herren. Kavaliere, —
Die sterben nicht, die fallen oder siegen.
Und wills der Zar, so werden wir berühmt.
GENDRE
Und wills der Zar nicht —?
KURUTA
Bleiben wir ihm treu.
GENDRE
verlässt den Salon.
GROSSFÜRST
Er bleibt.
KURUTA
Zu Diensten.
GROSSFÜRST
Idiot.
KURUTA
Nur Mensch.
GROSSFÜRST
Hm, — könnte Er wie ein gewisser Fürst
Zarudzki eine Dirne sich entführen
Und dann im Kreml nach der Krone greifen?
KURUTA
Hoheit sind Herr, — ich Diener.
GROSSFÜRST
Nun, — weiß schon.
KURUTA
Bin treu.
GROSSFÜRST
Und dumm.
KURUTA
Klug, wenn man mirs befiehlt.
GROSSFÜRST
Ah, schlauer Grieche; merkt doch gleich am Ton,
Woher der Wind weht, — und wohin man zielt.
Ich plaudre gern ...
KURUTA
Gewiss, so ganz sans gêne.
GROSSFÜRST
Halts Maul. Hinaus. — Und dienen ... dienen, wie ...
KURUTA
Ein Hund.
GROSSFÜRST
Ja. — Sag Er, hätte Er wohl die
Courage, ins Feuer für den Zar zu gehn?
KURUTA
Auch für des Zaren Bruder, wenn ers soll.
GROSSFÜRST
Den Dolch ins Herz, in Blut getränkt, —
Und dann das Kreuz, das goldne Kreuz;
Hm, — Er wird bleich? Erst wird der Zar
Ihn hängen lassen, doch dann schenkt
Das Kreuz er. — Ah, — Scher Er sich. Pascholt! — —
Adieu, — hier meine Hand, — Adieu, Kamerad.
KURUTA
Hoheit...
GROSSFÜRST
Ich bin ein Philosoph, — es war
Von jeher meine Art, im Finstern so
Mir meine Menschen auszusuchen, — Männer;
Die schöne Seele wittr’ ich stets, — auch wo
Sie nur in lumpiger Umhüllung wandelt.
KURUTA
Hoheit waren stets ein Menschenkenner.
GROSSFÜRST
Ich will Ihm was erzählen, — ja — und zwar
Kameradschaftlich. — Er fürchtet sich doch nicht
Vor Strafe?
KURUTA
Hols der Satan! Um was handelt
Sichs denn?
GROSSFÜRST
Der Fürst wird Zar.
KURUTA
lacht auf
GROSSFÜRST
Hinaus! — Was lacht
Der Satan?
KURUTA
schweigt.
GROSSFÜRST
Weg! Kann Ihn nicht brauchen.
KURUTA
bleibt.
GROSSFÜRST
Weg!
Hinaus! Fort zu den Karten.
Stößt Kuruta zur Tür hinaus; allein; klopft an die Tür links. In der Türe erscheint
JOHANNA
geht bis zur Mitte des Salons.
GROSSFÜRST
schließt sämtliche Türen; geht zum Schreibtisch
Seit frühem Morgen schieb ich es hinaus
Und gestern schon den ganzen Tag und auch