VII.

Südöstlicher Thüringerwald.

Wir wandern aus dem Frankenwald hinüber in den benachbarten Thüringerwald, aber dem Auge bleibt die Scheidegrenze verborgen, da sie nicht von der Natur sehr sichtbar vorgezeichnet wurde. Über uns rauschen immer noch die dunklen Fichten und Tannen, und wo wir hinausblicken aus dem Wald, da vermeinen wir die gleichen fernen Höhen und nahen Thäler schon irgendwo gesehen zu haben, die uns jetzt in die Erscheinung treten.

Dieser südöstliche Teil des Thüringerwaldes ist meist von kambrischem Schiefergebirge gebildet und gleicht daher auch in seinen Oberflächenformen sehr dem benachbarten Frankenwalde. Auch hier ragen die Gipfelhöhen aus der Hauptmasse des Gebirges nicht allzu kräftig empor, wenngleich sich das Gebirge schon etwas verschmälert und dadurch den Anfang zur Ausbildung eines Gebirgskammes macht, der aber erst im Nordwesten völlig ausgebildet erscheint.

Kohlen.

Der südöstliche Teil des Thüringerwaldes reicht von der Wasserscheide zwischen Loquitz und Haßlach in einer Kammlänge von 38 km und einer mittleren Breite von 20 km bis zur Schwalbenhauptwiese, also etwa bis zu einer Linie, die man von Amt Gehren nach Gießhübel und Unterneubrunn zieht. Der Rennsteig, der auf der Höhe des Gebirgs entlang führt, mißt von der Bahn Probstzella-Hochstadt bis zur Schwalbenhauptwiese 44 km. Die Hauptmasse besteht aus kambrischen Schiefern, denen auf der Linie Mengersgereuth-Steinach im Südwesten bis Saalfeld im Nordosten ein Silurband von wechselnder Breite und ein schmaler Devonzug aufliegen. Im Süden des Rennsteigs reicht dieses Devonband über Ludwigstadt bis Lehesten und ist wichtig wegen ockerhaltigen Schichten und Knotenkalk. Daran schließt sich ein Silurstreifen, der eine kambrische Scholle umschließt. Weiter nach Südosten folgen die mächtigen Schichtenmassen der Kulmschiefer, in der Umgegend von Stockheim zu beiden Seiten des Haßlachthales von Rotliegendem überlagert. Der Silur ist wegen seines Gehaltes an Eisen und Griffelschiefern wichtig, im Kulm befinden sich die großen Dachschieferbrüche. Die jüngere (produktive) Steinkohle kam im Thüringerwalde nicht zur Entwickelung, dagegen gibt es zahlreiche, wenn auch minder ergiebige Kohlenflötze im Rotliegenden, bei Stockheim, Eisfeld, Manebach und Kammerberg, Schmalkalden, Tambach, Thal u. s. f. Im Westen unseres Gebiets stößt Kambrium an das Rotliegende und die Porphyrite der Bogenlinie Amtgehren-Schleusegrund, noch im Westen der Schleuse zungenartig hinübergreifend über Frauenwald bis zum Adlersberg und Schmiedefeld ins Gebiet der Porphyrite und Quarzporphyre.

Die durch die Thäler der Loquitz und Haßlach und über den Kamm des Gebirges führende Eisenbahn von Saalfeld über Probstzella und Stockheim nach Lichtenfels ist nicht nur eine bedeutende Verbindungslinie zwischen Nord und Süd geworden, eine Konkurrenzbahn für die früher allein wichtige Hauptbahn Leipzig-Hof, sondern hat auch in manche Thäler regeres Leben gebracht, besonders durch die Zweigbahnen Schwarza-Paulinzella-Arnstadt, Probstzella-Wallendorf und Ludwigstadt-Lehesten. In Ludwigstadt übersetzt die Bahn den im Trogenbachthal liegenden Ortsteil auf einem 200 m langen, auf fünf mächtigen, 26 m hohen Steinpfeilern ruhenden eisernen Viadukt, steigt dann 1 : 40 an und überschreitet die Kammlinie des Gebirges, also die Wasserscheide zwischen Elbe und Rhein, mittels eines 7–13 m tiefen und 1400 m langen Einschnittes in einer Höhe von 594 m über dem Meere. Der bayerische Flecken Rothenkirchen (750 Einw.) liegt nur noch 410 m hoch und treibt Flachshandel. Beim bayerischen Dorfe Stockheim (800 Einw.) und dem benachbarten meiningischen Flecken Neuhaus (1200 Einw.), beide im Gebiete des Rotliegenden, gibt es die ergiebigsten Steinkohlengruben Thüringens. Die Produktion auf den meiningischen Gruben betrug 1896 für Heiz- und Schmiedekohlen 325000 Centner im Werte von 106000 Mark. Im Tettauthale, das hoch vom Kamm herabkommt und bei Pressig ins Haßlachthal mündet, herrscht reges, gewerbliches Leben. Der meiningische Flecken Heinersdorf (1400 Einw.) und das bayrische Dorf Tettau mit Porzellanfabrik und der Glasfabrik Alexandershütte sind die wichtigsten Plätze in dem grünen Thale. Landschaftlich wichtiger ist das westliche, benachbarte Gebiet, das seine Zuflüsse in der Steinach (steinige Ache = steiniges Wasser) sammelt, die aus den Quellen des Bernhardsthaler Teiches am Rennsteige entsteht und die über Unter-Lauscha bis Köppelsdorf ein Waldthal durchströmt, das mit seinen Nebengründen (Höritzgrund u. a.) herrliche Naturbilder bietet und durch Mühlen- und Hammerwerke belebt ist. Die Steinach ist durch Anlage von Sammelteichen dem Flößereibetriebe dienstbar gemacht, auch führt jetzt das Thal aufwärts eine Bahn bis Lauscha. Ein schon 1578 angelegter Floßgraben führt von Oberlind nach Neustadt an der Heide, und verbindet dadurch die Steinach mit der Röden und Itz.

Abb. 41. Paulinzella.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)

Lauscha. Steinach.

Wir betreten hier eine Gebirgslandschaft, die bis zu den Kammhöhen hinauf vom Segen der Arbeit befruchtet wird und deshalb auf verhältnismäßig magerem Boden und trotz ausgedehntester Waldungen volksreiche Ortschaften aufweist. Im Osterländischen Stufenlande hat sich die Textilindustrie zur Großindustrie umgewandelt, daran schließt sich im Frankenwalde eine großartige Schieferindustrie, die vielfach noch hinübergreift in den Thüringerwald, wo sich dann Porzellan- und Glasindustrie anschließen, um im Südwesten in der Eisenindustrie ihren Abschluß zu finden. Am Rennsteig oben liegt das mit Neuhaus fast zusammenstoßende sperlingslose Dorf Igelshieb (800 Einw.), mit 838 m Meereshöhe das höchst gelegene Dorf Thüringens, auf waldumrahmter Hochfläche in lang gestreckter Häuserreihe. Die Häuser sind mit Schiefer oder wetterdunklen Brettern beschlagen, die Bewohner arbeiten in der Glasfabrikation. In der oberen Thalmulde liegt das meiningische Dorf Lauscha (4400 Einw.) mit durch eigentümliche Mundart, Tracht und Sitte charakterisierter Bevölkerung, die sich durch Fleiß und Erfindungsgabe ebenso auszeichnet wie durch Lebensfreudigkeit und Spottlustigkeit. Hier »in der Lausche« war der Ursprung der thüringischen Glasindustrie, hier gründeten 1595 Greiner aus Schwaben und Müller aus Böhmen (deren Namen noch heute zahlreiche Familien tragen), die erste Glashütte, die zum Vorbilde für alle anderen derartigen Anstalten wurde. In den in Lauscha bestehenden drei Glashütten werden die verschiedenartigsten Gegenstände gefertigt: künstliche Menschenaugen, Glasaugen für ausgestopfte Tiere und Puppen, Glasblumen und -früchte, Perlen, Spielwaren. Auch werden Glasspinnerei und Porzellanmalerei getrieben. Schon 1867 wurde hier eine Gasfabrik errichtet zur Speisung der Lampengebläse für die Glasbläser in Lauscha sowie der höher gelegenen Dörfer Ernstthal, Igelshieb und Neuhaus. Weiter abwärts im engen Thal liegt der meiningische Markt Steinach (5300 Einw.) mit Schiefer- und Griffelbrüchen, sowie einer Glashütte. Auf der Höhe zwischen dem Steinacher Hüttengrund und dem Tettauthal bauen sich in langer Reihe die Häuser des Fleckens Judenbach (2000 Einw.) auf, dessen Bewohner Spielwaren herstellen oder in den Porzellanfabriken Hütten-Steinach (960 Einw.) arbeiten. Judenbach war früher eine wichtige Haltestelle an der großen Handelsstraße von Nürnberg nach dem Norden, und es gediehen hier Fuhrbetrieb und Geleitswesen.

Abb. 42. Ilmenau.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Sonneberg. Sonneberger Spielwarenindustrie.

Von Judenbach aus führt die Straße nach dem ärmlichen am Kamm liegenden Griffelbrecherdorfe Spechtsbrunn fast immer in gleicher Höhe von 700 m fort. Die Gipfel erheben sich hier nicht bedeutend aus ihrer Umgebung heraus, der höchste bis 868 m Höhe ist das Kieferle bei Steinheid, der aber keinen umfassenden Rundblick bietet. Von seinen Flanken rauscht der Effelder Bach zu Thale, an dem Mengersgereuth und Effelder (930 Einw.) liegen, beide mit zahlreichen Mahl- und Märbelmühlen (Märbeln = Murmeln, die kleinen für Kinderspiele hergestellten Kugeln). Am Austritt des Rödenbaches aus dem Schiefergebirge, an der Grenze zwischen Kulmformation, Buntsandstein und des Oberlindischen Diluvialbeckens erhebt sich die 1317 zuerst urkundlich genannte meiningische Stadt Sonneberg (12200 Einw.), der Mittelpunkt der thüringischen Spielwarenindustrie, deren Erzeugnisse sich in allen Weltteilen Absatzgebiete erobert haben ([Abb. 38]). Hier ist das Wunderland für die Freuden der Kinderwelt, denn hier wird das herrliche Spielzeug geschaffen, das Tausende von Händen aus Holz und Papier, Glas oder Porzellan, aus Marmor oder Steinen hervorbringen. Diese Industrie gelangte von Nürnberg her auf der alten über Sonneberg führenden Handelsstraße ins meiningische Oberland, ist in ihren Anfängen bis ins XIV. Jahrhundert zurückzuverfolgen, aber erst seit dem XVIII. Jahrhundert konnte sich ein Aufschwung vorbereiten. Für die mannigfaltigsten Unternehmungen war schon von der Natur ein günstiger Boden gegeben, der Holz, Kohle, Schiefer, Marmor, Sandstein, Thon u. a. spendete, deren Verarbeitung wiederum durch Wasserkräfte erleichtert wurde. Schon immer trieben die Waldbewohner im Gebirge allerlei Hausgewerbe, besonders Herstellung hölzerner Gebrauchsgegenstände. Zu den gewöhnlichen Holzwaren kamen dann allerlei Spielwaren, seitdem sich Sonneberg vom Nürnberger Handel unabhängig gemacht hatte, und diese Waren gingen schon damals nach England und Amerika. Den Spielwaren gesellte sich die Porzellanherstellung und Porzellanmalerei, ferner die durch eingewanderte Salzburger bekannt gewordene Fabrikation von Märbeln. Seit 1820 begann die Fertigung von Papiermasse und daraus bestehender Waren. Hierdurch wurde es erst möglich, Massenartikel zu billigem Preise herzustellen, und es trat seit dieser Zeit in den Gewerbsverhältnissen eine völlige Umwälzung ein. Die Thätigkeit drängt sich für die Weihnachtsproduktion auf wenige Monate zusammen, wo es dann Tag und Nacht gilt, beim Kneten und Formen, Hämmern und Raspeln, Malen, Nähen und Puppenbekleiden rastlos fleißig zu sein. Nach Weihnachten herrscht dann im ganzen Meiningischen Oberlande Arbeitsstille.

Abb. 43. Ilmenau, neuer Teil.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)

Früher waren die Kaufleute einfach die Vermittler zwischen der erzeugenden Hausindustrie und dem Käufer, heute sind sie vielfach Besitzer von Fabriken, wo die Spielwaren geschaffen oder aus den in Hausindustrie gefertigten Teilen zusammengesetzt werden. Ein jeder pflegt meistens ein ganz besonderes Gebiet der Spielwarenindustrie. Hier gibt es alles Erdenkliche, was das Kindergemüt erfreut: Flinten und Kanonen, Büchsen, Armbrüste, Blasrohre, Schießscheiben, Instrumente, die entweder Musik oder wenigstens Lärm verursachen, Puppenstuben, Kaufmannsläden, Puppen, Puppenküchen und Puppenmöbel sowie Holzpferde. Dazu kommen noch alle möglichen Tiere mit und ohne Stimme, etwa 100 Millionen Märbeln aus dem marmorähnlichen Muschelkalk und viele Millionen in Lauscha hergestellter Glasmärbeln. Trotz der guten vom Gebirge herabwehenden Waldluft ist die Arbeiterbevölkerung, die auf beschränktestem Raume zahlreich und unter den ungünstigsten gesundheitlichen Verhältnissen ihr Dasein fristet, nicht gesund, sondern matt und siech. Fast die Hälfte aller im Alter von über 15 Jahren Sterbenden geht an Lungenschwindsucht zu Grunde. In ebenfalls trauriger Lage sind die Schnitzer und Drechsler als Hilfsarbeiter; sie liefern die Holzteile zu Puppenteilen, zu Tierbeinen, die Gestelle und Räder für die fahrenden Spielsachen u. s f. Andere befassen sich nur mit Gebrauchsartikeln, wie Schachteln, Griffel- und Farbenkästen; besonders in Steinheid und Steinach sitzt diese Gruppe von Holzarbeitern. Für die Thätigkeit der Hausindustrie bedeutete es eine schlimme Veränderung, daß die Schachtelmacher mit den Leistungen der Maschinen den Wettstreit aufnehmen. Da gab es eine tägliche Arbeitsleistung von 18 Stunden, und alle Kinder vom zartesten Alter an mußten mitarbeiten. Für das Tausend Schachteln wurden dann 3 bis 4 Mark bezahlt! Die Spielwarenindustrie wird meist als weit verzweigtes Hausgewerbe betrieben, in der Sonneberger Umgegend in mehr als dreißig Ortschaften. In und um Sonneberg sind allein etwa 2500 Frauen und Mädchen mit dem Nähen von Puppenkleidern beschäftigt, wobei in Stoff und Farbe sogar den neuesten Moden Rechnung zu tragen ist. Die Leute arbeiten mit Frau und Kindern in ganz gewisser, sich immer gleich bleibender Arbeitsteilung, wodurch allein eine große Schnelligkeit und die Möglichkeit erzielt wird, gut und zu außerordentlich billigen Preisen zu liefern. Zur Vervollkommnung wird Bildhauerei, Malerei und etwas Musik für die Spielwaren angewandt, und eine Industrieschule sorgt für zweckmäßigen Unterricht darin. Im Kreise Sonneberg befassen sich etwa hundert Firmen mit dem Spielwarengeschäft, dessen jährlicher Gesamtumsatz auf 12 bis 15 Millionen Mark geschätzt wird.

Abb. 44. Das Haus zum kleinen Gabelbach.

Am Westfuße des Kieferle liegt der Marktflecken Steinheid (1700 Einw.), nur 54 m unter dem genannten Gipfel, in kahler unwirtlicher Höhe. Wo jetzt graue Schindelhäuser stehen, war einst eine reiche Bergstadt, wo im XIII. Jahrhundert auf Gold und Silber von mehr als 1000 Bergleuten gebaut wurde. Im Jahre 1430 zerstörten die Hussiten die Bergwerke und den Ort, der auch im dreißigjährigen Kriege große Verheerungen auszuhalten hatte. Von großer Bedeutung für die Glas- und Porzellanbereitung ist der Sandberg bei Steinheid, eine mitten im Schiefergebirge vorhandene Buntsandstein-Scholle, die viele Fabriken des Gebirges mit Quarz und Kaolin versorgt, von letzterem 24 vom Hundert enthaltend. Westlich im Nadelholzbestand des Sigmundsburger Forstes erhebt sich der 864 m hohe Bleßberg, ein Schieferkegel, der eine prachtvolle Rundsicht gewährt, im Süden bis zum Fichtelgebirge und der Altenburg bei Bamberg, im Westen bis zur Rhön und im Norden bis zum Adlersberg bei Suhl und Kickelhahn bei Ilmenau, im Osten zum Wetzstein und den dunklen Wällen des Frankenwalds. In der Nähe der »Saar«, der Höhe westlich von Siegmundsburg, verläuft über den Schmieden (832 m) und den Bleßberg eine Wasserscheide, von der Bäche zur Saale, zum Main und zur Werra abrinnen, so daß diese Höhe die drei Flußgebiete der Elbe, des Rheins und der Weser voneinander scheidet. Am Westabhange des Bleßberges, oberhalb des Dorfes Stelzen, entspringt die Itz aus dem Itzbrunnen, dessen Fassung eine Erinnerung an das Mittelalter ist, als er unter dem Namen Mariahilf für wunderthätig galt und ein viel besuchter Wallfahrtsort war. Der Abfluß des Brunnens verschwindet bald in den Klüften des Muschelkalks und kommt erst an der Stelzener Dorfkirche wieder zum Vorschein. Die Itz fließt dann über Bachfeld nach Schalkau (1900 Einw.), das eine Kunstschule und eine Fischzuchtanstalt besitzt, und dann südlich, wo sie die Effelder und bei Öslau die Röden aufnimmt, um dann nach Coburg umzubiegen.

Fast von der Höhe des Rennsteigs fließt die Saar, die sich bei Schwarzenbrunn mit der jungen Werra vereint, in regenarmen Sommern gänzlich versiegt, so daß die dort liegenden Schneidemühlen monatelang feiern müssen. Die Werraquelle liegt 824 m hoch am nördlichen Zeupelsberge, und tritt nach ihrer Vereinigung mit der Saar aus dem Schiefergebirge in das Gebiet des Buntsandsteins hinüber. In ihrem obersten Thalabschnitt liegt das Thonwaren- und Blaufarbenwerk Sophienaue. Vom 834 m hohen aus Rotliegendem (mit Sandsteinen und Schieferthonen) bestehenden Fehrenberg rinnen die Quellbäche der Biber ab, eine wilde Schlucht bildend, um dann zahlreiche Mühlen zu treiben; die Biber mündet bei Lichtenau in die Schleuse.

Neuhaus a. R. Gräfenthal.

Nördlich der Steinachquellen und zusammenhängend mit dem schon erwähnten Dorfe Igelshieb streckt sich von der Höhe des Rennsteigs nach Norden der schwarzburg-rudolstädtische Flecken Neuhaus am Rennsteig (1900 Einw.), der wegen seiner Höhenlage von 812 m auch von Sommerfrischlern besucht wird. Den Anfang zur Ortschaftsanlage bildete ein gräflich schwarzburgisches Jagdhaus, das 1673 an der Stelle eines Vogelherdes entstand (wo jetzt das Forsthaus steht). Die ersten Bewohner arbeiteten im Walde und machten im Winter Schachteln. Später entwickelte sich die Glasbläserei und Porzellanfabrikation, die heute hier 500 Menschen beschäftigt, sowie Porzellanmalerei und Thermometerherstellung. Östlich senkt sich die hellgrüne Thalmulde des Lichtebaches in den dunklen Fichtenwald, deren Wasser der Schwarza zufließt. Hier im oberen Lichtethal sind in langen Häusergruppen das Dorf Lichte (1300 Einw.) und der meiningische Flecken Wallendorf (1300 Einw.) hingestreckt. Lichte war früher Holzmacherdorf, für das ebenso wie für Wallendorf die Porzellanindustrie maßgebend geworden ist. Für die künstlerische Ausbildung sorgt eine Zeichen- und Modellierschule in Lichte. Von Wallendorf führt jetzt eine Zweigbahn nach Probstzella im Thale des Zoptebaches entlang, die auch wichtig ist für die Verfrachtung des bei Gebersdorf gewonnenen Eisensteins, der in Unterwellenborn bei Saalfeld verhüttet wird. Die meiningische Stadt Gräfenthal (2200 Einw.) liegt in grünem schmalen Wiesenthal und lehnt sich mit der hoch ragenden Kirche malerisch an den Abhang eines steilen silurischen Thonschieferberges, der das im XV. und XVI. Jahrhundert erbaute Schloß Wespenstein (499 m hoch gelegen) trägt. Hauptthätigkeit ist auch hier die Porzellanfabrikation, ebenso ist Gräfenthal, wenn auch nicht in dem Maße wie Lehesten, ein Mittelpunkt der Schieferindustrie.

Bergwerksbetrieb.

Die Bergwerksförderung im ganzen Herzogtum Meiningen belief sich 1896 auf fast 2 Millionen Centner im Werte von dreieinviertel Millionen Mark. Von 154000 geförderten Centnern Eisenstein waren 79 v. H. Spateisenstein und 21 v. H. Brauneisenstein. Der Betrieb in den 26 Dach- und Tafelschieferbrüchen war ein sehr lebhafter und es wurden fast 1 Million Centner im Werte von mehr als zweieinhalb Millionen Mark abgesetzt. Auch die staatlichen und Privat-Griffelbrüche sind stets in flottem Betriebe gewesen und der Wochenlohn eines Griffelmachers erreichte die Höhe von 15–20 Mark. Leider werden in der Nähe von Lichtenhain und Bernsdorf geringwertige Griffel in beträchtlicher Menge aus Dachschiefer hergestellt und in den Handel gebracht. Von den Porzellansandbrüchen bei Schiernitz und Steinheid sind 114160 Centner Sand geholt worden, während die vier staatlichen Kaolinsandbrüche bei Steinheid in Pacht gegeben worden sind.

Abb. 45. Sitzungssaal der Gemeinde Gabelbach.
(Gezeichnet von Curt Agthe.)

Auf dem nördlich des Zoptethals aufsteigenden Hochlande reicht der höchste Punkt im Rauhhügel nur bis 803 m. Namen wie Schmiedeberg, Goldberg, Schwefelloch deuten darauf hin, daß schon in früher Zeit hier der Bergbau blühte, der aber heute nur noch auf Eisenstein betrieben wird. Schmiedefeld (1000 Einw.) und Reichmannsdorf (1100 Einw.) sind ehemalige Bergwerksdörfer, die schon im XII. Jahrhundert Bergbau auf Gold gepflegt haben, jetzt neben Landwirtschaft einige Gewerbe treiben, besonders Schachteln und Schiefertafeln herstellen. Die allmähliche Abdachung des Geländes nach Nordosten ist Veranlassung, daß die Kursdorfer Kuppe mit 789 m Höhe einen weiten Umblick gestattet, besonders auf das obere Schwarzathal und seine Verästelungen; einen ähnlichen Blick hat man auch vom Turme des Kirchberges (786 m) bei Oberweißbach. Außer der Loquitz bildet hier die Schwarza das Hauptsammelbecken der Gewässer, die östlich vom Dorfe Scheibe 715 m hoch vom Gebirgsrücken herabkommt. Eingeschnitten in kambrische Thonschiefer, windet sie sich in zahlreichen Biegungen durch tiefe Schluchten, über Felsblöcke dahinrauschend und läßt an manchen Stellen kaum Raum für die Straße oder schmale Wiesenstreifen. Die schönsten Theile des Thales sind der obere Abschnitt bis Blumenau und der untere von Schwarzburg abwärts, wo die Wände bis 45° Böschung haben oder senkrecht abstürzen. Ähnlichen Charakter zeigen auch die Nebenthäler, soweit sie gleiche geologische Beschaffenheit haben. Das Thal beherbergt indes viele Siedelungen und ist reich an gewerblichem Leben.

Abb. 46. Goethehaus auf dem Kickelhahn.

Katzhütte.

Das mächtige mit Buchen und herrlichen Tannen bewachsene Massiv des am höchsten Punkte 866 m messenden Wurzelberges wird von der jungen Schwarza in einem Halbkreise westlich umflossen. In der oberen wiesenreichen Thalweitung liegt in einer Höhe von 617 m, rings von Nadelwaldhöhen eingeschlossen, das rudolstädtische Dorf Scheibe (1000 Einw.), entstanden aus einem früheren Eisenhammer, mit bedeutender Porzellanfabrik. Der Bergbau auf Gold in Goldisthal, der noch im XVIII. Jahrhundert betrieben wurde, war zu wenig erträglich und mußte eingestellt werden. Die Ortsteile des schwarzburgisch-sondershäusischen Dorfes Ölze (1100 Einw.) ziehen sich am linken Schwarzaufer eine Stunde lang hin. An Stelle der eingegangenen Eisenhämmer sind Glashütten, Bleiweiß- und Farbenfabriken und viele Mühlen getreten, daneben beschäftigen sich die Einwohner noch als Holzarbeiter. In Altenfeld, wo Glashütten bestehen, zeugt ein alter Stollen noch von einem ehemaligen Silberbergwerk. Der Fabrikort Katzhütte (1600 Einw.), 427 m hoch, von hohen tannenbestandenen Bergen umschlossen, hat Eisengießerei und Porzellanfabrik, in der 300 Personen arbeiten und gegen 600 Familien noch außerhalb dafür beschäftigt werden. Hier wurde von den Gebrüdern Greiner 1759 die erste Porzellanfabrik in Thüringen angelegt, die aber in einigen Jahren nach Wallendorf verlegt wurde. Fast die Hälfte aller in Deutschland in den Porzellanfabriken thätigen Arbeiter sind in Thüringen vorhanden, wo trotz der Schwierigkeit der Beschaffung von Rohstoffen die Porzellanindustrie außerordentliche Bedeutung gewonnen hat. Nicht die Fabrikorte allein ziehen Vorteil davon, auch für deren weitere Umgebung ist die Industrie gewinnbringend, denn zahlreiche Waldbewohner arbeiten in Hausindustrie für die Fabrik oder sind in Sandsteinbrüchen und Massemühlen, ferner als Kapseldreher, Kisten- oder Pappkästenmacher thätig.

Abb. 47. Suhl und Domberg.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)

Großbreitenbach. Schwarzburg.

Der wichtigste Platz im oberen Schwarzagebiet ist die zu Schwarzburg-Sondershausen gehörige 634 m hoch gelegene Stadt Großbreitenbach (2800 Einw.), im XVII. Jahrhundert der Mittelpunkt der Balsamträger (Medizinhändler), jetzt thätig in Porzellanindustrie, Spielwaren- und Geigenfabrikation. Zur Hebung der Stadt trägt eine Kunstschule bei, aber auch die Eisenbahnverbindung über Gehren nach Ilmenau. Die nordwestlich davon auf waldlosen Höhen gelegenen Dörfer treiben Weberei, deren Mittelpunkt jedoch das in einem tiefen Thalkessel gelegenen Friedersdorf ist. Das größte Dorf des Weberbezirks ist Böhlen (1100 Einw.), wo früher Kupferbergbau bestand. In ein schmales Seitenthal zieht sich der 1½ km lange Ort Mellenbach (1000 Einw.) hinauf, der Glasbläserei, Thermometer- und Kistenfabrikation treibt, auch mehrere Säge- und Mahlmühlen hat. Auf der Höhe zwischen Schwarza und Lichte liegen Cursdorf (900 Einw.) am Fuße der Cursdorfer Kuppe, das eine Zündholzfabrik hat, und Oberweißbach (2100 Einw.), das sich erst nach dem dreißigjährigen Kriege durch den Medizinhandel schneller entwickelte, jetzt Porzellan und Thermometer herstellt.

Schwarza. Blankenburg.

Eine Menge von Eisenhämmern sind zu Sägemühlen umgewandelt worden, so auch der unterhalb der Lichtemündung liegende Blechhammer. In Sitzendorf wird Porzellan und Bleiweiß fabriziert. Nur 2 km flußabwärts von hier erreicht man den schönsten Punkt des Schwarzathales, Schwarzburg mit seinem hell ins grüne Thal schimmernden Schlosse, das 370 m hoch auf dem Ausläufer des Tännig erbaut ist, 80 m über der Thalsohle. Wie eine Insel ragt der Thonschieferberg empor, von der Schwarza in großer Schlinge umflossen, eine farbenprächtige Vereinigung von Thal und Berg, von Wiesen-, Fichten- und Buchengrün, ein so stimmungsvolles Landschaftsbild, daß Schwarzburg auch die »Perle Ostthüringens« benannt wird. Das Schloß ist urkundlich zuerst 1123 erwähnt und zuerst wohl als eine gegen die Sorben errichtete Burg anzusehen, die hier im Schwarzagebiet, wenn man den vielen Namen mit der Endung »itz« trauen darf, bedeutend über ihre sonstige Westgrenze, das Saalethal, vorgedrungen waren. Das heutige Schloß stammt aus der ersten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts. Der Ort Schwarzburg ist eine besuchte Sommerfrische. Den herrlichsten Blick hat man auf das Schloß und seine wundervolle Umrahmung von der Borkenhütte des Trippsteins, 195 m über der Schwarza gelegen ([Abb. 1]). Zwischen Schwarzburg und Blankenburg, wo der Fluß aus dem Schiefergebirge tritt, sind die Thalränder am kühnsten und steilsten und die Schieferfelsen nur dann ersteigbar, wenn ihm Zerklüftungen schmale Treppen gebildet haben. Nach diesem Schlußstück des Schwarzathales ([Abb. 39]) tritt der Fluß durch ein schmales Sandsteinband, und seine Ufer verlieren an charakteristischem Gepräge; hoch über den Anschwemmungen seines Wassers finden sich Lager von diluvialem Schotter. Der Ort Schwarza (1300 Einw.), wo die Schwarza in die Saale mündet, war ein alter Stapelplatz für Floßhölzer, ist jetzt aber nur auf Ackerbau und Gemüsezucht beschränkt. Im kleinen Werrethal und dem benachbarten rechten Uferrand der Schwarza wachsen herrliche alte Tannen, auf der Höhe im Wildgarten steht der Eberstein (387 m), ein burgartiger zu Jagdzwecken erbauter Turm.

Abb. 48. Oberhof.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)

Von Schwarza führt eine Eisenbahn über Blankenburg zunächst das Rinnethal aufwärts und über Paulinzella nach Stadtilm. Blankenburg (2600 Einw.), in grüner anmutiger Thalung wenig oberhalb der Rinnemündung gelegen, wurde schon 1071 als zum Orlagau gehörig erwähnt. Die Stadt liegt an der Gesteinsgrenze, wo Schiefer, Zechstein, Buntsandstein und Muschelkalk aneinander stoßen und dadurch der Landschaft ein mannigfaltiges Gepräge geben. Solche Lagebegünstigung durch Gesteinsgrenzen und Thalverbindung finden wir außerordentlich häufig und bemerken dies sowohl an dem Kranze von Städten, die den Gebirgssaum des Thüringerwalds umrahmen, als auch bei den großen Siedelungen im Thüringischen Triasbecken. Wegen seiner günstigen Lage ist Blankenburg ([Abb. 40]) zum Badeort geworden, hat auch lebhafte Industrie, Sägemühlen und Steinbrüche. Hier errichtete Fröbel 1840 den ersten deutschen Kindergarten. Nördlich der Stadt, die 226 m hoch liegt, erhebt sich ein 405 m hoher Muschelkalkkegel mit den ausgedehnten Ruinen der Burg Greifenstein, eine der größten Burganlagen Deutschlands. Urkundlich erst im XII. Jahrhundert erwähnt, war sie in drei Abteilungen geschieden und mit doppelten Mauern und Graben umgeben. Bis 1407 war die Burg von verschiedenen Gliedern der gräflich schwarzburgischen Familie bewohnt, von 1560 an verfiel aber der stolze Bau allmählich.

Abb. 49. Inselsberg.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Königsee.

Die Rinne entspringt im kambrischen Schiefer und tritt bei Königsee in den Zechstein und Buntsandstein ein. Die rudolstädtische Stadt Königsee (2900 Einw.), 385 m hoch gelegen, wird schon 1287 als Stadt erwähnt und hat ihren Namen wohl davon, daß es im Mittelalter Sitz eines Königsgerichtes war. Es wird neben Ackerbau viel Industrie getrieben, die Umgegend liefert Porzellansand und Gips. Früher war die Stadt weit bekannt durch seine Balsamträger (in feinstem Deutsch Laboranten oder Olitätenhändler genannt). Bald nach dem dreißigjährigen Kriege wurden in großem Maßstabe aus Kräutern und Wurzeln Arzneien, Pflaster, Magentropfen, Lebensbalsam, »Stockdumm« (Staugton-Elixir), Schneeberger Schnupftabak, Krammetsvogel-Spiritus und andere schöne Dinge zusammengebraut, die dann in ganz Mitteleuropa zum Verkauf herumgetragen wurden. Diese Balsamhändler hießen einfach »Königseer«, weil ihnen meist vom Amt Königsee die Pässe ausgestellt wurden. Das Geschäft ging gut und brachte große Einnahmen, wurde aber durch das Eingreifen der Gesundheitspolizei erheblich eingeschränkt und ist jetzt fast erloschen.

Abb. 50. Friedrichroda.
(Nach einer Photographie im Verlag von W. Zinke in Friedrichroda.)

Paulinzella.

Ein Seitenbach der Rinne, der Rottenbach, durchfließt das schöne Waldthal von Paulinzella, dessen ehemalige Stille aber durch Einbeziehung in den Eisenbahnverkehr geschwunden ist. Im Buntsandsteingebiete liegend, bietet das grüne Thal einen erfreulichen Gegensatz zu dem sandigen Kiefernwald, der sich nach Gehren zu erstreckt. Die Ruine der in romanischem Stile erbauten ehemaligen Klosterkirche ist eine der schönsten im deutschen Vaterlande. Schlank streben ihre Pfeiler empor und wölben sich zu herrlichen Bogen, während an Stelle des Daches der blaue Himmel hineinschaut ([Abb. 41]). Der Bau der Kirche wurde 1105 begonnen, während das Jungfrauenkloster schon Ende des XI. Jahrhunderts von Pauline, einer Tochter Morihos, Truchseß Heinrichs IV. gegründet wurde. Bald entstand in nächster Nachbarschaft ein Mönchskloster mit Benediktinern. Welcher Reichtum diesem Doppelkloster zufloß, ist daraus zu erkennen, daß über hundert Ortschaften dem Kloster zinspflichtig waren. 400 Jahre dauerte das wohl, dann brach über dem schweres Ärgernis gebenden Treiben der Klosterinsassen der Sturm des Bauernkrieges herein, und 1528 wurde das Kloster aufgehoben, vielleicht schon unter dem Einfluß der Reformation. Erst seit dem XVII. Jahrhundert verfiel der köstliche Bau, und mancher seiner Steine wurde zu den gewöhnlichsten Dorfhäusern verbaut.

Abb. 51. Schloß Reinhardsbrunn.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)