Inhaltsverzeichnis.

[Zu Hause, ehe man ins Gotteshaus geht.]
[Nach dem Eintritt ins Gotteshaus.]
[Ein anderes Gebet.]
[
I. Gebete nach den vorgeschriebenen täglichen Gebeten zu lesen.]
[
Allgemeines Morgengebet.]
[ Allgemeines Abendgebet.]
[
II. Gebete für jeden Tag der Woche.]
[
Am Sonntag.]
[ Morgengebet.]
[ Betrachtung über 1. Buch Mosis 1, 3-4.]
[ Abendgebet.]
[Am Montag.]
[ Morgengebet.]
[ Betrachtung über 1. B. M. 1, 6-8.]
[ Abendgebet.]
[Am Dienstag.]
[ Morgengebet.]
[ Betrachtung über 1. B. M. 1, 9-13.]
[ Abendgebet.]
[Am Mittwoch.]
[ Morgengebet.]
[ Betrachtung über 1. Buch Mosis 1, 14-19.]
[ Abendgebet.]
[Am Donnerstag.]
[ Morgengebet.]
[ Betrachtung über 1. Buch Mosis 1, 20-23.]
[ Abendgebet.]
[Am Freitag.]
[ Morgengebet.]
[ Betrachtung über 1. Buch Mosis 1, 24-31.]
[ Abendgebet.]
[Am Sonnabend.]
[ Am Sabbat-Morgen.]
[ Beim Ausheben der Thora am Sabbat.]
[ Bei der Verkündigung des Neumondes.[24]]
[ Ein anderes Gebet bei der Verkündigung des Neumondes.]
[ Am Sabbat-Nachmittag.]
[ Am Neumondstage.]
[ Sabbat-Abend.]
[
III. Gebete an den Feiertagen.]
[
Abendgebet an den drei Festen: Peßach, Schabuoth (Wochen-) und Succoth]
[ Morgengebet für den ersten und zweiten Tag des Peßachfestes.]
[ Ein anderes Gebet für den Peßachmorgen.]
[ Morgengebet an den beiden letzten Tagen des Peßachfestes.]
[ Morgengebet am Wochenfeste.]
[Am Neujahrsfest (Rosch Haschana).]
[ Am Vorabend des Festes.]
[ Neujahrstag.]
[ Beim Schofarblasen.]
[Am großen Versöhnungsfeste (Jom hakippurim).]
[ Zu Anfang des Abendgottesdienstes (Kol nidre).]
[ Zum Morgengottesdienst (Schacharis).]
[ Beim Mittagsgebet (Mussaph).]
[ Beim Nachmittagsgebet (Mincha[38]).]
[ Zum Schlußgebet (Neïlah).]
[Am Laubhüttenfest (Succoth).]
[ Am Laubhüttenfest als Erntefest.[46]]
[ Am Schlußfeste (Schemini Azeres).]
[ Am Freudenfeste über die Thora (Simchas Thora).]
[ Am Feste der Tempelweihe (Chanuka, Lichterfest).]
[ Am Purimfest.]
[ Am Tage der Zerstörung des Tempels (Tischoh b'ab).]
[ Schlußgebet beim Gottesdienste (Olenu).]
[ Die Hausfrau, wenn sie Chala nimmt.]
[ Die Hausfrau, wenn sie die Sabbatlichter oder die Festlichter anzündet.]
[
IV. Gelegenheitsgebete.]
[
Am Geburtstage.]
[ Am Verlobungstage.]
[ Am Hochzeitstage.]
[ In einer glücklichen Ehe.]
[ In einer kinderlosen Ehe.]
[ In der Schwangerschaft.]
[ Vor der Niederkunft.]
[ Nach der Niederkunft.]
[ Bei der Beschneidung.]
[ Eine Wöchnerin beim ersten Gang ins Gotteshaus.]
[ Beim ersten Gang ins Gotteshaus nach der Geburt eines totgeborenen]
[ Eine Ehegattin.]
[ Eine Tochter für die Eltern.]
[ Im Witwenstande.]
[ Eine Waise.]
[ Im Alter.]
[ Bei der Fortreise von der Heimat.]
[ Für einen Abwesenden, der auf der Reise ist.]
[ Wenn ein Kind auf Reisen ist, füge man hinzu:]
[ Gebete in jeder Art der Not und Seelenangst.]
[Gebete in Krankheit.]
[ Besonders in bedenklicher Krankheit.]
[ Bei derselben Veranlassung in Bibelversen.]
[ Vor einer gefährlichen Operation.]
[ Fürbitte für einen Kranken.]
[ Der Kinder Gebet für einen kranken Vater oder eine kranke Mutter.[83]]
[ Dankgebet nach einer überstandenen Krankheit.]
[ Gebet für Kranke. (Nach dem Hebräischen)]
[ Betet man für einen andern, so füge man hinzu:]
[Gebete während einer ansteckenden Krankheit.]
[ Gebet um Mut.]
[ Tröstung.]
[ Ergebenheit in Gottes Willen.]
[ Gebet um das Morgen-und Abendgebet im Gotteshause oder daheim zu]
[ Ein anderes Gebet, um die Morgen-und Abendandacht zu beschließen.]
[Gebete auf dem Friedhof.]
[ Am Jahrestage des Todes eines der Eltern.]
[ Ein anderes Gebet bei derselben Veranlassung.]
[ Am Grabe des Vaters, am Jahrestage seines Todes.]
[ Am Grabe der Mutter, am Jahrestage ihres Todes.]
[ Am Grabe eines Kindes.]
[ Eine Witwe am Grabe ihres Mannes.]
[ Am Grabe eines gefallenen Vaterlandsverteidigers.]
[ Beim Grabe eines Verwandten.]
[ Am legten Tage im Jahre. (Ereb Rôsch Haschonoh.)]
[ Schluß]
[Dankgebet bei Vollendung eines Werkes.]
[Anhang.]
[ Esehu Mekômon.]
[ Freitagabendbetrachtung.]
[ Bame madlikin.]
[ Betrachtung zum Mussaphgebet.]

Zu Hause, ehe man ins Gotteshaus geht.

»Israel! bereite dich vor, vor deinen
Gott zu treten.« (Amos 4, 12.)

Es dürstet meine Seele nach dir, o Gott, nach dir, dem lebendigen Gott, und ich will eilen nach deinem Heiligtume, wo dein Name angebetet wird, wo deine Gemeinde sich versammelt, um dich anzurufen, dir zu danken, dich zu loben und dich zu preisen. O! bereits auf dem Wege dahin läutere du meinen Sinn, heilige du meinen Geist, und zünde du in meiner Brust die Andachtsflamme an, die mich und meine Brüder an der heiligen, dir geweihten Stätte durchglühen soll. Denn wohl weiß ich, daß du, den die Himmel und aller Himmel Himmel nicht umfassen, nicht in dem Hause wohnest, das von Menschenhänden erbaut worden, daß du, dessen Herrlichkeit Himmel und Erde erfüllt, mir überall nahe bist, wo ich auch sein mag; wohl weiß ich, daß das fromme Gebet, welches meine Seele in meiner Einsamkeit stillen Kammer zu dir empor sendet, auch Gnade und Erhörung vor dir findet, aber auch dies weiß ich, daß der Geist des wahren Gebets, der nicht persönliches Wohl, sondern das Wohl und Heil aller sucht, der nicht bloß das Glück und die Wohlfahrt der Erde, sondern auch das Nahen des himmlischen Reiches erfleht, der nichts begehrt, nichts fordert, sondern nur im Glauben und in der Erkenntnis sein Höchstes findet und sein treues Bekenntnis dieses Glaubens vor aller Welt ablegen möchte;—ich weiß, daß dieser Geist des wahren Gebets mir fehlen würde, so dessen Flamme, die zuerst in der Mitte der Gottesgemeinde angefacht wurde, nicht auch in ihr stets Nahrung fände. Was ich glaube, und um was ich bete, und wonach mein Herz sich sehnt, soll ja nicht in meinem Innern verborgen bleiben, es soll ja auch als ein freudiges Zeugnis auf meinen Lippen hervortreten und vor der Welt, so wie vor anderen Glaubensbrüdern von mir als meines Lebens Schild und als ein köstlicher Schatz gepriesen werden. Ach, sind ja leider so viele, welche in Leichtsinn hinleben, so daß sie die Bande lösen, die sie mit der Gemeinde innigst verbinden sollten, und welche jedes Kennzeichen auslöschen, das sie an ihren väterlichen Glauben erinnern könnte; aber desto mehr will ich die Stätte aufsuchen, wo Israeliten sich sammeln, um dich in jüdischer Weise zu verehren. Schon dies, daß mein Gang nach dem Bethause gerichtet ist, schon dies soll ein Zeugnis sein, das ich vor der Welt ablege, daß ich zu dieser heiligen Gemeinschaft gehöre, und daß ich über den Spott und Hohn erhaben bin, womit jene, die sich die Weisen der Welt nennen, auf diejenigen sehen, die dich, o Ewiger, nach ihrer Väter Weise verehren. Und wie sehr wird nicht meine Andacht, meine fromme Sehnsucht durch den Gedanken erhöht: Ich stehe nicht allein mit meinem Gebet vor dir, stehe nicht allein mit der Glaubensschar, die sich da versammelt, sondern stehe mit dieser als ein Glied der ganzen Gemeinde Israels da; denn wunderbar hast du, o Herr, es so gefügt, daß meine Glaubensgenossen fast überall, in heißer wie in kalter Zone, da, wo ihnen die Sonne der Freiheit zulächelt, wie dort, wo sie unter Druck seufzen, daß sie fast überall sich doch vor dir zur selbigen Zeit und Stunde sammeln und dieselben bedeutungsvollen, Vertrauen und Demut atmenden Worte ihren Lippen entströmen lassen, so daß ein Laut in gemeinsamer Andacht und Seelenerhebung zu deinem Thron von dem ganzen jüdischen Volke emporsteigt. Nein, nicht allein stehe ich da; denn unzählige der hingeschwundenen Geschlechter erheben sich gleichsam vor meinem andächtigen Blick von ihren Ruhestätten, sowohl die, welche in unterirdischen Höhlen, als die, welche unter klarem Himmelszelte auf ihren Wanderungen dieselben Gebete gebetet, ja mit diesen auf den Lippen ihr Leben aushauchten, indem sie den Märtyrertod erlitten;—mit allen diesen fühle ich mich vereint, indem ich die Worte ausspreche, die prophetische Zungen verkündigt, die heilige, von deinem Geist beseelte Sänger gesungen, und die so viele Zeitalter hindurch uns unter so mannigfaltigen Versuchungen und Prüfungen die Reinheit unserer heiligen Lehre, sowie die Einfalt und Eintracht im Glauben in unsrer Mitte bewahrt haben.—O, so leite du denn meine Schritte, wenn ich in dein Haus wandere, so stärke du meinen Geist, daß er dort von solchen Vorsätzen erfüllt werde, solche Eindrücke empfange und bewahre, daß nie das innige Verlangen, dein Haus aufzusuchen, von mir weiche, und auch nicht die Überzeugung und Gewißheit mir verloren gehe, daß du an solch gemeinsamer Anbetung Wohlgefallen habest. Stärke du mich, o Gott, auf daß mein Glaube dem gleiche, der den Vater der Gläubigen beseelte, als er sein Opfer dir brachte, und gib mir Kraft, daß ich, wie er die Raubvögel,[1] die trüben Zweifel, die verkehrten Einwendungen verscheuche, wenn sie meine Andacht mir rauben wollen; laß darum mein Auge dort in deinem Hause nur auf das achten, was mich erheben und zur Andacht stimmen kann. Laß mich erkennen, daß du uns nach unserm Herzen und unsern Gesinnungen richtest, auf daß Frömmigkeit mich leite, Andacht mich entflamme, und meine Schritte dir wohlgefallen, wenn ich in zahlreicher Versammlung dich anbete;[2] ja sende mir, Vater im Himmel, dein Licht und deine Wahrheit, daß sie mich führen und leiten nach deinem heiligen Berge und zu deiner Wohnung.[3]

Amen!


Nach dem Eintritt ins Gotteshaus.

2. Wie überwältigt werde ich von Gefühlen des Dankes und der Ehrfurcht, indem ich an dieser Stätte weile, Gefühle des Dankes, daß du, o Gott, es dem Sohne des Staubes gestattest, sich zu dir zu erheben, daß du in deiner Liebe ihn selbst dazu aufgefordert »dein Antlitz zu suchen«, daß du uns eine Stätte gegeben hast, wo du deine Herrlichkeit unter uns thronen lassen willst.—O Unendlicher, welche Ehrfurcht durchbebet mich, daß ich, ein Kind des Staubes, Zutritt zu deinem Hause habe und mich dir, dem Allheiligen, nähern kann, daß ich vor dich alles bringen darf, was mein Herz beschwert, zu dir für mein Wohl und das Wohl der Meinen, für die Gläubigen und mit ihnen, ja für die ganze Menschheit beten kann! So hast du in deiner Güte uns gesegnet und uns erhoben. O, laß mich dieser deiner Gnade nimmer vergessen und laß mich während meines Betens stets eingedenk sein, vor wem ich stehe, auf daß du mich würdig findest, ein Träger deines Geistes zu sein. Entferne du von mir jeden fremden und unseligen Gedanken, daß weder die Lust der Welt noch ihr Schmerz den reinen Aufschwung der Seele hindere. O, daß alle, die mit mir hier versammelt sind, voll Demut dich in einem Geiste anbeten, und wir so eine echt israelitische, heilige Brudergemeinde bilden möchten, über welche du selbst »den Geist des Gebetes und der Gnade« ausgegossen!

Amen!


Ein anderes Gebet.

3. So hast du, mein Gott, mich gestärkt und gewürdigt, dein Haus zu betreten, wo alles mir verkündigt:»Hier ist die Pforte des Herrn, Gerechte treten da ein;«[4] o, daß ich zu diesen mich zählen dürfte! Ach, daß dein Himmel mir offen stünde, wenn ich aus ganzer Seele dich im Gebete suche! O, gewähre mir Verzeihung, daß ich rein werde, erschaffe in mir ein reines Herz, verjünge ein festes Gemüt in meinem Innern, auf daß jedes Wort, das über meine Lippen geht, mich in heilige Gemeinschaft mit dir bringe! Erhebe mich über die Lust und den Schmerz der Welt, befreie mich von jeder Sorge und jedem Kummer, auf daß ich mich in dir und mit dir fühle, glückselig wie die Geister des Himmels in deiner Anbetung, und auf daß ich es mit ganzer Seele empfinde,»wie köstlich deine Huld den Menschenkindern ist, die im Schatten deiner Fittige sich bergen, auf daß ich an deines Hauses Segen mich labe und an dem Strome deiner Gnade mich erquicke«.[5] Laß mich auch diesen Segen mit hinaus aus diesem Hause nehmen, daß ich überall deine heilige Nähe fühle und überall dir zum Wohlgefallen lebe!

Amen!


I. Gebete nach den vorgeschriebenen täglichen Gebeten zu lesen.


Allgemeines Morgengebet.

Dein, o Herr, ist der Tag. (Ps. 74, 16.)

4. Alliebender Vater im Himmel! Wie kann ich dir genug für all deine Güte danken, die du mit jedem Morgen mir erneuerst. Deine Gnade hat über mich wiederum diese Nacht gewacht und mir in erquickendem Schlafe neue Kraft und Stärke geschenkt! Während viele sie in Kummer und Unruhe haben zubringen müssen, hast du über mich und die Meinigen gewacht! Gesund und froh grüße ich wiederum diese Morgenstunde und freue mich des Anblicks meiner Teuren und Lieben. O, ich bin zu gering für all die Gnade und für all die Treue, die du mir erweisest, und doch drängt es mich, dich anzuflehen, daß du auch heute mir deine Gnade und deinen Beistand schenkest. Laß auch diesen Tag mir Segen bringen und mich zu dir führen. Dir seien meine Gedanken alle geheiligt, in deinem Namen werde mein Tagewerk durchgeführt! Leite du mich mit deiner Hand, auf daß ich nicht strauchle und von deinen göttlichen Geboten nicht weiche, daß ich mit Gewissenhaftigkeit die Pflichten meines Berufes übe und stets eingedenk sei, daß du einst mich zur Rechenschaft ziehen wirst für jegliche Stunde, die versäumt worden. Läutere du darum mein Herz und breite über meine Seele den stillen Frieden aus, auf daß ich der Kämpfe nicht achte, die du uns in unserem Berufe auferlegst, und nicht ermatte unter den Mühen und Beschwerden, die mit diesem verbunden sind! Erneuere stets die Liebe zu dir in meinem Innern, auf daß ich dich suche und dir diene mit allen meinen Kräften! Laß mich unter meinen Mitmenschen mit einem liebenden Sinn wandeln, der niemanden beleidigt und der zum Verzeihen bereit ist, so daß ich sanftmütig und versöhnlich gegen jedermann sei, dem ich heute begegne! Gedenk, o Gott, daß ich Staub bin, und laß mich frei sein von schweren Prüfungen. So du aber in deiner Weisheit es für gut findest, solche über mich zu verhängen, dann halte du mich aufrecht mit deiner Rechten, und leite du mich mit deinem Rate, auf daß ich nicht wanke und nicht verzage.»Gott, mein Gott, leite meine Schritte nach deinem Worte, sei mein Schild, meine Zuflucht den ganzen Tag; Lob und Preis dir in aller Ewigkeit!«[6]

Amen!


Allgemeines Abendgebet.

Dein, o Herr, ist auch die Nacht. (Ps. 74, 16.)

5. Mein Gott! der Tag ist dahin; ich suche Erholung nach der Arbeit desselben, und bevor ich mich den Armen des Schlafes übergebe, führt mir die Stille der Nacht noch einmal alles vor die Seele, was ich heute gesehen und erlebt, alles, was ich heute getan und vollbracht habe. Ach! wie könnt' ich dir für die vielen Wohltaten genugsam danken, die du heute wiederum mir und allen denen, die mir lieb und teuer sind, erwiesen hast. Du hast nicht nur über meine Schritte gewacht, vor Gefahren mich beschirmt, zu meinem Werke mich gestärkt, und mit allem mich gesegnet, dessen ich bedarf, sondern du hast auch mit so mancher Gabe mich erfreut, mit so mancher Freude mich erquickt; aber auch selbst durch das, was mir für einen Augenblick Kummer und Schmerz verursachte, hast du mich zu dir hingezogen und mich innerlich glückselig gemacht. O! wie demütiget es mich, wenn ich alles dessen gedenke und dann vor meiner Seele alles das vorüberziehen lasse, was ich heute gedacht und getan. Wie oft habe ich nicht dein vergessen, wie oft wurde ich nicht von sündiger Lust erfüllt, für die meine Seele keinen Raum gehabt, wenn der Gedanke, daß du allgegenwärtig seiest, und daß du mein Inneres erforschest, mich ganz erfüllt hätte; ach, und wie wenig geben die Werke, die ich vollführt, wohl Zeugnis davon, daß ich von Liebe zu dir beseelt bin, die mich eifrig und treu in meinem Berufe, unverdrossen und liebevoll gegen meinen Nächsten hätte machen sollen. O, reuevoll schaue ich auf den verflossenen Tag zurück, und mit aufrichtiger Buße flehe ich um deine väterliche Vergebung. Ich will daher selbst, ehe mein Auge sich zum Schlafe schließt, allen denen vergeben, die mir zuwider gehandelt, und mich zu kränken und zu verletzen gesucht haben. Nimm du mich in deinen gnädigen Schutz, schenke mir und den Meinigen nächtliche Ruhe, daß wir durch einen ungestörten und erquickenden Schlaf für den kommenden Tag gestärkt werden, der dir durch einen gerechten und frommen Wandel geheiligt sein möge! Ja, laß die Nacht ihren erquickenden Schatten über alle ausbreiten, daß der Müde und Bekümmerte Kraft und Trost und der Gekränkte und Leidende Beruhigung und Stärkung in dem Segen des Schlafes finde; und jedem, der auf dem Schmerzenslager stöhnend klagt, der in Krankheit oder Bekümmernis ängstlich fragt:»Ist wohl die Nacht bald vorbei?«[7] dem führe lindernde Hoffnung, Geduld und inniges Vertrauen auf dich zu, auf dich, für den »die Nacht leuchtet gleich dem Tage!« Bewahre mich vor Gefahr und Unglück und laß mich nach der Erquickung der Nacht mit dem innigen Verlangen, dir zu dienen, erwachen!»In deine Hand befehle ich meinen Geist, du beschirmst mich, wahrhafter und gnädiger Gott!«[8]

Amen!


II. Gebete für jeden Tag der Woche.


Am Sonntage.


Morgengebet.

6. Eine neue Woche hast du, o gnadenvoller Vater, für mich erscheinen lassen, und eine neue Zeit schenkst du mir wieder, um für mein Wohl zu leben und zu wirken. O, so beseele mich denn mit Ernst und Freudigkeit, auf daß ich das Werk vollführe, das du mir angewiesen. Laß mich die neue Woche damit beginnen, daß ich die heiligen Vorsätze ausführe, die ich gestern gefaßt habe, laß es mir trotz meiner Schwäche gelingen, durch meine Fürsorge und Arbeit das Wohl meiner Brüder zu fördern und zum Wohle der menschlichen Gesellschaft mitzuwirken. Verleihe mir vor allem deinen Beistand, daß ich denen ein gutes Beispiel gebe, in deren Mitte ich wirke; stärke mich, daß ich auf reinen Wandel achte, jedes meiner Worte wohl bedenke und auf jede meiner Handlungen wohl aufmerksam sei, und in der Freude wie im Schmerze mich als ein gottesfürchtiges und gottergebenes Kind zeige, das stets deinen Willen zu erfüllen sucht. Stehe mir zur Seite bei den Mühen und Arbeiten dieser Woche, daß die Mühsal des Tages mir zum Segen werde, und die Freuden, die du mir bereitest, mich unaufhörlich erinnern an den Dank, den ich dir schulde. Stärke mich, daß ich die Widerwärtigkeiten und Unannehmlichkeiten duldend ertrage und selbst denen mich liebevoll erweise, die mich in dieser Woche zu betrüben suchen. Lehre mich deine Weisheit anbeten und deine Güte auch in der schmerzlichen Stunde preisen, die dein Wille mir auferlegen sollte, und jede glückliche, freudenreiche Stunde im Irdischen erinnere mich an die Ewigkeit, der ich entgegengehe. Herr!»laß mit jedem Morgen mich deine Gnade erfahren; denn auf dich hoffe ich; tue mir den Weg kund, den ich zu wandern habe, denn es sehnt sich mein Herz nach dir!«[9]

Amen.


Betrachtung über 1. Buch Mosis 1, 3-4.

7. Allmächtiger, allweiser Schöpfer! Am ersten Schöpfungstage nähert sich meine Seele dir und danket dir, daß du die Finsternis hast schwinden lassen und wiederum, wie einst, da du über die leblose Natur das:»Werde Licht!« riefst, mich von deinem Licht umstrahlt sein läßt, das allem um mich her Kraft spendet und Reiz verleiht. Ach Herr, mein Gott! du, der du so unendlich bist, der du dich hüllest in Licht wie in ein Gewand (Ps. 104), zerstreue du die Finsternis, die noch über so viele ausgebreitet ist, auf daß das Licht der Liebe die Herzen aller Lebenden erleuchte und erwärme! Hilf du mir, daß ich den Weg des Lichtes wandre, daß kein trüber Zweifel meine Seele umschleiere, keine Versuchung mich auf die dunkle Bahn des Lasters führe. Laß deine Gnade und Huld mir und den Meinigen zu teil werden, auf daß wir unser tägliches Brot finden und es in Freuden genießen. Erleuchte mich mit deinem Lichte und deiner Wahrheit, daß sie mich leiten, dich zu suchen, dir zu dienen mit allem, was ich in dieser Woche vornehme, daß keiner meiner Gedanken und keine meiner Taten das Licht des Tages zu scheuen nötig habe. Verschone mich und die Meinigen von großen Sorgen, die den Sinn beschweren, ihn niederdrücken und irre leiten. Und so zuweilen die Aussichten trübe sind, und Angst mein Herz beschleicht, dann laß mich eingedenk sein, daß du gnädig und barmherzig bist, und daß den Frommen ein Licht in der Finsternis aufstrahlt (Ps. 112); laß mich eingedenk sein, daß wir hienieden nicht das volle Licht schauen können, daß es aber in der Ewigkeit herrlich für diejenigen strahlen wird, die dich in Wahrheit anbeten. So nimm mich denn in deinen Schutz, und möge all mein Streben in dieser Woche dazu beitragen, daß ich einst würdig werde, dieses Licht zu schauen,—»sei mir gnädig, segne mich und laß das Licht deines Antlitzes mir leuchten!«[10]

Amen!


Abendgebet.

8. Wiederum habe ich einen Tag verlebt, an welchem du mir so viele Beweise deiner väterlichen Fürsorge und deiner rettenden Gnade gegeben, daß ich tief fühle, was ich dir schulde, und es tief erkenne, wie wenig ich so viel Güte verdient habe. O! mein Gott, gehe nicht ins Gericht mit mir; denn vor dir ist kein Lebender gerecht, sondern vergib in deiner Langmut und Barmherzigkeit meine Sünden, meine Vergehen und Irrtümer, die ich mir im Laufe des Tages habe zu schulden kommen lassen. Erhöre meine Seufzer, die ich in Demut emporsende, auf daß ich getrost mich zur Ruhe legen, und nun zur Zeit, wo aller menschliche Beistand schlummert, auf deinen Schutz vertrauen kann. O du, vor dem die Nacht hell ist wie der Tag, sei du mein Beschützer in jeglicher Gefahr, das Licht meiner Seele in der schaurigen Finsternis, bewahre mich vor den Schrecknissen der Nacht, halte jegliche Krankheit von meinem Lager fern, und laß deinen Geist mich beseelen, auch wenn ich schlummere, auf daß ich neue Kraft gewinne, um die Kämpfe des Lebens zu bestehen, und gestärkt werde, deinen Willen zu erfüllen. Erbarme dich der Menschenkinder und laß bald die Nacht vor deinem himmlischen Lichte weichen, das Friede und Liebe auf der ganzen Erde verbreitet; halte deine Hand über die, die unter dem Dache meines Hauses schlafen, daß niemand sündige, niemand strauchle! Dir empfehle ich alle meine Lieben, nahe und ferne, laß mich in Frieden schlafen und wohl und gesund wieder erwachen, um dich zu loben und zu preisen, daß du warst die Hilfe meines Antlitzes, mein Schild, mein Gott.

Amen!


Am Montag.


Morgengebet.

9. So bin ich denn wieder erwacht, ich rege mich und lebe in dir, du Lebensspender, allgütiger Gott! Ach, mit welch drückenden Gedanken begab ich mich zur Ruhe! Kaum hoffte und erwartete ich, von den mannigfachen Sorgen befreit zu werden, die auf meinem Herzen lasteten und meine Seele so unruhig machten; aber du bereitetest mir einen erquickenden Schlaf, und mit den Schatten der Nacht, die vor dem Lichte des Morgens weichen, war alles, was mich drückte, verschwunden. Nun fühle ich mich wie neu geschaffen und schaue mit Vertrauen auf zu deiner unendlichen Güte, die über mich wachet. Unschlüssig war ich und fürchtete den kommenden Tag; aber siehe, es ist als ob du im Laufe der Nacht Entschlossenheit meiner Seele eingegeben hättest, daß ich mit neuer Lust und freudigem Mute heute wieder an mein Werk gehe. O, möchte doch mein Vertrauen auf dich nie wanken, o, möchte es mich doch auch heute zu meinem Werke begleiten, daß ich, was mir auch heute begegne, doch stets eingedenk bleibe und mit ergebenem Sinne erkenne, daß du der Herr bist, und daß du tuest, was gut in deinen Augen ist! Verleihe mir aber auch die Kraft, in meinem Streben und Wirken würdig zu bleiben, das Auge zu dir erheben zu dürfen, daß ich stets auf deine väterliche Hilfe und auf deinen Schutz vertraue, daß kein falsches Vertrauen sich in mein Herz schleiche, und daß ich nicht durch unermüdliches Jagen nach den vergänglichen Dingen, durch Eigennutz, Genußsucht oder Eitelkeit das Glück und den Segen verscherze, den du allen denen verheißen, die ihre Hoffnung auf dich setzen. So stärke mich denn, daß ich arbeite, ohne zu ermüden, daß ich mit dankbarem Sinn jede Freude genieße, die du mir schenktest, und ich zum Segen wirke! Laß mich nie Ärgernis und Anstoß verursachen, sondern in der Zeit als einen leben, der die Ewigkeit vor Augen hat! O, du ewiger Gott, sei mir gnädig, segne und bewahre mich! Ja, ich will nicht verzagen; denn meine Hilfe kommt von dir, der du geschaffen Himmel und Erde.

Amen!


Betrachtung über 1. B. M. 1, 6-8.

10. Allmächtiger Schöpfer, alliebender Gott! Ich danke dir, daß du mich wieder den zweiten Wochentag hast schauen lassen den Himmel, der sich noch über mir wölbt, wie du ihn einst am zweiten Schöpfungstage über die Erde ausgespannt hast. So leuchtete sofort deine Herrlichkeit über dem Staube, daß wir dadurch erinnert würden, daß die Seligkeit des Himmels das Ziel für den Erdenkampf sei, und in der Ruhe und in dem Frieden, der von dem sichtbaren Himmelsbogen widerstrahlt, spiegelt sich für den Menschen der selige Friede des unsichtbaren Himmels ab. Bei aller Not und Sorge des Lebens soll der Mensch zum Himmel empor schauen und dort die Tröstung und Erquickung suchen, die die Erde nicht zu gewähren vermag, und in den Versuchungen der Welt, in ihrem Kampf und Streit soll er von deinem Himmel Kraft und Freiheit holen. Aber darf auch ich wohl meinen Blick zum Himmel erheben?—O, nur der kann freudig empor in die Höhe sehen, der das tut, was dir wohlgefällig ist! Hab ich dieses getan? War ich stets eingedenk, daß ich überall in deinem Heiligtum bin, da überall der Himmel über mir ausgebreitet ist, der deine Herrlichkeit Tag für Tag verkündet? Habe ich mich wohl auf Geistesschwingen zum Himmel gehoben, während mein Fuß zur Erde gestellt war—leuchtete ein Himmel der Liebe aus meinem Auge, wenn ich mit meinen Menschenbrüdern verkehrte? O Gott, sei mit mir heute, daß ich jede Versuchung besiege, jede sündige Lust bezwinge, und daß jeder meiner Gedanken, jedes meiner Worte und jede meiner Taten von der Klarheit des Himmels widerscheine, daß mein Wandel dir wohlgefalle, und die Liebe des Himmels mich einst verkläre bei dir, du, mein Gott, dessen Huld so erhaben ist, wie der Himmel über der Erde, du, der du meine Sünden vergibst und mich krönest mit Barmherzigkeit und Gnade.[11]

Amen!


Abendgebet.

11. Wie, o Gott, soll ich dir danken für alle Wohltaten, die du mir heute erwiesen? O, nicht nur, daß du in Gnade deine Hand über mich gehalten und mich das tägliche Brot für mich und die Meinigen hast finden lassen—nein, sieh in reichlichem Maße hast du mir dasselbe vergönnt, und vorzüglich danke ich dir für die besondere Tröstung und Ermunterung, die mich heute so unerwartet erquickt hat. Ach wie glücklich machte mich nicht der geringste Dank, den ich durch deine Gnade erntete und die Freude, die der eine und andere meiner Mitwanderer hier im Leben, mir, gewiß nach deiner gütigen Eingebung, bereitet hat. Nein! ich kann mich nicht in die Arme des Schlafes werfen, ohne dich um Vergebung zu bitten, daß ich so oft über die Bürden des Lebens und über den Undank und die Verkennung der Welt geseufzt habe! Sah ich nicht heute, wie hoch mein Herz sich freute und sich freuen mußte bei dem geringsten Dank, bei dem aufmunternden Lohne, den ich zuweilen erntete, und wie solch' selige Augenblicke gerade in Stunden der Ermüdung und Erschlaffung eintreten! Und wenn ich noch bedenke die himmlischen Augenblicke, in welchen es mir vergönnt war, die Hände der Schwachen, die Knie der Wankenden zu stärken, wo ich durch deinen Beistand es vermochte, zu trösten und zu beruhigen, durch meine Anerkennung der Wirksamkeit anderer imstande war, sie zu erneuetem Fleiße anzuspornen,—o, dann überströmt mein Herz von Dank und Freude; ich will nicht mehr klagen, ich will jede Stunde recht benutzen, um so meine Mitmenschen zu erfreuen, auf daß auch ihre Seelen Ruhe in dir finden. Stärke mich hierzu, o mein Gott, dazu empfehle ich meinen Geist deinem Schutze!

Amen!


Am Dienstag.


Morgengebet.

12. Allgütiger Gott! Nimm das Morgenopfer meines Herzens als Dank entgegen für die neuen Beweise deiner Gnade, die du mir in der verflossenen Nacht gegeben. Ach, wie viele haben diese nicht in Unruhe und Kummer verbracht, und von wie vieler Lager wurde nicht der Schlaf durch Angst und Sorge verscheucht; ich aber wurde verschont, die Meinigen hast du beschirmt! o, wie wenig habe ich doch so viele Gnade verdient! So manchen Morgen erwachte ich nur mit neuen Wünschen und vergaß es, wie sehr du mich bereits gesegnet, und wie vielen Dank ich dir schulde; doch heute steht deine Güte mir vor Augen, und o, wie glücklich macht mich dieser Gedanke! Ach, wie wenige fühlen doch das Gute, das sie unablässig von deiner Hand empfangen, und wie innig muß ich dir nicht danken, daß du durch deine heilige Lehre in mir die Erkenntnis deiner Wohltaten geweckt hast! Und wenn ich ganz von deiner göttlichen Lehre erfüllt wäre, o wie glücklich würde ich mich dann noch fühlen, welch ein Born der Freude würde da unaufhörlich aus derselben für mich fließen, selbst dann, wenn Kummer und Sorgen mich umgeben, welche Seligkeit würde ich dann nicht aus jedem Gebote schöpfen, das ich erfülle! O, du Ewiger! laß diesen Tag mich dem großen Ziele näher bringen, dem ich nachstreben soll! Sei mit mir in all meinen Bestrebungen, hilf mir in meiner Schwäche, erleuchte mich in meiner Unwissenheit, umgürte mich mit der Kraft des Willens, laß meine Seele alles in Klarheit schauen, mein Herz alles Edle und Heilige mit Wärme umfassen! Rüste mich aus mit Standhaftigkeit und lege an diesem Tage reichen Segen in meine Arbeit. Bewahre du, Ewiger, meinen Ausgang und meinen Eingang, o, entziehe mir nicht deine Barmherzigkeit, sondern laß deine Gnade und Treue mich stets beschirmen!

Amen!


Betrachtung über 1. B. M. 1, 9-13.

13. Wie könnte ich wohl am dritten Tage der Woche mein Auge der Herrlichkeit des Tages öffnen, ohne dir für deine unendliche Güte zu danken, mit welcher du die Erde erfüllt hast und sie mit jedem Morgen aufs neue erfüllst? An diesem Tage, so ließest du uns in der Schöpfungsgeschichte verkünden, riefst du Gras, Kräuter und Bäume hervor, die Frucht und Samen tragen, jegliches nach seiner Art. So hast du, allgütiger Gott, für jedes lebende Geschöpf seinen Bedarf bereitet, bevor es noch ins Dasein gerufen war, so hast du auch an mich gedacht, bevor ich noch das Tageslicht schaute, hast liebevolle Wesen bestellt, die für mich sorgten, die mich kleideten und ernährten, mich erzogen und leiteten, und die Erde, sie ist voll deiner Gaben. O, wie könnte ich da verzagen und bekümmert fragen: woher soll ich Brot für meinen Lebensunterhalt nehmen? O, getrost bete ich zu dir: Gib mir und den Meinigen unser tägliches Brot, daß wir nie der Gabe eines Menschen bedürfen, erhalte uns in Genügsamkeit, daß wir in bescheidenem und prunklosem Wandel uns glücklich fühlen, jeglicher in seinem Berufe und jeglicher in seinem Stande. Wache über die Bedürftigen und Notleidenden und gewähre mir die Seligkeit, ihnen wie ein herrlicher Baum zu sein, der Schutz und Erquickung über sie ausbreitet, ja, laß mich wie ein Baum sein, der an den Wasserbächen deines göttlichen Wortes gepflanzt, reiche Früchte trägt, und dessen Blätter nie welken. Laß, o Herr, mein Streben und Wirken dir wohlgefällig sein und auch meinen Mitmenschen. Möchte mein Sinn von dem Licht aus der Höhe erfüllt werden, und meine Rede wie stärkende, erquickende Nahrung jedem sein, der darauf hört.—O, du, der du nie den Gerechten verläßt und es ihm nie an Brot mangeln läßt, erhöre mich und laß mich heute stark im Guten sein, errette mich von jeglicher Sünde, auf daß du auch über mein Werk heute wie bei der Schöpfung sagen könntest: »es war gut«,[12] gut für das zeitliche und gut für das ewige Leben.

Amen!


Abendgebet.

14. Der Tag ist dahin gegangen, o, so schnell, so sehr schnell bei Arbeit und Freude und unter deinem beschirmenden Segen, allbarmherziger Gott und Vater! Und nun, da mein Tagewerk zu Ende ist, so kommt mir so vieles in den Sinn, was ich vornehmen wollte, aber zu tun vergessen, vieles, mit dem ich mich beschäftigt habe, aber nicht auf die rechte Weise, so manches Wort, das ich gesprochen, das ich entweder lieber gar nicht ausgesprochen haben möchte, oder doch nicht so, wie ich es getan, mancher Mensch, dem ich begegnet, aber ohne darauf zu achten, wie nützlich er für mich und ich für ihn hätte sein können. Ach ich muß gestehen, wenn ich auch nur an eitlen Gewinn und eitle Lust denken wollte:—könnte ich meinen Tag aufs neue beginnen, so würde ich meine Zeit anders einteilen, so würde ich ganz anders mich verhalten; vieles, was geschehen, würde ich ungetan lassen, vieles, was unterlassen ist, würde ich zur Ausführung bringen—und wie viel mehr erst, wenn ich an das Werk meines Seelenheils denke. O, muß ich nicht fürchten, daß es einst, wenn mein ganzer Lebenstag dahingeschwunden ist, für mich so sein wird, wie in dieser Stunde, muß ich nicht, weil es noch Zeit ist, bestrebt sein, daß mein Lebenstag nicht vergeudet werde? Darum nähere ich mich dir, mein Gott, mit dem Gebete:»tue mir kund den Weg, den ich gehen soll, lehre mich nach deinem Willen handeln, dein gütiger Geist führe mich Tag und Nacht auf die rechte Bahn!«[13] Laß mich auch in dieser Nacht deine Güte erfahren, bewache, erquicke und segne sowohl mich, als alle die Meinigen, und laß die Ruhe der Nacht aufs neue mir Kraft schenken, um gegen alles zu kämpfen, was im Streite ist mit der hohen Bestimmung meines Daseins, mit dem Werk, das ich zu vollführen habe.»Herr! dein will ich gedenken, wenn ich auf meinem Lager liege, über dich sinne ich in den Nachtwachen, meine Seele hängt an dir, deine Rechte unterstützt mich.« Amen!


Am Mittwoch.


Morgengebet.

15.»Wenn ich auf meinem Lager bin, so denke ich an dich, o Gott, und wenn ich erwache, spreche ich von dir, denn du bist mir eine Hilfe, und im Schatten deiner Flügel fühle ich mich so sicher«,[14] früh suche ich darum dich, und meine Seele dürstet nach dir, mein Gott. Ach, möchte doch meine Seele dir anhängen, und möchte deine Rechte mich unterstützen den ganzen Tag und mich leiten und aufrecht halten, wo ich auch wandre, und mit wem ich auch verkehre. Ich möchte so gern mit Milde und Sanftmut unter meinen Brüdern wandern, aber feindlich Gesinnte, Haßerfüllte, Lieblose, denen ich begegne, könnten so leicht meinen Zorn aufflammen lassen; ich möchte so gerne einen innigen, festen Glauben an den Tag legen, aber Leichtsinnige und Gleichgültige könnten meinen Eifer kühlen, und Scheinheilige all meinem frommen Streben in den Weg treten; es wird so schwer, die heilige Flamme auf dem Altar des Herzens vom Morgen bis zum Abend rein und jedes fremde Feuer fern zu halten; es wird so schwer, einen schuldfreien und heitern Sinn zu bewahren; die Freuden, die deine Güte uns bereitet, so zu genießen, daß keine sündhafte Neigung oder Lust in die Seele dringe, und daß diejenigen, welche auf uns sehen, nicht in ihrem Urteile über uns irre geleitet werden; es ist so schwer, Freundlichkeit und Ernst, Nachsicht und Duldung mit unerschütterlicher Festigkeit im Glauben zu vereinen. Wie leicht artet nicht ein freundlicher, nachgiebiger Sinn zu einer eitlen Lust aus, den Menschen zu gefallen! Wenn ich den Beifall der Welt ernte, so macht es mich so hochmütig und stolz, und weniger vermag ich ihre Kälte, ihren Spott oder ihre Geringschätzung zu ertragen, sie erbittert meinen Geist und lähmt meine Kraft, und doch soll ich im Kampfe nicht schwanken und nicht verzagen. Sieh! darum bitte ich: Herr, lehre mich deine Wege erkennen und leite mich auf die rechten Pfade, nicht nur meiner selbst wegen, sondern auch derentwegen, die auf mich schauen, und mit denen ich heute verkehre, ja meiner Freunde und Verwandten und meiner Hausgenossen wegen. Möchte ich in der Freude sowohl als im Schmerze, den du in deiner Weisheit mir zusendest, mich als echter Israelit bewähren, der dein göttliches Gebot in seinem Herzen trägt, daß all mein Wirken auf Erden ein himmlisches Gepräge an sich trage und Zeugnis gebe von meinem Streben, an deinem Reiche zu bauen. Laß einen freundlichen himmlischen Strahl sowohl meine Lust als meine Arbeit beleuchten, laß den Tau des Himmels auch bei der Mühe und Hitze des Tages mich erquicken, in dem Kampfe des Lebens mich stärken und zu jeglicher Zeit mein Herz erfreuen! O, so verlaß mich nicht, mein Gott, sondern segne mich und die Meinen heute, laß mich nicht verzagen, wenn du mich väterlich züchtigest; sondern lege in meine Seele das rechte kindliche Vertrauen zu dir, und gib, daß mein Wandel der Lobgesang wird, womit ich unablässig dich preise.

Amen!


Betrachtung über 1. Buch Mosis 1, 14-19.

16. Herr, allweiser, allgütiger Schöpfer! Ich danke dir, daß du mich diesen vierten Tag der Woche hast erleben lassen, den Tag, der aus der Schöpfungszeit Zeugnis gibt von deiner unendlichen Weisheit und Macht, mit welcher du die Gestirne auf ihren Bahnen leitest, die Sonne, den Mond und die zahllosen leuchtenden Welten, daß sie mit himmlischem Glanze für uns leuchten, die Erde erwärmen und befruchten und in den dunklen Nächten Wege auf dem öden Meere zeigen, ja daß sie uns dienen, um unsere Wanderungstage zu zählen und unsere festlichen Zeiten zu bestimmen. Sieh, du hast ihnen Ziel und Grenze gesetzt, daß sie nicht von ihren Bahnen weichen, sondern jeder Himmelskörper seinem vorgeschriebenen Gesetz folgt und nicht hinein schreitet in den Kreis eines andern; wenn er verschwunden zu sein scheint, so leuchtet er in einer anderen Welt oder beginnt aufs neue seinen Lauf, um deine Herrlichkeit an dem unermeßlichen Himmelsgewölbe zu verkünden. O, mein Gott!»wenn ich anschaue den Himmel, deiner Hände Werk, den Mond und die Sterne, die du geschaffen,—was ist ein Sterblicher, daß du sein gedenkst und der Menschensohn, daß du auf ihn achtest?«[15] Und doch bin ja auch ich von dir bestimmt, ein Glied in der Kette des All zu sein, und auch meiner Bahn hast du Gesetz angeordnet, dem ich folgen soll, und das ich nicht überschreiten darf. Ach, wie oft habe ich gerade den Weg verlassen, der mir vorgezeichnet ward, wie oft unternahm ich nicht gerade das, wozu ich nicht berufen war, und durchkreuzte da die Bahn eines andern und richtete da Verwirrung an, wo ich über Gottes Ordnung und Gesetz wachen sollte! O! ich will darum zum Himmel empor schauen und zu seinem strahlenden Heere, daß ich von ihnen lerne, für meine Brüder zu leuchten, und sie mit der vollen Liebe meines Herzens zu erwärmen; daß ich vom Monde lerne, Erquickung, Trost und Friede in trübe und angstvolle Seelen zu bringen, von der Sonne, die für alle, auch für die Ungerechten aufgeht, lerne auch Sündern Mitleid zu zeigen und sie auf den rechten Weg zurückzubringen! Aber, o mein Gott! was vermag ich ohne deinen Beistand? Darum bitte ich dich: stärke mich in meinem Vorsatz, hilf mir, männlich gegen alle Versuchungen zu kämpfen, stehe mir bei, daß ich unermüdlich in der Erfüllung meines Berufes sei! Dein Geist und Wort zerstreue, der Sonne gleich, jede Wolke, die meine Umgebung verdunkeln will! Ja, all mein Tun und Wirken sei so, daß ich hoffen darf, einst, wenn ich meinen Lauf hienieden vollendet, einzugehen in das wahre himmlische Licht bei dir in der Ewigkeit.

Amen!


Abendgebet.

17. Allbarmherziger Vater! Auch diesen Tag habe ich unter deinem Schutz und Segen glücklich zu Ende gebracht und deiner Obhut meine Seele und meinen Leib anempfohlen; ja, in meinem Nachtgebet habe ich, wie es dem Israeliten geziemt, bevor ich mich zur Ruhe begab, mich zu dir zu erheben gesucht. Aber ach, je mehr ich mich selbst durchforschte, desto mehr werde ich innerlich betrübt, indem ich mich des Gedankens nicht erwehren kann, meine Aufgabe nicht erfüllt zu haben; denn ich habe das heilige Bekenntnis des Israeliten abgelegt:»daß du der einzige, ewige Gott bist«; aber habe ich auch heute dies in der Tat und in der Wahrheit bewiesen, daß es das Bedürfnis meines Herzens war, dir für alles zu danken, was mich erquickt, und deinen Namen zu preisen, und dich als den Einzigen, Alliebenden anzubeten, bei allem, was mir widerfahren? Und ich habe die Grundlage für die heiligsten Verpflichtungen meines Lebens ausgesprochen,»daß ich dich lieben soll mit ganzer Seele, mit ganzem Herzen, mit all meinem Vermögen«, aber wie oft hat nicht die Liebe zur Welt mich dich vergessen lassen, und wie wenig war ich bereit, aus Liebe zu dir alles zu opfern? Ja, in unerschütterlicher Liebe zu dir soll ich meinen Nächsten lieben; aber wie schwach glühte doch eine solche Liebesflamme in meinem Innern! Selbst wenn ich mich liebevoll gegen meine Mitmenschen zeigte, war es doch zuweilen eine Scheinliebe und nicht die heilige Flamme, die unaufhörlich auf dem Altar des Herzens brennen soll. Durch mein Wort und mein Beispiel soll ich den Meinigen (meinen Kindern, meinem Hausgesinde, meinen Freunden und meinen Angehörigen) dein Wort einschärfen, aber bald wurde ich durch Eitelkeit und Hochmut irre geleitet, bald verschloß Geiz, Zorn oder Neid das Herz und die Hand; denn das Feuer der Leidenschaft brennt in meiner Brust und betört meinen Geist. Und wenn ich sehe, wie wenig noch die Welt dich, den Einzigen, kennt und anbetet, und wie wenig Liebe zu dir in der Menschen Brust lebt, wie wenig sie sich in gegenseitiger Liebe äußert, ach, da muß ich fast verzagen; ich gedenke meiner Sünden und der Schlaf weicht von meinem Lager. Woher, o Gott, soll ich Kraft nehmen, um im Kampfe zu bestehen? Und doch—mein Nachtgebet hat mich ja belehrt, daß ein zerknirschtes Herz dir wohlgefällig ist, hat mich auch belehrt, auf wen ich meine Hoffnung setzen soll: Herr, auf dich allein!»Du stehst zu meiner Rechten: Wer wie du![16] so barmherzig, du bist meine Stärke[17] du bist mein Licht[18] und du bist mein Arzt[19] sowohl für Leib als Geist; deine Herrlichkeit umschwebt mich. Zuversichtlich spreche ich darum:»auf deine Hilfe hoffe ich, ja, ich warte in Geduld auf deine Hilfe und beuge mich in Demut vor dir, o Herr[20], der du über mich wachen und mich wecken wirst,

Amen!


Am Donnerstag.


Morgengebet.

18. Herr, mein Gott und Vater!»Du erneuerst jeden Morgen deine Güte gegen mich, und deine Barmherzigkeit ist unendlich.« Darum erhebe ich in der frühen Morgenstunde dankend meine Stimme zu dir, indem ich fühle und erkenne, daß deine wachende Vorsehung in den Stunden der Finsternis meinen Geist bewacht und mich aus dem Schlummer der Nacht zu neuem Leben geweckt hat. O! möchte doch auch mein besseres Wesen mit jedem Morgen sich erneuern, und möchte ich bei meinem Tagewerk nie verzagen, sondern es vollenden, ohne zu ermatten; möchte ich doch jeden Tag mit neuer Lust auf dein göttliches Wort lauschen und aus deiner heiligen Lehre Seligkeit schöpfen; möchten doch alle guten Kräfte, die du in mich gelegt, jeden Morgen sich erneuern, so daß ich nie müde werde, meinem Bruder zu helfen, ihn zu erquicken, zu trösten und zu unterstützen, nie müde werde, Sanftmut und Geduld gegen meine Freunde zu zeigen, und nie aufhöre, Gutes denen zu erweisen, die mich hassen, und diejenigen zu segnen, die mir fluchen; möchte doch ein liebevoller Geist jeden Tag in mir erneuert werden, daß ich demütig und liebevoll gegen die Armen, mild und nachsichtig gegen meine Diener mich zeige; ja, laß mich auch heute aufs neue Kraft gewinnen, um gegen die Sünde, meinen ärgsten Feind, zu kämpfen! Möge sich stets auch mein kindliches Vertrauen erneuern, mit dem ich meinen Weg deiner väterlichen Fürsorge empfehle! O, erhöre mich denn, Allgütiger! wenn ich dich bitte, mir die Ausführung dieses meines heiligen Vorsatzes zu erleichtern. Laß keine drückende Sorge mir die Freudigkeit in meinem täglichen Berufe rauben; stärke meinen Körper, daß meine Seele sich frei zu dir erheben kann;»entbiete mir deine Engel, mich zu behüten auf meinen Wegen, daß mein Fuß nicht strauchle;« laß in jeder zeitlichen Freude sich für meine Seele die ewige, selige Wonne abspiegeln und laß mich froh sein mit den Frohen! Segne, o Gott, Volk und Land, segne alle, die mir lieb und teuer sind! Leite mich nach deinem Rat, und nimm mich einst auf zur ewigen Seligkeit.

Amen!


Betrachtung über 1. Buch Mosis 1, 20-23.

19. Mein Gott und Vater! Nimm mit Wohlgefallen meinen kindlichen Dank dafür entgegen, daß ich diese Nacht sicher unter deinem Schutz geruht habe und mich wieder umgeben sehe von deinen Wohltaten, von den unzähligen Geschöpfen, die du ins Leben gerufen, deren Anblick Ruhe in die geängstigte Seele mir senkt und mein Herz mit Bewunderung erfüllt. Heute ist ja der Tag, an dem in der Schöpfungszeit das Weltmeer mit einem unzähligen Gewimmel kleiner und großer Tiere sich füllte und die Luft mit dem zahllosen Geflügel, das unter der Wölbung des Himmels fliegt.»Alle erwarten ihre Nahrung von dir, und du sättigst sie mit allem Guten.«[21] O, wie kann ich da noch fürchten, daß du mich vergebens um deine guten Gaben vom Himmel beten lassen solltest, wenn ich nur treu arbeite, um sie zu gewinnen! Sieh', wie zahllos und wie mannigfaltig sind nicht die lebendigen Geschöpfe des Himmels und des Meeres, und doch bilden sie alle einen großen Einklang, um deine Herrlichkeit zu verkünden; ist nicht das geringste bunte Würmchen eben so wundervoll wie das starke Tier im Walde, und preisen nicht die Millionen Geschöpfe im Wassertropfen eben so sehr deine Allmacht und Wahrheit wie der Wallfisch im Meere? O, sollte ich da verstummen und nicht beständig meinen Lobgesang darbringen, sollte ich nicht durch mein Leben, durch mein Tun deine Herrlichkeit verkünden? Ach Herr! segne du mich, daß meine Gedanken geläutert werden, und meine Taten dir gefallen. Sieh, der Fisch schwimmt so lebensfroh im Meere, aber, wenn im nächsten Augenblick ein Fischer ihn heraufzieht, da erlischt das Leben, so weiß auch ich, daß der Fischer stets sein Netz und seine Angel nach den Menschenkindern auswirft, um sie von dir, der Quelle alles Lebens, fort und hin in den Tod zu führen; ach möchte ich doch der Lockspeise der Welt Widerstand entgegenzusetzen stark genug sein und mich von den lebenden Wassern nähren, die aus deiner himmlischen Lehre strömen! Laß mich deiner Liebe eingedenk sein, die meine Väter auf »Adlerfittigen«, getragen, und wenn die Sorge meinen Sinn umwölkt, wenn Leiden mich treffen und Feindschaft mich verfolgt, oder wenn Verführungen mich umringen, o, laß mich da auf die Vögel des Himmels sehen, die ihre Zeit kennen, und laß mich von ihnen lernen, daß der Tag kommen wird, wo ich dorthin zurückwandern werde, wo eine wärmere Sonne scheint, und Freude, Wonne und Herrlichkeit weilt bei dir in aller Ewigkeit.

Amen!


Abendgebet.

20. Durch deinen Beistand, allgütiger Gott, habe ich wiederum meinen Tag zu Ende gebracht, und wie deine Güte mich heute vor jedem Unglück bewahrt hat, so wirst du mir auch Erquickung in meiner nächtlichen Ruhe verleihen. Im Schlaf will ich alle Mühe und Beschwerden, jeden Kummer und jeden Schmerz vergessen. So wird deine ewige Liebe nicht müde, mir Gutes zu erweisen, und doch erkenne ich dies so wenig. Ja, muß ich nicht in dieser Stunde deiner Güte danken, daß, während du die Stille der Nacht um mich her verbreitest und meinem müden Körper Ruhe schenkst, du auch alles Toben der Leidenschaft und der Angst und Sorge in meiner Brust verstummen läßt und meiner Seele Ruhe gibst? O »so wehet dein schützendes Panier in Liebe über meinem Haupte«,[22] und nur im Vertrauen auf diese Liebe wage ich es, dich zu bitten, mir Ruhe und Erholung in dieser Nacht zu schenken. Denn sollte ich Rechenschaft über das Werk des verschwundenen Tages ablegen, o, dann müßte ich ausrufen: »Herr! gehe nicht ins Gericht mit mir!«—Ach, die Stille auf Erden sagt mir:»Du wachest in deiner Wohnung!« Je weniger das Irdische meinen Geist zerstreut und meine Gedanken verwirret, desto tiefer fühle ich meinen Abstand von dir, doch ich weiß, du gedenkst, daß ich Staub bin und erbarmst dich über mich wie ein liebender Vater, ich weiß, daß du gern den Seufzer deines reuigen Kindes hörst und das erfüllst, was es begehret. O, so verlaß mich nicht, du Israels Hüter, in dieser Nacht. Breite aus das Banner deiner Liebe über mich (meine Gattin, meine Kinder, meine Eltern u. s. w.); bewahre unsere Stadt vor allen Schrecken, und erquicke mich mit einem ruhigen Schlafe, daß ich morgen mit erfrischter Kraft erwache zu deiner Ehre. Nimm auch deinen Geist nicht von mir, und laß mich noch lange Zeugnis ablegen, da߻deine Gnade, o Herr, von Ewigkeit zu Ewigkeit währt denen, die dich fürchten, und deine Huld ihren Kindeskindern«.

Amen!


Am Freitag.


Morgengebet.

21.»Preise meine Seele den Herrn und vergiß nicht alle seine Wohltaten!« so will ich heute, am letzten Arbeitstage der Woche, den Dank meines Herzens vor dir, Alliebender, aussprechen. Denn du hast mich diese Morgenstunde schauen lassen, und die ganze Woche hindurch habe ichs erfahren, daß»du mir am Tage deine Güte entbietest und deine Liebe über mich des Nachts wacht«; ja! ein Tag bezeugt es dem andern, und die Nacht verkündet es der Nacht.—Jede Tat, die mir gelungen, jedes Wort, das mich erfreut, jede Kraft zur Arbeit, die ich in mir gefühlt, und jeder Lohn, den ich empfangen, war ein unverdienter Segen aus deiner Hand, und selbst dann, wenn meine Seele in Sorge, Mißmut und in Bekümmernis eingehüllt war, wenn ich seufzte über andere und über mich selbst klagte, über Mangel an Kraft in der Stunde der Sorge, die du über mich verhängt, oder die ich mit meinem trauernden Bruder trug, selbst dann warst du, o Gott! mir ja nahe mit deinem Trost, und ich fühlte deinen Geist, wie er bei mir weilte, und die Nacht mit all ihrer Dunkelheit schien dem hellen Tage gleich für meine Seele, die von deiner unendlichen Liebe berührt wurde. O Ewiger! wie soll ich dir für alles dieses danken, nun da die Woche bald zu Ende ist? Muß nicht das Bewußtsein, daß ich nicht in deinen Augen gewesen, was ich sein sollte, schwer auf meinem Herzen lasten? Ja, so schnell schwand die Woche hin,»eine kurze Spanne Zeit sind meine Tage vor dir, und mein Leben ist wie nichts«, so schnell schwand die Woche hin, daß ich meine Vergänglichkeit fühlen und die Pilgerzeit auf Erden, die du mir zugemessen, benutzen muß. Ja, Herr, ich setze meine Hoffnung auf dich; befreie mich von all meinen Sünden, leite du mich, daß ich am letzten Arbeitstage der Woche zu deinem Wohlgefallen lebe, daß ich heute demütig ergeben und dankbar gegen dich sei, liebevoll und versöhnlich gegen meinen Nächsten mich zeige und mich als treuer und fleißiger Arbeiter in deinem Dienst bewähre, wie es dem ziemet, der nach deinem Namen genannt ist. (5. B. M. 28, 10.) Ja, möchte ich mit Recht noch Jude genannt werden, daß das Zepter nicht aus meiner Hand weiche, ich vielmehr Herrschaft über alle bösen Mächte gewinne, die um mich her ihr Lager aufschlagen, so daß die Gleichgültigkeit der Welt mich nicht schlaff und lässig in deinem Dienst mache, und ihr Widerstand oder ihr Spott mich nicht in meinem Glauben erschüttern; o, laß mich die Woche damit schließen, daß ich den Kampf gegen den Verführer in meiner eigenen Brust bestehe, daß der Name Israelit, Kämpfer für das Göttliche, mir mit Recht gegeben sei, und mir seliger Lohn werde, wenn ich vom Kampfplatz der Erde zu ewiger Sabbatruhe im Himmel abgerufen werde.

Amen!


Betrachtung über 1. Buch Mosis 1, 24-31.

22. Dir, ewiger Quell des Lebens, dir danke ich am letzten Arbeitstage dieser Woche, daß du mich so wunderbar erschaffen, und daß du mich bis zu dieser Stunde so treu und sicher bewahrt hast! Dieser Tag war es ja, an dem du in der Schöpfungszeit alle lebenden Tiere auf der Erde geschaffen und zuletzt den Menschen, daß er herrsche über die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels und alles, was da lebt und sich regt auf Erden. Ja, du hast den Menschen verherrlicht, indem du kund getan, daß er nach deinem Bild und dir ähnlich geschaffen ist;»nur um ein Geringes hast du ihn den Engeln nachgesetzt, und mit Ehre und Würde hast du ihn gekrönt.«[23] Von dir erhielt ich die Kraft des Geistes, mich über die Vergänglichkeit zu erheben und die Macht, mir die Erde untertänig zu machen, sie zu verschönen und zu verherrlichen, aber auch Macht, um die irdischen Begierden und die wilden Lüste des Fleisches in mir zu bezwingen. O, mein Gott, ich kann Herrscher sein über den rauhen, widerstrebenden Erdboden, über die wildesten Tiere, die in der Wüste rasen, über die zügellosen, lieblosen Naturen in der Menschenwelt und über die unbändigen Leidenschaften, die hier in meiner eigenen Brust sich regen! Ja, ich bin in deinem Bilde geschaffen, ich kann denken, glauben und beten und im Geiste mich zu dir emporschwingen; ich kann die Macht der Begierden brechen, mit Liebe jeden widerstrebenden Geist besiegen, mit Selbstverleugnung und Versöhnlichkeit jede lieblose Gesinnung bezwingen, und mit Gedanken der Ewigkeit, die in meine Seele—dein Ebenbild—niedergelegt sind, kann ich Ruhe und Frieden in angstvollen Stunden und unter schweren Schicksalen gewinnen.—Aber, o mein Gott! je höher du mich erhöhet hast, desto tiefer werde ich gedemütigt, und sehe beschämt auf alles, was ich in der verflossenen Woche getan und gedacht habe. Nicht war ich in meinem Denken, Sprechen und Streben so wie es dem geziemt, der in deinem Bilde geschaffen; ich habe es ausgelöscht, so daß es kaum noch kenntlich, daß kaum noch in mir wahrzunehmen ist, daß ich das Meisterwerk deiner Schöpfung bin. O, möge dieser Gedanke neue Kraft meinem Geiste verleihen, und sei du selbst mit mir, daß ich als Ebenbild des ewigen Vaters aller Geister nicht meinen Sinn auf eitles Streben richte, nicht an den leeren Freuden der Erde hänge und nicht von zeitlichen Bekümmernissen geängstigt werde! Möchte ich mit echter Liebe die heiligen Bande, die mich mit meiner Familie (meinem Gatten, meiner Gattin, meinen Freunden usw.) vereinen, noch fester knüpfen, daß ich sanftmütig und geduldig unter meinen Mitmenschen wandere. Laß mich eingedenk sein, daß das Leben, wie der heutige Tag, nur eine Vorbereitung zur Sabbatruhe, jener seligen Ruhezeit bei dir, ist, und daß daher von mir unermüdliche, beständige Arbeit und Wachsamkeit gefordert wird. Und wenn ich zweifeln sollte, weil ich nicht die Frucht des Fleißes und den Segen der frommen Tat schaue, o, dann laß mich erkennen, daß der Lohn erst nach vollendeter Arbeit genossen werden soll, wenn der Sabbat sich einstellt. O du, der du mich geschaffen hast zu deiner Verherrlichung, hilf du mir auch, daß ich dir aufrichtig diene und mein Lebenswerk vollende, und daß ich vorwärts schreite von Kraft zu Kraft, bis ich einst gewürdigt werde, zu schauen dein Antlitz in der Ewigkeit.

Amen!


Abendgebet.

23. Alliebender Vater! Schau wieder auf dein Kind, das seinen Dank stammeln will, daß du es diesen heiligen Abend hast erleben und diesen herrlichen Tag hast sehen lassen, der das Ziel der sechs Schöpfungstage war, daß dein vollendetes Werk von uns geschaut, und deine Allmacht von dem Wesen angebetet werden sollte, das du in deinem Ebenbild geschaffen. Und so der Mensch im Laufe der Woche dieses dein Bild entheiligt hat, suche er an diesem Tage es wieder zu heiligen und Seelenfrieden und Ruhe nach der Anstrengung der Tage zu finden, und hebe seinen Blick vom Staube empor zu dir! O, mein Gott! Wie soll ich alle deine Güte preisen und von deiner Gnade sprechen, die über mir gewaltet hat? Wer bin ich, und was ist mein Haus, daß du mich der Sabbatfeier teilhaftig werden läßt, die du zur Heiligung des Menschen eingesetzt hast! O, möchte ich doch mit dem rechten Geist erfüllt werden, den heiligen Tag nach deinem Willen zu feiern. Schenke mir und den Meinigen volle Erquickung diese Nacht, daß wir sicher ruhen, und daß unsre Seele gestärkt werde, die himmlische Wonne zu genießen, die aus dem beseligenden Quell des Sabbats strömt, daß unsre Seele Ruhe und Frieden finde in dir, o Gott und Erlöser.

Amen!


Am Sonnabend.


Am Sabbat-Morgen.

24. Jeden Morgen fühlte ich den Drang, mich dir, Allgütiger, zu nähern, mit jedem neu erscheinenden Tage habe ich dir mein Dankopfer dargebracht;—und je mehr ich dadurch zu einem Leben in dir und mit dir geheiligt worden, je mehr ich dadurch gelernt, mitten unter den täglichen Arbeiten mich festlich gestimmt zu fühlen, desto mehr wird mein Inneres auch in dieser heiligen Morgenstunde zu dir emporgehoben. Ja, wenn ich alle Tage der Woche den Dank meines Herzens ausgesprochen für die zeitlichen Güter, die du mir schenktest, um wie viel mehr muß ich diesen an diesem Tag verkünden, den du zum Heil und zur Heiligung unseres Geistes bestimmt und zur Erinnerung deines Namens eingesetzt hast, und den du dadurch geheiligt, daß du ihn ein Bundeszeichen nanntest zwischen dir, dem Unendlichen, und Israel, deinem treuen Diener. An diesem Tage kann und soll ich jegliches Erdenjoch von mir werfen, von jeder drückenden Last dieser Welt mich befreien und über jeglichen Kummer und Schmerz des Lebens mich erheben; an diesem Tag soll alles in mir von höherer Freude erfüllt sein, und alles um mich her himmlische Wonne atmen, ja in Wahrheit ein seliger Tag! Dazu hast du uns ja deine heilige Lehre (Thora) gegeben, daß wir darin an diesem Tage lesen und forschen, damit wir in Gotteserkenntnis wachsen und in allen guten Gesinnungen gestärkt werden, damit wir das Leben in dir erneuern und in deiner Wahrheit beharren. O, so verleihe mir deine Gnade und bewahre mich vor vorsätzlicher und unvorsätzlicher Entweihung dieses Tages, laß deinen Geist auf mir ruhen, auf daß ich all die Herrlichkeit deiner göttlichen Lehre schaue und begreife, und stärke mich, daß ich den Sabbat auf die rechte Weise feiere und auch im Herzen meines Bruders rechten Sabbatsinn erwecke!—Ich will in meinem eignen Hause unter meinen Hausgenossen zeigen, daß ich das himmlische Kleinod zu schätzen weiß, welches ich im Sabbat besitze, auf daß sie sehen, wie glücklich und froh es mich macht. Und diesen Sinn will ich in der andächtigen Versammlung der Gemeinde zu stärken suchen, wo dein Name für die Herrlichkeit dieses Tages gepriesen wird. O Ewiger, laß diesen Tag um mich her Frieden und Freude ausbreiten; laß ihn jeglichem Kranken Erquickung und allen Betrübten Trost bringen, laß ihn die Irrenden auf den Pfad der Seligkeit führen, und laß ihn mich in einen immer innigeren Verkehr mit dir bringen und mir Seelenruhe und himmlischen Frieden schenken, der dem gleicht, welchen diejenigen jenseits genießen, die nach einem frommen Wandel hienieden von dir in die Wohnung der Seligen gerufen werden.

Amen!


Beim Ausheben der Thora am Sabbat.

25. Dein, o Herr, ist alle Größe; was unser Auge und unser Gedanke durchmessen kann, ist nichts vor dir. Dein, o Herr, ist alle Macht; alle Wesen und alle Welten sind von deinem Willen abhängig, dir dienen alle Kräfte der Natur und gehorchen deinem Winke. Dein, o Herr, ist alle Herrlichkeit; der Himmel und die Erde und alles, was sie schmücket, ist dein Werk. Dein, o Herr, ist alle Majestät, die sich offenbaret in den Wolken droben, auf der Feste der Erde und in den Fluten des Meeres. Du bist König, dein ist die Herrschaft von Ewigkeit zu Ewigkeit. Erhebet den Ewigen, unsern Gott, und beuget euch zum Staube vor ihm; denn er ist heilig. Erhebet den Ewigen, unsern Gott, und beuget euch vor dem Berge seiner Herrlichkeit; denn heilig ist der Ewige, unser Gott.

O Vater der Barmherzigkeit! Erbarme dich des Volkes deiner Treuen, gedenke deines Bundes mit den festen Säulen der Glaubenstreue. Hüte unsere Seele vor bösen Stunden; laß an uns nicht herannahen böse Begierde und Versuchung, sei immerdar unser Retter aus Gefahren und erfülle die Wünsche unseres Herzens, so sie dir angenehm sind.

Amen!


Bei der Verkündigung des Neumondes.[24]

26. Gott, Schöpfer und Herr der Welt! Gib, daß der kommende neue Monat uns langes Leben und Segen, Ruhe und Friede, Glück und Wohlfahrt bringe. Gewähre uns Nahrung und Unterhalt aus deiner vollen, offenen und milden Hand und bewahre uns vor jeder Sorge und jeder Not. Erhalte uns in Liebe und Anhänglichkeit zu dir, und lasse uns größer werden an Tugend und Weisheit. Behüte uns in deiner Gnade vor allen bösen Zufällen, und erfülle die frommen Wunsche unseres Herzens, wenn sie zu unserm Heile sind.

Amen!


Ein anderes Gebet bei der Verkündigung des Neumondes.

27. Mein Gott! Laß mich den Anfang und das Ende des kommenden Monats erleben in Kraft und Gesundheit! Sende mir (meinen Eltern) deinen Beistand, daß ich (sie) an ihm für meine (ihre) Bedürfnisse zu sorgen vermag (vermögen) in Redlichkeit und Ehren! Halte fern von mir und den Meinigen Gefährdung und Beschämung! Mögen die Wünsche meines Herzens in ihm erfüllet werden, so sie dir, o Herr, wohlgefallen. Dein Reich der Wahrheit und der Liebe werde im Laufe desselben gefördert, auf daß die Zeit der frohen Verheißung immer näher an uns heranrücke: ein Vater im Himmel, eine Bruderfamilie auf Erden!

Amen!


Am Sabbat-Nachmittag.

28. Laß mich abermals dir danken, o du Allgütiger, für diesen schönen Tag, den du der Ruhe geweiht hast, und an dem meine ganze Seele in dir Ruhe finden soll. Keine Sorge und kein Schmerz beunruhigen mich; denn dieser Tag erinnert mich ja daran, daß du die Welt aus nichts erschaffen, und er verkündigt mir deine Allmacht und deine Weisheit: wie sollte ich da mich nicht getrost deiner Leitung und Führung überlassen?—Du bist ja mit mir, was sollte ich da fürchten? Und kann nicht auch das mich über den Sklavensinn der Welt emporheben, daß ich gedenke, daß du uns aus dem Sklavenjoche Ägyptens befreit hast, auf daß wir deine Diener wurden? Ja, in dir soll meine Seele Ruhe finden, und sie soll aus der Fülle deiner Liebe schöpfen, auf daß ich einen jeden hoch schätzen lerne, der in deinem Bilde geschaffen worden, daß auch seine Seele heute Erquickung finde. Ja, selbst die vernunftlosen Tiere sollen heute Ruhe genießen. In dir ruhen soll meine Seele, und du hast mich ja selbst gelehrt, wie deine Ruhe recht gefeiert werde; denn am Sabbat ertönte ja dein Wort vom Sinai, durch welches das Reich des Lichtes weithin über die Erde sich ausbreitete. Ja, und wenn ich auch heute nichts an irdischen Schätzen gewinne, welch ein großer Reichtum ist mir doch im Sabbat zuteil geworden! Ist er es ja, der meine Seele von der Mühe des Lebens befreit, ein wahres Bild des ewigen Sabbats, an dem der Geist eine heilige, himmlische Ruhe in dir genießen soll.—O, mein Dank steige zu Gott empor! und du mein Gott,»durchforsche mich und prüfe meine Gedanken, und bin ich auf schlechtem Wege, so leite du mich auf den rechten Pfad hin«, auf daß ich dir in aller Ewigkeit danke. Gepriesen werde dein Name, Hallelujah!

Amen!


Am Neumondstage.

29. Du Gnadenreicher! Den ersten Tag eines jeden Monats hast du—wie unsere frommen Väter uns gelehrt—zur Sündenvergebung bestimmt, und ehemals, als noch auf Zion der heilige Tempel prangte, wurden an diesem Tage Sühnopfer dargebracht, und der Reumütige fand Vergebung. Der Tempel steht nicht mehr, und Opfer sind nicht mehr der Ausdruck unserer Reue und Hingebung, aber unser Gebet ist uns geblieben, der Dienst des Herzens, der an allen Orten dir wohlgefällig ist. So nimm denn das Opfer meines Herzens wohlgefällig auf, erhöre das Flehen, womit ich mich am heutigen Tage reuevoll dir nahe, und vergib mir meine Sünden, die ich im verflossenen Monat gegen dich und meine Nebenmenschen begangen habe. Ich erkenne, o Herr! daß ich von meiner Bestimmung abgewichen bin, wenn ich gefehlt habe; ich sehe es ein, daß früher oder später Vorwurf und Kummer mein ganzes Leben verbittern müßten, und fasse darum den festen Vorsatz, mit dem neuen Monate meinen Lebenswandel ganz so einzurichten, wie es dein heiliges Gesetz befiehlt. O Vater, der du an Reue und Buße Wohlgefallen hast, stehe mir bei, daß ich jederzeit über mein Herz wache, daß ich immer mehr Wahrheit und Tugend erstrebe und alle meine Gedanken und Handlungen richte auf das eine Ziel: heilig zu werden, wie du heilig bist.—Wache über mich und alle meine Angehörigen auch in diesem Monate, auf daß er uns werde zur Freude und Wonne, zum Segen und Frieden.

Amen!


Sabbat-Abend.

30. Alliebender Vater! Der herrliche Tag, mit welchem die Woche schließt, ist zu Ende, und ehe ich mich zur Ruhe niederlege, um wieder zur Arbeit der kommenden Woche gestärkt zu werden, durchforsche ich nun mein Inneres, ob der heutige Tag auch heilige Eindrücke auf mich zurückgelassen und mich in Wahrheit dir näher gebracht hat. O! du hast mich heute so mannigfaltig gesegnet, an Leib wie an Geist, und deine Güte hat mir sowohl irdisches als himmlisches Manna bereitet! Ich schöpfte ja aus dem Quell deiner Liebe durch alles, was ich von der milden Hand der Natur empfangen, durch alles, was ich in dem Kreis meines eigenen Hauses genossen, durch das festliche Mahl und noch mehr in der Andachtsstunde durch dein göttliches Wort. Aber ach, mein Gott! habe ich dir in Wahrheit all meinen Dank gezollt? Wie manchen Vorwand habe ich benutzt, um mich allem zu entziehen, wozu mich der Tag rufen sollte; wie ließ ich doch kleinliche Sorgen und Freuden mich davon abhalten, dich und dein Haus aufzusuchen; warum hatte ich Zeit zu allem, und nicht zu dem, was der Sabbat mir auferlegt? Und selbst im Verkehr mit dir—wie lau war gleichwohl meine Andacht, wie zerstreut waren meine Gedanken, während ich deinen Namen anrief; wie wenig wurde ich beim Hören deiner Worte entflammt! Verzeihe mir, o ewiger Vater, und entziehe mir deine Gnade nicht! Auch den frommen Vorsatz rechnest du ja dem schwachen Menschen als Tugend an, auch der gute Wille gilt ja vor dir als eine wohlgefällige Tat! Gib du mir Kraft, diese zu vollführen, erneue in mir mit der neuen Woche einen festen Geist, und lege eine neue liebreiche Gesinnung in mein Herz, ein neues inniges Verlangen, dir anzugehören! Bewahre mich und die Meinigen in dieser Nacht und stärke mich, daß ich morgen neu gestärkt zu dem Werk eile, das du mir angewiesen für die Tage meiner irdischen Wallfahrt, laß deine Huld und Gnade mir zuteil werden, daß ich mich vorbereite zu einem seligen Ende.

Amen!


III. Gebete an den Feiertagen.


Abendgebet an den drei Festen: Peßach, Schabuoth (Wochen-) und Succoth
(Laubhüttenfest).

31. Allgütiger und allheiliger Gott! Ich danke dir, daß du mich diesen Abend hast erleben lassen, daß ich wiederum ein heiliges Fest feiern kann, welches mich erinnert, wie du in deiner Weisheit den Kreislauf der Zeiten geordnet und wie du, o Allmächtiger! alles zu seiner Zeit geschaffen hast,—ein Fest, das mir deine mächtigen Wunder der Tage der Vergangenheit ins Gedächtnis ruft, deine Wohltaten gegen unsere Väter, wie du ihnen Hilfe sandtest, sie leitetest und führtest, Wohltaten, die sowohl das Heil Israels als auch das der Menschheit überhaupt gefördert haben. Ich danke dir, daß du mich dieses heilige Fest hast erleben lassen, das meine Gotteserkenntnis bewähren, meinen Glaubensbund erneuern und mich in demselben befestigen soll, und das mich an deine ewigen Verheißungen erinnert, die du an jede Festzeit geknüpft hast. Ja, ich danke dir, daß du, das unvollkommene Wesen des Menschen berücksichtigend, dieses dein Fest eingesetzt hast, damit die heilige Glaubensflamme in uns allen lebendig erhalten werde. O, möchte doch alles sowohl in mir als um mich her das heilige Festgewand anlegen, möchte ich in dieser Nacht mich von deinem väterlichen Schutze umschattet fühlen, möchte ich sowohl, als alle, die mir angehören, von dem seligen Gefühl ergriffen werden, mit welchen das Fest jeden erfüllen sollte. Bewahre mich und meine Lieben vor allem, was den Frieden der Nacht und des Festes stören könnte, und laß mich morgen in der versammelten Gemeinde festliche Freude und festliche Erbauung mit all denen genießen, die dich suchen, deine Güte empfinden und dich anbeten, dich, der du »in Gnade und Barmherzigkeit festliche Erinnerungstage für deine Wunder eingesetzt hast«,[25] O sprich zu mir:»Du bist mein Diener, von dem ich gepriesen werde.«[26] Gepriesen sei dein Name in Ewigkeit.

Amen!


Morgengebet für den ersten und zweiten Tag des Peßachfestes.

32. Mit Dank erhebe ich mein Herz zu dir, o Ewiger, daß du in der kalten, dunkeln Nacht des Winters mir Schutz gewesen bist, daß die Winterzeit nun dahingegangen, und milde Lüfte mich wieder anwehen. Alles, was im Schlummer gelegen, ist wiederum erwacht, die gefesselt gewesene Natur ist wieder befreit. O, mein Gott, rührt sich wohl auch in mir dieses neue Leben? Bin auch ich frei geworden und wandre nicht mehr in der schmählichen Knechtschaft der Welt? Hat nicht die himmlische Saat in meiner Brust auch im Schlafe gelegen vor der Kälte der Welt, wie die Saat des Ackers vor dem Winterfrost? Habe ich wohl in den vielen langen Nächten nach dem himmlischen Lichte in deinem heiligen Gesetze gesucht, in stiller Zurückgezogenheit über dein Wort geforscht und die dunkle Tiefe meines eigenen Herzens bei dem klaren Lichte deiner Lehre untersucht? Oder habe ich vielmehr durch allerlei irdische Lust und Freude nur noch mehr jedes höhere Gefühl in mir in Schlaf versenkt und durch die Menge weltlicher Zerstreuungen den klaren Funken von deinem Geiste, der in mir noch geglommen, völlig ausgelöscht? Habe ich nicht manchmal Kälte und Unwetter nur als Vorwand vorgeschützt, um dein Haus nicht zu besuchen? O! dieses Fest ist es, das mir solche mahnende Erinnerungen gibt. An diesem Tage war es ja, daß du unsere Väter aus dem Joche Ägyptens erlöstest, daß ihr Geist von dem Sklavensinne befreit ward, und sie anfingen, als freies Volk zu leben und sich als solches zu fühlen, daß sie sich dazu erhoben, deine Diener zu sein. Im Glauben an dich traten sie ihre große Wanderung durch die Erdenwüste an, damit sie, dem Lichte gleich, in der Finsternis der Welt leuchten sollten, um sowohl in den Freuden als auch in den Leiden des irdischen Lebens, deinen Namen zu verehren und anzubeten, und das Lamm zu sein, welches seine Unschuld und Reinheit bewahrt und gerne das Opfer der Welt sein will, aber auch selbst der Priester ist, der es darbringt, um das Werk zu vollbringen, das du Israel aufgetragen: dein Reich auszubreiten, und es zu befestigen. O, ich fühle, wie weit entfernt ich noch davon bin, ein würdiges Glied in Israels Gemeinde, wie weit entfernt davon, dein freigeborner Sohn zu sein, der das Joch der Welt abgeworfen, und dein Diener, der sich von jedem Joche des Vorurteils frei gemacht und weder von dem hohlen Wesen des Unglaubens, noch von den Irrtümern des Aberglaubens gefesselt ist. Ach, der Sauerteig der Sünde füllt noch meine Brust, und Eitelkeit, Wollust und Habsucht betören mich. O, möchte ich doch, indem ich den Sauerteig aus meinem Hause forträume, auch meinen Sinn läutern! Ja, ich will an diesem Feste meinen Lebenstag aufs neue beginnen und mich selbst wieder zum Glauben erwecken. Ich will die Erinnerungen aus den Tagen meiner Kindheit auffrischen, da fromme Eltern an diesem Feste die gute Saat in meine Seele ausstreuten; ich will mir Israels wunderbare Leitung wieder vor die Seele rufen, von der Zeit an, da es durch deine kräftige Hand, o Gott! aus Ägypten geführt worden, bis auf diesen Tag, um immer mehr zu erkennen, daß es unter deiner väterlichen Obhut steht, daß es aber noch nicht seinen hohen Beruf erfüllt und daß jedes Mitglied der Gemeinde Israels dir und seinem hohen Berufe sein Leben und seine Kraft weihen soll. Aber was ich auch will,—nichts vermag ich doch ohne deinen gnädigen Beistand. Dein Geist sei mit mir und den Meinigen in dieser festlichen Zeit, daß wir sie feiern zu deinem Wohlgefallen, zur Verherrlichung deines Namens.

Amen!


Ein anderes Gebet für den Peßachmorgen.

33. Wie lange auch der Winter gewährt, wie viele Sehnsuchtsseufzer in den dunkeln Nächten zu deinem Himmel emporgestiegen, so habe ich doch unter deinem Schutze, Allbarmherziger, den Anbruch der milden Jahreszeit erlebt. So gedenke ich auch heute, daß durch deine Güte auf gleiche Weise vor Jahrtausenden die Morgenröte der Freiheit für das Menschengeschlecht anbrach. Du beriefest Israel, deinen Erstgeborenen, eine Gemeinde zu deiner Anbetung zu bilden, damit die Nacht des Heidentums nach und nach verschwinde, und alle Unterdrückung aufhöre. Ja, lange hatten meine Vorfahren in Druck und Elend geschmachtet und viele hatten schon jede Hoffnung auf Rettung aufgegeben, ja, hatten schon aufgegeben den Glauben an die Verheißungen, die ihnen von Geschlecht zu Geschlecht überliefert waren; doch die Stunde der Errettung kam, und sie kam früher, als selbst die Gläubigsten geahnt hatten, sie kam in der tiefsten Finsternis der Nacht.—O, ich sehe wohl, noch seufzt die Welt unter dem Joche der Knechtschaft, noch bekämpfen Völker einander mit blutigen Waffen, noch herrschen die Schrecken des Krieges und noch werden wir von Eigennutz getrieben. Menschenfurcht hält noch den Geist gebunden und völlig machen wir uns zu Sklaven törichter Eitelkeit, und Gold und Ehre und Macht sind die Götzen, die die Menge anbetet, und Laster und Leidenschaften üben eine mächtige Herrschaft aus, sowohl über das ganze Menschengeschlecht, als über jeden Einzelnen. Doch du,»dessen Name von Ewigkeit zu Ewigkeit währt, und der du unser Erlöser bist«, du wirst dennoch endlich die Erlösung kommen lassen, so gewiß, als du sie verheißen hast. Du wirst die Zeit kommen lassen, in der »alle in Freundschaft mit einander wohnen, die Schwerter zu Pflugscharen schmieden werden und das Kind mit der Schlange spielet«,[27] da das Gift der Sünde von ihr genommen sein wird. Diese Hoffnung soll das Fest in meiner Brust erneuern, und ich weiß, daß auch mir ein wenig Kraft verliehen worden, in deinem Dienste für das Kommen deines Reiches zu arbeiten. O, Herr! laß mich denn das Joch brechen, das noch auf mir lastet, laß mich von Hochmut und sündiger Lust gereinigt werden, und laß mich erkennen, daß nichts auf Erden mir als Eigentum angehört, sondern daß mein Besitz ein anvertrautes Gut, ein Darlehen von dir ist. Um nun von diesem Bewußtsein durchdrungen zu werden, wird ja auch in Israel jede erste Gabe des Lebens dir geheiligt, deshalb gehört dir ja die erste Erntefrucht des Jahres, und brachten eben ja am heutigen Tage unsere Väter das heilige Omer als Opfer der Erstlinge dir dar. So will ich denn gedenken, daß alles eine unverdiente Gabe aus deiner Hand ist, und wie sehr ich auch dafür gearbeitet habe, so ist doch nur der Genuß, wie von dem eines nur zur Benutzung anvertrauten Gutes mir davon gestattet, die Seele aber darf nicht daran hängen; denn es ist ja alles eitel und nichtig, die Seele aber schufst du für das Ewige, und der hat schon jetzt das ewige Leben, der nur an dir festhält. Gib, o du mein himmlischer Vater, daß ich in solcher Hoffnung an diesem Feste wachse und wecke sie bei allen meinen Brüdern, ja laß die zuversichtliche Erwartung bald das Menschengeschlecht erfüllen, daß einst der Tag erscheine,»da der Herr einzig sein wird und sein Name einzig.« Amen!


Morgengebet an den beiden letzten Tagen des Peßachfestes.

(2. B. M. 24, 15.)

34. Wo ist wohl die Wohnung eines Frommen, in der man nicht heute mit Freuden Siegesgesänge anstimmt:»die Rechte des Herrn ist erhaben, die Rechte des Herrn hat das Siegeswerk vollbracht!« O, auch mein Haus soll von Siegesgesang erschallen und von Dank für deine wunderbare Hilfe, da Israel so kurz nach der Befreiungsstunde, am Rande des Verderbens stehend, nur im Aufblick zu dir, im Gebete, Mut und Rettung fand. Auch hier in meinem Hause soll ein Dankfest gefeiert werden, dafür, daß du an diesem Tage »den Glauben an dich und an Moses, deinen Diener, in den Herzen unserer Väter befestigt hast. Und hat es nicht auch in meinem eignen Leben so manche Stunde der Gefahr gegeben, in der ich oder einer der Meinigen gleichsam über einem Abgrunde schwebte, so manchen angstvollen Augenblick, in welchem ich verzagte und nicht fest in meinem Glauben war? Doch du halfst mir und du stärktest meinen schwachen Glauben! O, indem ich dir nun danke, will ich auch nicht vergessen an diesem Dankfest denen zu danken, die du als Werkzeug gewählt hast, mir zu helfen, mich zu stärken und zu trösten oder auch zu belehren. Wenn so viele, weit entfernt solches anzuerkennen, undankbar sind, so will ich in der Feststunde mir aufs neue die Pflicht der Dankbarkeit und Erkenntlichkeit ins Gedächtnis rufen, will auf meinen Vater (meine Mutter, meine Gattin, meine Kinder usw.) mit Dank für all das Gute, das mir von seiner (ihrer) Hand zuteil geworden, hinblicken und will mit Tränen der Dankbarkeit aller meiner Wohltäter gedenken, wenn sie auch schon im Grabe schlummern; ja, derer will ich gedenken, die mich als Kind in ihre zärtlichen Arme geschlossen und meine Jugend geleitet haben; meines Lehrers, der meinen Geist erleuchtet und mir den Weg des Lebens gezeigt hat, und aller, die mir jemals Rat erteilt und mit ihrem Beistande mich in meinem Berufe unterstützt haben. Gib mir, o, Ewiger, Gelegenheit und Kraft, ihnen allen meinen Dank durch die Tat beweisen zu können! Und wenn ich so viele teure Wesen vermisse, denen ich nichts von der Schuld meiner Dankbarkeit habe abtragen können, wenn vielleicht einer meiner Brüder gerade zur Festzeit den Verlust eines Freundes, eines Gönners oder Helfers beklagt, wenn der eine oder andere sich einsam und verlassen fühlt, o! so laß in seiner wie in meiner Seele das trostreiche Wort laut ertönen:»Stehe still und sieh die Hilfe des Herrn!« Denn du, o Herr, bist ewig und immer, und ewig lenkst du meinen Weg. Dir will ich stets aus ganzem Herzen danken, und deinen Namen will ich ehren in aller Ewigkeit.

Amen!


Morgengebet am Wochenfeste.

35. Ewiger, hochgepriesener, einziger Gott!—O! wie könnte ich heute deinen heiligen Namen aussprechen, ohne dir zugleich dafür zu danken, daß du den Menschenkindern dich offenbart und deinen heiligen Willen ihnen kund getan hast. Du hast ja zu ewigem Angedenken daran dieses Fest der Gesetzgebung und der Offenbarung eingesetzt! Deine größte Liebe gegen die Sterblichen zeigtest du an jenem Tage, da du uns deinen väterlichen Willen kund getan, da du das Himmlische dem Geschlechte der Erde offenbartest, daß wir es erkennen und des himmlischen Reiches teilhaftig werden. Auch ich bin dazu berufen und kann zu den Glücklichen und Seligen gezählt werden; auch für mich hast du deine Worte verkündet. Ja, ihre Herrlichkeit leuchtet der ganzen Welt; obschon unbewußt lebt, und atmet sie in derselben, und würde sie ohne dein ewigstrahlendes Licht in Finsternis eingehüllt sein. So soll denn der Unglauben eben so wenig wie der Aberglauben Herrschaft über mich gewinnen. Aber ach! wenn ich mich im Lichte deines geoffenbarten Wortes prüfe, muß ich da nicht beschämt bekennen, daß es in mir oft verdunkelt worden und nicht in voller Kraft in all meinem Denken und Tun widerstrahlte? Nahm ich nicht oft den Schein für die Wahrheit und Menschenklugheit und Blendwerk oder meine eigenen törichten Meinungen für Gotteserkenntnis, und Vorurteil für Überzeugung?—War ich wohl fest in deinem Gesetze zu allen Zeiten, daß es mit Flammenschrift auf den Tafeln meines Herzens eingeschrieben stand als ein ewiges Bundeszeugnis, als ein Zeugnis meiner Treue und meines Strebens, dich und deinen Willen immer klarer zu erkennen? War ich nicht zuweilen hartnäckig und rühmte mich da der Festigkeit, oder hielt ich nicht zuweilen die Zweifel, die sich in meiner Brust erhoben und das Schwanken meines Geistes für Fortschritt? Darum bitte ich dich, du,»dessen Wort ewig ist, dessen Wahrheit fest steht von Geschlecht zu Geschlecht«, o, leite meine Schritte auf die Bahn deines Wortes, daß ich nie davon weiche, weder zur Rechten noch zur Linken, und laß nicht die Sünde und das Verderben Macht über mich gewinnen! Laß mich erkennen, da߻der Mensch nicht vom Brote allein lebt, sondern von allem dem, was aus deinem Munde kommt«,[28] und wecke in mir ein beständiges Verlangen nach diesem Lebensbrot, daß deine Zeugnisse mein ewiges Erbteil seien, meines Herzens wahre Freude, meiner Seele Seligkeit.

Amen!

36. Heute, da ich der höchsten und heiligsten Gabe gedenke, mit welcher du, mein Gott, vom Sinai aus deine Menschenkinder begnadigt hast,—wie danke ich dir da, daß ich Israels Glauben bekenne! Wie hilflos und verlassen würde ich sein, wollte ich Licht und Leitung bei den Weisen der Welt suchen, die so oft einander widersprechen, und von denen der eine niederreißt, was der andere als ein unerschütterliches Gebäude aufgerichtet. Ja, ich danke dir, mein Gott, daß ich ein Israelit bin, und ich die heiligen Stammväter und alle Propheten, die du mit deinem heiligen Geiste erfülltest, zu Leitsternen für mich auf meiner Bahn habe, und daß du auch für mich das Wort leuchten ließest, welches du selbst in deiner Gnade kund getan hast, das Wort, das felsenfest allen Stürmen der Zeit Widerstand geleistet, und das der Spott der Leichtsinnigen, die Geringschätzung der Weltlichgesinnten nicht zu erschüttern vermocht hat. Ja, wohl muß ich meines Glaubens wegen zuweilen Kummer und Beschwerden erdulden, und wo ich als ernster Israelit nach deinem Gesetze und deiner Lehre wandern will, da werde ich oft von außen und von innen von Feinden bedrängt;»denn die, welche an deinem Worte festhalten und in seinem reinen Geiste wandern, müssen oft unter Kedars Hütten wohnen, unter denen, die den himmlischen Frieden hassen.« Aber du läßt mich die Wahrheit deiner himmlischen Lehre erkennen, und nicht weltliche Freuden und nicht irdische Bande sind es, die mich an sie binden; denn du hast sie als Preis für mannigfältige Kämpfe gegeben, und gerade unter diesen soll sie ihre Gotteskraft beweisen. O, so stärke mich denn, wie du unsere Vorfahren gestärkt, daß ich dieses Kleinod wie meinen Augapfel bewahre und es auf die kommenden Geschlechter vererbe. Laß seine Herrlichkeit immer mehr mir strahlen, und laß mich darin unablässig für mich und für alle die Meinigen Leben und Licht, Trost und Frieden finden.

Amen!


Am Neujahrsfest (Rosch Haschana).


Am Vorabend des Festes.

37. Herr, unveränderlicher, ewiglebender Gott! sieh gnadenvoll nieder auf dein Kind, das kaum sich aufrecht zu erhalten vermag unter den wechselnden Gefühlen, die es an diesem heiligen Abend überwältigen, der das hingeschwundene Jahr von dem neuen trennt, welches sich aufzurollen beginnt. Denn erscheine ich mir doch fast selbst ein Wunder, wenn ich mir alles in Erinnerung zurückrufe, was mir in dem dahingeschwundenen Jahre widerfahren und begegnet: Freuden und Sorgen, Erquickungen und Bekümmernisse, Leiden und Momente des Glücks. Ja, jede Stunde, jeder Augenblick gab das Zeugnis, daß du mich auf den Armen deiner Liebe trägst, daß deine Huld mich umschwebt. Und ach! wie wenig habe ich all dieser Güte entsprochen, wie oft verzagte ich, und wie oft strauchelte ich! Und sehe ich hin auf die vielen Wünsche und Erwartungen, die sich nun in meiner Brust regen, und die ich nun vor dir für die kommende Zeit aussprechen will, o Herr und Vater, wo soll ich da beginnen und wo enden? O du, der du den Gedanken kennst, ehe er noch ausgesprochen wird, du weißt ja, wessen ich bedarf, und was zu meinem Wohle und dem Wohle der Meinen dienen kann. Darum empfehle ich mich deinem gnädigen Schutze und bitte nur um dieses: laß mich mit dem hingeschwundenen Jahre auch aller meiner Sünden ledig werden, und laß für mich ein Jahr beginnen, welches in Wahrheit ein neues ist, ein Jahr, in welchem ich mehr und mehr deine Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe erkenne, ein Jahr, das von Anfang bis zum Ende Zeugnis gebe von meinem eifrigen Streben, dir zu gefallen, und von meiner Hingebung an deine väterliche Leitung. Und so will ich denn getrost das neue Jahr antreten, denn ich weiß, daß du, Allgütiger, mir nahe bist, und daß du mein Gebet erhörest.

Amen!


Neujahrstag.

38.»Lobsinge dem Herrn meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat«, das ist mein erster Gedanke, mein erstes Gefühl an diesem Tage. Und dieses Sinnen taucht nicht in meinem Innern auf, ohne daß meine ganze Seele sich zu der Bitte erhebt:»Mein Gott, vergib mir meine Sünden!« Denn ich weiß es gar wohl, daß ich alle Zeit vor deinem Angesichte stehe, und daß dein Auge mir folgt auf allen meinen Wegen. Aber heute, da ich so vieler Wohltaten mich erinnere, die du in einer langen Reihe von Tagen mir erwiesen hast, wie oft du meine Seele mit Freude erfülltest, mir Stunden schenktest, in denen ich mich so glücklich fühlte, wie oft du mir halfst bei meiner Arbeit, mich erfreutest durch den Anblick meiner Lieben, durch die Umgebung liebevoller Herzen und froher, freundlicher Gesichter, mich stärktest in schweren Augenblicken, mich Trost und Linderung finden ließest unter Schmerz und Sorge, ja mir so oft helfend zur Seite standest, mich, wenn die Versuchung mir nahte, und ich nahe daran war zu wanken, aufrecht hieltest in meiner Schwäche—heute muß ich die Last aller meiner Sünden um vieles schwerer fühlen, und all meine Schuld tritt mir vor die Seele. Jeder Tag, jede Stunde des verflossenen Jahres klagt mich ob meiner Versäumnisse an; wie oft habe ich nicht meine Pflicht vergessen, meinen Beruf als Mensch, als Israelit! Heute, da ich nicht nur so viele deiner Wohltaten gegen mich vergessen habe, sondern auch so manchen sündigen Gedanken, so manche unrechte Tat, die ich mir habe zuschulden kommen lassen, heute fühle ich es mit Furcht und Beben, daß ich von dir gerichtet werden soll, dir, dem Allwissenden, der all mein Tun und Lassen kennt, dem auch die verborgensten Gedanken meines Herzens offenbar sind und dessen Auge die Tat sieht, die keinen irdischen Zeugen hatte; o ja, heute erkenne ich vollkommen, wie ich all deiner Güte und Barmherzigkeit nicht wert gewesen bin. Und stehe ich nicht heute vor einer unbekannten Zukunft? Wie zahlreich sind meine Wünsche, wie mannigfaltig meine Hoffnungen, die ich an die kommenden Tage knüpfe, und wie erbebe ich bei dem Gedanken, was sie vielleicht für mich oder für diejenigen in ihrem Schoße bergen, die ich mehr noch liebe als mich selbst! O, wie konnte ich wohl der Zukunft vertrauensvoll entgegen sehen, wenn nicht deine Verzeihung mir würde auf meinem neuen Wege. O Allgütiger! Nimm mich und die Meinen in deine treue Hut, laß deine Gnade mir leuchten in dem neuen Jahre, unterstütze mich darin, daß ich das Gute übe, hilf mir, jede sündige Lust zu überwinden. Halte fern von mir jede Versuchung, und wenn du mir Kämpfe auferlegst, so verleihe du mir auch die Kraft, siegreich aus ihnen hervorzugehen, und stärke mich, Haß und Neid, Rachsucht und der Sinne Lust zu bezwingen durch eine innige Liebe zu dir. Erneuere du selbst in mir das feste Vertrauen auf deine Hülfe, daß ich fest stehen möge im Glauben, und lehre mich, an jedem Tage mit neuen Liedern dir zu lobsingen, und deinen heiligen Namen zu preisen.

Amen!

39.»Herr Gott, tausend Jahre sind ja vor dir, wie der Tag, der gestern vergangen ist, aber unsere Tage fahren dahin wie Rauch und verschwinden wie Schatten«,[29] und ehe wir es merken, stehen wir vor den Pforten der Ewigkeit. So haben wir, ich und die Meinen, heute wiederum ein Jahr zurückgelegt, wir stehen an der Schwelle eines neuen, und wir wissen nicht, wie viele unter uns am heutigen Tage vielleicht zum letzten Male die Neujahrssonne aufgehen sehen. O, mein Vater, ich habe so viele, die meinem Herzen wert und teuer sind, und denen ich so gerne noch eine Weile meine volle Liebe erweisen möchte, o, erhalte du sie doch am Leben und schenke ihnen Freude und Segen! Erhalte am Leben (meine alten Eltern, meinen teuren Vater, meine geliebte Mutter, meinen guten treuen Gatten usw.) breite deine schirmende Hand aus über (meinen Großvater, meine Großmutter, meinen Bruder, meine Schwester, Geschwister, Wohltäter, Freunde usw.) O, himmlischer Vater, von ganzem Herzen bete ich auch zu dir für die, welche ich mit mütterlicher Liebe umfasse: o, laß meine Söhne und Töchter leben, und laß dieses Jahr ihnen Glück und Frieden bringen, führe du sie den richtigen Weg, daß auch meine Seele sich darüber freuen möge; verleihe du ihnen Kraft und Gesundheit; laß sie erzogen werden und aufwachsen in deiner Furcht und Erkenntnis, dir zum Wohlgefallen und den Menschen.—Allerbarmer! auch für mich wage ich zu beten, wie sehr ich auch erkenne, daß ich sündenbelastet bin. O, verleihe du mir Stärke! Solltest du in diesem Jahre meiner Seele gebieten, zu dir einzukehren, so laß sie dahinziehen in Frieden, ist es aber dein Wille, mir noch ein Lebensjahr zu schenken, so laß es zum Segen für mich werden. Ja, solltest du es mir vergönnen, die Tage zu erleben,»da des Hauses Wächter erzittern, die Stützen sich beugen und der Blick umdunkelt wird!«[30]»so verwirf mich nicht, mein Gott, in meinem hohen Alter und verlaß mich nicht, wenn mein Haar grau wird und meine Kräfte abnehmen!«[31] Und wenn die Freude an dieser Welt mir schwindet, so laß du die Freude an dir und die Sehnsucht nach deinem Himmel um so stärker in meinem Innern werden. Ach Herr! stärke mich, daß weder Glück noch Unglück, weder Freud noch Leid mich von dir entfernen möge, daß alles dazu diene, mich meiner Vollendung näher zu bringen, und daß auch ich dereinst ein freundliches Andenken hinterlassen möge, und mein Gedächtnis in Segen bleibe.

Amen!


Beim Schofarblasen.

40. Dir, o allmächtiger und liebreicher Gott, will ich huldigen als dem König der Welt! Deshalb ruft mich heute Schofars (der Posaunen) Schall auf zum Kampfe wider den Feind, der in meiner eignen Brust hauset, siehe, alle die verflossenen Zeiten mit ihren denkwürdigen Begebenheiten ziehen an meiner Seele vorüber, indem mein Ohr auf diese Töne lauscht. Im Geiste sehe ich des Widders Horn vom Gebüsch festgehalten, mich daran erinnernd, wie jener Patriarch die schwere Prüfung bestanden. Ach Herr, wie oft seufzte ich doch, selbst bei dem Geringsten das mich heimsuchte; wie werde ich bestehen, wenn du beschlossen haben solltest, meine Treue auf gleiche Art zu prüfen? Und im Geiste höre ich gleichsam das Wort des Bundes, wie es verkündigt wird unter Posaunenschall, und ich erbebe; denn mit zerknirschtem Herzen muß ich es bekennen: Ich habe deinen heiligen Bund nicht gehalten. Es ist mir, als ob der Propheten gewaltige Stimme, ihre Warnungsrufe und Ermahnungen, ihre Predigt zur Buße und Umkehr und die Verkündigung des mahnenden Gerichts in dieser Stunde an mein Ohr dringe, und ich erbebe. O Ewiger! laß diese Töne mich aus meinem Schlummer wecken, laß sie mich mit Reue erfüllen über die Tage der Vergangenheit, welche ich nicht für das ewige Leben benutzt habe, aber auch zugleich mit dem Trost, daß du als ein huldreicher Herr mit Erbarmen auf deinen bußfertigen Diener herabschauen, und daß du, ein gütiger Vater, dein reuiges Kind in Liebe wieder zu Gnaden aufnehmen wirst. Stärke mich in der Prüfungszeit, laß mich widerstehen allen Versuchungen der Welt, laß mich siegen über die sündige Lust und verachten den Spott der Ungläubigen. Ja, laß diese Stunde gnadenbringend sein für mein Herz und meine Seele, daß ich von dieser Zeit an wandern möge in dem Lichte deines Angesichtes.

Amen!


Am großen Versöhnungsfeste (Jom hakippurim).


Zu Anfang des Abendgottesdienstes (Kol nidre).

41. Barmherziger Vater! Wie erbebt mein Herz, wie zittert meine Seele, da ich mich dir an diesem heiligen Abend nahe, da des Himmels Tore sich vor dem bußfertigen Sünder, der um Versöhnung bittet, auftun. So will ich denn mit all meinen Gedanken dich suchen und bei dir weilen, und mit aufrichtigen Worten der Reue deine Verzeihung mir erflehen. Ach Herr! Treten nicht meine Gedanken und Reden vor deinem Richterstuhle wider mich auf? Wer vermöchte alle sündigen Gedanken zählen, die in meiner Seele aufgestiegen; und wie oft hatten nicht unlautere, habsüchtige, rachgierige Wünsche und Begierden in meiner Brust sich geregt! Es tauchen verlangende Gedanken in meinem Herzen auf, vor denen ich selbst erschrecken muß, und doch habe ich ihnen damals Raum gegeben, anstatt sie zu verscheuchen, und habe so oft meine Seele mit ihnen befleckt!—Herr! Herr! Wie könnte ich wohl ohne Erröten meine Gedanken jetzt zu dir erheben, und wie darf ich es wagen, meine Lippen jetzt zum Gebet zu öffnen, da ich doch weiß, wie oft dieselben Lippen sich schon zur Schmeichelei oder zum Spott, zu Verleumdung, Hohn und Kränkung öffneten! O ewiger Richter! Ich habe leichtsinnige, zweideutige, heuchlerische, falsche, verführerische und unlautere Worte geredet, Worte die dich und dein Gesetz schmähten! Ich habe unüberlegt Versprechungen gemacht, die ich nicht gehalten habe! Ach ich erinnere mich in dieser Stunde nicht nur der leeren Versprechungen, die ich meinen Nächsten gegeben, sondern ich denke auch daran, wie oft ich gelobt habe, mein Leben dir, mein Gott, zu weihen, und in Zucht und Rechtschaffenheit vor dir zu wandeln, wie oft ich gelobt habe, deine Gebote zu halten, und mich und mein ganzes Wirken zu heiligen, und daß ich, ach, nicht minder oft mein Gelübde dir gebrochen habe! Darf da derselbe Mund nun wagen, um Gnade zu bitten, der so oft die Sprache, die Gabe deiner Gnade mißbraucht hat? Ach, ich will an die Pforte deiner Gnade anpochen und um Eingang flehen, und sieh! die Schlüssel, welche du mir gabst, des Himmels Tore mir zu öffnen, und mir den Weg zu dir zu bahnen:»Gedanken und Worte«, die treten anklagend wider mich auf. O! so vergib mir vor allen Dingen, was ich bis auf diese Stunde in Gedanken und Worten gesündigt! Sieh, Allgütiger, die tiefe Trauer, welche mich ergreift, und verbirg die Menge meiner Sünden unter dem Mantel deines Erbarmens: reinige meine Seele von unlauteren Gedanken und laß die Glut der Andacht hier in deinem Heiligtum alles Unlautere meines Geistes verzehren! Laß meines Herzens Angst und Reue »eine glühende Kohle von deinem heiligen Altar« sein, die meinen Mund berührt, während mich deine Zusage tröstet:»Siehe! diese hat deine Lippen berührt, dein Vergehen ist getilgt, und deine Sünde soll gesühnt sein!«[32] Vergib mir jedes übereilte Wort, das ich gesagt habe, und lehre mich von dieser Stunde an, meine lose Zunge zügeln; vergib mir die unbedachten Versprechungen, die ich gegeben habe, und erfülle mich mit der Gewißheit, daß du ein huldvoller Vater bist, der seinen Kindern gerne vergibt. Ja laß mich dir danken, daß du mich diesen Tag hast erleben lassen, und laß mich ihn vom Abend bis zum Abend dazu benutzen, durch Gebet und Buße in innerliche Gemeinschaft mit dir zu treten.

Amen!


Zum Morgengottesdienst (Schacharis).

42.»Herr! Herr! allmächtiger, barmherziger und gnädiger Gott, langmütiger und von großer Güte und Treue, der die Liebe bewahrt bis ins tausendste Geschlecht, Übertretungen und Sünden vergibt und doch nichts ungestraft läßt!«[33] Du unerschöpflicher Quell der Gnade! ich beuge mich vor dir in den Staub und bete deinen Namen mit unendlichem Danke an, denn du hast mir diesen Tag zur Rettung meiner Seele geschenkt. Was wäre ich doch, und wie sollte ich die schwere Bürde aller meiner Sünden tragen können, wenn du nicht diesen heiligen Tag dazu bestimmt hättest, sie von mir zu nehmen, von meinen Übertretungen mich zu reinigen und meine Schuld zu sühnen, oder wie könnte ich mich davor retten, tiefer und tiefer zu sinken, wenn ich nicht durch Fasten, Gebet und Buße am heutigen Tage an alle meine Sündenschuld erinnert würde, und deine liebende Vaterstimme mich heute nicht von meinem Irrweg zurückriefe und mir den Tag des Gerichts vor Augen stellte, der einst für jeden Sterblichen erscheinen wird, aber mir auch zugleich wiederum deine Gnade zeigte, die gerne verzeiht und mir zuruft, daß ich,»dich suchen und leben soll«. Wohl weiß ich, o Gott, daß du stets alle meine Wege schaust, und daß deine Stimme mich ohne Unterlaß zu warnen sucht, aber das ist ja gerade mein Vergehen, daß ich darauf nicht achte. Ja gewiß, meiner Sünden Menge würde zuletzt allen Frieden und jegliche Ruhe aus meiner Brust verjagen, sie würde mich tiefer und tiefer ins Verderben stürzen und niemals zur Prüfung meiner selbst kommen lassen, wenn du nicht diesen großen Sabbat[34] eingesetzt hättest, der meiner Seele den heiligsten Frieden und die seligste Ruhe verschaffen soll. Siehe, indem ich diesen heiligen Tag in deinem Heiligtum zubringe, so werde ich daran erinnert, daß ich selbst heilig sein soll, denn du, o Gott, bist heilig und in deinem Lichte soll ich mich, meinen Sinn und meinen Wandel läutern.—Ach, Herr, wenn ich alle meine Versündigungen bekennen wollte, wo sollte ich da anfangen und wo aufhören? O! so oft ich an diesem Tage mit der Gemeinde das Sündenbekenntnis (Viduj) widerhole, so laß mich tief in das Innere meines Herzens schauen und mich selbst prüfen, ob die Sünden mich nicht in ihr Garn gelockt haben. Laß mich untersuchen, ob ich auch unverrückbar ein sittlich heiliges Ziel bei all meinem Tun und Handeln vor Augen habe, das ich vor den Menschen dereinst zeigen und mir selber auch gegenüber stellen darf, wenn ich im Gebete vor deinem Angesicht stehe. Schaue gnädig auf die Tränen meiner Reue herab, und laß die Zerknirschung meines Herzens dir ein angenehmes Sühnopfer sein. Schenke mir deine Verzeihung für jedes Mal, daß ich meine Pflicht als Mensch (als Mutter, Tochter, Schwester, Verwandte usw.), als Israelitin versäumt habe, vergib mir, daß ich so oft die Menschen mehr als dich gefürchtet habe, verzeihe mir, daß ich rasch zur Lust der Welt und zögernd zu deinem Dienste, daß ich eifrig zum Schlechten und langsam zum Guten, verschwenderisch für den Genuß und geizig für Wohltaten gewesen bin. Gerechter Gott! Verfahre nicht mit mir nach meinen Sünden, sondern nach deiner großen Barmherzigkeit welche gern vergibt. Ja, erbarme dich über mich und hilf mir in deiner Liebe, daß ich an diesem Tage der Versöhnung von neuem geheiligt werde; führe du mich selbst zurück auf deinem Wege, daß ich zum Guten und zur Wahrheit Umkehr halten möge, denn du bist Herr, mein Gott.

Amen!


Beim Mittagsgebet (Mussaph).

43. Je länger ich heute in deinem Haus verweile, Allheiliger, je mehr ich mich selbst betrachte, indem die Quelle jeder Sinneslust gehemmt ist, und das Brausen der Leidenschaften in meiner Brust erstirbt, je klarer ich mir bewußt werde, daß ich hier vor deinem ewigen Richterstuhle stehe, wo nicht nur die Sünden, welche alle Welt sieht und verurteilt, mir vorgehalten werden, sondern wo eine jede sündige Neigung, jede gottlose Begierde, jedes unnütze Wort, ja selbst die geringste Versäumnis in der Ausübung des Guten, die ich mir habe zu schulden kommen lassen, als Zeugen gegen mich auftreten, mich ohne Schonung vor dich zu Gericht bringen, dem alles offenbar ist, und mich meiner Selbsttäuschung entreißen, die meinen Geist sonst gefangen hält, um so mehr muß ich wieder und wieder dein Erbarmen anflehen: O, vergib, vergib mir, Allbarmherziger, wende mir deine Gnade wieder zu, daß ich in meinen Sünden nicht verderben muß! Aber darf ich mein Angesicht wohl zu dir erheben und deine Verzeihung mir erflehen, so lange noch die Stimme eines gekränkten Bruders meine Stimme übertönt, und so lange dies mein Herz noch nicht erfüllt ist mit »der Liebe, welche alle Vergehen zudeckt«?[35] Über wie manchen habe ich nicht in Blindheit und Leidenschaft ein ungerechtes Urteil gefällt, wie oft habe ich meines Nächsten Absicht verkannt, wie oft ihm feindlich entgegengestrebt! Herr! soweit ich meiner eigenen Lieblosigkeit Sünde kenne, will ich mich bestreben das Meinige zu tun, um meines Bruders, meiner Schwester Verzeihung zu erlangen, aber, ach, wie viel habe ich nicht vergessen, wie manche sind nicht von mir geschieden, ohne daß ich damals ihre Verzeihung erhielt oder sie jetzt noch erhalten könnte. So laß mich denn vor deinem Angesicht für mein Vergehen, das ich gegen diese begangen habe, Abbitte tun. Dein ewiger Geist, der in ihnen wirkt, tilge meine Schuld in ihrem Andenken. Und mich, o Herr, mich erfülle du mit dem reinen Geiste der Versöhnung. O, ich will allen Groll und allen Haß aus meiner Seele ausmerzen! Ich will jede Kränkung für nicht geschehen erachten und jedes Versehen gegen mich verzeihen, und wenn jemand auch noch so schlecht gegen mich und die Meinigen gehandelt hätte, und wer versucht hat, mir zu schaden und meine Ehre zu beflecken, ja, Herr, selbst meinem Todfeinde, ich will ihnen allen verzeihen, und sollte es mir schwer fallen, so will ich mich daran erinnern, daß gegen mich sich doch keiner so schwer vergangen hat, als ich mich gegen dich, Allgütiger, versündigt habe, und daß ich doch auf deine Verzeihung hoffe, weil du meine Schwäche kennst, und will mir ins Bewußtsein rufen, daß meines Bruders Versehen gegen mich auch aus derselben Quelle der Schwäche und des bösen Willens fließen. Ich will eingedenk sein dessen, was unsere Weisen sagen, daß wir von dir mit demselben Maß gemessen werden, mit dem wir andere messen und andere richten, und daß[36] des Menschen schönster Schmuck darin besteht, alle Verschuldung zu übersehen und zu vergessen!—O gnadenreicher Richter! so schaue denn herab auf meine Seele, die erfüllt ist mit Gefühlen der Vergebung, in der ein himmlischer Friede wohnt, den kein bitteres Gefühl gegen irgend einen Menschen mehr stört! Erhöre du auch meine Bitte um Vergebung meiner Sünden und erfülle meinen Geist mit der beseligenden Verkündigung: »Heute sollen deine Übertretungen getilgt werden und du sollst rein sein von allen deinen Sünden wider den Ewigen.«[37] Mit diesem Trost will ich mich heute vor dir in den Staub niederwerfen, vor dir, der du selbst verzeihst und gerne die Vergehen tilgst.

Amen!


Beim Nachmittagsgebet (Mincha[38]).

44. Hilf, o Ewiger, denn der Frommen Anzahl ist geschwunden und der Gläubigen sind wenig, erhöre mein Gebet für die Sünder, welche frech ihr Haupt erheben, und vergib die schweren Übertretungen, die so zahlreich und häufig sind. Ach, der Himmel umdunkelt sich vor meinen Blicken, wenn ich daran denke, wie schamlos Wollust und Unmäßigkeit auftreten und die jungen Seelen bestricken, wie sie die schönsten Verhältnisse vergiften, das Wohl der Familien untergraben und so manche den wilden, unmäßigen Lüsten zum Opfer fallen lassen, während sie zugleich ihre Laster unter beschönigenden Namen verbergen, oder wenn ich an den Trotz gedenke, mit dem man deine Gebote übertritt, dein mildes himmlisches Joch verhöhnt, ja sich sogar rühmt, es abgeworfen, und dafür das Joch auf sich genommen zu haben, welches die Welt in ihrer Verderbnis geschmiedet hat! O du, mein Gott, dessen Barmherzigkeit kein Ende nimmt, ich bitte dich: Vergib meinen Brüdern ihren Abfall und ihre Schuld, gehe nicht mit ihnen ins Gericht und strafe uns nicht in deinem Zorn um ihrer Übertretung willen! Und doch, darf ich wohl eine Fürbitte für die Sünder zu dir emporsenden, ohne daß mich mein eigenes Gewissen als Teilnehmer an ihren Vergehen anklagt? Wie oft bin ich es vielleicht gewesen, der Veranlassung zum Sündigen gab, oder habe ich stets hinreichend meine Abscheu vor dem Laster zu erkennen gegeben und all den Kummer sehen lassen, von dem ich ergriffen wurde, wenn die Sünde ohne Erröten auftrat? War meine Betrübnis nicht viel größer über den geringsten Verlust an zeitlichen Gütern, als darüber, daß sich die Frechheit und die Ruchlosigkeit meinen Blicken darstellten, oder daß ich sah, wie eine Menschenseele verloren ging! Entflammte mein Zorn nicht weit mehr über die geringste Beleidigung, die mir widerfuhr, als wenn ich Zeuge war, wie dein Name und dein Haus entweiht wurden! Ach, Herr,»flossen Tränenströme aus meinen Augen, weil deine Gesetze nicht beobachtet wurden? Wurde ich von Kummer verzehrt, weil deine Worte vergessen wurden?[39] Habe ich freimütig dich und deine Lehre bekannt, wenn der Gottlosen Hohn mich mit Schmerz erfüllte?« O, es ist so schwer, ohne Fehler zu wandeln, selbst wenn auch der Edlen und Heiligen Beispiel mir stets voranleuchtet, wenn meine Augen jederzeit sehen, allenthalben, was dir verhaßt ist, und mein Ohr beständig hört, was Sinne und Gedanken irreleitet und stört. O du,»der du dich über uns erbarmest, wie ein Vater über seine Kinder«, laß deine Gnade groß sein gegen die sündige Welt und hilf mir, mit Sorgfalt alles zu vermeiden, was mir zu einer Schlinge werden könnte. Errette mich bei den ernsten und heiligen Erinnerungen dieses Tages, o Herr, errette auch (meine Kinder, meine Angehörigen, meine Verwandten und Freunde, meine Dienstboten), daß kein sündiger Umgang sie von dir entfernen möge.»Läutere mich, o Allgütiger, erforsche mein Herz, prüfe meine Gedanken, sieh, ob der Weg, den ich wandle, zum Verderben, führt, und leite mich auf den Weg zur Ewigkeit!«[40] Möchten alle Sünder bedenken, wie nahe ihnen ihr Ende ist, wie bald das Leben ihnen verronnen, daß sie zur Zerknirschung geführt werden und zu dir umkehren möchten.»Verwirf mich nicht vor deinem Angesichte, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir, sondern laß mich deiner Gnade wieder froh werden, und schenke mir einen neuen und willigen Geist, daß ich den Übertretern deine Wege kund tue, und die Sünder sich zu dir bekehren möchten.«[41]


Zum Schlußgebet (Neïlah).

45. Vater, barmherziger Vater im Himmel! Es ist die letzte Stunde des heiligen Tages, welche jetzt naht. O, daß doch meine ganze Seele in diesem Augenblick sich von der Erde hin zu dir erheben möchte, als ob des Lebens letzte Stunde mir erschienen sei. Mit Gebet und Buße habe ich nun heute die Gelüste und Begierden meines Leibes besiegt, und doch, wie leicht ist nicht die Sehnsucht nach des Lebens Lust selbst mitten in meiner Andacht bei mir wach geworden, und selbst während ich reuevoll meine Sünden bekannte, konnte das Verlangen nach ihnen in meiner Brust nicht erstickt werden; ja, ja, vielleicht hat mich sogar der Wunsch erfüllt, daß dieser Tag schon überstanden sein möchte, gerade als ob dieser Tag an sich durch Fasten und Buße mir Ablaß für meine Sünden verschaffen könnte, und als ob ich alsdann frei wieder den Weg meiner alten Verirrungen betreten könnte, wenn er geendet habe. O, laß mich deshalb noch einmal aus allen meinen Kräften meine Gedanken und mein Inneres läutern, und laß meine heißen Tränen die Aufrichtigkeit meiner Reue bezeugen und dir ein angenehmes Sühnopfer sein, mit dem ich meines Herzens Gelübde besiegele, daß ich dich stets vor Augen haben will, und daß die Erinnerung an diesen Tag mit unverlöschbarer Schrift in die Tafeln meines Herzens eingegraben und mir nahe sein soll in jeder Stunde der Versuchung.—Herr! Zürne mir nicht, daß ich noch dieses letzte Mal zu dir bete; die Schatten des Abends breiten sich schon aus, und die dunklen Schatten meiner Sünden verfolgen mich; ich will sie verjagen und noch einmal meine Schuld bekennen, ich will an die Türe deiner Gnade anklopfen und deinen Namen anrufen, du einziger, ewiglebender Gott! Ich will mich unter dieser Anrufung dir heiligen mit Leib und Seele, und ich gelobe feierlichst, mich selbst in Liebe zu opfern. O, laß mich deiner Gnade Stimme vernehmen:»Ich, ich selbst tilge deine Übertretungen und will deine Sünden vergessen«[42] O laß meine Seele beim Ende dieses Tages mit heiliger Freude erfüllt sein, daß sie jubeln könne:»Selig, selig ist der, dem seine Übertretung vergeben und dessen Sünde getilgt ist! Selig ist der Mensch, dem der Herr seine Schuld nicht anrechnet, und selig der Geist, den der Herr von der Last seiner Sünden befreit hat!«[43]—Ja, laß meine erlöste Seele deinen Namen in alle Ewigkeit lobpreisen, du, mein Herr und mein Gott.

Amen!


Am Laubhüttenfest (Succoth).

46. Herrscher der Welt, der du die Liebe bist! Heute erinnere ich mich, wie wunderbar du unsere Väter durch die Wüste führtest, da du sie in Hütten wohnen ließest, und vertrauensvoll rufe ich aus:»Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln«[44] O, Dank sei dir gebracht, daß du mir dieses Freudenfest verliehen hast, das mich jedes Jahr in der Zuversicht bestärken soll, niemals vor der unbekannten Zukunft mich zu ängstigen, und niemals mich von den mannigfachen Sorgen überwältigen zu lassen, die ja oft in den Menschenherzen auftauchen. Denn meine Hütte ist in deinem Namen erbaut, und wenn ich auch jetzt nichts sähe als die öde Wildnis, so weiß ich doch, daß du dein Manna herniederfallen lassen kannst, daß du mir alles, dessen ich bedarf, verleihen und daß du deinen Schatten ausbreiten kannst über meine Wohnung. Und, wenn auch Stürme tosen und sie umzustürzen drohen, so will ich doch mit frohem Mute durch die Wölbung der Laubhütte zu deinem Himmel aufschauen, der seine Strahlen in meine Wohnung hernieder sendet und ich will mein Vertrauen auf dich setzen, der gerade unter den brausenden Stürmen die Saaten reifen läßt und den Bäumen die Kraft gibt, Frucht zu tragen, und der da will, daß auch der innere Mensch unter den Stürmen der Geschicke und der Zeit reifen und Kraft gewinnen soll, edle Frucht zu tragen. Aber auch daran will ich heute denken, daß gerade dieses Fest dazu eingesetzt ist, mich an die Pflicht zu erinnern, auch eine gebührende Sorge für meinen Körper zu hegen, und ich will froh sein, daß ich mich zu einem Glauben bekenne, der nicht von mir fordert, daß ich mein Fleisch mit selbstverursachten Martern peinige oder mir jede Freude versage, die du auf meinem Wege mir erblühen läßt, noch daß ich ganz der Welt entsagen und abgeschieden von ihr leben soll; nein, vielmehr einen Glauben, der gerade will und mich durch diese Feier dazu auffordert, daß ich die Freuden der Erde mit meinen Verwandten und Freunden genießen soll und mich »freuen all des Guten, das du mir gegeben hast«, so daß jeder sinnliche Genuß dadurch geheiligt wird, daß er in dir genossen wird und so, daß ich mich selber bei allem, was meinen Leib erquickt und freut, in deinem Dienste fühle, als einer, der dein heiliges Gebot erfüllt. So gib denn du, mein Gott, daß so selbst jede irdische Lust, die du mir bereitest, mich dir näher führen und daß ich, indem mein Vertrauen auf dich gekräftigt wird, erfahren möge, daß»wer auf dich baut, mit Gnade umgeben werden und sein Haus und seine Hütte in Frieden stehen soll«.[45]

Amen!


Am Laubhüttenfest als Erntefest.[46]

47. Ewiger, der du sowohl in der Höhe als in der Tiefe die verborgenen Quellen öffnest und aus unerschöpflicher Fülle Segen niederströmen läßt über alle Geschöpfe, dir bringen jetzt alle ihren Dank, weil ihre Vorratskammern wiederum gefüllt sind,—wie könnte ich da allein schweigen? Sollte ich dir meinen Dank nicht bringen, der du deine milde Hand aufgetan und allem, was lebt, seine Nahrung gegeben hast? Nein, und wenn auch alle Welt schwiege, ich müßte doch in dieser Stunde die Stimme meiner Dankbarkeit erheben, denn du hast ja selber dieses Fest in deiner Güte dazu geweiht, daß es in der Brust des Israeliten die Stimme des Dankes wecken soll, auf daß, wie unsere Väter in der Wüste jeden Tag der Woche, so auch wir jetzt zu diesen festlichen Stunden erkennen, daß das Brot vom Himmel kommt, und daß wir nicht sein sollen wie diejenigen, welche über die Gabe den allgütigen Geber vergessen. Und kann ich auch nicht wie der Landmann zur Erntezeit, in meine Scheuern gehen, um den reichen Segen zu sehen, so hast du doch mir und den Meinen eine nicht minder reiche Ernte verliehen. Die Tat, welche ich vollführe, der Beruf, den ich erfülle, das ist ja der Acker, den ich pflüge und besäe, und wie reich hast du mich ernten lassen! Und hätte ich auch nur wenig geerntet, flossen auch die Quellen der Nahrung nur spärlich, so ist doch selbst dieses Geringe eine unverdiente Gabe aus deiner Hand. Aufs neue wird mir die Gewißheit, daß du deinen Bund hältst,»daß Saat und Ernte niemals aufhören und der Fleißige gesegnet werden soll.« Wieder habe ich tausende von Erquickungen empfangen, und jede einzelne von ihnen lehrte mich, daß,»wenn auch junge Löwen schmachten und hungern, so soll doch denen, die dich von ganzem Herzen suchen, nichts Gutes mangeln«.[47] So will ich mich denn heute in diesem Troste freuen, und ich will meine Freude erhöhen, indem ich Freude nah und fern verbreite, und meinen Dank will ich dir dadurch beweisen, daß ich jedem meiner Brüder und jeder meiner Schwestern mit freundlichem Angesicht, mit mildem, wohltätigem Sinn entgegenkommen will, daß auch ihr Dank für alles, womit du uns gesegnet hast, zu dir aufsteige. Nun bitte ich dich, allen schöne, festliche Tage zu bereiten, ich bitte dich, Frieden und Freude über mich und mein Haus auszubreiten, daß es von deinem Lob beständig widerhallen möge. Geheiliget sei dein Name!

Amen!

48. Dir danke ich, o mein Gott, daß dein Name nahe ist, und daß, der du deine hohe Wohnung dir im Himmel erbaut hast, du auch deinen Bund auf Erden gegründet und deine Hütte unter den Kindern der Menschen aufgeschlagen hast, daß auch mein Leben in der Gemeinschaft der Frommen geheiligt wird. Denn heute ist es ja das Fest, welches du dereinst angeordnet hast, um dem gemeinsamen Leben der Gläubigen Nahrung zu geben, und noch jetzt ist es diesem Zweck geweiht; und wie vormals alle diejenigen an ihm vereinigt wurden, welche in zahlreichen Scharen zur heiligen Stadt hinzogen, deinen Namen zu preisen und deiner Lehre zu lauschen, auf daß sie neu belebt würden und mit des Glaubens heiligen Gaben in ihre Häuser heimkehrten, also umschlingt dasselbe Fest noch immer mit einem heiligen Band alle diejenigen, die über die weite Erde zerstreut und zersplittert sind, aber eine geistige Gemeinschaft sich bewahrt haben. Es verbindet uns alle als Brüder im Glauben, die wenig Begabten mit den an Kenntnis Reichen, und die, welche durch ihre frommen und edlen Handlungen sich einen Namen und guten Ruf erworben haben, mit denen, die nur wenig vollführt, aber doch zur Gründung des Himmelreiches auf Erden mitgewirkt haben, wenn sie nur treu geblieben sind und sich dem heiligen Bund von ganzem Herzen angeschlossen haben. Es sind ja nicht nur die Mächtigen und Großen, die hie und da nur spärlich zu finden sind, durch welche die Aufgabe, die du deinem Volke gestellt hast, erfüllt werden soll; auch nicht allein diejenigen, welche die Menschen dazu bestellt haben, deinen Weinberg zu hüten und zu pflegen, nein, es sind auch diejenigen, welche mit geringen Kräften Stein auf Stein zu dem heiligen Bau tragen, die Geringen, welche in einfältiger Frömmigkeit das Ihrige zu seinem Wachstum beitragen, und überall sich finden, wo der Lebensstrom deiner Lehre fließt, gleich der unansehnlichen Weide, die an jedem Strom wächst und die ganze Erde ziert, während die Palme nur ein Schmuck der südlichen Länder ist. O Gott, laß auch mich ein lebendiges Glied in diesem Bunde sein, mich, der ich mit ganzem Herzen mich deiner Gemeinde anschließe; und kann ich auch nichts Großes wirken, so erfülle mich doch mit der freudigen Gewißheit, daß selbst durch das Wenige, welches ich beizutragen vermag, das Ganze und Große auch gefördert werde. Stärke mich in dem Vorsatz, mit Bereitwilligkeit mein Scherflein für alles zu geben, was zum Bedarf der Gemeinde sowohl, wie deines Hauses dient, und für alles, was die Gemeinschaft mit dir fördert. Und Herr, mit Sorgfalt will ich alles vermeiden, was Zwistigkeit erregen könnte, und was dazu dienen möchte, das Band zu lösen, welches uns alle in einem Gedanken und in einem Sinne vereinen soll. Laß nun dieses Fest über mich und die Meinigen seine erquickenden Schatten breiten, daß ich von seiner Freude gesättigt werde, als von dem Vorgeschmack der Seligkeit.

Amen!


Am Schlußfeste (Schemini Azeres).

49. Ewiger Gott! Das Fest und die Natur vereinen sich, um mir zu predigen;»Alles ist eitel, alles ist ganz eitel!«[48] Wohin ich jetzt meine Blicke wende, überall in der Natur treten mir die Zeichen der Vergänglichkeit entgegen. Die Schönheit der Ebene ist geschwunden, der Schmuck der Fluren ist dahingewelkt, auf dürre, welke Blätter tritt mein Fuß, und ich fühle mich tief von dem Gedanken ergriffen:»Des Menschen Leben ist wie Gras, er blüht wie eine Blume des Feldes, ein Wind fährt darüber hin und sie ist nicht mehr und ihre Stätte kennt man nicht länger;«[49] bald welkt die Schönheit des Lebens dahin, ach, gar bald werde ich dastehen wie ein entlaubter Baum, von dem Blatt nach Blatt herunterfällt. Und wird mir nicht dasselbe von diesem heiligen Schlußfest gepredigt, das mich daran erinnern soll, wie bald meine Tage zu Ende sind und mein Tagewerk abgeschlossen werden soll? Noch einmal will ich mich in dir und vor deinem Angesichte freuen, o Ewiger, und in meiner Seele alle die beseligenden Eindrücke sammeln, welche diese vielen Festtage auf mich gemacht haben, und ich will mich hüten, daß ich nichts von der mir noch vergönnten Zeit verliere. So will ich mich denn beeilen, ehe des Lebens Winter herannaht und die Kräfte mir versagen, das zu vollführen, wozu ich berufen worden bin, und ich will die wenigen Tage, welche mir zugemessen sind, noch mehr dazu benutzen, ein Leben zu führen, dir angenehm und den Menschen segenbringend. Mein himmlischer Vater! Nimm das Opfer meines Herzens gnädig an, das fromme Gelübde, daß ich in dem Vergänglichen das Ewige erfassen will, damit ich einst, wenn du mich rufst, ein Schlußfest bei dir in Seligkeit und ewiger Freude feiern möge.

Amen!


Am Freudenfeste über die Thora (Simchas Thora).

50.»Das Gras verdorrt und die Blumen welken dahin, aber dein Wort, o Gott, bleibt in alle Ewigkeit.«[50] Das ist mein Freudenruf, mein Psalm, mein Lobgesang, mit dem ich mich dir am heutigen Tage, an dem Israel die heilige Thora beendigt und von neuem wieder beginnt, nahe. Alles Irdische vergeht, nur dein Wort besteht in Ewigkeit, und die, welche es uns verkündigt haben, leben ewig in unserer Erinnerung. Das flammende Wort, welches Moses Lippen entströmte, ist die unvergängliche Richtschnur unseres Lebens, ein ewiges, das aller Zeiten Stürme doch nicht zu vernichten vermochten. O Vater, ich danke dir, daß dieses Wort des Lebens noch mein Eigentum ist, und daß ich es rein und unverfälscht besitze, wie es ursprünglich lautete. Ich danke dir, daß du mir den Zugang zu demselben eröffnet hast, ja, du hast es ja einem jeden Israeliten zur Pflicht gemacht, sich recht vertraut damit zu machen, in seine Tiefen einzudringen und Leben und Geist daraus zu schöpfen, die Wahrheit darin zu suchen, zur Liebe dadurch erwärmt zu werden, und Trost und selige Hoffnung darin zu finden. Ich danke dir, daß du in den 24 Büchern der heiligen Schrift (Thora, Nebiim und Kethubim) auch mir die reine Quelle des Lebens für alle Zeiten und Geschlechter hast strömen lassen. Und indem ich dir für deine geschriebene Lehre danke, sende ich auch meinen Dank für die mündliche zu dir empor, welche uns den Inhalt der Schrift erst verstehen und richtig erfassen läßt. O, mein Gott, wie oft habe ich nicht dieses dein Wort gering geachtet, wie oft eine Gelegenheit versäumt, darin belehrt zu werden oder die Zeit verschlafen, da ich seiner Verkündigung lauschen sollte, während ich meine beste Zeit für Schriften vergeudete, welche den Geist beflecken und Herz wie Sinn verderben! O lehre du selbst mich den Schatz hüten, den du mir geschenkt hast, daß ich in Zukunft möchte sagen können:»Ich hasse Fabel und Tand, aber ich liebe deine Lehre!«[51] Die langen Winterabende will ich dir weihen, indem ich bei deinem heiligen Wort verweile, ich will aufmerken auf die mündlichen Auslegungen desselben und dahin eilen, wo ich es in lebendiger Verkündigung hören kann, daß meine Seele errettet werde.[52] Ich will ein waches Auge über alle die Meinigen haben, daß sie nicht die giftigen Bücher lesen, welche ihre Gedanken beflecken und will sie den Wert deines Wortes erkennen lassen, welches uns von dem Irdischen zum Himmlischen emporhebt. Nun breite du deinen Frieden über mich und die Meinigen aus, den Frieden, welcher denen versprochen ist, die dein Wort lieben, daß ich niemals straucheln möge und meine Seele in dir lebe und dich in alle Ewigkeit preise.[53]

Amen!


Am Feste der Tempelweihe (Chanuka, Lichterfest).

51. Lieber Gott! Wie soll ich dir genugsam danken und dich preisen für all die Freude und all die Hoffnung, welche mir aus den Lichtern entgegenstrahlen, die wir in diesen Tagen zum Gedächtnis an den Kampf der Makkabäer anzünden, die für das höchste Gut, für den Glauben, stritten; zum Gedächtnis an den Sieg, welchen du sie gewinnen ließest, zum Gedächtnis an die Märtyrer, die um des Glaubens willen, und um das ewige Leben zu retten, freudig in den Tod gingen. So hast du Israel nicht nur dazu erkoren, deinen Bund zu schließen und deine Gotteslehre zu bewahren, sondern du hast es auch dazu gewürdigt, das erste Volk zu sein, welches ein Beispiel zur Nachahmung gegeben, für die höchsten und heiligsten Güter des Menschen, für die Freiheit des Glaubens und des Geistes zu kämpfen und alles Irdische zu verachten, wenn der Glaube in Gefahr schwebt, ja bereitwillig selbst lieber das Leben opfern, als die heilige Überzeugung aufzugeben. Das erzählt uns ja die Geschichte unseres Festes, wie unsere Väter in jenen Schreckenszeiten allen Drohungen und Verlockungen trotzten; wie sowohl Frauen als Männer, sowohl Greise als Kinder standhaft alle Marter ertrugen; wie sie den Scheiterhaufen bestiegen und selbst im Tode noch ihren Glauben bezeugten. Und wenn auch alles dem Glauben Israels den Untergang verkündete, so ging er doch durch deine allmächtige Hilfe gerade aus jenen Tagen siegreich hervor, und du hast aller Welt gezeigt, daß die Kraft des Geistes mächtiger ist, als gewaltige Heere. O Herr! Ich danke dir, daß die Zeit der blutigen Verfolgung um des Glaubens willen ein Ende genommen hat; aber ach, mein Gott! wie oft sind nicht Hohn und Spott weit schneidendere und giftigere Waffen, und selbst die Mutigsten, die sich nicht fürchten würden, für den Glauben in den Tod zu gehen, zittern vor der Verachtung der Welt und den Pfeilen des Spottes. Wie viele sind nicht dem Falle ausgesetzt durch die Schlinge, welche der Versucher ihrer Frömmigkeit legt, wenn er ihnen sowohl zuflüstert, als auch laut entgegenruft, daß sie noch in einer veralteten Lehre befangen sind, und wie muß es nicht mein Herz mit Sorgen und Bekümmernis erfüllen, wenn ich die Lässigkeit im Glauben sehe, die überall hervortritt und mich fast fürchten läßt, daß derselbe ganz auf Erden untergehen könnte.—Doch nein, nein! Indem ich der Zeit der Makkabäer gedenke, will ich mich zugleich daran erinnern, wie oft das Verderben gedroht hat, wie oft es geschienen, als ob das heilige Licht des Glaubens erlöschen sollte, und doch flammte es von neuem auf und strahlte nur um so klarer und heller. Ich will beim Anblick dieser Lichter meinen Eifer entflammen und meine Treue in deinem Dienste stärken, sowohl ich, wie auch mein Haus, ja, ich will auf die Fahne meines Lebens die Inschrift setzen:»Wer unter den Mächtigen kann sich vergleichen mit dir«, und sicher und ruhig werde ich im Glauben wandeln.»Ewiger, du bist mein Licht und meine Hilfe, wen sollte ich da wohl fürchten? Du bist die Kraft meines Lebens, vor wem sollte mir da wohl grauen? Höre mein Flehen, sei mir gnädig und erhöre mich.«[54]

Amen!


Am Purimfest.

52.»Mein Mund lobsinge dem Herrn und preise ihn unter vielen, denn er steht zur Rechten des Unschuldigen, um ihn von denen zu erretten, die seine Seele richteten.«[55]

»Du machst des Listigen Anschläge zu schanden, so daß sie keine Macht haben, ihre Absicht auszuführen, du fängst die Boshaften in ihrer eigenen Tücke und vereitelst die Pläne des Bösen.«[56] So errettetest du ja unsere Väter von Tod und Verderben, als der Mächtige die Unschuldigen anklagte und in gekränktem Hochmut einen Plan schmiedete, deine Treuen aus dem Lande zu vertilgen. Du, Israels Schirmherr, der niemals schlummert und niemals schläft, du ließest die Ruhe das Lager jenes Königs fliehen, du öffnetest sein Auge, den Anschlag des Verräters zu erkennen; ja du hattest schon zuvor das Mittel zur Errettung Israels bereit, jene fromme Seele, die ihr Leben opfern wollte, für das Heil ihres Volkes! So wurde selbst das schlimme Los uns zu Glück und Ehre, du ließest es zu Israels Rettung und Wohl fallen, und »die Sorge ward in Glück, der Kummer verwandelt in Freude.«—O, weshalb erschrecke ich da, wenn schlimme Nachricht mein Ohr erreicht, weshalb erbeben die Menschen, wenn von Ruchlosen Pläne gegen ihr Wohl geschmiedet werden? Du regierst ja alles, du lenkst jeden Anschlag zu seinem Ausgang und löst die Verwickelungen des Lebens, und die Schandtat des Bösen muß ebenso gut meinem Wohle dienen, als die Segnungen der Edlen und Frommen. So werde meine Seele denn froh in dir, und Freude umgebe mich diesen Tag. So weit ich vermag, will ich den Unterdrückten auch selber helfen, und meine Freude mir dadurch erhöhen, ich will mit meinen Gaben manchen Armen unterstützen, und mein Hallelujah soll den ganzen Tag vor dir erschallen.

Amen!

53. Mein Gott! Mein Mund vermag nicht all den Dank und all die Freude auszudrücken, die mein Herz fühlt, so oft dieser Tag der Errettung wiederkehrt.»Wenn du nicht mit uns gewesen wärest, als die Menschen sich wider uns erhoben, so hätten die Gottlosen uns in ihrem Zorn verschlungen. Ihr Glück würde dann wie die Wellen in rasendem Sturm uns überflutet haben. Dir sei Lob und Preis, o Gott, der uns nicht zu einem Raub ihrer Zähne werden ließ. Wir entgingen unsern Verfolgern; denn unsere Hilfe ruht in dem Namen des Allmächtigen, der Himmel und Erde erschaffen hat.«[57]—Zu allen Zeiten und überall hast du, unser Vater, uns beschirmt; und dieser Tag ruft uns nicht nur den Sieg Israels über Haman ins Gedächtnis, sondern alle die Ereignisse, da deine Vorsehung unsere Väter errettet hat, da du ihre Betrübnis in Jubel, den Ruf ihrer Angst und ihres Schmerzes in Tränen der Freude und der Dankbarkeit verwandelt hast. Ja sicherlich, Herr unser Gott, Israel ist ein lebendes Zeugnis deiner ewigen Treue:»Die, welche auf dich hoffen, sollen niemals zu schanden werden.« Israel wurde verachtet und gedemütigt, aber sein Vertrauen auf dich war stärker als seine Leiden, und du hattest Mitleid mit seinem Schmerze; hellere und freundlichere Tage sind ja gefolgt auf die Zeit des Hasses und der Verfolgung. Allvaters Stimme hat den Geist aller seiner Kinder durchdrungen, ihre Herzen erreicht, und Israel findet überall unter den Nachkommen seiner Unterdrücker nunmehr Brüder. Ja, die Erinnerung an das, was unsere Väter gelitten haben, erhöht in unsern Herzen nur die Freude über unser Vaterland, das all unsere Wunden geheilt hat, all unsere Schmach getilgt und unserm Glauben seine Freiheit und seinen Glanz zurückgegeben hat. Gelobt seiest du, unser Gott, unser Erretter! O, daß doch das Bewußtsein all der Freuden, die wir in diesem unsern Geburtslande genießen, unsere Herzen zu brüderlicher und liebevoller Gesinnung gegen alle Menschen, unsere Brüder, erwecken möchte!—Sei gelobt, du Ewiger, unser Gott, für all die Wunder, welche du an unsern Vätern vollführt hast und für den ewigen Schutz, den du ihren Kindern angedeihen läßt.

Amen!


Am Tage der Zerstörung des Tempels (Tischoh b'ab).

54. O du, dessen Liebe ohne Ende ist und dessen Barmherzigkeit ohne Grenzen, heute werde ich erinnert an die Stunde,»da du Israels Schmuck vom Himmel zur Erde stürztest und am Tage der Heimsuchung den Schemel deiner Füße nicht achtetest,«[58] und meine Bitte wird von Wehmut erfüllt, und Sorgen erfassen mein Herz. Wie könnte es auch anders sein? Ist nicht das gerade das Große und Erhabene der heiligen Gedächtnistage meines Glaubens, daß ich nicht nur die glücklichen Zeiten, die Tage der Errettung, des Sieges und der Freude mir vor die Seele rufen soll, sondern auch jene, die ein trauriges Zeugnis für die Sünde und den Abfall der Väter ablegen, wie sie es selbst verschuldeten, daß du nicht einmal dein Heiligtum schontest, welches über alle Ebenen der Welt sein Licht verbreiten sollte, da߻Zion, von wo die Thora ausgehen sollte, wie ein Acker gepflügt wird, und daß Jerusalem, die Stätte, welche zur Verkündigung deines Namens geheiligt war, zu einem Steinhaufen wurde.«[59] Mit Sorgen stimme ich in die Klage des Propheten ein:»Unsere Väter haben gesündigt und sind nicht mehr, und wir tragen ihre Sünde.«[60] Sie hörten nicht auf den Ruf deiner Gnade, und vergebens zeigtest du ihnen deine Langmut; ja, sie gruben sich mit eigner Hand ihr Grab, indem sie gegen einander wüteten und sich durch eigenen Streit in die Hände ihrer Feinde gaben. Da wurde der heilige Bau zerschmettert und zermalmte in seinem Falle alle, die ihm anhingen. Ach Herr! Bitterlich weine ich über diesen Fall, und um so bitterer, weil die Sünden der damaligen Zeit noch immer unter uns herrschen. Aber »je mehr ich mir das Innerliche zu Herzen nehme, um so fester ist auch meine Hoffnung,«[61] und je tiefer meine Sorge ist, um so gewisser ist auch mein Vertrauen auf dich und deinen Trost. Ja, so gewiß, wie jenes Gotteswort in Erfüllung ging, welches dem sündigen Volke seinen Untergang verkündigte, und daß die Tage des Zornes kommen sollten, so gewiß wird auch jene Zeit erscheinen, wo es wieder zu Gnaden aufgenommen wird und sich erfüllt, was der Prophet verkündet:»Und in den letzten Tagen soll es geschehen, da soll der Tempelberg des Herrn über alle Höhen erhoben werden, und alle Völker sollen dahin strömen und sagen: Kommet! laßt uns hinaufziehen zu dem Herrn, zum Hause des Gottes Jakobs, auf daß er uns seine Wege lehre, daß wir in seinen Fußtapfen wandern mögen, und Freude soll über alle sich verbreiten, die in Sorgen leben ob seines Falles.«[62] Ewiger! stärke du mich in dieser meiner Hoffnung und laß mein Leben ein Zeugnis davon sein, daß ich Wahrheit und Frieden liebe.

Amen!


Schlußgebet beim Gottesdienste (Olenu).

55. Uns geziemt es dich zu loben und dich zu verehren, o Herr des Weltalls, und deine Größe und Herrlichkeit zu bezeugen, da du uns berufen hast, deine Worte und deine Taten in der Übung frommer Werke zu verkünden und dich durch unseren Lebenswandel zu heiligen. Darum verneigen wir uns ehrfurchtsvoll vor dir, und bekennen dich als den Herrn des Himmels und der Erde. Ja wir hoffen auf dich und glauben in fester und unerschütterlicher Treue, daß deine Größe und Allmacht, o Gott, immer mehr erkannt werde und sich sichtbar verbreite nach allen Richtungen der Erde, damit aller Irrtum hienieden verschwinde und alle Wesen erkennen, daß du nur allein Gott und Herr bist über alle erschaffenen Dinge. Alsdann werden alle Bewohner des Weltalls vor dir sich neigen und deiner Herrschaft sich willig unterwerfen, deinen Namen die Ehre geben und so den wahren Frieden allseitig hienieden begründen. So lehren ja auch deine Propheten mit ihrem hellen Seherblicke in die Zukunft.»Gottes Reich ist ein ewig dauerndes.« Und an anderer Stelle heißt es:»Und Gott wird König sein über die ganze Erde, alsdann wird der Ewige einzig sein und sein Name einzig.«!

Amen!


Die Hausfrau, wenn sie Chala nimmt.

56. Wie du einst unsere Väter in der Wüste speistest und sie am Tage alles zum Unterhalte ihres Lebens finden ließest, dessen sie bedurften, so bist du, o mein Gott, mit meinem Gatten, (meines Hauses Versorger) gewesen und hast seinen Fleiß gesegnet, daß wir den Unterhalt unseres Lebens nicht entbehren. Bevor nun der heilige Tag beginnt, will ich nach Vorschrift auf bildliche Weise dir meinen Dank darbringen, und als ein echtes Weib Israels will ich unsern Glauben bekennen, daß selbst jeder sinnliche Genuß, den du uns gewährst, durch fromme Gedanken geheiligt werden soll. Denn du ließest es zum hohen Beruf des Weibes werden, den Segen des Glaubens in das schöne Heim zu bringen; ihr legtest du die Pflicht auf, das tägliche Brot zu heiligen. O, mein Gott, so laß es denn dir gedeckt sein, was ich bereite, und segne du unsers Lebens Brot.

Amen!


Die Hausfrau, wenn sie die Sabbatlichter oder die Festlichter anzündet.

57. Freude soll alle Zeit in Israels Wohnungen leuchten; das israelitische Weib soll die Wolke der Bekümmernis zerstreuen, die sich zeitweilig über den Gatten ausbreitet und den häuslichen Kreis verdunkelt. Mit dem warmen und reinen Glauben in ihrer Brust soll sie trösten, ermuntern und erquicken. O! habe Dank, o Vater, daß ich jetzt wieder an meinen schönen und heiligen Beruf dadurch erinnert werde, daß ich die Sabbat-(Fest-)Lichter anzünde, durch aufopfernde Tätigkeit, Freude zu verbreiten und das Licht des Glaubens zu bewahren.

Amen!

IV. Gelegenheitsgebete.


I. Am Geburtstage.

Aus meines Herzens tiefstem Grunde sende ich heute mein Gebet zu dir empor, allgütiger Gott und Vater, dessen Huld und Gnade über mich gewacht und heute mich in mein (—) Lebensjahr treten läßt. Leben und Liebe hast du mir zuteil werden lassen und deine Vorsehung hat meinen Geist bewahrt. Ja, ich bin allzu schwach und zu geringe, um dir meinen Dank auszusprechen für jeden Segen, mit dem du mich begnadigt hast seit der Stunde, da ich zum ersten Male das Licht der Welt erblickte.—Es kommen heute meine Lieben mit ihren Glückwünschen mir entgegen, aber ach Herr, der du Herz und Nieren untersuchst, kann ich wohl diese Wünsche für meine Zukunft hören, ohne daß mein Herz mir Vorwürfe macht für die Zeiten, welche vergangen sind? Kann ich mir selbst Glück wünschen, weil ich älter geworden, wenn die Erfahrungen und Prüfungen des Lebens mich nicht weiser, besser und frommer gemacht? Wenn ich heute auf die dahingeschwundenen Geburtstage schaue, die ich bereits erlebt habe, und wenn ich an die vielen Hoffnungen denke, die sich an jene knüpften, an die Erwartungen, mit welchen meine Eltern mich umarmten, und ich da mich selbst frage: Habe ich diese Hoffnungen und Erwartungen erfüllt? Habe ich den Arbeitstag, den der Herr der Zeiten mir vergönnte, mit Eifer und im Dienste des Allheiligen angewendet, so daß ich auf seinen Beifall und auf seinen Lohn hoffen darf, wenn die Abendstunde kommt? O mein Gott, was darf ich dann antworten?—Sieh, du hast in diesem Jahre mir in deiner Gnade viel Freude gesendet, und in deiner Weisheit hast du mich mit Schmerzen heimgesucht,—alles, um mich zu erinnern, daß ich unter deiner väterlichen Leitung stehe, und daß ich nur ein Pilger bin, der einen mühsamen Weg zu wandern hat, bevor er die himmlische Heimat erreicht. Dunkel ist für mich der Weg, den ich noch zurückzulegen habe, aber du, dessen Auge mich geschaut vom Lebensanfang, und in dessen Buch alle meine Lebenstage verzeichnet waren, ehe ich noch da war,[63] nimm du mich ferner in deinen Schutz, beschirme und segne alle, die mir teuer sind, und bilde du mein Herz nach deinem Wohlgefallen! O, daß ich in der festen Überzeugung gestärkt werde, daß mir keine Bürde auferlegt wird, zu der du mir nicht auch die Kraft verleihest, sie zu tragen, und daß ich Tag und Nacht eingedenk sein möchte, daß alles Fleisch Gras ist, daß hingegen jegliche Tat auf Erden, selbst die geringste, eine Saat ist, die ihre Früchte in der Ewigkeit trägt; ja daß ich dessen stets eingedenk sein möchte, auf daß ich meine Hoffnung nicht auf das Vergängliche baue, und nimmer verzage und verzweifle unter Widerwärtigkeit und Unglück, sondern selbst in Leiden und Schmerzen mich dir dankbar zeige; daß die Überzeugung mich stets beselige, daß dein gütiger Geist mich überall leitet, segnet und stärkt, und daß deine Huld und Gnade mich erfüllt und bewahrt, auf daß ich dir treu bleibe im Leben und im Tode.—Ja, du bist der Gott meines Herzens, getrost übergebe ich mich deiner Hand und fürchte nichts, du, Herr, bist meine Stärke, dir lobsinge ich, du bist meine Hilfe und meine Zuflucht, in dir findet meine Seele Heil in aller Ewigkeit.

Amen!


II. Am Verlobungstage.

Herr, du mein Fels, meine Zuflucht, leite du mich und führe du mich um deines Namens willen! Entschieden ist es heute worden, wem mein Herz angehört, an wen ich mein ferneres Geschick knüpfen, mit wem ich durchs Leben wandern soll. Allzu schwach bin ich, o Herr, und allzu kurzsichtig, um das Innere eines anderen Menschen zu durchschauen, oder um zu wissen, was in den kommenden Tagen zu meinem wahren Heil und Wohl dienen kann und soll, darum sende ich mein Gebet zu dir empor: O laß deinen Segen auf meiner Wahl ruhen! Gib, daß der, welcher mir heute sein Gelübde gegeben, solches nicht leichtsinnig getan haben möge, sondern zuvor, wie ich, zu Rat gegangen sei, nicht blos mit den Angehörigen, sondern vor allem mit dir, mein Gott. Laß die kommenden Tage von dir gesegnet sein, daß eine reine und lautere Liebe, die auf Gottesfurcht gegründet ist, in unsern Herzen Wurzel schlage. Ja, Allgütiger, du, der du mit so vieler Huld meinen Weg gebahnt und mich mit so vieler Gnade umgeben hast, laß diese Tage für mich eine Vorbereitungszeit sein, daß ich, wenn die Zeit nahet, vor deinen Augen würdig gefunden werde, den Bund der Ehe zu schließen. O, sei du mein Hirt und Leiter, und führe mich auf den rechten Weg um deines Namens willen.

Amen!


III. Am Hochzeitstage.

Gekommen ist nun der Tag, an dem der Bund meines Herzens in deinem Namen besiegelt werden soll, du ewiger, alliebender Vater, der Tag, der das Weh und Wohl meiner ganzen Zukunft in seinem Schoße trägt. O, wie könnte ich mich wohl dem heiligen Augenblick nähern, wie könnte ich hintreten, um dem Auserwählten meines Herzens meine Hand zu reichen, ohne dir zuvor zu danken für all deine väterliche Güte gegen mich, für deinen Schutz bis auf diesen Tag, für die geliebten Wesen, mit welchen du mich bisher umgeben, und die mit Zärtlichkeit und Sorgfalt über mich gewacht und mich geleitet haben, ja, ohne dir dafür zu danken, daß du mich den hast finden lassen, mit dem ich die wechselnden Geschicke des Lebens teilen soll, ohne dir zu danken für die himmlische, beseligende Freude, die mich nun umströmt, da das Band der Ehe uns verbinden soll. Wie könnte ich wohl all deine Güte empfangen und bereits heute die heiligen Pflichten der Ehe übernehmen, die der Ehestand mir auferlegt, wenn ich nicht zuvor mit reuigem Sinne mein Herz vor dir ausschütte, ehe ich den wichtigsten und meine ganze Zukunft entscheidenden Schritt meines Lebens tun und dich um deine gnadenvolle Vergebung bitte. Wenn ich aber in dieser Stunde meinen Blick auf die hingeschwundene Zeit richte, o welche schwere Klage erhebt sich da in meiner eigenen Brust gegen mich! Sündenvoll waren meine Gedanken, und meine Taten, wie wenig konnten sie dir wohlgefallen. Habe ich wohl gelebt, wie ich sollte? Habe ich als Kind von ganzem Herzen Vater und Mutter geehrt? Habe ich die weisen Lehren meiner Lehrer befolgt? Habe ich als Israelitin in meiner Jugend an meinen Schöpfer gedacht und mit Wärme meinen Glauben umfaßt? O, vergib sowohl mir, Allgütiger, als der Seele, die nun mit der meinigen sich verbinden soll, jedes Vergehen und Versehen. Sieh auf uns in Gnade, wenn wir nun einander vor deinem Antlitze im Geiste gegenseitig das Gelübde der Treue geben, und laß deinen Segen mit diesem Bunde sein. Heilige unsere Liebe in der Liebe zu dir, daß wir, indem wir dich lieben, unsere gegenseitige Hingebung und Liebe nähren und stärken. Höre, o Gott, mein Gelübde, das ich hier ablege. In glücklichen, wie in trüben Tagen, will ich eine treue Gattin sein, die Geduld, Kraft und Selbstverleugnung zeigt, die als echte Israelitin durch den Glauben an dich stark ist, alles zu besiegen, auch sich selbst; stark ist, alles für den zu tragen und zu dulden, den ihre Seele auserkoren hat. Gib, daß wir, die von dieser Stunde ab mit einander wandern sollen, in Sanftmut und Milde einander begegnen, und uns gegenseitig unsere Schwächen in Liebe nachsehen! Ja, sei du mit uns, daß wir einander zum Heil und Segen werden, und daß durch diesen unsern Bund dein Name verherrlicht werde. Dazu hilfst du uns, o Gott.

Amen!


IV. In einer glücklichen Ehe.