7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung der Perspektive.
Jesus nahm das Leidensgeheimnis, welches den Genossen des Reiches offenbar werden sollte, mit sich in den Tod. Das Reich brach aber nicht an. So erklärt es sich, dass er die Jünger zwar auf sein Leiden hingewiesen hat, dass sie aber, als das Ereignis eingetreten war, keine Deutung dafür wussten. Dennoch mussten sie sich damit auseinandersetzen, indem sie sich die Thatsachen nach den Andeutungen, die sie im Gedächtnis hatten, zurechtlegten. So ist der Leidensgedanke des Urchristentums viel ärmer als das Leidensgeheimnis Jesu.
Die Erklärung konzentrierte sich hauptsächlich auf eine Thatsache: Infolge des Leidens und der Auferstehung von den Toten ist er der Messias. In diesem Sinne sind das Leiden und die Erhöhung in der Schrift vorherbestimmt.
Während das Leidensgeheimnis den Tod in die engste zeitliche und kausale Verbindung mit dem Anbruch des Reiches setzt, ist für das Urchristentum das vergangene Ereignis als solches Gegenstand der Erklärung, weil das Reich nicht eingetroffen ist und sich mit dem zeitlichen auch der ursprüngliche kausale Zusammenhang gelöst hat.
Nun hatte Jesus in Hinsicht auf seinen Tod auch von Sühne und Sündenvergebung geredet. Durch die Ereignisse war aber der Gedanke, den er damit verband, vollständig unmöglich geworden. Die unbestimmte Mehrheit, welche die Sühne auf sich beziehen sollte in der Erkenntnis, dass er für sie gelitten, war ja noch gar nicht gegeben, denn das Reich war noch nicht erschienen. Von jenem Standort allein aber konnte man es erfassen, dass er für die Genossen die Drangsalssühne geleistet habe.
In der Zwischenzeit lagen die Dinge ganz anders: an Stelle der »vielen« waren »die Gläubigen« getreten. Die, welche an die Messianität Jesu glauben, haben Sündenvergebung: dieser Satz bildete, wie die Pfingstpredigt zeigt, einen Bestandteil der urapostolischen Verkündigung (Akt 2 38). Inwiefern man aber dadurch Sündenvergebung hatte, darin bestand das Problem. Dieses war aber historisch unlösbar, denn die Sündenvergebung des Leidensgeheimnisses ging nicht auf die an Jesus-Christus Gläubigen, sondern auf die Reichsgenossen. Mögen daher alle Erklärungen der Bedeutung des Leidens von Paulus bis auf Ritschl jede für ihre Zeit religiös noch so wahr und tief sein: den Gedanken Jesu können sie unmöglich erfassen, weil sie von einer ganz andern Voraussetzung ausgehen.
Da nun aber doch alle sich geschichtlich legitimieren wollten, so erlebt man das merkwürdige Schauspiel, dass Jesu die verschiedensten Deutungen seines Leidens in den Mund gelegt wurden, von denen aber keine auch nur annähernd erklären kann, wie aus einer solchen Anschauung die urchristlich-apostolische Wertung des Todes hervorgehen konnte. Das zeigt sich auch bei dem modern-historischen Lösungsversuch. Wenn Jesus seinen Jüngern die ethische Bedeutung seines Todes verständlich machte, warum beschränkt sich die urchristliche Leidenserklärung auf die Schriftgemässheit des Leidens und auf die »Sündenvergebung«?
Auf diese Frage bleibt der modern-historische Lösungsversuch die Antwort schuldig. Der eschatologisch-historische hingegen vermag die notwendige Verkümmerung des Leidensgedankens Jesu im Urchristentum perspektivisch zu berechnen. Er weist nach, welche Momente des Leidensgeheimnisses nach dem Tod allein noch zu Recht bestehen konnten. Weil er die urchristliche Deutung in dem Zusammenhang mit dem Gedanken Jesu erfasst, darum ist der eschatologisch-historische Lösungsversuch der richtige.
Die Aufhebung des kausalen Zusammenhangs zwischen dem Tod Jesu und der Realisierung des Reichs war für die urchristliche Eschatologie verhängnisvoll. Mit dem Leidensgeheimnis ging auch das Geheimnis des Reiches Gottes unter. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass die Eschatologie gerade den spezifisch »christlichen« Charakter, den Jesus ihr gegeben hatte, verliert. Das ethisch-thätige Moment, durch welches sie versittlicht wurde, fällt weg. So ist die urchristliche Eschatologie durch Jesu Tod »entchristlicht«. Dadurch sinkt sie wieder auf das Niveau der zeitgenössisch-jüdischen herunter. Das Reich ist wieder Gegenstand reiner Erwartung! Dass die sittliche Umkehr aktiv auf sein Kommen einwirkt: dieses Geheimnis war mit Jesus ins Grab gesunken. Jetzt that man Busse und leistete die sittliche Erneuerung in Erwartung des Gottesreichs, wie zu des Täufers Zeit.
Diese Entchristlichung tritt gerade in der Frage der Enddrangsal zu Tage. Nach dem Leidensgedanken der ersten Periode sollten die Gläubigen mit dem zukünftigen Messias leiden; nach dem der zweiten wollte er die Drangsal für sie erdulden. Im Urchristentum erwarten die Gläubigen die Drangsal vor dem Erscheinen des Messias, wie es in der zeitgenössischen Vorstellung der Fall war. Denn Jesu Leidensgeheimnis war ihnen nicht bekannt. Darum gehören ihnen die jüdischen Apokalypsen gerade wie den andern Juden, nur mit dem Unterschied, dass der gekreuzigte Jesus der erscheinende Messias sein soll. Nur durch die Person Jesu war die urchristliche Eschatologie also noch »christlich«, nicht mehr durch seinen Geist, wie es im Geheimnis des Reiches Gottes und im Leidensgeheimnis der Fall gewesen war.
Darnach muss man »die synoptische Apokalypse« (Mk 13) beurteilen. Mögen auch einzelne eschatologische Sprüche darin von Jesus stammen, die Rede als solche ist notwendig unhistorisch. Sie zeigt die Perspektive der Zeit nach dem Tode. In den jerusalemitischen Tagen konnte Jesus von keiner allgemeinen Enddrangsal vor dem Kommen des Menschensohnes reden. Die synoptische Apokalypse steht in direktem Widerspruch zu dem Leidensgeheimnis, da dieses ja die allgemeine Enddrangsal gerade aufhebt. Sie ist also unhistorisch. Apokalyptische Reden mit Hinweis auf die Enddrangsal gehören in die galiläische Periode zur Zeit der Aussendung. Die Aussendungsrede ist die historische synoptische Apokalypse. Von einer Drangsal nach seinem Tod hat Jesus den Seinen nie etwas gesagt, denn sie lag ausserhalb seines Gesichtskreises.
Mit dem Tod, gerade durch denselben, war also die Eschatologie, obwohl die urchristliche Gemeinde noch ganz darin lebte, thatsächlich abgethan. Sie war bestimmt, aus der christlichen Weltanschauung hinausgedrängt zu werden, denn sie war »entchristlicht«, weil sie mit dem Geheimnis des Reiches Gottes und des Leidensgedankens das innere ethische Leben eingebüsst hatte, welches ihr durch Jesus eingehaucht worden war. Ein Baum, der mitten in der Blütenpracht an der Wurzel getroffen wird — so war es ihr Schicksal, abzuwelken und zu verdorren, wenn man es vorerst auch noch nicht merkte, dass sie dem Untergang geweiht war. Indem die Geschichte in der Folgezeit zwangsweise eine uneschatologische christliche Weltanschauung schuf, hat sie nur vollzogen, was in dem Gesetz der Dinge mit Jesu Tod schon bestimmt war.
Jesu Tod das Ende der Eschatologie! Der Messias, der es auf Erden nicht war, das Ende der messianischen Erwartung! Die Weltauffassung, in der er lebte und predigte, war eschatologisch; die »christliche Weltauffassung«, die er durch seinen Tod begründet, führt die Menschheit für immer über die Eschatologie hinaus! Das ist das grosse Geheimnis in der christlichen Heilsökonomie.
Für ihn und die Seinen war sein Tod, gemäss der eschatologischen Weltanschauung, nur eine Uebergangsthatsache. Sobald aber das Ereignis eingetreten war, wurde es die bleibende Centralthatsache, auf der sich die neue uneschatologische Weltauffassung aufbaute. Im Urchristentum waren das Alte und das Neue noch nebeneinander.
Die Anhänger Jesu glaubten an das Kommen des Reichs, weil seine machtvolle Persönlichkeit die Kunde bekräftigte. Die Gemeinde nach dem Tode glaubte an seine Messianität und erwartete das Kommen des Reichs. Wir glauben, dass in seiner ethisch-religiösen Persönlichkeit, wie sie sich in seinem Wirken und Leiden offenbart, der Messias und das Reich gekommen sind.
Es verhält sich damit wie mit dem Lauf der Sonne. Ihr Glanz bricht hervor, während sie noch hinter den Bergen steht. Die dunkeln Wolken röten sich von ihrem Schein und in phantastischen Gebilden spielt sich der Kampf zwischen Licht und Finsternis ab. Noch ist die Sonne selbst nicht sichtbar, sondern sie ist nur da, sofern die Helligkeit von ihr ausgeht. Die Sonne hinter dem Morgenrot: so erschien die Persönlichkeit Jesu von Nazareth den Zeitgenossen in der vormessianischen Aera.
In dem Augenblick, wo der Himmel im intensivsten Kolorit erglüht, steigt sie über den Horizont auf. Damit aber fängt die Farbenpracht an langsam abzunehmen. Die phantastischen Gebilde verblassen und versinken, weil die Sonne selbst die Wolken, in denen sie sich spiegelt, auflöst. Die aufgehende Sonne über dem Horizont, so erschien »Jesus Christus« der urchristlichen Gemeinde in ihrer eschatologischen Erwartung.
Die Sonne zur Mittagszeit: so erscheint er uns. Wir wissen nichts von Morgen- und Abendrot, sondern wir sehen nur die weisse Helligkeit, die alles durchleuchtet. Weil sie aber jetzt für uns in diesem Licht erstrahlt, dürfen wir uns nicht auch den Sonnenaufgang so vorstellen, als wäre sie als leuchtende Scheibe in Mittagsklarheit über dem Horizont aufgestiegen. Unsere moderne Anschauung über den Tod Jesu ist wahr, in ihrem innersten Wesen wahr, weil sie seine sittlich-religiöse Persönlichkeit in den Gedanken unserer Zeit wiedergibt. Wenn wir sie aber so in die Geschichte Jesu und des Urchristentums zurücktragen, thun wir dasselbe, als wenn wir einen Sonnenaufgang ohne Morgenrot malen wollten.
In der wahren historischen Erkenntnis liegt eine befreiende und fördernde Macht. Unser Glaube baut sich auf der Persönlichkeit Jesu auf. Zwischen unserer Weltanschauung und derjenigen, in welcher er lebte und wirkte, liegt aber eine tiefe, wie es scheint, unüberbrückbare Kluft. Man sah sich deshalb genötigt, seine Persönlichkeit gleichsam aus seiner Weltanschauung herauszureissen und ihr einen Strich ins Moderne zu geben.
Dadurch kam aber eine eigentümliche Unlebendigkeit und Zwitterhaftigkeit in das Bild seiner Person. Man erhielt ein Zwitterwesen, halb modern, halb antik. Mit dem Modernen übertrug man auch die moderne Psychologie auf ihn, ohne sich immer vollständig klar zu machen, dass sie nicht auf ihn anwendbar ist und ihn notwendig verkleinert. Denn sie ist hergenommen von Durchschnittswesen, die aus Meinungen zusammengeflickt sind und sich nur in stetiger Entwicklung erfassen und beobachten. Jesus ist aber eine übermenschliche Persönlichkeit aus einem Guss.
So beruht die moderne Dogmatik auf einer historischen und psychologischen Gewaltthat, weil sie nicht nachweisen kann, warum wir das Recht haben, Jesum aus seiner Zeit herauszulösen, seine Persönlichkeit in unsere modernen Gedanken zu übersetzen und ihn als »Messias« und »Gottessohn« ausserhalb des jüdischen Rahmens aufzufassen.
Die wahre geschichtliche Erkenntnis aber gibt der Dogmatik ihre volle Bewegungsfreiheit wieder! Sie bietet ihr die Persönlichkeit Jesu dar in einer eschatologischen und doch ihrem Wesen nach durch und durch modernen Weltanschauung, weil er sie mit seinem gewaltigen Geiste durchdrungen hat.
Dieser Jesus ist viel grösser als der modern gedachte: er ist wirklich eine überirdische Persönlichkeit. Mit seinem Tode vernichtet er die Form seiner Weltanschauung, indem seine Eschatologie unmöglich wird. Damit gibt er allen Geschlechtern und allen Zeiten das Recht, ihn in ihren Gedanken und Vorstellungen zu erfassen, dass sein Geist ihre Weltanschauung durchdringe, wie er die jüdische Eschatologie belebte und verklärte.
Darum darf sich die moderne Dogmatik gerade auf Grund der wahren geschichtlichen Erkenntnis frei bewegen, ohne die immerwährende kleinliche geschichtliche Rücksichtnahme, welche heutzutage oft zum Schaden der geschichtlichen Wahrhaftigkeit beobachtet wird. Die Dogmatik soll nicht um einen Pflock grasen. Sie ist frei, denn sie hat unsere christliche Weltanschauung allein auf die Persönlichkeit Jesu Christi zu gründen, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Form, in welcher sie sich in ihrer Zeit auswirkte. Er selbst hat ja diese Form mit seinem Tod zerstört. Die Geschichte fordert die Dogmatik zu dieser Ungeschichtlichkeit auf.
Als Jesus verschieden war, sagte der römische Hauptmann, »wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen« (Mk 15 39). So wird seine Würde mit dem Augenblick seines Todes frei für alle Zungen, für alle Nationen und für alle Weltanschauungen.
Zehntes Kapitel.
Abriss des Lebens Jesu.
Das »Leben Jesu« beschränkt sich auf die letzten Monate seines Daseins. Zur Zeit der Sommeraussaat trat er auf und starb am Kreuz zu Ostern des folgenden Jahres.
Seine öffentliche Wirksamkeit zählt nach Wochen. Die erste Periode reicht von der Aussaat bis in die Erntezeit; die zweite umfasst die Tage des Auftretens zu Jerusalem. Den Herbst und den Winter verbrachte er auf heidnischem Gebiet, allein mit seinen Jüngern.
Vor ihm war der Täufer aufgetreten und hatte mit Nachdruck auf die Nähe des Reiches und die vormessianische Erscheinung des gewaltigen Vorläufers hingewiesen, mit dessen Auftreten die Geistesausgiessung statthaben sollte. Nach Joël war dies, mit andern Wundern, das Zeichen, dass der Gerichtstag unmittelbar bevorstand. Johannes selbst hielt sich nie für diesen Vorläufer; auch das Volk kam nicht auf diesen Gedanken, denn er hatte die Zeit der Wunder nicht heraufgeführt. Er sei ein Prophet: das war die allgemeine Meinung.
Ueber Jesu frühere Entwicklung wissen wir nichts. Alles liegt im Dunkeln. Nur eines steht fest: Während der Taufe ging ihm das Geheimnis seines Daseins auf, dass er nämlich derjenige sei, den Gott zum Messias bestimmt hatte. Mit dieser Offenbarung ist er fertig; eine Entwicklung hat er nicht mehr durchgemacht. Denn nun stand ihm fest, dass er bis zum nahen Anbrechen der messianischen Aera, wo seine Würde ihm in Herrlichkeit zufiel, als der unerkannte und verborgene Messias auf das Reich hin zu wirken habe und sich mit den Seinen in der Enddrangsal bewähren und läutern müsse.
Der Leidensgedanke war also mit dem Messianitätsbewusstsein selbst gegeben, wie mit der Reichserwartung die Vorstellung der vormessianischen Drangsal unlösbar zusammenhängt. Irdische Ereignisse konnten Jesu Werdegang nicht beeinflussen. Durch sein Geheimnis stand er über der Welt, wenn er auch jetzt noch als Mensch unter Menschen wandelte.
Sein Auftreten und seine Verkündigung gehen nur auf die Reichsnähe. Seine Predigt ist die des Johannes, nur dass er sie durch Zeichen bekräftigt. Obwohl sein Geheimnis seine ganze Verkündigung beherrscht, darf niemand darum wissen, denn er muss unerkannt bleiben, bis der neue Aeon anbricht.
Wie sein Geheimnis, so ist auch seine ganze Ethik durch das »jetzt und dann« beherrscht. Es handelt sich um die Busse auf das Reich Gottes hin und den Erwerb der Gerechtigkeit, welche dazu befähigt: denn nur die Gerechten ererben das Reich. Diese Gerechtigkeit ist höher als die des Gesetzes, denn er weiss, dass das Gesetz und die Propheten weissagten bis Johannes: mit dem Täufer aber befindet man sich in der Vorläuferperiode unmittelbar vor dem Reichsanbruch.
Darum muss er, als künftiger Messias, jene höhere Sittlichkeit verkünden und wirken. Die geistig Armen, die Sanftmütigen, die da Leid tragen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, die Mitleidigen, die reinen Herzens sind, die Friedfertigen: diese alle sind selig, weil sie in dieser Eigenschaft zum Reich bestimmt sind.
Hinter dieser ethischen Verkündigung steht das Geheimnis des Reiches Gottes. Was, von dem Einzelnen geleistet, sittliche Erneuerung in Vorbereitung auf das Reich ist, das bedeutet, von der Gemeinschaft gewirkt, eine Thatsache, durch welche seine Realisierung auf übernatürliche Weise herbeigeführt wird. So durchdringen sich Individual- und Sozialethik in dem grossen Geheimnis. Wie die überreiche Ernte durch Gottes Wundermacht geheimnisvoll auf die Aussaat folgt, so kommt auch das Reich Gottes auf Grund der sittlichen Erneuerung durch die Menschen, aber ohne ihr Zuthun.
In dem Gleichnis ist auch die zeitliche Koïncidenz enthalten. Er sprach es zur Aussaat und erwartete das Reich zur Erntezeit. Die Natur war Gottes Uhr. Mit der letzten Aussaat hatte er sie zum letztenmal gestellt.
Das Geheimnis des Reiches Gottes ist die überirdische Verklärung der altprophetischen Ethik, in welcher der herrliche Endzustand auch nur auf Grund der sittlichen Umkehr Israels von Gott heraufgeführt wird. In souveräner Art vollzieht Jesus die Synthese zwischen Daniel'scher Apokalyptik und prophetischer Ethik. Es handelt sich bei ihm nicht um eschatologische Ethik, sondern seine Weltanschauung ist ethische Eschatologie. Als solche ist sie modern.
Auch die Zeichen und Wunder fallen unter eine doppelte Betrachtungsweise. Für das Volk sollen sie nur die Predigt von der Reichsnähe bekräftigen. Wer jetzt nicht glaubt, dass die Zeit so weit ist, hat keine Entschuldigung. Die Zeichen und Wunder verdammen ihn, denn sie bekunden offenbar, dass es mit der widergöttlichen Macht zu Ende geht.
Hinter dieser Behauptung steht aber für Jesus das Geheimnis des Reiches Gottes. Als die Pharisäer die Zeichen selbst der Teufelsmacht zuschreiben wollten, deutet er in einem Gleichnis das Geheimnis an. Durch seine Thaten bindet er die widergöttliche Macht, wie man über einen Starken zuerst herfällt und ihn unschädlich macht, ehe man daran denken kann, ihm seinen Besitz zu rauben. Darum gibt er den Jüngern bei der Aussendung zugleich mit dem Predigtauftrag die Vollmacht über die unreinen Geister. Sie sollen die letzten Streiche führen.
Als Drittes gehört zur Reichspredigt der Hinweis auf die vormessianische Drangsal. Die Gläubigen müssen darauf vorbereitet sein, mit ihm durch jene Zeit der Bewährung hindurchzugehen, wo sie in der Standhaftigkeit gegen den letzten Ansturm der Weltmacht sich als die Auserwählten des Gottesreiches erweisen. Auf seine Person hin wird sich dieser Ansturm konzentrieren; darum muss man bei ihm ausharren bis zum Tod. Nur das Sein im Gottesreich ist Leben. Der Menschensohn wird darnach richten, ob sie bei ihm, Jesus, ausgehalten haben oder nicht. So wendet sich Jesus am Schluss der Seligpreisungen an die Seinen mit den Worten: »Selig seid ihr, wenn die Menschen euch um meinetwillen verfolgen«. Die Aussendungsrede wird zu einer Ausführung über die Drangsal. Das letzte Wort in der Botschaft von der unmittelbaren Reichsnähe an den Täufer lautet: »Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.« Die Menge, mit welcher er das Abendmahl am See gefeiert hat, beschwört er am Morgen zu Bethsaida, bei ihm auszuharren, auch wenn er ein Gegenstand der Verachtung und des Spotts in der sündigen Welt sein wird: ihre Seligkeit hängt davon ab.
Diese Drangsal bedeutet zugleich mit der Bewährung auch noch eine Sühne. Sie ist im messianischen Drama vorgesehen, weil Gott von den Reichsgenossen eine Sühne für ihre Vergehungen in diesem Aeon verlangt. Aber er ist allmächtig. In dieser Allmacht bestimmt er über die Zugehörigkeit zum Reich, über die Stelle, die einer darin einnimmt, ohne an irgend welche Bestimmung gebunden zu sein. So ist auch die Notwendigkeit der Enddrangsal im Hinblick auf seine Allmacht nur relativ. Er kann sie den Menschen erlassen.
Darauf beziehen sich die drei letzten Bitten des Vaterunsers. Nachdem Gott angefleht worden, er möge das Reich senden, dass sein Name geheiligt werde und sein Wille auf Erden geschehe, wie im Himmel, dürfen die Menschen ihn bitten, ihnen die Vergehungen zu verzeihen und die »Versuchung« zu ersparen, indem er sie der Gewalt des Bösen direkt entreisst.
Dies war der Inhalt von Jesu Verkündigung in der ersten Periode. Er hielt sich während derselben am nördlichen Ufer des Sees auf. Chorazin, Bethsaida und Kapernaum waren die Hauptstätten seiner Wirksamkeit. Von dort unternahm er über den See hin einen Zug in das Gebiet der zehn Städte und eine Reise nach Nazareth.
Gerade in den Städten seiner Hauptwirksamkeit stiess er auf Unglauben. Der Fluch, den er über sie aussprechen muss, bezeugt es. Zudem waren ihm die Pharisäer aufsässig und suchten ihn gerade wegen seiner Wunder beim Volk zu diskreditieren. In Nazareth erfuhr er, dass ein Prophet nichts gilt in seinem Vaterlande.
So war die galiläische Periode nichts weniger als eine glückliche. Diese äusseren Misserfolge bedeuteten aber nichts für das Kommen des Reiches. Die ungläubigen Städte richteten nur sich selbst. Um die Nähe des Reiches zu ermessen, hatte Jesus andere, geheimnisvolle Anzeichen. An diesen erkannte er, dass die Zeit da war. Darum sandte er seine Jünger aus, gerade auf dem Rückweg von Nazareth — denn es war Erntezeit.
Durch ihre Predigt und durch ihre Zeichen drang die Kunde von seiner machtvollen Persönlichkeit überall hin. Jetzt beginnt die Zeit der Erfolge! Johannes im Gefängnis hörte davon und sandte seine Jünger, sie sollten ihn fragen, ob er derjenige sei, »welcher kommen sollte«, denn aus den Wundern schloss er, dass die Zeit des machtvollen Vorläufers, den er verkündigt hatte, da sei.
Jesus that Zeichen, seine Jünger hatten Macht über die Geister. Wenn er vom Gericht sprach, betonte er, dass der Menschensohn mit ihm solidarisch wäre und nur den anerkännte, der zu ihm, Jesus, gestanden hätte. Das Volk hielt deshalb dafür, er könne der sein, nach dem man ausschaute, und der gefangene Täufer wollte darüber Gewissheit haben.
Jesus kann ihm nicht sagen, wer er ist. »Die Zeit ist sehr vorgeschritten« — das ist der Inhalt seines Bescheids. Nachdem die Gesandten fort sind, wendet er sich an das Volk und deutet in geheimnisvoller Rede darauf hin, dass die Stunde schon weiter vorgerückt sei, als jener in seiner Frage ahnte. Die Vorläuferzeit hat mit dem Auftreten des Täufers selbst angefangen. Seither wird das Gottesreich gewaltsam herbeigenötigt. Der Frager selbst ist der Elias, wenn sie es begreifen mögen.
Die Menschen vermochten es nicht zu fassen, dass der Gefangene der Elias war. Sie verstanden die Zeit nicht, als er mit seiner Predigt auftrat. Das liegt aber nicht allein daran, dass jener keine Wunder that, sondern an der Verstocktheit ihrer Herzen. Unvernünftige Kinder sind sie, die nicht wissen, was sie wollen. Jetzt ist einer da, der Zeichen thut — aber auch dem glauben sie die Nähe des Reiches nicht. So schliesst der Fluch über Chorazin und Bethsaida die »Würdigungsrede über den Täufer« ab.
Die Entsendung der Jünger war die letzte That zur Herbeiführung des Reiches. Als sie daher zurückkommen, ihm ihren Erfolg künden und berichten, wie sie Gewalt über die bösen Geister hatten, heisst das für ihn: es ist alles bereit. So erwartet er jetzt den Reichsanbruch für die unmittelbarste Zukunft, nachdem es ihm schon fraglich gewesen war, ob die Jünger vor diesem Ereignis zu ihm zurückkehren würden. Er hatte ihnen ja gesagt, dass die Erscheinung des Menschensohnes sie ereilen würde, ehe sie mit den Städten Israels zu Ende wären.
Sein Werk ist gethan. Nun verlangt es ihn, sich zu sammeln und mit den Seinen allein zu sein. Sie besteigen ein Schiff und fahren längs des Strandes nach Norden zu. Die Menge aber, welche sich auf die Predigt der Jünger hin um ihn gesammelt hatte, um mit ihm das Reich zu erwarten, folgt ihnen am Ufer nach und überrascht sie am einsamen Strand, wo sie gelandet.
Als es Abend geworden, wollten die Jünger, dass er das Volk entlasse, damit sie in den umliegenden Flecken Speise zu sich nähmen. Für ihn ist aber die Stunde zu heilig, um durch ein irdisches Mahl entweiht zu werden. Bevor er sie daher entlässt, heisst er sie sich lagern und hält mit ihnen eine Vorfeier des messianischen Mahles. Er, der künftige Messias, teilt der Gemeinschaft, welche um ihn versammelt ist, um die Ankunft des Reiches zu erwarten, feierlich Speise aus, indem er sie damit geheimnisvoll zur Teilnahme an der nahen Vollendungsfeier weiht. Da sie sein Geheimnis nicht wussten, verstanden sie sein Handeln nicht, ebensowenig wie die Jünger. Sie begriffen nur, dass es etwas gewaltig Ernstes bedeutete und machten sich ihre Gedanken darüber.
Darauf entliess er sie. Den Jüngern befahl er an den Strand von Bethsaida zu fahren. Er selbst zog sich auf den Berg zum Gebet zurück und folgte dann längs des Strandes zu Fuss. Als ihnen seine Gestalt im Dunkel der Nacht erschien, da glaubten sie, unter dem Eindruck der Feier, wo er in geheimnisvoller Hoheit vor ihnen stand, seine überirdische Erscheinung nahe sich auf den bewegten Wogen, gegen die sie zur Landung ankämpften.
Am Morgen nach dem Abendmahl am See sammelt er Volk und Jünger um sich zu Bethsaida und vermahnt sie, bei ihm auszuharren und ihn nicht zu verleugnen in der Erniedrigung.
Sechs Tage später geht er mit den drei Intimen auf den Berg, wo er einsam gebetet hatte. Dort wird er ihnen als der Messias geoffenbart. Auf dem Heimweg verbietet er ihnen, etwas davon zu sagen, bis er bei der Auferstehung in der Glorie des Menschensohns offenbart würde. Sie aber vermissen noch die Erscheinung des Elias, der doch kommen müsse, bevor die Totenauferstehung statt habe. Bei der Würdigungsrede über den Täufer, wo die geheimnisvolle Andeutung fiel, waren sie ja nicht zugegen gewesen. Ihnen muss er daher jetzt klar machen, dass der Enthauptete der Elias war. An seinem Schicksal dürfen sie keinen Anstoss nehmen, denn also war es bestimmt. Auch der, welcher Menschensohn sein wird, muss viel leiden und verspottet werden. So will es die Schrift.
Das Reich, welches Jesus in unmittelbarer Nähe erwartete, blieb aus. Für die evangelische Geschichtsüberlieferung war diese erste eschatologische Verzögerung insofern verhängnisvoll, als nun alle Vorgänge um die Aussendung herum unverständlich wurden, weil das Bewusstsein verloren ging, dass die intensivste eschatologische Erwartung damals Jesus und seine Umgebung beseelte. Darum ist gerade diese Zeit in den Berichten verwirrt und dunkel, besonders da einzelne Vorgänge auch den damaligen Teilnehmern rätselhaft blieben. So wurde in der Ueberlieferung das Kultmahl am See zur »wunderbaren Speisung« in einem ganz andern Sinn, als es Jesus gemeint hatte.
Auch die Motive seines Verschwindens werden damit unverständlich. Es scheint sich um eine »Flucht« zu handeln, während andererseits die Berichte in keiner Weise andeuten, wie es so weit gekommen. In der Einsicht in die beiden sich entsprechenden Höhepunkte der eschatologischen Erwartung liegt der Schlüssel zum historischen Verständnis des Lebens Jesu. Während den jerusalemitischen Tagen kehrt wieder, was in den Tagen zu Bethsaida schon einmal dagewesen. Ohne diese Annahme klafft zwischen der Aussendung und dem Zug nach Jerusalem eine Lücke in der evangelischen Ueberlieferung. Die Geschichtsschreibung sieht sich gezwungen, eine Periode des galiläischen Niedergangs zu erfinden, um den Zusammenhang der berichteten Thatsachen herzustellen, als fehlte hier ein Stück in unseren Evangelien. Das ist der schwache Punkt aller »Leben Jesu«.
Mit der Rückkehr in die Landschaft Genezareth entzieht sich Jesus den Pharisäern und dem Volk, um mit seinen Jüngern allein zu sein, wie es schon seit ihrer Rückkehr von der Missionswanderung sein vergebliches Bestreben war. Es ist unumgänglich nötig, denn er muss über zwei messianische Thatsachen ins Klare kommen.
Warum ist der Täufer von seiner Obrigkeit hingerichtet worden, ehe die messianische Zeit angebrochen?
Warum bleibt das Reich aus, da doch die Anzeichen seines Einbrechens da sind?
In der Schrift geht ihm das Geheimnis auf: Gott führt das Reich herauf ohne allgemeine Enddrangsal. Derjenige, den er zur Herrschaft in Herrlichkeit bestimmt hat, vollzieht sie an sich, indem er als ein Uebelthäter gerichtet und verurteilt wird. Dafür gehen die andern frei aus: er leistet die Sühne für sie. Mögen sie immerhin glauben, Gott strafe ihn, mögen sie an dem, welcher ihnen die Gerechtigkeit gepredigt, irre werden, — wenn nach seinem Leiden die Herrlichkeit anbricht, dann werden sie sehen, dass er für sie gelitten.
So las Jesus im Propheten Jesaia, was Gott über ihn, den Auserwählten, bestimmt hatte. Das Ende des Täufers zeigte ihm an, in welcher Form ihm diese Verurteilung beschieden war: er sollte von seiner Obrigkeit vor allem Volk als ein Missethäter zu Tode gebracht werden. Dazu musste er hinaufziehen nach Jerusalem für die Zeit, da ganz Israel sich dort versammelte.
Als daher die Zeit zur Osterreise kam, brach er mit seinen Jüngern auf. Ehe sie von dannen zogen, fragte er sie, für wen er bei den Leuten gelte. Sie wussten nur zu antworten, dass man ihn für den Elias halte. Petrus aber, in der Erinnerung an die Offenbarung auf dem Berg bei Bethsaida, sagt: du bist der Gottessohn. Daraufhin thut ihnen Jesus sein Geheimnis kund. Gewiss, er ist der, welcher als Menschensohn bei der Auferstehung geoffenbart werden wird. Vorher aber ist ihm bestimmt, den Hohenpriestern und Aeltesten zur Verurteilung und zum Tod überantwortet zu werden. Gott will es also. Darum ziehen sie nach Jerusalem.
Petrus hält sich über diese neue Eröffnung auf, denn in der Offenbarung auf dem Berg war nicht die Rede davon gewesen. Er nimmt Jesum bei Seite und dringt heftig auf ihn ein. Darauf wird er von ihm hart zurechtgewiesen, dass er menschliche Erwägungen laut werden lässt, wo Gott redet.
Diese Reise nach Jerusalem war der Todeszug zum Siege. In dem Leidensgeheimnis lag das Geheimnis des Reiches Gottes geborgen. Sie zogen hinter ihm her und wussten nur, dass er nachher, wenn ihm also geschehen wäre, Messias sein würde. Es bangte ihnen vor dem, was kommen sollte; sie verstanden nicht, warum es also sein musste, und scheuten sich, ihn zu fragen. Vor allem gingen aber ihre Gedanken auf den Zustand im nahen Reich. Wenn er einmal Messias war, was würden dann sie sein? das beschäftigte ihren Sinn und davon redeten sie untereinander. Er aber wies sie zurecht und deutete ihnen an, warum er leiden müsse. Nur durch Erniedrigung und dienende Dahingabe wird man bereitet, im Gottesreich zu herrschen. Darum muss der, welcher als Menschensohn die Herrschaft im Reich ausüben wird, jetzt für die vielen mit seinem Leben in dienender Hingabe eine Sühne leisten.
Mit dem Betreten des jüdischen Gebiets beginnt die zweite öffentliche Periode. Er ist wieder vom Volk umgeben. In Jericho wartet die Menge auf ihn, um ihn beim Durchzug zu sehen. Durch die Heilung eines blinden Bettlers, des Sohnes des Timäus, erweist er sich ihnen als der grosse Vorläufer, für den man ihn schon in Galiläa gehalten hatte. Die jubelnde Menge bereitet ihm einen feierlichen Einzug. Als dem, welcher der Weissagung zufolge vor dem Messias herkommt, singen sie ihm Hosianna. Dem Reich aber, welches in Bälde erscheinen wird, gilt das Hosianna in der Höh'. Damit ist wieder die Situation der grossen Tage am Seestrand erreicht: Jesus wird von der reichsgläubigen Menge umdrängt.
Die Belehrung, welche die jerusalemitischen Gleichnisse enthalten, bezieht sich auf die Nähe des Reiches. Es sind Warnrufe, die zugleich eine Drohung für die enthalten, welche sich gegen die Kunde verstocken. Nicht die Frage: ist er der Messias? ist er es nicht? bewegte die Geister, sondern: ist das Reich so nah, wie er sagt, oder nicht?
Die Pharisäer und Schriftgelehrten wussten nicht, welche Stunde es geschlagen hatte. Sie zeigten eine gänzliche Unempfindlichkeit für die Nähe des Reichs, denn sonst hätten sie ihm nicht Fragen zur Beantwortung vorgelegt, die gerade durch die vorgeschrittene Zeit gegenstandslos geworden waren. Was kommt denn noch auf den Kaiserzins an? Was sollen die spitzfindigen sadducäischen Argumente gegen die Möglichkeit der Totenauferstehung? Bald ist ja mit dem Reichsanbruch die irdische Herrschaft gerade so gut wie die irdische Menschennatur abgethan!
Ja, wenn sie die Zeichen der Zeit verständen! Er gibt ihnen zwei Fragen auf, die sie zum Nachdenken bringen sollen, damit sie es merken, dass sie in der Zeit eines grossen Geheimnisses stehen, von dem sich ihre Schriftgelehrsamkeit nicht träumen lässt.
In welcher Vollmacht wirkte der Täufer? Wenn sie es wüssten, dass er der Vorläufer war, wie es Jesus schon dem Volk gegenüber geheimnisvoll angedeutet hatte, dann wüssten sie auch, dass die Stunde des Reiches geschlagen hat.
Wie ist der Messias bald Davids Sohn, also unter ihm, bald Davids Herr, also über ihm? Wenn sie das erklären könnten, dann verständen sie auch, dass der, welcher niedrig und unerkannt auf das Reich Gottes hinwirkt, als Herr und Messias geoffenbart werden wird.
So aber ahnen sie nicht einmal, dass die messianischen Hinweise Geheimnisse bergen. Mit ihrer Gelehrsamkeit sind sie blinde Blindenleiter, die das Volk, statt es für das Reich empfänglich zu machen, verstocken und statt die neue Sittlichkeit, welche zum Reich gerecht macht, aus dem Gesetz herauszulesen, in kleinlicher Veräusserlichung ihr entgegenarbeiten und das Volk mit sich ins Verderben ziehen. Darum: Wehe den Pharisäern und Schriftgelehrten!
Zwar auch unter ihnen gibt es noch solche, welche ein offenes Auge behalten haben. Derjenige, welcher ihn nach dem grossen Gebot gefragt hat und seiner Antwort zustimmt, der ist »verständig« und deshalb »nicht fern vom Reich Gottes«, denn er gehört dazu, wenn es erscheint.
Die Masse aber der Pharisäer und Schriftgelehrten versteht ihn so wenig, dass sie seinen Tod beschliessen. Auf Jesu Auftreten hin brachten sie keine wirksame Anklage fertig. Ein respektloses Wort über den Tempel: das war alles. Da verriet ihnen Judas das Geheimnis. Jetzt war er verurteilt.
In der Nähe des Todes richtet sich Jesus zu derselben sieghaften Grösse auf, wie in den Tagen am Seestrand: denn mit dem Tod kommt das Reich. Damals hatte er mit den Gläubigen die Vorfeier des messianischen Mahles gehalten; so erhebt er sich jetzt am Ende der letzten irdischen Mahlzeit und teilt den Jüngern feierlich Speise und Trank aus, indem er sie mit erhobener Stimme, nachdem der Becher zu ihm zurückgekehrt ist, darauf hinweist, dass dieses das letzte irdische Mahl gewesen ist, weil sie in Bälde zum Mahl in des Vaters Reich vereinigt sein werden. Zwei entsprechende Gleichnisworte deuten das Leidensgeheimnis an. Für ihn sind Brot und Wein, die er ihnen bei der Vorfeier darreicht, sein Leib und sein Blut, weil er durch die Hingabe in den Tod das messianische Mahl heraufführt. Das Gleichniswort blieb den Jüngern dunkel. Es war auch nicht auf sie berechnet, es sollte ihnen nichts verdeutlichen — denn es war ein Geheimnisgleichnis.
Wie nach dem Abendmahl am See, sucht er auch jetzt, da die grosse Stunde naht, die Einsamkeit auf, um zu beten. Er trägt die Drangsal für die andern. Darum darf er den Jüngern voraussagen, dass sie in der Nacht sich alle an ihm ärgern werden — und er braucht sie nicht zu verdammen, denn die Schrift hat es so bestimmt. Welch unendlicher Friede liegt in diesem Wort! Ja, er tröstet sie: nach der Auferstehung will er sie um sich sammeln und ihnen in messianischer Herrlichkeit vorausziehen nach Galiläa, die Strasse zurück, auf welcher sie ihm im Todesgang gefolgt sind.
Noch steht es aber in Gottes Allmacht, die Drangsal auch für ihn auszuschalten. Darum, wie er einst mit den Gläubigen gebetet »und führe uns nicht in die Versuchung«, so bittet er jetzt für sich, Gott in seiner Allmacht möge den Leidenskelch an seinen Lippen vorübergehen lassen. Zwar, wenn es Gottes Wille ist, fühlt er sich stark genug, ihn zu trinken. Nur für die Intimen bangt ihm. Die Zebedaiden haben sich vermessen, um die Thronplätze zu erlangen, den Leidensbecher mit ihm zu trinken und die Leidenstaufe mit ihm zu empfangen. Petrus verschwor sich, bei ihm auszuhalten, auch wenn er mit ihm sterben müsste. Er weiss nicht, wie Gott über sie bestimmt hat, ob er ihnen auferlegen wird, was sie auf sich nehmen wollten. Darum heisst er sie in seiner Nähe bleiben. Und während er Gott für sich anfleht, gedenkt er ihrer und weckt sie zu zweien Malen, dass sie wach bleiben und Gott anflehen, er möge sie nicht durch »die Versuchung« hindurchführen.
Beim drittenmal war die Schar mit dem Verräter nahe. Die Stunde ist gekommen: darum richtet er sich in seiner ganzen hoheitsvollen Grösse auf. Er ist allein, die Seinen fliehen.
Das Zeugenverhör ist nur ein Scheinverhör. Nachdem sie abgetreten, stellt der Hohepriester unvermittelt die Frage wegen der Messianität. »Ich bin's«, sagt Jesus, indem er sie auf die Stunde verweist, wo er als Menschensohn auf den Wolken des Himmels, umgeben von den Engeln, erscheinen wird. Darum wurde er wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt.
Am 14. Nisan Nachmittags, da man abends das Passahlamm ass, schrie er laut auf und verschied.