5. Der Verrat des Judas — die letzte Bekanntgebung des Messiasgeheimnisses.

Was hat Judas eigentlich verraten? Nach den Schilderungen unserer Evangelien sieht es so aus, als hätte er dem Synedrium angegeben, wo sie zu einer bestimmten Stunde Jesum fassen könnten. Wenn nun auch diese Angabe des Orts eine Rolle bei dem Verrat des Judas gespielt hat, so war dies nur nebensächlich. Wo Jesus sich aufhielt, konnten sie jederzeit erfahren, da er nichts that, um sein Kommen und Gehen zu verheimlichen. Wenn sie ihn also greifen wollten, so brauchten sie ihm bei seinem Weggang am Abend aus Jerusalem nur einen Späher nachzusenden, um über seinen Aufenthalt orientiert zu sein. Dafür hätten sie keinen aus dem intimen Kreis gebraucht.

Nun lag aber die Hauptschwierigkeit auf einem ganz andern Gebiet. Nicht ihn zu verhaften, sondern ihn zu verurteilen wollte ihnen nicht gelingen, denn sie konnten nichts gegen ihn aufbringen. Sie befanden sich ihm und seinem Anhang gegenüber in der unbequemen Lage, in die jedes ehrbare Kirchenregiment notwendig einmal kommt: die Leute waren ihnen zu fromm, unordentlich fromm, indem sie mit zu grossem Enthusiasmus glaubten, was die andern mit Mässigung und Ordnung in ihrem Bekenntnis mitfühlten, dass nämlich das Reich nahe sei. Aus der Vorläuferwürde, die das Volk Jesu beilegte, konnten sie keine Verurteilung gewinnen, denn durch seine Zeichen hatte er diese Würde bewährt. Ueberdies hatte er diese Würde nie öffentlich für sich in Anspruch genommen. Dennoch war die Art, wie er auftrat, für sie in höchstem Masse gefährlich. An der Spitze des frommen Volkes terrorisierte er sie. Darum hätten sie sich seiner gern entledigt und konnten es nicht.

Man versteht die Haltung und die Schwierigkeiten des Synedriums nur, wenn man immer bedenkt, dass aus der ganzen Wirksamkeit Jesu niemand auf den Gedanken gekommen war, er könne sich für den Messias halten. So wussten sie nichts gegen ihn vorzubringen und waren darauf angewiesen, ihn in Reden zu fangen, um ihn beim Volke zu diskreditieren, was ihnen nicht gelang.

Da erscheint Judas bei ihnen und gibt ihnen die tödliche Waffe in die Hand. Als sie hörten, was er ihnen kund that, »freuten sie sich«, denn jetzt war er in ihre Hand gegeben. Nun sucht Judas einen geeigneten Augenblick, um ihnen den Verratenen in die Hände zu liefern (Mk 14 11).

Was er ihnen verraten hatte, ersieht man aus der Gerichtsverhandlung. Die Zeugen der Pharisäer können nichts vorbringen, woraufhin man ihn verurteilen kann. Als aber die Zeugen abgetreten sind, stellt der Hohepriester an Jesus direkt die Frage, ob er der Messias sei. Für solche Ansprüche Jesu konnten sie die erforderlichen Zeugen nicht aufbringen — denn es gab keine. Der Hohepriester befindet sich hier im Besitz des Geheimnisses Jesu. Das war der Verrat des Judas! Durch ihn wusste das Synedrium, dass er etwas anderes zu sein beanspruchte, als wofür ihn das Volk hielt, ohne dass er dagegen Einspruch erhob.

Aus dem verratenen Geheimnis von Cäsarea Philippi gewannen sie die entscheidende Anklage. Der Prophet der Endzeit, Elias, zu sein, das war keine Gotteslästerung. Aber zu behaupten, Messias zu sein, das war Frevel! Die Perfidie in der Anklage lag darin, dass der Hohepriester Jesus ohne weiteres unterschob, er hielte sich so, wie er vor ihm stand, für den Messias. Das wies Jesus aber zurück mit dem stolzen Wort von seinem Erscheinen als Menschensohn. Nichtsdestoweniger wurde er wegen Gotteslästerung verurteilt.

Wir haben also drei Offenbarungen des Messianitätsgeheimnisses, die unter sich eng zusammenhängen, so, dass jede folgende die vorhergehende voraussetzt. Auf dem Berg bei Bethsaida wird den drei Intimen das Geheimnis offenbart, welches Jesus in der Taufe aufgegangen war. Das war nach der Erntezeit. Einige Wochen später wird es den Zwölfen bekannt, indem Petrus zu Cäsarea Philippi die Frage Jesu aus dem, was er vom Verklärungsberg her weiss, beantwortet. Von den Zwölfen verrät einer das Geheimnis an den Hohenpriester. Diese letzte Offenbarung des Geheimnisses war verhängnisvoll, denn sie führte den Tod Jesu herbei. Er wurde als Messias verurteilt, obwohl er nie als solcher aufgetreten war.


Neuntes Kapitel.
Das Geheimnis des Leidensgedankens.