5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt.
»Wie steht geschrieben über den Menschensohn? Dass er viel leiden muss und verachtet werden« (Mk 9 12). Die neue Form des Leidensgedankens stammt aus der Schrift. In dem Bild des leidenden Gottesknechtes erkannte Jesus sich wieder. Dort fand er seinen Leidensberuf vorgebildet.
Um aber zu verstehen, wie ihm sein Geheimnis aus der Schrift erstand, muss man das Bild des leidenden Gottesknechtes in den grossen Rahmen stellen, in welchem es erscheint. Der modern-historische Lösungsversuch vermag dies nicht. Er beschränkt sich auf den Gedanken der dienenden Dahingabe. Sobald man es aber einmal erfasst hat, dass Jesu Leidensgedanke eschatologisch war, dann sieht man auch, in welchem grossen Zusammenhang die Erscheinung des leidenden Gottesknechtes für ihn stehen musste. Darnach war Jes 40-66 nichts anderes, als die weissagende Darstellung der Ereignisse der Endzeit, in denen er sich mitten drin wusste.
Die Schrift hebt an mit der Verkündigung, dass die Gottesherrschaft nahe ist. Der Wegbereiter tritt auf. Er ruft, dass das Irdische vergeht, wenn der Herr, Lohn und Vergeltung austeilend, in seiner Herrlichkeit erscheint. Die Zeit bricht an, wo er seine Herde sammelt und den Friedenszustand heraufführt (Jes 40 1-11).
Der Auserwählte ist da. Er verkündet die Gerechtigkeit in Wahrheit. Gott hat seinen Geist auf ihn gelegt (Jes 42 1 ff.). Er soll das Recht gründen auf Erden; die Gestade harren auf seine Lehre. Bevor aber die Herrlichkeit anbricht und der Träger des göttlichen Geistes in Kraft und Gerechtigkeit über die Völker regieret, muss er durch einen Zustand der Erniedrigung hindurch.
Die andern verstehen nicht, warum er geschmäht wird. Sie meinen, Gott habe ihn verstossen und wissen nicht, dass er ihre Krankheiten trägt, durchbohrt wird ob ihrer Vergehen und zerschlagen ist ob ihrer Verschuldung. Der Gequälte ist demütig und öffnet seinen Mund nicht. Ob der Vergehen des Volks wird er zu Tode getroffen. Dann wird ihn aber der Herr verherrlichen. Vom Mutterleib hat er ihn dazu berufen. Er ist bestimmt, Jakob zurückzuführen und Israel zu erretten. Das Licht der Völker soll er werden, damit die Rettung Gottes sei bis ans Ende der Welt (Jes 49 1 ff., 52 12 ff., 53 1 ff.)
Auf die Schilderung der Leiden des Gottesknechtes folgt die Beschreibung des Gerichts über die ganze Welt und Israel (Jes 54-65). Am Ende aber bricht die Herrlichkeit Gottes hervor. Er thront über dem neugeschaffenen Himmel und über der neugeschaffenen Erde (Jes 65 u. 66). Wenn das Gericht vollzogen ist, dann bricht der Jubel an, denn die Seligen aus der ganzen Welt, aus allen Geschlechtern und Nationen, werden sich um ihn sammeln und ihm Verehrung darbringen.
Man muss die dramatische Einheit in diesen Kapiteln erfassen, um mit einer Persönlichkeit mitempfinden zu können, welche hier den geheimnisvollen Hinweis auf die Dinge der Endzeit suchte. Damit geht Jesu Leidensgedanke vollständig in dem deuterojesaianischen auf. Wie der Knecht Gottes, ist auch er zum Herrschen in Herrlichkeit bestimmt. Aber zuerst tritt er still und unerkannt als Verkündiger auf, der Gerechtigkeit wirket. Dabei muss er durch das Leid und die Erniedrigung hindurch, ehe Gott den herrlichen Endzustand anbrechen lässt. Was er erduldet, ist eine Sühne für die Schuld der andern. Dies ist ein Geheimnis zwischen Gott und ihm. Die andern können und brauchen es nicht zu verstehen, denn wenn die Herrlichkeit anbricht, dann werden sie erkennen, dass er für sie gelitten hat. Darum brauchte und durfte Jesus dem Volk und den Jüngern sein Leiden nicht erklären. Es musste ein Geheimnis bleiben: so stand es in der Schrift. Auch denen, welchen er das Kommende voraussagte, sprach er es nur als Geheimnis aus. Bei seinem Erscheinen als Menschensohn musste ihnen die Binde von den Augen fallen. In der Herrlichkeit des Reiches erkennen sie dann, dass er gelitten, damit sie verschont würden und Friede hätten. Dieses Geheimnis ist nur retrospektiv von der erreichten Herrlichkeit aus erfassbar.
Darum macht es nichts, wenn die Seinen sich in seiner Erniedrigung von ihm abwenden und die Menschen an ihm irre werden, als ob Gott ihn züchtigte. Die Schrift rechnet es ihnen nicht zum Frevel an, sondern sie hat es also bestimmt. So heisst es in dem Augenblick, wo ihm das Leidensgeheimnis aus der Schrift aufgeht, nicht mehr: wer in der Erniedrigung sich meiner schämt, der ist verdammt, sondern: ihr werdet euch alle an mir ärgern — wobei er weiss, dass sie bei der Auferstehung um ihn versammelt sein werden.
Unter dem Einfluss von Deuterojesaia hat sich also der Gedanke der allgemeinen Enddrangsal in das persönliche Leidensgeheimnis Jesu umgesetzt.