4. Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der Messianität Jesu.

Welche Bedeutung haben die Auferstehungsweissagungen? Es fällt uns schwer, anzunehmen, dass Jesus so präcis ein solches Ereignis vorhergesagt habe. Weit eher scheint es uns erklärlich, dass seine allgemeinen Aussagen von einer Herrlichkeit, die seiner wartete, ex eventu in Auferstehungsweissagungen redigiert worden seien.

Diese Kritik ist berechtigt, solange man meint, mit der geweissagten Auferstehung handle es sich um ein isoliertes Ereignis in der Existenz Jesu. Das ist aber nur für unser modernes Bewusstsein der Fall, weil wir auch in der Auferstehungsfrage uneschatologisch denken. Für Jesus und die Jünger hatte aber die Auferstehung, von der er redete, eine ganz andere Bedeutung. Sie war ein messianisches Ereignis, welches den Anbruch der ganzen zukünftigen Herrlichkeit bedeutete. Wir müssen auch hier vom Modernen, Apotheosenhaften in der geweissagten Auferstehung abstrahieren. Das zeitgenössische Bewusstsein verstand diese »Rehabilitierung« als Offenbarung seiner Messianität beim Anbruch des Reichs. Wenn also Jesus von seiner Auferstehung sprach, dachten die Jünger an die grosse messianische Auferstehung, in der er als Messias auferstehen würde.

In dieser Hinsicht ist das Gespräch beim Abstieg vom Berg nach der Verklärungsscene entscheidend. Er redet dort den Intimen zum erstenmal von »der Auferstehung des Menschensohnes von den Toten« (Mk 9 9). Sie können sich aber »die Auferstehung des Menschensohnes« ohne Zusammenhang mit der messianischen Auferstehung gar nicht denken. Ihre Aufmerksamkeit ist ganz von dem messianischen Ereignis, das ihnen Jesus damit in Aussicht stellt, gefangen genommen. Sie machen sich deshalb Gedanken über die Totenauferstehung. Wie verhält es sich damit (Mk 9 10)? Die Bedingungen dafür sind nämlich, soviel sie sehen, noch nicht gegeben. Der Elias ist ja noch nicht erschienen (Mk 9 11). Jesus beruhigt sie mit dem Hinweis, dass er schon da war, wenn ihn die Menschen auch nicht erkannt haben. Er meint den Täufer (Mk 9 12-13).

Dieses Gespräch, in dem man sonst überhaupt keine fassliche Gedankenfolge statuieren kann, wird also in dem Augenblick vollständig durchsichtig und natürlich, wo man bemerkt, wie die Jünger die von Jesus in Aussicht gestellte Auferstehung nur in demselben Gedanken mit der grossen, allgemeinen, messianischen Auferstehung denken können! Darum wirft diese Rede beim Abstieg ein helles Licht auf die spätere Leidens- und Auferstehungsweissagungen, weil wir hier im stande sind, die Gedanken und Erwägungen, die diese Worte im Herzen der Jünger wachriefen, zu kontrollieren. Ueberdies fehlt in dieser »Auferstehungsweissagung« die Erwähnung der drei Tage, die gerade den Anlass zum Einsetzen der Kritik in den folgenden Leidensweissagungen bietet. In dieser Hinsicht stimmt das Wort beim Abstieg mit dem letzten Ausspruch vor dem Hohenpriester überein. Beiden fehlt die zeitliche Bestimmung, wann die Auferstehung oder das Erscheinen auf den Wolken des Himmels statthaben wird. In dem messianischen Ereignis fällt beides zusammen: Auferstehung und Kommen auf den Wolken bedeuten nur die Offenbarung seiner Messianität am grossen Auferstehungstag.

Diese Erwartung der eschatologischen Totenauferstehung beherrschte das Bewusstsein Jesu und seiner Zeitgenossen. Er setzt sie in seinen jerusalemitischen Reden voraus. Die Reichserwartung und der Glaube an die bevorstehende Totenauferstehung gehören eng zusammen. Es ist, wie schon früher bemerkt wurde, ein perspektivischer Fehler, den Gedanken Jesu, wenn er vom kommenden Reich spricht, eine Orientierung nach vorwärts zu geben, als bezöge es sich auf kommende Generationen. So denkt der moderne Geist. Bei ihm war es gerade umgekehrt. Beim Reich handelt es sich um die vergangenen Generationen! Sie erstehen zum Gericht, welches das Reich einleitet.

Die Totenauferstehung ist die Vorbedingung zur Reichserrichtung. Dadurch werden alle Generationen der Welt aus ihrer zeitlichen Folge herausgehoben und für das Urteil Gottes als gleichzeitig gesetzt. So verlangt z. B. gerade das Gleichnis vom Weinberg Gottes (Mk 12 1-12) die Annahme der Totenauferstehung. Die ganze Geschichte Israels wird dort in dem Verhalten der Pächter beschrieben. Jesus redet von den Generationen Israels von den Tagen der Propheten bis zu der gegenwärtigen, der seine Warnung gilt. Im Gleichnis aber ist es nur eine Generation, weil das ganze Volk in seinen aufeinanderfolgenden Geschlechtern als Kollektivgrösse vor Gott tritt, wenn es sich um das Gericht handelt; es ist dann als Ganzes in der Auferstehung erstanden.

Ebenso erklärt es sich, dass für den Gerichtstag dem Geschlecht derer von Sodom noch ein erträglicheres Los in Aussicht gestellt wird als dem gegenwärtigen von Kapernaum (Mt 11 23-24).

Wer das Kommen des Reichs erwartete, der glaubte auch an die bevorstehende Totenauferstehung. Darum richtet sich der Angriff der Sadducäer gerade auf diese Frage. Wenn Jesus ihnen antwortet, »dass, wenn sie von den Toten auferstehen, sie weder freien noch gefreit werden, sondern sein werden, wie die Engel im Himmel« (Mk 12 25), so ist dies von dem Zustand im Reich Gottes zu verstehen, in das sie durch die Totenauferstehung eingehen.

In letzter Linie war die »Totenauferstehung« nur die Art, wie sich die Veränderung der ganzen Existenzform an denjenigen vollzog, die schon in den Tod gesunken waren. Durch das Kommen des Reiches Gottes wird aber die irdische Existenzform überhaupt in eine damit nicht zu vergleichende andere erhoben. In dieser Hinsicht erleben auch diejenigen, welche vor dem Ereignis nicht in den Tod sinken, eine »Auferstehung«, denn auch ihre Daseinsweise wird plötzlich durch eine höhere Macht in eine andere verwandelt, welche sie nun mit denen teilen, die aus dem Tod erweckt sind. Verglichen mit dieser neuen Existenzform ist die vorhergehende indifferent. Es ist gleich, ob man aus dem irdischen Dasein oder aus dem Totenschlaf in die messianische Seinsweise eingeht! Im Verhältnis zur letzteren ist alles Sein »Tod«. Sie allein ist »Leben«.

Darum redet Jesus zu den Lebenden von dem Weg, der zum »Leben« führet (Mt 7 14). Er empfiehlt, eher ein Glied dieses Leibes daran zu geben, wenn es sich um das »Leben« handelt, als bei der Auferstehung nicht an der messianischen Existenz teil zu haben (Mt 18 8 u. 9). Der reiche Jüngling frägt, was er thun soll, »um das ewige Leben zu ererben«. Als er der erhaltenen Weisung nicht folgen will, ist Jesus sehr betrübt, weil es so schwer ist, dass ein Reicher »in das Gottesreich eingehe« (Mk 10 17 u. 25).

Diese Entwertung der irdischen Daseinsform geht bis zur Darangabe des irdischen Lebens überhaupt, um des Lebens im zukünftigen Aeon gewiss und versichert zu werden. Darum erklärt Jesus, wo er von der Nachfolge in Leiden und Schmach redet, dass »wer sein Leben retten will, der wird es verlieren«. Das heisst: Wer sich aus Angst für sein irdisches Dasein unwürdig macht, dass der Menschensohn vor Gott für ihn eintrete, der verwirkt dadurch das messianische Leben, das mit der Totenauferstehung anhebt (Mk 8 35).

Wenn das Reich anbricht, ist es einerlei, ob man in einem lebendigen oder in einem toten Leib existiert. Diese Erwägung allein gibt das richtige Verhalten in der Verfolgung an. Darum sagt Jesus zu den Jüngern bei der Aussendung: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die »Seele« aber nicht vermögen zu töten; fürchtet euch hingegen vor dem, der vermag sowohl die »Seele« als auch den Leib zu verderben in der Hölle (Mt 10 28).

Dieselbe Verbindung der urchristlich eschatologischen Erwartung mit der Totenauferstehung findet sich in klassischer Weise bei Paulus (1 Kor 15 50-54). Es handelt sich hier gar nicht um genuin paulinische Gedanken, sondern um eine urchristliche Anschauung, welche schon Jesus ausgesprochen hat. Fleisch und Blut, ob belebt oder unbelebt, können in keiner Weise am Reich teil haben. Darum wenn die Stunde schlägt, wo die Toten unvergänglich auferstehen, werden auch die Lebendigen in diese Unvergänglichkeit verwandelt.

Die Totenauferstehung ist die Brücke vom »Jetzt« zum »Dann«. Auf ihr beruht die Doppelheit des Selbstbewusstseins. Wenn daher Jesus von seiner Auferstehung sprach, gliederten die Jünger dieses Wort in einen grossen Zusammenhang ein. Es bedeutete für sie die allgemeine Auferstehung, wo auch sie in die Existenzform des Reiches Gottes auferstehen würden. Wohl erwarteten sie seine Auferstehung: aber nicht als »Osterereignis«, sondern als den Anbruch des messianischen Reiches. Als Auferstandener sollte er offenbar werden, wenn er auf den Wolken des Himmels als Menschensohn ankäme und den grossen messianischen Tag heraufführte.

Für unser Empfinden verhält sich der Tod Jesu zur Auferstehung wie die Dissonanz zu ihrer Auflösung. Bei der Entwertung jeglicher Seinsform vor der messianischen Aera lag auf dem Tod, für das Empfinden der Jünger, ein viel schwächerer Accent. Es handelt sich für sie um einen unendlichen ewigen Accord mit einem kurzen, irdischen Vorschlag.

Wo wir ein Nebeneinander von Messianitätserklärung, Leidensvorhersagung und Auferstehungsweissagung sehen, erfassten sie eine viel straffere Gedankenverbindung. Sie erblickten alles im messianischen Licht. Darum entnahmen sie seiner Rede nicht drei verschiedene Thatsachen: 1. dass er Messias sei, 2. dass er leiden und sterben müsse, 3. dass er auferstehen werde, sondern sie bedeutete für sie: unser Meister wird nach seinem Tod, bei der Auferstehung, als Menschensohn geoffenbart werden. Zugleich machen sie sich Gedanken, was dann sie wohl sein werden und welche Würde ihnen in der neuen Existenz zufallen wird.

So erklärt sich, wie ihre messianische Vorstellung durch den Gedanken »des leidenden und sterbenden Messias« nicht vollständig umgeworfen wurde. Jesus hat ihnen weder den leidenden, noch den sterbenden, noch den auferstehenden Messias geoffenbart, sondern er hat ihnen von dem erscheinenden Menschensohn geredet und ihnen offenbart, dass er es sein werde, wenn er im Leiden hier sich vollendet haben würde.

Man kann es nie genug betonen, dass damit seine Messianität vollständig in der Bahn der volkstümlichen Anschauung sich bewegte. Das Drama in seinem Leben beruht nicht darin, dass seine Messianität der gewöhnlichen Erwartung entgegenlief und daraus sich nun Konflikte ergaben, die seinen Tod herbeiführten. Das ist erst die Anschauung des vierten Evangeliums. Der historische Jesus beanspruchte die Messianität erst vom Augenblick der Totenauferstehung an.

Diese Auffassung der altsynoptischen Messianitätseröffnungen Jesu wird durch die urchristliche Vorstellung absolut gefordert. Das Urchristentum setzt voraus, dass Jesu Messianitätsbewusstsein, als er zu den Jüngern redete und noch als er dem Hohenpriester Antwort gab, futurisch war! Denn auch die Petrusreden in Akt datieren die Messianität erst von seiner Auferstehung an. Bis dahin war er Jesus von Nazareth. Nur ist an die Stelle des Kommens auf den Wolken des Himmels der vorläufige Zustand des Sitzens zur Rechten Gottes getreten. »Jesum den Nazarener, einen Mann, ausgewiesen von Gott her bei euch mit gewaltigen Thaten und Wundern und Zeichen (Akt 2 22), ihn hat Gott auferweckt (Akt 2 32) und hat ihn zum Herrn und zum Messias gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt« (Akt 2 36).

Dieses Zeugnis der urchristlichen Auffassung der Messianität Jesu ist allein schon so gewichtig, dass es die ganze synoptische Ueberlieferung, wenn sie anders redete, zum Schweigen bringen würde. Wie sollte man es begreifen, dass die Jünger verkündeten, Jesus sei durch seine Auferstehung in sein messianisches Dasein eingegangen, wenn er ihnen schon auf Erden von seiner Messianität als gegenwärtiger Würde geredet hätte! Nun entsprechen sich aber die altsynoptische Tradition und die Auffassung des Urchristentums vollkommen. Beide erklären einstimmig: Jesu Messianitätsbewusstsein war futurisch!

Besässen wir dieses Zeugnis nicht, so wäre uns die Erkenntnis seiner historischen Persönlichkeit auf immer verschlossen. Denn nach seinem Tode stellen sich alle Voraussetzungen ein, die dahin wirken, das Bewusstsein von dem futurischen Charakter seiner Messianität ausser Kraft zu setzen. Seine Auferstehung als Messias fiel mit dem Beginn der messianischen Aera in der Totenauferstehung zusammen: so war die Perspektive für die Jünger vor seinem Tod. Nach dem Tode wurde seine Auferstehung als Messias ein Faktum für sich. Jesus war Messias vor der messianischen Aera! Das ist die folgenschwere Verschiebung in der Perspektive. Darin beruht das Tragische, zugleich aber auch das Grossartige in der Erscheinung des Christentums überhaupt.

Das urchristliche Bewusstsein machte die grössten Anstrengungen, die Kluft zu überwinden und Jesu Auferstehung dennoch als Anbruch der messianischen Aera in der allgemeinen Totenauferstehung aufzufassen. Man suchte sich begreiflich zu machen, dass es sich gleichsam um die etwas in die Länge gezogene Zwischenpause zwischen den beiden Auftritten des ersten Akts des Dramas handelte. Eigentlich aber stand man schon in der messianischen Auferstehung. So ist für Paulus Jesus Christus durch die Totenauferstehung als Messias erwiesen, »der Erstling der Entschlafenen« (I Kor 15 20). Auf diesem Gedanken beruht überhaupt die ganze paulinische Theologie und Ethik. Weil man sich in dieser Zeit befindet, sind die Gläubigen eigentlich mit Christo begraben und mit ihm auferstanden durch die Taufe. Sie sind die »neue« Kreatur, sie sind die »Gerechten«, deren »Bürgertum« im Himmel ist. Erst von diesem Grundgedanken aus erfasst man die Einheit in der für uns sonst so mannigfach zusammengesetzten Gedankenwelt Pauli.

Die christliche Geschichtsüberlieferung suchte sich anders zu behelfen. Sie nahm eine Art Vorauferstehung an, die mit der Auferstehung Jesu zusammenfiel. Dieser lieh sie die Farben des messianischen Tages. Mt 27 50-53 ist uns eine solche Zurechtlegung in Legendenform erhalten. Mit Jesu Kreuzestod bricht das neue Weltalter an. Nach seinem Verscheiden zerreisst der Tempelvorhang und Erdbeben, die Zeichen der Endzeit, erschüttern die Erde; die Felsen zersplittern; die Gräber thun sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen werden auferweckt. Nach Jesu Auferstehung gehen sie aus den Gräbern heraus in die heilige Stadt und erscheinen vielen. So hält diese Erzählung daran fest, dass im Anschluss an Jesu Tod mit seiner Auferstehung die allgemeine Totenauferstehung unter den Anzeichen des messianischen Tages erfolgte — jedoch nur als eine Art Vorspiel.

Die Zeit war eben mächtiger als die ursprünglichen Anschauungen. Unerbittlich schob sie sich wie ein auseinandertreibender Keil zwischen Jesu Auferstehung und die erwartete allgemeine Auferstehung am messianischen Tag und zerstörte mit dem zeitlichen auch den kausalen Zusammenhang im ursprünglichen Sinne. Die Messianität Jesu stand aus der Vergangenheit fest. Für die, welche sich dazu bekannten und zugleich das Reich als zukünftig erwarteten, schwand das Bewusstsein, dass in Jesu Verkündigung seine Messianität und das Reich zukünftige, koïncidierende Ereignisse waren. Man fing an, die evangelische Geschichte unter dem Gesichtspunkt zu betrachten: Jesus war der Messias. Die Ueberschrift zu dieser neuen Geschichtsauffassung hat Paulus geschrieben. Sie heisst »Jesus Christus«: die Würde des Auferstandenen wird mit der historischen Persönlichkeit in einem Begriff verbunden. Der vierte Evangelist hat die Konsequenz daraus gezogen und die Geschichte Jesu so dargestellt, als ob er auf Erden als Messias aufgetreten wäre.

Es ist die Aufgabe der historischen Forschung, sich von der religiösen unhistorischen Perspektive für einen Augenblick zu emancipieren und die synoptischen Berichte in die richtige Stellung zu rücken. Dann erst, wenn man das Futurische in Jesu Messianitätsbewusstsein erfasst hat, versteht man, warum er seine Würde den Jüngern als ein »Geheimnis« offenbart hat, warum er sich dabei als Menschensohn bezeichnete und in welchem Sinne er von seiner Auferstehung sprach.