I.

Hochwürdigste, gnädige Frau!

In tief trauriger Lage sehe ich keinen anderen Ausweg, als den, Sie mit diesen Zeilen zu belästigen. – Meine Frau ist nach einer, wie es leider den Anschein hat – vergeblichen – Krebsoperation einer sachgemäß geschulten Pflegerin dringend bedürftig.

Alle Bemühungen meines Hausarztes, hier eine geeignete Kraft ausfindig zu machen, sind von durchaus ungenügendem Ergebnisse gewesen.

Die Sterbende leidet furchtbar unter den ungeschickten Händen einer ungebildeten Wärterin. Es handelt sich vielleicht nur noch darum, ihr auf wenige Tage und Nächte die letzten Qualen der Krankheit leichter zu machen. Kein finanzielles Opfer würde mir zu groß sein, wenn ich mein geliebtes Weib in die sanften, weichen Hände einer treuen Schwester geben könnte. Ich werde den wohlthätigen Einrichtungen Ihrer Anstalt die Beweise meiner Dankbarkeit zuwenden; in diesem Augenblicke aber flehe ich Sie an, gnädigste Gräfin, helfen Sie mir, schicken Sie mir eine Diakonissin und senden Sie mir ein Telegramm, mit welchem Zuge die Ersehnte hier eintreffen wird.

Mit hochachtungsvollster Ergebenheit

Ihr gehorsamster

v. Möbius, Premierlieutenant.

Die Oberin des großen evangelischen Diakonissenhauses las diesen Brief nachdenklich durch. Auf ihrem energischen klugen Gesichte zeigte sich ein Ausdruck des lebhaftesten Bedauerns. Sie schob alle anderen Briefschaften, die noch der Erledigung warteten, vorläufig bei Seite und ging nach der Frauenstation für chirurgische Fälle. Die Stationsschwester war, wie immer, grade in diesem Saale sehr beschäftigt, verließ aber ihre Arbeit, um an eines der großen Saalfenster zu treten und dort mit ihrer Vorgesetzten zu sprechen.

Die Betten im Saale standen so weit von den Fenstern entfernt, daß die Kranken von der Unterhaltung der beiden Diakonissinnen nichts zu vernehmen vermochten.

»Was meinen Sie, Schwester Albertine,« begann die Gräfin, nachdem die Schwester den Brief des Lieutenants gelesen hatte, »wen könnten wir schicken?«

Die alte erfahrene Schwester schüttelte ganz bestimmt den Kopf. »Niemanden, Frau Oberin,« sagte sie ruhig. »Alle Betten im Hause sind belegt, ich habe schon drei Lehrschwestern eingestellt, um allen Anforderungen zu genügen. Wir können keine Schwester entbehren; im Gegentheil, ich will froh sein, wenn erst wieder Einsegnung gewesen ist, wir haben nicht genug Schwestern.«

»Das weiß ich, das wird auch vorläufig nicht anders werden. Von allen Seiten werde ich gebeten, junge Kräfte, die wir ausgebildet haben, an neue Anstalten abzugeben. Vierzig Schwestern sind in diesem Quartal von mir verlangt, und zwei Anmeldungen von jungen Mädchen, die sich ausbilden wollen, habe ich nur erhalten.«

Schwester Albertine seufzte tief auf. »Möchte doch der Herr die Herzen christlicher Jungfrauen erleuchten und segnen, daß sie in Schaaren herbeikommen, um in seinem Namen ihren armen Brüdern zu helfen.«

»Ich hatte gehofft, in der nächsten Zeit einige Freibetten einstellen zu können,« sagte die Oberin, »bedenken Sie, daß Frau von Möbius die Tochter eines sehr reichen Bankiers ist, wenn sich die Familie für unsere Anstalt interessirte, so wäre das doch sehr günstig.«

»Der Herr wird helfen, daß wir die Freibetten auch so einrichten können,« meinte Schwester Albertine. Die Oberin aber schien dieser Frage gegenüber doch einen praktischeren Standpunkt einzunehmen, wie die gute alte Schwester.

»Es handelt sich wahrscheinlich nur um ein paar Tage, Schwester; ich schreibe nicht ab, ich schaffe Rath, schicken Sie mir Schwester Elisabeth in mein Arbeitszimmer,« entschied sie nach kurzem Nachdenken.

Die Schwester erlaubte sich keinen Widerspruch. Sie kehrte schweigend an ihre Arbeit zurück, und die Gräfin verließ straff aufgerichtet mit raschen Schritten den Saal.

Sie hielt noch immer den Brief des Herrn von Möbius in der Hand. Sie wollte seinen Wunsch erfüllen und suchte nach Mitteln, das möglich zu machen. In dem breiten Corridor vor ihrem Zimmer begegnete ihr einer von den Aerzten der Anstalt. Der junge Mann grüßte die vornehme Frau mit einer tiefen ehrfurchtsvollen Verbeugung.

Sie trat rasch auf ihn zu. »Es drängt mich, Ihnen meine Theilnahme an dem Tode Ihres Herrn Vaters auszusprechen, Herr Doctor Ehrhardt.« Sie reichte ihm freundlich die Hand.

Der Arzt berührte leicht mit seinen Lippen die volle weiße Hand, die sie ihm gab. »Frau Oberin sind sehr gütig,« sagte er etwas verlegen. »Mein armer Papa war sehr leidend in den letzten Jahren, er sehnte sich oft nach dem Tode, der ihn nun leicht und schmerzlos erlöst hat.«

»Er war lange leidend, so? Das war mir gar nicht bekannt. Wer hat ihn denn in seiner Krankheit gepflegt? Ihre Frau Mutter ist doch, so viel ich weiß, schon seit Jahren verstorben?«

»Allerdings, gnädigste Frau, ich habe aber eine Schwester, ein gesundes kräftiges Mädchen von zweiundzwanzig Jahren. Die war durchaus zur Pflege meines Vaters geeignet.«

Die Gräfin wurde aufmerksam. »Ich habe nie von Ihrem Fräulein Schwester gehört, sie muß sehr zurückgezogen leben.«

»Sie hat eigenthümliche Neigungen und hält sich von ihren Altersgenossinnen fern. Wir Geschwister stehen jetzt allein in der Welt; ich werde wohl genöthigt sein, eine geeignete Stellung für meine Schwester zu suchen.«

»Das wird Ihnen schwer werden, lieber Doctor; das Angebot gebildeter Damen für häusliche Stellungen ist außerordentlich groß, während die Nachfrage sich mehr auf weniger gebildete Kräfte richtet, die bei den täglichen Arbeiten mit Hand anlegen.«

»Frau Oberin meinen, höhere Dienstboten werden gesucht, und Reisebegleiterinnen, Gesellschafterinnen und Gouvernanten bieten sich an.«

»Diese Thatsache ist doch nicht zu leugnen, es ist ein eigenes Kapitel der sozialen Frage, die Frauen- oder eigentlich Jungfrauenfrage. Hier bei uns aber ist diese Frage gelöst. Sie wissen ja, wie erheblich in unserem Berufe die Nachfrage das Angebot übersteigt. Bringen Sie Ihre Schwester zu mir, Herr Doctor, sie ist kräftig und gesund, wie Sie sagen, steht grade im richtigen Alter und hat sich bereits in häuslicher Krankenpflege bewährt. Das Mutterhaus sieht in jeder neu eintretenden Schwester eine liebe Tochter und heißt sie herzlich willkommen. Es ist ein weites Arbeitsfeld da, helfen Sie mir, demselben eine neue Kraft zuzuführen.«

»Sie haben Recht, Frau Oberin, ich will mit meiner Schwester sprechen. Sie hat kein Vermögen, ist durchaus nicht hübsch, eine Versorgung durch die Ehe ist also nicht wahrscheinlich. Sie wird vielleicht Gott danken, wenn sie hier freundlich aufgenommen wird.«

»Dessen können Sie versichert sein, die Waise und die Schwester eines Arztes ist uns doppelt willkommen.«

Die Gräfin nickte dem jungen Manne wohlwollend zu und trat in ihr Zimmer. Doctor Ehrhardt sah lange hinter ihr her. Der Vorschlag der frommen Dame entsprach so ganz seinen Wünschen. Wenn doch seine Schwester ihr schroffes eigenwilliges Wesen lassen und einmal, nur ein einziges Mal, auf ihn hören, seinen Wünschen sich fügen wollte!

Nie hatte Cäcilie ein weibliches weiches Empfinden gezeigt, nie hatte sie nachzugeben gewußt. Alle Bekannten des Bruders hatten, durch ihr unweibliches Wesen abgestoßen, den Verkehr im Ehrhardt'schen Hause beschränkt, wo sie nur konnten; und doch wußte Otto, daß seine Schwester ein ernstes Streben verfolgte. Sie verachtete die oberflächliche Existenz vergnügungssüchtiger, kindlicher Mädchen. Sie sah, wie Eine dieser Mädchen nach der Anderen, alle ihre ehemaligen Schulgenossinnen sich verlobten und verheiratheten und hatte nur ein verächtliches Achselzucken für die Männer, die diese Wesen an ihre Seite zogen. Sie wollte mehr sein, etwas Anderes – etwas Höheres. Das konnte sie jetzt werden. – Es erschien dem Bruder nun auf einmal wahrscheinlich, daß sie mit Begeisterung auf den Vorschlag der Oberin eingehen würde. Man rief sie, man bedurfte ihrer, warum sollte sie zögern zu kommen!

Ganz erfüllt von seinem Wunsche und fast überzeugt von dessen Erfüllung eilte er nach Hause.

Ein Möbelwagen stand vor der Thür, und fremde Leute begegneten ihm im eigenen Heim. Es fiel ihm jetzt erst ein, daß heute früh die freiwillige Versteigerung von seines Vaters Nachlaß stattgefunden hatte.

Weder er noch seine Schwester waren in der Lage, eine Wohnung für all die Möbel, Betten, Bücher, Bilder u. s. w. zu miethen. Die Gegenstände, die so lange er denken konnte durch die ganze Kindheit der Geschwister Zeugen ihres Daseins gewesen waren, wurden heute in alle Winde zerstreut. Die Heimath war aufgelöst – freiwillig aufgegeben. Nun hieß es wandern, ein neues Heim erwerben, den Kampf mit dem Leben bestehen.

Otto ging in das Arbeitszimmer des Vaters. Die wissenschaftlichen Bücher, soweit sie nicht veraltet waren, und die Instrumente des alten Medicinalrathes lagen dort noch umher, ungeordnet, aber zum Glück unberührt. Wie wenig Gefühl hatte doch Cäcilie gezeigt, daß sie diese Andenken an den Verstorbenen, die der Sohn zu behalten wünschte, nicht sorglich zusammengeräumt und eingepackt hatte. Er wollte seine Schwester jetzt aufsuchen, aber das bittere Wort über ihren Mangel an Pietät unterdrückte er gewaltsam. Es galt jetzt, alle ihre Gedanken auf das Ziel hinzulenken, dem er sie entgegenzuführen gedachte.

In einem öden ausgeräumten Zimmer, zwischen Koffern und Kisten fand er sie. Ueberall lag Packstroh, Heu, Papier und dicker Staub. Ein weibliches Wesen hätte in diesem Raume vor allen Dingen doch den Wunsch empfinden müssen, Ordnung und wenigstens etwas Sauberkeit herzustellen. Cäcilie Ehrhardt aber empfand davon nichts.

Die breite, knochige Gestalt des Mädchens saß auf einer Kiste, die Arme waren auf die Fensterbank aufgelehnt, ohne Rücksicht auf die schwarzen Aermel des einfachen Trauerkleides. Der Kopf mit dem kurzgeschnittenen Haar war über ein Buch gebeugt. Sie sah nicht auf, als der Bruder eintrat.

»Wenn Du Deine Lectüre unterbrechen kannst, Cäcilie, so möchte ich Dich bitten, über eine wichtige Frage mit mir zu sprechen.«

Sie legte die griechische Grammatik, in der sie gelesen hatte, aus der Hand. Ein kurzer fragender Blick traf ihn durch die funkelnden Gläser ihrer Brille.

»Ich habe Dir wenig Erfreuliches mitzutheilen,« sagte sie. »Die Versteigerung des alten Hausrathes hat fast nichts ergeben. Luxusgegenstände waren, wie Du weißt, nicht vorhanden. Der Auctionator wird uns morgen Rechnung ablegen.«

Er nickte schmerzlich. »Ich habe von der Versteigerung nichts erwartet, aber wir müssen doch den Ballast los sein. Den Luxus pietätvoller Erinnerung können wir uns noch nicht erlauben.«

»Winsele nicht,« sagte sie schroff, und stand auf.

Die Lippen in dem gelben Gesicht waren breit und aufgeworfen, ein finsterer Zug lag zwischen den schwarzen Augenbrauen, die Nase war kurz und gewöhnlich geformt; das ganze Gesicht wäre häßlich gewesen, ohne den Ausdruck hervorragender Klugheit, der es belebte.

»Dir wenigstens werde ich sicherlich nichts vorwinseln,« gab er zurück, »aber ich wollte mit Dir über meine Zukunft sprechen. Meine Existenz liegt augenblicklich in Deiner Hand.«

»Bitte, erkläre Dich deutlicher.«

»Ich bin schon dabei. Vater hat schon seit Jahren nicht mehr prakticirt. Von seinen Zinsen konnten wir nicht leben, wir haben das Kapital verbraucht. Wenn ich den Rest überschlage, die Ausgaben abziehe, die Auction hinzurechne, so denke ich, es wird uns ein baarer Rest von viertausend Mark bleiben.«

»Wenig genug, aber es muß reichen, wir müssen uns einrichten, wir müssen Beide damit auskommen, bis wir uns frei gearbeitet haben.«

Auf dem feinen hübschen Gesichte des jungen Mannes malte sich lebhaftes Staunen.

»Das scheinst Du Dir sehr einfach zu denken,« sagte er endlich. »Bitte höre aber wenigstens zu, was ich mir für Lebenspläne gemacht habe.«

Sie nickte und setzte sich wieder auf die Kiste. Die Füße streckte sie weit von sich und betrachtete augenscheinlich aufmerksam ihre großen derben Zugstiefel.

Er drehte beinahe verlegen an seinem Schnurrbarte. Ein Opfer wollte er von ihr fordern, – den eigensinnigen Kopf mit den männlich kurzen Haaren wollte er unter die weiblichste aller Trachten, unter die schlichte Haube der Diakonissin beugen. Er sah ängstlich auf die schwarzen kurzen Borsten herab. Endlich aber begann er zu sprechen.

»Ich kann nicht ewig am Diakonissenhause bleiben, das mußt Du einsehen, Cäcilie.«

»Sehe ich ein – weiter.«

»Ich bleibe dort, bis ich eine Volontairstelle bei einem Frauenarzt finde, ich will Specialist werden.«

»Auch gut – weiter.«

»Ich werde ungefähr zwei Jahre als Assistent arbeiten, dann will ich versuchen, mich selbständig zu machen. Zunächst muß ich dann auf Patienten warten, mir eine Praxis begründen. Habe ich die, so errichte ich eine Privatklinik, engagire dazu eine ehemalige Diakonissin und kann, wenn ich Glück habe, ein schönes Vermögen erwerben.«

»Das will ich Dir wünschen.« –

»Du sollst mehr thun, als es mir wünschen.«

»Ah – ich wäre begierig.«

»Ja, ich wollte dich bitten, mir dein Erbtheil zu überlassen. Als Volontair muß ich mich selbst erhalten. Sobald ich mich dann selbständig mache, habe ich zunächst auch keinen Verdienst. Auch eine Privatklinik kann ich nicht ganz ohne Vermögen übernehmen. Der ganze Nachlaß unseres Vaters aber würde genügen, mich über Wasser zu halten und mich bescheiden zu ernähren, bis meine Hoffnungen sich verwirklicht haben. Dann werde ich daran gehen zu sparen und dir das Doppelte von der Summe geben, die Du mir jetzt giebst.« –

»Und ich kann mich für die nächsten zwanzig Jahre als Stütze der Hausfrau vermiethen, mit der verlockenden Aussicht nach Ablauf dieser Zeit von meinem großmüthigen Bruder viertausend Mark zu erhalten, von deren Zinsen ich dann in meinen alten Tagen ein wahres Schlaraffenleben werde führen können – nicht wahr?«

Hämischer Spott entstellte ihren Mund, sie lachte bitter auf, ihre Wangen glühten, sie war empört über den naiven Egoismus des Bruders.

»Nein, Du sollst Dich nicht als Stütze der Hausfrau vermiethen; ich habe eine Versorgung für Dich, die Du nur anzunehmen brauchst, um mein Schicksal günstig und glücklich entscheiden zu können.«

»Ich will Deine Versorgung nicht. Nach dem Egoismus, den Du eben offenbart hast, verlange ich nicht nach dem Almosen eines männlichen Schutzes. Morgen theilen wir; ich gehe meinen Weg, und Du gehst Deinen, dabei bleibt's.«

»Cäcilie, ich komme niemals in die Höhe. Der ärztliche Beruf ist ein freies Gewerbe; der Concurrenzkampf ist rücksichtslos hart. Es ist ein Kampf um Leben und Brod. Erleichtere ihn mir, arbeite als Schwester an meiner Seite. Gieb mir die Mittel, deren ich bedarf, um mich durchzuringen. In fünf, sechs Jahren vielleicht schon rufe ich Dich zu mir und sorge für Dich.«

»Ich soll dann wohl Deine Köchin werden? Danke für die Ehre.«

»Cäcilie, die Frau Oberin hat mir heute gesagt, daß die Nachfrage nach jungen Diakonissinnen so außerordentlich groß ist. Sie hat mich direct aufgefordert, Dich ihr zuzuführen. Du hast ein gewisses medicinisches Interesse. Du eignest Dich zur Schwester. Geh hin, laß Dich ausbilden, und tritt dann auch in eine Frauenklinik ein. Lerne, arbeite, und sobald ich eine feste Stellung als Frauenarzt habe, komm zu mir, um mit mir zusammen eine Privatklinik zu gründen. Du weißt, ein Mann allein kann das nicht. Man ist auf eine weibliche Mitarbeiterin angewiesen, und eine geeignete Persönlichkeit ist nur mit den größten Geldopfern aufzutreiben. Sei meine Verbündete liebe Schwester, laß uns zusammen streben, zusammen erwerben.«

Er hielt ihr die Hand hin und sah sie bittend an.

»Du kommst Dir wohl noch sehr großmüthig vor in Deinem männlichen Egoismus,« spottete sie. »Also ich soll jetzt fromme Schwester werden, soll mich ducken unter Bonzen und Pfaffen, soll Choräle singen und Fenster putzen? Jede grobe Arbeit thun, um Christi willen? Die Augen verdrehen, heucheln, dienen – ha, ha, ha, und alles das, damit ich später ausgebildet bin, wenn Du so weit bist, mich zu rufen! Du willst dann der leitende Arzt einer Anstalt sein, Anordnungen treffen, Befehle geben, und ich als dienende Schwester bin grade gut genug, um Dir – – zu gehorchen!« –

Er trat erschrocken zurück vor der Wuth, die er, ohne es zu wollen, zu diesem Ausbruch gebracht hatte.

»Warum willst Du denn nicht als Schwester ärztliche Anordnungen ausführen?« fragte er erstaunt. »Glaubst Du denn als Lehrerin, oder in sonst einem weiblichen Berufe freier und selbständiger handeln zu können?«

»Wer sagt Dir denn, daß ich einen sogenannten »weiblichen« Beruf wählen werde? Ist nicht der ärztliche Stand, wie Du selbst sagst, ein freies Gewerbe – steht er mir nicht ebenso gut offen, wie Dir?«

»Ich habe Dich für klüger gehalten, Cäcilie.«

Sie lachte laut auf. »Ja für klug genug, um blutiges Verbandzeug zu waschen, aber nicht für klug genug, um selbst das Messer zu führen. Das ist ja die geheiligte Tradition aller Männer. Zu Handlangerdiensten ist die Frau gerne willkommen, aber um sie als ebenbürtige Berufsgenossin anzusehen, dazu lassen die Herren sich so leicht nicht herab!«

Otto Ehrhardt versuchte es garnicht, seine Schwester von ihrer Ueberzeugung der vollen Gleichberechtigung der Geschlechter abzubringen. Sie hatte noch niemals ihre Ansicht untergeordnet, in dieser Lebensfrage würde sie es am wenigsten thun. Er appellierte deßhalb nur an ihren, wie er wußte, stark entwickelten praktischen Sinn.

»Die letzte Steuereinschätzung,« begann er langsam, »hat, wie Du vielleicht weißt, bei der größeren Hälfte aller Berliner Aerzte ein Berufseinkommen unter dreitausend Mark ergeben. Wenn die Aerzte noch ferner unter den äußeren Lebensbedingungen der höheren Stände weiter leben sollen, so darf dieses Einkommen nicht noch weiter heruntergedrückt werden; giebst Du das zu?«

Sie kaute an ihren Nägeln und sah, ohne zu antworten, zu ihm empor.

»Da Du schweigst, hoffe ich, daß Du mir zustimmst,« fuhr er fort. »Es bleibt mir also demnach nur noch zu sagen, daß dieser, schon jetzt mehr als überfüllte Beruf ruinirt wird, wenn noch die weibliche Concurrenz eintritt.«

»Für hiesige Verhältnisse mag das zutreffen, aber Berlin ist nicht die Welt, es giebt andere Städte,« sagte sie kurz.

»Die kleinste Stadt hat so viel Aerzte, daß jeder neue junge Concurrent Jahre lang ringen muß, bis er ein einigermaßen genügendes Einkommen hat. Sei klug Cäcilie, verschließe Dich nicht der Einsicht, daß grade dieser Beruf keinen neuen Zudrang von Arbeitskräften zu ertragen vermag. Vereinzelt mögen ja auch Frauen sich in diesem Fache durchringen, aber nur, wenn sie gegen die Möglichkeit des Mangels geschützt sind, nur wenn sie Vermögen besitzen.«

»Ich ringe mich durch – auch wenn ich keinen Pfennig hätte – ich fühle den Beruf in mir, ich weiß, daß ich hervorragen kann in dieser Wissenschaft, ich erreiche das Ziel!«

Er sah die Begeisterung, die ihr unschönes Gesicht bei diesen energischen Worten verklärte, aber er hatte kein Verständniß dafür. Er, für seine Person, empfand kein leidenschaftliches Interesse für seinen Beruf. Er hatte ihn ergriffen, weil es sein Vater wünschte und weil er eben auch keine andere lebhafte Neigung fühlte. Es lag ihm gänzlich fern, sich zu einer Größe darin aufschwingen zu wollen, ihm fehlte dazu der Eifer, wie auch die Begabung. Das einzige Ziel seiner Wünsche war eine sorglose behagliche Existenz, ein sicheres Auskommen – der glühende Ehrgeiz seiner Schwester war ihm unverständlich.

»O, hätte der Vater an mich gewendet, was er an Dich wandte – ich wäre mehr geworden, wie Du.«

Aus tiefstem Herzen kam ihr der Seufzer. Otto sah sie verwundert an. »Und ich?« fragte er. »Ich, der einzige Sohn des Medicinalrathes Ehrhardt, was hätte ich werden sollen?«

»Handlanger – das was ich jetzt werden soll. Ist denn der einzige Sohn eines Mannes besser, als desselben Mannes einzige Tochter? Ist es nicht denkbar, daß die Tochter für denselben Beruf begabter sein kann, wie der Sohn?«

Otto war durchaus nicht geneigt, auf diese Frage einzugehen. Das Vorrecht des Sohnes vor der Tochter schien ihm so selbverständlich, so fest stehend, daß er darüber kein Wort, keinen Gedanken verlor. War es je vorgekommen, daß in einer ihm bekannten Familie die Töchter von den Eltern besser für den Kampf ums Dasein ausgerüstet worden wären, als die Söhne – die Vertreter des starken Geschlechtes? Das war nie und nirgend gewesen, nie und nirgend würde es sein. –

»Mein Gott – ich verlange ja nicht, daß Du Diakonissin wirst,« meinte er ausweichend. »Es ist aber der einzige geachtete Frauenberuf, in welchem die Nachfrage das Angebot an Arbeitskräften übersteigt, außerdem bietet er eine Altersversorgung. Oder glaubst Du etwa, daß Du jemals geheirathet wirst?«

Sie lachte höhnisch auf. »Geheirathet? Das war wenigstens gut ausgedrückt, Otto. Nein lieber Bruder, ich bin häßlich, mein knochiger Körper wird niemals die sinnlichen Gefühle eines Mannes erregen. Niemand wird, um meine Reize zu besitzen, bereit sein, meinen Lebensunterhalt zu erwerben. Zum Glück sind meine Nerven aber auch nicht geschlechtlich erregbar – ich werde nicht geheirathet werden und – – ich werde nicht lieben.«

»Also – was hast Du denn eigentlich beschlossen?«

»Mich durchzuarbeiten. Ich werde Medicin studiren, werde mich auf die Augenheilkunde verlegen, werde in orientalischen Ländern meinen Wirkungskreis suchen und sicher – ganz sicher wird meine Kraft und meine Begeisterung mich dahin bringen, daß ich tausende und abertausende mittelmäßiger Männer, träger gewissenloser Aerzte überflügeln werde und weit hinter mir lassen werde. Ich dem Namen Ehrhardt in der wissenschaftlichen Welt Glanz und Ansehen schaffen – ich – aber niemals wird Dir das gelingen.«

»Und das alles mit der Hälfte eines väterlichen Erbes im Betrage von viertausend Mark?«

»Ich weiß nicht womit, aber ich will es, und was ich will, das führe ich durch. Ich werde entbehren und arbeiten, aber ich werde siegen.«

»Dann werde ich eben kein Specialist. Mein Gott, auf den Knieen werde ich Dich nicht anflehen, mir die Wege zu ebnen.«

Er ging wüthend hinaus. Sie blieb zurück mit einem glücklichen, stillen Lächeln. Aus ihren Augen strahlte das Genie, das sich immer Bahn bricht im Leben. – – Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!