3. Antiquarische Sammlung.

Bis zum Jahre 1835 und von da noch weitere vierzehn Jahre war die antiquarische Sammlung zusammen mit der Kunstsammlung, und ohne eigentlich von ihr getrennt zu sein, im Hause zur Mücke aufgestellt, und bildete, was die Verwaltung betrifft, einen blossen Annex der öffentlichen Bibliothek. Sie enthielt ihrem wesentlichen Bestande nach die Antiquitäten des Amerbachischen Kabinets, aus dem sie erwachsen war (1661), die Bruckner'sche Sammlung von vaterländischen Alterthümern (1778) und die einschlägigen Sachen des Fäschischen Kabinets (1823); ausserdem die im Jahre 1815 angekaufte Falkeysen'sche Sammlung von Basler Münzen.

In dem Zeitraum von 1835 bis zur Erbauung des Museums (1849) fanden keinerlei Veränderungen statt. Doch erfolgte noch in den vierziger Jahren von Seite der Erben des Herrn Lucas Vischer die grossartige Schenkung der von diesem in Mexico gesammelten Alterthümer, welche dann freilich erst ein paar Jahre später aufgestellt werden konnten. In dem 1849 bezogenen Neubau des Museums wurden der antiquarischen Sammlung die beiden an die Gemäldegallerie anstossenden Zimmer angewiesen, das zur Linken der schon bisher bestehenden Sammlung auf der Mücke, welcher jetzt auch der Kirchenschatz des Münsters (vorher im Rathhaus), sowie die Erwerbungen der antiquarischen Gesellschaft hinzugefügt wurden; das zur Rechten dem mexicanischen Kabinet. Die Gegenstände des letzteren wurden in gefälliger, aber nicht gerade zweckmässiger Weise auf eine in der Mitte des Zimmers errichtete treppenfönnige Pyramide (gleichsam ein mexicanisches Teocalli) geordnet.

Mit der Aufstellung im neuen Local war zugleich die Anlegung einer Sammlung von Gipsabgüssen verbunden, worauf schon beim Entwurf des Baues (Antikensaal mit Oberlicht) Rücksicht genommen war. Die zur Anschaffung der Abgüsse nöthigen Gelder stellte der neugegründete Museumsverein unter Vorbehalt des Eigenthumsrechtes zur Verfügung, so dass bald nach der Uebertragung der Sammlungen ins Museum auch der Antikensaal mit über 30 Hauptwerken (14 Statuen, 9 Köpfen und 8 Reliefs) dekoriert war.

Jetzt erst, nachdem für eine angemessene Aufstellung gesorgt war, konnte das Interesse des Publikums für die Sammlung geweckt und an eine nutzbringende Verwaltung derselben gedacht werden. Diese Verwaltung war in die Hände des Herrn Prof. W. Vischer, Vater, gelegt, der von da an bis zu seinem Tode 25 Jahre lang (1849-74) mit seltener Umsicht und Hingebung der Kommission für die antiquarische Abtheilung des Museums vorstand. Aus der unten folgenden Uebersicht über die hauptsächlichsten Erwerbungen und Schenkungen lässt sich am besten erkennen, was für eine gedeihliche Entwicklung die Sammlung unter seiner Leitung nahm. Doch muss zur richtigen Beurtheilung noch zweierlei vorausgeschickt werden.

Einmal machte sich sehr bald, speziell bei Anlass der Münsterrestauration im Anfange der fünfziger Jahre, das Bestreben geltend, neben der bisher vorwiegenden Berücksichtigung des römischen Alterthums auch mittelalterliche Kunstwerke in die Sammlung aufzunehmen. Die grosse Zahl und der Umfang der sich darbietenden Gegenstände machten es nöthig, einen besonderen Raum ausserhalb des Museums für sie zu schaffen. So entstand 1855-57 die mittelalterliche Sammlung im Conciliumssaal, die sich dann in kurzer Zeit aus einer Filiale der antiquarischen zu einer selbstständigen und ebenbürtigen Schwester derselben entwickelte. Die Erwerbungen der antiquarischen Sammlung dagegen blieben fortan der Hauptsache nach auf das vorchristliche Alterthum beschränkt.

Sodann wurde im weiteren Verlauf der fünfziger Jahre in der Kommission die Frage erörtert, ob es nicht am Platze sei, das Augenmerk auch auf die stets sich mehrenden Funde von Pfahlbauten zu richten, eine Frage, welche nach der Dietrich'schen Schenkung ähnlicher mexicanischer Alterthümer im Jahre 1857 kaum mehr anders als in bejahendem Sinne entschieden werden konnte. Während daher einerseits das Mittelalter und die Renaissance für die Zukunft ausgeschieden, bezw. einer besonderen Sammlung überlassen wurden, kam andrerseits zum griechisch-römischen Alterthum noch das prähistorische hinzu, und auch diesem hat der damalige Vorsteher eine geraume Zeit sein lebhaftes Interesse entgegengebracht. Erst nach seinem Tode ist zu Gunsten der anderen Abtheilungen, um die finanziellen Kräfte nicht gar zu sehr zu zersplittern, auf fernere Ankäufe solcher Gegenstände verzichtet worden.

Die Erwerbungen vertheilen sich daher auf mindestens fünf verschiedene Kategorien (griechisch-römische Alterthümer, Münzen, Gipsabgüsse, Pfahlbauten, Ethnographisches), und zwar in chronologischer Aufzählung wie folgt:

1851. Münzfund von Reichenstein (2599 römische Münzen von Gordian III. bis Carinus, darunter besonders viele des Probus).

1852. Ankauf der Horner-Müller'schen Vasen aus Unteritalien (44 Stück).

1855. Ankauf eines Theils der Fueter'schen Münzsammlung in Bern (257 Schweizermünzen).

1857. Schenkung des Herrn Dr. Dietrich von nordamerikanischen Steinalterthümern (ca. 1000 Stück Waffen und Werkzeuge verschiedener Art).

1858. Ankauf der Schmid'schen Sammlung von Augst (Münzen, Inschriften, architektonische Ueberreste, Bildwerke von Bronze, Stein und Terracotta, Waffen und Geräthe von Augusta Rauracorum, Gräberfunde von Kaiseraugst).

1859. Erste Ankäufe von Pfahlbautenalterthümern (aus Moosseedorf, Pfäffikon und Biel).

1862. Schenkung des Herrn Prof. Aeby von Steinwerkzeugen und Waffen aus Dänemark.

1864. Schenkung von 141 modernen Silbermünzen (darunter 97 napoleonische Medaillen) durch Hrn. Hoffmann-Burckhardt. — Schenkung des Herrn Ad. Krayer (ethnographisch interessante Gegenstände aus China).

1865. Schenkung des Herrn Ad. Vischer (212 chinesische Münzen).

1866 u. 67. Schenkung westafrikanischer Gegenstände durch die Herren J.Fr. und E. Vest aus Gorea.

1868. Ankauf von 151 griechischen Münzdoubletten aus der Imhoof'schen Sammlung, mit Hilfe eines Kredits der Akademischen Gesellschaft. — Schenkung des Apollokopfes von Steinhäuser durch einen Ungenannten.

1869. Nachträgliche Erwerbung des Herakles- und des Athletenkopfes von Steinhäuser durch einige Kunstfreunde. — Hauptschenkung des Herrn Rathsherrn W. Vischer (378 griechische Silbermünzen).

1872. Schenkung einer Sammlung griechischer und römischer Münzen durch Herrn Ingenieur W. Bachofen. — Schenkung einer Anzahl griechischer Antiquitäten durch Herrn Rathsherrn W. Vischer. — Schenkung einer grossen Anzahl ostasiatischer Gegenstände (aus Japan, China, Hinterindien) durch die Herren Gebrüder Zahn.

1874. Erwerbung einer Auswahl griechischer Vasen aus Capua.

1877. Erwerbung der in Augst zurückgebliebenen architektonischen Ueberreste aus der Sammlung Schmid. — Uebernahme der bisher in der Bibliothek verwahrten grossen Gemmenabdrucksammlung von Cades (Geschenk von Herrn Oberst R. Merian).

1878. Schenkung der Holzreliefs von Tikal in Mittelamerika durch Hrn. Dr. G. Bernoulli.

1880. Erwerbung der Sammlung Quiquerez (Römische Alterthümer und Münzen aus dem Bisthum, burgundische Waffen und Geräthe).

1881. Schenkung ethnographischer Gegenstände aus Sierra Leone in Westafrika durch Herrn J.L. Baur.

1883. Reinigung und Aufstellung der Basler Münzstempel.

Bei dieser Uebersicht sind die von Jahr zu Jahr angekauften Gipsabgüsse nicht mit aufgeführt, wie auch viele kleinere Erwerbungen und Schenkungen übergangen sind. Und doch nahmen die Gipsabgüsse jeweilen einen grossen Theil des zur Verfügung stehenden Geldes in Anspruch; zumal seit 1875, wo ausser solchen im Durchschnitt bloss noch vaterländische Alterthümer und etwa besonders wichtige Münzen angekauft wurden, während die Aeufnung der prähistorischen und der ethnographischen Sammlung lediglich Geschenken überlassen blieb. Seit eben dieser Zeit wurde der Ankauf von Gipsabgüssen durch freiwillige jährliche Beiträge von einer Anzahl von Kunstfreunden unterstützt. Die Zahl der vorhandenen Stücke beläuft sich gegenwärtig auf 145 Nummern, wovon 39 grössere Statuen oder Gruppen, 50 Büsten und Köpfe, 32 Reliefs und 24 kleinere Gegenstände.

Im Gegensatz zu allen diesen Erwerbungen wurden im Jahre 1881 der Kirchenschatz und die seit 1865 uns ebenfalls anvertrauten Zunftbecher nebst den Amerbach'schen Goldschmiedmodellen an die Mittelalterliche Sammlung abgetreten.

Was die sonstige Geschichte der Sammlung betrifft, so ist zu bemerken, dass seit dem Bezug des Museums zwei Mal grössere Lokalveränderungen und Umstellungen stattfanden. Das eine Mal im Jahre 1865, wo sie aus den Sälen neben der Gemäldegallerie in die frühere Bibliothekarenwohnung hinter dem Antikensaal übersiedeln musste, bei welcher Gelegenheit sie im Grunde wenig gewann. Das ethnographische Kabinet und die Pfahlbauten wurden damals sammt dem Kirchenschatz im vorderen, das eigentliche Antiquarium der Hauptsache nach im hinteren Zimmer aufgestellt, obschon die Scheidung nicht streng durchgeführt werden konnte. Und dann bei fortwährend sich steigerndem Raummangel ein zweites Mal im Jahre 1877, wo endlich zwei weitere Räumlichkeiten (das frühere chemische Laboratorium im Erdgeschoss) für ihre Bedürfnisse hergerichtet wurden. Erst jetzt konnten die heterogenen Bestandteile der Sammlung systematisch von einander getrennt, das ethnographische Kabinet, sowie die Pfahlbauten in besondere Zimmer (eben in die des Erdgeschosses) verwiesen, und von der neugeordneten speziell antiquarischen Abtheilung ein Katalog verfasst werden (1881). Doch hat die doppelte Umstellung nicht blos nachtheilig auf den Zustand mancher zerbrechlichen kleinen Gegenstände eingewirkt, sondern leider auch manche Fundnotizen in Verwirrung gebracht.

Das Münzkabinet ist in den letzten Jahren vollständig geordnet worden. Es umfasst, nach Ausscheidung und Verkauf der Doubletten, circa 2600 griechische und circa 7000 römische Münzen (die griechische Abtheilung gewissermassen eine Schöpfung des Herrn Rathsherrn W. Vischer), sodann über 1000 Stück Basler Münzen und Medaillen, circa 1500 sonstige Schweizermünzen nebst 500 Brakteaten und circa 4500 ausländische, darunter gegen 1800 Medaillen; im Ganzen über 17,000 Stück. Eine Auswahl der vorzüglichsten und interessantesten ist seit 1877 in drei Münztischen ausgestellt.

Wenn wir zum Schluss einen Ausblick auf die künftige Gestaltung der Sammlung richten, so steht zu erwarten, dass in der nächsten Zeit abermals eine Filiale sich von ihr lostrennen und zu einem selbstständigen Institut erheben wird, nämlich das Gipsmuseum, für welches vom Kunstverein hinter der Kunsthalle ein eigenes, bessern Raum gewährendes Gebäude errichtet werden soll. — Ob dann der alte Grundstock des Antiquariums, von dem sich jetzt auch die ethnographische Sammlung lokal getrennt hat, vereinsamt im Museum zurückbleiben oder sich wieder mit seiner natürlichen Schwester, der Mittelalterlichen Sammlung, vereinigen wird, darüber zu entscheiden bleibt der Zukunft vorbehalten.

J.J. Bernoulli-Reber.