V.
Osterland.
Von der Saale nach Osten zeigt die Landschaft eine mannigfaltigere Gliederung. Grüne Flußthäler haben volkreiche Orte entstehen lassen, die um so mehr Industrie treiben, je bequemer sie an den Hauptadern des großen Verkehrs liegen. Die Wälder bedecken nicht mehr unabsehbare weite Flächen, sondern sind in dem abgestuften Gelände eingeschränkt und machen großen Feldern Raum, die ihre fruchtbarsten Gebiete in den größten Thälern haben.
Ungefähr ein Dreieck mit den Spitzen Saalfeld, Hof und Altenburg schließt das Osterländische oder Vogtländische Stufenland ein, das sich nach Norden zum oben beschriebenen Saalfeld-Neustädter Zechsteingürtel, sowie nach Osten zum Elsterthale hin langsam abdacht. Es ist das alte Grenzgebiet gegen das Königreich Sachsen hin und zeigt von den altpaläozoischen Schichten aufwärts bis zum Kulm eine bedeutende Faltung, vorzugsweise in der Richtung von Südwest nach Nordost. Das ganze Gebiet ist eine plateauartige Hügellandschaft, zerschnitten von einer großen Zahl weit verzweigter Thäler, die nur in den tiefen Einschnitten der Elster, Göltzsch und Weida einen gebirgigen Eindruck hervorrufen. Der Haupterhebungssattel dieses ostthüringischen Gebietes ist ein Kambriumstreifen, der sich in einer Breite von 8–11 km von Südwest nach Nordost erstreckt, hier aber unter das Rotliegende des Erzgebirgischen Beckens untertaucht, nach Südwesten sich aber fortsetzt bis zur oberen Saale. Parallel zu diesem Hauptsattel steigt der weiter im Südosten gelegene Erzgebirgische Hauptsattel, und zwischen beiden liegt die etwa 11 km breite Vogtländische Hauptmulde, in welcher besonders devonische Ablagerungen vorhanden sind. Auch sie taucht nach Nordosten unter das Erzgebirgische Becken unter, ist jedoch südwestlich noch weiter zu verfolgen. Nordwestlich aber vom Ostthüringischen Hauptsattel liegt die Ostthüringische Hauptmulde, wo die tiefsten Schichten dem sich breit ausdehnenden Oberkulm angehören. Nordwärts wird diese Mulde von dem am Rande des Thüringischen Beckens ausstreichenden Zechstein und Buntsandstein überdeckt. Nordöstlich von Ziegenrück bestehen zahlreiche flache Mulden, in denen sich Wasser ansammelt, da der Boden durch Thonschichten undurchlässig ist. Daher erfreut sich das Auge hier an Hunderten von hell schimmernden Teichen, die mit ihrer teilweisen Waldumrandung der Landschaft einen um so größeren Reiz verleihen, als Thüringen und besonders sein Gebirgsland sonst arm an stehenden Gewässern ist. Merkwürdig sind auf der Strecke Burgk-Schleiz-Zeulenroda-Weida-Ronneburg-Altenburg Diabasdurchbrüche, die der Landwirtschaft nicht nutzbar sind, wenn sie mitten im urbar gemachten Boden vorkommen, und meist mit Eichen, Buchen und anderem Laubholz bewachsen sind. Im Nordosten von Gera nach den Flußthälern der Sprotte und Schnauder hin verliert sich allmählich das alte Gebirge, und es beginnt der fruchtbare Ackerboden des altenburgischen Ostkreises, der dann hinüberleitet in die Tieflandschaften der Sächsisch-Thüringischen Bucht.
Schleiz.
Die meist waldgekrönten Kuppen des Berglandes erheben sich im Durchschnitt nur bis zu einer Höhe von 500–600 m. Der Rosenpiehl (wohl von gleicher Namensbedeutung mit dem westlich der Saale gelegenen Roßbühl, denn Rossezucht war hier wahrscheinlicher als Rosenzucht) nördlich von Gefell erreicht noch 653 m. Die größeren Zuflüsse der Saale und Elster bieten bequemere Zugänge zum oberen Lande. Das Thal des bei Ziegenrück mündenden Plothenbaches entwässert den großen Plothenteich; das vielfach gewundene Wiesenthal führt hinauf zur 443 m hoch gelegenen Stadt Schleiz (5100 Einw.). Die Stadt ist die zweite des Fürstentums Reuß jüngerer Linie, aus einer gartenreichen Umgebung ansteigend zum Schloßberg und mit reger Fabrikthätigkeit. Die auf einer Anhöhe malerisch gelegene Bergkirche stammt in ihren ältesten Teilen aus dem XII. Jahrhundert und deutet auf die Anlage eines ehemaligen Kalvarienberges. Die spätgotische Kirche ist eine der belangreichsten Bauten der ganzen Umgebung. Nach Schleiz führte früher die von Leipzig und Gera kommende Hauptstraße und teilte sich dann, um einerseits nach Saalburg-Coburg, andererseits nach Hof zu führen. Heute ist die Stadt durch eine Eisenbahn mit der Hauptlinie Leipzig-Hof verbunden. Das an seinen Hängen meist mit Wald bekränzte Thal der Wetterau oder Wettera führt zum kleinen ebenfalls zu Reuß jüngerer Linie gehörigen Städtchen Tanna (1600 Einw.), in einer flachen Mulde 533 m hoch gelegen. Südlicher, im oberen Thal des Ehrlichbaches liegt die preußische Stadt Gefell (1360 Einw., zum Kreis Ziegenrück gehörig), wo früher auf Eisenstein gebaut wurde. Jetzt werden die benachbarten Ockergruben ausgebeutet.
Abb. 30. Pößneck.
Pausa. Zeulenroda. Weida.
Nach der Elster ergießt sich als bedeutendster Nebenfluß die etwa 4 km oberhalb des sächsischen gewerbfleißigen Städtchens Pausa (3300 Einw.) entspringende Weida. Das Städtchen besitzt ein Eisen- und Moorbad. Die Quelle der Weida liegt 467 m hoch, und ihr Abfluß rinnt zuerst durch einen teichbestreuten Wiesengrund, eingerahmt von wenig gewölbten nur 40–50 m höheren Hügeln. Von der thüringischen Grenze an durchströmt die Weida jedoch in vielen Windungen ein immer tiefer und enger werdendes Thal. Auf der Höhe zwischen der Weida und dem in anmutiger Thalung fließenden Triebesbach liegt die zu Reuß älterer Linie gehörige betriebsame Stadt Zeulenroda (9000 Einw.), von deren Bewohnern allein 500 im Alaunwerke wohnen. Der Ort erhielt erst in der Mitte des XV. Jahrhunderts Stadt- und Marktgerechtigkeit und zeigt neben Greiz und Gera mit vielen kleineren Plätzen Ostthüringens, daß die Industriethätigkeit sehr oft nicht mehr an die natürlichen Bodenreichtümer gebunden ist, sondern sich selbständig entwickelt hat und besonders an billige Arbeitskräfte anknüpft.
Abb. 31. Rathaus zu Pößneck.
Im Triebesthale ist der Hauptort das zu Reuß jüngere Linie gehörige Dorf Triebes (3550 Einw.). Nördlich davon liegt auf bewaldeter Thalflanke das fürstliche Schloß Reichenfels, in der Nähe der ebenfalls zu Reuß jüngere Linie gehörige Flecken Hohenleuben (1840 Einw.). Im Leubathale liegt das mehr als 3 km lange Langenwetzendorf (2400 Einw.). Die industrielle Thätigkeit nebst dem Landbau veranlassen hier und weiter in den Gebieten Sachsens und elsterabwärts eine dichtere Volkszahl, die sich auch in der dichteren Verteilung der Ortschaften bemerkbar macht und nur durch große zusammenhängende Wälder (Pröllwitzer Wald, Greizer Forst u. s. f.) unterbrochen wird. An der Mündung der Auma in die Weida erhebt sich die weimarische Stadt Weida (5900 Einw.), mit lebhafter Textilindustrie. Die Stadt war im Mittelalter bedeutend, wurde aber im dreißigjährigen Kriege zerstört, wovon heute noch Ruinen zeugen, besonders die aus dem XII. Jahrhundert stammende gotisch-romanische Liebfrauenkirche. Der als Sommerfrische besuchte Ort wird überragt vom Schlosse Osterburg, im XII. Jahrhundert erbaut, einst Sitz der Vögte von Weida, später Residenz des Herzogs Moritz Wilhelm von Zeitz. Als Eisenbahnknotenpunkt ist die Stadt auch verkehrswichtig.
Greiz.
Die Elster (weiße Elster) durchfließt nur in ihrem mittleren Teile thüringisches Gebiet. Ihre Quelle tritt im Elstergebirge südöstlich der böhmischen Stadt Asch zu Tage, fließt beim Badeort Elster über die sächsische Grenze und durchströmt nun über Adorf, Olsnitz, Plauen und Elsterberg die obere Platte des Osterländischen Stufenlandes. Von hier ab strömt sie in thüringischem Land über Greiz nordwärts in engem, windungsreichem Thale, das mit seinen waldreichen Steilwänden manche landschaftliche Schönheit bietet. Diesen Charakter behält das Thal, bis es an der Mündung der Weida das Gebiet der kambrischen Schiefer verläßt. Die tiefen Einschnitte der Elster und seines rechten Nebenflusses Göltzsch haben solche Verkehrsschwierigkeiten geboten, daß beide durch Eisenbahnbrücken überspannt wurden, die in Mitteldeutschland die großartigsten Bauten ihrer Art sind. Bei Jocketa führt die Bahn über den 69 m hohen und 281 m langen Elsterthalviadukt, in der Nähe der Einmündung des Triebthales, wo die devonischen Schichten von Diabasdurchbrüchen durchsetzt sind. Hier, wie im »Steinicht« genannten benachbarten Thalstück der Elster, rauschen die Wasser über Felsblöcke, begrenzt von grünen teilweis bewaldeten Uferwänden; dieses hübsche Stück Landschaft wird mit dem volltönenden Namen »Vogtländische Schweiz« bezeichnet. In der Nähe der sächsischen Stadt Mylau (7400 Einw.) schwingt sich der 74 m hohe, 512 m lange Göltzschthalviadukt über die Thalenge, in den Jahren 1845 bis 1850 für 7 Millionen Mark erbaut.
Abb. 32. Greiz.
Gera.
Unweit der Einmündung der Göltzsch (ein echt slavischer Name!) in die Elster liegt in grünem Thale, das durch einen anmutigen Park verschönt wird, die Hauptstadt des Fürstentums Reuß ältere Linie, Greiz (22200 Einw.), zu Füßen des baumumkränzten Schloßberges ([Abb. 32]). Hier erhebt sich die alte obergreizische Residenz, einst der Sitz der Vögte des »Vogtlandes«, jetzt das Heim der Behörden; im XIII. Jahrhundert zuerst erwähnt, brannte sie im XVI. Jahrhundert ab und wurde erneuert. Greiz war mit Gera schon im XVIII. Jahrhundert Mittelpunkt der Wollindustrie und ist heute Hauptplatz für die deutsche Kammgarnweberei. Die Textilindustrie beschäftigt hier 10850 Arbeiter und 12000 mechanische Webstühle. Nördlich ist Greiz von Wald umgeben, in dem beim Idawaldhause eine vereinzelte Muschelkalkscholle geologisch belangreich ist. Der Nullpunkt des Elsterpegels liegt bei Greiz 254 m über dem Meere. Am Krebsbache liegt die östlichste weimarische Enklave mit dem Orte Teichwolframsdorf (1900 Einw.). Östlich von Greiz breitet sich das gewerbthätige Dorf Pohlitz (3450 Einw.) aus.
Abb. 33. Gera.
Elsterabwärts liegt das kleine weimarische Städtchen Berga (1400 Einw.) mit dem an Stelle der alten gegen die Sorben errichteten Burg Drifels erbauten Gut Schloßberga. Etwa bei der Mündung der Weida verläßt die Elster das Gebiet des Schiefers und zieht nunmehr in breitem, freundlichem Grunde weiter nordwärts über Gera, Köstritz und Krossen. Zwischen Krossen und Zeitz zweigt links der Floßgraben ab, ein für Zwecke des Holzflößens angelegter 68 km langer Kanal, der sich nordwestlich wendet und an Lützen vorüber Saale und Luppe erreicht. Seinem ehemaligen Zwecke ist er längst entfremdet und heute nur noch ein elender Graben, der nur durch die Schlachten von Lützen und Großgörschen wieder genannt wurde. Bei Zeitz tritt die Elster in die Sächsisch-Thüringische Tieflandsbucht ein, durchfließt eine breite Wiesenaue, die oft von Wald abwechslungsreich unterbrochen wird, in viele Arme geteilt bis Leipzig, wo sie rechtwinklig nach Westen umbiegt und dann unterhalb Merseburg in die Saale mündet, nur noch 83 m über dem Meere.
Köstritz.
Die weichen Thalränder sind meist von Buntsandstein gebildet, östlich von Gera treten aber auch noch devonische Schichten und ausgelagerter Zechstein in die Erscheinung. Gera (43500 Einw.) ist die Hauptstadt des Fürstentums Reuß jüngere Linie und war ehemals (wie auch Leipzig) eine wendische Ortsgründung, zuerst im XII. Jahrhundert genannt. Im dreißigjährigen Kriege fast zur Hälfte in Asche gelegt, auch Ende des XVIII. Jahrhunderts durch Brand fast völlig zerstört, hat sich die Stadt kraftvoll entwickelt und ist mit ihren vielen Fabriken, deren Schornsteine der Stadt einen nicht gerade malerischen Charakter geben, zu einem »Klein-Leipzig« herangewachsen ([Abb. 33]). Seine gewerbliche Thätigkeit verdankt es den im XVI. Jahrhundert eingewanderten Niederländern, aber erst seit der Mitte des XIX. Jahrhunderts trat mit der Einführung des mechanischen Fabrikbetriebs und in besserer Verbindung mit dem Zwickauer Kohlenbecken ein fabelhafter Aufschwung ein, so daß jetzt etwa 12000 Arbeiter und 10000 mechanische Webstühle in Thätigkeit sind; der Jahresumsatz beläuft sich auf 60 Millionen Mark. Aus dem Buchengrün des Hainberges schimmert das Schloß Osterstein herüber (auf unserer Abbildung im Hintergrunde links), das im XVI. Jahrhundert von den Vögten in Gera umgebaut, 1666 erweitert und in der Neuzeit teilweis nach englischem Vorbilde erneuert wurde. Die für Reuß jüngere Linie so bedeutende Industriethätigkeit, der über 60 vom Hundert der Gesamtbevölkerung zugehört, ist auch Veranlassung zu dem schnellen Wachstum der benachbarten Dörfer geworden, so daß dicht vor den Thoren Geras volksreiche Gemeinwesen entstanden, die Vororte Untermhaus (3950 Einw.) und Debschwitz (5600 Einw.), weiter südlich die Dörfer Pforten (2200 Einw.) und Zwötzen (3500 Einw.). Flußabwärts liegt das Brauereidorf Tinz (850 Einw.), der Flecken Langenberg (2500 Einw.) mit Weberei und der benachbarten Saline Heinrichshall, deren Salzquelle dem Zechstein angehört. Gegenüber am linken Elsterufer liegt halb in Gärten versteckt der Badeort Köstritz (2200 Einw.) mit Sol- und Sandbädern. Die hoch entwickelte Gärtnerei ist besonders wichtig für Rosen- und Georginenzucht, sowie Obstanlagen, weshalb für Landwirte und Gärtner auch eine Lehranstalt besteht. Als Pfarrer lebte hier in seinem Geburtsort der Dichter Julius Sturm; das parkumgebene Schloß ist Residenz der nicht souveränen Nebenlinie Reuß-Schleiz-Köstritz. Vom preußischen Flecken Krossen (1000 Einw.), auf dessen Buntsandsteinhöhen das gräflich Flemmingsche Schloß thront, führt eine Zweigbahn hinaus nach Eisenberg.
Östlich vom Geraer Gebiet des reußischen Landes und vom preußischen Kreise Zeitz dehnt sich der Altenburgische Ostkreis aus, der östlichste Vorposten Thüringens. Der ganze Ostkreis ist ein von sanften Hügelwellen durchzogenes Gelände, das nach Norden und Osten sich in eine Ebene verflacht. Im Süden gibt es noch Grauwackenschiefer mit dünner Humusdecke, die Ursache der geringen Fruchtbarkeit des Ronneburger Bezirks. Dort kommen auch noch silurische und devonische Schichten vor, weiterhin auch etwas Buntsandstein, doch spielen die wichtigste Rolle die in der Eiszeit zugeführten Materialien, besonders der geschiebefreie Löß und Lehm des Diluviums, da auf seinem Vorhandensein die Fruchtbarkeit weiter Landstriche beruht. Der Boden ist hier tiefgrundig, und der Landbau ist auch vom Klima begünstigt, da es mild und ebenfalls dem Holzwuchse zuträglich ist. Die Thone finden Verwendung in der Ziegelfabrikation und Töpferei. Der Bezirk Schmölln hat noch minderwertigen Boden, aber der Diluviallehm zu beiden Seiten des Pleißenthales gibt den prachtvollsten Weizenboden.
Ronneburg. Schmölln.
Die altenburgische Stadt Ronneburg (6200 Einw.) treibt Industrie. Auf einem Diabasfelsen steht ein altes Schloß, und eine eisenhaltige Quelle dient zu Kurzwecken. Obgleich hier im Ronneburger Bezirke die ländlichen Ortschaften außerordentlich dicht liegen (im oberen Sprottethal kommt auf jedes Kilometer Entfernung fast ein Dorf), sind in diesem ehemaligen Siedelungsgebiete fränkischer, niederländischer, bayerischer und schwäbischer Kolonisten die Volkszahlen vieler Dörfer doch zurückgegangen, da auch hier wie in vielen anderen Umgebungen von Fabrikstädten ein Teil der ländlichen Bevölkerung in diese Städte auswandert. Im oberen Sprottegrund liegt das Dörfchen Löbichau mit schönem Garten, Schloß und Erinnerungen an Körner, Tiedge und Jean Paul. Die Stadt Schmölln (9800 Einw.) ist durch lebhafte Textilindustrie ausgezeichnet, am wichtigsten ist für den Ort aber die Herstellung von Steinnußknöpfen, wobei etwa 2500 Personen beschäftigt sind, die wöchentlich über 7 Millionen Stück Knöpfe anfertigen. An der Haupteisenbahnlinie Leipzig-Hof liegt im Thale der Pleiße die altenburgische Industriestadt Gößnitz (5500 Einw.) mit vielen Fabriken.
Von den vielen Fabrikabwässern hat das Pleißenwasser eine tintenartige Färbung, und wenn Schiller mit besonderer Andeutung auf Leipzig von der Pleiße sang:
»Flach ist mein Ufer und seicht mein Bach, es schöpften zu durstig
Meine Poeten mich, meine Prosaiker aus«,
so würden heute seine Worte noch ganz anders lauten.
Altenburg.
Die Sprotte entspringt in den Teichen der reußischen Wüstung Werteln und mündet bei Saara in die Pleiße. Die Pleiße selbst berührt nur auf einer kurzen Strecke ihres Laufes altenburgisches Gebiet, da sie erst oberhalb Gößnitz eintritt, bei Regis, der kleinsten Stadt (1050 Einw.) des Königreichs Sachsen, dies Gebiet wieder verläßt. Einige Kilometer westlich der Pleiße, inmitten eines fruchtbaren Ackergebiets, erhebt sich die Hauptstadt Altenburg (33400 Einw.), beherrscht von dem auf hohem Porphyrfelsen ragenden Residenzschlosse, dessen älteste Teile aus dem XI. Jahrhundert stammten, das aber nach zahlreichen Bränden teils 1706 bis 1744, teils von 1865–1868 neu erbaut wurde. Das Schloß ([Abb. 34]) war der Schauplatz des in der Einleitung erwähnten Prinzenraubes. In der Nacht vom 7. zum 8. Juni 1455 raubte Kunz von Kaufungen die sächsischen Prinzen Ernst und Albrecht, die Söhne des Kurfürsten Friedrich des Sanftmütigen, um beim Kurfürsten seine Forderungen durchzusetzen. Kunz hatte zwei Mitschuldige, und der Verabredung gemäß sollten sich die Verschworenen trennen, um auf verschiedenen Wegen nach dem Kunzschen Schlosse Eisenberg zu gelangen. Nur eine Stunde von der Landesgrenze entfernt, wurde dem jüngeren Prinzen Albrecht während einer Rast im Walde Hilfe von einem Köhler, dessen Genossen durch den Klang der Hillebille herbeigerufen wurden. Der Prinz wurde befreit, Kunz gefangen genommen, und auf die Kunde hiervon gaben auch die anderen den gefangenen Prinzen Ernst frei. Die Abb. [35] und [36] zeigen deutlich die Veränderung und Vergrößerung der Stadt in 250 Jahren, die nicht nur Sitz der Landesbehörde ist, sondern sich auch einer bedeutenden Industrie erfreut. In der Nähe gibt es zahlreiche Steinbrüche und Braunkohlengruben. Der Handel ist bedeutend in Getreide, da der Altenburgische Ostkreis die Kornkammer Ostthüringens bildet und drei Viertel seines Flächenraumes angebaut ist, davon entfallen 66 vom Hundert auf Äcker und Gärten, 9 v. H. auf Wiesen. Die Stadt wurde urkundlich zuerst 980 erwähnt, wurde wahrscheinlich Mitte des XII. Jahrhunderts Reichsstadt, 1430 durch die Hussiten niedergebrannt, kam 1445 bei der Erbteilung an die Kurfürsten von Sachsen und wurde 1603 Residenz der älteren altenburgischen Linie des Ernestinischen Hauses, von 1826 an Sitz der neuen altenburgischen Linie.
Abb. 34. Schloß zu Altenburg.
Im östlichen Gebietsteile dehnt sich der Leina-Wald aus mit schönen Beständen von Fichten, Eichen und Buchen; westlich zwischen Gerstenbach und Schnauder die Fichten- und Buchenbestände des Kammer- und Luckaischen Forstes. Hier senkt sich das Gelände zu den parkähnlichen Wiesengründen der Schnauder, wo sich wieder einige bedeutende Siedelungen finden: die Stadt Meuselwitz (5300 Einw.), bekannt durch die reichen Braunkohlenlager ihrer Umgebung, und Wintersdorf (1000 Einw.). Die Braunkohlenförderung von 1500 Arbeitern in Sachsen-Altenburg beläuft sich jährlich auf 1¼ Mill. Tonnen im Werte von 2½ Mill. Mark. Bei dem nördlichsten altenburgischen Städtchen Lucka (1600 Einw.), das sehr gewerbefleißig ist, siegten 1307 die thüringischen Landgrafen über die Kaiserlichen unter Philipp von Nassau. Die Thone des Pleißenthales werden in Plottendorf bei Treben zu Röhren verarbeitet. Nördlich davon schimmern die fischreichen Haselbacher Teiche.