Feier der Völkerschlacht.

In demselben Jahre, in welchem das dritte deutsche Turnfest in Leipzig stattfand, vollendete sich auch ein halbes Jahrhundert seit jenen schweren aber ruhmvollen Tagen, an denen vom 16.-18. Oktober 1813 die napoleonische Macht auf Leipzigs Ebenen für immer gebrochen wurde, und die gastfreie Stadt nahm aufs Neue tausende von Ehrengästen freudig in ihren Mauern auf.

War es aber beim Turnfest meist die kraftstrotzende Jugend, welche sich einfand, so fanden sich in den Tagen vom 16.-18. Oktober 1863 tausende von Männern in Leipzig ein, auf deren Haupt der Schnee des Alters lag und unter denen nur wenige sich befanden, welche das siebenzigste Lebensjahr nicht bereits überschritten hatten.

Es war ein großer Teil der Ueberlebenden jener Männer, welche genau vor 50 Jahren Vater und Mutter, Haus und Hof, Schreibtisch, Kanzel und Werkstatt verlassen hatten, um dem Rufe des bedrängten Vaterlandes zu folgen und zu den Waffen zu greifen, und die dann im blutigen Ringen rings um Leipzigs Mauern die corsische Macht brachen und Deutschland von der eisernen Faust jenes Emporkömmlings für immer befreiten.

Waren auch seit jenen Tagen viele Tausende jener Kämpfer um die deutsche Freiheit hinweg gestorben, so waren doch immer noch mehr als 3000 dem Rufe des Comités, welches sich aus dem »Verein zur Feier des 18. Oktobers« zusammensetzte, gefolgt und aus allen Richtungen der Windrose, zum Teil aus weiter Ferne gekommen, um noch einmal jene Stätten zu sehen, an denen sie einst gestritten und gelitten, an der sie ihre Brüder fallen sahen, aber an denen sie sich auch unvergänglichen Ruhm erwarben und die ihnen allen deshalb auch ewig theuer und unvergeßlich geworden waren. —

Und die bewährte Leipziger Gastfreundschaft statuirte ein neues Exempel — mit hoher Freude nahm sie die alten Veteranen in ihren Mauern auf — treu eingedenk des Spruches:

»Wer seine alten Krieger ehrt — der ehrt sich selbst.«

Die ganze Stadt hatte zu Ehren der Veteranen einen reichen Festschmuck angelegt. Besonders historische Stätten, wie die Dresdner- und Frankfurter-Straße, erhielten ihren alten Namen, den sie zur Zeit der Schlacht geführt, wieder und das althistorische Dresdner Thor, welches die Königsberger Landwehr unter so ungeheuren Opfern erstürmte und sich dadurch den ersten Eintritt zur Stadt erzwang, ward — wenigstens als Dekoration zum Feste — genau so aufgebaut, wie es damals beim Sturm ausgesehen hatte.

Und bei dem festlichen Bankett, welches die gastfreie und dankbare Stadt den alten Kriegern gab, saß der einfache, in den Sorgen des Lebens ergraute Handarbeiter neben dem zu hohen Würden aufgestiegenen, reich dekorirten General und seine, blind und unscheinbar gewordenen alten Kriegsdenkmünzen wurden mit derselben Ehrfurcht betrachtet wie die hohen Orden seines Nachbars. Manche Thräne der Rührung und hoher Freude sah man in den Augen der gefeierten Greise und die Stadt Leipzig flocht sich einen neuen Ehrenkranz in die Geschichte ihrer Existenz.

Am 18. Oktober aber, dem entscheidenden Tage der Völkerschlacht, da stellte die Stadt den Veteranen Wagen, und in für die Alten bequemer Weise ging es hinaus zu einer Rundfahrt auf die Stätten jener vor fünfzig Jahren stattgefundenen Kämpfe, und man mußte da die alten Veteranen sehen, wie sie die Gegenden und Orte wieder erkannten, an denen sie gekämpft — wie sie zu stummem Gebet die Hände falteten oder, mit einer Thräne im Auge, manches damals gefallnen Freundes und guten Kameraden gedachten. — Auch russische damalige Mitkämpfer waren zum Feste erschienen, ebenso drei alte dekorirte Mütterchen, von denen zwei als Marketenderinnen, die dritte aber als Soldat verkleidet, die Schlacht und den Feldzug mitgemacht hatten. — — —

Damals wurde auch seitwärts des jetzigen Napoleonsteins feierlich der Grundstein zu einem Denkmal an die Völkerschlacht gelegt — wird wenigstens die hundertjährige Feier derselben das Denkmal endlich fertig sehen? — — —

XXXII.
Leipzigs frühere Feuerwehrverhältnisse.