III.
Fräulein Hedwig Wagner hatte von ihrer Herrschaft die Erlaubniß erhalten, eine durchreisende Freundin am Bahnhofe begrüßen zu dürfen. In freudiger Erwartung verließ sie die Villa und ging eilig in der herrlichen feuchtwarmen Luft des Sommerabends dahin. Selbst die belebtesten Verkehrsstraßen waren ohne Staub und frei von Hitze. Nur in der großen grell erleuchteten Bahnhofshalle war nichts von der wundervollen Temperatur zu bemerken, die draußen herrschte; es war dumpf und heiß unter den von Kohlenstaub erfüllten gewaltigen Bogen dieses Gebäudes.
Erwartungsvoll stand das junge Mädchen inmitten der sich drängenden Menschenmasse, um sie her brauste und lärmte das Leben des großen Verkehrs. Ein Vorortzug fuhr ein, hielt, pfiff und dampfte weiter. Da gellte ein gräßlicher Schrei durch die Luft, tausendstimmig wurde er von der Menge zurückgegeben und brach sich wiederhallend an der Wölbung der Decke.
Ein Mann war beim Einsteigen ausgeglitten und war unter die Räder des Zuges gekommen. Man zog den Verstümmelten hervor und der Zug fuhr ab. Zuerst wurde ein allgemeines Unglück befürchtet; als man aber sah, daß keine Gefahr vorhanden sei, beruhigte sich die Menschenmenge bald, die Panik verflog rasch wie sie gekommen war, das lebensgefährliche Gedränge, das auf den furchtbaren Schrei gefolgt war, hörte sofort wieder auf. – Ein eigentliches Eisenbahnunglück war ja nicht geschehen. Es hatte nur noch jemand einsteigen wollen, als sich der Zug schon in Bewegung gesetzt hatte. Das alte Unglück, es kommt so oft vor, wer sollte sich wohl besonders darüber aufregen! Kaum eine Minute hatte das gräßliche Ende eines Einzelnen den fluthenden Strom des großstädtischen Lebens ins Stocken gebracht.
»Es wird ein Kranker aus der Irrenanstalt des Professor Schrödter vermißt, hier ist das Signalement, das seine Abreise verhindern soll,« sagte ein Schutzmann, auf den Bahnhofsvorsteher zutretend.
Der Beamte überflog das Signalement. »Lassen Sie uns den Verunglückten recognosciren, die Sache wird stimmen.«
Rasch bahnten sich die beiden Männer einen Weg durch die Menge. Der Tragkorb, in dem der Ueberfahrene lag, wurde niedergesetzt, es wurde festgestellt, daß man den vermißten Patienten der Nervenheilanstalt vor sich hatte, die Träger erhielten deshalb die Weisung, den Sterbenden dorthin zu bringen.
Fräulein Wagner begrüßte ihre Freundin, aber die Freude war ihr doch durch das Unglück verleidet, das sie mit angesehen hatte. –
An der Thür der Klinik empfing der Professor selbst den Kranken-Transport. Er war im Begriffe, in einen wissenschaftlichen Verein zu gehen, wo er einen Vortrag über medicinische Fragen zu halten hatte. In dem Verunglückten erkannte er sofort einen Apotheker, der ihm von seinen Angehörigen als Morphinist überwiesen war. Schon hatte er gehofft, den Kranken bald als geheilt entlassen zu können; nun sah er ihn sterbend vor sich, mit abgefahrenen Beinen und blutendem Kopfe. Der Professor hatte einen Vortrag zugesagt, er mußte fort.
Eilig ordnete er an, daß der Verwundete, der zu Turnau's Station gehörte, dem Assistentsarzte sofort zu übergeben sei, in zwei Stunden werde er selbst nachsehen; damit stieg er in die auf ihn wartende Droschke.
Der Oberwärter leitete den Transport nach dem, in diesem Hause selten benutzten Operationszimmer; die diensthabende Schwester erhielt den Auftrag, den Stationsarzt zu benachrichtigen.
Geräuschlos trat Schwester Clarissa in Turnau's Zimmer. Er lag auf einem niedrigen, weichen Sopha und erhob kaum den Kopf, um sich nach der Eintretenden umzusehen.
Die junge Nonne, der vielleicht noch von ihrem weltlichen Leben her eine solche Formlosigkeit unangenehm war, berichtete mit den knappsten, nothwendigsten Worten von dem Unglücksfall und den Dispositionen, die der Professor darüber getroffen hatte. Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ sie darauf den Arzt.
Turnau richtete sich langsam und mit Mühe auf, sein Gesicht bedeckte eine fahle Blässe, die Augen waren glanzlos, die eiskalten Hände zitterten. Die schönen, regelmäßigen Gesichtszüge waren entstellt durch eine tödtliche Schwäche, die jeden Ausdruck verwischte. Schlaff lagen die Muskeln unter der welken Haut.
Nur noch die allerconcentrirtesten Morphium-Lösungen vermochten seinen abgestumpften Nerven Anregung zu geben. Er combinirte seine Injectionen mit Aether und sogar mit Chloroform. Trotzdem versagte die Wirkung zuweilen schon nach ganz kurzer Zeit. Es folgte dann eine an Bewußtlosigkeit streifende Schwäche. Vorübergehend erinnerte dieser Zustand an Schlaf, bald aber pflegte der Unglückliche zu erwachen. Seine Pulse jagten, er hörte das Blut im Kopfe brausen und hämmern, Sehstörungen quälten ihn, Lichter und Funken sprangen vor ihm auf. Die Geräusche des Blutes steigerten sich ihm zu geheimnißvollen, grauenhaften Tönen, er glaubte, Worte daraus hervorklingen zu hören, Worte und Rufe, die ihn in Verzweiflung und Todesangst stürzten. Schließlich steigerte sich dieser Zustand zu einer nervösen Aufregung, die hart an die Grenze des Wahnsinns streifte und ihn zwang, mit zitternden Händen, mit umflorten Blicken und stockendem Herzschlag wieder und wieder zur Morphiumspritze zu greifen.
So abgestumpft auch schließlich die Nerven waren, sie mußten angeregt, sie mußten künstlich gereizt werden, weil der Zustand der Ernüchterung einfach nicht mehr zu ertragen war.
Man schläft nicht mehr, wenn man ein gewisses Stadium des Morphinismus hinter sich hat.
Tag und Nacht verlangen die zerrütteten Nerven ihr Linderungsmittel, Tag und Nacht dauert die krankhafte Erregung. Kommt aber dann einmal die Stunde, wo die Nerven nicht mehr darauf reagiren, wo kein Mittel mehr hilft, so kommt auch der Tod.
Unter entsetzlichen Qualen, die nichts mehr zu lindern vermag, geht der vergiftete Körper zu Grunde. Den Geist umnachtet dann in der Regel der Wahnsinn.
Turnau wußte, daß er diesem Ende nicht mehr sehr fern war. Mit großer Energie versuchte er bisweilen einzelne Stunden der Ernüchterung auszuhalten. Je länger er die schmerzhafte Schwäche ertragen hatte, um so genußreicher war dann nachher die Wirkung der von neuem angewendeten Mittel.
In einer solchen Stunde großer Leiden störte ihn die Botschaft seines Chefs.
Der farbige Schleier, der die Lampe verhüllte, hatte die Schwester seinen Zustand übersehen lassen. Er hatte von dem, was sie gesagt hatte, nichts verstanden. Er wußte nur, daß sie ihn rief, daß die Erfüllung ärztlicher Pflichten von ihm gefordert wurde.
Noch nie hatte er seine Stellung als Assistent so drückend als Fessel empfunden. Seine Mittel erlaubten ihm, ohne Ausübung eines Berufes zu leben, wo und wie er wollte. Im Interesse seines Buches, um der Studien willen, die er hier machte, hatte er diese Abhängigkeit bis jetzt ertragen. Nun fühlte er aber, daß es Zeit für ihn sei, sich frei zu machen. Er war noch auf zwei Monate verpflichtet. Wenn er jetzt auch beschloß, sich krank zu melden und Ersatz für seine Thätigkeit zu stellen, so konnte ihm das doch in diesem Augenblicke nicht helfen. Die Stationsschwester hatte ihn gerufen – er mußte kommen.
Mehrere Minuten vergingen, bis er dazu im Stande war. Seine Mittel lagen bereit, aber ihre Wirkung war keine unmittelbare. Erst nachdem er mehrere combinirte Injectionen in ganz kurzen Zwischenräumen angewendet hatte, war er soweit, daß er wieder zusammenhängend zu denken vermochte.
Im Operationszimmer ließ er sich den Vorfall, der ihm schon berichtet war, noch einmal erzählen, ehe er an die Bahre trat, auf der der Verunglückte lag. Es war kein anderer Arzt zu Hülfe gekommen. Dem hochmüthigen und blasirten Turnau kam ohne eine Bitte von seiner Seite niemand auf die Station. Er dachte indessen nicht daran, einem seiner Collegen deshalb ein gutes Wort zu geben. Ein für alle Mal hielt er sich von jeder Vertraulichkeit, von jedem zwanglosen Verkehr fern. Jetzt war er geistig vollkommen klar, er beherrschte sein Wissen und seine Gedanken, er brauchte niemanden.
Der Anblick, den der Verwundete darbot, war grauenhaft. Beide Beine waren an den Oberschenkeln abgequetscht. Das eine lag bei den blutigen Sachen, die das Wartepersonal von dem zerfetzten Körper lostrennte. Das Andere hing noch lose durch Fleisch und Muskeln verbunden am Körper, der zersplitterte Knochen lag frei.
Schwester Clarissa suchte dem enormen Blutverluste vorläufig Einhalt zu thun.
Turnau beugte sich über diese ächzenden, wimmernden Ueberreste eines menschlichen Leibes, er erkannte sofort, daß der Verwundete bei vollem Bewußtsein war.
»Chloroform,« stöhnte der Mensch.
»Gewiß, gleich, aber es könnte Ihnen die Besinnung zu früh nehmen, ich will Ihnen erst etwas anderes geben, was den Schmerz auch stillt; Sie haben doch vielleicht noch irgend etwas zu sagen,« antwortete Turnau.
»Nein, jetzt nicht mehr, es ist zu spät, jetzt will ich kein Morphium mehr. Jetzt lasse ich mich ja heilen, rasch, rasch, heilt mich doch, ich halte ja still, ich thu's nicht mehr heimlich,« kam es kaum vernehmlich über die blaugrauen Lippen.
Der junge Arzt legte die Flanellmaske auf. »Sind Sie ein Selbstmörder?« fragte er dabei.
»Nein, nein, es war nur ein Fluchtversuch – ein Unglück. Man wollte mich heilen, gegen meinen Willen – ich will nicht geheilt sein –«
»Ja, ich verstehe Sie. Man wollte Sie zu einem anderen Berufe zwingen, weil Sie als Apotheker doch wieder dem Morphium verfallen wären, das wollten Sie nicht.«
»Ich will nicht – ich will nicht. – – –«
Das Bewußtsein schwand, Turnau führte die nothwendige Amputation aus, Schwester Clarissa arbeitete ihm wunderbar in die Hand. Augenscheinlich war der Körper, als die Beine unter ihm weggerissen wurden, mit furchtbarer Wucht hintenüber auf die Steinplatten des Bahnhofes geschleudert, denn es wurde auch ein complicirter Schädelbruch festgestellt.
Nachdem die Verbände angelegt waren, fragte die Schwester, ob Turnau den Stumpf des anderen Beines, der im Nothverband lag, nicht auch abnehmen wolle.
»Keinenfalls, ohne ausdrückliche Anweisung des Professors,« antwortete der junge Mann, sich eifrig die Hände waschend.
»Chloroform,« stöhnte der Kranke, der schon wieder zu sich kam, da er als Morphinist sehr unempfänglich für die Einwirkung narkotischer Mittel war.
Turnau trat an den Tisch heran. »Ich darf Ihnen jetzt höchstens Morphium geben,« erklärte er. »Die Operation ist vorüber, eine andauernde Narkose könnte höchstens den Erfolg haben, Ihr Leben abzukürzen, vielleicht sehr rasch zu enden.«
»Was liegt daran« – murmelte der Unglückliche. Turnau wendete sich an die dienende Schwester. »Geben Sie ihm immerhin Chloroform,« sagte er leise, »der arme Kerl hat das Leben satt, ein Genuß mag es auch in seiner Lage nicht sein.«
»Sie sind kein Chirurg, Herr Doktor, wollen Sie bestimmt sagen, daß der Kranke verloren ist?«
»Nein, ich bin durchaus kein Chirurg,« bestätigte der junge Psychiatriker, der nur so viel wie das Staatsexamen erforderte, von der Chirurgie gelernt hatte. »Ich will dem Menschen auch durchaus kein Todesurtheil sprechen, aber eine Chloroformnarkose will ich verantworten.«
»Bitte, dann führen Sie das auch selbst aus,« entgegnete die Nonne mit ruhiger Würde.
Er sah in das marmorkalte schöne Mädchengesicht. Was für ein Räthsel war diese mitleidlose Härte den furchtbarsten Schmerzen gegenüber bei einer Schwester, deren ganzes Leben der dienenden Liebe gewidmet war.
Der Kranke schrie und stöhnte herzzerreißend.
»Sehen Sie nicht, wie er leidet?« fragte Turnau.
»Ich sehe es, aber ich kann und darf nicht ändern, was Gottes Wille ist. Wäre es nicht der Wille der Heiligen, daß dieser Mensch durch Schmerzen zum Leben eingehen soll, so würde er nicht so leiden.«
»Aber die Heiligen lassen auch zu, daß Menschen bei solchen Unglücksfällen auf der Stelle todt sind« bemerkte Turnau.
»Es steht auch geschrieben »der Tod ist der Sünde Sold.«
Das fürchterliche Geschrei des Operirten peinigte die Nerven des kranken Mannes; er sah, daß mit der frommen Schwester nichts anzufangen war; so ließ er sie bei ihrer Beschäftigung des Aufräumens. Entschlossen griff er selbst nach der Chloroformmaske und trat noch einmal an das Operationsbett heran.
Er goß auf, nahm den Puls des Kranken in die Hand und sah unwillkürlich um sich.
Das ganze blutige Bild des Zimmers, der Geruch der Maske, des Jodoforms und des Karbols erregte ihm schon nach wenigen Augenblicken einen derartigen Ekel, daß er sich vollständig außer Stand fühlte, das einmal übernommene Liebeswerk zu Ende zu führen.
Wie sollte er auch eigentlich dazu kommen, sich kurz vor seinem Abgange noch möglicher Weise mit dem Professor zu überwerfen um dieses fremden, gleichgültigen Menschen willen!
Freilich, auch dieser Kranke war Morphinist – gegen seinen Willen wollte man ihn heilen – das Resultat des Versuches war diese Flucht, vielleicht war es dennoch eine Flucht aus dem Leben gewesen.
Wie hatte doch die Schwester gesagt? »Der Tod ist der Sünde Sold.« Vor langer Zeit hatte Wilhelm Turnau diesen Spruch auch in der Schule gelernt. Sollte er jetzt die Bedeutung der alten Lehre erkennen?
Aber immerhin war dieser Kranke kein Opfer der Verkaufsbeschränkungen, sondern nur ein Opfer verwandtschaftlicher Vorurtheile. Soweit hatten ihn seine lieben Angehörigen gebracht, nun versagte auch noch die erbarmende Liebe der Nonne seinen Todesqualen gegenüber.
Sollte die Einsicht des mit seinen Ansichten so allein stehenden Sonderlings hier allein stand halten?
Wieder schwand das Bewußtsein des Operirten. Der Puls setzte aus.
Wenn ich noch einmal aufgieße, ist er todt, sagte sich der Arzt.
Zögernd griff seine Hand nach der schwarzen Flasche.
»Was liegt daran,« murmelte der Kranke in seiner Betäubung noch einmal.
»Was liegt mir daran,« setzte Turnau in seinem Innern hinzu. Dann riß er dem Kranken die Maske herunter. »Schwester Clarissa!«
»Herr Doktor wünschen?«
»Sorgen Sie für die Umbettung und wenn der Professor kommt, so fragen Sie, ob Sie Morphium geben dürfen. Ich gehe in mein Zimmer, im Nothfalle rufen Sie mich.«
»Ja, Herr Doctor.«
Er ging, und sie that ihre Pflicht so still und gelassen an dem Kranken, wie an alle ihren anderen Pflegebefohlenen. Ihr war die einzelne Persönlichkeit wirklich gleichgültig, sie sah in jedem Armen und Elenden nur den ihr von Gott gesendeten Bruder, in dessen Person sie dem Herrn diente. Turnau dagegen war krankhaft erregt und nervös angegriffen durch den Anblick der entsetzlichen Wunden, durch den Geruch des Blutes und die ganze ungewohnte chirurgische Thätigkeit, die an ihn herangetreten war.
Abgespannt und erschöpft, dabei in hohem Grade überreizt, kam er in seinem Zimmer wieder an. Er begab sich zur Ruhe; aber die Nacht, die er darauf zubrachte, war so, daß er sich selbst sagte, mehrere solche Nächte würden ihn dem Tode schnell entgegenführen. Die Ueberzeugung, daß Arbeit, Aufregung und gewaltsame Selbstüberwindung ihn ruiniren mußten, erregte ihn so, daß er der Verzweiflung nahe war. Wenn seine körperlichen Leiden jetzt rascher, als er geglaubt hatte, seine Auflösung herbeiführten, so hatte er das der Rücksichtslosigkeit seines Vorgesetzten zu danken.
Der ganze Egoismus seines Characters empörte sich bei dieser Erkenntniß. Er gerieth in eine fieberhafte Erregung. Wie oft hatte er mit dem Gedanken an das Ende gespielt, wie oft hatte er geglaubt, Sehnsucht nach dem Tode zu empfinden. Nun hatte er dem Tode ins Auge gesehen, er fühlte die Nähe der Ewigkeit, und es erfaßte ihn eine namenlose grauenhafte Angst.
»Der Tod ist der Sünde Sold.«
Immer wieder mußte er an die Nonne denken, die so ruhig und fest auf dieses kalte Wort hingewiesen hatte. Er zerbrach sich den Kopf darüber, wie der Spruch, den sie ihm zugerufen hatte, weiter hieß. Nach langem Grübeln fiel es ihm ein. –
Er, der elegante vornehme Mann, dem die Frauen stets entgegengekommen waren, hätte sich ohne Zweifel in denselben Todesqualen zu den Füßen der Schwester Clarissa winden können, wie jener Elende, der sich jetzt in ihrer Pflege befand – sie würde nichts bei seinen Leiden empfinden, sie würde nichts thun, um ihm das abzunehmen, was ihm nach ihrer Ansicht bestimmt war zu leiden. Er würde ihr gleichgültig sein, gleichgültig wie jeder Andere.
Als er ihr zuflüsterte, daß das Fortleben für den Verstümmelten wohl kaum wünschenswerth sei, hatte sie ihn angesehen, und diesen Blick konnte er nicht mehr vergessen.
Die ganze Verachtung des irdischen Leides und des menschlichen Willens, gegenüber einem höhern Willen hatte in diesem Blicke gelegen. Und dabei war sie schön – statuenhaft schön – schade um solch ein Weib!
Ob wohl das blühende freundliche Mädchen, das er gestern bei Bremers bewundert hatte, im Stande wäre Mitleid, wahres menschliches Mitleid zu fühlen? Vielleicht wurde es für seine übersättigten Sinne einen ganz neuen eigenen Reiz haben, die Liebe dieses frischen Mädchens zu gewinnen. Er war ja jetzt ein stets willkommener Gast bei Bremers, da konnte er sich dem interessanten Studium dieser reinen jungfräulichen Seele ab und zu widmen.
Dieser Gedanke beruhigte ihn etwas, die Spannung der Nerven löste sich, die körperliche Erschöpfung bewältigte die furchtbare Aufregung. Als der Morgen dämmerte, trat ein leichtes wohlthuendes Ausruhen an die Stelle der nervösen Ueberreiztheit.
Er dachte jetzt auch über den verhängnißvollen Schritt nach, den er gethan hatte, als er der Frau des von ihm hochgeachteten Geheimrathes heimlich Morphium gab. Würde diese Frau sich nicht wieder und wieder mit der Bitte um Morphium an ihn wenden? Es konnten ihm Unannehmlichkeiten daraus entstehen, er bereute diese Verpflichtung übernommen zu haben.
Wie tief stand doch dieses genußsüchtige Weib unter der sanften selbstlosen Nonne, unter der fröhlichen treuen Gefährtin ihrer eigenen Kinder! Und diese Frau war seine Gesinnungsgenossin, seine Freundin. Er wußte, daß er nur die Hand nach ihrem Besitze auszustrecken brauchte; deshalb erschien sie ihm verächtlich und erbärmlich. Sie war schön, aber niemals würde er sie deshalb lieben, es war seine feste Ueberzeugung, daß er überhaupt niemanden lieben könne.
Der Gedanke aber, die Hingabe eines Weibes zu besitzen, erregte ihm einen Ueberdruß, der an Ekel streifte. Lydia Bremer begehrte nichts als Genuß – Genuß in der Liebe, Genuß im Morphium; Pflichten kannte sie nicht. Sie hatte Mann und Kinder, aber als sie von ihm Morphium empfing, als ihre Blicke ihn zum Danke dafür Liebe ahnen ließen, konnte sie das vergessen.
Er aber, der im Interesse der leidenden Menschheit für eine gute Sache kämpfte, er hatte sich dazu hergegeben, diesem begehrlichen glühenden Weibe Genuß zu gewähren!
Immerhin hatte er nur mit dieser Handlungsweise die Consequenzen seiner Gesinnung gezogen. Wenn ihm nur weiter keine Verpflichtung daraus erwuchs, wenn sie nur nicht etwa eine persönliche Verbindung zwischen sich und ihm darin sah! Ihn graute davor. – Und dann, dann mußte er lächeln. Wie sonderbar, daß er in einer schlaflosen Nacht über das Wesen von drei ihm gleichgültigen Frauen grübelte!
Seit wann schätzte er überhaupt die Weiber nach ihrer Pflichttreue, nach ihrer Moral? Was gingen ihn die Tugenden und Fehler der Geheimräthin Bremer, der Schwester Clarissa und des anmuthigen Kinderfräuleins an!
Ja, dieses Fräulein, es war doch ein Genuß an sie zu denken, sie zu sehen – –
Es war fünf Uhr morgens. Turnau glaubte anfangs an eine nervöse Sinnestäuschung, bald aber überzeugte er sich, daß das Klopfen, welches er hörte, Wirklichkeit war – Professor Schrödter hatte die Rücksichtslosigkeit, einen seiner Assistenten morgens um fünf Uhr wecken zu lassen!
Ein derartiger Fall war dem jungen Arzte in den drei Jahren seiner klinischen Thätigkeit nur sehr selten vorgekommen. Er war außer sich darüber und beschloß, noch im Laufe desselben Tages um jeden Preis von dieser persönlichen Abhängigkeit frei zu werden.
Er hatte kaum seine Toilette beendet, als schon der Professor unangemeldet bei ihm eintrat. Er hatte das bei Turnau noch niemals gethan, weil ihm das steife förmliche Wesen seines reichen Assistenten innerlich durchaus zuwider war. Aus sehr einfachen Verhältnissen hatte er sich durch eigene Kraft zu wissenschaftlicher Bedeutung emporgerungen, ohne sich zugleich äußerlich den Vorschriften feinerer geselliger Formen zu fügen.
»Störe ich Sie noch? – Es ist fast halb sechs, sehr viele Menschen haben bereits ausgeschlafen,« begann er mit rücksichtsloser Ironie. Er wußte genau, daß Turnau sonst frühestens zur Poliklinik um zehn Uhr früh aufstand.
Der junge Mann stand seinem Vorgesetzten in tadelloser Haltung gegenüber. »Selbstverständlich stehe ich Ihnen zur Verfügung, Herr Professor.«
»Der Kranke, den Sie gestern Abend amputirt haben, ist gestorben. Wenn Sie in der Nacht einmal nachgesehen hätten, brauchte ich nicht hierherzukommen, um Ihnen das zu sagen.«
Absichtlich überhörte Turnau den Vorwurf.
»Habe ich bei der Amputation einen Fehler gemacht?«
»Ja, den größten, den Sie machen konnten. Von zwei abgequetschten Stümpfen haben Sie den Einen amputirt und den Anderen ruhig liegen lassen. Als ich gestern Abend nachsah, war es bereits zu spät. Nicht einmal alle Knochensplitter des Schädelbruches waren ordnungsmäßig entfernt.«
»Um alles auszuführen, was dieser Fall erforderte, wäre eine sehr lange Narkose nöthig gewesen. Das war aber nicht opportun wegen einer Herzschwäche des Patienten, die auch im Krankenbericht constatirt ist.«
»Glauben Sie denn, daß ich das nicht weiß?« schrie der Professor grob. »Sie hätten sich aber Assistenz holen können, damit in kurzer Zeit so viel wie möglich geschehen konnte.«
»Diese Anordnung zu treffen, wäre Ihre Sache gewesen, Herr Professor. Sie haben den Verunglückten vor mir gesehen. So gut wie ich mit einem Auftrage in dieser Hinsicht beehrt wurde, konnte mir auch einer der Herren Collegen zur Seite gestellt werden.«
»Ach was, die Geschichte fiel auf Ihrer Station vor. Sie hätten sich selbst die nöthige Hülfe verschaffen müssen. Wir sind doch keine Soldaten, bei denen jeder nur auf einen Befehl von oben wartet, ehe er handelt. Sie aber haben überhaupt keinen der anderen Herren benachrichtigen lassen. Hielten Sie den Fall von vornherein für hoffnungslos?«
»Jedenfalls für so compliciert, daß ich nicht wagte, nach eigenem Ermessen irgend eine Aenderung der von Ihnen getroffenen Dispositionen vorzunehmen.« Turnau sprach noch immer tadellos höflich und mit vollster Selbstbeherrschung, während der Professor bei jedem Worte mehr seine Ruhe verlor.
»So – Sie bleiben also bei Ihrer Ansicht, daß ich allein Schuld bin?« fragte er wüthend.
»Warum muß denn da überhaupt jemand schuld sein? Es war eben ein Unglücksfall mit tödtlichem Ausgange. Es wäre ja geradezu entsetzlich gewesen, wenn wir den Verstümmelten durchgebracht hätten.«
»Wirklich? Nun das muß ich sagen, Herr Doctor, für einen Arzt ist das ja eine sehr eigenthümliche Anschauungsweise. Kann es denn überhaupt einen Fall geben, in dem der Arzt nicht verpflichtet ist, alle Hülfsmittel der Wissenschaft anzuwenden, um das bedrohte Menschenleben zu verlängern und zu erhalten?«
»Ich weiß es nicht. Das ist eine philosophische, wenn Sie wollen eine religiöse, aber keine medicinische Frage.« – – –
»Und Sie erlauben sich daher diese Frage zurückzuweisen, mein Herr College, nicht wahr?« höhnte der aufs äußerste gereizte Mann. »In unserm Falle liegt die Frage aber durchaus auf dem Gebiete der Medicin, die Frage ist rein sachlich, und die Antwort darauf ist es ebenfalls. Diese Antwort aber lautet dahin, daß Sie Herr Doctor Turnau eben durchaus nicht alles gethan haben, was Sie thun konnten, um ein entfliehendes Menschenleben zurückzuhalten. Sie sagen, daß ich als Chef hätte genauere Anordnungen treffen können. Das hätte ich vielleicht gethan, wenn ich gewußt hätte, daß einer meiner Assistenten sich einbildet, man könnte kein guter Psychiatriker sein, ohne zugleich als Chirurg die verhängnißvollsten Fehlgriffe zu begehen.«
Mit Turnaus Ruhe war es nun auch zu Ende. Eine grobe Antwort auf den groben Angriff vermochte er nicht zu geben. Das war seiner feinen sensitiven Natur zu sehr entgegen. Er wurde todtenbleich, lehnte sich an einen Schrank, neben dem er stand und schwieg.
Der Professor, der trotz seines polternden Tones nicht die Absicht gehabt hatte, den jungen Mann zu beleidigen, erschrak, als er die Wirkung seiner Worte sah. Turnaus scheinbare Ruhe hatte ihn gereizt, und er hatte im Aerger mehr gesagt, als er hatte sagen wollen.
»Ich habe Sie erschreckt, Turnau,« lenkte er gutmüthig ein. »Es liegt mir ja fern, Ihnen die Schuld an dem Tode eines Menschen aufbürden zu wollen. Aber Sie können sich wohl denken, daß es mir nicht einerlei ist, wenn so etwas in meiner Anstalt passirt. Es ist doch immerhin ein Privatunternehmen und keine königliche Klinik. Ich vertrete der Welt gegenüber alles, was hier unter meiner Leitung geschieht. – Wir wollen nachher die Obduction vornehmen, dann können wir den Fall noch eingehender und ruhiger besprechen, als es jetzt möglich ist.«
Turnau verbeugte sich schweigend und tief vor seinem Vorgesetzten.
»Um Gottes Willen, seien Sie doch nicht so versteinert, ich muß doch schelten, wenn nicht in meinem Sinne operirt wird. Das passirt den jüngeren Herrn überall, Sie müssen das nicht so schwer nehmen,« begann der Professor noch einmal.
Das Schweigen des hochmüthigen jungen Menschen war ihm furchtbar peinlich. Er hatte das Gefühl, sich in seinem äußeren Benehmen wieder etwas vergeben zu haben. Grade Turnau gegenüber passirte ihm das öfter, deshalb war ihm auch der in tadellos vornehmen Formen erzogene Assistent so sehr unangenehm.
»O bitte, Herr Professor, wenn ich einen Tadel verdient habe, so muß ich ihn hinnehmen.« Turnau sagte das so ruhig und gleichgültig, als ob er sich durchaus nicht beleidigt fühle.
Der Vorgesetzte verlor dadurch den letzten Rest seiner Sicherheit. »Bei der Obduction können Sie den Vortrag halten,« sagte er beinah verlegen, wie um auf etwas anderes zu kommen.
»Ich bitte mich von der Obduction gütigst dispensiren zu wollen. Ich hatte schon seit einiger Zeit die Absicht, mich krank zu melden und bitte um die Erlaubniß, für den Rest des Quartals einen Collegen zu meiner Vertretung engagiren zu dürfen.«
Er war also doch empfindlich! »Na meinetwegen bleiben Sie von der Section weg. Wegen der Vertretung suchen Sie mich wohl in meiner Wohnung auf.«
»Wie Sie wünschen, Herr Professor.«
»Auf Wiedersehen denn.«
»Auf Wiedersehen, Herr Professor.«
Noch eine durchaus salonmäßige Verbeugung, die der Professor ziemlich ungeschickt erwiederte. Er war es gewöhnt, seine Assistenten durch einen Händedruck oder ein oberflächliches Kopfnicken zu grüßen. Bei Turnau ging das natürlich nicht. Fataler Mensch, hätte Offizier oder Diplomat werden sollen, blos nicht Arzt, dachte der Professor, als die schwere weiche Portiere von Turnaus Zimmer sich hinter ihm schloß. Na, vielleicht wird er mal Modearzt bei nervösen Damen – Specialität Migräne; – er war im Grunde seines Herzens froh, daß er ihn los wurde.
Turnau aber fühlte sich nach diesem erneuerten Angriff auf seine künstlich überreizten Nerven ernstlich und körperlich krank.
In tiefster Erschöpfung streckte er sich auf seinem weichen Schlafsopha aus, um körperlich wenigstens auszuruhen. Die nöthigen Schritte zu seiner Ablösung von dem Posten, den er nicht mehr auszufüllen vermochte, beschloß er zu einer späteren Tagesstunde zu thun.
Er lag zeitweise in einer Art von Halbschlaf oder Betäubung; er wußte nicht wie lange er gelegen hatte, aber die Sonne schien ziemlich heiß durch die schweren herabgelassenen Vorhänge, als ein ungewöhnliches Geräusch ihn aufschreckte.
Die Thür zu seinem Zimmer wurde hastig aufgerissen und mit maßlosem Staunen sah er Lydia Bremer unangemeldet eintreten. –
Turnau verlangte von einer Dame in allererster Linie elegante sorgfältige Toilette, nachlässig gekleidete Frauen waren ihm gradezu abstoßend. Bisher war ihm der Verkehr mit Frau Bremer angenehm gewesen, weil sie in ihrer Erscheinung und in ihrem Benehmen eine elegante vornehme Frau war; mit Entsetzen bemerkte er jetzt bei ihrem ungestümen Eintritt, wie unvortheilhaft und verändert sie aussah. Das sonst sorgfältig frisirte Haar war nicht gebrannt, man sah einzelne dünne Stellen, die die Haut kaum bedeckten. Die Gesichtszüge waren durch eine maßlose Aufregung verzerrt, von Thränenspuren entstellt, die nothwendigsten Kunstgriffe der Toilette waren versäumt. Ein loser Abendmantel bedeckte einen Schlafrock, dessen zerdrückte Spitzen die deutlichen Spuren des Liegens in Sophakissen oder gar auf dem Bette aufwiesen.
Peinlich unangenehm berührt, erhob sich der Arzt. Seine kühle Begrüßung durch eine ganz kurze Verbeugung schien die erregte, vielleicht verzweifelte Frau nicht zu sehen.
»Alles ist verrathen, ich bin verloren, mein Mann hat Verdacht geschöpft, Professor Schrödter war eben bei uns. Mein Morphium, mein ganzer Vorrath« – –
Sie konnte nicht weiter sprechen, die Stimme brach ihr.
»Man hat Ihre Morphiumvorräthe gefunden und confiscirt?« fragte er.
»Ja, ja – es ist entsetzlich, ich kann nicht leben ohne Morphium. Erbarmen Sie sich, helfen Sie mir, ich habe ja nur Sie, alle Anderen verfolgen mich, hassen und quälen mich, man treibt mich in den Tod. O Gott, stehen Sie doch nicht so mitleidslos da – erbarmen Sie sich.«
»Das würde wenig helfen. Wenn ich Ihnen heute wieder Morphium gebe, wird es morgen wieder gefunden.«
»Nein, geben Sie mir eine tödliche Dosis, ich verspreche Ihnen, man wird den Rest Ihrer Gabe nur bei meiner Leiche finden.«
»Ich bedaure, gnädige Frau, einen derartigen Wunsch, in einem Augenblicke der höchsten nervösen Aufregung ausgesprochen, erfülle ich nicht.«
»Ich werfe mich vor die Eisenbahn.«
»Wenn Sie mir das vorher sagen, ist es meine Pflicht die Ausführung dieser Absicht zu verhindern.«
»So – sind Sie etwa mein Vormund?«
»Nein – ich bin Irrenarzt.«
Ein kurzer Schrei, dann ein krampfartiges zorniges Weinen, folgte auf diese Ablehnung. Ruhig stand Turnau ihr gegenüber. Er war empört und angeekelt von dieser Scene.
Wenn sie wirklich sterben wollte, so hatte sie keinen Grund, erst hierherzukommen und ihm ein Vertrauen aufzudrängen, nach dem er durchaus nicht verlangte. Er war aber überzeugt, daß sie gar nicht ernstlich daran dachte zu sterben. Wenn sie so ungeschickt war, ihr Geheimniß entdecken zu lassen, so fühlte er sich in keiner Weise berufen, ihr beizustehen. Ungeduldig wartete er darauf, daß sie sich so weit beruhigte, um auf gute Manier dahin gebracht zu werden, ihn zu verlassen.
Sie faßte sich mühsam. »Wissen Sie, was mein Mann und der Professor beschlossen haben?«
»Ich kann es mir denken. Sie sollen in eine Anstalt, um eine Entziehungscur durchzumachen.«
»Ja« – sie lächelte. »Ich werde auch ganz fügsam sein und gehen.«
»Das freut mich.«
»Sie verstehen, was ich meine?«
»Nein.«
»Schicken Sie mir postlagernd jede Woche, was ich brauche. Sie wissen es ja.«
»Das geht nicht, in solchen Anstalten ist die Controlle zu streng, man würde jeden Stich an Ihrem Körper entdecken. Ich würde damit riskiren, daß mir die ärztliche Concession entzogen wird.«
»So rathen Sie mir, helfen Sie mir!«
»Ich kann Ihnen nicht helfen.«
»Geben Sie mir Morphium, ich will abreisen, ich werde mich irgendwo verstecken, wo mich kein Mensch findet.«
»Sind Sie denn mit Allem, was zu einer solchen Flucht gehören würde, versehen?«
»Im Augenblicke nicht, aber bis zum Abende kann ich mir Geld und alles, was ich sonst noch brauche, erschaffen.«
»Bis zum Abend wird Ihr Herr Gemahl im Verein mit den Aerzten die nöthigen Schritte gethan haben, um eine derartige Flucht zu verhindern.«
»So bin ich verloren.«
»Ich weiß es nicht.«
Er zuckte gleichgültig die Achseln und trat ans Fenster.
Zitternd erhob sie sich und ging ihm nach. Sie griff mit beiden Händen in die Fenstervorhänge, um sich zu halten. Die Sonne schien ihr ins Gesicht. Er sah, daß ihre Haut stellenweise welk war. Ihre Augen waren glasig und starr, plötzlich bildete er sich ein, ihre Vorderzähne wären falsch. Das war eine abscheuliche Ernüchterung, wenn er sie etwa bewundert hätte, aber das hatte er ja doch eigentlich niemals gethan.
»Es gäbe eine Auskunft, eine einzige Rettung,« flüsterte sie, nahe, ganz nahe an seinem Ohr.
Er antwortete nicht.
»Fliehen Sie mit mir, Wilhelm.«
»Als was – als Ihr Arzt?«
Da glitt sie an ihm nieder und umfaßte seine Kniee. »Nehmen Sie meine Liebe, aber geben Sie mir Morphium.«
Sie bot sich ihm an – sie war dahin gekommen, sich zu verkaufen.
Er machte sich los. »Das würde ehrlos von mir sein. Ich kaufe keine Liebe, gnädige Frau.«
»Sie brauchen auch meine Liebe nicht zu kaufen, seit Sie mir Erbarmen gezeigt haben, liebe ich Sie.«
»Ich will Ihnen noch einmal Morphium geben, Frau Bremer, aber dann bitte, bitte, verlassen Sie mich, werden Sie ruhiger, überlegen Sie, was Sie thun wollen. Wenn man Sie hier fände, wären Sie und ich compromittirt.«
Das war seine Antwort auf das Geständniß ihrer Liebe. Die Scham überwältigte sie; sie fühlte, daß sie etwas darbot, was er gar nicht zu besitzen wünschte. Sie hätte fliehen mögen und sich vor seinen, vor aller Menschen Blicken verbergen, aber sie rührte sich nicht. Wie gebannt blieb sie stehen und wartete – wartete auf das Almosen, das er ihr geben wollte, um sich von ihr zu befreien. – Sie fühlte die furchtbare Erniedrigung ihrer Lage – aber für Morphium hatte sie sich vor Friedrich Rast erniedrigt, sie konnte nicht anders, sie mußte warten. –
Turnau ging in sein Schlafzimmer, das keine verschließbare Thür vom Salon trennt. Die Thür vom Schlafzimmer nach dem Corridor war verschlossen.
Mit einem scheuen Blick sah er sich um. Diese Frau, die ihm ihre Liebe aufdrängen wollte, folgte ihm also wenigstens nicht! Er sehnte sich nicht mehr nach Liebe. Wie war es nur möglich, daß sie das nicht begriff? Jede körperliche Lebensthätigkeit war ja längst bei ihm erloschen; er hatte geglaubt, das Weib müßte es fühlen, daß ihr in ihm überhaupt kein Mann gegenüberstand – ein Gespenst, ein dem Grabe entgegeneilender Schatten. – –
Und an diesen Schatten wollte sie sich anklammern, sich in ihrer Verzweiflung an ihm halten. Wie gleichgültig sie ihm war! Er hätte über sie gelacht, wenn er sich nicht so todtkrank gefühlt hätte.
Vorhin, ihr gegenüber, war es ihm möglich gewesen, sich bis zu sittlicher Entrüstung aufzuschwingen, er hatte ihr gesagt, daß es für ihn eine Gemeinheit sein würde, ihre Liebe zu kaufen.
Vor sich selbst kam er nicht so weit – nicht bis zum sittlichen Widerstreben, nur bis zum Ekel, zum allgemeinen Lebensüberdruß, zu einer unsagbaren Stumpfheit.
In der tötlichen Erschöpfung seines Körpers und Geistes suchte er jede Erregung zu vermeiden, jeder Störung auszuweichen. Die Störungen aber verfolgten ihn gradezu.
Wenn ihn nur jemand von dieser Frau befreit hätte, deren Ansprüche er sich durch sein Entgegenkommen selbst aufgeladen hatte! Sie wartete da auf ihn, aber er war nicht im Stande zu ihr zurückzukehren. Ruhe verlangten seine Nerven, nichts als Ruhe sein kranker Körper.
Er trat an ein kleines Wandschränkchen und nahm daraus einen Kasten, in dem sich verschiedene kleine Flaschen befanden. Diese Flaschen enthielten alles, was ihm in der letzten Zeit noch Genußfähigkeit, noch eine scheinbare äußere Kraft zu geben vermochte. Öfter und immer öfter aber war jetzt die Wirkung, auch der stärksten Mittel, ausgeblieben. Die zerrütteten Nerven waren tot – es war nicht mehr möglich sie anzuregen. Er konnte nicht mehr genießen.
Er schob den Kasten von sich. Im Nebenzimmer, von welchem er nur durch eine Portière getrennt war, hörte er ein Geräusch. – Richtig – man wartet da auf ihn. Zitternd und verlangend verzehrte sich ein Weib nach seiner Liebe. –
Er konnte nicht mehr lieben. Er konnte ja seit Wochen nicht mehr genießen, – nicht mehr schlafen.
So müde, so todtmüde und doch keine Ruhe. –
Nicht mehr genießen und nicht mehr leben!
Hatte er das nicht immer gedacht, ausgesprochen sogar vor ihr – und nun?
Ja, nun war das Ende da, – nicht mehr genießen! Es war unmöglich; weder die Morphiumspritze, noch die Liebe, noch sonst irgend etwas im Leben bot ihm noch irgend einen Genuß.
Die kleine Freundin war da, so scharf, so spitz, so vertraut. Vielleicht konnte sie ihm doch noch eine – noch eine letzte Freude gewähren!
Da war ein kleines Glas – das hatte er sich reservirt für das Ende; das Ende – ja das war doch nun da.
Er entkorkt das Fläschchen. Ein scharfer Alkoholdunst schlug ihm entgegen. Man kann Morphium höchstens bis zu zwölf Procent in Wasser auflösen, stärkere Lösungen erfordern Alkohol. Es ist ein Schmerz, als ob man ein Glied in glühende Kohlen legte, wenn man sich Alkohol unter die Haut spritzt. Aber jetzt – du lieber Gott, war es denn nicht das Ende?
Er biß die Zähne zusammen. Der Arm wurde dunkelroth, es war wie ein Brand. Aber es wirkte. Das Gefühl, als ob die Knochen des Kopfes auseinanderfallen wollten, ließ nach. Er vermochte beinah wieder zu denken.
Noch einmal also! Er zog die Spritze zurück, sie rollte zur Erde.
Ja richtig, um sie wieder zu erlangen, muß man sich bücken.
Mit blöden Blicken stierte er darauf hin – wozu, wozu – wenn es doch nun einmal das Ende sein mußte?
Wenn sich das Weib nebenan doch nur ruhig gehalten hätte! Herrgott, die Sache konnte doch nun nicht mehr lange dauern!
Ohne hinzusehen, griff er in ein kleines Fach seines Schrankes. Er hielt nun einen Revolver in der Hand. Müde setzte er sich auf den Rand seines Bettes. Mit irrem Lächeln sah er die Waffe an. »Der Tod ist der Sünde Sold« – es ging aber noch weiter, der Spruch war damit nicht aus. Wie doch?, wie doch?
Richtig im Notizbuche, da mußte es stehn. – Aber das Notizbuch? Aufstehen und es holen, oder sich bücken und die Spritze aufheben? Wozu? Wozu?
Ein wahnsinniges Geräusch erfüllte plötzlich sein Hirn, wie mit eisernen Schrauben fühlte er seine Schläfen gepreßt. Die Alkohollösung war eine tötliche. Aber für ihn doch wohl nicht. – – Das Ende, das Ende! –
Er fühlte nichts mehr, er dachte nichts mehr, seine Blicke verdunkelten sich. Langsam hob er den kurzen blanken Lauf des Revolvers in die Höhe, setzte ihn fest an seine Schläfe und drückte ab. Dumpf krachte der Schuß in dem kleinen von Teppichen und schweren Stoffen verhängten Raum. –
Eine Secunde nur stand Lydia Bremer wie erstarrt, dann stürzte sie vorwärts.
Ein Blick zeigte ihr, was geschehen war. Vielleicht lebte der Mann noch, der ihr den Schimpf angethan hatte, ihre Liebe zu verschmähen – es war ihr gleichgültig; keine Minute ihrer Zeit widmete sie ihm. Sie sah das Kästchen mit seinem Inhalte von kleinen Flaschen. Geräuschlos glitt sie darauf zu und mit einem einzigen gierigen Griff ließ sie die sämmtlichen Gläser in ihrer Tasche verschwinden.
Hastig durchwühlte sie noch den Auszug eines Tisches, aber sie fand nichts mehr. Kaum eine Minute blieb ihr Zeit; man hatte den Schuß im Hause gehört; das Zimmer füllte sich mit Menschen.
Professor Schrödter stellte den Tod seines Assistenten fest. Er nahm an, daß Turnau in einem Augenblicke geistiger Umnachtung gehandelt habe.
Kopfschüttelnd blätterte er in dem Notizbuche, das der Todte bei sich trug, während er geglaubt hatte, es läge im Nebenzimmer. Der Professor hoffte eine Aufklärung über die Beweggründe zu der traurigen That darin zu finden.
Endlich fand er eine Notiz, die das Datum der vergangenen Nacht trug. »Der Tod ist der Sünde Sold, aber die Gnade Gottes ist das ewige Leben in Christo Jesu unserem Herrn.« Daneben stand, daß er wünsche diesen Spruch auf seinen Grabstein setzen zu lassen.
Der Professor reichte Lydia das kleine Buch. Sie las den Spruch und schlug wie verzweifelt die Hände vor ihr Gesicht.
»Sie waren dabei, Frau Geheimräthin, sollten Sie den Zusammenhang nicht ahnen, wissen Sie nichts – gar nichts?«
Er sah sie durchdringend an. Sie fühlte, daß Alles für sie auf dem Spiele stand – – ihre Ehre – – von allen Seiten ruhten neugierige Blicke auf ihr.
»Morphium« stammelte sie, verzweifelt, außer sich. –
»Ah – also weiter brauchen wir nach Ihrer Morphiumquelle nun nicht mehr zu suchen, Turnau war der Schuldige, er gab Ihnen das Gift, er selbst ging zu Grunde daran, o ich verstehe, ich verstehe.«
Ueber das breite Gesicht einer Wärterin glitt ein höhnisches Lächeln. Lydia sah es, das Blut stieg ihr ins Gesicht, sie empfand eine leidenschaftliche Wuth, die ihrem Wesen bis dahin fremd gewesen war.
»Herr Professor, was müssen Ihre Leute von mir denken, wenn Sie mich so fragen!«
Sie bemühte sich, so kalt und so ruhig zu erscheinen wie sonst – es war ihr nicht möglich. Der Professor empfand, daß er sich in irgend einer Weise nicht ganz correct benommen hatte. Sein Ton klang weniger rücksichtslos schroff, als er sie fragte, wie sie dazu gekommen sei, Turnau aufzusuchen, anstatt den jungen Arzt zu sich zu bitten.
»Sie haben mir selbst heute den letzten Tropfen Morphium weggenommen, den ich besaß,« erklärte sie rasch »nur durch ein heimliches Zusammentreffen mit Turnau konnte ich hoffen, das Verlorene wieder zu erlangen.«
»Es wäre aber doch eine Gemeinheit von ihm gewesen,« polterte Schrödter nun doch wieder los, »Sie sind meine Patientin, mein Assistent mußte darauf Rücksichten nehmen.«
Lydias Blicke trübten sich, sie empfand mit bitterem Schmerze ihre Ohnmacht gegenüber der ihr aufgezwungenen Behandlung des Nervenarztes.
»Doctor Turnau war heute sehr unzugänglich, mein Besuch war vergeblich,« sagte sie kurz.
»Ein Sterbender – das will ich glauben, – ich habe heute zum ersten Male bemerkt, wie krank er war – werfen wir keinen Stein auf den Todten.«
»Wie meinen Sie das, Herr Professor?«
In athemloser Spannung hingen die Augen aller Anwesenden an den Lippen des Arztes. Schrödter sah ein, daß es in diesem Augenblicke in seiner Hand lag, eine Verdächtigung, einen Makel von dem Namen der Geheimräthin fern zu halten – er dachte an den Gatten der jungen Frau. Was für ein Heiligthum war diese Frauenehre für diesen Mann!
Gewissermaßen erklärend wandte er sich an das Personal seiner Anstalt, das ihn jetzt fast vollzählig umstand.
»Herr Doctor Turnau ist schon längere Zeit leidend gewesen, heute früh fand ich ihn unzurechnungsfähig, er wird in der Aufregung, die seiner That voranging, kaum erkannt haben, wer bei ihm war, vielleicht hat er Sie überhaupt nicht bemerkt, gnädige Frau.«
Lydia begriff. »Doch, er hat mich erkannt, aber er ließ mich im Salon warten, während er die entsetzliche That im Schlafzimmer vorbereitete; erst nach dem Geräusch des Schusses wagte ich es, ihm zu folgen.«
Nach dieser Erklärung athmete sie auf, man achtete nicht mehr so auf sie. Die Leute beschäftigten sich mit der Leiche, die Aerzte zogen sich zurück.
Mit leidenschaftlichem Entzücken fühlte sie in ihrer Tasche die kleinen Gläser. Auf Jahre hinaus würden diese concentrirten Lösungen genügen, um daraus das verhältnißmäßig schwache Mittel herzustellen, dessen sie bedurfte. O, wie wollte sie diesen Schatz hüten, wie sorglich und vorsichtig wollte sie alles verstecken, man sollte sie nicht zum zweiten Mal überlisten. Nun aber nach Hause und vor allen Dingen Alles in Sicherheit bringen.
Die Freude, die sie erfüllte, ließ sie die entsetzliche Demüthigung vergessen, die sie erlitten hatte. Sie empfand auch keinen Schmerz über das jähe Ende des Mannes, den sie noch vor einer Stunde zu lieben geglaubt hatte. Sie liebte nichts mehr auf der Welt außer dem Genusse, und genießen konnte sie jetzt – maßlos, unbeschränkt, heimlich.
Geräuschlos verließ sie das Zimmer des Verstorbenen und eilte die Treppe hinab. Das Herz schlug ihr bis zum Halse hinauf – fort, nur fort.
»Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich möchte mir gestatten, Sie zu begleiten,« Professor Schrödter stand plötzlich neben ihr, kalt und mißtrauisch sah er sie an.
O, wie sie ihn haßte – sie hätte ihn ins Gesicht schlagen, ihn von sich stoßen mögen, sie war fassungslos.
»Lassen Sie mich – der Schreck, die Aufregung – ich möchte allein sein.«
»Ich halte es für meine ärztliche Pflicht, Sie zu begleiten, auch wenn Ihnen das direct unangenehm sein sollte.«
»Es ist mir so unangenehm, daß es eine Zudringlichkeit wäre, wenn Sie darauf bestünden.«
Das war eine Beleidigung, nun mußte er sie doch lassen. Aber er wich nicht von ihrer Seite. »Ich werde diese Zudringlichkeit vor Ihrem Herrn Gemahl zu rechtfertigen wissen.«
Mit diesen Worten hob er sie in den Wagen, stieg zu ihr ein und fuhr an ihrer Seite ihrer Wohnung zu. Es sah fast so aus, als ob er heimlich lächelte über ihren ohnmächtigen Zorn. Sie wurde immer bleicher, und in ihren Augen brannten verhaltene Thränen.
Der Geheimrath erschrak, als er an den Wagenschlag trat und ihr verzerrtes, entstelltes Gesicht ihm entgegensah. Sie sah alt und fast häßlich aus in dieser wahnsinnigen Aufregung mit ihrem nachlässigen Anzuge.
»Um Gottes Willen, was ist denn mit meiner Frau geschehen? Lydia, wie siehst Du aus! Herr Professor erklären Sie doch – – –«
»Deshalb bin ich gekommen,« antwortete Schrödter mit überlegener Ruhe. »Unsere Kranke hat sich wieder Morphium zu verschaffen gewußt, es wird Ihre Aufgabe sein, Herr Geheimrath, alle Kleider der Patientin sorgfältig durchsuchen und prüfen zu lassen, damit nichts eingeschmuggelt werden kann, was wir nicht wissen.«
»Lydia!«
Sie hörte den entsetzten Ausruf ihres Mannes nicht mehr, denn sie war ohnmächtig zusammengebrochen bei den rücksichtslosen Worten des Arztes.
Der Geheimrath rief das Kinderfräulein an den Wagen. Das junge Mädchen nahm rasch entschlossen die zarte Gestalt ihrer Herrin in ihre Arme und trug sie, ohne die Unterstützung der Herren in Anspruch zu nehmen, ins Haus.
Das Stubenmädchen kam der Bonne zu Hülfe. Behutsam wurde die Ohnmächtige niedergelegt, Fräulein Wagner knöpfte ihr den Schlafrock auf, um sie, wie es der Arzt gewünscht hatte, zu entkleiden.
Lydia kam dabei zur Besinnung.
Ein kurzer Befehl ließ das Stubenmädchen zurücktreten, das Fräulein aber wußte, um was es sich handelte. Gewissenhaft wie sie war, ließ sie sich nicht abweisen und versuchte der Kranken das Kleid von den Schultern zu ziehen.
Da nahm die verzweifelte Frau alle Kraft zusammen, mit beiden Händen stieß sie das junge Mädchen, das sich über sie gebeugt hatte, vor die Brust und sprang auf.
»Ich bin nicht Ihre Gefangene, rühren Sie mich nicht an, gegen Gewalt wehre ich mich mit Gewalt.« Sie zitterte am ganzen Körper, ihre Zähne schlugen wie im Fieberfrost zusammen, ihre Augen waren weit aufgerissen, man sah das Weiße um die Pupille herum.
Das junge Mädchen war tödtlich erschrocken, sie glaubte einer Wahnsinnigen gegenüberzustehen. Bleich und eingeschüchtert lehnte sie sich an die Wand.
»Gehen Sie,« herrschte die Geheimräthin das Dienstmädchen an. »Rufen Sie den Herrn,« rief das Fräulein ihr nach.
Einen Augenblick schien es, als wollte sich die Kranke in wildem Zorn auf das Fräulein losstürzen, aber es war nur eine rasche Bewegung. Geräuschlos bog sie sich an der Bonne vorbei, erreichte die Thür und stürzte in ein anderes Zimmer, das sie sofort hinter sich abschloß.
Das Dienstmädchen hatte inzwischen dem Hausherrn gemeldet, wie weit seine Frau sich gegen Fräulein Wagner vergessen hatte. Professor Schrödter rieth nun selbst keine Gewalt anzuwenden, sondern das im Hause versteckte Morphium ohne Wissen der Erregten später zu suchen.
Der Professor gab der treuen, zuverlässigen Bonne noch einige Verhaltungsmaßregeln, ehe er ging. Bremer war wie gebrochen über das Unglück, das über ihn hereinbrach.
Den Morphinismus hielt er für ein Laster, und einem Laster zu fröhnen war in seinen Augen eine Schande für sein Haus und für seinen Namen. Dazu kam das heimliche Einverständniß seiner Frau mit Turnau. Vom sittlichen Standpunkte aus sah er darin einen Makel, den auch der Tod des Schuldigen von seiner Ehre nicht zu tilgen vermochte. Wie Lydia als Weib zu Turnau gestanden hatte, wußte er nicht, er glaubte darin den Versicherungen des Professors nicht ganz. So krank, so todtkrank wie Schrödter ihn schilderte, war Turnau nach Bremer's Ansicht niemals gewesen.
Es war doch nicht anzunehmen, daß dieser junge Mann eine Dame in seiner Wohnung empfing, nur um ihr selbstlos und in allen Ehren ein Mittel in die Hand zu geben, von dem sie abhing mit Leib und Seele.
Diese Frage marterte den ruhigen, klaren, selbstbewußten Mann furchtbar. Er beschloß, unter allen Umständen ruhig und eingehend mit seiner Frau zu sprechen. Er wollte die Wahrheit wissen um jeden Preis; wie er sich nachher mit den Thatsachen abfinden würde, war ihm jetzt noch nicht klar.
Vorläufig mußte er warten, bis der wilde, leidenschaftliche Sturm der Verzweiflung vorbei war.
Er suchte seine Frau nicht auf, Fräulein Wagner hielt ihr auch die Kinder fern. Gegen Abend machte Professor Schrödter eine kurze, ärztliche Visite bei der Geheimräthin; er gab ihr für die Nacht so viel Morphium, wie sie gewohnt zu sein angab. Von den versteckten Vorräthen sprach er kein Wort.
Lydia hatte die Empfindung, daß sie in ihrem eigenen Hause von Spionen umgeben sei, sie warf einen wahrhaft leidenschaftlichen Haß deswegen auf Fräulein Wagner. Aber sie hatte doch einen Trost, Turnaus Gläser gehörten jetzt ihr, wenn sie auch jetzt noch nicht wagen konnte, deren Inhalt zu prüfen und kennen zu lernen.
Trotz der furchtbaren Erregungen, die ihr der Tag gebracht hatte, schlief sie in der Nacht wie todt und machte am Morgen sorgfältigere Toilette als an dem Unglückstage vorher.
Sie war fast ruhig, als ihr Schrödter seinen Besuch machte, und versprach sogar, sich einigen seiner Anordnungen fügen zu wollen.
Gegen Mittag hielt es der Geheimrath für möglich, sich mit seiner Frau auszusprechen. Er konnte es nicht länger aushalten.
Tiefernst, fast finster stand er vor ihr und forderte Rechenschaft über die Ehre seines Hauses, die er in ihre Hände gelegt hatte, als er ihr seinen Namen gab.
Die sonst wenig erregbare, oberflächlich heitere Frau befand sich in einer krankhaft gesteigerten Reizbarkeit. Bremer aber besaß zu wenig Verständniß für Krankheit und krankhafte psychologische Vorgänge, um damit zu rechnen.
»Es ist nichts vorgefallen, was gestern und vorgestern, vor Wochen und vor Jahren nicht auch schon gewesen wäre,« beharrte sie. »Turnau war selbst Morphinist, er verstand meinen Kummer über die Unmöglichkeit, mir das zu verschaffen, was ich brauchte, um froh und um glücklich zu sein. Hättest Du mir nicht diesen ordinären Professor Schrödter, den ich verabscheue und von dem ich mich niemals behandeln lassen werde, aufgedrängt, so wäre heute noch Alles wie es war. Ich wäre ruhig und glücklich, und Dir wäre Aufregung und Aerger erspart geblieben.«
»Du hättest weiter gesündigt und Dich durch ein Laster erniedrigt, daß Dich in der Achtung Deines Mannes, Deiner Aerzte und sogar Deiner Dienstboten tief herabsetzt.«
»Wenn Du mit den Dienstboten vielleicht Fräulein Wagner meinst, so will ich Dir doch nebenbei bemerken, daß ich diese arrogante Person zu entlassen gedenke.«
»Die pflichttreue Pflegerin ist meinen Kindern unentbehrlich, so lange diese keine Mutter haben.«
»Du stellst diese Person über Deine Frau!«
Ihre Augen flackerten, ihre Wangen brannten, er sah es, aber er begriff nicht, daß diese Anzeichen Schonung und Ruhe für ihre kranken Nerven forderten; er sah nur ihre Leidenschaft, ihren ungerechtfertigten Zorn gegen ein unschuldiges, reines Wesen, das in seinem Hause unter seinem Schutze stand.
»Ja,« sagte er ruhig, »ein unbescholtenes jungfräuliches Mädchen steht sittlich viel höher, als eine pflichtvergessene Mutter, die sich ihren Kindern entzieht, um mit sinnlicher Gier in verbotenen Genüssen zu schwelgen. Seit Du morphiumsüchtig bist, habe ich kein Weib mehr, meine Kinder haben keine Mutter, und die Ehre meines Namens lag bis heute in den Händen eines charakterlosen Schwächlings, der in seiner Erbärmlichkeit nicht anders enden konnte, wie er geendet hat, als Selbstmörder.«
Lydia sah ihn starr an. Es lag etwas Unheimliches in ihren Augen, etwas wie verborgener Wahnsinn. »Deine Ehre in Turnaus Händen?« sie lachte.
»Von seinem Mitleid habe ich gelebt, von dem Almosen, das er mir hinwarf. Ein willkürliches Gesetz gab ihm in die Hände, was Anderen unerreichbar ist. Großmüthig gab er mir von seinem Reichthum, weiter nichts. O Gott, Arnold – muß ich Dir denn schwören, daß Deine Ehre rein geblieben ist, daß mich Turnau körperlich niemals berührt hat?«
»Wenn das der Fall ist, so lag es wohl nicht an dir; du hättest dich vor die Hunde geworfen, um deiner Leidenschaft fröhnen zu können. Es ist nicht das Verdienst einer Dirne, wenn ihre Reize keinen Käufer finden.«
Er erschrak selbst, als er die furchtbare Beleidigung ausgesprochen hatte. Die Verachtung hatte ihn überwältigt, maßlos wie seine Verzweiflung war der Vorwurf, den er erhob.
»Du begreifst, daß diese Aeußerung unsere Ehe nun auch äußerlich scheidet. Innerlich getrennt sind wir, seit Du heute früh Deine »Dienstboten« aufgehetzt hast, mir den einzigen Genuß zu stehlen, den das Leben an Deiner Seite für mich überhaupt hat.«
Sie wunderte sich selbst, daß sie so ruhig sprechen konnte. Wie aus weiter Ferne hörte sie ihre eigene Stimme. Es war in ihr wie ein Morphiumrausch ohne Morphium. Leise griff die Krankheit des Körpers vom Nervensystem aus hinüber nach der Seele. Die Grenze, die das körperliche und das Gemüthsleiden trennt, verschob sich unmerklich, die Leidenschaft, der Zorn und die Qual der Verzweiflung wurden zur Krankheit. Sie konnte nicht mehr kämpfen, nur noch leiden, nur noch dulden, nur noch schwach und vergehend sich wehren, wenn man ihr allzu wehe that.
»Ehescheidung?« Er fuhr in furchtbarer Heftigkeit auf. »Glaubst Du, daß ich an meinen Kindern das Verbrechen begehen werde, meine Ehe scheiden zu lassen? Der Schwur, den ich am Altar geleistet habe, ist mir heilig. Ich bin und ich bleibe Dein Gatte, nur der Tod kann uns scheiden.«
»Wenn das Deine Ansicht ist, so giebt es allerdings für uns Beide nur einen Ausweg – tödte mich – es wird mit meinem Einverständniß geschehen.«
»Nein, ich will kein Verbrechen begehen, wie Du. Dank dem krankhaften Zustande Turnaus bist Du äußerlich wenigstens nicht entehrt, wenn Du es auch innerlich bist durch den Willen zur Sünde. Kehre um, bereue, bessere Dich und beginne ein neues Leben.«
»Was giebt Dir das Recht, eine solche beleidigende Forderung an mich zu stellen? Ich war nicht Turnaus Geliebte, ich war nur Morphinistin, das ist eine Krankheit, eine Schuld ist es nicht.«
»Als eine Krankheit fasse ich es auf und wie ein Unglück, wie eine Krankheit will ich es bekämpfen.«
»Glaubst Du, daß Zwang und Gewalt, die mich zur Verzweiflung treiben, die mich sogar zur körperlichen Gegenwehr zwingen, der richtige Weg sind, um eine Krankheit zu heilen?«
»Bedenke mein Entsetzen, Lydia, meine schmerzliche Ueberraschung. Deine Tugend, Deine Vornehmheit, Deine frauenhafte Lieblichkeit waren mein Heiligthum und mein Glück. Mir ist, als ob sich ein Abgrund aufgethan hätte, der das Alles in seine Tiefe gerissen hat; mir ist, als ob ich selbst vor einem Verhängniß stände, das mich zu Grunde richten muß.«
»Dein ganzer Kummer ist nichts als Einbildung,« rief sie außer sich. »Laß morgen durch die Gnade der Heiligen eine Erleuchtung in die Welt kommen, die einen entsetzlichen Zwang aufhebt, laß den Morphiumverkauf frei werden, und ich stehe gerechtfertigt, ehrenhaft, glücklich und frei da, wie zuvor. Nur der Zwang, ein Gesetz umgehen zu müssen, hat mich unglücklich gemacht. Mit dem Fall dieses Gesetzes würde ich und Tausende mit mir wieder ehrlich und froh sein.«
Arnold Bremer stampfte mit dem Fuße auf und griff in maßloser Wuth mit beiden Händen in sein graues Haar. Seine Stimme klang beinah wie Schluchzen.
»Lydia – wenn morgen die Strafe für Mörder aufgehoben würde, würde dann der Mörder aufhören ein Verbrecher zu sein?«
Sie zuckte die Achseln. »Der Mörder schadet Anderen an Leib und Leben; der Morphinist schadet niemand, er genießt nur ein süßes Behagen, das ein neidischer Zwang ihm verwehrt.«
»Und schadet niemand?«
»Nein.« Sie sah ihn fragend an.
Er lachte höhnisch außer sich auf. »Also Du glaubst, daß es nichts schadet, wenn ein Mensch plötzlich aufhört, diejenigen Pflichten zu erfüllen, die ihm Gott für sein Leben zugetheilt hat? Es schadet wohl nichts, wenn eine Frau, anstatt ihren Mann glücklich zu machen und ihre Kinder zu pflegen, in zwecklosem Genießen nur noch körperlich fortvegetirt, ohne geistig auf ihrem Posten zu stehen? Steht nicht geschrieben: Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen?«
»Nicht essen? – Lieber Arnold, muß ich Dich daran erinnern, daß ich kein armes Mädchen war, das geheirathet hat, um versorgt zu sein? Unsere Renten sind ungefähr gleich. Was giebt Dir denn das Recht, mir vorzuhalten, daß ich ohne Gegenleistung dafür mir erlaube – – zu essen?«
»Nimm das nicht buchstäblich, spiele nicht mit Worten,« rief er außer sich, »es ist ein frivoles Spiel. Jeder Mensch hat sein Leben zu durchkämpfen, wenn es sein muß, zu durchleiden, um einen gewissen Kreis von Pflichten zu erfüllen, die ihm zugefallen sind. Nicht Jeder braucht um das tägliche Brod zu arbeiten, Mancher ist zu mehr, zu Besserem, zu Höherem berufen. Jedes Weib ist dem Himmel verantwortlich für die Seelen ihrer Kinder, die sie dem ewigen Heil zuführen muß. Man muß einen Lebenszweck haben, begreifst Du das nicht?«
Einen Lebenszweck – – wie eine Vision stand der Kirchhof vor ihrem inneren Auge; sie saß am Grabe ihrer Eltern, die rothen Sonnenstrahlen schimmerten auf dem schwarzen Marmor des Grabsteins. Neben ihr saß ein Mann, ein Freund, er verstand sie, und sie – sie liebte ihn. Er war jetzt hinübergegangen zu den Todten, und von ferne, aus einer anderen Welt, jenseits des Grabes, aus der Welt der Erinnerung drangen Worte an ihr inneres Ohr – Worte, die er einstmals gesprochen, »der Genuß ist auch ein Lebenszweck, so gut wie die Arbeit; es kommt nur darauf an, daß man seine moralischen Begriffe damit in Einklang zu bringen versteht – – – – – – – – –«
Mechanisch, halblaut, wie man nachspricht, was jemand vorsagt, sprach sie sie aus, diese Worte des Freundes.
Der erzürnte Mann vor ihr hatte diese Antwort doch nicht erwartet. Wie ein Schleier sank es ihm plötzlich von den Augen. Diese Frau mit dem irren, abwesenden, in's Leere starrenden Blick konnte er nicht für die Worte verantwortlich machen, die so abgerissen und ausdruckslos von den bleichen, zuckenden Lippen fielen. Sie war krank, unzurechnungsfähig. – Mit furchtbarer Ahnung durchblitzte sein Hirn der Gedanke, sie könne wahnsinnig geworden sein durch die Verzweiflung, in die sein rücksichtsloses Vorgehen sie gestürzt hatte.
»Du mußt in eine Anstalt, nachher wird Alles besser werden,« und wie sie zusammenzuckte, fügte er noch mitleidig und traurig hinzu: »ich will Dich nicht quälen.«
Dann ging er hinaus. Wenn er gewünscht und gehofft hatte, seine Frau zu erschüttern, zu rühren und der Bereuenden vielleicht dann verzeihen zu können, so sah er sich bitter enttäuscht.
Er hatte nichts erreicht, höchstens den Riß, den nach seiner Ansicht ihre Morphiumsucht in die Ehe gebracht hatte, unheilbar gemacht und endlos vergrößert. Seinem Auge bot sich kein Ausweg. Er wollte und mußte sie in eine Heilanstalt bringen, aber selbst wenn sie dort körperlich geheilt werden sollte, konnte er nicht hoffen, daß ihre Seele wieder gesund werden würde.
Er hatte sie geliebt, jetzt hatte er ihre Liebe verloren. Mit heißem Schmerze fühlte er, daß seine Liebe zu der Kranken, Unglücklichen unerschütterlich treu in seinem Herzen fortleben würde, so lange er lebte. Vielleicht konnte diese Liebe noch wachsen und zunehmen, wenn sie jemals sich hülflos und verzweifelt an ihn anklammern würde, aber er fühlte, daß sie das, was ihm und auch ihr früher selbstverständlich erschienen wäre, nicht thun würde – nie wieder. – Es stand etwas zwischen ihnen, was er nicht aus dem Wege zu räumen vermochte, weil es überwältigend und unfaßbar war, eine Leidenschaft – – »Morphium«. –
Er dachte auch einen Augenblick an den blutigen Schatten des todten Freundes. Nein, der stand nicht zwischen ihm und ihr, den hätte die Liebe des Mannes überwinden können; aber gegen den Dämon konnte er nicht kämpfen, der ihre Seele gefesselt hatte. Mit einem schweren Seufzer blieb er vor der Thür ihres Zimmers stehen. Dann ging er mit festen Schritten hinüber in's Kinderzimmer. Nacheinander hob er beide Kinder zu sich empor, drückte sie fest an die Brust und küßte sie innig.
»Meine Frau ist schwer krank, Fräulein, die armen Kinder werden manches entbehren müssen,« sagte er ernst.
»Was ich thun kann, um den Kindern die Mutter, so lange es nöthig sein wird, zu ersetzen, soll geschehen,« antwortete Hedwig Wagner einfach und schlicht.
In ihren grauen Augen standen Thränen, treu und freimüthig legte sie ihr Versprechen ab. Der Geheimrath gab ihr die Hand. Dann verließ er die Kinder; es war ihm, als hätte er sie in die Obhut eines Schutzengels gegeben.
Um so schnell wie möglich die Unterbringung seiner kranken Frau in einer geeigneten Anstalt zu veranlassen, begab er sich gleich darauf zu Professor Schrödter.
Lydia war, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, träumend und regungslos stehen geblieben. Ein weißes, langes Kleid floß weich herab an ihrer schlanken Gestalt, der schöngeformte, hochfrisirte Kopf sah reizend und jugendlich aus, aber die Augen waren glanzlos, die vorher brennenden Wangen waren fahl geworden, und die Hände hingen schlaff und müde herab.
Sie fühlte, daß Alles zu Ende war zwischen ihrem Manne und ihr. Sie hatte, seit sie Morphinistin war, nicht darüber nachgedacht, ob sie ihn noch liebe oder nicht. Still und unmerklich war die Liebe eingeschlafen in ihrem Herzen. Ein zartes verständnißvolles Benehmen des Mannes hätte sie vielleicht leise und sanft wieder erwecken können wie ein Sonnenstrahl eine Blüthe, die ein Nachtfrost geschlossen hat, aber seine brutale Moral, sein schroffer correcter Ehrbegriff hatte die zarte, sterbende Blüthe zertreten.
Sie hatte aufgehört, ihn zu lieben und konnte ihn auch nicht wieder lieben, nie, im Leben nicht wieder.
In erbittertem Kampfe stand er ihr gegenüber. Verachtung hatte er ihr entgegengeschleudert. Um ihr Laster auszurotten, wollte er sie in eine Heilanstalt bringen. Gegen sie, das zarte kranke Weib, rief er den rohen rücksichtslosen Arzt zu Hülfe, den sie verabscheute.
Es ist so leicht, einen wehrlosen, kranken Menschen zu peinigen und zu verfolgen. Darin liegt aber eine Gemeinheit, eine moralische Roheit, die doch wohl eben so verächtlich ist, wie die Pflichtvergessenheit einer Kranken. Lydia wußte, was das Wort in sich schließt »eine Entziehungscur.« Professor Schrödter garantirte zwar für seine »Entziehungscuren ohne Qualen«, aber nur ein Morphiumkranker kann ermessen, wie groß die Lüge ist, die in dieser Vorspiegelung liegt.
Ein Opfer dieser Qualen aber sollte sie nun sein, um nach dem Willen ihres Mannes ihren Pflichten zurückgegeben zu werden.
Sie dachte an Turnau. Nicht mehr mit Liebe, sondern mit Neid gedachte sie des glücklichen Todten. Er hatte den Genuß, den das Morphium gewährt, auskosten dürfen bis zum Ende, ihr dagegen riß man den goldenen Kelch von den Lippen, jetzt wo sie noch durstig war – durstiger als je.
Ihre Seele lechzte nach Betäubung, um die Schmach zu vergessen, die ihr angethan worden war. Von ihrer Krankheit, von ihrer Verirrung sprach ihr Mann; die Aerzte, die Welt würde davon sprechen; Nachsicht und Mitleid würde man ihr zu Theil werden lassen – und Achtung, äußere Achtung vielleicht auch wieder, ja – das – –
Der Todte aber hatte sie besser gekannt, als alle lebenden Menschen. Er allein wußte, daß sie eine Schuldige – eine Ehrlose war.
»Der Tod ist der Sünde Sold«, das war das letzte Wort, was er ihr zurief von seiner blutigen Bahre. In frivolem Spotte hatte er gespielt mit dem Gedanken an ewige Dinge, und als dann der Tod kam, klammerte er, der Freigeist, sich an die Verheißung des Christenthums von der Gnade Gottes und dem ewigen Leben in Christus.
O, wie sie sich schämte; in der Tiefe ihrer Seele verging sie in Scham und in Reue. »Der Tod ist der Sünde Sold.« Es war ihr plötzlich wie eine Offenbarung. Auf seinen Grabstein sollte man den Spruch setzen. Aber der Spruch war für sie. Wenn Menschen schweigen, so reden die Steine. Zu ihr, nur zu ihr sollte er sprechen, dieser Stein; nur für sie galt die furchtbare Mahnung: »Der Tod ist der Sünde Sold.«
Mit einem wilden Schrei griff sie nach ihren hämmernden Schläfen. Dann stürzte sie vorwärts und riß die Schnur von ihrem Halse, an der sie den Schlüssel verbarg zu ihren »Schätzen.«
Sie kniete nieder an dem Schränkchen und schloß es mit zitternden Händen auf. Da standen sie alle, alle die kleinen Gläser, die sie bei dem Todten gefunden, es fehlte nicht eins.
Das erste beste ergriff sie und setzte es an die Lippen. Sie fühlte ein scharfes Brennen, aber sie wollte es überwinden, das Gläschen leer trinken.
Da ging hinter ihr eine Thür auf. Hedwig Wagner trat ein, nahm ihr mit ruhiger Bestimmtheit das Gläschen vom Munde und verschloß den Schrank.
»Das geht nicht, gnädige Frau. Der Professor wird Ihnen so viel Morphium zutheilen, wie Sie bedürfen, um nicht zu leiden,« sagte das Mädchen.
Lydia antwortete keine Silbe. Scheu und traurig begegnete ihr Blick dem der Bonne. Dann verließ sie das Zimmer. Sie stieg die Treppe hinauf, mit einer Hand hielt sie ihr Kleid, die andere lag an der Stirn. »Die Steine reden, die Steine rufen.« – Leise und stockend sagte sie das vor sich hin, wieder, immer wieder.
Sie ging die ganze Treppe hinauf, schritt über den Boden, noch eine kleine Treppe höher und stieg endlich durch eine Klappe auf das platte Dach des hohen Hauses. Ein niedriges Geländer umgab die Plattform.
Lydia beugte sich darüber hinweg und starrte hinab auf das Steinpflaster des Hofes vor den Stallungen und Remisen.
Die Steine da unten schimmerten grau zu ihr empor. Ein röthlicher Sonnenstrahl glitt drüber hin.
Der Tod ist der Sünde Sold; – »die Steine reden, die Steine rufen.« Sie sah sich scheu um. Nein, es war ihr niemand gefolgt, sie war allein, frei, vielleicht zum letzten Male frei, ehe sie die Gefangenschaft des Irrenhauses umgab.
Wie wonnig ist doch die Freiheit, das edelste Menschenrecht – – – Sie hatte die Freiheit benutzt.
Ein Schrei, ein Fall – die Steine der Tiefe nahmen sie auf.
Nach dem Tode.
In der großen Universitätsklinik traten die Nachtwachen an. Auf jeder Station wachte eine Schwester, und an einzelnen Betten, wo es besonders verordnet war, sollten Hülfswärterinnen wachen. Vorläufig waren die zu diesem Dienste bestimmten Schwestern im Operationssaale versammelt; sie präparirten die nöthigen Medicamente, die Eisbeutel, die Getränke, die Compressen, kurz alles das, was in der Nacht möglicherweise gebraucht werden konnte.
Die Wärterinnen hielten sich, so lange bis ihnen eine genaue Angabe ihrer Arbeit zu Theil wurde, auf dem breiten Corridor auf und klatschten.
Das Elend einzelner Kranken, ihre Lebensverhältnisse, sowie die persönlichen Angelegenheiten der Aerzte und Schwestern bildeten den Gesprächsstoff. Die schauerlichen Einzelheiten der schwersten Unglücksfälle wurden mit wonnevollem Eifer besprochen, und hatte eine von diesen Mädchen und Frauen ein entsetzliches Menschenschicksal in kurzen Worten, und von den Ausrufen der Anderen oft unterbrochen, geschildert, so war auch gleich eine Andere da, die aus ihrer Spitalerfahrung etwas noch Trostloseres, noch Krasseres zu berichten wußte.
Trotz des tieftraurigen Gegenstandes, der bei der Unterhaltung vorherrschte, klang doch zuweilen ein unterdrücktes Kichern, ja sogar lautes Lachen aus diesem Kreise.
Die Oberschwester hatte den jüngeren Pflegerinnen die nöthigsten Anweisungen für die Nacht ertheilt und durchschritt nun den Corridor, um ihr Zimmer aufzusuchen. Die Wärterinnen, obgleich sie »weltlich« waren, drückten sich schweigend und zum Theil verlegen an die Wände, um in tiefster Ehrfurcht die würdige Dame an sich vorbeigehen zu lassen.
In keinem von Männern versehenen Dienst- oder Verwaltungszweige herrscht eine so unbedingte Unterordnung unter die Person des Vorgesetzten, wie in dem weiblichen Staatshaushalte eines kirchlichen Jungfrauenordens.
Das ganze weibliche Personal der Klinik unterwarf sich bedingungslos den Befehlen und Anordnungen der Schwester Domina, die als Leiterin der Anstalt hier voll und ganz die Würde der »Frau Mutter« vertrat.
Die Schwestern verließen das Operationszimmer, in welchem sie die Anordnungen ihrer Oberin empfangen hatten und traten auf den Corridor hinaus, um sich nach den Wärterinnen umzusehen, die ihnen für die schwersten Arbeitsleistungen der Nacht zur Hilfe zugetheilt waren.
Schwester Coelestina von der sechsten Männerstation erhielt allein drei Gehilfinnen für ihren Saal, Schwester Theophila ging mit zwei bewährten Hilfskräften nach der Diphteritis-Abtheilung der Kinderstation. Fast jede Schwester entfernte sich in Begleitung einer Wärterin, nur Schwester Clarissa schlug allein den Weg nach der dritten Frauenstation ein. Die Schwester Domina war der Ansicht, daß auf dem dritten Frauensaale momentan kein so schwerer Fall vorliege, daß die Stationsschwester nicht allein damit fertig werden sollte.
Lautlos, fast wie schwebend bewegte sich die dunkle, schlanke Gestalt der jungen Nonne durch die langen, schwach beleuchteten Gänge des großen Krankenhauses.
Im Hörsaale brannte das Gaslicht noch mit voller Flamme. Das war eine Nachlässigkeit des Heilgehülfen, dem die Reinigung und Ordnung dieses Raumes oblag. Schwester Clarissa verzichtete darauf, den Mann zur Erfüllung seiner Pflicht herbeizurufen, sie stieg auf einen Stuhl und erhob die Arme, um das Licht herunterzuschrauben. Wie ein dunkler Schatten breitete sich bei dieser Bewegung der Nonnenschleier aus, der ihren Oberkörper verhüllte; das Licht fiel ihr grell in das Gesicht, das sonst durch den Rand der Haube im Schatten gehalten wurde; unwillkürlich legte sie die Hand über die müden, vom Nachtwachen mit tiefen Ringen umgebenen Augen und blickte zur Seite.
Da stand das Gerippe, an dem die jungen Anatomen die ersten allgemeinen Studien über den Knochenbau des menschlichen Körpers zu machen pflegten. Schwester Clarissa war unzählige Male gleichgültig an dieser Erscheinung vorübergegangen, aber jetzt, in der Stille der Nacht schrak sie zusammen, als sie den grau-weißen Schädel so unmittelbar vor sich sah.
Sie schraubte die Gasflamme nieder, faßte mit beiden Händen das Kreuz, das an ihrer Gebetschnur hing und trat leise dem Gerippe gegenüber.
»O Du unergründlicher Gott, wo mag die Seele sein, die in diesem Körper gewohnt hat, ist sie bei Dir? Was aber mag dieser Mensch verbrochen haben, daß seine Gebeine nicht ruhen dürfen, wie die Gebeine Anderer? Ich – eine arme demüthige Magd des Herren – werde in wenigen Jahrzehnten auch nur noch ein Häuflein Gebeine sein,« betete sie, »o Du heilige Mutter, gieb meinem Leibe Ruhe und meiner Seele Erlösung. Wir sind von Erde genommen, und wir werden wieder zum Staube – wir – wir – aber dieser nicht. Seine Knochen sind präparirt, daß sie nicht zerfallen; sie sind mit Draht aneinander befestigt, und statt der heiligen Ruhe des Friedhofes umgiebt sie das lärmende Treiben der academischen Jugend, die in diesem Saale ein und aus geht. Was hat er verbrochen, welches ist die Schuld, die sich so straft, daß der Leib keine Ruhe findet, nachdem das müde Haupt dahingesunken ist auf das Kissen des Sterbebettes?«
Das schöne zarte Gesicht der jungen Schwester nahm einen tief wehmüthigen Ausdruck an. Sie wendete sich ab von dem Gerippe und nahm vom Katheder eine runde flache Glasschale herab.
In der Schale lag ein vom Haupte abgelöstes menschliches Antlitz, ohne Unterkiefer. Die Frau war an einem Krebsleiden gestorben, das sich vom Nasenbein nach der Stirnhöhle ausgedehnt hatte. Aus diesem Grunde hatte einer der Professoren das Gesicht von der Leiche genommen, um an diesem Präparate die Krankheit zu demonstriren.
Rücksichtslos hatte das Secirmesser von den Mundwinkeln aus die Wangen durchschnitten und das Fleisch lag nun da, bläulich grau und eingeschrumpft. Die Augenhöhlen waren tief eingesunken und zeigten eine dunklere Farbe. Schwester Clarissa hatte die Todte, die vor einem halben Jahre gestorben war, gepflegt. Es war eine schöne, sanfte junge Mutter gewesen. Sie hatte gräßlich gelitten, der Gedanke an ihre Kinder, die mit dem Keime des Krebsleidens geboren und nach ihrer Ansicht demselben traurigen Schicksale wie ihre Mutter verfallen waren, hatte ihr das Sterben erschwert. Die junge Nonne hatte die Protestantin veranlaßt, das Abendmahl zu nehmen und hatte ihr dann die Augen zugedrückt. Diese Augen, die sie hier in der Hand hielt, in Alkohol und Aether präparirt.
Die Schwester glaubte an die Auferstehung des Fleisches. Das war ihr gelehrt unter denjenigen Dogmen der Kirche, an die zu glauben ein Erforderniß zur Seeligkeit ist.
Sie betrachtete sich als eine Braut des Herren und in den Kranken, die sie pflegte, erbarmte sie sich des irdischen Leibes dessen, auf den ihre Seele harrte. Mit demüthiger Arbeit und gläubigem Beten wartete sie auf die Stunde, in der der himmlische Bräutigam sie rufen würde zum Hochzeitsfeste. Durch Tod, Grab und Auferstehung hindurch hoffte sie einzugehen zur ewigen Herrlichkeit. Das heilige Feuer eines leidenschaftlichen Glaubens erfüllte die Seele dieses stillen, der Welt abgewandten Mädchens.
Jeder Buchstabe der kirchlichen Lehre war für sie eine Säule, an der man nicht rütteln durfte, ohne den ganzen Tempel zu gefährden, den sie dem Herrn in ihrem Herzen erbaut hatte. Die Auferstehung des Fleisches – ein Satz des Glaubensartikels selbst – aber war einer der Grundpfeiler, auf dem die Lehren, denen sie anhing, beruhten. Wie war dieser Lehrsatz aber zu vereinen mit diesem künstlichen Erhalten menschlicher Reste, das sie täglich und stündlich vor Augen hatte?
Sie erinnerte sich genau, daß ein junger Arzt damals mit einem Photographen nach der Anatomie gegangen war, um den Kopf der Todten, nachdem das Gesicht bis auf Unterkiefer und Zunge abgenommen war, zu photographiren. Die Theile, an denen die Krankheit ihr Zerstörungswerk vollbracht hatte, waren in der Photographie roth bezeichnet und das entsetzliche Bild war im Hörsaale den Studenten erklärt worden.
In grübelnden Gedanken verließ die Schwester das Auditorium und begab sich nach ihrer Station, um die Wache anzutreten.
Zu beiden Seiten des Saales lagen im Halbdunkel die Reihen der Betten. Die harten schmalen Lagerstätten waren weiß gedeckt. Weiß und sauber war die Kleidung der Kranken. Zwischen je zwei Betten war ein genügend großer Zwischenraum, um mehreren Personen freie Bewegung zu gestatten.
Da war kein weiches Kissen, in das die Köpfe der Schlafenden hätten einsinken können; keine Federdecke verwischte die Linien der ruhenden Körper, die sich hoch und meistens in unschönen Linien von den Matratzen abhoben, auf denen sie nur durch eine leichte wollene Decke verhüllt waren. Übrigens war das kein Nachtheil, denn es war warm im Saale; aber manche Kranke stöhnte doch und konnte keinen Schlaf finden auf diesen hygienisch correcten jedoch ungewohnt steifen Kissen.
Zwanzig Frauen und Mädchen befanden sich in dem Saale, darunter war indeß keine Schwerkranke. Die Oberschwester hatte gesagt, daß auf keinen Fall im Laufe der Nacht ein Todesfall zu erwarten sei.
Das Isolirzimmer der Station war leer.
Tröstend trat die bleiche Nonne an die verschiedenen Betten. Sie legte hier das Polster zurecht, strich dort die Tücher glatt, legte Eisbeutel auf die Stirn der Fiebernden und hielt das Trinkglas an heiße, durstige Lippen.
Im Allgemeinen hatte sie keine schweren Hilfsleistungen zu thun und ihre Vorgesetzte hatte Recht, wenn sie meinte, daß eine Wärterin hier überflüssig sei. Die Dienste der Wärterinnen mußten aus der Hauskasse besonders bezahlt werden.
Gegen zehn Uhr war es ziemlich still im Saale. Schwester Clarissa kniete vor dem Muttergottesbilde mit der kleinen Lampe in der Ecke und betete ihre vorgeschriebene Zahl ab. Die Kranken waren ruhig, zum größten Theil schliefen sie.
Plötzlich war es der wachehabenden Nonne, als höre sie das Glockensignal des Portiers. Sollte irgendwo ein Mensch verunglückt sein und wurde in der Nacht in die Klinik geschafft? Schwester Clarissa hatte das oft erlebt, sie vermuthete es auch jetzt, aber sie verließ ihren Saal nicht, um nachzusehen.
»Was nicht zu Euch kommt, kümmert Euch nicht.«
Dieser Grundsatz, der allerdings der weiblichen Neugierde schnurstracks entgegenläuft, wird den Novizen tausend und aber tausendmal eingeprägt. Bei Schwester Clarissa war er in Fleisch und Blut übergegangen, sie blieb ruhig bei ihrer Andachtsübung, trotzdem sie deutlich hörte, daß Schritte und Männerstimmen auf den Gängen der Station hörbar wurden. Dazwischen klang zuweilen ein einzelner, schriller, wie thierischer Laut.
Einige Kranke richteten sich auf. »Bleiben Sie ruhig liegen, es wird ein Kranker gebracht, unser Saal ist voll, wir werden auf keinen Fall gestört,« – so redete sie auf ihre Schutzbefohlenen ein.
Einige ängstigten sich bei den wilden unarticulirten Tönen, Andere wollten aus Neugierde aufstehen, aber sanft und bestimmt brachte die Schwester Alle zur Ruhe und hielt die Ordnung im Saale aufrecht.
Jetzt erschien ein Arzt in der Thür. »Schwester Clarissa, Sie bekommen jemanden in Ihr Isolirzimmer, haben Sie keine Wärterin?« fragte er.
»Nein, Herr Doktor, hier ist nichts Besonderes zu thun,« antwortete sie freundlich.
Einen Augenblick blieb die hohe, elegante Gestalt des jungen Arztes zögernd in der Thür stehen. »Das ist sehr unangenehm,« sagte er, »ich glaube, es ist kein anderes Isolirzimmer im Hause frei.«
»Auf den Frauenstationen nicht,« bemerkte ein Wärter, der sich neugierig näherte.
»Nun, dann müssen Sie eben Rath schaffen, Schwester,« entschied der Stationsarzt.
Er öffnete die Thür zum Isolirzimmer, und die Nonne eilte noch einmal in den Saal zurück. Sie trat an das Bett einer gutmüthig aussehenden Frau in mittleren Jahren, die Reconvalescentin war. »Wenn hier etwas nöthig ist, so klingeln Sie bitte, Frau Schulz,« flüsterte sie, »ich habe hier nebenan zu thun.«
Die Frau nickte verständnißvoll, und Schwester Clarissa huschte hinaus.
Als sie das kleine überaus einfache Zimmer neben dem großen Saale betrat, sah sie dort eine Bahre stehen, auf der eine weibliche Gestalt in dunklen Umrissen zu erkennen war. Die beiden Träger entfernten sich, und der Schutzmann, der den Transport geleitet hatte, blieb allein mit dem Arzte, dem Wärter und der Schwester zurück.
»Sie können mir also in keiner Weise Aufklärung darüber geben, wer die Person ist?« fragte Dr. Schlüter den Beamten.
»Herr Doktor, ich habe sie in einer Scheune gefunden, ganz verkommen, ohne Bewußtsein, ohne Nahrung, niemand war bei ihr. Von der Polizeiwache aus hat man mich mit ihr hierher geschickt. Der Besitzer der Scheune wird ja wohl irgend eine Auskunft geben können, es ist von der Polizei aus schon nach ihm geschickt.«
»Wenn wir die Kranke aufnehmen sollen, muß ich doch wissen, wer für sie bezahlt,« entgegnete der Arzt. »Alle Freistellen sind durch städtische Arme besetzt und ohne meinen Chef zu fragen, darf ich niemanden aufnehmen, dessen Papiere fehlen.«
»Schicken Sie nach dem Armenvorstand. Herr Doktor, die Polizei kann doch keinen todtkranken Menschen auf der Straße verhungern lassen.«
Doktor Schlüter sah das ein. »Für diese Nacht will ich sie behalten,« erklärte er zögernd, »das Weitere muß sich morgen früh finden.«
»Zu Befehlen, Herr Doktor,« antwortete der Schutzmann, machte kehrt und verließ mit dröhnenden Schritten das stille Haus der Leiden und Schmerzen.
Schwester Clarissa hatte wiederholt versucht, sich der leblosen Gestalt zu nähern, aber ein fürchterlicher Geruch, wie von einer verwesenden Leiche hatte sie stets wieder von der Bahre verscheucht. Trotzdem bewiesen die entsetzlichen Töne, die zuweilen aus dem weit offenen Munde der Bewußtlosen drangen, daß noch Leben in dieser schwarzen, formlosen Masse war.
Mit einem Ausrufe des Ekels fuhr der Arzt zurück, als er sich niederbeugte, um zu sehen, was für eine Verletzung oder Krankheit hier eigentlich vorliege.
»Ich kann sie erst untersuchen, wenn sie gebadet ist,« sagte er. »Jahn, Sie müssen der Schwester helfen. Hier kommt es nicht darauf an, ob ein Mann oder eine Frau anfaßt; wenn Sie nicht fertig werden, holen Sie noch einen Wärter.«
Ohne sich weiter zu wundern, hing sich der Wärter den Traggurt der Bahre über die Schultern; Schwester Clarissa faßte am anderen Ende an, und der Arzt folgte den Beiden nach der Badestube.
Während die Schwester die Wasserleitung aufdrehte, versuchte Jahn die klebrigen Lumpen von dem menschlichen Körper zu entfernen, der da vor ihm lag.
Bei der völligen Unbeweglichkeit der Glieder ergriff er eine Scheere und schnitt das Zeug streifenweise vom Leibe der Bewußtlosen.
Die Nonne hatte inzwischen das Bad zurechtgemacht und wandte sich dem Wärter zu, um ihm behülflich zu sein. Sie war seit zwei Jahren in der Klinik und hatte schon manchen blutigen und manchen widerwärtigen Anblick ertragen; aber als sie sich jetzt mit der Scheere in der Hand über den stinkenden Körper dieses Weibes beugte, stieß sie einen leisen Schrei aus und sank halb ohnmächtig auf einen Stuhl nieder.
Wie eine dunkle Flüssigkeit rieselte es aus den Kleidern heraus, an der Bahre herab auf die Steine des Bodens. Aber nicht Blut und Schlamm, sondern jaucheartiger Schmutz und Haufen von Ungeziefer bedeckten diese Gestalt und diese Kleider. – Doktor Schlüter erkannte, daß die Aufgabe dieses Bades über weibliche Kräfte ging und rücksichtslos schellte er nach dem Oberwärter der nächsten Männerstation. Als dieser erschien, zog er sich selbst zurück, denn die Luft in dem kleinen, heißen Raume fing an unerträglich zu werden.
Die beiden Männer rissen die Reste der Lumpen herunter, legten den kaum noch erkennbaren Frauenkörper ins Wasser, bearbeiteten ihn mit Seife, Karbol und Bürsten und die Schwester sammelte die schmutzigen Zeugstücke in einen Sack, der später im Kesselhause verbrannt wurde. Dann reinigte und desinfizirte sie den Raum, schnitt die Haare der Gebadeten dicht an der Kopfhaut ab, und die beiden Wärter erneuerten mehrmals das Wasser in der Badewanne, ehe sie die jetzt furchtbar schreiende und tobende Person abrieben und auf der Bahre festbanden.
Der Oberwärter wendete sich mitleidig an die barmherzige Jungfrau: »Was, fromme Schwester, das haben Sie sich nicht gedacht, als Sie ins Kloster gingen, daß Ihnen mal so etwas – solche – erlauben Sie gütigst – Schweinerei unter die Finger kommen würde?«
Schwester Clarissa neigte das Gesichtchen tief über die Bahre. »Je schwerer die Arbeit ist, um so größer ist die Abtödtung des irdischen Menschen und seiner sündigen natürlichen Empfindungen,« antwortete sie. »In unserem Brevier steht: Du sollst wie eine Leiche werden.«
»Meine Tochter möchte auch ins Kloster, aber wenn sie nach einem solchen Brevier dort leben müssen, dann werde ich mir doch erst noch einmal überlegen, ob ich's erlaube,« brummte der Mann. Dann faßte er mit Jahn die Bahre an, und der traurige Zug bewegte sich langsam zurück nach der dritten Frauenstation.
Dr. Schlüter wurde nun wieder geholt und die beiden Wärter entfernten sich, als sie sahen, daß die Unglückliche sich auf dem warmen, trockenen Lager einigermaßen ruhig zu verhalten schien.
»Da scheint uns ja die Polizei ein nettes Subject hergeschickt zu haben,« bemerkte er im Eintreten, »Sie haben mir wirklich leid gethan, Schwester Clarissa.«
Die Kranke brüllte auf wie ein Thier.
»Um Gotteswillen,« rief der Arzt nervös, »die ganze Station kommt ja in Aufruhr, machen Sie so schnell wie möglich eine Morphiumeinspritzung.«
Die Schwester holte das kleine Etui aus der Tasche, füllte die Spritze an einem Wandschranke und kniete am Bette nieder, um an dem abgezehrten, bräunlichen Körper eine geeignete Stelle zu suchen, wo sie den Stich machen konnte.
Der junge Mann ließ dabei unwillkürlich sein Auge auf ihrem edlen, durchgeistigten Antlitze ruhen.
Die Nonne war höchstens zwei oder dreiundzwanzig Jahr alt; seit zwei Jahren war sie hier, ein Jahr war sie als Lehrschwester im Mutterhause gewesen, und drei Jahre hatte sie, wie jede Andere, im Noviziate zubringen müssen. Sie hatte also mit sechszehn oder siebenzehn Jahren schon die Welt verlassen.
Dr. Schlüter hatte sehr freie religiöse Ansichten und glaubte eigentlich auch nicht an vollkommene Frauentugend. Seit zwei Jahren aber sah er dieses wunderschöne Mädchen in seinem frommen, aufopfernden Wirken, in seinem stillen Entsagen.
Er war ein sehr hübscher Mann und in der Gesellschaft, sowie bei seinen Patientinnen fand er zuweilen ein Entgegenkommen, das durchaus geeignet war, seine wenig idealen Anschauungen von der Frauenwelt zu bestätigen.
Wie sonderbar war es doch, daß dieses junge Mädchen ihn noch nie anders angesehen hatte, als mit dem ruhigen Blick einer Gehülfin, die genau aufpaßte, wenn er sprach, um seine Anordnung gewissenhaft ausführen zu können. Sollte es denn möglich sein, daß ein Weib wunschlos aufwuchs und ohne Anfechtung durch's Leben gehen konnte, um wunschlos zu bleiben und wie eine Heilige zu sterben?
Er verglich das süße, fromme Gesicht mit den verzerrten Zügen des verkommenen Weibes, dem sie in liebevoller Selbstverleugnung diente. War es möglich, daß diese beiden Frauen einer Welt, einer Kultur, einem Vaterlande angehörten? Er sann und sann, er begriff den Abgrund, in den das verlorene, sterbende Geschöpf versunken war; aber er begriff die Höhe nicht, auf die der Engelsfittich des Glaubens das reine Mädchen gehoben hatte, hoch, hoch empor über alle anderen Frauen, die er kannte und vor denen sie doch bescheiden zurücktrat.
Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Das wäre doch der größte Geniestreich meines Lebens, wenn ich mich in eine schöne Nonne verlieben würde, wie der selige Luther,« sagte er zu sich selbst.
Das Morphium hatte inzwischen seine Wirkung gethan, und Schwester Clarissa fragte, ob sie etwas zur Untersuchung holen solle.
»Nein, nein, ich danke, ich habe Alles bei mir,« sagte er hastig und setzte sein Hörrohr auf die Brust der Kranken.
Die Untersuchung dauerte ziemlich lange, es herrschte Todtenstille in dem kleinen Zimmer. Doctor Schlüter trat vom Bett zurück und sah sehr nachdenklich und ernst aus.
»Schwester,« sagte er, »es wäre ja eine Schmach für die Armenpflege und schließlich sogar für die Polizei, aber ich glaube, wir haben hier den Hungertod vor uns.«
»Sie lebt ja noch, wenn es das ist, wird sie zu retten sein,« entgegnete die Schwester sanft.
»Kaum,« antwortete er. »Sie ist am Typhus erkrankt, hat sich vielleicht selbst in jene Scheune geschleppt, wo man sie gefunden hat, und hat dort ganz allein bewußtlos und ohne jede Pflege gelegen. Bewegen konnte sie sich nicht, niemand sah nach ihr und so ist sie am Ende verhungert. Es mögen neun oder zehn Tage her sein, seit der Magen zum letzten Male Nahrung erhalten hat, die Krankheit hat das Uebrige gethan, und wir haben hier nun das letzte Stadium des Hungertyphus. Versuchen Sie immerhin, ihr etwas Rothwein oder Milch zu geben.« –
Die Schwester war nicht entsetzt, lange nicht so erschüttert wie der Arzt. Ein Menschenleben – was war das denn in der Fülle der Ewigkeit? Aber eine Menschenseele – sicher hatte die Unglückliche die Tröstungen der Religion noch nicht empfangen. Sie war im Begriffe, die letzte Reise anzutreten, ohne die Wegzehrung, die die Kirche dafür spenden kann, empfangen zu haben.
»Wird sie noch einmal zu sich kommen?«
Er sah überrascht auf bei der ängstlichen Frage, dann lächelte er. – »Ach so, ich verstehe, sie soll wohl noch communiciren? Nein, Schwester Clarissa, dazu ist es zu spät. Das Bewußtsein wird wahrscheinlich nicht zurückkehren, weil der körperliche Widerstand gegen das Bad die letzten Kräfte verzehrt hat. Wenn Sie noch etwas für sie thun wollen, so geben sie ihr noch einmal Morphium, wenn die letzten Schmerzen kommen. Gute Nacht, Schwester, ich schicke Ihnen so bald wie möglich eine Ablösung.«
Er wollte gehen, an der Thür kehrte er noch einmal um und trat an das Bett. Er schlug die Decke zurück und fuhr leicht mit der Hand über den erhöhten und gekrümmten Rücken des scelettartig abgezehrten Körpers.
»Eine interessante Verbildung,« sagte er mehr zu sich selbst, als zu der Pflegerin, »eine seitliche und hochtretende Verkrümmung des Rückgrates und dabei eine Verkümmerung des Brustkorbes, die eine höchst anormale Lage aller inneren Theile bedingt. – Wissen Sie, Schwester, diese Verwachsung ist schuld, daß sie so unheimlich fremdartig aussah, als sie auf der Trage gebracht wurde. – Na, gute Nacht, hoffentlich brauchen Sie mich nicht mehr.«
Er ging jetzt wirklich, und die Schwester kniete nieder mit dem Rosenkranze in beiden Händen. Sie küßte das Kreuz und fing dann an, den theilweise sinnlosen Text eines alten Sterbeliedes zu beten: »O Du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes – – – – – – – – – – – –«
Sie betete so lange wie die Leidende ruhig blieb. Bei dem ersten wilden Schrei, der aus dem noch immer offenen Munde drang, erhob sie sich und führte die Schlundsonde ein.
Zuerst versuchte sie etwas Milch zu geben, aber der erschöpfte Magen nahm sie nicht mehr an. Die Pflegerin vermischte nun Rothwein mit einigen Tropfen Morphium und flößte das ein.
Der Versuch erwies sich als unausführbar, die Rettung kam wirklich zu spät, die Auflösung hatte augenscheinlich schon begonnen. Angstvoll betrachtete die junge Schwester das gelbe, häßliche, von schwarzen Flecken entstellte Gesicht. Sie wartete auf ein letztes Wiederaufdämmern des Bewußtseins.
Vergebens – geheimnißvoll und grausig trat der Tod ein und erfüllte mit seiner Nähe das enge Gemach.
Sie fühlte die Gewalt der unsichtbaren Macht, die dieses verlorene Leben an sich riß und erwürgte, aber sie war hülflos dem Dämon gegenüber, den sie so gerne verscheucht hätte bis der Tag kam, bis ein Priester geholt werden konnte, der nach dem Glauben der Nonne im Stande war, die Engel der Verdammniß zu verscheuchen, die ihre Krallen ausstreckten, um diese Seele zu sich hinabzuziehen in das ewige Nichts.
Sie hatte schon an manchem Sterbebette gebetet, und sie kannte den Tod. Oft war ihr gewesen, als wären drei Personen im Zimmer, sie und der Sterbende und eine milde, himmlische Lichtgestalt, die einen müden Erdenpilger mit sanfter Hand hinüberführte in die ewige Heimath. Wie einen trauten Freund hatte sie ihn oft willkommen geheißen den Verklärer und Erlöser, dessen Nähe das Ende aller Qual und den Anfang des wahren Lebens bedeutete.
Wie anders war das an diesem Sterbebette! In ihrer jungfräulichen Reinheit ahnte sie, daß sie eine Verlorene vor sich hatte. Die verfallenen Züge sprachen von einem wüsten, wilden Leben in Elend und Schuld. Diese wie Vogelklauen gekrümmten Finger hatten gewiß niemals die Gebetschnur gehalten, sich niemals gefaltet erhoben zum Altare des Herrn.
Tiefer, tiefer Unfrieden, der ganze Jammer des Lasters hatte diesen Zügen seinen Stempel aufgedrückt. Dieses Weib war sicher eine entsetzliche Megäre gewesen, vielleicht war sie nicht einmal vor den gemeinsten Verbrechen zurückgeschreckt. –
Nun kam der Tod. In finsterer Nacht der Bewußtlosigkeit nahm er sie hin, die betende Nonne fühlte seinen eisigen Hauch, der den Körper der Sterbenden umhüllte.
»O, wie furchtbar ist doch das Sterben derer, die nicht Gottes Kinder sind,« seufzte sie und sah dann zu, wie eine entsetzliche körperliche Qual die Brust der Sterbenden umklammerte. Sie wischte ihr den kalten Schweiß von der Stirn und lauschte auf ihr Stöhnen und Aechzen.
Jetzt bewegten sich die Lippen, die so starr und bläulich bisher offen gestanden hatten. »Hund, verfluchter Hund« tönte es leise und dann ein Fluch, der halb erstickt und unverständlich blieb.
Schwester Clarissa machte das Zeichen des Kreuzes über das Bett, da fuhr die Hand der Sterbenden gegen ihren Arm, das Kreuz blieb unvollendet und der Schwester war es, als ob eine finstere, unheimliche Macht diese Bewegung mit dem Gliede der Sünderin ausgeführt habe, um das Heil zu hindern, das sich mit dem Zeichen des Segens auf die Unglückliche hätte hernieder senken können.
Sie wagte nicht, den Kreuzschlag zu wiederholen, sondern griff fast mechanisch nach der Morphiumspritze in ihrer Tasche, um der Sterbenden die letzte Erleichterung zu verschaffen, die Menschenhände ihr gewähren konnten.
Dann wachte sie an diesem Sterbebette die ganze endlos lange Nacht hindurch. Sie war überzeugt, eine ahnende Erkenntniß von den ewigen Qualen der Unseligen erhalten zu haben und bat alle Heiligen und Märtyrer, ihr Jammer und Leid im Erdenleben zu Theil werden zu lassen, damit sie, wenn ihr Ende nahte, dereinst mit dem Namen des Herrn auf den Lippen aus diesem Leben scheiden könne.
Die Verhungerte litt entsetzlich. Nie hatte die junge Schwester einen ähnlichen Todeskampf gesehen. Wild bäumte der verkrüppelte Körper der Sterbenden sich in die Höhe, die Schwester mußte förmlich mit ihr ringen, um sie nieder zu halten auf dem Lager. Schließlich legte sie ihr einen Gurt über Brust und Beine und befestigte die Schnallen unter der Bettstelle, wie bei einer Tobsüchtigen.
Nun folgte ein leises Wimmern, dann ein Stöhnen und Jammern der höchsten Angst, und doch war der ganze Kampf nur körperliche Auflösung, der Geist kehrte nicht wieder zurück in diese elende Hülle.
Als der Morgen dämmerte, änderte sich die Farbe des Gesichtes. Die große fleischige Nase wurde weiß, die Wangen überzog eine fahle Blässe, die Schatten um die Augen vertieften sich, die Lippen färbten sich schwärzlich.
Die Fittiche des Todesengels rauschten über dem Lager – ein letzter wilder Schmerzensschrei erscholl, ein Zucken fuhr durch alle Glieder .....
O du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes ...
Die Nonne betete an einem Todtenbette.
Mit linder Hand drückte sie die Lider auf die gebrochenen Augen herab, legte ein Tuch über das Gesicht der Leiche und kehrte zurück an den Altar im Saale, um vor dem Gnadenbilde ihre Gebete fortzusetzen.
Am anderen Morgen erschien ein evangelischer Oberprediger in der Klinik. Die Vorstandsdamen des Frauenvereins ließen durch ihn ihre Unterstützung anbieten. Man hatte erfahren, daß eine unbekannte Frauensperson in bewußtlosem Zustande eingeliefert war, und man erklärte sich bereit für die Unglückliche und Nothleidende einzutreten.
Dr. Schlüter hörte die großmüthige, liebenswürdige Rede des geistlichen Herrn ruhig an.
»Ich bedaure, daß Sie sich umsonst bemüht haben, Herr Oberprediger,« sagte er, »die fragliche Kranke ist bereits im Laufe der Nacht gestorben.«
»O, das bedaure ich aufrichtig. Hoffentlich wird man die Leiche recognosciren – jedenfalls, wie dem auch sein möge – die Begräbnißkosten – –«
»O, bitte Hochwürden,« unterbrach ihn der lächelnde Arzt, »von Begräbnißkosten kann gar keine Rede sein, wir besorgen das schon von der Anatomie aus.«
»Wirklich? Das ist ja sehr menschenfreundlich, dann habe ich hier wohl nichts mehr zu thun und werde meinen Damen Bericht erstatten.«
Die Herren reichten sich in verbindlichster Weise die Hände, und der Herr Pastor empfahl sich in der festen Ueberzeugung, daß Alles vortrefflich erledigt sei.
Bald nach ihm erschien bei dem Stationsarzte wieder ein fremder wohlthätiger Herr.
Die Armenverwaltung war von der Polizei benachrichtigt, was für ein seltener und überaus trauriger Fall sich der Wirksamkeit dieser hochgeschätzten, wohllöblichen Behörde entzogen habe. Die Armenverwaltung war bereit, die Verpflegungskosten für die Unbekannte zu tragen. Man erwartete natürlich eine angemessene Preisermäßigung.
Wieder hörte der Arzt mit lächelnder, verbindlicher Miene und Haltung die wohlgesetzte Rede des Herrn Stadtrathes mit an. »In der That, Herr Stadtrath, es ist im höchsten Maaße zu bedauern,« erwiderte er, »die Armenverwaltung bekümmert sich doch sonst um Schwerkranke, ihrem scharfen Auge entgeht selten ein Fall von wirklicher Noth. Der lag hier vor.«
»Gewiß, gewiß, verehrter Herr Doctor, ich habe das bereits erfahren, es soll sofort etwas geschehen – –«
»Bemühen Sie sich nicht weiter, Herr Stadtrath, die Hilfe der Armenverwaltung kommt zu spät, die unbekannte Arme ist bereits im Laufe der Nacht verstorben.«
»Unglaublich! An welcher Krankheit denn?«
»Am Typhus – wenigstens war das die Krankheit, die hier vorlag. Gestorben ist die Person eigentlich daran nicht direct.«
Typhus! Der Herr Armenpfleger gerieth ganz außer sich über die bodenlose Unwissenheit des Landstreichervolkes, das in dieser Krankheit wahrscheinlich nur ein ganz unbedenkliches Unwohlsein gesehen hatte, das irgend welcher Pflege nicht bedurfte.
»Denken Sie sich, Herr Doctor,« erklärte der würdige Herr mit großem Eifer, »diese Scheune gehört einem Ackerbürger, der sich in höchst reducirten Verhältnissen befindet. Das Bauwerk ist vollständig unbenutzbar und baufällig, aber der Besitzer scheut die Reparaturkosten und hat die Baracke auch gar nicht gebraucht, da er seine Ernte auf dem Halme verkauft hat. Um wenigstens einen minimalen Nutzen zu erzielen, vermiethet er das einsam gelegene Obdach zuweilen an fahrendes Volk. Eine solche Bande, die kürzlich dort hauste, muß die hilflose Schwerkranke zurückgelassen haben.«
»Man weiß keine Namen?«
»Natürlich nicht, dieses Volk bezahlt einen Unterschlupf um so besser, je weniger man es daselbst controllirt. Kommen und gehen ohne Anmeldung und Abmeldung, das lieben diese Leute, ihre Lasten dagegen, Krankenpflege, Steuerzahlen und was dergleichen mehr ist, die wissen sie von sich abzuschieben.«
»Ein trostloses Leben,« bemerkte der jüngere Mann.
»Lustig genug für diese Sorte,« entgegnete der Andere ärgerlich.
»Uebrigens ist es eine wahre Ehrenrettung für die Behörden, die diesen Fall bedauerlicher Weise übersehen haben, daß die Person wenigstens nicht verhungert ist. Man fand Reste von Brod und Kartoffeln, die man ihr wohl in dem Glauben hingelegt hatte, sie würde sich erholen und sobald als möglich der Gesellschaft nachkommen!«
»Das ist anzunehmen, Herr Stadtrath.«
»Gewiß. Uebrigens würde ja gradezu fahrlässige Tödtung vorliegen, wenn einer der Angehörigen gewußt hätte, daß die Person durch die Vernachlässigung, der sie unterlag, dem Tode überliefert wurde. Aber so ist dieses Volk, die Angst vor der Polizei ist so groß, daß sie lieber sterben und verderben, als sich an eine Behörde wenden, die bei aller Strenge gegen ihre Vergehen, sie in ihrer letzten leiblichen Noth doch nicht im Stiche lassen würde.«
»Ja, es ist zu beklagen, daß das tiefste Elend oft so lichtscheu ist, daß man es überhaupt nicht sieht,« entgegnete der Arzt.
»Glauben Sie mir, Herr Doctor,« versicherte der alte Herr, der sich über das Verständniß freute, das er hier fand, »das Amt eines Armenvaters ist dornenvoll und verantwortungsreich. Es giebt Fälle von Elend, denen man beim besten Willen kaum beizukommen vermag, o Sie glauben gar nicht, was uns da manchmal vor Augen gebracht wird – es ist zuweilen gradezu himmelschreiend.«
»Es giebt, wie ich hier auf meinem Posten als Polikliniker ebenfalls erfahre, Fälle von Menschenleid und Noth, von tiefster Verzweiflung und Verkommenheit, die sich jeder öffentlichen Kenntniß entziehen, aber wer zu lesen versteht, findet die Geschichte solcher Fälle oft zwischen den Zeilen des kürzesten, trockensten Polizeiberichtes.« –
»Sie meinen? O – hm indessen, die Heimathgemeinde wird ja wohl aufzufinden sein, indeß vorläufig – die Begräbnißkosten – –«
»O bitte, Herr Stadtrath,« unterbrach Dr. Schlüter lächelnd, »damit wird die städtische Armenkasse in keiner Weise belästigt werden, das besorgt die Universität.«
»Wie meinen Sie das?«
»Ich meine die Anatomie.«
»Ah so, ich verstehe, meinen verbindlichsten Dank.«
Sehr befriedigt über die Wendung, die diese fatale Sache für den Säckel einer hochlöblichen städtischen Armenverwaltung genommen hatte, entfernte sich der Herr Stadtrath. Dr. Schlüter begleitete ihn zur Thür und sah dann nach der Uhr. Die beiden Besuche hatten ihn länger aufgehalten, als er gedacht hatte. Um zehn Uhr war die Section angesagt, und er hatte kaum noch Zeit, sich dazu umzukleiden.
Der Chef der Klinik hielt vor einem großen Kreise junger Mediciner einen Vortrag an der Leiche. Wegen der Mißbildung des Rückens lag der nackte Körper auf der Seite. Der Secirtisch war blank gescheuert und kalt. Die Leiche sah bei dem elektrischen Lichte, das grell auf sie fiel, schauerlich grün aus, mit grauschwarzen Todtenflecken am ganzen Leibe. Der geschorene Kopf mit dem unedlen Profil und dem offenen Munde machte einen fratzenhaften Eindruck.
Blitzend und eisig fuhr das Instrument des Professors in den Körper hinein und machte den ersten Schnitt. Die weitere anatomische Arbeit besorgten die Assistenten und Diener, aber der Professor erklärte, zeigte, sprach und lehrte. Der Vortrag war äußerst geistvoll, der Gegenstand hochinteressant.
Die Universitätskasse ruinirte sich nicht bei den Begräbnißkosten dieser Todten, die inneren Organe, die alle mißgestaltet und ungewöhnlich waren, kamen fast ausnahmslos in Spiritus. Die Knochen des ganzen Körpers einschließlich des Kopfes wurden vom Fleische befreit, präparirt, gekocht, mit Chlor abgerieben, mit Draht verbunden, und es entstand aus ihnen das schönste anormale Scelett, was je eine medicinische Hochschule besessen hatte.
Der Diener der Anatomie trug am späten Abend eine festzugeschraubte Kiste mit menschlichen Resten zum Todtengräber.
Früh, ehe der Kirchhof belebt wurde, grub man dort ein Loch und schüttete es zu. Die Winde des Himmels aber trugen Samen darauf von Kräutern und Gras. Es wächst überall eigenthümlich üppiges Gras in den vergessensten Winkeln der Kirchhöfe.
Die Polizei stellte unermüdliche Nachforschungen an nach jenen Vagabunden, die ein sterbendes Weib hülflos und allein in einer baufälligen Scheune verlassen hatten.
Die Schuldigen wurden ermittelt und wegen fahrlässiger Tödtung verhört, man konnte ihnen aber nichts nachweisen und ließ sie laufen.
In der Klinik erschien ein Polizei-Commissar, um in den Papieren der Anstalt nachträglich den Namen jener Todten einzutragen, die hier geendet hatte, ohne daß man wußte, wer sie war. Sie hieß Karoline Schwarz; der Beamte theilte es dem Stationsarzte mit, der gleichgültig die Achseln zuckte.
»Ich kann sie Ihnen übrigens zeigen,« sagte Dr. Schlüter und führte den Herrn in den Hörsaal vor ein prachtvoll aufgebautes weibliches Gerippe. Man sah die Fehler, die die Natur bei der Bildung dieser Knochen gemacht hatte, und das erschien den Herren außerordentlich interessant.
Für Schwester Clarissa war die Aufstellung dieses Präparates »eine Anfechtung« – wie der kirchliche Ausdruck dafür lautet.
Sie war nicht im Stande, daran vorüberzugehen wie an den anderen anatomischen Gegenständen ihrer Umgebung. Sie konnte diese grau-gelben Knochen nicht sehen, ohne an den grausigen Todeskampf zu denken, den sie mit angesehen hatte. Unaufhörlich stellte sie sich vor, wie die Seele, nachdem sie den Körper verlassen hatte, hindurchgeglitten sei durch das kalte, schaurige, endlose Nichts des Jenseits, um vergebens den Herrn zu suchen und seine Gnade.
Sie glaubte zu ahnen oder beinah zu wissen, wie dann die Teufel die Seele ergriffen hätten und in den ewigen Pfuhl des Fegefeuers geworfen. Und sie, in der heiligen Armuth, die sie gelobt hatte, besaß nicht die Mittel, um Seelen-Messen zu ihrer Erlösung lesen zu lassen.
Der dogmatische Glaube, der bis dahin Halt und Stütze der Jungfrau bei ihrem schweren Berufe gewesen war, bereitete ihr jetzt zum ersten Mal auch Schmerzen.
Hätte sie dem Dr. Schlüter die Unruhe anvertraut, die sie innerlich verzehrte, so würde er wahrscheinlich gesagt haben, sie sei durch Ueberanstrengung in einen krankhaft nervösen Zustand gekommen. Er würde ihr Diensterleichterung und Mittel für Nervenleiden gegeben und sie vielleicht noch von ganzem Herzen bedauert haben.
Die Nonne aber vertraute ihr Leid nicht dem Arzte, sondern dem Beichtvater. Der Priester hatte nicht die Einsicht, sie seinerseits an einen Arzt zu weisen, sondern sagte ihr, die ohnehin von drei Nächten nur zwei schlief – sie möge ihren Leib kasteien und von den Stunden, die ihr zum Schlafe gewährt seien, noch eine in jeder Nacht der Fürbitte widmen.
So betete und wachte das zarte junge Mädchen und hoffte, eine Verdammte damit zu erlösen. Der Kaplan aber hatte das Richtige getroffen, um ihr die Ruhe zurückzugeben. Er kannte ganz genau den Glaubenszwang, der auf die Seelen der Novizen ausgeübt wird.
»Selig sind, die da geistig arm sind, denn sie werden Gott schauen.« Nach diesem Grundsatze behandelte er seine Beichtkinder, sofern sie Ordensleute waren.
Schwester Clarissa glaubte, daß sie ein Werk zur Seligkeit thue und fühlte sich glücklich dabei. Körperlich aber überstieg die Sache ganz entschieden ihre Kräfte.
Ihr zartes Gesicht nahm eine durchsichtige Blässe an, die Hände kamen wachsweiß aus den schwarzen Aermeln hervor, und die großen grauen Augen leuchteten mit verklärten Blicken unter dem dunklen Nonnenschleier, der über der weißen Stirnbinde lag.
Dr. Schlüter sah die Veränderung, die mit ihr vorging. Er versuchte ihr Vertrauen zu erlangen, aber das war ganz vergeblich.
All seinen theilnehmenden ärztlichen Fragen nach ihrem Befinden wich sie scheu und verlegen aus. Er brachte nichts aus ihr heraus und wendete sich deshalb an die Schwester Domina.
Sofort befahl die Oberin, daß Schwester Clarissa wegen nervöser Folgen von Ueberanstrengung auf einen Monat von allen Nachtwachen zu dispensiren sei. Außerdem wurde ihr erlaubt, jeden Nachmittag eine Stunde im Garten der Anstalt zuzubringen.
Diese Maßregeln waren der jungen Schwester außerordentlich unangenehm, indessen die Gefühle der Ordensleute werden so eingezwängt und eingeschraubt durch die seelische Bevormundung, die ihnen zu jeder Zeit zu Theil wird, daß eine Nonne ein für alle Mal jede Aeußerung ihrer Gefühle unterdrückt und sich schweigend fügt.
Es war grade Hochsommer, und der Aufenthalt in der freien Luft schien wirklich eine Spur von rosiger Farbe auf das weiße Gesichtchen in der düsteren Umrahmung zu zaubern. Dr. Schlüter sah sie mit Befriedigung auf einer Bank sitzen unter einer blühenden Linde. Die schmalen weißen Hände hielten ein Buch. Unter den gesenkten Wimpern tropften schwere Thränen hervor und fielen auf die Blätter.
Der Arzt sah das reizende Geschöpf von seinem Zimmer aus. Er bemerkte, daß sie weinte und ging hinaus in den Garten, um sich ungenirt neben sie auf die Bank zu setzen.
»Warum weinen Sie, Schwester,« fragte er freundlich. »Sie sind doch todt für die Welt. Wie ist es möglich, daß ein irdischer Kummer den Frieden stören kann, den Sie gefunden haben?«
»Ich habe einen Zweifel.« – Zögernd, gepreßt rang sich das Geständniß von ihren bebenden Lippen. Der Zweifel mußte sie wohl sehr beunruhigen, daß sie sich entschloß, ihn vor einem Kinde der Welt laut werden zu lassen.
»Sie – einen Zweifel?« Er war mehr als erstaunt. »Natürlich meinen Sie einen religiösen Zweifel, nicht wahr?«
»Nicht ganz,« antwortete sie ängstlich, »es ist eigentlich ein historischer Zweifel.«
»Wie – was?«
Sie erklärte ihm schnell, was sie meinte. »Sehen Sie, ich lese das Leben der h. Agathe. Das Buch ist mit hoher erzbischöflicher Genehmigung herausgegeben und besonders für Ordensfrauen zum Lesen bestimmt. Sie wissen ja, wie die Heilige verstümmelt wurde, weil sie dem Kaiser Diocletian nicht als Heidin anhängen wollte.
Nach ihrer Marterung verließ sie der Kaiser, und sie blieb sterbend in den Armen der ihren zurück. Da – da schritt über den Markt die Jungfrau Maria.« ....
»Nun und was weiter?«
»Herr Doctor, die Jungfrau Maria war schon lange todt, als der Kaiser Diocletian lebte.«
Der Arzt freute sich über die Entdeckung, daß die einzige Schwester, die ihm interessant war, aus gebildeten Kreisen zu stammen schien.
Er lächelte. »Aber Schwester Clarissa, da würde ja die Weltgeschichte aufhören.«
»Bitte, lesen Sie.«
Sie reichte ihm das Buch, und der freigeistige junge Gelehrte las nun die Stelle.
Er gab das Buch zurück. »Beruhigen Sie sich, liebe Schwester,« sagte er, »eine solche Erscheinung nach hundert Jahren macht der heiligen Jungfrau weiter keine Schwierigkeiten. Sie ist ja seitdem öfter erschienen, nach Bedarf wird sie auch noch ferner erscheinen.«
»Also Sie erklären das durch eine Erscheinung?« fragte sie glücklich. Er wunderte sich, daß sie die Ironie seines Tones nicht bemerkte.
»Ja, ich denke, daß es hier so gemeint ist. Die Mutter Gottes ist ja im Fleische auferstanden. Das heißt, Sie glauben doch an die Auferstehung des Fleisches?«
»Ja.«
Sie sagte es so feierlich, so bestimmt; aus ihren tiefen Augen leuchtete das Feuer einer so wahren Askese, daß er plötzlich begann, sich unsicher ihr gegenüber zu fühlen. Es war ja recht gut, daß sie mit seiner Erklärung des Gegenstandes, der sie so unglücklich gemacht hatte, zufrieden gewesen war.
Er wollte den günstigen Eindruck nicht wieder verwischen und versuchte es lieber zu ermitteln wie weit dieser grüblerische, fanatisch beeinflußte Geist eigentlich mit wirklicher Bildung ausgestattet sei.
Ganz ohne Uebergang fragte er sie plötzlich, ob sie jemals den Faust gelesen habe.
Sie sah ihn verwundert an. »O ja, in der Welt, ehe ich ins Noviziat eintrat.«
»Wie alt waren Sie bei Ihrem Eintritte?«
»Achtzehn Jahr.«
»Was haben Sie seitdem gelesen?«
»Nur religiöse Bücher, alles Andere ist uns verboten.«
»Und genügt Ihnen das ein für alle Mal?«
»Es muß mir genügen.«
Diese energische Zucht, die die Kirche an dem Geist derer übt, die sich ihr ganz widmen, imponirte ihm.
Er fragte sie nach diesem und jenem und kam zu dem Ergebniß, daß sie eine tüchtige Schulbildung genossen habe, wie sie nur Töchter der höheren Stände erhalten. Bei seinen Fragen nach ihren früheren Verhältnissen schwieg sie.
Einmal lächelte sie auch und sagte: »O ja, damals, als ich noch lebte; aber sehen Sie, ich bin doch nun todt für die Welt.«
Er sah ihre lieblichen Lippen und ihre kleinen weißen Zähne an, wie sie das so lächelnd sagte, und der Sinn ihrer Worte blieb ihm in diesem Augenblicke fremd. Er sah darin eine etwas überspannte, mädchenhafte Auffassung des klösterlichen Berufes, nicht eine Bestätigung des furchtbaren Befehls, den die Kirche ihren Jüngern zuruft: Du sollst wie eine Leiche werden.
Die Schulbildung war da, aber dann war nichts hinzugekommen, als einseitiges medicinisches Wissen, kirchliche Schulung aller Empfindungen und eine gewisse trostlose Lebenserfahrung, deren einzigen Mittelpunkt das Krankenbett bildete. Keine gesellschaftlichen Formen, keine Fähigkeit zum Plaudern und Scherzen.
Und dabei war dieses Mädchen so wunderbar schön! Noch niemals hatte er um eines reizenden Gesichtes willen geistig eine solche Forschungsreise nach Herz und Bildung unternommen wie hier, bei diesem frommen, tüchtigen, klugen Mädchen.
Er bedauerte in seinem Herzen, daß sie Nonne war, nicht weil sie ihn persönlich so sehr interessirte, sondern weil es ihm leid that, daß diesem Geiste ein für alle Mal die Flügel gebunden waren.
Und so wie diese Eine, denken tausende von Mädchen, die den Schleier tragen. Sie dienen der Allgemeinheit still und entsagend. Niemand achtet auf sie, niemand beschäftigt sich mit ihnen. Die Psychologie in der modernen Kunst dringt bis in die tiefste Herzenstiefe der Weltkinder ein, die Kinder der Kirche aber übersieht sie.
»Weltdamen, Schauspielerinnen, Bauernmädchen, Kellnerinnen, ja sogar Dirnen werden beachtet, ans Licht gezogen und interessant gemacht durch das Interesse, das Kunst und Wissenschaft an ihnen nehmen. Ihr Aeußeres wie ihr Seelenleben wird geschildert, wird studirt und wird schließlich rückwirkend durch diese Beachtung, die es findet, beeinflußt. – Wer beachtet, wer schildert das Seelenleben moderner Nonnen?«
Der junge Kliniker machte hier einen schwachen Versuch dazu. Er konnte sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß auch die frommen Schwestern äußerlich mit der Zeit fortschreiten. Sie besitzen, wie er täglich sah, eine große chirurgische Geschicklichkeit und so viel medicinische und sogar anatomische Kenntnisse, daß sie die besten und beliebtesten Gehilfinnen der Aerzte bei der Ausübung ihres Berufes bilden. Aber dennoch war Dr. Schlüter der Ansicht, daß der größte Theil der Schwestern im Denken und Fühlen, im Glauben und Beten zurückgeblieben sei im tiefsten, dunkelsten Mittelalter.
Es würde ihn lebhaft interessirt haben, das Leben der h. Agathe oder auch das der h. Elisabeth einmal durchlesen zu können. Er wußte, daß Schwester Clarissa diese Bücher zuweilen den Kranken, die ihres Glaubens waren, zu lesen gab. Er sah prüfend auf das Gesicht der neben ihm Sitzenden, ehe er es wagte, um diese Bücher zu bitten.
Auf den reinen lieblichen Zügen lag aber nichts, als der Ausdruck himmlischen Friedens. Sie schien mit ihren Gedanken so fern von ihm, so fern von allen irdischen Dingen zu weilen, daß er es nicht wagte, noch einmal wieder ein Gespräch mit ihr anzufangen. Wie unschuldig rein war es doch, daß sie so ruhig neben ihm sitzen blieb und nicht den geringsten Anstoß daran nahm, daß er sie aufgesucht hatte.
Er verabschiedete sich freundlich und kehrte in sein Zimmer zurück, ohne die Bücher, die ihn interessirten, erbeten zu haben. –
Im Laufe der Nacht starb in der Anstalt ein neugeborenes Kind. Es hatte nur wenige Stunden gelebt, und die Mutter wurde, schwer krank an einem typhösen Fieber, aus dem Saale der Wöchnerinnen entfernt und in das Isolirzimmer der dritten Station gebracht.
Schwester Clarissa pflegte die Kranke mit aufopfernder Pflichttreue, aber ohne persönliches Interesse. Wäre das unglückliche Mädchen unter ihren Händen gestorben, so würde sie ruhig für die rechtzeitige Ertheilung der Sacramente gesorgt haben, hätte für ihre Person die vorgeschriebenen Gebete gesprochen und im Uebrigen nicht weiter an den Fall gedacht.
Die Unglückliche starb aber nicht. Die pflegende Schwester sah, wie leise, von Schwäche fast überwältigt, daß Leben und die Besinnung zurückkehrte.
Dr. Schlüter blickte freundlich auf die Kranke herab, wie sie sich aufrichtete und ihn bat, ein paar Minuten bei ihr zu bleiben.
»Gerne Barbara« – er vermied es, sie Fräulein zu nennen – »warum sollte ich wohl jetzt nicht einige Minuten Zeit für Sie haben? Wissen Sie nicht, daß Sie mich schon Stunden meiner Zeit gekostet haben?«
»Herr Doctor,« stotterte das Mädchen in tiefster Verlegenheit, und über die eingesunkenen Wangen huschte ein Schein von Erröthen. »Herr Doctor waren Sie – Sie auch dabei?«
»Sie meinen bei Ihrer Entbindung, Barbara?«
Sie nickte und sah mit tief unglücklichem Ausdrucke auf ihre mageren Hände herab.
»Nun, mein Gott, was ist denn dabei, ich habe das schon oft erlebt, deshalb brauchen Sie sich nicht zu geniren.«
Sie sah angstvoll zu ihm auf. »Lebte das Kind?« hauchte sie.
»Ja, es lebte, aber es war noch nicht lebensfähig, es ist nach einigen Stunden gestorben. Machen Sie sich keinen Kummer, das Unglück wäre größer, wenn Sie das Kind jetzt hätten.«
»Für dieses Leben ja,« erwiderte die Kranke, »aber Schwester Clarissa sagt, das Unglück in diesem Leben wäre ein Zeichen von der Liebe des Herrn.«
»Ach, das haben Sie falsch verstanden,« versuchte er zu trösten, »die Schwester hat gemeint, Sie möchten dem Kinde weiter nicht nachtrauern, nicht wahr Schwester Clarissa?«
»Ich meine, dieses Leben ist nur eine Station auf der Pilgerfahrt zur Heimath. Was wir hier erdulden, ist vergänglich; das unvergängliche Leid oder die ewige Freude beginnt erst nach dem Tode,« erwiderte sie.
Der Arzt sah sie mißbilligend an. »Schwester ich muß Ihnen, als Ihr Stationschef, dessen Gehilfin Sie sind, sagen, daß es nachtheilig für die Kranken ist, wenn Sie mit ihnen über den Tod sprechen.«
Die Schwester schwieg.
»Das hat die Schwester nicht gethan,« sagte Barbara.
»Nun, wovon ist denn aber die Rede?«
»Von dem Kinde, Herr Doctor. Sie haben das Kind gesehen, sagen Sie mir, o Gott ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, sagen Sie mir die Wahrheit, ist mein Kind vor seinem Tode getauft?«
»Getauft? Aber ich bitte Sie, wer hätte es denn taufen sollen?«
Die arme Mutter schrie laut auf und warf sich auf das Kissen zurück, sie weinte leidenschaftlich.
»Barbara, werden Sie ruhig, Sie schaden sich, ich befehle es, wenn Sie nicht aufhören zu schreien, gehe ich mit der Schwester hinaus.«
»O, mein Kind,« schluchzte sie, »mein Kind hat nun keinen Antheil an dem Opfer Christi, es gehört nicht zu ihm, es ist verloren, ich werde es nie – niemals wiedersehen.«
Er zögerte nun einen Augenblick, ob er etwas sagen dürfe, was er selbst nicht glaubte, endlich entschloß er sich es zu thun – als Arzt, um ihrer Aufregung willen. »Was wollen Sie denn eigentlich,« polterte er ein wenig ungeschickt – »wiedersehen? Natürlich werden Sie Ihr todtes Kind in diesem Leben nicht wiedersehen, aber später – – nach dem Tode – – –«
Sie richtete sich etwas auf, mit dem Rücken halb nach oben, auf die Ellbogen gestützt. Um das bleiche Gesicht hing das wirre blonde Haar, die tiefliegenden blauen Augen richteten sich mit dem Ausdruck der höchsten Angst auf Schwester Clarissa.
»Schwester,« stöhnte sie, »bei den Schmerzen der heiligen Jungfrau, bei dem Blute Christi, sagen Sie mir die Wahrheit – werde ich es wiedersehen, das ungetaufte Kind – – nach dem Tode?«
Ein harter Zug entstellte den Mund der Nonne. »Nein,« sagte sie kurz und rauh.
Die Kranke wurde bewußtlos, und die Pflegerin ging dem besorgten Arzte sachgemäß und ruhig zur Hand, wie immer. –
Nach einer Viertelstunde verließ Dr. Schlüter das Isolirzimmer. Die Kranke lag mit den nöthigen Mitteln versehen ruhig athmend mit geschlossenen Augen da. Er hatte keine ernstlichen Besorgnisse für sie, das Interesse aber, das sich eine kurze Zeit für die Tochter der römischen Kirche in seinem Herzen geregt hatte, war erloschen.
Er war hart angeprallt an die Scheidewand, durch die der Glaube und das Gelübde der Nonne diese von ihm, von der Welt und von allem Denken und Thun der meisten Menschen trennte.
Einen Augenblick hatte es ihm weh gethan, dieses harte kalte »nein«, mit dem sie etwas bestätigte, was sie für wahr hielt; aber von allen Liebesschmerzen, die er je um dieses süßen Mädchenantlitzes willen empfunden, hatte ihn dieser Augenblick geheilt.
Ihm schien es jetzt auf einmal, als ob dieses Gesicht, das er zuweilen von Locken umrahmt sich geträumt hatte, gar nirgend anders hingehöre, als unter die weiße Haube, die so kalt und streng vom schwarzen Schleier rings umwallt, die Stirn verhüllte.
Er sah nur noch die barmherzige Schwester, die ihm zur Hand ging, düster in der Erscheinung, unnahbar im Wesen und unergründlich räthselhaft im Glauben. Er machte es jetzt wie alle anderen Aerzte. Er bediente sich der Schwester, die ihm zur Verfügung stand, wo er sie brauchte, aber ihre Person beschäftigte ihn nicht mehr.
Er hätte es selbst nicht gedacht, daß es ihm so wenig zu Herzen gehen würde, als bald darauf die schöne, junge Nonne in eine Irrenanstalt geschickt wurde, wo ein noch viel schwererer Beruf ihrer wartete, als hier.
Auf die dritte Frauenstation kam Schwester Maximile, die viel älter war als Schwester Clarissa, und Dr. Schlüter lebte sich ganz gut ein mit dieser neuen Arbeitskraft. Im Wesen und Benehmen hatte er überhaupt noch nie eine Verschiedenheit zwischen zwei Nonnen bemerkt, sie waren und gaben sich Alle wie aus einer Schablone gepreßt.
Schwester Clarissa war eigentlich gar nicht anders gewesen, wie diese gewöhnlichen Schablonen-Schwestern; sonderbar, daß er es versucht hatte, ihr näher zu treten. Ihre Augen – ja das war es, in ihren Augen hatte etwas gelegen, das er für Geist gehalten hatte und das schließlich nichts Anderes gewesen war, als Fanatismus.
Der junge Gelehrte hatte übrigens nicht viel Zeit, über diese Sache nachzudenken und die Pflegerinnen in der Anstalt zu beobachten. Sein Beruf beschäftigte ihn in hohem Maaße. Er besorgte die Station, hatte oft bei seinem Chef zu assistiren und beschäftigte sich außerdem mit anatomischen Arbeiten. Im Herbst hielt er seine ersten gut besuchten Vorträge als Privatdocent; die Bacteriologie kostete ihm unendlich viel Zeit und complicirte seine Arbeiten ganz bedeutend.
Von vielen Seiten wurde versucht, ihn in gesellige Kreise zu ziehen, aber er wich allen Vergnügungen, besonders solchen, wo er Damen treffen konnte, aus. Schwester Clarissa hatte ihn unsagbar angezogen und dann plötzlich seine ganze Seele zurückgestoßen. Eine Wunde hatte das seinem Herzen nicht gerade zugefügt, aber eine Wand hatte es errichtet zwischen ihm und dem weiblichen Geschlechte. Sein Herz war fortan umpanzert, und die schönsten Augen, die ihm oft freundlich genug entgegen blickten, ließen ihn kalt.
Er kam mit der Zeit zu der Ueberzeugung, daß die fromme Schwester ganz unschuldig an der Enttäuschung war, die er empfand. Er hielt es für das höchste Ziel der Humanität, dem Menschen zu helfen, ihn zu trösten und zu erfreuen, so lange er auf Erden wandelte und sie – sie erachtete die Freuden und Schätze dieser Welt gering, um jener herrlichen Verheißung willen, die sie für sich und Andere erhoffte – – nach dem Tode.
Tod und Leben, Welt und Kirche, das waren die Gegensätze, die ihn auf ewig von ihr schieden. Sie aber war mit keinem Wort, mit keiner Miene, wahrscheinlich mit keinem Gedanken sich selbst untreu geworden. Wie die Nonne sein soll, so war sie – so gab sie sich, so dachte und fühlte sie. Wenn je in ihrer Brust eine Leidenschaft gelebt hatte, so hatte sie sie überwunden. Das aber, was er zu überwinden hatte, war nicht einmal eine Leidenschaft, sondern nur ein inniges Wohlgefallen, ein Interesse – – – ach, was – es war, so sagte er sich selbst und so glaubte er es zuletzt auch, überhaupt kein persönliches, sondern nur ein allgemeines Interesse gewesen. – Diese interessante Species – eine moderne Nonne, war etwas Besonderes, etwas, was man anderswo eben nicht trifft, weder in Büchern, noch im Leben.
Hier war ihm diese Erscheinung täglich vor Augen getreten, der Psycholog in ihm war erwacht, er hatte geforscht in dieser schwer zugänglichen keuschen Seele und das Ergebniß – – – – ja, das Ergebniß war hinter den Erwartungen des gelehrten Forschers zurückgeblieben. Er dachte noch zuweilen mit leisem Schauder an ihren starren dogmatischen Glauben zurück. Das Fleisch abtödten und dem Geiste leben – die Welt verachten, verlassen, vergessen, um einer anderen Welt willen, von der wir nichts Bestimmtes wissen, die vielleicht nichts ist als ein Traum. Wie mittelalterlich, wie fremdartig das doch war!
Als echt moderner Mann dachte er gar nicht daran, einen Aufklärungsversuch oder sonst ein romantisches Unternehmen zu riskiren, um die Seele, die er auf einem Irrweg glaubte, zum Lichte der Aufklärung und Wahrheit zurückzuführen. Er zuckte die Achseln und wendete sich von der Jungfrau mit den »unmöglichen Ansichten« bedauernd ab. Seine eigene innere Ruhe und Selbstzufriedenheit wurden nicht ernstlich dadurch bedroht.
Er stand im Hörsaale, die letzten Strahlen der Herbstsonne fielen auf sein blondes, wohlfrisirtes Haupt und verloren sich hinter ihm in den leeren Rippen des verkrümmten Scelettes, vor dem er stand. Der Todtenschädel war weit vornüber geneigt und hing beinahe über dem Kopfe des jungen Docenten. –
Seine Vorlesung war zu Ende, die Studenten entfernten sich, und einer von den jüngsten unter ihnen, ein hübscher eleganter Pole, trat noch einmal mit seinem Hefte in der Hand an den Lehrer heran, ihn um irgend eine Erklärung zu bitten.
Eifrig setzte dieser dem Jüngling die Sache auseinander, um die es sich handelte, und so überhörten Beide in dem Gewirre von Stimmen und Schritten der sich entfernenden jungen Leute, wie ein bettelhaft gekleideter Mann, von einem braunen, zigeunerhaft aussehenden Mädchen begleitet, den Saal betrat. –
Der Mann war Orgeldreher und trug sein schweres Instrument an einem Riemen über die Schulter gehängt; das Mädchen trug das Gestell, um den Leierkasten aufzustellen, und eine zinnerne Schale zum Einsammeln kleiner Geldstücke. –
Es war niemand weiter im Saale wie der Mann und das Mädchen, die beiden Herren und das graue hohläugige Gerippe. Der Orgeldreher war kaum mehr als fünfzig Jahre alt, aber seine Züge waren so verwittert und durchfurcht, sein Rücken so gebeugt von der schweren Last, die er zu tragen gewohnt war, daß er aussah wie ein Greis. Nur das Haar war noch nicht gebleicht. Wirr und in lockiger Fülle hing es ihm tief in die Stirn und über den Nacken herab.
Dasselbe lockige wilde Haar hatte das Mädchen. Ihre Züge waren grob und gebräunt, sie hatte brennende schwarze Augen, rothe etwas zu volle Lippen und Glieder von einer gewissen Anmuth und Fülle, wie sie diesen wandernden Mädchen auf eine kurze, ganz kurze Zeit die Jugend verleiht.
Dr. Schlüter bemerkte die Leute, als alle Studirenden gegangen waren. »Die Armenbehandlung ist von zehn bis zwölf Uhr, kommen Sie morgen um die Zeit, wenn Sie krank sind,« wendete er sich an den Mann.
Der junge Pole betrachtete mit Wohlgefallen die Gestalt des mit ärmlichem Putz gekleideten Mädchens.
»Ich heiße Schwarz,« sagte der Mann mit einer Sicherheit, als gebe ihm dieser Name ein Recht, hier zu thun, als sei er zu Hause.
Der Arzt wollte einen Scherz darüber machen, ehe er, wenn es nöthig werden sollte, grob wurde, aber die düstere Ruhe, die auf den Zügen dieses Mannes lag, fiel ihm auf. Er trat einen Schritt auf ihn zu.
»Was wollen Sie hier?«
»Ich will wissen, wo mein Weib begraben ist, das soll hier gestorben sein,« sagte der Mann und wie erklärend fügte das Mädchen hinzu: »Meine Mutter.«
»Soll? Ja wie ist denn das möglich. Kann es denn einen Mann geben, der nicht weiß, wo seine Frau begraben und gestorben ist?« rief Dr. Schlüter.
Der Vagabund schwieg.
»Nun?« fragte der Arzt noch einmal.
Der Mann suchte immer noch vergeblich nach Worten. Er hatte sich das einfacher gedacht, nach seiner Frau zu forschen, er hatte geglaubt, in der Klinik müsse jeder Mensch wissen, wer die Karoline Schwarz war, die hier starb, und ihn als ihren Mann erkennen.
Nun wußte hier niemand etwas davon, und dieser Herr Doctor hatte eine Art zu fragen, die ihn lebhaft an das Unangenehmste, was er kannte, an die Polizei, erinnerte. Es war ihm schon schwer genug gewesen, auf die Polizei zu gehen, um sich hierher schicken zu lassen, und nun mußte er es hier erleben, daß man, anstatt ihm Auskunft zu geben, Fragen über Fragen an ihn richtete.
Er wußte nicht, an welchem Tage er seine Frau zuletzt gesehen hatte, nur ganz allgemein erinnerte er sich, daß es zu Anfang des Sommers gewesen sei.
Noch viel weniger wußte er, wann und durch wen die Frau in die Klinik gebracht und wann sie gestorben war.
Der Privatdocent legte die Hand an die Stirn und besann sich: »Schwarz – Karoline Schwarz« – wiederholte er, »ich erinnere mich gar nicht, den Namen gehört zu haben. Wer hat Ihnen denn gesagt, daß sie auf meiner Station gestorben sei?«
»Ein Herr auf dem Bureau.«
Herbe Enttäuschung zeigte sich auf den Gesichtern der Fremden. Sie sahen sich rathlos an und schienen gehen zu wollen. Der Arzt empfand Mitleid und mehr aus persönlicher Gutmüthigkeit, als aus dem Gefühl einer Verpflichtung diesen unklaren Angelegenheiten gegenüber, hielt er die Leute zurück.
»Wie war denn das? was fehlte Ihrer Frau, vielleicht fällt es mir wieder ein, erzählen Sie mir etwas von ihrer Krankheit,« sagte er, »oft erinnert man sich besser der Krankheit, als des Kranken, wenigstens was den Namen betrifft.«
Nun begann eine umständliche Erzählung. Das junge Mädchen glaubte oft mit einigen Einzelheiten den Bericht des Vaters ergänzen zu müssen. Die beiden Zuhörer waren erschüttert von dem Bilde menschlichen Leidens und Entsagens, das sich vor ihnen entrollte.
Der Winter war hart gewesen, und die Leute besaßen keine Wohnung, kein Bett. Für die wenigen Pfennige, die sie erbettelten, mietheten sie sich bald hier bald da ein. In gesunden Tagen war ihnen das einerlei gewesen, aber als die Frau krank und mühselig wurde, schleppten sie sich kaum noch von Hof zu Hof. Wenn die Töne der Drehorgel erklangen, fiel es selten einem Menschen ein, die festgefrorenen Fenster zu öffnen und den Hungernden und Frierenden da draußen ein Almosen zu reichen. Sie hätten oft weder Nahrung noch Obdach gehabt, wenn die Tochter, die in Schenken allerniedrigster Art als Liedersängerin auftrat, ihnen nicht zuweilen einige Groschen zugewendet hätte. Die Mutter war schon lange gebrechlich und arbeitsunfähig gewesen. Das mehr als ärmliche Gewerbe des Mannes mußte sie mit ernähren. Etwas Anderes als Brod, Schnaps und höchstens einmal etwas Kaffee oder Kartoffeln hatten die Leute nicht zu verzehren. Nun kam aber das Unglück. Als der furchtbare Winter vorüber war, als das fahrende Volk aufathmete und mit dem neuen Lenze ein neues Leben zu fühlen begann, da wurde das Weib des Orgeldrehers elender, mühseliger und schwächer als je zuvor. Sie versuchte noch Weidenkörbe zu flicken, wie in früheren Jahren, aber Messer und Zange sanken ihr aus den kraftlosen Händen. Die Tochter blieb in der Stadt, und der arbeitsscheue Mann allein hatte für das Weib zu sorgen.
Die Frau konnte kein Brod und keine Kartoffeln mehr vertragen, der Magen verweigerte die Annahme dieser Lebensmittel. – Einige Tage hielt sie sich noch aufrecht durch den Genuß von Branntwein, dann brach sie zusammen.
»Wir hatten damals eine Scheune gemiethet, das heißt, Herr Doctor, die Leute, denen das Caroussel gehörte, bezahlten die Miethe, und wir durften mit darin schlafen, das Weib und ich,« berichtete der Mann. »Ich drehte meine Orgel bei dem Caroussel und hatte einen schönen Verdienst. Da zog der Herr Besitzer weiter. Wenn ich nicht mitging, hätte er in einer Stunde einen anderen Musikanten gefunden, das war doch klar, also was sollte ich machen?«
»Sie zogen mit und ließen das todtkranke Weib zurück, nicht wahr?« unterbrach ihn der Arzt, mit vor Zorn funkelnden Augen. Jetzt wußte er, wen er vor sich hatte. Er erinnerte sich an die nächtliche Scene, wo ihm, von Schmutz starrend, die am Hungertyphus sterbende Unbekannte von der Polizei zugeschickt wurde. Er warf einen Blick auf das Antlitz des Todtenschädels. Das war Karoline Schwarz, die da hinter ihm stand, nach ihrem Tode als Gerippe präparirt, und der Mann vor ihm erzählte ihm die Vorgeschichte dieses Todes, eine Kette von Elend, Hunger, armseligem Vortheil und gedankenlosem Egoismus. Das Ende dieses Menschenlebens hatte er gesehen, es war ihm furchtbar erschienen; jetzt aber erschien ihm das, was diesem Ende vorangegangen war, noch schauerlicher und trostloser. Ein Menschenschicksal – – was für ein Schicksal.
Der Leiermann hatte sein Instrument abgestellt. Verlegen drehte er den breiten, schäbigen Hut zwischen den Fingern.
»Was will man machen,« stotterte er – »bei den schlechten Zeiten, ein so schönes Stück Geld. Bei manchen Jahrmärkten kam ich bis auf sechs Mark an einem Tage, sollte ich das lassen, um so ein Weib – ein schlechtes Weib, – Herr – sollte ich mit ihr zusammen verhungern?«
»Es war für Sie jedenfalls angenehmer, sie allein verhungern zu lassen,« bemerkte der Arzt scharf.
Das Mädchen fühlte hier den Drang, ihrem Vater zu Hilfe zu kommen.
»Ach, Herr Doctor,« schluchzte sie, »Mutter konnte keinen Schritt mehr gehen. Sie fiel um, wenn sie auf die Beine kam, und sie konnte so schimpfen, und sie betrank sich immer und vergriff sich an uns und sogar an meinem Schatz.«
Diese ungeschickte, unkindliche Rede empörte die beiden Herren mehr als alles Andere.
»Ihre Mutter ist verhungert,« – rief der Student rücksichtslos dem Mädchen ins Gesicht, ohne in seinem Zorne erst abzuwarten, ob sein Lehrer geneigt war, das so unumwunden auszusprechen.
»Verhungert? Nein Herr,« widersprach der Vagabund, »ich habe ihr Alles hingelegt, Brodscheiben und noch Schnaps und einen Sack voll Kartoffeln. Bis sie sich die alle gekocht hatte, konnte sie wohl soweit sein, daß sie mir nachkam, sie wußte, wo wir hinzogen.«
»Aber haben Sie uns denn nicht selbst gesagt, daß die Frau Brod und Kartoffeln nicht genießen konnte,« fuhr ihn der Jüngling wieder voller Entrüstung an.
»Ja Herr, ja Herr, Brod und Kartoffeln und auch noch Schnaps, das sind gute Dinge. Die Carousselleute meinten das auch, etwas Anderes haben arme Menschen nicht zu verzehren.«
»Sie mögen das ja ganz gut gemeint haben,« begütigte Dr. Schlüter, »aber wer sollte denn nach der Kranken sehen, warum brachten Sie sie nicht in ein Krankenhaus?«
»Wie soll unsereiner das anfangen, wir sind hier nicht unterstützungs- und heimathberechtigt,« warf das junge Mädchen ein.
»Mutter hätte das auch nicht gethan,« erklärte der Mann zuletzt energisch.
»Nun kurz und gut, es ist nicht mehr zu ändern, und ich will Ihnen erzählen, was daraus geworden ist,« sagte der Stationsarzt. »Die Vorräthe haben die Ratten, Fäulniß und Schimmel vertilgt, den Branntwein mag die Frau selbst getrunken haben. Dann wurde sie schwächer und schwächer, hatte fürchterliche Schmerzen und den brennendsten Durst, den Sie sich denken können.
Kein Mensch brachte ihr einen Tropfen Wasser, niemand sorgte für ihre Reinlichkeit, das Ungeziefer kam und quälte sie auf ihrem nassen, schmutzigen Stroh, und der Durst, der Fieberdurst, der Durst derer, die das Trinken gewöhnt sind, kam hinzu.
Dann ist sie vielleicht noch einmal wüthend geworden, hat die Menschen und die Welt verflucht und hat zuletzt nichts mehr von sich gewußt. So ist sie verkommen und bei lebendigem Leibe verfault, bis die Polizei sie fand. Die Polizei hatte Erbarmen und brachte sie hierher. Wir konnten ihr aber nicht mehr helfen, es war zu spät, sie starb nach einigen Stunden.«
Er durchblätterte ein großes Buch. »Am elften Juni ist sie Abends zum Todtengräber gebracht. Der wird Ihnen wohl sagen können, wo sie liegt,« sagte er, ohne von dem Buche aufzusehen.
Der Mann und das Mädchen bekreuzten sich.
»Ihr ist ja nun wohl in der Erde,« schluchzte die Tochter.
»Die Ruhe ist ihr zu gönnen,« fügte der Gatte hinzu, und ohne Dank, fast ohne Gruß verließen sie den Saal, um weiter zu suchen nach dem Stückchen Erde, unter dem das müde Haupt des jammervollen Weibes nach ihrer Ansicht ruhte.
Der junge Student sprach noch einmal seine lebhafte Entrüstung über dieses Gesindel aus und empfahl sich dann dem Privatdocenten, der in Gedanken verloren vor dem Scelett der unseligen Karoline Schwarz stehen blieb.
Er sah sie wieder vor sich auf der Bahre in ihrer fast nicht mehr menschlichen Verkommenheit und Häßlichkeit und herab geneigt über dieses Bild tiefsten irdischen Leidens ein himmlisch verklärtes, durchgeistigtes Antlitz, vom Nonnenschleier umrahmt, durchleuchtet von Erbarmen und Liebe. Liebe? – – –
Nein, Schwester Clarissa liebte die Menschen nicht. Sie liebte nur ihren Herrn und Gott, die Menschen, deren sie sich erbarmte, waren ihr nur Mittel zum Zweck. – »Was ihr gethan habt dieser Geringsten einem, das habt ihr Mir gethan.« – Das war der Grundgedanke ihrer Barmherzigkeit. Auch in diesem Falle war es so gewesen. Sie hatte ihre Pflicht gethan, gefühlt hatte sie nichts für die Unglückliche, und diese – diese gerade war wohl auch der Liebe nicht werth gewesen.
Er betrachtete eine von den subtil zusammengesetzten Knochenhänden. Gegen Mann und Kind hatte sie den Arm erhoben; nun stand sie da, todt, ruhelos, mitten im Leben, ohne das Fleckchen Erde gefunden zu haben, auf dem auch der Aermste Anspruch hat zu ruhen – ruhen – nach dem Tode. –
Schwere unsichere Schritte unterbrachen mit ihrem Geräusche den sinnenden Mann. Sollte man ihm einen Kranken bringen? Hier herein, wo doch die Patienten im Allgemeinen nichts zu thun hatten?
Aergerlich wandte er sich nach der Thür und sah wieder den Straßenmusikanten mit seiner Tochter eintreten.
Das unregelmäßige Gesicht des Mädchens war einen Schein blasser als vorher, und der Mann schwankte ein wenig, wie ein Trunkener.
Ohne auf die erstaunte Frage des Arztes, was er wolle, zu antworten, ging er mit stierem Blicke und unsicheren Schritten durch den ganzen Saal, grade auf das Gerippe zu.
Mit sichtbarem Erschauern blieb er hier stehen.
»Line,« flüsterte er an der düsteren Gestalt herauf. –
»Line, bist Du das denn wirklich? In lauter Stücke haben sie Dich geschnitten und ausgenommen, wie ein geschlachtetes Thier, und Deine Knochen blank gescheuert, und dann haben sie Dir nicht die Ruhe im Grabe gegönnt, und nun stehst Du da und bist todt?«
»Aber was wollen Sie denn,« rief Dr. Schlüter zugleich entrüstet und erschrocken, »was faseln Sie, was rütteln Sie an dem Scelett? Um Gotteswillen, es ist mehrere hundert Mark werth, lassen Sie es los, Sie zerbrechen es ja.«
»So – es ist mehrere hundert Mark werth?«
Der Respect vor dieser Summe lähmte den Arm des Proletariers. Er trat scheu zurück, aber in seinen Augen loderte eine wilde Drohung.
»Sind das hier die Knochen von meiner Frau?« fragte er mit finsterer Miene.
»Ja,« entgegnete der Arzt, »aber wer hat Ihnen das gesagt?«
»Draußen Einer, ein Wärter wird es ja wohl gewesen sein,« antwortete die Tochter für ihren Vater.
»Warum ist das Weib nicht begraben? Es war ein armes Weib und bös, ja sie war bös, aber ein Grab war sie doch wohl werth, man scharrt ja einen Hund ein,« grollte der Mann.
»Darauf kommt es hier gar nicht an,« erklärte der Kliniker. »Wenn hier jemand stirbt, für den niemand die Verpflegungs- und die Begräbnißkosten bezahlt, so kann das Institut – ich meine die Doctoren können dann mit der Leiche machen, was sie wollen.«
»Das dürfen Sie nicht, das nicht,« kreischte das Mädchen plötzlich wild auf, »wenn der jüngste Tag kommt, und die Todten steigen aus ihren Gräbern, und das Fleisch steht auf, wo soll da so ein – so ein Knochengestell sein Fleisch hernehmen, um aufzustehen von den Todten?«
»Laß das Mila, das sind Glaubenssachen,« gebot ihr der Vater, »das geht die Herren hier nicht an, die glauben an nichts nach dem Tode.«
»Nun also – was wollen Sie denn, wozu machen Sie denn solchen Lärm?« fragte der Arzt erleichtert.
»Was ich will?« höhnte der Mann. »Ich will wissen, was für ein Verbrechen und was für eine Schande es ist, wenn der Mensch arm ist. Wenn ein Stück Vieh fällt, so ist immer Einer zu finden, der es einscharrt, aber ein Mensch, – ein armer Mensch? Wozu ist der gemacht? Im Leben zum Hungern, zum Betteln, zum Frieren und nach dem Tode? Nach dem Tode – zu dem, was die Herren Doctoren für gut befinden, mit seinem armen Leibe zu machen.« Er lachte laut und wild auf.
Dr. Schlüter klingelte nach dem Oberwärter. Dieser erschien. »Führen Sie den Mann hinaus, er ist unverschämt geworden,« sagte der Arzt.
»Ja ich gehe schon,« brüllte der wüthende Mensch, »aber diese Knochen, diese Knochen sind mein, ich nehme sie mit, ich scharre sie ein im freien Walde, der niemanden gehört. Sie war kein gutes Weib, aber Ruhe, das bischen Ruhe im Grabe, das soll sie doch haben, sie soll.« – – –
Er griff nach dem Scelett, das in seiner leichten Zusammenfügung bereits erschüttert, ein wenig schwankte. Der Oberwärter faßte den Tobenden mit festem Griff und rief nach Jahn, seinem Gehülfen.
Der Stationsarzt war im Begriffe, den Saal zu verlassen. An der Thür drehte er sich noch einmal um, riß ein Blatt aus seinem Notizbuche und schrieb einige Worte darauf.
»Orgeldreher Schwarz,« sagte er laut, »gehen Sie mit diesem Zettel nach dem Büreau. Man wird Ihnen dort, nach Abzug eines Verpflegungstages, fünfzig Mark auszahlen, weil Sie den Körper Ihrer verstorbenen Frau der Klinik zu anatomischen Zwecken überlassen haben. Adieu.« – –
Er ging. Wie eine Pantherkatze stürzte Mila auf den Zettel zu und riß ihn an sich.
Fünfzig Mark! ......
Der Oberwärter hatte nicht mehr nöthig, einen Wüthenden zu halten. Mit respectvollem Gruß entfernten sich Vater und Tochter.
Einen scheuen Blick noch warfen sie zurück auf das graue Gerippe der Gattin und Mutter. Es war ja recht traurig, daß sie nun unbegraben blieb – aber was wollte man machen!
Fünfzig Mark erhielten sie dafür, und sie konnten das brauchen – sie lebten und darbten.
Die Mutter aber – – – – ja, die stand da und sah ihnen nach aus ihren leeren, großen Augenhöhlen. Sie war übel daran, aber sollte man deshalb die fünfzig Mark verschmähen? – Ein solches Opfer für sie, konnte sie das wohl verlangen, noch dazu jetzt – – – nach dem Tode? – – –
Ende.