II.

Cäcilie Ehrhardt war als Zwischendeckspassagier ausgewandert.

Freilich, eine fatale Woche. Sie, die sonst wenig Sinn für poetische Werke hatte, hielt sich in diesen zehn Tagen immer wieder das Shakespeare'sche Wort vor die Seele: »Die Stunde rollt auch durch den schwersten Tag.« Es wurde ihr Leitstern, beinahe ihr Halt dieses Wort: »Die Stunde rollt auch durch den schwersten Tag.«

Weiber und Kinder, die viel schwächer waren wie sie, ertrugen diese Ueberfahrt in diesem Raume. Sie glaubte wohl etwas Besseres zu sein wie diese, weil sie ein höheres Streben besaß, aber gerade deßhalb hielt sie sich auch für berufen zu zeigen, wie man Widerwärtigkeiten und Unbequemlichkeiten erträgt.

Die Mitreisenden schämten sich zu wimmern und zu jammern, dieser Frauengestalt gegenüber, die mit stiller Resignation fast heiter sich zwischen ihnen bewegte, zufrieden mit einem Winkel zum Ausruhen, mit einer Brodrinde zum Essen.

Schließlich landete man in der Heimath der Freiheit, und Cäcilie Ehrhardt bekam Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß auch in Amerika eine hübsche Tochter reicher Eltern glattere Wege vor sich sieht, als eine arme geistige oder körperliche Arbeiterin.

Sie that die nöthigen Schritte, um zum Studium zugelassen zu werden. Ein Beamter der Universität, ein ruhiger Geschäftsmann empfing sie.

»Ich halte es für meine Pflicht, Sie auf einige statistische Thatsachen aufmerksam zu machen, mein Fräulein,« begann er.

»Ich bitte darum, Mr. Schäffer.«

Er las ihr nun einen kürzlich veröffentlichten Bericht des Rectors der Genfer Universität vor, wonach von 215 Frauen, die Medicin studirten, nur 25 es bis zum practischen Arzte gebracht haben und auch von diesen nur wenige zu einer auskömmlichen Praxis.

»Was glauben Sie wohl, mein Fräulein,« fragte Herr Schäffer, »in welchem Abgrunde die übrigen 195 gescheitert sind?«

»In dem Abgrunde ihrer Mittelmäßigkeit,« antwortete sie kalt.

Ein prüfender Blick glitt über das breite, gelbe Gesicht des häßlichen Mädchens. Wäre Cäcilie hübsch gewesen, so hätte der fromme Mann jetzt vielleicht seinen Arm um sie gelegt und gesagt: »Laß doch gut sein, süße Krabbe, es giebt ja noch ganz andere Wege, um zu etwas zu kommen.«

Er rühmte sich mehrerer derartiger »Bekehrungen«. Aber Cäcilie Ehrhardt war nicht hübsch, durchaus nicht hübsch.

Ein paar kluge, graue Augen funkelten hinter schwach geschliffenen Brillengläsern. Höchst unangenehme, scharfe, forschende Augen. – Herr Schäffer fühlte gar keine Neigung, irgend eine Prüfung vor diesem Blick zu bestehen. In gleichgültigem Nachgeben kam er ihren Wünschen entgegen.

Den Befähigungsnachweis zum Besuche der Universität bestand sie glänzend, so ließ man sie zu – du lieber Gott, eine Ueberspannte, Emancipirte mehr als bisher. –

Mit einer Arbeiterin, die Tags über in einer Fabrik Cigarren wickelte, miethete sich die Studentin zusammen in einer Dachkammer ein. Die Mitbewohnerin war nur in der Nacht da, so störte sie wenig.

Cäcilie verlangte für sich das Recht, so lange, wie sie wollte, Abends Licht zu brennen. Da hatte die Andere nichts dagegen; sie ihrerseits verlangte gar nichts.

Aber das war nur Schein. Schon nach wenigen Tagen brachte Henriette Abends einen Kameraden mit aus der Fabrik, und Beide profitirten von der Studirlampe der Anderen.

Was das für ein Lachen und Kichern, für ein Küssen und Liebkosen war – gräßlich – Cäcilie Ehrhardt wußte sich nicht anders zu helfen, als einen Ofenschirm neben sich zu stellen und sich so zu isoliren.

Das zärtliche Liebespaar aber sah mit innigem Mitleid auf die einsam Arbeitende hin.

Schließlich ließ Charley sich durch sein gutes Herz hinreißen, ihr ein höchst eigenthümliches Anerbieten zu machen.

Mit Henriette im Arm stellte er sich neben Cäciliens schützende Schirmwand und trug ihr stockend und zagend vor, in seiner Fabrik da wäre ein Werkführer, der wäre Wittwer, hätte auch ein paar Kinder, aber doch wohl ein ganz annehmbarer Mann, der eine brave, fleißige Frau gerne nehmen würde. Nun könne sie, Fräulein Ehrhardt, ja am Ende keinen verliebten Jüngling beanspruchen, wäre vielleicht auch schon ein bischen darüber hinaus, aber doch – sozusagen –

Cäcilie begriff. Einen Mann – aus Gnade und Barmherzigkeit bot man ihr, der Tüchtigen, Häßlichen, einen Mann an, der nicht Liebesgetändel suchte, sondern der eine thätige Frau brauchte!

Die erste, vielleicht im Leben die einzige Möglichkeit für sie, den Beruf der Frau als Gattin und Mutter zu finden! –

Die gesellschaftliche Zumuthung, daß man ihr, der Tochter des Medicinalrathes Erhardt anbot, einen Fabrikaufseher zu heirathen, die verletzte sie nicht. Was mochten die Liebesleute dem guten Manne von ihr vorphantasirt haben! Aber sie fühlte den Beruf zur Gattin und Mutter nicht in sich. – Es ist doch auch nicht jeder Mann geeignet, Vaterpflichten zu übernehmen, und nicht jedes Weib für Mutterpflichten geschaffen.

Sehr kurz, sehr kalt lehnte sie ab, auf's Innigste bedauert von dem jungen Paare, das nichts Anderes kannte, als seine Liebe.

Ihr Leben war aber furchtbar hart auf diese Weise, denn in den ersten beiden Jahren ihres Studiums machte das Arbeitspensum, das sie zu erledigen hatte, es ihr unmöglich, sich irgend einen Erwerb zu suchen.

Sie mußte leben wie eine Arbeiterin, schlechter wie eine solche, wenn sie zum Ziele kommen wollte.

Henriette und Charley amüsirten sich Sonntags, aßen und tranken wie Kinder, die plötzlich Geld bekommen haben und nicht wissen, wo sie es lassen sollen. Sie sprachen täglich von ihrer Hochzeit und heiratheten nie.

Cäcilie lebte Sonntags nicht besser wie Werktags und nahm nichts von dem an, was die Anderen ihr anboten.

Die arme Person!

Was das Leben wohl für einen Werth haben soll, wenn man es garnicht genießt! –

So philosophirte das Liebespaar; Cäcilie aber arbeitete weiter allein, immer allein.

An keinen Menschen in Deutschland hatte sie geschrieben, keiner an sie.

Sie war wie todt für die Welt.

In Universitätskreisen hatte sie auch keinen Anschluß gefunden, keinen gesucht.

Die jungen Studenten amüsirten sich wie Kinder über die paar häßlichen Mädchen, die mit wahrem »Biereifer« die Vorträge nachstenographirten, um sie zu Hause auszuarbeiten. Cäcilie war von diesen die eifrigste. Sie versäumte keine Vorlesung – sie arbeitete immer, immer.

Arbeiten und darben! Für die Blüthe einer Jungfrau ist das nicht grade günstig.

Mädchen blühen auf wie Maienrosen, tändeln, lachen und finden ihre letzte Entfaltung, ihr süßestes Geben erst in dem Verkehr mit dem Manne, in dem Widerstreben und Hinneigen seiner Werbung gegenüber und dann im Gewähren.

Bete und arbeite! Keusche Mädchen blühen auf wie Lilien, dienen dem Nächsten und geben sich in süßer Schwärmerei ihrer Gottheit.

Cäcilie achtete die Gottheit, soweit ihr deren Cultus vernünftig und zweckmäßig erschien. Sie achtete auch den Mann, wenn sie ihn streben, arbeiten, nützen sah, aber sie dachte nicht daran, sich selbst zu geben, weder Gott noch den Menschen.

Wer hätte denn wohl auch den Wunsch gehabt, sie zu besitzen!

Sie sah nichts vor sich, als die Nothwendigkeit, Andere bei Seite zu schieben, um für sich selbst Platz zu gewinnen.

In der Ferne, in gar nicht allzuweiter Ferne sah sie die Möglichkeit, daß sie einmal nicht mehr arbeiten würde, um zu leben, sondern um zu nützen. Nicht sich selbst – Andern, das war ihre Religion und ihre Liebe. Das richtete sie auf, wenn sie in schwachen Stunden sich fragte: Wozu? – wozu dieser Kampf, diese Arbeit, dieses Entbehren? –

Sie hörte auf, ein Weib zu sein und konnte doch kein Mann werden. Ein unhaltbares trostloses Wesen! Aeußerlich wenigstens, innerlich blieb sie jungfräulich keusch, nur vielleicht ein wenig zu herb. –

Sie sah Andere neben sich untergehn. Mit derselben Gluth, wie sie, hatten sie angefangen, aber sie hatten nicht dieselbe Ausdauer gehabt.

Ein Mann drängt sich in die Gedankenwelt, in das Innenleben des Mädchens. – Ein kurzes Widerstreben, ein kurzes Gewähren und dann die Erkenntniß! –

Die Erkenntniß war, wo sie auch hinblicken mochte immer das Ende des Genusses.

Nach der Erkenntniß kam, wie bei dem ersten Menschenpaare, der ewige Fluch: Mit Schmerzen sollst Du ihm Kinder gebären. –

Viele junge Studentinnen mußten die Universität verlassen. Sie versanken in einem Abgrund, dessen Tiefe dem guten Herrn Schäffer so räthselhaft schien.

Andere verirrten sich in die Politik. »Gleichheit, Gleichheit« – was sollen wir darben, wenn Andere genießen dürfen?

Anstatt eine vernünftige, mit logischer Folgerichtigkeit und Nothwendigkeit sich vollziehende gesellschaftliche Umwälzung abzuwarten, stürmten und drängten sie dem Anarchismus entgegen.

Sie vergaßen, daß sie doch selbst persönlich danach strebten, die Zugehörigkeit zu einem Stande zu erlangen, der seinerseits den privilegirten höheren, den sogenannten »besseren Ständen« sich zurechnete.

Sie gingen unter – der geheimnißvolle, unergründliche Abgrund nahm sie auf.

Die Reihen lichteten sich, dem Ziel strebten nur noch Wenige entgegen, aber Cäcilie Ehrhardt war unter ihnen.

Einmal fühlte sie sich krank. Der vom Vaterhause her an bessere Kost gewöhnte Körper versagte, als ihm bei dauernder geistiger Anspannung, bei nie unterbrochener Arbeit stets nur solche Speisen zugeführt wurden, die zu einer geeigneten Ernährung nicht ausreichend waren.

Cäcilie empfand nach und nach einen kaum zu überwindenden Widerwillen gegen die billigen groben Nahrungsmittel, zu denen sie sich zwang, so lange sie von dem Gelde leben mußte, das sie nach Amerika mitgebracht hatte.

Mit eiserner Willenskraft überwand sie diese Abneigung, berechnete genau, wieviel Eiweiß, wieviel Zucker, Stickstoff etc. ihr Körper täglich bedürfe, wog das Betreffende ab und schluckte es widerstrebend hinunter.

Ihre Magennerven lieferten ihr bald den Beweis, daß der menschliche Körper keine chemische Retorte ist.

Todtelend, fiebernd blieb sie eines Tages auf dem harten schmalen Bette in ihrer Dachkammer liegen, und die gute Henriette stand händeringend dabei.

Ohne sich die Sache wissenschaftlich erklären zu können, fühlte die Arbeiterin heraus, daß ihr »Fräulein« sich wohl erholen würde, wenn sie sich einmal erlaubte, gut zu leben.

Sie holte ein ordentliches Stück Braten aus einem benachbarten Restaurant und besorgte auch Wein.

Cäcilie konnte nicht widerstehn, mit der Gier des Verhungernden griff sie nach den Nahrungsmitteln, deren Genuß sie an das Elternhaus, an die Heimath erinnerte.

Und dann, als sie zum ersten Male seit langer langer Zeit mit Behagen, fast mit Genuß gegessen hatte, regte sich in ihr auch das Gemüth – die Nerven, wie sie meinte.

Sie gedachte des fernen Bruders, ihrer Einsamkeit und Verlassenheit. – Liebe – es gab überhaupt nichts, was sie an Liebe hätte gemahnen mögen. Weinend, seit ihrer Kinderzeit zum ersten Mal weinend, sank das starke Mädchen zurück auf das dürftige Bett.

Henriette kniete neben ihr nieder und betete, daß doch das Fräulein, das immer so gut war und sie niemals störte, vor Krankheit und Elend bewahrt bleiben möchte.

Krankheit – für den sorglos lebenden Menschen ist das oft ein Segen. – Die Ruhe, zu der der Körper gezwungen ist, leitet den Geist zu innerer Einkehr und stiller Vertiefung. Ein süßes weiches, von leichter Traurigkeit überhauchtes Erinnern an diese Periode des Lebens, bleibt oft von einer Krankheit zurück.

Bei dem Armen stellt sich das Bild ganz anders dar. Die Krankheit ist ein Dämon, der dem Kämpfer die Waffe aus der Hand nimmt und ihn wehrlos niederstreckt. Krank werden heißt untergehn. – Der machtvoll vorwärts Strebende wird gezwungen, demüthigendes Almosen zu empfangen; die Ersparnisse werden verzehrt; die darauf begründeten Zukunftshoffnungen sind abgeschnitten. Niemand kann es dem erkrankten Armen ersparen, die Seinigen darben und, wenn es lange dauert, untergehn zu sehen.

Cäcilie sah sich am Rande desselben Abgrundes, über den sie einst so unnachsichtlich hart geurtheilt hatte. Wenn eine Krankheit den Rest ihres Besitzes verzehrte, so war sie verloren.

Sie machte sich das klar und in unbestimmter Hoffnung auf irgend einen Erwerb fing sie an, besser zu leben.

Es mußte sein; mit unsäglicher Bitterkeit wurde ihr hier an diesem untergeordneten Punkte die Grenze der menschlichen Willenskraft klar.

Sie erreichte es, nicht krank zu werden. Nur einen Tag lag sie in dem ärmlichen Bette, von der Gefährtin, die sofort ihre Fabrikarbeit aussetzte, mit Liebe gepflegt. Es war, als ob ein Keulenschlag sie niedergeworfen hätte. Sie konnte den Kopf nicht aufheben, nicht lesen, nicht arbeiten, nicht denken, nicht einmal schlafen. Nur liegen und ausruhn.

»Du sollst den Feiertag heiligen!«

Dieser eine Krankheitstag war für sie wie ein Feiertag, ein von der Natur ihr aufgezwungener Tag der Ruhe.

Sie wollte keinen Sonntag, keine Erholung als nöthig anerkennen. Jetzt mußte sie lernen, daß der Durchschnittsmensch neben der Arbeit auch die Erholung haben muß, wenn er nicht zu Grunde gehn soll.

Es war ein Ruhetag, ein einziger ganz vollkommener Feiertag, ohne Arbeit, ohne Denken, ohne Kampf.

Am folgenden Tage raffte sie sich mit Gewalt wieder auf und arbeitete weiter.

Sie bestand ihr erstes ärztliches Examen mit Auszeichnung.

Aber es lag noch ein Studienjahr vor ihr, das ihr schwer werden mußte, weil ihre Mittel beinah zu Ende waren.

Man hatte an der Universität ihr heißes ernstes Ringen erkannt. Nach und nach, zögernd und unwillig fingen die Professoren an, in ihr eine der wenigen »Gleichberechtigten«, eine Ausnahmenatur zu erkennen.

Es gelang ihr, bei einem sehr gesuchten Frauenarzte täglich einige Stunden Beschäftigung zu finden.

Das war der erste Erwerb. Vorläufig aber erlaubte sie sich noch nicht, daraufhin ihre Lebensweise zu ändern, denn sie hatte noch ein Examen vor sich und wünschte sich speciell in der Augenheilkunde auszubilden.

Aber sie fühlte doch nun Boden unter ihren Füßen.

Nach und nach lernte sie auch die praktischen Seiten des so heiß erstrebten Berufes und zugleich die socialen Unterschiede im Leben, über die sie noch wenig nachgedacht hatte, kennen.

Der Augenarzt, bei dem sie ab und zu schon selbst operiren durfte, theilte ihr eines Tages in großer Aufregung mit, daß er wahrscheinlich am folgenden Tage die Ehre haben würde, die Tochter eines der Eisenbahnkönige des Landes zu operiren.

Auf ihre Frage nach der Krankheit der Dame erfuhr Cäcilie, daß es sich um einen leichten Fall einseitigen Schielens handelte.

Sie begriff nun nicht recht, was ihrem Vorgesetzten da für ein hervorragendes Vertrauen geschenkt werde, sie meinte sogar, das könnte jeder nahezu ausgebildete Anfänger ausführen, aber sie sollte über die Wichtigkeit dieses Falles bald eines Besseren belehrt werden.

Als sie in Begleitung ihres Chefs in das Haus des Milliardärs trat, wurden sie zunächst von einer Nonne empfangen, die zur Pflege der zu operirenden Dame engagirt war. Dann führte man die beiden Aerzte zu der Kranken, die auf einem Ruhebette liegend, von ihrer ganzen Familie umgeben war. Der Chef des Hauses sprach in einigen bewegten Worten dem Arzte und seiner – »Gehülfin« – wie er Cäcilie nannte aus, wie er mit vollem Vertrauen Leben und Gesundheit seines Kindes in ihre Hand lege. Dann wurde von der Kranken ein allseitiger Abschied genommen, als sollte sie zum Schaffot geführt werden, und endlich blieb sie mit den beiden Aerzten, einer Dienerin und der Nonne allein.

Als dann der Schönheitsfehler des Auges thatsächlich korrigirt wurde, bemerkte Cäcilie mit Erstaunen, daß, so lange wie die Narkose dauerte, die Hände ihres Vorgesetzten eiskalt waren, während sein Puls vor innerer Aufregung jagte. Dabei war's doch fast nichts.

Allerdings erhielt der Augenarzt später für die gelungene Operation ein kleines Vermögen, und auch Cäciliens Assistenz wurde so gut bezahlt, daß sie endlich ihren innigsten Wunsch erfüllen und ein Zimmer für sich allein miethen konnte.

Sie stieg damit eine sociale Stufe höher in ihren eigenen Augen. Von allem, was das Leben ihr auferlegte, erschien es ihr am schwersten niemals allein sein zu können. Sie, die innerlich so ganz einsam in sich selbst gefestigt dastand, litt unter der Nothwendigkeit ihr intimstes persönliches Dasein vor fremden Augen führen zu müssen.

Das Geld des Eisenbahnkönigs verschaffte ihr ein Heim, ein trauliches warmes Stübchen, eine eigene Lampe, ein eigenes Bett.

Mit ihrer bisherigen Lage verglichen, empfand sie diese selbsterworbene Bequemlichkeit, die ihren Berufsgenossen selbstverständlich erschien, fast wie Luxus.

Aber der Luxus der Reichen, den sie selbst jetzt zum ersten Male in der Nähe sah, machte gleichfalls einen tiefen Eindruck auf ihren scharf beobachtenden, stets nach Erkenntniß strebenden Geist.

Sie begleitete nach der Operation ihren Chef noch einige Male zu der Reconvalescentin. Die große Zahl wenig beschäftigter Dienstboten, die sie in diesem Hause bemerkte, erfüllte sie stets von neuem mit Erstaunen.

Sie hielt es für unrecht und unwürdig, die Kräfte einer Anzahl Menschen zu miethen, zu bezahlen und dann brach liegen zu lassen. Mochte dieser reiche Mann sein Geld verschwenden, sie sah ein, daß der Umsatz des Geldes jeder Zeit berechtigt ist, aber sie hielt es für einen unberechtigten Eingriff in die Rechte Anderer, daß hier Menschenkräfte und Arbeitszeit verloren ging; sie sah darin einen moralischen Defect, der als bleibender Nachtheil diese vielen Müßiggänger zur Faulheit und zu unberechtigten Ansprüchen erzog. Die künstlerisch reiche Ausstattung des Hauses gewährte ihr dagegen eine unbefangene Freude. Sie empfand es angenehm, die harmonischen Farbenwirkungen reicher Decorationsstoffe zu betrachten. Der Aufenthalt in diesen bequemen Räumen, die weichen Teppiche, die Bilder, die Bronzen, diese ganze Umgebung schien ihr geeignet, das menschliche Glück zu vervollkommnen.

Trotzdem hätte sie mit der, in ihrer Behandlung befindlichen Tochter dieses Hauses nicht tauschen mögen.

Diese junge Dame kannte keine Arbeit, kein Streben, das Glück des schwer errungenen Erfolges war ihr fremd.

Nichts war um sie her als eine, nach Cäciliens Begriffen todte Pracht, ein Luxus, der keinem Bedürfnisse diente, der entbehrlich war, manchem Temperament vielleicht sogar lästig.

Diese Empfindung, daß eine Anzahl Menschen nur darauf warteten einen Befehl auszuführen, einem Wunsche nachzukommen legten in Cäciliens Augen der Kranken beinah die Verpflichtung auf, die Leute zu beschäftigen.

Diese fortwährenden Besuche und Erkundigungen nach dem Befinden, dieses Studium der Speisen und Getränke, um zu ermitteln, was im gegebenen Falle am zuträglichsten sein würde, befremdeten sie, die gewohnt war das Essen als eine menschliche Unvollkommenheit der man leider genügen müsse, zu betrachten. Eingeengt oder gar schüchtern aber fühlte sich das ruhige, kalt denkende Mädchen auch der größten Pracht und dem ausgesuchtesten Raffinement gegenüber nicht.

Der Luxus der Reichen wurde ihr ein Gegenstand des Studiums, weiter nichts. –

Neid oder Verlangen, für sich das zu besitzen, was die Anderen genossen, war ihrer Seele fremd. Sie war überzeugt, daß sie sich noch nicht in einem Stadium bleibender Verhältnisse, sondern in einer Uebergangszeit befinde. Sie wußte ja, was sie gelernt hatte, und zweifelte nicht daran, daß auch für sie der Tag kommen werde, an dem sie ihrem Werthe nach situirt sein würde.

Andrerseits sah sie den Jammer und die Noth derjenigen, die nicht das leisteten und wußten, was sie sich in bitteren Kämpfen errungen hatte.

Sie sah die geistig Armen in ihrem mühseligen Kampfe um das nackte Leben, sie beobachtete mit voller Klarheit das berechtigte Streben der denkenden unter den Armen.

Nach einem furchtbaren Fabrikbrande wurden mehrere an den Augen Verletzte in die Klinik, an der Cäcilie arbeitete, eingeliefert. Das Auge eines Mannes war von einem stürzenden Balken durchbohrt. Zerfetzt, entzündet, von Ruß und Qualm beschmutzt, hing es nur noch zuckend an wenigen Muskeln.

Cäcilie Ehrhardt, die als Volontairärztin sich schon eine ziemlich selbständige Stellung errungen hatte, griff nach der Chloroformflasche, um den Verletzten zu betäuben, ehe sie sein Auge berührte.

Da wurde ihr das Medicament weggenommen und eine ärgerliche Stimme sagte: »Na Fräulein, Sie glauben wohl, das kostet gar nichts.« –

Sie begriff erst jetzt die Situation. Ihr Kranker war kein Arbeiter, für den natürlich jede Hülfeleistung bezahlt worden wäre, sondern ein unbekannter Strolch, der sich aus Neugierde der Brandstätte genähert hatte.

Und wie litt dieser Mensch! – Es war kaum anzusehen. –

Da wurde in ihr der Entschluß fest, groß, berühmt und reich zu werden, um den Aermsten und Elendesten in ihrer Noth helfen zu können.

Die Liebe blieb ihr fern in jeder Gestalt. Als sie die erste zögernde Anerkennung ihrer operativen Geschicklichkeit, die erste staunende Bewunderung ihrer sicheren Diagnose erfuhr, wurde ihr die rücksichtsvollste Achtung der Männer zu Theil. Sie hätte vielleicht jetzt noch einmal Gelegenheit finden können zu heirathen, so wie im Anfange ihrer Laufbahn, als der Cigarrenarbeiter für seinen Kameraden um sie warb.

Aber sie dachte gar nicht an diese Möglichkeit. Die Männer waren ihr so uninteressant, so gleichgültig. – Die Collegen interessirten sie wohl als solche, aber nicht als Männer, keinen Gedanken hatte sie dafür übrig.

So erwarb sie sich nach und nach einen geachteten Namen und ein weit über ihre Bedürfnisse hinaus gehendes Einkommen.

Ob sie glücklich dabei war oder nicht, wußte niemand zu sagen, denn niemals sprach sie von sich selbst, sie hatte überhaupt gar keine Privatangelegenheiten.