EIN DIWAN
Übertragen und mit einem Lebensbild
versehen von Emil Bernhard
ERICH REISS VERLAG / BERLIN
1921
DIE DICHTUNGEN
| I. | Gott: | |
| Du Quell des wahren Lebens | [10] | |
| Wenn die Sterne sich entzünden | [10] | |
| Du, Seele, willst ins Vaterhaus | [11] | |
| Mein Leib und Leben | [12] | |
| Um sein Antlitz alle Frommen flehen | [14] | |
| Gottes Hand wird dich beschatten | [15] | |
| Zu dir steht all mein Sehnen | [15] | |
| Hin nach meines Lebens Quelle | [18] | |
| Wenn du allein des Herren harrst | [19] | |
| Halt, o Herz! Wer darf sich wagen | [20] | |
| Knechte der Zeit: – Knechte der Knechte! | [22] | |
| Tag und Nacht will ich den Herren loben! | [22] | |
| Jugend ist wie leichte Flocken | [23] | |
| Mein Gott, ich will dich ehren | [24] | |
| Bevor du mich geschaffen | [27] | |
| Ruhig, ruhig, liebe Seele! | [28] | |
| II. | Israel: | |
| Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft | [30] | |
| Sonn’ und Mond im Wechsel der Geschlechter | [30] | |
| Sei stark und harre deiner Zeit! | [31] | |
| Seit du das Heim der Liebe bist | [32] | |
| Entfessle deine rechte Hand | [32] | |
| In deinem Lichte schläft aller Glanz | [33] | |
| In deinem Haus zu ruhen | [34] | |
| Fauler, wirst du nicht erröten? | [35] | |
| Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort | [36] | |
| III. | Liebe: | |
| Ofra wäscht ihre Kleider | [40] | |
| Ich wiegt’ auf dem Schoße | [40] | |
| Was drängt ihr mich also | [40] | |
| Abschiedsverse: | ||
| Mein Lieb, wir müssen uns schicken | [41] | |
| Gedenke der Tage liebender Lust | [42] | |
| Ein Meer von Tränen zwischen uns rollt | [42] | |
| Ach, daß ich einst in dunklen Grabesräumen | [42] | |
| Du hast einen Mord begangen | [42] | |
| Willst du wirklich meinen Tod? | [43] | |
| All’ meine Tränen blieben | [43] | |
| Zwischen Bittre, zwischen Süße | [44] | |
| Aller Reichtum dieser Welt | [44] | |
| Der Frauen Ehre ist ihr edles Tun | [44] | |
| Viel tausend Garben stehen | [44] | |
| Unter deinen leichten Füßen | [45] | |
| Deine Stimme hör’ ich nimmer | [45] | |
| Mein Herz wird bitter | [45] | |
| Wach doch auf aus deiner Ruh | [45] | |
| Wie die Sonne über Sphären schreitet | [46] | |
| Zum Ruhme der Braut: | ||
| Das Silber läßt sich gründen | [46] | |
| Was wendet sie sich allerwärts | [46] | |
| Dein Gesicht voll Rosen eine Küste | [47] | |
| Wie zwei Abendwölfe fahren | [47] | |
| Keine Nacht besteht vor ihrem Lichte | [47] | |
| Zeigte Liebchen mir die Wangen | [48] | |
| Liebe Sänger, singt den Trauten | [48] | |
| Was geht noch auf die Sonne | [51] | |
| Mög’ des Paares holder Bund | [52] | |
| IV. | Freundschaft: | |
| Fein sänftlich, Freund, bin nicht von Erz | [54] | |
| Sehnt sich deine Seele noch | [54] | |
| Viele schon in meinem Herzen schufen | [56] | |
| Wir kennen Abschied, dich von alten Tagen | [57] | |
| Ist’s der Myrrhe zartes Düften? | [61] | |
| Dieser Schlummer möge währen | [61] | |
| Trank die Erde wie ein Kindlein | [62] | |
| V. | Leben, Leiden, Dichten: | |
| Eine Taube schluchzt vom Zweige | [68] | |
| Sie besuchten mich im Traume | [72] | |
| Und als nun alle war mein Gold | [73] | |
| Siehe, Menschensohn, siehe | [73] | |
| Kann dich Reichtum locken, Herz? | [73] | |
| Freue dich vor deinem Nächsten | [74] | |
| Weh der Kunde, die im Ohre gellt | [74] | |
| Du meinst, das Dichten sei mir ein Beruf? | [75] | |
| Nimm dieses Lied aus deines Freundes Hand! | [75] | |
| Seh’ ich, wie Narren | [76] | |
| Augen auf, mein Liebster traut | [76] | |
| Zwei Rätsel | [76] | |
| VI. | Zion: | |
| Zion, willst du nimmer wieder (Zionide) | [80] | |
| Im Orient ist mein Herz, im Okzident | [85] | |
| Komm mit mir gen Zoan | [85] | |
| Es war ein Tag so sehnsuchtsvoll | [86] | |
| VII. | Das Meer: | |
| Der Sturm | [88] | |
| Holder Zephyr, deiner Lüfte | [93] | |
| Kommt die große Flut mit einem Mal? | [95] | |
| VIII. | Letzte Tage: | |
| In Aegypten | [98] | |
| Hat die Zeit das Kleid des Leides | [98] | |
| Wollt ihr Liebes mir vergelten | [99] | |
| Dein Wunder geht durch alle Zeit | [100] | |
| Jehuda Halevi, seine Zeit, sein Leben und sein Schaffen | [101] | |
| Quellennachweis | [139] |
I.
GOTT
Du Quell des wahren Lebens,
Wie lauf’ ich nicht nach dir?
Hab’ alles aufgegeben;
Das irre, wirre Leben,
Was ist es mir?
Nur dich, nur dich zu schauen,
Sehnt meine Seele sich:
Vor dir nur will ich beben,
Kenn’ keine Kraft im Leben
Als deine, Herr, als dich.
Könnt’ ich im Traum dich finden,
Wie gerne schlief ich ein:
Wollt nimmer auferstehen,
Nein, schlafen, träumen, sehen –
Und stille sein.
Könnt’ dich im Herzen schauen
Dein armes Erdenkind: –
Hätt’ ich dich nur da drinnen,
So jauchzte all mein Sinnen
Und gerne wär’ ich blind!
Wenn die Sterne sich entzünden,
Spür’ ich wieder Sommertage:
Gartenpracht in Waldesgründen,
Paukenschlag und Flötenklage.
Wieder kehrt zum Arm die Spange,
Goldener Ring, er kehrt zum Ohre,
Gottes Haus, daß es empfange,
Oeffnet meinem Haus die Tore.
Alle meine Pforten münden
Wieder ein in seine Pforte,
Und aus tiefsten Herzensgründen
Kehr’ ich heim zu meinem Horte.
Ach, da läßt denn meine Seele
Jubelnd seinen Namen klingen: –
Und sein Ruhm in meiner Kehle,
Und mein Mund beginnt zu singen!
AN DIE SEELE
Du, Seele, willst ins Vaterhaus,
Im Traume schwingst du dich zur Höhe:
Kein Traum nimmt dir dein tiefes Wehe,
Dein Heimweh aus der Brust heraus.
Der Traum vergeht, dir bleibt die Qual,
Die Liebesqual, ihn zu erflehen
Und dennoch fern ihm zu vergehen,
Weil sich verhüllt sein heller Strahl.
Und doch vergehst du nicht zum Tod,
Allein zum freudigen Erheben,
Denn nicht zum eitlen Wahn, – zum Streben
Sandt’ in die Welt dich sein Gebot.
Du gingst und brachst im Lebensgang
Der Weisheit Siegel auf und Quellen,
Und tief hinab in ihre Wellen
Dein durstig heißes Auge sank.
Und sank hinab und sog sich ein
Die Weisheit, die du dir erkoren,
Und der du hundertmal geschworen:
– „Ich laß dich nicht! Ich bleibe dein!“
All meine Gebeine sprechen:
Herr, wer ist wie du?
Mein Leib und Leben
Das stammt von dir,
Durch dich sich regen
Die Glieder mir;
Mit Herzensgaben,
Mit Lied und Sang
Sie zu dir dringen
Und opfernd bringen
Sie meinen Dank.
Es kam die Seele
Aus deiner Hand,
Der Wimper Leuchten
Aus deinem Land;
Aus deinem Rätsel
Mein Sinnen quoll,
Vor mir als Zeichen
Stehst ohne Gleichen
Du wundervoll.
Wenn meine Liebe
Dich ruft im Schmerz,
Dich findet sicher
Mein tiefstes Herz.
Doch jedes Sinnen
An dir sich bricht:
Der Brust Gedanken,
Der Träume Schwanken
Ermißt dich nicht.
Für uns bereitet
Ein Banner steht,
Dem, der dich sucht
Ein Wimpel weht.
Du bist den Treuen
Nimmer versteckt,
Nur, ach, die Sünde
Mit dunkler Binde
Das Auge deckt.
Was ich erdichtet,
Hast du erschaut
Vom Tage, da du
Meine Säulen erbaut;
Du bist’s, der mir
Das Herz bezwingt:
Dunkelstes Achten,
Geheimstes Trachten
Nicht zu dir dringt.
Um sein Antlitz alle Frommen flehen,
Alle wollen seine Gnade sehen,
Seiner Liebe jungen Regenguß;
Ist er selbst auch in den fernsten Weiten,
Steht uns seine Liebe doch zur Seiten,
Seiner großen Werke Ueberfluß.
All sein Licht zu sehn, sind alle trunken;
Aber finden sie den kleinsten Funken,
Zittert schon ihr armes Herze ganz.
Müssen seinem Reiche sich ergeben,
Seinen Namen müssen sie erheben,
Und in diesem Namen selig leben, –
Selig preisen seinen Glanz.
Gottes Hand wird dich beschatten,
Wird dir Decke sein und Hülle,
Wenn in Redlichkeit und Stille
Du dich birgst in seinem Schatten.
Nimmer wird dein Fuß ermatten,
Deine Hand bleibt stark hinieden:
Suche, Seele, nur den Frieden,
Frieden wird er dir erstatten.
Zu dir steht all mein Sehnen,
Wenn auch die Lippe schweigt:
Nur einmal möcht’ ich werben
Um deine Gunst und sterben,
Wenn sie sich mir geneigt.
Nimm meinen Geist zu Händen:
Ich schliefe fröhlich ein!
Ach, ohne dich mein Leben
Ist Tod, doch du kannst geben:
Mein Tod wird Leben sein!
Nur weiß ich nicht zu beten,
Wie ich wohl beten soll:
Lehr’ mich, wie man dich findet!
Wenn mich die Torheit bindet,
Erlös’ mich gnadenvoll!
Lehr’ mich, das Haupt zu beugen,
Solang mein Herz es faßt:
Verwirf mich nicht auf Erden,
Damit ich nicht muß werden
Mir selber eine Last!
Damit der Tag nicht komme,
Wo alles auf mich drückt,
Und gegen alles Trutzen
Mein Herz sich ohne Nutzen
Nun bücken muß und bückt!
Daß mein Gebein dann welkte
Und trüg’ mich nimmer fort,
Und ich dann wandern müßte
Zu einer andern Küste,
Zu meiner Väter Ort. –
Ein armer Wandrer wall’ ich
Hin übers Erdenrund.
Bin fremd auf allen Steigen,
Mein ganzes Erb’ und Eigen
Liegt drunten in dem Grund.
Bis jetzt sorgt meine Jugend
Noch für ihr Erdenteil:
Wann endlich kommt der Morgen,
Da meine Seele sorgen
Wird für ihr Seelenheil?
Die irdische Beschwerde,
Die Gott ins Herz mir gab,
Mich so in Ketten brachte,
Daß nie ans Ende dachte
Mein Herz und übers Grab.
Wie kann sein Knecht ich heißen,
Ich, aller Lüste Knecht?
Wie kann ich höher streben?
Schon morgen muß ich leben
Mit Bruder Wurms Geschlecht.
Kann ich denn Festtags lachen?
Weiß ich, was morgen ist?
Der Tag, die Nacht, die Stunde
Verfolgen mich wie Hunde
Und fällen mich mit List.
Mein Geist verweht im Winde,
Mein Leib fällt in den Sand:
Ich muß es schweigend tragen,
Die Triebe selber jagen
Mich ja ins Totenland! –
Was bleibt mir noch im Leben
Als deine Gunst allein?
Willst du mein Teil nicht bleiben,
Was soll ich hier noch treiben?
Wo wird mein Teil dann sein?
Ich hab’ nicht gute Werke,
Ganz nackt und bloß ich bin:
Nur dein gerechter Willen
Kann wie ein Mantel hüllen
Den makelvollen Sinn.
Was soll ich noch erbitten
Von dir, mein einz’ger Hort? –
Was soll ich noch erwähnen?
Zu dir steht all mein Sehnen:
Das ist mein letztes Wort.
Hin nach meines Lebens Quelle
Immer mich mein Sehnen trage,
Bis mich an des Grabes Schwelle
Niederlegen meine Tage.
Möcht’ die Seele weise werden!
Heut noch hascht sie nach dem Winde:
Und ist doch mein All auf Erden,
Priesterteil und Angebinde.
Möcht’ mein Herz sich wach erweisen,
Fröhlich auf das Ende sehen:
Jener Tag mag Schlummer heißen,
Doch er ist ein Auferstehen;
Jener Tag nach meinen Toden,
Wo er richtet meine Fehle,
Wo er meinen Geist und Odem
Zieht in seine ew’ge Seele.
Wenn du allein des Herren harrst,
Was ängsten dich die Zeiten?
Lebt er in deiner heißen Brust,
All irdisch Leid, all irdisch Lust,
Was kann es dir bedeuten? ...
Doch nein, du liegst im dunklen Grab
Und willst es nicht erkennen,
Du liegst in deiner Sinne Nacht
Und kannst – kein Licht im finstern Schacht –
Nicht Gut und Böse trennen.
Es kommt der Tod: So wähle doch
Des wahren Weges Breite!
Ach, Seele, geh doch geradezu,
Was irrst und läufst und taumelst du
Zur recht’ und linken Seite?
Die Wahrheit wähle! Tu es, tu’s!
Denk, wie die Zeiten lügen!
Laß dich nicht irren dort und hie,
Betrüge sie, betrüge sie,
Bevor sie dich betrügen.
Ach, gute Seele, siehe zu,
Ein Künft’ges zu erwerben:
Gib alles hin mit leichtem Mut,
Gib hin den Erben all dein Gut,
Und werde selbst zum Erben!
Halt, o Herz! Wer darf sich wagen
In des Herzenwägers Haus?
Hüte dich, den Blick zu tragen
In sein dunkles Reich hinaus.
Wagtest du das frevle Abenteuer,
Griffe dich ein flammenwildes Feuer.
Lasse ab, dir zu erzwingen
Seiner Rätsel dunkle Welt,
Denn du hast kein Recht, zu dringen
In die Tiefe, die ihn hält:
Fort mit dir aus seinen ew’gen Hallen,
Denn du darfst nicht unter Engeln wallen!
Ihm befiehl du deine Wege,
Daß er dir zur Seite bleibt,
Ihm vertraue deine Stege,
Wenn es dich ins Irre treibt!
Mag dich Lust betören, Leid berühren:
Er wird dich im rechten Gleise führen.
Walle nicht die ird’schen Ziele,
Gottes Zielen walle zu!
Fürsten sind auf Erden viele,
Doch nur einem diene du!
Alle andern sind nur Knechtesknechte,
Ihre Launen bleiben ihre Mächte.
Einer nur, ein Ruhmesreicher,
Nimmt dich an die ew’ge Brust,
Trägt dich, ach, in wunderweicher
Vaterhand zur höchsten Lust:
Lerne eitlem Freundesrat entsagen,
Lasse dich in seinem Lichte tragen!
Er sei: deiner ersten Ernte
Erste Frucht, dein höchstes Fest!
Wenn die letzte sich entfernte,
Dann sei er der letzte Rest:
Deine Reue werde zum Altare,
Werde deiner Sinne Flammenbahre!
Jedem ist er ein Berater,
Der in seiner Nähe wacht,
Aber dem auch bleibt er Vater,
Der die letzte Reise macht.
Frage nicht und lass dich nicht verführen,
Lausche still an seinen letzten Türen!
Was er spricht, muß sich erfüllen,
Sei’s zum Leben oder Tod,
So wie einst auf seinen Willen
Kam das erste Morgenrot:
Und er sprach: – und alle Schatten scheuchten!
Und er sah: – es war ein herrlich Leuchten!
Knechte der Zeit: – Knechte der Knechte!
Aber der Freie, der einzig rechte,
– Auch ein Knecht – dienet dem Herrn.
Wähle sich jeder sein Teil!
Mein Teil aber und Heil
– Spricht mein Herz – bleibet der Herr.
Tag und Nacht will ich den Herren loben!
Seiner Gnade Antlitz ließ er leuchten,
Fenster brach er aus an Himmelswänden,
Sonnen gab er, die uns Strahlen spenden,
Strahlen, die die Finsternisse scheuchten.
Doch er gab mir mehr: Von seinem Glanze
Gab er mir, ich hab es froh genommen;
Durfte seines Geistes Regen spüren,
Ließ mich gern auf lichten Wegen führen,
Wegen, die vom Sinaï gekommen.
So war sein Gesetz in meinem Munde,
Daß mich Honig seine Worte deuchten;
Und in seiner Lehre lichten Flammen
Jauchzte ich die ganze Welt zusammen: –
– Brüder, seht, wie meine Augen leuchten!
Jugend ist wie leichte Flocken,
Bald verweht vom ersten Wind;
Sieh auf deine schwarzen Locken!
Hast du es noch nicht vernommen?
Weiße Boten angekommen:
Und du schläfst, mein Weltenkind?
Vöglein schüttelt sich am Morgen
Von dem nächt’gen Silbertau;
Also schüttle ird’sche Sorgen,
Liebe Seele, dir vom Flügel,
Steige über Strom und Hügel
Lerchengleich ins Himmelblau.
Freiheit wirst du droben finden
Von dem Brausestrom der Tage:
Liebe Seele, darum jage
Hinter Gottes Spuren dicht,
Und im stillen Kreis von allen
Seelen, die zum Herren wallen,
Walle hin zum ew’gen Licht.
Mein Gott, ich will dich ehren
Und dein gerechtes Tun:
Nur einmal braucht’ ich hören
Und glaube alles nun.
Nicht fragen und erproben
Will dich dein Erdensohn:
Du großer Bildner droben,
Darf meistern dich der Ton?
Ich hab’ dich manche Stunden
Gesucht an manchem Ort,
Ich habe dich gefunden
Als Burg und Felsenhort.
Du, der in klarem Feuer
Dies Erdentum erhellt
Und unverhüllt vom Schleier
Durchstrahlt die schöne Welt.
Sieh, alle Himmel preisen
Dein Licht und deine Pracht,
Da sie in ihren Kreisen
Sich beugen deiner Macht;
Die Engel, die da schweben
Durch Feuer und durch Flut,
Sie jauchzen und erheben
Zu dir die heil’ge Glut.
Zu dir, der alles führet,
All diese Welten trägt,
Und keinen Arm doch rühret
Und keine Hand bewegt!
Du, dessen Wunderwalten
Die Höh’ und Tiefe hält
Und heiliger Gestalten
Geheimnisvolle Welt.
Wer kündet uns das Weben,
Das alle Wolken treibt?
Das tiefverhüllte Leben,
Das ewig droben bleibt?
Und doch will er sich neigen
Dem Kinde dieser Welt
Und läßt sein Leuchten steigen
Hinab aufs Erdenzelt.
Und läßt vor Seheraugen
Sein ganzes Bild erstehn;
Sonst mochte nie ihm taugen,
Daß Menschen ihn ersehn.
Was nie sich wollt’ gestalten,
Sein Bildnis oder Maß, –
In königlichem Walten
Prophetenauge sah’s.
Die ungezählten Werke,
Wer zählt sie alle vor?
Heil dem, der seine Stärke
Zu gründen sich erkor!
Heil dem, der all sein Hoffen
Auf ihn allein gelegt,
Ihn, der die Welt so offen
In seinen Armen trägt!
Heil, wer mit heil’gem Bangen
Ihn fürchtet und bekennt
Und dankbar im Empfangen
Sein Recht auch Recht benennt!
Wirkt er für seines Knechtes
Glück und Gedeihen doch:
Es kommt ein Tag des Rechtes
Dem großen Gotte noch!
O zittre du und denke
Und lerne wachsam sein:
In dein Geheimnis senke
Dein ganzes Sinnen ein!
Woher bist du gekommen?
Wo ist dein Grund gelegt!
Wer hat dich einst genommen?
Wer hegt dich und bewegt? –
Schau hin auf Gott und sende
Die wache Seele aus,
Doch strecke deine Hände
Du nimmer nach ihm aus!
Du kannst doch nimmer finden
Sein Ende und Beginn,
Und nie wirst du ergründen
Den rätselhaften Sinn.
Bevor du mich geschaffen,
Hast du mich schon gekannt,
Ich weiß, du wirst mich halten,
Solang dein Geist wird walten
In meiner Seele Land.
Kann gehn ich, wenn dein Winken
Mich an die Stelle zwängt?
Kann ich denn bleiben stille,
Wenn mich dein heil’ger Wille
Mit Mächten vorwärts drängt?
Was kann ich denn noch sagen?
Mein Denken ist bei dir:
Was ist denn all mein Wandeln,
Was ist mein Tun und Handeln,
Bist du nicht über mir?
Ich kann dich ja nur suchen;
Und du: – Zur Gnadenzeit
Erhöre mich in Milde,
Und mach zu einem Schilde
Mir deine Huld bereit!
Erwecke mich am Morgen
Und mache mich recht wach,
Daß ich in frohen Weisen
Hinwalle, hochzupreisen
Dich unter deinem Dach!
Ruhig, ruhig, liebe Seele!
Wende dich zu Gottes Throne:
Ird’sche Throne lasse liegen;
Bist du erst emporgestiegen,
Stiegest du zu ew’gem Lohne.
Seele, gib dem Herrn die Ehre,
Beuge dich ihm froh und gern:
Droben unter Göttersöhnen
Singe mit in Jubeltönen
Deinem hochgelobten Herrn!
II.
ISRAEL
Wahrheit, ich liebe dich aus ganzer Kraft
Und tief aus meines Herzens Leidenschaft.
Dich liebt mein jubelnd aufgetaner Mund,
Dich meiner Brust geheimnisvollster Grund.
Du bist mit mir, wie kann ich einsam sein?
Du leitest mich, wie wandle ich allein?
Du bist mein Licht, wie könnte ich verblinken?
Und du mein Stab, wie könnt’ ich niedersinken?
Sie haben mich geschmäht, doch keiner wußte,
Daß Schmach um dich mir Ehre werden mußte.
Quell meines Lebens du, mein Leben lang
Gilt dir mein Preis, mein Lied, mein Sang!
Sonn’ und Mond im Wechsel der Geschlechter,
Tag und Nacht als ewge Wächter,
So steht ewig Jakobs Same;
Gottes Linke mag sie lassen,
Gottes Rechte wird sie fassen:
Ewges Volk, das ist und bleibt ihr Name.
Ach, was fürchten sie und zagen
In den schlimm und schlimmern Tagen,
Daß ihr Herz am Zweifel bricht: –
Glaubt an euer ewiges Bestehen,
Allsolang nicht Tag und Nacht vergehen,
Allsolang vergeht ihr selber nicht!
Sei stark und harre deiner Zeit!
Was drängst du so, noch ist sie weit,
Was soll das wilde Bangen?
O bebe nicht und sei ein Held!
Und singe, siehst du doch mein Zelt
Bei deinen Zelten prangen!
Und wenn sie spotten, du sei still!
Und wenn du hörest ihr Gebrüll,
Laß es dich nicht bewegen:
Führ’ deine Herde sanft dahin,
Ich bin dein Gott, es ist mein Sinn,
Das Joch dir aufzulegen.
Ich bin es auch, der dich erhört,
Und der den Balsam dir beschert,
Da deine Wunden brennen.
Auch dank ich dir, wie du mich liebst,
Daß du mir all dein Sehnen gibst,
Erlöser mich zu nennen.
Doch eile nicht und dränge nicht,
Da du den Arm im Strafgericht
Mir siehst gewaltig werden.
Und dem, der ird’sche Herren preist,
Dem sage, was du selber weißt:
Gott ist mein Herr auf Erden!
Seit du das Heim der Liebe bist,
Kehrt meine Liebe bei dir ein,
Und meiner Feinde Drang und List
Soll deinetwegen süß mir sein:
Sie mögen mich nur schrecken!
Sie lernten deinen Grimm von dir,
Sie jagten den, den du verjagt: –
Soll ich sie hassen denn dafür,
Der selbst sich nicht zu lieben wagt,
Da du ihn nicht mehr liebest?
Bis einst verwunden alle Qual,
Vorüber aller Stürme Macht,
Und du dem Volke deiner Wahl,
Das du erlöst aus mancher Nacht,
Erlösung wieder sendest.
Entfessle deine rechte Hand
Und sende sie hinab ins Land,
Daß sie dein Volk erfasse!
Ist sie zu kurz? Beherrscht denn dich
Das Schicksal ebenso wie mich
Und alle auf der Gasse?
Die Sonne braust in ew’gem Kreis,
Es steht der Mond auf dein Geheiß.
Dein Wort ist ihre Klammer.
Dein Wort nur ihre Ketten bricht,
Und all ihr Gold- und Silberlicht
Es ruht in deiner Kammer.
Da stehen sie in deinem Schein,
Die Sterne all, und harren dein,
Das sie dein Wille richte!
Und fühlen tief und fühlen ganz:
Von deinem Glanze ist ihr Glanz,
Ihr Licht von deinem Lichte.
In deinem Lichte schläft aller Glanz:
Dein Volk auf finstern Wegen reist,
Und ihrem Sehnen, lang gehegt,
Der Frevel in die Ferse beißt.
Doch still: Darüber leuchtet rein
Wie Sonnenglanz im Morgenschein
Das schönste Licht.
O Vater, um ihr wildes Haupt
Schling’ einen Schleier silberklar,
Und statt des armen Bettelkleids
Reich ihnen einen Purpur dar.
Gieß aus dein Licht zum zweitenmal
Wie einst am ersten Tag den Strahl:
Es werde Licht!
Hoch dein Panier den Wankenden!
Dein Engel schreite nun voran
Und lege den Erlösten bloß
Zum Siegeszug die freie Bahn!
O segne sie der Gnaden voll,
Doch in Verdammnis sinken soll
Des Lichtes Feind!
So wie ein Knecht nach Schatten lechzt,
Lechzt Israel: Erlös’ es nun!
Und ruf’ ihm zu: Wie lange noch
Willst du im düstern Hause ruhn?
Sag’ an, wie lang? Sag’ an, wie weit?
Auf, leuchte! Denn es kommt die Zeit:
Dein Leuchten kommt!
In deinem Haus zu ruhen,
Gibt es wohl süßre Rast
Dem Volk, in dessen Reihen
Du deine Ruhe hast?
Du, der auf Weltenhöhen
So unermeßlich thront
Und doch im Herz des Armen
Und des Gebeugten wohnt:
Dich faßt nicht Himmelshöhe,
Die dich zu fassen wähnt,
Und wenn sie bis zum Horeb
Die ewgen Kreise dehnt.
Dein Weg, der ist so nahe
Und doch so fernehin:
Und alles, was du bildest,
Hat seinen Zweck und Sinn.
Selbst meiner Seele Trachten,
Das sendet mir mein Hort,
Und wenn die Lippe redet,
So ist’s ein Gotteswort.
Fauler, wirst du nicht erröten?
Schläfst bis in den Tag hinein?
Hörst du nicht aus tiefsten Nöten
Fremde Völker zu ihm schrein?
Schon mit ganzem Herzen dienen
Ihm, die nie ihn noch gekannt:
Und die ihm die Liebsten schienen,
Die verstecken sich im Land?
Auf, schon tagt es fern im Osten,
Auf, du Schläfer, aus der Ruh!
Fremde stehen auf dem Posten,
Und da träumest du? –
Es blieben die Wunder, die herrlichen, fort,
Gott Elijahus, wo ist dein Ort?
Wir hörten dein Wort, wir schrieen empor,
Schon tausend Jahre ist taub dein Ohr: –
Gott Elijahus, wo bist du?
Schloß Elijahu des Himmels Trauf’,
Riß Elijahu den Himmel auf:
Wasser und Feuer fiel von den Höh’n,
Karmel und Kison haben’s gesehn:
Gott Elijahus, wo bist du?
Sprach Elijahu zum Krügelein,
Setzte er quellenden Segen darein;
Ließ er den Toten vom Bette stehn:
Wer hat es gehört? Wer hat es gesehn? –
Gott Elijahus, wo bist du?
Spritzt’ Elijahu in feindliche Reih’n
Flammendes Feuer und Funken hinein,
Sechs Wochen fastet’ er Tag und Nacht, –
Dann haben die Raben ihm Brot gebracht: –
Gott Elijahus, wo bist du?
Fuhr Elijahu im Sturme auf,
Feurig raste der Räder Lauf:
„Vater, Vater!“ Elisa schrie,
Elijahu war fort, man sah ihn nie: –
Gott Elijahus, wo bist du?
Elisa blieb und ging fürbaß,
Er ging durch den Jordan und wurde nicht naß.
Die Männer sahen’s und staunten da:
Elisa wie Elijahu geschah. –
Gott Elijahus, wo bist du?
Elijahu ist fort, doch – – wir sind da,
Dulden und leiden ferne und nah;
Versprochene Zeichen neben uns stehn: –
Wann werden wir deine Wunder sehn?
Gott Elijahus, wo bist du?
III.
LIEBE
Ofra wäscht ihre Kleider
In meiner Tränen Flut,
Ofra trocknet die Kleider
An ihres Auges Glut.
Ofra braucht keine Bronnen
Bei meines Auges Quell,
Ofra braucht keine Sonnen,
Denn ihr Auge ist hell.
Ich wiegt’ auf dem Schoße
Den Liebsten so schön,
Da sah er sein Bildchen
Im Auge mir stehn.
Der Schelm! Sieh, da küßt’ er
Mein Auge so wild:
Mein Auge nicht küßt’ er,
Er küßte sein Bild.
Das Mädchen spricht:
Was drängt ihr mich also,
Ihr Frager, ihr flinken,
Im Meere der Liebe
Da sollt’ ich versinken.
Da trat seine Sohle
Zum donnernden Strande: –
Da ging ich im Meere,
Als ging ich im Lande.
Der Knabe spricht:
Im Garten der Schönheit
Erwarbst du ein Land,
Das grenzenlos reicht
Bis zum ewigen Strand.
Und wolltest die Sterne
Zum Schmucke du han,
Sie sprängen dir gerne
Von himmlischer Bahn.