Einundzwanzigste Scene.

Die ganze Gesellschaft, später Famussoff, zuletzt Tschatzki.

Mad. Chlestow.

Verrückt? Nun bitt’ ich Sie!

Wie ist das so ganz plötzlich denn gekommen.

Sophie —

Hast Du es schon vernommen?

Platon.

Wer bracht’ nur das Gerede aus?

Natalie Dmítrewna.

Ach, liebes Männchen — Alle!

Platon.

Nun freilich in dem Falle

Da muß ich hier

Wohl schweigen;

Doch zweifelhaft erscheint es mir.

Famussoff (kommt rasch hinzu).

Wie? Was? Von Tschatzki ist die Rede?

Und jemand zweifelt noch? Ich hab’s zuerst entdeckt,

Und wunderte mich längst, daß er nicht eingesteckt.

Probier’ es einer nur den Rücken

Vor irgend jemand tief zu bücken

Und sei der Mann auch noch so groß und mächtig —

Ja, wär’ es der Monarch —

Gleich nennt er’s niederträchtig.

Mad. Chlestow.

Ein Spötter ist er noch dabei:

Ich sagte erstlich was, da fing er an zu lachen.

Die junge Gräfin.

Mich wollt’ er zur Modistin machen!

Moltschálin.

Mir sagte er — ich rathe Ihnen

In Moskau beim Archive nicht zu dienen.

Natalie Dmítrewna.

Und meinem Mann rieth er in Moskau nicht zu leben,

Er sollte fort und sich auf’s Land begeben.

Sagorétzki.

Aus allem klar: — verrückt — verrückt!

Die junge Gräfin.

Ich hab’ es gleich in seinem Aug’ erblickt.

Famussoff.

Er schlägt der Mutter nach. — Es ist bekannt

Achtmal verlor die Sel’ge den Verstand.

Mad. Chlestow.

Was fällt nicht alles vor auf Erden!

In seinem Alter toll zu werden!

Er trank gewiß

Nicht im Verhältniß seiner Jahre.

Die alte Fürstin.

Gewiß!

Die junge Gräfin.

Das muß es sein!

Mad. Chlestow.

Champagner goß er gläserweis hinein.

Natalie Dmítrewna.

Oh, nein, — ich kann’s betheuern

In Flaschen und dazu in ungeheuern!

Sagorétzki (eifrig).

Was Flaschen, nein, ich weiß es besser

Er trank, Gott straf’ mich, ganze Fässer.

Famussoff.

Ach geht mir doch — ein großes Unglück das,

Guckt eine Mannsperson auch etwas tief in’s Glas,

Nein, nein — der Unterricht — das ist die wahre Seuche,

Gelehrsamkeit die macht’s, daß jetzt in unserm Reiche

Der Wahnsinn um sich greift und solche Schändlichkeiten

Und arge Meinungen sich mehr und mehr verbreiten.

Mad. Chlestow.

Und grad’ heraus — wie könnt’ es anders sein?

Verrückt wird man schon ganz allein

Von dieser ungeheuren Zahl

Von Schulen und Pensionen und — Geschichten,

Lyceen und Landkartenschulen allzumal

Wo sie sich wechselseitig unterrichten.

Die alte Fürstin.

Ach nein!

Mir ist ein Institut in Petersburg bekannt,

Das Pä—da—go—gische, so, glaub’ ich, wird’s genannt,

Die Professoren legen sich dort recht auf Ketzerei’n!

Ein junger Mann, verwandt mit unserm Haus,

Studirte dort und kam vor kurzem erst heraus.

Was glauben Sie? Er könnte auf der Stelle

In jeder Apotheke sein Geselle!

Er flieht die Damen — mich sogar — der Spötter —!

Die Ränge haßt er, denken Sie!

Und treibt Botanik und Chymie —

Fürst Theodor, mein Vetter!

Scalosúb.

Ich will Sie allgesammt erfreun

Mit einer Neuigkeit: Ganz allgemein

Sagt man, wie es im Werke sei,

Daß mit Gymnasien und Schulen und Lyceen

Ein großer Fortschritt soll geschehn:

Man wird dort lehren jetzt auf unsre Art: — eins — zwei!

Die Bücher aber hebt man auf

Für feierliche Fälle.

Famussoff.

Nein, Feuer drunter auf der Stelle!

Will man vom Bösen sich befrein,

So muß es mit der Wurzel sein.

Sagorétzki (mit affectirter Bescheidenheit).

Bitt’ um Vergebung sehr,

Die Bücher muß man unterscheiden.

Wenn ich, zum Beispiel, Censor wär’,

Die Fabeln würde ich nicht leiden!

O Gott, die sind mein Tod! die ew’gen Witzelein

Auf Löw’ und Adler da — wie sie nach Raube dürsten —

Man sage, was man will, es sind doch immer Fürsten.

Mad. Chlestow.

Ach meine Herrn, mir scheint es wirklich einerlei,

Wenn man verrückt wird, — ob Gelehrsamkeit,

Ob Trinken Schuld dran sei!

Um Tschatzki thut’s mir leid,

Aus Christenpflicht muß man ihn schon bedauern

Er hatte Mutterwitz und — hat dreihundert Bauern.

Famussoff.

Vierhundert!

Mad. Chlestow.

Nein, mein Bester, drei!

Famussoff.

Vierhundert hat er.

Mad. Chlestow.

Drei!

Famussoff.

In dem Kalender steht’s —

Mad. Chlestow.

Ach die Kalender lügen!

Famussoff.

Vierhundert auf ein Haar —

Das Schrei’n und Streiten ist nun Ihr Vergnügen.

Mad. Chlestow.

Es ist nicht wahr!

Dreihundert sind es — drei —

Als ob ich das nicht weiß, was andre Menschen haben.

Famussoff.

Begreifen Sie denn nicht!

Vierhundert sind’s.

Mad. Chlestow.

Nein, drei, drei, drei!