IV.
Merseburg.
Wir beginnen unsere Wanderung am Nordostpfeiler Thüringens, bei der alten auf hohem Uferrande gelegenen preußischen Kreisstadt Merseburg (18800 Einw.). Die Stadt lag dicht am slavischen Wohngebiete, erhob sich im X. Jahrhundert unter König Heinrichs, des »Städtegründers« Regierung hinter neuen Mauern und umschloß den Dom, der später Sitz des Bistums wurde, sowie die Pfalz den Hof zu vereinigen pflegte. Als Stifter Merseburgs kann Heinrich der Finkler angesehen werden, der als Markengründer so segensreich im Osten unseres Vaterlandes waltete. Otto I. gründete infolge eines Gelübdes das Domstift, das für Kultur und Verbreitung des Christentums im deutschen Osten von hoher Bedeutung war. Der alte Dom und das Schloß sind die Charaktergebäude Merseburgs, die flußwärts das Landschaftsbild beherrschen ([Abb. 5]). Die Turmbauten des Domes stammen noch aus dem XI. Jahrhundert, die anderen Bauteile meist aus dem XIII. Jahrhundert, das spätgotische Schiff aus dem Ende des XV. Jahrhunderts. Der Dom ([Abb. 6]) strebt nicht sehr in die Höhe, macht aber trotz seiner 1886 vollendeten Erneuerung einen altertümlichen Eindruck und besitzt einen außerordentlich stimmungsvollen Kreuzgang ([Abb. 7]). Im Chor befindet sich eine Metallplatte als Denkmal für den 1080 im Kampfe gegen Heinrich IV. gefallenen Gegenkönig Rudolf von Schwaben. Das Schloß umfaßt mit seinen drei Flügeln einen weiten viereckigen Hof von sehr malerischer Wirkung ([Abb. 8]). Der turmreiche Bau wurde 1483 bis 1561 errichtet, Ende des XVII. Jahrhunderts zum Teil erneuert und ist jetzt Regierungsgebäude. Im Schloßhofe stehen ein figurengeschmückter dreiseitiger Ziehbrunnen und der alte schwarze Käfig, worin der historische Merseburger Rabe gefüttert wird. Die Sage erzählt von einem dem Bischof Thilo von Throta gestohlenen Ringe, den ein Rabe bei geöffnetem Fenster aus des Bischofs Gemach getragen; von dem Verdacht, der auf einen der bischöflichen Diener gelenkt wurde, der unter der Folter ein Geständnis machte und darauf hingerichtet wurde; und wie dessen Unschuld an den Tag kam, als ein Schieferdecker bei Ausbesserung des Turmes den Ring im Rabenneste auffand. Die Stadt entwickelt sich neuerdings zu einem lebhaften Industrieplatze.
Abb. 11. Naumburg.
(Nach einer Originalaufnahme von Carl Becker in Naumburg.)
In dem Dreieck Halle-Weißenfels-Leipzig reicht die Sächsisch-Thüringische oder Leipziger Bucht des Norddeutschen Tieflandes bis nach Thüringen hinein, im äußersten Dreieckwinkel das Ausgangsthal der Saale einschließend und deshalb die beste Eingangspforte nach Thüringen bildend. Mit Ausnahme des Südwestens und Westens entwässert ganz Thüringen zur Saale, deren Nebenflüsse zur Linken ins Land hineingreifen wie ein aufgespannter Fächer. Die Saale ist also der bedeutendste Fluß Thüringens und bildet in der Thalstrecke Merseburg-Naumburg einen natürlichen Verbindungsweg zwischen Ost und West. Von der Quelle bis zur Mündung in die Elbe hat sie eine Flußlänge von 450 km und ein Stromgebiet von 23776 Quadratkilometern.
Abb. 12. Schulpforta.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Lauchstädt. Weißenfels. Zeitz.
In sanfter Abdachung gegen die Saale endet hier die Querfurter Platte (Thüringische Grenzplatte), deren Muschelkalk meist von Tertiärschichten oder Diluvialgebilden bedeckt ist und außer dem westlichen der Unstrut zugewandten Steilrande nur bei Mücheln und Branderoda zu Tage tritt. Die flach gebuchteten Thäler der Laucha und Geisel sind hier am dichtesten mit Siedelungen besetzt, und in beide Thäler führen jetzt Eisenbahnen. Dort sind Lauchstädt (2100 Einw.) und Schafstädt (2800 Einw.), hier Mücheln (1600 Einw.) die einzigen Städte. Lauchstädt hat eine seit 1710 gefaßte erdig-salinische Eisenquelle (11° C.) und war früher Sommerresidenz der Herzöge von Sachsen-Merseburg. Während seiner höchsten Blütezeit war es oft Sommeraufenthalt von Karl August von Weimar und Goethe, die auch den Vorstellungen der weimarischen Schauspielergesellschaft auf der kleinen Bühne ([Abb. 9]) beiwohnten. Hier ging zuerst in Anwesenheit Schillers am 19. März 1803 die »Braut von Messina« über die Bretter, deren Proben Goethe geleitet hatte. Südlich des Geiselthales erhebt sich der 159 m hohe Janushügel bei dem Dorfe Roßbach, wo 1757 Friedrich der Große die Franzosen schlug.
Östlich von Merseburg winden sich in grünen weit ausgedehnten Auen die Arme der Luppe und Elster, die unterhalb Merseburgs ihre Wasser der Saale zuführen. Das rechte Saalufer bleibt nun flach bis zum kleinen aufstrebenden Solbade Dürrenberg (250 Einw.), dessen Salzwerk der Zechsteinformation angehört. Auf der östlich sich ausbreitenden Ebene liegen das Dorf Schladebach, bekannt wegen seines 1748 m tiefen Bohrloches, und die Stadt Lützen (3700 Einw.), wo 1632 Gustav Adolf von Schweden fiel und wo 1813 bis zum Dorfe Großgörschen zwischen den Verbündeten und den Franzosen gekämpft wurde. Oberhalb Dürrenberg treten leichte Böschungen zu engerer Umrandung der Saale zusammen. Auf dem Hochrande des linken Ufers liegt der Eisenbahnknotenpunkt Korbetha. Malerisch am rechten Saalufer erbaut ist Weißenfels (26000 Einw.), das seinen Namen vom »weißen Fels« hat, dem hell schimmernden Sandstein, der hier die Uferränder bildet. Die preußische Stadt wird vom Schlosse Neu-Augustusburg ([Abb. 10]) überragt, das von 1680–1746 die Residenz der Herzöge von Sachsen-Weißenfels war. In der lebhaften Industrie nimmt die Herstellung von Schuhwaren einen bedeutenden Rang ein. Den ersten Anstoß zum Aufschwung der Stadt gaben aber die reichen Braunkohlenlager der weiteren Umgebung. Von hier aus dehnt sich ein weites Gebiet über Teuchern (5400 Einw.) bis Stößen (1250 Einw.), Osterfeld (1700 Einw.), Hohenmölsen (3000 Einw.) und Zeitz aus, das außerordentlich reich an Braunkohlengruben ist und wo sich infolgedessen eine Großindustrie in der Herstellung von Solaröl, Teer und Paraffin entwickelt hat, deren Bedeutung sich an der Anlage mehrerer Eisenbahnlinien erkennen läßt. Die jährliche Kohlenförderung im Regierungsbezirk Merseburg beschäftigt etwa 13000 Arbeiter und bringt acht Mill. Tonnen im Werte von 18 Mill. Mark. Die seit 1815 preußische Stadt Zeitz (24800 Einw.) erhebt sich auf den Buntsandsteinhöhen am Südufer der weißen Elster und ist eine außerordentlich betriebsame Fabrikstadt, in deren Umgebung viele Braunkohlenwerke im Betrieb sind. Das ehemalige Bistum bestand nur von 968–1028, in welchem Jahre es nach Naumburg verlegt und dann Naumburg-Zeitz genannt wurde. Das Schloß Moritzburg (an Stelle des bischöflichen im XVII. Jahrhundert erbaut) ist jetzt Armen- und Besserungsanstalt.
Abb. 13. Bad Kösen.
(Nach einer Photographie von Junghanns und Koritzer, Leipzig-Meiningen.)
Naumburg. Weinbau.
Der schönste Teil des Saalethales ist sein mittlerer Teil von Naumburg bis Saalfeld, wo der Fluß im Muschelkalk und Buntsandstein sich ein geräumiges Bett gegraben hat. Schon oberhalb von Weißenfels mehren sich die alten Burgen, die von den Uferhöhen ins Thal hinunterleuchten und uns die Wichtigkeit dieses Flußstückes für den Verkehr erkennen lassen. Im allgemeinen sind die Orte am linken Ufer als Verteidigungsposten gegen die vordrängenden Slaven zu betrachten, während die Hauptpunkte am rechten Ufer zum Schutze der Straße dienten und zur Förderung der Slavenunterwerfung angelegt wurden. Am linken Ufer ist hoch oben Schloß Goseck erbaut, schon 899 eine Schutzburg gegen die Sorben, dann Sitz der sächsischen Pfalzgrafen. Im Jahre 1041 wurde Goseck in eine Benediktinerabtei umgewandelt und dort in Basilikenform eine kleine Kirche erbaut. Heute ist Goseck ein epheuumrankter Gutssitz, von dessen üppigen Gartenanlagen aus man herrliche Blicke ins Saalthal hat. Gegenüber am rechten Ufer erhebt sich der alte Turm der Schönburg (Sconinburg = schöne Burg), 1062 vom Landgrafen Ludwig dem Springer erbaut und später zum Hochstifte Naumburg gehörig. Als die Burgvögte sich aber dem Räuberhandwerk ergaben, wurde die Burg 1446 zerstört. Unweit mündet das Thal der Wethau, das bis zum Buntsandstein einschneidet und im unteren Teile kräftige Formen zeigt. Der Thalgrund ist mit Wiesen erfüllt, die Hänge mit einzelnen Baumgruppen geschmückt; im oberen Teile verflacht es sich und führt langsam zur Höhe von Eisenberg, einer welligen Fläche mit vorwiegendem Landbau; bewaldete Thalränder oder flache bewaldete Kuppen verleihen der Landschaft abwechslungsvollen Reiz.
Abb. 14. Die Rudelsburg und Saaleck.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
An der Unstrutmündung erreicht die grüne Saalaue eine Breite von 1–2 km. Hier liegt auf der Höhe der Muschelkalkplatte am rechten Saalufer Naumburg (21200 Einw.), einst der Sitz des von Zeitz hierher verlegten Bistums und ein Mittelpunkt für die Ausbreitung des Christentums nach dem Osten. 1534 kam es an Sachsen und 1815 nach den Beschlüssen des Wiener Kongresses an Preußen. An die alte Zeit erinnert der schöne im XIII. Jahrhundert im romanisch-gotischen Übergangsstil erbaute Dom. An der Stelle des heutigen Oberlandsgerichts stand die vom Markgraf Eckard von Meißen zu Ausgang des X. Jahrhunderts gegründete Neue Burg (= Naumburg). Die Stadt ([Abb. 11]) hatte früher bedeutende Messen, erfreut sich jetzt lebhafter Industrie und treibt mit großem Erfolg Obst-, Gemüse- und Weinbau.
Abb. 15. Dornburg um 1650 (nach dem gleichzeitigen Stich von Merian).
Abb. 16. Dornburg.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Von hier saalaufwärts bis in die Gegend von Jena und an der unteren Unstrut hat die Anlage von Weinbergen, die mit ihren kleinen Wachthäuschen hoch an den Muschelkalkwänden hinaufreichen, der Gegend ein besonderes Gepräge gegeben; der Ertrag wird meist zu Schaumweinen verarbeitet. Es sind dies solche Gebiete, die eine wirkliche mittlere Jahrestemperatur von 8–9°C. haben, deren Sommerwärme aber noch beträchtlich erhöht wird durch ihre offene Lage nach Süden, wodurch eine außerordentlich wirksame Sonnenbestrahlung ermöglicht ist. Trotzdem haben die Weingelände der thüringischen Staaten und der Provinz Sachsen zusammen nur eine Ausdehnung von wenig mehr als zehn Quadratkilometern. Matthias Claudius, der »Wandsbecker Bote« und gemütvolle Volksschriftsteller, hatte freilich keine große Meinung vom Thüringer Rebensaft.
Thüringens Berge zum Exempel bringen
Gewächs, sieht aus wie Wein,
Ist's aber nicht; man kann dabei nicht singen,
Dabei nicht fröhlich sein.
Abb. 17. Johannisthor in Jena.
Die Chroniken des Mittelalters berichten vom Reifen der Trauben, viel häufiger aber vom Mißraten des Weins. Und doch war der Weinbau auf sonnenwarmen Geländen viel verbreiteter als heute, nicht allein im Camburgischen, sondern es grünten auch Rebengarten im Werrathale. Im XVI. Jahrhundert wurde in den Fluren von Saalfeld, Römhild und Meiningen Eigenbau gekeltert. Der Stadtrat von Pößneck verkaufte im Jahre 1464 etwa 2000 Eimer Landwein, und obwohl er die Kanne zu vier Pfennigen abgab, hatte er doch noch einen Gewinn von 472 Schock Groschen! Klöster, Städte und Fürsten pflegten den Weinbau in der Absicht auf Gewinn; Bürger und Bauern aber deshalb, weil sie kein besseres Getränk hatten und dabei mehr auf die Menge als auf den Geschmack achteten. Hier knüpft vielleicht das Sprichwort »Sauer macht lustig« an, sowie im XVII. Jahrhundert ein Kenner von den Meininger Weinbergen als von einer Gegend sprach, »wo weinend die Berge Naturweinessig erzeugen«.
Abb. 18. Jena um 1610 (nach einem gleichzeitigen Stiche von Kehr).
Schulpforta.
Am Fuße des buchenbestandenen Knabenberges liegt wie ein schmuckes kleines Städtchen Schulpforta ([Abb. 12]), im Jahre 1137 als Cistercienserkloster St. Marien zur Pforte gegründet. Das Kloster hatte reiche Zuwendungen an Wald und Feld, Wiesen, Mühlen, Weinbergen und Geld, die Mönche mußten aber nach vier Jahrhunderten von dannen ziehen. 1543 wurde Pforta vom Herzog Moritz von Sachsen in eine Lehranstalt umgewandelt, aus welcher viele hervorragende Männer hervorgingen. In Erinnerung an Klopstock, der einst hier auf der Schulbank gesessen, schrieb Goethe:
An dem stillbegrenzten Orte
Bilde dich, so wie's gebührt;
Jüngling, öffne dir die Pforte,
Die ins weite Leben führt!
Der Name Pforte wird aber auch auf die Furt (vorte) von Almerich (Alteburg) bezogen, nach der von Naumburg her eine durch zwei burgähnliche Anlagen geschützte Beistraße führte, um aus der linken Seite der Saale in den Königsweg (strata regia) einzumünden. Dieser Königsweg ist die alte Leipzig-Frankfurter Straße, die über Merseburg, Freyburg an der Unstrut, Erfurt und Eisenach führte. Erst im XV. Jahrhundert wurde die Straße über Kösen geführt, da die steinerne Brücke erst 1404 erbaut wurde und zur Gründungszeit des Klosters Pforta (1137) noch nicht bestand. Im XII. und XIII. Jahrhundert bewegte sich der Hauptverkehr von Naumburg auf der Buchstraße, die auf der Höhe bei Heiligenkreuz sich gabelte, um als oberländische oder Regensburger Straße über Eisenberg, Gera, Hof nach Regensburg zu führen, anderseits über Camburg im Saalthale aufwärts nach Saalfeld und über den Thüringerwald nach Nürnberg zu ziehen. Die Namen der Dörfer Flemmingen erinnern an die holländischen (vlämischen) Ansiedler, die in frühester Zeit zur Hebung des Landbaues, besonders der versumpften Thalflächen, herbeigerufen wurden.
Kösen.
An der Stelle einer alten Slavenniederlassung liegt in engem Thalkessel das preußische Städtchen Kösen (2800 Einw.), dessen 1686 entdeckte Salzquellen dem Muschelkalk entspringen. Sie sind seit 1731 im Betrieb, werden jetzt aber nur für Kurzwecke benützt, wodurch der Ort, der erst seit 1868 Stadt wurde, sich zum viel besuchten Solbade ([Abb. 13]) entwickelt hat. Wegen seiner Lage am engen Saaldurchbruche, dem Passe von Kösen oder der Kösener Pforte, war der Platz auch kriegsgeschichtlich von Bedeutung. Nächst der Fährstelle zur Katze (vom slav. kaza = wild, reißend) windet sich der Pfad hinauf zu der auf steilem Muschelkalkfels 85 m hoch über den Schlangenwindungen der Saale thronenden Rudelsburg ([Abb. 14]), einer aus dem XII. Jahrhundert stammenden Feste, die mit ihrer Vorburg Saaleck, wovon nur noch zwei Türme sichtbar sind, eine bedeutende Wacht- und Verteidigungsstätte am wendischen Grenzgebiete war. Im 30jährigen Kriege zerstört, wurde sie später zum Teil erneuert, so daß sie jetzt zu einer der schönsten und viel besuchtesten Ruinen Deutschlands gehört. Auf dem Platze innerhalb der äußersten Burgmauer erheben sich die Denkmäler für Kaiser Wilhelm I., für die im Kriege 1870/71 gefallenen Verbindungsstudenten und für Bismarck als Student. Geschichte und Sage haben um die alte Burg ihre Kränze geschlungen und durch die geborstenen Hallen wird noch lange das Lied tönen, das Franz Kugler hier oben dichtete:
»An der Saale hellem Strande
Stehen Burgen stolz und kühn.«
Dornburg.
Bei Großheringen biegt das Saalthal in scharfem Winkel nach Süden um, und nun entwickeln sich ganz eigenartige Landschaftsbilder, ausgezeichnet durch die steil abfallenden Muschelkalkberge, die das Thal bis südlich von Jena umschließen. Das meiningische Städtchen Camburg (2800 Einw.) liegt in einer freundlichen Thalung, umkränzt von Wein- und Obstgeländen und überragt vom altersgrauen Matzturm. Hoch über dem Dorf Naschhausen schimmern von der Felskante drei weimarische Fürstenschlösser ins Thal, die Schlösser von Dornburg, während das Landstädtchen Dornburg (670 Einw.) hinter Gartenbäumen auf der Hochfläche versteckt liegt, 125 m über der Saale. Das nördliche Schloß ist die eigentliche Burg, an die sich die Geschichte Dornburgs anknüpft, und stammt in der Hauptsache aus dem Anfange des XVI. Jahrhunderts. [Abb. 15] gibt eine Darstellung des Schlosses im Jahre 1631: Kroaten, die das Schloß geplündert und die Herzogin verwundet hatten, werden von herbeigeeilten Landleuten und Soldaten die Felsen hinabgejagt. Das mittlere oder neue Schloß wurde erst im XVIII. Jahrhundert an Stelle von 22 Privathäusern im Rokokostil errichtet. Das südliche Schloß ist das Stohmannsche oder kleine Schlößchen, im XVI. Jahrhundert in der Blütezeit der deutschen Renaissance entstanden. Über der Eingangsthür ist ein wohl erst anfangs des XVII. Jahrhunderts eingefügter lateinischer Spruch vorhanden, den Goethe mit den Worten übersetzte.
»Freudig trete herein, und froh entferne dich wieder!
Ziehst du als Wandrer vorbei, segne die Pfade dir Gott!«
Abb. 19. Jena.
(Nach einer Photographie von Junghanns und Koritzer, Leipzig-Meiningen.)
Die drei Schlösser ([Abb. 16]), umgeben von üppigen Gärten, gewähren reizvolle Blicke ins Saalthal und in die Landschaft. Goethe hat hier oft geweilt, um Ruhe und Frieden zu suchen, und schilderte mit warmer Empfindung den Ausblick ins Thal:
»Weithin gestreckte, der belebenden Sonne zugewendete, hinabwärts gepflanzte, tief grünende Weinhügel; aufwärts an Mauergeländern üppige Reben.... Von diesen würdigen landesherrlichen Höhen sah ich ferner in einem anmutigen Thale so vieles, was, dem Bedürfnis des Menschen entsprechend, in allen Landen weit und breit sich wiederholt. Ich sehe zu Dörfern versammelte ländliche Wohnsitze, durch Gartenbeete und Baumgruppen gesondert; einen Fluß, der sich vielfach durch Wiesen zieht; Wehr, Mühlen, Brücken folgen aufeinander; die Wege verbinden sich auf- und absteigend. Gegenüber erstrecken sich Felder an wohlbebauten Hügeln bis an die steilen Waldungen hinan, bunt anzuschauen nach Verschiedenheit der Aussaat und des Reifegrades. Büsche hie und da zerstreut, dort zu schattigen Bäumen zusammengezogen.«
Abb. 20. Burgkeller in Jena.
Tautenburg. Bürgel.
Jenseits der blendenden Muschelkalkhöhen des Ostufers liegt ins Grün gebettet das rings von herrlichem Buchenwald umgebene Dorf Tautenburg, mit den Resten eines Bergschlosses, das einst der Sitz des Geschlechts der Schenken von Tautenburg war. Es steht nur noch der alte dachlose Bergfried, rings von Schutt umgeben, während das im XIV. Jahrhundert erbaute Schloß abgebrochen und aus seinen Steinen das Schloß Frauenprießnitz errichtet wurde. Vom Saalufer führt das Thal des Gleisbachs hinauf zum weimarischen Städtchen Bürgel (1650 Einw.), in dessen Nähe reiche Thonlager vorhanden sind, die das Material für die bekannten Bürgeler Töpferwaren liefern. Das benachbarte Thalbürgel, auch Kloster Bürgel genannt, ist berühmt wegen des 1133 gegründeten Benediktinermönchklosters, das aber 1525 aufgehoben wurde. Die Kirche, zum Teil Ruine des Klosters, wurde 1142 als romanische dreischiffige Pfeilerbasilika gebaut und erlitt später mehrere gotische Veränderungen.
Jena.
Weiter aufwärts im lieblichen Saalthale bauten seit 1170 die Mönche von St. Marien von der Pforte in Porstendorf (Bosindorf) die hochgeschätzten »Borsdorfer« Äpfel. Gegenüber von Kunitz, über dem die Mauerreste der Kunitzburg ins Thal blicken, bestand in Zwätzen eine Kommende des deutschen Ordens; jetzt ist die Komthurei in eine landwirtschaftliche Musterwirtschaft umgewandelt. Weit liegt am linken Saaleufer die Stadt Jena (15500 Einw.) ausgebreitet, auf beiden Uferseiten bewacht von hellfarbigen Kalkbergen. Jena ist einer der hervorragendsten geistigen Mittelpunkte Thüringens, wo sich Nachklänge einer großen Vergangenheit einen mit den jugendfrohen Lebensäußerungen der Gegenwart, und ein eigentümlicher Liebreiz ist der Stadt geblieben trotz winkeliger Gassen und hochgiebliger Häuser ([Abb. 17]). Schon Goethe lobte den Ort in seinen »Lustigen von Weimar«:
»Donnerstag nach Belvedere,
Freitag geht's nach Jena fort:
Denn das ist, bei meiner Ehre,
Doch ein allerliebster Ort!«
Unsere Abbildungen [18] und [19] zeigen die Veränderungen des Stadtbildes in 300 Jahren, für welche die Hochschule von erheblicher Bedeutung wurde. Die Universität, von Johann Friedrich dem Großmütigen gestiftet, wurde 1558 eingeweiht und erfreut sich noch heute einer dauernden Blüte, obwohl sie am Ende des XVIII. Jahrhunderts einen dreimal größeren Studentenbesuch hatte; die Bibliothek umfaßt 220000 Bände. An vielen Häusern erzählen uns kleine Gedenktafeln von den Geistesgrößen, die da gewohnt und gelehrt haben. Arndt, Schelling, Fichte, Goethe, der oft hier weilte, und vor allem Schiller, der 1789 als Professor der Philosophie und Geschichte nach Jena berufen wurde und hier 10 Jahre blieb. Im ehemaligen Schillerschen Garten erhebt sich jetzt die neue Sternwarte und eine Büste des Dichters, daneben steht auf einem Granitblock die Inschrift: Hier schrieb Schiller den Wallenstein 1798. Die Stadt- oder Michaeliskirche, 1301 eine Niederlassung des Cistercienser-Nonnenklosters in Roda, ist eine der größten Kirchen Thüringens. Ein mit der Studentenschaft in enger Verbindung stehendes Haus ist der Burgkeller ([Abb. 20]), um 1546 in derber Hochrenaissance erbaut. In die fröhliche Studentenzeit zurück führt die Bezeichnung der sieben Wunder Jenas: ara (Durchgang unter dem Altar der Stadtkirche), caput (der Schnapphans an der Rathausuhr), draco (von Studenten im XVII. Jahrhundert zum Scherz zusammengestelltes skelettartiges Gebilde), mons (der Hausberg), pons (die Camsdorfer Brücke), vulpecula turris (der Fuchsturm), Weigeliana domus (das Weigelsche Haus in der Johannisgasse, jetzt abgebrochen). Als die jugendlichen Kämpfer der Musenstadt aus den Freiheitskriegen zu ihren Studien zurückkehrten, gründeten sie zu warmer Pflege der Vaterlandsliebe die Burschenschaft, die ihnen in den nächsten Jahren so viele Verfolgungen bringen sollte. Zur Erinnerung daran wurde 1883 das Burschenschaftsdenkmal ([Abb. 21]) errichtet, ein Student in der Tracht von 1817, Fahne und Schwert haltend, ein schönes Marmorwerk von Donndorf. Industriell bedeutend ist die optische Werkstatt von Zeiß, die einschließlich der Glashütte über 1000 Arbeiter beschäftigt und eine der ersten Anstalten dieser Art in Deutschland ist.
Abb. 21. Burschenschaftsdenkmal in Jena.
Von der Höhe des Forstes genießt man den besten Überblick über die Landschaft: die Kalkhöhen des Jenzig, Hausbergs, der Kernberge, durch scharfe Thäler voneinander getrennt; die weißbiergesegneten Dörfer Ziegenhain, Lichtenhain ([Abb. 22]) und Wöllnitz; nach dem kleinen Dorfkirchlein von Wenigenjena, wo sich Schiller mit seiner Lotte trauen ließ. Im Walde, wo sternförmig eine Anzahl Schneißen zusammengehen, hat man ein anmutiges Bild der alten Saalefesten, durch je eine Waldstraße erblickt man die Kunitzburg, den Fuchsturm (der letzte Rest der drei Hausbergburgen, Abb. 23) die Lobedaburg, die Leuchtenburg bei Kahla. Steil ragen die Muschelkalkberge stufenweise über die Waldflächen des Sandsteins. Trotz ihrer Pflanzenarmut sind sie von malerischem Reiz, wenn sie sonnenbestrahlt in leuchtenden Farben prangen.
Abb. 22. Lichtenhain.
Roda. Eisenberg.
Oberhalb des weimarischen Städtchens Lobeda (900 Einw.) zieht rechtwinklig zum Saalthale das Thal der Roda aufwärts, an deren Ufer die altenburgische Stadt Roda (3700 Einw.) liegt, eine stille Sommerfrische; weiter östlich setzt sich das untere Rodathal im lieblichen Zeitzgrund fort. Beide in die Sandsteinplatte eingewaschene Thäler werden von der Eisenbahn benutzt, die dann über die 340 m hohe Wasserscheide und vorüber an dem an Sandsteinbrüchen reichen Kraftsdorf nach dem Elsterthale führt. Von hier aus südlich herrscht, abgesehen von den Muschelkalkschollen bei Kahla und Saalfeld, Sandstein vor bis an den Saalfeld-Pößnecker Zechsteingürtel. Im Gegensatze zu den steilen Formen des Muschelkalkes zeigt der Sandstein sanfte abgerundete Formen und ist ausgezeichnet durch große Fichten- und Kiefernbestände, die nördlich fast bis zur altenburgischen Stadt Eisenberg (8000 Einw.) reichen. Eisenberg liegt auf einem Sandsteinkegel, hat ein altes Schloß (Christiansburg) und lebhafte Industrie. Eine Zweigbahn führt ins Thal der Rauda bis Krossen; aufwärts ist das Raudathal ein hübsches Waldthal, wegen zahlreicher Wassermühlen auch Mühlthal genannt, und führt bis zu den Sommerfrischen Klosterlausnitz (1600 Einw.) und Hermsdorf (2200 Einw.). Südlich von Roda führt das Thal des roten Hofbaches nach dem kleinen Lustschlosse »Fröhliche Wiederkunft«; westlich davon bei Hummelshain steht in prachtvoller Waldumrahmung ein neues Schloß ([Abb. 24]) des Herzogs von Altenburg.
Kahla. Orlamünde.
Die altenburgische Stadt Kahla (4400 Einw.) war früher stark befestigt und hat heute bedeutende Porzellanfabrikation, die 800 Arbeiter beschäftigt. Der Dohlenstein mit den Schutthalden zweier Bergrutsche ([Abb. 25]) und der 400 m hohe Kegel der Leuchtenburg sind getrennte Muschelkalkinseln an der rechten Thalflanke. Die Leuchtenburg ist wohl ursprünglich im IX. Jahrhundert als Schutzburg gebaut, später oft zerstört und wieder aufgebaut worden und bildet heute ein stolzes Wahrzeichen der mittleren Saalgegend. Hoch auf dem Sandsteinrande gegenüber der Orlamündung liegt das altenburgische Städtchen Orlamünde (1400 Einw.). Innerhalb der Ruinen der alten Stadtbefestigung steht die Kemnate, der letzte Rest der alten Grafenburg, wo einst das Geschlecht der im XVI. Jahrhundert erloschenen Grafen von Orlamünde hauste. An dieses Geschlecht knüpft sich die Sage von der weißen Frau an, der Gräfin Kunigunde, die in verblendeter Liebe zum schönen Burggrafen Albrecht von Nürnberg ihre beiden Kinder tötete und wegen ihrer Schuld selbst nach dem Tode keine Ruhe finden konnte, sondern da und dort als »weiße Frau« erschien. Die Orla mündete in alter Zeit bei Saalfeld in die Saale, ehe jener Nebenfluß, der jetzt den Unterlauf der Orla bildet, rückwärts einschneidend die Veranlassung gab, daß die Orla nun von Pößneck nach Orlamünde durchbrach und in der Richtung nach Saalfeld die Thalwasserscheide von Könitz gebildet wurde.
Das soeben beschriebene Gebiet des aus Buntsandstein bestehenden Südteiles der Saaleplatte bildet ungefähr den Westkreis des Herzogtums Altenburg, das »Altenburger Holzland«, das 44 vom Hundert seiner Fläche mit Wald, meistens Nadelwald, bewachsen hat. Das Klima ist hier rauher als im altenburgischen Ostkreise, dem Holzwuchse aber nicht ungünstig. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt hier vom Walde, d. h. von der Zubereitung von Hölzern für gewerbliche Zwecke und von der Herstellung allerlei Holzgerätschaften, besonders in Klosterlausnitz. Dieses »Holzland« hat nur 46 vom Hundert seiner Fläche Äcker und Gärten, und nur sieben vom Hundert Wiesen, die sich meist auf die flachen Thalungen beschränken.
Rudolstadt.
Aus grüner Saalaue erhebt sich Rudolstadt (12000 Einw.), die freundliche Hauptstadt des Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt (Abb. 26). Die Stadt wird urkundlich zuerst im Jahre 800 als Eigentum des Klosters Hersfeld erwähnt, 1227 als Besitz des Grafen von Orlamünde; 1335 kam sie an die Grafen von Schwarzburg. Sie wird überragt vom Residenzschloß Heidecksburg, das sich weithin sichtbar auf dem 50 m hohen Vorberge des hinter dem Schloß noch weiter ansteigenden Hainberges erhebt, der die Saale vom Wüstenbach trennt. Schon im XVIII. Jahrhundert blühten hier verschiedene Industriezweige, besonders Porzellanherstellung und Glockengießerei, die ganz Thüringen mit Glocken versorgte und wo Schiller seine Studien für die »Glocke« gemacht haben soll. Schiller kam zuerst 1787 nach Rudolstadt und nahm 1788 seinen Sommeraufenthalt im benachbarten Dorfe Volkstedt (1570 Einw.). Abends war er meist in Rudolstadt bei der ihm befreundeten Frau von Lengefeld, deren Tochter Charlotte er später als Gattin heimführte. Am rechten Saalufer gegenüber Volkstedt erhebt sich ein Fels, an dessen Wand zu Ehren des Dichters seine Büste angebracht wurde, seitdem ist diese »Schillerhöhe« ([Abb. 27]) ein viel besuchter Platz geworden.
Abb. 23. Fuchsturm bei Jena.
Saalfeld.
In geringer, nur einige Kilometer betragender Entfernung von Rudolstadt mündet bei Schwarza (1300 Einw.) die klare ehemals goldführende Schwarza in die Saale. In freundlicher Thalweite liegt an den Ufern der Saale die meiningische Stadt Saalfeld (10000 Einw.), eine der ältesten Städte Thüringens ([Abb. 28]) und einst im Schutze der Sorbenburg entstanden ([Abb. 29]). Sie war der befestigte Mittelpunkt des alten Orlagaus und lange Zeit von gemischter thüringischer und sorbischer Bevölkerung bewohnt. Ein lebhafter Marktverkehr blühte, begünstigt vom Flußverkehr und dem benachbarten Bergwerksbetrieb, obwohl spätere Jahrhunderte wiederholte Zerstörungen brachten. Der Erzbischof Anno von Köln gründete hier 1071 eine Benediktinerabtei, an deren Stelle in der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts das herzogliche Schloß gebaut wurde. Das Franziskanerkloster nahm 1578 bis 1579 die Universität auf, als Professoren und Studenten wegen einer schweren Seuche aus Jena flüchteten. Malerisch schaut mit seinen Ziergiebeln das aus dem XIV. Jahrhundert stammende Schlößchen Kitzerstein ins Flußthal herab. Die benachbarte Sorbenburg oder Hohenschwarm ist wohl im X. oder XI. Jahrhundert erbaut worden, wurde aber seit dem XVI. Jahrhundert zur Ruine, die mit ihren beiden Türmen ein sehr wirkungsvolles Bild gibt. Der Befestigungskranz der Stadt wurde in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts begonnen, entspricht im übrigen jedoch den Anlagen des XV. und XVI. Jahrhunderts. Aus dem XVI. Jahrhundert stammt auch das schöne mit Treppenturm, Giebeln und Dachtürmen geschmückte Rathaus, eine Verschmelzung von Spätgotik mit Frührenaissance. Wie überall trat auch hier infolge des dreißigjährigen Krieges ein betrübender Niedergang ein, und erst im XIX. Jahrhundert kam die Zeit eines erneuten Aufschwunges und reger Industriethätigkeit. Nördlich von Saalfeld erhebt sich der 482 m hohe Muschelkalkkegel des Kulm, von dessen 19 m hohem Aussichtsturm sich eine weite Rundsicht erschließt, im Norden bis zum Fuchsturm bei Jena, im Westen bis zur dunklen Kuppe des Kickelhahnes bei Ilmenau, nach Osten bis Ranis und Hummelshain. Der ganze sich von hier aus nach Osten ausdehnende Höhenzug heißt die Heide, eine Sandsteinplatte von durchschnittlich 400 m Höhe und durch Flußläufe in ein Hügelland aufgelöst.
Abb. 24. Schloß Hummelshain.
Einen außerordentlich lehrreichen Aufschluß des Geländes sieht man oberhalb Saalfelds bei Obernitz: stark verbogene devonische Schichten, deren von der alten Meeresbrandung zerstörte Oberfläche beinahe wagerecht von Zechstein überlagert ist. Die Schichtenbiegungen der devonischen Kalke und Schiefer stammen aus der Zeit der oberen Steinkohle. Damals bildeten diese Falten die hohen und langen Gebirgsketten der mitteldeutschen Alpen, von denen jetzt nur noch das Fundament vorhanden ist. Über die eingeebnete Faltenruine sind die Zechsteinkalke hingebreitet. Der ausgedehnte Zechsteingürtel, der fast den ganzen Rand des Thüringerwaldes begleitet, erscheint hier in erheblicher Breite und streicht über Pößneck bis gegen Gera, die nördliche Sandsteinplatte trennend von der südlich auftretenden unteren Karbonformation, die sich meist aus Schiefern und Grauwacken zusammensetzt. Der Zechstein, eine vorherrschende Kalkablagerung, hat seinen Namen von den Zechen, den Häuschen der Bergleute, was schon darauf hinweist, daß in seinem Gebiete ein lebhafter Bergbau betrieben wird, in der Gegend von Saalfeld bis Ranis schon von alters her. Am wichtigsten sind die Eisenwerke von Kamsdorf, Unter-Wellenborn und Röblitz. Der Zechsteingürtel bildet hier eine Senke, die schon früh verkehrswichtig war und die auch den Weg vorschrieb für die Eisenbahn Saalfeld-Weida.
Abb. 25. Kahla mit der Leuchtenburg.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Pößneck.
Der rudolstädtische Marktflecken Könitz (800 Einw.) wird von einem im XVI. Jahrhundert erbauten Schlosse überragt, ehemals eine Besitzung der deutschen Könige. Das Städtchen Ranis (2000 Einw.) gehört zum preußischen Kreise Ziegenrück und liegt zu Füßen der alten malerischen Burg Ranis. Ein wichtiger Industrieplatz ist die meiningische Stadt Pößneck (11000 Einw.) geworden, nach dieser Richtung hin »die Krone der meiningischen Städte« genannt ([Abb. 30]). Schon seit dem Mittelalter blüht hier die Tuch- und Lederfabrikation, denen in neuerer Zeit noch Flanellherstellung (jährlicher Umsatz zwölf Millionen Mark), besonders aber Porzellanfabriken (darunter eine mit 800 Arbeitern) und Schokoladefabrikation (die etwa 1000 Arbeiter beschäftigt) zugesellt wurden. Die alte Stadtkirche stammt aus dem XIV., das mit zierlicher Freitreppe versehene gotische Rathaus ([Abb. 31]) aus dem XV. Jahrhundert. Beachtenswert sind in nächster Nähe der Stadt die mit Fichten bestandenen wallartigen Höhen der Altenburg und der Haselberge, Dolomitriffe, die nun aus der gesunkenen Zechsteinumgebung aufragen (s. [Abb. 30]).
Neustadt. Triptis.
Von Wichtigkeit ist auch die weimarische Kreisstadt Neustadt an der Orla (6000 Einw.), mit hübschem, später durch Anbauten entstellten Rathaus aus dem Anfange des XV. Jahrhunderts. Südlich der Stadt liegt das Dörfchen Arnshaugk mit einem Schlosse, das an der Stelle des alten Stammsitzes der Ende des XIII. Jahrhunderts ausgestorbenen Grafen Arnshaugk erbaut ist. An der oberen Orla liegt das weimarische Städtchen Triptis (2250 Einw.), wo eine Bahn nach der auch als Sommerfrische besuchten weimarischen Stadt Auma (2500 Einw.) und dann über Ziegenrück nach Blankenstein läuft. Triptis liegt 368 m hoch über dem Meere; in ähnlicher Höhe überschreitet die nach Nordosten führende Bahn die Wasserscheide zwischen Saale und Elster.
Saaleoberlauf.
Von waldigen Bergen umrahmt, mündet bei Eichicht (450 Einw.) die Loquitz in die Saale, die hier ihren Oberlauf beginnt. Die Landschaft zeigt hier völlig veränderte Formen, da der Fluß in außerordentlich zahlreichen Krümmungen sich nun in das Schiefergebirge sein Bett gegraben hat. Steile Wände bilden die Thalränder, oft ragen die dunklen Felsen aus dem Nadelwald hervor und engen den Fluß ein, so daß fast nirgends Raum für eine Straße bleibt. Nur an wenigen Stellen wird der Fluß von Brücken überschritten, da im engen Thale auch keine Orte erbaut werden konnten. Nur an der Mündung des Drebabaches winden sich die schmalen Häuserzeilen der preußischen Kreisstadt Ziegenrück (1200 Einw.) empor, überragt vom alten Schlosse. Die Holzausbeute der weit ausgedehnten Wälder wird hier gesammelt und dann nach Camburg oder Kösen verflößt. Beachtenswert sind bei Ziegenrück wie bei Saalfeld altdiluviale Schotterlager mit oligozänen Quarzgeröllen, auf Höhenstufen liegend, die sich 115–130 m über dem heutigen Wasserspiegel befinden. Von dieser Höhe also hat sich der Fluß die Thalrinne ausgenagt, in der er heute fließt. Eine neue dem rechten Ufer folgende Straße führt nach dem Luftkurort Walsburg, gegenüber der Mündung des Wiesenthales.
Alter Bergbau.
Ein Seitenstück zu Schwarzburg in Bezug auf landschaftliche Schönheit bietet Schloß Burgk, das hoch auf einer bewaldeten von der Saale umspülten Felshöhe thront. Das Schloß erhielt seine jetzige Gestalt erst im XV. Jahrhundert, während die frühere Burg weiter südlich und näher dem Flusse lag. Am Flusse liegt der Burgkhammer, früher ein bedeutendes Eisenwerk, heute eine Sägemühle, zu der durch den Schloßberg von einer der oberen Saalwindungen ein Kanal geleitet ist. Viele Ortsnamen mit der Endung »hammer« deuten auf alten Bergbau hin. Am frühesten, etwa bis zum XIII. oder XIV. Jahrhundert, dürfte eine Bergbauthätigkeit in den Seifenarbeiten auf Gold und Zinn gewesen sein, also die im Erdreich vorhandenen Metallteilchen durch Wasser zu gewinnen. Dann gab es überall in Thüringen eine Blütezeit des Bergbaues, der aber zu Beginn des dreißigjährigen Krieges zu Grunde ging. An der oberen Saale wurden Stahlhütten betrieben und allein im Bergwerksgebiete des reußischen Landes waren über vierhundert Gruben im Abbau, dabei 319 auf Eisen, die übrigen auf Gold, Silber, Antimon, Kupfer, Blei und Alaun. Die Saale hat hier überall den Charakter eines in das Schiefergebirge eingeschnittenen Plateauflusses, der den größeren Rheinzuflüssen ähnelt und auch hohe landschaftliche Schönheiten aufweist, außer der Umgebung von Burgk besonders erwähnenswert die Abstürze des Heinrichsteins bei Gottliebsthal. Auch wo die Zuflüsse in engen Thälern rauschen, geben sie für größere Siedelungen keinen Raum, aber sie zerschneiden die Stufenplatten des Geländes, das dadurch einen reich gegliederten reizvollen Anblick bietet. Wir finden deshalb im ganzen Südosten Thüringens die meisten Orte auf der Höhe gelegen, im Gegensatze zum westlichen Thüringerwald, wo das Gebirge als Kamm ausgebildet ist und die Ortschaften meist in den anmutigen Thälern gebaut sind.
Abb. 26. Rudolstadt.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Hirschberg.
Das zu Reuß jüngere Linie gehörige Saalburg (860 Einw.) ist ein von Obstgärten umgebenes ärmliches Städtchen, in dessen Nähe Marmor gebrochen wird, der zur Silurformation gehört. Zusammenhängend mit der alten Stadtbefestigung sind die Ruinen einer im XI. Jahrhundert gegen die Sorben erbauten Burg. Saalburg war eine Hauptstation an der alten Frankenstraße Nürnberg-Leipzig, deshalb auch militärisch wichtig und von vielen Kriegszügen berührt. In der Nähe findet sich das Saalburger Eisloch, eine echte Eishöhle, im kleinen Bleiloch an den Bleibergen. Bei Saaldorf liegt in wildreichem Nadelwald das Jagdschloß Weidmannsheil; unweit davon überschreitet eine feste Brücke die Saale bei Gottliebsthal, gleich wie Haueisen aus einer Zeche entstanden. Auch der weiter oberhalb am Flusse liegende Lemnitzhammer ist heute kein Eisenwerk mehr, sondern liefert nur hölzerne Gebrauchsgegenstände. Bei dem kleinen Dorfe Blankenstein erreicht der Rennsteig, der auf der Höhe des Thüringerwaldes und Frankenwaldes entlang zieht, sein östliches Ende. Unterhalb des Dorfes mündet bei 411 m Höhe über dem Meere die Selbitz in die Saale. An den größten Flußkrümmungen bestehen jetzt immer öfter Thalweiten größerer Ausdehnung, die mit Wiesen bedeckt sind. Während das preußische Dorf Blankenberg mit seinem Schlosse noch auf der Höhe thront, reichen die Häuser des preußischen Dorfes Sparnberg schon bis an die Ufer herunter. Auch das reußische Städtchen Hirschberg (1800 Einw.) reicht bis ins Thal der Saale hinab. Auf einem Felskegel erhebt sich das Schloß, ehemals eine gegen die Sorben errichtete Befestigung. Von Blankenstein aus bildet die Saale die Grenze gegen Bayern, von der Mündung des Tann- oder Töpenerbaches verläuft das obere Saalthal nur in bayerischem Gebiete, an den Fichtenabhängen des Leuchtholzes noch einmal tief eingebettet, dann aber in flacherer Thalmulde, die von den Kuppen des umgebenden Tafellandes um nur 120 m überragt wird.
Abb. 27. Schillerhöhe bei Rudolstadt.
Hof.
Auf dieser Hochfläche liegt in 473 m Höhe (der Bahnhof liegt 505 m hoch) die bayerische Stadt Hof (27600 Einw.), die ein Mittelpunkt für Industrie und Verkehr geworden ist. Schon früh war sie der Hauptort des Regnitzlandes, erwachsen aus einem zum Schutze gegen die Slaven angelegten Hofe (Regnizi, Regnitzhof). In den Hussitenkriegen, im dreißigjährigen Kriege und in den Kämpfen am Anfange des XIX. Jahrhunderts wurde viel Wohlstand vernichtet, die Stadt blieb aber lebensfähig und erholte sich so bedeutend, daß ihre Einwohnerzahl in den letzten dreißig Jahren sich fast verdreifachte. Schon im XVI. Jahrhundert entwickelte sich die Gewebeindustrie, die Hof zum Hauptplatz der oberfränkischen Woll- und Baumwollindustrie gemacht hat. Die Spinnereien haben etwa 200000 Spindeln, die Webereien 1900 Stühle im Betrieb. Wichtige Straßenzüge laufen hier zusammen, Verbindungen von Nord nach Süd mit Abzweigungen nach Westen (Franken) und Osten (Böhmen), die ihren Ausdruck auch in der Anlage von Eisenbahnen gefunden haben. Am obersten Saallaufe sind noch erwähnenswert der Flecken Oberkotzau (2100 Einw.) am Einflusse der Schwesnitz, das Städtchen Schwarzenbach (3900 Einw.), schon in offenem Hügellande liegend, und der Flecken Zell (650 Einw.). Nur wenige Kilometer oberhalb Zell entspringt die Saale in einer Meereshöhe von 728 m an der Südwestflanke des Waldsteins (878 m hoch), der mit seinem Granitwall die nördlichste Umrahmung des Fichtelgebirgmassivs bildet und auf seinen Höhen prächtigen Fichtenwald trägt.
Abb. 28. Saalfeld.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Abb. 29. Saalfeld um 1650 (nach Merian).