12. Babirusa alfurus Less.

[Tafel IX]

Ich beschränke mich auf Bemerkungen über das Vorkommen und damit in Verbindung stehende Fragen, sowie über die Bezahnung, um vielleicht später über dieses bis jetzt mit Sicherheit nur von Celebes und Buru bekannt gewordene, isolirt stehende Thier[1] Weiteres beizubringen.

[[Inhalt]]

Vorkommen und damit in Verbindung stehende Fragen.

So viel ich weiss, ist der Babirusa, was Celebes anlangt, nur aus der Minahassa und dem Gorontaloschen nachgewiesen. Rosenberg (Mal. Arch. 1878, 269) sagt zwar: „Auf Selébes kommt der Babi-russa allein auf der Nordhälfte der Insel vor, lebt aber ausserdem noch auf den Sulla-Inseln und auf Buru“, was z. B. Brehm (Thierl. III, 529 1891) übernahm, allein da man unter „Nordhälfte“ von Celebes zum Mindesten das ganze Gebiet des Tominigolfes verstehen muss, so ist das zu viel gesagt. Wenn auch nicht in Abrede gestellt werden soll, dass die Verbreitung des Babirusa so weit gehen kann, so fehlt doch bis jetzt der Anhalt dafür. Es ist auch nicht ganz wahrscheinlich, dass er hier überall [[16]]haust, da man sonst wohl schon Schädel oder Zähne daher erhalten hätte, denn die Eingeborenen bewahren diese, wie sich auch denken lässt, mit Vorliebe, oder verwenden sie als Schmuck. Derartiges ist aber von den Ufern des Tominigolfes jenseit des Gorontaloschen nicht bekannt geworden. Immerhin lässt sich noch kein Urtheil fällen, da diese Länder zu wenig durchforscht sind. Auf dem Südwestarme soll er nach Erkundigungen der Herren Sarasin, wie sie die Güte hatten mir mitzutheilen, nicht vorkommen.

Das Ethnographische Museum erhielt kürzlich von Tonkean, gegenüber der Insel Peling, also von der Nordosthalbinsel, eine Kopfbinde mit Babirusa Hauern, was das Vorkommen des Thieres daselbst wahrscheinlich macht, wenn auch nicht sicherstellt, denn die Zähne könnten anderswoher stammen[2], allein P. und F. Sarasin hörten auch, dass es auf dem Banggaiarme von Celebes zu finden sei.

Von der der Minahassa nahen Insel Lembeh kamen dem Museum 3 Exemplare unter der inländischen Bezeichnung pisokan[3] zu; die Strasse zwischen Celebes und Lembeh ist schmal, und der Babirusa wird daher unschwer vom Festland übersetzen können. Hickson (Nat. N. Cel. 1889, 82) erwähnt das Vorkommen an den Bergen Klabat, Dua sudara, Kelekonde und Soputan.

Ob er auch schwimmend von Nord Celebes nach Buru gelangte, oder ob er vom Menschen hingebracht worden ist, oder welches die Ursache seines dortigen Vorkommens sonst sei, lässt sich vorerst nicht mit Sicherheit erschliessen. Es sind auch noch zu wenig Exemplare von Celebes und Buru gut bekannt, um eine Meinung bezüglich ihrer Identität gewinnen zu können. Man würde damit unter Umständen einen Anhalt über die Dauer der Existenz des Babirusa auf Buru erhalten. Dass er den Weg von Nord Celebes nach Buru, von Strömungen getragen, schwimmend zurückgelegt haben sollte, ist bei der bekannten und oft besprochenen grossen Schwimmfähigkeit der Schweine[4] denkbar; Jentink (T. Aardr. Gen. 2. s. VI, 250 1889) lässt ihn „ursprünglich“ auf Buru zu Hause gehören, doch bleibt es auffallend, dass er auf den dazwischen liegenden Sula Inseln noch nicht nachgewiesen wurde. Wenn man der Möglichkeit, dass er sich durch Schwimmen verbreiten kann, zu viel Spielraum gewährt, so müsste man sich eher darüber wundern, dass seine Verbreitung nicht weiter reicht.

Was das Vorkommen auf den Sula Inseln betrifft, so liegen zwar eine Reihe positiver Angaben vor, sie sind jedoch mehr oder weniger nur von einander abgeschrieben. Ich greife Einiges heraus: 1851 findet man in der Natuurk. Tijdschr. Nederl. Ind. II, 454 als redactionelle Anmerkung zu den in der „Samarang“-Zoologie gegebenen Fundorten Celebes und Ternate (sic): „Buru, Mangoli, Bangay“. Dies vielleicht hat Schlegel (Handleiding 1857 I, 111) übernommen, er sagt ebenfalls „Mangoli, Bangay“. Daraus machte Brehm (Thierl. II, 744 1865) „Mangli und Bangahi“[5]. Wallace (Mal. Arch. D. A. I, 395 und II, 130 1869[6]), v. Rosenberg (Mal. Arch. 1878, 269), wie wir bereits sahen, und Jentink (T. Aardr. Gen. 2. s. VI, 250 1889) führen ihn von den Sula Inseln auf. Nehring (Rohdes Schweinezucht 4. Aufl. 1891, 6) meint, dass er neben Celebes und Buru vielleicht noch auf einigen anderen Inseln vorkomme; van Bemmelen (Enc. N. I. 1895, 76) greift neuerdings wieder mit „Mangoli, Bangai“ auf Schlegel etc. zurück. Diese Beispiele liessen sich mehren, aber sie beweisen nicht das Mindeste. Die Reisenden unter den angeführten Autoren, Wallace und v. Rosenberg, waren nicht selbst auf den Sula Inseln, und weder Hoedt und Allen, noch Kühn (1885) brachten etwa Schädel von dort mit; ich erhielt kürzlich Sammlungen von Peling und Banggai, aber es war keiner dabei; man findet in den Museen sehr viele, [[17]]jedoch nicht mit der Bezeichnung Sula, selbst nicht in Leiden (Jentink Cat. IX, 164 1887 und XI, 194 1892). Aber sowenig die obigen positiven Angaben etwas beweisen, beweist das Fehlen in Sammlungen mit Sicherheit das Nichtvorkommen, da die Inseln ungenügend durchforscht sind, noch können die Autoren, welche die Sula Inseln nicht als Fundort aufführen (z. B. Teijsmann Natuurk. Tijdschr. Nederl. Ind. 38, 77 1879), beanspruchen, dass man ihnen unbedingt Glauben schenke, wenn sie nicht selbst da waren. De Clercq (Ternate 1890, 121 Anm.) äussert sich negativ, aber er hielt sich nur kurz dort auf und hat nicht zoologisch gesammelt. Trotzdem spricht Alles dafür, dass der Babirusa nicht auf Sula lebt, so auffallend sein Fehlen zwischen Celebes und Buru auch wäre; immerhin aber muss eine ausgiebigere Untersuchung an Ort und Stelle abgewartet werden, ehe man endgültig urtheilen kann. Übrigens wäre ein solches Thier auf kleinen Inseln auch leichter vom Menschen auszurotten gewesen, als auf grösseren, und sein jetziges Nichtvorhandensein im Sula Archipele bewiese noch nicht, dass es nicht früher dort gelebt haben könnte.

Dass heute von Fundortsangaben, wie z. B. Gray sie machte, Nichts mehr zu halten ist, bedarf keines Wortes[7], es lässt sich auch aufklären, wie er dazu kam, dem Babirusa eine so weite Verbreitung zu geben. Er sagt (P. Z. S. 1868, 43 und Cat. Carn … Mamm. 1869, 348): „Borneo; Malacca?; Celebes; Ceram; Timor; Java; Sumatra; New Guinea; New Ireland (Fitzinger)“, hat dies aber nur missverständlich von Fitzinger (SB. Ak. Wien L 1, 425 1864) abgeschrieben[8]; bei Diesem heisst es: „Celebes, Bourou, Xulli-Mangoli und Bangay an der Westküste [sic!] von Celebes; keineswegs aber Amboina, Ceram, Timor, Java, Sumatra und Borneo, noch Neu Guinea und Neu Irland“. Gray hat das „keineswegs aber“ und das „noch“ nicht verstanden, so dass von seinen Fundorten nur Celebes und Malacca übrig bleiben, und letzteres ist ebenfalls zu streichen.[9]

Allein wenn auch diese Grayschen Angaben nur auf einem Missverstehen beruhen, so liegen doch andere, gerade Melanesien betreffende, mehrfach vor, die einer Erklärung bedürfen. So sagte Brehm (Thierl. II, 744 1865) — wie meist, ohne Quelle: „Möglich ist, dass es auch in Neuguinea und Neuirland vorkommt; wenigstens fanden einige Reisenden dort die unverkennbaren Hauzähne des Hirschebers in den Händen der Eingeborenen.“ Ferner führte Schmeltz (Mus. Godeffroy 1881, 115) einen Babirusa Schädel (Nr. 2600) von den Salomo Inseln mit folgenden Worten auf: „Nach Kleinschmidts Meinung die Art und Weise zeigend, wie die Eckzähne zum Zwecke der Verwendung für Halsschmuck künstlich deformirt werden“ und (p. 149 Nr. 1033) von Viti: „Polirte Zähne des Hirschebers“ als Halsschmuck; zugleich Friedrichsen (Anthr. Album Mus. God. 1881, 9 Taf. 13 Nr. 202) einen Tanna Mann auf Viti mit „Halsschmuck aus polirten Zähnen des Hirschebers“. Jentink endlich (T. Aardr. Gen. 2. s. VI, 250 1889) bemerkt, dass der Babirusa von Celebes, Sula und Buru ostwärts nach Neu Guinea und weiter gebracht worden ist, weil die Eingebornen überall grossen Werth auf die gebogenen oberen Eckzähne legen.

Es beruhen alle diese Angaben auf dem Irrthume, dass es sich bei den in Frage kommenden Stücken um den Babirusa handle. Schädel in Museen mit solchen Bezeichnungen mag es geben, aber diese sind eben verkehrt, von verlässlichen Reisenden stammen sie nicht. Der Schädel im Museum Godeffroy hatte gewiss Nichts mit dem Babirusa zu thun, sondern rührte von einem Schweine mit abnorm gewachsenen unteren Hauern her, während der Babirusa nur die oberen Hauer halbkreisförmig gebogen hat[10]; die Ähnlichkeit mit diesen kann daher auch nur eine sehr entfernte gewesen sein. Da die Zahnformel von Babirusa[11] und Sus bekanntlich differirt (i 2/3 c 1/1 m 5/5 gegen i 3/3 c 1/1 m 7/7 bei Sus), so liesse sich leicht darüber Gewissheit erlangen; der Schädel ist aber bis jetzt weder in Hamburg noch in Leipzig, wo Theile des Godeffroy Museums sind, auffindbar gewesen. Die „polirten Zähne des Hirschebers“ von Viti sind abgeschliffene [[18]]Potwalzähne, wie jetzt allgemein bekannt ist. Es bleibt somit nur noch Jentinks Angabe, der ich indessen auch nicht beipflichten kann, denn ein solcher Export von Celebes und Buru nach Neu Guinea und weiter fand und findet nicht statt, es liegen keine stichhaltigen Gründe dafür vor, und die betreffenden gebogenen Zähne sind nur abnorm gewachsene untere Schweinehauer.

Die Entstehung dieser Irrthümer ist sehr wohl erklärlich, wenn man in Betracht zieht, dass es in gewissen Theilen Neu Guineas und der östlichen Inselwelt Brauch ist, jungen zahmen Schweinen die oberen Eckzähne auszuschlagen, damit die unteren sich unabgewetzt und unbeschränkt entwickeln können. Lässt man das Thier nur lang genug leben, so entsteht ein mehr oder weniger geschlossener Ring, der dann als sehr geschätzter, werthvoller Schmuck benutzt wird. Das Ethnographische Museum besitzt eine Reihe solcher Stücke. Um Babirusa-Zähne handelt es sich aber dabei nicht. Da der Querschnitt des oberen Babirusa-Eckzahnes ein anderer ist, wie der des unteren Schweine-Eckzahnes, so lassen sie sich leicht unterscheiden; beim Babirusa ist er elliptisch, auch hat er eine ebene und schmelzlose Oberfläche. Ebenso lassen sich die unteren Eckzähne bei näherem Vergleiche sehr wohl unterscheiden. Beim Schwein ist der Querschnitt mehr dreieckig, beim Babirusa eher fünfeckig, und der Zahn selbst subpentaëdrisch; Owen (Odontogr. 1840–1845, 548) nennt ihn „subtrihedral with rounded angles, except the inner one towards the point“. Der untere Babirusa-Hauer hat jedoch Email, wie der des Schweines, die Angabe von Flower & Lydekker (Intr. Mamm. 1891, 287), dass auch er „entirely without enamel covering“ sei, beruht auf einem Irrthume. Zwei neben und an einander befestigte, abnorme, ganz kreisrunde untere Schweine-Eckzähne, als Brustschmuck von Cap Arcona in Deutsch Neu Guinea, einem im Kampfe getödteten Papúa abgenommen, sind [Tafel IX] Fig. 1 dargestellt (Nr. 9175 der Ethnogr. Abth.). Es ist ein linker (oben) und ein rechter (unten), und man erkennt, von wo an sie in ihrer natürlichen Entwicklung gestört wurden; sie sind von da an erheblich dünner und auch unregelmässig geformt, was durch Abfeilen am Lebenden erzielt wird (s. unten).

Man könnte denken, dass, wenn durch eine so einfache Procedur, wie das Herausnehmen der oberen Caninen es ist, so geschätzte und werthvolle kreisrunde Zähne zu erhalten sind, Viele sie sich verschaffen würden, allein dem ist nicht so. Hr. Br. Geisler (der Zeichner unserer Tafeln) theilt mir auf Grund seiner mehrjährigen Erfahrungen aus der Gegend des Astrolabe- und Huongolfes in Deutsch Neu Guinea Folgendes mit:

„Im Leben des Papúa spielt das Schwein eine grosse Rolle und man hütet die geliebten Borstenthiere wie den grössten Schatz. Fast Alles dreht sich um Schweine und schon das eben geworfene wird für Etwas bestimmt, meist für einen Festschmaus oder zum Erbstück, aber der Eigenthümer kann nicht frei darüber verfügen, es ist Dorfeigenthum. Manchmal wird das Schwein, das zu irgend einem Festschmause bestimmt ist, verkauft oder vertauscht, und für den Erlös ein anderes gekauft zum Schlachten. Wer das Schwein aufgezogen hat, isst aus Mitleid nicht davon; die es tödten, müssen sich viel Schimpfreden gefallen lassen, besonders von den Weibern, welche nicht selten die dicksten Thränen dabei vergiessen. Einem Weissen wird es in diesen Gegenden nie gelingen, ein Schwein zu erstehen, wenn er auch noch so viele begehrenswerthe Tauschwaaren vorlegt. Aber in den meisten Fällen erhält er von dem geschlachteten ein Stück Fleisch. Stirbt eine Ehefrau, so fertigt sich der Mann einen hohen Trauerhut von Baumbast, den er erst ablegen darf, wenn das für den Trauerschmaus bestimmte Schwein erwachsen ist; passirt dem Schwein ein Unglück, so dass der Wittwer kein anständiges Mahl geben kann, so muss er den Trauerhut so lange tragen, bis das nächste Schwein erwachsen ist. Die jungen Schweinchen werden sehr häufig, ebenso wie junge Hunde, von den Weibern gesäugt und, wie die Kinder, aufs Feld zur Arbeit mitgenommen. Jedes erhält seinen Namen und ist seinen Pflegern so anhänglich wie ein Hund. Kommt ein Schwein des Nachts nicht ins Dorf zurück, so geht ein allgemeines Suchen los: in den zärtlichsten Tönen wird fortwährend der Name des Lieblings gerufen; hilft das Nichts, so geht Alt und Jung, mit Bambusfackeln versehen, und sucht nach dem Verlorenen. Junge Wildschweine werden manchmal eingefangen und gewöhnen sich ebenso an das Dorf wie die zahmen[12]. Selten verwildert ein zahmes Schwein so, dass es nicht mehr [[19]]zurückkehrt, es wird dann von den Männern aufgesucht und mit Speeren erlegt. Um recht schöne runde Schweinezähne zu erhalten, werden dem jungen Eber die beiden oberen Hauer ausgeschlagen, damit die beiden unteren im Wachsen nicht gehindert sind. Die oft kreisrund gebogenen sind der werthvollste Tauschartikel. Man kauft für solchen eine Frau oder ein Segelboot, oder es ist ein Mordschilling“.

Hieraus geht hervor, und es lässt sich auch sonst erschliessen, dass es dem Eingeborenen sehr schwer fällt, ein Schwein so viele Jahre in Gefangenschaft zu halten bis der Hauer kreisrund gewachsen ist; es treten an den Besitzer zu viele Anfechtungen und Nöthigungen heran, die ihn zur Hergabe oder zur Tödtung des Thieres veranlassen oder zwingen, so dass nur Reiche oder Charakterstarke in seltenen Fällen das Schwein so lange aufsparen können, bis der werthvolle Zahn fertig ist. Man trifft daher auch nur äusserst selten Lebende mit diesen Zähnen an, während die fertigen Ringe von Geschlecht zu Geschlecht vererbt werden und sich infolgedessen im Laufe der Zeiten mehr anhäufen.

Flower & Lydekker (Intr. Mamm. 1891, 282 Anm.) z. B. sagen über die Entstehung solcher Zähne: „If from any accidental circumstances these teeth [can. inf.] are not constantly worn down by friction, they grow into a complete circle, the point penetrating the bone of the jaw close to the root of the tooth. The natives of the Fiji Islands avail themselves of this circumstance to produce one of their most valued ornaments—a circular boar’s tusk: the upper canines being extracted, the lower ones are allowed to grow to the desired form.“ Hr. Parkinson schrieb mir darüber: „Es ist eine allgemein bekannte Sache, dass man hier in der Südsee, wo Schweinehauer als Schmuck verwendet werden, den Schweinchen die oberen Eckzähne in der Jugend ausbricht, damit die unteren nicht durch Abschleifen gegen die oberen in normaler Grösse gehalten werden, sondern die beliebte kreisförmige Biegung erlangen. In den Neu Hebriden[13] ist dies ganz üblich, ebenso in Kaiser Wilhelmsland, wo ich das Ausbrechen der oberen Eckzähne z. B. auf der Insel Siar (Friedrich Wilhelmshafen) zufällig zu beobachten Gelegenheit hatte.“ Hr. Wahnes erzählte mir, dass diese kreisrunden Zähne besonders auf den Tami Inseln, Rook, den Niedrigen Inseln (südlich von Rook) und Neu Pommern hergestellt würden. Er selbst hat auf Rook gesehen, wie einem Jährlinge mit Hülfe eines Holzmeissels der obere Eckzahn ausgeschlagen wurde; vier Männer hielten das Schwein unter grossem Halloh und Zulauf. Nicht immer würden (wie bei den von mir abgebildeten Exemplaren) die Zähne dünner gefeilt, Jeder mache das, wie es ihm gefiele. Auch Romilly kannte die Procedur (bei Finsch, der Mt. Anthr. Ges. Wien XVII, 159 1887 über „Abnorme Eberhauer“ sehr ausführlich und enthusiastisch schrieb, und ihre Entstehung als etwas Räthselhaftes betrachtet hatte, bis er die bekannte Erklärung „entdeckte“). Wie ich brieflich erfuhr, ist vor nicht langer Zeit auf Gross Key ein lebender Eber mit solchem Kreiszahne gesehen worden. Hr. Geisler beobachtete in Neu Guinea ferner, wie man mit Korallenstückchen an diesen Zähnen beim Lebenden herumfeilte. Es dürfte nicht schwer halten, weitere Belege zu beschaffen. Solches abnorme Wachsthum bei fehlendem gegenständigen Zahne kennt man ebenfalls z. B. beim Hippopotamus (das Museum besitzt ein derartiges schönes Stück) und an den Schneidezähnen beim Kaninchen, Eichhörnchen, Hasen etc., sowie bei Elephas primigenius.

Die irrthümlich für Babirusa-Eckzähne gehaltenen künstlich deformirten unteren Sus-Hauer aus Neu Guinea und der östlichen Inselwelt gaben also Anlass zu der Annahme einer weiteren Verbreitung des Babirusa oder zu der seines Exportes oder des Exportes seiner Zähne dahin. Wie mir Hr. Geisler mittheilt, sprachen zu seiner Zeit (1890–92) selbst Europäer in Deutsch Neu Guinea von einem solchen Importe von Babirusa-Zähnen „aus den Molukken“ (es hatte einer der dort weilenden Gelehrten dies aufgebracht), allein es seien das Europäer gewesen, die weder Babirusa-Zähne, noch die Gebräuche der Eingeborenen [[20]]kannten, noch die Unmöglichkeit eines Exportes von Celebes oder Buru bis nach den Fidschi Inseln zu beurtheilen vermochten.

Dr. Jentink machte mich, wofür ich ihm zu besonderem Danke verpflichtet bin, darauf aufmerksam, dass auch beim Babirusa der untere Eckzahn kreisförmig wachsen könne, und durch seine und die Güte von Prof. Weber in Amsterdam bin ich in der Lage, [Tafel IX] Figur 2 einen solchen, im Besitze des Letzteren befindlichen rechten Zahn im Kiefer in n. Gr. abbilden zu können. Der Schädel gehörte einem alten Individuum an, und soll aus der Minahassa stammen. Dass man solche kreisrunde Babirusa-Zähne auf Celebes und Buru gelegentlich wohl als Schmuckstücke verwenden könnte, wäre ja möglich, wenn mir auch kein solcher Fall bekannt ist; dass man sie aber nach Neu Guinea und weiter exportirte, ist auszuschliessen, denn derartige Handelsbeziehungen, directe oder indirecte, gab und giebt es nicht, auch sind diese Stücke viel zu selten; zudem sind die kreisrunden Zähne, die ich von dort kenne, alle vom Schweine.

Dieser abnorme Babirusa-Hauer hat sich jedoch nicht, wie im gleichen Falle beim Schweine, dadurch entwickelt, dass die Abwetzung der Spitze, infolge der Ausschaltung des oberen Eckzahnes, nicht stattfinden konnte, denn eine solche Abwetzung der Eckzähne aneinander findet beim Babirusa überhaupt nicht statt. Zwar sagt Owen (Odontogr. 1840–1845, 548), dass die unteren „sometimes show upon their inner side slight marks of abrasion against the outer side of the base of the upper tusk“ und Giebel (Odontogr. 1855, 71 u. Säugeth. 1855, 231) hat dieses übernommen, indem er angiebt, dass sich die unteren an der Basis der oberen abreiben, allein es ist ein Irrthum. Die oberen und unteren Eckzähne berühren sich nicht. Die abgewetzte Fläche, welche die unteren Babirusa-Eckzähne distal-medial mehr oder weniger aufweisen, rührt vom Graben, Wühlen und vom Abschleifen an Gegenständen her, die das Thier zu dem Zwecke zwischen Rüssel und Zahn bringt. Das ist möglich, da dieser stets lateral ausladet. So bildet sich der weit vorstehende untere Hauer zu einer formidablen Waffe aus, die um so mächtiger wirken kann, als die Wurzel, wie bei Sus, sehr tief und kreisförmig im Kiefer steckt. Würde sich der untere gegen den oberen Eckzahn, der nur als Parierstange und nicht als Angriffswaffe dienen kann, abwetzen, so müssten davon lateral an der Basis des oberen Spuren zu sehen sein, was nicht der Fall ist. Der obere Eckzahn zeigt nur distal-lateral eine mehr oder weniger ausgeprägte Abwetzungsfläche, sowie distal-medial, wo die Hauer an einander liegen oder sich kreuzen, eine kleine; proximalwärts werden sie nicht abgerieben.

Im vorliegenden Falle wurde die Abwetzung der Spitze des rechten unteren Hauers seitens des Thieres nicht geübt, und der Zahn konnte sich infolgedessen, der gebogenen Alveole gemäss, unbeschränkt kreisförmig entwickeln (wie bei Sus, wenn der abwetzende obere Eckzahn fehlt). Man erkennt noch seinen subpentagonalen Querschnitt, wenn auch sehr abgeschwächt; dieser nähert sich mehr dem cylindrischen des oberen Hauers. Ob das Thier in der Jugend im Stande gewesen ist, den Zahn normalerweise medial-distal abzuwetzen, kann man nicht entscheiden, da die mediale Fläche der Spitze nicht frei liegt. Sie ist in die im Kiefer eingebettete Zahnwurzel lateral hineingewachsen, und hat die Zahnsubstanz des subterminalen Wurzeltheiles in ihrer oberen Hälfte zum Schwunde gebracht; das Ende dieses proximalen Wurzeltheiles hat sich compensatorisch nach oben entwickelt, und steht in einer accessorischen Knochenscheide über den oberen Rand des Kieferknochens etwas vor. Diese Knochenscheide ist aufgetrieben, ihre äussere Wand aber obliterirt, so dass der Zahn hier nur von Muskeln und Haut bedeckt war, wenn er nicht frei gelegen hat. Der ganze Unterkiefer zwischen dem distalen und proximalen Ende der Alveole ist ein wenig aufgetrieben und ladet etwas (bis 5 mm) mehr als linkerseits nach unten aus. (Ein Theil der äusseren Knochenplatte ist entfernt worden, so dass man durch ein Fenster die in die Wurzel eingewachsene Zahnspitze sehen kann.) Medial ragt aus dem distalen Ende der Alveole ein 15 mm langer und 3 mm breiter accessorischer kleiner Eckzahn hervor, eine weitere seltene Anomalie. Die Spitze des oberen in Figur 1 abgebildeten kreisrunden Sus-Zahnes ist ebenfalls in die Wurzel hineingewachsen, aber in ihr Centrum, und daher verborgen, während die des unteren der Wurzel nur aufliegt (an der abgekehrten Seite).

Wenn dieser abnorme Zahn nicht lateral ausladen würde, wie die unteren Babirusa-Hauer es stets thun, sondern steiler stünde, so würde man denken können, dass das Thier nicht im Stande gewesen wäre, Gegenstände zwischen Zahn und Rüssel zum Abwetzen zu bringen, weil der Zwischenraum zu gering war; allein dies ist nicht der Fall, der Zahn steht gerade so schräg wie die normalen Hauer, und hätte daher auch abgewetzt werden können, wenn das Thier nicht anderweitig gehindert gewesen wäre. Allerdings liegt die rechte Eckzahn-Alveole weiter zurück als die linke, normale, und steigt auch steiler an, aber beides [[21]]ist die Folge, und nicht die Ursache der Anomalie, indem der kreisrund nach hinten wachsende Zahn die Alveole mit nach hinten zog. Durch das Zurückweichen der Alveole steht sie nicht so weit vor derjenigen des oberen Caninus, wie im normalen Fall, und es könnte daher scheinen, dass es hierdurch dem Thier unmöglich gemacht worden sei, Gegenstände zwischen Zahn und Rüssel zum Wetzen zu bringen; allein ich habe auch andere Babirusa Schädel vor mir, bei denen der Zwischenraum zwischen oberem und unterem Eckzahne nicht grösser ist als hier, und wo doch die distal-mediale Abwetzung erfolgte. Da der linke untere und die beiden oberen Hauer abhanden gekommen sind, so lässt sich nicht beurtheilen, ob sie normal waren oder nicht. Der linke untere war keinenfalls geschlossen kreisförmig gewachsen, wie der rechte, denn der Kieferknochen ist ganz normal; auch die Alveole dürfte es sein, und somit spricht die Wahrscheinlichkeit nicht gerade dafür, dass der Hauer abnorm war. Ebensowenig zeigen die Alveolen der oberen Hauer oder die Knochen des Schädels die geringsten Zeichen einer Abweichung; allein wenn der rechte so weit nach rechts ausgeladen hätte, dass er das Thier verhinderte, die Spitze des unteren Hauers abzuwetzen, so wäre damit die Anomalie des letzteren erklärt. Die einfachste Erklärung wäre aber die, dass das Thier in der Gefangenschaft gelebt habe, unter Umständen, die ein Abwetzen des Zahnes unmöglich machten.


Dass der Babirusa schon im Alterthume bekannt gewesen ist, scheint auffallend in Anbetracht des Vorkommens auf so weit abliegendem und beschränktem Gebiet, allein die betreffende Stelle des Plinius (l. VIII c. 52 s. 78 § 212: ed. Sillig II, 134 1852) lässt keine andere Deutung zu: „In India cubitales dentium flexus gemini a rostro, totidem a fronte ceu vituli cornua exeunt“ — „bei den indischen Schweinen treten zwei krumme, einen Cubitus lange Zähne aus dem Rüssel, und ebensoviel aus der Stirne, wie die Hörner beim Kalbe heraus“ (Übers. Wittstein II, 152 1881). Die aus den Alveolen herausgenommenen Hauer des grössten Exemplares des Museums — und viel grösser werden die Gewehre kaum — messen der Rundung entlang: ein oberer 37, ein unterer 27.5 cm, und da ein Cubitus 44 cm ist, so stimmt das ziemlich gut für den oberen. Herr Prof. Mayhoff in Dresden, der gelehrte Herausgeber des Plinius, hatte die Güte, mir Folgendes über die obige Stelle mitzutheilen:

„Leider ist nicht zu ermitteln, aus welcher Quelle Plinius diese Notiz geschöpft haben mag. Aus Aristoteles’ Thiergeschichte, welche zu den vorhergehenden Sätzen den Stoff geliefert hat, stammt sie nicht; auch nicht von Ktesias, der das Vorkommen des Schweines in Indien überhaupt geleugnet hat, eher vielleicht von einem der griechischen Schriftsteller aus der Zeit nach Alexander, die als Reisende über indische Verhältnisse berichtet haben, wie Patrokles oder Dionysius oder endlich Megasthenes, den Plinius wiederholt für mehr oder minder fabulose Nachrichten über Indien citirt. Oder es könnte ein Reisewerk aus noch späterer Zeit die Quelle sein, da die Römer im 1. Jahrhundert n. Chr. von Ägypten aus zur See Handelsverbindungen mit der chinesischen Küste gehabt haben. Auffallend bliebe dann freilich, dass Plinius nicht den Namen eines solchen fast zeitgenössischen Gewährsmannes hinzusetzt, wie er es sonst thut; so erweckt er den Anschein, als ob es sich um eine ganz bekannte Thatsache handle. — Was den lateinischen Text betrifft, so haben die Handschriften alle gemina ex rostro. Detlefsen hat darum auch so geschrieben mit der Interpunction: In India cubitales dentium flexus. Gemina ex rostro, totidem a fronte ceu vituli cornua exeunt, und ich selbst bin ihm, um der handschriftlichen Überlieferung treu zu bleiben, in meiner Ausgabe 1875 gefolgt. Jetzt möchte ich indess zwar seine sachgemässe Interpunction beibehalten, aber aus grammatischen Gründen doch lieber zu der Correctur der ältesten Herausgeber gemini ex zurückkehren, wobei sich dentes ohne Weiteres von selbst versteht. Denn die Worte am Schluss ceu vituli cornua gehören als ein Ganzes für sich eng zusammen und enthalten einen Vergleich, der sich offenbar nur auf die a fronte heraustretenden Hauer beziehen kann. Wahrscheinlich ist gemini ita ex fronte zu schreiben, woraus der Fehler sich erklären würde. Doch für den Naturforscher ist diese textkritische Schwierigkeit, die das Thatsächliche unberührt lässt, ohne Belang.“

Hiernach könnte man obige Stelle, dem Sinne nach übersetzt, etwa so wiedergeben: In Indien sind die Hauer gebogen und einen Cubitus lang. Die beiden unteren gehen vom Rüssel aus, die beiden oberen von der Stirn, wie die Hörner beim Kalbe. Auch Flower & Lydekker (Intr. Mamm. 1891, 287) sagen, dass die oberen Eckzähne „resemble horns rather than teeth“, und andere neue Autoren drücken sich ähnlich aus, man kann daher kaum zweifeln, dass Plinius Kunde vom Babirusa gehabt habe. [[22]]

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Zahnformel.

Die allgemein angenommene Zahnformel für das adulte Babirusa Männchen ist

i 2/3 c 1/1 p 2/2 m 3/3

(siehe z. B. Giebel: Säugeth. 1855, 231; Nehring in Rohdes Schweinezucht 4. Aufl. 1891, 6; Flower & Lydekker: Intr. Mamm. 1891, 287). Blainville (Ostéogr. Onguligr. Sus 1847, 160) sagt m 5/6, bildet aber nur 5/5 ab (pl. V und VIII), und Gray (Cat. Carn … Mamm. 1869, 348): „Premolars 3/3 · 3/3; the front one very small, and early deciduous“.[14] Thatsache ist, dass beim Babirusa, zwar nur ausnahmsweise, aber doch relativ häufig, 6 Backenzähne vorkommen; meistens, wenn auch nicht immer, ist der vorderste (3.) Praemolar der überzählige. Das Dresdner Museum hat unter 12 adulten Schädeln einen, der links oben den 3. Praemolar, links unten aber einen 4., zu hinterst stehenden, abnorm gestalteten Molar hat (Nr. 1191); ebenso besitzt die Landwirthschaftliche Hochschule in Berlin unter 7 adulten Schädeln einen (Nr. 485) mit einem überzähligen vordersten Praemolar links oben und unten (Nehring: Landw. Jahrb. 1888, 48 und briefl.); das Museum für Naturkunde in Berlin unter 15 (davon 5 aus meinen Sammlungen) einen mit einem überzähligen oberen linken vordersten Praemolar; das Braunschweiger Museum unter 6 adulten einen, jüngeren, mit einem überzähligen vordersten Praemolar rechts und links, oben und unten (briefl. durch Herrn Grabowski); das Leidener Museum unter 11 adulten einen (Ex. a Jentink: Cat. Ost. IX, 164 1887 und briefl.) mit einem überzähligen vordersten Praemolar links oben; das Pariser Museum (unter 14 oder mehr) einen adulten weiblichen Schädel mit einem 4., zu hinterst stehenden, noch nicht durchgebrochenen Molar rechts und links, oben und unten (von der Reise der Astrolabe, briefl. durch Prof. Milne-Edwards; auf dieses Exemplar komme ich unten, bei der Bezahnung des Weibchens, zurück).

Es dürfte hieraus hervorgehen, dass der Babirusa sich bezüglich seiner Bezahnung in einem Übergangstadium befindet. Es kommen zwar 3 Praemolaren beim Zahnwechsel vor, allein der vorderste fällt fast immer wieder aus, wie schon Gray bemerkte; man kann daher p 3/3 nicht in die Zahnformel für das bleibende Gebiss aufnehmen.[15] Wenn Gray aber (l. c. 349) meint, dass dieser 3. Praemolar nur bei jungen Thieren noch zu finden sei, so irrte er, denn unser Schädel Nr. 1191 gehörte einem alten an. Ob in allen Fällen im definitiven Gebisse 3 Praemolaren auftreten, muss noch sicher gestellt werden, ich glaube es nicht; auch Nehring (Landw. J. 1888, 48) nimmt an, dass es gewöhnlich nicht der Fall sei. Diese Reduction zu 2 Praemolaren steht in Correlation zu der aussergewöhnlichen Entwicklung der Caninen, und das Erscheinen und ausnahmsweise Stehenbleiben des vordersten Praemolars ist als Atavismus aufzufassen. Wie der anomale 4., zu hinterst stehende, Molar (Dresdner und Pariser Museum) zu deuten sei, wüsste ich nicht zu sagen, da die Gattung Sus auch nur 3 Molaren hat; möglicherweise handelt es sich dabei nur um eine individuelle Variation ohne tiefere Bedeutung (auch beim Orang utan tritt bekanntlich relativ häufig ein 4. echter Molar auf, s. Mitth. Zool. Mus. Dr. II, 228 1877). Das Zusammentreffen eines p 3 sup. links mit einem m 4 inf. links bei Nr. 1191 sehe ich für zufällig an, da sich die Zahnreihen nicht etwa verschoben, sondern beide überzählige Zähne keinen Gegenzahn haben. Wie Blainville (l. c.) zu der Angabe „m 5/6“ kam, in Worten: „Les molaires … se réduisent aisément et d’assez bonne heure à cinq en haut, à six en bas“, verstehe ich um so weniger, als er 14 Schädel besass (p. 136), unter denen 5/6 jedenfalls nur eine Ausnahme gewesen sein kann.

Das Milchgebiss des Babirusa ist nach Blainville (l. c. p. 160)

id 2/3 cd 0/1 pd 3/3,

in Worten: „Dans la première dentition …, les incisives sont assez bien comme dans la seconde; mais par une singularité remarquable, il n’y a de canines qu’en bas …, et l’on ne voit à la barre aucunes traces de la première fausse molaire de la deuxième dentition, mais seulement l’antépénultième, parfaitement en ligne avec les trois molaires de lait …“ Nehring (Landw. J. 1888, 48) meint: „Im Milchgebisse scheint id 3 sup. ebenfalls zu fehlen, dagegen scheinen drei Milchbackenzähne, wie bei der Gattung Sus, vorhanden zu sein“ und er citirt dazu „Gray Hand-List … Edent … Mamm. 1873, Pl. 27, Fig. 1.“ Im Cat. Carn … Mamm. 1869, 348 hatte Gray bereits von diesem Schädel Nr. 7180 gesprochen: „a small skull … of a [[23]]half-grown animal, which has developed its second true grinder, and which is without canines“ (scil. upper canines). Herr Thomas hatte die Güte mir mitzutheilen, dass es ein kleiner junger Schädel sei, halb so gross wie der von Gray darunter als Fig. 2 ebenso gross abgebildete, und dass er noch sein volles Milchgebiss (mit 3 Milchpraemolaren) besitze.

Ob die obige Formel des Milchgebisses keine Ausnahme erleidet, wird erst ein grösseres Material entscheiden können.


Anmerkung. Einer Eigenthümlichkeit am os sphenoidale des Babirusa möchte ich hier anmerkungsweise gedenken: Owen: (Anat. Vert. II, 469 1866) sagt: „A remarkable peculiarity is … presented by the fossae at the inner side of the base of the pterygoids, which lead to sinuses communicating on one or both sides with the sphenoidal sinus“. Blainville erwähnt in seiner relativ ausführlichen Ostéographie (Onguligr. Sus 1847, 137) nichts davon, sowenig wie Turner (P. Z. S. 1848, 69), trotz seiner Genauigkeit bei dieser Schädelgegend am Schwein und Babirusa; andere Autoren schweigen darüber bis auf Gray und Heude. Gray (Cat. Carn … Mamm. 1869, 348 und Hand-List Edent … Mamm. 1873, 67) meint, die Gruben würden mit dem Alter des Thieres tiefer, und vielleicht besässe sie nur das Männchen. In Bezug auf Letzteres bemerke ich, dass ein adultes Weibchen des Museums (B 2523) die Höhlungen ausgeprägt zeigt. Neben dem Alter scheint ihre Tiefe auch individuell sehr zu variiren. Man findet die Gegend zwischen den Basen der laminae mediales des processus pterygoideus langgestreckter als bei Sus und mehr oder weniger, oft sehr stark vertieft und mit der kammerartig abgetheilten Keilbeinhöhlung communicirend; manchmal liegt diese ganz offen, manchmal, wenn auch weniger häufig, liegt die betreffende Knochenplatte wohl in einer Ebene mit dem Gaumen (wie bei Sus), aber man sieht durch ein grosses ovales Fenster in die Tiefe, manchmal ist die Gegend nur vertieft ohne Zugang zu der Keilbeinhöhlung. Beide Hälften sind auch nicht immer gleichmässig gestaltet. Heude (Mém. H. N. Chin. II, 2 p. 94 1892) bemerkt: „L’exhaussement de cette voûte est exagéré jusqu’à la destruction de l’os chez le Babyroussa“.

[[Inhalt]]

Bewehrung der Sau.

Es scheint ziemlich allgemein angenommen zu werden, dass der weibliche Babirusa obere und untere Eckzähne besitze, nur weitaus schwächere als der männliche, geradeso wie dies bei den Geschlechtern der Sus-Arten der Fall ist. Gray allerdings hatte (P. Z. S. 1852, 131) gesagt: „The upper canines (in both sexes) coming out from the side of the jaw and bent upwards from the base, and then arched backwards“, später aber ist er anderer Ansicht geworden; 1868 (l. c. p. 42) und 1869 (Cat. Carn … Mamm. 348) schweigt er darüber, und 1873 (Hand-List Edentate … Mamm. p. 67) bemerkt er: „canines not developed in the females“. Dieses hatte schon Dupperey (Voy. Coq. 1826, 125) bemerkt: „Les … femelles, qui n’avaient point de défenses …“ Beides sollte sich wohl nur auf die oberen Hauer beziehen. Owen (Odontogr. 1840–1845, 547), Schlegel (Handl. I, 111 1857) und Nehring (Rohdes Schweinezucht 4. Aufl. 1891, 6) sprechen nicht vom weiblichen Gebisse. Wallace (Mal. Arch. D. A. I, 395 1869) sagt, dass das Weibchen die grossen Hauer nicht besitze, vielleicht meinte er aber, dass es kleinere habe. Folgende Autoren äussern sich positiv: Quoy & Gaimard (Voy. Astrol. I, 128 1830): „Les canines de la femelle sont très-courtes et ne font seulement que percer la peau“; sie bilden das auch sehr deutlich auf Pl. 23 nach dem Leben ab. W. Vrolik (Rech. Babyr. N. Verh. 1. Kl. k. Ned. Inst. Wet. X, 212 1844) spricht davon, dass die Caninen des Weibchens nicht verlängert seien. Blainville (Ostéogr. Onguligr. Sus 1847, 160), der eingehender und mit Abbildungen über den Babirusa handelt[16]: „On avait dit que la femelle manquait des défenses, mais elles sont seulement beaucoup plus courtes, les supérieures dépassent à peine les trous de la lèvre supérieure“. Er bildete auch (Pl. II) das Skelet des adulten Weibchens, das von 1829–1832 im Jardin des Plantes gelebt und dort geworfen hatte, ab; es ist von demselben Exemplare, das Quoy & Gaimard (l. c.) nach dem Leben (aber z. Th. fehlerhaft) dargestellt hatten.[17] [[24]]Fitzinger (SB Ak. Wien L 1, 428 1864): „Eckzähne des Weibchens sehr kurz und auch die oberen, welche kaum einige Linien über die Durchbohrung der Schnauze hinausragen“. Die Angabe „einige Linien“ dürfte Fitzinger nur der Quoy & Gaimardschen Beschreibung aus Eigenem hinzugethan haben. Dies formte Brehm (Thierl. II, 743 1865) wiederum etwas um: „Beim Weibchen sind die Eckzähne sehr kurz, und die oberen, welche ebenso wie bei dem Männchen die Schnauze durchbohren, ragen kaum einige Linien über sie empor“, hat aber in der 2. Auflage (III, 560 1877) aus den einigen Linien „einen Centimeter“ gemacht, was der Herausgeber der 3. (III, 528 1891) dann noch in „kaum einen Finger breit“ abänderte, so dass der Zahn von Auflage zu Auflage ohne Grund gewachsen ist! Lydekker (Nat. Hist. II, 436 1894): „The female has small tusks“.

Zu obiger Umschau wurde ich veranlasst durch ein kürzlich erhaltenes adultes, wenn auch nicht altes Babirusa Weibchen (B 2522, Skelet B 2523) von der Insel Lembeh, das keine Spur oberer Eckzähne hat, und selbstverständlich ist demgemäss auch die Rüsseldecke nicht durchbohrt. Der Oberkiefer trägt aber über der Stelle, wo die Alveole des oberen Eckzahnes sich befinden müsste, einen ganz ansehnlichen Knochenkamm, eine aufrechtstehende Krämpe.[18] Wenn auch die Grösse (Schädellänge 269 mm), der Befund der Schädelnähte und der Abschleifungsgrad der Zähne beweisen, dass ein adultes Exemplar vorliegt, so öffnete ich doch (rechts) den Knochen, um mich zu überzeugen, ob vielleicht eine Anlage zu einem Eckzahn oder das Rudiment einer Alveole vorhanden sei. Dies ist aber nicht der Fall. [Tafel IX] Figur 3 ist der Oberkiefer dieses Weibchens in n. Gr. abgebildet.

Im Unterkiefer sind kurze Eckzähne vorhanden, die 10 und 12 mm aus der Alveole hervorragen. Wir sahen oben, dass das Milchgebiss des Babirusa auch nur untere Caninen aufweist. Es ist, als ob das Material zu der ausserordentlichen Entwicklung des grossen oberen männlichen Hauers aufgespart bleiben sollte. Owen (Odontogr. 1840–1845, 548) sagt über das Babirusa Gebiss: „The molar series is speedily reduced to two premolars and three true molars. The great activity of the vascular matrix of the long tusks soon exhausts the conservative force of those of the adjoining small premolars“. Dieselbe Tendenz, die die Molaren reducirte, scheint auch die oberen Eckzähne des Milchgebisses zum Schwunde gebracht zu haben, und scheint im Stande zu sein, dies auch beim Weibchen bewirken zu können. Ich sage „zu können“, denn dass es Weibchen mit oberen Eckzähnen giebt, beweist das von Quoy & Gaimard und Blainville abgebildete Exemplar. Möglicherweise kommt ein oberer Eckzahn ausnahmsweise auch beim Milchgebisse vor.

Das Leidener Museum besitzt (Cat. ost. IX, 164 1887) zwei weibliche Babirusa Schädel, und Dr. Jentink hatte die Güte, sie in Bezug auf die oberen Eckzähne für mich anzusehen. Er theilte mir mit, dass das junge Exemplar keine Spur davon habe, das semiadulte links zwar einen 12 mm langen, rechts jedoch keine Spur; die Haken der Unterkiefer seien 12 und 14 mm, die Schädel 220 und 270 mm lang. Es scheint demnach, da das als semiadult bezeichnete Weibchen dieselbe Schädellänge aufweist wie das Dresdner adulte, dass es rechts auch keinen Eckzahn mehr bekommen haben würde, sonst müssten schon Spuren davon da sein.

Im Londoner Zoologischen Garten lebten u. a. zwei Babirusa Weibchen (P. Z. S. 1883, 463), von denen Eines geworfen hat (l. c. 1884, 55). Dr. Sclater schrieb mir freundlichst, auf meine Anfrage, „that our female Babirussa had no tusks, nor any signs of them“.[19] Ich glaube, dass dies nur auf die äussere Erscheinung Bezug haben soll; wie sich der Schädel verhält, habe ich nicht eruiren können. Im Britischen Museum befinden sich nach Herrn de Wintons mir gewordener gütiger Mittheilung, zweifellose weibliche Schädel ohne Hauer, aber es sind keine alten.

Aus alledem geht hervor, dass es weibliche Babirusas giebt, die nie obere Eckzähne bekommen, während sie bei anderen wohl, wenn auch schwach entwickelt, auftreten. Bemerkenswerth ist das Leidener [[25]]Exemplar mit einem Eckzahne nur an einer Seite.[20] In dieser Beziehung befindet sich also der weibliche Babirusa vielleicht in dem Stadium des Überganges aus dem Besitz oberer Eckzähne in einen Zustand, in dem sie ihm ganz fehlen, und man würde dann annehmen können, dass es in einer ferneren Zukunft überhaupt keine weiblichen Individuen mit oberen Eckzähnen mehr geben wird; die Differenzirung der Geschlechter schritte demnach fort, wie auch nach der allgemein herrschenden Entwicklung nicht anders zu erwarten ist. Ob aber die Normalformel für den weiblichen Babirusa bezüglich der Eckzähne 0/1 oder 1/1 zu lauten habe, lässt sich erst sagen, wenn mehr authentische weibliche Schädel in den Sammlungen sein werden, um zu erkennen, ob 0/1 oder 1/1 die Ausnahme ist. Jedenfalls zeigt unsere Unkenntniss in diesem untergeordneten Punkte wieder, wie gewunden der Weg zur Wahrheit, und wie schwer es ist, ohne ein grosses Material selbst so einfache Fragen zu entscheiden.


[1] Wilckens (Enc. Thierheilk. IX, 342 1892?) hält es für nahe verwandt mit Porcula salvania Hdgs. von Indien, er steht jedoch mit dieser Ansicht allein, und auch ich halte sie nicht für gerechtfertigt. (S. Abb. des Zwergschweins J. Asiat. Soc. Bengal 16 pt. I pl. 12 und 13 1847 und 17 pl. 27 1848, auch P. Z. S. 1853 pl. 37 und 1882 pl. 37.) [↑]

[2] Teijsmann (Natuurk. Tijdschr. Nederl. Ind. 38, 77 1879) sagt, dass der Babirusa allein auf Ost Celebes (und Buru) vorkomme, damit meinte er aber die nördliche Halbinsel, die nach Osten gewendet ist. [↑]

[3] Teijsmann (l. c. 23, 367 1861) nennt den männlichen Babirusa der Minahassa kalawatan, den weiblichen wairi; babirusa ist maleiisch. [↑]

[4] Folgendes Beispiel dafür fiel mir vor Kurzem in die Hände: „The purser … returned at eight in the evening with … five pigs, one of which, the moment it was hoisted in, ran to the opposite gangway and jumped overboard; and though a boat went immediately in pursuit, it could not be found. An hour and a half afterwards the animal came alongside, and was got on board not much the better for its excursion.“ Cruise: New Zealand 1824, 94. [↑]

[5] Brehm nennt die Sula Inseln „Xurillen“, sieht Manado auf Celebes für eine kleine Insel: „Malado“ an und hält das Vorkommen auf Neu Guinea und Neu Irland für möglich. Auf letzteres komme ich zurück. In der 2. Aufl. III, 559 1877 steht „Sulla Mangoli“, in der 3. III, 527 1891 „Sulla, Mangola“! [↑]

[6] Ich bemerke, dass in meiner Übersetzung dieses Werkes I, 395 (Zeile 7 von unten) Borneo statt Buru steht, ein irreführender Druckfehler! In seiner „Geogr. Verbr.“ (D. A. II, 244 1876) giebt Wallace nur Celebes und Buru an. [↑]

[7] Auch Blainville in seiner grossen Ostéographie (Onguligr. Sus. 1847, 197) sagt: Le S. babirussa exclusivement „à la plupart“ des îles de l’archipel indien! [↑]

[8] Gray hat ausserdem Fitzingers Synonymie, die ausführlichste vorhandene (p. 426–7), ausgezogen, wie aus den übernommenen Fehlern erkennbar ist. [↑]

[9] Schon 1843 (List Mamm. p. 185) hatte Gray Malacca angegeben und 1873 (Hand-List Edentate … Mamm. p. 68) führt er 13 Schädel einzeln von daher auf. Es ist dies nur eine Namensverwechselung mit „Moluccos“. [↑]

[10] Die kreisförmigen unteren Hauer auf der Abbildung bei Flower & Lydekker (Intr. Mamm. 1891, 287) sind nicht naturgetreu, derartige kommen, wie wir unten sehen werden, nur als seltene Ausnahme vor, und eine solche wollten die Verfasser nicht abbilden. [↑]

[11] Siehe über diese die Bemerkungen unten p. 22. [↑]

[12] Bekanntlich sind zwei Schweine-Arten von Neu Guinea beschrieben: Sus papuensis Less. und Sus niger Finsch (ceramicus Gr.). Hr. Wahnes, der ebenfalls mehrere Jahre an der Astrolabebai lebte, hält es nicht für ausgemacht, dass es zwei verschiedene Arten seien. Er erzählte mir auch, dass wilde Eber selbst in die Dörfer kommen, um die läufigen zahmen Sauen zu decken, was stets grosse Aufregung unter den Eingeborenen hervorriefe, und dass daher vielfache Bastardirungen [[19]]zwischen domesticirten und wilden Schweinen entstehen (vgl. Jentink: Notes Leyden Mus. XIII, 102 1891 und Nehring: Rohdes Schweinezucht 4. Aufl. 1891, 12). Hr. Geisler dagegen meint, dass das braune und das schwarze Schwein im Wilden stets gesondert leben, und da das schwarze ungestreifte, das braune gestreifte Frischlinge hat, wie die Exemplare des Museums beweisen, so spricht dieses auch für die Artverschiedenheit. Hr. Geisler fand ein oder zwei Tage alte Frischlinge von Sus niger bereits einfarbig schwarz. Nehring (l. c.) giebt beides ebenfalls an. Maclay (Natuurk. Tijdschr. Nederl. Ind. 35, 69 1875) sagt, dass die zahmen Schweine der Astrolabebai Abkömmlinge der wilden seien (was auch mit meinen Erfahrungen im Nordwesten der Insel übereinstimmt), aber dass sie in der Jugend gestreift seien und im Alter schwarz würden, was nach Obigem auf einem Irrthume beruhen muss, wenn es sich nicht um Bastarde gehandelt haben kann. [↑]

[13] Vgl. dazu Codrington: The Melanesians 1891, 57 mit Anm. und 328. [↑]

[14] In Grays Hand-List Edent … Mamm. 1873, 67 steht: Schneidezähne 4​4⁄6​–6, statt 2⅔–3. [↑]

[15] Turner (P. Z. S. 1848, 69 Anm.) wusste, dass der Babirusa mehr als 5 Molaren haben kann, dass aber das Normale 5 sei. [↑]

[16] P. 136–137, 159–160 und Pl. II Skelet fem., Schädel und Wirbel juv., Pl. V Schädel mas (in der Tafelerklärung p. 225 steht fem.), Pl. VI und VII Skelettheile, Pl. VIII Zähne mas (in der Tafelerklärung p. 229 steht fem.). [↑]

[17] Dieses Exemplar (s. oben) besitzt, wie ich von Prof. Milne-Edwards erfuhr, überzählige, noch nicht durchgebrochene, zu hinterst stehende vierte Molaren beiderseits oben und unten. Dass Blainville dieses gar nicht erwähnt, und dass es auch in den Abbildungen nicht zur Darstellung gelangte, ist mir nicht erklärlich. Wie schon Anm. 1 angegeben, stimmt die Tafelerklärung z. Th. nicht mit den Abbildungen. [↑]

[18] Heude (Mém. H. N. Chin. II, 2 p. 91 1892) meint, dass das Weibchen diesen Knochenkamm („aileron“) nicht besitze, allein unser Exemplar widerspricht dem. Es könnte jedoch möglicherweise auch Weibchen geben, denen er fehlt. Bei dem jungen Schädel mit Milchgebiss, den Gray (Cat. Carn … Mamm. 1869, 348 und List Edent … Mamm. 1873, 68 Pl. XXVII, 1) bespricht und abbildet, ist auch schon eine Andeutung des Kammes vorhanden. [↑]

[19] Abbildungen eines jungen Männchens und eines Jungen, das kurz vor der Ankunft in London geworfen worden war, findet man P. Z. S. 1860, 443 pl. LXXXIII und 1883, 463 pl. XLVII. [↑]

[20] Eine ungleichseitige Entwicklung der Hauer scheint auch sonst stattzufinden, denn Giebel (Säugeth. 1855, 231) bemerkt: „Zuweilen bleiben beide Eckzähne der einen Seite um mehr als die Hälfte der Grösse hinter der anderen Seite zurück.“ [↑]

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