X.

Klima Thüringens.

Der reiche Wechsel der Oberflächenformen in der Gesamtlandschaft Thüringen gibt Veranlassung zu einem sehr verschiedenen Klima in den einzelnen Gebieten. Am günstigsten erscheint die Osthälfte des Thüringischen Beckens nebst Ilm- und Saalplatte, im Westen etwa von einer Linie Saalfeld-Erfurt-Nordhausen begrenzt. Hier herrscht eine wahre Mitteltemperatur des Jahres von 8–9° C., die dann im Vorlande und Frankenwald erheblich zurückgeht und endlich auf dem Gebirgskamm nicht ganz 4° beträgt. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt in Weimar 8,1, Coburg 7,7, Ziegenrück 7, Großbreitenbach 5,8, am Inselsberg aber nur 3,6° C. Die Julitemperaturen stellen sich wie folgt: Weimar 17,6, Coburg 17,4, Ziegenrück 15,9, Großbreitenbach 15,1, Inselsberg 12,2; die Januartemperaturen: Weimar -1,2, Coburg -2, Ziegenrück -2, Großbreitenbach -2,6, Inselsberg -4,3. Merkwürdige Übereinstimmung zeigen die annähernd in gleicher Höhenlage befindlichen Städte Erfurt und Heiligenstadt, deren Jahrestemperatur 8,3 und 8°, Januartemperatur -1,1 und -0,7°, Julitemperatur 17,7 und 17,2° C. beträgt. Zuweilen tritt im Thüringischen Becken während des Winters eine Luftstauung ein, die sich in der Entwickelung hoher Kältegrade äußert, die oft auf den benachbarten Höhen nicht bemerkt werden, so daß ähnlich wie in den Alpen aus Bergen oder hoch gelegenen Orten im Winter manchmal höhere Temperaturen herrschen, als in tief gelegenen Thälern. Die eigentliche Frostzeit dauert in niederen Landesteilen etwa zwei Monate, steigt aber in den höheren Gebieten bis über das Doppelte. Aus den höchsten Punkten (Inselsberg, Schmücke, Oberhof) hat der Frost eine mittlere Dauer von 140 Tagen. Die täglichen Temperaturschwankungen sind in den engen und tief eingeschnittenen Thälern am bedeutendsten. Die Luft ist aber rein und besonders im Gebirge anregend, wozu Höhe und Bewaldung gleichmäßig beitragen und alljährlich viel Tausenden von Menschen Kräftigung und Erholung ermöglicht.

Niederschläge.

Die Durchschnittszahl der Tage mit Niederschlägen beträgt in Thüringen jährlich 180! In Weimar fallen an 197 Tagen im Jahre 55 cm Niederschläge, in Coburg an 160 Tagen 64 cm, in Großbreitenbach an 211 Tagen 112 cm, auf dem Inselsberg an 183 Tagen 120 cm. Nicht große Unterschiede haben Erfurt mit 52 cm (wovon 14 vom Hundert im Juni fallen, während in Großbreitenbach der höchste Prozentsatz 12 im Dezember fällt), Heiligenstadt 62 cm, Jena 54 cm, Langensalza 50 cm und Sondershausen 54 cm. Die geringsten Niederschläge mit weniger als 50 cm haben die Mitte des Thüringischen Beckens und die untere goldene Aue. Gewitter treten nur an 13–20 Tagen im Jahre auf. In den Niederschlagstagen sind die Schneetage miteingerechnet, die für Weimar 49, Coburg 48, Großbreitenbach 67, Neuhaus am Rennsteig 70, Inselsberg 67 betragen. Diese für das Gebirge verhältnismäßig geringe Zahl der Schneetage bringt aber oft große Schneemassen, so daß auf dem Kamm manchmal der Schnee bis zu den Dächern der Häuser reicht ([Abb. 73]). Die gewaltigen Schneemassen hüllen dann den schweigenden Gebirgswald in ein weißes Zaubergewand, das besonders auf den Nadelbäumen schwer lastet ([Abb. 74]) und großen Schaden durch Schneebruch anrichtet. Am verheerendsten treten die Schneebrüche in einer Höhenlage von etwa 700–800 m auf, wo der Schnee großflockiger fällt als in den höchsten Gebirgsteilen.

Abb. 75. Thüringische Tracht.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Das Klima Thüringens beeinflußt in bester Weise die mächtige Bewaldung des Gebirges und regelt den Lauf der Flüsse, während es im Thüringischen Becken den Ackerbau begünstigt. Die besonders im Sommer reichen Niederschläge nähren zahlreiche kräftige Wasseradern, die aber trotzdem dann nur niedriges Wasser führen, weil den Niederschlägen durch die Verdunstung entgegengearbeitet wird. So leidet die Schiffbarkeit der Saale durch diese geringste Wasserführung gerade zu der für den Verkehr günstigsten Jahreszeit. Im Winter und Frühling besitzen die Flüsse aber meist Hochwasser, das oft große Verheerungen anrichtet.

Abb. 76. Thüringische Tracht.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Ackerbau und Viehzucht.

Nach Klima und Höhenlage ist die Pflanzenwelt Thüringens eine wechselnde, aber überall wohlgepflegte. In den geschützten Thälern der Saale und Unstrut gedeiht der Wein, dessen Anbau schon seit dem XIV. Jahrhundert bekannt ist. Früher wurde er im Grabfeldgau gebaut, Rebenhügel grünten bei Kronach und Coburg, bei Erfurt, Arnstadt, Gotha und Eisenach, selbst in der Hainleite, am Kyffhäuser und am Frauenberge bei Sondershausen. Der Weinbau reicht nur bis zu einer Höhe von 350 m. In den unteren Gefilden Thüringens wiegt der Acker- und Gartenbau vor, dessen Bodenfläche im Kreise Erfurt, wo die weltberühmten Blumen- und Gemüseanlagen liegen, 81 vom Hundert der Gesamtanbaufläche beträgt, in Sachsen-Weimar 55 vom Hundert, im Gebirge aber noch weiter zurückgeht, so daß in Ziegenrück nur noch 46, in Schleusingen 24 vom Hundert der Gesamtfläche dem Acker- und Gartenbau dient. Die Thalgründe sind meist mit ausgedehnten Wiesen bedeckt, im Gebirge sind sie nur als Waldwiesen oder Hochwiesen vorhanden. Von der Gesamtfläche sind im reußischen Lande 17, in Ziegenrück 12 vom Hundert der Gesamtfläche Wiesen. Hiermit hängt eine kräftige Viehzucht zusammen, besonders im östlichen Thüringen, wo im Altenburger Ostkreise, im weimarischen Kreise Neustadt und in Reuß jüngerer Linie auf 1000 Bewohner 500–600 Stück Rindvieh kommen, während auf dem höchsten Teil des Gebirges dieses Verhältnis nur 100–300 Stück Rinder aufweist. Die in alten Zeiten blühende Pferdezucht ist erheblich zurückgegangen, da fast nur für landwirtschaftliche Zwecke gezüchtet wird. Am erheblichsten ist sie im oberen Unstrutthal, im Westen des weimarischen Kreises und in der Oberherrschaft von Schwarzburg-Sondershausen, wo auf 1000 Bewohner 75–100 Pferde kommen; am geringsten ist das Verhältnis in der Sondershäuser Unterherrschaft und auf der Höhe des Frankenwalds und des Thüringerwalds einschließlich der preußischen Kreise Suhl und Schmalkalden, wo auf 1000 Bewohner nur 6–25 Pferde kommen. Bedeutend ist die Zucht der Schweine, von denen auf je 1000 Bewohner 400–600 berechnet sind, aber wiederum mit Ausnahme des höchsten Gebirges, wo die Zahl auf 200–100 heruntergeht.

Abb. 77. Thüringische Tracht.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Abb. 78. Thüringische Tracht.
(Nach Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)

Ackerbau.

Von Kulturpflanzen der Stufe unter 350 m sei noch der Tabak erwähnt, der im Werrathal gebaut wird, dessen Jahresproduktion sich aber nur auf 106000 Mark beläuft. Außer Getreide gedeihen noch Hülsenfrüchte, Ölpflanzen, Flachs, Hopfen, Anis, Koriander, Klee und Kartoffeln. Obstreich sind die Thäler der Saale und Unstrut, Gemüse gedeiht in vorzüglichster Art bei Erfurt und Naumburg. Durch große Fruchtbarkeit ausgezeichnet sind die Keuperlandschaften in Coburg, Meiningen und im Thüringischen Becken, und die Landschaften des aus der Eiszeit stammenden Geschiebelehms im Altenburger Ostkreise. Der Muschelkalk zeigt meist trockenen steinigen Boden; wo er thonige Bestandteile hat, ist er für den Feldbau günstig. Das vorwiegend aus Muschelkalk bestehende Eichsfeld gehört zu den ärmlichsten Bezirken. Der Buntsandstein bildet, wie schon oben erwähnt worden, besonders auf der südlichen Saalplatte das Holzland, und ist für Ackerbau weniger geeignet, am besten noch für Kartoffeln. Fruchtbar sind aber die auf Buntsandstein lagernden Anschwemmungen in den Thälern der Wipper, Helme und Unstrut, der vielgepriesenen »Goldenen Aue«. Auch die auf Muschelkalkuntergrund vorhandene Lößbedeckung der Querfurter Platte gehört zu den fruchtbaren Landschaften.

Abb. 79. Thüringische Tracht.
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)

Abb. 80. Thüringische Tracht.
(Nach einer Photographie von G. Jagemann in Eisenach.)

Der lohnende Anbau von Getreide hört in einer Höhe von etwa 600 m auf. Zuerst schwindet nach der Höhe zu der Weizen, nach ihm die Gerste, während Roggen und Hafer noch über diese Höhe hinaus sich verbreiten. In kühlen regenreichen Sommern erreicht das Getreide in der Höhe des Rennsteigs oft die Reife nicht und wird dann als Grünfutter verbraucht. Die Roggenernte ist durchschnittlich in der Merseburger Gegend Mitte und Ende Juli, in Ilmenau Anfang August, in Gehlberg Anfang bis Mitte September. In den höchsten Gegenden steht oft noch Mitte Oktober der Hafer auf dem Felde. Ölpflanzen und Hülsenfrüchte reichen nur bis 500 m Höhe, nur der Flachs und die Kartoffeln steigen weiter empor, so daß die Kartoffel manchmal noch zwischen 700 und 800 m gut gedeiht. Das Wachstum der Feldpflanzen ist im allgemeinen nach der größeren Erhebung des Geländes arm und dürftig. Sehr anschaulich wirkt nach dieser Hinsicht der Vergleich einiger Blütezeiten. Die Traubenkirsche blüht in Leutenberg durchschnittlich am 8. Mai, in Coburg am 12. Mai, in Ohrdruf am 17. Mai, in Oberhof am 30. Mai; die Apfelblüte tritt in Leutenberg am 9. Mai ein, in Coburg am 14. Mai, in Ohrdruf am 21. Mai, in Oberhof am 5. Juni; Syringen blühen zuerst in Leutenberg am 15. Mai, in Coburg am 19. Mai, in Ohrdruf am 24. Mai und in Oberhof am 8. Juni. Auf der Höhe des Frankenwaldes werden in warmen Jahren die Kirschen noch reif bis zur Höhe von 700 m, doch ist das Fleisch der Frucht geringer entwickelt als der Stein. Andere Obstsorten gedeihen nur gut bis zur Höhe von 500 m, ebenso die Gurken und die feineren Gemüse. In den geschützten Lagen des Saalthales kommen auch zartere Obstsorten und prächtige Walnußbäume fort, ebenso im unteren Werrathal und im Gebiete zwischen Langensalza und Naumburg.

Abb. 81. Altenburgische Tracht.

Abb. 82. Altenburgische Tracht.

Abb. 83. Altenburgische Brauttracht.

Wald.

Das Gebirge ist in seiner ganzen Ausdehnung reich bewaldet und verdient deshalb den Namen »Wald« vollauf. Früher wurde der Bestand einzelner Gegenden stark gelichtet, da das Holz als Brennmaterial für Verhüttung der Erze diente. Trotzdem sind von der Gesamtfläche des Gebirges noch 74 vom Hundert mit Wald bestanden, wovon fast ¾ Staatswaldungen sind, was für die Erhaltung und Pflege der oft herrlichen Bestände von großer Wichtigkeit ist. Dabei durchkreuzen zahlreiche gute Wege die großen Wälder, daß man nicht mit Unrecht von Thüringen als dem »Garten Deutschlands« spricht. Der Charakterbaum des Waldes ist die Fichte, Tannen und Kiefern kommen seltener vor, letztere zumeist auf Sandsteinboden. Auch die höchsten Erhebungen des Gebirges reichen nicht über die Baumgrenze hinaus, Schneekopf und Beerberg sind bis zum Gipfel mit Nadelwald geschmückt, und auch auf dem freier gelegenen Inselsberg wachsen Buchen und Zwergkiefern. Im ganzen südöstlichen Thüringerwald und im Frankenwald überwiegen Nadelwälder, die für das Schiefergebirge bedeutsam sind. Die in niederen Gebieten vorkommenden Ahorne, Birken, Eschen und Linden reichen nicht weit in die Höhe, am weitesten noch die Eiche, die aber auch schon bei 550 m verschwindet. Von den geschlossene Bestände bildenden Laubbäumen geht die Buche am höchsten, erreicht jedoch in Höhen über 800 m keine volle Entwickelung. Im Holzbetrieb werden neuerdings fast gar keine Laubbäume nachgepflanzt, sondern Fichten, deren Holz sich schnell auswächst und um so schneller marktfähig wird. Buchenbestände kommen inselartig häufig vor, wo sie dann hellfarbig aus der dunklen Nadelwaldumgebung hervorleuchten, im Schwarzathal, im Schleusegrund, im Gerathal und anderwärts. Der nordwestliche Thüringerwald trägt auf Rotliegendem und Porphyr meist prächtige Buchenwälder, am Gebirgsfuße umsäumt vom Nadelwald, der auf dem Buntsandstein aus Kiefern besteht. Im Walde wachsen in großer Menge Heidelbeeren und Preißelbeeren, die eine wichtige Einnahmequelle für die ärmere Bevölkerung bilden, ebenso Pilze, und im Unterholz Weißdorn und Haselsträucher, auch schön gefiederte Farne. Belebt ist der Wald von zahlreichen Singvögeln; von wildem Geflügel sind Auer- und Birkhühner zu nennen. Rotwild und Wildschweine werden in den fürstlichen Wäldern gehegt.

Abb. 84. Fränkische Hausanlage.
(Nach A. Meitzen gezeichnet von E. Umbreit.)