3. Entwicklungsgeschichte des Arzneidrogenschatzes.

Die Entwicklungsgeschichte des Arzneidrogenschatzes vollzog sich in folgenden großen Zügen (das Detail im historischen Teile). Die von den Ägyptern, Babyloniern und Juden im Altertum benutzten Drogen (Mastix, Ladanum, Lein, Mohn, Sesam, Ricinus, Coriander, Faenum graecum, Gummi, Myrrha, Weihrauch, Galbanum, Curcuma), zu denen China den Zimt, Vorderasien noch den Safran, das Olivenöl und Aloeholz, die Phönizier durch ihre Handelsbeziehungen Aloe und Ingwer, sowie den Costus beisteuerten, kamen auf die Griechen, die den Arzneischatz nicht sehr vermehrten; die Züge Alexanders brachten ihnen aber z. B. den Pfeffer. HIPPOKRATES kannte nur etwa 60 pflanzliche Simplicia (darunter Scilla, Nieswurz, Mandragora und Opium — durch Pressen gewonnen), durch die Weltherrschaft der Römer, die sie mit fast allen bekannten Völkern in Berührung brachte, stieg der Bestand des Arzneischatzes rasch und DIOSCURIDES kannte schon ca. 800 Arzneipflanzen (darunter Absinth, Agaricum, Kalmus, Bdellium, Cardamomen, Iris, Levisticum, Salep). Auch das Süßholz, Cort. granati, Euphorbium, Castoreum, Sandarac, Scammonium, Terebinthina, Traganth, Succus liquiritiae, Styrax und Rhiz. filicis wurden damals bekannt Diesen fügten dann die Araber Tamarinden, Fruct. Sennae, Rhabarber, Myrobalanen, Sem. strychni, Cubeben, Nelken, Narde, Galgant, Campher hinzu. Im späteren Mittelalter trat dann noch Cina dazu und nun kamen auch die zahllosen heimischen Arzneipflanzen zu Ehren (Pimpinella, Anis, Althaea, Mentha, Petroselinum, Rosmarinus, Ruta, Salvia, Sinapis, Inula, Thymus, Valeriana, Aconitum, Conium, Daphne, Angelica), einige derselben als Ersatz orientalischer Drogen, also vom Charakter der Paralleldrogen (z. B. Carum carvi für Cyminum). Die Schule von Salerno brachte die schon früher bekannte Asa foetida und Ammoniacum zu Ehren und fügte Benzoe, Fol. Sennae, Macis und Sanguis draconis hinzu, die Kreuzzüge die Agrumi (Citrusarten), Zuckerrohr, Baumwolle und Datteln. Die Entdeckung des Seeweges nach Ostindien führte dem Arzneischatz Sternanis, Tee (1638), Colombowurzel, Coccelskörner und Gutti zu.

Die wertvollste Bereicherung brachte die Entdeckung Amerikas, durch welche Europa viele neue Drogen erhielt (Chinarinde, Ipecacuanha, Jaborandi, Cacao, Tabak, Peru-, Tolu- und Copaivabalsam, Jalape, Vanille, Sabadilla, Guajac, Cascarilla, Elemi, Capsicum, Piment, Campeche und Fernambuc, Sassafras, Sarsaparille, Serpentaria, Orlean, Rhiz. podophylli).

Da zu den altüberlieferten und amerikanischen nun auch noch immer mehr einheimische Arzneidrogen traten, erreichte der pflanzliche Arzneischatz Europas im XVII. und XVIII. Jahrh. seinen Höhepunkt (s. oben S. 17). Im XIX. Jahrh. trat ein Rückschlag ein, der zunächst zu einem Zustande des Drogen-Nihilismus, dann aber, als wertvolle neue Drogen gefunden wurden, zu einer Gegenreaktion führte. Die Drogen kommen jetzt wieder zu Ehren. Die Entdeckung Australiens brachte das Acaroid, die Neu-Seelands das Kauriharz.

Das XVIII. Jahrh. fügte von wertvollen Drogen Lignum quassiae (1730 resp. 1742), Rad. Senegae (1738 TENNENT), Rad. ratanhia (1746 REIF), Capaloe (1773), Herb. menth. pip. (1705 DALE, 1724 RAY), Ol. cacao (1719 DE QUELUS), Rhiz. podophylli (1731 CATESBY), Ol. cajeputi (1731), Cort. simarubae (1718), Spigelia marylandica (1739), Kino (1757), Cort. salicis (1763 als Chinaersatz), Rad. calumbae (1771), Ol. jecoris (1782), Cort. Geoffroyae und Angosturae (1788), Ol. menthae pip. dem Arzneischatze ein.

Das XIX. Jahrh.: Rad. ratanhiae (1816), Cubebae (1818), Herb. lobeliae (1813 CUTLER, 1830 in Deutschland), Malabarkino (1811), Glandulae lupuli (1813), Ol. crotonis C(1819 ONWELL, 1830), Kusso (1822 BREYER, 1834), Bucco (1821), Spilanthes (1823), Fol. Matico (1827 in Amerika, 1839 in Europa eingeführt), Quassiabecher (1835), Copalchi (1817), Sem. Calabar (1863 FRASER), Coca (1860), Dammar (1820, resp. 1827), Guttapercha (1845 resp. 1847), Kautschuk (1840) und Balata (1860), Quebracho (1879), Condurango (1871), Coto, Boldo, Damiana, Rad. Gelsemii (1830), Eucalyptus (1866), Guarana (1817 CADET GASSICOURT), Penghawar Djambi, Cascara Sagrada (1877, resp. 1883), Kamala (1841), Japanwachs (1846), Herb. cannab. ind. und Rad. sumbul (1847), Piscidia erythrina (1835), Ol. sinapis (1836), Styrax (1865), Carrageen (1831 resp. 1834), Laminaria (1834), Sem. strophanthi (1860), Cort. adstringens, Araroba (1874), Palmöl (1827), Patchouli (1825, resp. 1844), Rad. ozizabae (1833), Tampicojalape (1863), Tupeloholz (1879), Balsamum Dipterocarpi (1842), Cera japonica (1834), Gallae chinenses (1845), Fol. jaborandi (1871), Chrysarobin (1874), Cort. quillajae (1857), Rhiz. hydrastidis (1833 in Amerika, 1884 in Europa), Sem. arecae (1803), Carnaubawachs (1846), Anacahuit (1860).

Fig. 7.
Die Erdteile bringen der thronenden Medizin ihre Gaben an Arzneipflanzen und Tieren dar. Verkleinertes Titelblatt der Pharmacopoea regia des Charas (1684).

Neuesten Datums sind: Cort. quillayae, Cort. Simarubae (erneut aufgekommen), Cort. winteranus, Cort. piscidiae erythrinae (Dogwood Bark), Cort. gossypii radicis (Cotton Root Bark), Agar-Agar (1885), Fol. Boldo, Fol. liatris, Mate, Sem. Colae (1880), Rhiz. podophylli, Syzygium Jambolanum, Cort. hamamelidis (Witch Hazel Bark) und Fol. hamamelidis, Cort. monesiae, Cort. rhois aromaticae, Cort. Yohimbéhé, Herb. grindel. robust., Herb. capillor. canad., Yerba Santa, Rad. Kawa Kawa, Rad. Manaca, Ustilago Maidis.

Noch wenig studiert ist die Abhängigkeit der Entwicklung des Arzneidrogengebrauches von Klima und Boden. Nur bezüglich der Fiebermittel wissen wir Einiges.

Eine sehr bemerkenswerte Erscheinung ist die, daß altbekannte Drogen oft lange Zeit vergessen waren, dann aber von neuem entdeckt und wieder zu Ehren gezogen wurden.

So kamen z. B. Conium, Aconit, Hyoscyamus, Stramonium, Datura und Veratrum, die lange vernachlässigt wurden, 1760 wieder durch STÖRCK zu Ehren, das schon den Ägyptern bekannte, dann lange vergessene Ricinusöl 1764 durch CAUVANE, die schon CELSUS bekannte Cort. granati 1805 durch BUCHANAN, der von den Arabern längst benutzte indische Hanf 1839 durch O’SHANGHNESSY, die schon seit Jahrhunderten bekannte Digitalis erst 1785 durch WITHERING, die Fructus quercus und das Ledum palustre erst 1774, die schon 1671 von REDI beschriebene, dann vergessene Colombowurzel 1773 durch PERCIVAL, die schon von TABERNAEMONTANUS angewandte Viola tricolor erst 1782 durch STRACK von neuem zu Ehren. Auch das schon den Alten (und auch in China) bekannte, dann von LONICERUS (1582), THALIUS (1588) und CAMERARIUS (1709) angewendete Mutterkorn wurde eigentlich erst im XIX. Jahrh. Arzneimittel, der Giftlattich und das Lactucarium waren schon den Alten bekannt, gerieten dann in Vergessenheit und wurden erst Anfang des XIX. Jahrh. wieder arzneilich benutzt. Styrax war lange vergessen und wurde erst wieder seit der Mitte des XIX. Jahrh. medizinisch beachtet. Auch die schon den Alten wohlbekannte Herbstzeitlose ist erst in neuester Zeit wieder — als Gichtmittel — zu Ehren gekommen, trotzdem der Samen schon 1820 (die Knollen 1763) empfohlen wurden.

Das den Alten auch bezüglich seiner taeniciden Wirkung wohlbekannte Filixrhizom wurde jahrhundertelang wenig beachtet und erlangte erst seit Einführung des Extr. filicis aethereum (1825) wieder Bedeutung, wie das Mutterkorn durch die Darstellung der Ergotin Bonjean (1842).

Vom Aconit, der den Alten wohlbekannt, dann lange vernachlässigt war, werden die Blätter seit 1762, die Knollen erst in unserer Zeit als Arzneimittel benutzt.

Die Cubeben, im Mittelalter als Gewürz beliebt, wurden dann vergessen und kamen erst 1818 wieder zu Ansehn, und zwar als Arzneimittel.

Das Opium, den Alten bekannt und gut von dem μηκώνειον, dem Extrakte der ganzen Mohnpflanze, unterschieden, ist während des ganzen Mittelalters vernachlässigt worden und erst in neuerer Zeit, seit SERTÜRNER in ihm (1811) das Morphin entdeckt hatte, mehr beachtet und dann bald als eines der wichtigsten Heilmittel erkannt worden. Es gehört jetzt zu den sex principes simplicium: Rhabarber, Ipecacuanha, Chinarinde, Opium, Digitalis, Secale cornutum.

Oft hat übrigens ein Wechsel in der Benutzung der Organe einer Arzneipflanze im Laufe der Jahrhunderte stattgefunden. So wurde im Altertum das Öl der Samen von Hyoscyamus, nicht der Same, im Mittelalter vorwiegend die Blätter, Samen und Wurzeln von Verbascum, nicht die Blüten und von der Malve die Samen und die Wurzel, nicht die Blüten und Blätter verwendet (vgl. die CORDUS-Liste im historischen Teil).

Auch sonst ist bei den Drogen bisweilen ein Wechsel in der botanischen Herkunft zu konstatieren. So wurde ursprünglich (vom VI. Jahrh. an) der Borneo- (Dryobalanops-)Campher, später (vom XVII. Jahrh. an) der Laurineen-Campher in Europa benutzt. Das Drachenblut der Alten stammte von Dracaena cinnabari, das jetzt im Handel befindliche stammt von Daemonorops Draco. Wahrscheinlich wurde auch die Aloe der Alten von einer anderen Aloe bereitet als die heutige. Die im Altertum benutzten Cardamomen waren nicht die von uns gebrauchten von Elettaria Cardamomum, sondern die anderer Arten. Unter Styrax verstand man im phönizischen Altertum das feste Harz von Styrax officinalis, erst seit dem VI. Jahrh. den flüssigen Balsam von Liquidambar orientalis. Das Altertum verwendete als Bilsenkraut hauptsächlich Hyoscyamus albus, als Stechapfel besonders Datura Metel.

Natürlich hat auch die Wertschätzung einzelner Drogen im Laufe der Zeit so abgenommen, daß sie jetzt als obsolet zu betrachten sind oder doch nur noch in geringem Ansehn bei der Schulmedizin stehen. Der im Altertum und Mittelalter hochgeschätzte Meccabalsam, das ehedem mit Gold aufgewogene Silphium, der Costus, die edle Narde, die ewige Jugend bringende Soma, die heilige Mistel, die Myrobalanen und die vielgepriesene Mandragora sind jetzt ganz oder fast ganz vergessen, und auch Guajac, Sarsaparille und Tubera chinae, an die sich im XVI. Jahrh. so außerordentliche Hoffnungen für die Behandlung der Syphilis knüpften, sind durch das Quecksilber entthront. Nur das Volk, das zäh an seinen Gewohnheiten festhält, und die Naturheilkünstler benutzen noch die zahllosen Kräuter unserer Flora, die im XV. bis XVIII. Jahrh. so hoch gepriesen und auch von der damaligen Schulmedizin so viel angewendet wurden; übrigens zweifellos mehr Wirksames enthalten, wie man heute gewöhnlich meint.

Auch vom Arzneischatze kann man sagen: πάντα ῥεῖ. Es ist alles im Fluß. Altes versinkt, neues taucht auf und wird durch neuestes verdrängt, bis man wieder zum Alten greift und Vergessenes zu neuen Ehren bringt. Es ist ein ständiges auf und ab. Ein Allheilmittel, ein wahres Opopanax (von ὀπός Saft, πᾶν und ἄκη Heilmittel), ein Saft, der alle Krankheiten heilt, ist noch nicht gefunden und kann nie gefunden werden.

Contra vim mortis nulla herba in hortis! steht schon im Regimen sanitatis.

Der Herr läßt die Arznei aus der Erde wachsen und ein Vernünftiger verachtet sie nicht.

Sirach 38, 4.