Erste Scene.

Tschatzki, etwas später Sophie.

Tschatzki.

Erwarten will ich sie —; ich muß sie sehn.

Sie muß es mir gestehn

Wen sie denn liebt. Ist es der Sekretair,

Ist es der Oberst — oder wer?

Moltschálin? dieses gute Tröpfchen!

Ein so armseliges Geschöpfchen!

Wie kam er zu Verstand? — und Jener? lieber Gott!

Solch heis’res, halberwürgtes Baßfagott! —

Gewohnt als Sternbild stolz zu glänzen

Bei den Maneuvern und Masurkatänzen!

Geschick der Liebe, du —

Spielst mit uns blinde Kuh!

(Sophie tritt auf.)

Sie sind’s? Wie mich’s erfreut

Ich wünscht’ es grad!

Sophie (bei Seite).

Zu äußerst ungelegner Zeit!

Tschatzki.

Mich suchten Sie zwar nicht?!

Sophie.

O nein!

Tschatzki.

Und freilich mag es nicht ganz passend sein,

Doch — einerlei — ich muß Sie drum befragen:

Wen lieben Sie? — Ich bitt’ es mir zu sagen!

Sophie.

Ach Gott! die ganze Welt!

Tschatzki.

Doch wer am besten Ihnen drin gefällt

Das sagen Sie.

Sophie.

Gar viele, — die mit mir verwandt — —

Tschatzki.

Und Alle mehr als ich?

Sophie.

Ja — einige! — —

Tschatzki.

Entschieden also ist’s! Was ist dabei zu machen —

Mich bringt’s zum Rasen — Sie zum Lachen!

Sophie.

Versteh’n Sie Wahrheit zu ertragen? —

Ich möchte Ihnen nur zwei Worte sagen:

Warum ist Ihre Lust so groß

Giebt sich ein andrer etwas bloß?

Ist etwas lächerlich — Sie werden’s gleich gewahr,

Und selbst —

Tschatzki.

Ich selbst bin lächerlich? Nicht wahr?

Sophie.

Ja — dieser böse Blick — der scharfe Ton,

In jedem Worte bittrer Hohn, —

Und — Sie besitzen

Unzähl’ge Eigenheiten noch,

Und Strenge gegen sich — die könnte Ihnen nützen.

Tschatzki.

Ich eigen? Gut! So sagen Sie mir doch

Wer keine Eigenheiten zeigt?

Moltschálin wohl, der einem Dummkopf gleicht

So wie ein Ei dem andern? — Wie?

Sophie.

Die alten Beispiele! Ich kenne sie!

Klar ist’s, Sie sind gestimmt, auf Alle

Zu gießen Ihre schwarze Galle.

Ich — stör’ Sie ungern drin.

(Will fort.)

Tschatzki (hält sie auf).

Sie wollen fort?

O hören Sie nur noch ein einz’ges Wort!

(Bei Seite.)

Einmal will heucheln ich — und mich bezwingen.

(Laut.)

Den Streit — den lassen wir — vor allen Dingen —

Sie haben Recht! Es thut mir Leid,

Und gegen ihn, Moltschálin, ging ich wohl zu weit.

Es sind verflossen fast drei Jahr,

Er ist vielleicht ein andrer, als er war.

Auf Erden sieht man vieles sich verändern,

Verfassungen und Sitten und Verstand,

Das Clima selbst von ganzen Ländern!

Gar wicht’ge Leute, wohlbekannt,

Die wurden früher Dummköpfe genannt,

Schlecht als Soldaten und Poeten;

Noch andre — nun, ich fürcht’ mich sie zu nennen

Sie werden sie — wie alle Welt — ja kennen —

Von diesen hat man nun erfahren,

Daß in den letzten Jahren

Sie ganz gewaltig wurden klug.

Mag sein, Moltschálin ist — ein solches Kraftgenie,

Doch frag’ ich eins, versteht er Sie?

Und brennt in ihm ein solches Feuer,

Daß ihm auf Erden nichts so theuer

Und nichts so heilig ist, als Sie?

Sein Herz — wird es mit schnellern Schlägen

Bei Ihrem Anblick sich bewegen?

Sind Sie die Seele seines Strebens?

Sind Sie der Endzweck seines Lebens?

Und so fühl’ ich — doch kann ich’s nicht beschreiben.

Allein die stumpfe Wuth, die bittren Schmerzen

In meinem wundzerriss’nen Herzen,

Die wünsch’ ich meinem Todfeind nicht! — — —

Und er? — Er schweigt

Und neigt

Das Köpfchen auf die Seite,

Natürlich ist er zahm, denn solche Leute

Die kennen edle Hitze nicht!

Gott weiß, was für ein Schatz in ihm verborgen liegt!

Gott weiß, mit was für Eigenschaft,

Mit welcher hohen Geisteskraft

Sie ihn geschmückt! — Er dachte nicht daran.

Sie haben alles das aus ihm gemacht

Was Ihre Phantasie sich liebend ausgedacht;

Er ist an gar nichts schuld — Sie sind’s allein.

Nein, nein!

Ich gebe zu, was man auf Erden

Nur irgend kann.

Mag er doch klug sein, stündlich klüger werden;

Doch ist er Ihrer werth?

Das muß ich Sie nur fragen,

Um den Verlust mit kaltem Blut zu tragen. —

Hierüber geben Sie mir Licht,

Als einem Bruder, einem Freund,

Der’s immer ehrlich doch mit Ihnen hat gemeint.

Der einst mit Ihnen auferzogen

Und dem Sie doch als Kind gewogen;

Sobald ich überzeugt von Ihrem künft’gen Glück,

So zieh’ ich mich sogleich zurück.

Dann will ich mich bemüh’n

Dem Wahnsinn zu entflieh’n.

Dann eil’ ich in die Welt hinein

Um zu vergessen, um mich zu zerstreun

Und nie will ich mehr an die Liebe denken.

Sophie (bei Seite).

Da hab’ ich einen toll gemacht

Und ohne daß ich dran gedacht.

(Laut.)

Was soll ich’s läugnen?

Es konnte sich was Schreckliches ereignen —

Moltschálin konnt’ um seinen Arm erst kommen,

Und lebhaft hab’ ich Antheil dran genommen;

Doch Sie vergaßen etwas zu bedenken:

Kann man nicht jedem Antheil schenken

Und ohne Ansehn der Person?

Doch könnte schon

In dem — was Sie vermuthen — Wahrheit sein,

Und eifrig will ich seinem Schutz mich weih’n.

Sie nehmen ihrer Zunge wenig wahr,

Sie achten niemand — offenbar!

Und selbst der sanfteste — kann’s nicht vermeiden.

Er muß von Ihrem Zorne leiden

Und wird mit Spott von Ihnen überhäuft:

Wenn man ihn nennt — wenn ihn Ihr Blick nur streift —

So werden Sie gleich bitter

Und hageln ein Gewitter

Von Witz und Bosheit auf ihn los!

Ist wirklich der Genuß so groß?

Nur Scherz und immer Scherz! Welch ein Vergnügen!

Kann solches Ihrem Geiste wohl genügen?

Tschatzki.

Mein Gott — gehör’ ich wirklich zu den Schwachen,

Die nichts im Leben thun, als lachen?

Ich lache — ja —

Wenn ich recht lächerliche Leute sah,

Doch öfter noch sind sie mir ennuyant.

Sophie.

Vergeblich weisen Sie den Vorwurf von der Hand,

Und schieben andern zu, was Ihnen selbst gebührt;

Moltschálin hat Sie sicher niemals ennuyirt,

Denn wer, wie ich, ihn oft und näher sah —

Tschatzki (bitter).

Wie traten Sie ihm denn so nah?

Sophie.

Ich sucht’ ihn nicht, der Himmel hat’s gewollt

Und hier im Hause ist ihm jeder hold.

Bei meinem Vater dient er nun drei Jahr,

Oft schilt der ihn, denn es ist wahr —

Das Alter macht so eigen,

Doch stets entwaffnet er ihn durch sein Schweigen;

Verzeiht ihm alles — weil er seelengut; —

Er könnte doch, wie mancher andre thut

Auf Lustbarkeiten sich zerstreun

Doch nein!

Nie geht er aus.

Beim Alten bleibt er stets zu Haus

Und wenn wir andern lachen

Und scherzen, Possen machen,

Sitzt er beim Vater oft zu ganzen Tagen,

Es mag ihm — oder mag ihm nicht behagen,

Und spielt mit ihm. —

Tschatzki.

Er spielt, und wenn man schilt

So bleibt er ewig sanft und mild?

(Bei Seite.)

Nein, einen solchen Wicht

Den liebt sie nicht!

Sophie.

Zwar jenen Geist wird man in ihm nicht finden können,

Den einige Genie — doch andre Pest benennen,

Und den nach kurzem Glanz wir überdrüssig werden,

Der tadelt was geschieht — im Himmel und auf Erden,

Damit die Welt ihn nennt auf einen Augenblick;

Doch gründet solch ein Geist Familienglück?

Tschatzki.

Soll das Moral — soll das Satyre sein?

(Bei Seite.)

Sie liebt ihn nicht, nein, nein!

Sophie.

Man kann Bewunderung ihm nicht versagen:

Wie nachgiebig, wie fein ist sein Betragen!

Nie hat sich seine Stirn in Falten je gelegt,

Selbst ruhig, läßt er andre auch in Ruh’

Und schlägt nicht gleich die Kreuz und Quere zu.

Und grade das, daß er so viel erträgt,

Das macht es, daß ich ihm gewogen.

Tschatzki (bei Seite).

Sie scherzt — sie liebt ihn nicht — sie hat mich nur betrogen!

(Laut.)

Ich kenn’ Moltschálin; sparen Sie

Sein Bild zu malen sich die Müh’ — —

Doch Scalosúb — das ist ein Mann

Bei dessen Anblick schon man sich vergessen kann.

Für unser Heer

Steht wie ein Felsen er,

Und ist durch seines Basses Allgewalt

Durch seine Taille und Gestalt

Ein Held —

Sophie (schnell).

Nicht im Romane meines Lebens.

Tschatzki.

Sie zu errathen ist vergebens.