2. Kunstsammlung.

Zur Zeit der Reorganisation der Universität im Jahre 1834 bestand unsere Kunstsammlung der Hauptsache nach aus dem schon 1661 bei Anlass der zweiten Säcularfeier der Universität angekauften Amerbachischen Kabinet und der erst neuestens, im Jahr 1823, ihr zugefallenen Fäschischen Kunstkammer. Ragte jenes, nebst seinem Reichthum an Werken der beiden Holbein, hervor als die früheste von einem kunstsinnigen Privatmann gegründete Sammlung, so kam es dieser zu Gute, dass ihr Stifter, der Rechtsgelehrte Rem. Fäsch (1595-1670), so glücklich gewesen war, während der unruhigen Zeiten des dreissigjährigen Krieges seine Kunstschätze sammeln zu können. Für weitere Erwerbungen scheint aber der Sinn noch nicht vorhanden gewesen zu sein, denn während anderthalb Jahrhunderten beschränkte sich der Zuwachs auf eine Anzahl von Gelehrten-Porträts und auf die Schenkung eines dem damaligen Bibliothekar befreundeten St. Gallers in Paris, welcher zwischen 1717 und 1724 der Sammlung eine Reihe der eben dort in Kupferstich erschienenen Prachtwerke vergabte. So mag es sich auch erklären, dass immer noch das alte Lokal zur Mücke, in welches die Kunstsammlung mit der Universitätsbibliothek sich theilen musste, für genügend gelten konnte.

Eine günstigere Zeit brach für unsere Kunstsammlung erst an, als diese nach den Wirren der dreissiger Jahre um den Preis von Fr. 22,500 n.W. aus der Theilung mit Baselland für die Stadt hatte können gerettet werden. Wie für die Universität, deren Erhaltung noch weit grössere Opfer erfordert hatte, so erwachte nun auch für die mit ihr verbundenen wissenschaftlichen Sammlungen ein ganz neues Interesse. Die erste Frucht desselben war der schon 1840 angeregte Gedanke, durch das Zusammenwirken freiwilliger Geber mit den staatlichen Behörden ein Museum zu errichten, in welchem gleichzeitig alle Sammlungen der Stadt ihre würdige Aufstellung finden könnten. Zugleich wurde die Kunstsammlung, welche bis dahin nur ein Anhängsel der Universitätsbibliothek gebildet hatte, behufs selbstständiger Verwaltung einer anfänglich aus fünf, später aus sieben Mitgliedern bestellenden Kommission unterstellt, deren erster Vorsteher Herr Prof. Friedr. Fischer war. Ihm folgte Herr Prof. Wilh. Wackernagel und nach dessen Rücktritt Herr Dr. Ed. His-Heusler. Diese Vorsteher sowohl als einzelne Mitglieder erwarben sich um die Sammlung nicht geringe Verdienste durch Ordnen und Katalogisieren ihres nach und nach zu ansehnlicher Bedeutung erwachsenen Bestandes an Handzeichnungen, Kupferstichen und Holzschnitten. Als 1849 das neue Museum fertig dastand, konnte Dank diesen Vorarbeiten um so leichter und übersichtlicher das Vorhandene in die neuen, höchst zweckentsprechenden Räumlichkeiten eingeordnet werden; die Gemälde in den schönen Oberlichtsaal, die vorzüglichsten Handzeichnungen, in viel grösserer Zahl als früher eingerahmt, schmückten die Wände des Vorsaales, während die verschliessbaren Schränke in der Mitte desselben den übrigen Bestand an einzelnen Stichen und Kopierwerken aufnahmen. Durch Ausscheidung und Herübernahme aller derjenigen Werke aus der Universitätsbibliothek, welche die Kunstgeschichte berühren, ward zugleich der Grund zu einer gesonderten Kunstbibliothek gelegt und so im Wesentlichen nunmehr erst die Sammlung dem eigentlichen Kunststudium dienstbar gemacht.

Wie sehr dieselbe aber durch ihre Versetzung in das neue Museum auch in der Werthschätzung der Bürger- und Einwohnerschaft gestiegen sei, das zeigte sich schon in dem weit zahlreichern Besuche, und auf erfreulichere Weise noch in den zahlreichen Schenkungen und Vermächtnissen, welche nun der Sammlung zuzufliessen begannen. Nicht nur aus dem, was der Einzelne etwa an Kunstschätzen besass, ward ein schönes Stück um's andre der öffentlichen Sammlung übergeben, auch wo Gelegenheit sich bot, Neues zu erwerben, da standen sofort Gönner und Geber zusammen, um durch ihre oft namhaften Beiträge den Ankauf eines Kunstwerkes zu ermöglichen.

Ausdrücklicher Erwähnung bedürfen einige Stiftungen besonderer Art. Zuerst war es die durch ihren Kunstsinn bekannte Fräulein Emilie Linder, die von 1847 an von München aus durch fast jährlich wiederholte Geschenke, sowohl aus ihren eigenen Erwerbungen, als aus dem reichen Nachlass ihres Grossvaters, des Stiftsschaffners J. C. Dienast, die Sammlung ihrer Vaterstadt bedachte, bis durch ihre letztwillige Verfügung 1867 jener Nachlass selbst der Sammlung zufiel. Waren unter den zahlreichen Oelgemälden und den prächtigen Handzeichnungen, welche letztere allein einen ganzen Saal füllen, vorzugsweise die Meister der neuern Münchnerschule vertreten, so fand sich unter dem reichen Vorrath an Kupferstichen und Holzschnitten neben einer Reihe von Dürer'schen Blättern mehr als die Hälfte des ganzen Werkes von Rembrandt, nicht zu gedenken der grossen Zahl von Kunstbüchern, welche die Bibliothek unserer Sammlung aufs Erwünschteste ergänzten.

Noch ehe aber diese Schätze alle in den Besitz der Kunstsammlung gelangt waren, fiel ihr ein zweites, nicht minder bedeutendes Vermächtniss zu, nämlich was die beiden Künstler und Kunsthändler Peter Birmann, der Vater, und sein Sohn Samuel Birmann-Vischer (gest. 1846) an Gemälden, namentlich der niederländischen, französischen und italienischen Schule, sowie an Kupferstichen (über 20,000) zusammengebracht hatten, dazu noch neben einer reichhaltigen Kunstbibliothek die schon oben (Seite 40) erwähnte Kapitalstiftung für den Ankauf von Werken schweizerischer Künstler bestimmt.

Mehr noch durch den hohen Kunstwerth als durch die Zahl bedeutend war die Schenkung, welche in den Jahren 1850 und 1851 die Sammlung dem Gemeinsinn des Herrn Peter Vischer-Passavant und seiner Erben zu verdanken hatte; befanden sich doch darunter zwei Originalzeichnungen Dürers, welche nun eine Hauptzierde unserer Handzeichnungssammlung bilden. Das Jahr 1859 brachte ferner das Vermächtniss von Fr. 10,000 von Seiten der Ehegatten Bleiler-Mieg, dessen Ertrag theils zur Erwerbung von Kunstgegenständen, theils zur Förderung angehender Künstler sollte verwendet werden. Eine gleiche Summe stifteten im Jahr 1862 die Erben des Herrn Bürgermeister Felix Sarasin zur Anschaffung von Werken kunstwissenschaftlichen Inhalts und Fr. 5000 Herr Notar Gedeon Meyer zum Ankauf von Gemälden. Endlich erfolgte im Jahre 1880 das Legat des Herrn W. Burckhardt-Forcart, durch welches dem Museumsverein eine Reihe auserlesener Werke der bisher nur schwach vertretenen holländischen Schule, sowie einige treffliche Bilder spanischer, deutscher und vlämischer Meister zufielen.

Dass mit diesen und den übrigen hier nicht namentlich aufgeführten Schenkungen die Ansprüche an die unserer Kunstsammlung zu Gebote stehenden Räumlichkeiten stets höhere werden mussten, liegt auf der Hand. Bereits heute, nachdem seit Eröffnung des Museums 36 Jahre verflossen sind, ist bis auf das Treppenhaus hinaus jeder verfügbare Platz ausgenützt. Mit um so grösserer Befriedigung darf dem Augenblick entgegengesehen werden, da nach Erstellung einer besondern Skulpturhalle der geräumige zweite Oberlichtsaal, der heute noch die antiken Gipsabgüsse beherbergt, für die Kunstsammlung sich öffnen wird. Wenn während nahezu zweihundert Jahren unsere Sammlung in der alten Mücke sich konnte genügen lassen, heute aber bereits die Räume, die im neuen Museum ihr zugedacht waren, zu enge geworden sind, so mag diese Thatsache schon es bezeugen, wie fruchtbar die letzten fünfzig Jahre für ihre Entwicklung und gewiss nicht minder für die Förderung des Kunstsinnes in den weitesten Kreisen unserer Stadt gewesen sind. Möge denn die Sammlung mit unserer alma mater als deren »sonderbares Kleinod« auch in Zukunft weiter wachsen und gedeihen!

Emanuel LaRoche,
Konservator der Kunstsammlung.