VI.
Wir kehren vom Rande der Niederung zurück zu den duftigen dunklen Nadelwäldern, an die felsigen Ufer der oberen Saale und wandern dann zur Höhe empor, wo sich das Gebirge zu massigen, breiten Buckeln aufbaut. Schiefer ist der Boden, der den Wald trägt, und mit seinen Platten sind die Häuser der Ortschaften bekleidet, ihnen damit ein besonders ernstes Gepräge verleihend. Ernst ist auch die Thätigkeit der Bewohner dieser Waldorte, mögen sie nun den Schiefer in nutzbringender Form verarbeiten, oder mögen sie Glas blasen oder Spielsachen fertigen, aber ein gütiges Geschick begabte sie mit Fröhlichkeit und leichtem Mut, auch wenn es ihnen sonst manches vorenthielt.
Abb. 35. Altenburg um 1650 (nach dem gleichzeitigen Stiche von Merian).
Frankenwald.
Zwischen der oberen Saale, dem Münchberger Gneisgebiet, dem Triasstreifen Neuenmarkt-Stadt Steinach-Kronach und den Thälern der Haßlach und Loquitz erhebt sich der südöstlichste Teil Thüringens, das meist karbonische Schieferplateau des Frankenwalds. Durch zahlreiche enge und tiefe Thalfurchen ist es in eine Menge rückenförmig gestalteter Berge zerteilt. Von oben erscheint daher die Landschaft eben oder hügelig, besonders in der Richtung von Südwest nach Nordost, während nach anderen Richtungen die steilen Gehänge der Thäler die Zerrissenheit des Geländes erkennen lassen. Die Höhe des Kammes bleibt fast immer die gleiche und erreicht durchschnittlich 690 m, die Länge des ganzen Frankenwalds ist zu 45 km anzunehmen; der Rennsteig, soweit er den Frankenwald entlang läuft, mißt von Blankenstein an der Saale bis zur Eisenbahn Probstzella-Hochstadt nur 29 km. So einförmig aber auf den ersten Blick das Gebirge erscheint, so mutet es doch an wegen seiner ausgedehnten Nadelwälder, in denen die ganz mit Schiefer bekleideten Häuser und die zahlreichen hohen Schieferhalden sich etwas düster ausnehmen. Herrlich ist der Blick in die Thäler, hinter denen sich die Bergmassen kulissenartig zusammenzuschieben scheinen, und auch von den flachwelligen Stufen des nördlichen Frankenwaldes, wenn man plötzlich die Thaleinschnitte der Saale oder Sormitz farbenprächtig zu seinen Füßen schimmern sieht.
Bayerischer Teil des Frankenwaldes.
Von der oberen Saale im kurzen Thale des Pulschnitzbaches aufwärts wandernd, erreicht man die bayerische Stadt Münchberg (4800 Einw.), am Nordfuß des 583 m hohen Eisenbühl, von wo eine Zweigbahn hinüber führt nach Helmbrechts (4450 Einw.). Unweit des 707 m messenden Hohberges entspringt die Selbitz und scheidet die Ostabdachung des Frankenwaldes in eine westliche und östliche Hälfte. Unweit Schauenstein (1150 Einw.), das etwa 80 m über dem Flußthale liegt, mündet der Döbrabach, der in der Nähe des nadelwaldbestandenen sargähnlichen 794 m hohen Döbraberges entspringt. Vom Aussichtsturm des Berges übersieht man das ganze Gebiet des Frankenwaldes und das Fichtelgebirge, im Osten erkennt man bei klarem Wetter das Erzgebirge, im Westen die Feste Coburg und die Gleichberge bei Römhild, im Norden den Kulm und Wetzstein. Im Gneisgebiete zeigt das Selbitzthal noch keine schroffen Formen, die erst eintreten, wenn das Schiefer- und devonische Gebiet durchströmt werden. In Selbitz (1800 Einw.), erreicht die Zweigeisenbahn von Hof das Selbitzthal, um dann über Naila (2300 Einw.) nach Marxgrün zu führen. Naila ist ein lebhaftes bayerisches Städtchen, in dessen Nähe sich Marmorbrüche finden, sowie das Eisenhüttenwerk Oberklingensporn und das Hammerwerk Unterklingensporn. In der Mulde des Stebenbaches liegt das kleine Stahlbad Steben. Der untere Teil des Selbitzthales hat den übertriebenen Namen Höllenthal, ist aber mit seinem rauschenden Wasser und den fichtenbewachsenen Steilwänden sehr anmutig. Auf kahler Höhe liegt das bayerische Städtchen Lichtenberg (770 Einw.).
Abb. 36. Altenburg.
Flößerei. Lobenstein.
Wie wenig Bedeutung die auf der Hochfläche aufgesetzten Berge haben, die nur selten eine ausgiebige Formentwickelung zeigen, sieht man am westlich von Naila gelegenen Spitzberg, der auf einem Seitenaste des Hauptkammes sich zu 728 m erhebt, während nur etwa 4 km westlicher im Thiemitzwalde eine unbenannte Höhe zu 759 m vermessen ist. Der ganze südwestliche Teil des Gebiets entwässert zur Rodach, deren weit in das Schiefergebirge hinaufreichenden Zuflüsse sich bei Kronach vereinigen. Hier werden vom Oktober bis April die Holzreichtümer des Waldes flußabwärts geflößt und die dafür hergerichteten Wasserstraßen, die Floßbäche, haben deshalb an beiden Ufern häufig eine Holzeinfassung. Im oberen Teile der Thäler werden nun die Wasser zu großen Floßteichen aufgestaut, in denen sich die Stämme sammeln, um dann nach Öffnen der Wehre die stammtragenden Wogen zu Thale rauschen zu lassen. Dann eilen die Flößer den Bach entlang, mit ihren Floßhaken die Hölzer leitend und ihr Ansammeln zu vermeiden. An großen Stauwehren werden die abwärts geführten Stämme aufgefischt und an wasserreicheren Stellen zu Floßböden zusammengefügt, um bis in den Main geführt zu werden. Die Rodach entspringt bei Rodacherbrunn auf der Höhe des Frankenwalds, während sich ihre Zuflüsse auf ein Gebiet von mindestens 25 km ausdehnen, die wichtigsten die wilde Rodach und der Tschirner Bach. Der obere Teil des wilden Rodachthals und seiner mit prachtvollen Edeltannen bewachsenen Nebenthäler ist merkwürdig durch die vielen Einzelhöfe seiner meist auf Hochflächen oder oberen Thalmulden erbauten Ansiedelungen. Nur Schwarzenbach am Wald (1500 Einw.) ist ein geschlossener Marktflecken, wo Schiefer, Serpentin und Marmor gebrochen wird. Wallenfels (1650 Einw.) im unteren Rodachthale ist ein katholischer Marktflecken, dessen Bewohner entweder in den Wetz- und Schleifsteinbrüchen oder als Flößer arbeiten. Östlich des Orts erhebt sich in dunklem Nadelwaldschmuck die Döbra, 597 m hoch (nicht zu verwechseln mit dem oben erwähnten 794 m hohen Döbraberg). Den Höhen nördlich liegen benachbart der bayerische Marktflecken Nordhalben (1700 Einw.), dessen katholische Bevölkerung in Schieferbrüchen oder Sägemühlen thätig ist, und das südlichste reußische Dorf Titschendorf. Hierher wanderte der evangelisch gewordene Volksteil Nordhalbens aus, als er hart bedrängt wurde, so daß Titschendorf zur Glaubenskolonie geworden war. Die Poststraße führt von Lobenstein über Nordhalben herab ins Rodachthal, wo sie Steinwiesen (1400 Einw.), ein bayrisches Flößerdorf, berührt, um dann nach Zeyern und Rodach hinabzuführen. Die Haßlach (richtiger Haslach = Haselwasser) entspringt etwa 2 km oberhalb des gleichnamigen Dorfes und in ihrem Thale läuft dann die Eisenbahn Probstzella-Stockheim. Sie vereinigt sich mit der Rodach bei Kronach, nachdem sie ihre bedeutendsten Zuflüsse aufgenommen hat, die Kremnitz aus dem Frankenwalde, die Tettau aus dem Schiefergebiete des südöstlichen Thüringer Waldes. Die bayerische Stadt Kronach (4250 Einw.) gehört dem Frankenwalde nicht mehr an, sondern der südwestdeutschen Triasmulde. Hier, wie im benachbarten Bezirk Lichtenfels wird überall die Korbflechterei als Hausindustrie betrieben. Kronach ist Geburtsort des Malers Lukas Cranach. Über der Stadt erhebt sich auf einem Sandsteinfels 378 m hoch die alte Bergfeste Rosenberg, die niemals bezwungen wurde, auch im dreißigjährigen Kriege leistete sie tapferen Widerstand. Die Meereshöhe des Flusses beträgt bei Kronach noch 303 m, östlich erhebt sich der Kreuzberg bis 458 m, die wichtigste Aussichtskuppe ist jedoch die Radspitze, 679 m hoch, von wo aus die Blicke über Coburg bis zum Staffelberge schweifen und bei klarem Wetter bis zu den blauen Kuppen der Rhön, nördlich aber die Gesamtheit des dunklen Frankenwalds umfassen.
So schön der Waldbestand im südlichen Frankenwald ist, so sehr zeigt die nördliche Abdachung eine etwas eintönige Landschaft auf breiten Rücken. Der Wald ist hier nicht überall gut gepflegt, die Felder oft mit langen Steinhalden an den Rändern versehen, die Thalränder aber meist gut bewaldet. Von den Hohlebrunnwiesen, 601 m hoch, unter dem aussichtsreichen Lobensteiner Kulm (728 m hoch) kommt die Thüringische Moschwitz herab, die Grenze zwischen Bayern und Reuß jüngere Linie bildend. An der aus den Lemnitzer Wiesenmulden herabkommenden Lemnitz liegt die ehemalige Residenz des Fürsten von Reuß-Lobenstein, die Stadt Lobenstein (2900 Einw.), überragt vom 30 m hohen Wartturm, die Reste einer alten Burg. Die Stadt hat als Badeort Wichtigkeit, da sie Stahlquellen besitzt und durch die Eisenbahnverbindung nach Blankenstein und über Remptendorf nach Ziegenrück dem Verkehr näher gerückt ist. Auf dem nördlichen durchschnittlich 500 m hohen Gelände liegt an der Friesa der Flecken Ebersdorf (800 Einw.), eine besuchte Sommerfrische mit evangelischer »Brüdergemeine«. Das Schloß war früher Residenz der Fürsten von Reuß-Ebersdorf-Lobenstein, jetzt Amtsgebäude.
Abb. 37. Leuchtenberg und Friedensburg.
Leuchtenberg.
Wie die ausgespreizten Finger einer Hand vereinen sich die forellenreichen Quellbäche der Sormitz, die herniederrauschen durch frischen Fichtenwald, bei dem freundlich gelegenen reußischen Flecken Wurzbach (1900 Einw.). Hier werden die aus den benachbarten Schieferbrüchen geholten Platten zu Schiefertafeln verarbeitet. Eine schöne Poststraße führt abwärts, vorüber an vielen Hämmern, die jetzt aber nur noch Sägewerke sind, nur die Heinrichshütte ist das einzige noch im Frankenwald bestehende Eisenwerk. Früher bestanden hier Silbergruben nebst Schmelzen. Schädlich für die Fischzucht sind die roten, schwefelsaure Thonerde enthaltenden Niederschläge, die aus den Schieferhalden von Schmiedebach herrühren. Im unteren Sormitzthal leuchtet aus der grünen Umgebung weiß schimmernd das rudolstädtische Städtchen Leuchtenberg (1280 Einw.), das aber nur noch 302 m hoch liegt und als Sommerfrische besucht wird ([Abb. 37]). Über der Stadt erhebt sich auf dem 100 m hohen Schloßberge die Friedensburg, eine unregelmäßige Anlage aus dem XV. und XVII. Jahrhundert.
Abb. 38. Sonneberg.
(Nach einer Photographie von Horn & Sohn in Sonneberg.)
Ludwigstadt. Probstzella.
Nördlich des Rennsteigs, unweit des Dörfchens Brennersgrün, erhebt sich der fichtenbewachsene Wetzstein (785 m), der höchste Berg des Frankenwaldes. Westlich davon rinnen die Quelladern der Loquitz, die sich nach einem außerordentlich gewundenen Laufe bei Eichicht in die Saale ergießt. Am oberen Flußlauf ist das bayerische Ludwigstadt (1700 Einw.) die bedeutendste Siedelung. Auf dem nördlichen Hange gelegen, hat der Marktflecken zu Bayern erst engere Verkehrsbeziehungen erhalten durch die Eisenbahn, die hier Süd und Nord miteinander verbindet. In der Nähe gibt es viele Schieferbrüche, deren Ausbeute zu Tafeln, Dachschiefern und Wetzsteinen verarbeitet wird. An der Einmündung der Zopte liegt der meiningische Flecken Probstzella (1200 Einw.), mit Porzellan- und Holzwarenindustrie. Probstzella (des Probstes Zelle) verdankt seine Entstehung einer Kapelle, die das Saalfelder Peterskloster hier für die zerstreut wohnenden Wäldler erbauen ließ. In der Nähe bestehen große Schieferbrüche, besonders am Bocksberg (Schieferbruch Selig) und am Kolditzberg sowie bei Kleinneundorf. Im ehemaligen Eisenhammer Gottesgabe ist heute eine Steinschleiferei thätig, wo Thonschiefer zu verschiedenartigsten Gebrauchsgegenständen verarbeitet wird. Bei Hockeroda mündet die Sormitz in die Loquitz; der Hockerodaer Hammer ist jetzt eine Holzstofffabrik.
Abb. 39. Mündung des Schwarzathals.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Lehesten. Schieferindustrie.
Von Ludwigstadt führt eine Zweigbahn zum meiningischen Städtchen Lehesten (2000 Einw.), dem Hauptsitz der thüringischen Schieferindustrie und der größten Schieferbrüche des europäischen Festlands überhaupt, die einen Jahresumsatz von über 2½ Mill. Mark erzielen bei einer Produktion von 42000 Tonnen (je zu 1000 kg). Der thüringische Schiefer ist in Bezug auf Güte und Schönheit unerreicht und deckt mit seinen Tafeln die Dächer vieler Gebäude in allen Weltteilen. Eine Masse von Arbeit ist nötig, ehe der Schiefer zum fertigen Gebrauche vorliegt. Am gesuchtesten ist der Dach- und Tafelschiefer von glänzend blauschwarzer Farbe, der sich noch durch Leichtigkeit, Feinheit, Reinheit und Dauerhaftigkeit auszeichnet. Von den Tafeln kommen die größten unter Hobelmaschinen und ersetzen dann die Marmorplatten bei Billards u. s. f. In ungeheuerer Anzahl wurden früher die kleinen Schiefertafeln für Schulzwecke hergestellt, doch ist die Herstellung wegen der geringeren Nachfrage zurückgegangen. Das Bearbeiten der Tafeln erfolgt vielfach als Hausindustrie, und in manchem ärmlichen Dörfchen des Gebirges sind viele fleißige Hände thätig bis hinab zu den Kinderhänden, die hier nur durch dauernde Arbeit das Wort: »Viel Kinder viel Segen« wahr machen können. Die Tafelindustrie ist in Lehesten und Gräfenthal am stärksten, neuerdings auch in den bayerischen Bezirken Kronach und Stockheim. Die Konkurrenz der Aufkäufer und Großhändler hat die Wirkung gehabt, daß hier wie fast in allen hausindustriellen Gebieten die Preise bis zum äußersten herabgedrückt sind. Wöchentlich kann eine Familie etwa ein Schock Tafeln liefern, wofür 18 bis 20 Mark bezahlt werden; an Kosten für Schiefer gehen aber fast drei Viertel davon ab, so daß für die ganze Arbeit von 14 bis 18 Stunden täglich noch nicht eine Mark bleibt; das Holz ist als kostenlos zu berechnen, da man so viel »findet«, als man braucht. In neuester Zeit wird aber auch viel Schweizer Schiefer verarbeitet, der einschließlich der Fracht noch billiger ist als der an Ort und Stelle gebrochene. Die billige Hausindustrie ist hier immer noch erfolgreich in Wettbewerb mit den gut eingerichteten Tafelfabriken Rheinlands und Westfalens, sie hat aber den amerikanischen Markt verloren, da dort aus eigenem Schiefer jetzt Tafeln hergestellt werden.
Griffelindustrie.
In besonderen Brüchen wird der Griffelschiefer gebrochen, der die zahllosen Schieferstifte liefert. Die Griffelindustrie war früher in Sonneberg stark vertreten, ist jetzt aber mehr in den schieferreichen Gebieten bei Steinach, Lehesten und Gräfenthal vorhanden. Der in den Brüchen gewonnene Stein muß leicht spaltbar und weich sein, weshalb er möglichst feucht gehalten und vor Wind und Sonnenstrahlen behütet wird. Auch beim Griffelmachen müssen alle Familienmitglieder mithelfen: der Vater bricht den Stein, sägt und zerspaltet ihn; das Runden, Aussuchen, Bemalen oder Bekleben und Spitzen besorgen Frau und Kinder. Eine Griffelmacherfamilie fertigt wöchentlich 12000 bis 15000 Griffel, von deren Verkaufspreis die Lebensführung abhängig ist. Aber auch hier kam rücksichtsloseste Konkurrenz zwischen den privaten Griffelmachern und den Genossenschaften, so daß trotz aller Mühe der Preis für das Tausend bis eine Mark und darunter sank. Eine andere Schieferart liefert den harten hellfarbigen Wetzschiefer, woraus die Wetzsteine hergestellt werden. Die größten Schieferbrüche sind der herzogliche Schieferbruch mit 600 Arbeitern, und der Oertelsche Schieferbruch mit etwa 1000 Arbeitern, durch eine 3 km lange Zahnradbahn mit dem Bahnhof Lehesten verbunden. Diese Betriebe gehören geologisch zum Kulm oder unteren Karbonformation, in der Thonschiefer vorherrschen, während in der oberen Karbonformation die Grauwacken überwiegen. Oft durchsetzen Grünsteine die meist steil aufgerichteten Schieferlager, so im malerischen Höllenthal (unteres Selbitzthal), am Lobensteiner Kulm, im Thale der wilden Rodach und anderwärts, aber auch Granit, wie am Hainberg (704 m) bei Schmiedebach unweit von Lehesten.
Erdgeschichte des Frankenwaldes.
Es sind im Frankenwald dieselben Kräfte thätig gewesen, die das obere Gebiet des Osterländischen Stufenlandes geformt haben und die sich noch weiter äußerten im Schiefergebiete des südöstlichen Thüringerwaldes. Durch den von Südost wirkenden Druck wurden auch hier die älteren Schichten zusammengeschoben und emporgehoben zu mächtigen Faltungen, welche die streifenartige Anordnung der Formationen bedingen. Im ganzen Schiefergebirge des Thüringerwalds, des Frankenwalds und des Osterländischen Stufenlands, sowie im Fichtelgebirge sehen wir nur noch einen Teil des alten Hochgebirges, das von Südwesten nach Nordosten sich quer durch Mitteleuropa erstreckt. Im Thüringerwald kreuzte sich mit diesem nordöstlichen Faltensystem ein nahezu senkrecht darauf stehendes nordwestliches, die zusammen den verwickelten geologischen und Oberflächenbau unseres Gebietes hervorgerufen haben. Gegen Ende der Steinkohlenzeit stiegen diese Mitteldeutschen Alpen wahrscheinlich zu ihrer größten Höhe empor, woran sich dann wieder die Periode des Verfalls anschloß. Abtragung durch Wasser, das an der Zertrümmerung und Wegschaffung der Gesteinsmassen arbeitet; ferner Senkungen und Spaltenbildungen, womit wohl die gewaltigen Ausbrüche von Eruptivgesteinen im Unterrotliegenden in ursächlichem Zusammenhange stehen. Das Endresultat war eine annähernde Einebnung der Mitteldeutschen Alpen, zumeist durch Ablagerungen des Rotliegenden, die von den Wässern in die Vertiefungen getragen wurden. Später drang das Meer weit in das bisherige Festland ein, hobelte die noch bestehenden Höhen ab und brachte die Ablagerungen des Zechsteins, der Triasformation (Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper), des Jura und der Kreide. Viele dieser Schichten haben damals das alte Gebirge des Thüringerwalds überdeckt, sind aber bis auf geringe Reste der Zerstörung anheimgefallen. Der aus Südwesten wirkende gewaltige Druck bewirkte nun neben Faltungen auch vielfache Zerreißungen. Ausgedehnte Landschollen sanken in tiefere Lagen, und in ursprünglicher Höhe blieben nur wenige »Horste« stehen, zu beiden Seiten des großen Thüringischen Senkungsfeldes (der Triasmulde) als wichtigste Landformen die Horstgebirge des Thüringerwalds und des Harzes. Von geringerer Bedeutung sind die Horste des Kyffhäusers, des sogenannten kleinen Thüringerwalds bei Schleusingen und die Görsdorfer Scholle bei Eisfeld. Durch bedeutende teils durch Verwerfungen und Absenkungen erfolgte Verschiebungen kam der heutige Thüringerwald in eine höhere Lage als die beiderseits anstoßenden Senkungsfelder. Weiter folgten dann noch starke atmosphärische Abtragungen, die meist die jüngeren Ablagerungen angriffen und häufig bis auf das alte Gebirge zurückgingen, die aber auch Veranlassung haben zu den heutigen weichen Umrißlinien des Gebirges, wodurch die thüringische Landschaft so reizvoll wirkt.
Abb. 40. Blankenburg und Burg Greifenstein.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)