Schwarz — Roth — Gold.
1.
Will Schwarz der Himmel sich bekleiden,
Und dünket Euch, es werde Nacht,
Es wollt’ die Sonn’ auf ewig scheiden,
Die Euch vordem so hold gelacht —
Wenn rauher Sturm die Grenz’ umwettert
Des theuern Vaterland’s und glaubt,
Daß er’s wie schwache Bäum’ entblättert
Und seiner höchsten Zier beraubt —
Wenn ihr dereinst bedränget werdet
Von übermüth’gem rauhen Feind,
Und wenn die Freiheit ist gefährdet,
Die Euch zu einem Volk vereint —
Wenn Eure Brüder sind geschlagen
In Fesseln, in des Kerkers Nacht,
Will Euch erfassen banges Zagen
Ob Eurer Gegner Uebermacht:
2.
Dann Roth soll Eure Losung heißen.
Denn Roth ist Licht und Roth ist Blut;
Und mächtig sollt Ihr dann entreißen
Das Vaterland der Feinde Wuth.
Die Trommeln sollen wirbelnd schallen,
Was Spiel einst war, es werd’ zur Wehr;
Und wenn auch Brüder um Euch fallen —
Es gilt für Freiheit und für Ehr’!
Da setzt hintan das eigne Streben,
Wo’s gilt dem theuren Vaterland,
Da bauet jedes Zittern, Beben,
Daß sicher kämpfe Eure Hand.
Was Ihr geübt in heitern Tagen,
Wo Fröhlichkeit die Zeit verkürzt,
Das soll der Feinde Macht dann schlagen,
Daß sie gebrochen niederstürzt.
3.
Und Gold’ner Ruhm wird Euch dann krönen
Als Sieger in dem heil’gen Streit,
Daß Ihr erfüllt des Volkes Sehnen
Nach seines Landes Herrlichkeit.
Wie es begleitete mit Segen
Des Vaterlandes treuen Sohn,
So bringt es Euch nun Dank entgegen
Als Euren reichsten, schönsten Lohn.
Ein immer heit’rer Frühlingsmorgen,
Des goldnen Friedens Sonnenschein,
Die werden dann statt aller Sorgen
Des deutschen Landes Erbtheil sein.
Und wieder werdet Ihr Euch schaaren
Zu Festen, wo Ihr zeigen wollt,
Daß Eure Herzen treu bewahren
Der Farben Mahnung: Schwarz — Roth — Gold.
Und spät Abends auf dem Heimweg da füllten sich erst die Restaurationen in der innern Stadt, im Burgkeller, bei Schatz in der Ritterstraße, bei Baarmann, Zill, gute Quelle, Hotel de Saxe, Pöhler in der Klostergasse, Auerbachs- und Aeckerleins Keller, bei Prager, schwarzes Brett, beim alten Löwe Nikolaistraße, Rabestein, Keil auf dem Neumarkte u. s. w. wurde der Nachttrunk eingenommen und viele, viele der fremden Turner vergaßen dabei total, wo sie eigentlich wohnten. Wehe — wenn da der vorsorgende Wirth nicht bei ihnen war. — Aber auch da fand sich Rath.
»Was? — Sie wissen nicht, wo Sie wohnen? — Schadet nichts — immer kommen Sie mit mir — es gehen viele geduldige — Turner in eine Stube uff die paar Stunden bis es wieder Tag wird!« Und so brachte mancher Bürger oft noch ein halbes Dutzend fremde Turner außer den eignen mit nach Hause. Und Hausfrauen und Töchter machten keine bösen Gesichter. War es doch Sommerszeit und warm. Da wurden Matratzen aus den Betten gehoben und Betten auf den Dielen ausgebreitet und einträchtlich schliefen Wirth und Gäste in zwangloser Reihe durch einander, bis aufs Neue ein festlicher Tag anbrach und die Verlaufnen mit Hilfe der Festpolizei ihre Quartiere wieder ermitteln konnten.
In einen auf dem Blücherplatz unter der eisernen Bude stehenden Omnibus bettete ein väterlich gesinnter Nachtwächter in einer einzigen Nacht nach und nach sieben bezechte Turner, welche all und jedes Orientirungsvermögen total verloren hatten, und so ging es überall zu, keine Arretierungen, keine polizeiliche Einmischung; Alles wurde in Güte geordnet und — wahrlich die Polizeibehörde Leipzigs hat ihr anerkennungswerthes Vertrauen in die Festpolizei, die Turnerfeuerwehr und Rettungskompagnie nicht zu bereuen gehabt.
Mit dem üblichen Feuerwerk am 6. August ging das Fest programmmäßig zu Ende und Deutschlands Turner zogen wieder heimwärts; der Fahnenwald fiel von den Häusern, die vertrockneten Guirländen und der andere Blumenschmuck sank in den Staub, wenige Tage später war in den Straßen der Stadt nichts mehr von all dem Festesglanz zu erblicken. Nur draußen — damals weit vor der Stadt, stand noch Monate lang die verödete Festhalle inmitten der Felder auf einsamer Höhe, unweit der Stätte, wo einst Napoleon I. während der Schlacht bei Leipzig beinahe in die Hände preußischer Husaren gefallen wäre; bis auch sie fiel und die einfache Steinplatte am Rathhauseingang als einziges Andenken an jene herrlichen Tage zurückblieb. — — —
Mehr als 30 Jahre sind seit jenen Tagen vorübergerauscht. Die alten deutschen Farben: »Schwarz, Roth, Gold« wehen dem Heere des geeinigten Deutschlands nicht voran, aber doch eine Trikolore, welche in mörderischen Kämpfen ihre Bluttaufe empfing und unter der die germanischen Stämme geeint zusammenstehen — einer für den andern — alle aber zusammen — »für das theure Vaterland!« — — —