2. Paralleldrogen und Quid pro quo.
Die Organisation der menschlichen Rassen ist so wenig verschieden, daß auf der ganzen Erde bei allen Menschen ungefähr die gleichen Bedürfnisse nach bestimmten Genuß- und Heilmitteln bestehen. Da jedoch die Flora der Erde, die diese Genuß- und Heilmittel liefert, nicht überall dieselbe ist, so findet man auch nicht überall die gleichen Heilpflanzen. Das bestehende Bedürfnis kann nun auf doppelte Weise befriedigt werden, entweder durch Einfuhr der Droge von außen oder durch Aufsuchen von Paralleldrogen in der Heimat.
Die Einfuhr der Droge setzt das Bestehen von Handelsbeziehungen voraus. So gelangten viele wertvolle Drogen und Gewürze schon im Altertum aus Indien und Afrika in die Mittelmeerländer. Der Costus, der Weihrauch, die Myrrha, die Asa foetida, der Zimt sind im Mittelmeergebiet nicht heimisch. Aber oft genug haben ganz isoliert wohnende Völker, von einem natürlichen Instinkte geleitet, von sich aus Heil- und Nutzpflanzen in der Flora ihrer Heimat aufgefunden, die in der Wirkung im allgemeinen mit denen übereinstimmten, die andere ebenso isoliert wohnende in ihrer Heimat auffanden. So entstanden, aus demselben Bedürfnisse geboren, die Paralleldrogen. Das klassische Beispiel bilden die Glieder der Gruppe der Purindrogen, die sämtlich, wie wir jetzt wissen, ihre Wirkung Purinkörpern verdanken. Das wußten aber die Völker nicht und wissen es auch heute nicht. Der Abyssinier hat die Kaffeepflanze, der Assamit den Teestrauch, der Zentralafrikaner die Kolanuß, der Bewohner des Amazonasgebietes die Guarana, der Zentralamerikaner den Kakao, der Brasilianer den Mate aufgefunden und in Benutzung genommen, ohne davon eine Ahnung zu haben, daß anderwärts Drogen mit ähnlichen Bestandteilen und ähnlicher Wirkung in ähnlicher Weise benutzt werden. Es bestand ein Bedürfnis nach Anregungsmitteln und dies wurde aus der Flora des eigenen Landes gedeckt. Ein natürlicher Instinkt leitete das Volk und eine lange, einzelne Erfahrungstatsachen allmählich summierende Erfahrung tat das übrige. Ähnlich ist es mit den Bandwurmmitteln der Filixgruppe. Hier sehen wir in Europa Aspidium Filix Mas, in Finland und Schweden Aspidium spinulosum, in Südafrika Aspidium athamanticum (die Panna), in Nordamerika Aspidium marginale und goldieanum dem gleichen Zwecke dienen, ohne daß das eine Volk vom anderen und seinen Bandwurmmitteln etwas wußte. Ähnlich verhält es sich mit den Terpentinen, dem amerikanischen, französischen und Tiroler (Lärchen-) Terpentin; mit dem kleinasiatischen, dem amerikanischen und Formosa-Styrax; mit Podophyllum Emodi in Indien und Podophyllum peltatum in Amerika; mit Cort. frangulae und Cascara Sagrada; mit der Rhiz. veratri alb. Europas und der Rhiz. veratri virid. in Amerika. Die genannten sind Paralleldrogen, ein Ausdruck, der, soviel ich weiß, zuerst von HARTWICH in dem Buche «Die neuen Arzneidrogen» (Berlin 1897) benutzt wurde. Der Ausdruck Ersatzdrogen, den HARTWICH auch benutzt, ist weniger glücklich gewählt, da er voraussetzt, daß die eine die Hauptdroge, die andere das Ersatzmittel, gewissermaßen also nur ein Surrogat ist.
Die oben erwähnten Beispiele stellen also nur eine besondere Form der Paralleldrogen dar. Sie wurden gewissermaßen unbewußt gefunden. Man ging nicht etwa darauf aus, ein Bandwurmmittel oder ein Anregungsmittel zu suchen und musterte die ganze Flora daraufhin durch, sondern man beobachtete wohl einmal bei einem ganz gelegentlichen Genusse die eigenartige Wirkung, verfolgte die Sache weiter und kam so in den Besitz des Mittels.
Diesen aus dem Volke heraus geborenen Paralleldrogen stehen nun die bewußt gesuchten gegenüber. Dieselben datieren aus neuerer Zeit, sind aber zahlreicher als die vom Volke gefundenen, allerdings dafür auch in ihrem Werte umstrittener. Zu den Genußmitteln und Taeniciden traten die Herzmittel, die einen Ersatz der Digitalis oder eine verbesserte Auflage derselben bilden sollten, die Abführmittel «ohne schädliche Nebenwirkung», die Stomachica, die Diuretica u. a. m. Aber nur wenige derselben haben sich bisher behauptet und sind als ein bleibender Erwerb des Arzneischatzes zu betrachten. Immerhin soll auch ihnen im Folgenden Aufmerksamkeit gewidmet werden. Bestrebungen, die erst der neuesten Zeit angehören, sind die, welche darauf abzielen, für natürliche Pflanzenstoffe künstliche Ersatzmittel synthetisch darzustellen. So hat man für Chinin, Emodin u. and. Ersatzmittel darzustellen versucht, ist aber meist zu ganz neuen pharmakologischen Individuen gelangt mit neuen Eigenschaften. Diese Bestrebungen liegen schon außerhalb des Rahmens der Pharmakognosie.
Der Heilpflanzenschatz des Volkes ist noch lange nicht ausgeschöpft und für die Heilkunde wirklich nutzbar gemacht. Wenn die wissenschaftliche Medizin wieder mehr als heute zu den Drogen zurückgekehrt sein und die lange Liste, die DRAGENDORFF in seinen Heilpflanzen mitteilt, vorurteilslos durchmustern wird, dürfte sie manch eine finden, an der man jetzt während der Jagd nach neuen chemischen Heilmitteln achtlos vorübergeht. Dann werden sich nicht nur Paralleldrogen, sondern ganz neue pharmakologische Individuen finden, die aller Beachtung wert sind. Denn auch die Paralleldrogen sind doch niemals miteinander ganz identisch, sind nur ähnlich und jede zeigt wieder ihre besonderen Eigenheiten. Kaffee, Tee, Kakao, Guarana, Kola und Mate enthalten zwar alle Körper der Puringruppe, aber die begleitenden anderen Substanzen modifizieren so außerordentlich die Wirkung, daß keines dem anderen gleicht.
Nicht nur bei uns aber finden sich noch brauchbare, wenig beachtete Heilpflanzen, auch in den übrigen Weltteilen hat das Volk vieles entdeckt, was der wissenschaftlichen Heilkunde von Nutzen sein kann. Es gab aber auch wenigstens ehedem Leute, die die z. B. aus der Entdeckung Amerikas und der Auffindung des Seeweges nach Ostindien herrührende Vergrößerung des Arzneischatzes mit kritischen Augen ansahen und sich nichts Gutes davon versprachen, daß die Bewohner gemäßigter Klimate mit tropischen Heilmitteln behandelt wurden.
Auch PARACELSUS bemerkt: «Wie kann man Krankheiten, die in Deutschland auftreten, durch Arzneimittel heilen, die Gott am Nil wachsen läßt».
Die uns heute so merkwürdig anmutende Idee, daß die Heilmittel der Völker, die in gemäßigten Klimaten wohnen, nur im gemäßigten Klima gesucht werden dürfen, und daß die Pflanzen der Tropen nur Heilmittel für tropische Völker sein können, war im Beginn des XVI. Jahrh. weit verbreitet.
«Dieu et nature ont donné à chascune province ce que est nécessaire pour la vie de celle region: car Dieu et nature ne abondent en choses superflues ne délaissent en choses nécessaires et utiles aux vivans», sagt z. B. SYMPHORIEN CHAMPIER, der Verfasser des Myrouel des Appothiquaires, Lyon 1532 (oder 1533).
Dies merkwürdige Buch — eine spätere Auflage trägt den Titel «Le Mirouer des Apothiquaires» — ist von dem Lyoner Arzte CHAMPIER (Campese, Champerius, Camperius, Campegius, Campesius) (* 1471, † 1540) verfaßt und uns durch DORVEAUX (Paris, Welter 1895) zugänglich geworden. Er hält dem Apotheker (Apothecarius, Pharmacopola) einen Spiegel (Myrouel = miroir) vor und weist, kräftig polemisch, auf zahlreiche wirkliche oder vermeintliche Irrtümer in der materia medica hin. Aber nicht nur in diesem, mehr noch in anderen Werken: Castigationes (Lyon 1532), Hortus gallicus (Lugdun. 1533), De gallica theriaca (Lugdun. 1533) vertritt CHAMPIER die Ansicht, daß man die Heilmittel für Frankreichs Söhne in Frankreich suchen müsse. Er macht auch die verschiedensten Vorschläge. In den beiden letztgenannten Werken finden sich Kapitel «Analogia Medicinarum Judarum et Gallicarum» — «Simplicia quae maxime valent contra veniem et quae in Gallia reperiuntur». Lärchenschwamm soll den Rhabarber, Flieder die Aloe, Helleborus das Scammonium, die Pflaumen die Tamarinde ersetzen.
Das war nun freilich auch im XVI. Jahrh. nichts Neues mehr. Denn bekanntlich besitzen wir schon von GALEN ein (übrigens wahrscheinlich unechtes, d. h. ihm nicht zuzuschreibendes) Werk, περὶ ἀντεμβαλλομένων, und auch die Araber (wie z. B. AVICENNA und ABUL MUNA in seinem Minhag ed dukkân) und die ganze Salernitaner Schule lehrten, daß die Verwendung der naturgemäß meist (aber nicht immer) der heimischen Flora entnommenen Succedanea quid pro quo oder Antiballomena zulässig sei. Dem Antidotarium NICOLAI war gewöhnlich ein Tractatus quid pro quo angehängt, ebenso dem Ricettario fiorentino und dem Dispensatorium des CORDUS, in dem z. B. (Autor: SYLVIUS) als erlaubt bezeichnet wird bittere Mandeln durch Absinth, Coloquinten durch Ricinus, Ingwer durch Pyrethrum, Zedoaria durch Aristolochia zu ersetzen. Und auch in dem Compendium aromatariorum des SALADIN VON ASCOLO (XV. Jahrh.), «dem ersten wirklichen Apothekerbuche in unserem modernen Sinne», ist als vierter Abschnitt ein quid pro quo eingefügt. Anfänge eines quid pro quo finden wir übrigens schon in einem griechischen Zauberpapyrus, den LEEMANN und DIETERICH bekannt machten. In ihm finden sich auch Arzneidoppelbenennungen. Die Umnennung von Arzneistoffen in Rezepten ist also schon altägyptisch (OEFELE).
Auch noch in späterer Zeit sind Bestrebungen aufgetaucht, die ausländischen Drogen durch heimische zu ersetzen. TABERNAEMONTANUS vertrat in seinem Kräuterbuch diese Idee in Deutschland,BARTHOLINUS in der Epistola de simplicibus medicamentis Hafn. 1669 in Dänemark, BEVEROVICIUS in Holland, JEAN PRAEVOTIUS in Italien. Aus der Schweiz stammt ein Schriftchen von JAC . CONSTANT DE REBECQUE «Essay de la Pharmacopée des Suisses: En laquelle l’on prétend faire voir que les Médicaments qui naissent en Suisse ou d’eux mêmes ou par artifice, sont suffisans pour composer une Pharmacopée entière et pour la guerison de toutes les maladies du Corps humain, Berne 1709», und aus Belgien: FRANÇOIS XAVIER BURTIN’s «Mémoire sur la question: Quels sont les végétaux indigènes que l’on pourrait substituer dans les Pays-Bas aux végétaux exotiques relativement aux différens usages de la vie? Bruxelles 1784», sowie PIERRE ENGELBERT WAUTERS gekrönte Preisschrift «Repertorium remediorum indigenorum exoticis in medicina substituendorum, Gaud. 1810», und «de plantis belgicis in locum exoticarum sufficiendis, Gaud. 1785».
Besonders aber in Frankreich fand die Lehre von der Ersetzbarkeit der ausländischen Simplicia durch einheimische auch dann noch Vertreter, als Frankreich selbst schon Kolonien besaß; ja bis in die allerneueste Zeit. Außer CHAMPIER (s. oben) traten besonders dafür ein ANTOINE CONSTANTIN GARIDEL (Histoire des plantes, Aix 1715), sowie COSTE und WILLEMET (Matière médicale indigène ou traité d. plant. nation. substit. avec succès à des végét. exot., Nancy 1793), ferner P. H. H. BODART (Cours d. bot. méd. comparée ou exposé des substances végétales exotiques comp. aux plant. indigènes, Paris 1810) und J. L. A. LOISELEUR-DESLONGCHAMPS (Flora gallica 1806, Hist. médic. des succédanées 1830 und Herbier général de l’amateur 1816, 1832 und 1839), sowie in neuester Zeit F. J. CAZIN in seinem Traité pratique et raisonné de l’emploi des plantes médicinales indigènes (Paris 1850. Fünfte Auflage 1886) und GRIBAULT und BOUYSSONS in den Plantes médicinales indigènes (Paris 1905). Und der Apotheker MOUCHON hat 1856 ein Schriftchen verfaßt: Monographie des principaux fébrifuges indigènes considérés comme succédanés du quinquina, in dem er eine ganze Reihe von Ersatzmitteln der Chinarinde aufführt, die aber alle nicht im entferntesten dies Standard-Heilmittel ersetzen können.
Dem Aufsuchen eines heimischen Ersatzmittels für den teuren indischen Zucker aus Zuckerrohr verdankt ja auch die Rübenzuckerindustrie ihre Entstehung. MARGGRAF fand 1747 dieselbe Zuckerart (Rohrzucker) in vielen heimischen Pflanzen.
Das Bestreben, den Arzneibedarf des Landes im Lande selbst zu decken, tritt auch in unserer Zeit vielfach hervor. «Schutzzoll!» «Schutz für die heimische Industrie» sind Schlagworte geworden. Und so tönt denn auch da und dort auch der Ruf: «Fort mit den ausländischen Arzneipflanzen! Decken wir den eigenen Bedarf im eigenen Lande!» Solche Bestrebungen treten z. B. neuerdings in Nordamerika hervor. In Frankreich in dem erweiterten Sinne, daß die These: «Alles aus Frankreich und seinen Kolonien!» auch in allerneuester Zeit von vielen. z. B. von HECKEL, verfochten wird. Der Chinese verwendet seit Jahrhunderten fast nur chinesische Drogen, wenigstens nur solche, die in China gebaut werden. Der Drogenschatz Chinas hat seit Jahrhunderten keine Bereicherung von außen her erfahren.
Der Sache liegt ja ein brauchbarer Gedanke zugrunde, indem bei uns besonders in der letzten Zeit die fremden Drogen gegenüber den einheimischen über Gebühr bevorzugt wurden — man verfiel eben in das entgegengesetzte Extrem — und sicher auch die heimische Flora manch brauchbares Arzneimittel liefern kann. Ich erinnere nur an das ganz obsolet gewordene Equisetum, das ein ganz ausgezeichnetes Diureticum ist. Aber wer wollte heutzutage auf Rhabarber und Aloe, China und Ipecacuanha, Calabarbohnen und Coca, Strophanthus und Cubeben, Hydrastis und Senna, die sicher alle den alten Ehrentitel der «medicinae benedictae» verdienen, verzichten? Gewiß kann man in manchen Fällen Cascara Sagrada durch Rhamnus Frangula ersetzen und auch an den Anbau von Rheum palmatum in einigen Gebirgen Europas denken — wozu schon CONSTANT 1709 riet —, aber die einheimischen Pflanzendrogen sind doch nicht eigentlich Ersatzmittel der ausländischen, sondern besondere, in vielen Fällen gewiß sehr der Beachtung werte pharmakologische Individuen und die tropischen Heilpflanzen lassen sich nie und nimmermehr bei uns kultivieren.
Bei einem Heilmittel frägt man heutzutage nicht mehr woher es kommt, sondern ob es wirksam ist.
Eine sehr originelle Bestimmung hat das Indian and Colonial Addendum der British Pharmacopoeia. Es führt offizielle Ersatzmittel einiger in der britischen Pharmacopoee enthaltenen Drogen auf, die aber nur in den jeweils näher bezeichneten Teilen des britischen Weltreiches als Ersatz dispensiert werden dürfen. Das Addendum stellt folgende Zonen auf:
1. Indien, 2. Afrikanische Kolonien, 3. Australische Kolonien, 4. Östliche Kolonien, 5. Mittelmeer-Kolonien, 6. Nordamerikanische Kolonien, 7. Westindische Kolonien.
So darf z. B. Cort. quercus in 1, 3 und 4 durch Cort. Acaciae, Rad. senegae in 1 und 4 durch das Kraut von Acalypha indica, Chirata in 1 und 4 durch Andrographis paniculata, Rhiz. serpentariae in 1 und 4 durch Stengel und Wurzel von Aristolochia indica, Rhiz. Arnicae in 6 durch Flores Arnicae, Cort. fructus aurantii in 1 und 4 durch die Fruchtschale indischer Citrusarten, Lignum quassiae in 1 und 4 durch die Rinde von Melia azadirachta, Malabar-Kino in 1 und 4 durch das Kino von Butea frondosa, in 3 durch Eucalyptus-Kino, Santonin in 1 und 4 durch Buteasamen, Gambier in 1, 4 und 6 durch Cutch, Rad. Pareirae in 1 und 4 durch die Wurzel von Cissampelos Pareira, Rad. calumbae in 1 und 4 durch die Stengel von Coscinium fenestratum, Folia belladonnae in 1, 4 und 7 durch die Blätter von Datura fastuosa var. alba NEES und D. Metel L., Kusso und Filix in 1 und 4 durch Embeliafrüchte, Secale cornutum in 1, 4, 6 und 7 durch die Wurzel von Gossypium herbaceum, Gummi arabicum in 1 und 4 durch Indisches Gummi von Anogeissus latifolia, Sem. lini durch Plantago ovata, Tub. jalapae in 1 und 4 durch die Samen von Ipomoea hederacea, Gallae in 1 und 4 durch Myrobalanen, Ol. olivarum in 1, 2, 3 und 4 durch Ol. arachidis, Rad. sassafras in 3 durch die Rinde von Cinnamomum Oliveri BAILEY, Rhiz. podophylli in 1 und 4 durch das Rhizom von Podophyllum Emodi WALLICH, Lignum Campechianum in 1 und 4 durch das Holz von Caesalpinia Sappan L., Rad. calumbae durch die Stengel von Tinospora cordifolia, Cortex cuspariae durch die Wurzel von Toddalia aculeata, Tubera Jalapae in 1, 4 und 6 durch Rad. Turpethi, Rad. Ipecacuanhae in 1 und 4 durch die Blätter von Tylophora asthmatica, Bulbus Scillae in 1 und 4 durch die Zwiebeln von Urginea indica, Rad. valerianae in 1 und 4 durch das Rhizom von Valeriana Wallichii DC. ersetzt werden.
Diese Liste stellt also ein ganz modernes, aus dem XX. Jahrh. stammendes Quid pro quo dar, das allerdings durch die enorme Ausdehnung des britischen Reiches bedingt ist und gerechtfertigt werden kann, letzteres allerdings wohl nicht in allen Punkten.
Die Antiballomena oder Succedanea quid pro quo waren ursprünglich nicht pharmakologischen Bestrebungen entsprungen, sondern einer Notlage, die daher kam, daß es für den Apotheker in damaliger Zeit, besonders bei den unvollkommenen Verkehrsverhältnissen, nicht immer leicht war, die in den Dispensatorien vorgeschriebenen vielen Hunderte von Heilpflanzen und Drogen zu beschaffen, die ihm zudem meist nur durch den Namen, den sie trugen, nicht durch eine klare und sichere Beschreibung bekannt waren, deren Namen zudem so wechselnd und in ihrer Synonymie so schwankend waren, daß die Beaufsichtiger der Apotheken im XV. und XVI. Jahrh. jedem Apotheker die Anschaffung eines Synonymariums oder Glossariums zur Pflicht machen mußten. Heutzutage ist die Verwendung der Succedanea mit Recht verboten, da ja bei der geringen Zahl und leichten Beschaffbarkeit, sowie der scharfen Charakterisierung der Drogen ein Notstand nicht besteht. Aber wir können uns doch den in den oben zitierten Werken liegenden fruchtbaren Gedanken zunutze machen und mehr als bisher in der heimischen Flora nach brauchbaren Heilpflanzen suchen. Dort werden sich nicht nur Paralleldrogen und Succedanea längst auch von der Schulmedizin anerkannter Arzneipflanzen, sondern auch neue pharmakologische Individuen finden. Um sie aufzusuchen, brauchen wir nur einmal ein solches altes Verzeichnis der Succedanea, wie es den Antidotarien angehängt zu werden pflegte (s. oben), zur Hand zu nehmen. Da findet sich mancher Fingerzeig.
Auch der andere fruchtbare Gedanke, es mit der Kultur ausländischer Pflanzen bei uns zu versuchen, ist, wennschon, wie erwähnt, nur in beschränktem Maße, diskutabel.
Außer von Paralleldrogen spricht HARTWICH noch von Erweiterungsdrogen. «Sie schließen sich den alten an, übertreffen sie aber in irgend einer Richtung, sei es, daß sie kräftiger und sicherer wirken, sei es, daß ihnen schädliche Nebenwirkungen beim Gebrauche abgehen.» Dahin gehören: Hydrastis, Cascara Sagrada, Condurango, Strophanthus. Die Grenze zwischen den Paralleldrogen und den Erweiterungsdrogen ist vielfach verwischt. Guarana rechnet z. B. HARTWICH zu den Erweiterungsdrogen, ich zähle sie zu den Paralleldrogen. Das gleiche gilt von der Sagrada.
Als Strophanthus und Hydrastis bekannt wurden, begann man überall lebhaft nach neuen Pflanzendrogen zu suchen und in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrh. wurden gegen 1500 neue Drogen aus aller Herren Länder angeboten — meist solche, die in der Volksmedizin der betreffenden Länder in Anwendung waren.