ABSCHIEDSVERSE
1
Mein Lieb, wir müssen uns schicken,
Nun scheid’ ich aus dem Tal:
Laß dir ins Auge blicken
Zum allerletzten Mal!
Ich fürcht’, ich kann nicht zwingen
Das Herz in sein Revier:
Heraus wird es mir springen
Und laufen hinter dir.
2
Gedenke der Tage liebender Lust,
Und ich will denken der Nächte:
Wie du mir ziehst durch die träumende Brust,
Auch ich, auch ich
Durch deine Träume möchte.
3
Ein Meer von Tränen zwischen uns rollt,
Ich kann nicht hinübereilen;
Doch wenn deine Liebe herüber wollt’,
– Die Wogen würden sich teilen.
4
Ach, daß ich einst in dunklen Grabesräumen
Den Ton des Glöckleins über mir erlauschte,
Das leise klingt an deinen Kleidersäumen!
Ach, daß ich noch im Tode mich berauschte,
Wenn du mich grüßt und fragst in meinen Träumen,
Und ich dann Gruß und Frage mit dir tauschte!
5
Du hast einen Mord begangen,
Darum verklag’ ich dich:
Deine roten Lippen und Wangen
Die sollen zeugen für mich!
Deine roten Lippen und Wangen,
Was sind sie denn so rot? –
Nun mußt du schweigen und bangen:
Mein Blut auf deinen Wangen,
Das zeugt von meinem Tod.
6
Willst du wirklich meinen Tod?
Ach, ich bete nur um Leben,
Um es jung und frisch und rot
Deinen Jahren zuzugeben.
Ach, du raubtest mir die Ruh’
Meiner Nächte, süße Fraue!
Leg’ sie dir auf deine Braue:
Schlummre, schlummre du!
7
All’ meine Tränen blieben
Im Feuer deiner Lust,
All’ deine Tränen zerrieben
Die Steine in meiner Brust.
Durch Feuer und Wasser zusammen
Schritt mein zitterndes Herz:
Das waren deine Flammen,
Das war mein weinender Schmerz.
8
Zwischen Bittre, zwischen Süße
Muß mein Herz sich jetzt bequemen:
Honig sind mir deine Küsse,
Bitter ist das Abschiednehmen!
9
Aller Reichtum dieser Welt
Ist mir eitel Trug,
Deiner Lippen rote Schnur,
Deiner Lenden Gürtel nur
Wäre mir genug.
All mein süßer Honig fließt
Dort, wo ich dich küßte,
Meiner Narde sich ergießt,
Alle meine Myrrhe sprießt
Rund um deine Brüste.
10
Der Frauen Ehre ist ihr edles Tun,
Doch alles Tun veredelt sich durch dich.
11
Viel tausend Garben stehen
Wohl in der Liebe Tal:
Vor deiner Garbe beugen,
Vor deiner Garbe neigen
Sich alle allzumal.
12
Unter deinen leichten Füßen
Heimlich süße Keime sprießen,
Balsamknospe, Myrrhenblüt’:
Möchte doch mein Leben glücken
Nur so lange, bis ich pflücken,
Sehen kann, wie alles blüht.
13
Deine Stimme hör’ ich nimmer,
Aber leise hör’ ich immer
Klingen wie ein fernes Grüßen
In den Tiefen meiner Seele
Deine Kettchen an den Füßen.
14
Mein Herz wird bitter,
Da es gedenkt: –
Noch hängt ja, hängt
An den Lippen die Süße,
Noch fühl’ ich die Küsse,
Die du mir geschenkt. –
Wach doch auf aus deiner Ruh;
Daß ich mich an deinem Bilde labe!
Träumest du von Küssen, süßer Knabe? –
Ich kann Träume deuten, du!
Wie die Sonne über Sphären schreitet,
Herrschst du in der Welt mit Kraft und Mut:
Deine Augen wilde Pfeile schießen,
Männerherzen Ströme Blutes fließen:
Mädchen, deine Pfeile treffen gut.
Wilde Blumen stehn in deinem Garten,
Rote Blumen, die das Pflücken wert:
Doch du stelltest zu des Gartens Schutze,
An die Pforte stelltest du zum Trutze
Hin das zuckende, das Flammenschwert.