XI.

Volkstum und Sprache.

Die Bewohner Thüringens bilden eine Art Stammeseinheit, verbunden durch eine fast tausendjährige Geschichte, durch Sitten und Gebräuche, Sagen und Lieder. Vorherrschend sind die Bewohner von Mittelgröße, körperlich am besten entwickelt in den Gebieten der Landwirtschaft, während hoch im Waldgebirge zwar die natürlichen Bedingungen die gleichen sind, aber durch das Vorwiegen der industriellen Thätigkeit stark beeinträchtigt werden. Abgesehen von örtlichen Sprachverschiedenheiten (z. B. Ruhla, Brotterode und Steinbach) wird nördlich des Gebirges meist die thüringische Mundart gesprochen, im größten Teil des Südens die fränkische (vgl. [S. 90]), im Osten des Osterländischen Stufenlandes fließt der Dialekt in das Meißnische hinüber, das im Königreich Sachsen vorherrschend ist. Aus dem thüringischen »Blümchen« wird in Franken ein »Blümle«, aus »Nalgen« (Nelken) ein »Nagele«, dabei haben viele Ortschaften noch ihre ganz besonderen Spracheigenheiten. Im Altenburgischen hat sich eine besondere Mundart ausgebildet. Im Norden greift das Thüringische am weitesten aus, dort zieht die Sprachgrenze ungefähr vom Eichsfeld bis zum Südharz und zur Saale. Nordwärts davon herrscht bereits das Niederdeutsche.

Abb. 85. Waltershausen.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Körperliche Verhältnisse der Bevölkerung.

Im allgemeinen ist der Thüringer fröhlichen Gemüts und geistig geweckt, in letzter Hinsicht überragt meist den Flachländer der Wäldler, soweit ihn der Schnapsgenuß nicht etwa heruntergebracht hat. Im Durchschnitt ist die Bevölkerung von mittlerer Größe und schmächtigen Formen. Das flache Land ist dabei begünstigt, während durch die ärmliche Lebensführung im Gebirge, besonders in Gebieten der Hausindustrie die körperliche Entwickelung sehr leidet. Dasselbe gilt in den meisten Fällen auch für das weibliche Geschlecht, das in der Kinderzeit noch frisch blüht, dann aber durch Arbeit, mangelhafte Ernährung und zu frühes Mutterwerden schnell altert. Begünstigt wird die geistige Regsamkeit durch die vielfältige Industrie, die ab und zu neue Dinge bringen muß, und der Verkehr mit Fremden, der im Gebirge naturgemäß bedeutender ist als in der Niederung. Auf dem Gebirge artet manchmal der Frohsinn in Leichtsinn und Genußsucht aus, der Grundzug bleibt aber auch hier fröhliche Genügsamkeit und Ehrlichkeit, so daß der Wanderer selbst in den ärmlichsten Waldgebieten nie von Bettlern belästigt wird.

Abb. 86. Schloß Tenneberg.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Abb. 87. Gotha um 1550, nach dem gleichzeitigen Holzschnitt von Sebastian Münster.

Beim »Wäldler« wie beim »Ländler« — bei dem Gebirgsbewohner wie bei dem Bauer der Ebene — ist in kirchlichen Dingen trotz mancher Gleichgültigkeit bei der Mehrheit doch noch eine religiöse Gesinnung vorhanden, wenn sie auch in neuerer Zeit etwas verblaßt. Aber der Bauer ist durch seinen Beruf fast immer an seine Abhängigkeit von einer unsichtbaren höheren Macht erinnert, die sich ihm fühlbarer macht als etwa dem Fabrikarbeiter der Stadt. Allen Freuden und Leiden gegenüber bleibt der Bauer gelassen, gemäß dem alten thüringischen Sprichwort: »Duck' dich und laß vorübergahn, das Wetter will sein'n Fortgang ha'n«, und dadurch entgeht er oft allem Spott und aller Schadenfreude. Ein Rest von Aberglauben ist da und dort noch vorhanden; für das abergläubische Thun braucht der Bauer den Gesamtnamen »Sympathie«, und das »Büßen« und »Versprechen« wird noch viel geübt.

Abb. 88. Gotha, vom Berggarten aus gesehen.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)

Geistige Verhältnisse der Bevölkerung.

Der Schulunterricht wird überall schon deswegen geschätzt, weil der Gebildete im Leben besser sein Fortkommen findet. Beim Landvolk ist der eheliche Friede meist bewahrt, wenn auch häufig die Neigung nicht als Ehestifterin gilt, und trotzdem »raucht es in allen Küchen«. Die Frau ist auf dem flachen Lande vielfach durch Lebhaftigkeit und Entschiedenheit dem gleichgültigeren Manne geistig überlegen. In der Mehrzahl der Landdörfer herrscht jetzt ein fortschreitender Geschäftsbetrieb in Bezug auf Ackerbau und Viehzucht. Mit dem Wachsen der Wohlhabenheit wird auch hier der Sinn für das Schöne geweckt, leider nicht durch Wiederaufnahme des Alten, sondern mit Nachahmung von städtischer Kunst, oft mit einem Anflug von Lächerlichkeit. Für Witz und Spott ist der Bauer im hohen Grade empfänglich, auch zeigt er im Verkehr mit anderen Leuten gefällige und liebenswürdige Seiten. Viele der im Gebrauch befindlichen Sprichwörter und Redensarten beschränken sich nicht auf Thüringen, sondern sind in ganz Mitteldeutschland und östlich bis weit nach Schlesien hinein nachweisbar. Es fehlen aber auch die Schattenseiten nicht: Geiz und Habsucht einen sich oft mit der Lust am Horchen und Klatschen und mit der in Handelsangelegenheiten häufig angewandten Übervorteilung, deren Wurzel in der sog. Bauernpfiffigkeit beruht. Bei Unglück und Not kommt aber der gute Kern wieder zum Vorschein, da heißt es Hilfe schaffen und sich gegenseitig unterstützen, was gern und ausgiebig gethan wird.

Abb. 89. Gustav Freytags Landhaus in Siebleben.

Sitten und Gebräuche.

Bezeichnend für die thüringische Auffassung ist die Zusammenstellung von Kirche und Schenke, Gottesdienst und Wirtshausbesuch, Andacht und Tanzbelustigung, die hier keine Gegensätze bilden, sondern ein Feiern im Sinne des Ruhens von der Arbeit. Infolgedessen ist es selbstverständlich, daß Konzert, Bratwurstessen und Tanzvergnügen zu jedem kirchlichen Gelegenheitsfest die Ergänzung bilden. Die vier Dinge: Bier, Wurst, Musik und Tanz dürfen bei keinem Feste fehlen. Für die Städte sind die Schützenfeste, hier Vogelschießen benannt, stets eine Reihe von lustigen Tagen. An manchen Plätzen haben sich Ortsfeste herausgebildet, so die Brunnenfeste in verschiedenen Badeorten, das Kirschenfest in Naumburg, dessen Beziehung zu den Hussiten nur Sage ist, da es erst seit 1450 als Sommerfest gefeiert wird. Für die Dörfer sind die Ortsjahrmärkte, vor allem aber die Kirchweih oder die Kirmeß (Kirmse) der Inbegriff alles Vergnügens, im Altenburgischen mit dem lieblichen Namen »Landfressen« bezeichnet. Kirchweih und Fastnacht werden oft drei Tage hintereinander gefeiert. Ähnlich ist es bei den Hochzeitsfeiern, bei denen städtische Äußerlichkeiten viel gelten. Vor dem Hochzeitshause ist dann eine Ehrenpforte errichtet. Zieht die Braut aus ihrem Dorfe hinweg, so thront sie mit Spinnrad und Rocken hoch oben auf den mit Hausrat, besonders Betten, gefüllten und von geschmückten Pferden gezogenen Wagen. Bei der Ausfahrt aus dem Dorfe sowie bei der Einfahrt in die fremden Dörfer oder Fluren wird sie durch ein vorgehaltenes Seil gehemmt und muß sich mit klingender Münze auslösen. Diese Sitte besteht jedoch auch in manchen Gegenden Schlesiens und wird überhaupt vielfach gegen Fremde angewendet, z. B. bei der Besichtigung von Neubauten. Bei Todesfällen und noch mehr bei Leichenbegängnissen hört man lautes Wehklagen, das gewissen Gewohnheiten folgt. Aber auch bei wirklichem Schmerz um einen Toten vergißt sich der Bauer des Flachlandes niemals selbst, um bei Erbschaften seinen Vorteil wahrzunehmen.

Die Liebe zur Natur offenbart sich in vielen Gebräuchen, und an Sonn- und Festtagen wandert der Thalbewohner hinauf zur Höhe. Am Pfingstfeste werden häufig Maien (grüne Waldbäume) errichtet, im mittleren und nordwestlichen Thüringerwald werden dann die Brunnen bekränzt und mit buntem Papierflitter ausgeputzt; später im Jahre werden Johannis- und Oktoberfeuer entzündet. Bis hoch ins Gebirge hinauf sind die Fenstersimse der Häuser mit Blumen geschmückt, die in Töpfen gezogen werden, besonders beliebt sind Aurikeln, Nelken und Rosmarin. Auch der ärmste Mann hat gefangene Vögel in kleinen Holzbauern neben seinen Fenstern aufgehängt: Stieglitze, Zeisige, Hänflinge, Finken und Kreuzschnäbel.

Abb. 90. Ohrdruf.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Nahrung, Sagen und Volkstrachten.

So manche Festbräuche klingen an längst vergangene Zeiten an. Es ist wohl etwas weit gegangen, die Schlachtschüsselmahlzeiten (»Schlachtfeste«) des Winters mit dem Julfest in Verbindung zu bringen, wo der Hertha das wilde Schwein als Opfertier gewidmet wurde. Beim beginnenden Frühling, also zum Osterfest, das an das alte Feste der Ostara, der Göttin des neu strahlenden Lichtes, anknüpft, werden deshalb hie und da Osterfeuer entzündet. An den Ostarakult erinnern die Namen mancher Höhen als Osterstein und der Gebrauch des Osterwassers. Im ehemaligen slavischen Wohngebiete erinnerte an das altgermanische Frühlingstotenfest das Lied:

Wir alle, wir alle kommen 'raus
und tragen heute den Tod hinaus,
Komm' Frühling, wieder mit ins Dorf,
Willkommen, lieber Frühling.

Auch der Inhalt dieser Reime ist weit bis nach Schlesien hinüber bekannt gewesen, wo noch vor vier Jahrzehnten, unter dem Gesange eines ähnlichen Liedes eine Strohpuppe im Umzuge geprügelt und dann in den Fluß geworfen wurde (das sog. Todaustreiben).

Die Nahrung ist nach den verschiedenen Abstufungen von der Wohlhabenheit bis zur dürftigsten Armut eine sehr verschiedene. Der Flachländer ist vor dem Gebirgsbewohner auch hier wieder sehr bevorzugt, da im Gebirge auf dem Küchenzettel die Kartoffel den ersten Rang einnimmt. Für viele Industrieplätze gilt der Satz:

Kartoffeln in der Früh,
Zum Mittag in der Brüh,
Des Abends mitsamt dem Kleid,
Kartoffeln in Ewigkeit.

Da gibt es höchstens des Sonntags einmal Fleisch, niemals dürfen auf dem Sonntagstische aber die Klöße (Hütes) fehlen, aus rohen Kartoffeln bereitet. Predigt nun der Geistliche im Vormittagsgottesdienst zu lange, so daß die Frauen zur Bereitung der Speisen zu spät nach Hause kommen, dann nennt man ihn wohl auch »Kloßverderber«. Die bei Festlichkeiten unentbehrliche Wurst wird auf dem Rost gebraten. Am Martinstage steht der Gänsebraten in hohen Ehren und zu Weihnachten werden überall Schlachtfeste gefeiert. So bringt die Kost besonderer Tage Abwechselung in das Einerlei der Wochentagsgerichte und mit der Verbesserung der Tafelfreude auch eine Verbesserung der Stimmung.

Viele Sagen sind im Volksmunde noch vorhanden, denen vielfach ein tief sittlicher Sinn zu Grunde liegt. Alle unheimliche Macht des Bösen, die dem Menschen feindlich entgegentritt, wird durch das Kreuz und den Namen Gottes gebrochen. Manche Sagen lassen noch einen heidnischen Kern erkennen oder knüpfen an das Entstehen oder Vergehen der Burgen und Schlösser an. Da gibt es Verzauberungen und Verwünschungen, und manch Berg und Wald, Kloster und Burg, Quelle und Fluß sind umrankt von Mären und Sagen. Vielfach klingt Erwartung und Freude an Reichtum, Ehre und Gold hinein, und wo der Mensch am ärmlichsten sein Dasein fristet, kommt die verklärende Sage, um ihn über die rauhe Wirklichkeit hinwegzutäuschen.

Die Trachten, die früher im deutschen Volksleben so reizvoll wirkten, sind auch in Thüringen fast verschwunden und im großen Kulturbrei aufgelöst. Nur hie und da sind noch schwache Reste vorhanden, zumeist beim weiblichen Geschlecht. Die großknöpfigen Röcke, die dreieckigen Hüte, die Kniehosen und Schnallenschuhe der Männer sind fast nirgends mehr zu finden, ebensowenig die großen Tuchmäntel und die runden Haarkämme der Frauen. Die mit weißer Leinwand unterlegten, auch im Sommer getragenen Pelzhauben der Frauen Brotterodes sind ebenso verschwunden, wie die gesichtsverhüllenden weißen Schleier, die nur Augen, Nase und Mund frei ließen. In der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts trugen wohlhabende Bürgerfrauen im Rudolstädtischen feine blaue Tuchmäntel mit Goldbortenkragen, sowie auf dem Kopfe ellenhohe von Gold strotzende Grenadiermützen, die hinten mächtige Büsche kostbarer Bänder wehen ließen.

Abb. 91. Arnstadt, im Hintergrund die drei Gleichen.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Ganz müssen mir hier die Kleiderarten des Mittelalters unberücksichtigt lassen, die im allgemeinen wenig mit Volkstrachten, die für einzelne Landesteile bezeichnend sind, zu thun hatten; so z. B. im XVI. Jahrhundert die silbernen Gürtel der Kreuzburger mit daranhängenden, klingenden Glöcklein, und die dicken baumwollenen Wämser mit hölzernen Schilden oder Brusteisen, um die Pfeilschüsse abzuwehren. Der überall in Deutschland verbotene Kleideraufwand scheint auch in den Thüringischen Landen verbreitet gewesen zu sein, denn 1420 verbot der Rat der Stadt Erfurt den übermäßigen Gebrauch von Gold, Silber und seidenen Kleidern, und zur Hochzeit durfte keine Krämerin oder Dienstmagd Perlen zum Kranze oder Haarband tragen.

Abb. 92. Plan von Erfurt um 1650 (nach einem gleichzeitigen Stiche).

Volkstrachten.

Der blauleinene Kittel der Männer ist nicht als Tracht aufzufassen, da er bei Landbauern und Fuhrleuten bis nach Frankreich verbreitet ist. Die Frauen halten insofern an alter Überlieferung fest, als sie bei festlichen Gelegenheiten eine große Zahl von Röcken übereinander tragen, meist von dunkler Farbe und vorn mit einer großen Schürze verhängt. Der Kopf ist turbanartig mit einem schwarzen Kopftuche umwunden, wie in Friedrichroda, oder trägt hohe Mütze mit lang herabfallenden Bändern, wie in Brotterode; dazu kommt noch der durch ganz Thüringen verbreitete aus Kattun gefertigte Kindermantel ([Abb. 75][78]). In Ruhla war früher üblich, um das nach hinten gekämmte mit rund gewundenen Zöpfen festgehaltene Haar bunte Tücher zu schlingen; die Ärmel sind vielfach im oberen Teile in Stufen geteilt und in enge Fältchen gelegt. Oft hat die Kegelhaube oder Bandmütze Einlagen von bunter Perlenstickerei oder ist mit großen Schleifen oder Federbüschen geziert, bei den Bräuten oben mit einer Flitterkrone geschmückt.

Abb. 93. Erfurt, von der Grolmanshöhe aus gesehen.
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)

In Hötzelsroda bei Eisenach trägt man ebenfalls das turbanartige Kopftuch oder auch große dunkle Hauben, in der Form den niederländischen nicht unähnlich. Auch hier ist der Ärmel im oberen Teile stark gefältelt, und über die Schulter fällt ein mit Band besetzter Kragen. Die Kleider sind dunkel und nur die Schürzen bringen eine etwas lebhaftere Färbung hinein. [Abb. 79] zeigt einen Kirchgang, wozu die blumengeschmückten Bänderhauben mit den großen Seidenschleifen, die Spitzkappe und der dunkle Radmantel zur Geltung kommen. In Öchsen bei Vacha gibt sich die Mädchentracht in einigen Resten ans Alte anklingend: die Halsketten, das buntfarbige Brusttuch, das dunkle Mieder und die kurzen Hemdärmel ([Abb. 80]) sind bezeichnend, während Röcke und Schürzen ziemlich neue Formen zeigen. Belangreicher ist die Tracht der Burschen mit den langen Westen, die mit ihren langen Knopfreihen bis ans bunte Halstuch reichen, den knopfbesetzten Jacken oder langen Röcken und den weißen Hosen, die entweder lang oder als Kniehose getragen werden. Im letzten Falle ist der Unterschenkel von einem wollenen Wadenstrumpf bedeckt, und an den Füßen prangen die niederen Schuhe mit den großen Schnallen.

Abb. 94. Dom und Severinskirche zu Erfurt.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)

Auch im Altenburgischen sind von der Tracht nur noch einige Reste vorhanden, und in entlegenen Dörfern sieht man zuweilen das ältere Geschlecht in der alten Gewandung ([Abb. 81] u. [82]). Bei der Männertracht sind die kleinen Hüte, das schwarzseidene Halstuch, die dunklen Tuchjacken oder langen Tuchröcke, die ledernen unter dem Knie zusammengebundenen Hosen und lange Stiefel noch gebräuchlich. Auffallender als beim Melcher ist die Tracht bei der Marje (Melchior und Marie, wie die Träger altenburgischer Tracht allgemein heißen). Der Kopf wird eng umschlossen von der Haube, die hinten ein Pappgestell trägt, um das Kantentuch in voller Breite zu entfalten. Der Brustlatz ist eine stoffüberzogene Pappe und steht in ärgster Feindschaft mit dem Teil des Körpers, den er bedeckt. Der eng gefältelte Rock umschließt panzerartig den Leib und läßt die Waden frei, darüber wird dann noch eine große Schürze mit langen Bändern getragen. Der Kopf einer Braut wurde mit dem Hormt geschmückt ([Abb. 83]), einem hohen Aufbau aus Pappe, mit rotem Damast überzogen und mit Goldplättchen behängt, die bei jedem Schritt aneinander klingen.

Anlage der Wohnplätze.

Unser Gebiet zeigt in seinem größten Teile, wo altgermanische Siedelungen bestehen, in seinen Ortschaften die fränkische Hausanlage. Das Wohnhaus steht mit dem Giebel der Straße zugewandt und ist meist von der Breitseite aus zugänglich. In der Mitte und im Nordwesten des Gebirges sind die Häuser meist mit Ziegeln oder Schindeln gedeckt und damit auch an den Wetterseiten verkleidet. Im Südosten, im Gebiete des Schiefergebirges, sind sie nicht nur mit Schiefer gedeckt, sondern oft auf allen Seiten bis zum Erdboden herab mit Schiefertafeln bekleidet, deren düstere Fläche hie und da durch hellfarbige Tafeln in Form irgend einer Zeichnung unterbrochen ist. Vielfach findet man im Erdgeschoß eine Laube oder offene Galerie an der Hälfte der Hauslangseite, oben verdacht, so daß bei schlechtem Wetter der Zugang zu den Thüren trocken bleibt. Hier werden Pferdegeschirre u. dergl. aufgehängt, manchmal auch das Brennholz aufgestapelt.

Abb. 95. Rolandsäule in Erfurt.

Einfach und eng sind die Wohnungen in den Industriegegenden, bei den Kleinfeuerarbeitern von Suhl und Schmalkalden, bei den Holzarbeitern bei Sonneberg, bei den Griffelarbeitern. Aus dem ursprünglichen einstöckigen Holzbau entwickelte sich später beim Bauernhause ein oberes Stockwerk aus Fachwerk mit Lehmfüllung. In neuerer Zeit wird das untere Stockwerk vielfach als Steinbau, das obere als Fachwerkbau ausgeführt. Die Hausthür führt in einen bis zur Rückwand durchgehenden Raum, an den auf der einen Seite der Wohnraum, auf der andern Seite die Kammern stoßen. Die übrigen Wirtschaftsräume, Ställe, Scheune, Schuppen, sind nur bei kleinem Besitz sämtlich hinter die Kammern unter demselben Dache angebaut. Bei den Hufenbauern stehen hier in der Regel nur die Pferde und Kühe. In den größeren Besitzungen sind für alle diese Wirtschaftsbedürfnisse besondere, wenn auch aneinander stehende Gebäude errichtet, die je nach dem verfügbaren Platze einen regelmäßigen oder unregelmäßigen Hofraum einschließen. Dieser Hof ist gegen die Straße durch Zaun oder Mauer und einem Thorweg mit Nebenthor abgeschlossen und hat einen etwa morgengroßen Hausgarten hinter sich, den die Verzäunung des Gehöftes mit einschließt (Abb. 84). Die gesamte Einrichtung ist nur auf das nächste Bedürfnis einer Familie beschränkt, weshalb auch nur eine Stube heizbar ist. In dieser Stube ist in unmittelbarer Verbindung mit dem Hauptherde im Flur der Stubenherd oder der Ofen errichtet, worin im Winter gekocht wird. Im Sommer wird auf dem Herd im Flur gekocht, und während des ganzen Jahres hier solche Arbeiten verrichtet, die Kessel und größere Gefäße erfordern oder Dampf und Geruch verbreiten, wie Waschen, Backen und dergleichen.

Abb. 96. Rathaus zu Erfurt.
(Nach einer Photographie von K. Festge in Erfurt.)

Dorfanlage.

Viele Bauten weichen aber von der Grundform des fränkischen Hauses ab, die Industrie brachte ein dichteres Zusammenwohnen und eine je nach den Bedürfnissen enge Bauweise, oft mit geschlossenen Gassenfronten. Der größte Teil des Thüringischen Gebiets zeigt in der Anlage des Wohnorts die volksmäßigen Gewanndörfer des Germanen. Gewann (von »giwinnan« = durch Arbeit gewinnen) bezeichnet einen Feldabschnitt. Waren die Gewannen urbar gemacht, so erhielt jede berechtigte Dorffamilie einen Anteil, dessen Fläche sich nach der Möglichkeit der Bearbeitung an einem Arbeitstage, auch Tagewerk oder Morgen genannt, richtete; jeder dieser Anteile hieß Morgen. Die Gesamtheit dieser zerstreuten Anteile bildete nebst Haus, Hof und Garten und dem Nutzungsrechte aus dem aus Wald oder Weideland bestehenden Marklande die Hufe. Neben diesem altgermanischen Dorfe findet sich eine andere Form in der Waldhufenkolonie, deren Verbreitung von Itz und Schwarza südöstlich bis über die Saale hinaus nachweisbar ist. Hier liegen die Hufen einander parallel in zusammenhängenden Streifen, fast senkrecht zur Dorfstraße.

Nördlich von dem zuletzt genannten Gebiet, westlich bis zur Saale reichend, war ehemals slavisches Siedelungsgebiet, in dem vorwiegend in der Zeit vom XII. bis XIV. Jahrhundert deutsche Kolonialdörfer gegründet wurden. Im slavischen Siedelungsgebiete war das slavische Runddorf (Rundling) die ursprünglich gewählte Anlage. Um einen kreisrunden mit einem Teich versehenen Platz stehen die Gehöfte im Kreise herum, das Hauptthor dem Platze zugewandt. Nach der Außenseite erstrecken sich dann den Gehöften zunächst die Gärten und dann die Felder. Der Dorfplatz war meist nur von einer Seite aus zugänglich und die Hauptstraße führte abseits des Dorfes vorüber. Die vielen Ortsnamen mit der Endung »rode« weisen in ihren ersten Bestandteilen meist Personennamen auf (Friedrichroda u. s. w.) und deuten auf das Urbarmachen von Waldstellen, Roden. Die Ortsnamenendung »leben« (von leba oder leiba = das Übriggelassene, der Nachlaß) fällt in ihrer Verbreitung zusammen mit dem nördlichsten Vordringen der Thüringer.

Volksdichte und Konfessionen.

Die Volksdichte ist in Thüringen zwar in Abhängigkeit von der Bodenform und Höhenlage, aber doch vielfach beeinflußt durch die Industrie, die selbst in sonst dünner bevölkerten Landschaften oder Thälern eine Häufung der Bevölkerung veranlaßte. Im ganzen Thüringischen Gebiete wohnen fast 2½ Mill. Menschen, in den Thüringischen Staaten allein fast 1½ Mill., auf dem qkm 128. Die dünnste Bevölkerung hat Schwarzburg-Sondershausen mit 91 Menschen auf dem qkm, es folgen dann Schwarzburg-Rudolstadt mit 94, Sachsen-Weimar mit 94, Sachsen-Meiningen mit 95, Sachsen-Coburg-Gotha mit 111, Sachsen-Altenburg mit 136, Reuß jüngere Linie mit 160, Reuß ältere Linie mit 213 Bewohnern auf 1 qkm (die Durchschnittszahl für das Deutsche Reich ist 97). Läßt man die Städte mit über 20000 Einw. aus der Berechnung, so ergibt sich für den größten Theil Thüringens nur eine Volksdichte von 75–100 auf den qkm, höher stellt sich die Umgegend von Erfurt und der Industriestreifen südlich des Gebirges, wo 100–150, in der Umgegend von Sonneberg sogar 150–200 Menschen auf den qkm kommen. In den am dichtesten bewohnten Gebieten bei Naumburg und Weißenfels leben mehr als 200 Menschen auf dem qkm. Dicht bevölkert ist der Fuß des Gebirges, der durch den schon früher erwähnten Städtekranz an der Gesteinsgrenze gekennzeichnet wird. Im mittleren und nordwestlichen Thüringerwald wohnen deshalb fast ¾ seiner Bevölkerung in der Höhenlage von 400–700 m, im Schwarzagebiete in 400–600 m. Die Mehrzahl der Gesamtbevölkerung gehört der evangelischen Konfession an, nur in Erfurt sind 3/10 der Bevölkerung katholisch, ebenso im nordwestlichen Meiningen, dieses ehemals zur Abtei Fulda, Erfurt zum Bistum Mainz gehörig. Im bayerischen Anteil des Frankenwalds steigt die Zahl der Katholiken auf 5/107/10 der Gesamtbevölkerung; es sind dies früher zum Bistum Bamberg gehörige Gebiete. Das nördliche Eichsfeld, das Gebiet des alten Bistums Heiligenstadt, ist fast ganz katholisch, nur im Kreise Mühlhausen überwiegen die Evangelischen.

Abb. 97. Das tolle Jahr.
Wandgemälde von Prof. Janssen im Rathaussaal zu Erfurt.
(Nach einer Photographie von K. Festge in Erfurt.)