XII.
Am Fuße des Gebirges, wo aus dem Waldgebiete die Bäche hinaushüpfen ins freiere Land, ist wie eine Schmuckkette eine lange Reihe lieblicher Ortschaften und schmucker Städte erbaut, oft gegen den ebeneren Teil des Landes durch grüne Hügel abgeschlossen. Außerhalb dieser Linie zieht die große Verkehrsstraße von Ost nach West. Hier liegen die Vermittelungspunkte des Waldes mit dem flachen Lande und viele dieser lauschigen Plätze sind beliebte Sommerfrischen geworden.
Abb. 98. Das Trocknen von Strohblumen in der Gärtnerei von J. C. Schmidt in Erfurt.
Abb. 99. Einsammeln von Stiefmütterchensamen in der Gärtnerei von J. C. Schmidt in Erfurt.
Nordvorland.
Das nördliche Vorland des Thüringerwalds beschränkt sich geologisch nur auf die schon früher besprochene Zechsteinzone. In Bezug auf die Oberflächenform entwickelt sich das Vorland erst südöstlich des Erbstromes bis über Ohrdruf hinaus, wo die Muschelkalkplatte von Gossel und Crawinkel bis an den Fuß des Gebirges reicht. Muschelkalk und Buntsandstein treten dann aber in breitester Entwickelung auf und reichen mit wenigen Unterbrechungen fast bis Erfurt und Weimar, zwischen Ilm und Saale die Ilmplatte bildend, die in natürlichem Zusammenhange steht mit der Saalplatte. Nördlich davon dehnt sich das Thüringische Becken aus, dessen Mitte etwa durch das nur 124 m über dem Meere liegende Städtchen Sömmerda bezeichnet wird, weiter aber umrahmt ist von den nördlichen Grenzhöhen, die in großem Bogen vom Hainich über das Eichsfeld, den Dün, die Hainleite und die Finne reichen.
Abb. 100. Weimar um 1650 (nach dem gleichzeitigen Stich von Merian).
Leina. Hörselberge.
Die südlich von Friedrichroda herabkommende Leina bildet den Oberlauf der Hörsel. Die Leina tritt bei Schönau vor dem Walde aus den Bergen, wo Landgraf Balthasar 1369 den kleinen Leinakanal abzweigte, um Gotha mit Wasser zu versorgen. Der Kanal mündet nordwestlich von Gotha in die Nesse, die sich bei Eisenach in die Hörsel ergießt. Da das Wasser des Kanals nicht ausreichte, wurde 1653 ein zweiter angelegt, der als Leinakanal bei Georgenthal von der Apfelstedt abzweigt und bei Emleben sich mit dem älteren Kanal vereinigt. Auf diese Weise ist eine Gabelteilung (Bifurkation) hergestellt worden, welche die Wasserscheide durchschneidet und die beiden Stromgebiete der Elbe und Weser miteinander verbindet. Die Hörsel mündet nach einem Laufe von 55 km bei Hörschel in die Werra. Östlich von Eisenach erhebt sich zwischen Hörsel und Nesse der 486 m hohe Muschelkalkwall der sagenreichen Hörselberge, mit der kleinen Venushöhle oder dem Hörselloch. Das Hörselthal bildet einen wichtigen Durchgangspunkt für den Verkehr von Westen, der nach Osten über Gotha und Erfurt nach Weimar und Leipzig seine Wege zog und jetzt von der Thüringischen Eisenbahn (1847 vollendet) durchfahren wird, die nach Norden und Süden zahlreiche Zweige aussendet. Die Lage Thüringens gibt die natürlichen Bedingungen für einen Durchgangsverkehr im Südteile des Thüringischen Beckens, und schon die alte Straße Frankfurt a. Main-Leipzig lief durch Hörsel- und Assethal nach Gotha, um dann über Buttstädt, Eckartsberga, Naumburg und Weißenfels nach Leipzig zu führen. Seit dem XVI. Jahrhundert wurde diese »Hohestraße« die Hauptverbindung zwischen dem Rhein und dem Handelsmittelpunkt Leipzig; schon zu Anfang des XVII. Jahrhunderts bestand hier eine Postverbindung, die aber erst am Ende desselben Jahrhunderts in eine Fahrpost umgewandelt wurde.
Abb. 101. Weimar mit dem Schloß.
(Nach einer Photographie von L. Held in Weimar.)
Waltershausen. Tenneberg.
Von Wutha führt eine Zweigbahn bis Ruhla; von Fröttstädt nach Friedrichroda, die weitergeführt wurde über Ohrdruf nach Gräfenroda. Waltershausen (5600 Einw.), am Fuße des Burgbergs gelegen ([Abb. 85]), ist eine Hauptstätte für Puppen- und Spielwarenherstellung, die erst im Laufe des XIX. Jahrhunderts eingeführt wurde. Die Fertigstellung der Puppenbestandteile beschäftigt außerdem noch viele fleißige Hände in den benachbarten Gebirgsorten. Ein altes Gebäude ist die am Burgweg liegende Kemnate, aus dem XIV. Jahrhundert, einst ein Rittersitz, heute eine Spielwarenfabrik. Auf der Muschelkalkhöhe des Burgbergs erhebt sich Schloß Tenneberg ([Abb. 86]), etwa um 1591 errichtet, 1729 erneuert und umgebaut. Beim Austritt des Badewassers aus dem Gebirge liegt Schnepfenthal, die berühmte gothaische 1784 von Salzmann gegründete Erziehungsanstalt, in der u. a. einst der Geograph Karl Ritter Schüler war.
Gotha.
Gotha (31700 Einw.), die Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-Coburg-Gotha, ist abwechselnd mit Coburg Residenz. Sie ist umgeben von schönen Gartenanlagen, die an Stelle der alten Festungswerke angelegt wurden, und weithin zerstreuten Landhäusern ([Abb. 87] und [88]). Gotha ist eine alte Stadt, schon im Jahre 930 von Mauern geschützt, und war beherrscht vom alten Schlosse Grimmenstein, auf dessen Ruinen später das Schloß Friedenstein gebaut wurde.
Abb. 102. Weimar, von Osten aus gesehen.
(Nach einer Photographie von L. Held in Weimar.)
Der Name Grimmenstein erscheint zuerst seit 1316 unter Friedrich dem Gebissenen. Hierher flüchtete 1564 der vom Reich geächtete Ritter von Grumbach in seiner Eigenschaft als Unterthan und herzoglicher Rat, was für die Burg und Stadt Gotha die verderblichsten Folgen hatte. Zur Vollstreckung der Acht gegen Grumbach und seiner fürstlichen Beschützer belagerten die Truppen des Kurfürsten August die Burg, die nach der Eroberung vernichtet wurde, während in der Stadt Grumbach er und seine Genossen durch Hinrichtung einen schmachvollen Tod erleiden mußten.
Die Stadt hat bedeutende Sammlungen (im Schlosse Friedenstein eine Bibliothek von 210000 Bänden und 7000 Handschriften) und gemeinnützige Anstalten, ist eine wichtige Stätte des Buchhandels und bekannt durch ihre Wurst- und Schuhwaren. Östlich der Stadt erhebt sich der schmale Wall des Seebergs, dessen der Keuperformation angehörige Rhätsandsteine treffliche Bausteine liefern. Westlich steigt die Muschelkalkhöhe des Krahnbergs empor, von dessen Höhe man einen schönen Überblick des Thüringerwalds hat. Das Dorf Siebleben (2300 Einw.) wird von vielen Arbeitern bewohnt, die in gothaischen Fabriken thätig sind. Hier liegt Schloß Mönchshof, eine herzogliche Besitzung, und das Landhaus des 1895 verstorbenen Dichters Gustav Freytag ([Abb. 89]).
Abb. 103. Luther als Junker Jörg, von Lukas Cranach.
Aus dem Großherzoglichen Museum zu Weimar.
(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)
Ohrdruf. Plaue. Arnstadt.
An den Ufern der Ohra, 370 m hoch, liegt die gothaische Stadt Ohrdruf (6200 Einw.), ein märchenumwobener stiller Ort ([Abb. 90]), dessen Bewohner gewerbfleißig sind und am Flusse allein mehr als dreißig Mühlen aller Art errichtet haben. Hier baute 724 Bonifatius (Winfried), der Apostel der Deutschen, die erste christliche Kirche in den thüringischen Landen. Zwischen Wolfis (1900 Einw.), Crawinkel (1500 Einw.) und Gossel (800 Einw.) dehnt sich die kahle Muschelkalkplatte aus, über die früher die alte Waldstraße von Oberhof nach Erfurt führte, die Heimat der Hollandgänger, der Frachtfuhrleute, die Kienruß bis nach den Niederlanden führten und Kolonialwaren dafür mitbrachten. Bei Crawinkel steht quarzhaltiger Porphyr an, der zu Mühlsteinen gebrochen wird. Nach Osten sind mehrere Thäler in den Muschelkalk eingeschnitten, die ins Gerathal ausmünden. Frankenhain (900 Einw.) ist ein Hauptplatz für Pech- und Kienrußherstellung. Bei dem von einer alten Burgruine überragten Liebenstein verschwindet in der Sonnenhitze oft die wilde Gera im Geröll des Muschelkalks, während sie im Frühling als reißender Gebirgsbach zu Thal stürzt. Geschwenda (1600 Einw.), zu Schwarzburg-Sondershausen gehörig, hat Holzverarbeitung als Haupterwerbsquelle und die Geschwendaischen Blumenstöcke werden bis in die Gärtnereien von Erfurt und Bamberg verschickt.
Das sondershäusische Städtchen Plaue (1500 Einw.), ein stiller und alter Ort, ist überragt von der Ruine der 1324 erbauten Ehrenburg. Die Muschelkalkhöhen der Reinsberge wurden ehemals von der Reinsburg gekrönt, die Ende des XIII. Jahrhunderts von Rudolf von Habsburg fast dem Erdboden gleich gemacht wurde. Bei dem nahen Dörfchen Angelroda erhebt sich der schimmernde Muschelkalkberg des Weißensteins, südlich davon öffnet sich die zerklüftete Schlucht der Kammerlöcher. Das breite kahle Thal des Plaueschen Grundes führt hinab nach dem in lieblichem Hügellande gelegenen Arnstadt (13600 Einw.), der Hauptstadt der schwarzburg-sondershäusischen Oberherrschaft ([Abb. 2] und [91]), von fruchtbaren Obstgärten umsäumt. Urkundlich schon 704 erwähnt, ist die Stadt heute in Industrie und Handel wichtig; hier soll die Cervelatwurst zum erstenmale hergestellt worden sein. Im lindenbeschatteten Schloßgarten liegt die Ruine der Burg Neideck, die 1279 vom Grafen von Käfernburg erbaut wurde. Im VIII. Jahrhundert erstand wahrscheinlich die bei Oberndorf gelegene Käfernburg (Kevernburg), seit Ende des XVI. Jahrhunderts verfallen. Arnstadt hat ein schönes 1581 gebautes Rathaus und die herrliche Liebfrauenkirche, die Ende des XII. Jahrhunderts in romanischem Stil begonnen, seit dem XIV. Jahrhundert in gotischem Stil weiter ausgebaut und erst in neuester Zeit ausgestaltet wurde.
Ichtershausen. Die drei Gleichen.
Flußabwärts führt an der Saline Arnshall eine Zweigbahn bis Ichtershausen (2550 Einw.), einem gothaischen Flecken, der Nadel- und Stahlwarenfabrikation treibt, in denen 800 Arbeiter beschäftigt sind, die täglich mehr als 2 Mill. Nähnadeln liefern. Im XII. Jahrhundert bestand hier ein Cistercienser-Nonnenkloster, das der Reformation weichen mußte. Die Klosterkirche wurde 1525 in ein evangelisches Gotteshaus umgewandelt und die Nonnen mit dem fürstlichen Ruhegehalt von acht Gulden jährlich entschädigt. Das nördlich gelegene Molsdorf ist bekannt durch sein Schloß, das dem lebenslustigen Grafen Gotter gehörte, dem Freunde Friedrichs des Großen. Parallel vorgelagert der sich zwischen Ohrdruf und Arnstadt ausdehnenden Muschelkalkplatte erheben sich einige Keuperhöhen, von deren Kegeln die sagenumwobenen Drei Gleichen weit ins Land hinausleuchten. Die beiden Ruinen liegen auf preußischem, die dritte noch erhaltene Burg auf gothaischem Gebiet. Die eigentliche Burg Gleichen (Wanderslebener Schloß) stammt aus dem XI. Jahrhundert, kam Ende des XVI. Jahrhunderts zu Mainz, Ende des XVIII. Jahrhunderts an Erfurt und damit 1803 an Preußen. König Friedrich Wilhelm III. schenkte sie einem General, der mit seinem Kunstverständnis das schönste Gebäude abbrechen und am nördlichen Fuß des Berges einen Schafstall daraus bauen ließ.
Abb. 104. Goethes Gartenhaus im Park zu Weimar.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Hier spielt die Sage des Grafen Ernst von Gleichen mit den zwei Frauen, der mit dem Kaiser Friedrich II. in den Kreuzzug gegen die Türken zieht und 1228 in Palästina gefangen wird. Melechsala, die schöne Tochter eines türkischen Emirs, entflieht mit ihm, und beide gelangen glücklich nach Thüringen, wo in »Freudeuthal«, dem Vorwerk der Burg Wandersleben, die Gräfin den Gemahl und seine Retterin empfängt, die nach ihrem Übertritt zum Christentum dem Grafen auch noch angetraut wurde. Alle drei sollen in Frieden und Einigkeit miteinander gehaust haben — so glaubte man wenigstens lange Zeit, und in der Peterskirche zu Erfurt zeigte man den Grabstein, auf dem der Graf mit zwei Frauen, eine in türkischer Kleidung, dargestellt war. Dieser Grabstein stammt aus dem XIII. Jahrhundert, während die Sage erst im XVI. Jahrhundert entstanden war. Der Grabstein war das Abbild eines Grafen von Gleichen mit zwei christlichen Frauen, mit denen er aber nicht gleichzeitig, sondern nacheinander vermählt war.
Das Mühlberger Schloß, über deren Gemäuer sich ein 24 m hoher Thurm erhebt, ist die schönste der Ruinen, urkundlich zuerst Anfang des VIII. Jahrhunderts erwähnt. Die Wachsenburg ist die höchste der Burgen (414 m) und bietet von ihren bewohnten Gebäuden eine weite Rundsicht. Im X. Jahrhundert wurde hier ein Kloster errichtet, wohl aber erst im XIV. Jahrhundert in eine Burg umgewandelt.
Erfurt.
Die »Gartenstadt« Erfurt (78200 Einw.), das alte Erpesfurt, ist einer der ältesten thüringischen Orte, schon im VIII. Jahrhundert von Bonifatius als ein alter Ort, als »eine Stadt der heidnischen Bauern« bezeichnet und zum Sitz des Bistums auserkoren. Die Stadt liegt fast in der Mitte Thüringens und ist dadurch schon frühzeitig zu Bedeutung gelangt, besonders vom XIII. bis zum XV. Jahrhundert, als es Mittelpunkt des Waidbaues war, und von 1392 an auch Sitz der ersten deutschen Universität, die 1816 aufgehoben wurde. Die Religionskriege des XVI. und XVII. Jahrhunderts bedingten den Rückgang der Stadt, die schon durch Verlegung des Bistums nach Mainz Einbuße erlitten hatte. 1802 kam Erfurt an Preußen und gelangte zu neuer Blüte, nachdem 1874 die Festungswerke gefallen waren. Erfurt ist Hauptort eines preußischen Regierungsbezirks und liegt am Grenzgebiete von Muschelkalk und Keuper im Diluvium, durchflossen von mehreren Armen der Gera. Das Städtebild mahnt heute noch mit zahlreichen Kirchen an die frühere Verbindung mit Mainz ([Abb. 92] und [93], die Stadt mit den mittelalterlichen Befestigungen darstellend). Von den Kirchen ist am bedeutendsten der katholische Dom ([Abb. 94]) und die Severinskirche, beide im XIV. Jahrhundert erbaut.
Abb. 105. Goethes Haus in Weimar.
(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)
1392 erfolgte die Gründung einer Universität, die zu hoher Blüte gelangte und aus welcher Ulrich von Hutten und Martin Luther hervorgingen. In späteren Jahren sank sie aber immer mehr und ging 1803 völlig ein. Der Erfurter Roland ([Abb. 95]) stammt aus dem Jahre 1591 und wurde an Stelle eines Kreuzes errichtet, das zwischen den Mauern auf dem Fischmarkte stand, früher der »Römer« oder »steinerne Mauer« genannt. Er ist eine 2 m hohe steinerne Figur und zeigt den Charakter der Spätrenaissance. Die Rolandsäulen, die weit über das nördliche und östliche Deutschland verbreitet sind, entsprechen überall den alten früher auf den Märkten stehenden Kreuzen und wurden damit die Wahrzeichen der Marktfreiheit und des Marktrechtes. Auf dem Fischmarkt erhebt sich das neue von 1869 bis 1875 erbaute Rathaus ([Abb. 96]), in dessen Treppenhaus und Wandelgängen Gemälde aus der Gleichen-, Tannhäuser- und Faustsage wie aus Luthers Leben von Professor Kämpffer angebracht sind. Den großen Festsaal schmücken die Bilder von Professor Janssen aus der Geschichte Erfurts, beginnend mit der Einführung des Christentums, ferner der Mitarbeit Erfurts bei der Zerstörung der Raubritterburgen, der Blütezeit der Universität, der Darstellung des »tollen Jahres« ([Abb. 97]), als 1509 der Volksunwille sich gegen den Übermut und die Verschwendung der Gemeindeverwaltung aufbäumte, die Unterwerfung Erfurts unter das Erzstift Mainz, und endlich, da die Stadt preußisch geworden war, der Besuch Friedrich Wilhelms III. und der Königin Luise in Erfurt.
Abb. 106. Schillers Haus in Weimar.
(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)
Erfurts Gartenbau.
Hoch entwickelt ist der Gartenbau, der Erfurt zur ersten Gartenstadt Deutschlands macht und Blumen und Gemüse von außerordentlichen Massen liefert. Der Anfang des Erfurter Gemüsebaues stand in Verbindung mit der Landkultur im Dreienbrunnen zwischen Erfurt und Hochheim. Die Quellen entspringen dem Fuße des Steigers und bewässern das Land, und durch viele Gräben (Klingen) leitete man das befruchtende Naß. Hier wurde schon im Mittelalter die an den Wasserläufen wild wachsende Kresse gesammelt, die später gärtnerisch gezogen lange Zeit den wichtigsten Versandartikel der Erfurter Gärtnereien bildete. Bis zum XVI. Jahrhundert beschränkte man sich lediglich auf Waid-, Obst- und Gemüsebau, erst in der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts wandte man sich dem Anbau von Handelspflanzen zu, aber erst in neuer Zeit hat die Blumen- und Samenkultur den Aufschwung genommen, der Erfurt an die erste Stelle gerückt hat. Für Palmen und Gräser aus allen Weltteilen gibt es große Trocken- und Färbeanlagen, und die Gärtnerei von Schmidt hält am Kap der guten Hoffnung eine besondere Farm für Pflanzenkulturen. In den großen Gewächshäusern gedeihen viele Tausende von Kamelien, Primeln, Cyclamen, Palmen, Syringen u. s. w. Beim Beginn des Sommers werden die Gewächshäuser entleert und ihr Inhalt auf die Felder verteilt. Da sieht man ein Hektar Land nur mit Rosen bedeckt, etwa 20 Hektar mit Immortellen, deren Trocknung in großen Kästen geschieht ([Abb. 98]), und 20 Hektar mit Stiefmütterchen, deren Samenlese in [Abb. 99] veranschaulicht wird. Dabei gibt es in Erfurt etwa 20 andere große Firmen, die jede ihre besonderen Kulturen besitzt: Clematis, Fuchsien, Palmen, Zwiebelgewächse oder Zwergblumenkohl. Für den Samenhandel liefert Erfurt nur einen Teil des zum Verkauf bestimmten Samens. Die Benarysche Gärtnerei besitzt dafür in außereuropäischen Ländern große Samenzüchtereien. In ihren Erfurter Züchtereien finden sich ganze Hektaren mit Astern in allen Formen und Farben bedeckt, Stiefmütterchen u. s. f., auf Holzgestellen 100000 Levkoypflanzen in Töpfen und in einem Gewächshause 30000 Primeln. Das sind gewaltige Zahlen, die einen Anhalt zur Beurteilung der Erfurter Gärtnerei geben. Auch die Industrie ist bedeutend und ernährt die Hälfte von Erfurts Bevölkerung; in der Schuhwarenherstellung sind allein 2500 Arbeiter beschäftigt. Unweit der Stadt liegt das Dorf Ilversgehofen (6650 Einw.) mit einem Steinsalzbergwerk, dessen Salzlager 24 m Mächtigkeit hat.
Abb. 107. Abendkreis der Herzogin Amalia.
(Verkleinert nach einer Aquarelle von G. M. Kraus, etwa aus dem Jahre 1795, auf der Großherzoglichen Bibliothek in Weimar.)
Ilmplatte.
In dem ganzen Gebiete zwischen Gera und Ilm bis zu einer Linie Erfurt-Weimar herrscht mit wenigen Ausnahmen Buntsandstein und Muschelkalk vor. Wir bezeichnen dies Gebiet als westliche Ilmplatte, die in Zusammenhang steht mit der östlichen Ilmplatte, dem Gebiet zwischen Ilm und Saale; beide südlich bis an den Fuß des Gebirgs reichend. Bei Rudolstadt, im oberen Teile des Schaalbachthales, liegt das Dörfchen Keilhau mit der bekannten von Fröbel 1807 gegründeten Erziehungsanstalt in schön bewaldeter Umgebung, am Fuße des von einem Turm gekrönten 476 m hohen Steiger, eines Muschelkalkberges. Nördlich der Straße Rudolstadt-Stadtilm breitet sich das Schöne Feld aus, eine wald- und wasserlose Muschelkalkfläche. Im Remdathale liegt das weimarische Stadt-Remda (1200 Einw.), in einem Nebenthal der Remda oder Rinne das rudolstädtische Städtchen Teichel (500 Einw.). Die Muschelkalkhöhen der Ilmplatte streichen meist westöstlich in einer Mittelhöhe von 400–500 m (am höchsten im 585 m hohen Siegerberg bei Stadtilm), in kräftiger Entwickelung und vielfach von Thälern zerschnitten zum Saalthale abfallend.
Abb. 108. Karl August bei Goethe.
(Gezeichnet und gestochen von Schwerdgeburth in Weimar.)
Stadtilm. Kranichfeld. Blankenhain.
Im freundlichen Ilmthale liegt das rudolstädtische Städtchen Stadtilm (3100 Einw.), mit schöner in den ältesten Teilen aus dem XII. Jahrhunderte stammender, einst der Jungfrau Maria geweihter Kirche. Die »höchste Brücke in Thüringen« verbindet beide Türme miteinander. Bis zum Städtchen Kranichfeld (1850 Einw., davon 1050 meiningisch, 800 weimarisch) reicht die Bahnverbindung von Weimar her, die über Berka und Tannroda führt und von Berka noch einen Zweig nach Blankenhain sendet. Die Besitzverhältnisse in Kranichfeld springen in buntester Weise durcheinander. Die Häuser derselben Straße gehören zu den obengenannten Staaten und die Staatsangehörigkeit hat man durch verschiedenfarbige Hausnummerschilder kenntlich gemacht. Die Grenzen gehen aber manchmal mitten durch ein Haus hindurch, was oft zu den ergötzlichsten Zuständen führen kann. Tannroda (1000 Einw.) und Blankenhain (2900 Einw.) sind weimarische Sommerfrischen und liegen mit Berka auf einer Buntsandsteinscholle, die großenteils mit schönen Nadelwäldern bedeckt ist. Berka an der Ilm (1850 Einw.) ist ein stiller Badeort in windgeschützter Lage. Beim Dorfe Buchfart befinden sich in der Felswand des linken Ilmufers Höhlen, Burg Buchfart genannt, die wohl noch aus heidnischer Zeit stammen, mit einem in den Muschelkalk gearbeiteten Weg, durchschnittlich 15 m über der Thalsohle, der am äußeren Rande durch Mauerwerk geschützt war. Bei Mellingen (1050 Einw.) biegt die Ilm rechtwinklig um und nimmt den Madelbach auf, in dessen flacher Thalung das Städtchen Magdala (800 Einw.) liegt. Der untere Teil der östlichen Ilmplatte zeigt einförmigen Charakter, auf Buntsandstein teilweis Keuper und Diluvialablagerungen tragend und von einigen kleinen Thälern nur wenig eingeschnitten. In einem kleinen meiningischen Gebietsteile liegt das Dorf Vierzehnheiligen mit einer Wallfahrtskirche, vom Herzog Wilhelm von Weimar als Sühne nach dem sächsischen Bruderkrieg 1464 errichtet. Auf den benachbarten Fluren kam 1806 die Schlacht bei Jena zur Entscheidung.
Abb. 109. Herderdenkmal in Weimar.
(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)
Weimar.
An einer nochmaligen nach Nordost gerichteten Umbiegung der Ilm liegt Weimar (27000 Einw.), die Hauptstadt des Großherzogtums Sachsen. Von alters her schon Grafen- und Fürstensitz, hat die Stadt unter dem Schutz kunstsinniger Herzöge sich weiter entwickelt und ist heute zu einer stillen und vornehmen Residenz geworden ([Abb. 100] bis [102]).
Am Anfang des XI. Jahrhunderts Wimmare (= Weidenbach) genannt, begann für den Ort im XII. Jahrhundert eine Zeit der Blüte, die sich trotz aller Wechsel erhalten hatte und andauerte, als 1554 Weimar Hauptstadt des neuen Herzogtums Weimar wurde. Zur selben Zeit kam die Renaissance in Deutschland zu voller Entfaltung, und mit reger Bau- und Kunstthätigkeit wurde der künstlerische Sinn auch ins Volk getragen. 1552 erhielt Lukas Cranach seine staatliche Bestallung und schuf die herrlichen Altargemälde für die Stadtkirche, malte auch Luther als Junker Jörg ([Abb. 102]), welches Bild sich im Großherzoglichen Museum befindet. Nach dem dreißigjährigen Kriege war wie überall unfruchtbare Stille und Öde eingetreten. Erst mit dem XVIII. Jahrhundert kommt frischeres Leben mit dem Neubau der Schlösser zu Weimar und Ettersburg, sowie der Anlage von Gärten. Von hehrem Glanze aber war Weimar umflossen, als Anna Amalia, die geistvolle Wittwe des zwanzigjährig gestorbenen Herzogs Ernst August Konstantin, von 1758 bis 1775 die Regentschaft führte. Sie hatte 1772 Wieland als Prinzenerzieher berufen, und nun begann die klassische Zeit für Weimar. Der geniale Karl August, der von 1775 bis 1828 regierte, versammelte an seinem Hofe die edelsten Geister Deutschlands, so daß Weimar zum Mittelpunkte für Kunst und Wissenschaft wurde.
Weimars klassische Zeit.
Am 7. November 1775 kam Goethe nach Weimar, wo er der Freund des Fürsten und Minister wurde und bis zu seinem am 22. März 1832 erfolgten Tode blieb. Auf seine Empfehlung kam Herder als Generalsuperintendent hierher. Schiller zog von Jena 1801 nach Weimar, wo er 1805 starb. Auch in der bildenden Kunst war eine Änderung eingetreten, da das Rokoko dem Einfacheren und Bescheideneren der klassischen hellenisierenden Richtung wich. Mit offenem Sinn wurde auch für die Verschönerung der Natur viel gethan; so begann 1784 die Anlage und Gestaltung des großen Parkes unter Mitwirkung von Goethe und Bertuch. Hier steht Goethes Gartenhäuschen ([Abb. 104]), während sein Wohnhaus in der Stadt ([Abb. 105]), das der Dichter über 40 Jahre lang bewohnte, jetzt in ziemlich derselben Ausstattung, die es zu Lebzeiten Goethes gehabt, zum Goethe-Nationalmuseum umgewandelt ist. Ein freundliches Haus mit grünen Fensterläden ([Abb. 106]) war seit 1802 das Wohnhaus Schillers.
Abb. 110. Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar.
(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)
Nachdem Karl August die Regierung übernommen hatte, lebte die Herzogin Anna Amalia ganz der Litteratur, der Malerei und Musik, wie das bekannte Bild ihres Abendkreises ([Abb. 107]) trefflich schildert. Nach einer Reihe von Jahren waren die Tollheiten der Sturm- und Drangperiode, die der junge Fürst und der junge Goethe miteinander vollbrachten, langsam verflogen, die Freundschaft blieb aber eine dauernde bis zu den spätesten Jahren, war doch der Dichter auch der Staatsmann, der seinem Fürsten immerdar ein guter Berater war ([Abb. 108]). Vom Ilmflüßchen, das am Schlosse Karlsburg vorüberfließt, sang Schiller die zierlichen Verse:
Meine Ufer sind arm; doch höret die leisere Welle,
Führet der Strom sie vorbei, manches unsterbliche Lied.
An Stelle der alten Burg wurde im XV. Jahrhundert das Schloß erbaut, nach dem Umbau von 1651 bis 1654 unter Wilhelm IV. erst Wilhelmsburg genannt, brannte jedoch 1774 ab. An seine Stelle und mit Benützung seiner Umfassungsmauern wurde von 1789 bis 1803 das großherzogliche Residenzschloß gebaut, die Karlsburg, nach französischem Muster und mit seinen drei Flügeln einen rechtwinkligen Hof einschließend.
Unter der Regierung des Großherzogs Karl Alexander und seiner kunstsinnigen Gemahlin Sophie wurden die klassischen Überlieferungen aufs treueste weiter gepflegt, und Stadt und Land Weimar nahm einen erneuten Aufschwung. Nächst der großartigen Erneuerung der Wartburg wurde 1863–1869 das Museum in italienischer Renaissance erbaut und Preller herbeigezogen, dessen berühmte Odysseebilder einen dauernden Schmuck des Hauses bilden. Im Jahre 1860 wurde die Kunstschule gegründet. In Erinnerung an die berühmteste Zeit Weimars wurden die Denkmäler von Herder 1850 auf dem Platze vor der Stadtkirche ([Abb. 109]), von Goethe und Schiller ([Abb. 110]), nach Rietschels Modell 1857 vor dem Theater errichtet, und von Wieland ([Abb. 111]) 1857 vor dem ehemaligen Frauenthore.
Abb. 111. Wieland-Denkmal in Weimar.
(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)
Mit großer Sorgsamkeit sind Häuser wie Zimmer unserer Dichter in treu erhaltenem Zustande der Gegenwart überkommen. Alle diese Stätten haben jetzt ihren Mittelpunkt in dem von der Großherzogin Sophie gestifteten Goethe-Schiller-Archiv, das wie ein weißes Schloß von der Anhöhe am rechten Ilmufer auf die Stadt herabschaut. In hellen freundlichen Hallen sind in Schränken die kostbaren Handschriften von Schiller und Goethe, aber auch von vielen neueren Dichtern aufbewahrt.
In dem entfernteren Teile des herrlichen Parkes erhebt sich das 1724 bis 1734 erbaute Schloß Belvedere ([Abb. 112]), von Herzog Ernst August im Stil jener kleinen französischen Schloßgebäude erbaut, wie sie seit der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts an den Fürstenhöfen Deutschlands nachgeahmt wurden. Zwischen diesem Lustschloß und dem schon früher genannten Mellingen liegt das Dorf Taubach, dessen Kalktuffe bekannt sind als Fundort von Geräten aus der älteren Steinzeit nebst Tierresten, deren gemeinsames Vorkommen beweist, daß zu gleicher Zeit mit den großen diluvialen Säugetieren Menschen lebten.
Flußabwärts liegt inmitten schöner Gartenanlagen Schloß und Dorf Tiefurt (= tiefe Furt). Der Ort wurde schon im XIII. Jahrhundert erwähnt. Das Schloß ([Abb. 113]), ein einfacher von prächtigem Garten umgebener Bau, ist berühmt durch den Sommeraufenthalt der Herzogin Anna Amalia, an den sich viele und heitere Erinnerungen aus Weimars Glanzzeit knüpfen. Die Erlebnisse der Tiefurter Tafelrunde wurden im »Tiefurter Journal« niedergelegt, das nur handschriftlich hergestellt wurde. Hier und in Ettersburg wurde Liebhabertheater gespielt, wobei verschnittenes Buschwerk die Kulissen, Bäume, Wiesen und Quellen die schönste natürliche Dekoration abgaben, nach Goethes Worten:
In engen Hütten und im reichen Saal,
Auf Höhen Ettersburgs, in Tiefurts Thal,
Am lichten Zelt, aus Teppichen der Pracht
und unter dem Gewölb der hohen Nacht.
Abb. 112. Schloß Belvedere.
(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)
Apolda.
Abseits der Ilm, am Herressener Bach, dehnt sich Apolda (20800 Einw.) aus, die bedeutendste Fabrikstadt des weimarischen Landes. Schon im XVI. und XVII. Jahrhundert wurde hier die Herstellung von wollenen Strick- und Wirkwaren betrieben, die heute 6000 Menschen beschäftigt und eine Jahresproduktion von 15 Mill. Mark liefert. Das Bachthal wird von der Eisenbahn auf einem 22 m hohen, 910 m langen Viadukt überschritten. Unweit der Mündung der Ilm, die nach 125 km langem Laufe sich bei Großheringen in die Saale ergießt, liegt wie ein grünes Schmuckkästchen Stadtsulza (2300 Einw.), dicht neben Bergsulza und Dorfsulza, umrahmt von Wald und Weinbergen ([Abb. 114]). Sulza ist ein besuchtes Solbad mit reichen Solquellen.
Thüringisches Becken.
Nördlich von Weimar erhebt sich der breite schön bewaldete Muschelkalkrücken des Ettersberges, im höchsten Punkte zu 481 m ansteigend, an seinem Nordfuß das Dorf und Schloß Ettersburg, wo Goethe mit seinen Genossen wie in Tiefurt manche Kurzweil trieb. Weit nach Westen und Norden dehnt sich das Thüringische Becken (oft als Thüringische Hochebene bezeichnet) aus, die fruchtbare Kornkammer Mitteldeutschlands, zwischen den Horstgebirgen des Thüringerwalds und des Harzes, von denen die aufgebogenen Ränder des Beckens durch im Mittel 10 km breite Landstreifen getrennt sind, die für den westöstlichen Verkehr Wichtigkeit haben. Zwischen den Vorlandstreifen erhebt sich eine große Muschelkalkplatte, in die das jüngste Glied der Trias, der Keuper, beckenförmig eingesenkt ist. Der Zusammenhang des eingelagerten Keuperbeckens erlitt eine Störung durch von Nordwest nach Südost streichende Verwerfungsspalten, längs deren Bruchlinien auf der einen Seite ganze Landschollen in die Tiefe sanken, anderseits ältere Gesteinsschichten eine Aufrichtung erfuhren und Höhenzüge im früher zusammenhängenden Keuperbecken bildeten. In langen Zeiträumen wurden diese Höhenzüge von den sie bedeckenden Keuperschichten durch Abtragung entblößt und trennten nun als Querriegel von Muschelkalk das Keuperbecken in mehrere parallele Mulden, die weiterhin von Flüssen durchbrochen und nun zu einem großen Keuperbecken umgestaltet wurden.
Abb. 113. Schloß Tiefurt.
(Nach einer Photographie von K. Schwier in Weimar.)
Geologische Verhältnisse des Thüringischen Beckens.
Den ältesten Bestandteil der Trias bildet der Buntsandstein, der in seiner lockeren Beschaffenheit den abtragenden Kräften wenig Widerstand entgegensetzt und deshalb fast überall sanft gerundete Formen zeigt. Der Ackerbau hat hier durch Abschwemmung viel zu leiden und ist noch am günstigsten für Kartoffeln. Die Buntsandsteinwände am rechten Wipperufer lassen in ihrer Steilheit die Einlagerung festeren Muschelkalks erkennen. Der Muschelkalk hat ein festeres Gefüge und bildet im Thüringischen Becken noch heute die höchsten Erhebungen, die sich durch eigenartige Formen von ihrer Umgebung abheben. Sie sind durch kammartige scharfe Höhen und steile Böschungen ausgezeichnet, während die Flüsse tiefe Thäler in das Gestein nagen und oft senkrechte über 100 m hohe Uferwände haben, die entweder mit dichtem Gestrüpp bewachsen sind oder durch leuchtende Farben ihrer kahlen Gehänge der Landschaft einen eigenartigen Reiz verleihen. Für den Landbau ist der Muschelkalk wegen der schweren Verwitterung seines Gesteins, dessen geneigte Schichten der Abschwemmung sehr ausgesetzt sind, und wegen seiner Wasserarmut schlecht geeignet. In flachen Mulden finden sich häufig thonige und lettige Schichten, die zwar Feuchtigkeit genug haben, aber undurchlässig sind und einen zähen, schwer zu bearbeitenden Boden liefern. Der Keuper ist aus weichen Gesteinen zusammengesetzt: bunte Mergel, weiche Sandsteine, mit stockförmigen Einlagerungen von Gips- und Thonschichten durchsetzt, und bildet fast überall einen sehr fruchtbaren Boden. Bei der geringen Neigung der Schichten und ihrer Weichheit gibt es keine Abschwemmung, aber überall tiefe Ackerkrume, und die Oberflächenformen bieten in ihren sanften breit hingelagerten Hügeln einförmige Landschaftsformen, die nur durch die grünen Thäler ihrer Flüsse und Bäche angenehme Unterbrechung erfahren. Außerordentlich wichtig sind noch diejenigen Schichten, die in neuester Zeit entstanden und noch entstehen: Diluvium und Alluvium. Viele breite Flußthäler sowie einige Punkte der Hainleite und die Nordabhänge dieses Höhenzuges, die Flanken des Kyffhäusers, die wellenförmigen Erhebungen des Nordvorlandes sind bedeckt von diluvialen Löß- und Lehmlagern (Löß ist magerer Thonboden, frei von abschlämmbarem Sande; Lehm ist kalkfreier Thon, mit 15 bis 30 vom Hundert Quarzsand vermischt). Diese Bedeckungen bilden die fruchtbarsten Fluren und Thalböden des Thüringischen Beckens.
Mühlhausen.
Der größte Teil des Beckens entwässert zur Unstrut (d. h. Große Strut = sumpfiges Ried- und Gestrüppland), die als der eigentliche Hauptfluß Thüringens anzusehen ist, obwohl sie nur ein Nebenfluß der Saale ist, in die sie bei Naumburg nach 185 km langem Laufe mündet. Die Quelle der Unstrut liegt bei Kefferhausen unweit des Städtchens Dingelstädt (3600 Einw.) auf dem Eichsfelde. Einer der wichtigsten Plätze ist hier die ehemalige Reichsstadt Mühlhausen (30100 Einw.), ein alter Handelsplatz und früher berühmt wegen ihres Waidbaues ([Abb. 115]). In den Bauernkriegen hatte sie viel zu leiden; der Wiedertäufer Thomas Münzer wurde nebst anderen Führern hier hingerichtet. Von ihren vielen Kirchen sind die hervorragendsten die gotischen Marien- (Obermarkt-) und St. Blasii- (Untermarkt-) Kirchen, beide aus dem XIV. Jahrhundert. In der Industrie sind 65 vom Hundert der Bevölkerung thätig, besonders wichtig ist Textilindustrie. In Mühlhausen war früher, wie schon der Name andeutet, ein schwunghafter Mühlenbetrieb vorhanden, doch wurden im Laufe der Zeit viele Mühlen in Wollspinnereien umgewandelt. Die Wollindustrie wird seit dem XV. Jahrhundert betrieben. Von der schön bewaldeten Muschelkalkhöhe des Hainich fließt der Unstrut ein reiches Wassernetz zu, das die Fruchtbarkeit noch erhöht und den Anbau von Küchen- und Handelsgewächsen begünstigt, wie bei dem preußischen Flecken Großengottern (2300 Einw.). Vom Hainich läuft der Grenze zwischen gothaischem und preußischem Gebiete entlang dem Muschelkalkzug der Haartberge (richtiger Hart = Waldhöhe), bis zu 363 m ansteigend, aber nur noch wenig bewaldet, deren Fortsetzung östlich des Tonnabaches die ebenfalls aus Muschelkalk bestehende schön bewaldete Fahnersche Höhe ist, im höchsten Punkte 410 m messend. Ihre Ausläufer nach Südost leiten hinüber zum Steigerwald (345 m) bei Erfurt, und zu den Höhen bei Berka und Kranichfeld, wo die Muschelkalkmasse des Kirchheimer Bergs bis zu 513 m ansteigt.
Abb. 114. Bad Sulza.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Langensalza. Tennstedt. Kölleda.
Westlich von Erfurt entspringt die Nesse, deren grünes Wiesenthal von fruchtbaren Feldern begrenzt wird. Bei Bufleben ist die Saline Ernsthalle seit 1828 in Betrieb. Eine Zweigbahn führt durchs Nessethal nach Friedrichswerth (im Volksmunde noch Erf genannt), das seinen Namen von dem im XVII. Jahrhundert vom Herzog Friedrich I. von Gotha erbauten Schlosse hat, und dann im Thal des Biberbachs aufwärts bis Großenbehringen. Bei dem kleinen gothaischen Flecken finden sich die umfangreichen Überreste einer vorhistorischen Burg. Im Unstrutthale abwärts von Mühlhausen liegen die Gemüseanlagen des preußischen Städtchens Thamsbrück (1000 Einw.). An der Salza liegt die Stadt Langensalza (11500 Einw.), mit Schwefelbad und lebhafter Industrie. Zwischen hier und dem an der Unstrut liegenden Dorfe Merxleben wurde 1866 die Schlacht von Langensalza geschlagen. Von Eisenach durchs Nessethal und über Großenbehringen nach Langensalza führte schon in alter Zeit eine wichtige Handelsstraße, die hier mit der Casseler Straße sich vereinte, um dann über Tennstedt, Weißensee und Kölleda nach Eckartsberga zu ziehen. Am Tonnabache liegen das Dorf Burgtonna (800 Einw.) und der Flecken Gräfentonna (1900 Einw.) mit Kalktuff- und Gipsbrüchen. Das alte Schloß der Grafen von Gleichen dient jetzt als Zuchthaus; der Ort wird schon 845 urkundlich erwähnt.
Abb. 115. Mühlhausen.
(Nach einer Photographie von J. Tellgmann in Mühlhausen.)
In der weiteren Umgebung Erfurts sind im fruchtbaren Gelände noch große ländliche Ortschaften vorhanden, u. a. die Dörfer Elxleben (1250 Einw.) und Walschleben (1600 Einw.). Von Döllstädt (800 Einw.), einer der ältesten gothaischen Orte, führt eine Zweigbahn über Herbsleben (2350 Einw.), einem gothaischen Marktflecken in fruchtbarer Lage an der Unstrut, nach dem preußischen Städtchen Tennstedt (2900 Einw.), mit einem kleinen Schwefelbad. Oberhalb ihrer Mündung in die Unstrut liegt an der Gera das Städtchen Gebesee (2150 Einw.); an der Bahnkreuzung das Dorf Straußfurt (1100 Einw.). An der schmalen Gera liegen der weimarische Flecken Haßleben (1250 Einw.) und der gothaische Flecken Werningshausen (800 Einw.), wo Handelspflanzen gebaut werden. Von Süden fließt der Gera die Gramme zu, in deren Gebiet die dicht bei einander gelegenen Dörfer auf gute Bodenbeschaffenheit weisen. Vieselbach (1200 Einw.) und Großrudestedt (1050 Einw.) sind weimarisch. In der Nähe von Udestedt (900 Einw.) steht ein alter Turm als letzter Rest des ehemaligen Klosterhofes Barkhausen, der dem Kloster Georgenthal gehörte. Östlich von Großrudestedt liegt Schloßvippach (1200 Einw.), ein weimarischer Flecken mit altem Schloß, und das Städtchen Neumark (500 Einw.). Von den Höhen des Ettersberges fließen der Scherkonde eine große Zahl von Quellbächen zu. Hier liegt die Stadt Buttelstedt (900 Einw.), früher wichtig als Haltepunkt an der großen Handelsstraße Erfurt-Eckartsberga. An diesem Straßenzuge liegt auch Buttstädt (2600 Einw.), eine alte Stadt mit Pferdemärkten, durch Eisenbahn verbunden mit Großheringen und Rastenberg, Weimar und Sömmerda. An letztgenannter Strecke liegt das preußische Kölleda (3500 Einw.), ein Ackerstädtchen mit Anbau von Handelspflanzen.
Sömmerda.
In der Mitte des Thüringischen Beckens liegt an der Unstrut die preußische Stadt Sömmerda (4600 Einw.), der Geburtsort des Pädagogen Salzmann und des Erfinders des Zündnadelgewehres v. Dreyse. Dieser tiefste Teil des Thüringischen Beckens war ehemals ein versumpftes Seegebiet und nicht zur Besiedelung einladend, weshalb trotz der Fruchtbarkeit des Bodens große Städte fehlen. Thüringen ist an stehenden Gewässern überhaupt arm, da die größeren Seebecken trocken gelegt wurden, so der große und der kleine Weißensee bei der gleichnamigen Stadt (2450 Einw.), nordwestlich von Sömmerda; im benachbarten weimarischen Gebiete der ehemalige See bei Neuhausen und der Schwansee, jetzt zum Teil als Waldland bepflanzt; ferner ein See westlich von Tennstedt und der Wangenheimer See südlich der Hart.
Volksdichte im Thüringischen Becken.
Die Volksdichte im Thüringischen Becken ist in außerordentlicher Abhängigkeit von der Naturbeschaffenheit des Bodens. Von der Gesamtbevölkerung wohnen hier 44 vom Hundert auf Buntsandstein, 24 vom Hundert auf Muschelkalk, und 32 vom Hundert auf Keuper. Bevorzugt ist also der Buntsandstein, weniger durch seine Eigenschaften als infolge seiner Ausbreitung am Fuß des Thüringerwalds und des Harzes, wo ein alter Durchgangsverkehr die Entwickelung städtischer Ortschaften erlaubte, wodurch wieder Handel und Gewerbe begünstigt wurden. Der Muschelkalk ist für den Ackerbau wenig geeignet, da die Härte seiner Gesteine den Angriffen von Luft und Wasser widersteht. Er bildet deshalb vorwiegend die Höhen des Beckengebiets und seine nördliche Umrandung, trockene oft rauhe Hochflächen, wo stellenweise (wie z. B. auf dem Eichsfelde) nicht einmal der Hafer reif wird und wo die Kartoffel die einzig sichere Frucht ist. Trotz guten Baugrundes und guten Baumaterials trägt die Wasserarmut die Schuld an dem Mangel stärkerer Besiedelung. Den besten Boden liefert, wie schon oben erläutert wurde, der Keuper, der zugleich die tieferen und klimatisch bevorzugten Lagen einnimmt und fast ausschließlich dem Ackerbau dienstbar gemacht ist. Da er selten guten Baugrund bietet, finden wir die größten Siedelungen an der Gesteinsgrenze, am Rande des Muschelkalks, wo guter Baugrund und ein fruchtbares Hinterland vorhanden sind, wo auch die Überschwemmungen der Flußgebiete fehlen und wo eine günstigere Verkehrslage besteht. Einschließlich der Städte beträgt die mittlere Dichte für den Buntsandstein 117 Bewohner auf den qkm, für den Muschelkalk 69, für den Keuper 146. Von der Gesamtbevölkerung des Triasbeckens entfallen 30 vom Hundert auf die Städte.
Abb. 116. Schloß Neuenburg bei Freyburg.
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)
Helbe-, Wipper- und Unstrutthal.
Die Unstrut nimmt auf ihrer linken Seite wasserreiche Zuflüsse auf, von Sömmerda abwärts zunächst die 57 km lange Helbe, die auf den sanft geneigten Südhängen des Dün beim sondershäusischen Dorfe Großkeula (900 Einw.) entspringt. Sie durchfließt in einem nördlichen Bogen zunächst ein enges gewundenes Waldthal, bis sie bei Ebeleben in die Beckenlandschaft tritt, auch dann noch streckenweise zwischen steilen Uferhängen strömend. Ebeleben (1500 Einw.) ist ein sondershäusischer Flecken, in dessen Nähe noch große Teiche bestehen. Das benachbarte Marksußra war früher ein Nonnenkloster. Im oberen Flußgebiete sind noch folgende zu Sondershausen gehörige Orte wichtig: Schernberg (1200 Einw.), Holzthaleben (1200 Einw.) und die Städtchen Großenehrich (1000 Einw.) mit zahlreichen Mühlen, Clingen (1200 Einw.) und Greußen (3400 Einw.) mit wichtiger Gärtnerei. Von hier aus abwärts ist die Helbe in langen parallelen Wasserläufen abgeleitet, die ein fruchtbares Kulturland einschließen. Westlich an der Bahn nach Mühlhausen liegt die zu Reuß ältere Linie gehörige Stadt Schlotheim (2400 Einw.). Aus dem Buntsandstein und Muschelkalk des nördlichen Höhenkranzes bricht die Wipper, in südlichem Bogen beim preußischen Städtchen Kindelbrück (1600 Einw.) vorüberfließend. Nach einem 85 km langen Laufe mündet sie bei Sachsenburg in die Unstrut.
Abb. 117. Jahnhaus in Freyburg.
Hier hat die Unstrut den Muschelkalk- und Buntsandsteinwall durchnagt, die Sachsenburger Pforte bildend, und fließt dann nach Nordost. Früher behielt sie diese Richtung bei und mündete bei Salzmünde in die Saale, an der Stelle der heutigen Salzkemündung, wie sich aus Funden von Thüringerwaldgeröll nachweisen läßt. Ein jüngerer Durchbruch ließ endlich die Unstrut von Artern nach Südosten die Triasplatte von Nebra nach Freyburg einsägen. Hier steht Buntsandstein, weiter abwärts Muschelkalk an. Das Thal ist zwar nicht durch große landschaftliche Reize ausgezeichnet, bietet aber eine Reihe schöner Einzelbilder, über deren Städten, Fluren und Ruinen Geschichte und Sage ihre Zauber gegossen haben. Der Hauptort des Unstrutthales ist Freyburg (3300 Einw.), der jüngste fast von allen Orten des Thales. Etwa um das Jahr 1090 ließ Ludwig der Springer (der Salier), der Erbauer der Schauenburg und der Wartburg, auf der Muschelkalkhöhe eine »neue Burg« anlegen, Schloß Neuenburg ([Abb. 116]), zu dessen Füßen am Ufer des Flusses sich Freyburg entwickelte. Die Stadt treibt besonders Weinverarbeitung und ist bekannt als Wohnort des Turnvaters Jahn, der hier von 1825 bis 1852 lebte. Zur Erinnerung an ihn wurde 1894 eine schöne Turnhalle errichtet ([Abb. 117]), auf dem alten Friedhof Freyburgs an der Stelle von Jahns früherem Grabe. Seine sterblichen Überreste haben unter dem Giebel der Halle eine neue Ruhestätte gefunden. Hier ist in einer Nische auch die Schillingsche Büste Jahns neu aufgestellt worden, die das frühere Grab schmückte. Die alte Stadtkirche stammt in ihren Hauptteilen aus dem XIII. Jahrhundert. Bei Freyburg bestand schon früh eine große Brücke, über die der alte Handelsweg von Leipzig und Halle nach dem inneren Thüringen führte. Der untere Teil der Unstrut ist durch Stauschleusen für kleine Fahrzeuge schiffbar gemacht worden. Das Dorf Groß-Jena war im XI. Jahrhundert eine ansehnliche Stadt, wo Markgraf Eckard I. seine Residenz hatte. An den Thalwänden grünen überall Weingärten, in deren südlich gelegenen Sandsteinfelsen biblische auf Wein bezügliche Figuren und Inschriften eingehauen sind, aus der ersten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts stammend.
Abb. 118. Vitzenburg und Unstrutthal.
(Nach einer Photographie von F. Herrfurth in Merseburg.)