Fünfter Abschnitt (S. 102-149).
[1]: Drei Tage vor und nach neuem und vollem Monde steigt die Meeresfluth bedeutend höher als in den Zwischenzeiten und während der Unterschied zwischen hohem und niederem Wasser an den Flussmündungen bei den gewöhnlichen (todten) Fluthen 6-7 Fuss beträgt, so steigt er in jenen auf 9-10. Die Fluth läuft dann gewöhnlich viel rascher und man wählt meistens zum Reisen diese Zeit. Auch auf den Zuckerpflanzungen, welche keine Dampfmaschinen haben, wird das Rohr in dieser Zeit gemahlen. Man öffnet bei der Fluth die Schleusse des Mühlgrabens, durch welchen das Wasser des Flusses diesen füllt. Hat das Wasser seine höchste Höhe erreicht, so wird die Schleusse niedergelassen. Ist das Wasser im Flusse etwa 3 Fuss gefallen, so öffnet man eine andere Schleusse, die vom Mühlgraben in die Mühle führt, wodurch das ausströmende Wasser ein grosses, unterschlächtiges Rad treibt, das die Walzen, welche das Rohr zerquetschen, in Bewegung bringt. Die höchsten Springfluthen sind am Anfang April und September, wenn die Sonne den Meridian, unter dem die Seeküste liegt, (6° nördl. Breite) durchschneidet. Das Wasser steigt dann noch um 2 oder 3 Fuss höher und setzt manchmal die halbe Stadt Paramaribo unter Wasser und überströmt schlecht eingedämmte Pflanzungen.
[2]: Der Zitteraal (Gymnotus electricus) kommt im innern Lande, wo das Wasser durch das Seewasser nicht mehr getrübt wird, häufig vor. Er erreicht manchmal eine Länge von 7 Fuss und die Dicke eines Mannesarmes. Seine elektrische Eigenschaft ist hinlänglich bekannt. Die Indianer schiessen ihn mit Pfeilen und fangen ihn häufig mit Stinkholz (siehe Lebensweise der Caraiben). Dieser Aal, der aus beinahe nichts, als Schwanz besteht, ist sehr fett, sein Fleisch locker und wird bloss von den Eingebornen gegessen. Sie werden leicht zahm und man kann sie dann in die Hand nehmen, ohne dass sie Schläge ertheilen.
[3]: Ein gegohrenes Bier aus gekochten Erdfrüchten, dem man noch den Saft von Ananas oder indianischen Pflaumen beimischt.
[4]: Pagaien nennt man schaufelförmige, etwa 5 Fuss hohe, aus hartem Holze geschnitzte Ruder, die man in schmalen Kreeken oder engen Plätzen gebraucht.
[5]: Hr. James B., der Eigenthümer dieser Pflanzung, ist im August 1841 auf derselben gestorben. Seinen Reichthum hatte er in vielen Legaten theilweise selbst an seine Neger vertheilt. Die Tochter erhielt ein bedeutendes Vermögen und kaufte kurze Zeit nach dem Tode ihres Vaters die Freiheit. Nach dem ausdrücklichen Willen des Verstorbenen wurde ein grosses Begräbnissmahl veranstaltet, bei dem der Todte im Sarge selbst präsidirte und woran alle Honoratioren des Distriktes theilnahmen. Nach dem Essen wurde die Leiche in einem in aller Eile auf ebener Erde aufgemauerten viereckigen Behälter aus Backsteinen beigesetzt, wo zwischen der Mühle und dem Kochhause die Sklaven sein Monument beständig im Auge haben.
[6]: Der Kwi Kwi (Callichys subulatus) ein 6-7 Zoll langer Fisch, zum Geschlechte der Welse gehörend, ist über den ganzen Leib mit hornigen, harten Schienen, wie mit einer Art Panzer, bedeckt. Der Kopf ist breit, der Mund und die Augen sehr klein und unter dem Munde sind vier Fühlfäden oder Bärtel, wie bei den Barben. Die Kiemenflossen werden bei ihm durch 1½ Zoll lange krumme Hacken oder Knochen ersetzt, mit denen er kneipen kann; eine ähnliche rechtstehende ist auf dem Rücken. Gefangen gibt er einen trauernden Laut von sich, der durch das Reiben dieser Hacken und seiner Panzer entsteht. Wenn die Sümpfe eintrocknen, so verkriecht er sich so tief, wie möglich, ins feuchte Erdreich, bis die Regenzeit eintritt. Auch erzählen die Indianer, dass er, wenn ein Sumpf austrockne, mehrere hundert Schritte über Land krieche, um wasserreichere Stellen zu suchen, was ich gerne glauben will.
[7]: Die Menge Schnepfen oder Strandläufer auf den Schlammbänken längs der See und in den angrenzenden Morästen übersteigt allen Glauben. Man sieht mit aufkommender Fluth Wolken dieser Vögel, die wirklich auf kurze Zeit die Luft verdunkeln. Ein Schuss mit feinem Hagel schlägt manchmal 2-300 nieder. Die kleinen, nicht viel grösser als eine Schwalbe, sind die zahlreichsten. – Ich ging einmal bei einbrechender Nacht vom Posten Oranje über eine solche nur spärlich mit niederen Gesträuchen bedeckte Schlammbank, um zu meinem Boote, das in einer kleinen Kreek am Meeresufer lag, zu kommen. Es hatte sich auf dieser Bank ein Schwarm solcher kleiner Schnepfen zum Schlafen gesetzt und war durch mich aus seiner Ruhe aufgejagt; der ganze Schwarm flog ohne alle Ordnung auf und flatterte um mich herum. Hunderte habe ich vielleicht zertreten und die Flügelschläge einer solchen Menge Vögel verursachte eine Hitze und Beklommenheit, dass ich herzlich froh war, als ich dieses Schnepfenheer im Rücken hatte. Die Indianer wissen ebenfalls die Schnepfen durch leises Pfeifen zu locken. – Ich konnte nie erfahren, wo diese Vögel nisten; wahrscheinlich wohl auf den mehr südlicher liegenden Inseln der Mündung des Amazonenstromes.
[8]: In der Trockenzeit des Jahres 1849 zeigten sich die Moschusenten in unserer Kolonie und im französischen Guyana besonders zahlreich. Es wurden in Paramaribo mehr zu Markte gebracht, als seit Menschengedenken geschah. In der ganzen Kolonie herrschte dieser Ueberfluss. Dabei waren die Enten so fett und schwer, dass sie einer Gans an Gewicht so ziemlich gleich kamen. Die Indianer brachten mir viele, sowohl frisch als geräuchert. Auf Mana liessen die Neger alle Arbeit liegen und schossen Enten, die man zuletzt nicht mehr kaufen wollte. Dennoch ist die Moschusente bei uns kein Zugvogel und ich kann mir bloss diese Menge dadurch erklären, dass vielleicht in anderen Gegenden Südamerika's eine ungewöhnliche Regen- oder Trockenzeit diese Vögel nöthigte, ihre Nahrung anderswo zu suchen.
[9]: Unter der Menge von Wespen-artigen Insekten, die, was Verschiedenheit von Sorten und Anzahl betrifft, im Verhältniss zu Europa hier gewiss wie 25 zu 1 vorkommen, ist eine Art besonders lästig und gefährlich. Man nennt sie schlechtweg Marabonzen (die Franzosen nennen sie Mouche à drague). Sie halten sich vornehmlich in Häusern auf, die wenig oder nicht bewohnt sind, oder in den Zuckermühlen und machen ihr Nest aus verfaultem Holze, das sie von den Schindeln abnagen. Es gleicht einer grauen Masse von Fliesspapier und wird an den Dachsparren oder Gesimsen befestigt. Die Zellen öffnen sich nach unten und haben keine äussere Schutzumgebung, wie die der Wespen, auch keine Etagen. Die Wespe selbst nährt sich von Zucker, Blumensäften und Früchten, ist von der Grösse einer Hornisse, braunroth, hat einen schwerfälligen Flug und gibt einen angenehmen, aromatischen Geruch von sich. Ihr Stich verursacht beinahe immer gefährliche Entzündungen und Fieber. Wo sich diese Insekten eingenistet haben, sind sie eben so schwierig zu vertreiben, als die durch ihren widerwärtigen Geruch und Schmutz lästigen Fledermäuse.
[10]: Der Lokusbaum (Hymenaea courbaril) wächst meistens auf Sandritzen und erreicht einen Durchmesser von manchmal 6 Fuss. Sein rothes, schweres Holz nimmt eine herrliche Politur an und wird zu Meubles und Maschinen verwendet. Am Stamme und an den Wurzeln findet man bei alten Bäumen in grossen Klumpen den Copalgummi, der zu Firnissen verwandt wird. Die Frucht ist eine manchmal 6 Zoll lange und 2 Zoll breite rothbraune Schote, die mit einem trockenen, gelben, süssschmeckenden Mehle angefüllt ist, in dem sich die harten braunen Bohnen befinden. Es hat den Geschmack des Johannisbrodes.
[11]: Die Awara-Palme (Astrocaryou vulgare) wächst stets im Sandboden und liefert dem Indianer Manches in seine Haushaltung. Der Baum wird manchmal 30 Fuss hoch, ist über und über mit 4 Zoll langen, sehr spitzen, schwarzen Stacheln bedeckt und die Krone theilt sich in 12-15 etwa 25 Fuss lange gefiederte Blätter. Die Blattstiele, so wie die Seiten der Blättchen, die etwa 4 Fuss lang und 1 Zoll breit sind, sind ebenfalls dicht mit Stacheln bedeckt, so dass man keinen Theil der Pflanze berühren kann, ohne sich zu stechen. Die Samenkapsel ist etwa 3 Fuss lang und 1½ Fuss breit, oval und braunroth von Farbe. Die Frucht, von der Grösse einer welschen Nuss, ist mennigroth und besteht aus einem süssen, sehr fetten Fleische, das den harten, schwarzen, runden Stein umgibt. Der Fruchttross enthält mehrere Hunderte solcher Nüsse, die im Monat Februar reifen. Die Indianer stampfen in einem hölzernen Mörser das Fleisch von den Steinen und pressen in einem Madappi das rothe Oel aus, das sie zum Schmieren der Haare gebrauchen. Die Früchte werden vom Wild gerne gefressen und die Schweine werden besonders fett davon. – Aus den noch nicht ganz entwickelten Blättern machen die Indianer Fächer u. s. w.