Dage- und Cassabuch for unsre Gesellschaft, gefiert von Gottfried Hahn.

Vorgestern, als den 15. September 1851, sein mer hier in Leibzig zur Michaelimesse angekommen, nämlich ich Gottfried Hahn aus Stollberg im sächsischen Erzgebirge als erste Drombete, mei Bruder Luis mit der zweiten Drombete un’n Glabbenhorn, meiner Muhme ihr Sohn, der August bläst’s Waldhorn, Kremplers Heinrich aus Obervogelgesang mit der Bosaune, Hesse aus Oberpfannenstiel als erste Clarnette und Bäslers Fritze aus Lauterbach mit der zweiten Clarnette un’n Biston, mer sein also sechs Mann. Finf Tage warn mer unterwegens un ham uns mit Spiel’n von Ort zu Ort glicklich durchgefressen bis hierher. Gestern, am 16. ham mer uffn Naschmarkt vorn Herrn Aktuar von die Bolizei Probe gespielt. Mir wählten derzu das scheene Lied, als Marsch »Gott sei mit Dir mein Sacksenland« was mer aus’n ff kennen un bestanden ooch de Probe glänzend, so daß mer glicklich unsern Schein kriegten. Indem Krempler Heinrich zwar der Aeltste is, aber so sehre seift, ham se mich zum Kassirer erwehlt, aber s’ wird ooch Zeit, daß was in de Casse kommt, denn wie mer den Schein bezahlt hatten un dann in unser Quartier in der Webergasse No. 4 kamen, wo mer mit e Freiberger Bergmusikantenkor in ener leeren Dischlerwerkstelle uff lauter scheenen Strohsäcken schlafen, hattn mer in der Casse nur noch … Thlr. —.— 7 Pfennge.

Heite, den 18. September is Sonntag un durften mer noch nich spielen, mir sein deswegen alle zusammen in de liebe Kirche gegang’n, dadermit mir de Messe »mit Gott« anfangn; Nachmittags warn mer in Rosendahl, wo’s nischt kost un Abends geht’s zeitig zu Bette heite.

Heite, den 18. September habn mer angefangen, zuerst in der Bosenstraße un mit’n Choral »Wie scheen leichtet der Morgenstern,« dann ’n »Schneiderwalzer« un zuletzt ’n »Bergmannsgruß«, wozu mei Bruder Luis, der August, Hesse un Bäsler den Dekst sangen. ’S machte sich sehr hibsch. Nachher wurden mer von ener Köchin, die in der »Bretzel« an der Ecke der Holzgasse dient, fer morgen frieh um sechse zu e Ständchen bestellt un kriegten mer zwanzig Neigroschen in Voraus. S’is nämlich der Köchin ihr Geburtstag morgen, un s soll so aussehn, als wenn e Verehrer ihr das Ständchen bringen läßt. Im Ganzen ham mer heite eingenommen 2 Thlr. 8 Gr. 4 Pfg., worunter aber zwee falsche Dreier un e versilberter Zweefennger.

Heite, den 19. September habn mer erst der Köchin zwee Dreppen hoch das Ständchen gebracht. Erst bliesen mer den Choral »Wach auf mein Herz«, dann »Wir winden Dir den Jungfernkranz« un als Schlußstück das scheene Lied »Heinrich ach — un seine Caroline.« Die Köchin that sehr gerihrt un mer kriegten Jeder e Schnaps un zusammen noch e Viergroschenstick. Einnahme heite zusammen 1 Thlr. 28 Gr. 7 Pfg.

Bis heite den 23. September ham mer von 20. 21. 22. und 23. eingenommen 14 Thlr. 7 Gr. 2 Pfg.

Mit dem Krempler Heinrich is es ä wahres Elend, indem er zu sehre seift und was da aus der Bosaune rauskommt kann mer sich denken. Gestern Abend spielten mir in ä Privathaus, wo se uns reinholten un mer ooch zu essen und trinken kriegten un se nach unserer Musik danzten. Nachher sammelten se selber vor uns ein und kriegten mir noch 1 Thlr. 2 Gr. 6 Pfg. Krempler war so voll, daß mern reene zu Hause tragen mußten. Na — er hats aber von mir beese gekriegt! —

Heite den 24. September war klener Meßsonntag. Ich hätt bald Malehr gehabt heite, weil mer e Student in der Petersstraße zwee große Vierfennger in Pabier gewickelt, von 3 Drebben hoch runter un mir grade uff de Nase schmiß, daß se ganz dicke wurde. Abends ham mer heite in der großen Dierbude uff’n Obstmarkt gespielt, aber weil Heinrich wieder emal een dichtg zu sich genommen hatte, un der große Löwe for die Döne aus Heinrichn seiner Bosaune kee musikalisches Geheer hatte, gabs zuletzt e großen Grawall un der starke Löwenbändger schmiß uns zuletzt alle eenzeln, eenen nach dem andern zur Bude naus, was mer blos ganz alleene Heinrichen un sein Saufen zu verdanken hatten.

In die erste Woche ham mir also einge­nommen, alter Rest

Thlr. Gr. 7 Pfg.
Datum den 18. September 2 8 4
dihto den 19. „ 1 28 7
dihto bis mitgerechnet 23. Sept. 14 7 2
in den Privathaus eckstra 1 2 6
Heite, Datum den 24. September 3 8
magt zusammengerechnt 22 Thlr. 18 Gr. 4 Pfg.

Dadervon hab’ch bezahlt fir 6 Mann Logis un Kaffee fir 8 Tage, jeder Dag 15 Ngr.

4
bleibt 18 Thlr. 18 Gr. 4 Pfg.

Für Mittagsbrod in der Speiseanstalt fir 8 Dage vor sechs Mann, jeder Dag 72 Pfg.

1 Thlr. 27 Gr. 6 Pfg.
un an jeden von uns Vorschuß v. 1 Thlr. 6 7 27 6
bis heite Rest 10 20 8 Pfg.

Datum 26. September. Seit gestern spielen wir alle Abende bei Rappon (Rappo, größte Seiltänzer- und Akrobaten-Gesellschaft, welche in den 40er und 50er Jahren fast regelmäßig die Messen besuchte) in seiner Bude von sechsen bis um elfe, wofir wir jeden Abend 1 Thaler 8 Gutegroschen kriegen. Mei August hat in den eenen wilden Indianer, die daneben in der Bude lebendge Hihner zerubben un fressen, den alten Leinweber Dietze aus Schlettau sein Sohn Edward, der vor 4 Jahren von derheime fortgelaufen is erkannt, na — das Metier kennt mer nich gefallen! Bei Rappos geht das Geschäft gut un solln mer ooch noch ganz egale neie Mitzen kriegen.

Datum 27. September. Heinrich war gestern Abend wieder so knill, daß er Grakehl in Quartier mit een von de Freiberger kriegte, der hat’n aber furchtbar zugedeckt un heite hat er e ganz blaues Ooge. Mei Bruder Luis fand heite frieh in seiner Drombete e Kinderzulp, den Eener wahrscheinlich aus Unsinn neingewärcht hatte, ä recht eenfeltger Spaß. Einnahme den 25., 26. un 27. September, ohne das von Rappon, was mer wechentlich kriegen 9 Thlr. 11 Gr. 1 Pfg.

Datum 1. Oktober. Heite war erster großer Meßsonntag un alles kribbelte un krabbelte von Menschen, mer mechte wissen wo se nur alle herkommen. Un weils bis jetzt so leidlich gegangen ist, fingen wir heite frieh um sechsse mit dem Choral »Mein Erstgefiehl sei Preis und Dank« an. In der blauen Mitze kriegten mer for unsern scheenen Vortrag vom Bergmannsgruß, ä wahrhaftiges Achtgroschenstück in Pabier gewickelt zugeworfen. S’ war e bohlsches (polnisches) aber das schad nichts, mir wärn’s schon los. Heinrich freilich meente gleich, daß mer daderfür sollten for jeden gleich zwee Glas Braunbier kofen, aber der Siffel wurde überstimmt.

Einnahme d. 28. 29. 30. Sept. un heite d. 1. Oct. zusammen

16 Thlr. 7 Gr. 6 Pfg.
daderzu vom 25. 26. und 27. Sept. 9 11 1

Von Rappon for diese Woche = 7 Dage jeder 1 Thlr. 10 Ngr.

9 10
Un alter Rest 10 20 8
45 Thlr. 19 Gr. 5 Pfg.

Wieder ab vor diese Woche vor Logis, Kaffee un Mittagessen

5 Thlr. 27 Gr. 6 Pfg.
Un neier Vorschuß vor Jeden 1 Thlr. 6 11 27 6
bleibt Rest 33 Thlr. 21 Gr. 9 Pfg.

womit mir kenn sehr zufrieden sein. Die scheenen Mitzen hab’n mer von Rappon ebenfalls umsonst erhalten. Se sind grau mit silbernen Bonbong, wie de östreichschen Militärmitzen un sehn sehr fein aus, mir habn uns dichtg driber gefreit.

Datum 4. October. Dietzens Junge der den Indianer machte is fortgelaufen und bei Renzen als Mohr in den Zirkus eingetreten. Er sagt er könnte die Kost nich länger vertragen. Heite haben mir bei die Studenten in’n Thiringer Hof in der Burgstraße bei e Commers bis jetzt, wo’s frieh um Dreie is, gespielt un hatte uns Rappo für diesen Abend freigegeben. Bier gabs so viel mir nur wollten und finf baare Thaler kriegten mer außerdem noch, Heinrich war natürlich schon um Zwelfe so beseift, daß’n de Studenten uff e Faß festgebunden un nischt wie Unsinn mit’n getrieben ham. Morgen wird er schöne Töne aus seiner Bosaune rausbringen! S’is e Jammer mit den Kerl, aber wenn mer heem kommen sag ichs gewiß seiner Frau, der Carline, vor der hat er geherigen Respekt. Einnahme den 2. 3. und 4. October ohne Rappon seins 13 Thlr. 7 Gr. 2 Pfg.

Datum 6. October. Hab ich’s nich gesagt? Ae ganzen Dag is Heinrich dienstunfähig gewesen gestern von wegen seiner Beseiftheit, weshalb August mußte de Bosaune blasen. Ja — ja — der Suff der bringt Krempler noch in ä friehes Grab. Gestern früh wie mer gerade an der Sandgasse den Morgenchoral spielten, kommt e Herr und sagt, mir sollten in de Königstraße No. 11, zwei Dreppen hoch gehn, da wohnte e Freind von ihm der heite seinen Geburtstag hätte, indem er grade 30 Jahre alt wirde. Wir sollten recht sachte de Dreppen nauf gehn un oben mit aller Macht das Lied »Schier dreißig Jahre bist Du alt« blasen, worüber sich sein Freund furchtbar frein wirde. Als Lohn gab der Herr 1 Thaler, dann ging er mit uns bis in de Hausflur, blieb aber unten stehen. Wir freiten uns über das noble Geschenk und schlichen uns ganz leise de 2 Dreppen nauf. Oben nahmen wir sachte Aufstellung un legten nu los, daß de Wände zitterten. Kaum aber warn mer bis zur dritten Strofe gekommen, so ging uff emal de Vorsaalthür uff un e Frauenzimmer in ener Nachtjacke und de Haare einzeln in Pabier gewickelt, stürtzte mit e großen Besen uff uns los un haute uff uns ein daß uns Heern un Sehn verging un wir lauter Frösche rausbrachten. Ich denke natirlich mer sein vielleicht falsch gegangen un trete vor un will den Irrthum aufklären, da kommt aber uff emal noch e Frauenzimmer, ene ganz Alte, ebenfalls aus dem Logis rausgesterzt, die haut mich schwipp, schwapp mit e nassen dreckgen Scheuerlappen um Maul und Ohren, daß ich bald erstickte, denn der Lappen blieb mir auf Mund und Nase und dem Hals kleben un ich war froh, daß die Alte loslies un ich ebenfalls Hals über Kopf ausreißen konnte, wie meine Collegen schon gethan hatten. Ae ganzes Werterbuch voll Schimpfworten, sowie den Besenstiel schickten uns die Frauenzimmer noch hinten nach und erst unten wickelten mir meine Freinde den Lappen runter, so daß ich wieder ordentlich Athem holen konnte. Wir waren natirlich iber so ne Behandlung fir unsre musikalische Leistung eiserst aufgebracht, aber der Herr, der immer noch in der Hausflur stand, wollte sich todlachen, griff in die Westentasche und ich denke, na — e Viergroschenstick macht Alles wieder gut, was aber drickt er mir in de Hand? E Pabier — un wie ichs besehe is es werklich und wahrhaftig e Finfthalerschein! Na — unsre Freide! Nu sagte uns der Herr, die Dame oben sei ene vom Theater, ene Dänzerin, heite sei ihr Geburtstag wo sie wirklich 30 Jahre wirde, un weil se sich immer nur fir 23 Jahre alt ausgebe, habe er ihr den Possen gespielt. Wir stellten uns nun auf die Straße vor dem Hause auf und spielten fast eine Viertelstunde lang weiter nichts als »schier 30 Jahre bist Du alt« bis die Alte schimpfend an uns vorbei un nach der Bolizei lief, weshalb wir uns nun trollten; der Herr war ebenfalls gegangen.

Datum 8. October. Gestern Nachmittag spielten mir von dreien bis um sechse bei e Richtschmaus in der Zeitzerstraße und kriegten derfor 1 Thaler un freies Bier. Natierlich hatte Heinrich wieder e dichtigen Zacken, un de Folge war, daß mir’n bei Rappon de Bosaune wegnehmen mußten, weil er egal falsche Döne rausbrachte und de Harmonie störte. Rappo drückte e Auge zu, weil mir nun blos Finfe waren; na warte nur Heinrich, wenn mir wieder zu Hause kommen, Deine Carline soll Alles erfahren wie de Dich aufgeführt hast.

Einnahme den 5. 6. 7. und 8. October zusammen11Thlr.29Gr.Pfg.
Ekstra von dem Ständchen v. 5. October6
Einnahme vom 2. 3. und 4. October1372
Einnahme von Rappon, for 6 Dage8
Alter Rest33219
72Thlr.28Gr.1Pfg.
wieder ab Logis, Kaffee, Mittagessen und Jeden 1 Thlr. Vorschuß11276
bleibt Rest61Thlr.Gr.5Pfg.

Datum 11. October. Vorgestern haben mir ene Innung aus der alten Herberge in die neue geblasen un dann den Obermeister Ständchen gebracht, aus der Innungskasse kriegten mir dafür 3 Thaler und von den Obermeistern noch zwei Thaler, gestern spielten mir den Nachmittag im Garten der großen Funkenburg wo viele Menschen warn weil e Luftballon losgelassen wurde, wir kassirten iber 4 Thaler, was uns noch nicht bassirt ist. Einnahme Alles in Allen den 9. 10. und 11. October, ohne Rappon seins 16 Thlr. 4 Gr. 7 Pfg.

Datum 13. October. Mer merkt daß de Messe zu Ende geht, die Einkäufer und großen Verkäufer sind alle fort und die Straßen in der Stadt sind viel leerer wie vorige Woche noch. Aber dafor gehts Geschäft auf dem Augustusplatz flott und s’is e Gedränge daß mer kaum durchkann. Die Handelsleute sind fröhlich und vergnügt un Vormittags wenn mir oder e anders Chor kommen und spielen, tanzen sie oft in den Reihen daß de Buden wackeln und dann geben se uns gerne ä paar Pfennge oder ä Sechser, viele Male aber geben se e Groschen, ja — s’is e fideles Völkchen. Bei’n Schustern hatten se gestern ene Bude bekränzt weil der Händler darin nunmehro seit 30 Jahren zur Messe kam, wir mußten ihm e Ständchen bringen un dann sammelten se für uns und brachten bald finf Thaler for uns zusammen. Mir wollten das viele Geld for die kleine Mühe erst nich nehmen, aber — se meenten wir wirden’s wohl schon brauchen kennen. Du lieber Gott, da hatten se freilich recht, zumal wenn mer ä armer Weber is wie ich und 6 lebendge Kinder zu Hause hat.

Einnahme den 9. 10. und 11. October Alles in Allen aber ohne Rappon seins 15 Thlr. 29 Gr. 8 Pfg.

Datum 15. October. So wäre se denn zu Ende de liebe Messe. Fir uns war se wieder recht segensreich und morgen kenn mer heimwärts wandern, denn for de ärgste Noth for nächsten Winter is Gott sei Dank gesorgt. Es giebt doch noch recht gute Menschen in der Welt, die gerne geben, auch wenn sie selbst nicht viel haben.

Rappo hat sich wieder nobel gemacht und uns, für die letzte Woche statt 7 Dage jeden 1 Thlr. 10 Ngr. was zusammen 9 Thlr. 10 Ngr. gemacht hätte, 14 Thaler gegeben.

Einnahme d. 12. 13. 14. u. 15. October25Thlr.11Gr.2Pfg.
ferner Einnahme vom 9. 10. u. 11. Oct.15268
von Rappon14
hierzu Alter Rest615
116Thlr.11Gr.5Pfg.
ab für Logis, Kaffee un Mittagsbrod5276
bleibt Rest110Thlr.13Gr.9Pfg.

Es kommt also auf Jeden von uns 18 Thlr. 12 Gr. 3 Pfg., wofür wir alle Gott danken. Krempler Heinrich hat uns himmlisch gute Worte gegeben, daß wir seiner Carline von seiner Aufführung nichts sagen sollen und weil er sonst ein guter Kerl un dichtger Bläser is un sich de letzten Dage gutgehalten hat, so hab’n mern alle versprochen, diesmal noch zu schweigen.

XXIII.
Allerlei Chronika von anno 1860.

Dieb­stähle in der Uni­versitäts- und Stadt­biblio­thek.

Am 27. Februar anno 1860 wurde ein hiesiger, bis dahin hochgeachteter Privatgelehrter wegen mehr als hundert Diebstählen von Bildern, Pergamenten, Buchschalen u. s. w., welche er in gewinnsüchtiger Absicht und zum schweren Nachtheil der Universitäts- und Stadtbibliothek begangen hatte, zu einer Zuchthausstrafe von 5 Jahren verurtheilt. Dr. … gehörte einer alten und angesehenen Familie Leipzigs an, besaß Frau und Kinder und hatte, da Niemand Verdacht gegen ihn faßte, aus alten, sehr werthvollen Werken der beiden Bibliotheken seltene und einen hohen Werth repräsentirende Kupfer- und Stahlstiche, Radirungen, ebenso kostbare, zum Theil nie wieder zu ersetzende Einbände, Meisterwerke alter Buchdrucker- und Buchbinderkunst, aus den ihm anvertrauten Werken herausgerissen, die Defecte durch Einklebung anderer Blätter u. s. w. zu verdecken gesucht und dann das Gestohlene an auswärtige Antiquare und Kunsthändler verkauft. Da es sich in fast allen Fällen um höchst seltene Werke, zum Theil Unicas handelte, so war der Verlust, den beide Bibliotheken erlitten, kaum annähernd zu ermitteln, jedenfalls aber ein sehr hoher und gar nicht zu ersetzender.

Peters­thor.

Am 5. Februar wurde mit dem Abbruch unsres alten prächtigen Petersthores begonnen und der Stadtgraben links von demselben bis zur Universitätsbrücke ausgefüllt; zugleich wurde der Zwinger vollständig niedergelegt und der Neumarkt erhielt einen Ausgang auf die nun zu errichtenden Promenadenanlagen. Der Abbruch des Petersthores war zu Ostern beendet.

Fleisch­halle.

Am 16. April wurde die neue Halle für die Landfleischer eröffnet und dem Verkehr übergeben. — Jetzt Gebäude der permanenten Industrie- und Gewerbeausstellung am niedren Park, gegenüber der neuen Börse.

Omni­busse.

Am 12. August trat die Omnibusgesellschaft »Heuer« ins Leben und wurde dies Unternehmen allgemein mit hoher Freude begrüßt. Die ersten eröffneten Linien waren Reudnitz (grüne Schenke), Lindenau (Drei Linden) und Plagwitz (Insel Helgoland), später entstand noch als Concurrenzgesellschaft die »Fiacer-Compagnie«, welche nach jahrelanger erbitterter Concurrenz schließlich das Feld allein behauptete, bis auch sie vor der 1872 erscheinenden Pferdebahn den Betrieb einstellen mußte. Die Touren erstreckten sich zuletzt auf alle jetzigen Vorstadtdörfer. Der Preis pro Tour betrug 15 Pfg.

Pulver­häuser.

Am 17. August wurden die alten Pulverhäuschen vom damaligen Judengottesacker im Johannisthal — (jetzige Sternwarte) — entfernt und auf das Feld gegenüber dem Napoleonstein verlegt.

Hagel­wetter.

Am 27. August, Abends 7 Uhr, kam ein großes Hagelwetter über unsere Stadt. Nachdem am Nachmittag eine sengende Gluth geherrscht hatte, färbte sich der Himmel plötzlich in beängstigender Weise roth und gelb und ebenso plötzlich ging das Unwetter los. Es erstreckte sich von Corbetha bis Wurzen und zwei Stunden in der Breite. Obwohl das Unwetter nur wenige Minuten anhielt, waren dennoch seine Folgen ungeheure. Auf den östlichen Seiten der Leipziger Straßen und Plätze waren die sämmtlichen Fensterscheiben zerschlagen, und die Dachziegel und heruntergefallenen Essenköpfe lagen über eine halbe Elle hoch auf den Straßen. Fiacer und Droschken mußten in die erste beste Hausflur hineinfahren, um nur die Pferde vor den faustgroßen Hagelstücken zu retten, die Wagenleder aber waren meist durchgeschlagen. Allein in dem damals noch sehr kleinen Dörfchen Lindenau zählte man 16955 zertrümmerte Fenster. Auf den Straßen sah es aus als ob Revolution gewesen wäre. Aus den Fenstern wehten die ebenfalls theilweise zerfetzten Gardinen heraus, die durchlöcherten Firmen hingen in Fetzen herab und die Keller waren mit Wasser angefüllt, das sogar in den Verkaufsläden der innern Stadt theilweise über eine Elle hoch stand. Die Schloßenstücken wogen bis zu 10 Loth (170 grm.). Da die Michaelismesse unmittelbar bevorstand, so mußte der Schaden, ohne Rücksicht auf die bedeutenden Kosten, so schnell wie nur irgend möglich, reparirt werden und Glaser, Schiefer- und Ziegeldecker erhielten sechs- und achtfache Löhne. Von allen Seiten der Windrose eilten auf diese Kunde die Arbeitskräfte herbei, aber trotzdem bedurfte es wochenlanger Arbeit, um die Schäden wenigstens einigermaßen zu ersetzen.

XXIV.
Eckensteher und Nachtwächter vor 40 Jahren.

Mit dem Jahre 1860 erlosch auch das denkwürdige Institut der sogenannten privilegirten »Eckensteher«, der Vorläufer unsrer jetzigen Dienstmänner. Wer hätte wohl noch nicht wenigstens traditionsweise von den Eckenstehern mit ihrem unverwüstlichen, an Faulheit grenzenden Phlegma, ihrer denkwürdigen »Bulle« und ihrem meist sehr schlagfertigen Mutterwitz gehört. Sie hatten ihre Standorte, wie schon ihr Namen ergiebt, an den Ecken der Straßen und Plätze, waren vom Rathe der Stadt verpflichtet und trugen am linken Arm das Zeichen ihres Standes, die ihnen vom Rathe zugetheilte Nummer. Naturgemäß gab es gute und mindergute sowie schlechte Plätze und auch hier war der Gewerbebetrieb genau geregelt, dergestalt, daß neue Anfänger stets zuerst die schlechtesten Plätze nehmen mußten. Wurde ein besserer Platz durch Tod oder sonstigen Abgang seines bisherigen Inhabers vacant, so rückten die Andern genau in ihrer Reihenfolge nach. Doch gab es auch Eckensteher, welche ihre alte liebgewordene Ecke um keinen Preis vertauschten. Diese wurden dann ein für allemal übersprungen. Dadurch kam es, daß diese Eckensteher sich nicht nur im Laufe der vielen Jahre, in welchen sie meist ihre Stellen inne hatten, eine feste Kundschaft herangebildet hatten, sondern auch jeden einzelnen Bewohner ihres Rayons genau kannten, mit seinen Verhältnissen oft genauer vertraut waren als manchem lieb war und daß auf diese Weise die Eckensteher sowohl eine Art lebendigen Adreßbuches wie ziemlich zuverlässigen Auskunftsbureau bildeten. Wahrhaft bewundernswerth war ihre außerordentliche Vielseitigkeit in Leistungen. So waren eine große Anzahl jener Eckensteher am ganz frühen Morgen »Milchmädchen«, am Tage dann Eckensteher und Abends »Kegeljungen«, bei besonders stillem Geschäftsgang nahmen sie auch wohl an kegelfreien Abenden den Hebekorb mit Brezeln und durchschritten unter dem melodischen Rufe »Warme weeche Brezeln — warme weeche!« die Straßen. Noch andre von ihnen hatten sich sogar zu Amt und Würden aufgeschwungen, indem sie Abends halb zehn Uhr zum Naschmarkt zogen, wo sie die Attribute ihrer amtlichen Würde — Mantel, Spieß und Horn empfingen und nun hinauszogen in das ihnen angewiesene Revier, um daselbst für die Nachtzeit als Auge des Gesetzes zu fungiren und als ehrsame Nachtwächter über Schlaf und Eigenthum ihrer Mitbürger zu wachen.

Würdevoll — die Beine gespreizt, den langen Spieß in der Rechten, das kleine Horn an der linken Seite, während noch ein großes Horn auf ihrem Rücken herunterbaumelte — schritten sie, wenigstens so lange die Straßen belebt waren, dahin und regelmäßig bei jedem Stundenschlag gaben sie der aus irgend einem Grunde noch wachenden Bewohnerschaft ein lautes Zeichen ihrer Wachsamkeit, indem sie ins Horn stießen und je nach der Stunde einen Vers sangen, worauf wiederum ein Hornstoß ihre Kunstleistung beschloß. Der punkt Zehn Uhr zu singende Vers war so ziemlich überall derselbe — er lautete:

»Hört Ihr Herrn und laßt Euch sagen —

S’hat zehn geschlagen —

Bewahrt das Feuer und auch das Licht —

Daß kein Schaden gesch—iecht —

Lobt Gott den Herrn!«

Bei dem Absingen der späteren Stunden bis zum Ende der Nachtwache, die im Sommer bis Morgens vier, im Winter bis fünf Uhr Morgens dauerte, blieben die Strophen 1, 2 und 5 dieselben, die 3. und 4. Strophe aber war je nach der Stunde eine andere, meist der Dichtkunst und Phantasie der einzelnen Nachträthe (so wurde der Nachtwächter vom Bruder Studio genannt) überlassen. Daß der Eckensteher auch zugleich der Vertraute aller Sorten von Liebespaaren war und vorzüglich mit der studentischen Bevölkerung auf dem verständnißinnigsten Fuße stand, versteht sich von selbst. Er kannte die Uhren und sonstige für das taxirende Auge menschenfreundlicher Gelddarleiher irgend einen Werth habende Besitzgegenstände seiner studentischen Kundschaft genau und wußte mit gefühlvollem Herzen stets Rath, wenn es galt, einen dieser Gegenstände auf einige Zeit an einen Ort stiller Beschaulichkeit zu versetzen, wenn sein Client, was freilich sehr oft vorkam, an der Schwindsucht seines Geldbeutels laborirte. —

Sittigen Bürgerstöchtern und sonstigen mit Schönheit begabten Huldinnen wußte er geschickt die liebesglühenden Brieflein girrender Handlungscommis oder studirender Ganymed’s zuzustecken, mochten auch gegen das Liebesglück ihrer Töchter unempfindliche Väter und eifersüchtige Mütter das ehrsame Jungfer Töchterlein zehnfach bewachen. War man doch damals noch nicht so weit fortgeschritten auf dem Wege der Cultur, um seine Gefühle der Eselswiese der Tagesblätter anzuvertrauen und dieselbe zugleich — wie dies jetzt üblich und jedenfalls gefahrloser ist — als Postillon d’amour zu benutzen. Fanden aber in seinem Rayon Hochzeiten oder Kindtaufen statt, so war es wieder der in sein bestes Gewand gehüllte Eckensteher, welcher der ehrsamen Jungfer Brautführerin oder Gevatterin von ihrem Partner das zierliche Körbchen mit den weißen Handschuhen überbrachte und als Gegengeschenk an seinen Auftraggeber den Rosmarinzweig oder das gestickte Taschentuch mitnahm. — Daß bei all diesen Thaten der biedre Vermittler ebenfalls seine Rechnung fand, ist selbstverständlich. Im Aeußeren sahen sich die Eckensteher so ziemlich gleich, sie trugen dunkle Jacken, Hosen und Westen von starkem baumwollnen Stoff, eine niedrige Mütze, und über die linke Schulter geknüpft das breite Gurtband ihres Schibocks oder Karrens. Im Winter kam noch eine gestrickte Jacke hinzu, die sie dann meist über der Jacke trugen. Ihr unzertrennlicher Begleiter, dem sämmtliche Nasen ein sanftes rosiges Incarnat verdankten, war die »Kümmelbulle«, welche, gleichsam als ihr zweites Herz, in nächster Nähe desselben ihren Platz hatte und deren nie versiegender Inhalt wesentlich zur Unerschütterlichkeit ihres philosophischen Phlegma’s beitrug. Waren nun die Eckensteher in ihrer Eigenschaft als solche wie bereits erwähnt mit der Kundschaft ihres Rayons genau bekannt, so war dies in ihrer Eigenschaft als Nachtwächter, so weit sie diesen Dienst versahen, erst recht der Fall. Sie kannten so ziemlich die sämmtlichen Tugenden und Untugenden sämmtlicher Bürger und sonstigen Bewohner ihres Kreises, so weit sich dies auf deren kleine Liebhabereien bezüglich des Kneipens erstreckte und ließen verständnißinnig bei diesen kleinen Schwächen die weitgehendste Nachsicht walten. Für Manchen aber und hier müssen wir leider immer wieder »Bruder Studio« in erster Linie anführen, waren sie nur zu oft ein wahrer Schutzengel, der für einen sanften Händedruck mit metallischem Klang und ein gutes Zweigroschenstück stets empfänglich, den bezechten und irregehenden Bürger der Stadt oder der Universität, in menschenfreundlichster Weise, die wankenden Piedestale kräftig stützend, unter die Arme griff und sanft heimgeleitete zu Muttern oder der diese Sachen schon etwas ruhiger betrachtenden Wirthin. Nur in seiner amtlichen Ehre, als zum Schutze der Ruhe und Sicherheit verpflichtetes Glied der städtischen Verwaltung, durfte der Gute nicht gekränkt werden und in solchen Momenten, wo ihn Bruder Studio oder andre ulklustige Brüder, auf irgend einem zugstillen Eckchen fanden, wenn er sich einmal auf wenige Augenblicke »innerlich beschaute« und ihm heimtückisch von hinten in’s große Horn bliesen, konnte er sogar die beschworendste Freundschaft total vergessen und »sehre eklig« werden. Leider müssen wir aber bekennen, daß solche Attentate auf die gutmüthigen »Nachträthe« nur zu oft vorkamen, und wenn dann diese Attentäter gar noch behaupteten, er — der würdige und verpflichtete Wächter der Nacht — habe geschlafen, so war es rein aus mit der Freundschaft und mit vorgehaltenem Spieße brachte er die schnöden Verleumder »auf die Wache«.

Das kam aber selten vor, denn der biedre Nachtrath wußte sehr wohl jugendlichen Uebermuth von flegelhaftem Benehmen zu unterscheiden. — Hierbei sei eines heiteren Vorkommnisses gedacht, das Verfasser selbst mit erlebte und das die Gutmüthigkeit der Nachträthe illustrirt. Einer unsrer Freunde hatte nach dem Weihnachtsfest zu Anfang der fünfziger Jahre, früher als er eigentlich zu erwarten hatte, seinen Lehrbrief als nunmehriger Commis nebst einer hübschen runden Summe als Weihnachtsgeschenk bekommen und zur gemeinschaftlichen Feier dieses Ereignisses hatten wir, außer dem Festgeber noch vier oder fünf junge Leute, tüchtig geknippen. Die Folgen dieser für uns damals ungewohnten Kneiperei waren natürlich bei uns allen eine mehr oder mindere Bezechtheit, und in der durch dieselbe hervorgerufenen jugendlich tollen Laune beschlossen wir, der in Lurgensteins Garten wohnenden Angebeteten — natürlich nur per Distanz Angebeteten — unsres Freundes, deren Geburtstag etwa zwei Stunden vorher angebrochen war, ein Ständchen zu bringen. Gesagt — gethan. Einer von uns besaß einen prächtigen lyrischen Tenor, und damit der Lärm nicht zu groß werde, sollte der Tenor das Lied: »Den Frauen Heil« allein singen, während wir andern seinen Gesang mit Brummstimmen begleiteten. Wir schlüpften über die Pleißenbrücke, zogen uns in dem bis an das betreffende Haus reichenden Gebüsch bis an letzteres heran und legten los. Die Geschichte klappte famos. Trotzdem unser Tenor nur halblaut sang, mußten dennoch unsre Stimmen bis in die inneren Gemächer des Hauses dringen, denn eben als wir den zweiten Vers unsres Liedes begannen, sahen wir, wie sich oben an einem Fenster des ersten Stockwerkes eine Gestalt bewegte, das Fenster öffnete und — ach welche Enttäuschung für unsre Gefühle — ein mit irgend einem Etwas gefülltes Gefäß im weiten Bogen nach unserm vermutlichen Standpunkt entleerte. Erschrocken und in allen unsern Gefühlen tief verletzt, brachen wir unser Ständchen Knall und Fall ab und wollten uns eben zurückziehen, da hörten wir, eben aus dem Gebüsch auf die Straße getreten, vor uns an der Hausthür eine pustende räsonnirende Stimme und — ein Nachtwächter, angethan mit Spieß und Horn, stand vor uns. Der Gute hatte den molligen Winkel an der tiefen Hausthür benutzt, um — sich ein wenig inwendig zu besehen — unsern Gesang gar nicht gehört und an unsrer statt die für uns bestimmte nasse Ladung von jenem Undankbaren da oben bekommen.

Nachtwächter.

»Nee«, räsonnirte er pustend und an sich herumwischend, »sollte mer so was glooben? Die denken am Ende gar, ich habe geschlafen — s’is e Skandal — nich e mal so e bischen ausruhn gönn’ se Een. Foi Deibel! Un wer wees was se runter gegossen ham!«

Wir umgaben ihn tröstend und mit ihm auf die da oben räsonnirend — — da — — wie ich so hinter ihm stehe, hängt mir sein großes Horn, welches die Nachtwächter sonst nur zum sogenannten »Feuertuten«, also bei ausgebrochner Feuersgefahr benutzten, so verführerisch vor der Nase, daß ich — wie eine geheime Macht zog’s mich dazu — im nächsten Augenblick das unselige Mundstück desselben gefaßt hatte und zwei — drei schauerliche Stöße aus demselben mit aller Macht meiner gesunden Lunge entlockte. Ach! — Kaum war die grause Frevelthat geschehen, so bangte uns auch vor dem nun zu erwartenden Strafgericht und in seltsamer Uebereinstimmung nahmen wir unsre Force zusammen und rissen aus was nur die Beine leisten wollten.

Jetzt war aber offenbar dem guten Nachtrath die Laus vollständig über die Leber gelaufen, das war ihm doch zu bunt!

Da wir viel zu leichtfüßig waren, als daß er uns hätte einholen können, so gab er auf seinem kleinen Horn wiederholt das Nothsignal. Während nun die Anderen sich rechts nach der Nonnenmühle zu glücklich in Sicherheit brachten, flohen der neuernannte Commis und ich quer über die Promenade und auf das Thomaspförtchen zu und hier erreichte uns die rächende Nemesis. — Schon glaubten wir uns gerettet und lachten über den tollen Streich — da — als wir im schnellsten Lauf uns durch das Pförtchen in Sicherheit bringen wollten, sprang inwendig hinter der Ecke ein zweiter Nachtrath vor, senkte quer über unsern Weg seine lange Lanze und — im nächsten Moment rollten wir in süßer Gemeinschaft mit unsern Sonntags-Nachmittags-Vier-Uhr-Anzügen in den durch aufgethauten Schnee und Regen gebildeten zollhohen Schlamm und wurden die leichte Beute des von uns so tief in seiner Würde gekränkten Nachtrathes.

Aber — o Himmel! Wie sahen wir aus! — Von oben bis unten mit einer wahren Schlammkruste überzogen, in meinen nagelneuen Cylinderhut war der eine Nachtwächter in der Hitze seines Ausfalls mit dem Bein getreten — ade Vierthalerhut — indes der Cylinder meines Freundes in den in der Ecke stehenden Wasserkasten vom Wind hineingetrieben worden war und jetzt sanft auf den Wogen desselben dahintrieb. — Ach, die Vorwürfe zu Hause, und nun gar noch polizeiliche Anzeige — Strafe — Herrgott vielleicht gar Gefängniß — — —!!

Mein Freund weinte bittre Thränen und auch mit mir stand die Geschichte so so. —

Da, wie die beiden Verfolger unsern großen Kummer sahen, entfloh ihr Zorn und ihre Wuth und das Mitleid trat an ihre Stelle. »Da sehn se nu was se angericht ham!« sagte der von mir so freventlich Beleidigte — »na ja sie sein eb’n noch halbe Kinder — — komm se mit — ich wohne gleich hier in der Burgstraße — meine Frau mag aufstehn und sie renevirn — denn so kenn se nich zu Hause gehn.«

Und so wurde es; statt uns anzuzeigen und in Strafe und Ungelegenheiten zu bringen, weckte der Gute sein Weib, dieses stand auf, und während wir behaglich in dem kleinen Stübchen einige Tassen schnell bereiteten Kaffees genossen, trocknete der Schmutz an unsern Sachen am heißen Ofen zur dann leicht zu entfernenden Kruste, und gesäubert konnten wir, noch ehe es völlig Tag wurde, unsre eignen Wohnungen wieder aufsuchen.

»Lassen’s nur«, sagte der Alte, als wir ihm unser letztes Achtgroschenstück als Dank überreichten, »dadervor is’s nich geschehn«, und wir hatten alle Noth, daß Mutter Bremme, seine Frau, diese unerhört große Vergütung für Kaffee, Herberge und Reinigung endlich annahm. —

Eine gute alte Sitte war es auch früher, da wo in Restaurants und anderen Etablissements in der Neujahrsnacht Festlichkeiten, insbesondere Gesellschaftsbescheerungen stattfanden, mit dem Glockenschlage 12 Uhr Nachts den Nachtwächter hereinzurufen, der dann im Saale feierlich seines Amtes waltete, in der Regel einen besonders schönen auf den Jahreswechsel bezüglichen Vers sang und in’s Horn stieß. Geradezu Regel war dies z. B. im Schützenhaus (Kristallpalast), wo dies stets geschah. Ein Thaler war dann mindestens der Lohn, der dem Nachtwächter gespendet wurde, oft aber auch bedeutend mehr.

Auch Eckensteher und Nachtwächter sind anderen modernen Einrichtungen gewichen. Für den Eckensteher ist der moderne Dienstmann erstanden und in der Nacht unterbricht kein Hornruf oder Gesang, es sei denn ein unberechtigter von den Geistern des Bachus oder des Gambrinus hervorgerufener, die nächtliche Stille.

Einsam zieht dann der Schutzmann seine Bahnen und für jedes Vergehen winkt das Strafmandat.

»Sitte und Anstand« verlangt das Gesetz mit eiserner Strenge und doch herrschten beide früher ganz gewiß mehr als jetzt.

XXV.
Der alte Petersschießgraben und Leipziger Volksoriginale: Dr. Ewald.

Bis zur Erbauung des Tivoli, welches gegen die Mitte der vierziger Jahre errichtet wurde, war eigentlich unser Leipzig nicht überflüssig mit größeren Vergnügungslokalen versehen. Der Wettiner Hof in der »blauen Mütze«, der inmitten eines ziemlich wüsten Hofplatzes stand, war der Tummelplatz für die Hefe des Volkes, andere größere Säle existirten fast gar nicht und so kam es, daß der schon damals stark baufällige Petersschießgraben mit seinen, fast die ganze Länge der jetzigen Münzgasse und des Floßplatzes einnehmenden Schießständen und sehr bescheidenen Gartenanlagen von der Leipziger Bürgerschaft der Mittelstände stark frequentirt wurde. Freilich war damals auch der Bewohner Leipzigs noch bei weitem nicht so fußfaul wie zur Jetztzeit, wo oft für kaum einige Minuten entfernte Strecken schon Pferdebahn und Droschke benutzt wird. Zur Sommerszeit machte man damals weite Fußtouren mit Kind und Kegel und zwar stets hin und zurück zu Fuß. Statt der jetzigen modernen Kinderwagen hatte man damals die kleinen blauen Handleiterwagen mit Deichsel, an diese spannten sich die größeren Geschwister vor, oder auch wo solche nicht vorhanden waren, ein dienstwilliger Lehrjunge oder Gesell und fort ging es, hinaus ins Freie und Tagestouren wie nach Grimma, Lausigk, Borna, Schkeuditz u. s. w. wurden sehr häufig unternommen. Einige Flaschen brausendes und schäumendes, von Muttern selbst gefülltes Braunbier, auch wohl ein Fläschchen Kümmel, dazu eine wohlgefüllte Tasche mit Brod, Butter, Käse, Schinken und hausschlachtener Wurst, bildeten die gediegene Verproviantirung, und wie herrlich schmeckte dies Alles im grünen Wald oder auf grüner Aue, gelagert unter dem Schatten irgend einer mächtigen Eiche. Wurde es Vatern zu warm, so zog er den langschößigen Rock aus und legte ihn mit auf den allgemeinen Bagagewagen, wo auch Mutters »Saloppe« (Umschlagetuch) noch ihren Platz fand. Vater steckte die Mütze auf seinen Stock und hielt in der Linken den mit Kanaster gefüllten Ulmer (Tabackspfeife), Mutter spannte zum Schutz vor der Sonne den Regenschirm (Familientulpe) auf, wir Kinder sprangen mit dem Spitze nebenher und keine Königsfamilie konnte glücklicher sein, als wie wir alle es waren. — — —

Kam aber der Herbst ins Land, so suchte man die näheren Vergnügungsorte auf. Den »großen« und den »kleinen Kuchengarten«, die »Tabacksmühle« zwischen Thonberg und Stötteritz, Stünz mit seinem »Käsebruch« u. s. w. Vor Allen aber den »Petersschießgraben« am Petersteinweg. In dem langgestreckten Saal der ersten Etage saßen dann Bürger und Handwerksmeister, aber auch der Gelehrte und der Student an alterthümlichen Holztafeln mit kreuzweisen Untergestellen, einträchtig beisammen und beim Braun- oder Doppelbier oder der damals in doppelt so großen Flaschen enthaltenen Gose, discourirten sie über Politik und Stadtklatsch. Das Glas Braunbier kam damals 8 Pfennig, das nur wenig getrunkene Doppelbier einen guten Groschen (12 Pfennige) und die große Flasche Gose 2 gute Groschen; Butter, Brod und Käse in reichlicher Portion 12 Pfennige, mit Schinken 25 Pfge., eine Portion Schweinebraten 40 Pfennige, ein großes Beefstäck 30 Pfennige. Die Pfeife war in fast Aller Händen, denn die Cigarren waren erst seit wenigen Jahren in Aufnahme und noch theuer. Das letztere war auch bezüglich der erst nicht lange vorher aufgekommenen Streichhölzer der Fall, weswegen jeder Raucher mit Feuerstein und Stahl und Zündschwamm oder Lunte, die man über, auf ausgehöhlte Flaschenpfropfen gesteckte Nadeln strickte, versehen war. In den Ecken des Saales waren aber auch zur allgemeinen Benutzung sogenannte Tischfeuerzeuge, mit Spiritus und Fidibus angebracht.

Wo sich aber auch damals »de Berger un Meester — natürlich mit Kind und Kegel — Junggesellen und Jungfer Töchtern oder Mamsellen« (Fräulein galt nur als Bezeichnung für adlige oder allenfalls für Professoren- und sonstige hochgestellte Beamten-Töchter) zusammenfanden, stets stellte sich da auch in den dreißiger und Anfangs der vierziger Jahre ein Mann ein, der unter dem Namen »Dr. Ewald« als städtisches Original Groß und Klein bekannt war.

Dieser »Dr. Ewald«, aus guter Bürgerfamilie stammend, war ein verbummelter und gänzlich heruntergekommener Student, der viele Jahre in Leipzig studiert, den Doktortitel aber niemals erworben hatte, sondern nur von Volksgnaden trug. Damals — von schier undefinirbarem Alter, sicher aber ein hoher oder doch mittlerer Vierziger, schwärzte er sich überall ein, wo er hoffte freie Zeche zu bekommen und ließ sich dafür auch Alles gefallen. Wenn wir sagen »Alles«, so ist dies in sehr weit ausgedehntem Maaße zu verstehen, denn damals war man für Späße, welche man jetzt als »mehr als derb« bezeichnen würde, noch bei Weitem nicht so empfindlich wie jetzt. Da Ewald Gott und alle Welt kannte, so blieb er an diesem und jenem Tische stehen, bis man ihn hieß »e mal mitzutrinken.« Wehe aber dem Unglücklichen, der hierbei die Vorsicht so weit außer Acht ließ, dem »Dr.« seinen noch sehr gefüllten Krug anzubieten, denn der gab ihn nicht wieder her, sondern leerte ihn, dabei fortwährend Trinksprüche auf »die Frau Meesterin« — das »Jungfer Töchterlein« u. s. w. ausbringend, bis auf den letzten Tropfen. Studenten — — die er nur mit »Commilitonen« anredete, machten sich öfters folgenden wenig sauberen Witz mit ihm. Sie kneteten aus Mehl, Schmutz, Tabacksasche, Cigarrenstummeln und anderen delikaten Ingredienzen einen Kloß, spuckten hinein und legten ein Achtgroschenstück daneben und — »guten Appetit« — Ewald fraß den Kloß und steckte das Geld dafür in die Tasche. Sein Bruder hatte sich erschossen und renommirend lief er nun in dessen Rock herum und zeigte Jedem das Loch, wo die Kugel hineingegangen war, indem er nur bedauerte, daß Jener zu seinem Selbstmord den »guten Rock« angezogen habe.

Dabei machte er jeder Schürze die Cour und erlebte hierbei Abenteuer, welche nicht allemal günstig für seine Kehrseite abliefen. Damals kam das schöne Lied auf »Du hast ja die schönsten Augen« u. s. w. und sofort erkor es Ewald sich zum Lieblingslied, mit welchem er jedes Mädchen oder Frau drangsalirte, die das Unglück hatte seinem Blicke zu begegnen.

Der alte Petersschießgraben.

Einige dieser Abenteuer sind vielleicht nicht unwerth der Vergessenheit entrissen zu werden, wobei wir bemerken, daß wir nur streng als Wahrheit verbürgte Thatsachen anführen.

Im »goldenen Horn« (jetzt Stadt London) in der Nikolaistraße waltete damals ein drolliger und jovialer Mann, Namens Schwabe, als Wirth, der gern einen Jux mitmachte und z. B. einstmals auf seinem Pferde, infolge einer Wette, dreimal um sein Billard ritt. Dieser Schwabe hatte nun eine ebenso schöne, wie lebenslustige und heitere Frau und da auch ihr der »Dr. Ewald« in deutlichster und dabei aufdringlichster Weise die Cour schnitt, so beschlossen beide Eheleute, indem sie noch einige Gäste ins Vertrauen zogen, mit Ewald einen derben Ulk auszuführen.

Frau Schwabe ließ demselben, es war im Winter, merken, daß sie für seine Huldigungen nicht unempfindlich sei und versprach ihm für den andern Tag ein Plauderstündchen, zumal da ihr Mann verreist sei. Ewald stellte sich nun auch pünktlich ein und lachend ließ die schöne Frau seine Liebesbetheurungen über sich ergehen, indeß im Nebenzimmer ihr Mann versteckt war. Plötzlich aber schrie sie auf »Ach um Himmelswillen! Da kommt mein Mann — eben ging er am Fenster vorbei! — Ach! gewiß hat der Verdacht — der bringt uns alle Beide um!«

Ewald vor Schreck halbtodt, hörte gleich darauf, wie Schwabe wüthend an der verschlossenen Stubenthür rüttelte und mußte sich nun im Waschhaus in dem großen Waschkessel verstecken, wobei er zu seinem namenlosen Entsetzen hörte, wie der Wirth mit Pistol und Säbel überall »den Verführer« suchte und dabei wiederholt ins Waschhaus kam und schwor, den Verführer kalten Blutes zu ermorden. Viele Stunden bis zum späten Abend mußte der Bethörte bei großer Kälte in seinem unbequemen Versteck zubringen, bis Abends der Hausknecht erschien und in der Finsterniß, ohne ihn angeblich zu sehen, mehrere Fuhren Wasser über ihn in den Kessel goß. Erst da zwangen ihn Kälte und Nässe sich dem Hausknecht auf Gnade und Ungnade zu ergeben, und er war froh, als ihn derselbe heimlich lachend entwischen lies.

Ein anders Mal hatte er sich in das Töchterlein des Gohliser Müllers verliebt. Diese — sich ebenfalls mit ihrem Schatz verabredend — ladet Ewald zum Stelldichein in die Mühlräume. Da auch hier der Schatz erscheint, läßt ihn die Jungfer in einen großen Mehlkasten kriechen und nimmt mit ihrem Geliebten kosend auf dem Deckel desselben Platz. Zu seiner Angst hört er im Kasten, wie der Andere plötzlich Ewalds Hut findet und nun schrecklich zu toben anfängt und ihn mit Mord und Todtschlag bedroht; schließlich schleudert der Wüthende den Hut auf einen hohen Holzstoß im Hofe und entfernt sich angeblich. Ewald, über und über mit Mehlstaub bedeckt, ersteigt auf einer Leiter den Holzstoß, ist aber kaum oben, als ihm die Leiter weggenommen wird und er nun zu Jedermanns Gaudium stundenlang in seinem verstaubten Costüm dort oben zubringen muß, bis man ihn mit einer Tracht Prügel auch hier endlich entließ.

Im Laufe der Zeit kam Ewald immer mehr und mehr herunter und wurde häufig Bewohner von »Sct. Stich« (Georgenhaus). Man fand ihn in den vierziger Jahren eines Morgens sterbend an der »Gothischen Pforte« (da wo jetzt das Harkort-Denkmal steht) im Gebüsch liegend, trug ihn ins Georgenhaus und daselbst starb er nach wenigen Tagen.

XXVI.
Leipzigs Südosten vor 40 Jahren.

Ebenso viele Veränderungen wie der Südwesten Leipzigs hat auch der Südosten aufzuweisen, nur sind daselbst, mit Ausnahme der neuen Universitätsgebäude in der Liebigstraße, weniger neue Plätze bebaut, als vielmehr alte neu bebaut worden, auch das Capitel der Straßendurchbrüche spielt hier eine große Rolle. An der Ecke des Königsplatzes und der Windmühlenstraße befand sich die »dürre Henne«, ein großer, uralter Ausspannungsgasthof, dessen Parterrefenster so niedrig waren, daß man bequem, ohne groß den Fuß zu heben, von der Straße aus ins Gastzimmer steigen konnte, weshalb der Anfang der fünfziger Jahre in diesem Gasthof dienende handfeste Hausknecht, unter dem Namen »langer August« eine stadtbekannte Persönlichkeit, an die Luft zu expedirende Gäste stets einfach durch die Fenster, statt durch die Thür auf die Straße warf, wo dieselben auf dem haufenweisen Schmutz ein sanftes Bett fanden. Gegenüber der »Dürren Henne«, am Königsplatz und Ecke der Kleinen Windmühlengasse, jetzt Markthallenstraße, lag das einstöckige Gebäude der städtischen Speiseanstalt mit einer riesigen Fahnenstange, auf welcher, so lange die Essenszeit währte, stets eine große Fahne in den Stadtfarben aufgezogen wurde. Ein Dreieck bildete mit diesen Häusern die ebenfalls uralte »goldene Kutsche«, welche neben dem zum Theil noch jetzt stehenden Bäckerhaus stand. An die ebenfalls noch jetzt am Anfang der Windmühlenstraße rechts und links stehenden alten Häuser schlossen sich links bis zum »Schrödergäßchen«, jetzt Kurprinzstraße, so niedere Hütten, daß man bequem mit der Hand auf deren Dach greifen konnte und dasselbe war rechts bis zur Brauerei, Ecke der Emilienstraße, der Fall. Wenige Schritte von der Emilienstraße aufwärts stand das Windmühlenthor. Die Windmühlenstraße wurde damals noch durch Oellampen beleuchtet, welche an Ketten über die Mitte der Straße hingen, zum Anbrennen und Auslöschen; wenn letzteres nicht, wie meist der Fall, der Wind besorgte, wurden die Lampen von der Seite aus herunter und wieder hinauf geleiert. Weiter hinauf bis zum Bayerischen Bahnhof lagen Gärten. Von der Emilienstraße, Albert-, Hohe und Sidonienstraße, sowie Elisenstraße waren nur Anfänge vorhanden, der Schletterplatz lag öd und wüst mit einem haustiefen Abgrund, in dem sich noch lange die Ruinen eines kleinen Häuschens, sowie die deutlichen Spuren eines Wasserlaufes befanden. Dem Volksmunde nach sollte hier früher eine kleine Mühle, getrieben durch einen Bach, gestanden haben. Turner-, Roß-, Brüder-, Jablonowsky- und Nürnberger Straße existirten noch nicht. Die Thalstraße begann da, wo die Nürnberger Straße beim Bayerischen Bahnhof jetzt einmündet und ging quer durch die Gärten, auf denen jetzt die Anatomie steht, hinter dem »Kanonenteich«, welcher unergründlich sein sollte, herum, bis er sich an der jetzigen Brüderstraße an die jetzige Thalstraße anschloß. An der Stelle der jetzigen Brüderstraße bei der Anatomie lagen tief im Grunde, ein Sackgäßlein bildend, die sogenannten »sieben Häuser«, wegen ihres ganz gleichen (hüttenähnlichen) Ansehens die »Brüderhäuser« genannt, von denen wohl die Brüderstraße ihren Namen erhalten hat. An der Einbiegung der heutigen Brüderstraße in die Thalstraße lag rechts, da wo sich jetzt die Anlagen auf dem freien Platz befinden, ein Teich, etwa dreiviertel so groß wie der heutige Platz und von kreisrunder Form. Dies war der Kanonenteich. In demselben sollte Napoleon zur Völkerschlacht vor seinem Rückzug eine große Anzahl, man sagte sechzig, Kanonen versenkt haben. Thatsache ist, daß mehrere Versuche mit Tauchern und Taucherglocken angestellt wurden, um die Schätze darin zu heben, die aber wegen der Tiefe des Teiches, wohl auch wegen des Schlammes in demselben zu keinem Resultate führten.

Hinter dem Kanonenteiche, nach der Liebigstraße zu, waren damals Tannen und Fichten angepflanzt und das dichte Gestrüpp derselben bildete für uns im den Flegeljahren befindlichen Bengels vortreffliche Verstecke für unsre Rauchstudien. Die zu letzteren nöthigen Incredienzen kauften wir damals in dem späteren Markart’schen Geschäft, Ecke der Nikolai- und Grimmaischen Straße ein, denn es war männiglich bekannt, daß man in dieser empfehlenswerthen Handlung die größten und dicksten Cigarren (und das war natürlich die Hauptsache) für 1 Pfennig, sage und schreibe »einen Pfennig« erhielt. Was sich damals in jenem Dickicht für Herz- und Magenbewegende Scenen abgespielt haben, davon schweigt am liebsten des Sängers Höflichkeit.

Die Zuschüttung des Kanonenteiches dauerte jahrelang und erforderte große Massen von Material. Das Schrödergäßchen, jetzt Kurprinzstraße, fiel erst in den siebziger Jahren und ist daher wohl noch Vielen in seiner ursprünglichen Gestalt wohlbekannt. Zu befahren war dasselbe nicht, da es am Kurprinz bis zum Ausgang nach dem Roßplatz so eng wurde, daß kaum zwei Personen neben einander gehen konnten. Nur die linke Seite des Gäßchens, von der Windmühlenstraße aus, war mit niedrigen Hütten bebaut, in deren einer ein uralter, völlig kahlköpfiger Mann wohnte — der alte Quarch — der damals mit einem Hundefuhrwerk den — große Wäsche veranstaltenden Hausfrauen Flußwasser à Tonne für 2 gute Groschen ins Haus fuhr. Dieser alte Quarch war ebenfalls ein Original und stadtbekannt, er hatte mehrere Male große Vermögen binnen wenig Jahren verjubelt und wenn das Geld alle war, griff er mit demselben Humor immer wieder zu seinem Hundefuhrwerk. Er war schon ein sehr alter Mann, als er wiederum ein Achtel des damaligen großen Looses (80 000 Thaler damals) gewann, davon gab er aber diesmal seinem Sohne die Hälfte seines Gewinnes, der Rest war wiederum in einigen Jahren in alle Winde. Trotzdem nahm er das Anerbieten seines Sohnes, zu ihm zu ziehen, nicht an, sondern kehrte auch diesmal zu seinem Hundefuhrwerk zurück. — Die ganze rechte Seite des ziemlich langen Schrödergäßchens nahm der riesige Garten des »Kurprinz« ein.

Der Kurprinz selbst war eine Art Edelsitz mit großem Oeconomiebetrieb, die großen Stallungen für Pferde und Rindvieh lagen auf einem Platze an seiner südöstlichen Seite und in der Mitte desselben dehnten sich Einzäunungen für Kühe und Schafe sowie der mächtige Dunghaufen aus. Im vorderen Hofe befanden sich Werkstätten und Remisen für Maler, Lackirer und Equipagenbauer.

Die rechte Seite der Thalstraße bildeten damals ebenfalls noch Gärten des Johannisthals und da, wo sich jetzt die Sternwarte befindet, war damals der alte Judenfriedhof mit seinen eingefallenen Gräbern und verwitterten Grabsteinen. Auf demselben Hügel lagen auch die Pulverhäuser der Garnison, welche später am Napoleonsteine am Thonberg ihren Platz fanden.

Die jetzige Sternwartenstraße, damals Holzgasse, enthielt in ihrem vorderen Theile links, wo sie einen kleinen Platz bildet, den sogenannten Trödelmarkt, Buden mit Trödlern und rechts an der Ecke der jetzigen Turnerstraße die Armenschule. Die sämmtlichen Durchbrüche der Turner- und Nürnberger Straße waren nicht vorhanden. Das ganze Terrain hinter den Häusern rechts bis zur Glockenstraße nahm der damalige städtische Holzhof ein. Ein Theil des letzteren ward in den fünfziger Jahren dem Bau der Turnhalle resp. zunächst dem Turnplatz eingeräumt. Die Thalstraße mit nur wenigen alten Häusern bildete die Grenze und zugleich den Anfang des Johannisthals, welches damals mehr als doppelt so groß war wie jetzt. Die Ulrichsgasse, damals Sandgasse, war an der Thalstraße durch eine Mauer abgeschlossen, an Stelle der Roßstraße stand am Roßplatz das »schwarze Roß« mit Oekonomiegebäuden und großem Garten; die jetzige Nürnberger Straße war eine Sackgasse, welche vom Johannisplatz bis zur Johannisgasse »Kirchstraße«, von da an bis an die Abschlußmauer der Ulrichsgasse aber »Bosenstraße« hieß. Das prächtige alte Petersthor hatte, von der innern Stadt aus, links in seinem Thorbogen ein kleines Pförtchen, durch welches man auf den sogenannten »Zwinger«, einen schmalen Weg, kam, an dessen linker Seite allerliebste, ganz gleichartige, bis zum Giebel mit wildem Wein bewachsene einstöckige Häuschen mit winzigen, aber sorgfältig gepflegten Vorgärtchen standen. Dieselben dehnten sich bis zur Universitätsbrücke aus, denn, von der Petersbrücke bis zur Universitätsbrücke (jetzt Schillerstraße) und von dieser weiter bis zum Augustusplatz lag tief im Grunde der Stadtgraben, mit seinen zahlreichen Bäumen und Gesträuch, ein willkommener Tummelplatz für uns Jungen. Hinter der Johanneskirche aber, an der Dresdner Straße, lag und liegt noch die damals durch den als Pädagogen weit bekannten und berühmten Director Dr. Ramshorn bis in die 70er Jahre so vortrefflich geleitete 3. Bürgerschule, zu welcher sich die Schüler aller Stadttheile drängten.

Von städtischen Schulen existirten damals in Leipzig nur die drei Bürgerschulen, die Armenschule in der Holzgasse und die Wendler’sche Rathsfreischule am Thomaskirchhof. An höheren Schulen »Thomas-« und »Nicolaischule«, sowie mit der 1. Bürgerschule in demselben Gebäude, die damals nur vierklassige Realschule, jetzt Realgymnasium. Aber wer jetzt die stolzen Gebäude all dieser Schulen betrachtet und sich noch zurückzudenken vermag an unsere ursprüngliche alte liebe 3. Bürgerschule, ehe das jetzt hinten quer vorstehende Hauptgebäude errichtet wurde, der kann wohl ein Lächeln nicht unterdrücken. Rechts auf dem großen wüsten Platze, den Rücken nach den Gärten der jetzigen Salomonstraße zu, standen drei kleine hüttenartige Häuschen, nur aus Parterre und erstem Stock bestehend, neben einander, und in diesen altersschwachen Hütten, deren wurmzerfressene Holztreppen beim Hinauf- und Hinabrennen von uns Bengels bedenklich seufzten und in allen Fugen krachten, was uns natürlich keineswegs zur zarten Rücksichtnahme veranlaßte, befand sich die gesammte dritte Bürgerschule. Hei! war das ein Gaudium, wenn die Freiviertelstunde herannahte und wir hinabstürmten auf den Platz, um an den zum Neubau angefahrenen Sandsteinen unsere turnerischen Künste zu üben oder vor der sanfteren jugendlichen Damenwelt unsere Kräfte zu zeigen. Wir waren oft eine tolle Bande und doch sind aus den Schülern der damaligen dritten Bürgerschule eine große Anzahl tüchtiger Männer hervorgegangen, welche zum Theil auch ihrer Vaterstadt in hohen Aemtern dienten und noch dienen. Freilich, Papa Ramshorn führte ein strenges Regiment und sein Rohrstöckchen saß ihm stets locker genug im linken Aermel seines Frackes. Tüchtige Lehrer, auf welche noch heute der frühere Schüler mit Dank, Ehrerbietung und Stolz zurückdenkt oder denen er, soweit sie verstorben sind, ein treues und theures Andenken bewahrt, standen dem scharfblickenden Direktor treu zur Seite und brachten die Schule auf eine hohe Blüte. Ich nenne nur den in der Schule ebenso strengen, wie im sonstigen Verkehr mit seinen Schülern wahrhaft kinderfreundlichen und geselligen, jetzigen Prediger der Thomaskirche Dr. Suppe, ferner die Lehrer Dr. Thomas, Dr. Kühr, Kunath, Dr. Heinold, den späteren Organisten der Nikolaikirche und als tüchtigen Musiker bekannten, damaligen Schreiblehrer Schaab etc. etc. Und als dann endlich 1853 das neue Haus bezogen wurde, da zog auch der alte Geist mit hinüber in dasselbe und ist in demselben geblieben, noch viele viele Jahre, wohl bis zum heutigen Tag.

Fünfundzwanzig Jahre nach Errichtung des neuen Schulhauses der 3. Bürgerschule feierten Lehrer und Schüler ein frohes Fest und auch die alten Schüler kamen, zum Theil aus weiter Ferne, um an demselben theilzunehmen, wobei sie der Schule ein kostbares Harmonium und eine Votivtafel stifteten. — Viele sind seit jener Zeit wieder schlafen gegangen, aber wenn es gilt, das fünfzigjährige Jubiläum der Schule zu feiern, werden wohl sicher die wenigen noch Lebenden von jenen Alten nicht fehlen.

XXVII.
»In Wechselhaft!«

Der Brauch, einen Schuldner für seine Schuld auch mit seiner Person, also nicht blos mit seiner gesammten Habe verantwortlich und haftbar zu machen, ist uralt und findet sich schon vor Jahrtausenden, als noch nicht an die so viel und so oft fälschlich gerühmte christliche Milde zu denken war. Trotzdem daß er, man möge die Sache betrachten wie man wolle, immerhin ein barbarischer Brauch sein und bleiben wird, weil er eben das erste und höchste und edelste Recht des Menschen, die Freiheit, für Thaten beschränkt, welche in ihrer überwiegenden Mehrzahl aus keiner bösen Absicht entspringen, hat sich dieser Brauch bis in die Neuzeit, wenn auch in wesentlich gemilderter Form, erhalten und sogar in die jetzt bestehenden deutschen Reichsgesetze Aufnahme gefunden, wenn der Schuldner seiner eidlichen Versicherung über seinen Besitzstand ausweicht und die gerichtliche Angabe desselben unter seinem Eide verweigert.

Mit dem Eintritt des Wechsel-Verkehrs in der kaufmännischen und handelstreibenden Welt, welche Einrichtung eine große Erleichterung des bis dahin üblichen Modus der Baarzahlung und der Anweisung, sowie des Geldverkehrs mit fremden Plätzen überhaupt mit sich brachte, verband sich naturgemäß auch ein größeres gegenseitig vorausgesetztes Vertrauen und schon deshalb, damit dieses Vertrauen nicht, oder doch möglichst wenig, getäuscht und nicht der geschäftlichen Unsicherheit Thür und Thor geöffnet werde, hielt man es für nothwendig, daß in solchen Fällen auch ein Einstehen jedes in diesen Verkehr Gezogenen mit seiner Person und mit seiner Freiheit als Individuum erforderlich sei.

Während nun die persönliche Haft für Schulden jetzt nur noch unter den bereits erwähnten Fällen und Vorkommnissen besteht, war es bis zum Eintritt der neuen Reichsgesetze möglich und sogar häufig, daß ein Schuldner auf Antrag seines Gläubigers ohne Weiteres in Haft genommen werden mußte, wenn er einen mit seiner Unterschrift versehenen Wechsel nicht bezahlte; gleichviel ob er nun Acceptant oder blos Girant desselben war. Diese Haft war die sogenannte Wechselhaft. Diese Wechselhaft war allerdings bei den damaligen Gesetzen bezüglich der Einklagbarkeit einer Wechselschuld in vielen Fällen nothwendig, denn das Gesetz bestimmte, daß, so lange ein Schuldner nicht in Person vor Gericht seine Unterschrift unter dem Wechsel anerkannt hatte, überhaupt keine Pfändung auf Grund dieses Wechsels ausgeführt werden durfte, und so kam es oft vor, daß sich ein Schuldner oft wochen-, ja monatelang versteckte oder verreiste, um der Vorführung zum Verhandlungstermin aus dem Wege zu gehen. In diesem Falle aber konnte sein Geschäft ruhig fortbetrieben und eine Pfändung nicht vollstreckt werden, weil eben der Richter ohne die persönliche Anerkennung seiner Unterschrift den Schuldner nicht zur Zahlung verurtheilen konnte.

Diese Verhältnisse brachten es dann auch mit sich, daß oft wahre Jagden nach Wechselschuldnern vorkamen und zwar weniger um grade denselben in die Wechselhaft zu bringen, als um ihn wenigstens vorläufig zum Verhandlungstermin vorführen zu lassen, denn hatte er seine Unterschrift anerkannt, so konnte auch sofort die Pfändung vor sich gehen und die Haft wurde in der Regel erst dann beantragt und vollstreckt, wenn die Pfändung erfolglos ausgefallen war. Es ist natürlich, daß trotz des Ernstes, der solchen Situationen zu Grunde lag, doch auch sehr oft ein guter Theil Humor bei denselben mit unterlief, wie dies, man möchte fast sagen in der ganzen Natur der Sache liegt. Man verstand zwar schon damals in Geldsachen ebensowenig Spaß wie heute, aber — der militairische Charakter des ganzen Beamtenthums trat damals noch nicht so in den Vordergrund wie heute. Man war ein gut Theil gemüthlicher und wo es nur einigermaßen ging, faßte man eine Sache lieber von der jovialen, wie von der grimmigen Seite auf. Zwar waren die Sachsen auch damals schon sehr gute Soldaten, allein der Militarismus war doch noch nicht so allgemein geworden und so ins Volk gedrungen, als daß er die alte sächsische Gemüthlichkeit ganz verdrängt hätte; selbst die Männer des Gesetzes, die Gerichtsdiener und amtlichen Boten, welche zwar fast alle lange Jahre als Soldaten gedient hatten, ehe sie zur Würde eines solchen Staatsbeamten gelangten, legten mit dem Soldatenrock auch das militairische Gebahren meist wieder ab und zeigten wieder die mildere Flagge des — friedlichen Staatsbürgers. —

Wenn damals irgend Jemand das Unglück gehabt hatte, quer schreiben zu müssen, und dann das weitere Malheur, den Wechsel am Verfalltage nicht bezahlen zu können, so daß derselbe unter Protest zurückgegangen war, so erfolgte zunächst an ihn eine schriftliche Vorladung zum Verhandlungstermin, welcher er aber, ohne irgend eine Verurtheilung zur Zahlung, wie dies jetzt ist, befürchten zu müssen, ruhig ignoriren konnte. Von nun aber war der Schuldner gleichsam vogelfrei, denn der Gläubiger erließ eine Realcitation, welche die Vorführung des Schuldners zum Zwecke der Anerkennung seiner Unterschrift, zu jeder Tages- und eventuell sogar zur Nachtzeit verfügte und den überbringenden »Wechseldiener« (Gerichtsdiener) bevollmächtigte, den Schuldner zu verhaften, wo er ihn auch finde. Zahllose Possen und Schwänke spielten sich schon bei solchen Gelegenheiten, oft gradezu wider Willen der einen oder der andern, oder selbst beider Seiten, ab; denn da der Schuldner ebenso auf seiner Hut war und danach trachtete sich nicht erwischen zu lassen, bis er das Geld zur Bezahlung seiner Schuld aufgetrieben hatte, oder der Gläubiger der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen müde, mildere Saiten zog und Theilzahlungen bewilligte; wie anderseits der »Wechseldiener« alles aufbot, um des Schuldners habhaft zu werden, so konnten komische Situationen gar nicht ausbleiben. Dabei kannten die Wechseldiener, infolge langjähriger Erfahrungen und manches ihnen gespielten Streiches, ihre Pappenheimer genau und besaßen ihre Kundschaft, wie jeder andere Erwerbszweig dieselbe besitzt. Am ehesten fügte sich noch der biedre Kleinbürger und Geschäftsmann in seine Geschicke, aber der leichtlebige Schuldenmacher, der theure Sohn seines Vaters, der Lebemann, der Schauspieler, Student in höheren Semestern u. s. w. setzte natürlich alles daran, die geliebte Freiheit auch fernerhin zu behalten und dem nach ihm suchenden »Mann des Gesetzes« ein Schnippchen zu schlagen, wo er es nur irgend vermochte.

In solchen Haushaltungen, wo der Besuch des »Wechseldieners« in ziemlich sicherer Aussicht stand, war man, falls der Schuldner es wirklich riskirte in seiner Wohnung zu bleiben, vom Tagesgrauen an auf der Wacht, oft floh der Gesuchte von einem Zimmer zum andern und legte sich gemüthlich wieder im ersten Zimmer ins Bett, wenn der Diener noch Betten, Schränke, unter Sofas u. s. w. im letzten Zimmer durchsuchte; es wurden die gewagtesten Manöver ausgeführt, um das scharfe Auge des Suchenden zu täuschen, aber dieser hatte eine gute Nase und langjährige Erfahrung für sich. Kein noch so schön in voller Ordnung dastehendes Bett vermochte ihn zu täuschen, er langte den Verfolgten unter den sauber darüber gebreiteten Decken hervor, kein noch so harmlos erscheinender Kleiderschrank entging seinen gründlichen Nachforschungen, und wenn der Gesuchte nicht geradezu verreist war, erwischte er ihn schließlich doch; selbst bis in den Keller stiegen die eifrigen Wechseldiener hinab und ebenso verfolgten sie ihr Opfer, wenn es sein mußte, sogar bis auf das Dach des Hauses, hatten sie aber den Gesuchten endlich erwischt, so erfolgte kurzer Prozeß auf dem »Wechselgericht.« Verurtheilung, Pfändung und — — Wechselhaft erfolgte eventuell, ohne jede Pause und ehe es sich der unglückliche Querschreiber versah, saß er hinter eisernen Vorhängen. — In der Regel aber waren die so Inhaftirten, bis auf die Entbehrung der Freiheit, mit ihrem Schicksal nicht sehr unzufrieden. Und in der That, etwas Glücklicheres, als die frühere Wechselhaft konnte es in Haftsachen wohl überhaupt nicht geben. — — —

Die vier doppelten Dachfenster des obersten Geschosses im alten Bezirksgericht, welche nach der Münzgasse herauslagen, verriethen die Räume, in denen die Wechselhaft vollstreckt wurde. Ein langer, heller Corridor verband eine Anzahl geräumiger, einfach aber genügend möblirter Zimmer, deren gegenseitige Verbindungsthüren unverschlossen waren, so daß den Häftlingen ein vollständig freier Verkehr unter sich zustand. Sie konnten ihre eigenen Kleider tragen, sich Betten und andere zu ihrem Comfort gewünschte Sachen »herauf« kommen lassen und — falls sie Geld hatten — essen und trinken was sie wollten. Sie konnten rauchen und spielen und alle nur möglichen Spiele, welche »Abgehende« den Zurückbleibenden vermachten, waren vorhanden, ebenso waren sie berechtigt, am Tage Besuche zu empfangen. — Trotz der oft sehr verschiedenen Bildungsklassen, welche hier zusammentrafen, herrschte »hier oben« die ungestörteste Einigkeit und — man sollte es kaum glauben — meist ein sehr fideles Leben. Immer waren Etliche darunter, welche Geld hatten und diese schleppten die Anderen kameradschaftlich mit durch. Ja — es gab ordentliche Stammgäste dort oben, die eben prinzipiell nicht bezahlten und ihrem Gläubiger nicht blos durch ihren Gleichmuth, mit der sie hier freie Wohnung und Kost genossen, fast zur Verzweiflung brachten, sondern auch mit allem Raffinement von ihrer Lage Vortheil zogen. — Vortheil? — Jawohl! — Sie wurden leidend und der Arzt, den natürlich wieder der Gläubiger bezahlen mußte, verordnete Spaziergänge in frischer Luft. Da zeigte es sich denn, daß sich die Stiefeln des Schuldners in zu schlechtem Zustande befanden, oder wohl gar die Unaussprechlichen so defect waren, daß hier Neuanschaffungen ganz unumgänglich nothwendig waren — alles auf Kosten des Gläubigers, der natürlich das Recht hatte, dies wieder vom Schuldner zu verlangen — aber — der regte und rührte sich nicht. Mit dem fröhlichsten Gesicht empfing er seinen Gläubiger, nahm herablassend die ihm gebotene Cigarre von demselben an und erklärte, daß es ihm hier außerordentlich gefiele und er es sich gar nicht besser wünschen könne — freilich werde er nächstens auf Beschaffung einiger Hemden und Unterbeinkleider antragen müssen, da er hier ja nichts verdienen könne — und — — — und — — — bezahlen? — — Ja — davon sagte der Gute kein Wort. — Waren aber die 14 Tage, für welche stets vorher vom Gläubiger die Beköstigungsbeträge einzuzahlen waren, vorüber und die neue Einzahlung erfolgte nicht rechtzeitig, so öffneten sich schnell die Thüren des »Wechselarrestes« und der Schuldner wurde ohne Weiteres entlassen.

Auch Gesunde waren berechtigt, einige Stunden, an einem Tage in der Woche, auszugehen. Das heißt, sie wurden nicht etwa in den Gefängnißhöfen spazieren geführt, sondern erhielten einen in Civil gekleideten Diener mit sich und durften sich dann frei in der Stadt bewegen wo sie eben wollten. Zu diesen Spaziergängen wurden allerdings nur mit allen Schlichen und Ränken vertraute Diener commandirt, denn oft genug suchten sich bei solchen Gelegenheiten die Inhaftirten ihrer handfesten Begleiter auf irgend einer Weise zu entledigen und dadurch die goldne Freiheit wieder zu erlangen. —

Einer der hervorragendsten Characterdarsteller Deutschlands war der zu Anfang der fünfziger Jahre hier in Leipzig vom Stadttheater enagirte X. …, welcher von hier mit bedeutendem Gehalt an das Hoftheater zu Dresden engagirt wurde, aber schon frühzeitig so versumpfte, daß er schließlich sein Ende auf der Landstraße als total heruntergekommenes Subject fand. Dieser X. war schon hier, trotz seines, für die damaligen Zeiten sehr hohen Gehaltes, fast immer in den Händen jener dunklen Ehrenmänner, bei denen Cravatte und Strick gleichbedeutend ist. In permanenter Geldnoth schrieb er natürlich mit Vorliebe quer, was ihm am kürzesten zu Geld verhalf. Kein Wunder, daß X. sehr bald mit dem »Wechseldiener« auf dem Kriegsfuße stand und — wenn er auch denselben unzählige Male zu entgehen wußte, schließlich doch, als er sich in einem großen Garderobekorb aus dem Theater tragen ließ, von seinen Verfolgern entdeckt, herausgelangt und in Wechselhaft gebracht wurde. Kein größeres Malheur konnte X., für den möglichst unbeschränkte Freiheit und Zügellosigkeit geradezu Lebensbedingung war, passiren, und da es ihm unmöglich war, den Gläubiger zu befriedigen, so trachtete er mit allen seinen Sinnen darnach, demselben dennoch einen Streich zu spielen und sich — koste es was es wolle — so schnell als möglich zu befreien. Mittlerweile stellte er sich aber als der Lustigste aller Inhaftirten, schwor, er wolle doch sehen wer es länger aushalte, er — oder der Geldbeutel des Gläubigers, und als sein Ausgehetag herankam, versicherte er seinem Begleiter, daß er in keiner Weise daran denke, etwa auszureißen; — Gott bewahre, aber lustig und fröhlich wollten sie sich heute wenigstens einmal machen. Da man an Ort und Stelle den Versicherungen des X. wenig Vertrauen schenkte, so gab man ihm einen der bewährtesten Diener mit, indem man demselben doppelte Vorsicht zur heiligsten Pflicht machte.

Aber X. schien in der That an kein Ausreißen zu denken. Er that, als könne er kein Wässerchen trüben und nachdem der Besuch einiger Weinwirthschaften die beiden Ausflügler in eine unternehmende und rosige Stimmung versetzt hatte, wurde der gerichtliche Begleiter vertrauensvoller und milde freundschaftliche Gefühle gegen seinen Gefangnen zogen allmählich in seinen sonst nur des Dienstes eiserne Strenge geweihten Busen ein.

»Hollah«, sagte X. dem alten Unteroffizier, cordial auf die Schulter schlagend, als sie schon etwas »angerissen« aus der Tiefe von Aeckerleins Keller an das Tageslicht stiegen, »wir haben noch reichlich zwei Stunden Zeit, deshalb auf zu Vater W… allwo liebliche Mädchenblumen aus allerlei Ländern, dem lustigen Verehrer des Bachus, mit sittigem Lächeln und geringer Sprödigkeit die Erzeugnisse des Weinbaus vom Rhein und der Rhone und dem süffigen Nektar des perlenden Champagners credenzen. Auch Du Bruder und Mitbewohner jener der heiligen Hermandad geweihten Hallen wirst kein Kostverächter sein!« »Hm« der gute Bruder kratzte sich doch ein Weniges im Kopf. Er kannte, wenigstens von Sagen und Hören, jene Weinwirthschaft, wohin ihn sein Schützling führen wollte. Es war ein wenig Raum einnehmendes Häuslein am Neukirchhof, das noch jetzt steht und seiner geringen, nur 3 Fenster breiten Front, bei einer Höhe von fast 4 Stockwerken, halber, im Volksmunde »das schmale Handtuch« genannt wurde. »Allerdings — Donnerwetter! — Die Idee war nicht schlecht! Aber ob sich der Besuch dort auch mit seiner Instruction vertrug? — Hm! Eigentlich stand nichts dagegen drinn — wenn er nur seinen Begleiter wieder richtig »höheren Orts« ablieferte — dann hatte er seine Pflicht erfüllt. Na — dafür wollte er schon sorgen.«

»In Wechselhaft!«

»Nanu, Alter? — Nix Courage? — Fürchtet Euch wohl gar vor den lieben herzigen Dingern und ihren schelmischen Guckaugen — was?«

Das griff den Alten, der ohnehin keineswegs abgeneigt war, einmal wieder den Schwerenöther zu spielen, gewaltig an seine Mannesehre.

»I — nu — Nee!« sagte er, »vor was wär’n mer denn Soldat und acht Jahre Oberjäger beim 1. Bataillon gewesen, aber — — na — und’s braucht’s ja Niemand zu wissen, wo mir gewesen sind — wenn mer nur pinktlich wieder zu Hause komm’n!«

»Bravo«, rief der Verführer, »das war ein Mannswort! Auf zu Vater W…!« — — dort war es nun allerdings wunderhübsch! Auf ein verständnißvolles Augenzwinkern des Schauspielers, Wirth und Bedienung waren von X. schon brieflich instruirt worden, umgab bald ein ganzer Kranz »sittiger Mädchen« den alten, ehrlichen Amtsdiener, während sich X. in der Nebenstube ans Piano setzte und spielte und sang. — Herrgott von Mannheim! War das ein Leben. Eierpunsch und Rothwein, Rheinwein und Champagner und wer weiß was Alles credenzten die gar nicht sehr spröden Huldinnen dem alten Soldaten. Bald kam Olga, bald Irma, bald Flora und wie die prächtigen Mädels alle hießen, um mit ihm anzustoßen, und als dieselben unter den Klängen einer im Nebenzimmer gespielten Polka paarweise dahinflogen, da legte auch er kühn die Rechte um die Hüfte der üppigen Rosa und zeigte rechtsrum, linksrum und im zierlichen Schiebekästchen seine als ehemaliger flotter Jäger vielerprobten Kenntnisse in der edlen Tanzkunst.

Er blickte aber doch von Zeit zu Zeit vorsichtig ins Nebenzimmer. Na — da war aber nichts zu besorgen, X. hatte ja gar den Rock abgelegt und saß in Hemdsärmeln am Pianoforte — der lief nicht davon, so viel stand fest und in der Gewißheit, sich vielleicht niemals wieder in seinem Leben so amüsiren zu können und noch dazu ohne einen Pfennig dafür auszugeben zu brauchen, stürzte er sich auf’s Neue »rin ins Vergnügen« und genoß das ihm so freundlich Gebotene in vollen Zügen. — — —

»Hm« — was war denn das? — Er hatte wohl gar geschlafen? — Es war ihm noch ganz dumm vor’m Kopf. — Er blickte um sich. — Er saß in einem kleinen Cabinet auf einem Sofa, die Thür stand offen und von fern her tönten die Pianoklänge herüber zu ihm. — Himmel! — halb zwei Uhr Nachts! — Mit einem Satze war er in die Höhe. Heiliger Bimbam! Und um acht Uhr Abends sollte er spätestens mit seinem Schutzbefohlnen »zu Hause« sein. — — — Na das war eine schöne Bescheerung! Und da setzt sich der Unbesonnene und Verführer noch da vorne ans Pianoforte und ließ ihn hier schlafen, statt ihn rechtzeitig zu wecken. — — Donnerwetter — und sein Schädel — es war ihm, als ob ein Dutzend Teufel darin Steine mahlten. — So eine Unverschämtheit — na — dem X. wollte er aber schon seine Meinung sagen. — — Herr Je — da saß ja ein ganz andrer Herr am Pianoforte als X. und — die Mädels lachten alle, wie er jetzt in den »Salon« trat.«

»Na — hab’n Sie denn ausgeschlafen?« frug ihn Röschen schelmisch. »Ei — ei — wer wird so wenig vertragen können!«

»Wo ist denn Herr X.?«

»Der Herr, mit dem Sie kamen? — Ja — wir kennen ihn nicht — der ist aber schon kurz vor acht Uhr weggegangen, er sagte, wir sollten Sie nur ruhig schlafen lassen, in dem Zustande, wie Sie wären, könne er sie nicht mit heimnehmen — er ginge deshalb allein nach Hause. Sie würden schon Alles hier bezahlen!«

Wenn schon die ersten Beweise angethan waren, ihn vor Schrecken fast auf den Rücken zu werfen, so gab unserm guten »Wechseldiener« der Schluß völlig den Rest.

Er taumelte hinterrücks, bis er einen Stuhl fand, auf den er hilflos und total vernichtet sank.

»Bezahlen? — — Bezahlen?« Er zählte im Geiste seine gesammten Moneten — ach — die langten ja kaum zu einer Portion Wellfleisch im Gerichtsamt III. »Bezahlen? Bezahlen?«

»Ja freilich! — Sie haben zusammen 2 Flaschen Champagner à 4 Thaler, macht 8 Thaler; 4 Flaschen Wein à 1½ Thaler, macht 6 Thaler, und 11 Glas Schlummerpunsch à 8 gute Groschen, zusammen 17 Thaler 20 Neugroschen!«

»Siebzehn Thaler — — —« ächzte der plötzlich Entnüchterte, »ja ich habe ja gar kein Geld!«

Rosa holte, sich das Lachen verbeißend, den Wirth, dem der aus allen seinen Himmeln Gestürzte seinen Namen und sein Amt sagen mußte.

»Na da geh’n Sie nur«, meinte derselbe, als ihm der Unglückliche jammernd seine Schicksale berichtete, »hoffentlich bezahlt Herr X., sonst muß ich mich freilich an Sie halten.«

Halb betäubt von der Wucht seiner Erfahrungen, wankte der getäuschte Vertreter der Nemesis ins Gerichtsamt, ach — um dort zu erfahren wie sich auch noch seine heimliche Hoffnung darauf, daß X. wenigstens wieder allein in die Haft zurückgekehrt wäre, als eine trügerische beweisen sollte. Jetzt erst erkannte er die ganze Größe des ihm gespielten Streiches und zitterte vor den Folgen desselben. — Glücklicherweise waren dieselben gelinder als er dachte. X. bezahlte nicht nur die gemachte Zeche, sondern auch den Wechselgläubiger diesmal ziemlich schnell und der gute Amtsdiener kam daher mit einer allerdings »rüsselhaften Nase« davon.

Als er aber dieselbe in devotester Stellung in Empfang genommen hatte und aus dem Amtszimmer seines Vorgesetzten wieder hinaus auf den Corridor trat, erhob er alle 10 Finger zum Schwure in die Luft und gelobte sich feierlich — nie wieder einem zum Spaziergang ausgeführten Arrestanten zu trauen — vor Allem aber nie einem Schauspieler — »denn da is mer alle Mal der Gemachte« schloß er stets, wenn er einmal im Kreise gleichgesinnter Freunde diese seine Abenteuer vortrug.

XXVIII.
Der Verbrechertisch in der »Guten Quelle«.

Nach der gewaltsamen Niederwerfung des Volksaufstandes von 1849 begann im politischen Leben unseres Vaterlandes eine lange trübe Zeit.

Tod, langjähriges Zuchthaus, freiwillige oder gezwungene Verbannung traf Diejenigen, welche sich am Aufstand — sei es mit den Waffen in der Hand, sei es durch Wort oder Schrift — betheiligt hatten, und doch waren unter denselben ein großer Theil, die man zu Deutschlands besten Männern zählen konnte und welche nur zu den Waffen griffen, um den Traum von Deutschlands Einheit schon damals zur Wirklichkeit zu machen. Wie ein Alp lag es damals viele Jahre lang auf den Gemüthern frei denkender Männer, und selbst die Presse wagte es, angesichts einer streng gehandhabten Censur, nur ganz schüchtern, die geheimen Herzenswünsche der Nation dann und wann zum bescheidenen Ausdruck zu bringen. Indessen schmachteten viele, viele wackere Männer in den Gefängnissen Deutschlands, und ein Jahrzehnt und darüber verging, ehe auch ihnen das goldene Licht der Freiheit wieder leuchtete.

Den Männern aber, denen es beschieden war, wenn auch theilweise erst nach vielen Jahren, nach unendlichen Leiden und harter Kerkerhaft wieder in das bürgerliche Leben ihrer Heimath und zu den Ihren zurückzukehren, lohnte das Volk auch mit treuer Verehrung und Anhänglichkeit, und die deutsche Jugend blickte bewundernd und ihren Worten achtungsvoll lauschend zu ihnen empor. Ja, jenen Männern war es zum großen Theile mit zu verdanken, daß die Ideale der deutschen Nation nicht verblaßten, sondern immer gewaltiger anwuchsen, bis — freilich erst nach hartem Ringen und aus einem Meere von Blut — endlich diese Ideale sich verkörperten und der deutsche Aar siegreich emporstieg, das neue deutsche Reich erstand.

Es ist natürlich, daß sich diese Männer in ihren Wohnorten meist gesellig zusammenfanden, um ihre Erinnerungen gegenseitig auszutauschen und gemeinschaftlich von einer freundlicheren Zukunft zu plaudern.

Auch in unserm Leipzig fand sich im Anfang der sechziger Jahre ein solcher Kreis von Gesinnungs-Genossen und Leidensgefährten zusammen, und sowohl der weitberühmte Gelehrte, wie der einfache Mann des Handwerks war darin vertreten. Groß war der Kreis nicht, denn gar viele »Begnadigte« hatten doch noch eine neue Heimath jenseits des Meeres gesucht; aber er hielt treu zusammen und war unter dem Namen »der Verbrechertisch in der guten Quelle« männiglich gar wohl bekannt.

Damals wirthschaftete der bei allen alten Leipzigern gar beliebte »Vater Grun« in dem noch jetzt bestehenden großen Restaurations-Etablissement, und bei ihm, dem selbst durch und durch deutsch gesinnten Manne, fanden auch jene so lange Geächteten ihr dauerndes freundliches Heim.

Gleich links vom Eingang ins Local war eine nischenartige Ecke, so recht geschaffen für eine trauliche Tafelrunde; an den beiden Wänden befanden sich Bänke mit Ledersitzen, vorn herum hochlehnige Stühle und in der Mitte ein großer runder Tisch. Das war der »Verbrechertisch« in der »Guten Quelle«. Wer pflegte nun dort zu sitzen? Da war zunächst Roßmäßler, mit dem feinen durchgeistigten Gesicht und dem langen schneeweißen Vollbart, Professor der Naturgeschichte an der Akademie zu Tharandt, gediegener und äußerst fruchtbarer Schriftsteller auf diesem Gebiete und ebenso bekannt als Volksschriftsteller der damaligen freisinnigen Richtung, ferner 1848 Mitglied des Frankfurter Parlamentes und nahm auch am Rumpfparlament zu Stuttgart Theil. Wegen dieses letzteren Schrittes seines Amtes entsetzt, lebte er von da an in Leipzig, wo er 1806 geboren war, bis zu seinem bereits 1867 erfolgten Tode. Sein Platz am Verbrechertisch war zugleich der Ehrensitz, hinten an der Wand und ihm als Aeltestem von den Anderen zugetheilt worden. Den Platz neben ihm hatte ein anderer Weißkopf inne, dessen mildes freundliches Angesicht vorzüglich alle Kinderherzen sofort zu ihm hinzog. Es war der Dichter und Schriftsteller Friedrich Hofmann, damals als langjähriger Mitarbeiter und Redacteur der »Gartenlaube« männiglich als »Gartenlauben-Hofmann« bekannt, allen Kinderfreunden aber durch seine herzigen Kinderlieder unvergeßlich. Links von Professor Roßmäßler saßen zwei Männer, die sich so ähnlich sahen, daß man sie sofort als Brüder erkannte. Es waren die Gebrüder Dolge. Beide hatten sich am Aufstand, mit der Waffe in der Hand, betheiligt; während aber die Strafe des einen Moritz Dolge (später Schnittwaarenhändler zu Leipzig, außerdem viele Jahre Mitglied des Stadtverordneten-Collegiums und des Direktoriums des damaligen Vorschußvereins, der jetzigen Creditbank) † 1872 in Leipzig, verhältnißmäßig mild ausfiel, brachte der ältere Bruder August Dolge viele Jahre im Zuchthause zu Waldheim zu. Beide, ursprünglich einfache Handwerksgesellen, waren hochintelligente Leute. August Dolge, seines Zeichens Tischler und Instrumentenbauer, wurde, als am Aufstand betheiligter Kriegsreservist gefangen, ließ sich aus seiner Zelle im Schloß Pleißenburg an einer Leine herab, um zu entfliehen. Leider riß aber der Strick in der Höhe von zwei Stockwerken und Dolge stürzte in der Gegend, wo jetzt die beiden Getreidethürme stehen, also am Ausgang der Pleißenburg nach der Burgstraße zu, herab auf das Straßenpflaster und brach hierbei ein Bein. Hierauf wieder gefangen, wurde er erst zum Tode verurteilt und brachte dann lange Jahre im Zuchthaus zu. Zu Anfang der sechziger Jahre endlich begnadigt, schwang er sich lediglich durch eigene Energie und Thatkraft zum bedeutenden Pianofortefabrikanten und Chef eines Welthauses dieser Branche in die Höhe. Er ging später nach Nordamerika, wo seine Fabrikanlagen einen solchen Umfang angenommen haben, daß dieselben zu einer besonderen Stadt anwuchsen, welche nach dem Gründer »Dolgeville« heißt und lebt noch jetzt daselbst. Er hat aber Alt-Leipzig eine gar treue Anhänglichkeit bewahrt, denn trotz seines hohen Alters kommt er alle paar Jahre einmal von Drüben herüber zum Besuch und ist denn stets ein hochgefeierter Gast der hiesigen Insulanerriege (auf welche wir später in einem besonderen Artikel noch zurückkommen werden). Der frühere braune Bär »August« sowohl, der im zoologischen Garten seinen eigenen Käfig hatte, wie auch der jetzige August, dessen Ersatzmann — sind Geschenke Dolge’s an die Insulanerriege, welche ihrerseits diese Geschenke dem zoologischen Garten übergaben.

Der Verbrechertisch in der »Guten Quelle«.

Nicht so regelmäßig wie die Anderen erschien als Gast des »Verbrechertisches« im Anfang der sechziger Jahre häufig ein langer, blasser Mann, dessen gebeugte, hagere Statur, verbunden mit dem tiefes Seelenleiden verrathenden, fast bartlosen Angesicht, das sich erst im Laufe der Alles nivellirenden Zeit wieder etwas rundete, auch körperliche Leiden verriethen; als vollberechtigtes Mitglied jener Tafelrunde. Es war der frühere Pastor von Mittweida, in Sachsen, Ludwig Würkert. Jeder Zoll ein hochbegeisterter Anhänger der deutschen Einheitsidee, hatte er bei Beginn des Aufstandes mit Wort und Schrift die Sache des Volkes ergriffen und feuerte sogar von der Kanzel herab die Männer und Jünglinge des Gebirges an, für diese Ideen in den Kampf zu ziehen. Viele, viele Jahre, mehr als zehn, brachte er dafür im Zuchthaus zu, und als er dasselbe endlich als Begnadigter wieder verließ, da war er nicht blos ein gebrochener, sondern auch von den Seinen verlassener Mann. Seine Frau hatte sich von ihm scheiden lassen, seine Kinder hatten ihn verlassen. Aber seine alten Gefährten ließen ihn nicht im Stich.

Mit ihrer Hilfe pachtete er das in der Klostergasse liegende Hotel de Saxe, und die freien Vorträge, welche alsbald Ludwig Würkert, hier zugleich Volksredner, Volkslehrer und Gastwirth, jede Woche an einem oder mehreren Abenden hielt, zogen Tausende von deutschgesinnten Gästen aller Altersclassen und aller Stände herbei, und an solchen Abenden war der Saal des Etablissements mit allen Nebenräumen stets bis auf den letzten Platz gefüllt. Da saß der einfache Handwerker neben dem Gelehrten, der Großkaufmann neben dem Studenten, und lauschten den begeisterten Worten, welche jener Vielgeprüfte da oben auf der kanzelartigen Erhöhung der Saaltreppe sprach.

Nur wenige Jahre wirkte hier Würkert in seiner doppelten Eigenschaft als Gastgeber und Volksredner. Als ihm aber dann die Stellung eines Geistlichen einer freien Gemeinde (der freireligiösen Gemeinde in Hanau) geboten wurde, da gab er, obwohl seine jetzige Stellung sicher lucrativer war, diese ohne Zögern auf und nahm die immerhin nur bescheidene neue Stellung an. Nebenbei gab er dann noch die Zeitschrift »Freie Glocken« heraus. Er hatte aber doch in Alt-Leipzig nicht nur seinen ersten neuen Wirkungskreis, sondern auch ein neues Heim und eine andere treue Gattin gefunden. Ludwig Würkert starb 1876 am Schlagfluß in Leisnig, wo er zuletzt privatisirte, am Abend vor dem Tage, an dem er eine Gefängnißstrafe wegen Preßvergehens antreten sollte. Sein Begräbniß hatte zahllose Leute herbeigezogen und als der die Grabrede haltende freireligiöse Geistliche unter anderm sprach: »Würkert ist nicht gestorben — Würkert lebt noch« verstanden Viele »Würkert lebe hoch« und stimmten lebhaft in diesen Hochruf auf den Todten mit ein. Schade, daß er dieses letzte Hoch nicht mehr gehört hat.

Die Mitglieder des »Verbrechertisches« theilten sich in sogenannte »seßhafte« (solche die eben wirklich gesessen oder doch für ihre freisinnigen Handlungen und Worte gebüßt hatten) und »zugelassne« Mitglieder. Unter den »seßhaften« sind außer den bereits verzeichneten noch folgende zu nennen: Professor Benseler, Professor Raschig, Advokat Segnitz † 1873, Theodor Oelkers † 1869, Korbmacher Vieweg † 1871, Magister Naundorf, Buchhändler Ludwig Schreck (floh, steckbrieflich verfolgt, nach Frankreich, kehrte in den 60er Jahren zurück) † 1868, Dr. Burkhardt, Buchdrucker Grumbach, Louis Lindner (der lange Lindner), war Seminarlehrer in Grimma. Derselbe weigerte sich bei einem Zweckessen auf des Königs Wohl anzustoßen. Angezeigt, sagte er naiv: Der König hat das Frankfurter Parlament anerkannt, dann aber die Reichsverfassung nicht — ich kann also nicht auf sein Wohl trinken. Hierauf ward er eingesperrt, abgesetzt und schrieb nachher ans Ministerium einen viele Seiten langen Protest. Die letzte Seite hiervon hatte er schwarz umrahmt und da stand: »Ich behalte mir mein Recht vor bis zu der Zeit — wo in Sachsen wieder Gerechtigkeit gilt!« — Wahrscheinlich hielt ihn Beust für närrisch, es erfolgte wenigstens hierauf kein neues Vorgehen gegen ihn! Er lebte in Leipzig von Berichterstattung, Correkturen, hielt unermüdlich und unentgeltlich Vorträge über Geschichte in Arbeiterkreisen, war der treueste, beste Mensch und Freund (irren wir nicht verwandt mit L. Otto — Peters) † 1891. Redacteur Aug. Peters † 1860. Als dieser starb, warf Würkert, da er am Grabe nicht länger sprechen durfte, drei Hände voll Erde ins Grab. Bei dem ersten Wurfe sprach er feierlich: »Dresden«, beim zweiten Wurfe: »Bruchsal« (hier saß Peters jahrelang im Zuchthaus), beim dritten Wurfe: »Waldheim« (hier hatte Würkert im Zuchthaus gesessen) — weiter sagte er nichts — aber der Eindruck dieser drei Worte war bei Allen ein erschütternder und — der letzte noch in Europa lebende: Dr. Karl Albrecht, der jetzt in Freiburg in Baden weilt und dem Verfasser viele Mittheilungen über den Verbrechertisch und seine Mitglieder, so weit sie Verfasser nicht persönlich gekannt hat, verdankt. Dr. Karl Albrecht ist ein Leipziger Kind und am 4.4.1823 im »Pelikan« (jetzt ebenfalls einem Neubau gewichen) am Neumarkt geboren. In weiten Kreisen bekannt als Lehrer, Schriftsteller und einer der ältesten Stenographen (Gabelsberg) gerieth auch er, begeistert für Deutschlands Wiedergeburt, in das Fahrwasser der Revolution 1848/49 und trat persönlich und schriftlich für seine Ideale ein. Langjähriges Gefängniß war auch sein Lohn. Außer ihm lebt nur noch ein seßhaftes Mitglied des »Verbrechertisches« — eben der bereits genannte August Dolge in Dolgeville in Nordamerika. Alle Vorstehenden waren seßhafte Mitglieder und viele derselben erst zum Tode verurtheilt und dann zu langjährigem Zuchthaus begnadigt worden. Als Gäste wurden am Verbrechertisch zugelassen: Dr. med. Heyner, Dr. Apel † 1867, Schriftsteller Wartenburg † 1889, Ernst Keil † 1878, Prof. Bock † 1874. Letzterer wurde, obwohl er »nie gesessen«, an dem Tisch zugelassen, »weil er wenigstens alle Tage werth gewesen wäre, ins Zuchthaus zu kommen«. (Formel seiner Zulassung zum Verbrechertisch.) Beim Turnfest 1863 war auch Fritz Reuter Gast am Verbrechertisch und hielt an einem Abend eine Ansprache an die Anwesenden.

Die jetzige Generation, welche nun bereits seit vielen Jahren mit der Thatsache eines geeinten Deutschlands und des wiedererstandenen Kaiserreiches rechnet, vermöchte es wohl nur schwer, sich in jene Zeit politischer Zerrissenheit unseres Vaterlandes zurückzudenken. Die Ideale des nach der Einigkeit der deutschen Stämme strebenden Volkes waren mit dem Niederschlagen der Bewegung 1848 und 1849 wohl eingedämmt und momentan zu Boden geschlagen worden, aber sie lebten dennoch fort und zwar nicht zum Wenigsten in den Herzen der deutschen Jugend, und am Anfang der sechziger Jahre, als auch die politische Luft wieder etwas milder wehte, da griff die Bewegung so allgemein um sich, dabei aber streng auf dem gesetzlichen Boden bleibend, daß auch die Regierungen der einzelnen Staaten sich schließlich derselben auf die Dauer nicht mehr zu entziehen vermochten und derselben nachgaben.

Die Turner-, Sänger- und, nicht zu vergessen, die Schützenvereine, letztere in hochherziger Weise in allen ihren Bestrebungen stets unterstützt durch einen echt deutsch fühlenden Fürsten, den erst jüngst verstorbenen Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha, waren es, welche auf großen nationalen Festen, wie sie seit jener Zeit Deutschland nie wieder gesehen hat, das deutsche Banner aufs Neue entfalteten und hochhielten. Alle Stämme deutscher Nation strömten auf diesen Festen zusammen und höher als jemals flammte der deutsche Patriotismus im gesammten Volke auf. Wohl haben auch wir Leipziger seit jener Zeit hohe patriotische Feste gefeiert — aber wer von den Bewohnern das dritte deutsche Turnerfest in Leipzig 1863 mit erlebt hat, der muß sagen, daß alle diese Feste nur ein schwacher Abglanz jenes für alle Theilnehmer unvergeßlichen Festes geblieben sind. Und die Folgen dieser Tage blieben nicht aus. Mit dem noch in demselben Jahre erfolgten Einmarsch der deutschen Executionstruppen in Holstein eröffnete sich jene Reihe von Kämpfen und Ereignissen, welche das deutsche Volk endlich zum erwünschten Ziele führen sollten.

Damals wurde der »Verbrechertisch« in der Guten Quelle zum Centralpunct des national gesinnten Leipzigs.

Vater Grun sorgte dafür, daß hier die eingehenden Depeschen stets zuerst eingesehen werden konnten, und waren dies besonders wichtige, so erhob sich ein Mitglied des »Verbrechertisches«, um dieselben vorzulesen. Schon das Erheben des Betreffenden von seinem Sitze genügte, um unter den vielen Hunderten der in dem großen Local Versammelten sofort die tiefste Stille eintreten zu lassen. Und dann fügte wohl der Vorleser dem Telegramm einige patriotische Worte hinzu, denen wir jungen Leute begeistert lauschten, indem wir uns gelobten treu mit zu arbeiten an dem großen nationalen Werke, soviel es mit unsern geringen Kräften nur irgend möglich sei.

So kam 1866 und so kam 1870. Vater Roßmäßler war freilich schon schlafen gegangen und ruhte aus von des Lebens Kämpfen und vielen Enttäuschungen, aber die Anderen hielten treu zusammen, und als die deutschen Stämme aufs Neue die Kriegsfahne entrollten, da sammelte sich ein großer Theil der zur Fahne Eilenden ein letztes Mal vor dem Ausmarsch in jenen Hallen, und wieder erschollen erhebende Worte von den Männern jener hochverehrten Tafelrunde. Höher und höher schlugen an jenem unvergeßlichen Abend die patriotischen Wogen, und als ein Leipziger Blatt es damals wagte, (Sächsische Zeitung), in particularistisch-antideutschem, franzosenfreundlichen Sinne einen Leitartikel zu bringen, da zog eine große Schaar Einberufener vor das Haus jenes Redacteurs und warf daselbst die Fenster ein. Gewiß, das war keine Heldenthat, und das Thun derselben war wohl kaum zu billigen, aber dennoch waren unter jenen jungen Leuten die besten Volksclassen vertreten und viele von ihnen, viele, viele, haben durch ihren Tod auf dem Felde der Ehre oder schwere Verwundung und tapferen Kampf bewiesen, daß es ihnen mit ihrem feurigen Eifer für Deutschlands Geschick auch heiliger Ernst war.

Aber auch während wir draußen im Felde waren, blieb der »Verbrechertisch« der Centralpunct der patriotischen Leipziger Bevölkerung. Wie strahlten die Mienen der Alten, wenn sie dem reich versammelten Auditorium wieder eine neue Siegesdepesche vorlesen konnten! Vergessen waren dann alle früheren trüben Zeiten, und freudig stimmten sie in die patriotischen Gesänge der Anderen ein.

So erlebten noch Viele von jener Tafelrunde das Wiedererstehen des Deutschen Reichs. Dann aber lichtete sich der Kreis allmälig mehr und mehr. Einer nach dem Andern ging zur ewigen Ruhe, Andere wandten sich weg von Leipzig, und auch Vater Grun, der alte treue Gastgeber jener Tafelrunde, machte sich auf zum Marsche in das himmlische Dorado.

Die leichtgeschürzte Muse hat jetzt in jenen Räumen ihr Standquartier aufgeschlagen, und in derselben Ecke, in der einst jener denkwürdige Tisch stand, sitzt jetzt vielleicht Abends ein angehendes junges Braut- oder Liebespärchen und beklatscht freudig die Witze irgend eines Komikers. So ändern sich die Zeiten!

XXIX.
Allerlei Chronika.

Augustus­platz.

Anno 1861 im Frühjahr wurden die Promenaden hinter dem Museum angelegt, auch neue Bänke statt der früheren alten Latten- oder steinernen Bänke für die Spaziergänger aufgestellt.

Roß­platz.

Nach der Messe zu Ostern, wurde ein Theil des Roßplatzes planirt und mehr ebner gemacht als bisher, wobei man viele Skelette kaum eine Elle tief in der Erde fand; aus den Ausrüstungsgegenständen, Knöpfen und Uniformüberresten, welche gleichzeitig mit zu Tage kamen, erkannte man, daß die Beerdigten meist der russischen Garde angehört hatten.

Hirsch erlegt.

Am 27. September schoß der damalige Burgkellerwirth Herr Trietschler in der Burgaue bei Böhlitz-Ehrenberg einen starken Hirsch im Gewicht von 288 Pfd. Es wird dies wohl der letzte Hirsch gewesen sein, der in unseren Rathshölzern geschossen worden ist. Einige Tage darauf wurde derselbe unter großem Zulauf im Hofe des Burgkellers öffentlich zur Schau aufgehängt und dann in einer solennen Festlichkeit verzehrt.

Pfähle und Ketten.

Anno 1861 wurden auch die steinernen weißangestrichenen Pfähle vor Teubners Haus am Augustusplatz, welche früher durch Ketten verbunden waren, entfernt. (Es waren diese Pfähle bei den Herren Jungen sehr beliebte Voltigirgegenstände.)

Rund­theile.

Im Spät-Sommer wurden die mit Gras bewachsenen und von einigen Büschen umsäumten sogenannten Rundtheile vom Augustusplatz entfernt, Theile des Fleischerplatzes planirt, sowie die Promenaden an der Thomaspforte verändert.

Gewerbe­freiheit.

Anno 1862 am 1. Januar trat im Königreich Sachsen die Gewerbefreiheit in Kraft, welche insofern für viele Handels- und Gewerbetreibende von hoher Wichtigkeit war, als mit ihr zugleich das Gesetz fiel, welches bis dahin den Juden verbot, auch außer den Messen in Leipzig frei Handel zu treiben, oder Grundbesitz zu erwerben. — Die einzelnen Gewerbe, fast sämmtlich in Innungen mit uralten und streng gehandhabten Gesetzen, wachten peinlich darüber, daß nicht das Mitglied eines andern Gewerbes etwas that, anfertigte oder verkaufte, welches in den Gewerbebetrieb nur des Einen gehörte. Kein Herrenschneider durfte Damensachen anfertigen und umgedreht und oft ging ein Gegenstand bis zu seiner vollständigen Fertigstellung durch eine ganze Menge einzelner an sich verschiedener Gewerke, weil eben jeder nur seinen Theil daran machen durfte. Manche harte, aber auf der andern Seite wieder wohlweise Einrichtungen und Gesetze über das Meisterwerden und den ganzen Geschäftsbetrieb fielen mit einem Schlage, denn während früher nur so viele Meister in einer Stadt ihr Gewerbe betreiben durften, als auch voraussichtlich daselbst ihre gute Nahrung hatten, konnte sich nun — sogar ohne das Meisterstück zu machen, ja ohne überhaupt das betreffende Handwerk erlernt zu haben, Jedermann etabliren. Daß natürlich insbesondere die alten Meister, welche damals sämmtlich ihre gute Existenz hatten und nun Alles aufbieten mußten, um der sich mächtig entwickelnden Concurrenz entgegenzuarbeiten, sehr über die neue Einrichtung räsonnierten, ist natürlich. Die Gewerbefreiheit ist aber auch, trotz ihres Namens bis zum heutigen Tage, wo noch Anwalts- und Apothekenzwang existieren, eine niemals vollkommene, ihren Namen thatsächlich entsprechende gewesen und ihr Segen daher noch immer ein fraglicher.

Turnfest.

Anno 1863 fand in der Zeit vom 2. bis 6. August unter kolossaler Betheiligung aus ganz Deutschland das 3. deutsche Turnfest in Leipzig statt. (S. No. XXXI.)

XXX.
Die politische Lage Deutschlands zu Ende der fünfziger, bis Mitte der sechsziger Jahre des 19. Jahrhunderts.

Auf die gewaltsame Niederwerfung des Aufstandes 1848/49 folgte mehr als ein Jahrzehnt der starren Reaktion. Gerade diejenigen Männer, welche Amt und Würden, Stellung und Vermögen daran gesetzt hatten, das deutsche Reich wieder zu einem wahrhaft geeinten, geschlossnen Ganzen zu machen, fielen als Opfer ihrer nationalen Bestrebungen. Tod und langjähriges Gefängniß bis zur Zuchthausstrafe des gemeinen Verbrechers, oder im günstigeren Falle freiwillige oder erzwungene Verbannung war ihr Loos. Noch bis weit in die fünfziger Jahre hinein dauerten Verhaftungen und Verurteilungen politisch Gravirter fort und die unter der Zuchtruthe einer harten Censur stehenden Zeitungen, die in ihren Spalten oft die Steckbriefe auf ihre eignen früheren Mitarbeiter bringen mußten, seufzten lange unter dem bestehenden Druck und vermieden politische Erörterungen wo sie es nur vermochten. Die Turnvereine, mit Recht als die jederzeitigen feurigen Träger des nationalen Gedankens betrachtet, aber durchaus fälschlich als »demokratisch« gesinnt verdächtigt, wurden scharf beobachtet und wo es nur ging in ihrer Entwicklung gehemmt; Servilismus und kriechendes Streberthum, Frömmelei und politische Heuchelei waren an der Tagesordnung. — — —

Und doch — trotz all diesen Hindernissen, vermochte man wohl den nationalen Funken zu unterdrücken, aber nicht zu verlöschen und obwohl er eben unterdrückt wurde, wo es nur anging — in der Presse wie im Lehrstuhl — so loderte er doch immer wieder hoch empor, in den Festen, welche das deutsche Volk, aus allen Gauen nach einem Central-Punkte zusammenströmend, zusammen feierte und bei welchen die Ideale der deutschen Nation immer und immer wieder zum unverhohlenen Ausdruck kamen. — —

Jetzt wo seit bereits einem viertel Jahrhundert die schon damals geforderten Ziele zum allergrößten Theile erreicht sind, vermögen sich die jetzt lebenden Generationen wohl nur schwer in die damaligen Verhältnisse zurückzuversetzen und — viele der Aelteren haben unter den politischen Erfolgen der Neuzeit die Misere jener Tage längst vergessen, oder standen den Weltereignissen schon damals so gleichgiltig gegenüber, wie sie es jetzt — nach der Neu-Errichtung des deutschen Reiches wieder thun. Ja — es giebt nicht Wenige, welche nur zu sehr geneigt sind — im Bewußtsein der jetzigen politischen Macht des geeinten Deutschlands — auf jene Tage mit spöttischer Ueberlegenheit zurückzublicken, dabei aber ganz vergessend, daß — wenn sich nicht eben das Volk, vor Allem aber die damalige Jugend in allen deutschen Gauen ihrer nationalen Ziele voll und ganz bewußt und fest entschlossen gewesen wäre, für dieselben mit Gut und Blut einzustehen — wohl schwerlich Deutschlands Fürsten diesem wahrhaft inneren und unaufhaltsamen Drange der Nation nachgegeben hätten. Daß diese opferfreudige Begeisterung des damaligen Jungdeutschlands aber eine unmittelbare Folge der Jahre 1848/9 war und deshalb auch jenes Blut nicht vergeblich geflossen ist, ist eine unbestreitbare Thatsache, und nachdem die ärgste Zeit der Reaktion vorüber war, wurden auch die berechtigten Forderungen des Volkes aufs Neue immer und immer wieder laut. Im Anfange der sechsziger Jahre aber, als sich auch für die politisch stark Gravirten von 1848/9 die Gefängnisse wieder öffneten und viele Begnadigte aus dem Exil wieder in die Heimath zurückkehrten, unverrückt die Ziele und Ideale der eignen Jugend im Auge behaltend, da ging die politische Entwicklung Deutschlands mit Riesenschritten vorwärts. — — Betrachtet man die damalige politische Lage der deutschen Einzelstaaten, so sah man überall nur unerquickliche Verhältnisse. In Oesterreich — wo nicht blos in dessen deutschen Staaten, sondern auch in Ungarn mächtige Kämpfe nothwendig gewesen waren, um die Autorität der Regierung aufrecht zu erhalten, herrschte ein noch viel schwererer Druck wie im übrigen Deutschland. Magyaren- und Deutschthum befanden sich im schroffsten Gegensatze, die Gefängnisse überfüllt, nirgends Vertrauen, dazu die neuen Schläge im Kriege gegen Frankreich und Piemont 1859, die Finanzen nahe am Staatsbankrott, dabei fortwährende Häkelei und nie endende Eifersüchtelei auf den zweiten deutschen Großstaat Preußen. In Baden noch weit- und tiefgehende Nachwirkungen des dortigen großen Aufstandes, denen sich ein großer Theil des dortigen Militärs angeschlossen hatte. Nicht viel besser war es in den übrigen süddeutschen Staaten. In Preußen, wo eben König Wilhelm den Thron bestiegen hatte, in dem das Volk, verstimmt durch manche seiner früheren Erklärungen zur Zeit der Volkserhebung, nicht seinen späteren ruhmreichsten und erhabendsten Fürsten ahnte, bereiteten sich die harten Kämpfe zwischen Regierung und Volksvertretung vor; in Sachsen liebäugelte Beust mit dem Liberalismus, ohne aber mit offnen Karten zu spielen, in Hessen seufzte das Volk unter seinen Kurfürsten; die größeren Staaten untereinander eifersüchtig und uneinig, die kleineren Staaten bald hier bald dorthin schwankend, aber stets auf ihre Selbstständigkeit pochend, zehnerlei Geld aus hunderterlei Staatsbanken, bis ins Kleinste tiefe Zerrissenheit, dazu das Schmerzenskind der deutschen Nation, Schleswig-Holstein — fürwahr — die gesammten politischen Verhältnisse waren sehr traurige zu nennen und die Hoffnung auf eine Besserung derselben lag — wenigstens scheinbar — noch im weiten Felde.

Da war es denn kein Wunder, daß sich die Augen aller wahrhaften Vaterlandsfreunde vertrauend und hoffend auf einen Fürsten richteten, der, obschon nur Herrscher eines kleinen deutschen Staates, doch durch hunderterlei Züge bewiesen hatte, daß er in Wahrheit ein Fürst mit echt deutschen Gesinnungen sei, bereit, jederzeit für deutsch nationale Bestrebungen in die Schranken zu treten und dieselben zu stützen und zu schützen, so viel es nur irgend in seiner, freilich sehr beschränkten Macht stand.

Es war dies der erst vor Kurzem in hohem Alter und gesegnet von seinem ganzen Lande und Millionen anderer Deutscher gestorbene Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha.

Er war es, unter dessen Augen und mit dessen Bewilligung und entgegenkommender Theilnahme das erste deutsche Turnfest 1860 in Coburg stattfand, der diesen Festen seine besondere Aufmerksamkeit widmete und sehr wohl erkannte, wie sich auf diesen Festen die besten und national gesinntesten Männer Deutschlands persönlich näher traten und der diese Zwecke in wahrhaft fürstlicher, großherzigster Weise begünstigte und förderte. Offen bekannte er seine Sympathieen für die deutsch-nationale Bewegung und so kam es, daß in den sogenannten Sturmjahren 1848/49 sein Land von jeder aufständischen Bewegung verschont blieb.

»Schützen-Ernst« haben ihn, den wahrhaft deutschen Fürsten, später oft und spöttisch Viele genannt, welche entweder unfähig waren, die Tragweite jener Volksverbrüderungen auf den ersten Turner- und Schützenfesten zu erkennen oder böswillig genug, um den hervorragenden Antheil, den Herzog Ernst an der endlichen Wiedergeburt des deutschen Reiches hat, zu verringern. Wohl wird auch jetzt noch bei den mehr prunkhaft glänzenden, als politisch werthvollen Festen der neueren Zeit der Patriotismus gefeiert, aber — welch schwachen Abglanz dieselben jetzt, gegen die früheren, von der Sehnsucht und dem Gefühl der allgemeinen Zusammengehörigkeit getragenen Feste, bilden — nun — die jetzige Generation mag und kann dies vielleicht nicht begreifen, aber die — welche einst inmitten derselben standen, die jene Zeiten der kläglichen Zerrissenheit Deutschlands noch als Männer gekannt und jene erhebenden Feste mitgefeiert haben, die kennen den Unterschied zwischen damals und jetzt genau und mit ihm auch die großartige Bedeutung dieser Feste selbst. Meldeten sich doch im Herbst 1863 als es hieß, Herzog Ernst beabsichtige mit einem Heere Freiwilliger gegen Dänemark zu ziehen, um Schleswig-Holstein zu befreien, binnen wenig Tagen viele Tausende junger Leute aller Stände, und wieder waren es die Turnhallen, in denen diese Contingente ihren Sammelplatz fanden. Aber es kam nicht so weit, denn als man sah, daß man dem Drängen des Volkes um Abhilfe jenes Zwitterzustandes in den Herzogthümern nicht länger widerstehen konnte, da raffte sich endlich der deutsche Bund zusammen, schon zu Weihnachten 1863 rückten Sachsens und Hannovers Executionstruppen in Schleswig-Holstein ein und die erste Serie jener blutigen Kämpfe von 1864, 66, 70 und 71 nahm ihren Anfang.

XXXI.
Das 3. deutsche Turnfest zu Leipzig vom 2. bis 6. August 1863.

Vom Rathhausdurchgang links ist in der Mauer unsres altehrwürdigen Rathhauses eine einfache Steinplatte in die Wand gelassen, welche die ebenso einfache Inschrift »Zur Erinnerung an das 3. deutsche Turnfest zu Leipzig vom 2.-6. August 1863« trägt und welche der Stadt Leipzig von der gesammten deutschen Turnerschaft als Dank für ihre Gastfreundschaft in jenen Tagen, als dies bis jetzt unübertroffene, erhabendste und großartigste aller wahrhaft deutschen Feste stattfand, gewidmet worden ist. Viele Tausende gehen täglich gleichgiltig an jener einfachen Gedenktafel vorüber, ohne auf sie zu achten oder allenfalls flüchtig den Blick über dieselbe gleiten zu lassen; noch andere lächeln beim Lesen der Inschrift fast mitleidig — »1863 — ach das ist ja lange her — eine längst vergessene Zeit — Kindereien damals — politische Spielereien — da lobe ich mir doch das stolze Siegesdenkmal — — —.« Aber es bleibt doch auch zuweilen einer oder der andere hier stehen, denen man allerdings ansieht, daß er im Herbst oder im Winter des Lebens steht, sinnend betrachtet auch er die unscheinbare Tafel und auch er lächelt; aber dieses Lächeln verklärt sein alterndes Angesicht und noch lange, während er weiter dahinschreitet, gedenkt er jenes größten und deutschesten aller Feste, jener herrlichen Tage voll glühender Begeisterung, in denen die Bewohner Leipzigs und der Umgegend vom Palast bis zur kleinsten und ärmlichsten Behausung gleichsam aufgingen in dem Bestreben, eine Gastfreundschaft und eine so herzlich warme Theilnahme am ganzen Fest zu bieten, wie dieselbe in der Geschichte aller früheren oder späteren deutsch-nationalen Feste nie wieder geboten und nie wieder erreicht worden ist.

Schon zum 1. deutschen Turnfest zu Coburg 1860 hatten sich, freudig empfangen von Fürst und Land daselbst, einige Tausende deutscher Turner zusammengefunden, und als 1861 das 2. deutsche Turnfest in Berlin stattfand, stieg die Anzahl derselben auf etwa 4000. In Berlin wurde nun zunächst Nürnberg zur Feier des 3. dieser Feste für 1863 ins Auge gefaßt, allein man entschied sich schließlich für das besser im Centralpunkt von Deutschland liegende Leipzig und die durchaus national und hochpatriotisch gesinnten Oberhäupter der Stadt, der unvergeßliche Oberbürgermeister Dr. Koch und der ebenso patriotische Polizeidirektor Dr. Rüder nahmen die Entscheidung für Leipzig freudig und mit opferwilliger Begeisterung auf. Wir haben im vorstehenden Artikel die damalige politische Lage, wenn auch nur flüchtig geschildert. Die starre Reaktion der fünfziger Jahre hatte nachgelassen und das deutsche Volk drängte zur Klärung der politischen Lage, aber noch immer mußte sich die Presse an vielen Orten Zügel anlegen, noch immer gab es Regierungen, welche die sich mehr und mehr entfaltende Volksbewegung mißtrauisch betrachteten — da tönte der Ruf des Comités der deutschen Turnerschaft durch ganz Deutschland und bis in die entferntesten Winkel des Landes begann ein Rüsten und Organisiren, um diesem Rufe in ungeahnter Weise Folge zu leisten. Was nützte es Dänemark, daß es seinen Schleswig-Holstein’schen Turnern geradezu verbot nach Leipzig zu gehen? Zu Hunderten — als Geschäfts- und als Vergnügungsreisende, als Handwerksburschen, angeblich für die Wanderschaft ausgerüstet, gingen diese Turner und mit ihnen Hunderte Anderer über die Grenze, die Fahnentücher wurden in Ränzel verpackt und erst jenseits der Grenze fand man sich zusammen, um in Leipzig auch die Schleswig-Holstein’schen Fahnen, freilich mit dem Trauerflor beschattet, vor den übrigen deutschen Brüdern zu entrollen.

Indeß rüstete sich die Feststadt in wahrhaft großartiger Weise zur würdigsten Begehung des Festes. Hochherzig, alle kleinlichen Bedenken bei Seite schlagend, bewilligten Rath und Polizeidirektion das Anerbieten der Turnerfeuerwehr, ihr allein den gesammten Festpolizeidienst anzuvertrauen, und so geschah das für jene Zeiten doppelt unmöglich Gehaltene, Unerwartete, daß zu einem Feste, welches eine volle Woche dauerte und an welchem Hunderttausende sich in Leipzig zusammenfanden, kein uniformirter Polizist oder Gendarm zu sehen war. Das Wort König August des Gerechten von Sachsen »Vertrauen erweckt Vertrauen« bewährte sich denn auch hier im glänzendsten Maaße, denn die Behörden hatten in keiner Weise ihr Vertrauen zum deutschen Volk zu bereuen, auch nicht der geringste Mißklang störte die allgemeine Harmonie, trotz der tausendfach verschiednen Zusammensetzung der theilnehmenden Elemente.

Wie bereits bemerkt, hatte Leipzig Anfangs an Nürnberg, dessen Gastlichkeit erst kurz vorher beim Sängerfeste sich so glänzend bewährt hatte, eine gefährliche Nebenbuhlerin. Da beschlossen, ehe noch der Turnverein selbst über seine Stellung zur Festfeier mit sich einig war, die Stadtverordneten am 18. September 1861 eine Zuschrift an den Stadtrath des Inhalts:

»Das Collegium, welches die Wahl Leipzigs zum Festorte des dritten allgemeinen Turnfestes mit Freuden begrüßen würde, erklärt sich bereit, die zu einer würdigen Feier desselben erforderlichen Kosten zu bewilligen, und giebt dem Wunsche Ausdruck, daß die Behörden die Wahl Leipzigs in jeder Weise begünstigen möchten.«

Und der Rath erwiderte am 16. Oktober: »er sei dem Beschlusse der Stadtverordneten, daß sie die Wahl Leipzigs zum Festorte des dritten allgemeinen Turnfestes mit Freuden begrüßen würden, einstimmig beigetreten, sei bereit, die Wahl der Stadt in jeder Weise zu begünstigen, und werde die seitens der Stadtverordneten ausgesprochene Bereitwilligkeit, die zu einer würdigen Feier des Festes erforderlichen Kosten zu verwilligen, entsprechend benutzen.«

Der Voranschlag der Festkosten, wie ihn der Centralausschuß nach den von sämmtlichen Unterausschüssen eingereichten Budgets aufgestellt hatte, erreichte die Höhe von 75 000 Thlrn.; der muthmaßliche Kostenausfall war auf 29 000 Thlr. berechnet. Mit dem 10. April 1862 war der Tag gekommen, an dem über die Bewilligung dieser großen Summe bei den Stadtverordneten verhandelt werden sollte; der Rath der Stadt Leipzig hatte bereits einige Tage vorher die Bewilligung beschlossen und um Zustimmung bei den Stadtverordneten nachgesucht. Unterlag es nun auch keinem Zweifel, daß diese Zustimmung nicht ausbleiben würde, so verbreitete doch die Nachricht davon allgemeine Freude und wir Leipziger waren stolz auf unsere Stadtväter.

Bei solchem Entgegenkommen der Bürgerschaft und der Behörden mußten alle Bedenken und Abneigungen drinnen und draußen, welche sich gegen die Wahl Leipzigs geregt hatten, schwinden, um so mehr, als auch das Königliche Ministerium des Innern auf deshalb ergangene Anfrage und Bitte des Turnraths in dankenswerthester Weise die Abhaltung des Festes und des mit demselben verbundenen Turntags zu gestatten versprach. Der Ausschuß der deutschen Turnvereine erklärte sich einmüthig für die Wahl Leipzigs zum Festorte und Nürnberg schob das von ihm beabsichtigte Fest auf das Jahr 1865 hinaus.

Als Festplatz wurde sodann eine vom Stadtrath mit dankenswerther Bereitwilligkeit überlassene, fast ganz ebene und trocken gelegene Feldflur erwählt, welche sich unweit der Zeitzer Straße an der Connewitzer Chaussee mit geringer Erhebung nach der Seite des Napoleonsteines in Form eines Vierecks, zugänglich von allen Seiten, ausdehnt. Es ist dies der jetzige Schmuckplatz an der südlichen Baierischen Straße, begrenzt von Schenkendorf und Moltkestraße, auf dem jetzt zwei Schulen stehen, sowie dessen Verlängerung nach Süden, damals vom Tivoli ab alles noch freies Feld.

Wie thatsächlich Alles — selbst frühere Feinde des Festes — von dem allgemeinen patriotischen Jubel angesteckt wurde, noch ehe dasselbe eigentlich begann, beweist die Thatsache, daß nicht ein Haus ohne Fahnen und Blumenschmuck blieb; wie zwei, drei Tage vor dem Beginn keine Elle Fahnenstoff, keine Elle grauer Turnerdrell (unsre Turner trugen früher den gelbgrauen Drell und zwar Hosen und Jacken, das blaugraue dunkle Turnertuch kam erst durch die zum Feste kommenden österreichischen Turner und zwar auch die Jackets zur Aufnahme) mehr in ganz Leipzig aufzutreiben war. Auch Nichtturner kleideten sich massenhaft in die Turnertracht und bei den Knaben aller Größen verstand sich dies von selbst, wollten die Eltern nicht große Thränenfluten hervorrufen. Auch wurde die zum Fest bestimmte Flur, um den lockeren Ackerboden genügend zu befestigen, rechtzeitig mit Heusamen bestellt. Ihre Größe, 1 500 000 Quadratfuß, war nach der Zahl der Personen bemessen, welche sie in den Festtagen, sei es als Mitwirkende, sei es als Zuschauer, betreten sollten. Freilich ließen sich in beiderlei Beziehungen nur Vermuthungen aufstellen, allein die statistischen Erhebungen über die Menge der Turnvereine und die Zahl ihrer Mitglieder, die Erfahrungen über die Festlust derselben, welche u. A. in Coburg und Berlin gemacht worden waren, sowie die Beobachtungen des Zuschauerandrangs in Berlin und Frankfurt a. M., gaben diesen Vermuthungen einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit. Der Turnrath war nach sorgfältigem Ueberschlage der betreffenden Verhältnisse zu der Einsicht gekommen, daß man bei der Abgrenzung und Ausstattung des Turnplatzes immerhin auf 12 000 gleichzeitig Turnende, unter denen 9—10 000 Auswärtige, und auf 20—30 000 Zuschauer Bedacht nehmen müsse. Was hier vom Turnplatze und den Zuschauerräumen galt, hatte nicht minder für alle anderen Räumlichkeiten, welche sich jenen anschließen müssen, seine Bedeutung, insbesondere für den Bau einer Festhalle neben dem Turnplatze.

Bereits bis zum Abend des 10. Juli, also noch volle 4 Wochen vor dem Feste, waren 13 890 fremde Turner zu Freiquartieren angemeldet, 5000 mehr als man im günstigsten Falle vermuthet hatte, und diese Zahl stieg bis zum Beginn des Festes auf 18 000 Mann. Am stärksten war Berlin vertreten mit 1139 Mann, welche je nach ihren Vereinen zu den Turnerhosen rothe oder blaue Wollblousen trugen. Wien mit über 200 Mann, Hamburg über 100 Mann, Pisa in Italien mit 2 Mann, Verona 1 Mann, Amerika mit mehreren Turnern, ferner 5 Abgeordnete aus Siebenbürgen, von denen zwei von ihren Frauen, einer von seinen beiden Töchtern begleitet wurden. Aus London kamen 12 (darunter 2 Engländer), aus Amsterdam 5, Rotterdam 5, Melbourne 1, Dorpat 2 u. s. w. Die folgende Uebersicht zeigt die bis zum 9. Juli 1863 eingelaufenen Festanmeldungen nach Turnkreisen:

I. Kreis: Prov. Preußen und nördl. Posen316.
II. Schlesien und Südposen696.
III. a. Mark und Prov. Sachsen3301.
b. Pommern366.
IV. Norden (Hamb., Holst., Mecklenb.)330.
V. Niederweser und Ems64.
VI. Hannover246.
VII. Oberweser176.
VIII. Niederrhein und Westphalen75.
IX. Mittelrhein139.
X. Oberrhein (Baden)15.
XI. Schwaben (Württemberg)62.
XII. Bayern222.
XIII. Thüringen1393.
XIV. Sachsen4617.
XV. Oesterreich1136.
Ausland16.

Und trotzdem damals Leipzig nur etwa 75 000 Einwohner zählte und außer den Turnern noch sicher 80—100 000 Festbesucher und sonstige Fremde an jenen Tagen in Leipzig anwesend waren, so daß in den Hotels und Gasthäusern selbst die Vorsäle mit Betten belegt und zu Quartieren umgewandelt wurden, meldeten sich sogar noch am Sonnabend und Sonntag, also dem Tag vor dem Festzug noch Familien, die durchaus noch ihre Turner haben wollten und sehr betrübt heimgingen, wenn ihr Wunsch momentan nicht erfüllt werden konnte. Alle Detailgeschäfte schlossen während des Festzuges und viele Engrosfirmen schlossen mit Ausnahme der Expedirung der nothwendigsten Sachen und der Erledigung der Briefe gleich für die ganze Dauer des Festes.

Schreiber dieses kannte in seinem Hause einen alten vertrockneten Großkaufmann, der bis zum letzten Tage vor dem Feste demselben skeptisch, fast feindlich gegenüber stand und seinem Personal wiederholt eingeprägt hatte, daß er den »Unsinn und die patriotische Gefühlsduselei« nicht mitmachen werde und deshalb der Geschäftsgang genau derselbe bliebe wie an allen anderen Tagen. Als aber unter sich immer höher steigernden Jubel des Volkes die Schleswig-Holsteiner, die Wiener, die Berliner, die Frankfurter, die Tyroler u. s. w. mit ihren »Was ist des Deutschen Vaterland« spielenden Musikchören am Hause vorbei und zum Stellplatz zogen, da mochte sich doch Etwas gar mächtig im Innern der alten Krämerseele rühren.

»Wiesecke«, sagte er zu seinem ebenso alten Cassirer, als er sah, daß dem die Thränen der Freude über die Wangen liefen, »Wiesecke — Sie alter Mensch — ich gloobe gar Sie heulen. Na —« und auch seine Stimme klang auf einmal seltsam gedrückt und bewegt, »zahlen Sie den Markthelfern jeden einen Extrawochenlohn aus und den Commis eine halbe Monatsgage extra und dann fort mit Euch — werde die Briefe jeden Morgen selbst erledigen!«

Und er verschwand, begleitet vom »Hurrah« seiner überraschten Getreuen, schleunigst im Allerheiligsten seines Privatkontors. — —

Solche Fälle aber kamen sehr viele vor. — Ja — es war doch eine große Zeit! —

Die Aufstellung des Festzuges am Montag, den 3. August geschah nach folgenden Bestimmungen:

Kreis IV. Norden 16 Riegen Johannisplatz.
VIII. Niederrhein und Westphalen 3
XI. Schwaben 3
Kreis XV. Oesterreich 42 Riegen } Augustuspatz am Schneckenberge.
IX. Mittelrhein 6 } Augustuspatz am Museum.
XIII. Thüringen 60
VI. Hannover 11 } Turnplatz.
XII. Bayern 10
I. Nordosten 16 } Gellert- u. Felixstraße.
X. Oberrhein 1
II. Schlesien 30 Fleischerplatz.
VII. Oberweser 8 } Obstmarkt.
V. Niederweser 3
III. Mark 165 } Königs- u. Thalstraße.
Pommern 16
XIV. Sachsen 202 } Roßplatz.
Leipzig

Festhalle und Festplatz zum 3. deutschen Turnfest zu Leipzig.

Die Aufstellungslinien sind durch eine Reihe von Standarten bezeichnet; die Reihenfolge in jedem Kreise ist die alphabetische.

Pünktlich 11 Uhr Morgens sammeln sich die Turner bei der Standarte, welche den Namen ihres Wohnortes trägt, oder falls eine solche nicht vorhanden ist, bei der des alphabetisch nächsten Ortes.

Abholung der Fahnen aus dem Schützenhause zwischen 9—11 Uhr durch 3 Mann und Aufstellung derselben hinter die betreffenden Standarten. 11½ Uhr Eintheilung der Riegen und Vertheilung der Armbinden an die Vorturner; genaue Aufstellung der Riegen in Sechserreihen durch die Vorturner. Der Vorturner begiebt sich an die linke, ein Riegenmitglied an die rechte Seite der Standarte; ist eine solche nicht vorhanden, so hat sich der Vorturner an die linke Seite der vordersten Reihe seiner Riege zu stellen.

12 Uhr Vereinigung der Abtheilung nach gegebenem Befehle auf dem Augustusplatze und Eintheilung der Musikchöre.

Zugordnung.

Vorreiter.
Berittenes Musikchor.
Fünfzehner-Ausschuß und Festausschuß.
Beurtheilungs-Ausschuß.
Erstes Musikchor.
Ausländer.
Kreis IV. Norden etc. siehe oben.

Der Zug bewegt sich durch folgende Straßen:

Grimmaische, Ritterstraße, Brühl, Nikolaistraße, Universitätsstraße, Schillerstraße, Neumarkt, Reichsstraße, Brühl, Hainstraße, um den Markt herum, Petersstraße, Königsplatz, Zeitzerstraße.

Auf dem Festplatze begiebt sich jede Riege an das Geräth, welches die Armbinde ihres Vorturners zeigt.

Die Fahnen werden gerade über den Festplatz getragen und in der Festhalle abgeliefert.

Und nun zum Festzug selbst, den in seinen Einzelheiten auch nur annähernd zu beschreiben den Raum unsrer Hefte bedeutend überschreiten würde. Mehr als 700 Turnvereine in einem Zuge von circa 20 000 Theilnehmern, fast 600 Fahnen und mehr als 100 Musikchören, das stattliche 60 Mann starke Turnertrommelchor mit seinem Tambourmajor, der drei, vier Stockwerke hoch, während er ruhig weiter marschirte, seinen schweren Majorsstock emporwirbelte und denselben, immer dabei weiter marschirend, stets mit unfehlbarer Sicherheit wieder auffing. Die großen auswärtigen Vereine mit ihren prachtvollen Musiken, die Bornaer mit ihrem Knabenmusikchor, Ostpreußen und Badenser, Südösterreicher und Hannoveraner, Pfalzbaiern und Deutschpolen und dieser Zug, dessen Vorbeipassiren gute zwei Stunden in Anspruch nahm, begrüßt von einem Regen von Bouquets und Blumen, aus den einzelnen Stockwerken der reichgeschmückten Häuser, an Bindfaden herabgelassnen Flaschen mit Bier, Wein, ja Champagner, oder Körbchen mit belegten Brödchen, am Wege aufgestellten Tonnen mit Bier und Wasser, von seinem Ausgangspunkte bis zu der damals noch inmitten von Stoppelfeldern stehenden Festhalle, begleitet von Hochs und Hurrahs Hunderttausender begeisterter Menschen. Die studentischen Turner aller deutschen Universitäten, in vollem Wichs, für sich allein schon ein minutenlanger stattlicher Zug und dann zuletzt — unsere braven Leipziger Turner in ihrer strammen Haltung, trotz ihrer mannichfachen Thätigkeit schon vor dem Zuge und dem stundenlangen Marschiren in der wahrhaft tropischen Hitze jenes Tages ungebeugt und flotten Schrittes; die »dicke Riege« zusammengesetzt aus 71 hundertachtzig- und zweihundert-pfündigen aktiven Turnern ganz Deutschlands — — — genug davon, nur Eins sei nochmals betont, daß es einen solchen Zug nie vor und auch niemals wieder nachher bis zum heutigen Tage auf irgend einem deutschen Feste gegeben hat.

Die Turnübungen, vor allem aber die in so riesigem Maaßstabe ausgeführten Freiübungen verliefen in glänzender Weise. Die gastronomischen Leistungen sowohl in der Festhalle wie in den andern großen Zelten des riesigen Platzes waren vorzügliche. Vier offne zum unentgeltlichen Tanze errichtete Tanzböden wurden von Alt und Jung auf das Lebhafteste frequentirt. Heisa — wie flogen die durch kolossale Crinolinen aufgebauschten Kleider, mancher Reifen knickte im Gedränge, mancher Puff wurde eingenommen und ausgetheilt, in den großen Zelten saßen die Turner mit ihren Wirthsleuten und während aus dem einen die sehnsuchtsvolle Frage im Lied »Was ist des Deutschen Vaterland« emporstieg, erklang es drüben aus einem andern »Schleswig-Holstein meerumschlungen — Deutscher Freiheit hohe Wacht« und in einem dritten gab ein Berliner in Knittelversen die Mär von »Sobbe und Putzki« den auf gegenseitiges Ehrenwort von der Festung durchgebrannten preußischen Lieutenants zum Besten. Ueberall Musik und Gesang und patriotische Ansprachen, hier verbrüderten sich Ostpreußen und Baiern, dort Berliner und Wiener und Manche, die sich schon nach wenig Jahren mit der Waffe in der Hand feindlich gegenüber stehen sollten, stießen hier begeistert zusammen an auf das hehre Ziel, das sie alle verfolgten — auf das Wohl des geeinigten Deutschlands! In der Festhalle aber hingen die Fahnen der germanischen Stämme friedlich neben einander und hoch über allen thronten die alten deutschen Reichsfarben »Schwarz, Roth, Gold.«