Dritte Scene.
Tschatzki, bald darauf Moltschálin.
Tschatzki.
Sophie! Ist wirklich dir bestimmt ein solcher Tropf? — — —
Und warum nicht? — Er hat nicht viel im Kopf,
Allein zur Vaterschaft
Wem fehlt es da an Geisteskraft!
Gefällig ist er — artig — und hat rothe Wangen.
(Moltschálin schleicht herein und nähert sich zuerst Sophiens Thür, als er aber Tschatzki bemerkt bleibt er stehn und macht sich was zu schaffen.)
Da ist er — auf den Zeh’n! Und stumm, — wie hat er’s angefangen
Sich in Sophiens Herz zu stehlen?
Wie war es möglich den zu wählen?
(Zu Moltschálin.)
Sieh’ da! Herr Sekretair! Wie geht’s denn Ihnen?
Wir konnten uns noch nicht zwei Worte sagen.
Es geht doch gut? — Ich brauch’ Sie kaum zu fragen.
Moltschálin (näher tretend).
Ganz nach dem Alten stets — zu dienen.
Tschatzki.
Das heißt?
Moltschálin.
Nun heut’ wie gestern — Tag für Tag.
Tschatzki.
Und immer pünktlich mit dem Schlag?
Am Tag die Feder, Abends die Parthie,
Gleich Fluth und Ebbe? — Wie?
Moltschálin.
Ich bin hier beim Archiv drei Jahr im Dienst
Und für etwaiges Verdienst,
Und meinen Eifer zu belohnen
Erhielt ich dreimal Gratificationen.
Tschatzki.
Sie lockt der Glanz der Ehrenstellen?
Moltschálin.
Nein!
Allein —
Da jeder Mensch so sein Talentchen hat —
Sie haben — —?
Moltschálin.
Zwei!
Ich bin bescheiden und bin accurat.
Tschatzki.
Nun, meiner Treu!
Das sind Talente wunderbar! — —
Doch — es ist wahr —
Sie wiegen all’ die unsern auf.
Moltschálin.
Sie hatten nicht viel Glück in Ihres Dienstes Lauf?
Tschatzki.
Nicht jeder dienet sich herauf.
Durch Menschen wird der Rang erreicht,
Und Menschen täuschen sich so leicht.
Moltschálin.
Wir wunderten uns sehr! Wie konnte das geschehn?
Tschatzki.
Ich kann hierin nichts wunderbares sehn!
Moltschálin.
Bedauert wurden Sie.
Tschatzki.
Sie konnten sparen diese Müh’.
Moltschálin.
Tatjána Júrjewna, die Excellenz
Erzählt’ bei ihrer Rückkehr aus der Residenz,
Sie wären gut von wicht’gen Männern aufgenommen,
Doch plötzlich sei dazwischen was gekommen.
Tschatzki.
Geschwätz von Frauenzimmern!
Was hat sich doch die Alte drum zu kümmern?
Moltschálin.
Tatjána Júrjewna, die Excellenz?
Tschatzki.
Ich kenn’ sie nicht!
Moltschálin.
Tatjána Júrjewna?! Die Excellenz?
Tschatzki.
Daß wir uns nicht gesehn, ist ewig lange her.
Doch hörte ich, daß abgeschmackt sie wär’.
Moltschálin.
Die Excellenz? Um’s Himmelswillen — nein —
Das muß wohl eine andre sein.
Die Excellenz ist ja befreundet und verwandt
Mit allen, die in Moskau dienen,
Ich rathe Ihnen
Ihr einmal die Visite doch zu machen.
Tschatzki.
Ich dächte gar! Es wär’ zum Lachen!
Moltschálin.
Wir finden Gönner oft
Wo wir es kaum gehofft.
Ich schätze, glauben Sie’s, die Damen nicht geringe,
Und mache gern den Hof — allein um andre Dinge.
Moltschálin.
Wie ist sie gut und wie gefällig,
Wie ist ihr Haus gesellig!
Den ganzen Winter giebt sie Bälle
Man kann nichts prachtvolleres sehn.
Tschatzki.
Ich werde über ihre Schwelle
Gewiß nicht gehn!
Moltschálin.
Im Sommer giebt sie Gartenfeste.
Tschatzki.
Ich bin nicht von der Zahl der Gäste.
Moltschálin.
Bedenken Sie, — es kann doch dazu führen
Hier froh zu leben und zu avanciren!
Tschatzki.
Mein Herr, bin ich im Dienst, so bin ich ganz dabei,
Und trenne streng davon jedwede Narrethei.
Zwar giebt’s gescheute Leute — hier zumal —
Die beides zu vereinigen verstehn,
Doch wie Sie sehn, —
Gehör’ ich nicht zu ihrer Zahl.
Moltschálin.
Verzeihen Sie — ich seh’ darin noch kein Verbrechen;
Sie werden, denk’ ich, einst gewiß noch anders sprechen.
Phomá Phomítsch, zum Beispiel, den Sie kennen —
Tschatzki.
Nun was?
Moltschálin.
Bei drei Ministern dient’ er schon
Und stets als Chef bei einer Section, —
Und jetzt — —
Ist er aus Petersburg hierher versetzt.
Tschatzki.
Nun das ist mir ein Mann von Kopf!
Ein Mensch, ganz ohne Geist — ein leerer Tropf!
Moltschálin.
Erlauben Sie, von aller Welt
Wird hier sein Styl als Muster aufgestellt.
Sie haben ganz gewiß noch nichts von ihm gelesen?
Tschatzki.
So närrisch bin ich nie gewesen;
Nie las ich dummes Zeug und Musterdummheit gar!
Moltschálin.
Was ich so las schien mir vorzüglich — zwar
Schriftsteller bin ich nicht —
Tschatzki.
Ja, das ist klar,
An allem merkt man es.
Moltschálin.
Nie würd’ ich mich erfrechen
Ein eignes Urtheil auszusprechen.
Warum denn so geheim?
Moltschálin.
Gott mög’ in meinen Jahren
Vor eigner Meinung mich bewahren!
Tschatzki.
Mein Gott, Sie sprechen ja, als wären Sie noch Kind!
Als ob nur Meinungen von andern heilig sind!
Moltschálin.
Abhängig muß man doch einmal von andern sein.
Tschatzki.
Und weßhalb muß man’s sein?
Moltschálin.
Ei nun — mein Rang ist klein.
Tschatzki (halb laut).
Mit solcher Denkungsart, mit solchem Geist ihn lieben,
Sie hat mich nur getäuscht und ihren Scherz getrieben!