(Heimlicher Kummer, Verfolgung, Verleumdung, Untreue der Freunde und Anfechtungen.)

1. O, Gott der Liebe, der du so oft meine Gebete erhört hast, verstoße mich nicht von deinem Angesichte, wenn ich in heimlicher Bekümmernis und Betrübnis mich zu dir wende. Du allein kennst meine Sorge; du kennst die Angst, die mich erdrücken will, und du weißt, was es ist, das mich quält. Du weißt, unter welcher Bürde mein Herz seufzt, und du bist Zeuge meiner Tränen, die ich heimlich weine; denn du bist es ja, der selber mir diese Prüfung geschickt hat. O du, mein Gott,»auf den ich von Jugend an meine Sorge geworfen habe,« sei du dann auch mein Trost und hilf mir. Sei mir nicht ferne, sondern komm und stehe mir bei, o Herr, mein Helfer, daß ich dir danken möge, wenn die Betrübnis von meiner leidenden Seele wieder gewichen ist.

Amen!

2.»Wie lange, Herr, willst du mich so ganz vergessen? Wie lange willst du dein Angesicht vor mir verbergen? Wie lange soll ich in meiner Seele sorgen und tägliche Trauer in meinem Herzen fühlen?«[73] Vergebens wende ich mich zur Rechten und vergebens zur Linken; ach Herr, mein Gott, die Menschen sind nur schlechte Tröster, die fassen meinen Schmerz nicht und wollen meine Klagen nicht hören, ja, selbst die, auf deren Freundschaft ich rechnete, sind mir untreu geworden, und ihre Gunst und Hingebung war nur auf flüchtigem Sand gebaut. O du, der du ewig derselbe bist,»mein Herz bringt vor dich dein eigen Wort.«»Suche mein Angesicht!« Nun suche ich dein Angesicht, Herr, und du hast ja gelobt, daß du den nicht verlassen willst, der dir vertraut, und daß du deine Hand nicht von ihm ziehen willst; o, so laß mich deine väterliche Liebe zu mir auch in der Züchtigung erkennen, und »ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun, denn du bist es ja, der es getan hat.«[74] Ja »ich will stille sein und auf dich hoffen und dadurch wahre Stärke gewinnen.«[75] O, so zeige mir deine Gnade wieder; sprich zu mir:»Ich bin bei dir in der Not; fürchte dich nicht, zage nicht, denn ich bin dein Gott, ich stärke und erhalte dich.« Amen!

3. Ewiger,[76] du bist mein Licht und meine Seligkeit, vor wem sollte ich mich da fürchten? Du bist meines Lebens Kraft, o Herr, vor wem sollte mir wohl grauen? Laß nur meine Feinde sich wider mich erheben und wider meine Seele stürmen; denn sie werden stürzen. Wenn auch rings um mich her Heere lagern, so soll mein Herz doch nicht verzagen; denn du birgst mich in deiner Hütte in der schlimmen Zeit, und du öffnest deine feste Burg mir als Zufluchtsstätte, daß ich ruhig und sicher leben kann trotz aller Gefahr. Böse Zungen erheben sich wider mich und suchen mit ihren giftigen Pfeilen mich zu treffen; aber du, o Gott, bist mein Schild, so daß ich frei mein Haupt erheben kann, und du willst mich zu Ehren bringen. O, so laß mich denn deine Gnade im Land der Lebenden erfahren; laß mich ruhig meinen Weg wandeln und erfülle meine Seele mit Geduld, daß ich auf dich vertraue, daß ich nicht verzage, und daß auch dieses Ungemach meinem Geist zum Frommen und zur Rettung diene.»Laß jedes unfreundliche Urteil, das über mich gefällt wird, jede Verkennung, die mich trifft, eine ernstliche Erinnerung daran sein, daß ich einst zur Rechenschaft gefordert werden soll, so daß ich Selbstprüfung über meinen Sinn und meinen Wandel anstelle; laß mich einen Beweis darin sehen,»daß ich Wohlgefallen vor deinen Augen gefunden habe,« und stärke mich so in der sicheren Hoffnung,»daß du mich hier auf Erden erhältst und mich einst zu ewiger Seligkeit bei dir erheben wirst.«[77]

Amen!

4. Trübe Gedanken umdunkeln meine Seele, und Angst und Verwirrung überkommen mich. Ach Herr, was hab' ich doch getan, daß ich keinen Frieden finden kann? Es ist, als wenn am Tage böse Geister mich bei allen meinen Handlungen verfolgten und als ob sie bei Nacht mein stilles Lager umschwebten und sich eindrängten, wenn ich meine Seele zu dir erheben will. Vergebens kämpfe ich, alle die bösen und schrecklichen Vorstellungen zu verjagen, aber es gibt nichts, das mich erretten kann.»O, so erhöre du mein Flehen, und laß mein banges Seufzen nicht unerhört von dir zurückkehren,« du, Allmächtiger, denn du allein nur kannst alle meine Plagen enden. O, sei mir nicht ferne, sondern gib mir durch deinen Geist Kraft, diesen finstern und bösen Gedanken zu widerstehen. Auf dich setze ich meine ganze Hoffnung, ach, laß sie nicht zu schanden werden, sondern laß das Licht deines Angesichtes mir leuchten, wenn die bösen Stunden kommen, daß ich mich von deiner Vaterliebe umgeben fühle und errettet werde.

Amen!


XXI. Gebete in Krankheit.

Eine Kranke.

1. Ewiger, der du lauter Erbarmen und Wahrheit bist, gar vielfach sind die Wege, auf denen du den Menschen zu dir ziehst, wenn wir nur wüßten, uns ihrer mit Nutzen zu bedienen. Lange hast du in deiner Güte mir gesunde Tage geschenkt; ach, vielleicht habe ich dir nicht genugsam dafür gedankt; vielleicht habe ich die Kräfte meines Körpers nicht gebraucht, wie ich sollte, und habe nicht geachtet der Seufzer und Klagen der Leidenden, daß ich ihnen zur Hilfe eilte und ihre Not linderte; vielleicht achtete ich die eitlen Güter zu hoch;—siehe, da führst du mich jetzt andere Wege. Krankheit hat meinen Leib ergriffen und in Schmerzen liege ich danieder auf meinem Lager und wälze mich hin und her in der schlaflosen Nacht und finde am Tage keine Ruhe. Du, der du nur das Gute willst, hast mich vielleicht von Krankheit heimsuchen lassen, damit ich, der in den Zerstreuungen der Welt sich verlor, mein eigenes Herz läutere und prüfe und auf des Schmerzes hartem Lager lernen sollte, dich zu suchen. Siehe des Fiebers Glut, die mich verzehrt, soll mich vielleicht an meine Lauheit und Kälte in deinem Dienste erinnern, in dem Beruf, den ich erfüllen sollte, in der Anbetung deines Namens, und der brennende Durst meiner Zunge an die Versäumnis, die ich mir zu schulden kommen ließ, daß ich nicht täglich den Labetrunk aus der reichen Quelle deines Wortes schöpfte. Der eiskalte Schauer, der mich schüttelt, soll vielleicht die glühende Leidenschaft strafen, mit der ich die Befriedigung meiner Fleischeslust suchte, und diese Schwäche und Ohnmacht soll meine Härte gegen die Schwachen und Bedrängten strafen, denen ich keine hilfreiche Hand reichte; mein Bedürfnis nach der Pflege und den Beistand anderer soll meine Seele mit Scham über all mein törichtes Selbstvertrauen und meinen eitlen Stolz erfüllen, mit denen ich geringschätzend auf andere herabsah. O Herr, ich unterwerfe mich mit Ergebung deinem Willen und bitte nur: Gehe nicht hart mit mir ins Gericht, sondern laß mich deine Gnade erfahren. Habe ich mich versündigt, und ich verdiene deine Züchtigung, o, so erbarme dich über mich, wie ein Vater, der sein Kind züchtigt; flöße mir den Trost ein,»daß der Herr mich wohl züchtigt, aber mich nicht dem Tode überliefert.«[78] Mache du selbst, o mein Vater, mein Krankenlager zu einer Schule der Weisheit für mich und laß durch die Leiden meines Leibes meine Seele genesen. Herr, ich werfe mich in deine Arme, stärke mich, lehre mich mein Inneres läutern und mich mit meinem ganzen Herzen zu dir zu wenden; schenke sowohl mir Geduld in den Stunden der Schmerzen, als auch denen, die mich freundlich pflegen;»vergib mir alle meine Sünden, und laß mich deine Gnade wieder schauen, die so groß ist über den Staubgeborenen,« und ein Wandel, der dir gefällt, soll Zeugnis davon sein, daß die Krankheit mich auf den rechten Weg zurückgeführt hat, wie er in den Tagen der Gesundheit von denen betreten werden soll, die »dich suchen und lieben.« Amen!


Besonders in bedenklicher Krankheit.

2. Alliebender, ewiger Vater, du,»der alle Sünden vergibt und alle Krankheiten heilt,«[79] auf mein Krankenlager niedergestreckt, sende ich meine Gebete hinauf zu dir, o, sende mir Linderung und stehe mir bei in der Stunde der Gefahr! Du,»der kein Wohlgefallen an dem Tod des Sünders findet, sondern darin, daß er auf seinem Wege umkehre und lebe«, o, laß es dein Wille sein, mir die Gaben der Gesundheit wieder zu geben, daß ich noch in dem Lande der Lebenden wirken möge. Ach, ich bitte dich nicht wegen meiner, nein, vielmehr um derer willen, die so innig an mir hängen, und deren Herzen bluten würden, wenn du mich abriefest. (Ich bitte dich um meines geliebten Gatten willen, um meiner unmündigen Kinder willen, ich bitte dich um meiner alten Eltern willen, um der heiligen Pflichten willen, die ich zu vollführen habe, errette mich!) Ich weiß, daß die Menschen nichts vermögen, und daß alle irdische Kunst und Wissenschaft nichts nützt, wenn du nicht, o himmlischer Arzt, die Genesung von oben sendest. Ach, so laß es dir denn gefallen, mich zu retten; o, sei mir gnädig und heile meine Seele; denn ich habe wider dich gesündigt![80] Sollen meine Leiden noch lange währen, so sei du mir nahe mit deinem Geiste, laß ihn am Tage über mich schweben und mir Stärkung und Kühlung zufächeln und laß ihn in der Nacht um mich sein, daß fromme Gedanken mir die Stunden der Dunkelheit verkürzen, und die Schmerzen durch die Gewißheit, daß sie die Mittel meiner Seelenrettung seien, gelindert werden. Aber sollte es der Wille deiner unerforschlichen Weisheit sein, mich abzurufen, o, so erfülle meine Seele mit Gedanken der Ewigkeit und stärke mich in meinem letzten Kampf durch die Gewißheit des Trostes, daß du mein Leben an dem Grabe erlösen und mich mit Gnade und Barmherzigkeit[81] krönen willst, daß du, der du alles versorgst, was da lebt, in deiner Fürsorge dich der Meinen annehmen und sie in den Schutz deiner Fittige nehmen mögest. Herr tue mit mir nach deinem Willen!»Heile mich und ich bin geheilt, hilf mir und mir ist geholfen, denn du bist mein Hort.«[82] Du wirst mich erlösen, Herr, du treuer Gott.

Amen!


Bei derselben Veranlassung in Bibelversen.

3. Aus der Tiefe ruf ich zu dir, o Herr, neige dein Ohr meinem Rufe, du Ewiger, höre meine Klage und mein Flehen. Schwer ruht deine Hand auf mir, und meine Schmerzen suchen mich heim alle Zeit; von Angst und Seufzer wird mein Fleisch verzehrt. Am Tage verschmachte ich, und viele leidenvolle Nächte fallen in mein Los; o Allerbarmer, sieh meinen Jammer und mein Elend. Wie Mutterlose, niedergeschlagen und verlassen, stehen meine Kinder um mein Lager, und ich sehe Tränen die Wangen meines Gatten netzen, wie sehr er es auch vor mir verbirgt. Ach Herr, warum so lange? Am Tage rufe ich zu dir, aber ich bekomme keine Antwort und in der Nacht höre ich nicht auf zu flehen. Wie ein Sklave, der nach Schatten seufzt und wie ein Taglöhner, der sich nach der Ruhe des Abends sehnt, habe ich Monate (Wochen) in Kampf und Schmerzen zugebracht. O Herr, lindre meine Not und mein Leiden! Sollte keine Heilkraft in Gilead sein, du ewiger Arzt, daß ich errettet würde? Ja, gewiß, wer auf dich hofft, ist nicht verlassen! Du wirst in deiner Güte mich stützen und alle meine Krankheit heben. Du hast mich ja so oft große Bedrängnis, Angst und Not schauen lassen und mich doch aufs neue belebt und mich aus dem Abgrund der Erde emporgezogen. Ja, ich sagte in meiner Qual: Ich bin vor deinen Augen verstoßen; aber du hörtest meine verborgene Stimme, da ich zu dir rief, und du tröstetest mich wieder. Und wenn auch noch mehr Weinen uns bevorsteht, so werden ich und die Meinen am Ende doch deine Hilfe erfahren, und »die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.« Ja, du wirst mich von aller Sorge befreien, unter den Frommen hienieden oder bei den Verklärten dort; ja, ich soll deine Taten verkünden!

Amen!


Vor einer gefährlichen Operation.

4. Mein Gott, meine Stärke und meine Hoffnung!»Du, in dessen Hand die Seelen aller Lebenden und der Geist ist, der das Fleisch eines jeden Menschen belebt, « du hast mir heute eine Stunde gesandt, voller Schmerzen und Gefahr, in der versucht werden soll, mir meine Gesundheit zurück zu gewinnen, (in der ich ein Glied meines Körpers verlieren soll, um wo möglich mir dadurch das Leben zu erhalten), o, sei mir denn mit deiner Liebe in diesen Augenblicken nahe. Stärke meinen Mut und lehre mich den schwersten Schmerz in dem Gedanken ertragen, daß du es bist, der »sowohl Wunden schlägt als auch sie verbindet,« daß deine Weisheit es also beschlossen hat und es deshalb zu meinem Heile dienen soll. Ach, daß du mich deines Beistandes und Trostes in diesem Kampfe würdig hieltest! Vergib mir, o, vergib mir alle meine Sünden, (hier lese man das Sündenbekenntsis, Oschamnu), laß meine Seele zu dieser Stunde sich mit aller Welt versöhnen und laß mich alle Bitterkeit aus meinem Herzen tilgen! Laß mich erfahren, daß»nur eine kleine Stunde über deinen Zorn verrinnt, aber das Leben deine Lust ist. Du verläßt den Menschen nur eine kurze Weile, aber du nimmst dich seiner mit großem Erbarmen wieder an.« Rufe mir ins Gedächtnis, wie viele sich den schwersten Martern unterworfen, um deinen Namen zu heiligen, und durch ihren festen Glauben sich die Herrschaft über den Schmerz errungen haben, wie viele Mut und Standhaftigkeit in den herbsten Leiden zeigten und unter deinem Segen für ihre fromme Standhaftigkeit durch eine freundliche Zukunft belohnt worden sind. Laß die Liebe und das Vertrauen zu dir, Allgütiger und Allbarmherziger, mich keinen Augenblick verlassen; laß deine Rechte mich halten. Nun wohlan denn! in deinem Namen!»In deine Hände befehle ich meinen Geist« mit meinem irdischen Leibe. Gott ist mit mir, ich fürchte mich nicht! Schéma Jisroel Adônai Elôhenu Adônai Echod!—Höre Israel, der Herr unser Gott ist ein einziger Gott! Gelobt sei er in alle Ewigkeit!

Amen!


Fürbitte für einen Kranken.

5. Herr! du selber hast gesagt:»Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.« O, laß denn das Gebet meines bekümmerten Herzens zu dir aufsteigen. Bei dir sollte ich wohl Stärke finden unter der schweren Krankheit, die meinen lieben... (hier wird der Name des Kranken genannt) an das Lager fesselt. Wohl weiß ich, daß deine Wege nicht unsere Wege und daß die Ratschlüsse deiner Weisheit unerforschlich sind und verborgen unserer Kurzsichtigkeit, und daß auch diese Schmerzen, unter denen der Teure leidet, von dir gesandt sind; aber ich weiß auch, daß du gnädig auf die herniederblickst, die in ihrer Angst zu dir rufen, und daß die Tränen, die meinen Augen entströmen, dir nicht mißfallen.—Du, der du selbst uns hast verkünden lassen, daß du unser Arzt sein willst, wenn wir auf deinen Wegen wandeln, o, vergib dem Kranken alle seine Übertretungen, tilge das Andenken seiner Sünden und laß es dein Willen sein, daß mein....... wieder rasch geheilt werden und noch lange leben möge zur Verherrlichung deines Namens. Lindre sein (ihr) Leiden und laß ihn (sie) Erquickung und Ruhe finden. Erhöre die Gebete, die er (sie) zu dir sendet und schenke mir ihn (sie) wieder, daß ich dir danken möge, mein Helfer und Gott.

Amen!


Der Kinder Gebet für einen kranken Vater oder eine kranke Mutter.[83]

6.»Erhöre, o Gott, mein heißes Gebet, und schweige nicht zu meinen Tränen,«[84] siehe den Kummer meiner Seele und mein angsterfülltes Herz! Denn ach, die Güter meines Lebens sind in steter Gefahr, mein Vater (meine Mutter) liegt auf dem Krankenbette!—O Herr, welche Wehmut erfaßt mich, da ich ihn (sie) leiden sehe, wie graut mir vor dem Gedanken ihn (sie) zu verlieren.»Strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Groll,«[85] sondern vergib mir alle meine Sünden und sende mir Hilfe von deinem Himmel. O Herr nimm meinen Vater (meine Mutter) nicht von mir. Vergib mir alles, worin ich mich gegen ihn (sie) vergangen habe, und laß ihn (sie) noch den Tag erleben, wo ich ihm (ihr) meine ganze kindliche Liebe und Hingebung beweisen kann. O Herr, errette ihn (sie) um deines heiligen Namens willen,»du, mein Gott, der ein Gott der Errettung ist, der Herr, der Ewige, der vom Tode errettet,«[86] und erfülle so für mich (und meine Geschwister) deine Zusage, daß dein Name nicht von uns weichen und der Bund deines Friedens dem Geschlechte der Frommen erhalten werden soll.

Amen!


Dankgebet nach einer überstandenen Krankheit.

7.»Wie soll ich dir danken, o Herr, für alle deine Wohltaten,«[87] daß du nicht nach meinen Sünden mit mir verfahren und mir nicht nach meinen Missetaten vergolten, sondern dich über mich erbarmt hast, wie ein Vater sich über seine Kinder erbarmt? Wie soll ich dir danken, daß du meine Stütze in all meiner Schwäche warst!»Siehe, ich kam der Pforte des Todes nahe; da rief ich zu dir, und du sandtest mir dein Wort und heiltest mich.«[88] O, laß den geringen Dank meines Herzens für jede Linderung, für jede Tröstung und Erquickung als ein Rauchopfer zu dir emporsteigen.»Ja, Du gabst mich dem Leben zurück, und alle Tage meines Lebens will ich dir dafür danken, indem ich demütig deine Wege wandle und stetig mir vergegenwärtigen will, daß du es gewesen, der mich aus dieser Gefahr und Seelenangst errettet hast.« Verleihe mir deinen Beistand zur Erfüllung meiner Gelübde, daß ich mein Leben deinem Dienste weihe (und der Erziehung meiner Kinder in deiner Furcht) und deinen Namen und deine Güte vor meinem Geschlechte preise. Laß mich stets mit einem dankbaren Sinn mich aller Hilfe, Teilnahme und Tröstungen erinnern, welche treue Verwandte und Freunde mir auf meinem Krankenlager zuteil werden ließen, und alle Freundlichkeit und Sorgfalt und Geduld, die selbst bezahlte Diener mir bewiesen. Jetzt habe ich vollkommen das Weh der Krankheit kennen gelernt; jetzt verstehe ich den Schmerz der Armen, welche auf dem Siechbette seufzen; ach wollest du, o Gott, mir deinen Geist und deine Kraft mir dazu verleihen, sie zu pflegen, ihren sinkenden Mut aufrecht zu halten und ihre Hoffnung durch dein Wort zu beleben! O, Allbarmherziger, laß meine Krankheit meinen Geist geläutert und mich von den Sünden gereinigt haben, daß ich auch ferner deines väterlichen Schutzes würdig sein möge! Behüte du meine Wege, und niemals wird meine Seele aufhören, dir Lob und Dank und Preis zu bringen.

Amen!


Gebet für Kranke. (Nach dem Hebräischen)

In einem Krankheitsfalle bete man folgende Schriftstellen:

Ein Leidender,
wenn er verschmachtet und seine Klage ausschüttet vor dem Herrn.

(Ps. 102, 1.)

8. Herr! o höre mein Gebet und laß meine Klage vor dich kommen; verbirg dein Angesicht nicht vor mir, sondern neige dein Ohr mir zu in der Stunde der Not, und erhöre mich rasch an dem Tage, da ich zu dir rufe. Ja, zu dir, o Herr, bete ich; demütig flehe ich zu dir; o, sei du auch mein Schild, erhebe mein Haupt und erhöre mich von deinem heiligen Berge. O, höre mich, wenn ich bete, du mein gerechter Gott, der mich in der Not errettet, sei mir gnädig und erhöre mein Gebet. Lausche meiner wehmütigen Klage, o mein König und Gott, denn zu dir bete ich. In meiner Not rufe ich zum Herrn, bete zu meinem Gott, und er hört meine Stimme von seinem hohen Himmel; meine demütige Bitte erreicht sein Ohr. Ja, höre meine Stimme, o Herr, nun ich dich anrufe, sei mir gnädig, und erhöre mich. Ich rufe zu Gott und der Herr errettet mich. Höre, o Herr, meinen Ruf und lausche meinem Gebet. Sei mir gnädig, o Herr, den ganzen Tag rufe ich zu dir; erfülle die Seele deines Dieners mit Freude, denn zu dir, o Herr, erhebt sich mein Geist, und du, o Herr, bist gut und gnädig und erbarmst dich über den, der dich anruft. Mit lauter Stimme bete ich zum Herrn, und ich schütte vor ihm meine Klage aus und erzähle ihm meine Drangsale. Herr, du kennst mein Sehnen und mein Seufzer ist dir nicht verborgen, o erinnere dich nicht meiner Jugendsünden, sondern sei gnadenreich gegen mich um deiner Güte willen, o Herr! Reinige mich von meinen Sünden, läutere mich von meiner Schuld. Ja, gedenke nicht der Sünden meiner Vorzeit, sondern laß dein Erbarmen mir rasch zuteil werden, denn ich bin sehr elend. Um deines Namens willen, o Herr, vergib mir meine Sünden, denn sie sind sehr schwer, und wolltest du nach der Sünde bestrafen, o Herr, wer könnte da vor dir bestehen? Behandle uns nicht nach unserer Schuld und strafe uns nicht nach unserer Sünde. Und zeugen unsere Sünden wider uns, o Herr, so achte nicht darauf, um deines Namens willen, denn ich kenne meine Sünden und bin bekümmert ob der Schuld meiner Vergehen. Errette mich von den Folgen aller meiner Übertretungen, daß ich nicht zum Spott der Toren werde. Ich bitte, o Herr, sei mir gnädig, heile meine Seele, denn ich habe wider dich gesündigt; sei mir gnädig in deiner Barmherzigkeit und tilge meine Schuld in deinem unendlichen Erbarmen, denn ich bekenne meine Schuld und habe stets meine Sünden vor Augen. Ja, so wende dein Angesicht von meiner Schuld ab und tilge meine Sünde. Ich muß erliegen unter meiner Sündenschuld, aber vergib du sie mir, denn du Allbarmherziger vergibst die Schuld und vernichtest nicht; so manches Mal hast du deinen Zorn besänftigt, o, so laß deinen Groll denn auch über mich nicht entflammen! Hilf mir, errettender Gott, um der Ehre deines Namens willen. Hätte ich auch Unrechtes in meinem Herzen gedacht, in dem Wahn, daß du es nicht wissest, du, der Allwissende, o Gott, so höre doch nur auf meine betende Stimme: Strafe mich nicht in deinem Zorn, o Herr, denn ich welke dahin; heile mich Herr, denn meine Glieder werden matt und meine Seele ist gar müde! Ach Herr! Wie lange soll es währen? Wende dich wieder zu mir, o Herr! Rette meine Seele, hilf mir um deiner Gnade willen, meine Augen schauen mit Sehnsucht aus nach deiner Hilfe, nach der Vergebung deiner Gnade; o laß dein Erbarmen sich mir nahen, o Herr, sende mir die Hilfe, die du versprochen hast. Ich will wieder umkehren zu dem Herrn, denn er verwundet wohl, aber er heilt auch wieder, und wie er verletzt, so verbindet er auch. Ja, du, o Herr, bist barmherzig und gnädig, schenke deinem Diener Kraft und hilf dem Kinde deiner Dienerin. Schütze mich vor Not, umgib mich mit dem Jubel der Errettung. Vertraue dem Herrn auf ewig, denn der Herr ist der ewige Fels. Der Herr gibt seinem Volk den Sieg und segnet es mit Frieden. Gott der Heerscharen! Glücklich ist der Mensch, der sein Vertrauen auf dich setzt; Herr, errette mich, mein König! erhöre mich, wenn ich zu dir rufe. Herr der Welt! Ich weiß, daß dein Urteil gerecht ist: Du hast mich vor deinen Richterstuhl gerufen, aber ich bin nicht rein vor dir, und keiner kann mich vor dir rechtfertigen. Aber du willst meine schlafende Seele retten, daß sie sich wende zu dir; o siehe ich trete vor dich im Vertrauen auf deine heilige Zusage, daß ich durch Gebet mir Linderung und Errettung bereiten soll, um gerechtfertigt vor deinen Richterstuhl treten zu können. O, wende du in deiner großen Gnade das strenge Urteil von mir ab und befiehl dem Engel des Verderbens, daß seine Hand von mir ablasse! Vergib mir alle meine Schuld in deiner großen Barmherzigkeit, denn ich halte Umkehr und tue Buße und sehe vollkommen meine Schuld ein und bereue sie von ganzer Seele. Siehe, mein Herz wird von Scham erfüllt und mein Angesicht wird rot vor Beschämung, denn ich habe gar sehr gesündigt, und deshalb eile ich, zu dir zurückzukehren. Schaue denn, o Herr, meine Not an und rechne sie mir zur Versöhnung; o, wache über mich und alle Meinen und sprich: Es sei genug! Im Namen des Ewigen! Laß doch meine Leiden ihr Ende nehmen und wende mein Los zum Guten und sende mir und allen Kranken in Israel baldige Heilung. Zeige mir ein Zeichen der Errettung und erbarme dich über mich um deiner Gnade willen, denn deine Barmherzigkeit ist so hoch wie der Himmel, und deine Treue reicht weiter, denn die Wolken gehen. O Herr! Ewig will ich dir dann danken und deine Wunder verkünden. Ich beuge mich in Demut vor dir, und ehre deinen Namen. Gelobt seist du, o Herr, in aller Ewigkeit.

Amen!


Betet man für einen andern, so füge man hinzu:

Erbarme dich über meinen kranken (Gatten, Sohn usw.), denn du bist barmherzig und gnädig, und sende ihm (ihr) und allen Kranken in Israel vollkommene Genesung. Herr, zeige mir ein Zeichen der Errettung zum Guten, erbarme dich über mich um deines Namens willen, denn deine Güte und Treue reichen hinauf zum Himmel und so weit die Wolken gehen. Ewig will ich dir dann danken und alle deine Wunder verkünden. Gelobt seist du, o Herr, in aller Ewigkeit[89].

Amen!


XXII. Gebete während einer ansteckenden Krankheit.

Gebt dem Herrn, Eurem Gott, die Ehre, bevor er es finster werden läßt, und bevor eure Füße anstoßen gegen die dunkle Höhe. (Jer. 13, 16.)

1. Allmächtiger Gott! Du erinnerst uns Menschenkinder daran, daß wir Staub und Asche sind; denn über unsere Stadt ist die schlimme Zeit hereingebrochen, von der es heißt: « Das Volk soll geängstigt werden und umhergehen wie Blinde, weil es gegen mich gesündigt hat«(Zeph. 1, 17). Ach, schon hören wir das Seufzen der Angst und bemerken die Zeichen des Schreckens auf dem Antlitz vieler Leute, während unser Inneres bebt und fragt: wer kann oder wird uns doch retten? Wir tappen umher in der Finsternis, die sich über uns gelagert hat.—O du, dessen Barmherzigkeit ohne Ende ist, dessen Güte sich mit jedem Morgen erneuert, sieh unsere Bekümmernis, öffne unsere Augen und lehre uns begreifen, daß du es bist, der Allbarmherzige, der diese Zeit über uns geschickt hat, auf daß wir unsere Ohnmacht erkennen und uns überzeugen, daß du dich gegen dein sündiges Kind als ein lieber Vater zeigst, der es wieder in Gnaden annehmen will. Sende uns deinen Geist, daß diese Zeit der Heimsuchung zu unserer Heiligung diene; denn ach, wir müssen bekennen, daß wir dich lange nicht über alles in der Welt geliebt haben, wie wir es dir schulden. Nicht auf dich haben wir unser Vertrauen gesetzt, sondern auf vergängliche Dinge, auf schwache Menschen. Eitelkeit und Habsucht, Hochmut und Haß, Neid und Wollust beherrschen uns. O lieber Gott, laß uns deine Güte in dieser schlimmen Schickung erkennen, daß sie uns läutere und reinige, und laß sie auch mich also rühren, daß ich zu dir wieder mit getrostem Mute aufschauen kann, wie ein Kind zu seinem Vater, in der Gewißheit,»daß du mich nur strafst, aber nicht auch dem Tode hingibst.« O du, der du gut bist und gerne vergibst, der du Erbarmen gegen den zeigst, der dich anruft, o vergib mir meine Sünden und laß mich deine Vaterstimme hören, die mir zuruft:»Du bist nicht verlassen, ich bin bei dir in der Not, ich will mich über dich erbarmen und will dich aus derselben erlösen!« Erschaffe in mir ein reines Herz und einen neuen, beständigen Geist erneuere in meinem Innern. Du, der du mein Vater bist, mein ewiger Erlöser, gelobt sei dein Name.

Amen!


Gebet um Mut.

Wenn ich mitten in Angst wandere, so erquickst du mich. (Ps. 138, 1.)

2.»Zu dir, o Gott, rufe ich, und bete, o, laß mein Seufzen nicht unerhört zurückkehren.« Dich suche ich auf in dieser Zeit der Not und nach dir strecke ich meine Hand aus in der Nacht, wenn nichts meine bange Seele erquicken will, denn rings um mich her verbreitet der Tod seine Schrecken, und der Mut verläßt mich. O, mein Vater, du bist bisher mit mir gewesen, verlaß mich auch jetzt nicht, sondern erneuere in mir deine gnadenreiche Verheißung:»Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir in der Not; verzage nicht, ich bin dein Helfer; ich stärke dich und behüte dich, ich unterstütze dich mit der Hand meiner Gerechtigkeit.« Flöße mir Mut ein, daß ich, umringt von den Schrecknissen des Todes, sicher ausrufen möge:»Der Herr ist mit mir, deshalb fürchte ich nichts!« O, nicht nur um meinetwillen sondern auch für die, welche verzagt und in des Todes Ängsten wandeln, bitte ich dich: gib mir Mut, daß ich sie in ihrer Furcht beruhigen, daß ich zur Hilfe eilen könne, wo jemand niedersinken will, und daß ich ihre angsterfüllten Herzen stärken könne.—Ich bitte um Mut und Kraft für die, deren Beruf es ist, die Kranken zu besuchen, daß sie auf dich vertrauen und es erfahren, wie »du ihren Mut und ihre Kraft vermehrst, daß sie gehen und nicht ermatten, daß sie laufen und nicht müde werden!« Wir sind ja in deiner Hand, wie sehr wir auch bedroht sind, und nichts kann uns widerfahren, ohne daß es von dir geschickt ist, und niemand stirbt, bevor seine Zeit verflossen, die du ihm zugemessen hast! Soll ich da Furcht hegen in den bösen Tagen, in denen meine Treue ja recht geprüft werden soll, wenn ich glaube, daß es ein weiser und liebevoller Lenker ist, dessen Augen offen sind über den Wegen aller Menschenkinder, und der über Leben und Gesundheit eines jeden wacht; wenn ich glaube, da߻wir einen Gott haben, der da hilft, und den Herrn, der vom Tode errettet!« O, Herr, vergib mir meine sündige Schwäche, laß mich schöpfen aus der Quelle des Lebens, aus der Gottesfurcht und den Schlingen des Todes entgehen. So sei denn ruhig, meine Seele; weshalb bist du so niedergebeugt und stürmst in mir? Warte auf den Herrn, denn ich soll ihm noch danken, daß er mein Helfer war! O Herr, stärke mich, durch Unerschrockenheit deinen Namen zu verherrlichen und ihn vor den kommenden Geschlechtern zu preisen. Zeige dich gütig gegen mich, daß ich leben möge und deine Gebote halte.

Amen!


Tröstung.

Gott, wir hören deine Stimme durch die Welt erschallen—und beben:—o Ewiger, erhalte deine Geschöpfe, denke im Zorn daran, dich zu erbarmen, bevor die Jahre verrinnen, daß der Himmel mit deiner Herrlichkeit erfüllt und die Erde deines Ruhmes werde. (Hab. 3.)

3. Der Herr ist meine Stärke, mein Schild! Auf ihn hofft mein Herz, und mir ist geholfen; deshalb freut sich mein Geist, und auch meine Glieder wohnen in Sicherheit. Wenn auch ein Unwetter rast, und giftige Dünste sich ausbreiten, mein Herz fürchtet sich doch nicht, denn der Herr stillt das brausende Meer und das Getöse der verheerenden Wogen. Ja, du, Herr! hältst deine Hand über mich, daß kein Übel mich vernichte, wie groß und gewaltig es auch sei. In deiner Hand, o Ewiger, ruhen ja meine Lebenstage; welche Gefahr kann mir wohl drohen, wenn du mein Felsen bist, an dem ich mich festhalte? Du bist ja mein Hirt, dessen Stab mich leitet; du birgst mich in deiner Hütte zu der schlimmen Zeit und bewahrst mich und alle die Meinigen vor Krankheit und Plage; denn wenn du auch im Himmel thronst, so schaust du doch mit holdem Vaterblick auf deine Menschenkinder herab. Du scheinst sie wohl für eine kleine Stunde zu verlassen, aber wendest dich ihnen bald in deiner großen Barmherzigkeit wieder zu. Deshalb will ich auf dich bauen, daß du mich wie mit einer Mauer von Feuerflammen umgibst und mich errettest, daß ich alle deine Wundertaten verkünden kann.

Amen!


Ergebenheit in Gottes Willen.

Und sie riefen zum Herrn in ihrer Not, und er half ihnen aus ihrer Angst. (Ps. 107, 13.)

4. Umgeben von den Schrecknissen des Todes, umringt von den Ängsten der Drangsale und der Betrübnis, sucht mein bekümmertes Herz dich, du Herr des Lebens und des Todes, der die Stunde bestimmt hat, in der wir von hier scheiden sollen, und ich bete zu dir, daß du meine Seele mit Ergebung in deinen Willen erfüllen mögest, so daß ich vertrauensvoll mich dir hingebe und spreche:»Siehe, hier bin ich, Allgütiger, tue mit mir, wie dir am besten scheint!«(1. Sam. 15, 26.) Ach rings um mich her rast ja die verheerende Krankheit, und der kalte Flügelschlag des Todes trifft so viele, die noch so frisch und froh ins Leben dreinschauen; er schont weder das Alter, noch die kraftvolle Jugend. Was kann da mein Herz stärken, wenn es verzagen und verzweifeln will, als nur allein der Gedanke, daß meine Zukunft, mein Schicksal in deiner lieben Hand ruht? Du hast mir das Leben verliehen, und in deiner Macht steht es, dasselbe wieder zurückzunehmen, aber gewiß wirst du es nicht tun, ohne daß auch darin deine Liebe, deine Gnade sich mir offenbart.»Herr, in deine Hand befehle ich meinen Geist; du wirst mich erlösen, wenn du es für gut findest, du wahrhaftiger, getreuer Gott!«—Mit Sorgfalt will ich mich vor allem hüten, wodurch ich leichtsinnig mein Leben in Gefahr bringen könnte, und will suchen, dasselbe durch Mäßigkeit, durch Ordnung in meinem Lebenswandel, durch einen wohlzufriedenen und ruhigen Sinn und durch die Kunst und Klugheit des Arztes zu beschützen. Aber ich will auch bereit sein, von hier zu scheiden und mich deshalb im Geiste mit allen versöhnen, die irgendwie mich gekränkt oder beleidigt haben, und ich will alle äußeren und inneren Angelegenheiten meines Lebens ordnen und eine innige Gemeinschaft mit dir suchen, daß ich nicht unvorbereitet vor dein Angesicht treten möge, wenn du mich zur Ewigkeit rufen solltest.—Allgütiger! deinem Schutze und deiner Leitung befehle ich mich und diejenigen, welche mir lieb und teuer sind. Dir überantworte ich mein und ihr zeitweiliges und ewiges Wohl, und mein Herz ist ruhig und gefaßt. Weshalb sollte mir vor dem Tode und seiner vernichtenden Hand grauen? Mein Leben und meine Seligkeit ist ja in deiner Hand und wird von deiner Liebe behütet, die stärker ist als der Tod. Deshalb verzage nicht, meine Seele, sondern befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, denn er wird's wohl machen.

Amen!


Gebet um das Morgen-und Abendgebet im Gotteshause oder daheim zu
beschließen.

5. Herrscher der Welt! Ewiger, barmherziger Gott, der voll Güte und Erbarmen ist, und in dessen Hand die Seelen aller Lebendigen ruhen, o, gehe nicht ins Gericht mit uns, denn kein Menschenkind kann sich vor dir rechtfertigen. Wie sollen wir, o Allmächtiger, unsere Schuld abbitten, und womit uns vor dir verantworten? Wenn du uns unsere Sünde anrechnen willst, wer könnte da vor deinem Zorn bestehen, aber erhöre uns um deines heiligen Namens willen und blicke gnädig vom Himmel auf uns nieder und laß mein und aller Gebete, die in dieser Zeit zu dir aufsteigen, dir angenehm sein wie das reinste Rauchopfer, welches uns in früheren Tagen deine Versöhnung und Errettung gewann. Vergib und verzeihe diesem Volke seine Sünden in deinem großen Erbarmen, o du, der du allen denen nahe bist, die dich in Wahrheit anrufen! Neige dein Ohr unserer heißen Bitte und wende jede Krankheit und Seuche von uns ab; errette alle, die in dieser Stadt und diesem Lande wohnen von Pest und Plage! Laß deine Barmherzigkeit über uns alle, nah und fern, wachen, und sende deinen Engel vor uns her, daß wir unerschrocken im Vertrauen auf dich wandeln, und keine Plage sich unserer Wohnung nähere; heile uns, so sind wir geheilt, hilf uns, so ist uns geholfen, denn du allein bist unser Ruhm und unsere Zuflucht. Allerbarmer, treuer Arzt, alliebender Vater! verbirg dein Angesicht nicht vor uns, sondern lausche in unserer Not auf unsern Angstruf; schweige nicht zu unsern Tränen und züchtige uns nicht in deinem Zorne; suche uns nicht heim in deinem Grimme, verlaß uns nicht in unserem Kummer, verwirf uns nicht, wenn unsere Kräfte schwinden, sondern erinnere dich deiner unendlichen Güte und behalte zurück das schlimme Verhängnis; stärke die Schwachen, daß unsere Herzen mit Mut erfüllt werden, und sei uns gnädig um deines heiligen Namens willen. O, eile uns zu Hilfe, daß wir nicht unter dem Drucke der Leiden erliegen, befreie uns von allem Bösen, und laß uns nicht unerhört von deinem Angesichte gehen, sondern laß dein Antlitz uns in Gnade leuchten, auf daß ich und wir alle uns deiner Hilfe freuen und durch deine Rettung froh werden mögen.

Amen!

Danach lese man abwechselnd 2 von folgenden Psalmen Davids. 6. 20. 23. 25. 27. 30. 32. 33. 34. 38. 41. 88. 86. 90. 91. 102. 103. 116. 118. 121. 130. 143.


Ein anderes Gebet, um die Morgen-und Abendandacht zu beschließen.

6. Alliebender Vater! getreuer Gott, der du in deiner Langmut uns unsere Sünden vergibst und alle unsere Krankheiten heilst, der du unser Leben vom Grabe errettest und uns mit Güte und Barmherzigkeit krönst, o, neige dein Ohr meinem und aller Gebet in dieser Zeit der Heimsuchung und sende Heilung für mein zerknirschtes Herz! In Demut bekenne ich vor dir, daß meine Sünden groß und zahlreich sind, ach, und daß keiner von uns vor dir würde bestehen können, wenn du uns unsere Schuld anrechnen wolltest; aber du vergiltst uns nicht nach unseren Missetaten! Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhebt sich deine Gnade über uns; du erbarmst dich ja über uns, wie sich ein Vater über seine Kinder erbarmt, o laß denn deine Güte mit uns sein und zeige uns das Zeichen der Errettung! Hilf uns unter allen schlimmen Heimsuchungen, unter all den schweren Schickungen und Strafgerichten, welche du über die Welt verhängst; sei uns nahe, während wir beten, zerteile die dunkle Wolke, die sich über uns gelagert hat, und entferne von uns jede Krankheit und Plage, ja errette uns von der bösen Seuche, die sich über so viele Lande verbreitet hat! O, nimm dieses Unheil fort von deiner Erde und laß das Verderben unsere Wohnung nicht erreichen; befreie uns von aller Angst, vor der Pest, die im Dunkel einherschleicht, und vor der Plage, die in der hellen Mittagsstunde Verderben bringt. Erfülle an uns deine Zusage,»daß du denjenigen Speise und Trank segnen und von denen jede Krankheit abwenden willst, die dir dienen! Und sind wir auch nicht würdig, erhört zu werden, o, so tue es um der Unmündigen und Säuglinge willen, die dein Reich auf Erden befestigen sollen, und die nicht gesündigt haben! O, siehe unsere Reue, höre auf unser Seufzen, und laß es uns erfahren, daß du keine schlimme Krankheit über uns kommen lassen willst, wenn wir deiner Stimme gehorchen und tun, was recht vor deinen Augen ist und deine Gebote halten, denn du, Allwissender, Ewiger, bist unser Arzt! O, so heile denn mein zerknirschtes Herz, heile die Wunden aller! Erbarme dich über alle diejenigen, welche von Bekümmernis, Leiden oder Schmerzen ergriffen sind, sei allen denen nahe, die da krank sind, unterstütze sie auf ihrem Lager, laß sie gesunden, verlängere die Zahl ihrer Tage und schenke ihnen wieder ein freudenreiches Jahr! Laß die Stimmen des Frohsinnes in unserem Lande wieder laut werden, laß die Stunde der Freude aufs neue für diese Stadt erscheinen, daß wir in dein Haus eilen und dir Dankopfer für die Errettung, die du uns gesandt hast, darbringen können. Schenke mir und schenke uns allen Leben und Kraft, deinen Namen zu preisen und zu bekennen, daß auch dieser bittere Kelch zu unserm Seelenfrieden gedient, uns vom Verderben gerettet hat; denn »du warfst alle unsere Sünden hinter uns.« O, laß die Worte meines Mundes, die Gedanken meines Herzens dir gefallen, Herr, mein Erretter.

Amen!


XXIII. Gebete auf dem Friedhof.

Über die Sitte, die Grabstellen zu besuchen und dort zu beten.

»Siehe, ich lege dir Leben und Tod vor, wähle das Leben!«(5. B. Mos. 30, 15. 19)

So lauten die Worte der Schrift: Wähle das Leben, denn alle Lehren und Gebote in der heiligen Thora gehen nur auf das Leben (Ezech. 20, 11.), und des Glaubens Kraft soll sich für das Leben und in demselben wirksam zeigen.

Diese Worte geben uns den Grund dafür an, warum der Israelit seine Heiligtümer nicht auf Grabeswölbungen baut, nicht das Tote zum Grund für die Saat des Glaubens wählt und keinen Reliquien-Dienst kennt; und wie hoch er auch den entseelten Leichnam achtet, als die Hülle, die einst gewürdigt gewesen ist, den göttlichen Geist zu tragen, so daß die Geringschätzung einer Leiche als Gotteslästerung bezeichnet wird (Berachoth 19), so verbietet seine Religion doch, eine Leiche zur Schau zu stellen oder Prunk mit derselben zu entfalten, um der Eitelkeit Nahrung zu geben, wenn die Verwesung schon davon zeugt, daß sie eine Beute des Grabes ist.

Bei jedem Todesfall soll das Gefühl von dem Ernst des Lebens und seinem raschen Entschwinden bei uns geweckt werden, so daß wir aufs neue unser Dasein zur nützlichen Wirksamkeit unter den Menschen heiligen, zu einem heiligen Wandel vor dem Unsichtbaren, und wenn man auch die Stätten bezeichnen soll, wo teure Entschlafene ruhen (Ezech. 39, 15.), so soll es doch nicht durch kostbare Denkmäler geschehen; denn gute Werke sind die schönsten Monumente, welche die Hinterbliebenen für die Verklärten errichten und edle Handlungen die schönsten Blumen, die auf ihren Grabeshügeln gepflanzt werden.[90]

Wenn es demnach eine uralte Sitte ist, an gewissen Tagen im Jahre die Gräber zu besuchen, besonders, wenn der Tag wiederkehrt, an dem man einen seiner Verwandten verloren hat, oder wenn Sorgen und Bekümmernis unsern Sinn darniederdrücken,[91] so ist es eine Selbstfolge, daß eine jede abergläubische Vorstellung davon fern gehalten werden muß, jene schwärmerischen Gedanken, als ob man mit den Toten verkehren oder sie sogar anbeten könne, was ganz und gar wider die Grundsätze unserer erhabenen Religion streitet (5. Mos. 18, 9. 11.); denn die, denen Gott sich offenbart hat, heißt es bei den Propheten (Jes. 8, 19.), die sollen sich zu ihm wenden, der einen jeden erhört, der ihn in Wahrheit anruft, und nicht die Toten für die Lebenden fragen.

Nein! Ganz andere Gesichtspunkte sind es, von denen aus der Besuch der Gräber bei den Juden verstanden und begriffen werden soll. Zuerst und vor allen Dingen soll er den Namen Gottes heiligen und es laut verkünden, daß der Allgütige gerecht ist, wie unerforschlich auch seine Wege sind. Dort legt er, wenn einer seiner Lieben zur Erde getragen wird, das Bekenntnis ab, daß des Allmächtigen Schöpfers Werk vollkommen und alle seine Wege gerecht sind (5. Mos. 32, 4). Je mehr es uns in dem schweren Augenblick, wo der Leichnam eines unserer Lieben versenkt wird, vorkommen könnte, als ob manches Menschen Dasein unvollendet geblieben sei, und wir in der Bitterkeit des Schmerzes versucht werden könnten, Gottes Gerechtigkeit zu bezweifeln, destomehr sollen wir unsere wahre Ergebenheit in Gottes Willen, unsern unverrückbaren Glauben beweisen, und indem wir der künftigen Welt gedenken, es bekennen, daß der Herr gerecht ist. Und diesen Glauben sollen wir jedesmal stärken, da wir die Gräber besuchen.

Sowohl das Leben als der Tod scheinen uns in Wahrheit rätselhaft. Wir sehen hier nicht nur Menschen jeden Alters und Standes bestattet, und scheinen oft Grund zu der Frage zu haben, weshalb es diesen oder jenen treffen mußte, sondern wir sehen auch solche, deren Wirksamkeit uns von der größten Wichtigkeit zu sein schien, in der Blüte der Jugend fortgerissen, während die, welche nach unserer Meinung für die Welt ganz entbehrlich waren, erst hochbetagt zu den Ihrigen versammelt wurden. Mütter wurden von den Kindern fortgerissen, während diese noch der mütterlichen Pflege bedürftig waren, und die Hoffnung der Zukunft, die lebendige Jugend, ging den Weg alles Fleisches, während schwächliche Greise erst spät ihr Haupt zur Ruhe legten. Aber je rätselhafter hier uns alles erscheint, desto innerlicher sollen wir das Wort des Glaubens erfassen, daß der Herr wohl wunderbar in seinem Rate ist, aber doch herrlich in seiner Tat, und daß das, was er geschaffen hat, vollkommen ist, und das, was uns als gestorben erscheint, begonnen hat, seiner Vollendung entgegenzugehen. Denn beide Welten stehen in Verbindung mit einander; das ewige Leben nimmt seinen Anfang schon mit diesem, und was der Unerforschliche bestimmt, muß gerecht sein.

Bereits hier auf Erden nimmt das ewige Leben seinen Anfang, und gerade dieser Gedanke ist es, der dadurch lebendig in uns werden soll, daß wir die Grabstellen der Entschlafenen besuchen,[92] wo aller Stolz und alle Eitelkeit uns verlassen sollen und die Macht der Sinnlichkeit gebrochen wird. Nur allzu leicht vergessen wir unsere wahre Bestimmung im Taumel des Lebens, allzu leicht betrachten wir Reichtum, Ehre und Vergnügungen als die Güter, welche wir zumeist erstreben sollen, als ob sie uns niemals entfliehen würden, aber hier auf dem Friedhof:

»Hier zeiget deutlich uns das Grab,
Wie Glanz und Reichtum nichts als Staub,
Der Jugend Blüten fallen ab,
Und Weltenruhm welkt hin wie Laub!« P/

Hier sehen wir wie schnell alle Herrlichkeit verschwindet, wie der Ehrgeizige mitten in seinem hochstrebenden Vorhaben gehemmt wird, und die stolzesten Pläne im Nu vernichtet sind. Und hier, wo Groß und Klein gleich sind, (Ijob 3, 19.), wo wir erfahren, daß deren Namen im Dunkeln verborgen bleiben (Pred. 6, 14.), die mit Eitelkeit kommen und im Finstern gehen, hier beschließen wir, im Licht zu wandeln und nach einem guten Namen zu streben (Pred. 7, 1.), denn der Mensch in all seiner Herrlichkeit ist nichts, wenn er nicht durch seine Taten und Handlungen darnach strebt, das ewige Leben zu erreichen. ) sondern auch das Haus der Lebenden (בית החיים-Beit Hachayim) (בית עולם-Beit Olam) genannt oder das Haus der Ewigkeit.

Und zu einem solchen Streben soll der Gang nach den Gräbern uns entflammen. Wir sind die Arbeiter, die der Herr in seinen Weinberg gestellt, daß sie ihr Tagewerk verrichten sollen; ob wir früh oder spät davon abberufen werden, das ist nicht unsere Sache, nur das ist unsere Sache, daß wir vollführen, so viel wir vermögen. Aber der Tag ist kurz, und die Arbeit ist groß (Ijob 7, 1-6), und nur allzu oft glauben wir, daß noch Zeit genug ist, zur Tätigkeit und zur Umkehr. O, hier werden wir erinnert, wie viele Menschen in ihrer Blütezeit starben, wie wenige auch nur einen Teil ihres Berufes haben erfüllen können, wie wenige, deren Arbeit für die Zeit genügte, die ihnen zugemessen war; hier werden wir daran erinnert, daß das irdische Leben dahinfährt wie ein Schatten, und wir werden zu eifriger Tätigkeit ermuntert, die Zeit zu benutzen, ehe sie verronnen ist.

Wie viel tragen hierzu nicht die Gedanken an den frommen und wohltätigen Wandel der Verklärten bei! Wohl sollen wir uns im Leben nach Vorbildern umschauen und ihnen nachzuahmen suchen; aber so lange die Hülle des Staubes die Seele umgibt, bemerken wir nur zu leicht die Mängel, die an jener kleben. Erst wenn wir die irdische Gestalt nicht mehr sehen, dann steht die lautere Tugend der Heimgegangenen, ihrer Seele reiner Adel klar vor unseren Blicken; rein ist jetzt unsere Liebe zu ihnen, und mit größerer Liebe umfassen wir am Grabe die Teuren, über deren Gegenwart wir uns noch freuen können, und wir erfahren in Wahrheit,»daß das Gedächtnis der Frommen zum Segen ist.« Denn unser Sinn weilt nicht nur bei den auf dem Friedhof schlummernden Abgeschiedenen, sondern auch bei den schon längst Heimgegangenen, bei allen Vätern und Müttern, den Propheten und Märtyrern, den Lehrern und Führern, die einstmals gelebt haben und deren Andenken uns heilig ist. Nicht als ob wir an sie dächten, wie an Heilige, die angebetet werden sollten, denn des größten Propheten Moses Grab wurde gerade verborgen, damit es nicht ein Gegenstand abergläubischer Anbetung und Wallfahrt werde, sondern wir gedenken ihrer hier, um uns ins Gedächtnis zu rufen, wie sie für die Wahrheit gelitten und gestritten haben, um uns zu erinnern an die Verfolgungen, die sie um des Glaubens willen geduldet haben, wir gedenken ihrer, weil ihr Leben ein Zeugnis für die Unsterblichkeit ablegt. Hier erinnern wir uns auch der Liebe, welche die Heimgegangenen zu uns hegten, während sie noch in der Hülle des Staubes wandelten, einer Liebe, die gewiß im Reich der Ewigkeit erhöht werden muß, die bei uns die Überzeugung eines Wiedersehens jenseits des Grabes weckt, und Balsam in das wunde Herz träufelt. Ja, der Gang zum Grabe soll uns besonders Tröstung und Frieden verschaffen, wenn der Weg des Lebens rauh wird, wenn irdisches Weh uns ergreift und unsre Seele Ruhe sucht.


Am Jahrestage des Todes eines der Eltern.

1. Herr des Lebens und des Todes, der du dem Menschen das Leben gibst und ihn zur bestimmten Zeit und Stunde wieder abrufst, hier stehe ich vor dir an dieser Stätte, die eines der teuersten Güter meines Lebens in sich birgt; hier liegen meines teuren Vaters (meiner geliebten Mutter) Gebeine; hier schläfst du den ewigen Schlaf, du, dem (der) ich meines Lebens ganzes Glück schulde, du meines Herzens schönster Schmuck, meiner Seele kostbarster Schatz. O! erst jetzt, da ich dich für immer vermisse, fühle ich, was du mir gewesen bist, was ich für dich hätte sein sollen, o, wie oft habe ich schon als Kind deine treue Liebe verkannt, mit Undank dir deine freundliche Fürsorge vergolten. Siehe, deshalb will ich hier an deinem Grabe meine Reue vor Gott aussprechen, daß er mir vergeben möge, so ich gegen dich gefehlt habe, will ihn bitten, daß er über deine Asche Frieden walten lassen möge, und ihm geloben, daß ich, da ich dich verloren habe, noch nach deinem Tode die Pflichten kindlicher Liebe gegen dich dadurch erfüllen will, daß ich deinen Namen stets in Ehren halte. O Gott! stärke du mich, daß ich fest am Glauben halte, daß ich als frommer und gottesfürchtiger Israelit (meinen..........) im Himmel Freude bereiten möge, verleihe mir Kraft, daß ich mir ein reines Herz bewahre, um das Andenken (meines....) durch gute Werke und durch gottgefällige Handlungen zu verewigen. Und wenn du mich einst aus diesem Leben abrufst, laß mich dann ohne Scham vor die Seele treten können, die jetzt bei dir weilt. Dazu sei dieser Todestag mir eine Triebfeder, o himmlischer Vater, gewähre mir, was ich von dir erbitte, o Gott. Ich bete für die Errettung der Seele meines gestorbenen (.........), laß ihn (sie) in den Bund des Lebens aufgenommen sein, laß den frommen Entschluß, den ich heute fasse, dir wohlgefallen und nimm mich einst in Gnaden auf.

Amen!


Ein anderes Gebet bei derselben Veranlassung.

2. Herr, o allgütiger Vater im Himmel, hier bei diesem stillen, bescheidenen Grabeshügel, der die Asche eines so teuern Verwandten bedeckt, hier erhebe ich, dein schwaches, sterbliches Kind, mein zerknirschtes Herz zu deinem Himmel, wo die unsterblichen Seelen, deren Staub hier ruht, wie die Sterne leuchten. O Gott der Liebe! gedenke mit väterlichem Erbarmen der Seele, an deren Scheiden dieser Tag mich mit so tief innerlicher Wehmut erinnert. Noch schwebt mir die wehevolle Stunde vor, da du diese teure Seele (meinen Vater, meine Mutter) von mir riefst. Ach, wie ganz anders war doch mein Leben, da sie noch als mein leuchtendes Vorbild hier auf Erden wandelten; wie manche Freude haben sie mir bereitet! Wie oft stärkten sie mich durch ihren weisen Rat! O! ich erinnere mich ferner, welche Hoffnung (der liebe Vater, die gute Mutter) auf mich setzte, wie ich voll Hoffnung zu ihm, (ihr) aufschaute, wie ich darnach strebte, seines (ihres) Alters Stütze zu sein, und wie er (sie) so rasch von meiner Seite hinweggerissen wurde, ehe diese Hoffnungen noch in Erfüllung gehen konnten. Doch mein Glaube lehrt mich, daß, was du Allmächtiger tust, gerecht, weise und heilbringend ist, er belebt mich mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen jenseits des Grabes, wo mir offenbar werden soll, daß des Menschen höheres Hoffen erfüllt wird. O, vergönne mir denn heute, daß ich mich deinem Throne nähere und dich um Kraft dazu anflehe, daß es mir glücke, auf meiner Pilgerreise etwas zu wirken, das von dem frommen Geist zeugen möge, den der Heimgegangene in meiner Seele gepflegt hat. Stehe mir bei, daß ich die Gaben, welche du mir verliehen hast, dazu anwende, durch meine Handlungen dem Verklärten ein ewiges Angedenken in der Gemeinde zu gründen. O, Herr leite mich, daß meine Wege dir gefallen mögen, und nimm mich zuletzt mit Ehren auf.

Amen!


Am Grabe des Vaters, am Jahrestage seines Todes.

3. An diesem Tage, der mich so lebhaft an die Sorge erinnert, die mein Herz erfüllte, als du zur Ewigkeit abgerufen wurdest und nur der Gedanke an die Unsterblichkeit, den du, mein heimgegangener Vater, mir eingeprägt hast, mir Trost verleihen konnte,—an diesem Tage nahe ich mich deinem Staube, um meinem niemals genügend ausgesprochenen Dank zu äußern, den ich dir für all deine väterliche Fürsorge, die du mir mit so vieler Aufopferung bewiesen hast, schuldig bin. Der alliebende Vergelter wird dort gewiß deine Seele dafür belohnen, und sie wird himmlische Freude und Glückseligkeit in dem Bewußtsein finden, daß dein Kind darnach strebt, den Weg der Frommen zu gehen, auf dem es die Vollkommenheit erreichen kann. Dein Andenken soll mir deshalb stets heilig und unvergeßlich sein; oft will ich der guten Lehre, der liebevollen Ermahnungen und nützlichen Warnungen mich erinnern, die ich aus deinem Munde empfangen habe. Wenn die Versuchung kommen sollte, will ich mich damit wider sie kräftigen und sie besiegen, daß ich mich frage: entspricht deine Handlung wohl der frommen Weisung, die du von deinem Vater erhalten, stimmt sie mit seinem rühmlichen und wohltätigen Wandel überein? Würde er sie billigen können und ihr seine Zustimmung verleihen? Würdest du ihn nicht damit betrübt und das Herz verwundet haben, welches stets für dein Wohl schlug? Ja, geliebter Entschlafener! Dein Leben soll mir ein leuchtendes Vorbild auf meiner irdischen Laufbahn sein. Ich will der unerschütterlichen Standhaftigkeit gedenken, mit der du an deinem Glauben hieltest, der innigen Teilnahme, mit der du dich in der Schar der Betenden einfandest, der Sparsamkeit, die du bewiesest, wenn es die Genüsse des Lebens galt, und der Freigebigkeit, womit du den Bedrängten halfest. O, du Allmächtiger im Himmel! der du gewiß der Seele meines verstorbenen Vaters das Reich der Ewigkeit aufgetan hast, laß auch meinen Wandel mehr und mehr dazu beitragen, daß sie froh werde, dein Angesicht in voller Klarheit zu schauen; erhöre die verklärte Seele, wenn sie vor deinem Thron ihre Fürbitte für mich niederlegt. Zeige du mir den Weg des Lebens, denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Lichte sollen wir Licht und Seligkeit schauen in Ewigkeit.

Amen!


Am Grabe der Mutter, am Jahrestage ihres Todes.

4. Mutter! Liebe Mutter! Das Kind, welches du einst unter deinem Herzen getragen und das du so treulich mit innigster Liebe gepflegt hast, als du noch unter den Sterblichen wandeltest, dieses dein Kind kommt an diesem heiligen Gedächtnistage zu deinem Grabe, indem Tränen der Wehmut und der Liebe seine Augen füllen. O, daß dein Geist dorten wahrnehme die dankbaren Gefühle, die mich in diesem Augenblick durchströmen. Ach, wie wenig war ich doch imstande, meine kindliche Erkenntlichkeit dir zu beweisen; kaum verstand ich die mütterliche Liebe zu schätzen. Aber seit ich dich nicht mehr habe, habe ich erst recht die Größe meines Verlustes kennen gelernt, seit der Zeit, da du nicht mehr auf Erden wandelst, werde ich täglich daran erinnert, wie viel Dank ich deiner mütterlichen Fürsorge schulde, wie du Selbstverleugnung übtest, um das Glück und Wohl deines Kindes zu fördern. Ich weiß nicht, wie ich meine Schuld bezahlen soll, außer daß ich mich bestrebe so zu leben, daß ein Jeder, der meinen Wandel auf Erden sieht, ausrufen muß:»Heil dem Weibe, das ihn geboren hat,« und daß ich so deinen Namen mit Ruhm verewige. Deine Seele sei ein unsichtbarer Engel, der mich stets umschwebe, mich von Sünden und Lastern fern halte, und mich stets an die heilige Andacht erinnere, mit welcher du in deinem Heim, wie im Gotteshause zu dem Herrn betetest, sodaß mein Herz dadurch fromm und mein Sinn milde werde.—Und du, himmlischer Vater, der so gerne die Gebete seiner Kinder erhört, o! erhöre mich, wenn ich bete: schenke meiner heimgegangenen Mutter dort, wo nur Liebe und Friede herrscht, jene beseligende Wonne, die du deinen Heiligen bereitet hast, zu denen auch sie ja sicher zählt, daß sie es wissen, wenn ihre Nachkommen in Reinheit und Frömmigkeit vor dir wandeln. Stärke mich dazu, daß ich einst, wenn die Bande des Staubes fallen, und der Geist zu dir emporsteigt, mit heiliger Freude einer seligen Wiedervereinigung mit meiner verklärten Mutter und allen Edlen, die bei dir sind, gewiß sein kann. Dein Name sei gepriesen in aller Ewigkeit.

Amen!


Am Grabe eines Kindes.

5. Allweiser! du, dessen Gedanken weit hinausreichen über die unseren, vergib, wenn mein betrübtes Herz hier am Grabe eines geliebten Kindes seufzt, an das meine Seele so fest geknüpft, das meines Lebens Stolz, Freude und Hoffnung war. Ach, so oft ich mich seiner Asche nähere, werden die traurigen Betrachtungen erneuert, die sein Verlust verursachte; ach, welch freudige Aussichten wurden durch seinen Tod vernichtet, welche Hoffnungen mit ihm bestattet! Doch es ist deine Weisheit, erhabenes Wesen, das ich anbete; du weißt ja besser, als die schwachen Sterblichen, was zu ihrem Heile dient. Die fernste Zukunft liegt ja vor deinem Blicke offen da, und du kennst die Tage deiner Frommen, wenn sie zum ewigen Erbe und Lohn erfüllt sind. (Ps. 36, 18.) Du wolltest vielleicht meinen so früh heimgegangenen Liebling vor großen Gefahren und Versuchungen, vor unzähligen Beschwerden bewahren. Wohl rinnen meine Tränen bei dem Gedanken, daß ich niemals mehr hier auf der Erde dem begegnen soll, was meine Augenweide war, aber ich will in dem Gedanken Trost suchen, daß die Unschuldigen, welche früh sterben, doch lange gelebt haben; denn ihre Prüfungszeit war bald vorüber, ihre Seele gefiel dem Ewigen, deshalb beeilte er sich, dieselbe von dem sündigen Leib zu befreien und sie dorthin zu versetzen, wo sie besser der Vollkommenheit entgegenreisen kann. Ich will Trost in der Überzeugung finden, daß ich durch Ergebenheit in deinen Willen deinen Namen heiligen soll, du Heiliger!—O, mein geliebtes Kind, sehe ich dich auch nicht mehr um mich, ewig will ich dich doch mein nennen und in der Hoffnung leben, daß ich dich einst verklärt unter den Engeln in der Ewigkeit wiedersehen werde. O, wenn ich nur nichts versäumt habe in der Ausbildung deines unvergänglichen Geistes! (Dein frühzeitiger Tod soll mich noch mehr bestimmen, deine Geschwister nicht nur für die Welt, sondern auch für den Himmel zu erziehen, indem ich in ihrem Herzen den Glauben befestige und so dieselben zur Seligkeit vorbereite.) O Herr! vergib mir, wenn ich je meine mütterlichen Pflichten vergessen habe, und laß die teure Seele, die jetzt bei dir ist, schon mehr und mehr deinem Reiche entgegenreisen! Erhöre mich, o himmlischer Vater, und laß Trost, Ruhe und Seligkeit mein Inneres erfüllen, so daß ich freudig deinen Namen in aller Ewigkeit preisen kann.

Amen!


Eine Witwe am Grabe ihres Mannes.

6. Friede sei mit deinem Staube, du meines Lebens leitender Stern, du meiner Kinder Versorger und Führer![93] Ach, wenn auch viele Tage verflossen sind, seit der Allweise in seinem unerforschlichen Ratschluß dich von mir rief, so fühle ich doch jedesmal, wenn ich mich deiner Ruhestätte nähere, meinen tiefen Schmerz und erinnere mich mit süßer Wehmut unseres glücklichen Zusammenlebens, von dem Augenblick an, da du mir freundlich entgegen lächeltest und den Frühling meines Lebens mir verherrlichtest, da deine Gedanken nur darauf zielten, mir Glück und Frieden zu bereiten, für das Wohl unserer Kinder zu sorgen, bis zu der Stunde, da dein Auge brach, und das Licht, das mein Haus erhellte, verdunkelt wurde, und Sorge und Bekümmernis für meine Kleinen mein Herz überwältigten. O, ich kann nicht ohne Tränen fragen: weshalb, o Herr, sollte er mir genommen werden? Aber gerade dieser Schmerz über deinen Verlust löst sich in dem seligen Bewußtsein auf, daß du mir nahe bist! Ja, ich habe, ich besitze dich noch. In meines Herzens Tiefe schließe ich dich ein, denn das, was uns vereinigt hat, ist unsterblich. Das leibliche Auge sieht dich nicht mehr, aber mein geistiges Auge erblickt dich noch, und es ist mir, als ob deine ermunternde Stimme mich stärke. Zeige du mich hin zu ihm, der den Witwen ein Führer und den Vaterlosen ein Vater ist, der die heimsucht, welche er liebt, und dessen Wege all zu erhaben sind, als daß wir Sterbliche sie verstehen könnten, die aber sicherlich zum Guten führen. Ja, Allheiliger! Stärke mich zur Ergebung in deinen heiligen Willen, gieße Balsam in mein wundes Herz, vergib mir meine Sünden und erbarme dich über meine Kinder. Gib mir Kraft sie zu allem Guten zu erziehen, und wecke du in ihrem Innern eine fromme Denkungsart, daß sie dir um Wohlgefallen, mir zur Freude und meinem heimgegangenen Gatten zum rühmlichen Gedächtnis werden möchten. Beschirme die Tage meiner Zukunft und gedenke stets der teuren Seele, deren Verlust ich beweine, zum Guten und zur ewigen Glückseligkeit.

Amen!


Am Grabe eines gefallenen Vaterlandsverteidigers.

7. Mit Ehrfurcht und Dankbarkeit nahe ich mich diesem Grabe, o Ewiger! wo der Staub dessen ruht, der heldenmütig sein Leben geopfert hat, um des Vaterlands Recht und Wohlfahrt zu schützen. O, Allgerechter, wie sein Andenken ewig teuer ist und sein muß für einen jeden, der es aufrichtig mit seinem Volke und Vaterlande meint, und wie seine Ruhestätte allezeit von den Tränen heiligster Erinnerung benetzt werden wird, so belohne du ihn dort für seine fromme Tat, wo allein wahre Treue und Aufopferung für die Mitmenschen vollkommen belohnt werden kann. Ja, du, der du hier schlummerst, du hast es gezeigt, daß, so kostbar auch das Gut des Lebens ist, doch noch ein höheres Gut vorhanden ist, für das man jenes hingeben muß. Du täuschtest das Vertrauen nicht, das man in der Stunde der Gefahr auf dich setzte; unerschrocken tratest du dem Tode entgegen, und welch süße Bande dich auch fesselten, du rissest dich von ihnen los und kämpftest mit Mut und Kraft, wie die Helden des Altertums, sicher, daß nur der vergängliche Teil des Menschen überwunden werden und fallen kann, der unvergängliche aber siegen muß. An deinem Grabe soll sich die Jugend für Vaterlandsliebe begeistern, soll der Mut in den Söhnen des Landes entflammt werden, ja, hier will ich mich begeistern, jedes Opfer, das in meinen Kräften steht, für das Vaterland, für die Brüder, für die Gemeinde zu bringen. Hier will ich lernen, für meinen Glauben zu dulden und zu streiten, hier will ich als ein treuer Bürger lernen, alles zu bekämpfen, was dem Wohle des Vaterlandes schaden kann, und als ein wahrhafter Diener Gottes in jedem Kampfe für mein himmlisches Vaterland bis zum Letzten ausharren. Hilf du mir, Allheiliger, daß meine Seele den Tod der Gerechten sterben und mein Ende dem der Frommen gleichen möge. Sei mit mir, Allgegenwärtiger, und laß meinen Wandel dir stets wohlgefallen.

Amen!


Beim Grabe eines Verwandten.

(Nach einem älteren hebräischen Gebet.)

8. Hier an dieser Stätte, wo der Gedanke an ihn, der zum Tode wie zum Leben führt, in unserm Innern lebendig wird, hier erhebe ich meinen Geist zu dem Unendlichen und sage: mein Gott, du mein teuerstes Gut, das mir über alles geht, nächst dir strebt meine Sehnsucht nach jenen wahrhaft Frommen, welche jetzt die Erde deckt, und hier weilt die Asche eines mir teuren Körpers;

Mutter oder Großmutter am Grabe eines Kindes: Siehe, ich deine Mutter, welche dich (geboren), gepflegt und geliebt hat, mit treuer mütterlicher Sorge mit inniger Zuneigung,
Kinder oder Enkel am Grabe der Eltern oder der Großeltern:Siehe, ich deine Tochter (Enkelin), die durch die heiligen Banden des Blutes mit dir verbunden ist;
Am Grabe eines Ehegatten:Siehe, ich, deine treue Gattin, welche dich innigst liebt!
Am Grabe eines Bruders oder eines sonstigen Angehörigen:Siehe, ich deine Schwester, (Schwiegertochter, Freundin, Schülerin usw.)

besuche deinen Grabeshügel! Ehre sei Gott in der Höhe! Friede mit deinem Staub! Die Freude der Seligkeit mit deiner Seele! Innige Liebe zu dir, die eben so warm ist, als damals, wo du noch am Leben warst, durchdringt mich, führte mich hierher zu deiner Ruhestätte, wo ich vor dem Gott der Geister meine Seele ausschütten und ihn bitten will, dir gnädig zu sein und deine Seele im Eden im Verein mit deiner Stammväter verklärten Seelen zu erfreuen, daß du in Seligkeit das ewige Gut genießen mögest, das Er seinen Frommen vorbehalten hat. Mögest du von dem Tau der Seligkeit im ewigen Leben erquickt werden, wie der Tau des Himmels die Pflanze erquickt.—Und sollte in jenem Leben die Liebe, welche einst dein Herz bewegt hat, denn aufhören können? Nein, so innig, wie ich deiner gedenke, und wie meine Gebete für deine Seligkeit aufsteigen, eben so innig gedenkt deine Seele der meinigen, wünscht mir alles Gute und betet für meine Wohlfahrt zu dem Allerbarmer. O, daß unsere gemeinsamen Gebete ihm wohlgefallen möchten, und er in seiner Güte alles Böse von mir und allen deinen Angehörigen abwenden wollte. Gott der Liebe! du, in dessen Hand die Seelen aller Toten und Lebendigen stehen, erhöre unsere Gebete, die zum Throne deiner Herrlichkeit aufsteigen, segne mich, daß ich ein dir wohlgefälliges Leben führen möge, zur Ehre und zum Ruhm für den, dessen ich heute gedenke, und daß ich also glücklich hier auf Erden sei und einst selig werde dort in der Ewigkeit, wenn ich in das göttliche Reich bei dir aufgenommen werde, mein Vater und mein Richter.

Amen!


Am legten Tage im Jahre. (Ereb Rôsch Haschonoh.)

Herr! tue mir mein Ende kund, und was das Maß meiner Tage sei, daß ich erkenne, wie vergänglich ich bin.

10. Nach uralter heiliger Sitte besuche ich am letzten Tage des Jahres die Stätte, wo viele Grabhügel an längst vergangene Geschlechter und die frisch aufgeworfenen an die Teuren erinnern, die in diesem Jahre entschlafen sind. Wie könnte ich wohl an diesem Tag, der so lebhaft den Gedanken an des Lebens Vergänglichkeit erweckt, und der mich dazu auffordert, Rechenschaft darüber abzulegen, wie weit ich mich der erhabenen Bestimmung meines Lebens genähert habe und in Glauben und Tugend vor dem Herrn gewandelt bin,—wo könnte ich besser eine erhebende, versöhnende Stunde zubringen, als hier, wo ich meinen Blick auf diejenigen richte, welche in diesen Gräbern ruhen, ach, zum Teil solche, die nach dem Eitlen jagten und ihre Befriedigung in dem Zeitlichen suchten, und die nun Moder bedeckt, oder wenn ich am Grabe derjenigen weile, welche in ihrem vergänglichen Leben das Ewige suchten und nun die Fülle der Freude bei dem Unendlichen genießen. Ach Herr, da fragt mein Geist: unter welchen von diesen werde ich einst gefunden werden, wenn des Lebens letzter Tag gekommen ist? Hier trete ich deshalb hervor und ergreife das Ewige; denn hier, wo ich von Tod und Moder umgeben bin, verliert alles Gold seinen Schein, alle Ehre ihre Strahlen, alles Ansehen bei den Menschen seine Macht, alle Schönheit ihren Zauber, alle Sinneslust ihren Reiz; hier fühle ich tief, daß meinen Tagen ein Ziel gesetzt ist, daß ich von hier fort muß, und meine Tage wie ein Schatten sind. Ach sollten sie wirklich dahin schwinden, ohne etwas Licht über meinen irdischen Wandel zu verbreiten, ohne daß sie ein Andenken zum Segen hinterließen?—Ach, der Strom der Zeit eilt so rasch dahin und reißt auf seinem schnellen Wege alles mit sich fort, was mir teuer und wert ist! Wie manche Freunde habe ich schon verloren, wie mancher ging fort im Jugendalter, wie mancher, der sein Ende noch nicht erwartete, und heute ruft mir die Erinnerung daran zu: auch deine Stunde kann unerwartet kommen; willst du unvorbereitet vor den Allerheiligsten treten? Ja, ich will heute mit Tränen eurer in der Ewigkeit gedenken, die meines Lebens Ehre und Schmuck waren, eurer, meine Eltern usw. (ob euer Staub nun hier ruht, oder weit entfernt in fremder Erde); Jahre sind darüber hingegangen, seit ich euch verloren habe, und die Hoffnung auf Wiedersehen war mein einziger Trost; aber habe ich auch so gelebt, daß der Gedanke an eine Wiedervereinigung mit euch mich mit himmlischer Freude erfüllen kann? Könnte ich euch mit einem sündhaften Sinn gegenübertreten, mit einem unreinen Herzen mich der ewigen Klarheit nähern, welche die Frommen umgibt? O! indem ich euch heute meine Tränen der Erinnerung weihe, will ich über meine Sünden weinen, will ich im Vorausgefühl meines endlichen Heimganges alles abwerfen, was mich als Menschen entwürdigt, was mir nicht ziemt als Israelit; ich will die Ketten brechen, welche mich an das Zeitliche fesseln und den Wahn bannen, als sei das, was die Welt mir bietet, etwas Beständiges, und ich will mich bestreben, dir anzuhangen, du Ewiger und Unwandelbarer!—Allerbarmer! vergib mir meine Sünden und meine Übertretungen und stärke mich in meinem frommen Vorsatz, behüte mich vor einem jeden Fehltritt, der Beschämung über meine Tage bringen könnte; schirme mich wider jede Versuchung, daß weder Eitelkeit noch Habsucht, noch Ehrgeiz Macht über mich gewinne, sondern daß ich, geleitet von deiner heiligen Lehre, so rein werden möge, als ich an dem Tage war, da ich geboren wurde. Laß die frommen Handlungen meiner teuren Seligen meine Fürsprecher sein vor deinem heiligen Throne, auf daß meine Gebete für das neue Jahr erhört werden. Laß, o Quell der Liebe, meine (meines Gatten, meiner Kinder usw.) Buße dir wohlgefallen und verleihe uns ein Jahr voll Segen und Glück, ein Jahr, in dem deine Versprechungen an Israel zu seinem und der ganzen Menschheit Heil sich erfüllen mögen. Bewahre mich und die Meinen vor Drangsal und Not, vor Armut und Schande, auf daß wir mit freiem Geiste dir dienen können. Laß mich und meine Lieben erfahren,»daß ich noch deine Segnungen im Lande der Lebenden sehen soll«(Ps. 27, 15.),»daß ich noch in dem Lichte der Lebendigen vor deinem Angesichte wandeln soll«(Ps. 56, 14.). Deine Gnade sei mit mir und allen, welche dich mit einem treuen Herzen anbeten, daß wir auf unserer Pilgerreise noch viel Gutes wirken können und ein Wohlgefallen bei dir finden in alle Ewigkeit.

Amen!


XXIV. Schluß


Dankgebet bei Vollendung eines Werkes.

Ewiger, allgütiger Gott! Wie ich in deinem Namen diese Arbeit begonnen habe, so laß mich sie auch damit schließen, daß ich zu dir aufschaue und dir meinen Dank für deinen Beistand darbringe. Du warst es ja, der die Gedanken in meine Seele legte, und dein allmächtiger Schutz hielt meine Kraft aufrecht, es war dein Geist, der mich trieb, so daß ich stets mit Freudigkeit und Lust zur Arbeit schritt. O, wie oft verzagte ich, wie oft erfüllte sich meine Seele mit Furcht, daß ich mein Vorhaben nicht zu vollenden vermögen würde, und siehe, da hörte ich gleichsam eine erweckende Stimme von oben; mein Geist belebte sich aufs neue, und du erfreutest mein Herz dadurch, daß meine Arbeit gedieh und vorwärts schritt.—O, nimm mein Dankopfer an;»denn es stammt ja alles von dir, und was ich selbst von dir empfangen habe, das gebe ich dir wieder zurück.«[94] Nun erhöre du denn mein Gebet, daß du diesem Werke dein Siegel aufdrücken wollest, auf daß es für viele zu einem Segen werde. Gelobt seist du, o Herr, in Ewigkeit.

Amen!


XXV. Anhang.


Esehu Mekômon.

(Betrachtung über die Opfer, anstatt einer Übersetzung).

Meine Gedanken, o Herr, weilen bei den Opfergesetzen, welche du unsern Vätern gabst, und mein Herz wird voll des Dankes, indem ich deine Gnade erkenne, daß du durch diese deine Gebote hast Israel fest an dich knüpfen wollen; mögen sie deshalb mir auch zur Richtschnur dienen bei der Anbetung deines heiligen Namens. Wenn nun gleichwohl auch bei mir der tiefere Sinn verborgen ist, und ich die göttlichen Geheimnisse nicht zu erforschen vermag, die mit den Opfern, welche du befahlst, verbunden sind, und nicht ergründen kann, weshalb du sie mit so vielen Vorschriften anordnetest, und wie sie dazu dienen sollen, den Sohn des Staubes mit dir, dem Unendlichen, zu vereinen, ihn deiner Gnade gewiß zu machen, denn »dir gehört das Verborgene, o Ewiger, aber was du offenbart hast, ist für uns«,[95] und wie herrlich ist nicht das, was uns offenbart worden ist! Wenn ich all der Scheußlichkeit gedenke, die mit der Opfermahlzeit der Heiden verbunden war, durch welche sie ihre Schuld sühnen wollten, wie sie von dem Blute des Opfers tranken und sich zu Wollust und Blutdurst reizten, wie sie Menschenleben opferten, während sie das Tier als heilig betrachteten, o, wie könnte ich da wohl anders, als erkennen, daß bei Israels Opfer alles nur dazu dienen sollte, die Reinheit des Glaubes zu beschützen, Sittlichkeit und Gerechtigkeit zu wahren und alles fern zu halten, was Sinnenlust und törichten Aberglauben fördern könnte. Deshalb verbotest du in deiner Weisheit jeden Gebrauch des Blutes, verbotest jedem, der unrein war, zu opfern, deshalb konnte eine absichtlich begangene Sünde nicht durch ein Opfer gesühnt werden, deshalb mußten die Vergehen wider den Nächsten erst gut gemacht werden, bevor das Opfer gebracht werden konnte. Ja, du lehrtest uns, daß ein Opfer für sich allein nichts nützt, wenn es nicht in Wahrheit von einem innern frommen Sinne zeugt, und du und deine Propheten straften die, welche da meinten, daß sie durch Darbringung eines Opfers allein geheiligt werden könnten. Du ließest deine Propheten verkündigen,»daß Gehorsam besser als Opfer ist«,[96] daß »Opfer bei einem sündigen Wandel dir zuwider sind«,[97] daß du Wohlgefallen an der Liebe findest, und nicht am Opfer, und »daß die Erkenntnis deiner mehr ist, als Brandopfer.«[98]

Aber besonders sind es die täglichen Opfer, welche den Männern der großen Synode[99] zum Muster dienten bei der Anordnung des »Morgen-und Abendgottesdienstes«, deren ich gedenken soll, und während ich mich an ihr Wesen und an ihre Bedeutung erinnere, erwecke ich in meinem Innern eine wahrhafte Erbauung und die Sehnsucht darnach, dich beständig und richtig durch meine Gebete zu verehren. Da tritt mir denn zuerst der Gedanke entgegen, daß es—ein Opfer war, und daß mein Gebet deshalb auch ein Opfer sein soll. Ja, ich will im Gebet mich selbst zum Opfer darbringen, will mich mit all meinen Wünschen, meinen Gelüsten und Sehnen, mit all meiner Furcht und all meinem Hoffen ganz und ohne Rückhalt dir hingeben, und wie das tägliche Opfer ganz dargebracht wurde, so will ich jeden Morgen und jeden Abend, wenn ich zu dir bete, mich dir auch ganz hingeben und mich völlig deinem Willen unterordnen.[100]

Jenes Opfer konnte von keinem dargebracht werden, der nicht vollständig rein war, der nicht durch seinen Willen alle störenden Gedanken zu beherrschen und unangefochten von der äußeren Welt, ganz mit seiner vollen Seele sich der heiligen Handlung hinzugeben vermochte; denn das Opfer wurde verworfen, wenn nicht sein eigentlicher Zweck, die rechte Andacht, den Opfernden erfüllte. So will denn auch ich mich zuvor prüfen, ob ich rein bin, ob ich würdig bin, vor dich, den Allheiligen hinzutreten, will deshalb zuvor Buße tun, will mich von allen weltlichen Gedanken losreißen, will die tierischen Triebe in mir töten und den irdischen Sinn abwerfen, jedesmal da ich vor dich hintrete, da ich vor deinem Angesicht in meinem, wie in der ganzen Gemeinde Namen erscheine.

Denn das tägliche Opfer wurde ja im Namen der ganzen israelitischen Gemeinde gebracht und sollte dazu dienen, was man so oft vergißt, für all das Gute zu danken, das beständig in so reicher Fülle dem Menschen zuteil wird; dir dafür zu danken, daß du über ihn in der Nacht wachtest und ihm neues Leben schenktest, wenn des Morgens Licht ihn auf seinem Lager weckte, und daß du ihn den ganzen Tag alles finden läßt, dessen er bedarf. Dieses Opfer sollte in Israels Heiligtum ein Lamm sein, das dir als Dankopfer dargebracht wurde, der du durch den Schlummer der Nacht alle gestärkt, und wiederum am Abend, wenn es dunkelt als Dankopfer für den glücklich verlebten Tag.

Und es war begleitet von einem Speiseopfer, wohl um für das Brot zu danken, welches der Mensch wiederum gefunden hatte, für Kraft und Schönheit des Körpers, was durch das Öl bezeichnet wurde, für die Gabe und den Vorzug des Geistes, was bildlich der Wein andeutete. So will auch ich, o Herr, jeden Morgen und jeden Abend deiner Wundertaten eingedenk sein und dir danken, weil du meinen Geist und meinen Körper erhältst, so will auch ich dir für alle zeitlichen Güter, die du mir verleihst, für die Sonne, welche ihre Strahlen auf meinen Weg sendet, für den erquickenden Schatten der Nacht, wie für das himmlische Licht, das Wort des Lebens, welches du mir gegeben hast, das Dankopfer meines Gebets darbringen.

Aber das tägliche Opfer war ja auch ein Sühnopfer, welches täglich für die Gesamtheit Israels, wie für den Einzelnen, dargebracht werden sollte, nicht offenbare Vergehungen, sondern für diejenigen, deren der Mensch sich schuldig macht, ohne daß er sie sich zur Sünde anrechnet, und so sollte täglich das Bewußtsein der Sünde in der Brust des Israeliten geweckt werden. Dein, o Herr! ist der Tag und dein, o Herr! ist die Nacht, und beständig sollen wir dich vor Augen haben; unsere Arbeit wie unsere Ruhe soll von dem Gedanken an dich begleitet sein. Aber, wenn der Schlummer der Nacht uns in seine Arme schließen will, bevor der Schlaf unsere Sinne und Gedanken gebunden hält, da denken wir nicht an dich, da benutzen wir die ruhigen Augenblicke nicht dazu, dich zu erkennen und zu suchen; und in des Tages geschäftigem Treiben richten sich nicht die Gedanken auf dich, und wir vergessen es, deiner zu gedenken. Deshalb soll am Morgen ein Opfer gebracht werden für die Sünde der Nacht und am Abend für des Tages Sünde. Aber außerdem kann die ganze Gemeinde auch dem nicht entgehen, daß sie beständig sündigt, und jede einzelne Seele ist mitschuldig der Sündenschuld der großen Gesamtheit, und wer sich für unschuldig hält wie ein Lamm, ist sündig. Aber was ehemals das tägliche Opfer für mich wirkte, das soll jetzt durch mein tägliches Gebet erreicht werden, daß ich nicht in Leichtsinn wandeln möge, sondern das Bewußtsein der Sünde in mir wecke, die Erkenntnis dessen, wie weit meine Gedanken und Handlungen, meine Arbeit und meine Ruhe, im Großen wie im Kleinen von der Pflicht Israels abweichen, sodaß ich jeden Morgen und jeden Abend aufs neue geheiligt werde und den Vorsatz fasse, deinem Dienste zu leben, o Herr! ob ich nun meinen Erwerb mir suche, oder danach trachte, meines Hauses oder meines Namens Ansehen zu erweitern, oder ob ich in Freude und Frohsinn weile, wo der Wein des Menschen Herz erfreut.

Und endlich sollte das tägliche Opfer von Beständigkeit im Glauben und in Gottergebenheit ein Zeugnis sein, und jeden Morgen und jeden Abend sollten Israels Kinder die Lebendigkeit dieses Glaubens zu erkennen geben, ob nun das Glück ihnen zulächelte oder ob Unglück sie in das Dunkel der Nacht hüllte. Ebenso will auch ich es früh und spät an den Tag legen, daß, welches Schicksal du mir auch sendest, ich stets mit Vertrauen mich dir nähern will und es soll stets nach Vorschrift am Morgen und am Abend geschehen; und indem ich mich an die heilige Ordnung binde, will ich den Geist des Gebetes in mir wecken und bewahren. Denn wenn auch die Pflicht zu beten, das Opfer des Herzens darzubringen, nicht an Ort oder Zeit gebunden ist, sondern wir stets und überall beten sollen, so oft wir uns dazu gedrungen fühlen, so sollen wir doch zu den festgesetzten Zeiten beten, wenn auch unser Herz uns nicht dazu drängt, weil wir sonst in dem Gewirre der Welt vielleicht niemals dazu veranlaßt würden. Aber gerade durch das tägliche Gebet, dadurch, daß wir mit aller Kraft unseres Willens darnach streben, von dem Geiste des Gebetes durchdrungen zu werden, sollen wir die Unlust zum Gebete überwinden, die Hindernisse besiegen, welche sich zwischen dich und uns stellen, o Gott, und den Geist der Welt ertöten, der uns den höchsten Schatz unserer Seele rauben will,—die Anbetung deines Wesens.

So will ich denn dir mein tägliches Opfer darbringen, mein Gott, will meinen Willen dir ergeben, will jeden Morgen meinen Dank zu dir aufsteigen lassen und mich deiner Leitung anvertrauen und mich jeden Abend sorglos deiner Führung hingeben. Ich will Kränkungen ertragen, will das Schlechte nicht vergelten, das mir zugefügt wird, will um deinen Schutz bitten für alle, die auf Erden wandeln, will darnach streben von jeder sündigen Lust mich zu reinigen, will fest in meinem Glauben verharren, und will, wenn auch die Menge der Versuchungen mich umringt, wie manchen Kampf ich auch zu bestehen habe, meine Standhaftigkeit als Israelit zeigen, der nicht nach dem Lohne und der Ehre der Welt trachtet, sondern allein darnach strebt, dir wohlzugefallen und der gewiß ist, daß du den errettest, der dir beständig dient.[101]


XXVI. Freitagabendbetrachtung.


Bame madlikin.

(Eine Betrachtung anstatt der Übersetzung.)

Der letzte Tag in dieser Woche nähert sich seinem Ende und wieder schließt mit ihm ein Abschnitt meines Lebens ab, in dem ich deine Güte erfahren habe, du, mein Schöpfer, während ich meiner häuslichen Tätigkeit oblag. Die heilige Stunde ist nahe, mit welcher der Sabbat beginnt, der dazu da ist und da sein soll, eine heilige Ruhe in dir zu suchen und zu finden, indem ich auf das hinblicke, was du für mich vollführst hast, und indem ich prüfe, was ich vollbracht, und mit welcher Gesinnung ich gehandelt habe.

O, schaue ich hin auf deine Liebe und Güte gegen mich in den sechs verflogenen Tagen, wie kann ich da Worte finden dir zu danken, der du wiederum das Werk der Schöpfung vor meinen Augen erneuert hast, der du am Tage deine Gnade über mich ausströmen und mich bei Nacht in deinem Schatten weilen ließest und der du mich mit so unendlich vielen Gnadenbeweisen, Wohltaten und Segnungen überschüttest hast, daß ich sie nicht zu zählen vermag! Du hast dich über mich erbarmt, mich jeden Tag zu meiner Tätigkeit gestärkt und hast mich durch so vieles erfreut; Du warst in trüben Stunden meine Kraft und mein Schild und du hieltest mich aufrecht im Unglück. O Herr! Ich bin nicht wert so großer Güte; denn gedenke ich meiner Aufgabe, die mir in diesen Tagen der Arbeit zu vollführen auferlegt war,—ach, wie oft war ich da nicht schlaff und nachlässig; wie oft vergaß ich nicht in meiner Tätigkeit zu dir aufzuschauen, zu wirken und zu schaffen, wie einer, der sich in deinem Dienste fühlt, der bei all seinem Tun dich stets vor Augen hat, daß er den rechten Weg nicht verliere und dir wohlgefalle. Ich weiß, daß ich leben soll, um das Wohl meiner Mitmenschen zu fördern und mit liebevollem Sinne ihnen Wohltaten zu erweisen; ach, und ich erkenne wie viel eigennützige und eitle Zwecke mich noch gebunden halten. Als Israelitin soll ich, was auch mein Beruf sei, beweisen, daß ich von einem Glauben beseelt bin, der voll Ergebung und Geduld ist, und deshalb ein Leben führen, das allen denen, die mir nahe stehen, heilbringend sei,—aber wie wenig schwebte solch ein Ziel mir bei all meinem Wirken vor!

Wohl habe ich in der vergangenen Woche Zeit gefunden zu allem, was mein Herz begehrte, aber habe nicht, so wie ich sollte, mich bestrebt, mich als ein Glied der Genossenschaft zu beweisen, welche dein offenbartes Wort bewahren und das Licht, das göttliche Licht, der Welt leuchtend erhalten soll, und wenn ich auch einige flüchtige Augenblicke dazu anwandte, so konnte das doch nur wenig bedeuten für den, welchem die Sorge für die Bedürfnisse des Lebens keine Zeit lassen, frei zu atmen und an deine heiligen Wahrheiten zu denken. O Herr, deshalb bete ich zu dir: laß den heiligen Sabbat mir anbrechen, daß er meiner Seele Frieden bringe, auf daß ich deine unendliche Güte erkennen möge und aufs neue zu allem Guten erglühen und dazu beseelt werden möge, im Verein mit deinen wahren Anbetern dir zu dienen, den Glauben zu pflegen, zu fördern, was der Gesamtheit zum besten dient, mich allem fern zu halten, was den Israeliten entheiligt und mit neuer Lust aus der Quelle des Lebens zu schöpfen, in deinem Wort zu forschen, daß es mich in deiner Wahrheit stärke und wie eine reine Flamme voller Klarheit über die Erde leuchte und mich auf meinem Pilgerwege begleite, bis ich es in Herrlichkeit aufleuchten sehe, wenn die ewige Sabbatruhe kommt, wo seliger Friede und himmlische Ruhe mich bei dir erwarten!

Amen!


XXVII. Betrachtung zum Mussaphgebet.

(Das Nachfolgende ist ein Abschnitt aus dem Talmud (Tractat Kritôth), welches die Art und Weise behandelt, in der das Rauchopfer zubereitet wird. Anstatt einer wortgetreuen Übersetzung wird folgendes Gebet gegeben).