6. Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis.
An dem innersten Grundzug des Leidensgedankens ist durch das Leidensgeheimnis der zweiten Epoche nichts verändert worden. Für Jesus bleibt das Leiden auch in dieser Form vor allem die sittliche Bewährung der Würde, die ihm bestimmt ist.
Die Drangsal trägt jetzt aber die konkreten Züge eines bestimmten Ereignisses. Aus dem messianischen Enddrama zieht er sie gleichsam in die menschliche Geschichte herunter. Darin liegt etwas Prophetisches auf die Zukunft des Christentums: nach seinem Tode löst sich das ganze messianische Enddrama in menschliche Geschichte auf. Diese Entwicklung hat mit dem »Leidensgeheimnis« begonnen.
So kommt es auch, dass das Leidensgeheimnis, verglichen mit dem Leidensgedanken der ersten Periode, menschlichere Züge trägt. Es liegt etwas von mitfühlender Nachsicht in dem Gedanken, dass er für die Reichsgenossen die Sühne im Leiden leistet, damit ihnen die Bewährung, in welcher sie vielleicht schwach werden könnten, erspart bleibt. »Und führe uns nicht in die Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen«: diese Bitte ist nun in seinem Leiden erfüllt.
Dieses tief Menschliche tritt besonders in Gethsemane zu Tage. Nur über den drei Intimen schwebt die Möglichkeit, dass sie mit ihm durch das Leiden und die Versuchung hindurchmüssen. Die Zebedaiden vermassen sich, um die Anwartschaft auf die Thronplätze zu erwerben, mit ihm den Leidenskelch zu trinken und mit ihm die Leidenstaufe zu empfangen — und er stellte es ihnen in Aussicht (Mk 10 38-40). Petrus aber verschwor sich, ihn nicht zu verleugnen; wenn auch alle zurückwichen, wollte er doch mit ihm sterben (Mk 14 31). Diese drei hat er mit sich genommen bis zum Ort hin, wo er betet. Während er zu Gott fleht, dass der Leidenskelch an ihm vorübergehe, erfasst ihn eine bangende Angst um die Intimen. Wenn Gott sie nun wirklich mit ihm durch das Leiden sendet, werden sie bestehen, wie sie es sich zutrauten? Darum sorgt er sich um sie in der schweren Stunde. Zweimal rafft er sich auf, weckt sie aus dem Schlaf, dass sie wach bleiben und zu Gott beten, dass er sie nicht in die Versuchung führt, wenn er auch ihm den Kelch nicht erspart; denn der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Das ist vielleicht der ergreifendste Zug in Jesu Leben. Man hat gewagt, Gethsemane die schwache Stunde Jesu zu nennen: in Wirklichkeit ist es aber gerade die Stunde, wo seine überweltliche Grösse in seinem tiefmenschlichen Mitfühlen offenbar wird.