Vorrede des Verfassers!

Der außerordentliche Beifall, welchen die »Erinnerungen eines alten Leipzigers« bei ihrer ersten Veröffentlichung im Leipziger Tageblatt gefunden haben, veranlassen mich, diese damals meist kurzgefaßten, zum Theil mehr skizzenhaften Arbeiten, welche dem beschränkten Raum eines Tagesfeuilletons angepaßt sein mußten, zu vervollständigen und weiter auszuarbeiten und als einen gewiß wünschenswerthen Beitrag zur Chronik der Stadt Leipzig, zunächst in Heften, wobei jedes Heft ein in sich abgeschlossenes Ganze bilden wird, herauszugeben.

Die Geschichte unserer lieben Stadt und mit ihr die Deutschlands, weist wohl bis an die ältesten Zeiten zurück keinen Zeitraum auf, der in dem gesammten politischen und volkswirthschaftlichen Leben der Bevölkerung so bedeutende Veränderungen gebracht hätte, als die verhältnißmäßig kurze Spanne Zeit von 1840—71. Die Revolution von 1848/49, die Kriege von 1863, 66 und 70/71 brachten in diesem Umfange nie geahnte, politische Umwälzungen und die Gewerbefreiheit, welche dem alten Zunftzwang und mancher anderen früheren Einrichtung den Todesstoß versetzte, ließ im ganzen volkswirthschaftlichen Leben riesige Veränderungen Platz greifen. Die alte Zeit mit ihrem, trotz Allem, mannigfachen Guten, sank in Trümmer und eine neue Zeit mit ganz anderen Lebens- und Existenzbedingungen kam heran. Und doch ist uns so manches aus jener alten Zeit lieb und werth geblieben, und da bei dem jetzigen Hasten und Jagen nach des Lebens oft nur eingebildeter Glückseligkeit die Vergessenheit des Vergangenen viel schneller eintritt, als dies früher der Fall war, so ist diese »Chronik aus Leipzigs jüngerer Vergangenheit« dazu bestimmt, auch der jetzigen und den kommenden Generationen ein Bild der früheren Verhältnisse und Einrichtungen vor die Augen zu führen und für die Geschichte Leipzigs zu erhalten.

Ich bitte, in diesem Sinne das Ganze ebenso freundlich aufzunehmen und zu beurtheilen, wie dies mit den einzelnen Skizzen im Feuilleton des Leipziger Tageblattes der Fall war; zumal dieser Beitrag zur Chronik von Leipzig nicht in dem gewöhnlichen trocknen Stile der Chronisten erscheint, sondern auch der Humor in demselben zu seinem Rechte gelangt, um dem Ganzen die rechte Würze zu verleihen.

Es sollen, gleichsam eingestreut in eine Chronik über Leipzigs räumliche und sonstige Entwicklung, möglichst genaue Schilderungen aus und nach dem damaligen Volksleben unserer Stadt hier Platz finden, und wenn bei denselben hier und da einmal ein Stück Satyre mit unterläuft, so bitte ich zu berücksichtigen, daß die Satyre die Schwester des Humors ist und eine Verhöhnung oder Verspottung mancher der jetzt Vielen unmöglich dünkenden früheren Einrichtungen in keiner Weise in der Absicht des Verfassers liegt.

Mit diesen Versicherungen schicke ich das kleine Werk hinaus in die so verschiedenartig urtheilende und denkende Welt, möge ihm sein Lebensweg nicht allzusehr erschwert werden.

Leipzig, im Juli 1893.
Der Verfasser.

I.
Die alte innere Stadt anno 1840.

Im Jahre 1840, also vor nunmehr länger als einem halben Jahrhundert, sah es in unserm deutschen Vaterland und mit ihm in den einzelnen Staaten noch gewaltig anders aus als jetzt, wo das weltgeschichtlich so bedeutende 19. Jahrhundert in wenig Jahren in das Reich der Vergangenheit hinabsinkt. Damals Reaktion, noch halbe Hörigkeit, Frohndienste, Zehntenabgaben, Abhängigkeit der Schule von der Kirche, Zunftwesen, das Eisenbahn- und Maschinenwesen in seinen Windeln liegend, gegenseitige Eifersüchteleien unter den einzelnen Staaten, Deutschland mißachtet von allen anderen Staaten — aber anderseits blühender Gewerbe- und Handwerkerstand, gegenseitige Treue und Glauben, geringe Steuern und Militärlasten u. s. w. u. s. w.

Und jetzt? Ein geeintes Deutschland, feste Gliederung der einzelnen Staaten an einander, würdige Vertretung nach Außen, gediegenes unabhängiges Schulwesen, Gewerbefreiheit, ein dichtes Netz von Eisenbahnen, massenhafte neue Erfindungen, die Nähmaschinen, Gas, elektrisches Licht, Telegraph und Telephon — aber anderseits Rückgang des früher so blühenden Mittel- und Handwerkerstandes, Socialdemokratie, riesige Militärlasten und schwere Steuern; Gegensätze wie sie wohl kein einziges der vergangnen Jahrhunderte im gleichen Maaße aufweist.

Nicht zum Wenigsten aber sind es die Städte des Landes, welche sich riesig verändert haben und unter ihnen wieder die größeren Städte, welche in den wenigen Jahrzehnten ihren Umfang nach allen Richtungen mächtig ausdehnten und deren Bevölkerungszahl im gleichen Maaße stieg.

Daß auch unser Leipzig, schon vermöge seiner günstigen politischen und geschäftlichen Lage, im Centrum von Deutschland und vermöge seiner besonderen Vorzüge als alte weltberühmte Handels- und Universitätsstadt hierin nicht zurückblieb, ist selbstredend, ja es ging mit wenig Ausnahmen allen anderen Städten Deutschlands voran, indem es sowohl seinen Umfang wie seine Bevölkerungszahl in den letzten 50 Jahren versechsfachte.

Ein großstädtisches Treiben hat sich entwickelt und mit ihm sind nicht nur die früheren um Vieles bescheideneren Ansprüche an das Leben, sondern auch ein gut Theil der alten Gemüthlichkeit verloren gegangen und nur in der Erinnerung des alten Leipziger Bürgers leben dieselben fort, bis auch der Letzte derselben dahinstirbt und die alten lieben Erinnerungen mit ins Grab nimmt. — — —

Anno 1840 waren Leipzigs Vorstädte, auf deren allmälige Entwicklung wir später eingehender zurückkommen, noch im Entstehen begriffen und zwar verstehen wir unter diesen Vorstädten keineswegs das jetzige aus der Anektirung der dicht bei Leipzig gelegenen Dörfer gebildete Neu-Leipzig, sondern die jetzigen, sogenannten inneren Vorstädte, welche sich rings um die früheren Wallgräben und jetzigen Promenaden ziehen. Der Wallgraben, dessen bedeutende Tiefe man noch an den Resten desselben bei der nun auch dem Untergang geweihten Pleißenburg erkennen kann — und von dem der Töpfer- und östliche Fleischerplatz sowie der Schwanenteich noch Ueberbleibsel sind, zog sich in den vierziger Jahren noch vom südlichen Ausgang der Petersstraße bis zum Georgenhause, der jetzigen Creditanstalt an der Ecke des Brühls und der jetzigen Goethestraße. Nur der Augustusplatz unterbrach denselben. Das alte architektonisch prächtig ausgeführte Petersthor, welches erst 1860 abgetragen wurde, bildete eine geräumige, mit Fahr- und Fußwegen, welche durch Säulen und Wandöffnungen von einander getrennt waren, versehene Halle und eine breite Brücke führte über den, rechts und links tief unten liegenden Wallgraben nach dem Roß- und Königsplatz und dem Obstmarkte, auf welch letzterem an Markttagen die von auswärts mit Stroh und Heu nach der Stadt kommenden Händler feil hielten. In der Mitte des Petersthores, links von der Petersstraße, befand sich an dem Durchgang für Fußgänger eine Spitzbogenthür, welche auf die sogenannte Terrasse oder Bastei führte. In der linken Seite dieser schmalen nach der ersten Bürgerschule führenden Gasse standen bis zur Universitätsstraße ganz gleichmäßige, wunderhübsche, idyllisch gelegene, nur einstöckige Häuschen, welche sich mit dem Rücken an die Peterskirche und deren Nebenhäuser lehnten, kleine sorgfältig gepflegte Vorgärten hatten und bis zum Dach mit wildem Wein überzogen waren. Der Neumarkt hatte damals also noch keinen Ausgang auf die jetzige Promenade. Auf der rechten Seite der Terrasse befand sich die etwa brusthohe oben mit Granitsteinen belegte Mauer, welche die kleine Gasse von dem tiefen Wallgraben schied. Rechts und links von der Petersbrücke aus, welche schon damals unten mit Erde ausgefüllt war, führten dichte Tannengebüsche bis hinunter in den Wallgraben, oder wie er damals genannt wurde, den Stadtgraben. Zwei mehr als sechszig Fuß hohe riesige Pappeln, deren letzte erst bei einem Umbau des Polichschen Geschäftes weggeschlagen wurde, standen wie zwei kolossale Wächter rechts und links des Petersthores und ragten vom Grunde des Stadtgrabens noch weit über das sehr hohe, oben mit dem steinernen Stadtwappen gekrönte Petersthor hinaus.

Unten im Wallgraben, dessen Abhänge auch auf der Promenadenseite und an der Universitätsbrücke mit dichtem Tannengehölz bewachsen waren, standen wilde Obstbäume, Vogelkirschen und Eibenbäume in ziemlich wirrem Durcheinander und nur beim Ausgang der Universitätsbrücke am Roßplatz führte ein schmaler Fußpfad hinab in die für uns Jungen zu Räuber- und Indianerspielen besonders verlockenden geheimnißvollen Gestrüppe des »alten Stadtgrabens«. War aber »Blech« — diesen Spitznamen führte bei uns Jungen der damalige einzige Wächter der Promenadenanlagen und der Stadtgräben — in der Nähe, so bahnten wir uns auch oft genug, nicht gerade zum Vortheil unserer Hosen und Kutten, einen Weg durch das düstere Gestrüppe der Tannen und mit Vorliebe saßen wir in demselben versteckt und erzählten uns Räubergeschichten aller Art, je schauerlicher desto willkommener, bis uns »Blech«, der »Schippendittrich« — so nannten wir ihn auch wegen seiner stets mitgeführten Schippe — auch hier aufstöberte und aus unserm Tuskulum hinausjagte.

An der Universitätsstraße führte ebenfalls eine Brücke, die Universitätsbrücke, über den Graben, der auf der jenseitigen Seite, also hinter der ersten Bürgerschule nach dem Roßplatze zu mit hölzernen Barrieren versehen war, auf denen wir »Kolter und Waitzmann« spielten und unsre ersten kühnen Versuche auf dem Gebiete des Turnens und Seiltanzes machten. Der Roßplatz, damals noch nicht planirt und mit vielen Bodensenkungen versehen, bot uns zur Winterszeit, wenn es glatteiste, eine treffliche Schlittschuhbahn.

Die Grimmaische Straße schloß nach dem Augustusplatz das schon in den vierziger Jahren gefallene Grimmaische Thor ab und von ihm bis zum Georgenhaus standen hohe düstere Universitätsgebäude, das noch vorhandene, aber umgebaute »schwarze Bret«, das »rothe Colleg« u. s. w. An der rechten Seite dieser Gasse — der jetzigen Goethestraße, stand ebenfalls eine Mauer, welche dieselbe vom früheren Stadtgraben, jetzigen Schwanenteiche schied. Der Eselsplatz, jetzige Ritterplatz beim Königl. Palais, hatte hier keinen Ausgang und auch vom Brühl führte nur das sogenannte »Zuchthauspförtchen« auf die schmale Passage. Die ersten wirklichen Promenadenanlagen erstreckten sich von hier bis an das jetzige »alte Theater«. Uralte Häuser, darunter die »weiße Taube« bildeten von hier einen kleinen Halbkreis bis zum westlichen Brühlausgange gegenüber der Hainstraße. Wo jetzt das Hotel Müller am Neukirchhof steht, standen damals uralte, frühere Klostergebäude, welche sich nach dem alten Theater zu fortsetzten und an der Promenadenseite des jetzigen Hotels »Stadt Gotha« mit dem sogenannten »Neupförtchen« ihren Abschluß fanden. Von hier aus bis zum Schloß Pleißenburg ist die Scenerie seit 1840 nur wenig verändert worden, mit Ausnahme der Freilegung der Thomaskirche. Am Thomaskirchhof zwischen der alten Thomasschule und dem früheren »Schneiderhaus« (damals Eigenthum der reichen Schneiderinnung) lag das »Thomaspförtchen«. Das Schloß Pleißenburg, dessen wahrhaft malerische Schönheit, mit seinen fliegenden Gärten und Bastionen, seinen Säulen und mittelalterlichen Thorgängen, schon durch die Ende der sechsziger und in den siebenziger Jahren unsres Jahrhunderts stattgefundenen Vor- und Einbauten stark entstellt worden ist, schließt unsern Rundgang um Altstadt Leipzig.

Die Petersstraße, damals noch ziemlich still, da sich die Hauptgeschäfte Leipzigs mit Ausnahme des von Gustav Steckner, in der Grimmaischen Straße befanden, zeigte eine Menge ebenfalls sehr alter und großer Gebäude auf. Da war zunächst der »Hirsch« an der Ecke der Magazingasse, dann »Stadt Wien«, halb Hotel, halb Oekonomiehof, bei dessen im Zickzack angelegten Durchgange nach der Schloßgasse man über Pfützen, Löcher und Dunghaufen steigen mußte, dann das finstere alte »Juridicum« mit seiner Halle und der im Hofe befindlichen altberühmten Kitzing und Helbigschen Restauration, dann die »drei Könige« und der »goldene Arm«, alles seitdem umgebaute Häuser. In der Magazingasse stand rechts am Petersthore die thurmlose alte Peterskirche und an der Ecke des Neumarktes der alte Rathsmarstall, ebenfalls ein uralter baufälliger Oekonomiehof, dessen Hauptsehenswürdigkeit ein riesiger Dunghaufen in der Mitte des durch zwei große Scheunenthore nach dem Neumarkt und der Magazingasse zu abgeschlossenen Hofes bildete. In der Universitätsstraße stand rechts neben dem »Bär« das alte rußgeschwärzte »Lutherhaus«. Vom Café Francais resp. Grimmaischen Thor bis zum Eckhaus der Universitätsstraße erstreckten sich die erst 1846 weggerissenen sogenannten Colonaden, die übrigen Straßen und Gäßchen der inneren Stadt haben sich bis auf verschiedene Um- und Neubauten von Häusern nur wenig verändert. Als im Jahre 1845 der Markt neu gepflastert wurde, pflasterte man auch das noch jetzt zu sehende Wappen der Stadt mit farbigen Steinen in die vor dem Rathhausdurchgang befindliche Marktfläche. Am Ende des Brühls nach Osten lag das alte »Georgenhaus«, ein altes finstres burgähnliches Gebäude, welches die Wohnstätte der »Versorgten«, aber auch ein Krankenhaus für Sieche und besonders Irrsinnige, sowie das Waisenhaus enthielt. Ueber seinem Eingangsthore befand sich die Legende des mit dem Drachen kämpfenden Ritters St. Georg in Stein gehauen. Dem Georgenhaus gegenüber, an der Ecke der Ritterstraße lag die »alte Heuwaage«, gewissermaßen eine Copie der damals noch mit einem Treppenthurm versehenen »alten Waage« am Marktplatz.

Die alte »Wasserkunst«, welche am jetzigen Eingange der Mozartstraße, an der Nonnenmühle lag, versorgte die Stadt mit Röhrwasser (Flußwasser) und deshalb befand sich im Hofe fast jeden Hauses ein gewöhnlich hölzerner Wasserbehälter, Röhrtrog genannt. Das Trinkwasser lieferten zahlreiche in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt befindliche Brunnen, von denen einige besonderes Renommée und Zulauf seitens der Bevölkerung hatten. Da war zunächst der noch jetzt stehende »Löwenbrunnen« am Naschmarkt, dann der »goldne Brunnen« am Markte, gegenüber dem Salzgäßchen, dann der »Neumarktsbrunnen« an der »Marie«, Ecke des Neumarktes und Grimmaische Straße; der berühmteste aber war der »Bettelbrunnen« auf dem Augustusplatz, gegenüber der Johannisgasse. Letzterer war von Bänken umgeben und einige Frauen kredenzten dem Durstigen aus bereit gehaltenen Gläsern für einen »Dreier« gern das kühlende Naß.

Die Polizeiverhältnisse waren überaus gemüthliche. Die Bewohnerschaft war den meist lange Jahre im Dienst befindlichen, mit derbem Stock bewaffneten Polizeidienern, nach ihren Revieren, meist genau bekannt und das ehrwürdige Institut der Nachtwächter war auch von Leuten besetzt, die vorzüglich bei dem damals noch völlig unter der Gerichtsbarkeit der Universität stehenden Bruder Studio Spaß verstanden und ihre Kundschaft kannten. Die Handwerksgesellen und Lehrlinge, wie auch viele Handlungsgehilfen wohnten im Hause des Meisters oder Brodherrn; die Bedürfnisse waren geringer wie jetzt, Nahrungsmittel und Wohnungen billiger und die Steuern gegen jetzt kaum nennenswerthe, ihre Eintreibung aber eine so der allgemeinen Gemüthlichkeit Rechnung tragende, daß wir uns nicht versagen können, der Erinnerung an eine solche Episode ein besonderes Capitel zu widmen.

II.
Heiterer Rückblick auf die Steuerbeitreibung in früherer Zeit.

Wenn man als älterer Bürger unserer guten Zukunfts-Millionen-Stadt um vierzig Jahre zurückblickt auf die Steuerverhältnisse der guten alten Zeit und sie mit der Jetztzeit vergleicht, so überläuft Einem einerseits ein gelindes Grausen über die jetzt nie endende Steuerschraube und andererseits ein Lächeln darüber, daß man schon damals über hohe Steuern raisonnirte. Bedenkt man, daß zu jener Zeit der Inhaber des kaufmännischen Geschäftes, in welchem Schreiber Dieses seine Lehrzeit vollbrachte, trotzdem das Geschäft mit einem Commis und mehreren Verkäuferinnen betrieben wurde und also kein unbedeutendes war, Alles in Allem noch nicht 10 Thaler, also 30 Mk., Steuern im Jahre bezahlte, ein Betrag, den jetzt schon ein Arbeiter mit etwa 900 Mk. Einkommen zu erlegen hat, so bekommt man ungefähr einen Begriff von dem Unterschied zwischen jetzt und damals. Und dabei war die Eintreibungsmethode damals eine so gelinde, daß dieselbe für die Jetztzeit eine wahre Freude wäre, und bei dieser Methode kam es fast niemals zu tragischen Episoden, wie jetzt leider oft genug, wohl aber häufig zu den heitersten Vorkommnissen. Es existirte damals nämlich, als es noch nicht so genau darauf ankam, ob einige Tausende ihre Steuern bezahlten oder nicht, denn das Land war ja reich genug, noch das Mahnen durch dazu von der Steuerbehörde vom Garnisoncommando erbetene Soldaten. Zu diesem nicht unlucrativen Geschäft commandirten nun in der Regel die Hauptleute sogenannte, meist verheirathete, Stellvertreter, d. h. solche Soldaten, welche für dreihundert Thaler, außer ihren eignen sechs Jahren, noch weitere sechs Jahre freiwillig dienten. Diese alten Soldaten nun wurden dazu auserlesen, die säumigen Steuerzahler zu ihrer Pflicht zu bringen, und wenn es in Leipzig hieß »Der Schütze kommt«, so wußte jedes Kind, was dies zu sagen hatte.

Wenn also irgend Jemand mehr als billig mit den Steuern im Rückstand war und die erste Mahnung eines Rathsdieners, an welchen die Mahngebühr im Betrage eines Sechsers (sechs Pfennige) zu entrichten war, unberücksichtigt ließ, so erhielt er nach einigen Wochen den mit Schwert und Patronentasche umgürteten »Schützen« (in Leipzig standen Schützen und Jäger) zum Besuch. Derselbe mahnte wieder und hatte einen Betrag von 25 Pfennigen oder zwei gute Groschen zu erhalten. Blieb auch diese Mahnung ohne Erfolg, so erschien der Krieger wieder, diesmal aber mit dem Gewehr, und mußte nunmehr 75 Pfennige Mahngebühr erhalten, vorausgesetzt natürlich, daß sie der Säumige hatte oder bezahlte. Lud aber auch auf diese Mahnung der Schuldige nicht schleunigst ab, so erschien — der kriegerische Mahner mit Ober- und Untergewehr, den Tornister feldmäßig gepackt, den Kriegshut (Tschacko) auf dem Haupte, zum letzten Mal und forderte den Tribut der Landesverwaltung sofort! — Erhielt er aber denselben wiederum nicht, so — — — quartirte sich der edle Krieger ganz einfach bei dem Schuldner ein, verlangte Bett und reichliche Atzung und — blieb so lange, bis — eben gezahlt wurde. Daß bei dieser Methode mancherlei sehr komische Intermezzi mit unterliefen, ist selbstverständlich, und da mir aus meiner Jugendzeit eines derselben, weil es in unserem eigenen Haushalte passirte, besonders erinnerlich ist, so sei es den Lesern dieses Heftes mitgetheilt.

Meine Eltern bewohnten damals für den Miethzins von 80 Thaler die ziemlich geräumige erste Etage (Was würde dieselbe wohl jetzt Miethe kosten?) eines Hauses in der Petersstraße und bei uns hatte ein Zimmer mit Alkoven der akademische Maler O. M. als Chambergarnist inne. Das persönliche Besitzthum dieses ebenso talentvollen wie leichtlebigen jungen Mannes bestand aus einem sogenannten guten Anzug, der aber auch eigentlich sein einziger war; denn einige sonst noch vorhandene Unaussprechliche besaßen derartige Defecte, daß er, wenn er dieselben für den häuslichen Gebrauch anlegen wollte, oft ernstlich im Zweifel darüber war, zu welchem Loch er hinein schlüpfen sollte. Außer diesem Anzug besaß der Edle noch einen alten menschenfreundlichen Schlafrock — menschenfreundlich in der Beziehung, als er dem Besucher die vorerwähnten Defecte wenigstens einigermaßen verhüllte, obwohl dieselben den glücklichen Besitzer durchaus nicht genirten. Nennen wir nun noch einige, nicht zweifellose Hemden, Strümpfe, ein halbes Dutzend Vatermörder, ein Paar niedergetretene ehemalige Hausschuhe, vulgo Laatschen, einen türkischen Fez, eine lange Tabakspfeife und einen Stiefelknecht, sowie ein Paar roh zusammengeschlagene Latten (stolz von ihrem Besitzer Staffelei genannt), Pinsel und eine Anzahl meist zerbrochener Farbentöpfe, so glauben wir von seinem Reichthum nichts vergessen zu haben. Halt! Etwas haben wir doch vergessen! Seinen unverwüstlichen Humor, welcher ihn befähigte, das Leben stets nur von seiner Lichtseite zu betrachten, sowie eine Beredsamkeit, die jede andere absolut zum Schweigen brachte und ihn oft genug siegreich aus Situationen zog, welche peinlich zu werden drohten. Brachte er es doch fertig, einst seinem als sehr grob bekannten Schneider, nachdem derselbe Jahr und Tag auf die Bezahlung seiner Rechnung gewartet hatte und mit seiner massivsten Grobheit anrückte, durch seinen bald schmeichelnden, bald herzbrechend klingenden Zungenschlag nicht blos zu noch längerem Warten zu vermögen, sondern ihm — ach derselbe wußte nicht, was er that — — noch um zwei Thaler anzupumpen. Niemand vermochte eben dem lustigen und luftigen Gesell ernstlich oder gar dauernd Gram sein. Selbst mein Vater, der in Geldsachen etwas skeptischer Natur war, unterlag seinem Zauber, von meiner Mutter mit ihrem guten mitleidigen Herzen gar nicht zu reden. Hatte er Geld, so kamen allerdings seine Wirthsleute zuerst daran, dann aber flog es in alle Winde — und Steuern? — Lieber Gott! Steuern betrachtete er als ihm widerrechtlich auferlegten Tribut, gegen welchen sich, wie er sagte, seine innerste Natur empörte — deshalb bezahlte er solche schon aus Prinzip nicht. — — Diese letztere löbliche Eigenschaft war denn auch sowohl der Steuerbehörde wie den mahnenden Soldaten hinreichend bekannt, und wenn daher auch der Name O. M. bei jeder neuen Steuerrate mit größter Pünktlichkeit stets wieder auf der Restantenliste figurirte, so strichen erfahrene Mahner eben denselben einfach an und ersparten sich ein für allemal den für sie und den Staat vollkommen unnützen Weg. Nur wenn einmal unter den militairischen Plagegeistern neue, mit ihrer Kundschaft nicht Vertraute eingestellt worden waren, passirte es wohl, daß ein solcher, getrieben von löblichem Pflichteifer, eine neue Attaque auf den leider stets leeren Geldbeutel des Malers machte, mit welchem Erfolg, wird der Leser gleich erfahren. — — —

Es war in der Dämmerstunde eines regnerischen Herbsttages, als wir Zwei — ich war nämlich ein Specialfreund von O. M. — in dessen Stube zusammen waren. Er lag, in den Schlafrock gehüllt, den Fez auf dem lockigen Haupte, in keineswegs malerischer Pose auf dem Sopha, ich saß auf dem hölzernen Tritt an den Fenstern. Zwischen uns herrschte momentanes Schweigen und zwar aus gutem Grunde, denn wir waren Beide mit der Vertilgung je einer riesigen Fettbemme eifrig beschäftigt, wie dieselben in solcher Größe und Dicke nur meine sparsame Mutter uns Kindern servirte. Diesmal aber war, wie schon oft, unter »uns Kindern« auch wiederum unser Chambergarnist gewesen, denn Mutter hatte seine beredten Blicke bei Austheilung der Bemmen an uns sehr richtig verstanden und ihm ebenfalls eine geschmiert, die er nun mit dem Appetit eines gesunden sechsundwanzigjährigen Mannes verzehrte. Sein Geldbeutel befand sich eben wieder einmal im Zustande vollständiger trostloser Leere, was Wunder, daß ihn das knusprige Bauernbrod von der Größe eines mäßigen Wagenrades, sowie das delicate Schinkenfett auf das Verführerischste in die Augen lachten?

Eben war der letzte Bissen unter dem vollen, blonden Schnurrbart meines Freundes verschwunden, und er angelte mit der Rechten nach der herabgerutschten langen Pfeife, da erklangen auf dem Flur draußen harte Tritte, eine derbe Hand pochte an die Thür, und ehe noch M. »herein« rufen konnte, öffnete sich dieselbe. Herein trat in oben beschriebener vollständiger Ausrüstung ein Schütze. Derselbe schloß die Thür hinter sich und begann seinen Vers herzusagen:

»Im Auftrage der etc. Steuerbehörde komme ich, um Sie zum letzten Mal zur Bezahlung der restirenden Steuern aufzufordern!«

Augenblicklich war mein Freund auf den Beinen und schritt freudestrahlend mit Grandezza auf den bärtigen Krieger zu.

»Sei mir willkommen, gewappneter Vertheidiger meiner heimathlichen Gefilde, Gruß und Kuß entbiete ich Dir — o in Waffen strotzender Jüngling!«

Der biedre Schütze wich vor der ihm angedrohten Umarmung einige Schritte zurück.

»Ach«, sagte er gemüthlich, »machen Se doch keen Unsinn! Hier is de Quittung, wo ham Se d’n s’Geld?«

»Geld?« declamirte M. pathetisch mit der Pfeife in der Luft herum vagirend, so daß der Soldat wieder etwas zurückweichen mußte, »Geld? — Bedarf es des elenden Mammons, um zwei deutsche Männer, sich in gemeinsamer Liebe zu dem theuern Vaterlande begegnend, an die Brust sinken zu lassen? O — komm Bruder in meine Arme — —«. Jetzt wurde die Sache aber doch, wie es schien, dem Schützen etwas zu bunt.

»Ach, machen Se doch keene solchen Ginkerlitzchen!« rief er, »wenn Se eben nich bezahlen, denn bleibe ich hier bei Sie im Quartier un habe zu verlangen — —«

»Wie?« antwortete freudestrahlend der Gemahnte, »Du bist gekommen, um in diesen der Kunst geweihten Hallen mein Gast zu sein? O — nochmals — sei tausendmal willkommen! Doch jetzt hinweg mit dem Völker mordenden Gewehr, herunter mit Deiner schweren Behauptung und dem belastenden Tornister! — Entgürte Deine Hüften« — — — hierbei nahm er dem theils verdutzten, theils in der Aussicht auf ein längeres gutes Quartier schmunzelnden Soldaten Gewehr, Tzschacko und Tornister ab und schnallte ihm die Leibkoppel los, »— so und nun — herab mit den Stiefeln und bequem gemacht; den schweren Rock aus — was wäre das für ein Gastfreund, der dem geliebten Gast nicht sein Alles gäbe! — Hier — meine Laatschen an Deine bisher von rauhem Leder bedeckten Füße — hier mein Schlafrock zur weicheren, wärmenden Hülle und — — hier meinen von einem tunesischen Seeräuber mit eigner Hand erbeuteten Fez — — — so — — — und nun — o Liebling des Mars, mach’ Dir es bequem auf dem schwellenden Sopha — —!«

Und richtig saß binnen fünf Minuten der edle Vaterlandsvertheidiger, angethan mit Schlafrock, Laatschen und Fez, ein nicht sehr geistreiches Lächeln auf den Lippen, auf dem Sopha, indeß M. in seine Stiefeln fuhr, seinen Anzug herbeischleppte und — ohne wegen seiner verschiedentlich erscheinenden Blößen in Verlegenheit zu gerathen, in kaum glaublicher Schnelle vollständig Toilette zum Ausgehen machte.

»Sie sein zu gitig!« sagte schmunzelnd der »Liebling des Mars«, im Sopha lehnend. »Nee so freindschaftlich — na — mir wer’n uns schon vertragen! — Aber — wo woll’n Se denn hin?« frug er, als jetzt M. seinen etwas schäbigen Calabreser eifrig abbürstete.

»Ich? Du fragst noch — Freund meiner Seele? — Ich gehe, um den nun einmal zum Leben unentbehrlichen schnöden Mammon aufzutreiben — denn — siehe — o Bruder — kein Stümpfchen Licht zur Beleuchtung dieser traulichen Hallen, keinen Spahn Holz und kein Stücklein Kohle zur Speisung des stattlichen Ofens, kein Stücklein Brod und — — keinen Pfennig Geld nenne ich mein! — Aber — verzage nicht — ich habe da unten — wo die Schlösser der Hauptstadt stehen — in Dresdens lachenden Gefilden — einen Oheim — zu dem eile ich auf dem Rappen des Schusters, und habe ich von ihm des Mammons Fülle erbettelt, so nah ich auf des neu errichteten Dampfrosses beflügeltem Rücken, und bringe dem harrenden Gaste der köstlichsten Speisen in Menge!«

Immer länger war das Gesicht des guten »Schützen« während dieses Sermons geworden, jetzt sprang er aber vom Sopha auf und sagte entrüstet:

»I — nu — das geht doch nich, mei Gutster! Wie lange soll denn das dauern?«

»Erzürne Dich nicht — o — Freund! Ich eile; binnen vier, höchstens fünf Tagen schon trägt mich auf’s Neue das Dampfroß in Deine Arme!«

»Was?! — Schwafeln Se doch nich so dumm! — I! Zum Donnerwetter! Da könnte ich derweile verhungern! Ich sehe’s schon ein — Sie wär’s egal. Nee — so dumm sin mer nich, da geh’ ich lieber in de Caserne — das wäre noch scheener — — —«

Und weiter raisonnirend warf sich der undankbare Gast, trotz der schmerzlichen Miene seines Gastfreundes, schleunigst die Kleidungsstücke desselben wieder von sich, zog seine Stiefeln fluchend an, umgürtete sich, sackte den Tornister und stülpte den Kriegshut auf, nahm sein Gewehr und — — — ward nicht mehr gesehen! O. M. aber kleidete sich nach dem Entfliehen seines Gastes ruhig wieder aus, legte die von Letzterem verschmähten Gewänder wieder an, stopfte sich eine neue Pfeife, legte sich aufs Sopha und — erzählte mir mit stoischer Ruhe, nachdem sich meine Lachlust endlich wieder gelegt hatte, die Räubergeschichte von: »Sixtiniano, dem furchtbaren Banditen«.

III.
Die Südvorstadt.
Ein Sonntagsausflug vor fünfzig Jahren.

Wenn man jetzt durch die Straßen der mächtig emporwachsenden Südvorstadt schreitet und dann, rechts abbiegend, den Rennplatz umgeht und sich, auf einer Bank des sorgfältig gepflegten Scheibenparkes Platz nehmend, dann um vierzig Jahre zurückversetzt und an die damaligen idyllischen Zustände dieser Stadtgegend denkt, schüttelt man wohl unwillkürlich über die Vergänglichkeit alles Irdischen und doch wieder über das unermüdliche Schaffen der Menschenhand das Haupt und ein Lächeln über diese Erinnerung an die — ach so schöne — Jugendzeit, huscht über das alternde Angesicht. Hat sich doch gerade die Südvorstadt, die ursprünglich von der Natur sehr stiefmütterlich beanlagt war, zu einem der schönsten und wohl auch am zahlreich bevölkertsten Stadttheile emporgehoben, sie, die selbst noch zu Zeiten des unvergeßlichen Turnfestes, also vor kaum 30 Jahren, noch nicht einmal in den Kinderschuhen ihrer Entwickelung stand. Außer dem Peterssteinweg mit seinen alten niedrigen Häusern, welche seitdem zum guten Theil ebenfalls Neubauten gewichen sind, standen, pflichtgemäß jedem Fremden als hervorragende Sehenswürdigkeiten Leipzigs bezeichnet, das Römische Haus und diesem gegenüber am Ende der kleinen Burggasse das wohl zehn Stock hohe Seilerhaus, dessen Besitzer, ein unter die Originale des alten Leipzigs gehöriger, ebenso reicher, wie besonders zur Weihnachtszeit sehr mildthätiger Seilermeister, noch einen anderen nicht auf all zu große Reinlichkeit schließenden Beinamen führte. Hinter dem Seilerhause befand sich das Bad des Altmeisters der Fischerinnung Händel und an dasselbe schlossen sich bis zur Pleißengasse die zahlreichen Fischerhäuschen, keines höher, als daß nicht ein mäßig großer Mann bequem auf das Dach hätte langen können, mit kleinen am Pleißenufer gelegenen blühenden Gärtchen, eine echte und rechte Fischercolonie. Mitten hinein in die Breite der Kleinen Burggasse, sich mit dem linken Seitenflügel an das alte Gerichtsamt, damals Bezirksgericht I, lehnend, stand das einstöckige sogenannte Töpferhaus, über dessen niederer Hausthür ein in Stein gehauener Töpfer mit Zipfelmütze auf dem Kopfe und der Pfeife im Munde, bei seiner Arbeit abgebildet war. Dann kam der alte Petersschießgraben, dessen Hauptfronte, wenn im Saale des ersten Stockes Tanzmusik war, Complimente machte und neben dem Römischen Hause die alte »Grüne Linde«, welche mit der »Dürren Henne« — jetzt Bamberger Hof, Windmühlenstraße — und dem noch jetzt existirenden »Blauen Roß« am Königsplatz, die drei größten Ausspannungsgasthöfe des Südviertels bildeten. Zum Petersschießgraben gehörten, nach der Zeitzer Straße zu, noch einige ebenso niedrige Hütten wie die Fischerhäuser, denen gegenüber an der Ecke der jetzigen Emilienstraße das sogenannte »Storchnest«, ein uralter, großer, der Stadt gehöriger Oekonomiehof, auf dessen Dach sich als Wahrzeichen ein alle Jahre besiedeltes Storchnest befand und dann — ja dann war es mit den Häusern, da sich auch das alte Zeitzer Thor hier befand, zu Ende. Halt! Doch nicht, mitten in den Gärten und Getreidefeldern lag rechts an der Straße, der Stolz des damaligen vergnügungssüchtigen Leipzigers, das Tivoli; außer dem Waldschlößchen in Gohlis und dem Helm in Eutritzsch, wohl damals das am stärksten frequentirte Tanzlocal der soliden Leipziger Bürgerschaft. Weiter unten, rechts im Thale, stand das Gosenschlößchen (jetzt Schubert’s Ballhaus), dann die Brandbäckerei und das 1866 auf so schauerliche Art abgebrannte Feldschlößchen, letzteres mitten im Felde. Die Ansprüche an das Leben und seine Vergnügungen waren damals natürlich weit bescheidener als jetzt, und es war nicht gegen den guten Ton, wie man jetzt in durchaus falscher und überflüssiger Prüderie fast durchgängig annimmt, wenn Vater Sonntags beim Spaziergang nach einem Etablissement auch Muttern mal im Tanze schwenkte! Schreiber dieses weiß noch ganz genau, wie mißbilligend zwar Vater jedesmal die Miene verzog, wenn er sah, daß Mutter zum Spaziergang nach der Brandbäckerei, zwei, drei steifgestärkte weiße Röcke anzog, aber — er protestirte nicht. Mutter plagte sich die ganze Woche über, gleich ihm, ehrlich und tummelte sich rechtschaffen, die bescheidene Sonntagsfreude verkümmerte ihr Vater nie. Und so ging es denn hinaus ins sonnige Freie durch die Münzgasse und über den kaum ellenbreiten Steg, der über den Floßgraben auf den Floßplatz führte. Der Floßgraben, welcher die ganze Länge des Floßplatzes durchströmte und auf welchem das Rathsfloßholz auf dem einfachsten Wege vom Gebirge bis nach der Stadt herabschwamm, um auf dem Platze selbst in zahlreichen riesigen Stößen zum Trocknen aufgeschichtet zu werden, ist heute ebenfalls verschwunden. Dann führte der Weg an der Schimmelei — Schimmel’s Gut mit der Insel Buen Retiro — vorüber, immer zwischen Gärten, bis hinaus auf die Brandbäckerei, wo bei Kaffee, die Portion mit fünf Tassen, für zwei gute Groschen und delicatem Kaffee- oder Käsekuchen, das große Stück für einen Sechser, in einer der prächtigen Lauben Platz genommen wurde. Dies war für uns Kinder. Nach einer oder zwei Stunden ging es dann zurück, Vater wollte nun seine Gose trinken. Der prächtige Garten des Tivoli erstreckte sich damals bis zum Brandweg, der jetzigen Dufourstraße, hinunter und hatte hier ebenfalls einen Eingang. Durch diesen traten wir nun ein, und indeß Vater die dickbauchige Gosenflasche mit Kennermiene balancirte und einschenkte, tummelten wir uns froh in dem geräumigen Garten. Die Töne der Tanzmusik unter Vater Wenck’s gediegener Leitung drangen deutlich und lockend heraus durch die geöffneten Thüren. Vatern wurde es bei denselben allmählich etwas unbehaglich, denn immer deutlicher wippte Mutter bei jedem neuen Tanze mit dem Fuße und ihr gutes freundliches Angesicht nahm allmählich bedenkliche Mienen an. Da — endlich, als ein schöner ruhiger Walzer begann, erinnerte sich Vater energisch seiner sonntäglichen Pflicht. Vorsichtig legte er die Cigarrenspitze auf den Tisch, räusperte sich vernehmlich, bot dann Muttern voll Grandezza die Hand, und, bewundert von ihrer ehelichen Nachkommenschaft, drehten sich gleich darauf Beide im Tanze auf dem spiegelglatt gebohnten Saale. Hei, wie flogen da die aufgebauschten Röcke unserer Mutter, und die langen Schöße von Vaters Sonntagsrock, aus dessen hinterer Tasche die Enden eines neuen rothseidenen Taschentuches zierlich herausschauten, flatterten hinterher. Vaters Auge blickte zwar etwas stier, denn er konnte das Drehen nicht vertragen, aber Mutter hielt fest und wankte nicht, bis der Walzer zu Ende war. Aufatmend stand dann Vater erst einen Augenblick, um sich über den Ausgang zu orientiren, dann aber zog er das bewußte Rothseidne hervor und mit Genugthuung und männlicher Würde führte er, von uns Kindern im Triumph begleitet, seine wieder in Güte strahlende bessere Hälfte zurück in den Garten. Noch ein oder zweimal und zwar in der Regel bei dem schönen Schottisch:

»Meine Mutter schickt mich her, ob der Kaffee fertig wär —
Sag Deiner Mutter ein Compliment und der Kaffee wär’ verbrennt! etc.«

oder zum Contre, bei welch’ letzterem alle Zierlichkeit der früheren Tanzweise entfaltet wurde, mußte Vater ins Geschirr, wie er sich wohl dann und wann ausdrückte, dann aber hatte Vater Ruhe. Er hatte dann seine zwei Gosen, Mutter ihre Tänze, wir unsern Kuchen und heim ging es wieder, denn der Abend nahte heran und mit ihm die Zeit des Abendbrodes, nach welchem wir Kinder ein für allemal ins Bett mußten.

IV.
Das Gutenbergfest 1840.

So verhältnißmäßig einfach nun auch vor 40—50 Jahren die Bürger und Einwohner Leipzigs in ihrer Häuslichkeit lebten, trotzdem es schon zu jener Zeit sehr reiche Leute in der Stadt gab und wirklich Arme nur wenige vorhanden waren, so gastfreundlich und splendid war doch die ganze Bevölkerung, wenn es galt, nationale oder sonst für die Wissenschaft, Kunst oder Cultur bedeutungsvolle Feste zu feiern, und dieser hohe Sinn, zu dem sich noch stets eine offene Hand bei auswärtigen oder heimischen Unglücksfällen gesellte, hat sich Gott Lob bis zum heutigen Tage erhalten.

Eines der bedeutendsten Volksfeste der damaligen Zeit war das am 24., 25. und 26. Juni 1840 in Leipzig zu Ehren Gutenbergs und der Erfindung der Buchdruckerkunst gefeierte »Vierhundertjährige Jubiläum der Letzteren«.

Mittwoch, den 24. Juni versammelte sich die Kramer-Innung am Kramerhause, Ecke des Neumarktes und des Kupfergäßchens; die Mitglieder der Universität, Rektor, Professoren etc. und Studenten im Hofe des Mauricianums; die Buchhändler in der Buchhändlerbörse in der Ritterstraße und die Buchdrucker, Setzer und Schriftgießer in ihrem Innungslokale und zogen unter Glockengeläute von da ab auf den Marktplatz, wo die Communalgarde Spalier bildete. An der nördlichen Seite des Marktes, vom goldenen Brunnen bis zur Hainstraße, also wo jetzt das Siegesdenkmal steht, war eine große Tribüne errichtet für den hohen Rath, die Offiziere der Garnison, die auswärtigen Deputationen und Damen derselben. Mitten auf dem Markte bei der mittelsten Laterne stand ein drei Ellen hohes und 16 Ellen langes, gleich der Tribüne reich dekorirtes Podium, auf welchem 2 Pressen und 1 Schriftgießerei verhüllt standen, neben an, ebenfalls verhüllt, stand auf hohem Postament die vom Töpfermeister Funk kunstvoll angefertigte Statue Gutenbergs in Lebensgröße. Auf den Söllern des Rathhauses und des demselben gegenüber liegenden Aeckerlein’schen Hauses waren zwei Musikchöre postirt, welche den Festzug der vorgenannten Corporationen mit Musik begrüßten. Nach einer feierlichen Festrede und einem gemeinschaftlichen Gesang, fielen die Hüllen von der Statue und den Maschinen und letztere traten in Thätigkeit.

In der Buchhändlerbörse war große Ausstellung alter Schriften, Pressen und Bücher. Nach dem Festaktus auf dem Markte war feierlicher Gottesdienst in den Leipziger Kirchen, am Abend aber allgemeine Illumination der Häuser der inneren Stadt.

Vor dem Grimmaischen Thor, auf dem Augustusplatze war vom Zimmermeister Richter, der auch die Tribüne und das Podium errichtet hatte, eine stattliche Festhalle — »wie Leipzig in solcher schöner Gestalt noch nie gesehen«, sagt eine Urkunde mit dem Festbericht aus jenen Tagen — erbaut worden. Dieselbe nahm fast die ganze Länge und Breite des Platzes rechter Hand vom Fahrweg ein und in derselben war am 24. Abends großer Commers, am 25. aber, von Nachmittag an bis fast zum anderen Morgen großer Ball der Honoratioren und geladenen Festgäste der Stadt. Am 26. Juni aber war allgemeines Volksfest. Früh begann dasselbe mit einem großen Festzug, in welchem alle Gewerke mit ihren Insignien vertreten waren, durch die Straßen der Stadt und zuletzt zum Gerberthore hinaus auf den großen Festplatz, den Wiesen gegenüber von Pfaffendorf, also da wo jetzt die Yorkstraße und ein neuer Stadttheil steht. Auf den vier Ecken des Platzes waren Tanzböden zur allgemeinen freien Benutzung errichtet, zu denen der Rath der Stadt die Musik besoldete. Für die Jugend fanden allerlei Preisspiele wie Wettrennen, Vogelschießen, Hahnenkampf, Sackhüpfen, Stangenklettern und Topfschlagen statt, auch waren zahlreiche Caroussels vorhanden. Geräumige Restaurationszelte spendeten gegen landesübliche Münze Speisen und Getränke. War das ein Leben! Hier führte ein schmucker Altgeselle im besten Sonntagsstaate, angethan mit blauem Frack mit blanken Knöpfen, gelben Nankinghosen und ditto Weste, den unvermeidlichen haushohen Cylinderhut auf dem Kopfe, des schmunzelnden mit seiner Eheliebsten beim »Teppchen Braunbier« sitzenden Meisters Töchterlein zum Tanz und polkte, zierlich »Schiebekästchen« und »rechtsum—linksum« machend, beneidet von seinen Mitgesellen und bewundert von den Lehrjungen, auf den nur flüchtig abgehobelten Brettern dahin. »Mamsell Louischen!« flüsterte er ihr dabei in das rosige Ohr »Ach — wenn — ich erst Meister bin — — —!«

Hier stockt der Biedere verlegen, aber ein beredter Blick Louischens sagt ihm, daß sie ihn dennoch verstanden hat und — — — ganz seiner Meinung sei — — und beglückt segelt das junge Paar weiter, daß die Frackschöße nur so fliegen und die langen Enden des zierlich und kunstvoll geknüpften seidenen Halstuches im Winde flattern, als beabsichtigten sie, ihr intimes Verhältnis mit den steifgeplätteten Vatermördern durchaus aufzugeben. — — —

Dicht daneben waren zwei Pfähle etwa 3 Ellen von einander in die Erde geschlagen und beide oben durch einen Strick verbunden. An dem Strick hingen, durch einen Faden festgehalten dicht neben einander »Sechserknackwürste« und echte »Wiener Sausischen« männiglich bekannt als Meister Stöpels wohlrenommirtes Fabrikat. Eine Anzahl größere Jungen und halbwüchsige Lehrbuben steckten bis zum Hals in Getreidesäcken, so daß nur der Kopf und obere Hals frei blieb und bemühten sich in dieser Situation nach den etwa ein viertel Elle über ihren Köpfen baumelnden Würstchen hinaufzuspringen, um ein solches mit dem Munde herabzureißen, die auf diese Weise erkämpften Würste waren dann ihr Eigenthum. Die komischsten Capriolen waren bei diesen Bemühungen geradezu unvermeidlich. — — —

»Ja — un am Sonntage bist de mit der dicken Emile, vom Bäcker Winter, bis früh um Dreie im »Wettiner« gewesen, un mir sagst de, daß de Wache hättst! Foi Deibel!« sagte eine schlanke Vertreterin der dienenden Classe zu einem flott aussehenden Oberjäger der Garnison, der — die mit des Königs Namenszug versehene zweizipfliche Mütze keck aufs Ohr gedrückt, schuldbewußt vor der zürnenden Küchenhebe den Kopf senkte.

»Aber Carline — — —.«

»Mit uns hat sich’s aus carlint« raisonnirte die Schöne zungengeläufig weiter, bis die lockenden Töne eines Walzers vom nahen Tanzboden an ihr Ohr schlagen — — ach — — Otto — — der Ungetreue tanzt so schön! Der Schwerenöther weiß die Gelegenheit sofort zu benutzen.

»Carlinchen — nur den Walzer noch!«

Caroline schwankt, aber kühn umfaßt Otto ihre Hüfte — und — im nächsten Augenblick neigt sie versöhnt das eben noch so finstere Angesicht auf die Schulter des flotten Jägers und mit dem sanften Wiegen im Tanze verfliegt ihr Zorn und aufs Neue schwört sie zu der grün-weißen Fahne der sächsischen Armee. — —

So nahte der Abend heran und die Studenten ziehen mit Fackeln in den Händen im langen, von Musikbanden begleiteten Zuge vom Festplatz nach der Stadt und durch die Straßen, und als sie auf dem Marktplatz den Zug beenden, tönt brausend unter dem Zusammenwerfen der noch glimmenden Fackeln ihr »Gaudeamus igitur« zum sternenbesäten Himmel empor. — — Auf dem Festplatz aber geht es bis spät in die Nacht lebhaft zu, wenn auch der Tanz mit der elften Stunde sein Ende erreicht. Aber Alles verläuft in schönster Ordnung und die Communalgarde, welche den Aufsichtsdienst in diesen Festtagen mit versah, rückt ebenfalls, begleitet von Weib und Kind, in der Nacht wieder in die Stadt ein, im erhebenden Bewußtsein, auch in diesen Tagen ihrer beschwornen Bürgerpflicht gewissenhaft genügt zu haben. — — — Ja — die Communalgarde — sie war der Kern der Leipziger Bürgerschaft in Waffen und schon ihre öffentlichen Exercitien schufen wahre Volksfeste. Wie es aber bei denselben zuging, dies sei im nächsten Capitel wahrheitsgetreu geschildert.

V.
»Die Communalgarde rückt aus!«

Die Communalgarde Leipzigs, eine Nachfolgerin der 1812 durch den französischen Stadtkommandant auf direkten Befehl des Kaisers Napoleon ins Leben gerufenen Nationalgarde, vereinigte in ihren Reihen die sämmtlichen zum Waffentragen geeigneten, gesunden Bürger Leipzigs aller Stände ohne Unterschied. Sie hatte den Zweck, gewissermaßen das damals nur wenige Militair durch Mitübernahme des städtischen Wacht- und Sicherheitsdienstes gewissermaßen zu entlasten. Eine ihrer Abtheilungen hatte bei Ausbruch von Schadenfeuern stets die Cordons zu ziehen, indeß eine andre allabendlich eine Wache im Stockhaus am Naschmarkt bezog. Kriegerisch thätig ist die Communalgarde, außer 1849 im Aprilaufstand zu Leipzig, bei welchem die Bürgergarde im Kampfe mit den Aufständischen drei Mann verlor, nie gewesen. Sie war eine friedliche Truppe und selbst die Wache im Stockhaus war wohl mehr der Form als der Nothwendigkeit wegen vorhanden. Kriegerische Lorbeeren waren bei dieser »Käsekuchen-Wache«, wie sie im Volksmunde hieß, von vorn herein ausgeschlossen, da sich das Wachtlokal dicht neben der Polizeiwache befand, so daß man nicht wußte, ob die Communalgarde zum Schutze der Polizeiwache, oder diese zum Schutze jener vorhanden sei.

Das Einexerciren resp. Trillen der neu eintretenden Mannschaften erfolgte gewöhnlich im »Wettiner Saal«, einem jetzt ebenfalls verschwundenen Tanzetablissement, welches in der »blauen Mütze« ziemlich versteckt lag und Sonntags den Soldaten und Dienstpersonal als Vergnügungsstätte diente.

Zum Eintritt in die Garde war jeder Mann verpflichtet, der das damals nur mit großen Kosten zu erlangende Bürgerrecht erwarb.

Nun — in jenen idyllischen Zeiten, wo nur wenig Militair vorhanden war, gönnte man den wackeren Bürgern gern die harmlose Spielerei, ab und zu im militairischen Kleide, angestaunt von den Ihrigen, zu prangen, und wenn auch jeder einzelne Gardist über die dienstliche Schuriegelei, wie er es nannte, raisonnirte, innerlich war er doch gern dabei; gab es doch dadurch manche Gelegenheit, der strengen Aufsicht der Frau Gemahlin ab und zu unter dem Vorgeben dienstlicher Abhaltung ein Schnippchen zu schlagen, zumal Aermere stets kameradschaftlichst von den besser Situirten mit durchgeschleppt wurden, wenn die Zahl der Mai- und anderen Bowlen auf Wache bedenklich wuchs oder der nie fehlende Käsekuchen zu delikat war und noch andere lukullische Genüsse nach sich zog.

Und nun erst, wenn es hieß: »Die Communalgarde rückt aus!«

Dieses Ausrücken fand in der Regel monatlich einmal im Sommer statt und endete mit einem Exerciren im Feuer, zu welchem Zwecke jeder Gardist 4—6 Platzpatronen und ein Dutzend Zündhütchen empfing. War ein solcher feierlicher Tag gekommen, so entstand schon gegen Mittag das lebhafte Treiben eines Volksfestes in den Straßen. Von 1 Uhr an sah man die Gardisten in möglichstem Glanz, angethan mit Ober- und Untergewehr, zur Feier des Tages »auf Befehl« in weißen Unaussprechlichen, den Sammelorten ihrer Compagnien zuschreiten. Und etwas später trabten die Angehörigen der schmucken Escadron, mit ihren weißen Mänteln auf dem Rücken, ebenfalls denselben zu. Diese, nach der Uniform der sächsischen Gardereiter gekleidete Escadron, aus besonders günstig situirten Leuten gebildet, welche auf eigenen Pferden gut beritten waren und die auch ein eigenes Corps gut geschulter Trompeter hatte, bildete einen Glanzpunkt des ganzen Auszugs. Der zweite und für die Meisten bedeutendste Glanzpunkt aber war die vorzügliche unter Meister Wenck’s kunstsinniger Leitung stehende Musik der Communalgarde. Wenn die einzelnen Bataillone von ihren verschiedenen Sammelpunkten zusammengetroffen, was meist an der östlichen Promenade geschah, so dehnte sich die Aufstellung der 4 Bataillone vom Blücherplatz bis zur Post aus und hier wurden die Leute von ihren selbstgewählten Unterofficieren und Officieren rangirt. Commandant war meist ein zu diesem Zwecke von der Armee abgegebner Subalternofficier, Ende der fünfziger Jahre Oberlieutenant Neumeister, der aber hier Majorsepauletten trug. Schon bei dem Rangiren auf dem Stellplatze ging es nicht ohne drollige Scenen ab.

»Aber — heern se Gevatter Lehmann — ä gleenes Bischen besser hätten se doch wees Gott de Kneppe an der Montirung butzen kennen, mer gomm’n orndlich in’n Verruf mit unser Gorporalschaft!«

»Ich hat grade keen Spiritus derheeme un meine Kleene hats Gnobholz als Linial mit in de Schule genomm’n und dort liegen lassen!«

»I nu wenn och — — un Sie — — Brickner — ham Gott Strampach gar statt de weißen, meisegraue Hosen an — nee, da heert Alles uff!«

»I — meine Frau — das Luderchen war rackrig, weil se heite emal zu Hause bleib’n muß un — richtig — wie ich in de weißen Hosen fahren will — sin se noch klitschennaß — —«

»Na aber — da gonnten Se doch wenigstens schwarze anziehn!«

»Die hatten vor’n Jahre hinten ä Knacks gekriegt un da hab’ch se mein Adolf zur Confirmation machen lassen un Geld zu ä baar neien hat’ch noch nich!«


Vor und hinter der Front trieben sich natürlich und zwar möglichst in der Nähe ihrer im militairischen Schmuck prangenden Erzeuger, Hunderte von Jungen aller Altersclassen herum.

»Du — das is mei Vater!«

»Welcher denn!«

»Der mit dem rothen Fähnchen uff der Flinte — wees de, was der is? Gorporal is er, und weil er die kleene Fahne hat, nennt mer’n ooch Schallonär!«

»Der Kleene mit den krummen Beenen?«

Furchtbare Keilerei folgte diesen Worten.

Endlich kam der Commandant mit seinem Adjutanten angaloppirt. Die Compagnien standen rangirt und marschfertig.

»Ich bitte Eich blos«, flehte ein Hauptmann seine Leute an, »macht mer ene ordentliche Schwenkung, un ja Keener links statt rechts um, die Studenten ham’s eemal heute wieder reene uff uns abgesehen, und looft nich so durchenander, wie de Horburger Zwiebellaatscher — —«

»Achtung!« commandirte der Commandant, »zu Zweien abgezählt — — Zweien ausgerückt — — rechts um — — vorwärts Marsch!«

Die prächtige Musik fiel ein, die Trompeten der Escadron erklangen, die Keilerei der Jungen endete mit einigen letzten Püffen und Kopfnüssen, und wie eine buntschillernde Schlange wand sich der Stolz der Leipziger Frauen und Kinder im möglichsten Gleichtritt um Promenade und zur Gerberstraße oder dem Rosenthalthore hinaus dem kaum zehn Minuten entfernten alten Exercirplatze zu.

»Meester — se ham rechts statt links!«

Der Angeredete hoppste mit den Füßen.

»Se ham zweemal gehoppst statt blos emal, Se ham immer noch rechts!«

Der Sünder brummte etwas in den Bart, hoppste aber noch einmal, diesmal besser. — —

»Heinrich — kommt Deine Alte och ’naus?«

»Na — ob — de ganze Familie — S’is aber ooch zu scheene heite! — — —«

Auf dem alten idyllisch gelegenen Exercirplatz der damaligen kleinen Garnison, der zwischen Gohlis und der Gerberstraße — weiter erstreckte sich damals die Stadt nicht — liegt und der das Rosenthal im Rücken hat, standen zu den Zeiten, wo die Communalgarde exercirte, riesige Restaurationszelte aufgeschlagen, deren bunte Fahnen und Wimpel gar lustig im Winde wehten. Lager- und Bayerisch Bier, aber auch Braunbier in steinernen Flaschen, sowie Gose, vor Allem aber die Düfte, welche die in den Blechkesseln brodelnden Stöpelschen echten Wiener Würstchen verbreiteten, ließen lucullische Genüsse erwarten, und Mancher der nach dem kurzen Marsch auf den Platz rückenden Gardisten hob schon von der Ferne schnüffelnd sein Riechorgan und ein mildes Lächeln verdrängte die finstere Miene von der Stirn des von der Schwere eines viertelstündigen Marsches angegriffenen kriegerischen Bürgers. Der Commandant, der seine Leute kannte, hatte denn auch ein Einsehen, denn nach glücklich vollzogenem Aufmarsch ließ er die Gewehre zusammensetzen und die Mannschaften wegtreten. Die den Marsch begleitenden oder ihm vorausgeeilten Frauen oder Kinder der gewappneten Bürger hatten mittlerweile bereits in ihrem Stammzelte Quartier gemacht und empfingen nun den Gatten und Vater, und nun flogen die befrackten dienstbaren Geister, daß es eine Lust war.

»I Herrjeh, Meister Werner, is denn das Ihr Kleenster? Wie alt is er denn?«

»Elf Monate — ä dichtiger Kerl, nich wahr?« antwortet der Meister stolz und setzt das bewußte jüngste Glied seiner zahlreichen Familie auf seinen Schoß. Plötzlich aber hebt er höchst ärgerlich den Knaben empor und übergiebt ihn den Händen der ahnungsvollen Gattin.

»Schweinigel!« murmelt der glückliche Vater erzürnt, »s’is mer, weeß Gott, durch un durch gegangen!« und eifrig wischt er an seinen unschuldsfarbenen Unaussprechlichen.

Da rufen die Hörner zum kriegerischen Dienst und die Gardisten streben mehr oder minder eilig ihren Compagnieplätzen zu.

»Heernse Müller —« sagt der Hauptmann einer Compagnie — seines Zeichens sonst Advocat und deshalb etwas streng im Dienst, zu einem Gardisten, der in einer Hand das Gewehr, in der andern ein Paar dick mit Senf bestrichene Wiener Würste mit Semmeln hält »das nehm’s Se mer aber nich ibel — komm’n Se gar mit den Würsten in der Hand ins Glied geloofen, da heert doch alles uff!«

Der Angeredete hat mittlerweile zwei so riesige Bissen von den Würsten und der Semmel genommen, daß er — im Begriffe zu antworten — ein Stück Wurst in die unrechte Kehle kriegt; er verdreht schrecklich die Augen, so daß ihm sein Rottenmann freundschaftlich und hilfreich wiederholt ins Kreuz pufft, worauf ihm ein kräftiger Hustenanfall wieder die zur Existenz nothwendige Luft verschafft.

»De Schinderei is zu arg« murmelte er pustend, »nich ä mal seine beeden Würstchen gann mer in Ruhe verzehr’n!«

»Müller! Wenn Se nu de Würste nich gleich verschwinden lassen, zeige ich Sie an und sie kriegen ä baar Strafwachen!« raisonnirt der Hauptmann weiter.

»Herrjeh — wo soll ich se hinthun — ich gann se doch nich ins Gras schmeißen?«

»Weeßt De, Emil«, flüsterte ihm sein Hintermann zu, »steck se in de Patrontasche!«

»Du — da hast De Recht!« Erfreut öffnet Müller die Tasche, da sieht er die Platzpatronen.

»Nee —« sagt er weiter, »das geht nich — die heeßen Wärschte und das Pulver — wenn nachher die Geschichte losginge — — —« und mit heroischem Entschluß schenkt er die trockne Semmel einem hinter der Front stehenden Knaben und schiebt dann mit einem Mal den Rest der beiden Würstchen in den Mund. — — —

Das Exerciren beginnt und stolz und staunend sehen die Familienglieder, wie ihr Gatte und Vater im Schweiße seines Angesichtes rechts und links um macht, schwenkt und aufmarschirt.

»I du meine Gite!« sagte Frau Schulze zur Frau Meier. »Sehen Se blos — se laden werklich de Gewehre — wenn nur meiner nischt neinthut in seine Flinte, denn der hat allemal Malheur damit — un losgehn thut se doch nicht!«

Die muthigen Gardisten bereiten sich nun auf Befehl des Commandeurs zum Sturm auf die am oberen Wege beim Eingang von Gohlis sitzende alte Obstfrau vor. Die Plänkler rennen im soliden Hundeträppchen vor die Front und zeigen durch allerhand schreckliche Geberden mit der guten alten Flinte einem unsichtbaren Feind an, daß sie ihm mit der ganzen Tapferkeit alter schlachtergrauter Germanen an den Kragen gehen wollen; die Musik fällt rauschend ein, was die Courage der Plänkerer sichtlich erhöht, die Tamboure wirbeln — die Bajonette senken sich —

»Zur Seite Gewehr! — Vorwärts — Laufschritt — Hurrah! — — Haalt! — — Legt an! — Feuer!« — — Prasselnd krachen die Schüsse aus den Gewehren und der angenehme Geruch des Pulverdampfes steigt kitzelnd und erhebend in die Nasen der tapferen Gardisten und macht ihren Busen in Kampfesmuth schwellen.

»Heite sin wenigstens die Hälfte Gewehre losgegangen«, sagt die alte Pauline, die obenerwähnte Obstfrau, welche die Leistungen der Truppe infolge langjähriger Beobachtungen gleich einem Commandanten zu beurtheilen vermochte, »so scheene fällts nich allemal aus!« — — —

Die kriegerischen Uebungen neigen sich ihrem Ende zu. Die Compagnien nehmen am oberen Wege Aufstellung mit der Front nach den Zelten. Der Commandant reitet auf die linke Seite in der Mitte der Entfernung zwischen Garde und Zelten. Der Schlußactus des Exercirens, der Vorbeimarsch in Compagnien, in Parade vor dem Commandeur, beginnt.

»Das mer Alles mit dem linken Beene antritt un nich wieder welche mit’n rechten, wie’s letzte Mal Viele, und der rechte Flügel immer e Bischen eingezogen marschirt, die uff’n linken Flügel ham nich solche lange Beene wie Sie, meine Herrn von rechts, un bleiben sonst zurück! Herr Leitnant Krause, wenn die Compagnie vor uns sich in Bewegung setzt, zählen Sie recht laut die Schritte; das Defilliren is mit dreißig Schritt Abstand befohlen! — Passen Se also ja gut uff!«

Die Abtheilung der Trommler schlägt ein und schreitet vorwärts, hinter ihr folgt die Musik.

»Bum!« schlägt die große Trommel an und mit einem kriegerischen Marsch fällt die Musik ein.

»Erste Compagnie zum Defiliren in offener Colonne! Vorwärts, Marsch!«

»Eins — Zwei — Drei — Vier — Fünf — Sechs!«, zählt der diensteifrige Lieutenant.

»Kinder, paßt gut uff!« ruft der Hauptmann.

»Zwölf — Dreizehn — Vierzehn — Fünfzehn — —«

»Gewehr in die rechte Hand!«

»Vierundzwanzig — Fünfund — — —«

»Compagnie — Vorwärts — — Marsch!«

»Links — links — links — Augen links!«

Die Gardisten wenden das Angesicht nach links, dem salutirenden Commandanten zu, an dem sie jetzt in passabler Richtung vorbeimarschiren.

»Ueber’s Gewehr! — Los — rechts um — links schwenkt — sooo — sehn Se meine Herren, so muß es immer gehen! — Ham Se gesehen, Leitnant Krause, wie dem Herrn Commandant unsere Compagnie gefiel? Na — wir trinken nachher noch ein Fäßchen kameradschaftlich auf meine Kosten! Setzt die Gewehre — — zusammen! Tretet ab!«

»Weißt Du, Paul«, sagt die junge niedliche Frau des Apothekers Krause, indem sie zärtlich den mit der weißen Binde geschmückten Arm des ihr erst vor Kurzem angetrauten Gatten faßt — »Du siehst in Deiner Lieutenantsuniform wie ein junger Kriegsgott aus.«

Der geschmeichelte Lieutenant lächelt beglückt und nimmt sich zum Dank für diese Lobrede ernstlich vor, seinem kleinen Weibchen die Mantille, die ihr bei Steckner so gut gefallen hat, gleich morgen zu kaufen, sie muß seiner Lili reizend stehen.

Im Hauptzelt aber, mitten unter den Bürgergardisten, sitzt der Commandant und eine Anzahl Officiere, ebenfalls meist mit den Ihrigen, und hier kommt auch Gott Bacchus zu hohen Ehren, bis der Abend herannaht und die Truppe wieder zum Gewehr eilt, um in die Stadt zurückzumarschiren und am Stellplatz auseinanderzugehen. Vater gab dann wohl seinem Aeltesten oder dem eigens dazu beorderten Lehrbuben die feuerspeiende Waffe zum Heimtragen und ließ dabei Mutter sagen, daß er noch wegen verschiedener dienstlicher Besprechung ins Versammlungslokal der Compagnie müßte und deshalb leider noch nicht nach Hause kommen könnte. Mutter wußte aber ganz genau, was dies zu sagen hatte, drückt aber für heute ein Auge zu. — — —

»Sagen Se mal, Frau Nachbarin, wenn ist denn Ihr Mann nach Hause gekommen, meiner kam glücklich um Dreie!«

»Na — meiner erst — ’s war ooch um die Zeit — na — un gekooft hatt’r sich Een!«

»Ich hab’ mein’n aber ticht’g de Wahrheet gesagt!«

»Wissen Se — das kann ich bei meinem Mann nich, denn wenn er de Uniform anhat — da hat er seine militair’sche Laune — aber er kriegt sein Fett noch — warten Se nur!« — — —

Das war die wahrheitsgetreue Schilderung eines Sommernachmittags, an dem es hieß: »Die Communalgarde rückt aus!«

Längst ist diese Institution schlafen gegangen, aber wenn dieselbe auch keinerlei politischen Werth mehr hatte, so brachte sie es doch mit sich, daß sich die verschiedenen Kreise der Bürgerschaft näher traten, als dies jetzt möglich ist. Mancher Freundschaftsbund ward durch sie geknüpft, der noch bis zum heutigen Tage in alter Treue fest besteht, und darum ist sie es wohl werth, nicht ohne Weiteres als etwas längst Abgethanes, Veraltetes und Lächerliches vergessen zu werden.

Druck von Fr. Bartholomäus, Erfurt.

VI.
Der »hohe Seeler!«

Menschen, welche vermöge der angeborenen oder angewöhnten Originalität ihres Aeußeren, oder ihres Lebens oder Charakters eine besondere Beachtung finden, können nur in kleineren und allenfalls in Mittelstädten gedeihen. Im Getriebe der Großstadt treten sie um so weniger hervor, als in dem großstädtischen Hasten und Jagen nach Erwerb und des Lebens sonstigen, oft nur eingebildeten Gütern, der Einzelne nur wenig hervortritt oder seine Originalität nur einem kleinen Kreise bekannt wird. Diese — sogenannten — Originale theilen sich entweder in solche, welche ihren Wirkungskreis in das öffentliche Leben und Volkstreiben verlegen und andererseits wieder in solche, welche sich vom Verkehr mit der übrigen Welt möglichst abschließen, und wenn Erstere eben durch ihren Verkehr mit dem übrigen Publicum schnell bekannt werden, so geschieht dies in der Regel erst recht, wenn sich ein Mensch inmitten des bürgerlichen Lebens von der übrigen Welt aus irgend einem Grunde abzusondern versucht. Die liebe Neugierde, welche oft selbst da Geheimnißvolles sucht, wo ganz und gar nichts zu verbergen ist und die Verhältnisse offen vor Jedermanns Auge liegen, entwickelt in solchen Fällen eine kaum glaubliche Phantasie, und vermag man absolut nichts in den pecuniären Verhältnissen des sich Abschließenden zu entdecken, so kommt man schließlich auf allerlei Vermuthungen, von denen meist eine immer toller ist als die andere, keine aber toll genug, als daß sie nicht Glauben und ihre Nachbeter und Vergrößerer fände. Genau so liegt die Sache auch bezüglich derjenigen Originale, welche im öffentlichen Leben verkehren, und dasselbe geradezu aufsuchen, wenn die sonstigen Verhältnisse derselben nicht näher bekannt sind. Ein wahrer Sagenkreis spinnt sich bald um die betreffenden Personen und es ist kein Wunder, wenn sich dieselben zuletzt auf ihre Originalität selbst Allerlei einbilden und eine Beachtung finden, die sie im Grunde eigentlich in keiner Weise verdienen.

Auch in unserem Leipzig hat es, als sich seine Einwohnerzahl noch in den bescheidenen Grenzen des dritten Viertels vom ersten Hunderttausend bewegte, also vor 30—40 Jahren, niemals an Originalen gemangelt, und dieselben waren bei dem damals noch geringen Stadtumfang Jedermann wohl bekannt.

Eines derselben führte im Volksmunde den — mindestens seltsamen — Namen: »Der hohe Seeler!«, und trotz des eigenthümlichen Beiwortes war er von den damaligen bekannten Stadtoriginalen nicht blos das älteste, sondern auch ein sehr ehrenwerther Mann.

Ein gewissermaßen romantischer Winkel des alten damaligen Leipzigs war die kleine Burggasse, damals eine Sackgasse, welche westwärts nur einen Ausgang durch die schmale kaum mannshohe Hausflur einer an der Pleiße liegenden Fischerhütte hatte. Vorn, quervor — kaum zehn Schritte von der Zeitzer Straße — dem jetzigen Peterssteinweg — bis zwei Drittel in die Gasse hineinragend, stand angelehnt an das alte Bezirksgericht, nur links eine schmale Passage nach dem hintern Theil der Gasse lassend, das kleine Töpferhaus mit seinem Wahrzeichen über der Thür; hinter ihm war rechts die Mauer des Bezirksgerichts. Kaum zwanzig Schritte weiter, auf der linken Seite, nur rechts eine kleine Passage lassend, stand ein anderes kleines Haus, in welchem Dirnen zur Miethe wohnten. Hinter diesem Hause aber erhob sich — ein Wahrzeichen des damaligen Leipzig — thurmhoch und langgestreckt das »hohe Seilerhaus«, angestaunt, nicht blos von den Leipzigern, sondern auch, besonders zur Meßzeit, von vielen Fremden ob seiner gigantischen Höhe. Bis zum siebenten Stockwerke war es bewohnt, dann kamen einige Etagen Böden und zuletzt das langgestreckte, von einem Gitter umgebene flache Dach, auf welchem der Besitzer des Hauses, Seilermeister X. in alleiniger Gesellschaft eines das Rad drehenden Jungen und der das Haus umschwärmenden Vögel seine Spinnbahn aufgerichtet hatte. Oft, wenn stürmische Winde das Haus umsausten, so daß die Dachsparren knarrten und die Dachbalken seufzten, mag es wohl dem Jungen unheimlich auf der luftigen Höhe geworden sein, aber der Meister schien unempfindlich gegen das Walten der Elemente, ruhig und sicher setzte er seinen Rückschritt fort, selten kam ein Wort über seine Lippen, wohl aber blieb er manchmal wie träumend stehen und warf einen Blick auf das prächtige Rundgemälde, welches ihm die Natur hier oben auf der Höhe seines Hauses bot. — Das war im Sommer und allenfalls an schönen Frühjahrs- und Herbsttagen; im Winter und bei rauhem Wetter, das letzte Jahrzehnt seines Lebens aber, als ihm wohl seine allmälig abnehmenden Kräfte das Ersteigen der vielen Treppen nicht mehr gestatteten, das ganze Jahr über, hielt er sich in seinem Verkaufsgewölbe in der damaligen Zeitzer Straße auf und hier war es wo seine Originalität im Verkehr mit dem Publicum immer mehr bekannt wurde, ihm aber auch zugleich zu dem von uns bereits erwähnten Beiwort verhalf.

Johann Gottfried X. war im Jahre 1790 in Liebertwolkwitz geboren; nachdem er das Seilerhandwerk erlernt hatte, sowie kurze Zeit auf der Wanderschaft gewesen war, zog er kurz nach der Völkerschlacht nach Leipzig, wo er im Jahre 1818 das Bürgerrecht erwarb und sich als Seilermeister niederließ. Schon nach einigen Jahren erkaufte er das damals Zeitzer Straße Nr. 4, jetzt Peterssteinweg Nr. 5 gelegene, freilich damals viel niedrigere, unscheinbare Haus, das sich jetzt — 1866 umgebaut — um vieles freundlicher präsentirt. Im Parterre des schmalen Häuschens, neben dem Hauseingang, befand sich der noch nach alterthümlicher Weise mit schmaler Bogenthür und vergittertem Fenster versehene Laden, dessen eisenbeschlagene Thür und Fensterladen zur Nachtzeit inwendig an Vorlegebalken angeschraubt wurden. Hinter dem selbst zur Tageszeit stets halbfinstern Laden befand sich ein Raum, der eigentlich eine Ladenstube sein sollte, der aber damals dem Meister zur Aufbewahrung von Oel, Fett, Hanf, Roßhaaren, Stricken und Seilen etc. diente. Der Laden machte schon an und für sich keinen freundlichen Eindruck, obwohl man damals durch keinerlei Eleganz verwöhnt war. Hatte doch damals selbst Gustav Steckner’s schon zu jener Zeit bedeutendes Modenwaarengeschäft nur zwei winzige Auslegefenster und unter seinen Geschäftsräumen sogar die meist von den ärmeren Volksklassen frequentirte Schank- und Speisewirthschaft der Mutter Jummel, deren Düfte den die Auslagen bewundernden Damen in die Näschen stiegen. Aber der an nur etwas Sauberkeit gewöhnte Besucher oder Käufer fuhr denn doch ein Wenig zurück, wenn er unvorbereitet den Seilerladen betrat. Thüren und Fenster, Ladentisch und Regale, Wände und Dielen, ja selbst länger liegende Waaren waren von einer förmlichen Schmutzkruste überzogen. Gewaltige, dicke Netze von Spinnweben hingen in den Ecken und an den aufgestapelten Pech- und Oelfässern, so daß man sofort merkte, daß hier gewiß seit Jahren keine reinigende Hand thätig gewesen war. Das Glanzstück des Ganzen aber, wenn man hier anders vom Glanze des Thrans, Oels und Talgs reden darf, war der Besitzer dieses zierlichen Ladens in eigner Person. Eingehüllt in einen uralten, defecten Schlafrock oder Ueberrock, im Winter auch in einen alten Schafpelz, welcher die hagere Gestalt vom Hals bis zu den Füßen einschloß, auf dem Kopfe eine alte Schirmmütze, Alles aber überzogen mit einer dicken Kruste von Schmutz, kein Zeichen von Wäsche verrathend, hauste hier einsam und allein Jahre lang, bis in sein hohes Alter der Besitzer all dieser Herrlichkeiten.

Und doch war Meister X. nicht blos ein vermögender, sondern, wenigstens nach damaligen Begriffen, sogar ein reicher Mann zu nennen. Was machte ihn zum Sonderling? War es Menschenfeindlichkeit oder Geiz, der ihn verursachte diesen öden, trostlosen Aufenthaltsort lieb zu gewinnen? — Keines von Beiden! — Denn in des Alten Brust schlug trotz seiner Einsilbigkeit und Absonderung von den Menschen ein warmes mitfühlendes Herz, das wußten die Armen Leipzigs am besten, von denen Keiner unbeschenkt den Laden verließ. Am meisten aber kam sein Wohlthätikeitsgefühl zum Ausbruch, wenn die Weihnachtszeit herannahte, und in den letzten Tagen vor dem Feste war ein Gedränge von Jung und Alt, vom frühen Morgen bis zum späten Abend vor dem Laden, denn es war männiglich bekannt, daß »der hohe Seeler« keinen Käufer ohne Weihnachtsgeschenk entließ, war auch das Kaufsobject noch so gering und der Kaufende nur ein sogenannter Weihnachtskunde, der sich sonst das ganze Jahr über nicht wieder sehen ließ. Daß natürlich diese Freigebigkeit speculativ ausgenutzt wurde, ist selbstredend, und zwar am meisten von der lieben Jugend, die auf solche Weise kleine Weihnachtsgeschenke für Geschwister und Eltern billig erwarb; ja die Kinder einzelner Familien behandelten die Gelegenheit theilweise geschäftsmäßig, indem immer eines abwechselnd wieder zu dem Alten ging, bis die wenigen Sparpfennige alle waren.

»Meester mir eene Schachtel Streichhölzer vor zwee Pfenn’ge!«

Der Käufer erhielt seine Streichhölzer und ein warmes Halstüchelchen im Werthe von fünfzig Pfennigen zu.

»Mir vor e Dreier Brennöl!«

Ein rothgemustertes baumwollenes Taschentuch erfolgte als Zugabe.

Eine arme Frau mit einem blassen Kind auf dem Arme legte einen Vierpfenniger auf den Tisch und ließ suchend ihre Augen umherschweifen, als wüßte sie nicht, was sie für dieses Geld, ihr einziges, nehmen sollte.

»Nu?« frug endlich der Alte mürrisch.

Aber ehe die Frau antworten konnte, schob er ihr den Vierpfenniger wieder zu, nahm von unten ein gutes warmes Kopftuch für die Frau und eine warme gestrickte Jacke und Mütze für das Kind, legte es vor beide hin und kehrte sich ab, bis die Frau den Laden verlassen hatte.

»Meester — ne Schachtel Streichhölzer vor zwee Pfenn’ge!«

»Du — Du! Du warst schon zweemal da!«

»Ich? — Nee Meester — ich nich!«

Der Alte nahm ein Halstuch.

»Ach Meester! — So eens habe ich schon!« sagte der Junge sich selbst verrathend.

»Siehste — Bengel?«

Aber er erhielt trotzdem das gewünschte rothe Taschentuch für den Vater. — — —

So ging es fort und man kann sich wohl ausrechnen, daß diese vielen Hunderte von Geschenken allein einen großen Betrag ausmachten, abgesehen von den vielen Unterstützungen, die der »hohe Seeler« thatsächlich so gab, daß — wie die Schrift sagt, »die Rechte nicht sah was die Linke gab.«

Auch Meister X. war einst ein lebensfroher Mann gewesen, aber seit er Ende der dreißiger Jahre von seiner Frau geschieden wurde, zog er sich immer mehr und mehr von der Gesellschaft Anderer zurück und wurde ein einsamer Mann. Am 12. Oktober 1865, im Alter von 75 Jahren, starb er, einsam wie er gelebt. Sein Sterbelager soll ein Haufen Roßhaare in seiner Ladenstube gewesen sein. Das »hohe« Seilerhaus fiel beim Neubaue des jetzigen Gerichtsgebäudes und der Anlegung der Harkortstraße.

VII.
Kramerlehrling und Gehilfe.

Wenn man jetzt, in unserer Zeit der Gewerbefreiheit, der Freizügigkeit, aber auch des Börsenschwindels, und vielfachen unsoliden Geschäftsgebahrens, in unserer Zeit, welche an Stelle des praktischen Erlernens der Kaufmannschaft fast nur die theoretische Ausbildung gesetzt hat, und dadurch überhaupt diese Ausbildung zum fermen, in allen Zweigen gewandten Kaufmann geradezu zur Seltenheit macht, zurückdenkt, wie sorgfältig selbst in kleinen Geschäften vor 40 Jahren diese Ausbildung erfolgte, so kann man nicht umhin, ob der jetzigen Oberflächlichkeit den Kopf zu schütteln. Wohl giebt es auch jetzt noch eine große Anzahl von Kaufleuten, welche ihre Kenntnisse in allen Zweigen kaufmännischen Wissens möglichst zu vervollkommnen streben, allein dieselben bilden jetzt eine wahrhaft erschreckende Minderzahl. Nicht jeder Lehrling ist in der pekuniär glücklichen Lage, eine Handelsschule während seiner Lehrzeit besuchen zu können, und da die Chefs jetzt entweder selbst nur einseitig gebildet sind, oder sich nicht die Mühe nehmen, ihre Kenntnisse auch im Laufe der Lehrzeit dem Lehrling mitzutheilen, weil sie entweder selbst zu beschäftigt sind oder dies überhaupt für überflüssig halten, so kommt es, daß der jetzige Handlungsgehilfe oft von den Zweigen der Handelswissenschaften, in welchen er während seiner Lehrzeit nicht beschäftigt wurde, nicht einmal die einfachsten Kenntnisse besitzt. Commis, welche tüchtige Decorateure oder Verkäufer und Reisende sind, haben oft nur ganz mangelhafte Ausbildung in der Buchführung etc., und ebenso ist es umgekehrt der Fall. Daher kommt es auch, daß so viele, eben nur in einem Fache, also einseitig ausgebildete junge Kaufleute schnell herunter kommen, wenn sie einmal stellenlos werden, weil sie eben vermöge ihrer einseitigen Ausbildung andere Stellungen als die gewöhnten nicht auszufüllen vermögen.

Etwas ganz Anderes war dies in den Zeiten vor der Gewerbefreiheit, wo die Ausbildung des Lehrlings nach allen Seiten zwischen Lehrherrn und Lehrling eine contractlich ausgedungene war, und daß der Lehrherr auch seinen Verpflichtungen nachkam, dafür sorgte die Oberaufsicht und die Gehilfenprüfung durch die Oberhäupter der »Kramer-Innung«.

Freilich waren damals die Lehrherren selbst nach allen Seiten hin kaufmännisch gebildet, und der Fall, daß ein solcher sich lediglich deshalb einen Buchhalter hielt, weil er selbst eben nicht viel von der doppelten Buchführung verstand, war damals fast undenkbar. Ebenso hatte sich das allgemeine Geschäft noch nicht in so viele Specialitäten getheilt wie jetzt, dazu kamen damals viel verwickeltere Geld-, Maß- und Gewichtsverhältnisse, deren Kenntniß eine unbedingt nothwendige war und welche den Jüngling zum fortwährenden Rechnen geradezu zwangen. Selbst dem simplen Lehrling eines kleinen Materialwaarengeschäftes blieb z. B. das Bankwesen nicht fremd. Er mußte wissen, daß vier Thaler Conventionsmünze sieben süddeutsche Gulden werth waren, ebenso mußte er preußische und andere Goldstücke genau nach ihrem jeweiligen Cours kennen, ebenso den Cours der Hunderterlei in- und ausländischen Cassenscheine, Banknoten und Coupons, er mußte mit der Goldwaage Bescheid wissen, wenn ihm ein von irgend einem menschenfreundlichen Cravattenfabrikanten (Wucherer) beschnittener Ducaten zur Zahlung vorgelegt wurde, er mußte schnell die an dem Goldstück fehlenden »Aß« und daraus wieder den geringeren Werth (vom Courswerth) desselben zu ermitteln verstehen etc. etc. Und andererseits, im Manufacturwaarenfach mußte er wissen, daß das Yard = 1⅞ Leipziger Ellen, das »Schock« Leinwand und Handtücher 60 Ellen, 6 Berliner = 7 Leipziger, 5 Brabanter = 7 Leipziger Ellen, daß das »Pack« seidener schweizer Taschentücher 7 Stück derselben enthielt, daß ein »Stein« Wolle = 20 Pfund und eine »Tonne« = 20 Centner war, er mußte blitzschnell ausrechnen können, welchen Einkaufspreis die Leipziger Elle in Neugeld hatte, wenn die Berliner Elle Buckskin 42 gute Groschen (24 = einen Thaler) zu stehen kam. Auch das damals bedeutend höhere Porto, welches in den verschiedenen Staaten Deutschlands stets differirte, zwang ihn zum Rechen; lag ihm doch als Lehrling die alleinige Führung und Verantwortung über die Portocasse ob. Und nun erst die Cassenscheine und Banknoten der vielen Einzelstaaten und Privatgesellschaften, da gab es welche, die heute mit ¼, morgen mit ⅜ und übermorgen mit ⅙% unter dem Nennwerth angenommen wurden, die Oesterreicher mit ihrem schwankenden Cours, die wilden und — — die gefährlichsten — die verfallenen. Der Courszettel mußte also damals schon vom Lehrling sehr fleißig studirt werden.

Alles dies aber machte den Lehrling umsichtig. Aber was ihm dabei ein gewisses Selbstgefühl gab, war das Bewußtsein, einer mächtigen, alten und hochangesehenen Corporation, wenn auch zunächst nur als deren niedrigstes Glied anzugehören. Er wußte, daß, wenn er seine Pflichten getreu erfüllte, auch sein Lehrherr ihm gegenüber sehr ernst verpflichtet war, und Beide nahmen daher die Sache nicht so leicht, wie dies zum großen Teil jetzt geschieht.

Das Kramerhaus zu Leipzig.

Kurz nach Ostern jeden Jahres, wenn die Confirmationsfeierlichkeiten vorüber waren, fand auf dem Kramerhaus im Saale desselben in feierlicher Sitzung der versammelten Innungsmitglieder unter Leitung des »amtsführenden Kramermeisters« zunächst die Freisprechung der »ausgelernten« Lehrlinge und darauf in einer zweiten Sitzung die ebenso feierliche »Verpflichtung und Aufnahme« der neueintretenden Lehrlinge statt. Zu diesem Behufe begaben sich die Angehörigen des Knaben mit demselben und seinem zukünftigen Lehrherrn an dem bestimmten Tage und zu der bestimmten Stunde in das genannte Sitzungslocal, wo die Knaben auf einigen Holzbänken neben einander Platz nahmen. Wie manchem von ihnen, die erst vor wenigen Tagen die trauliche Schule verlassen hatten und nun auch das Elternhaus, wenigstens zum Theil, verlassen sollten, denn meist wohnten die Lehrlinge in der Familie des Principals, klopfte es etwas ängstlich in der Brust, angesichts der stattlichen Reihe alter, theilweise noch mit mächtiger Allongeperrücke oder herausfordernden steifen Vatermördern angethanen und streng aus ihrem einfachen Holzrahmen auf den jungen Nachwuchs herabblickenden Bilder früherer Kramermeister, welche die Wände des Saales zierten.

Mit einem einfachen Gebet ward die Sitzung eröffnet, und nachdem der amtsführende Meister die Anwesenden begrüßt, legte er sowohl den Lehrherren wie den Lehrlingen ihre gegenseitigen Pflichten dar, worauf er dieselben fragte, ob sie bereit seien, denselben jederzeit und in allen Stücken nachzukommen. War dies von den Betheiligten bejaht worden, so nahm der Vorsitzende die neuen Lehrlinge als nunmehrige Glieder der Innung mittelst Handschlages jedes Einzelnen in Pflicht, worauf wiederum ein kurzes Gebet die Feier schloß.

Der Knabe war nun Lehrling und diente von der Pike an, doch war die jeweilige Zeit seiner verschiedenen Verwendung im Laufe der Lehrzeit genau contractlich formulirt und festgesetzt.

Die Lehrzeit betrug in der Regel vier Jahre, das Lehrgeld, welches an den Principal, jedoch nur dann gezahlt wurde, wenn der Lehrling bei ihm Kost und Logis genoß, schwankte, je nach der Größe des Geschäftes, zwischen 300 und 900 Mark, außerdem mußte er noch ein vollständiges Gebett guter Betten mitbringen, welches er während seiner Lehrzeit benutzte, das aber nach Beendigung derselben Eigenthum des Lehrherrn verblieb. Im ersten Jahre mußte der junge Handlungsbeflissne so ziemlich alle Arbeiten machen, welche in der niederen Region, in der er sich befand, vorkamen. War er Materialist, so mußte er bei der täglichen Oeffnung und Reinigung des Ladens helfen, erlernte die Geheimnisse des Zuckerschlagens und richtigen Schwenkens des Kaffeesiebes, er mußte Düten kleben und Kaffee, Rosinen und Mandeln lesen und sah mit Neid auf den Aeltesten (Lehrling), der verzweifelt einige unter seinen Ohren sprossende Haare zu einem Anfluge von Backenbart pflegte und beim Erscheinen feinerer Kundschaft blitzschnell aus dem Contor hervorschoß, um dieselbe mit einem Schwall süßer Reden zu bedienen, wobei er den Kleinen stetig kommandirte oder bei Seite schob. In Manufacturwaaren erlernte er die Aus- und Umpackung der Waaren, die Auszeichnung derselben und das Geheimniß mit der Scheere fadenrecht zu schneiden, die Waarenstöße in schnurgerader Linie aufzuführen und drang in die Anfangsgründe der Wissenschaft der Appretur und des Unterschiedes zwischen Seide, Wolle, Baumwolle und Leinen, sowie der Mysterien vom Gebrauche des Fadenzählers. Dabei gab es Facturen kunstgerecht in die richtige Fächerbreite zu falzen, Briefe zu copiren, Wege zu laufen, das Portobuch und die Portocasse richtig zu führen, allmälig in die Geheimnisse der Farben-Nüancen und das richtige Zusammenpassen derselben einzudringen — und so ging es von Morgens früh bis Abends spät, immer arbeiten, immer Neues zu erlernen, Sonntags und Wochentags, und die Zeit flog dabei schnell vorüber.

Im zweiten Jahre lernte der Materialist selbstständig verkaufen, er begann barfüßige Jungen, die er noch im ersten Jahre voll Hochachtung nach ihren Wünschen fragte, ziemlich von oben herab zu behandeln und ließ sich, wenn dieselben für »n’en Dreier Pfeffer« holten, nicht mehr preußische Dreier für vollwerthig aufhängen; er lernte mit Grazie mit der einen Hand einen Hering und mit der anderen eine sauere Gurke aus den Fässern nehmen, handhabte gewandt den Oeltrichter und verstand der Waage das richtige »Schnippchen« zu geben. Der Manufacturist wurde zur Bedienung bescheiden auftretender Bauersleute oder baumwollene Cravatten kaufender Dienstmädchen zugelassen, er lernte Tuche nach dem Faden reißen, machte die Anfangsgründe der Decoration der Schaufenster durch, überwand jetzt spielend die complicirten Verhältnisse der »Wiener, Brabanter, Berliner und Leipziger Elle, der Yards und der Meter« zueinander, knüpfte allmälig sein halbseidenes Halstuch immer zierlicher um die bescheidenen Vatermörder und spielte kleinen Mädchen gegenüber, die für die Mutter (Mamas gab es damals noch wenig) anderthalb Elle Franzleinwand zur Taillenfütterung holten, den angehenden Schwerenöther.

Im dritten Jahre siedelte der Materialist »aufs Lager« über, erlernte die riesigen Zuckerfässer nachwiegen, den verschiedenen Inhalt der Nudelkisten von außen erkennen, drang tief in die Geheimnisse der Behandlung des »Schweizerkäses« mit Rum ein, zankte sich mit den zahlreichen Frachtfuhrleuten und stellte denselben ihre Frachtbriefe aus, wußte verblaßten Rosinen und Corinthen neuen Glanz aufzuwichsen, röstete den Kaffee in schulgerechter Weise und wußte genau »blauen Menado« von »Perl-Kaffee« zu unterscheiden. Er führte das Lagerbuch, und die während seiner Anwesenheit im Geschäfte nie sein Ohr verlassende Feder gab ihm eine gewisse Würde.

Der Manufacturist hatte die Geheimnisse der Gewebe- und Farbenverschiedenheiten jetzt vollständig überwunden, er verstand, etwas mundfaulen Kunden ihre Wünsche so ziemlich vom Gesicht abzulesen, lernte ein der Kundschaft gefallendes Muster, wenn das Stück nicht mehr genug Inhalt besaß, um den voraussichtlichen Bedarf der Kundin zu decken, rechtzeitig unter der Ladentafel verschwinden zu lassen und der Käuferin oft das Gegentheil des Gewünschten aufzuschwatzen, er entwickelte große Kühnheit und Entschiedenheit in seinen Behauptungen über das, was der Kundin »stehen« und »kleiden« müsse und wußte bescheidene Widersprüche durch ein fast mitleidiges Lächeln auf das Siegreichste zu überwinden.

Im vierten Jahre empfing der junge Kaufmann, entweder von der Hand des Chefs selbst oder dessen erstem Vertreter, die Schlußpolitur, indem er »ins Contor« versetzt wurde.

Da jeder Principal genau wußte, daß damals bei jedem Stellenwechsel eines jungen Mannes stets die erste Frage war: »Wo haben Sie gelernt?« und somit sein Renommee als Kaufmann und als Lehrherr im Besonderen auf dem Spiele stand, so war es Ehrensache für ihn, den jungen Mann gut auszubilden. War er doch nach dem Lehrvertrag verpflichtet, dem »Ausgelernten« eine Stelle als Commis zu beschaffen oder ihn selbst mindestens ein Jahr als solchen mit einer bestimmten Summe zu salairiren.

Der »Dreijährige« oder »Große« lernte nun von der simplen Strazze bis zum Hauptbuch, vom Geschäftsunkostenconto bis zum Bilanzconto die Buchführung gründlich kennen, er drang in die Geheimnisse der Correspondenz, indem er nach Feierabend zahllose stilgerechte Briefe an nur in seiner Phantasie existirende Firmen richtete, in denen er alle nur denkbaren Vorkommnisse von der einfachen Bestellung eines Fasses Schmierseife bis zur Uebersendung complicirter Contoauszüge und der Anzeige discontirter Kundenwechsel mit »Damno«, Zinsenberechnung etc. etc. zur Ausführung brachte, welche Briefe dann sein Chef gewissenhaft prüfte und gemachte Fehler rügte. Der »Dreijährige« Manufakturist verstand jetzt kunstvoll Chales und Saloppen in den vollendetsten Falbenwurf zu bringen, nahm eine Gönnermiene gegen jüngere Markthelfer und Burschen an, verwendete stets von seinen acht guten Groschen Wochentaschengeld 25 Pfennige, um sich Sonntags die Haare kräuseln zu lassen und machte an denselben Tagen weite Spaziergänge in möglichst menschenleere Gegenden, um eine Dreipfennigcigarre aus Propsthaidaer Deckblatt und Stötteritzer Einlage zu maltraitiren, was diese ihm mit rührender Gewissenhaftigkeit wieder vergalt. Er bewegte sich, den ob seiner Weisheit staunenden »neuen« Lehrlingen gegenüber, mit Vorliebe in kaufmännischen Kunstausdrücken, warf mit »Sconto«, »Bilanzen«, »Credit und Debet« um sich und ärgerte sich über sein Rothwerden, wenn ihn eine hübsche Kundin schelmisch anlachte. Die Hauptsache aber war und blieb Lernen, ernstes, eifriges Lernen und — so war es in allen Branchen.

Hatte sich nun aber der Lehrling tadellos gehalten und war der Lehrherr nicht besonders skeptischer Natur, so rief er wohl schon zur Weihnachtsfeier vor Ostern des vierten Jahres den Lehrling ins Contor und theilte dem Hocherfreuten mit, daß er ihm in Anbetracht seiner guten Führung den Rest der Lehrzeit erlasse und von heute ab als Commis betrachte und als solchen salairire.

Das Personal, welches aber in der Regel bereits Wind von dem Vorhaben des Chefs bekommen hatte, trat nach Geschäftsschluß in corpore vor den frischgebackenen Commis und überreichte ihm als Zeichen der Anerkennung seiner neuen Würde und treuer Collegialität Cylinderhut und Spazierstock, sowie eine blumengeschmückte Cigarrenspitze mit darin steckender Cigarre. Diese neue Attribute eines »Commis« mußte der Ueberraschte nun zur allgemeinen Freude sofort anlegen und die Cigarre anstecken, worauf obligates Gratuliren und Händeschütteln und schließlich ein kleines Zechgelage folgte, bei dem der »neue Commis« oft einen kleinen Haarbeutel davon trug.

Die Ueberreichung der Attribute eines Commis!

Zu Ostern aber saß der junge Commis wieder in der feierlichen Versammlung im »Kramerhause« (in Leipzig, Ecke des Neumarktes und Kupfergäßchens), aber die alten Herren da oben schienen ihm diesmal um Vieles freundlicher auf ihn herabzublicken; gewandt beantwortete er die prüfenden Fragen des amtsführenden Kramermeisters, dann erfolgte seine und der übrigen Genossen feierliche Lossprechung, die Ueberreichung seines Lehrbriefes, und erhobenen Herzens stimmte der junge Gehilfe in das gemeinschaftliche Gebet ein, welches die ernste und würdige Feierlichkeit schloß.

Der junge Mann trat nun hinaus in das Getriebe des kaufmännischen Lebens, aber nicht hin- und hertastend und schwankend, sondern festen Fußes, denn er wußte, daß er etwas Ordentliches gelernt hatte und zwar praktisch gelernt, was sich um Vieles fester einprägt als das theoretisch Erlernte. Er war weder an einen bestimmten Theil des Geschäftsbetriebes, noch unbedingt an eine Branche gebunden, und all’ dieses verlieh ihm eine Sicherheit, die seinem weiteren Fortkommen große Vortheile brachte.

Längst sind jene Zeiten mit ihren ehrwürdigen Gebräuchen in das Meer der Ewigkeit versunken. In den Räumen des alten Kramerhauses haben sich Miethbewohner eingerichtet. Gleichgültig geht jetzt der kaum der Schule entwachsene Kaufmannslehrling mit qualmender Cigarette an jener Pforte vorüber, welche vor 40 Jahren sein Standes- und Altersgenosse nur zagend und schon auf der Straße den Hut ziehend, überschritt.

Die Bilder der alten Herren Kramermeister sind aus jenen Räumen verschwunden und fristen unter allerlei Gerümpel in irgend einer abgelegenen Bodenkammer ihr fragwürdiges Dasein. Ohne Achtung vor ihren strengen Mienen, ihren steifen Gesichtern und ihren vollen, weißen Perrücken spielen die Mäuse auf ihren Rahmen und nagen an ihnen herum, bis sie zerfallen und vermodern, wie schon längst ihre eigenen Körper zerfallen und vermodert sind.

Alles ist anders geworden. Ob auch besser? Wir glaubens nicht!

VIII.
Verschiedene Chronika’s von 1840—45!

Eröffng. d. M.-L. Bahn.

Am 18. August 1840 wurde die Magdeburg-Leipziger Eisenbahn dem Verkehr übergeben, der Bau derselben hatte etwa zwei Jahre gedauert. Vormittags ½12 Uhr kamen die ersten drei Züge hier in Leipzig an, der erste, eine Maschine und fünf Wagen mit dem Directorium und obersten Bauleitern, der zweite Zug mit zwei Locomotiven und dreißig Wagen mit den Deputationen der Städte Magdeburg, Halle, Cöthen, Bernburg und Schkeuditz, der dritte Zug hatte eine Locomotive und elf Wagen mit Publicum. Die Maschinen und Wagen waren alle mit Fahnen und Guirlanden geschmückt. Mittags fand großes Tractement im (alten) Gewandhaus-Saale mit Tafelmusik und vielen Festreden statt. Nachmittags halb ein Uhr ging der ganze Zug wieder ab. Sowohl bei Ankunft wie bei der Abfahrt wurden im Schloßhofe Kanonen gelöst.

Hin­richtung.

Am 18. November 1840 wurde Johann David Saupe aus Connewitz, bei Leipzig, welcher im Februar dieses Jahres die Wittwe Nitzsche in Gohlis sträflich ermordet und beraubt hatte, auf der kleinen Wiese bei der Mühle zu Gohlis mit dem Schwerte hingerichtet. Der Scharfrichter hieb den Delinquenten erst tief in die Achsel, so daß derselbe laut aufschrie, erst beim zweiten Hiebe fiel der Kopf. Die Studenten und das zuschauende Volk wollten das Schaffot stürmen und nur mit Mühe gelang es der Communalgarde und den Soldaten, dies zu verhindern.

Erste Fiaker.

Ein bedeutsamer Tag für den Lokalverkehr in und um Leipzig war der 31. März 1841. An diesem Tage trat das Institut der Fiaker, der Vorläufer der jetzigen Droschken in’s Leben. Ganz Leipzig war auf den Beinen und wollte fahren. Die Tour kam für eine Person innerhalb Leipzigs und der Vorstädte zwei gute Groschen, auf die Dörfer vier gute Groschen. Am meisten wurde von der neuen Einrichtung die Corporation der städtischen Chaisen- oder wie sie sich selbst nannten Sänftenträger-Compagnie betroffen, auf welche wir noch in einem besonderen Artikel oder Capitel zurückkommen werden. Man feierte diese neue Errungenschaft sogar in Versen, das beste Geschäft machten natürlich die Fiaker’s selbst dabei.

Neu­geld.

In diesem selben Jahre wurde auch das erste Neugeld ausgegeben, welches den Thaler auf 30 Neugroschen à 10 Pfennige, statt wie bisher auf 24 gute Groschen à 12½ Pfennig festsetzte. Das Publicum konnte sich aber nur äußerst schwer an die Aenderung gewöhnen und rechnete noch länger als zwanzig Jahre sehr viel nach der alten Münze, ja dieselbe war so eingewurzelt, daß sogar im Engrosverkehr der Kaufleute, hauptsächlich bei Tuchen und Buckskins noch bis weit in die 70er Jahre hinein der Preis noch immer nach »guten Groschen« berechnet und facturirt wurde.

Neue Glocken.

Am 19. Juni 1841 wurden auf den Thurm der Johanniskirche drei neue Glocken aufgezogen und am Johannistag zum ersten Mal geläutet.

Bettel­brunnen.

Am 22. Juni desselben Jahres wurde der Bettelbrunnen nach erfolgter Renovation wieder eingerichtet und zur Benutzung freigegeben, es war zugleich ein Dach über den Brunnen gebaut worden, das auf vier hölzernen Säulen stand, auch Bänke zum Ausruhen für die Trinkenden waren ringsum aufgestellt worden.

Großes Hagel­wetter.

Am 9. August kam ein schauderhaftes Gewitter mit großem Sturm und Hagelschlag über unsere gute Stadt, wie es sich eines solchen die ältesten Leute nicht erinnern konnten. Das Unwetter erstreckte sich von Thekla im Norden Leipzigs bis zum Dorfe Gröbern (wohl Cröbern bei Zwenkau) im Süden. Dachziegel und Fenster wurden von den faustgroßen Schlossen zertrümmert und das Getreide niedergeschlagen. Die Vögel fielen todt aus der Luft und von den Bäumen, deren Aeste und Laub überall den Boden bedeckte. In den Verkaufsgewölben der inneren Stadt stand das Wasser theilweise fast eine Elle hoch.

König­straße.

Anno 1842 im Frühjahr wurde die Königstraße angelegt durch den früheren Reimerschen Garten. Der ganze Garten wurde zu einer förmlichen Vorstadt, da auch die Bosen- und Kirchstraße (beide zusammen bilden jetzt die Nürnberger-Straße vom Grimmai’schen Steinweg bis zur Ulrichsgasse), sowie die Lindenstraße abgesteckt wurden.

Große Dürre.

Anno 1842 wo von Ostern bis weit hinein in den Sommer kein Regen fiel, herrschte im ganzen Lande eine solche Dürre, daß viele kleinere Flüsse ohne Wasser waren und die Mühlen nicht mehr mahlen konnten. Die Roggenernte war noch ziemlich gut, aber das Sommergetreide Hafer, Gerste, Weizen, Erbsen, Kraut und Kartoffeln ergaben eine so schlechte Ernte, daß viele Bauern ihr Vieh vollständig verkaufen mußten, da kein Futter zu haben war. Die Kanne Butter kam im Monat August 20 Neugroschen und das Viertel Brod 1 Thaler.

Hin­richtung.

Am 23. August 1842 früh ¼7 Uhr wurde zu Gohlis der Buchbindergeselle Johann Ernst Heinrich Seyfarth, gebürtig aus Altenburg, wegen an seiner schwangeren Geliebten Louise Schild aus Eisenberg, in der Nacht vom 30. September zum 1. October 1841 im Rosenthale verübten Meuchelmordes durch den Bischofswerdaer Scharfrichter mit dem Schwert enthauptet. Der Delinquent war erst 20 Jahre alt, die Hinrichtung ging schnell und gut von statten. Es war dies in Leipzig die letzte Hinrichtung mit dem Schwert.

Große Brände.

Am 5.-8. Mai 1842 war der große Brand in Hamburg. Ende Mai brannte die Stadt Camenz fast ganz nieder und am 7. September ging fast die Hälfte der Stadt Oschatz mit Rathhaus und Kirche in Flammen auf. Von Leipzig gingen nach letzterer Stadt 2 Spritzen, 2 Feuerwächter, 2 Sänftenträger, ein Commando Schützen der Garnison und verschiedene Deputirte des hohen Rathes mittelst Extrazugs Abends ab.

In der Nacht vom 29. zum 30. October brannte die Angermühle am Ranstädter Steinweg.

Dresdn. Thor.

Anno 1843 wurde das alte Dresdner Thor, welches am 18. October 1813 die Königsberger Landwehr unter Major Friccius, der hierbei seinen Tod fand, stürmte, weggerissen. Es stand da, wo jetzt der östliche Flügel der 3. Bürgerschule steht und reichte bis an das Gottesackergebäude des alten Friedhofes. Es wurde am Ende der Dresdner Straße, bei der jetzigen Grenzgasse und dem Gerichtsweg ein neues Thor errichtet, welches Dienstag den 3. October eingeweiht wurde.

Altes Theater.

Im October desselben Jahres wurde das (alte) Stadttheater behufs Umbaues und gänzlicher Renovation geschlossen, seine Wiederöffnung fand in feierlichster Weise gelegentlich der Rückkehr Sr. Majestät des Königs Friedrich August von einer Reise nach Italien anno 1844 am 10. August statt.

Deutsch-Katho­liken.

Anno 1844 am 9. Februar fand Mittags 12 Uhr in der Buchhändler-Börse in der Ritterstraße die erste Versammlung der in Leipzig wohnhaften Katholiken, behufs Berathung über Abänderung verschiedener Satzungen der katholischen Kirche statt. Referent und Hauptsprecher der Versammelten war Robert Blum, der einen allgemeinen Austritt aus der katholischen Kirche und Gründung einer neuen beantragte. Sein eifrigster Gegner und Gegenredner war der Bäckermeister Schmieritz, doch behielt Blum die Oberhand und so erfolgte wenige Tage darauf unter Betheiligung der angesehendsten Katholiken die Gründung der »Deutschkatholischen Gemeinde«, der sich sofort 150 Mitglieder anschlossen.

Streng. Winter.

Der Winter anno 1844/45 war außerordentlich streng und anhaltend, so daß oft die Eisenbahnzüge ganz ausblieben. Monatelang, vom November bis weit in den April nichts wie Eis und Schnee; Holz und Kohlen waren kaum mehr zu beschaffen, da alle Wege tief verschneit und eisbedeckt waren. Die Dachrinnen platzten an den Häusern und die Sperlinge lagen massenhaft erfroren auf den Straßen und in den Gärten. Noch am 7. März wurde der Sattler Carl auf der Straße bei Mockau erfroren aufgefunden.

Bau der Kath. Kirche.

Mitte Juli 1845 wurde mit dem Bau der Katholischen Kirche in Reichels Garten begonnen, die Maurermeister Purfürst und Siegel und der Zimmermeister Schwabe führten unter einem auswärtigen Baumeister den Bau aus, der anno 1847 am 5. August durch den Bischof Dietrich aus Dresden feierlich eingeweiht und der Gemeinde übergeben wurde.

Aufruhr.

Am Nachmittag des 12. August 4 Uhr traf Se. Königl. Hoheit Prinz Johann von Sachsen (Chef der gesammten Communalgarden des Landes) in Leipzig ein, inspicirte die Communalgarde und nahm Revue über dieselbe ab. Abends 9 Uhr wurde dem Prinzen vor dem am Roßplatz befindlichen, in den achtziger Jahren neugebauten und in seiner jetzigen Gestalt errichteten, alten Hotel de Prusse von dem Musikchore der Communalgarde ein Ständchen gebracht, welches mit dem Zapfenstreich schloß. Natürlich hatte sich eine ungeheure Menschenmenge angesammelt, und als die Musikanten wieder abgezogen waren, johlten und brüllten einige Burschen vor dem Hotel. Verwünschungen gegen den Prinzen, den man für einen Feind der neuen antipäpstlich-deutschkatholischen Glaubensbewegung hielt, wurden laut, die Menge wurde immer aufgeregter und stimmte das Lutherlied »Eine feste Burg etc.« an und dazwischen tönten Hochrufe auf den kurz zuvor in Leipzig gewesenen ehemaligen katholischen Priester Johannes Ronge, der ebenfalls zum Deutschkatholicismus übergetreten war.

Als aber sich einige rüde Burschen, wie solche bei derartigen Gelegenheiten stets vorhanden sind, ohne daß man weiß woher sie kommen, dazu verstiegen, die Fenster des Hotels einzuwerfen, rückte eine Abtheilung Militair (Schützen) zum Schutze des Prinzen vor weiteren Insulten, vor die Front des Hotels.

Nachdem auf dreimalige Aufforderung des Commandanten der Abtheilung sich die Menge, von der man allerdings sagt, sie habe die drei Aufforderungen gar nicht gehört, nicht zerstreute, erfolgte eine Salve aus den Gewehren des Militairs auf das Volk. Schon die Thatsache, daß von den in der Nähe der Truppen befindlichen Personen kein Einziger verletzt wurde, zeigt an, daß die Soldaten angewiesen waren, hoch — also über die Köpfe der Tumultuanten zu feuern; leider hatte man hierbei aber wohl kaum daran gedacht, daß damals Hotel de Prusse bedeutend tiefer lag als die jenseits der Haupttumultuanten befindliche Fahrstraße und der Hauptweg der viel höher gelegenen Promenade. Da nun aber auf der Promenade ebenfalls Leute standen oder spazieren gingen, welche aber mit dem Tumult auch nicht das Geringste zu thun hatten und die damaligen Gewehre auch lange nicht so weit trugen wie jetzt, so kam es, daß gerade von jenen vollständig Unschuldigen zahlreiche Opfer fielen.

Es waren dies zwei auf dem Wege zum Dienst befindliche Postsekretaire, ein Schriftsetzer, ein Markthelfer, ein Polizeidiener, ein Schneidermeister, ein Privatlehrer und ein Destillateur.

Alle acht wurden am 15. August früh Morgens, unter Begleitung des Handelsstandes, der Innungen und betheiligten Gewerke mit ihren Fahnen und Insignien zusammen zur Ruhe bestattet. Vor dem Thore des Friedhofes wurden die Särge in einen Kreis gestellt und Superintendent Dr. Großmann hielt eine ergreifende Grabrede.

Der Prinz reiste am 13. August Morgens 6 Uhr per Wagen durch das Windmühlenthor über Thonberg nach Grimma ab. — — —

IX.
Die letzte öffentliche Hinrichtung in Leipzig.

Anno 1853 am 5. Januar wurde in der Georgenstraße zu Leipzig die Witwe Friese, 57 Jahre alt, eine alleinstehende, daselbst wohnhafte Frau durch Hammerschläge auf den Kopf und Erdrosselung ermordet aufgefunden. Der Mörder hatte die alte Dame nach vollbrachter That fein säuberlich ans Fenster auf ihren Stuhl gesetzt und den Leichnam auf demselben angebunden, so daß man außen die Umrisse des Körpers sehen konnte und wegen ihres Nichterscheinens außerhalb der Wohnung in Folge dessen auch nicht sofort Verdacht faßte. Erst als die Ermordete gar nicht von ihrem Platze weichen wollte, erbrach man die Thür zu ihrer Wohnung und entdeckte den stattgefundenen Raubmord. Ein Mann Namens Eduard Müller, der als Budenwächter sogar in städtischen Diensten stand und welcher öfters für die Dame kleine Wege besorgte, wurde alsbald gefänglich eingezogen, und da man nicht blos eine Masse geraubter Sachen bei ihm fand, sondern ihn sogar im Bett, angethan mit einem Hemd der Ermordeten, antraf, so war man sicher, den richtigen Thäter erwischt zu haben, trotzdem Müller auf das Frechste leugnete. Während der Untersuchung stellte es sich heraus, daß die wenigen Papiere, welche Müller besaß und auf Grund welcher er in Leipzig seinen Aufenthalt genommen hatte, gefälscht waren, und als mehrere Personen, denen Müller vorgeführt wurde, die Meinung aussprachen, er sei mit dem vor zwei Jahren aus dem Gefängniß zu Merseburg ausgebrochenen, wegen mehrfachen Raubmords, verbunden mit Brandstiftung, dort zum Tode verurtheilten Carl August Ebert aus Drossen, 32 Jahre alt, identisch, wurde Müller alias Ebert nach Merseburg transportirt, um seine Recognoscirung zu bewirken. Allein hier erklärte man merkwürdiger Weise, nach Confrontirungen Müller’s mit vielen Leuten, welche den Ebert ganz genau kennen wollten, derselbe sei nicht Ebert, und so brachte man den Gefangenen wieder nach Leipzig. Hier gestand denn endlich derselbe nicht nur seine Thäterschaft bezüglich des Mordes an der alten Dame, sondern auch ein, daß er dennoch Ebert sei, und wurde nun zum Tode durch Enthauptung verurtheilt. Die Hinrichtung sollte mittelst Guillotine, welche damit zum ersten Mal in Sachsen in Gebrauch genommen wurde, stattfinden.

Daß wir Herren Jungen in dem hoffnungsvollen Alter von 12—13 Jahren natürlich über das Wann? und Wo? dieser öffentlich stattfindenden Execution auf das Genaueste informirt waren, verstand sich von selbst, ebenso, daß jeder von uns alle Mittel daran zu setzen gelobte, das Schauspiel, denn als solches und als nichts Anderes wurde der Act der Gerechtigkeit allgemein betrachtet, mit anzusehen. Meine Aussichten standen in dieser Beziehung ziemlich schlecht; Mutter war zwar auf einige Tage verreist und konnte mich also nicht hüten, Vater aber war ein ernster Mann von wenig Worten, welcher erklärte, er würde keinen Schritt nach jener Execution gehen. Unter keinen Umständen aber hätte ich es gewagt, ihn für mich um die nothwendige Erlaubniß zu bitten, da dies allein schon wenig erfreuliche Folgen für mich gehabt hätte, und so verzichtete ich bereits unter tiefem Bedauern, als am Abend vor der Hinrichtung plötzlich mein Oheim mütterlicher Seite aus Chemnitz eintraf, um dieselbe mit anzusehen. Trotz seines Widerwillens konnte oder mochte nun doch mein Vater dem nahen Verwandten, welcher in Leipzig nur wenige Straßen kannte, seine Bitte, ihn an Ort und Stelle der Execution zu begleiten, nicht abschlagen, und klopfenden Herzens hörte ich, wie mein Vater, als wir Kinder eben schlafen gingen, seine Einwilligung gab und ihren Aufbruch auf nächsten Morgen halb vier Uhr festsetzte.

Ich lag schon im Bett, in der an unser Wohnzimmer stoßenden Kammer, als ich durch die halboffene Thür die Abmachung der beiden Herren mit anhörte, und da ich mir ausrechnete, daß ich gegen sieben Uhr, zu welcher Stunde meine um ein Jahr ältere Schwester aufstand, um in Abwesenheit der Mutter den Morgenkaffee zu bereiten, längst wieder zu Hause sein konnte, so beschloß ich, lieber die ganze Nacht kein Auge zuzuthun, als die Zeit von Vaters Weggang zu verschlafen, denn — daß ich dann ebenfalls hinauswollte, war fest bei mir beschlossen. Indeß — was sind eines Kindes Vorsätze — und noch dazu die eines Bengels, dessen Fuß den ganzen geschlagenen Tag über in Bewegung ist, und der sich natürlich auch am Abend einer entsprechenden Müdigkeit erfreut. Ich sank deshalb, auch diesmal, trotz aller heroischen Anläufe, mich wach zu erhalten, gar bald in meinen üblichen festen Schlaf, während welchem man mich ruhig mit sammt dem Bett hätte forttragen können und würde also unbedingt die Zeit verschlafen haben, hätte nicht Vater bei seinem Weggehen meine Schwester, ebenfalls erst nach längerer Bemühung, aufgeweckt, damit dieselbe hinter ihm die Wohnung wieder verschlösse und dann wieder zu Bette ginge. Fünf Minuten nach dem Weggange der beiden Herren lag meine Schwester wieder in den Banden des Schlafes, und weitere fünf Minuten darauf befand ich mich auf der Straße. Der Frühling des Jahres 1854 war rauh und regnerisch, wir befanden uns zwar im Juni, aber trotzdem war das Wetter wie sonst im April. Es war noch nicht vier Uhr und durch den herrschenden Nebel noch nicht hell genug, um weithin sehen zu können, auch nisselte es ab und zu ein wenig, nachdem es die ganze Nacht über geregnet hatte. Die Hinrichtung fand auf den sogenannten Gerberwiesen, welche sich zwischen dem Händel’schen Bad in der Parthe und dem jetzigen Güterbahnhof der damals noch nicht existirenden Berlin-Anhalter Bahn ausdehnten, statt, und trotz der Frühe des Morgens und der naßkalten Witterung strebten bereits Tausende demselben Ziele zu. Damals, wo Leipzig noch kaum 60 000 Einwohner hatte, war auch die Bevölkerung betreffs des Straßenpflasters und anderer Einrichtungen noch nicht so verwöhnt wie jetzt und die Hauptpflege des Pflasters erstreckte sich auf die zur Meßzeit mit dichtem Menschengewühl bedeckten Straßen der inneren Stadt. Ein geradezu schauerliches Pflaster mit vielen Löchern hatte nun gerade die Gerberstraße, obwohl damals weder Blücher- noch Löhrstraße existirten und der ganze kolossale Verkehr nach dem Norden nur durch sie bewerkstelligt werden konnte. Auch an jenem Tage hatten sich in den vielen Löchern Pfützen gebildet. Nun kam, eben als ich von der Windmühlenstraße, wo wir wohnten, im Dauerlaufe am alten Leihhause — einer dem Zusammenbrechen nahen alten Baracke auf dem jetzigen Blücherplatz — angekommen war — ein zur Execution als Bedeckung commandirtes Bataillon Communalgarde in Parade-Uniform und also — in weißen Hosen — mit Musik anmarschirt, dem ich mich anschloß. Zu beiden Seiten der Colonne der ritterlichen Vertheidiger der Stadt marschirten, ebenfalls in vollem Wichs — Pikesche und hohe Stiefeln — eine Unmasse, meist Corpsstudenten, und wenn nun die guten kriegerischen Bürger oder bürgerlichen Krieger gewissenhaft und wegen ihrer weißen Unaussprechlichen ängstlich bemüht waren, den zahlreichen Pfützen, selbst auf die Gefahr des militairischen Tactes, sorgsam aus dem Wege zu gehen, so waren die durch ihre hohen Stiefel geschützten Studenten erst recht bemüht, in diese Pfützen mit größter Gewissenhaftigkeit und Todesverachtung hineinzuspringen und zu patschen, so daß der schmutzige Inhalt derselben mannshoch aufspritzte und sich zum Ergötzen des ganzen begleitenden verehrlichen Publicums über die weißen Beinkleider und die schmucke Uniform der ärgerlichen Gardisten ergoß. Wohl fluchten die Letzteren laut ob dieser Handlungsweise der studirenden Jugend, allein kaltblütig bliesen dieselben den Raisonnirenden den Rauch ihrer langen Pfeifen in das Gesicht und — es blieb beim Alten. Endlich war unter lebensgefährlichem Gedränge die ebenso uralte wie schmale Gerberbrücke und das dicht dabei befindliche Gerberthor passirt und der Weg führte rechts die jetzige Berliner Straße, welche damals außer der Scharfrichterei und den kleinen Häuschen der Damenbadeanstalten im Gerbergraben kein einziges Wohnhaus aufzeigte, hinaus, über die Gleise der Magdeburger Bahn — auch die Thüringer Bahn existirte damals noch nicht — hinweg und dann lagen wiederum rechts die Gerberwiesen vor uns. Das Schaffot, zu welchem drei Stufen in die Höhe führten, war vielleicht vier- bis fünfhundert Schritt von dem Ufer der Parthe errichtet und die Communalgarde schwenkte, die bereits zu Tausenden versammelte Zuschauerschaar durchbrechend, auf dasselbe zu und nahm von einem um dasselbe gebildeten Viereck die Parthen- und rechte Seite, eine Abtheilung Jäger der Garnison bildete die anderen beiden Seiten des Vierecks. Leider gelang es mir nicht, mit der Communalgarde zugleich nach vorn zu kommen, die kolossale Menschenfluth drängte mich zurück, und so hatte ich wider Willen Gelegenheit, das Treiben auf dem riesigen Platze mit anzusehen. — Wie sehr wohl hat doch die Gesetzgebung gethan, wenn sie jetzt das Walten der strafenden Justiz, bei ihrer höchsten Strafe, in die engen Mauern der Strafanstalten verweist, wo sich der schauerliche Act wenigstens in würdiger Feierlichkeit abspielen kann, und wie sehr Unrecht man früher mit der Meinung hatte, daß die öffentliche Hinrichtung berufen sei, abschreckend zu wirken, das begriff an jenem Tage sogar der Knabe. Denn all die Tausende hier schienen nicht zu einem Acte tiefernster Lehre, sondern zu einem Schauspiel, ja Volksfest versammelt zu sein. Wagen und Stände mit Kaffee-, Bier- und Schnapsverkäufern; Händler mit Semmeln, Kuchen, Brod, Fleischwaaren und Wiener Würstchen wechselten mit Colporteuren, welche Ebert’s und andere Mordthaten und Hinrichtungen in Poesie und Prosa laut zum Verkaufe anboten, ab. Alles lachte, drängte und machte mehr oder minder rohe und zweideutige Witze. Mehrere industriöse Leute waren mit ganzen Wagen voll Stühlen und Holztischen erschienen, welche sie an die Zuschauer vermietheten und wobei sie reißenden Absatz fanden — — —

Plötzlich — — ein allgemeines »sie kommen« und alle Augen richteten sich auf die etwas höher gelegene Straße, von welcher eben einige Wagen, umgeben von berittenen Gendarmen, nach dem Viereck einbogen. Ich drängte mit Macht nach vorn, schlüpfte hier einem schimpfenden Bürger zwischen den Beinen und dort einem anderen unter dem Arme durch, nahm Püffe und Schimpfworte in den Kauf und kam ein gutes Stück vorwärts, jetzt aber stak ich in der Mitte eines festgekeilten Menschenstroms, sah nichts als Röcke und Hüte und den von Wolken umzogenen Himmel — es war zum Verzweifeln! — Da stand vor mir auf einem Holzstuhl ein Student, vor sich hielt er, als Partnerin desselben Stuhles, ein rothbackiges, mit weißer Schürze angethanes Dienstmädchen.

»Knirps —« sagte er, mich gewahrend, »steig auf die Stuhllehne und halte Dich an meinen Schultern fest!«

Im Moment war ich droben. Tiefe Stille herrschte, eben stieg der Verurtheilte, ein kräftiger Mann mit rothem Vollbart, die Stufen des Schaffots hinauf. Jetzt aber kam es über mich wie ein Gefühl unendlicher Angst, ich sah das schräge Fallbeil, hörte in der Ferne die Worte des Richters, welcher dem Mörder nochmals das Urtheil vorlas, sah, wie die Gehilfen des im Frack dastehenden Scharfrichters den Verbrecher ergriffen, dann aber legte es sich wie ein Nebel über meine Augen, ich vermochte es nicht, nach jenen verhängnißvollen zwei Säulen, zwischen denen das Beil hing, zu sehen, meine Füße wankten und krampfhaft hielt ich mich an der Schulter des Studenten fest, da — ein klatschender Schlag vom Schaffot her — ein tiefer Seufzer aus der Brust des Studenten — »es ist geschehen«, sagte er mit bleicher Wange, »Gott sei dem Sünder gnädig!«

»Ist es nicht gerade, als ob die Sonne mit ihrem Erscheinen gezögert habe, bis der Elende gebüßt hat?« sagte ein vor mir herschreitender Herr zu einem anderen. Ich blickte auf und — in der That — drüben über Händel’s Bad stieg sie, leuchtend und strahlend die Wolken durchbrechend, in die Höhe, während noch das Blut des Verbrechers durch die Bretterritzen des Schaffotes sickerte, wo Hunderte von Abergläubischen bemüht waren, einige Tropfen desselben mit Tüchern und Lappen aufzufangen.

Die Sonne gab aber auch mir meine Courage zurück, und als mein Vater gegen sieben Uhr heimkehrte, lag ich schon länger als eine Viertelstunde wieder in den Federn, mir aber doch gelobend, ein solches Schauspiel niemals wieder aufzusuchen.

X.
Die Leipziger Sänftenträger-Compagnie.

Mit Errichtung der Fiaker erlitt ein bis dahin blühendes, unseren Tagen und Geschlechtern gewiß eigenartig erscheinendes Institut einen Stoß, der sein völliges Eingehen nur noch zu einer Frage der Zeit machte. Es war dies die ehrsame Corporation der Leipziger Chaisenträger, wie sie im Volksmunde genannt wurde, oder die »Sänftenträger-Compagnie«, wie sie sich selbst nannte und wie auch ihr amtlicher Titel lautete.

Diese Corporation, welche länger als 150 Jahre bestand und sich einst nicht blos hoher Blüthe, sondern auch der Gunst der ganzen Leipziger Bevölkerung, besonders aber der Honoratioren im höchsten Grade erfreute, trug einen halbamtlichen Charakter und zwar insofern, als ihr der Rath von ihrem Inslebentreten an, am Anfang des 18. Jahrhunderts, bis zu ihrer Auflösung, am Ende der sechziger Jahre oder Anfang der siebziger Jahre unseres Jahrhunderts, die Chaisen gegen entsprechende Miethe stellte und die Mitglieder, welchen außerdem noch die Pflicht oblag, bei Feuersgefahr mit einer ihnen besonders zugetheilten Spritze helfend einzugreifen, von Amts wegen feierlich bei ihrem Eintritt in die Compagnie in Pflicht nahm.

Die Chaisen oder Sänften ersetzten früher die jetzigen Droschken. Es waren einsitzige, viereckige Holzkasten, innen mehr oder minder elegant eingerichtet, denn es gab sogenannte Staatssänften und einfachere. Sie hatten rechts und links, wie die Droschken, Thüren mit zum Herunterlassen eingerichteten Fenstern, ebenso Glasfenster nach vorn, welche aber sämmtlich durch innen angebrachte Zugvorhänge verdeckt werden konnten. Zwei lange, lackirte Stangen, welche rechts und links unter angebrachte Halter geschoben wurden, dienten zum Tragen der Sänften und diese Stangen trugen vorn und hinten an kreuzweise über die Brust fallenden weißlackirten Ledergurten je ein Mann der uniformirten Sänftenträger-Compagnie. Die Uniform der Sänftenträger bestand in einem langen blauen Livréerock mit blanken Knöpfen und bis zum Anfang dieses Jahrhunderts in Kniehosen, weißen langen Strümpfen, Schnallenschuhen und dreieckigem Hut, später trugen sie lange Beinkleider und blaue Dienstmützen mit weißem Rand, der Rock aber blieb derselbe, doch erschienen sie auch später noch manchmal, bei besonders festlichen Gelegenheiten, in ihrer alten Galakleidung; so z. B., als sie am 5. August 1847 den zur feierlichen Einweihung der katholischen Kirche nach Leipzig gekommenen Bischof Dietrich aus Dresden zur Kirche trugen. Wie mancher andere Comfort waren auch die Sänften eine ins Deutsche übertragene französische Einrichtung, und wenn sich im vorigen Jahrhundert die geputzten, hochfrisirten und mit Schönheitspflästerchen versehenen Leipziger Damen in den Staatssänften zu den Vergnügungen oder zu Besuchen in Richter’s, Reichel’s oder Bosen’s Garten tragen ließen, so schritten oft die zierlich und stutzerhaft gekleideten und mit dem Paradedegen bewaffneten jungen Kaufleute oder sonstigen Verehrer neben her und suchten eifrig ein Wort oder doch wenigstens einen Blick der Angebeteten zu erhaschen. Auch bei Bällen und Gewandhausconcerten spielten die Chaisenträger mit ihren Tragen eine große Rolle, denn Equipagen wurden mit Ausnahme ziemlich schwerfälliger Reisewagen selbst von reichen Familien nur wenig gehalten, auch war das damalige Pflaster derart, daß man seinen Körper, besonders bei schlechtem Wetter, lieber einer von den wohlgeübten Trägern sanft (daher auch der Name Sänfte) behandelten und ohne alle Erschütterungen getragenen Chaise, als dem schweren Wagen anvertraute, dessen Federn nur mangelhaft waren und der oft aus einem Loch in das andere fiel. Bei solchen Fahrten wurden die damals hohen Frisuren und Reifröcke der Damen oft bedenklich erschüttert und die Perrücken oder zierlichen Zöpfe der gepuderten Herren derangirt, und da waren denn die Sänften sehr an ihrem Platze. Außer mancher anderen Vergünstigung hatten die Sänftenträger auch noch bis zu ihrer Auflösung das Vorrecht, das Klafterholz, welches sich Private für ihren Hausbedarf anfahren ließen, auf der Straße vor dem betreffenden Hause zerkleinern zu dürfen, und vielen alten Bürgern wird noch diese Thätigkeit dieser Leute, bei welcher auch die Frauen derselben mit eingriffen, erinnerlich sein. Es war dabei Sitte, ihnen außer dem Lohne noch das größte Holzscheit, gleichsam als Trinkgeld, zu überlassen.

Die Sänften und ihre Benutzung bei Gewandhausconcerten.

Mit dem Eintritt des Fiaker- und Droschkenwesens verschwanden auch allmälig die Sänften aus dem öffentlichen Gebrauch und nur Kranke, welche jede Erschütterung durch das Fahren im Wagen vermeiden wollten, benutzten dieselben noch ab und zu. Trotzdem bestand aber die Compagnie noch manches Jahrzehnt fort, und zwar wurden die Sänftenträger amtlich als Träger der Siechkörbe bei eingetretenen Unglücksfällen oder bei schwer Erkrankten behufs deren Transportes in’s Krankenhaus verwendet. Außerdem behielten sie ihren Spritzendienst und ihre Holzhauerarbeiten und fanden so immer noch ihre bescheidene Existenz.

Hierzu kam aber noch mancherlei weitere Thätigkeit und zwar zuerst die als Fabrikanten des seiner Zeit vorzüglich bei Leipzigs Frauen vielgepriesenen, ja bis zum heutigen Tage noch nicht ganz vergessenen, auch weit über Leipzigs Grenzen wohlbekannten »Chaisenträgerpflasters«, dessen heilkräftige Wirkung sich so ziemlich auf alle bekannten und unbekannten inneren Krankheiten erstrecken sollte. Gegen Gicht und Rheumatismus, Verrenkungen durch Hebung zu großer Lasten, verursachte Leibesschäden, gegen Knochenfraß, alte Wunden, Hexenschuß und Kreuzschmerzen half dasselbe, der Tradition nach, mit absoluter Sicherheit; ja als wir Kinder uns einst bei einem mehrtägigen Besuche auf dem Gute unseres »Buttermanns« in Bösdorf im Essen übernommen hatten und daran nach erfolgter Rückkehr tüchtig laborirten, brachte unsere alte gute Großtante allen Ernstes für jedes von uns ein halbellengroßes fettgeschmiertes Chaisenträgerpflaster herbeigeschleppt, welches das Innere kräftig zertheilen und uns wieder herstellen sollte. Tantchen nahm es denn auch furchtbar übel, als die Mutter ihre Pflaster dankend zurückwies und uns mittelst einiger Tassen aufgelösten Bittersalzes und der Leistungen einer mächtigen Familienklystirspritze, welch letztere damals in keiner Familie zu fehlen pflegte, einer schnellen Radicalcur unterzog und binnen zwei Tagen wieder vollständig herstellte. Erst am nächsten Aschermittwoch, wo wir Kinder pflichtgemäß, wie es damals Sitte war, mit bänder- und blumengeschmückten Tannenzweigen sämmtlichen Pathen und Verwandten aufs Quartier rückten und in handgreiflicher Weise »die Asche abkehrten«, versöhnten wir die gute Alte wieder vollständig, und jedes von uns erhielt einen mächtigen »Vierpfenniger« als gebührende Belohnung für unsere »Arbeit.«

Thatsache ist, daß die Fabrikation dieses Chaisenträgerpflasters, dessen Zusammensetzung von den Mitgliedern der Compagnie streng geheim gehalten wurde und welches dieselben für »einen Sechser« bis zu »zwei guten Groschen« je nach dem Umfang desselben verkauften, eine ganz beachtenswerthe Einnahmequelle der Compagnie bildete.

Vom Anfange ihrer Errichtung bis zu ihrer gänzlichen Auflösung hausten die Chaisenträger unter den vier Bogen der »Börse« am Naschmarkt. Im Hintergrunde derselben standen die Sänften und weiter vorn an den Eingängen standen Stühle, an deren Seite an der Wand kleine Spiegel angebracht waren, denn die Chaisenträger waren in der That Tausendkünstler und ebenso vielseitig als solche.

Sie waren nämlich nicht blos Sänften- und Siechkorbträger, Spritzenleute, Holzzerkleinerer und Fabrikanten ihres berühmten Pflasters, sondern huldigten auch dem Schönheitsgefühle, indem sie — man staune — Jedermann und jederzeit gegen den Obolus von »einem Sechser« kunstgerecht die Haarfülle verschnitten, wobei allerdings das Wort »verschneiden« oft genug in des Wortes verwegenster Bedeutung zu nehmen war. Dies hinderte aber verschönerungssüchtige Handwerksgesellen und Lehrjungen, ja selbst sparsame Handwerksmeister nicht, ihre Frisur ruhig den Scheerenleistungen der Sänftenträger anzuvertrauen und ihre Locken stufenweise in den solchergestalt auch der Kunst geweihten Hallen der Börse fallen zu sehen. Wir Herren Jungen waren natürlich Stammgäste der biederen Leuteverschönerer.

»Junge — nee — deine Haare! — Gleich gehst de zu’n Chaisenträgern, un — — runter damit — hier hast de ’nen Sechser!«

Das war dann für uns ein gefundenes Fressen, wie wir damals mehr bezeichnend als sprachlich schön uns zu äußern pflegten, denn die Alten wußten immer etwas Hübsches bei der Procedur der Haarabsäbelung zu erzählen.

Freilich, großen Staat machten sie nicht mit uns und der »Comfort« war gerade nicht übermäßig, aber das machte nichts aus, wir Bengel waren damals eben noch nicht so von der Cultur beleckt, wie jetzt die »jungen Herren«, wie heutzutage der Friseur jeden »dummen Jungen« anredet.

Der eben anwesende Chaisenträger steckte uns, nachdem wir rittlings auf dem uralten Polsterstuhle Platz genommen hatten, vorn und hinten, zum Schutz für unsere »Kutte«, je ein blaugewürfeltes, in Folge mancher Prisenspuren nicht ganz »zweifelsohne« Taschentuch rings in die Halsöffnung der »Kutte« und nun ging die Procedur frisch, fromm, fröhlich vor sich. Erwachsenen, von deren Aeußerem der haarschneidende Künstler stillahnend, leider sich aber oft mit dieser Ahnung selbst betrügend, vermuthete, daß sie sich zu der horrenden Leistung von einem »Neugroschen« aufschwingen würden, wurden weiße Tücher vorgesteckt, bei uns Jungen war dies überflüssig und uns auch vollständig gleichgiltig.

Während nun in diesen heiligen Hallen, vor den Augen des zahlreich vorüberziehenden verehrten Publicums, unsre oft arg zerzausten und meist etwas struppigen »Locken« unter der Scheere des Alten fielen, erzählte uns derselbe gewissenhaft alle Neuigkeiten des Tages, denn die Alten erfuhren Alles und waren eine lebendige Chronik — oft auch chronique scandaleuse, ja sie führten sogar länger als ein volles Jahrhundert ein ziemlich genaues Tagebuch über alle Stadtereignisse irgendwie bemerkenswerther Natur und waren nicht böse, wenn wir diese ihre Leistungen als Chronisten bewunderten und durchstöberten.

War die Procedur des Haarschneidens vorüber und hatte auch der aus gewissen hier besser verschwiegenen Gründen nunmehr in Function gesetzte »kleine Kamm« seine Pflicht gethan, so schüttelten wir Tücher und Haare ab und überreichten feierlich dem Alten den Lohn für seine Arbeit. Dieser prüfte dann das Geldstück genau, denn, es gab damals auch Sechser, die darnach waren, und dann erfolgte große Betrachtung im Handspiegel, worauf uns der Gute mit einem »So, nu siehst de wieder wie e Mensch aus«, feierlich entließ. Mutter schlug dann wohl bei unserem Anblick ab und zu entsetzt die Hände zusammen, aber Vater sagte dann beruhigend und lachend »Na — laß nur — se wachsen schon wieder!« Und damit war die Sache abgethan.

In der damaligen Zeit, wo noch nicht einmal die in den sechziger Jahren fest organisirte städtische Feuerwehr existirte, sondern nur die Bürgerschaft, soweit sie nicht Dienst in der Communalgarde that, und die sogen. »Schutzverwandten« (eine Art Bürger 2. Classe, die aber kein Wahlrecht hatten) zum Spritzendienst bei ausbrechendem Feuer, je nach den Stadtvierteln, herangezogen wurden, hatte natürlich eine Corporation wie die Sänftenträger, von denen die Hälfte Tag und Nacht auf ihrem Posten war, auch als Feuerwehrleute großen Werth, und die Fälle, in denen die Spritze derselben bei Schadenfeuern zuerst auf dem Platze war und die für diesen Diensteifer ausgesetzte Prämie empfing, sind sehr zahlreich. Die Compagnie hat bei großen Bränden wiederholt Hervorragendes, sowohl beim Löschen, als beim Retten und Bergen der bedrohten Mobilien etc., ja selbst von Menschen, geleistet, und da die strenge Ehrlichkeit ihrer Mannschaften wohlbekannt war, so wußten die vom Feuer Betroffenen da, wo die Spritze und Mannschaft der Sänftenträger-Compagnie erschien, das Ihrige in guten Händen, zumal da in jener Zeit sich oft schnell herbeigeeiltes Gesindel die Gelegenheit zu Nutzen machte, um zu stehlen, und die Feuerversicherung noch bei Weitem eine nicht so eine allgemeine war, wie zur Jetztzeit.

Selbst auswärts war in solchen Fällen die Compagnie öfters thätig, und als halb Oschatz in Flammen stand, ging auch die Spritze der Sänftenträger mit einiger Mannschaft, begleitet von Deputirten des Rathes, mit Extrazug dahin ab und trat dort in Action.

So war die Compagnie länger als 150 Jahre eine volksthümliche, beliebte und hochgeachtete Corporation, bis die Alles unterminirende Zeit endlich auch sie erst zum Wanken und dann zum Falle brachte und die folgenden undankbaren, flüchtigen Geschlechter in wenig Jahrzehnten dieselbe vergaßen.

Legte schon das Erscheinen der Droschken ihre ursprünglichen Functionen als Sänftenträger lahm, so daß eine Sänfte nach der anderen die Halle am Naschmarkt räumen mußte, so machte später die Organisation der städtischen Feuerwehr auch ihre Hilfe bei Feuersgefahr entbehrlich. Der aller Handarbeit feindliche Dampf treibt jetzt sogar holzspaltende Maschinen, und Brandt’sche Pillen, Glöckner’sches Pflaster und andere Mixturen und Salben haben längst das alte gute Chaisenträgerpflaster aus der Zahl der heilkräftigen Hausmittel verdrängt. Barbiere und Friseure bearbeiten jetzt die Köpfe und deren Haarfülle kunstgerecht mit Walzenbürste, amerikanischer Douche und — — Haarschneidemaschinen; leer und verwaist sind die einst so traulichen Hallen am Naschmarkt, nur in einer derselben sitzt jetzt eine menschenfreundliche ältliche Dame und giebt dem Bedürftigen — — — verschämt dabei lächelnd — einen gewissen Schlüssel zu einer gegenüberliegenden stillen Klause, gegen Einlegung — — eines Sechsers — — wollte sagen — — eines Fünfpfennigers deutscher Reichswährung.

Die Alten sind heimgegangen, nur einer noch, der alte »Vater Wolf«, haust in seiner kleinen freundlichen Wohnung im »Königshaus« am Markt, vorn heraus »fünf Treppen« hoch, dem Himmel oder doch den Wolken ebenso nahe als der undankbaren Erde.

XI.
D. L. M.

In einem altrenommierten Leinenwaarengeschäft der Petersstraße, welches noch jetzt besteht, kam es vor vielen Jahren öfters vor, daß sich unter den vielen Käufern auch zeitweilig solche befanden, welche dem etwas mißtrauischen, originellen Chef des Geschäftes betreffs ihrer Absichten zweifelhafter Natur zu sein schienen. In solchen Fällen rief er durch das kleine Fenster aus seinem Contor, durch welches er den Laden und die Käufer überblicken konnte, stets laut »D. L. M.« seinen Verkäufern zu.

Einst — als eine sehr hohe Dame — allein und in unscheinbarer Kleidung im Laden erschien, um Einkäufe zu machen, rief der Alte wieder laut sein »D. L. M.« heraus.

Die Dame aber wandte sich lächelnd zu dem Rufenden und sagte: »Nein — Vater F. — ich mause nicht!«

Die drei Buchstaben sollten nämlich ein Warnungsruf für das Personal des Alten sein und bedeuteten, was der Dame bekannt war: »Das Luder maust!«

XII.
Allerlei Chronika von 1846—1849.

Brand vom Hotel de Pologne.

Anno 1846 Abends 7 Uhr am 29. August ertönten die Sturmglocken von allen Stadtthürmen, die Tamboure der Communalgarde wirbelten durch die Straßen und die Signalhörner der Jäger schmetterten durch die Luft. Feuerruf ertönte aus der Hainstraße! — Es brannte im Hotel de Pologne. Ein Markthelfer in der Droguenhandlung von Marx daselbst war mit offener Kerze in den Keller des Hauses gegangen, wo große Vorräthe von Naphta, Vitriolöl und Spiritus lagerten und hatte daselbst ein Anfangs unbedeutendes Feuer verursacht. Erschrocken suchte er es selbst zu dämpfen, aber im Augenblick hatte dasselbe Spirituosen und andere feuergefährliche Stoffe erfaßt und wuchs riesig an. Die schnell herbeigeeilten Feuerwehren, insbesondere die Spritzen der Nachtwächter, Lampenleute und Chaisenträger vermochten den brennenden Stoffen gegenüber nichts zu thun. Man warf Sand, Erde und Mist in die Flammen, aber umsonst, dieselben durchbrachen schnell das Parterre und durchschlugen den ersten und zweiten Stock des Hauses. Der furchtbare Dampf zwang Alles zum Zurückweichen. Das Feuer griff mit solcher Gewalt um sich, daß in wenig Stunden nicht blos das Hotel de Pologne, sondern auch der »blaue Stern« und der »Adler« in Flammen stand. Leider erforderte der kolossale Brand viele Menschenopfer. Ein vom »Stern« einstürzendes Fenster erschlug von einem vorüberfahrenden Sturmfaß Pferd und Kutscher, sowie des Letzteren Knecht. Die ganze Nacht über heulten die Sturmglocken und nach und nach kamen sämmtliche Spritzen der umliegenden Orte an. Auch das Tags zuvor ins Cantonnement gerückte Schützen-Bataillon wurde zurückberufen und traf wieder in Leipzig ein. Alle Fabriken stellten ihre Leute zur zeitweiligen Ablösung der Bedienung der Spritzen zur Verfügung, ein Gleiches thaten die Turner. Die Schlauchführer griffen den riesigen Feuerheerd, mit Todesverachtung und unter eigener Lebensgefahr, von allen Seiten an und drangen sowohl von der Rückseite — der Katharinenstraße aus, wie vom Brühl und vom »großen Joachimsthal« her über die Dächer vor, während Massen von Schläuchen von den in der Hainstraße gegenüber liegenden Häusern und deren Dächern ebenfalls Ströme von Wasser in die Gluth sandten; aber erst nach fast drei Tagen furchtbarer Arbeit war das Feuer auf seinen Heerd beschränkt. Dasselbe brannte nach Außen noch länger als 14 Tage und von Zeit zu Zeit hörte man im Innern die Explosion der Spiritusfässer.

Da gerade diese drei Häuser hunderten von auswärtigen Tuch- und Buxkinfabrikanten als Verkaufslokale dienten und die Messe unmittelbar bevorstand, so wurden auf den theilweise noch rauchenden Trümmern schleunigst Buden für die alsbald eintreffenden Fremden errichtet, aber als man nach der Messe, fast 12 Wochen nach dem Brande, den Schutt gründlich aufzuräumen begann, stieß man immer noch auf brennende Stellen. Mehrere Fremde, sowie ein Oberkellner des Hotels verbrannten in den Zimmern. Unter der eingestürzten Einfahrt fand man beim Aufräumen die Ueberreste eines Weinküfers, eines Wollsortirers und eines Mannes von der Feuer-Colonne erschlagen vor. Ein wackrer Schornsteinfeger rettete mit eigner Lebensgefahr mittelst einer Leiter eine um Hilfe rufende Dame aus dem über und über brennenden 3. Stockwerk des Adlers, indem er sie aus einem Fenster auf die Leiter trug und, selbst vom Feuer verletzt, glücklich vor dem Einsturz des Gebälkes zur Erde brachte. Die Knochen und sonstigen Ueberreste von 8 Personen wurden nach einigen Tagen feierlich zusammen beerdigt, 6 weitere Personen fand man erst später auf oder dieselben starben nachträglich an ihren Brandwunden, der Letzte derselben war der Maurer Gehlicke, der beim Retten verunglückt war. Er wurde am 30. September 1846 als erste Leiche auf dem neuen Johannisfriedhof an den Thonberg-Straßenhäusern beerdigt.

Neuer Fried­hof.

Am 28. September 1846 Nachmittags übergab Bürgermeister Dr. Groß den neuen Johannisfriedhof zur Benutzung, worauf durch Superintendent Dr. Großmann, unter Theilnahme einer großen Menschenmenge, die feierliche Einweihung desselben stattfand.

Erschoss. Liebes­paar.

Anno 1847 am 16. August erschoß sich hinter den Gärten bei Sellerhausen ein junges Liebespaar aus Volkmarsdorf. Der Jüngling war 18, das Mädchen 17 Jahre alt. Das Mädchen wurde am 18. August unter Vorantritt der Geistlichkeit und der Schuljugend, sowie ihrer Angehörigen und Freunde beerdigt. Die Jünglinge von Volkmarsdorf trugen den Sarg. Der Leichnam des jungen Mannes kam auf die Anatomie!!!

Mendels­sohn-Bartholdy †.

Am 4. November 1847 starb hierselbst in der Königstraße der Königl. Preuß. Capellmeister Dr. Felix Mendelssohn-Bartholdy. Am 7. November wurde der Sarg mit dem Leichnam des Verewigten unter Vorantritt zweier, abwechselnd Trauer-Märsche spielender Musikchöre, unter großem Blumen- und Palmenschmuck und dem Geleit der Mitglieder des Conservatoriums, der Universität, der Civil- und Militairbehörden im feierlichen Zug durch Petersthor und Petersstraße, Markt, Grimmaische Straße in das Innere der Universitäts-(Pauliner-)Kirche gebracht, vor dem Altar niedergesetzt und mit brennenden Wachskerzen umgeben. Nach abgehaltenem Trauergottesdienst und Absingen des Chorals »O Haupt voll Blut und Wunden etc.« unter Orgel- und Posaunenbegleitung, wurde der Sarg Abends per Extrazug nach Berlin gebracht.

Robert Blum †.

Anno 1848 am 14. November kam die Nachricht von Robert Blum’s Erschießung, in der Brigittenau zu Wien am 9. November, dem Tage vor seinem Geburtstage, nach Leipzig und fand desselben Tages eine große Volksversammlung in der Thomaskirche statt. Dieser folgte am 26. November 1848 die Todtenfeier für Robert Blum in Leipzig. Auf dem Roßplatz stellten sich sämmtliche Innungen und Corporationen mit ihren Fahnen auf, darunter die Buchdrucker mit einer rothen Fahne und der Inschrift von Blum’s Namen und Todestag. Punkt 11 Uhr marschirte der Zug vom Roßplatz um die Promenade, an der Post vorbei, durch die Hallesche und Katharinenstraße auf den Markt. Hier theilte sich der Zug und hatte die erste Abtheilung Gottesdienst in der Nikolai- — die Andern in der Thomaskirche. Nachmittags gab der Turnerchor auf dem Exercirplatz bei Gohlis zu Ehren des Erschossenen drei Salven ab.

Robert Blum wurde am 4. November in Wien, nach Bewältigung des dortigen Aufstandes gefangen genommen und nach kriegsgerichtlichem, durch den Fürst Windischgrätz bestätigtem Urtheil am 9. November standrechtlich erschossen.

Am 7. December 1848 veröffentlichte Rechtsanwalt Dr. Gustav Haubold im Leipziger Tageblatt Folgendes:

»Ich übergebe hiermit die Abschiedsworte Robert Blum’s, zur Widerlegung vielfach verbreiteter Gerüchte, der Oeffentlichkeit.

Leipzig, den 7. Dec. 1848.

Dr. Gustav Haubold,
Vormund der 4 unmündigen Geschwister Blum.

Diese Abschiedsworte aber lauteten:

Mein theures, gutes, liebes Weib!

Lebe wohl für die Zeit, die man ewig nennt, die es aber nicht sein wird. Erziehe unsre — jetzt nur Deine Kinder zu edlen Menschen, dann werden sie ihrem Vater nimmer Schande machen. — Unser kleines Vermögen verkaufe mit Hilfe unsrer Freunde. Gott und gute Menschen werden Euch ja helfen. Alles was ich empfinde rinnt in Thränen dahin, daher nur nochmals: leb wohl theures Weib. Betrachte unsre Kinder als theuerstes Vermächtniß, mit dem Du wuchern mußt und ehre so Deinen treuen Gatten. Leb wohl, leb wohl! Tausend, tausend — die letzten Küsse von:

Deinem
Robert.

Wien, den 9. Nov. 1848, Morgens 5 Uhr.
Um 6 Uhr habe ich vollendet!

Nachschrift.

Die Ringe hatte ich vergessen, ich drücke Dir den letzten Kuß auf den Trauring. Mein Siegelring ist für Hans, die Uhr für Richard, der Diamantknopf für Ida, die Kette für Alfred als Andenken. Alle sonstigen Andenken vertheile Du nach Deinem Ermessen. —

Man kommt, lebe wohl! Lebe wohl!


Neue Speise­anstalt.

Anno 1849 wurde die frühere Getreide-Expedition am Königsplatz (jetzt Ecke Königsplatz und Markthallenstraße) in eine städtische Speiseanstalt umgewandelt. Die Portion Gemüse und Fleisch kam 12 Pfennige. Die Anstalt wurde am 1. Februar 1849 eröffnet.

Revolu­tion und Straßen­kampf in Leipzig.

Am 6. Mai ging auch in Leipzig die Revolution los, nachdem dieselbe bereits am 3. Mai in Dresden zum Ausbruch gekommen war. Vom 3. bis mit den 5. Mai passirten viele Freischaaren nach Dresden hier durch, darunter allein 900 Mann aus Werdau und Crimmitzschau. Am 6. Mai sammelten sich Volksmassen auf dem Roß- und Königsplatze an, welche die Escadron der Communalgarde durch Einreiten zu zerstreuen suchte. Hierbei fiel ein Schuß, wodurch ein Mann aus dem Volkshaufen verwundet wurde. Nun begann der Kampf zwischen dem Volk und den Bürger-Gardisten. Die Aufständischen erbauten Barrikaden an der Ecke des Marktes und des Thomasgäßchens, ferner am Neumarkt, gegenüber der Reichsstraße und die höchste und stärkste am Café Francais in der Grimmaischen Straße. Hierbei plünderten die Aufständischen den Meißnerschen Gewehrladen im Thomasgäßchen. Die Bürger-Gardisten nahmen die Barrikaden am Thomasgäßchen und Neumarkt schnell, wobei auf Ersterer der Souffleur Wrede vom Stadttheater erschossen wurde; aber bei der Barrikade am Ausgang der Grimmaischen Straße fanden sie so lebhaften Widerstand, daß sie sich am 6. Mai zurückziehen mußten, wobei Gardist Müller erschossen und die Gardisten Böttchermeister Herrmann und Bäckermeister Ottilie verwundet wurden. Erst am Morgen des 7. Mai zwischen 5 und 6 Uhr gelang es der Bürger-Garde auch die letzte Barrikade zu nehmen, wobei Gardist Seidenwaarenhändler Gontard todt blieb und auf Seiten der Aufständischen der Schmiedegesell der Leipzig-Dresdner-Bahn Merkisch fiel. Auch ein armes Dienstmädchen Namens Emilie Dreßler, welche im weißen Engel diente, wurde hierbei beim Milchholen auf dem Grimmaischen Steinweg durch eine Kugel getödtet. Hiermit war der Aufstand in Leipzig zu Ende.

Am 9. Juli starb noch an seiner Wunde Gardist Böttchermeister Herrmann und wurde gleich den Gardisten Müller und Gontard mit militairischen Ehren beerdigt.

Alter Friedhof.

Am 1. November wurde die Gottesackermauer, welche die um die Johanniskirche liegende Abtheilung des alten Friedhofes umgab, niedergelegt und der Platz bis an den Spittel eingeebnet und freigemacht.

XIII.
Die innere Stadt zur Messe vor 40 Jahren.

Bei den jetzigen Anstrengungen, welche man in anerkennenswerther Weise macht, um die Leipziger Messen wieder zu heben und den früheren Verkehr, wenn auch nur annähernd, wieder herbeizuführen, dürfte es gewiß Jedermann interessiren, einen Blick auf das Leben und Treiben innerhalb unseres Leipzig zur Meßzeit um 40 Jahre zurückzuwerfen. Wer den damaligen Verkehr, der bis zum Anfang der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts fortwährend stieg, um allerdings dann durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes und andere gewichtige Factoren, bis zur Mitte der siebziger Jahre erst allmälig, dann aber, hauptsächlich wohl mit veranlaßt durch allerlei verkehrte und den freien Verkehr hemmende Maßregeln, rapid abzunehmen, nicht mit eigenen Augen gesehen hat, vermag sich wohl kaum noch einen Begriff von demselben zu machen, und deshalb soll eine möglichst genaue Schilderung desselben in diesen Blättern den jetzigen und vielleicht auch späteren Generationen ein Bild von demselben geben. Wenn wir sagen, daß in der inneren Stadt z. B. jedes Haus bis in seine entferntesten Winkel dazu eingerichtet war, Meßzwecken zu dienen, so mag Mancher dies jetzt für arge Uebertreibung halten, und doch war es nicht blos in der That so, sondern — was die Hauptsache ist — diese entferntesten Winkel waren auch mit Verkäufern besetzt und wurden mit horrenden Miethpreisen bezahlt. Es ist natürlich, daß zu jener Zeit die Besitzer von Häusern der inneren Stadt thatsächlich im Besitz der »goldene Eier« legenden Henne waren und an jene Zeiten mit Wehmuth und voller Groll auf die Jetztzeit zurückdenken. Gab es doch Grundstücke, welche durch ihre Meßvermiethungen riesige Erträge abwarfen, und wenn z. B. zu jener Zeit Auerbach’s Hof zu jeder Stunde, Tag und Nacht, das ganze Jahr über gerechnet, einen Doppellouisdor eingebracht haben soll, was ungefähr jährlich 300 000 Mark beträgt, so ist dies ganz sicher nicht das einzige, ja höchst wahrscheinlich noch gar nicht das einträglichste Grundstück gewesen. Gab es doch Häuser, in denen sich, wie im Hotel de Pologne, Elephant, goldnen Hahn, Anker, gr. Joachimsthal, Mauricianum etc. etc. Hunderte von Ständen und Verkaufsgewölben — ferner das alte Gewandhaus mit seiner riesigen Anzahl von Tuchständen auf den sogenannten Tuchböden — befanden, und einfache Hofstände wurden mit 4—500 Mark pro Messe, kleinere Läden mit 8—1200 Mark und große Gewölbe mit 1500 bis 2000 Mark für die Hauptmesse bezahlt. Ja selbst in der nie zu der Größe der Hauptmessen gekommenen, nur zwei Wochen währenden Neujahrsmesse war der Verkehr immer noch ein vielfach stärkerer, als jetzt zu den Hauptmessen. Aber alle diese Hausstände und Läden genügten noch bei Weitem nicht für den riesigen Engrosverkehr, denn es waren noch alle Straßen und Plätze mit Buden für die kleineren Fabrikanten und Grossisten besetzt, und in den Hauptstraßen befanden sich Waarenlager bis in die dritten und vierten Stockwerke der Häuser. Dabei hatte jede Branche ihre bestimmten Straßen inne. Die Grimmaische Straße, in welcher Verkaufsstände und Buden fast die Hälfte der Straßenbreite vom Grimmaischen Thor bis zum Markt einnahmen, enthielt die Lager der Damenconfection, der Herrenconfection, Blumenfabriken, Gold- und Silber- und Bijouteriewaarenfabrikanten, sowie Hüte, Mützen und Kunsthandlungen (Bilder). Im Mauricianum hielten Hunderte von Lederhändlern, ebenso im rothen Colleg und der ganzen Ritterstraße, welche noch Buden für Kunstleder, Schäftefabriken, Nähnadeln und Zwirngrossohändler trug. Der Nicolaikirchhof und die Nicolaistraße waren mit rheinländischen und Lausitzer Posamenten, Apoldaer Strumpf- und Phantasie-Wollartikeln, sowie sächsischen Baumwollwaaren besetzt. Im Salzgäßchen domicilirten sächsische Cravatten-, Cachenez- und Taschentücherfabriken und Grossisten, im Goldhahngäßchen Chemnitzer Damaste und Berliner Chales und Tücher. In der Reichsstraße standen die großen Firmen der Manufacturwaarenbranche aus Greiz, Gera, Glauchau, Meerane, sowie solche, die englische und sächsische Lüsters und Orleans führten; in den Höfen und Durchgängen, sowie im Böttchergäßchen wurden Hohenstein-Ernstthaler Westen, Bett- und Tischdecken, Teppiche und Läuferstoffe, baumwollene Cords und Hosenstoffe, Lamas und Flanelle, sowie Möbelplüsche feilgehalten. In der Katharinenstraße waren die großen Lager Eilenburger und Berliner Kattune und Piqués, die Lausitzer Leinwand-, Gedeck- und Handtuchfabrikanten, Shlipse und Cravatten, Drelle und Bettzeuge zu finden. Im Brühl von der Reichsstraße bis zur Hainstraße befanden sich schweizer und englische, sowie sächsische Gardinen, Crefelder und Berliner Seidenwaaren und Sammete, Jupons und Schürzen, sowie Breslauer und Berliner Futterstoffe, im untern Brühl bis zur Ritterstraße der riesige Rauchwaaren-, Fell-, Borsten- und Därmehandel, sowie der jüdische Trödelmarkt, letzterer auf hunderterlei Ständen mit ebensovielerlei alten und neuen Gegenständen. Einen geradezu riesigen Complex aber nahmen die noch jetzt zahlreichen Tuch- und Buckskin- und Confectionsstofffabriken und Grossisten damals ein. Alle Höfe und Durchgänge von der Katharinen- nach der Hainstraße, von dieser bis zur Fleischergasse und wieder von dieser bis zum Neukirchhof, auf welchem sich noch Hunderte von Ständen in Buden befanden, sowie sämmtliche Läden der genannten Straßen waren mit dieser Branche bis in die kleinsten Winkel besetzt. In den großen Läden der Hainstraße dominirten die Berliner Weltfirmen der Confectionsstoffbranche, welche oft mit einem Apparat von über einem Dutzend Leuten, bestehend aus Chef, Procurist, Buchhalter, Commis, Lehrlingen und Markthelfern, zu denen sie aber noch ein anderes Dutzend Packer und Meßhelfer hier engagirten, zur Messe kamen. Das Gewicht der Waaren, welche diese Häuser, wie Jacob Landsberger, Reinhold Wolff und Co., Rosenstiel Söhne, Morgenstern Söhne etc., hierher mit zur Messe brachten, betrug Hunderte von Centnern, und bereits Wochen vor der Messe trafen Ladungen derselben hier ein. Vor uns liegt die Specificirung der Meßspesen eines solchen Geschäftes, dieselben betrugen für eine einzige Michaelismesse in ihrer Gesammtheit 3215 Thaler 28 Neugroschen, also fast 10 000 Mark; dabei ist jedoch ausdrücklich bemerkt, daß in dieser Summe die Gehalte des mitgebrachten Personals nicht mit inbegriffen waren. Diese Geschäfte führten Alles, was zur Herren- und Damenconfection (die Confection erstreckte sich damals bei Damen nur auf Mäntel etc., nicht auf Kleider) gehörte: Buckskins aller Art, Tuche, Ratiné, Double, Krimmer, Plüsche etc. bis herab zu den Cloths. Welchen Meßumsatz ein derartiges Haus machen mußte, um nur erst die Spesen zu verdienen, kann sich wohl Jeder leicht vorstellen. Sie verdienten aber nicht blos die Spesen, sondern mehr.

Die Katharinenstraße zur Messe Anno 1850.

Im großen Joachimsthal, Stern und Hotel de Pologne standen die Tuch- und Buckskinhändler aus Aachen, Verviers, Quedlinburg und Berlin, in den anderen Häusern und Straßen, sowie auf dem Neukirchhof die Fabrikanten aus Cottbus, Spremberg, Forst, Sorau, Crimmitschau und Werdau. Die kleineren Fabrikanten feiner Tuche standen seltsamerweise weit von ihren Collegen entfernt und zwar auf dem Neumarkt und im Gewandhaus. Es waren dies die aus Roßwein, Leisnig und Döbeln. Auf der oberen Hälfte des Neumarktes standen die Antiquare, in den Höfen und Hausfluren die Gemäldehändler. Die Petersstraße war damals nur wenig geschäftlich belebt, es saßen deshalb rechts und links auf derselben die Obsthändler. Auf dem Marktplatz fanden sich Spielwaaren, Geigen- und Instrumentenfabriken, Annaberger geklöppelte Spitzen, Marmor-, Glas- und Meerschaumwaaren und tausenderlei Anderes, im Thomasgäßchen Pariser Bijouterien, Schweizer Weißwaaren und Spielwaaren. Auf dem Thomaskirchhof befanden sich die Eisen- und Kurzwarenhändler.

So waren in der inneren Stadt die Branchen vertheilt, dabei fand ein fortwährendes Gewühl und Gedränge statt: vor den Geschäftslocalen standen trotz der die Straßen ohnehin sehr beengenden Buden noch Pyramiden von Kisten und Waarenballen, und auf dem schmalen, nun noch übrigen Fahrweg schlängelten sich hin- und herschleudernde Schleifen, Roll- und Lastwagen, Droschken und Handwagen im bunten Knäuel durcheinander. Arbeiten — feste arbeiten! war die Losung während der Vor- und Engroswoche, und wenn Abends spät in den Geschäften endlich die Läden vorgesetzt wurden und der Andrang der Käufer für den Tag zu Ende war, dann ging das Zusammenstellen der Commissionen, das Registriren, Facturiren, Copiren, Vergleichen und Verpacken los, denn am Tage war dazu keine Zeit, und oft schliefen die Ermüdeten die wenigen verbleibenden Stunden auf den Ballen. Aber »der Alte« ließ sich in dieser Zeit schwerer Arbeit »nicht lumpen«, es gab Bier, Kaffee, Punsch und kalte Küche im Ueberfluß, und die »Meßgratification« war auch nicht zu verachten.

Wo sind jetzt jene Zeiten? Längst und wohl für immer vergangen! — — Die Buden verschwanden von den Straßen, die sonst so belebten Höfe stehen meist leer, die Regaleinrichtungen in den Hausfluren verfallen, und die früher so beschäftigten Ballenaufzüge in den großen Durchgängen strecken betrübt ihren Arm in die Luft. Daß bei solchem Verkehr und den kolossalen Geschäftsumsätzen natürlich auch eine Menge Menschen ihre Existenz fanden, ist einleuchtend. So kamen speziell aus den ärmeren Gegenden des Erzgebirges und Vogtlandes zu jeder Messe Hunderte von Leuten mit ihrem Schiebebock (einrädriger Handwagen) und der hölzernen Trage zu Fuß nach Leipzig, lösten sich für wenige Groschen bei der Behörde einen Arbeitsschein, wurden registrirt und erhielten nun eine um den linken Arm zu tragende Blechmarke mit ihrer Nummer. Diese Leute traten nun als Packer oder Meßhelfer bei den Fremden in Dienst, erhielten zwei Thaler pro Tag und kehrten nach der Messe ebenso wieder zu Fuß, diesmal aber mit einem hübschen Sümmchen ersparten Verdienstes, in ihre Heimath zurück. Sie waren treu und ehrlich und meist viele Jahre bei demselben »Meßfremden« thätig. Solcher Existenzen aber gab es vielerlei, und so verbreitete die Leipziger Messe ihren Segen tausendfältig bis weit in die Ferne. Aber auch die Leipziger Gewerbe fanden durch die Messe und ihren riesigen Verkehr reichlichen Absatz. Zimmerleute zum Aufbau der tausenden von Meßbuden, Tischler und Schlosser zu den Regalen, Firmenschreiber, Schneider und Schuhmacher, alle, alle mußten zur Messe mit verstärkten Kräften oft Tag und Nacht arbeiten.

Vom Bäuerlein, das zur Messe mit seinen Gäulen kam, um bei Spediteuren oder dem Rollfuhrverein in den Dienst zu treten, bis zum Rußbuttenmann und dem Verkäufer des »Wach—holder—beer—saft«, von der armen Wittwe, die zur Messe mit Kind und Kegel in der ärmlichen Küche auf der nur nothdürftig mit Stroh bedeckten Diele schlief, um ihre Stube einem »Meßfremden« einzuräumen, bis zum Hotel I. Ranges — Alle fanden Brot und Nahrung von der Leipziger Messe.

XIV.
Der damalige Meßfremde.

Der »Meßfremde«, in keiner Weise identisch mit dem jetzt gleich einem flüchtigen, oft nur scheinbar glänzenden Meteor nur auf Tage die Messe besuchenden »Meßonkel«, war im Gegensatz zu diesem leichtlebigen, anspruchsvollen, über alles raisonnirenden, oft nur dem Vergnügen huldigenden und ebenso schnell, wie er gekommen, wieder verschwindenden, unbeständigen Meßbesucher — ein Mann von soliden Grundsätzen. Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit bezüglich der Meßquartiere und Toleranz gegen mäßige Meßpreise und entsprechend verkleinerte Beefsteaks, sowie den damals noch weitberühmten sächsischen Kaffee war seine lobenswerthe Eigenschaft. Er nahm es nicht übel, wenn er für das Bett in einem Zimmer des 4. Stockes, welches Zimmer außer ihm noch zwei, drei andre »Meßfremde« zur Nachtzeit bewohnten, für die Nacht drei Mark bezahlen mußte, und fiel nicht vor Schreck auf den Rücken, wenn er des Morgens seine Stiefel nur mit Studentenwichse (Speichel) nothdürftig gewichst fand. Wußte er doch, daß im Uebrigen seine »Wirthsleute« Alles thaten, was sie ihm an den Augen absehen konnten; und war erst der ärgste »Meßtrubel« vorüber und die Masse der großen Einkäufer wieder abgereist, dann avancirte er ohne Preiserhöhung zum Selbst- und Alleinherrscher in seiner Stube, die Wirthin kochte ihm seine Lieblingsgerichte. Der Kaffee wurde nicht mehr gar so sehr »in die Länge« gezogen, er trat in den Alleinbesitz eines pfundschweren Hausschlüssels, den er sich wegen der Größe und des Gewichtes desselben in den auf seiner Kehrseite befindlichen Hosenriegel schnallte, und schäkerte gern mit den ihn »Onkel« anredenden Kindern seines Gastfreundes, selbst wenn dieselben nicht weiblichen Geschlechtes und jünger als 16 Jahre waren. Schon sein ganzes Aeußere bei seiner Ankunft machte einen vertrauenerweckenden, soliden Eindruck. Seine Hauptkennzeichen waren im Sommer langer Gehrock und hochgeschlossene Weste mit massivgoldener Uhrkette nebst daran hängendem Petschaft, niedrige Reisemütze mit breitem Schild, Regenschirm, Cylinderhutschachtel, Geldkatze, bescheidene Vatermörder mit schwarzseidenem Halstuch und dickbauchige Reisetasche mit den aufgestickten Worten »Bon voyage« oder »Au revoir«; im Winter kam ein mächtiger Reisepelz, Pelz- oder lange Filzstiefel oder Fußsack (letzterer wieder mit Stickerei versehen), sowie ein dicker, 3—4 Ellen langer gestickter Shawl hinzu, dessen Enden ihm malerisch bis auf die Knie herabfielen. Den Platz der Sommermütze hatte dann eine runde Pelzmütze eingenommen. So entstieg er pustend, aber munter und beweglich, dem Post- oder Eisenbahnwagen, mit nie fehlender Pünctlichkeit empfangen von seinem über das ganze Gesicht lachenden erzgebirgischen »Meßhelfer«, der nun hinter seinem »Herrn« mit dem Gepäck ins »Logis« trabte. Hier fand nun feierlicher Empfang statt, der »Meßfremde« schälte sich aus und hörte nun ebenso gewissenhaft den Rapport seines »Wirthes« über etwaigen neuen Familienzuwachs oder sonstige intimere Familienereignisse mit an, wie er selbst gewissenhaft über die Seinen zu Hause rapportirte; denn der »Meßfremde« wohnte oft wieder in derselben Familie, in welcher schon sein Vater gewohnt hatte, und oft verband die beiden Familien langjährige, enge Freundschaft. Nachdem sich der »Meßfremde« von den Strapazen der Reise erholt hatte, ging es sofort an die Arbeit, denn obwohl er meist schon Mittwoch oder höchstens Donnerstag vor der »Vorwoche« eingetroffen war, gab es doch scharf zu thun. Da mußte der »Meßzoll« (pro Centner 25 Pfennige) erlegt, die Ballen und Kisten angenommen und controlirt und dann — zunächst hinter verschlossenen Ladenthüren — ausgepackt werden. Daneben gab es die langjährigen Nachbarn, welche ebenfalls aus allen Richtungen der Windrose eintrafen, zu begrüßen, um Abends todtmüde in den »Kahn« oder »Gondel« zu fallen. Freitags und Sonnabends trafen bereits die »Einkäufer« ein, machten ihre Runden, drangen bis in die dunkelsten Winkel der Höfe, und Montags ging das Geschäft los. Da wurde geprüft und untersucht, geschachert und gefeilscht, die dickleibigen Brieftaschen der Einkäufer wurden schlanker und zusehends dünner, dagegen füllten sich die Geldkatzen der Verkäufer. Alle Quartiere waren doppelt und dreifach belegt, die Hotels und Gasthöfe bis auf den letzten Vorsaalplatz besetzt, und in den Judenherbergen in den Hinterhäusern des Brühls und der Ritterstraße lagen die Söhne Israels schichtenweise zur Nachtzeit neben- und aufeinander. Alles arbeitete, hastete, lachte, scherzte, denn Alles verdiente Geld, und »Leben und leben lassen« war der allgemeine Wahlspruch. Waren aber die »großen Einkäufer« wieder verschwunden und die Vorwoche zu Ende, so stellte sich zur nun kommenden Meßwoche die »kleine Kundschaft aus der Provinz« ein. Diese treuesten aller Kunden brachten ebenfalls straffe Beutel mit, beglichen ihre alten Conten und belasteten dieselben durch neue Einkäufe. Das Geschäft war hier ein glattes, auf gegenseitigem, durch langjährige Verbindung begründetem Vertrauen basirend. Immer noch war die Arbeit eine scharfe, angestrengte, denn wenn sich auch die zweite Woche ihrem Ende zuneigte, die »Kunden« seltener wurden, fehlte es doch nicht am Geschäft. Es stellten sich die Männer mit der scharf ausgeprägten Physiognomie ein. Sie fragten nach »ä Pöstchen Waare« oder »ä Ramschpöstchen, er kann sein groß oder klein« — und dann neigte sich die Engrosmesse ihrem Ende zu, und die Arbeit ließ bedeutend nach.

Jetzt ging aber auch mit dem »Meßfremden« eine bedeutende Umwandlung vor. Er häutete sich geradezu.

Er steckte eine unternehmende, ja kecke Miene heraus; kam der Abend heran, so legte er »den guten Anzug« an, steif gestärkte Vatermörder, von einer leichtfertigen bunten Halsbinde lose umschlossen, schauten über die großgeblumte seidene Weste mit dem breiten Kragen; in der Mitte des Vorhemdchens prangte eine ungeheure Busennadel, der langschößige solide Rock verschwand, und ein »Schniepel« (Frack) oder kurzer Rock mit breitem Revers umhüllte nur flüchtig seine Hüften. Breite Galons und straffe Stege zierten die hellen Hosen, ein schwindelhaftes Fischbeinstöckchen ersetzte den soliden Familienregenschirm, und der nach oben kühn geschweifte Cylinderhut hielt aus der Tiefe seines Futterals seine Auferstehung. Haupthaar und Backenbart erhielten durch Brenneisen und Bürsten sanfte Kräuselungen und einen kühnen Schwung, der Trauring marschirte in die Tiefen der Westentasche und — — — der »Meßfremde« stürzte sich — in den darauffolgenden Tagen am chronischen Kater leidend — mit Todesverachtung in die Freuden und Genüsse der Messe, heute hier — morgen da »den Affen loslassend« bis das allmälige Verschwinden fast aller Einkäufer und auch etwas »moralischer Katzenjammer« ihn wieder solideren Bahnen zulenkte und er — den Trauring wieder ordnungsgemäß placirend — dem verführerischen, aber, ach, so gemüthlichen Leipzig wieder einmal Ade sagte, schon im Voraus die Wochen berechnend, welche vergehen mußten, ehe er hier wieder seinen Einzug halten konnte.

XV.
Wichsekrah!

Einer der beliebtesten und drolligsten Volksoriginale der damaligen Zeit in Leipzig war ein kleiner kaum vier Fuß hoher Mann, im Volksmunde »Wichsekrah« genannt und unter diesem Namen nicht blos den Einheimischen, sondern auch fast allen regelmäßigen Meßbesuchern wohl bekannt. Seine zwerghafte aber keineswegs verwachsene Person steckte stets in einem abgetragenen schwarzen Anzug, Rock mit langen Schößen, Weste und meist viel zu langen Hosen. Sein verhältnißmäßig viel zu großer Kopf, auf dem er stets einen mehr oder minder abgeschabten Cylinderhut trug, war nur von spärlichem Haar bedeckt, eine dicke, ziemlich lange Nase saß in dem schwammigen, finnigen Gesicht und den großen breiten Mund mit den wulstigen Lippen beschattete eine Anzahl Haare zweifelhafter Farbe, welche Wichsekrah in ihrer Gesammtheit mit dem Namen Schnurrbart beehrte: doch behaupteten seine besonderen Gönner, insbesondere die stets zu allerlei Allotria aufgelegten Studios, es seien die Motten in diese defecte und lückenhafte Manneszierde hineingekommen. Ein Vorhemdchen, dessen Weiße niemals zweifelsohne war, und dessen Hüftbänder ihm consequent unter den Rockschößen hervorbaumelten, bedeckte die breite Heldenbrust des kleinen Mannes, und ein Paar ebenfalls bezüglich ihrer Farbe zwischen dem Weiß der Unschuld und einem soliden Schmutziggrau schwankende Vatermörder umschlossen, festgehalten durch ein altes zerknittertes Halstuch, den Hals Wichsekrah’s.

Wenn wir nun noch hinzufügen, daß derselbe infolge einer Angewohnheit den Kopf ein wenig nach links geneigt trug, wodurch der linke Vatermörder stets traurig, einer geknickten Lilie gleich, seine Spitze abwärts senkte, während die des rechten kühn in die Lüfte starrte, so haben wir mit historischer Treue das Bild unseres Helden der jetzigen und den späteren Generationen vor die Augen geführt. — — Halt! Noch Eines fehlt! Eines — ohne welches Wichsekrah eben nicht Wichsekrah gewesen wäre, eines — ohne welches man ihn nie sah — das zu ihm gehörte wie die Sohle zum Stiefel und der Kaftan zum polnischen Juden.

Dieses Eine war — sein Kasten; ein ziemlich großer, sehr fester Holzkoffer, den sein Besitzer stets an einem breiten Lederbande, welches er über die Brust und Schulter hängte, mit sich herumtrug. Dieser Kasten, viel zu groß für seine angeblichen Zwecke, als Behälter der wenigen Schachteln und Büchsen mit Wichse, Pomade und Streichhölzern, mit welchen Gegenständen Wichsekrah handelte, war denn auch zu Höherem bestimmt, denn — er war das Podium eines ausübenden Künstlers, Declamators, Sängers und — — Tänzers, als welcher sich einem verehrungswürdigen, kunstliebenden Publicum, mochte dasselbe nun aus halbwüchsigen Jungen, auf den Katerbummel begriffenen Studios oder ulklustigen Meßonkels bestehen, wenn es nur irgend Geld einbrachte, Wichsekrah sich entpuppte. Wichsekrah war trotz seines nicht sehr geistreichen Aussehens und der dämlichen Miene, welche er in der Regel aufsteckte, ein ganz aufgeweckter, heller Junge und in erster Linie Geschäftsmann.

»Vor Nischt — is Nischt! — Die Wichs is gut!« war sein heimlicher Wahlspruch, und der Zusatz »De Wichs is gut« war ihm so zur Gewohnheit geworden, daß er überhaupt jeden Satz, jede Rede und Declamation, ja sogar seine Leistungen auf dem Gebiete Terpsichorens stets und unwiderruflich damit schloß. Leider stieß er beim Sprechen etwas mit der Zunge an, was seine rhetorischen Leistungen einigermaßen beeinträchtigte. An gewöhnlichen ruhigen Tagen war Wichsekrah nur selten zu sehen, er besuchte dann höchstens ab und zu die Kneipen der Studentenschaft, aber wenn irgendwo zu einem Feste die Massen zusammenströmten, hauptsächlich aber wenn Tausende von Meßfremden die Straßen bevölkerten, dann fehlte auch Wichsekrah niemals und je lebhafter es zuging, desto mehr war er in seinem Element, desto mehr ging er aus sich heraus, desto größer war er in seinen Leistungen.

»Hollah — da is Wichsekrah! — Wichsekrah Hurra! Declamire mal — willst ne feine Habbannah?«

Der Angeredete blinzelte unter seinen buschigen Brauen die ihn auf diese Art Anredenden grüßend und schläfrig listig an.

»Wennst de eene hast?« schmunzelte er dann vergnügt, wenn die Prüfung wenigstens mittelmäßig befriedigend ausgefallen war. »De Wichs is gut!«

»Hier — eine ganz feine!«

Krah betrachtete die erhaltene Cigarre mißtrauisch eine Weile.

»De hast doch kee Feierwerk neingethan? De Wichs is gut.«

»I — wo — aber nu declamire ooch e mal — — —«

Aber Wichsekrah kannte seine Verehrer, hier war außer der Cigarre sicher nichts Baares zu holen, eine Cigarre aber war nischt und »vor Nischt is Nischt«. Er steckte deshalb auch die Giftnudel, als was er sie sofort erkannte, ruhig ein, sagte:

»Danke — de Wichs is gut!« und trollte weiter, den etwas verblüfften Cigarrenspender mit Gelassenheit dem spöttischen Gelächter seiner Genossen preisgebend.

Es ist am Ende der Engroswoche. Die Vorwoche der Messe mit ihren zur Zusammenstellung und Verpackung der massenhaften Verkäufe durchgearbeiteten Nächten ist vorüber, und das Engrosgeschäft neigt sich seinem Ende zu. Die stillen Tage beginnen und vor den Geschäftslocalen stehen die Chefs und Commis in rosiger unternehmender Laune, denn die Messe war gut und der Umsatz ein bedeutender, kein Wunder, daß Scherz und allerlei Ulk getrieben wird, zumal die fremden Verkäufer einander seit vielen Jahren kennen und hier zusammen hausen. Da kommt Wichsekrah mit seinem Kasten auf dem Rücken, einen qualmenden Cigarrenstummel im Mundwinkel, langsam dahergebummelt, und im Nu ist er von dem fidelen Chorus regelrecht gestellt.

»Guten Tag, meine Herren — scheene Wichse, Pommade, Streichhelzer — de Wichs is gut!«

»Bravo Wichsekrah! Declamiren! Rede reden! Singen — was macht die Wichse?«

»De Wichs is gut!«

Allgemeines Gelächter und erneute Aufforderungen zur Vorführung seiner Künste.

»De Bolizei — —« versucht Wichsekrah sich scheinbar gegen die Wünsche des Chorus zu stemmen.

»De Wichs is gut!«

»I — Unsinn! Hier herein!« Man drängt ihn in eines der großen Verkaufslocale oder einen geräumigen Hof. Neue treten herzu. »Wer ist denn da?«

»Wichsekrah!«

»Hallo Krah, nun man los«, commandirt ein Berliner Fabrikant, der nun während der letzten Meßtage ernstlich daran denkt, ein Wenig »in die Höhe« zu gehen, ehe er, scheinbar unschuldig als das bekannte Lämmlein auf der Weide, wieder »zu Muttern« heimkehrt.

Krah kennt seine Leute, jetzt ist er im richtigen Kreise. Scheinbar noch immer widerstrebend, läßt er sich den Kasten herunternehmen, hilfebereit greifen ihm verschiedene Hände unter den Arm, und im nächsten Augenblick, nicht ohne aber vorher sorgsam seinen Cigarrenstummel sicher verwahrt zu haben, steht er auf seinem Kasten und legt los.

»Da — da — das — L — Lämmbchen!«

»Ein kleines L — Lämmbchen w — w — weiß wie — —«

»Klee« fielen seine Verehrer ein.

»I — Nee — heeren se! — de Wichs is gut!«

»Weiter Krah — nicht irre machen!«

»Da — da — das Lämmbchen!

Ein kleines Lämmbchen — w — weiß wie Schnee

Ging — ei — einstm — mals auf die Weide — — De Wichs is gut!«

»Famos Krah! — Weiter!«

»Mutwillig sprang es in den — —«

»Schnee — — —«

»N — — n — nee — se derfen Een nich irre machen — de Wichs is gut!«

»Bravo Krah! Weiter!«

»Mutwillig sprang es in den — — —«

»See!«

»Nee doch! — De Wichs ist gut!«

»Mutwillig sprang es in — —«

»Die Spree!«

»W — w — wenns de’s besser weeßt — denn kann ichs Maul halten! De Wichs is gut!«

»Nicht doch Krah! — Weiter!«

»Mutwillig sprang es in den Klee

Mit aus — ge — l — lassner —«

»Kreide!«

»Du bist dumm! — De Wichs is gut!«

»Jeses — da laßt ’n doch ruhig weiter deklamiren!«

»Ja wohl! Maul halten!«

»Mit ausgelassner Freide!«

»Komm Krah — trink erst e Mal!«

»Wenn’st de was hast! De Wichs is gut!«

Leider umgab die meisten seiner Declamationen und die mit blecherner, meckernder Stimme von ihm nun vorgetragenen Lieder kein zarter poetischer Duft, und müssen wir deshalb darauf verzichten, dieselben hier, sei es auch nur zum Theile, weiter auszuführen. Der frühere Meßonkel war in dieser Beziehung nicht so verwöhnt und wählerisch, er liebte zeitweilig eine derbe Kost und — — — Wichsekrah’s Poesie und Prosa ließ allerdings in dieser Beziehung nichts zu wünschen übrig. Kein Wunder, daß der ihm gespendete Beifall ein ungeheurer, allgemeiner und aufrichtiger war, und wenn zuletzt der Tausendkünstler seinen Gesang mit Tanz begleitete und zum Schluß gar à la Taglioni versuchte, mit möglichst malerischer Pose das Bein zu heben, wobei ihn ein paar hilfreiche Arme vor dem Umfallen bewahrten und er dann mit seinem Schlußwort »De Wichs is gut!« vom Kasten herabkletterte, um den schmierigen Cylinder von Hand zu Hand wandern zu lassen, da regnete es nur so Groschen und Zweigroschenstücke in denselben, und mit einem tiefen Bückling entfernte sich der so vielseitige Geschäftsmann, um — — — in der nächsten Straße sofort anderen Ulkbedürftigen in die Hände zu fallen und sein Spiel aufs Neue zu beginnen.

»Hadje, meine Herren — de Wichs is gut!«

Wer nun aber etwa aus dem bisher Geschilderten schließen will, daß in Wichsekrah’s Brust blos Raum für rein commerzielle Gefühle und in seinem Hirn nur der Erwerbssinn herrschte, der täuscht sich gewaltig, denn auch mildere Gefühle bewegten oft genug Wichsekrah’s Busen, und vor Allem war sein Sehnen nach der Gunst holder Weiblichkeit ein gewaltiges, leider oft genug von seinen Hauptgönnern, den buntbemützten Jüngern der Wissenschaften, zu allerlei tollen Streichen benutzt. In jenen philiströsen Zeiten — wie sie wenigstens jetzt der »aufgeklärte« Geist nennt — hatten die Hausmütter noch die Ansicht, daß ihre Töchter zunächst bestimmt seien, dereinst als wackere Hausfrauen zu walten und daß sie zu diesem Behufe vor Allem die Geschäfte und Pflichten einer solchen von der Pike auf lernen müßten. Jede gute Mutter hätte damals, falls es ihr Töchterlein aus Scheu vor Scheuerbürste und Waschfaß vorgezogen hätte, wie es jetzt modern und allgemein Sitte ist, lieber für 15—30 Mk. monatlich als elegant gekleidete Verkäuferin hinter den Ladentischen zu stehen, lediglich um sich die Haut des zarten Patschhändchens nicht zu verderben, dieses Töchterlein schleunigst mit Scheuerlappen und Kehrbesen eines Anderen belehrt. Dafür saßen die Bürgerstöchter damals aber auch Nachmittags, wenn die Wirthschaft in voller Ordnung war, mit Vorliebe häkelnd oder strickend hinter den sorgsam gepflegten Blumenstöckchen am Fenster und schauten nach dem Wetter und — — in allen Ehren — — auch ein wenig nach des Landes Söhnen und hierunter nicht am Allerwenigsten nach den mit Pikesche oder doch mit farbiger Mütze versehenen Jünglingen aus. Hatte nun ein solches sittsames Töchterlein durch irgend Etwas, sei es stolze Abweisung, kleine Malicen etc. den Zorn eines Studenten erregt, so mußte in der Regel Wichsekrah auf ganz seltsame Weise die Rache des schnöde Verletzten, als wohlbezahlter Vertreter desselben vollziehen und zwar auf folgende infernalische Weise.

Wichsekrah.

Man wies ihm von einem sicheren Punkte aus die spröde Schöne und machte Wichsekrah unter Beihilfe eines guten Achtgroschenstückes klar, daß die junge Dame ihn (Krah) neulich gesehen habe und in heimlicher Liebe zu ihm entbrannt sei. Es sei deshalb nothwendig, ja seine Ritterpflicht, nicht gar zu sehr den Grausamen zu spielen, sondern der Liebenden wenigstens zu zeigen, daß er sie verstehe und ihre Gefühle erwidere. Hierauf folgten besondere Anweisungen über sein Benehmen.

Ob nun bei Wichsekrah in der That der Glauben an die Mittheilungen des Studio Fuß faßte, oder ob es nicht vielmehr das gespendete Achtgroschenstück und eigne Lust an einem Schabernack war, kurz Wichsekrah ging gern auf den ausgeheckten Plan ein, postirte sich, auf seinem Kasten Platz nehmend, gerade gegenüber dem Fenster der bedrohten Maid und warf, sobald dieselbe nur einmal aufblickte, nicht blos die wahrhaft schrecklich zärtlichsten Liebesblicke, sondern auch Kußhände zu Dutzenden nach der erst ärgerlich erröthenden, dann immer zorniger werdenden und schließlich, da Krah nicht vom Platze wich, unter einer Thränenfluth zum Vater oder der Mutter flüchtenden Jungfrau, worauf es Wichsekrah für gerathen fand, schleunigst das Feld zu räumen, denn mehr als einmal war ihm für seine Gastrolle als Ritter Toggenburg, durch des Vaters Gesellen und Lehrbuben, ein sehr ungewünschter Lohn zu Theil geworden.

Was konnte aber der arme Wichsekrah für die heißen Gefühle seines Mannesherzens? — Und um diesen Gefühlen Rechnung zu tragen, war er auch in seiner bescheidenen Häuslichkeit durch zarte Bande gefesselt.

Gegensätze ziehen sich an und berühren sich gern, sagt das Sprichwort und wie oft große, starke Männer ihr Herz für immer an kleine, zarte Frauen hängen, so auch umgekehrt. Das letztere war bei Wichsekrah der Fall. Zwar waren die Bande, welche diese beiden Menschen vereinigte, nur loser Natur und vor keinem Altar geknüpft und Standesämter gabs damals noch nicht, auch war die zarte Hälfte keine von Jenen, welcher jemals des Papstes Tugendrose beschieden gewesen wäre, aber — das genirt bekanntlich große Geister nicht — und — kleinen — gehts nichts an.

Wenn aber sonst der Mann des Weibes Beschützer zu sein pflegt, so war dies bei Wichsekrah und seiner Gefährtin umgedreht der Fall, und wenn er sich auch, gänzlich in Verkehrung der Thatsachen und Sachlage, ja einmal als Haupt des Hauses fühlen wollte, so machte sie ihm sehr schnell begreiflich, daß sie in diesem Falle die Mütze wäre, welche noch über dem Haupte sitzt.

Kam Wichsekrah von seinen Geschäftsausflügen nach Hause, so räumte sie ihm als sorgsame Hausfrau zunächst alle Taschen gründlich aus, und wenn er ja einmal allzu lebhaft dagegen protestirte, so zog sie ihn — wie die Fama berichtet — mit zarter Hand einfach ein Wenig über die Knie — — und — — »De Wichse is gut!« war der Schlußeffect.

Wer aber war Wichsekrah eigentlich und was wurde aus ihm?

Julius Alexander Grahn, genannt Wichsekrah, war im Jahre 1822 in Leipzig geboren. Sein im Jahre 1849 verstorbener Vater war Zeichner, kam aber gänzlich herunter und fiel der Armenanstalt zur Last. Seine öffentlichen Declamationen gelegentlich seines Hausirhandels mit Wichse, Pomade und Streichhölzern wurden ihm wiederholt von der Behörde untersagt, worüber er sich in der Nummer vom 18. October 1861 des Tageblattes öffentlich beschwerte. Diese Annonce hatte folgenden Wortlaut:

Wie kommt es denn, daß die Herrn mir Alles verbieten — wollten?

Der Leipziger Wichs-General. J. A. Grahn.

Er starb am 6. September 1881 im hiesigen Armenhause.

XVI.
Student und Verbindungströdeljude.

Vor dreißig Jahren und länger, wo unsere Vorstädte erst in ihren Anfängen bestanden, concentrirte sich natürlich der ganze damalige Meßverkehr nur auf die wenigen Straßen der inneren Stadt, und da dieser Verkehr ein kolossaler und bei weitem größerer als jetzt war, so wurde natürlich jede Straße und jedes Haus mit in den Meßtrubel gezogen. Unwillkürlich kommt dem alten Leipziger ein Lächeln an, wenn er jetzt liest, daß man jetzt sogar für die Concessionirung neuer Pferdebahnlinien durch die innere Stadt die Straßen derselben für zu eng hält, wenn er an jene Zeit zurückdenkt, wo zur Meßzeit stündlich Hunderte von Fracht- und Rollwagen, untermischt mit den jetzt ganz verschwundenen schwerfälligen Holzschleifen, deren Schleudern oftmals geradezu lebensgefährlich war, die von Fremden aller Art vollgepfropften Straßen passirten. Dabei standen sogar noch oft Pyramiden von Kisten und Waarenballen vor den Trottoirs und — was hauptsächlich zu berücksichtigen ist — die volle Hälfte der Straßenbreite nahmen noch dazu Verkaufsbuden ein. Freilich — war man auch nicht so empfindlich wie heute —, wo ein harmloser Bänkelsänger vielen ästhetischen Leuten ein Greuel sein würde und man sofort einem gesammten hohen Rath das Leben sauer machen würde, wenn man nicht hübsch bequem zur Meßzeit das Trottoir passiren könnte. Keinem Menschen fiel es ein, einmal einen im Gedränge erhaltenen Puff übel zu nehmen; man freute sich vielmehr, je größer der Trubel war, wußte man doch, daß derselbe Ströme Goldes nach Leipzig brachte und von der Steuer-Einnahme bis zum Eckensteher, dem Vorläufer der jetzigen Dienstleute, Alle durch diesen Trubel Geld verdienten.

Selbst der kleinste und finsterste Hofwinkel war mit Waarenlagern auswärtiger großer und kleiner Fabrikanten besetzt und brachte schweres Geld ein, und dasselbe war bezüglich der Wohnungsräume der Fall. Fast keine Familie, selbst sehr gut situirte, gab es, die nicht ihre Meßfremden gehabt hätte, und die Fälle, daß der Sohn wieder bei dem Sohne des Mannes wohnte, bei dem bereits sein Vater als Meßbesucher gehaust hatte, waren gar nicht selten. Für die Hausbesitzer der inneren Stadt waren dies gar goldene Zeiten, denn nicht nur, daß ihnen jeder Winkel ihres Hauses baares Geld einbrachte, nein, auch die Miether wechselten im eigenen Interesse nur höchst selten, und so ging der Vortheil des Einen mit dem des Andern getreulich Hand in Hand und Alle befanden sich wohl dabei. Nun gab es aber noch eine Classe Miether damals, welche für die Bewohner der inneren Stadt von Bedeutung waren, und dies waren die Studenten. Seit mit der Errichtung des neuen Krankenhauses in der Liebigstraße, vor 27 Jahren, die Universität allmälig ihre Hörsäle in die südöstliche Vorstadt verlegt hat, sind auch die Studenten zum allergrößten Theil nach jenem neuen Viertel ausgewandert, damals aber, vor 40 Jahren, wohnten dieselben bis auf wenige Ausnahmen sämmtlich in der inneren Stadt. Auch hier herrschte eine größere Treue und Anhänglichkeit zwischen Miether und Vermiether als jetzt, denn das jetzige sogenannte Semestermiethen der Studenten kam gar nicht vor und in der Regel wohnten die Letzteren während der ganzen Dauer ihrer Studien in Leipzig bei ein und demselben Wirthe. Bei dieser Vermiethung spielten nur die pecuniären Verhältnisse des Musensohnes insofern eine Rolle, als er, falls dieselbe besonders günstig waren, meßfrei gemiethet hatte, also auch während der Messe sein Zimmer behielt. Die meisten Studenten aber zogen es, in richtiger Beachtung des dann bedeutend geringeren Miethzinses, den sie würdiger verwenden konnten, vor, während etwa 2 bis 3 Wochen jede Hauptmesse, wo der Meßfremde erschien, das Feld insofern zu räumen, als sie nur für die Tageszeit ihre Stube bewohnten, zur Nachtruhe aber mit irgend einem Dachkämmerlein vorlieb nahmen. Damals waren zur Meßzeit die jetzt lediglich als Rumpelkammer oder Trockenböden dienenden Bodenräume bis auf die letzte Ecke besetzt, denn Abends, wenn als unbeschränkter Usurpator fast der ganzen Familienwohnung, der Meßfremde erschien, ging — wie der Vater des Schreibers dieser Erinnerungen oft sagte — der Zug ab, d. h. Weib und Kind und nicht selten in ihrer Mitte »unser Student« trat den Marsch in die höheren Regionen an, was von Seiten der Musensöhne oft genug Veranlassung zu allerlei Allotria gab.

Am Tage aber wohnte er in seinem gewöhnlichen Zimmer, steckte den Kopf mit der langen Pfeife zum Fenster hinaus und schaute, je nach dem Zustand seiner Casse, mehr oder minder sehnsüchtig nach dem zur Messe mit größter Unfehlbarkeit erscheinenden »Verbindungströdeljuden« aus.

Weit aus dem Innern Rußlands oder Polens erschien er, der specklockige Schylock, mit seinem schwarzen, ebenfalls speckglänzenden Kaftan und seinem runden Käpsel auf dem Haupte. Seine Sehnsucht waren alte Kleider, die er in riesigen Posten zur Messe hier einkaufte und nach seiner Heimath entführte. Nur der Eingeweihte wußte, daß oft, ja sogar meist, unter der schmutzigen Hülle dieser Trödeljuden sich Männer von großem Reichthum bargen und daß deren alte Brieftasche oft Summen enthielt, wie sie wohl sonst nur ganz bedeutende Einkäufer mit zur Messe brachten. Ihre Lieblingskundschaft waren naturgemäß die immer Geld bedürftigen Studenten, und nach und nach hatte fast jedes Corps, jede Burschenschaft und Verbindung »Verbindungströdeljuden«, der zum Beginn der Messe gewissenhaft vom Kneipvater der einzelnen Corporationen die Adressen der »gnädigen Herren« holte und dann denselben einzeln seine Aufwartung machte.

Melodisch ließ er zunächst im lieblichsten Moll wiederholt sein »Nix zu handeln hier!?« ertönen, und erst wenn der so von seiner Anwesenheit in Kenntniß gesetzte Geschäftsfreund sein buntbemütztes Haupt zum Fenster hinaussteckte und ihm herablassend mit der Pfeife zuwinkte, trat er in tiefster Demuth ins Haus des »gnädigen Herrn« und klopfte gleich darauf zaghaft an die Zimmerthür desselben.

Mittlerweile hatte der Studiosus Alles zusammengeschleppt, was er nur überhaupt für irgendwie verwerthbar hielt. Beinkleider mit mehr als zweifelhaften Sitzgelegenheiten, eine verschossene Pikesche aus altersgrauem Sammet, Kanonenstiefel, deren Schäfte in tiefster Zerknirschung über die Vergänglichkeit auch der besten Glanzwichse wie geknickte Lilien das Haupt hingen. Eine ersoffene Spindeluhr, das letzte Andenken an die Zeit auf dem Kasten (Gymnasium), welche ihr Inhaber einmal in nächtlicher Zerstreutheit statt auf den Tisch in das Waschbecken gesteckt hatte und die seitdem stöckisch jede weitere Thätigkeit verweigerte. Ferner gab es ein von schöner Hand erhaltenes Cervis mit zwar schmutzig gewordenen, aber — was der Hebräer auf den ersten Blick sah — echten Goldborden. Ein Paar alte silberne Sporen, ein noch passabler Winterüberzieher, zwei Westen und — vier ausrangirte Vorhemdchen. Das war es, was »unser Student« auch einst dem alten Itzig Ephraim Rosenstiel aus Meseritz, stolz wie ein Spanier, zum Kaufe anbot und welche Gegenstände überhaupt in der Regel die Geschäftsverbindung zwischen Student und Trödeljude ausmachen. Ich — ein hoffnungsvoller Bengel von 13 Jahren — dem »unser Student« in guter Kameradschaft soeben den momentan hoffnungslosen und verzweifelten Zustand seiner pecuniären Verhältnisse anvertraut hatte, harrte voll Interesse des Geschäftsabschlusses. Wußte ich doch, daß »unser Student« dann, im Vollgefühl seines Reichthums, sicher einen Griff in den mammongefüllten Beutel thun und mir, dem so mannichfach Vertrauten, einen Obulus in Gestalt eines Sechsers oder wohl gar eines Groschens zukommen lassen würde, den mir der Vater zum Besuche der damaligen Meßneuheit »des geschundenen Raubritters« entschieden verweigerte. Itzig Ephraim Rosenstiel, nachdem er dem »gnädigen Herrn« demüthig guten Tag und tausend Jahre voller Glück und Gesundheit gewünscht hatte, brachte aber in das stolze Bewußtsein unseres »Studenten«, solche herrliche Sachen zu besitzen, alsbald eine bedenkliche Bresche, indem er fragte, ob der »geehrteste und hochgelehrte Herr Baron« — »unser Student« war das achte oder zehnte Kindlein eines biederen Dorfpastors, der auf einen sehr bekannten Namen hörte — »nichts Anderes zu handeln habe

Hierauf eifriges Auseinandersetzen der Vorzüge der Verkaufsobjecte seitens des schon weniger stolzen Besitzers, zweifelndes Kopfschütteln und geringschätziges Prüfen der Kehrseiten der unglücklichen Hosen; wiederholtes Hervorheben des Glanzobjectes der ganzen Ausstellung, des Winterüberziehers; erneuertes Kopfschütteln des geschäftskundigen Ephraims, welcher that, als ob Uhr, Sporen, beide von Silber, Goldborden und Ueberzieher, welche er sofort als erwerbungswerth erkannte, keinen Pfennig werth wären, und endlich die Frage: »was der gnädige Herr Doctor« für den »Ramsch« haben wolle.

»Zehn Thaler!«

Verbindungströdeljude.

Itzig Ephraim blinzelte den Verkäufer mitleidig an, faßte nach seinem schmierigen Cylinder und erklärte feierlich, daß er darauf dem »gnädigen Herrn« nicht bieten könne, worauf ihn derselbe »zum Teufel« zu gehen einlud und erklärte, der nächste Concurrent Itzig’s, der sich auf der Straße bemerkbar mache, solle die Sachen haben. Itzig Ephraim verschwand und wir Beide sahen uns verständnißinnig an, aber noch ehe wir unsere Bemerkungen austauschen konnten, öffnete sich ganz leise die Thür wieder ein wenig, Itzig steckte den Kopf herein und sagte mit flötender Stimme:

»Wollen Se nehmen zwei Thaler?«

»Nee — machen Sie, daß Sie fortkommen!«

Die Thür öffnete sich etwas weiter.

»Wollen Se auch nischt nehmen drei Thaler vor das alte Zeug, was nischt werth is acht gute Groschen?«

»Unser Student« schwieg verstockt und wendete sich dem Fenster zu, da eben auf der Straße wiederum der Ruf »Nix zu handeln hier« hörbar wurde.

Aber auch Itzig Ephraim Rosenstiel hatte den Ruf vernommen und, erschreckt ob der ihm drohenden Concurrenz, schob er seine glänzende Person aufs Neue ins Zimmer.

»Gott wie heißt — gnädiger un gelehrter Herr — wollen Se verruiniren e armen Geschäftsmann, was gekimmen is hundert Meilen von Polen, um zu verdienen s’ Brot vor seine armen Kinder — wollen Se nehmen finf Thaler?«

»Unser Student« stand am Fenster und beugte sich hinaus.

»Gott — was werden Se rufen erst e Andern, der doch nischt kann mehr geben als ich, was wollen Se haben im Ernst?«

»Acht Thaler! Keinen Pfennig weniger!«

Itzig Ephraim streckte alle zehn Finger in die Luft und erklärte sich für das nichtswürdigste Scheusal auf Gottes Erdboden, für einen Rabenvater, der seinen hungernden Kindern das Brod vom Munde wegstehle, wenn er auch nur einen Pfennig mehr als sechs Thaler geben könne — aber »unser Student« winkte nach unten, worauf Itzig Ephraim seinen Arm faßte und — sieben Thaler — bot, ein Gebot, das der siegende Verkäufer endlich, jeder Zoll ein Grande — annahm.

Hierauf zögernde Bezahlung, worauf Itzig auf einmal seine gute Laune wiederfand, woraus der stolze Verkäufer zur Genüge merkte, daß er dennoch der »Gemachte« war. Dies störte aber den großen Geist des »gnädigen Herrn« nicht, huldvoll versprach er dem Juden auch fernerhin seine Kundschaft, und auch meine Hoffnung wurde nicht zu Schanden. Gewissenhaft aber trug ich den funkelnden Groschen hin, um staunend die Geheimnisse des »geschundenen Raubritters« mit anzuschauen, wo das dankbare Publicum auf offener Scene die darstellenden Acteure mit Stöpel’schen Wiener Würstchen fütterte und mit Lagerbier tractirte. Fürwahr, welchem Darsteller würde es jetzt, selbst auf der größten Bühne, so wohl, wie damals jenen ihrer Collegen in der einfachsten Bretterbude am Roßplatz zu Leipzig?

XVII.
Ein Abend bei den Harfenistinnen in Auerbachs Keller zur Messe vor 40 Jahren.

Wer vor 30 oder 40 Jahren zur Sommerszeit eine Geschäfts- oder Vergnügungsreise in das an Naturschönheiten reiche, jetzt immer noch viel zu wenig bekannte und geschätzte sächsische Erzgebirge machte, verließ in Chemnitz die Bahn und ging zu Fuß durch prächtige Wiesengründe, über Berge und durch liebliche Thäler, in denen sich die kleinen, vielfach von wildem Wein umrankten Häuser mit den rothen Ziegeldächern wie solche in den bekannten Spielwaarenschachteln ausnahmen, nach dem hoch gelegenen, damals nur kleinen, aber durch seine Spitzenklöppelei doch schon weitbekannten Annaberg. In der Mitte des etwa zehnstündigen Weges kam er in das schön in einem Thalkessel gelegene Städtlein Thum. Aus fast allen Häusern des alterthümlichen Städtchens klapperte dem ermüdet, aber von seiner Wanderung hochbefriedigten Wanderer, wenn er von der »Katze«, einem auf der Höhe vor Thum liegenden Gasthaus, aus ins Thal hinabstieg, der dreiviertel Tact der Webstühle oder das Seufzen der aufgezogenen Strumpfwirkerstühle entgegen, und im Rathskeller fand er billige und reichliche Atzung und ein sauberes Bett für die Nachtruhe. Am andern Morgen aber verließ er den geraden Pfad nach Annaberg und wandte sich in der Regel am Ende des Marktplatzes nach rechts, um den »Greiffenstein« mit seinen romantischen Höhlen zu besteigen, auf dessen Höhe man einen wahrhaft prachtvollen Umblick bis weit hinein ins schöne erzgebirgische Land genießt. Da liegen Annaberg und Scheibenberg, Schlettau und Ehrenfriedersdorf und Gelenau vor unseren Blicken, und aus der Ferne lugt Schloß Augustusburg, Zschopau und Schellenberg durch die Thalmulde herüber. Und hatte sich damals der Wanderer an all’ diesen, im Sonnenlicht funkelnden Herrlichkeiten satt gesehen, so schlug er sich rechts in den herrlichen Eichen- und Buchenwald, folgte einem ziemlich steil herabführenden schmalen Fußpfad und gelangte, begleitet vom Gesange der Lerchen, dem Triller des Buchfinkens, dem Pfeifen des Dompfaffens und der Amsel, nach einstündigem Marsch in das hochgelegene Städtlein Geyer.

Erstaunt hielt der Wanderer beim Heraustreten aus dem Walde seinen Schritt einige Augenblicke an, denn ein eigenthümliches Gemisch von Tönen drang aus den nahen hüttenähnlichen Holzhäusern des Ortes zu ihm herüber, und erst beim Einmarsch in den Ort entwirrten sich die einzelnen Töne, so daß sie der Fremde zu deuten oder wenigstens zu erkennen vermochte.

Da guckte aus dem geöffneten Parterrefenster eines Häuschens eine Clarinette, während aus dem ersten und einzigen Stockwerk desselben ein angehender Trompetenvirtuos seinem Instrument die schauerlichsten Töne — untermischt mit zahlreichen »Fröschen« — entlockte. Weiterhin klang das harmonische Summen eines vortrefflich gespielten Violoncellos über die Straße, dem eine Flöte und eine erste Geige ebenso vortrefflich accompagnirten. Aus anderen Häusern rauschten Harfen- und Guitarrenklänge und der Contrabaß brummte verdrießlich dazwischen. Wenn aber der Reisende zur Abendzeit im Städtlein eintraf, und ehe er das schmale, hoch von Betten gethürmte Nachtlager bestieg, noch einmal die wenigen Gassen des Städtchens durchschritt, so konnte er gar prächtige Concerte aus den kleinen, dem Felsen abgerungenen Gärten, hören und zwischen den gutgespielten Instrumenten erklangen die Melodien alter Volkslieder von frischen wohlklingenden Mädchenstimmen.

Und wie in Geyer, so war es in dem kleinen Gebirgsnest Elterlein, in Grünhain, Schlettau und Scheibenberg und in all’ den großen Dörfern bis Schwarzenberg, denn hier war die eigentliche Heimath der Harfenisten. Jetzt ausgestorben und durch die um Vieles minderwerthigen Tingeltangel verdrängt, aber nicht ersetzt, bezogen die Harfenisten vor 30 und 40 Jahren und bis weit in das vorige Jahrhundert zurück außer vielen anderen Orten des In- und Auslandes auch regelmäßig in zahlreichen Trupps die Leipziger Messe, und sowohl Fremde wie Einheimische erfreuten sich an ihren Liedern und ihrer Musik. Auch das nahe Böhmen stellte, wie bekannt, und wie noch heute seine Musikanten.

Das eigentliche Hauptinstrument jener, sich meist aus Familienmitgliedern oder doch nahen Verwandten zusammensetzenden Trupps bildete die ehrwürdige, jetzt nur noch in größeren Capellen zu findende Harfe; eine Geige und drei, vier Guitarren vervollständigten die Harmonie einer solchen kleinen Capelle. Die Geige und wohl auch die Flöte spielte in der Regel das einzige männliche Mitglied der reisenden Truppe, und dieses war oft der Vater, meist aber der Bruder, Gatte oder sonstige Verwandte der anderen weiblichen Mitglieder oder eines derselben. Mochten sie aber auch die übrige Zeit weilen, wo sie wollten, ob auf ihren Reisen, die sie bis in weitentfernte Länder brachten, oder zu Hause, wo sie in der Ferienzeit Spitzen klöppelten und daneben neue Musikstücke und Lieder einübten; zur Meßzeit zogen sie alle immer wieder der Handelsstadt an der Pleiße und Elster zu, und eine Messe — ohne Harfenistinnen, das wäre damals von Jedermann eben gar nicht als eine richtige, vollwichtige Messe angesehen worden. An den letzten Tagen vor Beginn der Messen zogen sie in Leipzig ein und rückten in ihre bescheidenen Quartiere in den Hinterhäusern der Vorstädte, wo sie für ein Billiges Unterkommen fanden. Sie theilten sich in sogenannte ansässige und in fliegende Trupps. Die letzteren bestanden in der Regel nur aus zwei, höchstens drei Personen, fast immer zwei Schwestern und einen Bruder dabei. Dieselben zogen fast stets mit Geige und Harfe, nie aber ohne letztere, von Schenke zu Schenke, wo keine »ansässige Capelle« concertirte, stellten sich in eine passende Ecke des Gemaches und spielten ihre zwei bis drei Stücklein, worauf ein Mädchen mit zusammengebogenem Notenblatt bei den Gästen cassiren ging. Dreier der verschiedensten Nationalitäten, formlose Vierpfenniger und preußische Sechser empfing die auch für die kleinste Gabe freundlich dankende Harfenistin; hatte sie aber ihre Runde beendet, so gaben die Zwei oder Drei ein sogenanntes Schlußstück zum Besten und verschwanden, um in unzähligen anderen Localen aufs Neue ihr Glück zu versuchen.

Eine um Vieles günstigere Stellung nahm die »ansässige« Harfenisten-Capelle ein. Sie bestand mindestens aus vier, meist aber aus fünf bis sechs Personen und »spielte« die ganze Messe über in ein und demselben, natürlich nur größerem und stark besuchtem Locale, in welches sie regelmäßig alle Messen wiederkehrte und durch vieljährige Thätigkeit in demselben gar bald heimisch und mit den musikalischen Lieblingswünschen der Gäste vertraut wurde.

Wer nun aber vielleicht glaubt, daß diese, oft dreiviertel des Jahres in der Welt herumziehenden Mädchen unter die Classe der besonders leichtfertigen und unsoliden zu rechnen gewesen seien, der irrt sich gewaltig. Sie waren meist durchaus ehrbare Mädchen, welche zwar einen und zwar selbst etwas derben Spaß verstanden, im Uebrigen aber durchaus die sittlichen Grenzen innezuhalten wußten. Gar mancher Musensohn oder Handlungscommis, welcher nach »Feierabend« (Polizeistunde) auf vieles Bitten die Erlaubniß erhielt, die schöne »Hulda« oder »Anna« — nach Hause zu begleiten, und der entzückt und im Vorgefühl seines Sieges die schwere Harfe durch Dick und Dünn, eine halbe Stunde weit, der zierlich Kleid und Röckchen bei den Straßenübergängen hebenden vorausschreitenden Harfenistin nachtrug, mußte an der bewußten Hausthür, belohnt mit einem neckischen Dank, mit langem Gesicht ohne Kuß abziehen. Wenn er sich dann auch gegen seine ihn beneidenden Genossen aller möglichen Erfolge rühmte, so waren dies doch eben nur Flunkereien; Thatsache war, daß die Harfenistin der früheren Messen bei Weitem besser war als ihr Ruf. In großen Etablissements, wie in Auerbach’s Keller z. B., wo die Harfenistinnen bis 2 Uhr Morgens spielen durften, waren denn auch stets nur besonders gut geschulte Trupps zu finden. Kein Wunder, daß der Zudrang zu diesen Localen auch ein großer war. Sowohl im oberen, eleganteren Keller, den hauptsächlich Familien besuchten, wie im unteren sogenannten Faustkeller, dessen Möblement aus einfachen Holztafeln mit gekreuzten Beinen und ebenso einfachen Stühlen bestand und der fast nur von der Herrenwelt frequentirt wurde, concertirte je eine tüchtige Capelle Harfenistinnen. War nun schon im oberen Keller das Leben ein lebhaftes und das Treiben im hohen Grade animirt, so mußte, wer im Faustkeller Platz nahm, ein gut Theil Humor besitzen, denn das Treiben daselbst war oft sehr fidel und durchaus zwanglos, wenn auch stets anständig. Griesgrämige Gesichter konnte man hier nicht brauchen, entweder hellten sich dieselben schnell auf oder ihr verstockter Besitzer verschwand ebenso schnell wieder, wie er gekommen.

Ein allgemeines »Hut ab!« begrüßte den biedern Meßbesucher, wenn er, angezogen von dem aus dem Faustkeller emportönenden Jubel, die steile Treppe zögernd betrat. Verdutzt schaute der neue Ankömmling auf die unter ihm sitzende dichtgedrängte Masse ihm entgegenwinkender, jubelnder, feuchtfröhlicher Zecher, denen das im Hintergrund des Kellers stehende, mächtige, fast 4 Ellen hohe Faustfaß ein würdiges Relief gab.

Unwillkürlich zog er den Hut.

»Runterkommen!« tönte das weitere Commando, und schon entschlossener und angezogen von dem frohen, tollen Treiben beeilte der »Neue« seine Schritte und verschwand sofort in dem dichten Menschenknäuel. Da saßen sie Alle einig und vergnügt beisammen, die verschiedensten Elemente der Einheimischen und Fremden, die einen guten Tropfen und einen fidelen Jux über Alles liebten. Der biedere Schuhmachermeister aus der Provinz, der heute seine Bürde Leder eingekauft hatte, saß neben dem Großeinkäufer aus Griechenland in seiner Nationaltracht; der flotte Student neben dem Fabrikanten; der Berliner Grossist neben dem Commis seines erbittertsten Concurrenten, und über Allen schwebte der Geist des Weins und der harmlosen Fröhlichkeit.

»Gustchen! Göttlichste aller Harfenschlagenden Schönen!« ruft begeistert ein ältlicher Herr, dessen Glatze und goldne Brille, sowie das weiße Halstuch auf einen, kurze Zeit seiner heimathlichen Herde entronnenen Seelenhirten schließen läßt, der auf einige Tage zur Messe gekommen ist und, der schönen — ach längst entschwundenen Studienzeit gedenkend, aufthaut — »Dein Wohl — im Wein!«

Und das schöne erzgebirgische Kind wirft dem »alten Herrn« einen so süßen Blick als Dank zu, daß er sein Herz im innersten Busen erzittern fühlt und es ihm heiß bis zu der sonst in unschuldiger Weiße erglänzenden, jetzt aber sanft gerötheten »Platte« hinaufsteigt.

»Du — — —?« sagt sein Nachbar und Bruder, ein etwas verknöcherter Gymnasiallehrer, der hier mit ihm zu kurzem Wiedersehen zusammengetroffen ist und doch erst die eigentliche Veranlassung zu ihrem Besuche des Faustkellers gegeben hat, »wenn das Deine Frau wüßte!«

Erbleichend ob der schauderhaften, schrecklichen Möglichkeit sinkt dem entflammten Pastor die zum Einschänken erhobene Flasche herab und während er fast entnüchtert ein »Apage Satanas!« murmelt, ergießt sich der goldene, flüssige und süffige Strom auf den Schooß des Sonntagsstaates seines Nachbarn zur Linken, eines massiv groben Baiern, der sofort alle Schleußen seiner Beredsamkeit öffnet und dem armen Theologen eine Fluth von Grobheiten und Ehrentiteln an den Kopf wirft, in denen besonders das Thierreich eine hervorragende Rolle spielt.

»Sie — sein’s a Vie’ch!« schließt er seinen entrüsteten Sermon, um aber gleich darauf, als er das Entsetzen des geistlichen Herrn sieht und seine gestammelten Entschuldigungen hörte, von der Grobheit zum Jovialismus überzugehen, den Attentäter auf die Schulter zu klopfen und zu versichern »Na — ’s macht nix aus — Schad nur um den Wein!« — — und der einen Moment bedrohte Frieden ist wieder hergestellt. »Auf Ehre« flötet ein junger, stark nach Patschouli duftender Benjamin, der am Tage im Meßlokale seines Berliner Chefs in Fellen und Rauchwaren macht, indem er bemüht ist, das thalergroße Monokel, das consequent immer wieder auf die starkentwickelte Nase herabfällt, aufs Neue in’s Auge zu klemmen, »auf Ehre reizende Rosa, wie Se hab’n gesungen vorhin das Lied von der Schwalben wie se ziehn heimwärts, is mer geworden ganz warm ums Herz, un wenn mer a Herz hat als Cavalier« — jetzt saß glücklich das Monokel wieder oben, aber durch das Einklemmen desselben zogen sich die buschigen Augenbrauen des »Cavaliers« in so unnatürlicher Weise in die Höhe, daß sein Gesicht nicht gerade als ein besonders geistreiches gelten konnte, »so mechte mer wohl singen, wie der Herr von Fielitz im Berliner Opernhaus: Reich mir die Hand mein Leben, komm auf mein Schloß — — —.«

Bumms — fällt ihm das Monokel wieder auf das Riechorgan, was seinen halblauten pathetischen Gesang unterbricht.

»Darf ich mer machen de Hoffnung, daß Se sein nich grausam un gestatten mer zu leisten Ihnen Ritterdienste; darf ich Se begleiten später nach Hause?«

»Das dauert noch lange — —«

»Un wenn’s noch so lange dauerte — bin ich nich mei eigner Herr und bin gekommen von meine Giter, blos zum Vergnügen nach der Leipziger Messe?«

»I gar!« flüstert Rosa zerstreut, denn ein lustiger, bildhübscher, kecker Musensohn wirft ihr eben eine Kußhand zu.

»Gott soll mer leben lassen« ereifert sich der, sich immer mehr in sein phantastisches Lügengewebe verstrickende handlungsbeflissne Benjamin, »mei Name is —«

»Esau — Esau« fällt der eifersüchtige Musensohn ein, der seine Aufschneidereien mit angehört hat, »Esau — ist sein Name — und in Meseritz ist er derhame — das E ist nur deshalb zu seinem sonst richtigen Namen gesellt, weil sich die »Cavaliere« von Meseritz und Umgegend auf etwas gespanntem Fuß mit der »Sau« befinden — holdseligste Rosa!«

Rosa und die Umsitzenden lachen laut und der liebegirrende Benjamin fährt wüthend auf, aber sein Nachbar und Concurrent seines Chefs zieht ihn gewaltsam an den Rockschößen wieder auf die Bank herab.

»Machen Se kenen Stuß, Levy« sagt er, »der Herr Student is e kleiner Spaßvogel — allons — angestoßen!«

»In diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht!« pflichtet der ebenfalls aufgethaute Gymnasiallehrer bei und hält sein Glas hin; zögernd begraben die beiden Nebenbuhler das Kriegsbeil und die Gläser klingen hell aneinander.

»Also Levy heißt er« brummt der Student in sich hinein, »e Vieh ist also doch dabei!«

»Was ham Se gesagt!?« fragt hitzig der nur halb versöhnte Benjamin.

Schrumm — schrumm — schrumm rauschen die Harfentöne durch den Keller und die drallen Mädchen erheben sich zum Chorgesang.

Aller Streit ist vergessen, frisch tönen die Mädchenstimmen durcheinander im Sopran und Alt und beim Refrain des Liedes aus den »Mottenburgern« stimmt Alles mit ein:

»Ja ich bin der Oberbürgermeister — bin der Tyrann, ja der Tyrann von Mottenburg!« — —

Der Schuster aus der Provinz singt, daß die Wände wackeln könnten, der Gymnasiallehrer will durchaus mit dem Berliner Grossisten Brüderschaft trinken, was aber der Mann der Gottgelahrtheit noch glücklich verhindert. Der Bruder Studio schwingt sich unter ungeheurem Jubel auf das Hauptfaß und dirigirt, auf demselben reitend das Lied bis zum Ende desselben.

Der Theologe macht einen kühnen Versuch, den Arm um die Hüfte der jetzt zum Cassiren die Runde machenden Hulda zu legen, begegnet aber auf diesem Wege der Hand des stark »angerissenen« Bruders, wodurch beider Hände erschrocken zurückfahren; der »Giter« besitzende Monokelbändiger lehnt sich stolz befriedigt und siegesgewiß zurück, denn »Rosa« hat ihm — ach der Aermste wußte nicht, daß er bereits der Fünfte war, der dasselbe Versprechen heute Abend erhielt — das Recht ihrer Begleitung nach Hause zugestanden und der Student verschwindet auf wenige Augenblicke, um draußen den Zustand seiner Casse zu prüfen, denn »hier wird nicht gepumpt« steht in Form eines buntkolorirten Bildes bereits im oberen Keller zu lesen.

Das Notenblatt aber, welches Hulda mit demselben Lächeln, Alt oder Jung — Christ oder Jude — entgegenhält, bedeckt sich mit Sechsern und Groschen, ja Zweigroschenstücken und wie sie dasselbe in die hinter dem Bruder an der Wand hängende Geldkatze leert, gibt es dem Nagel an der Wand einen ordentlichen Ruck.

So geht es fort, Lieder und Musikstücke wechseln ab, eine Flasche Rebensaft folgt der andern, Niemand denkt ans Heimgehen, bis auf einmal auf einer der oberen Stufen das »Auge des Gesetzes« in Gestalt eines untersetzten Polizeidieners erscheint, der halb schmunzelnd, halb dienstlich streng das noch vollzählige Auditorium einen Moment betrachtet, als thäte es ihm Leid dies fidele Völkchen zu stören. Indeß — der Dienst geht über Alles, er steigt deshalb noch eine oder zwei Stufen weiter herab, hebt den stockbewaffneten Arm und als hierauf etwas Ruhe eintritt, läßt er seinen Vers los.

»Heern Se — meine Herrn — s’ is um Zwee, un — s’ thut mer leid, aber s’ is Feierabend!«

Ein Abend in Auerbachs Keller.

Damit aber entfesselt der Biedre ein Meer lustigen Widerspruchs.

»Hut ab! — Runterkommen! Mittrinken! Rede reden!« So tönt’s ihm opponirend entgegen, ja — der total bezechte Gymnasiallehrer ruft schluchzend »Uff’s Faß!«

»Heern Se« sagt der Mann der Staatsgewalt, »s’ geht Se werklich nich länger, Se missen nu ’naus!«

»Runterkommen — Maul halten — Mittrinken!« opponiren die Zecher.

Zögernd kommt der Mann des Gesetzes einige Stufen weiter herab; das Fluidium des Weines steigt ihm kitzelnd in die Nase — noch schwankt er — —

»Prost, würdiger Vertreter der herrschenden und alle Unthat rächenden Nemesis« ruft ein angehender Journalist und hält dem Polizeidiener das gefüllte Glas entgegen, »bist Du ein fühlender Mensch, gleich uns hochachtend Bachus den Fröhlichen, so komm — o Edler in unsere Arme und schlürfe mit uns, durch gleiche Bande vereint, den süffigen Nektar der Reben — bist Du es nicht — so entfleuch aus diesen historischen Hallen und — — — geh selber heeme!«

»Bravo — bravo!« schrie händeklatschend das verehrte Auditorium.

Der biedre Polizeidiener aber war »ein fühlender Mensch«, halb zogen ihn hilfreiche Hände, halb kam er selbst; zehn Weingläser, alle gefüllt mit der edlen Gottesgabe, wurden ihm entgegen gehalten und — — — der Edle verschmähte keins. In sanften Incarnat erglühte seine stattliche Nase, zwar protestirte er noch eine kurze Zeit, dann aber ergab er sich bedingungslos, bis die Harfenistinnen »einpackten« und aufbrachen, ihnen folgte ein Schwarm Verehrer und »Benjamin« erkannte oben auf der Straße, daß der Student bereits die Harfe Rosas in der Linken trug und ihr mit der Rechten lachend den Arm bot.

Ein höhnisches, »Gute Nacht, Esau!« drang noch an das Ohr des in allen seinen Gefühlen Getäuschten und ingrimmig wandelte er der heimischen Stätte des »Brühls« zu, um seinen Aerger und Jammer zu verschlafen. Gewiß aber wäre er um Vieles getrösteter heimgegangen, wenn er das etwas lange Gesicht des Studenten gesehen hätte, als Rosa demselben an ihrer Hausthür, weit draußen in der Vorstadt, mit dankendem Lächeln ihre Harfe abnahm und — freilich nach zärtlichem Händedruck — mit Schwestern und — dem den Schluß machenden Bruder hinter der Hausthür verschwand.

Der Titel, mit dem sich Bruder Studio hierauf selbst regalirte, fing auch mit dem E. an und rangirte ebenfalls unter die weniger geachteten Thiernamen. — — — Rechts und links vom Ausgange des altberühmten Kellers, auf der Straße standen, steif an die Wand gelehnt, wie weiland zwei Statuen des steinernen Roland zu Halle, der Theologe und sein gleich ihm total bezechter Bruder, der aus aller Façon gekommene Lehrer der heranwachsenden Jugend.

»Bruder — komm!« lallte der Theologe.

»N — e — e — e« stammelte der andere, »komm Du!«

»Ich — kann — die Wand — nicht — los — lassen — — — sonst — fall ich um!«

»Na warte — dann komm — ich — — wie kannst — du nur so — viel trinken!« sagte, von vielfachem Schlucksen unterbrochen, der Lehrer und versuchte kühn seine Nüchternheit dadurch zu beweisen, daß er seine Wand loslies, um dem Bruder zu helfen.

Ach — er wußte nicht, was er that — der Unglückliche, denn kaum hatte er den verwogenen Schritt gemacht, so versagten die rebellirenden Beine dem guten Willen den Gehorsam und statt zur Unterstützung des Bruders, trugen sie ihn im Sturmschritt über die Straße hinüber, wo er mit dem Cylinderhut voran, unter einem furchtbaren Knall an der Bretterthür der zur Messe daselbst seit vielen, vielen Jahren stehenden Nadlerbude vor Anker ging.

Der nun formlose Hut schob sich ihm über die Augen und die Brille über die Nase, so daß totale Finsterniß das Haupt des Guten umgab; aber er murrte nicht gegen sein Geschick, sondern vertraute auf die Sorgsamkeit und Menschenfreundlichkeit irgend eines vorüberkommenden Nachtrathes (Nachtwächters). Ein solcher erschien dann auch bald und nachdem er aus dem geistlichen Herrn glücklich ihre gemeinschaftliche Wohnung herausgebracht hatte, entdeckte er auch den in Dunkelheit schwebenden Gymnasiallehrer und brachte glücklich Beide nach Hause.


Am anderen Abend war die Scenerie und Handlung so ziemlich dieselbe, nur mit täglich veränderten Personen, die Harfenisten ausgenommen; denn selbst der Solideste schlug, wenn er einmal zur Messe fuhr, ein wenig über den Strang, ohne daß dies aber seiner sonstigen Reputation irgend etwas geschadet hätte.

XVIII.
Allerlei Chronika von 1850—1859.

Cholera.

Anno 1850 brach Anfang August die Cholera in Leipzig aus. Die erste Woche starben 59 und darauf von Woche zu Woche 72, 88, 99, 98, 116, 92, 60, 45, von der zehnten Woche war die Seuche als erloschen zu betrachten.

Feuer.

Am 21. September brannte der sogenannte Holzhof im Bauhof, Terrain der jetzigen Bauhof- und unteren Turnerstraße. Es gingen sämmtliche Arbeitsschuppen, riesige Posten Nutzhölzer, sowie 1500 Klaftern Brennholz in den Flammen auf. Der Brand währte zwei Tage, zu retten war bei der kolossalen Hitze, welche das Flammenmeer verbreitete, nichts.

Neue Brücke.

Anno 1851, am 9. September, wurde die neue Brücke nach Reichels Garten (an der katholischen Kirche) zunächst aber nur für den Fußverkehr eröffnet. An demselben Tage wurde das Frankfurter Thor am Kugeldenkmal abgebrochen und bis an die Chaussee verlegt.

Oest­reicher.

Anno 1852 vom 12. bis 23. März passirten theils per Bahn, theils per Fußmarsch 9 Colonnen Oestreicher aus Holstein nach Böhmen unsre Stadt. Es war das 4. Armeecorps unter Feldmarschallleutnant von Legeditsch, an Fußtruppen 11 Bataillone mit 13320 Mann, incl. 319 Offiziere, 185 Pferde und 22 Fuhrwerke. Ferner an Cavallerie, Artillerie, Train und Depots 181 Offiziere, 5980 Mann, 4290 Pferde, 68 Geschütze und 626 Fuhrwerke.

Korn­ähren.

Am 12. Dezember 1852 wurden auf einem Stoppelfelde bei Eutritzsch blühende Kornähren gefunden.

Raub­mord.

Anno 1853 am 5. Januar wurde im Hause Georgenstraße 10 die Witwe Friese, 57 Jahre alt, erschlagen und beraubt aufgefunden. (Siehe Heft II: Die letzte öffentliche Hinrichtung von Leipzig.)

Meuchel­mord.

Am 26. Januar, Abends zwischen 8 und 9 Uhr, wurde der Hausmann Gimpel Hohe Straße 26 (Laurentius-Gärtnerei) durch einen Stich meuchelmörderisch getödtet. Der Thäter ist nicht entdeckt worden.

Armen­haus.

Am 21. März wurde der Grundstein zum neuen Armenhaus am Gerichtsweg gelegt.

Pesta­lozzi­stift.

Am 27. Mai wurde der Grundstein zum Pestalozzistift am Exerzierplatz gelegt.

König Friedr. August †.

Anno 1854 am 15. August kam die Leiche des am 9. August bei Irnstein in Tyrol durch den Hufschlag eines Pferdes getödteten Königs Friedrich August von Sachsen auf dem Bairischen Bahnhofe hier an, wurde unter dem Geläute aller Glocken auf der Verbindungsbahn nach dem Dresdner Bahnhof übergeführt und von da Nachmittags 4 Uhr mittelst Extrazuges nach Dresden gebracht.

Syna­goge.

Am 7. September wurde der Grundstein zum Juden-Tempel in der Centralstraße gelegt. (Eingeweiht und eröffnet wurde derselbe am 10. September 1855.)

Fleisch­taxe.

Anno 1855 am 15. Juli wurde die Fleischtaxe bei den hiesigen und den Landfleischern aufgehoben. Rindfleisch kam zu dieser Zeit das Pfund 5 Neugroschen, Schweinefleisch 48, Schöpsenfleisch 40 und Kalbfleisch 30 Pfennige.

Missions­haus.

Am 14. Mai wurde zum Missionshaus am bairischen Bahnhof (jetzige Carolinenstraße) der Grundstein gelegt.

Thür. Bahn.

Am 9. Juli wurde mit dem Bau der Thüringer Eisenbahn begonnen. (Eröffnet wurde dieselbe 1856 am 25. März.)

Land­gericht.

Anno 1856 wurde das Landgericht vom Rathhause an das neue Königliche Gerichtsamt abgegeben und zwar am 6. Juni.

Am 19. September wurde auch das Criminal- und Stadtgericht im neuen Bezirksgerichtsgebäude am Petersteinwege abgetreten. Die Gefangenen kamen einstweilen, bis die Gefängnisse fertig waren, in den (alten) Peterschießgraben. Die erste öffentliche Gerichtsverhandlung fand am 3. November 1856 statt und zwar gegen die Gebrüder Beuchelt.

Museum.

Anno 1857 am 23. März wurden die Promenadenbäume vom Petersthore bis zum Augustusplatz weggeschlagen, der Stadtgraben angefangen auszufüllen und der Bau des Museums begonnen.

Anno 1858 am 26. Dezember wurde das neue Museum eröffnet.

Plag­witzer Straße.

1858 am 1. Pfingstfeiertag war der neue Weg von Reichelsgarten nach Plagwitz (jetzige Plagwitzer Straße) zum ersten Mal gangbar.

Ein­wohner­zahl.

Am 29. Dezember 1858 betrug Leipzigs Einwohnerzahl mit dem Militair 74097 und zwar 36973 männliche und 37124 weibliche.

Peters-Zwinger.

Anno 1859 am 1. Januar wurde mit dem Abbruch der alten Magazingebäude, sowie der kleinen Häuser links vom Petersthor, dem sogenannten Peters-Zwinger begonnen.

Berliner Bahn.

Am 2. Januar 1859 wurde die Berliner Bahn eröffnet.

Mord.

Am 25. Februar Abends 10 Uhr erstach der Oberjäger Manicke vom 1. Jägerbataillon (unsrer Garnison) in der Thieleschen Wirthschaft (Bordell) kleine Fleischergasse No. 18, aus Eifersucht seinen Kamerad und besten Freund, den Oberjäger Heinecke in der Trunkenheit.

Das Schiller­fest.

Das hundertjährige Geburtstagsfest Friedrich Schillers wurde 1859 in fast allen Städten Deutschlands gefeiert und daß hiervon unser Leipzig keine Ausnahme machte, ist selbstverständlich. Am Abend des 9. November zogen die Sänger mit zirka 500 bunten Laternen von der Centralhalle aus nach Gohlis vor das ehemalige Schillerhaus, in welchem Schiller das »Lied an die Freude« dichtete, welches renovirt und zum dauernden Andenken als eine durch den längeren Aufenthalt des Dichters geweihte Stätte vom Rathe der Stadt Leipzig angekauft worden war. Im Theater fand an demselben Abend Festvorstellung statt. Am Morgen des 10. November bot die Stadt einen überaus festlichen Anblick. Fast kein Haus war ohne Fahnen- und Blumenschmuck. Auf dem Markt stand auf hohem Postament die Colossalbüste des Dichterfürsten. Von 9—½11 Uhr fand in allen Schulen, sowie in der Aula der Universität feierlicher Festaktus statt und um 12 Uhr schlossen fast alle Geschäfte ihre Läden, was damals gelegentlich eines Festes noch nicht in Leipzig stattgefunden hatte. Von 12 Uhr an begannen die sich an dem riesigen Festzug betheiligenden Corporationen auf dem Augustusplatz und um die Promenade, sowie die Grimmaische Straße herein bis auf den Markt Aufstellung zu nehmen. Da kam hoch zu Roß die Gesellschaft »Hyppomannia«, hinter ihr die Sänger mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel. Dann kamen die Studenten, von berittenen Chargirten angeführt, jede einzelne Couleur im vollen Wichs, die blanken Schläger in den Händen, ihnen folgte der Künstlerverein mit berittenen Herolden und einem Musikchor in alter Schweizertracht voran, die Mitglieder zum großen Theil nach Personen aus Schillers Werken kostümirt. Ihnen folgten die Professoren und Schüler der Kunstakademie mit ihren Emblemen. Dann kam die löbliche Kramerinnung und die sehr zahlreich vertretenen Turner und nun folgten in einer unabsehbaren Reihe von geschmückten Wagen und kostümirten Gruppen die Innungen. Zuerst die Gelbgießer mit zwei großen Altarleuchtern auf den Armen kostümirter Träger, die Klempner, geführt von stattlichen Gesellen in selbstgefertigten Harnischen, die Bäcker mit ihrer alten Schwedenfahne, die Scene ihrer Heimkehr von der Schlacht bei Lützen darstellend, dann die Schriftsetzer, auf festlichem Wagen das »Lied an die Freude« setzend, welches auf dem holpernden Wagen, der eine Presse trug, gedruckt und unter die Zuschauer ausgeworfen wurde. Die Barbiere, dem ehemaligen Regimentsfeldscheer huldigend. Hier wurden die Innungen durch das gesammte Lehrerkollegium Leipzigs unterbrochen. Nun schwankte ein Wagen, mit hohem blumengeschmückten Baldachin über Schillers Büste, daher. Rechts und links der Büste saßen auf zwei Riesenkürbissen zwei Elfen mit gefüllten Blumenkörbchen und streuten kleine Bouquets unter die Menge. Es war dies der Wagen der Gärtner. Den Gärtnern folgten Rath und Stadtverordnete, nach ihnen kamen die Buchbinder, vier Lehrlinge trugen einen Riesenband Schillerscher Werke. Jetzt kamen auf hübsch dekorirtem Wagen die Cigarrenmacher in voller Arbeit, die gefertigten Cigarren ebenfalls unter die Menge austheilend. Jedem Wagen folgten die übrigen Meister, Gehilfen und Lehrlinge des Gewerbes. Nun kam hoch zu Roß in prachtvoller mittelalterlicher Tracht, gefolgt von geharnischten Rittern, der Landvoigt Geßler mit Rudenz und Harras, hinter ihnen ein Haufen Kriegsknechte, von denen einer auf einer Stange des Landvoigts Hut trug. Ihnen folgten Wilhelm Tell mit seinem Knaben, umgeben von Schweizervolk. Die Gruppe war von der löblichen Schneiderinnung gestellt worden und bildete einen hervorragenden Glanzpunkt im Zuge. Im Zuge der Schuhmacherinnung, welche nun kam, schritt Hans Sachs mit seinen Gesellen im Costüm. Die Schmiede folgten mit bekränztem Ambos und Hämmern, die Schlosser mit einer im vollen Betrieb befindlichen Werkstätte auf einem Wagen, die Maschinenbauer ebenfalls mit Wagen als Werkstätte und im Zuge getragenen Miniaturlokomotiven, Tendern und Wagen. Die Pianofortearbeiter mit Schiller selbst in antiker Tracht, die Stirn lorbeerumkränzt, die goldne Leyer im Arm. Die Glockengießer mit einem Wagen, auf welchem Schillers Glocke steht. Die Fleischer, auf einem Wagen zwei bekränzte Opferlämmer mitführend, indeß andere weißgekleidete Gesellen im Zuge eine riesige Wurst tragen. Die Töpfer mit zwei Wagen mit Drehscheiben im Betrieb und einem kolossalen Topf. Den Hutmachern schwebt ein mächtiger Freiheitshut voran, dann folgen die Riemer und Sattler, die Glaser und Tischler, Zimmerleute und Maurer und die anderen Gewerke, sowie die von einem Berittenen geführten Eisenbahnarbeiter. Der Zug dauerte länger als eine Stunde im Vorüberziehen.

Abends war ein kolossaler von allen Zugtheilnehmern ausgeführter Fackelzug. Als Nachfeier wurde am 11. November die Schiller-Linde in Gohlis gepflanzt.

450 jähr. Universitäts-Jubiläum.

Am 9. Dezember 1859 feierte die Universität ihr 450 jähriges Bestehen in Leipzig. König Johann und sämmtliche Prinzen wohnten dem Festmahl im Schützenhaus (jetzt Krystallpalast) bei. Abends war Commers in der Centralhalle. Die königliche Familie wurde von den Studenten mit Fackeln zum Bahnhof geleitet.

Vatermord.

Am 25. September 1859 Abends 8 Uhr erschoß der Conditorgehilfe Clermont im Hause Königsplatz Nr. 1 parterre, seinen Stiefvater, den Cafetier Krüger mit zwei Pistolenschüssen. Er wurde am 14. Januar 1860 wegen Todtschlages zu 15 Jahren Zuchthaus verurtheilt, nach einiger Zeit aber von Sr. Majestät zu 8 Jahren Gefängnis begnadigt.

XIX.
Die Hiersemusen!

»Da — da — da«

»Was denn — wo denn?«

»Was ist denn los?«

»Da läuft sie — —«

»Ah — jetzt kommt sie hierher!«

»Wer denn — wo denn?«

»Na — sehn se denn nich, da is se ja!«

»Ah — — de Hierschemusen

So flogen oft die Worte und Reden herüber und hinüber, auf den Straßen unseres guten Leipzig in den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren unseres Jahrhunderts. Ein Rudel Jungen und Mädchen kam dann dahergestürmt und umkreiste, sie neugierig anstarrend, eine schlankgewachsene Frau von schier undefinirbarem Alter, welche inmitten des Trubels ruhig dahin schritt. Nur wenn ihr ein dreister Bengel einmal etwas zu nahe kam, stockte einen Augenblick ihr Fuß; wie zur Abwehr, aber niemals drohend, hob sie leicht den schirmbewaffneten Arm, und — hui — wie stiebte die leichtfüßige Schaar sofort auseinander, freilich nur um gleich darauf, einem Volke dreister und zudringlicher Spatzen gleich, dasselbe Spiel wieder zu beginnen. Der Bengel aber, den sie angesehen hatte, blieb meist betroffen zurück.

»Du — kann die aber Een ansehn!«

»Wie denn — se wollte Dir wohl was thun?«

»I — nee, nee — aber — weeßte — ’s wurde mer ganz nippernäppsch derbei!« — — —

»De Hirschemusen!« sagten die stehenbleibenden Frauen, dieselbe an sich vorbeigehen lassend. »Se sieht immer noch aus wie früher.«

»Nee — die verrickte Person — sehn Se blos, Frau Müllern, heute hat se bei der Hitze gar e Pelzmantel um — —«

»Ja — ja — und im Winter läuft se mit dem Strohhut un’n Sonnenschirm!«

»Aber’n Pompadour oder e Körbchen hat se egal am Arme!«

»Das arme Thier — Du lieber Gott — mer weeß ooch noch nich, was een an der Stirn geschrieben steht, die hat ooch nich gedacht daß se emal als Halbverrickte uff der Straße rum loofen wirde.«

»Ja — ja — mer erzählt Verschiednes!«

»Na — Heernse — da kennt’ch se e Licht uffstecken — e ganzen Roman sag ich Sie!«

»I — da erzähln se doch, Frau Melzern — ich bin, weeß Kneppchen, nich neigierig, aber — — —«

»Ja, Frau Melzern, erzähln se’s nur, ich habe ooch schon lange so was munkeln hören — —«

»I nu!« sagt Frau Melzer geheimnißvoll, indem sie den Marktkorb, gleich den andern beiden Frauen, auf die Erde stellt — — »wissen Se — eegentlich is es e Geheimniß — un blos de Bolizei wees es — aber ooch nur ganz heemlich un blos de Höchsten dervon — aber mei Neffe der is Schreiber beim Gericht — und — die wissen Alles!«

»Gott, ’s leeft mer ordentlich kalt übern Rücken!« sagte die Müllern, das leichte Umschlagetuch trotz der Hitze um sich ziehend.

»Nu, daß es nich richt’g mit ihr is, wissen Se.«

»Natürlich — Se meenen hier oben — —«

»Na ja« — fährt Frau Melzer ungeduldig über die Unterbrechungen fort, denn jeder Nerv in ihr drängt sie, den Quatsch, den sie selbst erst heute von einer andern Freundin gehört hatte, möglichst vergrößert wieder los zu werden, »freilich — im Koppe is es nich richtig mit ihr, aber — wissen Se, wovon das kommt?«

Die Hiersemusen.

Frau Müller und Frau Lehmann wissen’s natürlich nicht und zittern vor Neugierde.

»Eene arme verlass’ne Creatur is se — aus Liebe is se ibergeschnappt, weil se der schlechte Kerl verlassen hat — —«

»Nee — die Männer — die Männer —«

»Aber — das is noch lange nich Alles — ’s richt’ge Geheimniß kommt erst noch — aber — ich bitte Sie — keen Menschen en eenziges Wort — nicht wahr? Mer kommt doch für seine Güte nich gern in Ungelegenheiten.«

Die Müllern legt betheuernd die Hand auf die Brust und gelobt tiefstes Schweigen. Die Lehmann reckt alle zehn Finger in die Luft — sie ist sprachlos vor Neugierde.

»Hab’n Se gesehn, was de Hierschemusen immer vor feine Sachen hat — wenn Se se ooch immer zur verkehrten Jahreszeit anzieht, heite den nobeln Pelzmantel — —«

»Un vorigen Winter e echtes blaues Barègekleid mit drei großen Volants un e breiten idaliänschen Strohhut — — —« fällt die Müllern ein.

»Un e ganz neien Sonnenschirm von gelber Seide mit Spitzen — —«, sagt die Lehmann.

»Sehn Se? Sehn Se?« fährt Frau Melzer triumphirend fort. »Un — wo hat se’n her? Liederlich is se nich und ooch nich mehr in den Jahren dazu — verdienen thut se ooch nischt — also? — — Ich weeß es — woll’n Se’s wissen?«

Welche Frage! — Die drei Köpfe der Frauen fahren eng zusammen.

»Von ihrem Vater kriegt se’s — von ihrem heemlichen Vater — un das is — — —«

Athemlose Spannung der beiden andern Frauen, höchster Triumph der Melzern.

»Das is — — — ä reicher bohlscher (polnischer) Graf!!«

»Ae — — bohlscher — — — Graf!«

»Heern Se, nu thun Se mer aber de Liebe an, un vertreten Se nich länger ’s Trottoir!« sagt hinzukommend, mit gemüthlicher Amtsmiene der Polizeidiener, »ich muß Se sonst weeß der hohle uffschreiben!«

»Herr Jeses — Se ham Recht — mei Mittagessen!« besinnt sich Frau Melzer, nimmt schnell ihren Korb und — nach einem letzten Blick auf die Freundinnen eilt sie hastig davon.

Dies führt aber auch die beiden anderen Frauen zu ihrer Pflicht zurück.

»Mei Mann — er wird so immer gleich ungeduldig, wenn er mal den Kleenen warten muß — na — Adje!« sagt die Lehmann und — weg ist sie.

»Na — ich will nur ooch machen, daß ich zu Hause komme, die hochnäsige Krausen, die immer Alles zuerst wissen will in ganz Leipzig, wird sich scheene wundern, wenn ich ’r Alles erzähle — — ä bohlscher Graf — — — ä richtger bohlscher Graf?«


So entstanden und schwirrten die Gerüchte über die Hierschemusen in unserm Leipzig hin und her, eins immer unsinniger als das andere — bald sollte sie die Tochter eines russischen Fürsten, bald die verlassene Geliebte irgend eines exotischen Prinzen sein — und woben allmählig um die arme Person einen Nimbus, der in keiner Weise gerechtfertigt war. Auch der Name Hiersemus war ihr vom Volksmunde verliehen, kein Mensch kannte sie unter einem andern, außer einigen Eingeweihten des Polizeiamtes. Und was verbarg sich schließlich hinter diesem Namen und dem um sie gewobenen Sagenkreis? Die alte, einfache Geschichte einer armen, verlassenen Frau, die sich ihr Unglück in den Kopf gesetzt und ihren harm- und gefahrlosen, zeitweiligen Irrsinn nur dadurch documentirte, daß sie consequent im Sommer Winterkleidung und im Winter Sommerkleidung trug. Von schlanker Gestalt, mußte sie trotz einiger Sommersprossen im Gesicht in ihrer Jugend sicher nicht unschön gewesen sein, und fast dreißig Jahre lang bemerkte man fast keinerlei Veränderung an ihr.

Wer aber war sie und wie war ihr Lebensgang?


Frau Amalie Auguste Stalzer, dies war der richtige Name der Hiersemusen. Ganz merkwürdiger Weise läßt sich auch nicht der allergeringste Anhaltepunkt darüber finden, wie der Volksmund darauf gekommen ist, gerade den seltsamen Namen Hiersemus für sie zu wählen. Zwar war in früheren Zeiten diese jetzt fast ganz von der Volksspeisekarte verschwundene Speise ein Leibgericht der Leipziger, und auf der Menukarte der städtischen Speiseanstalt fungirte »Hirsemus mit Syrup« oder »Hirsemus mit Pflaumen« früher fast jede Woche einmal und ist auch jetzt noch dann und wann auf ihr zu finden; allein in welche Verbindung der Volksmund jene Unglückliche mit seinem alten Leibgericht gebracht hat, ist unerfindlich und wird wohl nun auch niemals ergründet werden.

Die Hiersemusen war im Jahre 1806 in Breslau geboren und in der katholischen Religion erzogen worden. Ihr Vater war Stadtsoldat, hieß Josef Sattler und war aus Olmütz gebürtig. Er wurde nach Auflösung der Truppe der Stadtsoldaten pensionirt und starb in Leipzig im Jahre 1834.

Jungfrau Amalie Auguste Sattler soll von hervorragender Schönheit und Lieblichkeit gewesen sein, worauf selbst ihr Aussehen noch als Vierzigerin und Fünfzigerin hindeutet, insbesondere sollen ihr ein Paar prächtiger blauer Augen und eine Fülle goldblonden Haares schon sehr frühzeitig Massen von Bewunderern zugeführt haben. Unter all diesen Bewerbern zeichnete sich besonders der damalige junge Bürger und Cigarrenhändler Anton Stalzer aus, und da er trotz der Armuth und des niederen Standes des jungen Mädchens seine Bewerbungen auf das Eifrigste betrieb und als Bürger — welche Eigenschaft damals eine gewisse höhere gesellschaftliche Stellung bedeutete als jetzt — der Vielumworbenen eine gesicherte Existenz bieten konnte, so sagte Amalie Auguste, zumal da auch ihr Herz dem jungen hübschen Mann freudig entgegenschlug, gern ja und wurde bereits 1822, also kaum 16 Jahre alt, das Weib des geliebten Mannes. Glückstrahlend zog sie am Arme des Geliebten in das ihr von demselben bereitete Heim, und auch ihr alter Vater war glücklich, sein einziges Kind wohl versorgt zu wissen. — —

Aber Vater und Kind hatten sich in dem jungen Ehemann bitter getäuscht. Seine Verhältnisse waren längst total zerrüttet, und nur um die Geliebte zu besitzen, hatte er Alles aufgeboten und es wohl verstanden, diese Zerrüttung vor Jedermann sorgfältig zu verbergen. Aber als er sein Ziel erreicht hatte, ward er zum offenbaren Schurken, und kaum ein Jahr nach der fröhlich gefeierten Hochzeit verschwand Stalzer für immer aus Leipzig, Alles mit sich nehmend, was er nur konnte, sogar die geringen Sparpfennige des alten Soldaten, und seine junge kaum 17 jährige Frau in tiefster Noth und Verzweiflung zurücklassend.

Er blieb für immer verschollen.

Die junge Frau fiel in eine langandauernde, schwere Krankheit, und als sie endlich von des alten Invaliden väterlicher Hand sorgsam gepflegt vom Krankenlager wieder erstand, da war nicht blos der größte Theil ihrer körperlichen Schönheit vernichtet, sondern auch ihr Geist umnachtet oder doch für immer getrübt.

Noch länger als elf Jahre lebte der alte Soldat, und da es seine Tochter verstand, kunstvoll zu sticken und zu nähen, so hatten Beide im Verein mit seiner Pension ihr einfaches, aber genügendes Auskommen.

Im Jahre 1834 starb der Alte, und die junge Frau stand nun ganz allein auf der Welt. Da ihr leichter Irrsinn vollständig harm- und gefahrloser Natur war, so ließ man sie ruhig gewähren, sie fand unter den vielen reichen in Leipzig wohnenden katholischen Glaubensgenossen willige und gutbezahlende Abnehmer für ihre Stickereien und außerdem reiche Unterstützung durch Geld und Ueberlassung bereits getragener, oft noch sehr werthvoller Kleidungsstücke. Daher kam es auch, daß sie oft solche trug, deren Eleganz und Werth in keiner Weise mit ihrem Stand als Stickerin harmonirte. Im Laufe der Jahre aber bildete sich noch ein anderer Erwerbszweig bei ihr aus, der ihr zwar, wie man sagt die Kundschaft der Damen bis zu den höchsten Gesellschaftskreisen Leipzigs verschaffte, sie aber auch leider mehrfach in Conflict mit den städtischen Behörden brachte; sie wurde nämlich eine bekannte und sehr gesuchte Kartenschlägerin, und manche als feingebildet und besonders geistreich bekannte Dame — man sagt sogar, daß auch die Herrenwelt diese Dienste der Hiersemusen gern in Anspruch nahm — lauschte heimlich im verschlossenen Gemach den Glück oder Unglück aus den bunten Blättern verkündenden geheimnißvollen Worten der stets kalt und düster blickenden Sybille. — — —

So trieb die Hiersemusen ihr stilles Wesen viele Jahre lang. Ob Alles sich auch nach und nach um sie herum veränderte — sie blieb sich gleich, und wenn man sie auch einmal monatelang nicht gesehen hatte und sie als todt betrachtete, so belehrte Einen der oft plötzliche Ruf auf der Straße »De Hierschemusen« eines Andern.

Aber in ihren Verhältnissen trat mit dem zunehmenden Alter doch allmählich eine große Veränderung ein, ihre alten Freunde und Kunden starben dahin, andere Kartenschlägerinnen, die vielleicht besser lügen konnten als sie, machten ihr auch hier erfolgreich Concurrenz, und so trat nach und nach die bittre Noth an sie heran, ihr Geist verwirrte sich mehr und mehr, dazu kam körperliches Leiden, und es war somit ein Glück für sie, als sich der Rath ihrer als Bürgersehefrau annahm und sie als Versorgte Anfang der siebenziger Jahre im städtischen Georgenhaus unterbrachte. Fast noch ein volles Jahrzehnt lebte sie hier still und friedlich, bis sie am 31. August 1879 im hohen Alter von 73 Jahren verschied.

XX.
Der Judenbrühl.

Wenn auch der Leipziger Brühl zum Theil jetzt noch ein lebhaftes Verkehrsleben und in seinem östlichen Theile eine vorwiegend orientalisch-israelitische Färbung zeigt, so hält die Jetztzeit doch nicht im Geringsten bezüglich dieses israelitischen Charakters des Brühls einen Vergleich mit der Zeit vor fünfzig Jahren und länger aus. Die schroffen Gegensätze zwischen Christen- und Judenthum sind wesentlich mildere geworden. Die Zeiten, in denen außerhalb der Messen den Juden der Handel, ja selbst der Aufenthalt in Sachsen untersagt oder wenigstens sehr erschwert war, sind längst einer milderen Gesetzgebung gewichen. Die Messen sind in ihrem riesigen Verkehr aller Völker unter einander ungeheuer zurückgegangen, der früher freie jüdische Meßhandel in allen Straßen der Stadt ist eingeschränkt worden, und so ist es kein Wunder, daß auch der alte frühere Judenbrühl, der früher allein eine hervorragende Sehenswürdigkeit Leipzigs zur Meßzeit bildete, den Charakter als Mittelpunct des specifisch jüdischen Handelsverkehrs längst verloren hat. Früher theilte man unsern Leipziger Brühl in drei Theile. Der westliche, von der Hain- bis zur Katharinenstraße, hieß der obere, der mittlere, von Katharinen- bis Nicolaistraße, der Herrenbrühl und der untere östliche Theil, bis zum damaligen Georgenhause, hieß der Judenbrühl. Zur Meßzeit aber wurde der ganze Brühl in der Regel »Judenbrühl« genannt. Der Brühl sah damals noch etwas anders aus als jetzt. Er bildete an seinem östlichen Ende, also nach der jetzigen Goethestraße zu, eine Art Sack-Gasse, welche auf der einen Seite das alte finstere Georgenhaus, ein altes burgähnliches Gebäude und rings umgeben von hohen Mauern, abschloß. Das Georgenhaus sprang ziemlich weit in die Straße hervor; über seinem Thore sah man die Legende des weiland Ritter Georg, wie derselbe einen Lindwurm fein säuberlich aufspießt, in Stein gehauen. Das Georgenhaus selbst bildete früher einen hervorragenden Theil von Leipzigs Befestigungen; zur damaligen Zeit aber war es Arbeitshaus. Man erzählte damals, daß hier in jenen stillen Räumen der Stock gar namhafte Erziehungs- und Besserungsresultate geliefert habe. Außer diesem Erziehungsinstitut befand sich im Georgenhaus noch das städtische Waisenhaus und die damals nur primitiven Anstalten zur Aufnahme Blöder und Irrer.

Als die Eisenbahnen im Entstehen waren, gab es unter den jüdischen regelmäßigen Meßbesuchern solche, welche mit Ausnahme ihrer in Leipzig zu den Messen verlebten Zeit fast die ganze übrige Zeit auf der steten Reise von und nach Leipzig begriffen waren. Denn da diese Handelsjuden den Grundsatz hatten, möglichst billig zu reisen, so kam es bei ihnen weniger darauf an, daß dies auch möglichst schnell geschah. Die Gelegenheiten, die sie deshalb theilweise benutzten, um von und nach Leipzig zu kommen, waren denn auch sehr verschieden, oft originelle. So kannte ich einen alten Juden aus Russisch-Polen, der länger als 30 Jahre seine Reise zur Neujahrsmesse nach Leipzig thatsächlich auf der Pritsche des Schlittens eines besser situirten Glaubensgenossen gemacht hatte. Wenn man bedenkt, daß der Schlitten in Eis und Schnee, Sturm und oft bedeutender Kälte Wochen zu seiner Tour bedurfte, und daß die Lebensweise des Pritschenfahrers dabei in der Regel eine sehr spärliche war, kann man eine solche Leistung wohl als eine hervorragende betrachten. Andere Juden kamen mit gewöhnlichen Frachtwagen, sie warfen ihr bescheidenes Reisebündel auf dieselben und liefen bergan nebenher, bergab saßen sie hinten auf. Es war schon eine Art Aristokratie der Judenschaft, welche sich dazu verstieg, in Gemeinschaft einen mit elenden Brettersitzen ausgestatteten gewöhnlichen Leiterwagen zu nehmen, der dann mit Menschen aufs Aeußerste vollgepfropft wurde. Den höchsten Adel aber bildeten diejenigen, welche sich bis zu einem gemeinschaftlichen, altersschwachen Omnibus aufgeschwungen hatten, bei welchem dann sogar die äußeren Wagentritte je einen zahlenden Passagier aufnehmen mußten.

So kamen sie an — jeden Donnerstag vor der Vorwoche einer jeden Messe, und auf dem Plauenschen Platz, vor dem damaligen alten Leihhause, wo jetzt die Pferdebahnwartehalle an Tscharmann’s Hause steht, da lud der glückliche Fuhrmann, meist selbst ein polnischer Jude, seine glänzenden Passagiere ab. Glänzend in des Wortes verwegenster Bedeutung, denn die langen bis zu den Füßen reichenden Kaftane, wie die langen Schafpelze und die runden Käpsel, die gerollten langen Haarlocken, Prösen genannt, die scharf gezeichneten Gesichter und die listig blickenden Augen — Alles glänzte — erstere vor Fett und Schmutz, letztere von der Hoffnung auf »ä faines Geschäftche!«

Und die außer den Messen meist leeren Räume der Hinterhäuser des Judenbrühls füllten sich. — In einer einzigen Stube, oft nur auf Strohsäcken und Decken als Lagerstätte, »logirten« oft zehn und mehr dieser erwerbsbeflissenen Kinder Israels, und kaum war der Montagmorgen der ersten Meßwoche angebrochen, so stürzten sich alle mit Todesverachtung ins Geschäft, und der melodische Ruf der Handelsjuden tönte durch alle Straßen unseres guten Leipzigs. Die sparsamen Hausfrauen Leipzigs kramten in allerlei abgelegten Sachen, legten nicht mehr repräsentations- und nicht mehr die Reparatur vertragende Kleider- und Wäschestücke, zu eng gewordene Westen des gutgepflegten Ehegatten, Beinkleider mit den unmöglichsten Defecten, verbogenes Zinn- und Kupferzeug, sorgsam zu diesem Zwecke aufgesparte Hüte und was nur noch einigermaßen verwerthbar erschien, auf einen Haufen zusammen, dabei beflissen, jeden Gegenstand in ein möglichst günstiges Licht zu stellen, und erwarteten nun ihren alten Bekannten aus Polen mit klopfendem Herzen. Sie wußten, Veilchen Rosenduft kaufte zwar Alles, was nur überhaupt noch verwerthbar erschien, aber — er war auch zäh, zäh wie Hosenleder, und unglaubliche Zungenschlachten, bei denen von Seiten der zarten Frauen nicht immer salonfähige Worte fielen, die aber Veilchen Rosenduft, jeder Zoll ein Grande Seigneur, stets mit größter Honigsüße vergalt, wurden geschlagen, bis Veilchen den Sieg behielt und die erbeutete Trophäe in Gestalt eines Hosenpaares etc. seinem Museum derartiger Sachen einverleibte.

Seine intime Freundschaft mit Bruder Studio haben wir bereits geschildert, und so beschränken wir uns darauf, zu constatiren, daß auf diese Weise durch die sich innerhalb vier voller Meßwochen riesig anhäufenden Massen von alten und ältesten Kleidern die ohnehin aufs Aeußerste beschränkten Logis der Kinder Israel allmälig so vollgepfropft wurden, daß ein Anderer als diese Leute es für eine blasse Unmöglichkeit erklärt haben würde, in denselben auch nur eine Stunde zuzubringen. Die glücklichen Bewohner aber schienen sich sehr wohl dabei zu befinden. Nun entwickelte sich aber auf dem Judenbrühl der Handel der Trödeljuden wieder unter sich um die den Leipzigern erst abgekauften Sachen. Hier war vom lebensmüden, bis zur Entstellung mit Beulen versehenen Cylinder bis zum hocheleganten, wenn auch etwas verblaßten seidenen Schuh der Prima Ballerina und vom zinnernen Löffel mit verbogenem Griff bis zum schweren silbernen Eßbesteck und gigantischen Armleuchter Alles zu sehen, was nur überhaupt transportabel war. — Es fanden sich auch Käufer aus der Bürgerschaft bis zum Gelehrten, der auf irgend ein altes hierher verschlagenes seltenes Buch bot; ein allgemeines Handeln, Feilschen, Schachern vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht entwickelte sich auf diesem Theile des Judenbrühls. Die meisten der eingekauften alten Sachen gingen nach Rußland und Polen, wo dieselben entweder gereinigt und reparirt ihrer ursprünglichen Bestimmung aufs Neue wieder zurückgegeben oder zu allen nur möglichen andern Sachen umgearbeitet wurden. — Wie der verbogene Kupferkessel als goldglänzender preußischer Dreier vielleicht dieselben Hände wieder passirte, die ihn gefertigt und als unbrauchbares Möbel verschleudert hatten, so erschienen hunderterlei Gegenstände auf der nächsten Messe wieder in totaler Umgestaltung, und nichts gab es für den Trödeljuden, das nicht wenigstens zu Etwas gut gewesen wäre. So konnte es beispielsweise vorkommen, daß der frühere glückliche Besitzer einer defekt gewordenen Hose, welche er froh war einem Juden »aufgehalst« zu haben, nächste Messe auf dem Brühl eine Anzahl in den verschiedensten Façons schwungvoll gearbeiteter Mützen, an dem besonderen Stoffmuster, als aus den Beständen seine frühere Hose deutlich wiedererkannte; und der Häringsbändiger, dessen Locken jetzt eine solche Mütze bedeckte, ahnte nicht, daß gerade ihre Bestandtheile früher das Hintertheil der Hose seines erbittertsten Nebenbuhlers in der Gunst irgend einer Schönen gebildet hatte.

So gab es kein Haus der Stadt, in welches nicht wenigstens einer oder der andere der Handelsjuden eingedrungen wäre, und überall sah man den stets demüthigen und bescheidenen Mann gern, so daß Viele, als dieser Hausirhandel verboten wurde, die alten Geschäftsfreunde sehr vermißten.

Dabei war es oft rührend und erhebend, auch für Andersgläubige, mit anzusehen, mit welcher Strenge gerade diese alten, oft so schmierigen Juden, trotz ihrer Sucht, um jeden Preis Geschäfte zu machen, ihre religiösen Feste feierten und streng die für dieselben vorgeschriebenen Satzungen hielten.

Wie bekannt, fallen gerade in die Hauptzeit der Michaelismesse die höchsten Festtage der Israeliten.

Zuerst das Neujahrsfest mit seinem zweiten Tage, dann das Versöhnungsfest, das Laubhüttenfest und dessen zweiter Tag, dann das Fest Laubhüttenende und zuletzt das Fest Gesetzesfreude.

Da sah man, was man sonst nie sah, auch den Aermsten und Unscheinbarsten der Juden die Geschäfte vollständig ruhen lassen und nicht blos die besten Kleider hervorsuchen, sondern — — in weißer Wäsche erscheinen. Privatsynagogen mit zum Theil theuren Eintrittspreisen wurden eröffnet. Auf dem damals ebenfalls noch nach der Promenade zu abgeschlossenen Eselsplatz (jetzt Ritterplatz) und in vielen Höfen der Ritterstraße und des Brühls erstanden die Laubhütten, und ungeachtet des öfteren Zudranges Andersgläubiger und deren nicht immer tactvollen Benehmens verrichteten die strenggläubigen Juden hier ihre Gebete. Manchem, der herzugekommen war, sich lustig zu machen, erstarb angesichts der Glaubenstreue und ruhigen Ausübung ihrer Religionsgebräuche das lose Wort auf der Zunge. — — — Wer nun aber, sowohl aus der Sparsamkeit, wie aus dem übrigen Benehmen dieser Handelsjuden etwa geschlossen haben würde, daß dieselben alle arm oder mittellos gewesen wären, der würde sich sehr getäuscht haben und erstaunt gewesen sein, wenn er erfahren hätte, daß viele dieser Leute mit Tausenden von Thalern in ihren schmierigen Brieftaschen hierher nach Leipzig zur Messe kamen und außerdem oft noch über bedeutende Credite bei den hiesigen Bankiers verfügten.

Durch das Zuchthaus- oder, wie es eigentlich hieß, das Georgenpförtchen gelangte man an eine steinerne Treppe, welche auf den Wall der früheren Stadtbefestigungen führte. Hier stand auf der rechten Seite bis an das Grimmaische Thor eine Reihe ganz gleicher einstöckiger Häuschen — genau wie von der Magazingasse bis zum Petersthor. Nur ein sehr schmaler Pfad zog sich vor den Häuschen, Peters- und Grimmaischer Zwinger genannt, hin, auf der andern Seite fiel der Stadtgraben, damals schon durch den Schwanenteich hier beim Brühl verdrängt, steil hinab.

Dem Georgenhaus gegenüber stand die alte, mit einem an der Ecke der Ritterstraße vorspringenden Thurm versehene Heuwaage. Auch die unteren Theile der Ritter- und Nicolaistraße waren zur Meßzeit fast durchgängig Massenquartiere von Handelsjuden.

Die meist noch im alterthümlichen Kreuzbogenstile gebauten Gewölbe, sämmtliche Höfe und alle Straßen steckten voll Verkäufer und zwar dominirte zwischen Nicolai- und Katharinenstraße die noch jetzt bedeutende Rauchwaarenbranche, von dort an kamen die Manufactur-, Seiden- und Weißwaaren, und im oberen Brühl, mit der Leinwandhalle, dominirte die Leinenbranche. Auch Buden waren auf dem Brühl aufgestellt, und das Gewühl war zur Meßzeit oft geradezu lebensgefährlich. Am Ende des Brühls gen Westen, da wo jetzt die Tuchhalle steht, stand bis Mitte der vierziger Jahre ein lebhaft frequentirter Gasthof mit Ausspannung, »die goldene Gans«. Der Besitzer derselben hieß Peter und wurde daher von Jedermann »Gänsepeter« genannt.

Das melodische »Nix zu handeln« des polnischen Trödeljuden tönt schon längst nicht mehr durch Leipzigs Straßen — auch der Trödeljude ist vornehm und sässig geworden, die öffentlichen Laubhütten zur Michaelismesse sind verschwunden — verschwunden das alte Meßtreiben auf dem Judenbrühl und der Stadt überhaupt, wie lange wird’s noch dauern und die ganze Leipziger Messe wird, wie der alte Judenbrühl, zur Mythe?

XXI.
Unter den Buden.

Wenn man in Betracht zieht wie sich noch heutzutage die Kinder Leipzigs und der Umgegend freuen, wenn Vater oder Mutter ihnen verspricht mit ihnen »unter die Buden« zu gehen, trotzdem die jetzigen Messen eigentlich, betreffs des früheren Treibens während derselben, kaum noch der Schatten der Messen vor 40 und 50 Jahren sind, so kann man wohl ungefähr darauf schließen, welche Freude eine solche Botschaft damals bei uns Kindern hervorrief. Mit den Vergnügungen für die Kinder war es vor 40 Jahren außer dem Treiben auf Straßen und Plätzen bei weitem nicht so gut bestellt wie jetzt, wo Reisen, Sommerfrischen, Feriencolonien, Schrebergärten, ja Kindersommerfeste und — — — Kinderbälle — — — zu der Tagesordnung gehören. Zwar war der Schulunterricht damals ein einfacherer betreffs der einzelnen Fächer, aber keineswegs ein kürzerer und durch den oft übertriebenen Wust, den damals allein das Auswendiglernen ganzer Capitel der Bibel und ganzer Serien von Gesangbuchsliedern in Anspruch nahm, und der uns auch in den Ferien ganze Berge von Arbeiten aufbürdete, waren wir keineswegs weniger mit Arbeiten belastet wie die Kinder der Jetztzeit.

Wenn wir uns nun trotzalledem nicht blos unsern guten Humor bewahrten, sondern auch gesund und kräftig emporwuchsen, so lag dies wohl mit daran, daß erstens der jetzige sogenannte gute Ton, oder sagen wir lieber die nur zu oft eine ungesunde Frühreife der Kinder zeitigende jetzige Erziehungsmethode, die wahre Kindesnatur noch nicht so in Fesseln schlug und künstlich unterdrückte, sondern auch daran, daß sich damals Leipzig selbst innerhalb der Stadt noch zum großen Theil einen gewissen ländlichen Charakter bewahrt hatte. Große Plätze, Rosenthal, Promenaden, viele alte Oekonomiehöfe, Wallgräben, die vielverzweigten Flüsse, ferner die großen damals noch sämmtlich unbebauten Terrains von Reichels-, Gerhards-, Reimers-, Lehmanns-Garten u. s. w. gewährten uns Kindern geräumige Tummelplätze inmitten der Stadt. Dennoch war dies alles ziemlich einförmiger Natur und es war somit kein Wunder, wenn wir das jedesmalige Herankommen der Messen besonders freudig begrüßten. — Was gab es da alles zu sehen! Uns’re Kinder, welche jetzt Gelegenheit haben Panoramen, Zoologischen Garten und anderes auch außerhalb der Messen zu sehen, haben keine Ahnung davon, wie wir staunend vor den großen Menagerieen eines Kreuzberg und Anderer standen und glücklich waren, wenn wir die 2 guten Groschen erschwingen konnten, welche zum Besuche dieser Riesenbuden erforderlich waren. Damals war der gesammte Roß- wie Königsplatz und auch der Obstmarkt mit Schau-, Schieß- und Trinkbuden vollständig besetzt. Von der Königstraße bis zur Holzgasse (Sternwartenstraße) standen die Schießbuden in doppelten Reihen und der stereotype Ruf der in denselben fungirenden — meist mit grellfarbigen Blousen oder sonstigen fantastischen Trachten bekleideten — Mädchen, »’Mal schießen meine Herren? Viermal fär ä Groschen!« lockte handlungsbeflissene Jünglinge, biedere Handwerksmeister und Gesellen, ebenso wie den Bruder Studio und den behäbigen Meßfremden an die oft kunstreich und humorvoll ausgestatteten Schießstände. Zögernd traten auch wir Jungen, dem Zauber der aufgesteckten Thonpfeifen und rothhosigen Soldaten erliegend, heran und opferten unsern Dreier oder wenn’s hoch kam unsern Sechser dem flüchtigen Waffenspiel, um dann gleich hinterher das so schnell vergeudete Geld bitter zu bereuen — freilich — hin war hin. Vor dem damaligen alten Kurprinz standen zwei uralte Caroussells, damals Reitschulen genannt. Man mußte auf einer Treppe in das Innere der völlig umkleideten Buden hinaufgehen und fand hier einen vollständigen Eisenbahnzug — damals ein besonderes Zugmittel — dessen Lokomotive der glückliche und stets vielbeneidete Inhaber dieses Platzes mit den Rädern rasseln und sogar pfeifen lassen konnte. Der überaus einfache Mechanismus dieser Reitschulen wurde durch Schieben in der unteren verhängten Hälfte in Bewegung gesetzt. Schieber waren natürlich wir Knaben, wofür wir dann abwechselnd mitfahren durften. Von hier bis zur kleinen Windmühlengasse (jetzt Markthallenstraße) standen die Schankbuden, in denen — außer der von Stöpel, — Harfenisten spielten. Bei Stöpel gab es die von Jedermann als Delikatesse anerkannten, echt »Wiener Würstchen«. — — Dann folgten wieder große Schaubuden, von denen wir nur die von »Knie« und von »Rappo« als die bedeutendsten und als fast jede Messe anwesend erwähnen wollen, — Mordgeschichten, vor deren in jeder Beziehung schauerlich großen Bildern das verehrte kunstsinnige Publikum gruselnd stand und welches die im Duett oder Terzett unter Begleitung eines Leierkastens vorgetragene Beschreibung der ausgestellten Moritaten mit offnen Ohren und offnem Munde vernahm — producirten sich an der Seite der Stöpelschen Bude und an anderen Durchgängen; dazu Juden mit offnen Verkaufskästen, Bergleute mit nachgebildeten »Bargwarken aus Freibarg«, Kraftmesser, Schaukeln, Caspartheater, wilde Männer, Zwerge und Albinos, Riesen und zarte Frauen von 400 Pfund Gewicht, optische Liebesspiegel, in denen liebesbedürftige dienende Jungfrauen vom Lande und aus der Stadt sofort den ihnen dereinst bestimmten Zukünftigen sehen konnten und für den geopferten Groschen sogar gleich einen, noch dazu gedruckten, Brief desselben erhielten. — Stände mit Fleckseife, an denen den Bauern die fettigen Rockkragen zu einer Hälfte gewaschen wurden, so daß sie nun, um auch die andre Hälfte rein zu kriegen, schon gezwungen waren ein Stück Seife zu kaufen, was wieder Andere veranlaßte, ebenfalls solche zu erstehen. Elektrisirmaschinen, an denen Hilfsbedürftige die Wohlthaten des elektrischen Funkens vom zarten Zucken an bis zum Schlage, der einen Ochsen hätte umwerfen können, an sich probiren lassen konnten. — Delikatessen und Glücks-Zuckerwaaren- und Kräppelchenbuden, Seelöwen, Bärenführer mit Bären, Affen und in der Regel auch einem Kameel, Savoyarden mit Murmeltieren, neue offne Reitschulen mit allem möglichen und unmöglichen Gethier zum Reiten, dazwischen fliegende Trupps Meßmusikanten füllten Roß- und Königsplatz bis auf den großen Theil aus, den stets ein »Cirkus Renz oder Suhr und Hüttemann« u. s. w. einnahmen, aus. Auch Bosco, der echte und wahre Bosco, war zu jener Zeit fast zu jeder Messe in Leipzig und machte glänzende Geschäfte. —

Unter den Buden.

Auf dem Augustusplatze aber, der damals noch in seiner vollen Größe existirte und noch nicht durch die Bauten des Museum-, Neuen Theater-, Mendebrunnen und durch die Anlagen an demselben verkleinert wurde, standen viele Tausende zum Theil mächtige Verkaufsbuden aller Branchen. Große Detailfirmen aus Berlin, Frankfurt und andren weit entfernten Orten nahmen mit ihren riesigen Waarenlagern oft ein ganzes Viertel der langen Budenreihen ein. — Buden mit zehn und mehr Verkäufern waren keine Seltenheit und der Umsatz dieser einzelnen Firmen war oft ein so bedeutender, daß — wollten wir denselben in Zahlen bezeichnen — von manchem, der den damaligen Meßverkehr nicht gekannt hat, derselbe als unglaublich hingestellt werden würde.

Ein heiteres fröhliches Leben herrschte unter diesen Meßverkäufern und es war gar nichts seltenes, daß an besonders geschäftsstillen Vormittagen — wenn ein Trupp Meßmusikanten auf dem Platz erschien, alsbald Alt und Jung in den Reihen im Tanze dahinflog, und da diese Geschäftsleute eben auch Geschäfte machten und dem Grundsatz »leben und leben lassen« huldigten, so fiel hierbei natürlich auch für die armen Musikanten etwas Erkleckliches ab. Während der sogenannten »Meßfreiheit« d. h. der Zeit zwischen dem Einläuten und Ausläuten der Messen, was stets mit der sogenannten »Armensünderglocke« des Rathhauses geschah, durfte trotz der damals noch nicht existirenden Gewerbefreiheit Jedermann handeln mit was es ihm beliebte und ohne daß von ihm ein Nachweis zum Gewerbebetrieb verlangt wurde. In dieser Zeit durfte keine Pfändung in Handelssachen vorgenommen und Niemand in Wechselhaft genommen werden. Alle damaligen Gesetze waren eben dahin gerichtet, die Messen und ihren Verkehr zu schützen und jedes Hinderniß eines freien Meß- und Handelsverkehrs von denselben fern zu halten. — — — Mit diesen gewiß nur lobenswerthen Bestrebungen unsrer früheren Stadtväter waren freilich die massenhaften Einschränkungen, welche man seit dem Jahre 1874 dem freien Meßverkehr anlegte, nicht in Einklang zu bringen und die schädigenden Folgen, welche dieselben naturgemäß haben mußten, sind denn auch nicht nur nicht ausgeblieben, sondern haben den allgemeinen Meßverkehr so reducirt, daß man jetzt alles Mögliche aufbietet, um nur annähernd den früheren Verkehr wieder herbeizuführen. — Mit welchem Erfolg — davon möge ein späterer Chronist berichten.

XXII.
Die Leipziger Meßmusikanten und das Tagebuch des Chorführers und Leinewebers
Gottfried Hahn aus Stollberg im sächs. Erzgebirge.

Wie die Harfenistinnen, so standen auch die Mitglieder jener fliegenden Capellen, welche zur Meßzeit regelmäßig hier in Leipzig eintrafen und mit ihren mehr oder minder gediegenen musikalischen Produktionen die Herzen der übrigen Meßbesucher und Einwohner, nicht zu vergessen die für alle musikalischen Genüsse sehr empfänglichen Dienstboten besonders weiblichen Geschlechtes, erfreuten, aus dem sächsischen Erzgebirge und Vogtlande, sowie aus dem nahen Böhmen. Sie gehörten durchgängig der armen Volksklasse an und waren meist Weber oder Bergleute. Es gab unter diesen Chors einzelne in Bergmannstracht, andere uniformirt, welche eine ganz acceptable Concert- oder Ballmusik leisten konnten, und da sie selbst, d. h. die Mitglieder derselben die bescheidensten Menschen waren, welche man sich nur denken konnte, auch die kleinste Gabe dankend annahmen und sich da, wo sie Nichts kriegten, einfach wieder trollten, so waren sie durchgängig beliebt und gern gesehen. Ja selbst Nörgler, welche über Alles räsonirten und denen es niemand recht machen konnte und die deshalb auch oft genug darüber schimpften, wenn einer der Musikanten draußen an der Vorsaalthür klingelte und um eine kleine Gabe bat, freuten sich im Geheimen doch, wenn sie den ersten Choral einer solchen Capelle wieder hörten. »Es ist doch wieder Messe« sagten sie dann erfreut und summten unwillkürlich die Melodie mit. »Es ist Messe!« jubelte Rieckchen oder die stramme Pauline beim Fensterputzen, wenn sie die bekannten Töne zum ersten Mal wieder, seit vielen Wochen, auf der Straße hörte und beugte sich waghalsig so weit aus dem Fenster, wie sich dies einigermaßen mit ihrer Sicherheit und den Regeln des Anstandes vertrug.

»Es ist Messe!« flüsterte die kleine Näherin oben im vierten Stock und emsig kramte sie im Schubkasten ihres kleinen Nähtisches nach einigen noch übrigen Pfennigen für die Musikanten herum.

»Herrjeh — s’ is werklich schon wieder Messe — wie de Zeit vergeht!« sagte de Müllern zu ihrer Busenfreundin und Logisnachbarin der Richtern, »heern se die scheene Musike?«

»I — nu freilich!« antwortete die Richtern »s’in de Bergleite — wissen se — die die grünen Federstitze uff de Schackos ham, dasmal ham se noch eine Bauke un ene Lyra mitgebracht, wo sie druff mit ä Stäbchen wunderscheene klimbern, nee — ich heere se zu gerne!«

Leipziger Meßmusikanten.

»Ach Gott!« sagt die Müllern, horchen se blos, jetzt spielen sie den Schneiderwalzer. — Jeses — da denke ich sie stets an mein seeligen Mann, s’ war den sei Lieblingsstückchen, er sang allemal mit — horchen se blos — jetzt singen se derzu:

»— — — Jette — Jette — zum Ballette
Muß der Junge ganz gewiß!
Denn schau doch — O Frau doch — Genau doch — Nur diese —
Schnurgeraden Füße — Wie Bratenspieße — — —.«

»Hurrah! S’ is wieder Messe! De Meßmusikanten sin wieder da« brüllten wir Herren Jungens und warfen Mützen und Schultornister jubelnd hoch in die Luft, daß die blechernen Penale (früheren Feder- und Bleistiftbehälter wie jetzt die Federkästen) neue Beulen kriegten und die ohnehin strapazirten Mützen vollends aus aller Façon kamen. Hei! was begann nun für uns für eine lustige Zeit. Wir schätzten es uns zur hohen Ehre, den Musikanten als lebendige Notenpulte zu dienen und kleine Schlachten, deren Resultate häufig zerschundene Gesichter und blutige Nasen waren, wurden zwischen uns geschlagen, um dieser Ehre theilhaftig zu werden. Verächtlich und triumphirend blickten wir Sieger auf unsre Besiegten oder auf die höheren Söhne, deren Eltern ihren auf uns neidisch blickenden Sprößlingen diese Dienstleistung im Reiche der schönen Künste nicht gestatteten.

»Donnerwetter — schon wieder Messe!« rief der Bruder Studio aus, die »Meßmusikanten sind da — na da wird wohl Levy Schmul auch bald kommen — Zeit wird’s, denn — — —«

So klang es von allen Seiten und allen Ständen der Bevölkerung bis in die äußersten Winkel der Vorstädte hinaus, denn schon mit dem Glockenschlage sechs, des Montages der Vorwoche begannen diese Zugvögel mit größter Pünktlichkeit ihre musikalische Thätigkeit. Den Anfang an jedem Morgen machte stets ein Choral, denn der blutarme Weber und Bergmann des Gebirges hat ein gar frommes Herz. Wie vielseitig aber ihre Thätigkeit oftmals war und welcher Bescheidenheit sie sich in allen Dingen befleißigten, verräth am Besten das Tagebuch des Meßmusikanten Gottfried Hahn aus Stollberg im Erzgebirge von der Michaelismesse 1851, welches wir hier, genau nach seiner eignen Niederschrift folgen lassen.