VIII.

Geologische Verhältnisse des Thüringerwaldes.

Wandert man auf dem Rennsteig vom Waldarbeiterdorf Masserberg gegen Neustadt am Rennsteig, also in den mittleren und nordwestlichen Teil des Thüringerwalds, so sieht auch das ungeübte Auge, daß durch die nun vorherrschende Buchenbewaldung auf eine andere Bodenbeschaffenheit zu schließen ist. Wir verlassen das Gebiet der kambrischen Phyllite und Thonschiefer und gelangen in das Bereich des Rotliegenden und der Porphyre. Das Gebirge schließt sich allmählich zusammen zu schmalerer Entwickelung, aber mit ausgesprochener Kammbildung. Immer klarer wächst eine Gebirgskette empor mit deutlicher Ausbildung von Kammlinie, Gipfeln und Pässen, und mit angegliederten Seitenästen. Der Hauptkamm überragt das Vorland um etwa 400–500 m, den Fuß des Gebirges umsäumen auch hier wieder zahlreiche Siedelungen wie eine Perlenschnur, durch die Hauptpunkte Schleusingen, Suhl, Schmalkalden, Liebenstein, Eisenach, Waltershausen, Ohrdruf, Ilmenau und Gehren gekennzeichnet. Die Kammlänge des mittleren und nordwestlichen Thüringerwalds beträgt 101 km, das ganze Gebirge einschließlich des südöstlichen Teils bis zur Wasserscheide zwischen Loquitz und Haßlach bedeckt einen Raum von 1985 qkm (der Harz umfaßt 2468 qkm) mit einer Bevölkerung von rund 200 000 Seelen. Die Länge des Rennsteigs von der Schwalbenhauptwiese bis zur Werra bei Hörschel beläuft sich auf 95 km. Im nordwestlichen Teile des Gebirges, fast in der Mitte der gesamten Längserstreckung zwischen Loquitz- und Haßlachquellen und der Werra erheben sich die höchsten Gipfel des Gebirges, als erster der Große Beerberg mit 983 m Höhe. Von hier aus senkt sich der Gebirgsrücken gleichmäßig nach Nordwesten hin, im Inselsberg noch einmal mächtig emporsteigend, um dann sich rasch abzustufen bis zum Eichelberg, 341 m, dem nordwestlichen Eckpfeiler über dem Werradurchbruch.

Abb. 52. Ruhla.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Im mittleren und nordwestlichen Thüringerwald treten nur in untergeordneter Weise Teile des älteren Grundgebirges empor; einmal im Granit in der Gegend von Mehlis und Zella bis Suhl, das hinübergreift ins Vesser- und Nahethal sowie ins obere Ilmthal, dann im Nordwesten archäische Gneise und Glimmerschiefer neben Graniten im Gebiet von Kleinschmalkalden und Brotterode bis über Ruhla hinaus. Das Hauptgebiet besteht hauptsächlich aus den Schichten des Rotliegenden mit wenigen Kohleneinlagerungen und mächtigen Konglomeratbildungen, sowie den in der jüngeren paläozoischen Zeit emporgedrungenen zahlreichen Eruptivgesteinen, namentlich Porphyren und Melaphyren. Hierzu kommen noch in einer vom Nesselbachthal nordwärts gerichtete Zone Diabase in den Schieferthonen des Rotliegenden, und vulkanische Aschen, die unter Einwirkung des Wassers zu Tuffen umgelagert wurden. Die Abgrenzung des Gebirges vom nördlichen und südlichen Vorland wird an vielen Stellen durch einen Zechsteingürtel vermittelt, am Südwestfuß vom Werrathale bis über Schweina hinaus oft in einer Breite von 2–3 km, dann treten nur noch einzelne Gebiete hervor, bei Seligenthal, Asbach und Benshausen. Von Suhl an tritt der mittlere Buntsandstein unmittelbar an das alte Gebirge heran, weiter südöstlich sogar der Muschelkalk, erst von Sonneberg an erscheint der Zechstein wieder. Auf der Nordostseite begrenzt ein schmaler Zechsteingürtel das Gebirge in mehrfachen Unterbrechungen, zu größerer Breite sich erst zwischen Gehren und Blankenburg entwickelnd. Erst östlich von Saalfeld erreicht er in der großen Senke bis nach Gera hin seine größte Breite und begleitet den Fuß des Osterländischen Stufenlandes, das mit der Platte des Frankenwaldes ein unmittelbar zusammenhängendes Ganzes bildet, wie wir oben bereits erwähnt haben. An den Unterbrechungsstellen tritt im Nordosten der untere Buntsandstein an das Gebirge, dem sich nach außen der obere Buntsandstein und der Muschelkalk anschließen.

Das Vorland beider Seiten besteht also, abgesehen von kleineren Gebieten älterer Gesteine an solchen Stellen, die gestörte Lagerungsverhältnisse aufweisen, im allgemeinen aus Schichten der mesozoischen Formation, besonders Triasschichten. Meist umsäumt dann der Buntsandstein als unterstes Glied der Trias den Gebirgsfuß, in geringerer oder größerer Entfernung folgt der Muschelkalk und weiterhin der Keuper, doch stoßen sowohl Muschelkalk als auch Keuper mehrmals an das ältere Gebirge an. Von besonderem Belang für die geologische Geschichte des Thüringerwalds ist das Auftreten vereinzelter Reste der alten Zechsteinbedeckung auf den Höhen des Gebirges, so auf den Höhen zwischen der oberen Ohra und oberen Lütsche (nördlich von Oberhof), zwischen dem Kehlthal und Brandleitetunnel, bei Arlesberg und Gehlberg, überall im Rotliegenden; und die Reste des Buntsandsteins hoch oben am Rennsteig bei Scheibe, Limbach und Steinheid, also mitten im Schiefergebirge.

Am Rennsteige, in der Nähe des großen Dreiherrensteines, wo preußisches, meiningisches und Sondershäuser Gebiet zusammenstoßen, entspringt in 790 m Höhe die Schleuse. In ihrem südlich und südwestlich gerichteten Laufe bildet sie bis zum Dorfe Oberrod die Grenze zwischen preußischen und meiningischen Landesteilen. In der Nähe des Forsthauses Franzenshütte oder »Allzunah«, einer ehemaligen Glashütte, die »allzunah« an Stützerbach lag und deshalb nicht zu bestehen vermochte, rinnt ein westlicher Zufluß herab. »Allzunah« ist in gewisser Hinsicht eine Landschaftsscheide: im Nordwesten herrscht der Buchenwald vor, und das Land mit seinen Burgen und Schlössern ist umwoben von Geschichte und Sage aus den Zeiten des Rittertums und Hofglanzes; im Südosten herrscht auf den kambrischen Schiefern der Nadelwald vor, und die Ortschaften sind verhältnismäßig neue Siedelungen, oft nicht viel älter als einige Jahrhunderte.

Abb. 53. Wartburgblick von der hohen Sonne.

Neustadt a. R., Schleusingen.

Über bewaldeten Thalwänden liegt oben im Porphyritgebiete das preußische Dorf Frauenwald (800 Einw.), mit Glashütte, in einer Höhe von 767 m. Östlich fließt der Schleuse der Tannbach zu, der seine Quelle am Rennsteig hat, beim meiningischen Dorfe Neustadt am Rennsteig (1300 Einw., wovon 500 zum Sondershäuser Anteil gehören), erst 1700 gegründet. Der Ort trieb früher Feuerschwammbereitung, da die Buchenwaldungen der Umgegend reich an Schwamm waren. Bei der Höhenlage und der ärmlichen Bodenbeschaffenheit ist die Landwirtschaft hier ohne Bedeutung, und der größte Teil der Bevölkerung ist deshalb industriell thätig. Als Hausgewerbe wird die Herstellung von Phosphorzündhölzern betrieben, die dann im Umherziehen verhandelt werden. Die Zündholzindustrie birgt große Gefahren in sich, da die durch Phosphor hervorgerufenen Knochenerkrankungen zu den schauderhaftesten aller Gewerbekrankheiten gehören. Dabei sind die Verhältnisse in der Hausindustrie viel ungünstiger als in größeren Arbeitsstätten, weil dort bei den beschränkten ungelüfteten Räumen die Erkrankungen viel häufiger sind. Von den Hängen des Querenberges fließt der Neubrunn über Gießhübel (amtlich Gießübel geschrieben, mit 1000 Einw.), das zwischen kambrischen Schiefern und Porphyrit in ein schönes Thal gebettet ist, nach dem kleinen meiningischen Flecken Unter-Neubrunn, wo er in die junge Schleuse mündet. Die Landschaft wird hier widergespiegelt in den Namen der benachbarten Ortschaften: Schönau, Lichtenau und Engenau, wo die Schleuse aus dem Rotliegenden hinaustritt ins Gebiet des mittleren Buntsandsteines, und das am bewaldeten Hang des Schwarzen Kopfes gelegene Waldau. Den Hauptplatz bildet hier die in grüner Wiesenmulde gelegene preußische Kreisstadt Schleusingen (3900 Einw.), die alte Hauptstadt der gefürsteten Grafschaft Henneberg, am Zusammenflusse von Erlau, Vesser und Nahe mit der Schleuse. Diese Floßwässer begünstigen einen lebhaften Holzhandel und zahlreichen Mühlenbetrieb. Ein Teil der Stadt liegt jetzt höher als die schöne Bertholdsburg, die im XIII. Jahrhundert entstand und im XVI. Jahrhundert in deutscher Renaissance erneuert wurde. Eine Glashütte, sowie Fabriken für Porzellan, Bleiweiß und Papier zeugen von industrieller Thätigkeit.

Abb. 54. Annathal bei Eisenach.
(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)

Schmiedefeld.

Das schöne Waldthal der Nahe führt hinauf nach dem 716 m hoch liegenden preußischen Dorfe Schmiedefeld (2100 Einw.), wo noch Flachsbau lohnend ist. Der betriebsame Ort liefert besonders Porzellan und physikalische Instrumente aus Glas. Am 919 m hohen Eisenberg findet sich Eisenstein mit einem Eisengehalt von 30–40 vom Hundert, der ehemals zahlreiche Hammerwerke versorgte. Parallel mit dem Nahethal läuft das Vesserthal, in dessen oberem Abschnitt auf engem Raum zwischen Bach, Wiese und den felsigen Thalwänden die Häuschen des Dorfes Vesser zerstreut sind. Abwärts rücken die Thalwände eng zusammen und bilden den etwa zwei Stunden langen schönsten Teil des Thales. Unterhalb des schon 1144 gegründeten Dorfes Breitenbach wird das Thal flacher und trägt wieder Wiesen und schmale Äcker. Oberhalb Vesser liegt 749 m hoch am oberen Rande einer weiten grünen Matte, die rings von ausgedehnten Buchen- und Fichtenwaldungen umkränzt ist, das Stutenhaus. Das jetzige Bergwirtshaus war früher ein Gestüt des Klosters Veßra. Im Westen erhebt sich die Porphyritkuppe des 849 m hohen Adlersberges (Ahornberges), von dessen Aussichtsturm man eine prachtvolle Rundsicht genießt. Tief im grünen Grunde liegt Schleusingen, aus der Ferne grüßen mit goldigem Glanze herüber die Feste Coburg, Schloß Banz und die zweitürmige Klosterkirche von Vierzehnheiligen, im Westen blaut der Rücken des Rhöngebirges. An seinem nordwestlichen Abhang schluchtet sich in Granit und Porphyr das Thal der finsteren Erle, mit mächtigem Buchenwald bedeckt.

Abb. 55. Fritz Reuters Landhaus bei Eisenach.
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)

Gehren. Ilmenau.

Vom Porphyrkegel des 815 m hohen Fürstenberges rinnen die Wässer der Wohlrose und Schobse ab, die sich bei Gehren vereinen. Das Sondershäuser Städtchen Gehren (2400 Einw.), am Fuße des 809 m hohen Burzelberges gelegen, hat ein fürstliches Sommerschloß und viel Industrie. Die Flußufer der Wohlrose sind gebildet von ausgedehnten Diluvialschottern, die aber zum großen Teile bewaldet sind. In breiterem Wiesengrunde mündet der Fluß dann in die Ilm; das Gebiet ist ausgezeichnet durch zahlreiche Teiche, wodurch die flacher werdende Landschaft außerordentlich belebt wird. Da, wo die Eisenbahn von Großbreitenbach über Gehren die Ilm erreicht, liegt das Städtchen Langewiesen (2800 Einw.), dessen Eisenindustrie aber völlig eingegangen ist. Durch den anmutigen durch Mühlen und Hammerwerk belebten Hüttengrund gelangt man nach der weimarischen Bergstadt Ilmenau (8000 Einw.). Unsere Abbildungen ([42] und [43]) zeigen den Ort gegen das offene Land und gegen das fichtenbewaldete Gebirge hin, nach welcher Richtung sich auch die Neubauten ausdehnen, die der Bedeutung Ilmenaus als Sommerfrische ihre Gründung verdanken. Die freundliche 473 m hoch gelegene Stadt wurde schon im X. Jahrhundert erwähnt und wechselte oft ihre staatliche Zugehörigkeit, denn sie war käfernburgisch, hennebergisch, sächsisch; seit 1660 gehört sie zu Weimar. Ihre Vergangenheit ist verklärt durch die Erinnerung an Karl August von Weimar und seinen Freund Goethe, die oft hier weilten und in überschäumender Jugendlust ihre Tage genossen. Goethe feierte Ilmenau in den 1783 geschriebenen Versen:

Anmutig Thal! Du immergrüner Hain!
Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste;
Entfaltet mir die schwer behangnen Äste,
Nehmt freundlich mich in eure Schatten ein ...

Vom XVII. bis ins XVIII. Jahrhundert blühte hier der Bergbau auf Kupfer und Silber; infolge eines Durchbruchs des Manebacher Teiches wurden aber die Gruben ersäuft, und auch Goethes Bemühungen konnten diesen Erwerbszweig nicht retten. Heute werden nur noch Steinkohlen und Braunstein gewonnen, und die fleißige Bevölkerung ist industriell thätig; für Fortbildung sorgt eine Fachschule für Glasarbeiter und eine Gewerbeschule.

Stützerbach. Gabelbach.

Im schönen Manebacher Grunde liegt am rechten Ilmufer das weimarische Dorf Kammerberg, gegenüber am linken Ufer das gothaische Dorf Manebach. Aufwärts zieht sich der anmutige Meiersgrund, belebt von Mühlen und Pochwerken, bis zum Dorfe Stützerbach (2000 Einw.). Auf Preußisch-Stützerbach entfallen 1250 Einw., die übrigen auf den weimarischen Anteil. Der Ort mit seinen sauberen schieferbekleideten Häusern ist bekannt wegen seiner Glashütten, worin 300 Arbeiter thätig sind, und der Glasbläserei für wissenschaftliche Zwecke. Von hier aus kamen durch Greiner die ersten Thermometer in den Handel. Auf einer Höhe zwischen Lengnitz und dem einsamen Schortethal liegt 757 m hoch die Wohnung eines Forstaufsehers, nach dem benachbarten Jagdhaus »Gabelbach« benannt, wo geistvolle und trinkfeste deutsche Männer die humoristische Gemeinde Gabelbach begründet haben (Abb. 44). Der »Sitzungssaal« der Gemeinde ([Abb. 45]) sowie das Nebenzimmer enthalten ungezählte Schätze an Bildern und Liedern. Der Gemeindeälteste (Justizrat Schwanitz) hat es verstanden, hervorragende Kräfte der Gemeinde zuzuführen, u. a. auch seinen Studiengenossen Victor Scheffel, der zum Gemeindepoeten ernannt wurde und ihr manch schönes Wort widmete, und im Bundeslied von der Gemeinde sang:

Und färbt die gerodete Stelle
Sich abendgoldsonnig und klar,
Da sitzen sie all an der Quelle
und bringen ein Rauchopfer dar.

Ehrenschulze der Gemeinde ist Fürst Bismarck, Historiograph der gemütvolle Schilderer des Thüringer Landes Trinius, jetziger Gemeindepoet ist Rudolf Baumbach. Unweit davon erhebt sich der schön bewaldete Porphyrkegel des Kickelhahn (861 m hoch), ausgezeichnet durch eine umfassende Rundsicht, die vom Schneekopf und Inselsberg bis zum Brocken und den Bergen an der Saale reicht, vom Wetzstein bis zu den Höhen der Rhön. Ilmenau, Gabelbach und Kickelhahn sind innig mit dem Namen Goethe verknüpft. Hier war er häufig mit seinem jugendlichen Herzog und der übermütigen Hofgesellschaft, stets geneigt zu tollen Streichen. Hierher zog es ihn später wieder, als sein Fühlen und Denken nur noch der Frau von Stein gehörte, und auch als Greis kehrte er gern zur stillen Waldesstätte zurück. In der Nähe des Aussichtsturmes stand ein kleines Pirschhaus, das sogenannte Goethehäuschen, in dem Goethe an einem Septemberabend des Jahres 1783 das herrliche Nachtlied dichtete:

Über allen Gipfeln ist Ruh ...

Das Haus brannte 1870 ab und wurde durch eine getreue Nachahmung ersetzt ([Abb. 46]).

Großer Beerberg.

Außer der obengenannten Lengnitz rinnen als Quellbäche noch zur Ilm der aus Granit 798 m von den Hängen des kleinen Finsterberges kommende Taubach, und der vom Mordfleck kommende Freibach, der aus der Vereinigung der Sperbersbäche entsteht. Der große Sperbersbach entspringt aus dem Rotliegenden unweit der Schmücke 920 m hoch und ist die höchste Quelle des Ilmgebiets. Hier an den Hängen des Sachsensteins finden sich noch alte Kohlenstollen. Aus der Höhe des Kammes, 911 m über dem Meere, liegt am Rennsteig eine der höchst gelegenen Wohnungen Thüringens, das Gasthaus zur Schmücke, ehemals ein Viehhaus. Ist der Ausblick von den grünen von Fichtenwald teilweise umrahmten Wiesenmatten auch beschränkt, so hat dieser Platz doch Wert wegen seiner Nachbarschaft zu den höchsten Erhebungen des Gebirges. Nach Westen zieht der Rennsteig nach einem »Plänkners Aussicht« genannten (973 m) Punkt, der nach Süden ein entzückendes Landschaftsbild erschließt, in die gewerbfleißigen Thäler der Goldlauter und des Mühlwassers, tief zu Füßen in grüner Umrahmung die Stadt Suhl und als Begrenzung des schönen Bildes die Gleichberge, der Dolmar und die Kuppen der Rhön. Nur wenige Minuten steigt man hinüber zum höchsten Berg des Thüringerwalds, zum 983 m hohen Großen Beerberg, dessen flache Kuppe vermoort und durch Fichten verwachsen ist und deshalb nur einen Ausblick nach Norden, auf die Höhe des Schneekopfes und die walddunklen Schluchten des Schmücker Grabens und Steingrabens bietet. Nördlich des Hauptkammes erhebt sich der Schneekopf, 975 m hoch, dessen Aussichtsturm die Höhe des Beerberges noch um 12 m überragt und dadurch eine umfassende Rundsicht ermöglicht. Trotz der düsteren Waldumgebung offenbart sich hier die Formenschönheit des Gebirges in anmutigster Weise; man erfaßt ein hübsches Bild des großen Hauptkammes und seiner zahlreichen durch tiefe Waldthäler von ihm getrennter Nebenäste. In der Nähe sieht man in freundliche Thäler, nach Norden schweift der Blick in das Thüringer Becken und über Erfurt hinweg bis zu den Höhen des Kyffhäusers und zum Brocken, im Süden bis zum Steigerwald und Fränkischen Jura, im Osten zu den Höhen des Osterlandes, im Westen bis zur Rhön. Die Gipfeldecken des Beerberges und Schneekopfes werden von Porphyr gebildet, das in großen Decken auftretende Eruptivgestein des Mittelrotliegenden.

Abb. 56. Eisenach und Wartburg.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)

Suhl.

Wo die Bäche der Lauter und des Mühlwassers sich zur Hasel vereinen, dehnt sich die preußische Stadt Suhl (12000 Einw.) aus und schiebt bis in die Seitenthäler hinein ihre Schleifmühlen, Pochwerke, Eisenhämmer, Bohrschmieden und Gewehrfabriken. Am bedeutendsten ist hier die Waffenindustrie, deren Ruf schon vor Jahrhunderten durch alle Lande ging. Suhl ([Abb. 47]) ist die volkreichste Stadt am Südwestfuß des Thüringerwalds und ihre Gründung knüpfte wohl an die Aufschließung reicher Eisensteinlager, deren Verarbeitung wiederum durch das Vorhandensein zahlreicher Wasserkräfte befördert wurde. Urkundlich wurde die Stadt zuerst im X. Jahrhundert erwähnt, erlitt dann im dreißigjährigen Kriege unsägliche Plagen, wodurch von allen Feuerstätten nur der zehnte Teil übrig gelassen und mutwillig 800 Gebäude niedergebrannt wurden. Nördlich der Stadt erhebt sich der porphyrische Domberg (670 m) mit dem vorspringenden Ottilienstein (523 m; die Stadt liegt 425 m hoch), der in alter Zeit eine der heiligen Ottilie geweihte Kapelle trug. Die Spitze des Domberges krönt ein 20 m hoher Bismarckturm; am Fuße des Berges entspringt die Ottilienquelle, eine Kochsalzquelle, die für Badezwecke benützt wird.

Steinbach-Hallenberg. Mehlis.

Die Hasel nimmt bei Kloster Rohr die aus dem schönen Kanzlersgrund, wo aus bewaldeter Schlucht felsige Porphyrzacken aufragen und wo die Wässer bis hoch an den Rennsteig hinauf einschneiden, kommende Schwarza auf. Dieser ist schon aus dem Granitgebiet von Zella und Mehlis die Lichtenau zugeflossen. Zwischen beiden Thälern steigt die Porphyrkuppe des Ruppberges zu 866 m in die Höhe. Am oberen Knie verengt sich das Schwarzathal zum Schönauer Grunde, in dem die eisenverarbeitenden Dörfer Ober- und Unter-Schönau liegen, ersteres mit 1300 Einw. Unweit davon erheben sich die Porphyrfelsen der Hohen Möst (889 m), einer der umfangreichsten Felsenbezirke Thüringens mit schöner Aussicht, unterhalb des 893 m hohen Donnershauk. Unter der malerischen Ruine Hallenburg (519 m) liegt der preußische Flecken Steinbach-Hallenberg (3700 Einw.), seit Erbauung der Eisenbahn von Schmalkalden nach Zella-Mehlis unmittelbar am Verkehr beteiligt. Die Hauptthätigkeit ist hier die Nagelschmiederei, die als Handbetrieb freilich nur noch einen kärglichen Erwerb bringt. In Steinbach-Hallenberg und im Steinbacher Grunde sind insgesamt etwa 4000 Arbeiter in Schlosserei und als Nagelschmiede thätig. Die Burg ist im X. Jahrhundert erbaut worden, war später hennebergisch und dann kurhessisch, ist aber 1866 mit dem umliegenden Waldgebiet (Hessenwald) an den Herzog von Coburg und Gotha gekommen.

Abb. 57. Wartburg.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Zella St. Blasii.

In grünem Wiesenthale liegen schon im Gebiet des unteren Buntsandsteins die Dörfer Herges (Hallenberg) und Viernau (1400 Einw.), und bei der Einmündung der Lichtenau in die Schwarza das Dorf Schwarza (1300 Einw.). Im Lichtenauthal aufwärts liegt das Dorf Benshausen (1700 Einw.), ehemals berühmt durch bedeutenden Weinhandel, der länger als 200 Jahre blühte und durch den Frachtverkehr große Einnahmen brachte. Der Rote Bügel (oder die Rote Wand) wird von der Eisenbahn in 228 m langem Tunnel durchfahren, die dann nach Mehlis und Zella führt. Mehlis (4000 Einw.), seit 1894 Stadt, und die Stadt Zella St. Blasii (3800 Einw.) sind gothaisch und gleich Suhl hervorragend in der Herstellung von Schießwaffen. Ihre Lage im tiefen Thalkessel, umgeben von grünem Bergkranze, ist überaus malerisch, wenn auch der Lichtenauer Grund seit Anlage der Eisenbahn landschaftlich verloren hat. Zella entstand der Sage nach aus einer zum Kloster Reinhardsbrunn gehörigen Zelle, die der Graf von Nordeck aus den Mauertrümmern des auf dem Ruppberg zerstörten Raubschlosses zu einem Kloster ausbaute, das 1228 dem heiligen Blasius geweiht wurde. Um das Kloster siedelte sich dann allmählich die Ortschaft an. Im Granitgebiete von Zella, Mehlis und Suhl finden sich zahlreiche Gänge von Porphyr.

Abb. 58. Hof der Wartburg.
(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Gehlberg.

Einen ähnlichen Charakter wie die oberen Ilmzuflüsse haben auch die beiden Gerazuflüsse. Die wilde Gera hat ihre bedeutendsten Quellbäche im Schmücker Graben 886 m hoch und im Schneetiegel, die den Schneekopf westlich und östlich umschließen. Hier war früher ein günstiger Fundplatz für die Schneekopfkugeln (Porphyrkugeln), deren Inneres Achat, Amethystkrystalle oder Jaspis enthält. Die zahme Gera (auch weiße oder alte Gera genannt) entspringt in einer Höhe von 870 m am Sachsenstein. Beide Bäche umfließen eine Hochfläche, aus welcher in einer Höhe von 700 m auf grünen Matten das Dorf Gehlberg liegt, mit einer großen Hohlglashütte, die Thermometer, physikalische und chemische Instrumente liefert. In das Thal der wilden Gera tritt die Eisenbahn ein, die von Ritschenhausen über Suhl kommt und in dem 3038 m langen und 247 m unter der Brandleite in den harten Hornsteinporyhyr gebohrten Tunnel das Gebirge kreuzt, um weiter nach Arnstadt zu führen. Der Scheitelpunkt des Tunnels liegt 639 m über dem Meere und ist der höchste Punkt der Bahn, im Gerathal läuft sie zunächst in einem fast 1 km langen Einschnitt, tief unter den Buchen und Fichten des Bärenkopfes. Die wilde Gera verläßt das Gebirge oberhalb des gothaischen Dorfes Gräfenroda (2300 Einw.), nachdem sie den wildschönen Dörrberger Grund durchrauscht und sich tief in den Porphyr eingewaschen hat.

Gräfenroda. Elgersburg.

Gräfenroda hat bedeutende Industrie und treibt auch Pechsiederei. Der Austritt der zahmen Gera aus dem Gebirge erfolgt bei dem gothaischen Dorfe Arlesberg, das Viehzucht treibt und bedeutenden Grubenbau auf Braunstein hat, der in zahlreichen Pochhämmern zertrümmert wird. Der anmutige Jüchnitzgrund führt hinauf zum einsam gelegenen Mönchshof. Wie Arlesberg liegt an der Gesteinsgrenze auch das gothaische Dorf Elgersburg (1000 Einw.), einer der lieblichsten Badeorte Thüringens, hingelagert auf grüner Matte und geschützt von einer tannengeschmückten Porphyrwand. Teilweise liegt Elgersburg in einer gleichseitig zum Gebirgsrande verlaufenden Thalsenke, die durch starke Verwitterung und Auswaschung der Sandsteinschichten entstanden ist. In der anmutigen Umgebung nimmt das Körnbachthal einen bevorzugten Rang ein, nicht allein wegen der schönen Felsenhallen des Körnbachgrundes, sondern auch wegen seiner Erinnerungen an Goethe, der in das Fremdenbuch der jetzt abgebrochenen Massenmühle einige Verse schrieb. Von der Felshöhe leuchtet jetzt sein Name in vergoldeten Lettern herab. Auf steilem Fels ragt das alte im XI. Jahrhundert erbaute Schloß empor, dessen Brunnen von einer 900 m langen vom Rumpelsberge herkommenden Röhrenleitung gespeist wird und das jetzt zur Badeanstalt gehört. Von Ilmenau fließt die trockene Gera ab, die oberhalb von Plaue in die zahme Gera mündet.

Oberhof.

Von der wilden Gera führen die prächtigen Waldthäler des Sieglitzbaches und der Lütsche hinauf zur Höhe des Gebirges. Dort kreuzen sich mit andern Straßen in einer Höhe von 810 m die große Straße von Erfurt nach Suhl am Geleitshause zum »oberen Hof«, dem heutigen Oberhof. Diese Waldstraße wird urkundlich schon im XIII. Jahrhundert erwähnt. Hier fanden damals die zwischen Thüringen und Franken hin und her ziehenden Wagenzüge mit ihren Handelsgütern bewaffneten Schutz, der sie bis zum nächsten Geleitshause brachte. Jahrhunderte bestand hier wie im ganzen deutschen Lande diese Geleitseinrichtung, der einzige Schutz gegen die auf ihren den Hauptstraßen benachbarten Burgen hausenden adeligen Räuber. Das gothaische Dorf (400 Einw.) liegt auf ebenem grünen Plan ([Abb. 48]), rings von Wald umgeben, hat ein herzogliches Jagdschloß und ist wegen seiner reinen Luft als Sommerfrische stark besucht. Von der Kammhöhe ziehen zahlreiche Waldgründe nach Norden hinab, vor allem erwähnenswert der Schwarzwaldgrund und der Kerngrund, schöne Porphyrthäler mit herrlichem Waldschmucke. Die Dörfer Schwarzwald (900 Einw.) und Stutzhaus (600 Einw.) stoßen mit ihren langen Häuserreihen fast aneinander. Zu Füßen des 716 m hohen Kienbergs liegt das ehemalige Schmelzwerk Luisenthal, jetzt eine kleine Sommerfrische.

Abb. 59. Wartburghof mit Luthers Wohnung.
(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Tambach. Georgenthal.

Von den Höhen des Roßkopfes und des Sperrhügels rinnen die Quellen der Apfelstedt, die sich bei Tambach und Dietharz mit den Gewässern des felsigen Schmalwassergrundes, des Mittelwassergrundes und des Spittergrundes vereinigen. Dietharz (800 Einw.) und der Flecken Tambach (2300 Einw.) sind gothaisch und stammen beide aus dem XIII. Jahrhundert. Sie hatten schon damals Wichtigkeit wegen der Straße, die über den Nesselberg auf die andere Seite des Gebirges nach Schmalkalden führte. Tambach hat die seit dem dreißigjährigen Kriege erloschene Eisenbearbeitung ersetzt durch Viehzucht, Holzhandel und Gewerbe. Beide Orte sind beliebte Sommerfrischen geworden. Im oberen Teile des felsigen Spittergrundes fällt der Spitterfall oder das Gespring 20 m hoch über eine Thalstufe herab, der größte natürliche Wasserfall des Thüringerwaldes, der an solchen wässerigen Naturschönheiten sehr arm ist. Von Dietharz führt eine Eisenbahn durch den von Säge-, Papier- und Lohmühlen belebten Apfelstedter Grund hinaus nach Georgenthal (900 Einw.). Auf der Berghöhe in der Nähe des Platzes, wo jetzt die Winfriedsäule errichtet ist, gründete 1143 Graf Sizzo III. von Käfernburg ein dem heiligen Georg geweihtes Kloster und besetzte es mit Cisterciensern, damit sie für ihn beten möchten, »sintemalen er keine Zeit dazu habe«. Im Jahre 1186 wurde das Kloster ins Thal verlegt, wo die Mönche Teiche schufen und Mühlen bauten, Acker- und Wiesenbau förderten und Fischzucht und Bergbau trieben. Bald war das Kloster zu Reichtum gelangt und besaß außer den im Dietharzer Grund gelegenen Burgen Falkenstein und Waldenfels zehn Dörfer, viele Mühlen und Güter, und eine ganze Anzahl Häuser in den Städten Gotha, Eisenach, Arnstadt und Erfurt. Im Jahre 1525 fiel das Kloster in den Wirren der Bauernkriege, und auf seinen Trümmern wuchs das Dorf Georgenthal langsam empor.

Abb. 60. Die Lutherstube in der Wartburg.
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)

Auf der Höhe des Ziegelberges ragen die Häuser von Altenbergen und Catterfeld (1000 Einw.) empor, wo Hausarbeit für die Walterhausener Spielwarenindustrie schafft und wo fruchtbare Wiesen Viehzucht begünstigen. Über dem Dorfe Altenbergen erhebt sich die Winfriedsäule oder der Bonifatiusleuchter (deshalb auch mit dem häßlichen Wort Kandelaber benannt), der Sage nach an der Stelle, wo der Apostel der Deutschen, Bonifatius, das erste Kirchlein in Thüringen gebaut haben soll. Die wenigen Grundmauern rühren aber von jenem Kirchlein her, das Graf Ludwig mit dem Barte 1040 dort erbaute. Der Bonifatiusleuchter wurde erst 1811 errichtet, auf acht Steinkugeln und mehrfach gegliedertem Sockel in roh antikisierender Form eines 10 m hohen Riesenleuchters, oben mit einer von drei Engelsköpfen gehaltenen Pfanne endend, aus welcher steinerne Flammen aufsteigen. In Wirklichkeit hat Bonifatius die erste Kirche in Thüringen an der Stelle gebaut, wo jetzt die Michaeliskirche in Ohrdruf steht.

Abb. 61. Das Landgrafenzimmer.
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)

Inselsberg.

Wo die Straße von Tambach nach Schmalkalden den Gebirgskamm überschreitet, ist eine Einsattelung von etwa 700 m Höhe vorhanden, jenseits deren der nordwestlichste Teil des Thüringerwalds beginnt, der niedriger ist als der mittlere Teil und eine um 200 m geringere mittlere Kammhöhe besitzt, nur 610 m. Dieser Schlußteil mißt vom Nesselbergsattel bis zum Eichelberg bei Hörschel 46 km. Auf einem Seitenaste erhebt sich der Zug der Hühnberge östlich von Schmalkalden zu einer selbständigen Gruppe, deren höchster Gipfel zu 837 m ansteigt. Weiterhin sind die höchsten Erhebungen auf dem Kamm selbst oder in seiner nächsten Nähe vorhanden, der Spießberg, 737 m, der große Jagdberg, 838 m, und vor allem der schöne Inselsberg, 915 m (genau 915,58) hoch. Sein bewaldeter Kegel hebt sich aus dem immer niedriger und schmaler werdenden Kamme auffallend heraus ([Abb. 49]), obwohl ihm auf beiden Seiten des Gebirges eine reiche Zahl von nur 200 m niedrigeren Bergen vorgelagert sind. Sein Porphyrhaupt ragt aus dem archäischen Gneis seiner südlichen Umgebung und aus den Konglomeraten, Sandsteinen und Schieferthonen des Rotliegenden hervor. Der Name Inselsberg oder Inselberg ist eigentlich eine falsche Benennung und entstand aus Enselberg oder Emselberg (Emsenberc) nach der an seiner Nordwestflanke entspringenden Emse. Der Berg ist wegen seiner freien Lage ein von ungefähr 50000 Menschen jährlich besuchter Aussichtspunkt und ist ausgezeichnet durch die Schönheit der Rundsicht, die man von seinen zwei Aussichtstürmen genießt. Der Blick schweift hinaus über das Dunkelgrün seiner Fichten- und Buchenwälder und die engen Thäler des Vordergrundes bis zu den Fruchtfeldern des Thüringischen Beckens und zum Harz, östlich bis zu den Saalbergen, südlich bis zu den fränkischen Höhen und der Rhön, westlich bis zum hessischen Berglande.

Friedrichroda.

Schöne Thalgründe führen von der Kammhöhe nach Nordosten hinab, vom Spießberge die Quellbäche der Leina, wie der Oberlauf der Hörsel hier genannt wird, die dann in der Nähe von Schönau aus dem Porphyrgebirge in das Gebiet des Buntsandsteins und Muschelkalks eintritt. Auf der Höhe westlich der Leina liegt das Dorf Finsterbergen (1100 Einw.), früher eines der einsamsten Dörfer des Waldes, heute ein Ort für sommerliche Luftschnapper. Vom kleinen Jagdberg rinnt das Schilfwasser hinunter ins kühle Thal, an dessen Austritt aus dem Hauptgebirge an der Gesteinsgrenze Friedrichroda (4250 Einw.) in grüner Thalmulde ausgebreitet ist, rings von buchen-, fichten- und tannenbestandenen Höhen umrahmt ([Abb. 50]). Der Ort wurde 1039 von Ludwig mit dem Barte gegründet, erhielt aber erst 1597 vom Kaiser Rudolf II. Stadtrechte. Im dreißigjährigen Kriege gingen zwei Drittel der Stadt zu Grunde, aber der stille Ort erholte sich immer wieder, wozu bis ins erste Viertel des XIX. Jahrhunderts die Weberei und Bleicherei von Leinengarn erheblich beitrug, wofür an die herzogliche Kammer ein Zwirnzoll und Bleichzoll gezahlt wurden. Von hier aus wurden mit gebleichten Garnen jene Gegenden versorgt, wo Weberei vorherrschend war, das südöstliche Thüringen und die Rhön. Mit der Verbreitung des Baumwollgewebes erlitt die Leinenbleicherei bedeutende Einbuße. Es wurde auch Bergbau getrieben, der aber nie sehr bedeutend war; der Eisenstein wurde im Schmelzwerk Luisenthal bei Ohrdruf verhüttet. Die letzten Versuche wurden 1858 aufgegeben. Den größten Reichtum brachten der Stadt aber Luft und Sonne, die Heilkraft des Waldodems, die Reinheit seines Wassers, so daß jetzt die gothaische Stadt Friedrichroda jährlich von mehr als 10000 Personen besucht wird und dadurch die besuchteste Sommerfrische Thüringens ist.

Reinhardsbrunn.

Im Gipse des Zechsteins ist die kleine Marienglashöhle durch einen kurzen Stollen zugänglich. Nur wenige Steinreste zeugen noch von der alten Schauenburg, dem Stammschlosse der thüringisch-sächsischen Fürstenhäuser, die von ihrem Gründer Ludwig mit dem Barte 1045 bezogen wurde. Südlich wird Friedrichroda überragt vom schönen Waldkegel des Gottlob, einem Vorberge des 608 m hohen Körnbergs. Westlich erhebt sich der 697 m hohe Abtsberg, wie die vorhin genannten bestehend aus Rotliegendem mit Porphyr- und Melaphyreinlagerungen. Der Abtsberg steht durch einen anmutigen wiesengeschmückten Sattel, Jägersruh oder Tanzbuche benannt, mit dem Gebirgskamm in Verbindung. Vom Kühlen Thal windet sich die Straße empor zum Heubergshaus (690 m), wo sie den Rennsteig kreuzt und dann südwärts nach Schmalkalden zieht. In der Nähe Friedrichrodas, schon im Gebiete des Buntsandsteins, liegt das gothaische Lustschloß Reinhardsbrunn ([Abb. 51]), inmitten herrlicher Wald- und Gartenanlagen. Im Jahre 1088 wurde der Grund zur stattlichen Benediktinerabtei Reinhardsbrunn gelegt, die in acht Jahren vollendet wurde. Die dauernde Gunst des Gründers, Ludwig des Springers, und der nach ihm folgenden Landgrafen von Thüringen ließ das Kloster immer stolzer emporblühen, so daß im XIII. Jahrhundert 142 Ortschaften entweder dem Kloster gehörten oder ihm zinspflichtig waren. Das Kloster erlag 1525 den Stürmen des Bauernkrieges und wurde mit fast allen seinen Schätzen verbrannt. Die Klostergüter wurden später eingezogen und Reinhardsbrunn in ein fürstliches Amt verwandelt. Auf den Grundmauern des 1607 erbauten hohen Hauses oder Schlosses erhob sich das heutige seit 1828 in englisch-mittelalterlichem Geschmacke in prächtiger Weise aufgeführte Schloß, das durch die lieblichen Garten- und Teichanlagen um so schöner wirkt.

Tabarz. Cabarz. Winterstein.

Die Wässer des Wilden Grabens und der Strenge rauschen vereinigt im Felsenthale unterhalb der Porphyrzacken, die malerisch aus dem Fichtenwald hervorragen, und münden dann in die Laucha. Beim Austritt der Laucha aus dem Gebirge schimmern mit ihren roten Dächern auf grünem Wiesenplane die Dörfer Tabarz und Cabarz (jedes mit 1100 Einw.). Die beiden anmutigen Orte sind beliebte von dunklem Wald umgebene Sommerfrischen, wo noch kein Lokomotivenpfiff die herrschende Ruhe stört. Der Wald bietet das Arbeitsfeld des Zapfensteigers; im Herbst holen die Sammler die Samenkapseln von den höchsten Nadelbäumen, das Material für einen schwunghaften Handel mit Holzsamen. Im Buchenschatten des Emsethals liegt das unregelmäßig gebaute Dorf Winterstein (800 Einw.), fast eine halbe Stunde im Thalgrunde sich hinziehend, während einzelne seiner Hütten hoch an den Bergwänden verstreut sind. Vom Thalgrunde führt ein schmaler Pfad auf den mit einem Pürschhäuschen besetzten Porphyrgipfel des Drehberges (755 m), der zwar nicht auf dem Hauptkamm liegt, aber doch einen der hübschesten Ausblicke zwischen Inselsberg und Wartburg gewährt, besonders nach Süden ins Werrathal bis zu den blauen Höhen der Rhön.

Abb. 62. Die Sängerlaube.
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)

Ruhla. Pfeifenindustrie zu Ruhla.

Westlich des Inselsbergs bleiben die höchsten Erhebungen auf dem Kamm des Gebirges oder wenigstens in seiner unmittelbaren Nähe. Der Große Weißenberg, auf der Scheide zwischen Glimmerschiefer und Granit, erhebt sich zu 749 m, die Granitkuppe des Gerbersteins hat nur noch 728 m. Das Granitgebiet ist reich an Eisensteinen, die abgebaut werden. An den Ufern des Erbstromes zieht sich im engen grünen Thale fast eine Stunde lang die Stadt Ruhla hin (5600 Einw., wovon 2500 weimarisch, 3100 gothaisch sind), eine der bedeutendsten Industrieplätze Thüringens ([Abb. 52]). Der Fluß bildet seit 1640 die Grenze der Staatsgebiete, und das Thal ist rings von schön bewaldeten Höhen umgeben, meist Glimmerschiefer mit eingesprengten Porphyren und Melaphyren, oberhalb der Stadt bis zum großen Weißenberge aus Granit bestehend. Aus dem Jagdhause, in dem Karl August mit Goethe oft weilten, ist jetzt das Kurhaus geworden. Ruhla hat eine sehr wechselvolle Industrie gehabt. Im XI. Jahrhundert blühte der Eisenbergbau, dessen Eisenstein an Ort und Stelle verhüttet wurde, wozu die reichen Holzbestände der Umgebung den Brennstoff lieferten. Aus dem Erze wurden Waffen und Rüstungen geschmiedet, und der Ruf der Waffenschmiede Ruhlas drang weit über die Grenzen Thüringens hinaus. Nach dem Verfall dieser stolzen Industrie wurden die Waffenschmiede zu Messerschmieden, die eine einheitliche Zunft bildeten, deren Anfänge ins XV. Jahrhundert zurückreichen. Nach der durch Friedrich II. von Preußen veranlaßten Auswanderung der Messerschmiede nach Eberswalde im Jahre 1747 verfiel dieser Industriezweig, wurde aber reichlich ersetzt durch die Einführung der Herstellung von Tabakspfeifen, worin Ruhla ein Hauptplatz geworden ist und seine Erzeugnisse nach allen Ländern der Erde ausführt. Besondere Wichtigkeit hat die Verarbeitung des aus Kleinasien eingeführten Meerschaums zu Pfeifenköpfen, doch werden auch Holzpfeifen gemacht und die aus den thüringischen Fabriken stammenden Porzellanpfeifenköpfe mit Beschlägen versehen und mit Rohren und Spitzen zusammengesetzt. Aus Ruhla (im Volksmunde »die Ruhl« genannt) gehen jährlich 6 Mill. Pfeifenköpfe (davon nur ½ Mill. echte Meerschaumköpfe) in den Handel, ferner 10 Mill. beschlagene Porzellanpfeifenköpfe, 10 Mill. Spitzen für Tabakpfeifen und Cigarren, 27 Mill. Pfeifenbeschläge, 19 Mill. Pfeifenschläuche, Ketten u. a., 15 Mill. Pfeifenrohre, 5 Mill. Holzpfeifenköpfe und 15 Mill. fertige Tabakspfeifen, eine Gesamtproduktion von etwa 6 Mill. Mk. darstellend. Die Holz-, Hornpfeifen- und Zigarrenspitzenindustrie hat sich auch auf die Umgebung Ruhlas verbreitet, nach Seebach, Schmerbach, Winterstein bis Waltershausen und Schweina. Zwei Fünftel der Arbeiter sind in Hausindustrie beschäftigt, die anderen arbeiten in Fabriken. Die erst seit einigen Jahrzehnten eingeführte Metallindustrie hat die Pfeifenindustrie bereits überflügelt. Die Bewohner Ruhlas sind fleißig und leichten Sinnes und haben in Gebräuchen und Mundart viel von anderen Thüringern Abweichendes, zeigen jedoch merkwürdige Ähnlichkeit mit den Einwohnern von Brotterode und Steinbach, mit denen sie unleugbare Stammesbeziehungen haben. Ruhla ist Geburtsort des thüringischen Dichters Ludwig Storch.

Abb. 63. Wart' Berg, du sollst mir eine Burg werden.
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)

Abb. 64. Landgraf, werde hart.
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)

Abb. 65. Der Sängerkrieg.
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)

Abb. 66. Das Rosenwunder.
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)

Thal. Wilhelmsthal.

Von Ruhla führt eine Zweigbahn thalabwärts, um sich in Wutha mit der Hauptlinie zu vereinen. In frischen Wiesen eingebettet liegt an der Einmündung eines Seitenbaches das gothaische Dörfchen Thal (600 Einw.), gleich Ruhla als Sommerfrische besucht. Hier weitet sich das Thal zu einer freundlichen von Buchen- und Fichtenwäldern umwölbten Landschaft. An Stelle der alten aus dem XI. Jahrhundert stammenden Burg Scharfenburg ragt nur noch ein häßlicher Aussichtsturm empor, der den zierlichen Namen Löthtopf führt. An der andern Bachseite stand einst ein Bettelmönchkloster Heiligenstein, dessen Name heute erinnerungsvoll von einem Wirtshause geführt wird. Im Zechsteingebiete von Kittelsthal bricht man ein Gestein, das zu künstlichen Alabasterwaren verarbeitet wird. In der Nähe des Rennsteigs bietet der 575 m hohe Wachstein einen dankbaren Aussichtspunkt. Im grünen Grunde des Eltethales schimmert mit seinem kleinen See das weiße Schloß Wilhelmsthal, die Sommerfrische des Großherzogs von Weimar, einst schon von Goethe besucht. Die nach Eisenach führende Straße gewinnt die Höhe des Gebirges und kreuzt den Rennsteig bei dem ehemaligen Jagdschlößchen, jetzigen Wirtshause zur Hohen Sonne, 442 m hoch, bekannt wegen des schönen Durchblickes nach der Wartburg ([Abb. 53]), die wie ein von Fichten umrahmtes Bild erscheint. Hier zog auch die alte Weinstraße hinüber ins Hörselthal, eine alte Handelsstraße, auf der von Franken her die geistlichen Besitzungen nördlich des Thüringerwalds mit dem nötigen Rebensaft versorgt wurden.

Eisenach.

Westlich von der nach Eisenach führenden Straße ist das Annathal ([Abb. 54]) eingeschluchtet, eingefaßt von feuchten moosgrünen Felsen, durchrauscht von einem Bächlein und gemieden vom Sonnenlicht, das die Buchenwipfel hier nicht zu durchdringen vermag. Die weitere nördliche Fortsetzung der anmutigen Thalbildung heißt Marienthal, von wo die felsige Landgrafenschlucht zum Drachenstein aufwärts führt, während im Marienthal schon eine große Zahl hübscher freundlicher Landhäuser entstanden sind, die südlichsten Vorposten der alten Stadt Eisenach. Am Fuße der Wartburg leuchtet aus seiner grünen Umgebung das ehemalige Landhaus Fritz Reuters ([Abb. 55]), der hier 1874 starb. Die Stadt Eisenach (24400 Einw.) liegt an der Gesteinsgrenze und bezeichnet den Eintrittspunkt des von Hessen kommenden Straßenzuges nach Thüringen. Die frühere Stadt (Isnacha oder Ysenacha = Eisenwasser) lag weiter östlich und ging 1070 durch Brand zu Grunde. Die jetzige Stadt ([Abb. 56]) wurde unter dem Schutze der Wartburg von Ludwig dem Springer neu erbaut und war namentlich zur Zeit der auf der Wartburg wohnenden Landgrafen ansehnlich geworden, besonders im XII. und XIII. Jahrhundert. Von 1587 bis 1741 hatte sie aus einem Zweig der Nachkommenschaft des Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen ihre eigenen Herzöge, nach deren Aussterben sie an Weimar fiel. Die schöne Umgebung bildet jedoch den größten Anziehungspunkt, weshalb die Stadt der Mittelpunkt eines regen Fremdenverkehrs geworden ist. Einen Überblick über Eisenach mit der Wartburg gewinnt man von dem nördlich gelegenen Wartenberg (im Volksmunde verderbt zu Wadenberg), wo das turmartige Gebäude des deutschen Burschenschaftsdenkmals zur Höhe strebt.

Wartburg.

Der Glanzpunkt Eisenachs ist aber die herrliche Wartburg ([Abb. 57]), 394 m über dem Meer, 174 m über Eisenach gelegen. Sie ist eine der schönsten Burgen Deutschlands, umkränzt von Geschichte und sinniger Sage und ein treues Spiegelbild altvergangener Zeit, auch in Bezug auf Kultur- und Volksentwickelung. Ihr Grundriß gibt einen lehrreichen Aufschluß über die Einrichtung einer alten Adelsburg, wenn auch in der Ausstattung der einzelnen Bauten weit darüber hinausgegangen war. Durch ein markiges Thorgewölbe betreten wir die Vorburg, zunächst den außerordentlich malerischen ersten Burghof ([Abb. 58] und [59]), der umschlossen wird vom Thorturm nebst Zugbrücke, den zinnengekrönten Mauergängen und dem Ritterhause. Im Obergeschoß des Ritterhauses befindet sich das Lutherstübchen ([Abb. 60]), wo Luther die Bibelübersetzung begann. Das war die »Einsiedelei« oder »seine Insel Patmos«, wo er als Junker Jörg vom Mai 1521 an ein Jahr lang in freiwilliger Gefangenschaft lebte und das Tintenfaß an die Wand warf, um die Anfechtungen des Teufels abzuwehren. Das Stübchen ist in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten worden und enthält viele Gegenstände mit Erinnerungen an Luther. Durch eine zweite Thorhalle betreten wir die Hofburg, die aus der Dirnitz (heizbares Wohnhaus, das jetzt den Rüst- und Waffensaal beherbergt), der Kemenate, dem Bergfried und dem Prachtbau des Landgrafenhauses besteht. Die Kemenate (von caminata, mit Kamin versehener heizbarer Raum) war die Wohnung der Burgfrau und ihrer näheren Bedienung, unter denen die bevorzugten Frauen, die am erwärmten Raume der Herrin teilnehmen durften, Frauenzimmer genannt wurden. An die Kemenate angebaut ist der Bergfried, der 52 m hohe mit einem Kreuz gekrönte Turm. Das schönste Gebäude der Hofburg ist das Landgrafenhaus (auch Palas, von palatium, also mit Pfalz und Palast eines Ursprungs), mit dem Landgrafenzimmer ([Abb. 61]) und dem berühmten Sängersaal mit der erhöhten Laube, wo die Meistersinger ihre Wettlieder sangen ([Abb. 62]), alles in freundlichen Farben schimmernd. Die Pläne zur Wiederherstellung der herrlichen Burg entwarf Prof. Ritgen, und die malerische Ausschmückung der Räume hat in Moritz von Schwind ihren Meister gefunden, der allen Märchenzauber mit der Romantik der Burggeschichte verband, deren einzelne Abschnitte im Bilde festgehalten wurden. Ludwig der Springer, der Sohn Ludwigs mit dem Barte, der auf der Schauenburg saß und 1055 starb, kam auf einem fröhlichen Jagdzuge auf den Gipfel, den jetzt die Wartburg krönt, und war von der landschaftlichen Schönheit so entzückt, daß er ausrief: »Wart' Berg, du sollst mir eine Burg werden« ([Abb. 63]). Der Bau der Burg wurde 1067 begonnen und war schon nach zwei Jahren vollendet. Der Sohn Ludwig des Springers, Ludwig I., wurde vom Kaiser Lothar gefürstet und entfaltete dann auf der Wartburg auch mehr äußeren Glanz. Sein Sohn und Nachfolger Ludwig II. (1140–1172) wurde »der Eiserne« genannt. Die Sage erzählt von ihm, er sei auf der Jagd ermüdet und unerkannt bei einem Schmied in Ruhla eingetreten und habe dort Nachtlager gefunden. Anderen Morgens sei der Landgraf durch das Hämmern des Schmiedes, der dabei rief: »Landgraf, werde hart« ([Abb. 64]), erwacht und erfuhr auf Befragen die Bedeutung dieser Worte. Die Edelleute konnten nach Gefallen im Lande walten und ließen sich vielfach Bedrückungen des Volkes zu schulden kommen, und gegenüber diesen Ausschreitungen sollte der Landgraf hart werden. Er wurde es, führte fortan eine strenge Regierung und wurde zum Liebling des Volkes, in Ruhla »hart geschmiedet«.

Abb. 67. Steinbach.
(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Von reicher Sage umrankt ist die Regierungszeit des Landgrafen Hermann I. (1190–1217), der als Fürst in der staatlichen Geschichte jener Zeit keine hervorragende Rolle spielte, der aber kunstliebend und freigebig war und die vornehmsten Dichter seiner Zeit zum Wettstreite einlud. Dieser Wettstreit, der 1207 stattgefunden haben soll, ist als der Sängerkrieg auf der Wartburg ([Abb. 65]) bis auf die heutigen Tage verherrlicht worden. Toll muß die Stimmung jener Zeit gewesen sein, denn Walther von der Vogelweide sang:

Wer in den Ohren siech ist oder krank im Haupt,
Der meide ja Thüringens Hof, wenn er mir glaubt:
Käm' er dahin, er würde ganz bethöret.

Zu den berühmtesten Sängern außer Walther zählten Wolfram von Eschenbach, Reinhard von Zwetzen, Heinrich der Schreiber, Bitterolf und Heinrich von Ofterdingen, während nach der Sage Tannhäuser auf dem Wege zur Wartburg den Lockungen der Frau Venus im Hörselberge erlag und einen dauernden Aufenthalt bei der schönen Verführerin den geistigen Anstrengungen auf der Wartburg vorzog. Zu diesen ritterlichen Übungen und dem Glanz des Minnedienstes kamen später die Sagen von der heiligen Elisabeth, der Gemahlin des Landgrafen Ludwig IV., der religiösen Schwärmerin und Büßerin, der Wohlthäterin der Armen und Bedrängten. Im Jahre 1226 wurde Thüringen von einer schweren Hungersnot heimgesucht, wobei die Landgräfin Elisabeth selbst Brot an die Armen verteilte. Einst hatte sie unter ihrem Mantel wieder einen Korb voll Nahrungsmittel, als der Landgraf ihr begegnete und sie mißtrauisch fragte, was sie unter ihrem Mantel verberge; und siehe da, auf das inbrünstige Gebet von Elisabeth verwandelte sich der Inhalt ihres Korbes in duftende Rosen ([Abb. 66]).

Abb. 68. Lutherdenkmal an der Lutherbuche.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)

Spätere Fürsten zogen andere Wohnsitze der Wartburg vor, die von 1406 an vereinsamte. Die Wogen des dreißigjährigen Krieges brandeten glücklicherweise nicht bis zur Wartburg, ebensowenig hatte das darauffolgende Reifrockjahrhundert mit seiner gesinnungslosen Franzosentümelei irgend einen Einfluß. Aber der Gedanke der deutschen Einheit flammte auf und förderte das erste große Burschenfest am 18. Oktober 1817, wo 500 Studenten zur Wartburg zogen am 300jährigen Jubeltage der Reformation. In alter Pracht erstand die Wartburg erst wieder durch den Kunstsinn des Großherzogs Karl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach. 1867 war die Erneuerung vollendet, und seither haben die herrlichen Räume zahlreichen fürstlichen Besuch gehabt, abgesehen von fröhlichen Wanderern und Weltbummlern, von denen man 300 auf einen Wartburgtag rechnet. Die Schönheit des Baues wird noch gehoben durch die Schönheit der landschaftlichen Umgebung, die niemals trefflicher besungen wurde, als durch Scheffels Worte:

Erspart bleibt fürder, willst du Schönheit schauen,
Die Pilgerfahrt nach welschem Land und Meer,
Wetteifernd mit dem besten fremder Gauen
Prangt hier ein Kleinod, kunstdurchglänzt und hehr:
Gleich einem jener Marmorprachtpaläste,
Erstiegen aus Venedigs Meeresschoß,
Hebt sich Thüringens jungfräuliche Feste
Auf deutschem Berge säulenschlank und groß;
Statt Salzflutwogen rauscht um ihre Mauern
Der Eichen und der Buchen flüsternd Schauern.

Bei Hörschel an der Mündung der Hörsel in die Werra erreicht die Schlußerhebung des Thüringerwaldes, der Sandsteinkopf des großen Eichelberges, nur noch eine Höhe von 301 m.

Abb. 69. Luthers Gefangennahme.
(Nach einer Radierung, etwa vom Anfang des XVII. Jahrhunderts, im Besitz des Reichspostmuseums zu Berlin.)

Schweina. Steinbach.

Östlich vom Gneiskegel des 648 m hohen Kissel ist der Schweinagrund tief eingeschluchtet. Sein Wasser tritt beim meiningischen Flecken Schweina aus dem Gebirge und fließt bei Barchfeld in die Werra. Schweina (2200 Einw.), der Hauptort des Schweinathales, war im XV. und XVI. Jahrhundert der Wohnort slavischer Bergleute, die auf Kupfer und Eisen schürften. Der Ort ist heute neben dem Betrieb von Ackerbau und Viehzucht industriell thätig, das Schloß Glücksbrunn, ehemals ein Kobaltwerk, ist jetzt eine Wollspinnerei. In dem südlich von Schweina gelegenen Gute Marienthal gründete Fröbel den ersten »Kindergarten«. Gelegentlich eines Straßenbaues wurde 1799 beim Sprengen des zur Zechsteinformation gehörigen ungeschichteten Dolomitgesteins eine Höhle entdeckt, die 200 m lang und durch einen künstlichen Stollen zugänglich ist. Ein Teil des Höhlengrundes ist von einem kleinen Teich bedeckt. Am Zusammenflusse des Calmbachs und des aus dem Schleifgrunde kommenden Steinbachs liegt der meiningische Flecken Steinbach (1400 Einw.), ein freundlicher Ort mit Fachwerkhäusern ([Abb. 67]). Steinbach ist Haupterzeugungsort für Messer aller Art und Schlösser, deren Rohmaterial zum Teil aus dem benachbarten metallreichen Granitgebiete gewonnen wird. Nördlich vom Mühlberg steht eine Sandsteinsäule, errichtet vom Herzog Bernhard von Meiningen 1858 und dem Andenken Luthers geweiht, welcher auf dem Wege von Worms hier gefangen genommen und auf die Wartburg gebracht wurde ([Abb. 68] und [69]). Eine Inschrift lautet: »Hier wurde Dr. Martin Luther am 4. Mai 1521 auf Befehl Friedrichs des Weisen, Kurfürsten von Sachsen, aufgehoben und nach dem Schlosse Wartburg geführt.« Luther hatte nach dem Reichstage zu Worms Möhra, die Heimat seiner Eltern, besucht und wollte eben nach Wittenberg zurückkehren. In Begleitung seines Bruders Jakob und eines Freundes rastete er unter einer Buche, als er auf Veranlassung seines hohen Beschützers, der den Geächteten seinen Feinden entreißen wollte, aufgehoben und heimlich auf die Wartburg gebracht wurde, wo er verborgen als Junker Jörg lebte. Die Buche ist längst zu Grunde gegangen, ihre Reste sind auf der Wartburg aufbewahrt und an ihre Stelle ist ein junger Baum gepflanzt worden. Herrliche Buchen wölben sich die Höhe hinauf, besonders auf den Granittrümmern des 728 m hohen Gerbersteines.

Abb. 70. Schloß Altenstein.
(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Altenstein. Liebenstein.

Auf der Dolomitplatte zwischen Schweina und Steinbach leuchten aus grüner Umgebung das Schloß Altenstein ([Abb. 70]), der Sommeraufenthalt des Herzogs von Meiningen, ein stattlicher Neubau an Stelle des früheren einfachen Landhauses. Prächtige Gartenanlagen, von alten Laubbäumen beschattete Wiesen, Felsenkanzeln und sanft geböschte Mulden, alles eint sich hier zu einer Meisterlandschaft, in deren Hintergrunde sich der Hauptkamm des Waldgebirges aufbaut. Der Ausblick nach Süden erfaßt in freundliches Hügelgelände eingebettete Ortschaften, Gärten und Ackerfluren, drüben über der Thalmulde der Werra steigen in blauem Dufte die Vorberge der Rhön empor. Auf der Kammhöhe am Großen Weißenberge steht der Dreiherrenstein, wo die Grenzen preußischen (ehemals hessischen), meiningischen und gothaischen Gebiets zusammenstoßen. Nach Bairoda hinab führt das schöne buchenumrauschte Thüringer Thal, im XIV. und XV. Jahrhunderte belebt vom Bergbau auf Eisenstein. Östlich des Thales läuft ein Rennweg genannter Zweig des Rennsteigs, der besondere Wichtigkeit hat, weil er hier die Grenze zwischen der thüringischen und fränkischen Mundart bildet. In einer flachen Mulde zwischen Thüringer Thal und Grumbachthal, umgeben von anmutiger Landschaft, liegt Bad Liebenstein (1300 Einw.), dessen Landhäuser weit zerstreut sind ([Abb. 71]). Es hat kohlensäurehaltige Eisenquellen und ist der älteste Kurort des Thüringerwaldes. Der Ort ist überragt von der Ruine Liebenstein, die seit dem XVII. Jahrhundert verfällt.

Brotterode.

Südwärts rinnt vom Inselsberg das Inselswasser in den Kessel von Brotterode. Das preußische Dorf Brotterode(2800 Einw.) ist seit der letzten großen Feuersbrunst von 1895 langsam wieder emporgewachsen. Die ursprüngliche Art und Lebensweise der Bewohner deutet auf eine unverkennbare Verwandtschaft mit den Bewohnern von Ruhla und Steinbach; lebensfroh, rauflustig, fleißig und gewandt im Verkehr sind sie alle. Brotterode ist der Ort der Feuerarbeiter: Schnallenschmiede, Sporer, Messermacher und andere Eisen- und Stahlarbeiter. Wer nicht selbständig im eigenen Häuschen, wo meist die vordere Hälfte der Stube als Schmiedewerkstatt eingerichtet ist, während die durch einen Vorhang abgetrennte hintere Hälfte als Schlafraum dient, thätig ist, der findet Beschäftigung bei den alt angesessenen Meistern. Der Vertrieb der in Brotterode und den Nebenorten gefertigten Stahl- und Eisenwaren ruht seit langem in den Händen von Kaufleuten, deren Söhne je für ein bestimmtes Absatzgebiet in Deutschland, Österreich, Rußland, den Niederlanden u. s. w. herangebildet werden. Der Sage nach schenkte Karl V. dem Orte große Waldungen und Äcker, durch deren Erträge die vollständige Besoldung der Gemeindebeamten bestritten werden konnte, und eine Fahne, die alljährlich zur Kirchweih ausgehängt wird. Flußabwärts verengt sich der Wiesengrund des Thales, an dessen Wänden sich Granitfelsen malerisch aufbauen, und es beginnt das Trusenthal, das seinen schönsten Teil oberhalb der Ortschaft Herges-Vogtei hat, dessen Bewohner mit denen des benachbarten Auwallenburg meist Bergleute sind, die auf Eisenstein, Alabaster und Schwerspat arbeiten. Über Felsblöcke rauscht der Trusenfall herab, der sein Wasser einer künstlich hergestellten Leitung verdankt, die unterhalb Brotterode vom Inselswasser abgezweigt wurde. Über Auwallenburg stehen die Ruinen der alten aus dem XIII. Jahrhundert stammenden Wallenburg, deren Bestandteile zum Teil von baulustigen Nachbarn weggeschleppt wurden.

Abb. 71. Bad Liebenstein.

Kleinschmalkalden.

Südlich des buchenbestandenen Seimberges erhebt sich die Glimmerschiefergruppe der Mommelsteine. Zwischen Seimberg und Roth windet sich die Kunststraße hinüber in das Thal des Wiebachs, der sich mit dem von der Höhe des Jagdbergs kommenden Kalten Wasser bei Klein-Schmalkalden vereinigt. Der Bach heißt von der Vereinigung an die Schmalkalde. Der Ort Klein-Schmalkalden (2000 Einw., wovon 1200 preußisch, 800 gothaisch sind) ist vom Bach durchflossen, der die Grenze bildet. Im ganzen Kreise Schmalkalden glühen in den Dörfern die Herdfeuer, es pocht und rauscht ein steter Betrieb in Hütte, Haus und Fabrik. Die Metallschätze des Mommelsteins und des Stahlberges sind die reichsten, denn sie liefern eine Jahresbeute von 6000000 kg besten Eisensteines; außerdem spenden die Berge des Gebiets noch Kobalt, Kupfer, Schwerspat, Marmor, Alabaster, Achat, Syenit, Porphyr und Sandstein. Bergbau und Hüttenwesen schufen die Köhlerei, belebten das Fuhrwesen und gaben Anlaß zum Aufblühen manches Waldortes, wo heute in Schmalkaldener Arbeiten eine lebhafte Industriethätigkeit herrscht. Vom Hühnberge abwärts zieht der besonders im Porphyrgebiet schöne Haderholzgrund herab. An seiner Mündung in die Schmalkalde liegt das preußische Dorf Seligenthal (1200 Einw.), mit Bergbau im nahen Stahlberg. Auch im benachbarten Nesselgrunde ist Eisenverarbeitung vorherrschend, besonders im Dorfe Floh (1100 Einw.). In Seligenthal und Brotterode leben etwa 550 Sporer und Schnallenschmiede.

Schmalkalden.

Wo das schöne Asbacher Thal den Porphyr durchbricht, nachdem es seine oberen Zuflüsse von der Loibe und aus dem Ebertsgrund erhalten hat, ist der Rand des Gebirges erreicht, so daß an der Mündung der Stille in die Schmalkalde schon Buntsandstein herrscht. Hier liegt die preußische Stadt Schmalkalden (7900 Einw.), ein Ort mit mittelalterlichen Anklängen und schöner Umgebung ([Abb. 71]). Die Kleinindustrie ist urkundlich seit dem XIV. Jahrhundert nachweisbar und erfreute sich seit dem XVI. Jahrhundert eines Weltrufes. Eine Masse von Kurzwaren werden hier verfertigt, und Tausende von Kleinfeuerarbeitern verfertigen diese Schmalkaldener Waren, ob sie nun in Schmalkalden oder in Struth, Seligenthal, Steinbach, Brotterode, Zella, Mehlis oder Suhl sitzen: Nägel, Haken, Schrauben, Jagdgeräte, Schlittschuhe, Werkzeuge und Gartengeräte, Petschafte, Fingerhüte, Ringe, Gürtlerwaren, Haus- und Küchengeräte. Mit Herstellung dieser Waren sind in Schmalkalden etwa 900 Arbeiter thätig. Die Stadt ist seit der Reformationszeit viel genannt, da hier 1531 der Schmalkaldische Bund geschlossen wurde, der später durch den Schmalkaldischen Krieg ein Ende fand. Das Rathaus und die Hauptkirche stammen aus dem XV. Jahrhundert, das auf dem Questenberge liegende Schloß Wilhelmsburg aus dem XVI. Jahrhundert, wo es an Stelle der alten Burg Wallraff (Walluff) erbaut wurde. Auf dem Friedhofe der Stadt ruht Karl Wilhelm, der Tonsetzer der »Wacht am Rhein«. Von großer Bedeutung für die zahlreichen an den Bachufern erbauten Werkstätten ist der Wasserreichtum der Gewässer, die schnell fließend sind und deshalb im Winter fast nie gefrieren.

Abb. 72. Schmalkalden.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)